Für die Menschen, die unter der strengen Kontrolle der Oberen aufwachsen, sind sie nur ein Gerücht, ein Flüstern, das der Wind von Zeit zu Zeit weiterträgt. Ihren Namen zu nennen, gleicht Blasphemie, und in den verbotenen Schriften über sie zu lesen, wird mit dem Pranger bestraft. Auf Sasha haben die Legenden über die verbotenen Kreaturen schon immer einen besonderen Reiz ausgeübt. Für die Herrscher dieser Welt sind sie schlichtweg nicht mehr existent. Vampire. Als sie Darius begegnet, fühlen sie sich übernatürlich zueinander hingezogen. Sasha zögert nicht und schließt sich Darius an. Gemeinsam suchen sie nach uralten Hinweisen, um einem verloren geglaubten Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ein Artefakt, das seiner dem Untergang geweihten Rasse eine Chance geben könnte.

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ISBN: 978-9963-53-234-6

Seiten: 315

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Carmen Gerstenberger

Carmen Gerstenberger
Carmen Gerstenberger, 1977 in Esslingen am Neckar geboren, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem kleinen Ort in der Nähe. Die Liebe zu Büchern und Fantasy hat Carmen schon immer begleitet, doch erst 2014 wagte sie sich an ihr erstes Manuskript. Seitdem schreibt sie romantische, lustige oder fantastische Geschichten und hofft, dass sie noch viele weitere erzählen darf.

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Leseprobe

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Kapitel 1

Die Schlacht war zu Ende. Erschöpft ließ sich Darius auf die Knie sinken. Sein Blick glitt über die zahlreichen, leblosen Körper, die überall um ihn herum im langsam aufkommenden Nebel lagen. Es war endgültig vorbei. Nach neunhundert Jahren war der Krieg zu Ende. Jetzt und hier.
   Darius zitterte vor Schmerz und Erschöpfung, Blut sickerte unaufhörlich aus seinen Wunden. Er konnte sich kaum noch aufrecht halten, wusste nicht, wann er zuletzt geschlafen oder Nahrung aufgenommen hatte. Er hörte die Schreie seiner sterbenden Freunde in der Dunkelheit der eisigen Nacht, wollte zu ihnen, helfen und für sie kämpfen, doch es war zwecklos. Sie hatten die alles entscheidende Schlacht verloren. Darius ließ den Blick über das Feld gleiten, das nun sicher in die Geschichte eingehen würde.
   Sein Atem ging schwer und sein Gehirn wollte nicht wahrnehmen, was er sah, was all dies bedeutete. Seine Art hatte den Krieg verloren. Ihre Gegner kamen bereits, um die wenigen Überlebenden einzusammeln und hinzurichten. Alle waren umsonst gestorben. Seine Freunde, seine Familie.
   Als das Bild von seiner Frau Luina vor seinem geistigen Auge erschien, die wie alle anderen kaltblütig niedergemetzelt wurde, gab er auf. Seine Kraft und sein Wille verließen ihn.
   Er wehrte sich nicht, als die Henker kamen, um ihn mitzunehmen. Kalte Hände packten ihn und zerrten ihn hoch, schleiften ihn mit.
   Darius lächelte. Bald würde er bei Luina sein.


Kapitel 1
Gedanken

Sasha fluchte, sie hatte eine Verabredung mit ihrem alten, geschätzten Freund Simeon und war bereits viel zu spät. Nun war sie gezwungen, die Abkürzung durch den Park zu nehmen, um noch pünktlich zu sein. Sie hielt sich gern dort auf, er war ihr lediglich im Dunkeln ein wenig unheimlich. Es lag nicht an dem grotesken Denkmal, das in der Mitte des Parks thronte und an den Ewigen Krieg erinnern sollte, der genau an diesem Ort vor fünfhundert Jahren sein Ende gefunden hatte, denn dorthin zog es sie jedes Mal aus einem ihr unerklärlichen Grund. Doch immer, wenn sie den Park durchquerte, durchfuhr sie ein Schaudern. Dann kamen ihr die Gerüchte über Verdammte in den Sinn, die den Krieg überlebt hatten und des Öfteren gesichtet wurden.
   Sie schüttelte sich. Allein der Gedanke daran, einem von ihnen zu begegnen, bereitete ihr Gänsehaut, denn die Vorstellung eines solch unnatürlichen Wesens ängstigte sie. Wie sie wohl aussahen? Sasha schalt sich. Warum sollten sie anders aussehen als sie? Die Informationen, die sie bisher über sie bekommen hatte, waren recht dürftig. Es war verboten, über die Verdammten zu sprechen.
   Die Sommernacht hüllte sie angenehm warm ein, doch trotzdem fröstelte es sie. Sie konnte ihre Gedanken nicht von den Geschichten lassen, die seit Hunderten von Jahren erzählt wurden und die sie bereits ihr gesamtes Leben faszinierten. Jedes Kind bekam die gleiche Geschichte in der Akademie eingetrichtert, in der sie von den Gelehrten unterrichtet wurden. In der heutigen Zeit wuchsen alle mit dem Wissen auf, dass es vor etlichen Jahrhunderten zwei Rassen auf der Erde gegeben hatte, die sich das Leben auf ihr teilten. Bis der Krieg kam, der ganze neunhundert Jahre andauerte. Ein ungleicher Krieg, denn die Menschen starben nach einer natürlichen Zeitspanne, die Verdammten oder Anderen, wie Sasha sie auch nannte, jedoch nicht. So kam es, dass Generationen von Menschen gegen ein und dieselbe Generation der Anderen kämpften.
   Eigentlich hätte der Krieg durch die ungleiche Verteilung von Kraft und Stärke sehr bald zugunsten der Anderen entschieden werden müssen. Eine Antwort darauf gab es von den Oberen, den Herrschern ihrer Welt, nicht. Sasha hatte deswegen mit ihren Freunden stundenlang in der Bibliothek gesessen und sämtliche Aufzeichnungen der Geschichte wieder und wieder verschlungen. Zumindest das, was noch übrig war, eben jenes, was für die Öffentlichkeit bestimmt war. Jedoch vergeblich, ihnen wurde nur das Wissen gewährt, das die Oberen für richtig hielten. Es war auch nicht ungefährlich, denn es war verboten, sich zu genau über die große Schlacht zu informieren. Das sahen die Herrscher nicht gern.
   Sasha schnaubte. Sie hatte schon immer das Gefühl gehabt, dass ihnen wichtige Informationen vorenthalten wurden, und diese Ansicht teilten einige ihrer Freunde. Eines Abends brachte einer von ihnen einen Fremden mit in die kleine Verschwörungsrunde. Dieser wusste von brisanten Details zu berichten, unter anderem, dass der Krieg von den Menschen begonnen worden war.
   Während Sasha durch die nächtlichen Straßen in Richtung Park lief, durchdachte sie erneut das Unmögliche. Die Menschen, ihre Rasse, hatten den Krieg begonnen? Nicht die Anderen, wie es ihnen von Kindesbeinen an gesagt wurde? So sehr sich Sasha auch gegen diese Behauptung sträubte, so sehr gestand sie sich ein, dass diese Sache einen wahren Kern haben musste. Schließlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie hatte die Antwort auf eine uralte Frage. Warum hatte der Krieg neunhundert Jahre gedauert, während die Menschen starben und die Anderen nicht? Weil die Anderen diesen Krieg nicht führen wollten, nicht mit allen Mitteln kämpften. Weil sie sich lediglich verteidigt hatten.
   Die heimlichen und verbotenen Geschichten, die sich um die letzte Schlacht rankten, waren verschieden. Ihr gefiel eine Version besonders gut. In dieser hieß es, dass es unter den Anderen einen großen Kämpfer gegeben hatte, der bereits seine Frau an die Menschen verloren hatte, doch immer weiter kämpfte, bis zum bitteren Ende. Als die Letzten seiner Art fielen, soll er einen schrecklichen, verzweifelten Schrei in den Himmel geschickt haben. Er soll sogar gelächelt haben, als die Menschen ihn packten, um ihn zu richten.
   Jedes Mal, wenn Sasha an diese Geschichte dachte, zog sich ihr Herz zusammen. Dieser Mann musste ein wirklicher Held gewesen sein. Stets fragte sie sich aufs Neue, warum er wohl gelächelt haben mochte, als sein Ende nahte. Sie malte sich aus, dass er nach seinem Tod mit seiner Familie und all seinen gefallenen Freunden vereint worden war, und ihr Herz wurde leichter. Sasha wusste nicht, weshalb, doch sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass er so viel hatte leiden müssen.
   In ihrer Welt gab es keine Helden mehr. Seit dem Krieg waren fünfhundert Jahre vergangen, so vieles hatte sich geändert. Sie kannte die Welt zwar nicht anders, doch das Wissen, dass es einst anders gewesen war, ließ ihr keine Ruhe. Eine Welt ohne totale Kontrolle durch die Oberen, die nicht auf den Trümmern und dem Tod einer Rasse aufgebaut worden war.
   Sie war wie stets so in ihre Überlegungen vertieft gewesen, dass ihr nicht auffiel, dass sie den Park bereits zur Hälfte durchquert hatte. Während ihre Gedanken sie wieder einmal zu längst Vergangenem trugen, hatten ihre Füße sie offensichtlich vor das Denkmal bugsiert. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und betrachtete die Figur oder was immer das Gebilde darstellen sollte. Für Sasha war das Mahnmal ein Andenken an den stolzen Krieger. Trotz der angenehmen Nachtluft fröstelte es sie erneut. Sie legte eine Hand auf den Sockel und fuhr mit dem Zeigefinger über die dort angebrachte Inschrift. »Ich hoffe, es geht dir gut, mein tapferer Held, wo immer du auch sein magst«, flüsterte sie.
   Das tat sie jedes Mal, wenn sie an dem Denkmal vorbei kam. Ihren Krieger ehren. Sie kniete sich hin und verweilte in sich versunken einen Augenblick. Da sie bereits jetzt schon zu spät zu ihrer Verabredung kommen würde, untersagte sie sich heute weitere Fantasien über ihren Kämpfer.
   Ein Rascheln schreckte sie aus ihren Gedanken und ließ sie auffahren. Hatte sie tatsächlich ein Geräusch gehört oder spielten ihre Sinne ihr nur einen Streich? In diesem Moment fielen ihr die Gerüchte wieder ein. Ein Anderer trieb sich angeblich im Park herum, und weil sie sich wieder zu sehr mit der Geschichte ihrer Welt beschäftigt hatte, war ihr diese Tatsache zuvor entgangen. Sie schluckte. Offiziell war die Rasse der Anderen ausgelöscht worden, tatsächlich hatten aber, trotz aller Versuche der Menschen, einige überlebt. Das wusste Sasha wie alle Menschen, da es in der Vergangenheit zu seltenen Angriffen gekommen war, obwohl die Oberen dies immer bestritten und zu vertuschen versucht hatten. Es war sogar untersagt, derlei Gerüchte in die Welt zu setzen, da die Herrscher sich einig waren: Die verhasste Zweitrasse war durch die Demonstration ihrer Macht vernichtet worden und jeder Zweifel käme einem Verrat am Glauben der Herrscher gleich. Verstieß man gegen eine der unzähligen Regeln oder fiel man unangenehm auf, schickten sie ihre Wächter. Und einem Wächter entkam man nicht. In der heutigen Welt wurden selbst die kleinsten Vergehen bitter bestraft und Ungläubige ohne Anhörung vernichtet.
   Es gab jedoch einen gravierenden Unterschied dazwischen, die Wahrheit zu kennen und direkt davor zu stehen. Sasha hatte nicht vor, einem der Anderen plötzlich von Auge zu Auge gegenüberzutreten. Auch wenn sie nicht wusste, was sie in diesem Fall erwartete, wollte sie es lieber nicht herausfinden.
   Sie strich noch einmal über die Inschrift am Sockel des Denkmals. Es war Jahrhunderte her, dass sie in den Marmor gehauen worden war, verfasst in der alten Sprache der neuen Rasse, bevor diese gezwungen worden war, die ihre anzunehmen. Sasha konnte sie nicht lesen, da nicht einmal in der Bibliothek Schriften existierten, durch welche sie die alte Sprache hätte lernen können. Sie nahm jedoch an, dass es eine Warnung für die Anderen sein sollte, zu welchem Zweck hätten die Oberen ihre Macht ansonsten zur Schau stellen sollen, außer zur Erinnerung an die eine, alles entscheidende Schlacht gegen die Vampire. Seit jener Zeit war es verboten, die Vampire beim Namen zu nennen. Die Obersten nannten sie nur noch die Verdammten. Sasha und ihre Freunde nannten sie die Anderen.

