Im Land des ewigen Mondes kann jeder etwas Besonderes: fliegen oder sich in Feuer oder Wind verwandeln – nur nicht Nayara. Gefangen in einem Vulkan, dessen Wärme sie am Leben erhält, wartet sie sehnsüchtig auf den Tag, an dem sich die Tore zur Erde öffnen, damit sie die Sonne sehen kann. Man nennt sie die Sonnentochter, doch nie hat solch ein Wesen lange genug überlebt, um sich zu verwandeln. Kann Aidan, der das Feuer beherrscht, sie auf ihrem Weg beschützen? Wird das Licht der Sonne sie verwandeln oder verbrennen? Als sich Nayara auf den Weg macht, ahnt sie nicht, dass es die letzte Reise zwischen den Welten sein könnte, denn es gibt jemanden, der die Tore für immer zerstören will.

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ISBN: 978-9963-53-388-6

Seiten: 286

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Lia Haycraft

Lia Haycraft
Lia Haycraft wurde 1980 in Norddeutschland geboren, wuchs jedoch in Portugal, England und schließlich Nordrhein-Westfalen auf. Mittlerweile lebt sie mit ihrer Familie mitten im Bergischen Land. Gern gelesen hat sie schon immer, die Leidenschaft, selbst zu schreiben, packte sie gnadenlos vor einigen Jahren. Aus „Mondtochter“ ist eine vierteilige Reihe geworden: „Die Nacht der Elemente“. Veröffentlicht sind außerdem unter dem Pseudonym Eileen Raven Scott ihre Novelle „Feuerküsse“ und der Roman „Flammenseele“ im Machandel Verlag. Die meisten Geschichten spielen in England oder Köln. Weitere Werke sind natürlich in Arbeit.

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Kapitel 1
Sonnensehnsucht

Seit neunzehn Jahren wollte Nayara ihre Welt verlassen. Die Welt der ewigen Nacht, die Welt der vier Monde, der vier Jahreszeiteninseln. Neunzehn Jahre voller Geschichten über die Erde und vor allem die Sonne, die ihr Vater in glühenden Farben beschrieben hatte. Endlich rückte die Stunde, in der die Tore zur Erde geöffnet wurden, näher. Bald würde sie das fremde Sonnenlicht auf ihrer Haut spüren. An die kalten Nächte, wenn die Sonne untergegangen war, wollte sie dagegen lieber nicht denken.
   Mit einer Hand fuhr Nayara durch die Lava, die im Inneren des Vulkans brodelte. Ein Kichern ließ sie aufblicken. Zwei kleine Lichter sausten auf sie zu, eines landete auf ihrer Schulter, eines auf ihrer ausgestreckten Hand.
   »Hallo Phlix«, flüsterte Nayara in der Sprache des Feuers und lächelte. Der Feuergeist auf ihrer Hand war noch kleiner als Phlix. Ihre Tochter. »Wie eine kleine Sonne«, sagte Nayara.
   Phlix flog im Kreis um ihre Tochter herum, sang leise vor sich hin, wurde allmählich lauter, und Nayara stieg lachend in ihren Gesang ein. Die Feuergeister flogen um ihren Kopf und zu ihren Händen, als wollten sie sie zum Tanz auffordern. Sie waren so fröhlich, dass es Nayara ansteckte. Sie sprang auf und tanzte mit ihnen durch die Felsen, eine Schar weiterer Feuergeister gesellte sich dazu.
   In einem wilden Reigen aus Funken und Flammen tanzten sie durch die Gänge unter dem Vulkanberg, wo Nayara wohnte. Das Licht der Feuergeister tat so gut, jetzt, wo es wieder so viele waren. Bei der Geburt des neusten Feuergeistes war nur Phlix bei ihr gewesen.
   »Sagst du mir ihren Namen?«, fragte Nayara, als sie innehielt, um Luft zu holen.
   Phlix schwebte direkt an Nayaras Ohr und zwitscherte und sang ihr ihre Freude ins Ohr. Am Ende verriet sie ihr den Namen ihrer Tochter: Shai.
   Nayara hielt inne. »Der Schlüssel?«
   »Ja, der Schlüssel zum Glück, zur Liebe, zur Freude, zum Tanz«, säuselte Phlix und wirbelte durch die Luft zu ihrer Tochter hinüber, die fleißig mittanzte.
   Nayara hörte Schritte in der Höhle über sich. Sie wollte schon nachsehen, wer sie besuchte, aber niemand rief nach ihr. Eindeutig gehörten die Stimmen ihren Eltern und sie stritten lautstark. Mit einem Finger auf den Lippen sah sie die Feuergeister an, schlich den Gang entlang und empor, um ein paar Worte aufzuschnappen.
   »Das kannst du nicht ernsthaft wollen! Sie kann nicht auf die Erde, du bringst sie in Gefahr, das werde ich nicht zulassen!«
   Das war eindeutig ihre Mutter Sotai. Schon immer hatte sie Nayara alles verboten. Wollte nicht, dass sie nach draußen ging, wollte nicht, dass sie irgendetwas kennenlernte. Nayara verschränkte ihre Arme vor der Brust und wartete auf die Antwort ihres Vaters.
   »Sotai, sie ist die Sonnentochter! Sie muss die Sonne sehen, wie kannst du ihr das vorenthalten wollen? Sei doch vernünftig.« Seine Stimme ebbte ab, und sicherlich versuchte er, Sotai zu beschwichtigen. Oder er wollte nicht, dass Nayara sie hören konnte.
   »Vernünftig? Was bitte hat es mit Vernunft zu tun, wenn man die eigene Tochter in ihr Verderben rennen lässt? Nicht immer scheint die Sonne auf der Erde, es gibt so viele kalte Orte dort, und du kannst auch nicht garantieren, dass du immer auf sie aufpasst.«
   »Natürlich passe ich auf sie auf«, schrie ihr Vater wieder.
   Nayara zuckte kurz zusammen.
   »So wie damals?«, sagte Sotai schneidend.
   Damals? Nayara spitzte die Ohren, was meinte ihre Mutter damit?
   »Du wirst es mir nie verzeihen, oder? Sie hat es doch geschafft, und es ist nichts passiert.« Da schwang deutlich ein wenig Verzweiflung in den Worten ihres Vaters mit.
   »Aber du warst es nicht, der sie gerettet hat. Du warst nicht da, so wie es abgesprochen war.« Die Wut in Sotais Stimme brach ab und machte einem Schluchzen Platz. Eine Weile blieb es still, bevor ein versöhnliches Murmeln erklang.
   »Worum geht’s?«, säuselte auf einmal Phlix in Nayaras Ohr.
   »Sie traut mir nichts zu. Sie glaubt nicht, dass ich da draußen überleben kann.« Nayara gestikulierte in Richtung oben. »Ich darf nicht auf die Erde, wenn es nach ihr geht. Papa will, dass ich die Sonne sehe, aber was, wenn er klein beigibt? Ich muss die Sonne sehen!«
   Phlix machte ein erschrockenes Geräusch, aber dann flog sie auf und ab. »Es ist dein Recht«, zwitscherte sie. »Ich würde zu gern mitkommen.«
   »Das ist die Idee! Könnt ihr nicht mitkommen? Dann könntet ihr mich wärmen«, flüsterte Nayara.
   »Feuergeister durften noch nie auf die Erde«, gab Phlix zu bedenken. »Vielleicht können wir das Tor nicht passieren.«
   »Mist. Dann muss es so gehen.« Energisch drehte sich Nayara um und rannte den Gang in die entgegengesetzte Richtung. »Halte meinen Vater hin, wenn er runterkommt, ja? Ich bin gleich zurück.« Die Idee war kaum richtig angekommen, schon stand Nayara vor dem kleinen Teich aus brodelnder Magma, wovon es tief unten im Vulkan mehrere gab. Doch dieser Teich war anders, er war ein Auge und er war ein Weg. Ein Tor.
   Phlix schwebte nervös auf und nieder, aber Nayara versuchte, sich nicht anstecken zu lassen. Bevor sie es sich anders überlegen konnte, machte sie den entscheidenden Schritt. Ihr Fuß berührte die glühende Flüssigkeit. Mit einem weiteren Schritt war Nayara mitten auf dem Teich und begann einzusinken. Die Magma streichelte über ihre Haut und zog sie immer weiter hinunter. Es dauerte länger als der Weg durch das Tor zur Spiegelinsel, und je länger es dauerte, desto schneller schlug ihr Herz.
   Muster aus roten Flammen und gelben Hitzewirbeln flogen an ihr vorbei, wurden heller und wichen weicheren Farben, ein warmes Orange gesellte sich dazu. Kurz vor der Oberfläche wurde es um sie herum dunkel. Und kalt. Nayara schoss durch das Wasser nach oben und landete auf einem Polster aus braunen Baumnadeln inmitten von Moos und merkwürdigen kleinen Gebilden. Kälte presste alle Luft aus ihrer Lunge. Die Metallfäden ihrer Kleider schmiegten sich unangenehm nah an ihre Haut und trugen nicht länger die Hitze des Vulkans zu ihr, sondern Kälte. An ihren Händen und auf ihrem Gesicht war es nass und noch kälter. Ihre Haare klebten an ihren Wangen. Erschrocken bemerkte Nayara, dass das Wasser von oben kam, von überall. Das musste Regen sein.
   Sie schaffte es nicht, sich zu rühren. Ihr ganzer Körper bestand nur noch aus Zittern, und sie versuchte, wenigstens zu erkennen, wo sie war. Es schien eine Art Wald zu sein, Schatten mächtiger Bäume fielen auf sie, die Blätter tanzten und malten wilde Schatten auf den Erdboden. Der Wind riss an Sotais Haaren. Nayara biss die Zähne zusammen. Noch wollte sie nicht aufgeben. Obwohl es sie viel Kraft kostete, schob sie sich nach und nach in eine sitzende Position und lehnte sich schwer atmend an einen rauen Baumstamm. Sie musste die kalten Kleider loswerden, vielleicht würde ihr dann wieder warm. Es war nicht leicht, den klebrigen Stoff von ihrer Haut zu lösen, aber irgendwann hatte sie es geschafft. Nun traf der Wind direkt auf ihre Haut und Nayara sah sich fröstelnd nach irgendetwas um, was sie wärmen konnte.
   Doch da war nichts. Sie sah keine Lichter, kein Feuer, nur das blasse Licht zweier Monde durch das Blätterdach. Es half nichts, sie musste sich bewegen. Mühsam stemmte sich Nayara hoch und spürte die Kälte noch deutlicher, überall stach sie der Wind in die Haut, sie hatte kaum noch Gefühl in den Fingern. Mit letzter Kraft stieß Nayara einen Pfiff aus, obwohl sie sich nicht sicher war, ob es hier Ignazien gab oder sie überhaupt irgendwer würde hören können. Ihre Knie knickten ein und sie fiel auf den Boden, wo die Schwärze lauerte.