*

Er saß geduckt im Schutz der Büsche, sein Atem ging flach und die Muskeln waren zum Zerreißen gespannt. Alles an ihm war bereit zur sofortigen Flucht, sollte er entdeckt werden. Er durchforstete in Sekundenschnelle das Gebiet um ihn herum, doch ihm drohte vorerst keine Gefahr, und er entspannte sich ein wenig. Sein Blick glitt wieder zu der Gestalt vor ihm, die er bereits seit einigen Minuten beobachtete und wegen der er sich zum wiederholten Mal dem Risiko auslieferte, entdeckt zu werden.
   Es war einige Wochen her, dass er sie zum ersten Mal bemerkt hatte. Er hatte im Park gejagt und war manchmal gezwungen, sich weiter von seinem Versteck zu entfernen, als ihm lieb war. Obwohl dies der letzte Platz auf Erden war, an dem er gern sein wollte, führte ihn ein innerer Drang immer wieder aufs Neue an diesen Ort. So vieles hatte sich verändert. Er schnaubte verächtlich.
   Natürlich hatte sich vieles verändert. In diesem Jahr jährte sich das Ende des Massakers bereits zum fünfhundertsten Mal. Schmerz durchfuhr ihn, und er presste die Lippen zusammen. Die Welt hatte sich verändert, ja, doch seine Familie und Freunde hatten diese Chance nicht bekommen, seine Rasse hatte sie nicht bekommen. Sie waren ausgelöscht worden, bis auf wenige unter ihnen. Die Überlebenden hielten sich so gut im Untergrund versteckt, dass nicht einmal die Oberen oder ihre Wächter sie aufspüren konnten. Geschah dies doch einmal, gab es kein Entkommen. Die Gesetze der Oberen verlangten die Todesstrafe für alle Vampire – die Verdammten, wie sie seine Art nannten.
   Er lachte auf. Nicht einmal beim Namen durften sie mehr genannt werden, als ob sie nie existiert hätten. Eine eisige Hand legte sich um sein Herz. Wut und all der Hass auf die Oberen begannen wieder, in ihm zu brodeln. Sie durften jedoch nicht an die Oberfläche gelangen, denn dann würde er zu eben jenem Raubtier werden, das die Oberen eigentlich jagten. Sie konnten ihn auch nur aufspüren, wenn er das Raubtier in sich freiließ und somit unvorsichtig wurde.
   Er versuchte, sich auf die Person zu konzentrieren, wegen der er hier war. Nachdem sie ihm zum ersten Mal aufgefallen war, hatte es ihn immer wieder hergezogen, in der Hoffnung, aus ihr schlau zu werden. Sie saß wie stets nachdenklich vor dem mächtigen Mahnmal, das die Herrscher hatten aufstellen lassen, strich über die Inschrift und murmelte für ihn unverständliche Worte. Sein Gehör war zwar das eines Raubtieres, doch sie flüsterte zu leise, sodass ihre Worte unter dem Mantel der Dunkelheit ungehört verhallten.
   Sie hatte beim ersten Mal sein Interesse geweckt, weil sie dem Denkmal laut Fragen stellte, die kein Mensch sich aus Angst vor den Oberen trauen würde. Fragen über den Krieg, ob die Legenden Wahrheit oder Lügen waren. Damals hatte er überrascht innegehalten. Sie sollte ursprünglich seine Mahlzeit werden, doch ihre Fragen berührten sein Innerstes, den abgrundtiefen Hass auf die Menschen und all ihre Lügen, die sie seit Jahrhunderten verbreiteten. Es hatte ihn neugierig gemacht, dass sie die Wahrheit der Oberen hinterfragte. Die Menschen kümmerten sich nicht um die Vampire oder die alten Legenden. Sie lebten nach den Regeln und Gesetzen der Herrscher. Ausnahmen gab es nicht, zumindest hatte er bisher keine jemals lebendig angetroffen.
   Seitdem kam er des Öfteren an diesen Ort, stets in der Hoffnung, sie zu sehen und aus ihrem Gesagten schlau zu werden, denn sie sprach immer mit dem Denkmal, und meistens verstand er ihre Worte. Sie hatte einen bestimmten Helden, den sie offensichtlich verehrte und mit diesem imaginären Freund unterhielt sie sich jedes Mal.
   Heute hatte er Glück, auch wenn sie wieder in ihren Gedanken versunken schien. Ihr Erscheinen bedeutete eine kleine, willkommene Abwechslung in seinem tristen Leben.
   Er hörte das Knacken im selben Moment wie sie und verfluchte sich, dass er den Grund nicht bereits zuvor vernommen hatte, da er von ihr zu abgelenkt gewesen war. Sofort spannten sich seine Muskeln an. Er suchte die Umgebung ab, doch er konnte nichts entdecken. Das Geräusch brachte die Frau jedoch dazu, aufzubrechen. Beinah enttäuscht machte er sich daran, davonzuschleichen.
   Plötzlich hörte er ihren erstickten Aufschrei. Bevor er nachdenken konnte, war er bei ihr und packte den großen, übel riechenden Kerl, der sie zu Boden gerissen hatte und mit einem dreckigen Grinsen auf ihr lag, am Genick und biss zu. Im selben Moment wurde ihm bewusst, dass er, ohne nachzudenken, seine Tarnung aufgegeben hatte. Er fluchte innerlich. Niemals zuvor war er so unachtsam gewesen, doch diese Menschenfrau, die ihn faszinierte, löste ein Gefühl der Sicherheit in ihm aus. Sie würde ihn nicht verraten.
   Während er den Mistkerl aussaugte, sah er sie über dessen rechte Schulter an. Ihre Augen weiteten sich, und das blanke Entsetzen stand darin. Er konnte es ihr nicht verübeln. All die Lügen, die man den Menschen über seine Art erzählt hatte, musste sie nun sicher bestätigt sehen. Die Alternative wäre jedoch denkbar ungünstiger für sie ausgegangen. Sie hätte sehr viel Glück gehabt, wenn sie mit dem Leben davongekommen wäre, nachdem der Kerl erst einmal von ihr abgelassen hätte.
   In seine Gedanken hinein spürte er, wie der Herzschlag des Mannes schwächer wurde, der ihm heute als Abendessen diente. Er hatte große Lust, das Zeichen zu ignorieren und einfach weiter zu saugen, bis alles Leben aus diesem Dreckskerl verschwunden war und er nie wieder einer Frau etwas zuleide tun konnte, doch ihr angsterfüllter Blick lag noch immer auf ihm. Er gab sich einen Ruck, ließ von dem Mann ab und ihn achtlos auf das Gras fallen.
   Mit dem Handrücken fuhr er sich über den Mund, während er den Blick nicht von ihren Augen lösen konnte. Sie lag noch immer am Boden, er konnte ihre Angst riechen. Beinah hätte er gelächelt. Die Menschen waren Barbaren, die alles verurteilten und auslöschten, das anders war als sie und das sie nicht verstanden.
   Seine Wut gewann langsam wieder die Oberhand, und das half ihm, sich von ihrem Blick zu lösen. Fast bedauerte er es, denn er hatte noch nie solche Augen gesehen. Grünes Feuer schien in ihnen zu lodern. Faszinierend. Ihre schwarzen Haare gaben den perfekten Kontrast zu dem stechenden Grün.
   »Wird es wehtun?«
   »Wird was wehtun?«, brummte er nach reiflicher Überlegung, ob er sich auf ein Gespräch mit ihr einlassen oder lieber sofort verschwinden sollte. Er hatte seine Stimme seit einiger Zeit nicht mehr benutzt, und sie kam ihm fremd vor. Sein Leben bestand aus der Flucht vor den Oberen, und in seinem Versteck gab es niemanden, mit dem er sich hätte unterhalten können. Nicht, dass er besonderen Wert darauf legen würde.
   »Wenn Sie mich beißen. Wird es sehr wehtun?« Unschuldig sah sie ihn an.
   Augen waren sehr aufschlussreich, denn die Menschen sagten nie, was sie dachten. Sie lebten mit ihren Lügen, doch in ihrem Blick ließ sich immer die Wahrheit lesen. Bei ihr las er … keine Angst mehr? Er stutzte. Sie lag vor ihm auf dem Boden, in dem Glauben, er würde sie jeden Moment beißen und töten, doch sie bettelte nicht. Nicht mit Worten und nicht mit Blicken. Er biss die Zähne zusammen. Schon viel zu lang hatte er sich an ein und derselben Stelle aufgehalten. Zudem hatte sie ihn gesehen. Er sollte schnellstens verschwinden. Was kümmerte ihn da das Denken eines Menschen? »Ich werde Sie nicht beißen.« Er streckte ihr eine Hand entgegen, um ihr aufzuhelfen.
   »Warum nicht?«
   Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Er hielt in seiner Bewegung inne. »Weil ich satt bin«, war alles, was ihm dazu einfallen wollte.
   Ihr Blick glitt zu dem Kerl, der regungslos im Gras lag. »Ist er …?«
   »Nein. Kommen Sie, bitte.« Er wackelte mit der Hand, die er ihr immer noch entgegenstreckte.
   »Wie bitte?«
   »Kommen Sie bitte mit, ich habe leider nicht die ganze Nacht Zeit.« Zögernd streckte sie ihm eine Hand entgegen. Mit einem Ruck zog er sie auf die Beine, sodass sie neben ihm stand.