*

Aidan streifte über den violetten Sand und entdeckte eine ihm wohlbekannte Gestalt, die am See kniete. Sie stützte sich mit beiden Handflächen ab und spähte ins Wasser. Ihre Lippen bewegten sich, aber Aidan konnte natürlich von hier aus nicht verstehen, was sie sagte. Er schlich näher und blieb genau hinter ihr stehen. Er beugte sich vor und pustete ihr eine Haarsträhne ins Gesicht. Raja zuckte zusammen, sprang auf und wirbelte herum. Sie hatte schon angefangen, sich aufzulösen, aber dann erkannte sie Aidan und ihre Konturen wurden wieder fest.
   »Aidan! Was schleichst du dich so an?« Sie knuffte ihn auf die Schulter.
   Er rieb sich grinsend die Stelle, wo sie ihn getroffen hatte. »Hast du trainiert?«
   »Ein bisschen«, gab sie zu. »Für einen Erdenbesuch bist du einige Tage zu früh.«
   »Hey, ich werde dich doch auch so mal besuchen dürfen, oder? Gucken, wie du dich so machst. Was es zu erzählen gibt und so.« Er steckte seine Hände in die Taschen und wartete, dass sich Raja wieder setzte, um sich neben sie in den Sand fallen zu lassen. Aidan legte sich auf den Rücken, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und ließ einen Funken auf seiner Nasenspitze tanzen. Ohne hinzusehen, pustete Raja ihn weg.
   »Das Übliche«, sagte sie dann.
   »Ich bin gespannt, wie die Neuen sein werden. Hast du sie schon gesehen?«
   »Nein, bisher noch nicht.«
   Sie schwiegen ein wenig, und Aidan beobachtete Serniwe, den schnellsten Mond Axikons, wie er über den Himmel schwebte. Er war der kleinste der vier. Je größer, desto langsamer bewegten sich die Monde.
   »Reist du allein?«, fragte Raja, ohne ihn anzusehen.
   »Ich weiß es noch nicht. Ich könnte Nayara auf die Erde begleiten und ein wenig auf sie achtgeben, aber …«
   »Nayara? Sotai lässt ihre Tochter allein auf die Erde?«
   »Ihr Vater geht natürlich mit, ich glaube, die Sache ist noch nicht ganz durch. Er macht manchmal so merkwürdige Bemerkungen«, sagte Aidan.
   »Ruben kann sie doch mitnehmen, er reist jederzeit zwischen den Welten hin und her. Und das tut er auch oft ohne Auftrag. Sonne tanken.« Sie verdrehte die Augen.
   »Das verstehst du nicht«, sagte Aidan. Erst, als er es gesagt hatte, fiel ihm auf, wie unsensibel diese Bemerkung war. Natürlich verstand Raja das nicht. Sie hatte die Sonne noch nie gesehen, noch nie die Wärme auf ihrer Haut gespürt. Und das sollte sie auch besser lassen, als Wind-Arantai würde es ihr nicht gut bekommen. Aidan überlegte, was er sagen konnte, um das Ganze zu entschärfen und blies eine kleine Flamme in die Luft.
   »Findest du Nayara hübsch? Hübscher als mich?«, fragte Raja plötzlich.
   Vor Schreck sog er die Flamme ein und verschluckte sich. Sein Hals brannte, ruckartig setzte er sich auf und hätte um ein Haar aus dem Spiegelsee getrunken, bis ihm einfiel, dass das sicher keine gute Idee war. Stattdessen ließ er eine kleine Lavapfütze auf seiner Hand entstehen und trank sie aus. Schon besser. »Sie ist ein Kind, beinahe wie eine kleine Schwester für mich«, sagte er, als seine Stimme wieder normal war. »Ich habe nie darüber nachgedacht.«
   »Nayara ist fast neunzehn. Älter war ich auch nicht, als wir uns kennengelernt haben«, sagte Raja und sah ihn neugierig an. »Ich finde sie hübsch.« Sie verengte ihre Augen, als sie ihn ansah.
   Auf einmal wurde Aidan warm. Was meinte sie denn? Dass er auf Nayara stehen könnte? Er kannte sie seit ihrer Geburt. Gut, äußerlich mochten sie mittlerweile etwa im gleichen Alter sein, aber Aidan war natürlich gute neunzehn Jahre älter. Eine seltsame Idee. »Ja, vielleicht«, sagte er irgendwann. Er mochte Nayara, doch wenn er an sie dachte, dachte er an das kleine Mädchen, das verzückt den Ignazien hinterherlief und mit den Feuergeistern tanzte.
   »Du denkst gerade an sie«, bemerkte Raja.
   »Das war wirklich zu erwarten, wenn du mir so eine seltsame Frage stellst.« Aidan legte sich zurück auf den Sand und beobachtete Raja, die ihn ebenso beobachtete. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, du wärst eifersüchtig.«
   »Ach, du nun wieder. Nein, das ist vorbei. Das weißt du. Ich bin wirklich drüber weg.«
   »Autsch.« Aidan verzog gespielt das Gesicht, unter Ächzen setzte er sich auf. »Ich weiß immer noch nicht, warum du mich nicht behalten hast. Ganz ehrlich!«
   Raja lachte, und zum Glück war es das gelöste Lachen, das er so an ihr mochte. Nein, sie war nicht mehr traurig, dass ihre Liebe nicht gehalten hatte. Genau genommen wusste Aidan aber selbst nicht, warum. Vor vier Jahren hatten sie sich getrennt und da waren sie bereits fast zehn Jahre ein Paar gewesen. »Wir hatten viel Spaß zusammen.«
   »Ja, hatten wir«, sagte Raja und stand auf.
   Sie klopfte sich den Sand von ihrer schmalen Lederhose. Er erinnerte sich daran, dass sie die gleiche Hose bei ihrem ersten Kuss getragen hatte. Offenbar hatte Raja seinen Blick bemerkt und dachte an das Gleiche. Sie lächelte und hielt ihm eine Hand hin, damit er ebenfalls aufstand. Sie standen sich gegenüber und eine Zeit lang sagte keiner etwas.
   »Hey«, sagte Raja. »Guck nicht so traurig. Wir waren uns doch einig.«
   »Stimmt«, sagte Aidan, denn sie hatte recht. »Ich denke nur gerade daran, dass ich bald auf die Erde gehe. Ich freue mich, meine Eltern wiederzusehen und die anderen, Noelani und Hilal, aber dich werde ich vermissen.«
   Raja drückte seine Finger, bevor sie seine Hand losließ. »Du bist nur zwei Wochen weg, danach kannst du mir alles erzählen. In neunzehn Jahren bin ich auch dran, Urlaub auf der Erde zu machen, davon werde ich Arthur schon überzeugen.«
   Sie lachte über ihren Satz, und Aidan spürte noch immer Reste von dem fröhlichen Flackern in seinem Herzen, wenn er Raja lachen hörte. Im Gegensatz zu ihr war er offenbar noch nicht ganz darüber hinweg. Sie waren Freunde. Und das war gut so, aber manchmal dachte er an ihre Küsse.
   »Bringst du mir was Schönes mit?«
   »Klar. Was denn?«, fragte Aidan.
   »Überrasch mich.« Raja zuckte zusammen, als sie plötzlich ein Leuchten neben sich wahrnahm. »Huch! Mahin, ich habe dich gar nicht bemerkt.«
   »Ich wollte euch nicht stören«, sagte Mahin. »Hallo Aidan. Soll ich dich ablösen, Raja?«
   »Ist es schon so spät?« Raja sah zu den Monden empor, dann nickte sie.
   »Gehen wir noch ein Stück?«, fragte Aidan.
   »Gern.« Raja nickte Mahin zu und setzte sich in Bewegung.
   »Wenn sich die zwei Monde kreuzen, sollen wir zum Versammlungskreis kommen«, rief Mahin ihnen hinterher.
   Raja nickte und wandte sich an Aidan. »Was hast du eigentlich mit deinen Haaren gemacht?«
   »Ich habe einen keltischen Knoten ausprobiert. Hat ewig gedauert und jetzt kriege ich die Haare einfach nicht mehr auseinander.«
   »Keltisch?«, fragte Raja und trat um Aidan herum. »Sieht … interessant aus. Kann gut verstehen, dass du das nicht aufbekommst. Vielleicht abbrennen?«
   »Bist du verrückt?«, rief Aidan. Natürlich wusste er genau, dass seine Haare nicht brennen konnten, das Feuer wohnte schließlich auch in ihnen.
   »Komm mal her«, sagte Raja und pustete sanft in seinen Nacken. Schon löste sich der Knoten und Aidans Haare fielen wieder auf seine Schultern.
   Etwas raschelte in einem der Spiegelblattbäumen neben ihnen. Ein Schatten huschte an ihnen vorbei und kurz darauf noch einer. Aidan sah ihnen verwundert hinterher. »Was war das denn?«
   »Schattenwesen, ich habe sie in letzter Zeit öfter hier gesehen. Wenn Mama noch leben würde, hätte ich gesagt, sie wollten zu ihr. Mahin hat mir mal von der Schattenarmee erzählt, die sie früher um sich geschart hat.«
   Aidan ließ Flammen in seinen Handflächen entstehen und rieb sie sich über das Gesicht. Sofort wurde ihm wieder etwas wärmer. »Irgendwas führen die im Schilde. Nur was? Wir sollten sie beobachten.«

*

Elfrun eilte in ihr Turmzimmer, um sich den Büchern zu widmen. Im ersten Buch gab es keine neuen Einträge, also auch keine neuen Flüche, die verhängt worden waren. Eigentlich sah sie nur noch der Gewohnheit halber in dieses Buch, denn es hatte sich lange nichts darin getan. Das zweite Buch war da schon interessanter, es formulierte die Namen derer Arantai und Wesen, die in der kommenden Nacht der Elemente die Erde besuchen würden. Zum hundertsten Mal blätterte Elfrun durch die aktuellen Namen, die unterschiedlich stark leuchteten. Je nachdem wie stark der Wunsch war, auf die Erde zu reisen, desto stärker oder schwächer leuchtete der Name. Sie freute sich, als sie den Namen Nayara entdeckte und er in diesem Augenblick stärker zu leuchten begann.
   »Meine Kleine, dann können wir uns endlich kennenlernen«, murmelte Elfrun. Nayara war schon beinahe erwachsen, aber natürlich hatte Elfrun sie noch nie persönlich gesehen, da sie ihren Posten hier auf der Erde nicht verlassen durfte. Doch im Buch des Lebens hatte sie Nayara manchmal beobachtet, wie sie mit den Feuergeistern gespielt hatte, wie sie durch das Magma des Vulkans schwamm und manchmal sogar, wenn sie schlief. Nayara hatte ein sonniges Gemüt und wirkte glücklich. Als Kind hatte sie oft im Traum gelächelt. Auch im Buch der Geheimnisse hatte Elfrun Nayara entdeckt und sich gefreut, wenn sie wieder einmal heimlich auf die Spiegelinsel gegangen war.
   Abwesend strich Elfrun über einen anderen Namen, der auch auf der Liste der Erdenbesucher für diese Nacht der Elemente stand, und erst, als sie bewusst auf die Buchstaben sah, wurde ihr Herz ganz warm. Sie lächelte still in sich hinein. Dieses Jahr wollte Are herkommen. Der Abschied bei der letzten Nacht der Elemente war so schnell gewesen, aber kurz davor hatte Mahin ihr etwas gesagt, an das sie seit neunzehn Jahren denken musste. Konnte es wahr sein, dass er wirklich Gefühle für sie hegte? Wie oft hatte Elfrun vor dem Gemälde gestanden, das vom Spiegelsee in Axikon hierherführte. Wie oft hatte sie gewünscht, dass das Tor dieses eine Mal andersherum funktionieren würde und sie hindurchschlüpfen und nach Axikon reisen konnte. Doch es ging nicht. Das Tor in ihrem Haus war nur der Ausgang aus Axikon, man konnte nicht dorthin gelangen, und ohnehin musste Elfrun hierbleiben. Über alles wachen und Vorbereitungen treffen für diejenigen, die herkommen wollten.
   Und backen. In diesem Moment hörte Elfrun das Piepsen und eilte in die Küche. Sie nahm zwei Ofenhandschuhe und öffnete die Backofentür. Ein unwiderstehlicher Duft von Vanille und Schokolade hüllte sie im Nu ein. Vorsichtig zog sie die Kuchenform heraus und stellte sie auf einen metallenen Untersetzer, der schon lange bereitstand. Elfrun beugte sich näher über den Kuchen und schnupperte. Jetzt konnte sie die zarte Note von Lavendel erkennen und die stärkere der Gewürznelken. Fast ein Blumenkuchen, dachte Elfrun und lächelte. Für Are.
   Ein metallisches Klingeln kam aus dem Turmzimmer, neue Namen waren also im Buch der Reisenden aufgetaucht und dem Geräusch nach zu urteilen nicht gerade wenige. Neugierig machte sich Elfrun auf den Weg, um nachzusehen. Sie ließ ihren Finger über die Namen gleiten, die sie bereits gelesen hatte, und stockte dann. Darunter kamen ein paar merkwürdige Schnörkel, die Namen hätten sein müssen und es trotzdem nicht waren. Hatte jemand vor, die Weltengrenze zu überschreiten, der keinen Namen hatte? Wer konnte das sein? Jeder hatte doch einen Namen, oder nicht? Jeder Erdgeist, Feuergeist, Tierwandler, sogar die kleinen flinken Ignazien. Elfrun nahm das Buch mit nach unten ins Wohnzimmer und warf einen Blick zum Gemälde, aber die Farben verrieten nichts.
   Der nächste Name bescherte Elfrun eine Gänsehaut. Raoul. Er war früher ein wohlbekanntes Spiegelratsmitglied gewesen und Umbras Liebhaber. Ein Mann mit dunkler Aura, manchmal in Wolfsgestalt und in beiden Körpern wirkte er gleich stark und gefährlich. Elfrun hatte ihn bisher nur in den Büchern gesehen und es wunderte sie ein wenig, dass sein Name im Buch der Reisenden auftauchte. Nach all den Jahren wollte er also die Erde besuchen. Und noch etwas war seltsam: Raouls Name stand inmitten der namenlosen Schnörkel, fast, als würden sie gemeinsam anreisen.

Kapitel 2
Herbstkälte

Zuerst wollte Aidan nur ein bisschen auf der Sommerinsel spazieren gehen, am Strand, weit weg von Nayaras Zuhause, aber dann trugen ihn seine Füße fast von selbst in die Richtung. Völlig unvermittelt tauchte der neunte Vulkan vor Aidan hinter einigen Baumriesen auf, und er seufzte.
   Hätte Raja doch nicht so eine merkwürdige Frage gestellt, jetzt dachte er schon, seitdem er auf dem warmen Sand der Sommerinsel gelandet war, an Nayaras Gesicht, ihre Augen, ihre Haare. Rauch stieg aus dem Berg empor, und eine Fontäne Feuerfunken stob in den Nachthimmel. Wie Nayara diese Momente liebte, wenn sich die Feuerfunken mit den Sternen am Himmel vermischten und miteinander tanzten, wie es in der Hitze des Vulkans schien. Ein Lächeln schlich sich auf Aidans Züge, und er beschloss nachzusehen, was Nayara gerade so machte. Noch bevor er den Vulkan umrundet hatte, hörte er aufgeregte Stimmen.
   »Nayara?«, rief eine Frau.
   Das klang sehr nach Sotai.
   »Nun lass sie doch, du solltest dich erst beruhigen, bevor du mit ihr sprichst.«
   Ruben. Seine Stimme war ungewohnt scharf, normalerweise verlor er nicht so schnell seine Beherrschung. Was war da wohl los? Offenbar hatte Aidan nur das Ende des Gesprächs mitbekommen, denn einen Moment später erklang das Flappen riesiger Schwingen, und er beobachtete, wie sich Ruben in den Himmel schwang und über das Meer davonflog.
   Gerade wollte Aidan zum Eingang gehen, da kam ihm Sotai entgegen. Tränen glitzerten in ihren Augen, und sie sah so wütend aus, wie er sie noch nie gesehen hatte. Als sie Aidan erkannte, versuchte sie sich an einem Lächeln, das allerdings kläglich missglückte.
   »Ich störe gerade, am besten komme ich später wieder«, sagte Aidan, weil er sich nicht einmischen wollte.
   Doch Sotai winkte ab. »Geh nur zu ihr, ich muss ein wenig Luft schnappen. Nayara freut sich sicher über Besuch.«
   Kam es Aidan nur so vor, oder sah Sotai ihn heute völlig anders an als sonst? Fast so, als wollte sie noch etwas sagen in der Richtung »Benehmt euch aber.« Seine Ohren fühlten sich heiß an, als er sich vorstellte, was sich Sotai möglicherweise vorstellen mochte, was Aidan und Nayara zusammen tun könnten. Beim heiligen Feuer, woher kamen solche Gedanken? Sie waren Aidan unheimlich, und er beeilte sich, in den Vulkan zu kommen. Bestimmt würde ihn ein Lavabad ablenken oder die lustigen Spiele der Feuergeister, und dann würde ihm Nayara sicher erzählen, was sie geträumt hatte. Das waren immer wahre Märchen und er war sich nie sicher, ob sie nicht die Hälfte dazudichtete. Schon wieder musste er lächeln.
   Der dunkle Eingang zum Vulkaninneren empfing ihn warm und beruhigend. Leise pfeifend machte sich Aidan auf den Weg ins Innere des Bergs, je tiefer er stieg, desto wärmer wurde es, und er atmete tief die wohlige Hitze ein. »Nayara?«, rief er leise, aber er hörte keine Antwort. Vielleicht schlief sie. Ein Lichtchen zischte an seinem Ohr vorbei und gleich darauf ein weiteres. Feuergeister.
   »Wo wollt ihr denn so schnell hin?«, fragte er.
   Die beiden Geister machten Halt und waren beim nächsten Herzschlag wieder bei ihm. »Nayara! Sie ist allein weggegangen.«
   »Wir durften nicht mit.«
   »Ich weiß nicht, wo sie ist.« Die beiden sprachen durcheinander, aber soviel hatte Aidan schon kapiert: Nayara war durch eines der Tore gegangen, um allein zu sein? Warum nur? Ohne Feuergeister?
   »Zur Spiegelinsel?«, fragte er hoffnungsvoll, aber die beiden Feuergeister, von denen er einen als Phlix erkannte, rasten wild im Kreis, was wohl Nein bedeuten sollte. »Zeigt mir, wo«, rief Aidan und rannte ihnen hinterher, als sie durch die Gänge davonstoben.
   Diesen Lavateich kannte Aidan noch nicht, und ihn befiel ein schlimmer Verdacht. Dieses Tor konnte auf eine der anderen Inseln führen, und jede der Inseln war zu kalt für Nayara, besonders, wenn sie keine Feuergeister dabeihatte oder Feuerkleider trug. Ohne sich auszuziehen, sprang Aidan in die brodelnde Magma und tauchte unter. Der Weg kam ihm weit vor, aber schon die Farben gaben ihm einen guten Hinweis darauf, wo er landen würde. Auf der Herbstinsel. Schon auf dem Weg wappnete er sich für die kühlen Winde, die dort tobten.
   Er landete auf weichen Tannennadeln und sah sich hektisch um. »Nayara?«, rief er und rannte ein Stück in den Wald hinein. Kein Laut drang aus den dunklen Bäumen, nur der Wind pfiff leise durch die Stämme. Aidan suchte den Boden nach Spuren ab und endlich erkannte er eine Stelle, wo etwas gelegen haben musste, ein Tier … oder Nayara. Und direkt daneben ein paar Kleider, sie waren nass und kalt. Aidan folgte dem Weg, aber die Spur war kalt, als er über die aufgewirbelten Nadeln tastete. Erst, als er den Baum umrundete, fand er etwas und schrie erschrocken auf. Aus dem Boden, zwischen den Nadeln und einigen heruntergefallenen Ästen, lugten rote Haare hervor. »Nayara! Geht es dir gut? Bist du verletzt?«, rief er und räumte die Äste so schnell weg, wie er nur konnte.
   Er musste ein gutes Stück graben, bis er Nayara bis zur Hälfte freigelegt hatte. Sie war nackt und ihre Finger und Lippen blau angelaufen. Nayara zitterte so heftig, dass er sich im Nachhinein wunderte, dass er ihre Zähne nicht hatte klappern hören.
   So schnell Aidan konnte, zog er Nayara aus dem weichen Erdboden, murmelte die ganze Zeit ihren Namen und versuchte ihr irgendwie Mut zu machen. Er schloss sie in seine Arme und webte ihr einen dichten Anzug aus Feuerfäden über die zitternde Haut. Noch immer ließ er sie nicht los, sie mussten hier weg, aber sie konnte offenbar immer noch nicht laufen und vielleicht war sie sogar ohnmächtig, sie reagierte überhaupt nicht. Aidan nahm Nayara auf die Arme, rannte zurück zu dem kleinen Teich und sprang hinein.

*

Überall diese Farben! Und der Schmerz hatte aufgehört, langsam spürte Nayara ihre Finger und ihre Haut wieder. Was für ein merkwürdiger Traum … Warme Hände fuhren über ihren Rücken, ihre Arme, ihren Bauch und ihren Kopf. Moment. Wessen Hände waren das? Mühsam öffnete Nayara die Augen und gab einen winzigen Schrei von sich, als sie in Aidans angestrengtes Gesicht sah.
   »Wo kommst du denn her?«, wollte sie quietschen, aber nur die Hälfte der Wörter kam verständlich heraus. Aus irgendeinem Grund klapperten ihre Zähne. Und dann erinnerte sie sich an das Tor auf die andere Insel.
   »Was machst du nur für Sachen? Wir müssen dich wieder warm kriegen, deine Mutter ist oben … Bestimmt will sie dich bald sehen«, murmelte Aidan.
   Langsam sickerte immer mehr ihrer Umgebung zu Nayara durch. Sie war in der großen Höhle neben dem Lavateich, der auf eine andere Insel führte. Und sie war dort gewesen. Die furchtbare Erinnerung an die Kälte und ihre Ohnmacht ließ sie zittern. Aidan zog sie in seine Arme und stieß einen leisen Pfiff aus. Jetzt wuselten nicht nur Phlix und Shai um Nayara herum, sondern auch alle anderen Feuergeister kamen nach und nach zu ihnen und hüllten sie in eine Wolke aus wohliger Hitze. Endlich beruhigten sich Nayaras Gedanken und sie ließ sich einfach nur von Aidan halten … Moment, Aidan.
   »Was machst du hier?«, wiederholte sie nun etwas verständlicher. »Wie hast du mich gefunden?«
   Aidan lächelte etwas schief und deutete mit dem Kopf irgendwo ins Gewirr der Feuergeister. »Phlix hat mir Bescheid gesagt, dass du da durch bist. Ganz allein. Bist du wahnsinnig?«
   Er sagte es beinahe zärtlich, aber trotzdem erschrak Nayara. Sie hatte eine Dummheit begangen, die sie möglicherweise fast das Leben gekostet hätte, und das nur, weil sich ihre Eltern ihretwegen gestritten hatten und ihre Mutter ihr nicht zutraute, allein da draußen zu bestehen. Wenn sie das mitbekamen, würde sie erst recht nicht auf die Erde dürfen. Nayara löste sich vorsichtig aus Aidans Armen, denn langsam wurde ihr die Nähe etwas unangenehm. Normalerweise umarmten sie sich nur kurz, wenn Aidan sie besuchen kam. »Du darfst mich nicht verraten. Bitte! Sie lässt mich nicht auf die Erde reisen.«
   »Natürlich nicht.« Aidan zupfte an seinem Shirt aus Feuerfäden und sah auf seine Finger. Auf einmal sah er hoch. »Ich muss deine Feuerkleider reparieren, die Reise durchs Tor ist ihnen nicht gut bekommen. Stillhalten«, forderte er.
   Ungläubig sah Nayara an sich hinab, sie war über und über mit Feuerfäden bedeckt, doch hier und da klafften kleine Lücken in dem kunstvollen Muster. Manche Fäden waren erloschen und hingen schwarz hinab. Doch nun erschien vor ihr ein neuer, glühender Feuerfaden und wob sich durch die Löcher, wanderte über ihre Arme, neue Fäden kamen dazu und verwoben sich miteinander, bis sie schließlich von Kopf bis Fuß in ein glühendes Kleidungsstück gehüllt war, es fühlte sich grandios an.
   Aidan schmunzelte leicht, vielleicht über Nayaras Gesichtsausdruck, sicher sah sie genauso glücklich aus, wie sie sich fühlte. Überall das Feuer, seine Wärme und endlich war das Zittern verschwunden. Sein Blick bekam etwas Melancholisches, als ob er an etwas denken müsste. Oder an jemanden. Nayara ging jede Wette ein, dass seine Gedanken zu Raja gewandert waren. Sie hatte er garantiert noch nie retten müssen, sie konnte sich selbst helfen. Sie war schließlich eine Arantai. Erwachsen.
   »Aidan? Werde ich mich verwandeln?« Sie hatte diese Frage wohl zum ersten Mal laut ausgesprochen, weil es ihr peinlich war. Alle um sie herum waren schon jemand. Sie hatten Kräfte und magische Fähigkeiten. Nur sie nicht.
   »Tut mir leid, was hast du gesagt?« Aidan sah sie erstaunt an und es sah beinahe aus, als würden seine Wangen rot.
   »Meinst du, ich werde mich verwandeln?«
   »Natürlich. Jeder von uns verwandelt sich an seinem neunzehnten Geburtstag. Warum sollte das bei dir anders sein?«
   »Weil ich anders bin«, sagte Nayara leise.
   »Was meinst du damit? Du bist doch zur Hälfte Arantai und zur anderen Hälfte …«
   »Sonnenschwinge?« Sie lachte. Es war ein trauriges Lachen, das hörte sie selbst. »Du weißt doch auch, dass es vor mir schon andere Sonnentöchter und Sonnensöhne gegeben hat?«
   Aidan nickte langsam. »Ja, aber das muss ja nicht stimmen, das sind Ammenmärchen oder so.«
   Leider glaubte sie das nicht. »Es gab andere wie mich, nur hat keins der Kinder überlebt.« Sie schwieg und sah angestrengt auf ihre Finger, die Muster auf den Stein malten, um etwas zu tun zu haben. Schon oft hatte Nayara darüber nachgedacht, in was sie sich verwandeln würde. Aber jetzt, da sie die Frage laut ausgesprochen hatte, kam ihr die Gefahr noch echter vor. Was, wenn ihre Art nicht dafür bestimmt war, so lange zu leben, um sich zu verwandeln? Ein Zittern entstand tief in ihrem Herzen und bahnte sich langsam ein Weg durch ihren gesamten Körper.
   »Dir wird nichts passieren«, sagte Aidan. »Ich weiß nicht viel darüber. Woran sind die anderen gestorben?«
   »An der Kälte, glaube ich. Und für mich ist wirklich alles kalt, Aidan.« Sie zupfte an einem der Feuerfäden ihres Oberteils. »Wenn du mich nicht gewärmt hättest, wäre ich längst erfroren.«
   »Ach was, wir sind hier in einem Vulkan und auf der Erde reisen wir auch nicht an den Nordpol.« Aidan lachte, aber nur so lange, bis er ihr Gesicht sah. »Nayara. Bitte, mach dir keine Sorgen. Es wird alles gut gehen, du bist doch schon so lange da, du hast so lange überlebt und jetzt … Ich passe auf dich auf.«
   Tränen kitzelten in ihrer Nase. »Danke«, flüsterte sie.
   »Du wirst sehen, du wirst bestimmt eine …« Aidan dachte einen Moment nach. »Eine Windschwinge oder so was. Deine Mutter ist eine Wind-Arantai. Vielleicht wirst du auch eine Sonnenschwinge, das kann auch sein. In ein paar Monaten werden wir es wissen.«
   Nayara schwieg. Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel und tropfte auf die Feuerfäden. Zischend erlosch eine winzige Stelle in ihrer Feuerfadenhose. Aidan hob ihr Kinn mit einer Hand, damit sie ihn ansehen musste. »Du bist einmalig, Nayara. Und auch, wenn du dich verwandelst, wirst du einmalig sein. Es wird toll. Vielleicht bekommst du Schwingen aus reinem Feuer, dann wäre dir mit Sicherheit nie mehr kalt.«
   Als Nayara lachte, rannen weitere Tränen über ihr Gesicht und lösten sich zischend in Rauch auf. Vorsichtig strich Aidan über die Stelle, an der die Feuerfäden ein winziges Loch von ihrer Träne bekommen hatten und die Fäden webten sich wieder ineinander. Er strich ihr liebevoll über das Haar und sah einen Augenblick zu den Feuergeistern, die ein Stück entfernt von ihnen einen nervösen Tanz begonnen hatten.
   »Hast du wirklich solche Angst?«, flüsterte Aidan, beugte sich zu ihr hinüber und streichelte die Tränen weg. Bei seiner Berührung zuckte Nayara kurz zusammen, dann sah sie ihn an und es fühlte sich an, als könnte er bis in ihre Seele sehen. Ja, sie hatte Angst. Und sie war traurig, unendlich traurig, darüber, dass keiner ihrer Art je überlebt hatte. Aidan musste etwas Ähnliches gedacht haben.
   »Dir wird das nicht passieren, Nayara. Du bist doch schon fast neunzehn.«
   »Das hört sich ja toll an«, sagte sie und spürte wieder, wie sich die Angst in Wut verwandelte. »Als hätte ich daran irgendeinen Verdienst! All das«, sie zeigte an sich hinunter. »habe ich meinen Eltern und all den anderen zu verdanken, weil sie mich jahrelang in dem Vulkan gelassen haben. Dort, wo es warm war. Meine Mutter hat mich oft behandelt wie ein rohes Ei, sie glaubt immer noch, ich wäre viel zu schwach für diese Welt.«
   »Nein.« Aidan unterbrach Nayara. »Deine Eltern lieben dich. Deine Mutter hat Angst um dich, ja. Das ist für Eltern nicht ungewöhnlich. Und in deinem Fall kann ich es umso besser verstehen. Ich glaube, wenn ich gewusst hätte, dass die Kälte so gefährlich für dich ist, ich hätte nicht zugelassen, dass du mit mir ins Tal der Spiegel kommst. Aber ich war ja immer in deiner Nähe.«
   »Danke«, sagte Nayara patzig, doch bevor Aidan dazu wieder etwas sagen konnte, sah sie ihn ernst an. »Das Problem ist, dass ich allein nicht existieren kann. Immer brauche ich jemanden, der mich warm hält. Den Vulkan oder deine Feuerfäden.« Sie zupfte an ihrem Shirt, und als sie Aidans Blick folgte, sah sie, dass sich ein Faden gelöst hatte und langsam aufribbelte. Angestrengt versuchte er überall anders hinzusehen, als zu der Stelle, wo die Lücke klaffte.
   Nayara warf genervt die Hände in die Luft. »Na toll. Guck dir das an! Was soll ich machen, wenn mir mal ein Kleidungsstück so einreißt, dass ich es nicht mehr reparieren kann?« Die Lücke wurde noch größer und irritiert beobachtete Nayara, wie sich Aidan auf seine Hände setzte. Sie sollte es wohl allein hinkriegen.
   »Irgendwann kannst du eigene Feuerfäden weben, warum nicht? Dein Element ist doch die Sonne, das Feuer ist nicht weit entfernt. Wärme und Licht.« Aidan räusperte sich und starrte angestrengt zu den Feuergeistern. Vermutlich ging ihm ihr Gejammer auf die Nerven.
   Nayara lachte kurz. »Sicher.«
   Aidan rutschte vom Felsen und stellte sich vor sie. Er packte sie hart an den Schultern. »Du kannst es«, sagte er mit Nachdruck.
   Die Wut füllte Nayara aus, von Kopf bis Fuß. Sie würde es nicht können. Sie war keine Feuerarantai, sie war überhaupt nichts! Nur die Sonnentochter. So ein hochtrabender Name, und was half es ihr? Überhaupt nichts. Sie konnte nichts Besonderes, war abhängig von der Wärme des Feuers und so hilflos, wenn sie allein war.
   »Nayara?« Die Stimme ihrer Mutter ertönte. »Aidan? Würdet ihr mal hochkommen?«
   Nayara ballte die Hände und stapfte los in die Richtung, aus der die Stimme ihrer Mutter kam.