*

Da hatte sie leibhaftig eine Begegnung mit einem der Anderen. Sasha konnte es nicht fassen. Jahrelang hatte sie sich Gedanken darüber gemacht und jetzt stand er hier und – sah einfach umwerfend aus. Sie sollte sich vor ihm fürchten und weglaufen, doch merkwürdigerweise hatte sich, sofort als er den Kerl von ihr gerissen hatte, ein Gefühl der Sicherheit über sie gelegt. Instinktiv spürte sie, dass sie von ihm keine Gefahr zu erwarten hatte. Natürlich konnten Gefühle auch täuschen, daher hatte sie ihn gefragt, ob er vorhatte, sie zu beißen. Sie lächelte über sich selbst, als ob er es ihr gesagt hätte, wenn er vorgehabt hätte, sie zu töten.
   Und nun stand sie neben ihm und kam nicht umhin, ihn anzusehen. Sie war sprachlos. Die Männer in ihrer Welt waren noch nicht einmal einen Vergleich wert.
   Nachdem die Oberen vor Jahrhunderten angefangen hatten, Geburten zu kontrollieren, indem sie den Nachwuchs in ihren Laboren produzierten und es untersagt wurde, sich zukünftig fortzupflanzen, geschweige denn Körperkontakt zu haben, gab es heute kaum noch äußerlich bemerkenswerte Menschen. Denn die Oberen hielten Intelligenz und Macht am erstrebenswertesten. Sie züchteten ihre Wunschmenschen. In Sashas Welt gab es ausnahmslos kluge Köpfe, Krankheiten waren so gut wie ausgelöscht, Werte wie Liebe und Familie jedoch Fremdwörter. Eine kleine Minderheit der Menschen durfte sich dennoch frei fortpflanzen. Denn die Elite benötigte jemanden, der die niedere Arbeit verrichtete. All das wurde strengstens von den Oberen kontrolliert. Nichts auf dieser Welt geschah, ohne dass sie ihre Finger im Spiel hatten.
   Sasha schüttelte den Kopf. Und bei all der kontrollierten Fortpflanzung gab es leider den Nebeneffekt, dass die Männer recht farblos waren. Zumindest war ihr noch nie ein Mann wie dieser begegnet.
   »Warum starren Sie mich so an?«
   Es war ihm sichtlich unangenehm, dass sie ihn ansah. Wahrscheinlich dachte er, dass sie ihn nun noch genauer beschreiben konnte. Vor allem seine Augen. Es waren die eines Raubtieres, gelb und gefährlich.
   »Sie starren immer noch«, murmelte er.
   Sie räusperte sich. »Verzeihen Sie. Es sind Ihre Augen. Eine äußerst ungewöhnliche Farbe.«
   »Nicht für einen Vampir.«
   »Vampir?« Fast hätte sie aufgeschrien und ihm gesagt, dass er das verbotene Wort niemals wieder aussprechen durfte, bis Sasha einfiel, dass die Gesetze der Oberen nicht für ihn galten.
   »Eure schwachsinnigen Begriffe für uns werde ich niemals in den Mund nehmen!«
   Seltsam. Sie hatte das plötzliche Bedürfnis ihn zu trösten, wollte ihm etwas von dem Schmerz nehmen, den sie für einen Augenblick in seinen Pupillen zu sehen geglaubt hatte. Auch er musste geliebte Menschen verloren haben. Nein – nicht Menschen. Sagte man geliebte Vampire? Sie konnte sich nicht einmal annähernd vorstellen, welche Hölle dieses Leben sein musste. Dazu verdammt, für immer auf der Flucht zu sein, im Untergrund zu leben, gejagt zu werden, allein zu sein. Und lebten Vampire nicht ewig? Oder zumindest eine ganze Weile? Wenn die Oberen nicht schneller waren. Eine Ewigkeit in Einsamkeit. Sie seufzte.
   »Sie sollten nachts nicht allein in der Gegend herumlaufen. Und schon gar nicht im Park.« Sein Blick wirkte missbilligend. »Hier treibt sich der Abschaum herum.«
   Das wusste Sasha. Der Abschaum. Sie nannte diese Leute verlorene Seelen. Randprodukte der kontrollierten Fortpflanzung der Oberen. Verdrängt und vergessen von der Gesellschaft lebten die meisten von ihnen in kleinen Gemeinschaften zusammen. Im Park gab es einige Gruppierungen. Sasha kannte sie, sie waren harmlos. Mit dem IQ eines Kleinkindes ausgestattet und ohne Hilfe von außen vegetierten sie vor sich hin. Doch manchmal – so wie heute – kam es vor, dass einer von ihnen durchdrehte und etwas Dummes tat. Sasha hatte sich noch nie ernsthaft Sorgen gemacht, auch nicht, wenn sie nachts des Öfteren zu dem Denkmal gegangen war. Schließlich patrouillierten die Wächter in regelmäßigen Abständen durch den Park. Sie schalt sich in Gedanken, vielleicht sollte sie langsam anfangen, sich Sorgen zu machen. Wäre der Vampir, sie lächelte bei dem Gedanken, an ein verbotenes Wort zu denken, nicht gewesen, dann wäre ihr heute sicherlich Schlimmeres zugestoßen.
   »Ich dachte, es wäre einigermaßen sicher, schließlich kontrollieren die Wächter den Park und die Gegend um das Denkmal ganz besonders.«
   Er knurrte. »Das ist mein Stichwort. Sie werden verstehen, dass ich nicht noch einmal erpicht auf Gefängnis und Folter bin.« Noch bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte, drehte er sich um und war im Begriff, sie stehen zu lassen.
   Panik stieg urplötzlich in ihr auf. Er konnte sie jetzt nicht einfach allein lassen? Jetzt, wo sie endlich einen von ihnen in Fleisch und Blut gesehen hatte. Und hatte er gerade nicht noch einmal gesagt? Sie starrte ihm nach und Bilder von Blut und Qual schossen ihr durch den Kopf. Er war schon einmal ein Gefangener gewesen, der offensichtlich entkommen war. Sie hatte noch nie davon gehört, dass dies je einem Anderen – Vampir – gelungen war. Dann kam die Erkenntnis und ihre Augen weiteten sich. Konnte es sein, dass er in der großen Schlacht dabei gewesen war? War er einer derer, die das Ende des Krieges überlebt hatten und in Gefangenschaft gekommen waren? Doch soweit all ihre Informationen – und die aller anderen Menschen auf der Welt – zutrafen, hatte nicht ein einziger Vampir die Gefangenschaft überlebt. Sie waren ausnahmslos getötet worden. Doch der Blick in seine Augen verunsicherte sie. Könnte es möglich sein, dass es tatsächlich noch überlebende Vampire des Krieges gab? Zumindest einen? Bevor sie darüber nachdenken konnte, ob es eine gute Idee war, lief sie ihm hinterher. »Warten Sie. Bitte.«
   »Wenn Sie noch lauter brüllen, werden die Wächter auf uns aufmerksam!«
   Außer Atem kam sie bei ihm an. Er war schnell, das musste sie ihm lassen. »Bitte … gehen Sie nicht. Ich … ich habe noch so viele Fragen.«
   »Ich bin auf der Flucht und sollte längst weg sein, bevor die Wächter uns entdecken und Sie halten mich davon ab, weil Sie Fragen haben?«
   Sie ignorierte seinen Einwand und seinen entsetzt wirkenden Gesichtsausdruck. »Sie waren im Krieg, nicht wahr? Sie waren dabei?«
   Er musterte sie ausdruckslos. Sein Gesicht ließ auf keine Regung schließen. »Sie wissen nicht, wovon Sie sprechen. Bitte gehen Sie.« Seine Stimme war eisiger als jeder Winter, den sie in ihrem Leben erlebt hatte. »Sofort!« Er beugte sich zu ihr hinunter, wahrscheinlich um bedrohlich zu wirken. Sasha stutzte und ertappte sich dabei, wie sie zurückweichen wollte, doch dann straffte sie sich. Nein, sie würde nicht gehen. Sie wollte Antworten. Über all die Geschichten, die ihnen von klein auf erzählt wurden. Sie hatte schon lange die Vermutung, dass die meisten Geschichten Lügen der Oberen waren. Nun hatte sie die Möglichkeit, sich Bestätigung zu holen.
   »Sie müssen verrückt sein, Menschenfrau. Die Wächter könnten jeden Moment hier auftauchen und Sie wissen genau, was uns dann blüht.« Seine Stimme war kaum noch ein Flüstern. Weniger jedoch aus Angst, sondern aus Wut auf die Herrscher. Doch er hatte recht. Was ihm drohte, war der sichere Tod. Keine Gerichtsverhandlung, keine Gnade, das sofortige Auslöschen seines Lebens. Sie schauderte, denn für jeden Menschen, der dabei erwischt wurde, wie er mit einem Vampir Kontakt hatte, stand ebenso die Todesstrafe. Es hatte Exempel gegeben, lange vor ihrer Zeit. Die wenigen Fälle waren alle dokumentiert und von Generation zu Generation weitergegeben worden. Als Warnung und Mahnung. Lass dich mit dem Feind ein und du bist erledigt! Doch vor dem Tod wurden diese Menschen an den Pranger gestellt, als abschreckendes Beispiel für den Rest der Bevölkerung. Sie wurden beleidigt, geschlagen, gequält, litten unter Hunger und Durst. Sie wurden so lange gedemütigt, bis sie den Tod regelrecht herbeigesehnt hatten. Diese Gnade wurde ihnen erst nach endlosem Leiden gegönnt.
   Sasha schüttelte sich. Nein, sie hatte nicht vor, diese makabre Tradition fortzuführen.
   Der Vampir fluchte. Sie wirbelte herum, um nach dem Grund zu sehen, all ihr Blut sackte ihr in die Fußsohlen und ihr Körper versteifte sich. Sie blickte in die Gesichter von fünf Wächtern, die geradewegs auf sie zukamen.
   »Ihr Heiligen«, flüsterte sie und überschlug die Möglichkeiten, die ihnen noch blieben. Sie wurde mit einem Vampir gesichtet und würde nicht mehr unbeschadet aus dieser Situation herauskommen. Sasha hatte ihr ganzes Leben bisher nach den Gesetzen der Oberen gelebt, sie war niemals aufgefallen.
   Der Vampir stellte sich fast unmerklich vor sie, als wollte er sie beschützen. Ihr Herz schlug plötzlich einen Takt schneller, doch sie schob es der Angst zu.
   Die Wächter hatten sie erreicht und keiner von ihnen sah überrascht aus. Sasha hatte erwartet, dass sie bei dem Anblick eines Vampirs ebenso geschockt sein würden wie der Rest der Menschheit. Doch sie hatte sich geirrt. Die Wächter verzogen keine Miene, standen scheinbar gelassen mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor ihnen. Ihr undurchdringlicher Blick war auf den Vampir gerichtet. Sie trugen keine Waffen, diese brauchten sie auch nicht. Wächter hatten eine ganz besondere Waffe. Sie besaßen die Macht, Vampire durch die Kraft ihres Geistes zu töten. Wie dies funktionierte, wusste Sasha nicht. Hierüber gab es lediglich Mutmaßungen. Im Untergrund wurde gemunkelt, dass die Oberen so die Schlacht gegen die Vampire für sich entschieden hatten. All die Jahre hatten sie die Vampire nicht töten können und fieberhaft nach einer wirksamen Waffe gesucht, bis diese schließlich gefunden worden war. Das Ende der Vampire war besiegelt worden.
   Es hieß, dass die Oberen herausgefunden hatten, dass das Blut der Vampire der Schlüssel war. Es war ihre Lebenskraft, ihre Nahrung, also musste es auch ihr Verderben sein. Das Blut ließ sie ewig leben. Was, wenn ihr Blut verändert wurde? Wenn bestimmte Komponenten durch Laborversuche so weit zu einer Anomalie führten, bis das Blut die Vampire nicht mehr am Leben hielt, sondern sie tötete? Die Legenden besagten, dass die Oberen nahezu hundert Jahre benötigten, um die Lösung zu finden. Und als sie die Wächter schließlich gegen Ende in den Ewigen Krieg schickten, war es ein trauriger Kampf. Die Wächter schlachteten die Vampire regelrecht ab, die nun ums pure Überleben kämpften. Hatten sie die Menschen zuvor nur hingehalten, wurden sie nun einzig von dem Willen getrieben, das Überleben ihrer Art zu sichern. Vergeblich. Die Wächter hatten durch ihre neue Waffe leichtes Spiel. Niemand überlebte diesen letzten Angriff, so sagte man.
   Was jedoch eine Lüge war. Auch wurde erzählt, dass der letzte Krieger der Vampire nicht getötet, sondern in Gefangenschaft gekommen war. Es soll dieser eine Krieger – ihr tapferer Held – gewesen sein, der bis zum bitteren Ende allein, zwischen den Leichen all seiner Freunde, gekämpft hatte.
   Fakt war, dass die Wächter reine Tötungsmaschinen waren. Sie musste zumindest keine unmittelbare Angst haben, aber ihr drohte der Pranger und diese Aussicht war keineswegs besser. Ihrem unbekannten Vampir drohte der sichere Tod. Jetzt. Was konnte sie nur tun? Wie konnten sie dieser ausweglosen Situation entfliehen?
   »Im Namen des Masters, ergebt Euch!«
   Sasha erschrak und zuckte zusammen, als einer der Wächter zu sprechen begann. Wer war dieser Master? Einer der Oberen? Sie hielt sich noch immer hinter dem breiten Rücken des Vampirs verborgen. Sasha war nicht gerade klein, doch ihr Retter überragte sie bei Weitem. Vorsichtig spähte sie an seiner Seite hervor, um die Reaktion der Wächter sehen zu können, nachdem die einzige Antwort des Vampirs aus einem Auflachen bestanden hatte.
   »Die Frau kommt ebenfalls mit uns. Eine freiwillige Zusammenkunft mit einer verbotenen Kreatur ist gemäß den obersten Schriften verboten!«
   Sasha verzog den Mund. Freiwillige Zusammenkunft. Ihr Schicksal schien damit besiegelt. Da sie sehr dicht hinter dem Vampir stand, bemerkte sie, wie plötzlich ein Zittern durch seinen Körper ging. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.
   »Ihr habt der Menschenfrau nichts vorzuwerfen. Sie war als Opfer auserkoren und verdankt den Umstand ihres Lebens einzig Eurem Kommen.« Der Vampir sprach ruhig und gefasst.
   »Schweig, Kreatur der Verdammnis. Euer Schicksal und das des Verräters sind bereits besiegelt. Das Urteil wird hiermit zur sofortigen Vollstreckung ausgesetzt!«
   Sashas Kehle wurde eng, und sie bekam kaum noch Luft. Nein. Langsam kroch lähmendes Entsetzen in ihr empor. Ohne nachzudenken, sprang sie hinter dem Vampir hervor und stellte sich den Wachen.
   »Stopp!« Sie bemerkte, wie der Vampir scharf die Luft einsog. Sie überging seinen Protest und blickte dem Wächter, der eben gesprochen hatte, in die Augen. »Ihr könnt ihm doch nicht vorwerfen, hungrig gewesen zu sein?« Ihr Einwand war reine Zeitverschwendung, sie wollte die Wächter nur hinhalten, in der Hoffnung, ihr fiele eine gute Fluchtmöglichkeit ein. Oder ihrem Vampir.