*

Elfrun sah auf die Uhr. Es waren nur noch gut zwanzig Stunden, bis sich die Tore öffnen würden. Sie konnte nichts dagegen tun, dass ihre Gedanken schon wieder zu Are wanderten. Wie würde er wohl aussehen nach den neunzehn Jahren, die sie sich nicht gesehen hatten? Sie erinnerte sich gut an die Nacht, in der Mahin ihr zugeflüstert hatte, dass Are ebenfalls Gefühle für Elfrun hegte. Waren ihre Gefühle so offensichtlich gewesen? Aber Mahin war natürlich ein Mitglied des Spiegelrates, wer wusste schon, was sie im See alles sahen?
   Wie es Mahin wohl ging? In den Büchern sah sie glücklich aus, Elfrun war so froh, dass Mahin es geschafft hatte, Miro gehen zu lassen und nun schon Jahre mit Tian zusammen war. Es hatte Streit gegeben in den Jahren, natürlich, manchmal glaubte Elfrun, dass Tian eifersüchtig auf Miro war. Aber mittlerweile war Miro beinahe achtunddreißig, ohne die neunzehn Jahre in Axikon mitzurechnen natürlich, und stand mit beiden Beinen fest in seinem Leben in London. Miro war verheiratet und hatte zwei Söhne, einer hübscher als der andere, sie hatten goldene Locken und die süßesten Grübchen. Und auch Miros Frau war hübsch, wenn auch ein ganz anderer Typ. Wenn man es genau betrachtete, sah sie Mahin sogar ein kleines Bisschen ähnlich. Ob Elfrun es ihr bei der nächsten Gelegenheit sagen sollte?
   »Elfrun?«, rief jemand von unten.
   »Hier oben«, antwortete Elfrun, und schon an den Schritten erkannte sie Lucija. Sie umarmten sich kurz.
   »Sind die Namen schon leserlich?«, fragte Lucija ein bisschen außer Atem.
   Elfrun konnte sie so gut verstehen. Endlich würde Aidan zurückkehren, ihr Sohn, der so plötzlich nach Axikon gebracht wurde vor neunzehn Jahren und von dem sie sich nicht einmal hatten verabschieden können. »Ja, Aidan wird kommen«, sagte Elfrun mit einem Lächeln, als Lucijas Augen zu leuchten begannen.
   »Oh, wie wunderbar! Ich hatte schon überlegt, ob ich nicht nach Axikon reisen soll, aber nachher verpassen wir uns noch.« Aufgekratzt griff sie nach Elfruns Händen und tänzelte auf der Stelle.
   »Er kommt aber nicht allein. Die Sonnenschwinge wird mit ihm reisen und seine Tochter.«
   »Aidan hat eine Tochter? Warum hast du nichts gesagt?« Lucija sah Elfrun erschrocken an.
   »O nein! Doch nicht Aidan, die Tochter der Sonnenschwinge. Nayara, die Sonnentochter. Ich habe dir doch von ihr erzählt.«
   »Natürlich.« Lucija schlug sich spielerisch vor die Stirn und setzte sich auf die hohe Tischplatte. »Oh, ich habe noch etwas für dich, du siehst sie ja so gern«, sagte Lucija und holte eine Handvoll Fotos aus ihrer Tasche. »Ein Wunder der Technik, dass die Fotos meine Verwandlung jedes Mal mitmachen.« Sie lachte. »Oder Magie vielleicht.« Sie zwinkerte Elfrun zu und reichte ihr die Fotos. »Einschulung«, sagte Lucija lächelnd und deutete auf den jüngeren von Miros Söhnen. Er strahlte in die Kamera.
   »Wer hat das Foto gemacht?«, fragte Elfrun neugierig und blätterte weiter, um Miros älteren Sohn bei einem Wettrennen in der Schule zu bewundern und danach Miro mit einem Arm um seine Frau, wie sie bei den Zuschauern standen und ihrem Sohn zusahen. Miro küsste seine Frau gerade auf die Wange und man meinte fast, dass das Gold von früher noch ein wenig an seiner Haut haftete. Miro, die frühere Sonnenschwinge, so tragisch aus Axikon verwiesen, als er beinahe gestorben war und seine Flügel nicht mehr gerettet werden konnten.
   »Noelani war so lieb, sie war sowieso in London unterwegs. Ich soll dich grüßen.«
   »Er sieht glücklich aus«, sagte Elfrun und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Ich habe nicht so viel geschlafen«, erklärte sie.
   »Das kann ich mir vorstellen. Ich gehe jede Wette ein, dass Are der Erste sein wird, der dich besuchen kommt«, sagte Lucija und berührte Elfruns Schulter.
   Elfrun und Lucija unterhielten sich noch eine Weile über die alten Tage, doch als die Standuhr im Wohnzimmer vier schlug, machte sich Lucija wieder auf den Heimweg. »Ich sollte Aidan wohl nicht gleich so überfallen, er ist ja schon erwachsen«, sagte sie. »Und wie ich ihn kenne, wird er die Sonne sehen wollen. Das ist ja leider nichts mehr für mich.«

Kapitel 3
Feuerfäden

Aidans Schritte hallten hinter ihr durch die Gänge bis empor zur oberen Höhle. Dort stand Nayaras Mutter und funkelte sie an. »Warum dauert das so lange?« Sie warf einen misstrauischen Blick auf Aidan und sah dann wieder zu Nayara. »Feuerkleider?«, fragte sie.
   »Ja, Aidan hat sie mir gemacht. Damit werde ich draußen immer warmgehalten.«
   Sotai starrte auf die glühenden Fäden und ging einen Schritt zurück, offenbar strahlte die Wärme auch um Nayara herum.
   »Was gibt’s?«, fragte Nayara und bemühte sich um einen neutralen Ton, als wäre nichts gewesen.
   »Ich wollte mit dir über die Zukunft sprechen. In wenigen Tagen wird das Tor geöffnet sein. Dein Vater möchte, dass du ihn auf die Erde begleitest, aber ich halte das für keine gute Idee.«
   Nayara hatte es geahnt! Bald war ihre erste Nacht der Elemente, in der sie Axikon verlassen konnte, und ihre Mutter wollte es ihr verbieten. Noch immer. »Ich bin kein Kind mehr«, sagte sie. Ihre Stimme zitterte, dieses Mal vor Wut. »Ich schaffe das. Die Feuerkleider werden mich beschützen.«
   »Kannst du sie selbst herstellen?«, fragte Sotai. »Gehen sie nie kaputt?«
   Kurz war Nayara versucht, einfach zu behaupten, sie könne es selbst und man müsse sie nicht erneuern, aber dann kam ihr eine viel bessere Idee. »Aidan wird mich begleiten. Er möchte auch zur Erde.«
   Ganz leise schnappte Aidan nach Luft, aber er schien sich schnell zu fangen. »Ja, ich passe auf sie auf.« Er legte einen Arm um Nayaras Schulter, und schon wieder bekam Sotai diesen merkwürdigen Blick, als würde sie glauben, dass sie wer weiß was da unten gemacht hatten und deswegen so spät zu ihr nach oben gekommen waren. Beinahe hätte Nayara darüber gekichert. Aidan war einer ihrer längsten Freunde, und nie war etwas zwischen ihnen gewesen. Das musste Sotai doch wissen.
   »Ich weiß nicht«, sagte ihre Mutter langsam.
   »Ruben wird doch auch mitkommen, oder?«, fragte Aidan.
   »Ja, natürlich, aber du weißt doch, dass er jederzeit zu einem Auftrag gerufen werden kann. Er wird Nayara nicht die ganze Zeit beschützen können.«
   Nayara schnaubte leise. Wie sich das anhörte! Andererseits brauchte sie wirklich Schutz, das hatte sie eben erst am eigenen Körper erfahren, und das machte sie noch wütender.
   »Lass es mich beweisen«, sagte sie schließlich. »Nimm mich mit auf deine Heimatinsel. Als Test.« Nayara war fest entschlossen, auf die Erde zu reisen. Sie würde endlich die Sonne sehen, von der ihr Vater immer schwärmte. Das warme Licht am Himmel. Sie sah sich um, in dieser Höhle, der einzige Ort, den sie und ihre Mutter beide besuchen konnten, weil er noch nah genug am warmen Vulkanfeuer war und gleichzeitig gerade weit weg genug, um Sotais Haut nicht zu verbrennen.
   Nayara hatte es so satt, immer von diesen Steinwänden umgeben zu sein. Und wenn Sotai es nicht erlauben würde, würde Nayara eben ohne Erlaubnis gehen. Sie straffte die Schultern.
   »Außerdem, es gibt doch auf der Erde auch Feuerberge, das hat Papa mir schon alles erzählt, und auf irgendeiner Seite scheint immer die Sonne.« Sie hielt inne.
   »Wir sollten deine Verwandlung abwarten, und in der nächsten Nacht der Elemente könntest du …«
   Kälte breitete sich in Nayaras Bauch aus, aber dann kam die Wut, und Nayara musste ihre Hände zu Fäusten ballen, um nicht auf irgendetwas einzuschlagen. »Ich bin fast neunzehn«, knurrte sie. »Und ich kenne so gut wie nichts von der Welt. Von dieser nicht und von der anderen schon gar nicht. Auf keinen Fall warte ich weitere neunzehn Jahre, bis ich hier weg kann. Lass es mich beweisen!«
   Ärger und Sorge wechselten sich in Sotais Blick ab. Sie atmete tief ein und schien es auf die sanfte Art versuchen zu wollen. Argumente. »Du wirst erst in einigen Monaten neunzehn und niemand weiß, was du werden wirst, wenn du dich verwandelst. Eine Arantai wie ich oder eine Sonnenschwinge wie dein Vater oder etwas ganz anderes. Noch nie hatte eine Sonnenschwinge ein Kind.«
   Kein gutes Thema. »Das beweist doch überhaupt nichts«, sagte Nayara.
   »Mein Satz war noch nicht zu Ende. Es gab noch kein Kind einer Sonnenschwinge, das lange genug überlebt hat, um sich zu verwandeln.« Sotai bekam einen harten Zug um die Augen, als ob sie sich zwingen musste, es auszusprechen. Oder wollte sie Nayara Angst machen?
   Nayara beschloss, einfach nicht darauf einzugehen und verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Du stellst dir das alles zu einfach vor, Nayara«, sagte Sotai und schlug diesen fürsorglichen Ton an, den Nayara mittlerweile hasste. Kam doch immer im Anschluss irgendein Verbot oder eine Schauergeschichte, warum Nayara auf keinen Fall da draußen in die gefährliche Welt gehen durfte.
   »Wir können nicht wissen, was so eine Reise für dich bedeutet.« Sotai sah sie intensiv an. »Dies ist deine Welt, hier bist du sicher. Da draußen bist du es nicht, nicht allein.«
   Die letzten Worte sorgten dafür, das Nayara explodierte. »Ich war schon da draußen und nie allein«, sagte sie und funkelte ihre Mutter an. »Aber du warst nie dabei. Nie hast du mir die Welt gezeigt!« Sie deutete in Richtung Ausgang der Höhle. Ihre Haare knisterten bedrohlich und über ihre Hände leckten kleine Flammen. »Du nicht und Papa auch nicht! Sicherheit ist nicht alles.«
   Es dauerte einen Moment, bis Sotai offenbar begriff, worüber sie hier sprachen. »Du warst …« Sie brach ab, schloss die Augen kurz und begann erneut. Sie sprach langsam, als ob sie ihre Wut so irgendwie aus ihrer Stimme hätte halten können. »Doch, Sicherheit ist alles. Ich habe dich nicht in Gefahr gebracht. Ich wollte dich nicht verlieren.«
   »Du hättest es ausprobieren können. Wenn die Feuergeister bei mir sind, bin ich sicher. Sie beschützen mich. Die Ignazien beschützen mich, jeder, der Feuer in sich hat, beschützt mich. Auch Aidan …« Nayara biss sich auf die Lippe. Gerade ihn hatte sie nicht erwähnen wollen.
   »Aidan?« Sotai fasste Nayara an den Schultern, ihr Blick schnellte zu Aidan. »Du hast das unterstützt? Du weißt doch, wie gefährlich die Kälte für Nayara ist.«
   »Mama! Aidan hätte mich nie in Gefahr gebracht. Er ist wie ein großer Bruder für mich.«
   Sotai seufzte. »Trotzdem, ich halte die Sache für viel zu gefährlich, lass uns deine Verwandlung abwarten.«
   »Auf der Erde ist es nicht gefährlicher als hier, oder? Und hier war ich schon so oft draußen.« Als Sotai schon wieder irgendwelche Argumente sammelte und ansetzte, etwas zu sagen, ging Nayara einfach an ihr vorbei. »Ich möchte es ausprobieren. Jetzt.«
   »Hast du ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt?«, fragte Sotai leise, aber Nayara hatte es gehört.
   Sie drehte sich nicht um, konnte sich aber vorstellen, wie Aidan mit den Schultern zuckte und möglicherweise sogar grinste. Normalerweise bekam er alle mit diesem Grinsen. Nayara pfiff einmal, wartete aber nicht. Nach wenigen Schritten erreichte sie den Ausgang, zwang sich, nicht noch einmal Luft zu holen und sich mental darauf vorzubereiten. Es sollte mühelos aussehen.
   Die Luft hier draußen war warm, aber nicht so warm wie in Nayaras Höhle, die viel tiefer am warmen Herz Axikons war. Wie jedes Mal, wenn Nayara nach draußen kam, musste sie sich einen Moment an die Weite gewöhnen. Der Himmel war dunkel, aber die Monde schienen hell. Der kleinere, von dem Nayara wusste, dass er Enxía hieß, schickte sein silbriges Licht über den sandigen Boden. Erloi, der größte der vier Monde, mit seinem goldenen Licht war zurzeit fast voll und beleuchtete die Pflanzen und Bäume ringsherum. Überall raschelte es, ein kurzer Schrei gellte in den Abendhimmel, als ein leuchtend weißer Vogel aus einem nahen Baum mit riesigen runden Blättern emporstieg und davonflog.
   Ein leichtes Zittern erfasste Nayara, aber die Feuerkleider hielten sie warm, sie musste sich nur daran gewöhnen. Noch bevor sie ein zweites Mal pfeifen konnte, raste ein roter Blitz auf sie zu. Igna, zum Glück! Die Ignazie setzte sich auf Nayaras Schulter und berührte ihre Haut am Hals, sandte Wärme in sie hinein und ein wohliges Glühen.
   »Nayara! Schnell, lass uns wieder reingehen. Ich glaube dir ja!« Sotais Stimme war schrill.
   Langsam drehte sich Nayara um. »Nein, du glaubst mir nicht. Sieh mich doch an, alles ist gut. Ich lebe noch.«
   Die glühenden Flügel von Igna und Nayaras Feuerfäden spiegelten sich in den Augen ihrer Mutter. »Wie oft warst du draußen?«, fragte sie leise. »Und wo?«
   Die Frage klang so, als hätte Sotai aufgegeben, den Widerstand zumindest. Sorgen würde sie sich weiterhin, das wusste Nayara. »Die Sommerinsel kenne ich recht gut«, begann sie langsam.
   »Hast du sie verlassen?« Ungläubiges Staunen erschien in Sotais Augen. »Wie?«
   »Ich war nie allein. Es gibt einen Weg … Tief im Vulkan ist ein Tor … Ein Magmateich.« Sie sprach nicht weiter. Auf einmal tat ihre Mutter ihr leid. Und sie fühlte sich schuldig. Sie hätte vielleicht doch von sich aus ihren Eltern etwas dazu sagen sollen, ihnen beweisen, dass sie es konnte. Aber warum nur hatten sie es nie ausprobiert? Warum hatten sie nicht an sie geglaubt? »Wenn ich die Insel verlassen habe, waren die Feuergeister dabei. Alle haben auf mich aufgepasst.«
   »Ich wollte dich in Sicherheit wissen.« Dass Sotai ihre Stimme ruhig hielt, machte es nicht besser.
   »Was soll schon passieren?« Nayara ballte ihre Hände zu Fäusten. Die Flammen rasten durch ihr Blut.
   »Dann komm.« Sotai verschränkte die Arme vor der Brust. »Gehen wir ein Stück.«
   Aidan hielt sich im Hintergrund und irgendwie war Nayara dankbar dafür, sie kam sich auch so schon vor wie im Scheinwerferlicht. Die Ignazie flatterte dicht an ihr Ohr und setzte sich auf ihre Schulter, um kurz darauf wieder aufzuflattern. Hin und wieder berührte sie Nayaras Haar mit einer Hand und schon begann sich die Kälte in ihrem Körper zurückzuziehen. Deutlich spürte Nayara die Blicke ihrer Mutter, aber sie drehte sich nicht zu ihr um und sagte auch nichts. Aidan lief wie ein Schatten hinter Nayara her, und ein wenig beruhigte sie seine Anwesenheit.
   Der Weg zum Strand war weiter, als Nayara es in Erinnerung hatte. Vielleicht machte die Wut ihre Füße schwer. Doch dann wehte ihnen ein warmer Wind entgegen. Orangefarbenes Licht fiel auf den Boden, verschwand und tauchte wieder auf. Der Wind spielte mit den Blättern der Bäume. Einer der Vulkane der regelmäßig seinen Funkenregen in die Nacht pustete, schickte einen Regen aus Licht in den dunklen Himmel und erleuchtete Nayaras Weg. Ihr erster Spaziergang im Freien unter der Obhut ihrer Mutter kam Nayara tatsächlich gefährlicher vor als die ganzen Male, als sie ihre heimlichen Erkundungen unternommen hatte. Aber sie durfte es sich nicht anmerken lassen, also straffte Nayara ihre Schultern, vergewisserte sich, dass Igna noch an ihrer Seite war, und blieb stehen, um auf ihre Mutter zu warten.
   »Wo willst du hin?«, fragte Sotai auf einmal.
   »Das habe ich doch schon gesagt, aber du hörst mir ja nicht zu. Ich möchte deine Insel kennenlernen.«
   »Der Weg über das Meer ist weit«, sagte Sotai und ging durch die Schatten der riesigen Bäume, die im Wind wogten. Die Schatten auf dem Boden sahen beinahe aus wie Wellen.
   Nayara schluckte.
   »Wir könnten unterirdisch reisen«, sagte Aidan auf einmal. »Ich könnte Nayara mitnehmen.«
   Sotai winkte ab. »Wie soll ich euch helfen, wenn ich euch nicht sehen kann?«
   Empört stützte Nayara ihre Hände an die Hüften. Wollte Sotai andeuten, dass nicht mal Aidan ihr helfen konnte? Aber es hatte keinen Sinn. »Gibt es kein Tor?« Das unterirdische Tor zur Spiegelinsel kannte sie nur zu gut und seit heute leider auch das, das zur Herbstinsel führte. Aber dieses Mal würde sie nicht allein gehen, und sie hatte die Feuerkleider, die sie wärmten und Igna an ihrer Seite. Genau wie Aidan. Wenn es Tore zu den beiden Orten gab, dann doch auch sicher zu den anderen Inseln. Im Spiegeltal gab es schließlich sogar ein Tor, das in der Nacht der Elemente zur Erde führte und alle neunzehn Jahre zwei Wochen geöffnet blieb.
   »Da dein Vater und Kasumi auf der Erde sind, werde ich Artus fragen, ob er dich tragen kann.« Sotai stieß eine Reihe schriller Töne aus, die eine Art Melodie bildeten. Wenig später landete ein kleiner gelber Vogel auf ihrer Schulter. Erneut machte Sotai diese merkwürdigen Geräusche und der Vogel flog weg.
   Der Blick ihrer Mutter beunruhigte Nayara. Wen hatte sie gerufen? Der Name Artus kam ihr seltsam bekannt vor, aber sie konnte sich nicht genau erinnern. »Warum hast du mir nie die Sprache der Vögel beigebracht?«
   »Es ist schwierig, wenn man keine Vögel hören kann.« Sotai seufzte. »Wir hätten es probieren sollen. Dafür kannst du die Sprache des Feuers, der Feuergeister und offenbar auch die der Ignazien.«
   Nayara brummte eine Antwort und warf einen Blick zu Igna, die neben ihrem Kopf auf und ab schwebte. Diese nickte leicht, kam noch näher und flüsterte ihr in der Sprache der Flammen ins Ohr. »Du musst es ihr nachsehen, deine Mutter ist nicht von unserem Element, und sie hat Angst um dich. Alle Mütter haben Angst um ihre Kinder. Besonders wenn sie anders sind als sie selbst.«
   »Ich gehe schon mal vor, durch die Erde«, sagte Aidan. »Ich warte am Ufer gegenüber.«
   »Gut.« Sotai nickte.
   Nayara warf ihm einen dankbaren Blick zu und beobachtete, wie er zu Licht wurde, die Luft um ihn herum flackerte und er sich mit einem lauten Knall in den Boden schraubte und nur ein Loch hinterließ, das sich nach und nach wieder mit Sand füllte.
   Nayara schüttelte den Kopf, als sie daran dachte, wie ihre Eltern sie immer wieder vertröstet hatten. Sie fand es falsch. Wie oft hatte sie ihre Mutter gebeten, ihr etwas von der Insel zu zeigen? Nicht einmal ihr Vater hatte sie mit nach draußen genommen, nicht mehr, seitdem sie einmal allein draußen gespielt hatte. Beinahe hatte sie das vergessen, weil sie noch klein gewesen war, aber durch den Streit ihrer Eltern vorhin erinnerte sie sich wieder.
   Was mussten die anderen von ihr denken? Bestimmt hatten alle Mitleid gehabt, alle, die sie je besucht hatten. Ihre ganze Familie hatte sich abgewechselt, sogar ihre Großeltern waren gekommen, aber keiner von ihnen hatte in ihren Vulkan gekonnt, sie alle hatten sich in der oberen Höhle aufgehalten und einfach nach ihr gerufen. Ihr Vater war der einzige, der nach unten konnte, denn er trug Sonnenblut in sich, genau wie sie. Und Aidan, aber er hatte sie einfach mit rausgenommen und auf sie aufgepasst. Schon immer. Ein warmes Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus, als sie daran dachte, was er ihr alles gezeigt hatte. Er war es auch gewesen, der sie das erste Mal mit auf die Spiegelinsel genommen hatte, ihr Raja und Ignacio, den großen Feuergeist vorgestellt hatte. Und wie er sie vorhin gewärmt hatte … Nayara spürte es noch immer ganz genau.
   Mit knisternden Rufen flog ein Schwarm Feuergeister auf sie zu. Zwei ließen sich auf Nayaras freier Schulter nieder, die anderen flogen unablässig um sie herum. Sotai musste etwas zurückweichen, aber die Wärme, die sie ausstrahlten, tat Nayara gut. Und wenn dieser Artus sie tragen würde, würde sie die Feuergeister bestimmt brauchen, die Feuerkleider würden ihn sonst sicher verbrennen. Nayara ärgerte sich, dass sie keine andere Kleidung mitgebracht hatte. Ihr Vater hatte ihr eine beachtliche Auswahl an Lederkleidung mitgebracht, besonders robustes Leder, das ihre warme Haut nicht entflammen konnte und ein paar Kleider aus Metallfäden, die sie jedoch nicht so zu wärmen vermochten wie die Feuerkleider von Aidan. Im Vulkan waren die Metallkleider warm, doch draußen leiteten sie auch schnell die kühle Luft an ihren Körper.
   »Niemand kann sein Leben in einer Höhle verbringen.« Der Satz war heraus, bevor Nayara darüber nachdenken konnte. Sie sollte es einfach dabei bewenden lassen, ihre Mutter war wütend genug.
   Zu ihrem Erstaunen lachte Sotai. »Doch, es gibt tatsächlich Tiere, die das tun.«
   »Tiere? Ich bin kein Tier.« Nayara sah ihrer Mutter in die Augen.
   Diese seufzte. »Natürlich nicht. Das meinte ich auch nicht so. Aber es gibt auch andere Wesen, die gern an Orten bleiben, die ihnen guttun. Baumgeister wohnen in den Bäumen, Feuergeister bleiben auch gern dort, wo es warm ist.«
   »Bäume sind keine Höhlen und Baumgeister kommen durchaus auch aus ihren Bäumen heraus.«
   Zwischen den Stämmen sah man nun einen langen Streifen rötlichen Sands. Dahinter lag die große dunkle Fläche des Nachtmeeres. Die Monde zauberten goldene und silberne Lichtchen auf die Wellen. Es sah so anders aus als in Nayaras Höhle, und sie hätte es nie zugegeben, aber das Meer machte ihr Angst. Da war einfach zu viel Wasser auf einer Stelle. Und nach dem, was sie noch vor einer halben Stunde erlebt hatte, war ihr durchaus bewusst, was es bedeuten würde, wenn sie da hineinfallen würde.
   Auf einmal ertönte ein leises Rauschen, und Nayara hob den Kopf. Am Himmel bewegte sich ein Schatten wie ein riesiger Vogel und er kam rasch näher. Nayara konnte ihren kurzen Aufschrei nicht zurückhalten, als der schwarze Vogelmann neben ihr landete. Er sah aus wie Gallicus aus dem Spiegelrat, nur dass dieser hier nicht weiß war, sondern schwarz. Von Kopf bis Krallenfuß. Hoffentlich war er nicht so übellaunig wie Gallicus, dem sie lieber nicht begegnete, wenn sie im Spiegeltal war.
   »Hallo Artus«, sagte Sotai. »Erinnerst du dich an meine Tochter? Nayara.«
   Artus, der Vogelmann, verbeugte sich leicht und funkelte sie mit seinen tiefschwarzen Augen an. Irgendwie sah es aus, als wollte er etwas sagen, tat es aber nicht.
   Nayara fröstelte. »Hallo«, sagte sie schnell und sah wieder zu ihrer Mutter. Erinnern? Vermutlich war er einer derjenigen, die ihre Eltern in die Höhle geladen hatten, als sie ganz klein war.
   Artus Blick blieb eine lange Zeit auf Nayara hängen, sie spürte es, aber als sie erneut in seine Richtung sah, schaute er zu Sotai.
   »Könntest du Nayara nach Nobwen Paíta, zur Frühlingsinsel tragen?«, fragte Sotai. »Die Feuergeister müssen leider in ihrer Nähe bleiben, ich hoffe, das wird nicht zu warm für dich?«
   Artus schüttelte den Kopf und ging um Nayara herum. »Ganz schön viel Feuer im Herzen«, sagte er schließlich, als er wieder vor ihr stand. »Kannst du es beherrschen?«
   »Die Feuerkleider könnten ein Problem sein, da du auf Artus Rücken reiten musst«, sagte Sotai und Artus nickte. »Aidan kann dir später neue machen. Jetzt sind die Feuergeister da, um dich zu wärmen.«
   Für einen Moment sah Nayara enttäuscht auf die Feuerfäden hinunter, dann löste sie einen um den anderen, sodass ihre Vorderseite feuerfrei war. Sofort berührte Igna ihre Schulter, sandte Wärme durch Nayaras Körper und die Feuergeister kuschelten sich an Nayaras Rücken.
   Ohne ein weiteres Wort drehte sich Artus um und ging leicht in die Knie. Sein Rücken schimmerte schwarz, die Federn an seinen Flügeln bewegten sich leicht im Wind. Noch nie war Nayara geflogen, auch nicht mithilfe von anderen. Ihr war nicht wohl bei der Sache. Sie kletterte vorsichtig auf Artus’ Rücken und krallte sich in seine Federn, die sich längst nicht so weich anfühlten, wie sie aussahen. Die Feuergeister setzten sich allesamt auf ihren Rücken und ihren Kopf, damit sie die Federn des Vogelmannes nicht berührten. Ignas Finger spürte sie auch irgendwo zwischen dem warmen Gewusel der kleinen Geister.
   Schon als Artus abhob, wurde der Wind kühl, die Feuergeister kuschelten ihre runden Körper näher an Nayara. Nach wenigen Flügelschlägen waren sie über dem Nachtmeer. Von oben sah es noch viel dunkler aus. Ein kalter Abgrund.