*

Darius konnte nicht fassen, was diese törichte Menschenfrau tat. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Was für ein Desaster. All die Jahre hatte er unentdeckt im Untergrund gelebt, bis seine Neugier auf sie ihn vor seine Henker gebracht hatte. Er verfluchte sich und seine unglaublich dämlichen Beweggründe, dann holte er noch einmal tief Luft. Er musste es schaffen, seine Wut zu kanalisieren, nicht an diese Frau zu denken, sondern einen Ausweg aus dieser chancenlos scheinenden Lage zu finden.
   Langsam öffnete er die Augen wieder und sah auf sie hinab. Sie stand mit vor der Brust verschränkten Armen vor dem Wächter und funkelte diesen an. Er biss sich auf die Zähne, um nicht lachen zu müssen. Die Situation war einfach so surreal, dass sie fast wieder komisch war. Was mochte in ihrem Kopf vorgehen? Was dachte sie sich dabei, sich zwischen einen Vampir und seine Henker zu stellen? Und wie um alles in der Welt kam sie nur auf die groteske Idee, sie könnte etwas ausrichten? Er schüttelte den Kopf.
   »Tretet zur Seite, Verräter am Volke. Einem Vampir Zuflucht und Schutz zu gewähren, wird mit dem Tode geahndet. Die Wächter der Oberen berufen sich auf die Heiligen Schriften. Demnach steht der Verräter unter Arrest, bis die Strafe des Todes erfolgt.«

*

Sasha verdrehte die Augen. Woher sie ihren plötzlichen Mut nahm, wusste sie nicht. Als der Wächter über sie hinweg, direkt zu dem Vampir blickte, hielt sie den Atem an.
   »Vampir, deine Strafe wird augenblicklich verhängt werden!« Dann senkten alle Wächter den Kopf, und ein einstimmiges Summen erklang, das stetig lauter wurde. Fassungslos drehte sich Sasha zu dem Vampir um. Dieser schob sie kurzerhand zur Seite, sodass sie in den Park hineintaumelte. Er schloss ebenfalls die Augen und senkte den Kopf. Eine eiskalte Hand legte sich um Sashas Herz. Das musste es sein, der Teil aus den alten Legenden, der doch keine Legende war. Sie versuchten, ihn durch die Kraft ihres Geistes zu töten. Sasha wollte protestieren, schreien, doch sie verharrte regelrecht gelähmt. Sie konnte nicht aufhören, ihn anzusehen, versuchte, sich sein Gesicht für immer einzuprägen, um es niemals zu vergessen. Dann bemerkte sie plötzlich eine Veränderung. Die Wächter schienen unruhig zu werden, das Summen hingegen lauter. Nach einer Weile öffneten sie ihre Augen und blickten sich ratlos an.
   Sasha blieb, wo sie war. Es sah aus, als könnten die Wächter dem Vampir nichts anhaben und sie sahen nicht erfreut darüber aus. Sie hätte vor Freude lachen können, doch ihr Retter kam ihr zuvor. Beim Klang seines kehligen Lachens sah sie ihn überrascht an, die Wächter taten es ihr gleich, wenn auch nicht aus demselben Grund. Der Vampir sah die Werkzeuge der Oberen hasserfüllt an.
   »Wie fühlt es sich an, machtlos zu sein?«, hörte sie ihn verbittert fragen und im nächsten Moment war er verschwunden. Sie blinzelte überrascht. Eben stand er noch vor den Wächtern, jetzt lagen zwei von ihnen auf dem Boden. Sie stöhnte auf. Die Situation verschlechterte sich zusehends.
   Es war ihr unmöglich, seinen Bewegungen zu folgen, er war einfach zu schnell für sie. Immer wieder fiel ein Wächter getroffen zu Boden und schließlich orientierte sie sich daran. Als Sasha mit eigenen Augen sah, wie mächtig ein Vampir war, wurde ihr mit einem Mal bewusst, dass all die geheimen Legenden der Wahrheit entsprechen mussten. Hätten die Vampire im großen Krieg tatsächlich mit ihrer ganzen Kraft gekämpft und sich nicht nur verteidigt, dann wäre dieser sehr bald zu deren Gunsten entschieden worden. Ihr stockte der Atem, als sie an all die Geschichten dachte, die von den Herrschern verleugnet wurden. Waren sie alle wahr? War die gesamte Menschheit von den Oberen belogen worden? Ihr Magen zog sich krampfartig zusammen und ihr wurde übel, als sie begriff, dass die Menschen mit Absicht eine ganze Art ausgelöscht hatten. Eine Rasse, die nicht zurückgeschlagen hatte, sondern nur in Frieden neben den Menschen koexistieren wollte, wie es seit Anbeginn der Zeit war. Zumindest seit Anbeginn der neuen Zeitrechnung, nach der großen Pandemie.
   Als nahezu die gesamte Weltbevölkerung ausgelöscht worden war.
   Als die Überlebenden bemerkten, dass manche von ihnen sich durch das Virus verändert hatten.
   Als die Erde begann, zwei Spezies zu beherbergen. Menschen und – Vampire.
   Ein Schrei riss Sasha abrupt aus ihren Gedanken. Erschrocken blickte sie in die Richtung, in der sie den Vampir vermutete. Tatsächlich war er dort und stand mit hasserfülltem Blick über den fünf Wächtern, die weiterhin konzentriert versuchten, das Summen aufrechtzuerhalten, obwohl sie alle überwältigt auf dem Boden lagen. Der Vampir brüllte ihr etwas zu, doch sie hatte ihn nicht verstanden, da sie zu sehr in ihren Gedanken versunken gewesen war. Verdammt!
   Auf einmal rannte er los, und im selben Moment spürte sie eine gewaltige Kraft an sich zerren, sodass ihr schwindelte. Im nächsten Augenblick lag sie in seinen Armen und befand sich offenkundig mit ihm auf der Flucht. Sasha kniff die Lider zusammen, sie hatte beinahe das Gefühl, zu fliegen, so ein rasantes Tempo legte der Vampir vor.
   Einen Wimpernschlag später stoppte er ebenso abrupt und stellte sie, nicht sehr galant, auf ihre Füße. Sasha hatte Orientierungsprobleme, sie sah vorsichtig um sich, während sie ein lautes Scheppern vernahm, das sie erschreckt zusammenzucken ließ.
   »Rein da«, sagte er.
   Sie blickte auf die Stelle, die er meinte. Er hatte einen der schweren gusseisernen Deckel zur Seite gezogen, die in die Kanalisation hinabführten. Der faulige Gestank des Abwassers kam ihr entgegen und ließ sie würgen. Sasha verzog angewidert das Gesicht. »Ernsthaft?«
   Er schnaubte nur, und bevor sie ein weiteres Wort sagen konnte, hatte er sie gepackt und durch die Öffnung fallen lassen. Sasha schrie auf, erst panisch, dann angeekelt, bevor das stinkende Wasser sie verschluckte. Während sie auftauchte, presste sie ihre Lippen zusammen, um nichts von dem unappetitlichen Gebräu zu verschlucken. Einen Augenblick später hörte sie ein erneutes Scheppern und Dunkelheit umfing sie.
   Sasha versteifte sich. Sie schwamm in der Kloake, wusste weder was sich unter oder über ihr befand noch wo der Vampir war. Und die Finsternis trieb ihr eine plötzliche Enge in die Brust. »Sind Sie da?« Ihre Worte wirkten panischer, als beabsichtigt, fast flehend.
   »Haben Sie etwa Angst?«
   Klang er belustigt? Die Wut von vorhin bahnte sich langsam einen Weg an die Oberfläche. Der Vampir war nicht im Wasser gelandet, obwohl er sich neben ihr befinden musste. Dieser Schuft! Es gab eine Leiter, die sie hätte benutzen können, stattdessen hatte er sie in die Kloake fallen lassen und erheiterte sich an ihrer Situation. Als sie ihrem Ärger Luft machen wollte, flog sie wieder durch die Luft. Er hatte sie aus dem Abwasser gezogen und unsanft hingestellt. Sasha atmete tief durch. Sie sollte dringend etwas dagegen unternehmen, bevor es ihm zur Gewohnheit wurde. Sie war verzweifelt, ihre Haare hingen ihr in nassen Strähnen ins Gesicht, ihr Outfit war ruiniert, die Schminke wahrscheinlich völlig verlaufen und zu guter Letzt stank sie erbärmlich. Sie zuckte zusammen. Er stand direkt vor ihr, Sasha spürte seine Präsenz überdeutlich. Langsam beugte er sich zu ihr, wobei sie angespannt den Atem anhielt, während ein seltsames Kribbeln sie erfasste.
   »Sie stinken schlimmer als eine ganze Klärstation, Menschenfrau!« Er drehte sich um und ging davon.
   Sasha ballte ihre Hände zu Fäusten, sie wusste genau, was sie in diesem Moment gern mit ihnen getan hätte. Welch Ironie. Da versuchte sie, ihr Leben lang etwas über Vampire herauszubekommen, dann traf sie tatsächlich einen, der sie sogar aus einer lebensbedrohlichen Situation gerettet hatte. Doch ihr einziger Wunsch war nur noch, ihm den Hals umzudrehen. Mehrmals. Ganz langsam.
   Bei dem Versuch, ihm durch die dunklen Abwasserkanäle zu folgen, war sie zu einigen Verwünschungen geneigt. Sie konnte nichts sehen, also tastete sie sich vorsichtig an der glitschigen Wand entlang und versuchte, sich möglichst nicht vorzustellen, was das Abwasser im Laufe der Zeit für Spuren an den Wänden hinterlassen hatte. Wie war sie nur in solch eine unmögliche Situation gelangt? Und wo war dieser Vampir? In seiner Gesellschaft wäre diese übel riechende Dunkelheit erträglicher. Doch gleich darauf besann sie sich anders. Es war momentan durchaus besser für sein Wohlbefinden, wenn er sich nicht in ihrer Nähe befand.