Kapitel 4
Frühlingsinsel

Nayara kniff die Augen gegen den kalten Wind zusammen, aber hin und wieder riskierte sie doch einen Blick. Die Welt unter ihr war noch immer dunkel, nur vereinzelte Mondstrahlen berührten die Wellen und kaum einer davon vermochte es, in die Tiefen des Meeres einzusinken. Artus’ Muskeln bewegten sich unablässig an Nayaras Haut. Wenig Wärme ging von seinem Körper aus, und Nayara war unendlich froh, dass die Feuergeister noch immer auf ihrem Rücken saßen, ihre gesamte Körpervorderseite fühlte sich schon ganz taub an. Nur durch die Wärme am Rücken fühlte sie sich noch lebendig. Ob Phlix auch dabei war? Auf den ersten Blick hatte sie sie nicht gesehen. Bestimmt war sie mit der kleinen Shai noch im Vulkan geblieben. Dafür krabbelte Igna ein Stück nach oben und wisperte in Nayaras Ohr.
   »Wohin bringt er uns?«
   »Auf die Frühlingsinsel«, flüsterte Nayara zurück. »Mama wird mir ihr Zuhause zeigen.« Typisch, dass Igna vorhin nicht zugehört hatte. Nayara musste lächeln, auch wenn ihre Gesichtsmuskeln sich seltsam steif anfühlten.
   »Ihr Zuhause.« Igna machte ein missbilligendes Geräusch. »Ihr Zuhause sollte da sein, wo deins ist.«
   »Da, wo sie aufgewachsen ist. Du weißt, dass sie nicht so nah am Feuer sein kann wie ich.« Nayara hatte es als Kind nicht verstanden, aber mittlerweile tat sie es. Jetzt, wo sie wusste, wie sehr sie das Feuer brauchte. Wie sehr ihr die Wärme fehlte. Die sicheren Mauern des Vulkans, das beruhigende Rauschen der Flammen, wenn sie mit ihnen tanzte. Wenigstens war sie nicht allein.
   Artus krächzte leise, aber Nayara verstand nicht, was er sagte, falls er denn etwas sagte.
   »Wir sind gleich da«, übersetzte Artus ihr.
   Nayara hielt Ausschau nach ihrer Mutter, konnte sie aber nicht sehen. Sie reiste als Wind, und hier gab es nichts, was sie bewegen konnte wie Blätter oder Gräser. Sie waren noch immer hoch über dem Meer, doch allmählich erkannte Nayara Land vor ihnen. Ein Streifen heller Sand ging rasch über in eine zartgrüne Wiese mit kurzem Gras. Niedrige Bäume mit leuchtend roten Beeren kamen näher, und schon von hier aus hörte Nayara Vögel singen. Es waren andere Vögel als die, die sie von der Sommerinsel kannte.
   Artus landete weich im Sand und Nayara rutschte von seinem Rücken. Im Nu wimmelten die Feuergeister um sie herum und wärmten sie von allen Seiten. Erleichtert holte sie Luft, und als ihre Glieder wieder warm waren, dehnte sie sich und sah sich um. Ihr Blick blieb allerdings an Artus hängen, der sie neugierig musterte.
   »Zu kalt?«, fragte er.
   Sie nickte. »Aber es ist nicht schlimm, die Feuergeister wärmen mich gut.« Sie strich über eine der kleinen Kugeln, die gerade über ihren Arm schwirrte.
   Artus legte seinen Kopf schief, dann krächzte er erneut, als Sotai neben ihnen erschien. Sie formte sich aus dem Nichts, und ihre Haare wehten noch eine Weile um ihren Kopf, bevor auch sie zur Ruhe kamen. »Geht es dir gut?«, fragte sie als Erstes.
   Nayara spürte schon wieder eine leichte Wut in ihrem Bauch. Warum traute ihre Mutter ihr überhaupt nichts zu? Sie würde es doch wohl aushalten einmal von ihrem Vulkan weg zu sein. Schließlich war es nicht das erste Mal und das wusste ihre Mutter nun. Und es war ja nicht für lange.
   »Von hier aus können wir laufen«, sagte Sotai, als sie zufrieden damit schien, wie Nayara aussah. Keine abgefrorenen Finger, keine blauen Lippen. Auch wenn Nayara während des Flugs hin und wieder mit beidem gerechnet hatte und ihr der Schreck vom Besuch der Herbstinsel noch tief in den Knochen steckte.
   »Danke, Artus«, sagte Sotai. »Begleitest du uns?«
   Artus krächzte heiser. »Ich fliege wieder. Ruft mich, wenn ihr mich braucht.« Und damit war er fort.
   Kurz sah Nayara ihm nach, doch bald verschwand er am dunklen Himmel zwischen den Wolken.
   »Wollen wir?«, fragte Sotai.
   »Sollten wir nicht auf Aidan warten?«
   »Er kennt den Weg, bestimmt erwartet er uns dort.«
   Vielleicht auch nicht. »Frag ihn doch.« Nicht zum ersten Mal ärgerte sich Nayara darüber, dass sie nicht die Telepathie beherrschte wie alle anderen um sie herum. Einen Moment schloss ihre Mutter die Augen und ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. »Aidan braucht noch einen Moment, wir sollen vorgehen.«
   Schweigend gingen sie los. Zuerst jagten sich Nayaras Gedanken gegenseitig, und sie wusste nicht, was sie von der Sache halten sollte. Der Besuch dieser Insel, ganz offiziell erlaubt, machte sie trotz allem unruhig. Die Luft war zu kühl, um noch angenehm zu sein und das machte ihr Angst. Hier war es nicht so kalt wie auf der Herbstinsel, und die Feuergeister hielten sie warm. War es wirklich nötig gewesen, dass Nayara ihre eigene Insel bisher nie verlassen hatte? Die Nähe des Vulkans hatte sie geschützt. Auf der Spiegelinsel hatte sie nie gefroren. Vielleicht weil sie dort in der Nähe von Ignacio gewesen war, der jederzeit kleine Feuer in seiner Nähe anzündete, schon durch bloße Gedanken. Oder die Aufregung hatte sie warm gehalten. Und natürlich die Feuergeister, aber die waren jetzt auch da.
   »Ich bin froh, dass ich dich endlich mitgenommen habe«, sagte Sotai plötzlich und lächelte sie unsicher an. »Du auch?«
   Nayara wusste es nicht, aber sie versuchte, für einen Moment nicht in Vorwürfe zu verfallen. »Es ist sehr interessant«, sagte sie schließlich. Dass ihr kalt war, würde sie ihrer Mutter nicht verraten. Und von ihren ängstlichen Gefühlen genauso wenig.
   »Schön«, sagte Sotai und schwieg erneut.
   Die Angst war Nayara lästig, schließlich wollte sie doch mutig sein. Sie freute sich so sehr darauf, die Erde zu sehen. Die Sonne. Wie oft hatte sie schon davon geträumt? Sie war so gespannt zu sehen, ob die Sonne war, wie sie sie sich vorstellte. Gefährlich konnte es unter der Sonne nicht sein. Sie war schließlich eine Sonnentochter. Die Sonne würde sie beschützen. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, und sie bog ihren Rücken ein klein wenig mehr durch und schritt etwas schneller aus.
   Neben ihrem Gesicht flog Igna und sah sich neugierig um. »Hier war ich noch nie«, flüsterte sie. »Was für merkwürdige Blumen.«
   Endlich löste sich Nayara von ihren starren Gedanken und nahm die Umgebung wahr. Sie liefen auf grünem Untergrund, der sich leicht feucht und kühl anfühlte, aber er war weich und gab unter jedem ihrer Schritte nach. Bei näherer Betrachtung stellte sie fest, dass die polsterige Pflanze winzige Blüten hatte, die wie kleine weiße Sterne aussahen. Ein längliches, geflügeltes Tier flog dicht an ihr vorbei und brummte dabei geschäftig. Die Flügel waren beinahe durchsichtig, der Körper so rot wie Nayaras Fuß- und Fingernägel, die manchmal sogar ein wenig glühten. Nach einer Weile kam das Insekt erneut vorbei und machte ruckartige Bewegungen dabei. Igna sah ihm verzückt hinterher.
   »Was für ein hübsches Ding.« Sie seufzte. »Diese Farbe!«
   Sie kamen durch einen Wald, in dem die meisten Bäume hochgewachsen waren, aber dünnere und hellere Blätter hatten als auf der Sommerinsel. Zwischen ihren Wurzeln wuchsen Hunderte von Blumen in allen Farben, die sich Nayara vorstellen konnte. Himmelfarbene, feuerfarbene und viele, die sie an Paradiesflügler erinnerten. Die meisten hatten merkwürdige Blütenköpfe, die aussahen wie zusammengeklappt, mit der Öffnung nach unten. Nayara konnte sich kaum sattsehen und bald durchströmte sie eine angenehme Wärme, die genau in ihr Herz zielte. Wie schön es hier war! So anders als zu Hause, so zauberhaft. Nayara strich über die Rinde eines Baumes.
   Da erklang ein Rauschen, das Nayara nur allzu gut kannte. Sie drehte sich im Kreis und schirmte die Hand gegen das helle Mondlicht ab. Mit erstaunlicher Anmut trotz der riesigen goldenen Schwingen landete ihr Vater neben ihnen. Er drückte Nayara kurz an sich, dann umarmte er Sotai, die ihn jedoch bestimmt von sich schob und ihn so unverwandt ansah, als würden sie ihren Streit von vorhin in Gedanken fortführen. Da Nayara keine Lust hatte, sich anzusehen, wie der Streit ausging und ohnehin nichts davon mitbekam, ging sie ein Stück näher an eine der Blumen, um sie sich genauer anzusehen. Offenbar wähnten sich die beiden nun unbeobachtet und vor allem unbelauscht und kommunizierten nicht länger in Gedanken. Vermutlich fühlte sich ein Streit in Gedanken auch unangenehm an, das konnte sich Nayara lebhaft vorstellen. Brüllende Stimmen im Kopf? Nein, danke.
   »Schön, dass du Nayara endlich mitgenommen hast. Trotz allem«, flüsterte ihr Vater. Nayara spitzte die Ohren: Auf die Antwort ihrer Mutter war sie gespannt.
   »Sie will mir beweisen, dass sie es aushält«, sagte Sotai.
   »Ich habe es dir doch immer gesagt. Schließlich ist bald die Nacht der Elemente, da werde ich ihr endlich die Sonne zeigen können.« Seine Stimme klang stolz, als ob er die Sonne zu seinen persönlichen Freunden zählte und sie endlich seiner Tochter vorstellen konnte.
   »Ich bin noch immer der Meinung, dass es zu früh ist.«
   »Zu früh?« Eine ungewohnte Schärfe schlich sich in seinen Ton. »Sie hat neunzehn Jahre auf die Sonne verzichtet. Sie ist eine Sonnentochter! Sie braucht das Licht.«
   »Unsinn, sie hat die letzten achtzehn Jahre sehr gut ohne Sonnenlicht verbracht.«
   »Musst du immer so spitzfindig sein. Es sind fast neunzehn Jahre.«
   Oje, das war eines dieser Themen, über die sich Nayara auch am liebsten mit ihrer Mutter stritt. Es war auch zu ärgerlich, dass ihr Geburtstag nicht vor der Nacht der Elemente sein würde. Denn dann hätte sie sich schon verwandelt und alles wäre gut.
   »Was, wenn sie sich nicht verwandelt?«, zischte Sotai und eine Welle aus Kälte schoss in Nayaras Herz. Bisher waren immer alle der Meinung gewesen, dass sich Nayara verwandeln würde, zumindest sagte es ihr jeder, den sie mit dieser Frage nervte. Aber es stimmte leider, dass es noch nie ein Kind einer Sonnenschwinge so weit geschafft hatte. Niemand wusste, was sie werden würde und ob sie sich überhaupt verwandeln würde. In manchen Momenten glaubte sie, dass sie das Sonnenlicht für die Verwandlung brauchte, und deshalb musste sie unbedingt auf die Erde. Sie ballte die Hände zu Fäusten und stand auf.
   Zuerst bemerkten ihre streitenden Eltern überhaupt nicht, dass sie näher kam und zuhörte.
   »Natürlich wird sie sich verwandeln! Sie braucht das Sonnenlicht, und ich nehme sie mit. Ich hätte es schon längst tun sollen, sie mit nach draußen nehmen, ihr alles zeigen. Du und deine unnötigen Sorgen.«
   Ihr Vater klang ungewohnt wütend. Genau genommen hatte Nayara ihn wirklich noch nie so laut sprechen gehört, und irgendwie stachelte es ihre eigene Wut noch ein wenig mehr an.
   »Und ob ich auf die Erde gehen werde! Ich will die Sonne sehen, und du kannst es mir nicht verbieten«, sprudelte es aus Nayara heraus, aber es klang viel leiser, als sie erwartet hatte. Trotzdem hörten ihre Eltern auf, sich anzuzischen, und starrten sie an.
   »Siehst du«, sagte ihr Vater.
   »Warum hast du ihr denn nie etwas gezeigt? Du hättest ja längst mit den Vorbereitungen anfangen können! Sie an die Temperaturen gewöhnen!« Wild gestikulierte Sotai in der Luft herum und hatte Nayara offenbar schon wieder vergessen. »Aber du bist ja nie da! Ständig fliegst du zur Erde, und ich kann dann zusehen, wie ich mich um unsere Tochter kümmere. Du weißt genau, dass der Vulkan für mich zu heiß ist und ich es nie lange aushalte da drin.«
   Tränen der Wut glitzerten in Sotais Augen, und ohne ein weiteres Wort drehte sie sich ab und ging über einen sandigen Weg davon. Einigermaßen verwirrt sah Nayara ihrer Mutter nach. Als sich ihr Vater räusperte, sah sie ihn kurz an, aber sein schräges Grinsen beruhigte sie auch nicht.
   »Komm, wir sollten uns auch auf den Weg machen. Die anderen warten sicher schon.«
   Kein Wort darüber, dass es ihm leidtat. Kein Wort über ihr Warten, über die Sonne oder über den Streit. Eine merkwürdige knisternde Leere herrschte zwischen Nayara und ihrem Vater, als sie den gleichen Weg nahmen, den Sotai eben gegangen war.