*

Darius konnte sich ein Grinsen einfach nicht verkneifen. Die Menschenfrau verwünschte ihn nun seit einer Weile ununterbrochen, während sie versuchte, nicht über ihre eigenen Füße zu stolpern. Er hätte dem längst Einhalt geboten und ihr den Weg gewiesen, wenn das Ganze nicht so unterhaltsam gewesen wäre. Natürlich konnte sie mit ihren gewöhnlichen Augen nicht in der Dunkelheit sehen, im Gegensatz zu ihm. Seine Raubtiersicht ermöglichte es ihm, ohne Probleme an die verborgensten Orte zu gelangen. Er hielt sich stets vor ihr und ließ sie das hin und wieder wissen, sodass sie nicht in Panik ausbrach. Und Egoist, der er war, genoss er die kleine Abwechslung, die sie ihm bot, und so hörte er ihr lächelnd zu. Als sie von detailgetreuen Hinrichtungsmöglichkeiten sprach, konnte er sich kaum noch beherrschen und hatte es nur mit Mühe geschafft, nicht schallend zu lachen. Sie erheiterte ihn, dieses Gefühl hatte er lange Jahre nicht mehr verspürt und er genoss es seltsamerweise sehr. Wo war nur ihre Angst vor einem Vampir? Diese schien ihrer Mordlust gewichen zu sein, wenn er ihren Worten glauben schenkte. Herrlich, er genoss ihre Anwesenheit. Er blieb abrupt stehen. Er genoss ihre Anwesenheit? Einer der Wächter musste ihm einen sehr harten, mentalen Schlag auf den Kopf versetzt haben.

*

Sasha kam es wie eine Ewigkeit vor, bis die Schwärze endlich einer leichten Dämmerung Platz machte. Ihre Augen hatten sich nach dem langen Aufenthalt in der Finsternis so sehr daran gewöhnt, dass selbst das spärliche Licht sie blinzeln ließ.
   »Wir sind da«, hörte sie ihn in die Stille hinein sagen.
   »Wo ist da?« Sie bekam keine Antwort, verzog angesichts ihres Geruches angeekelt das Gesicht, stemmte anschließend die Hände in die Hüften und schob selbstsicher das Kinn vor. Ganz bestimmt würde sie sich von ihm nicht mehr einschüchtern lassen. Dann vernahm sie ein Geräusch, als lachte er. Wie er wohl lächelnd aussah? Da sollte sie doch der Unheilige holen, wie konnte sie in dieser Situation daran denken?
   »In diesem Aufzug lasse ich Sie nicht rein. Sie stinken wie ein Rattennest und sind schmutziger als der Abschaum.«
   Sasha sah an sich hinunter. Er hatte ja recht, doch was sollte sie seiner Meinung nach tun? Hier verweilen? Übel riechend und schmutzig? »Dieser Aufzug ist nicht meine Schuld, wie wir beide wissen. Soll ich in diesem Gang verrotten?«
   Er atmete tief durch und rief sie schließlich zu sich, um sie durch eine Öffnung zu bugsieren, die ihr bis dahin nicht aufgefallen war. Er hielt eine Zugangstür auf, die, wenn sie geschlossen war, nicht von der Kanalwand zu unterscheiden war. Sie schlüpfte unter seinem Arm hindurch in den Wohnraum und hörte, wie er dabei den Atem anhielt, was ihm erneut einen bösen Blick ihrerseits einbrachte. Doch im nächsten Moment war sie wieder abgelenkt, hier lebte er also? Die Aufregung überlagerte die Wut. Sie konnte es kaum glauben, dass sie tatsächlich die Möglichkeit bekam, die Behausung eines Vampirs zu sehen. Doch bevor sie weiter als durch den Flur gehen konnte, rief er sie zurück. Verwundert sah sie ihn an, doch der Vampir deutete mit einem Nicken zu der Tür auf ihrer linken Seite.
   »Sie werden zuerst eine ausführliche Dusche nehmen«, sagte er, als sie ihn fragend ansah.
   Sasha öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen, besann sich jedoch eines Besseren. Eine Dusche war keine schlechte Idee. Genaugenommen klang dieser Vorschlag himmlisch. Bei den Heiligen, sie stank wirklich erbärmlich.

Kapitel 2
Aussichten

Das heiße Wasser war Balsam für ihre Seele. Sasha legte den Kopf in den Nacken und genoss die herrliche Massage. Sie hatte sich bereits zum fünften Mal die Haare gewaschen und sich eingeseift, doch sie hatte noch immer den Geruch der Kloake in der Nase. Völlig entspannt und mit geschlossenen Augen ließ sie sich selig dahintreiben.
   »Ich lege Ihnen das Handtuch auf den Pflegebereich.«
   Panisch fuhr sie aus ihren Gedanken und riss die Augen weit auf. Fassungslos blickte sie direkt in ein gelbes Augenpaar, das sie reglos musterte. Sie war zu sehr geschockt, um daran zu denken, sich zu bedecken. Er besaß tatsächlich die Frechheit, hereinzuplatzen, während sie sich duschte. Und das, obwohl niemand besser wusste als er, dass er keinen Duschvorhang besaß. »Sie hängen nicht sehr an Ihrem Leben?«
   Seine Mundwinkel zogen sich nach oben und die Andeutung von Grübchen erschien in seinen Wangen. »Vielleicht brauche ich nur die richtige Herausforderung?«, sagte er, musterte sie erneut und verschwand.
   Sasha versuchte, sich auf das herrlich warme Nass zu konzentrieren, doch es wollte ihr nicht mehr so recht gelingen.
   Kurz danach befand sie sich vor einem weiteren Problem. Sie stand fertig geduscht im Bad, die nassen und endlich wieder wohlriechenden Haare fielen ihr lose über den Rücken, doch sie hatte nichts weiter anzuziehen als ein winziges Handtuch. Mit gerümpfter Nase begutachtete sie ihre Sachen, die sie achtlos auf den Boden geworfen hatte und die sie nie wieder würde anziehen können. Alles war ruiniert, nach Abwasser stinkend und verdreckt. Sie hatte weder Unterwäsche und Kleidung noch Schuhe. Was nun? Zu ihrem Elend war das Handtuch auch nicht sehr groß. Sie musste es an ihrem Ausschnitt zusammenhalten, damit es nicht auseinanderklaffte, es reichte eben noch über ihren Hintern. Seufzend sah sie in den Spiegel und schnitt sich eine Grimasse. Was für ein Tag. Zumindest konnte es nicht noch schlimmer kommen. Oder?
   Barfuß tapste sie aus dem Bad, gefolgt von einer Wolke warmen und wohlriechenden Dampfes. Sie ging durch den Flur, durch den sie gekommen war. Wo war der Vampir? Der Wohnraum sah auf den ersten Blick groß aus, karg aber nicht heruntergekommen. Für Sasha völlig unerwartet, irgendwie hatte sie gedacht, dass Vampire in unansehnlichen Verstecken hausen würden. Sie schüttelte über sich selbst lächelnd den Kopf, ging den ganzen Flur entlang und spähte dabei in jedes Zimmer. Viel hatte er nicht eingerichtet, von Dekoration hielt er nichts, die meisten Zimmer standen jedoch ohnehin leer. Am Ende des Flurs angekommen, sah sie in den letzten Raum, der ihm als Wohn- und Schlafraum zu dienen schien. Dort stand er reglos und sah sie an, und ihr kam es so vor, als würden seine gelben Augen intensiver leuchten als zuvor.

*

Er hätte sich ohrfeigen können. Was hatte ihn nur dazu gebracht, in das Badezimmer zu gehen, während die Menschenfrau unter der Dusche stand? Er hatte sie aufziehen wollen, zumindest war das sein Plan gewesen. Doch damit hatte er sich keinen Gefallen getan. Er war unfähig gewesen, seinen Blick von ihr zu lösen. Sie stand in seinem Bad, wie die Heiligen sie geschaffen hatten. Das warme Wasser verteilte sich über ihren perfekten Körper, kein Zentimeter ihrer makellosen Haut war ihm verborgen geblieben. Und nach all den Jahrhunderten der Folter und des Hasses war plötzlich ein vergessenes Gefühl in ihm wach geworden. Verlangen.
   Er hatte es noch nicht geschafft, seinen inneren Aufruhr seit diesem Anblick gänzlich niederzukämpfen, da stand sie bereits wieder vor ihm, dieses Mal mit nichts als einem kleinen Handtuch bekleidet, das mehr enthüllte, als verdeckte. Er fluchte innerlich. Natürlich, sie hatte nichts zum Anziehen. Jetzt war er tatsächlich ratlos. Eine Frau war in seinem Wohnraum nicht vorgesehen, eine Menschenfrau schon gar nicht. Er lebte seit seiner Flucht vor hundert Jahren allein und hatte nicht vor, das jemals zu ändern. Nicht, dass die Oberen ihm sein Leben gegönnt hätten.
   »Was nun?«, sagte sie mit weicher Stimme in seine Gedanken hinein.
   Er wandte den Blick von ihr ab, seine Augen leuchteten sicherlich bereits zu intensiv und das war kein gutes Zeichen. Sie hatte Glück, dass sie keine Ahnung hatte, was dies bedeutete. »Ich weiß es nicht. Sie waren nicht vorgesehen.«
   Sie kam näher und baute sich vor ihm auf. »Glauben Sie etwa, Sie wären vorgesehen gewesen? Ich war gerade auf dem Weg zu ein paar guten Freunden, die mich wahrscheinlich längst bei den Protectoren gemeldet haben, als Sie mich in diese unmögliche Situation gebracht haben. Und ganz bestimmt war es nicht vorgesehen, dass ich mich in Ihrem Wohnraum wiederfinde, mit nichts als diesem lächerlichen Handtuch am Leib!«
   Er stöhnte auf, es war wirklich nicht notwendig, dass sie ihn an den Hauch von Nichts erinnerte, den sie fest mit ihrer Hand umschlungen hielt. Die Protectoren dagegen waren wirklich ein Problem. Er konnte es sich nicht leisten, dass nun auch noch die Schutzeinheit der Oberen auf ihn aufmerksam wurde. »Ich halte Sie hier nicht fest.« Mit einer ausladenden Geste deutete er zur Tür. Das Grün ihrer Augen loderte gefährlich auf, offensichtlich war sie nun wirklich sauer. Und verdammt anziehend. Er drehte sich zur Seite, um ein wenig Abstand zwischen sie beide zu bekommen. Doch sie packte ihn am Arm und fing an, ihn zu belehren. So durcheinander war er seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen. Er wusste nicht, ob er lachen oder wütend sein sollte. Sie erheiterte ihn und gleichzeitig entfachte sie längst begrabene Gefühle in ihm. Er musste sie loswerden. Definitiv.