*

»Wir zeigen Nayara heute die Frühlingsinsel, und ich würde gern mit dir sprechen, kommst du dazu? Wir treffen uns in Lennoxi.«
   Aidan zuckte zusammen, als Rubens Stimme auf einmal in seinem Kopf auftauchte und beinahe wäre er aus Versehen gegen einen Fels geprallt. Er hielt inne. »Äh, schon auf dem Weg, kann sich nur noch um Stunden handeln«, gab Aidan zu.
   Worüber wollte Ruben wohl mit ihm sprechen? Vielleicht wollte er Aidan noch mal einbläuen, wie sehr er auf Nayara aufpassen sollte.
   In einem Wirbel aus Feuer und Licht sauste Aidan weiter und änderte dann seine Richtung, dort entlang, wo es etwas kühler wurde. Mittlerweile konnte er auch in seiner Feuergestalt den Weg finden. Er ließ sich von seinem Gefühl leiten und schnellte an einer Stelle empor, die sich richtig anfühlte, nur, um im nächsten Moment Wasser zu schlucken. Aidan ließ sich nicht einmal Zeit, zu husten und verschwand zurück ins Erdreich. Beim zweiten Versuch tauchte er auf der Herbstinsel auf. Das mit dem Orientieren musste er wohl doch noch üben.
   Das nächste Mal, als er auftauchte, tat er es langsam. Zuerst formte er noch unter der Erde seinen Körper und brach durch ein weiches Moospolster. Er blieb mit der Schulter an einer Wurzel hängen und fluchte leise, bis er bemerkte, dass er beobachtet wurde. Vor ihm stand Nayara und sah ihn mit riesigen Augen an.
   Aidan konnte nicht anders, das Lachen brach einfach aus ihm heraus. Schon stimmte Nayara mit ein, sie hatte den Schock offenbar schnell überwunden und reichte ihm eine Hand, noch immer leise lachend. Die Wurzel hinderte Aidan daran, seinen Arm zu bewegen und das Lachen tat sein Übriges. Endlich konnte er sich noch einmal in eine Flammengestalt verwandeln und schoss das letzte Stück aus dem Boden empor. Er nahm seine menschliche Gestalt an und fröstelte, als der frische Frühlingswind über seine Schultern streifte. Nayara trat einen Schritt vor und strich ihm sanft über die Wange. Verwirrt sah Aidan auf ihre Hand, die noch eine Weile unschlüssig in der Luft neben seinem Gesicht verharrte.
   »Du hattest da was.« Sie sah auf ihre Hand und zog sie langsam zurück. »Erde.« Ihre Wangen färbten sich rot und Aidan sah ihr in die Augen. Die Stelle, an der sie ihn berührt hatte, fühlte sich heiß an. Nur die eine Wange. Da war wohl Nayaras inneres Feuer auf ihn übergesprungen. Aidan zwang sich, nicht über die Stelle zu wischen und konzentrierte sich stattdessen auf den leuchtenden Faden, den er immer schneller um sich herumwand, kreuz und quer, bis er sich eine bequeme Hose aus Feuerfäden gewebt hatte. Weil ihm oben noch immer kalt war, webte er sich noch ein langärmeliges Hemd.
   Erst jetzt bemerkte Aidan Ruben, der wenige Meter entfernt stand und sie beobachtete. Ruben lächelte zwar, aber irgendeine merkwürdige Stimmung lag in der Luft.
   »Begleite uns«, sagte Ruben und tätschelte Nayaras Haar, als er an ihr vorbeiging und ihnen einen Wink gab, ihm zu folgen.
   Er sah in Nayara immer noch seine kleine Tochter, wie Aidan schien. Genau wie es Aidan bis eben auch getan hatte. Jetzt war er sich nicht mehr so sicher. An Nayaras Blick war eben nichts Kindliches gewesen. Auch an ihrer Berührung nicht.
   »Hi«, sagte Aidan zu Nayara. Reichlich spät.
   Sie nickte ruckartig. Unbewusst streckte Aidan eine Hand nach einem der verspielten Feuergeister aus, die um ihn herumschwirrten. Die kleine Feuerkugel setzte sich auf Aidans Hand, kletterte seinen Arm empor und fand offenbar eine gemütliche Stelle auf seiner Schulter. Der Feuergeist gab ein winziges Geräusch von sich, ähnlich einem menschlichen Seufzen, und Aidan streichelte ihn. Ruben ging voran, Nayara folgte neben Aidan. Die kleine Ignazie Igna surrte kurz zwischen ihnen und zwitscherte Aidan ein Hallo zu, dann setzte sie sich wieder auf Nayaras Schulter. Aidan fiel auf, dass die Feuergeister überall an Nayara hockten, nur ihre Beine waren frei.
   »Könntest du vielleicht auch noch mal deine Feuerfadenkünste an mir austoben?« Nayara nickte den Feuergeistern zu, die darauf aufflogen und ihre nackte Vorderseite freigaben. Schnell verschränkte Nayara ihre Arme vor der Brust. »Würdest du?«, fragte sie erneut.
   Aidan nickte und konnte nichts dagegen tun, dass seine Blicke an Nayara hinunterwanderten und wieder empor, aber er fing sich und schickte die Feuerfäden über ihre Haut, bis sie sie überall einhüllten und sie bis zum Hals in einem dichten Anzug aus purem Feuer steckte. Kurz sah sich Aidan nach Ruben um. Er stand ein Stück weiter hinten und schien mit irgendwem in Gedanken zu kommunizieren, aber als er sah, dass sie so weit waren, kam er in ihre Richtung.
   Während sie weitergingen, ließ Nayara etwas Platz zwischen ihnen, und Aidan war kurz traurig darüber, dass ihre übliche Unbefangenheit heute scheinbar nicht möglich war. Doch dann fing er ihren Blick auf, und in diesem Moment musste Aidan erneut an Rajas Frage denken. Ja, er fand Nayara hübsch. Sehr sogar.