*

Während sie auf ihn einredete, konnte sie die Augen nicht von ihm lassen. Aus der Nähe und im Licht sah er noch umwerfender aus. Er hatte dasselbe schwarze Haar wie sie, es reichte ihm bis zu den Schultern, und er sah kein Jahr älter aus als sie. Obwohl er vermutlich mehrere Hundert Jahre älter war, mutmaßte Sasha. War er als Vampir geboren worden oder war er einer jener ersten Vampire, die durch das Virus gewandelt worden waren? Dann wäre er so alt wie die Zeitrechnung selbst. Zweitausendzweihundertfünfzig Jahre. Ihr Heiligen. Sie hatte vor, ihn all das und noch viel mehr zu fragen. Doch momentan war sie mit ihrer Standpauke noch nicht fertig, obwohl es ihr wirklich schwerfiel, sich zu konzentrieren, vor allem, wenn sie in seine Augen sah. In ihrem Leben hatte sie noch nie solch eine Farbe gesehen. Heller als Bernstein, jedoch dunkler als die Sonne. Dabei hätte sie schwören können, dass sie bei ihrer ersten Begegnung noch nicht so hell geleuchtet hatten.
   Er drehte sich ständig von ihr weg, was sie wirklich verärgerte. Sasha wollte von Angesicht zu Angesicht mit ihm reden, doch er wich stetig nach hinten aus. Daher schloss sie so lange zu ihm auf, bis er nicht mehr nach hinten ausweichen konnte, weil die Wand ihm Einhalt gebot. Sasha freute sich diebisch, denn jetzt konnte er nicht weiter zurückweichen und musste ihr einfach zuhören.

*

Er stöhnte. Diese Menschenfrau trieb ihn wirklich an den Rand des Wahnsinns. Er hatte es versucht, hatte wirklich versucht, ihr eine faire Chance zu geben und Abstand zwischen sie zu bringen. Seine feine Raubtiernase witterte ihren Duft viel stärker, als sie es sich vorstellen konnte. Und gerade war sie unheimlich erregt und aufgebracht. Seine Fangzähne verlängerten sich. Verdammt. Sie hielt ihm Vorträge über einsame, dunkle Abwasserkanäle, fast hätte er gelacht, doch dazu war ihm nicht wirklich zumute. Wann hatte er das letzte Mal eine Frau anziehend gefunden? Vor fünfhundert Jahren. Seine Frau. Dieser Gedanke half ihm, sich abzukühlen, doch vielmehr machte er ihn wütend, wie stets, wenn er an seine Frau dachte. Hilflose Wut packte ihn, wenn er an ihr Ende dachte, an das unmenschliche Verbrechen, das ihr und seiner gesamten Art widerfahren war. Er befreite sich aus der prekären Situation, stieß Sasha kurzerhand beiseite und rauschte wortlos an ihr vorbei.
   Er hatte jedoch nicht mit der Sturheit dieser Menschenfrau gerechnet.
   »Wo wollen Sie hin, ich bin noch nicht fertig mit Ihnen«, rief sie und stürmte ihm hinterher. All die aufgestaute Wut des langen, einsamen Marsches durch die Kanalisation schien sich nun bei ihr Bahn zu brechen.
   »Bleiben Sie mir vom Leib, das ist mein voller Ernst!«, zischte er, als sie erneut vor ihm stand. Sie war ihm in das andere Zimmer gefolgt, in ein Zimmer ohne jegliches Möbelstück. Er hatte das Gefühl, dass es ihm wohler ging, wenn er nicht Sasha und ein Bett im selben Raum hatte.
   »Sehen Sie mich gefälligst an, wenn ich mit Ihnen rede!«, sagte sie pikiert.
   Darius konnte nur noch den Kopf schütteln, angesichts so großer Sturheit. Er stöhnte innerlich und ballte die Hände zu Fäusten. Sie war so aufgebracht, dass sie vergaß, das Handtuch straff zusammenzuhalten und so hatte er einen wunderbaren Einblick auf ihr Dekolleté. »Letzte Warnung«, stieß er zwischen seinen erneut ausgefahrenen Fangzähnen hervor.
   Sie hielt in ihrer Ansprache inne und runzelte fragend die Stirn. »Letzte Warnung wovor?«
   »Vor mir.« Er sprach leise, doch die Drohung war deutlich aus seinen Worten herauszuhören. Er wollte, dass sie sich wieder vor ihm fürchtete, dass sie verschwand. Er wollte sie aus seinen vier Wänden und aus seinem Leben haben, und vor allem aus seinem Kopf.
   Dann fielen ihr seine ausgefahrenen Fänge auf, und sie sog scharf die Luft ein. Furchtlos sah sie ihm in die Augen. War das eine stille Herausforderung? Hatte sie denn nicht verstanden, was er ihr mit seiner Warnung hatte sagen wollen?
   Die Menschenfrau starrte ihn nach wie vor an, sie hatte ihre Lippen leicht geöffnet, als ob sie etwas sagen wollte, es sich jedoch im letzten Moment anders überlegt hatte. Sie befeuchtete ihre Unterlippe.
   Sein Untergang. Es spielte keine Rolle, wie alt oder erfahren man war, was man erlitten hatte und welche Qualen das Leben bereithielt. Wenn die Versuchung kam, setzte der Verstand aus und die primitivsten Funktionen übernahmen den Körper. Und in seinem Fall übernahmen die primitivsten Raubtierfunktionen in diesem Augenblick seinen Körper.
   Er packte Sasha blitzschnell, und bevor sie blinzeln konnte, hatte er sie bereits an die Wand gedrückt und seine Lippen auf die ihren gepresst. Sie schrie kurz auf und versteifte sich für einen Moment. Im nächsten Moment wurden ihre Lippen jedoch weich, und sie erwiderte seinen Kuss, während sich ihre Arme um seinen Nacken schlangen. Als ihm bewusst wurde, dass dadurch das Handtuch keinen Halt mehr fand und zu Boden gefallen war, stöhnte er auf und drückte sie noch fester an sich. Das Raubtier in ihm übernahm die Oberhand und er konnte nichts tun, als es einfach geschehen zu lassen. Ihre Hände tasteten unsicher an seiner Kleidung, als wollten sie den unnötigen Stoff zwischen ihnen loswerden, doch ihm kam es vor, als wäre sie sich über ihr Handeln uneinig.
   Bei den Heiligen, sie trieb ihn wirklich in den Wahnsinn. Seine Hände glitten tiefer, fuhren die Konturen ihres Körpers nach und was er fühlte, war besser als das, was er bereits gesehen hatte. Verdammt, er konnte sich kaum noch beherrschen. Er strich über ihren Hals und entlockte ihr einen hinreißenden Seufzer. Das Verlangen, seine Zähne in ihr zartes Fleisch zu versenken, war allmächtig. Verzweifelt versuchte er, wieder Herr seiner Sinne zu werden. Es kostete ihn seine ganze Kraft, sich schließlich von der Wand und der Menschenfrau abzustoßen. Er drehte sich fluchend um und stammelte schwer atmend eine Entschuldigung.

*

Sasha hatte Schwierigkeiten, wieder in die Wirklichkeit zu finden. Sie war entsetzt über ihr Handeln und über ihre starke Reaktion auf ihn – einen Vampir. Aber sie war nicht wütend oder verletzt, denn das hier war besser als alles, was sie in ihrem Leben bisher erlebt hatte. Nun verstand sie noch weniger, warum die Oberen ihnen Körperkontakt unter hoher Strafe untersagt hatten. Wie konnte etwas, das sich so wundervoll anfühlte, nur gegen die Heiligen Schriften und somit gegen die Gesetze verstoßen?
   »Warum die Entschuldigung? Sie hatten mich schließlich gewarnt«, brachte sie atemlos hervor, während ihre Gedanken verrücktspielten.
   Der Vampir blieb stehen und drehte sich zu ihr herum, als hätte ihre Antwort ihn überrascht.
   Doch schließlich hatte er sie tatsächlich gewarnt – irgendwie. »Eines noch«, bat sie ihn leise.
   »Das da wäre?« Seine Brauen hoben sich fragend.
   »Retter, Kämpfer, Gejagter, Gehasster und Verführer in einer Nacht. Wir haben heute vieles zusammen erlebt und ich denke, es wird Zeit, dass Sie mir Ihren Namen verraten?« Sie lächelte ihn zaghaft an, und als er es erwiderte, wurde ihr warm ums Herz.
   »Darius«, flüsterte er, kehrte ihr den Rücken zu und verschwand durch den geheimen Eingang.

Kapitel 3
Zerstreuung

Der Wind peitschte kühl durch Darius’ Haar, während er durch die Nacht rannte, um all seinen angestauten Frust loszuwerden. Was hatte er sich dabei gedacht, die Menschenfrau zu küssen? Dermaßen die Kontrolle zu verlieren war ihm völlig fremd. Während er lief, drückte er das Bündel in seiner Hand fester zusammen. Er hatte ihr Kleidung besorgt. Darius schnaubte, denn damit tat er sich einen größeren Gefallen als ihr.

*

Sasha saß auf dem Bett, vielmehr auf dem Provisorium, das Darius als solches diente. Es gab keinen anderen Sitzplatz, sich darauf niederzulassen, kam ihr jedoch nicht richtig vor, vor allem nicht nach dem, was gerade zwischen ihnen vorgefallen war. Doch sie hatte irgendwann erschöpft nachgegeben und sich auf das Bett sinken lassen. Zusammengekauert saß sie dort nun schon eine Weile teilnahmslos. Er war bereits einige Stunden fort, und Sasha machte sich Sorgen. Was, wenn ihm etwas zugestoßen war? Er war sehr aufgebracht gewesen, als er gegangen war. Was, wenn er direkt in die Hände der Wächter gelaufen war?
   Darius. Sie konnte nicht aufhören, seinen Namen immer und immer wieder zu sagen. Ein wunderschöner Name. Während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, bemerkte sie, wie erschöpft sie war. Es musste bereits Morgen sein und sie hatte seit Stunden nichts mehr gegessen oder getrunken. Ein herzhaftes Gähnen erinnerte sie zudem daran, dass sie müde war, die Ereignisse der vergangenen Nacht waren nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Sein Schlafplatz sah auf einmal sehr ansprechend aus, und bevor sie weiter über richtig oder falsch nachdenken konnte, legte sie sich nieder. Sobald sie die Augen geschlossen hatte, war sie auch schon eingeschlafen.

*

Als Darius glaubte, sich so weit beruhigt zu haben, dass er zu der Menschenfrau zurückkehren konnte, dämmerte bereits der Morgen. Es ärgerte ihn, dass er sich dieser unnötigen Gefahr ausgesetzt hatte, denn bei Tag war er leichter für die Wächter auszumachen. Vampire bevorzugten die Nacht, weil sie für die Schergen der Oberen im Dunkeln nicht leicht zu entdecken waren, da sie sich mit ihren empfindlichen Raubtieraugen wesentlich besser orientieren konnten.
   Lautlos betrat er sein Heim oder das, was ihm seit fast hundert Jahren als Unterschlupf diente. Hatte sich die Menschenfrau beruhigt oder war sie noch aufgebracht? Er hatte sich jedes Szenario bereits ausgemalt, doch auf den Anblick, der sich ihm bot, als er seinen Wohnraum betrat, war er nicht vorbereitet. Die Menschenfrau schlief. Sie lag zusammengekauert auf der Seite in seinem Bett, hatte die Knie angezogen und eine Hand versuchte noch immer, das Handtuch festzuhalten. Er hatte keine Decke, denn er fror nicht, doch sie war ein Mensch. Er ließ sich zaghaft an ihrer Seite nieder und betrachtete sie. Ihr Gesicht wirkte völlig entspannt, während sie schlief, sie war wunderschön. Sein Blick glitt zwischen ihren vollen Lippen und den hohen Wangenknochen hin und her. Ihre langen dunklen Haare waren noch ein wenig feucht von der Dusche und ergossen sich wie ein Kranz um sie. Darius schloss die Augen und sog tief ihren Duft ein. Sie roch nach Blumen und Leben, nach Dingen, die schon lange kein Teil seines Daseins mehr waren.
   Plötzlich verspürte er ein Engegefühl in der Brust. Mit einem Satz war er wieder auf den Beinen und schüttelte verärgert über sich den Kopf. Er bettete vorsichtig etwas Stoff über sie, legte den Rest des Bündels neben sie auf das Bett und ging leise in den Flur, wo er sich niederlegte. Darius konnte überall schlafen und von hier aus hatte er den besten Überblick. Doch es dauerte lange, bis er endlich in den Schlaf glitt. In seinen Gedanken sah er grüne Augen, die ihn anfunkelten, und spürte weiche anschmiegsame Lippen, die ihn zärtlich küssten.

Kapitel 4
Herausforderungen

Sasha gähnte herzhaft, wobei sie sich genüsslich streckte. So tief und fest hatte sie seit Langem nicht mehr geschlafen. Als sie die Augen öffnete, fuhr sie erschrocken auf und blinzelte angestrengt. Dies war nicht ihr Schlafraum. Sie ließ den Blick durch den fremden Raum schweifen, bis plötzlich die Erinnerung mit geballter Wucht zurückkam.
   Darius, ihr Vampir! Der Park und der Angreifer, vor dem er sie gerettet hatte, die Wächter und die Flucht vor ihnen. Der Abwasserkanal, Darius’ Behausung, der Kuss. Alles fiel ihr zur selben Zeit wieder ein. Sie keuchte auf, als sie bei der letzten Erinnerung errötete. Im nächsten Moment wurde sie sich ihrer Nacktheit bewusst und drückte panisch das Handtuch an sich, das sich in der Nacht gelöst hatte. Doch nun stand sie erneut vor dem Problem, dass sie nichts zum Anziehen hatte. Zudem meldete sich ihr Magen und teilte ihr schmerzhaft mit, dass er schwer vernachlässigt worden war.
   Sie wollte aufstehen, um nach Darius zu sehen, da fiel ihr der weitere Stoff neben dem Handtuch auf und das Bündel auf dem Bett. War das von ihm? Und wenn ja, wann hatte er es auf das Bett gelegt? Als sie schlief? Hatte er sie zugedeckt? Ein Schaudern durchfuhr sie, bei der Vorstellung, dass er bei ihr gewesen war, während sie geschlafen hatte.
   Sasha öffnete das Bündel und staunte, als ein paar Früchte und etwas zum Anziehen zum Vorschein kamen. Hungrig naschte sie einige Beeren, bevor sie die Kleidung eingehender betrachtete, die er irgendwo gestohlen haben musste. Sie verzog das Gesicht, natürlich, an Unterwäsche hatte er nicht gedacht. Ein schneller Blick zur Tür bestätigte, dass sie allein war und eilig streifte sie die fremde Kleidung über. Sie zwängte sich in das enge Oberteil und stöhnte auf. Sicher, sie war nicht dürr, doch bisher hatte sie immer angenommen, dass ihre weiblichen Kurven genau richtig waren. Im Moment fragte sie sich jedoch, weshalb sich andere freiwillig in solch enge Kleidung zwängten. Mit der schwarzen Hose verhielt es sich nicht anders. Sasha wagte kaum, zu atmen, so anschmiegsam saßen ihr die Sachen am Leib.
   Unsicher sah sie an sich hinab. Sie hätte die Kleidung auch weglassen können, der Effekt wäre derselbe. Sie biss die Zähne zusammen und atmete tief durch, schließlich begab sich auf die Suche nach dem Vampir.

*

Darius verspannte sich, als er hörte, wie sie erwachte. Er hatte in dieser Nacht kaum Schlaf gefunden und sich bereits vor Stunden von seinem Nachtlager im Flur in eines der leeren Zimmer zurückgezogen. Im kleinsten der Räume hatte er hinter einer der Wände sein Versteck. Dort befanden sich all die Karten und Zeichnungen, die er in den vergangenen hundert Jahren aufgetrieben hatte. Geheime und verbotene Karten, längst vergessene Schriften. Er verbrachte sein Leben seit seiner Flucht damit, Hinweise auf das Versteck des Heiligen Buches zu finden. Auf eben jenes sagenumwobene Buch, das die ersten der Vampire – die Ältesten – zu Anbeginn der neuen Zeitrechnung geschrieben hatten.
   Als vor Jahrtausenden eine zweite Spezies entstanden war, hielten sie alles akribisch darin fest. Dieses Buch war so geheim, dass nicht einmal die Oberen davon wussten. Als sie einst nach dem Ewigen Krieg dahintergekommen waren, indem sie die letzten der Ältesten vor deren Hinrichtung grausamer Folter unterzogen hatten, machten sie es sich zur Priorität, dieses Buch zu finden. Doch all ihre Bemühungen waren vergebens. Bisher.
   Darius seufzte. Durch die Folterungen waren sie zwar an Informationen über das Buch gekommen, doch niemandem der Ältesten war der genaue Standort des Versteckes bekannt. Zu ihrem eigenen Schutz und dem des Buches wurde das heilige Versteck nur einem einzigen auserwählten Vertreter ihrer Rasse mitgeteilt. Und das Wissen um dieses Versteck war mit eben jenem Vampir gestorben.
   Darius lächelte. Das Heilige Buch war noch nicht verloren, denn er wusste davon. Während der endlos scheinenden Zeit der Gefangenschaft und Folter hatte er diese Legende von einem der letzten Ältesten erfahren. Was er anfangs als Märchen abgetan hatte, war nach seiner Flucht und den ersten Funden von Hinweisen zu seiner Bestimmung geworden. In diesem Buch – glaubte man dem Ältesten – befand sich die Rettung aller noch auf dieser Welt vorhandenen Vampire.
   Über diesen geheimen Hinweisen und Karten hatte Darius gegrübelt, als er Geräusche aus seinem Ruheraum vernommen hatte. Die Menschenfrau kam nicht sofort, offensichtlich hatte sie das Bündel gefunden, das er ihr auf das Bett gelegt hatte. Darius seufzte erleichtert. Mit einer angezogenen Sasha wurde er auf jeden Fall besser fertig, als mit einer fast nackten.
   Er hob den Kopf in dem Moment, als er ihre Präsenz in dem kleinen Raum verspürte. Sofort, als er sie sah, versteifte er sich jedoch. Er hätte sich verfluchen können. Die Kleidung, die er ihr besorgt hatte, war zu eng, viel zu eng! Sie saß wie eine zweite Haut und betonte ihren perfekten Körper zu stark, als dass sie ihn bedeckte. So sehr er sich auch bemühte, er konnte den Blick einfach nicht von ihr lassen.
   »Guten Morgen«, sagte sie schließlich. Ihre Worte klangen freundlicher, als ihr Gesichtsausdruck es vermuten ließ.
   Er erwiderte ihre Begrüßung und riss sich schweren Herzens von ihrem Anblick los.
   »Vielen Dank für die Kleidung.«
   Darius nickte ihr zu, doch innerlich verfluchte er sich erneut. Hätte er ihr nur etwas anderes besorgt, etwas, das ihre Figur bedecken und ihn nicht ständig so ablenken würde.
   Diese Menschenfrau entwickelte sich langsam zu einem ernsthaften Problem. Er musste sie loswerden, dringend!

*

Sasha entging nicht, dass der Raum voll von Schriften war. Zeichnungen, Schriftrollen, geheimnisvolle Bücher, viele davon schon so vergilbt, dass sie sehr alt sein mussten. Bisher hatte sie Darius eher als wortkargen Vampir kennengelernt, sie konnte ihn sich kaum als Bücherwurm vorstellen. Doch die Schriften hatten ihre Neugierde geweckt, schließlich verbrachte sie den Großteil ihrer Freizeit in der Bibliothek und Bücher, vielmehr das darin enthaltene Wissen, waren ihr Lebensinhalt.
   Darius beugte sich gerade über eine Skizze, und Sasha gesellte sich zu ihm. »Was tun Sie hier? Was ist das alles?« Mit einer ausladenden Armbewegung deutete sie auf die Sammlung alter Werke in dem Raum. Darius hielt inne. Auf dem massiven Holztisch lagen einige Schriften geöffnet vor ihm, und er schien Teile davon auf die große Skizze zu übertragen. Es sah jedoch nicht aus, als stünde ein System dahinter. Oft fehlte noch Text, vieles war durchgestrichen, manches abgehakt und einiges auch eingekreist. Am Rand hatte er sich ein paar Notizen gemacht, für Sasha jedoch war es das reinste Durcheinander. Zumindest kam es ihr so vor, denn sie konnte es nur anschauen, jedoch nichts davon lesen. Sie hielt die Luft an, als sie sich die Schrift genauer besah und feststellte, dass sie die feinen Linien und Symbole kannte. Sie hatte sie schon einmal gesehen, auf dem Denkmal. Es war die alte Schrift der Vampire.
   »Ihr Heiligen!« Aus Reflex hielt sie sich die Hand vor den Mund und ging einen Schritt rückwärts.
   »Die haben damit nichts zu tun.«
   »Die verbotene Sprache«, flüsterte Sasha ehrfürchtig.
   Darius verdrehte die Augen. »Ihr Menschen seid wirklich seltsam. Lasst euch von einer Handvoll Meuchelmördern Unsinn einreden und glaubt auch noch daran.« Angewidert wandte er sich erneut seiner Skizze zu. »Für mich ist das keine verbotene Sprache. Es ist meine Sprache!« Damit schien für ihn das Thema beendet zu sein.
   Sasha kam sich vor wie ein Narr. Sie hatte sich aufgeführt wie ein kleines Schulmädchen, das frisch auf die Akademie gekommen war. Natürlich war es seine Sprache, wie konnte sie das nur vergessen? Sie war einfach nur so überrascht gewesen, sie zu sehen. Von Kindesbeinen an hatte man ihr sowie allen anderen Menschen beigebracht, dass es einem Verrat an der Menschheit gleichkam, die alte Sprache auch nur zu erwähnen. Damals, als ihr Bekannter eine alte Schriftrolle in ihre kleine Geheimrunde mitgebracht hatte, die in der verbotenen Schrift verfasst worden war und die keiner von ihnen entziffern konnte, da war sie sich geheimnisvoll und verdorben vorgekommen, so tief war die Angst vor den Oberen in jedem von ihnen verwurzelt. Und nun stand sie hier und wollte einem Vampir weismachen, dass seine eigene Sprache eine Sünde sei. Als ob er dies nicht längst wüsste, als ob er dafür und für Tausende anderer Dinge nicht schon längst gebüßt hatte.
   Ihr Herz wurde schwer, als sie daran dachte, was er in den vergangenen Jahrhunderten alles hatte erleiden müssen. »Tut mir leid, natürlich haben Sie recht. Doch Sie dürfen nicht vergessen, wie wir Menschen zurechtgebogen wurden, in dem, was wir glauben und vor allem wissen dürfen.« Ihr Blick war starr auf den abgenutzten Holzboden gerichtet, doch sie sah ihn aus den Augenwinkeln.
   Darius musterte sie einen Moment, dann schien er sich überwunden zu haben. »Es sind uralte Schriften, Überlieferungen, Legenden. Fragmente des Wissens von Tausenden von Jahren. Es ist das, was von meiner Rasse übrig geblieben und nicht zerstört worden ist. Alles, was ich in den vergangenen hundert Jahren auf der ganzen Welt ausfindig machen konnte.« Er nahm eine sehr alte Schriftrolle vorsichtig in die Hand. »Vergilbtes Papier, das versucht, eine verblichene Welt festzuhalten.«
   Seine Kiefermuskeln spannten sich an, und seine Augen schienen wieder heller zu leuchten. Sie nahm ihm sachte die Schriftrolle aus der Hand, da sie Angst hatte, er könnte sie in seiner Wut zerstören. Dann ergriff sie seine Hand und blickte ihn an. »Es tut mir so leid! Es gibt keine treffenden Worte, die ausdrücken können, wie schrecklich das war, was die Menschen euch angetan haben.« Behutsam strich sie mit dem Daumen über seinen Handrücken. Es schien zu wirken, denn sie hatte wieder seine volle Aufmerksamkeit.
   Abrupt entzog er sich ihr. »Schon gut«, lenkte er ein. »Sie können ja nichts dafür.« Resigniert ließ er sich auf den einzigen Stuhl in seiner Behausung nieder. »Was wollen Sie wissen?«
   »Bitte?«
   »Sie wollten etwas über die Schriften wissen, die ich gesammelt habe. Also fragen Sie und vielleicht bekommen Sie auch eine Antwort.«
   Sasha sah ihn erstaunt an. Damit hatte sie wahrlich nicht gerechnet, dass er sich ihr gegenüber öffnen würde. Doch sie wollte keine Zeit verlieren, nicht, dass er es sich noch anders überlegte. »Ist es wahr? Gibt es das Heilige Buch wirklich? Und wenn ja, wo ist es?« Sie war aufgeregt, nun da sie es endlich ausgesprochen hatte. Die Legenden überschlugen sich von Erzählungen über das Heilige Buch. Doch Sasha und der Rest der Menschheit hatten bisher angenommen, dass es genau dies war, nur Legende, erfunden vor sehr langer Zeit, um die Bevölkerung zu narren. Sie blickte Darius in gespannter Erwartung an. Würde er ihr davon erzählen?