*

Elfrun schlug das Buch der Arantai auf. Dieses Jahr würden wieder vier neue hinzukommen, aber die Namen konnte man beim besten Willen noch nicht entziffern, vier Namen würden aus den Kringeln entstehen, die im Moment noch die Worte »Mondtochter« oder »Mondsohn« formten. Es waren, wie jede Nacht der Elemente, zwei von jedem. Das Einzige, was man erkennen konnte, war das Element. Die beiden Mondtöchter würden die Elemente Feuer und Wasser haben, die Mondsöhne dieses Mal Erde und Luft.
   Es klingelte an der Tür. Eilig raffte Elfrun ihre Röcke und ging die lange Treppe hinunter. Sie öffnete und sah zu allererst ein riesiges Paket. Dahinter kam ein Gesicht zum Vorschein. Ein Nachtbote, vermutlich ein Arantai, aber Elfrun gab sich nicht zu erkennen. Sie unterschrieb auf dem elektronischen Gerät und nahm das Paket entgegen. Der Bote bedankte sich und eilte zurück zu seinem Wagen, während Elfrun mit dem Fuß die Tür schloss. Sie lief die Kellertreppe hinunter, dieses Mal vorsichtig, weil sie keine Hand freihatte, um ihre Röcke zu raffen. Einmal strauchelte sie ein wenig, weil sich ihr Stiefel im Rocksaum verfangen hatte, aber sie stützte sich schnell mit der Schulter an der Wand ab und erreichte ihr Lieblingszimmer im Keller.
   Der Karton landete auf dem Sofa und Elfrun pustete gegen die tausend Klebebänder, die es zusammenhielten, der Karton klappte auf, die Klebebänder ringelten sich von selbst zusammen und da lagen sie vor ihr. Elfruns neue Kleider.
   Lachend schlug sie die Hand vor den Mund. »Oh, da habe ich mich mal wieder nicht zurückhalten können.«
   Als Erstes fischte sie eine schmal geschnittene dunkelblaue Hose aus dem Stapel, dazu ein Oberteil aus matt glänzender türkisfarbener Seide und eine flauschige beinahe knielange Strickjacke aus Angora, ebenfalls nachtblau. Elfrun rannte zu dem großen Spiegel, riss sich das lange Kleid vom Körper und stieg in die Hose. Sie passte wie angegossen. Entzückt drehte sich Elfrun. Ihre Unterwäsche passte farblich wunderbar, aber das war kein Wunder, schließlich besaß Elfrun fast nur Kleidungsstücke in Blau, und das galt selbstverständlich auch für ihre Unterwäsche. Und diese hatte in den letzten hundert Jahren nur sie gesehen.
   Würde sich das in den nächsten Tagen ändern? Elfruns Wangen wurden warm, als sie darüber nachdachte. Neunzehn Jahre waren lang, aber wenn man so alt war wie Elfrun, war es keine lange Zeit, um auf jemanden zu warten, dem man endlich seine Liebe gestehen wollte. Und dieses Mal hatte sich Elfrun fest vorgenommen, es ihm zu sagen.
   Doch dann hielt Elfrun inne und ließ die Kleider sinken. Damals hatte er ihre Gefühle erwidert, so hatte es Mahin gesagt. Aber was war jetzt? Vielleicht waren neunzehn Jahre für ihn zu lang und er dachte längst nicht mehr so sehr an sie oder hatte sogar jemanden kennengelernt in der anderen Welt. Elfrun starrte nach draußen in die dunkle Nacht. Vielleicht hatte sie sich all die Jahre etwas vorgemacht.

Kapitel 5
Muskelspiele

Nayara war sich äußerst bewusst, dass Aidan eine angenehme Wärme aussandte. Und die Hitze in ihren Wangen lag nicht an den Feuergeistern, dessen war sie sich sicher. Irgendwie machte Aidan sie nervös. Sie wusste kaum, was sie mit ihren Händen anstellen sollte, wusste nicht, was sie sagen sollte. Auf einmal fiel ihr nichts mehr ein, was sie noch mehr irritierte. Schließlich war es überhaupt nichts Ungewöhnliches, dass Arantai kurze Zeit nackt herumliefen. Sie hatte viele Männer gesehen, warum also machte sie Aidans Anblick so unruhig? Er sah gut aus, natürlich. Seine Haut war leicht gebräunt, das Spiel seiner Muskeln, während er sich seine Feuerfadenkleider auf den Körper gewebt hatte, hatte sie so fasziniert, dass sie es ständig wieder vor sich sah. Igna wisperte mit den Feuergeistern, und es war Nayara fast, als sprachen sie über sie. Über sie und Aidan.
   Zum Glück blieb ihr Vater in diesem Moment stehen. Vor ihnen ragte eine hohe Felswand in den Himmel.
   »Wir sind gleich da«, sagte er und deutete auf die Felswand. »Das Dorf deiner Mutter.«
   Endlich etwas, was sie von ihren abstrusen Gedanken ablenken konnte! Nayara sah sich aufmerksam um. Ihr Blick verlor sich in der Weite der Wiese hinter ihnen und tastete die Felswand vor ihnen ab. Sie wusste nicht, was dahinterlag. Ein Vulkan konnte es nicht ein. Ein anderer Berg, der kühler war, vielleicht? Hier war ihre Mutter also aufgewachsen, und von den Geschichten wusste sie, dass sie hier in der Nähe auch Nayaras Vater zum ersten Mal begegnet war. Unwillkürlich überlegte sie, wann sie Aidan das erste Mal gesehen hatte, aber das war natürlich müßig. Vermutlich wenige Tage nach ihrer Geburt und daran konnte sie sich beim besten Willen nicht erinnern. Erinnern konnte sie sich nur an tausend Situationen, in denen er sie mit Raja besucht hatte.
   Nayara musste daran denken, wie Raja ihr eines Nachts ihr Skizzenbuch gezeigt hatte. Ihre Worte hörte sie immer noch. »Aidan ist ganz vernarrt in meine Bilder.«
   Schon damals hatte Nayara der Satz gestört, sie hatte nur nie verstanden, warum. Ein bisschen bewundert hatte sie Aidan schon immer, aber eigentlich hatte sie gedacht, dass sie neidisch auf seine Liebe war, seine Liebe zu Raja. Die beiden waren viele Jahre zusammen gewesen, und manchmal hatte Nayara den Eindruck, dass er sie immer noch liebte. Denkbar schlechte Vorzeichen für sie. Aber warum? Nie hatte sie in Erwägung gezogen, dass Aidan mehr sein konnte als ein Freund. Er war die ganzen Jahre beinahe wie ein Bruder gewesen, zudem ja auch viel älter. Nur jetzt, wo sie beinahe neunzehn war, schrumpfte der Altersunterschied irgendwie, weil sie gleich alt aussahen. Aidan war ein Arantai und hatte an seinem neunzehnten Geburtstag zeitgleich mit seiner Verwandlung auch aufgehört, äußerlich zu altern. Auf einmal sah er nicht mehr aus wie der ältere Bruder, und Nayara schluckte. Wegen ihrer blöden Eingebung vorhin würde Aidan sie auf die Erde begleiten und beschützen müssen. Mit seinen Feuerkleidern, denn ohne ihn war sie praktisch nackt. Und dem Kältetod geweiht, sofern ihre Mutter recht hatte.
   »Wollen wir nicht hineingehen?«, fragte Aidan und räusperte sich.
   Nayara schreckte aus ihren grusligen Gedanken auf und starrte ihn an, dann schüttelte sie den Kopf und nickte, als sie merkte, dass Aidan sie noch entgeisterter ansah, als vorhin schon. »Ja, wir können reingehen«, sagte sie lahm.
   Jetzt drehte sich auch noch ihr Vater um und betrachtete sie mit schief gelegtem Kopf und einem leichten Grinsen auf den Lippen. Wie immer hatte Nayara das Gefühl, dass er sie durchschaute, denn das tat er immer. Vermutlich lag es einfach daran, dass sie Kinder der Sonne waren, als Einzige hier in Axikon.
   »Soll ich euch einen Moment allein lassen?«, fragte er und zwinkerte Aidan zu.
   An Aidans Gesichtsausdruck änderte sich nichts, nur dass er jetzt ihren Vater mit seiner entgeisterten Miene betrachtete. »Geht schon«, sagte er.
   Nayara hatte kurz den Eindruck, dass sich seine Wangen röteten. Peinlicher ging es nun auch wirklich nicht. Es klang ja fast so, als nähme ihr Vater an, dass Aidan und sie allein sein wollten, um … ja, was eigentlich? Sich zu küssen? Wahnsinn. Nein. Er sah gut aus, ja. Aber das hieß ja noch lange nicht …
   »Von mir aus können wir«, sagte Aidan und warf einen kurzen Blick zu Nayara.
   Ihr fiel erst jetzt auf, dass auch er die ganze Zeit nicht gesprochen hatte. Woran er wohl dachte? Dass es ein Tabu war, Männer danach zu fragen, was sie dachten, wusste sie natürlich. Danach schien ihr Vater mit Aidan in Gedanken zu kommunizieren, denn die beiden schwiegen auf eine konzentrierte Art. Nayara versuchte, an seinen Augen abzulesen, was er dachte. Vermutlich warnte ihr Vater ihn gerade davor, Nayara aus den Augen zu lassen und immer für ihre Sicherheit zu sorgen. O Gott! Hoffentlich gab er ihm nicht irgendwelche anderen Ratschläge sie betreffend. Sie seufzte etwas lauter als beabsichtigt, und ihr Vater sah sie erstaunt an.
   »Langeweile?«, fragte er. »Oder bist du mit deinen Gedanken schon auf der Erde?« Sein Blick schnellte zu Aidan, aber er erwähnte ihn nicht, und Nayara war dafür sehr dankbar.
   »Ja«, sagte sie und suchte schnell nach etwas Unverfänglichem. »Ich werde zum ersten Mal die Sonne sehen, und das kann ich kaum erwarten!« Als sie es aussprach, breitete sich tatsächlich wieder die Aufregung in ihrem Herzen aus, und sie versuchte mit aller Macht, das Gefühl zu verdrängen, das seit ihrem Besuch auf der Herbstinsel an ihr nagte. Aber dann war da ja noch Aidan. Sie würde die ganze Zeit mit ihm verbringen müssen, und jetzt, wo ihr Vater diese merkwürdigen Gedanken in ihr in Gang gesetzt hatte, dass Aidan mehr sein könnte als ein Bruder … O Mann. Na ja, vermutlich würden sie in den ganzen zwei Wochen nur zehn Wörter wechseln oder so, weil sie dauernd an seine Brustmuskeln denken musste und er an Raja. Schöne Aussichten.
   Gerade als Nayara endlich weitergehen und nicht mehr über Aidan oder die Kälte nachdenken wollte, landete Kasumi vor ihnen. Sie hatte ihre Schwingen noch hoch erhoben, und das Mondlicht beleuchtete ihre Silhouette von hinten. Nayara schauderte kurz. Die Mondschwinge war ihr immer noch ein wenig unheimlich, obwohl sie sie gut kannte. Vielleicht war es einfach die Tatsache, dass Kasumi das genaue Gegenteil von ihr war. Kasumi war wie die Nacht und der Mond, blau, silber und mysteriös. Doch ihr Vater und Kasumi umarmten sich herzlich, und auch Aidan begrüßte sie erfreut.
   »Hey, Nayara«, sagte sie und kam herüber. Sie faltete die riesigen Schwingen eng zusammen und war nun nicht mehr viel größer als Nayara selbst und damit etwas weniger unheimlich. Ob sie wohl wusste, wie Nayara dachte? Hoffentlich nicht. »Bestimmt haben deine Großeltern ein riesiges Willkommensfest für dich vorbereitet! Worauf wartet ihr denn?«
   Tatsächlich schwebte etwas Gelächter und sanfte Musik hinter der Felswand hervor, und sie folgten einfach den Klängen. Hinter der Felswand öffnete sich ein Gang durch weitere Felsen und Nayara fühlte sich etwas sicherer, es erinnerte sie sogar ein wenig an ihr Zuhause. Am Ende der Felsschlucht kamen sie auf eine grasbewachsene Ebene mit Bäumen, niedrigen Felsen und einem schmalen Bachlauf. Nayara beäugte das Wasser misstrauisch. Wie in alten Tagen griff Aidan nach ihrer Hand und zog sie weiter. Er lachte, offenbar über ihren Gesichtsausdruck. Wütend blieb sie stehen.
   »Es ist neu für mich«, sagte sie leicht knurrend.
   »Was?«, fragte Aidan, und über die Verwirrung in seinem Gesicht konnte sie fast schon wieder lachen, aber sie war immer noch sauer.
   »Feuriges Temperament«, flüsterte Kasumi Aidan zu, als sie vorbeiging, allerdings so laut, dass auch Nayara es hören konnte. »Aber das müsstest du ja kennen, ihr habt schließlich einiges gemeinsam.«
   Schlagartig wurde Nayara bewusst, dass Aidan noch immer ihre Hand hielt. Zeitgleich ließen sie los.
   »Es war nicht so gemeint«, sagte Aidan. »Ich lache nicht über dich, aber du sahst eben echt süß aus.« Er wirkte fast erschrocken über seine eigenen Worte, und Nayara war wahnsinnig froh, als ihre Großmutter Charmine auf einmal angelaufen kam und sie in die Arme schloss, dann aber blitzschnell wieder losließ und sich verstohlen über die schwarzen Stellen auf ihrer Kleidung wischte. Die Berührung hatte auch bei Nayara Spuren hinterlassen, kalte Spuren, und als sie an sich hinunterblickte, sah sie, dass einige kleine Löcher in der Feuerkleidung prangten. Sie zupfte an ihnen und versuchte die Fäden wieder zu verbinden, aber es wollte ihr nicht recht gelingen. Durch ihre hektischen Bewegungen hatte sie allerdings Aidans Aufmerksamkeit bekommen, der nun mit einem konzentrierten Blick die Feuerfäden schloss, dann aber seinen Blick wieder zu den anderen richtete.
   »Ihr Lieben! Willkommen bei uns Zuhause, Nayara! Ich hätte dich schon längst zu mir geholt, aber du kennst ja deine Mutter. Und sie hat natürlich recht, wenn sie dich in Sicherheit wissen will.«
   Nayara nickte und erspähte in dem Moment Sotai in der Menge. Ihr Blick war verschlossen und ihre Augen glitzerten wütend.

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