*

Darius atmete durch. Unzählige hatten ihr Leben gegeben, um dieses Geheimnis vor den Menschen zu schützen. »Das alte Wissen ist nicht für euch bestimmt«, erwiderte er knapp, in der Hoffnung, sie ließe ihn bald wieder allein.
   »Weil ich der Feind bin?«, fragte sie leise und die Art, wie sie es sagte, berührte etwas in ihm. Das Leben der Menschenfrau hatte sich in dem Augenblick geändert, in dem sich ihre Wege kreuzten. Mit einem Mal war sie aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen und in die erbärmliche, wahre Welt hineingeworfen worden, die ihre Herrscher vor ihnen zu verbergen versuchten. Sie traf keine Schuld, das wusste er, und doch saß der Zorn auf die Menschen und auf das, was sie seiner Art angetan hatten, zu tief verwurzelt.
   »Selbst wenn ich tatsächlich vorhätte, mich den Protectoren zu stellen und ihnen von dem Buch und Ihrem Unterschlupf zu erzählen, so würde mich trotz allem der Tod ereilen, Darius«, sagte sie sanft und rüttelte erneut an etwas in seinem Inneren.
   Er wusste, dass sie recht hatte. Kein Wissen, und war es noch so prekär, konnte sie vor dem Urteil der Wächter bewahren. Weil sie mit ihm zusammen gesichtet worden war. Er hatte sie gerettet und dadurch ihr Todesurteil besiegelt. Schuld nagte überraschend an ihm, etwas, das ihm fremd geworden war in den Jahren seit seiner Gefangennahme. Die Belange anderer interessierten ihn längst nicht mehr, und doch ließ er es zu, dass sich plötzlich Bedenken in seinen Kopf schlichen. So lange trat er bereits erfolglos auf der Stelle, kam nicht voran, verzweifelte über den alten Schriften, die ihm keinen eindeutigen Anhalt gaben. Wenn also selbst er, ein Vampir der ersten Zeit, das Vermächtnis nicht deuten konnte, wie sollte es dann ein Mensch können? Während Darius mit sich rang, spürte er ihren Blick auf sich. Sie drängte ihn nicht, wartete stumm auf seine Antwort. Und dann hatte er sich entschieden. Ihr Schicksal war unwiderruflich miteinander verwoben worden, da konnte er sie genauso gut an seinem Wissen teilhaben lassen.
   Er sah ihr in die Augen, während er leise zu sprechen begann. »Als sich die Welt vor zweitausendzweihundertfünfzig Jahren durch die Pandemie veränderte, als zahllose Leben ausgelöscht wurden und man erkannte, dass sich einige von uns verändert hatten, begannen die ersten unserer Art, alles niederzuschreiben. Sie notierten fortan jede Entwicklung oder Veränderung. Irgendwann wurde ihnen klar, dass sich manche durch das Virus so folgenschwer verändert hatten, dass sie nicht mehr nur Menschen waren. Sie waren zu etwas mutiert, das eure Oberen zur Hälfte Mensch und zur Hälfte Tier nannten.
   Das Virus veränderte unser Blut sowie auch einige Körperfunktionen. Unsere Sinne verstärkten sich, wir können in der Nacht so gut sehen wie jeder tierische Jäger. Wir hören die leisesten Geräusche in weiter Entfernung, können Gerüche bis ins kleinste Detail filtern. Auch wurden wir stärker und schneller. Das Virus hat uns zu perfekten Raubtieren geformt, getarnt in menschlichen Leibern. Doch es hat uns auch gezwungen, unsere Ernährung zu ändern. Wir waren künftig verflucht, unserem Körper beständig neues Blut zuzuführen, um zu überleben. Und so wurden wir zu Gejagten, zu Verdammten. Eure Oberen nannten uns Vampire und bekämpften uns, all die Jahrhunderte lang. Bald stellte sich heraus, dass wir nicht mehr starben. Nicht im herkömmlichen Sinne, unsere Körper alterten nicht mehr. Natürlich können wir durch schwerwiegende Verletzungen sterben, doch lange nicht so schnell wie ein gewöhnlicher Mensch. All diese Beobachtungen über Jahrhunderte hinweg wurden von den Ältesten festgehalten. Man nennt es das Heilige Buch. So sagen es die Legenden. Die Ältesten haben all die Jahrhunderte versucht, eine Lösung zu finden, wie wir wieder eine Rasse werden konnten und wie das Virus zu bekämpfen war. Alles, was sie wollten, war eine vereinte Welt ohne Kämpfe und Kriege.
   Vor fünfhundert Jahren fanden die Oberen dann den Schlüssel zu unserer Auslöschung. Sie misshandelten und folterten die Gefangenen und führten mit ihrem Blut fürchterliche Versuche durch, die eines Tages von Erfolg gekrönt waren. Nun benutzen sie ihre eigenen Monster, um uns zu zerstören, denn sie hatten etwas für sie Elementares entdeckt. Bei manchen Überlebenden löste das Virus lediglich eine Veränderung der Gehirnstruktur aus. Sie wurden nicht zu den Kreaturen, wie ich eine bin, doch sie hatten telepathische Kräfte entwickelt. Die Oberen ließen ihre Schergen ausschwärmen und alle gefangen nehmen, die Anzeichen dafür zeigten. Ein jeder von ihnen wurde einer Gehirnwäsche unterzogen, bis sie nur noch willenlose Sklaven waren. Ausgestattet mit einer unglaublich mächtigen Fähigkeit. Die Wächter waren geboren – der Rest der Geschichte ist dir bekannt.«

*

Sasha musste schwer schlucken. Ja, den Rest kannte sie. Traurig sah sie ihn an, doch er hielt seinen Blick gesenkt. Sie nahm zur Kenntnis, dass er nicht mehr förmlich mit ihr sprach, also ging sie ebenfalls kommentarlos zum Du über. »Und dieses Buch, warum ist es so wichtig für dich?« Sein Blick suchte den ihren und etwas in ihrem Magen zog sich plötzlich schmerzhaft zusammen.
   »Es bedeutet Hoffnung.« Sie konnte den Schmerz in seinen Augen sehen. »Es war der Traum der Ältesten, die Diktatur der Oberen zu zerstören, die totale Kontrolle zu vernichten und das sinnlose Töten zu beenden. Eine freie Welt zu erschaffen, eine Welt, in der wir alle einen Platz haben konnten.« Darius stand auf und lief in dem kleinen Raum umher. »Ihr Bestreben war es, eine Lösung zu finden. Ich weiß jedoch nicht, was das sein soll. Ein Impfstoff? Eine Waffe?« Er seufzte. »In der Gefangenschaft habe ich herausgefunden, dass die Ältesten Erfolg hatten, es scheint etwas zu geben.« Nun sah er ihr direkt in die Augen. »Doch niemand weiß, was es ist oder wo es sich befindet. Was es auch sein mag und wo immer es auch versteckt ist, wenn ich das Heilige Buch finde, dann finde ich auch die Lösung!«
   Sasha bekam eine Gänsehaut. Was sie eben gehört hatte, war unglaublich. »Und wo ist dieses Buch?«, fragte sie aufgeregt.
   Darius sah sie sichtlich resigniert an. »Das ist das Problem.« Er zeigte auf die Unterlagen, die überall verstreut lagen. »Irgendwo in diesen Artefakten muss es einen Hinweis geben oder mehrere. Seit meiner Flucht habe ich alles zusammengetragen, was ich finden konnte. Jede Nacht sitze ich hier und sehe mir alles an, wieder und wieder, jedoch bisher erfolglos.« Er setzte sich wieder auf den Stuhl und ließ die Schultern hängen.
   Sasha beugte sich etwas zu ihm, wollte ihre Hand auf seinen Arm legen, um ihm Trost zu spenden, besann sich jedoch im letzten Moment. »So viele Jahrzehnte hast du nichts herausgefunden? Das glaube ich nicht. Wovor hast du Angst?«
   Er zuckte bei ihrer Bemerkung sichtlich zusammen. »Angst?« Sein Blick verhärtete sich. »Glaube mir, wer den Kerker der Oberen überlebt, der fürchtet sich vor nichts mehr.«
   Sasha wusste nicht, in welch seelische Abgründe er so viele Jahre geblickt haben musste, oder wie viele verschiedene Formen von Schmerz es gab, doch beim Anblick seines vor Zorn verzehrten Gesichts bekam sie eine leise Ahnung.
   »Ich habe mir Notizen gemacht. Wörter, die ich aus der alten Sprache übersetzt habe. Doch sie ergeben keinen Sinn, es ist wirres Gerede. Ich fürchte, ich habe etwas falsch gemacht, ich komme seit geraumer Zeit einfach nicht mehr weiter.« Er fuhr sich über sein Gesicht und zuckte mit den Schultern.
   Behutsam stellte Sasha sich hinter ihn. »Möchtest du mir sagen, was du herausgefunden hast? Manchmal ergibt etwas erst einen Sinn, wenn man es laut ausspricht oder jemandem mitteilt.«
   Er sah sie lange an, während er offensichtlich Vor- und Nachteile abwog. Die Stille wirkte bedrückend.
   »Was solls«, murmelte er, ging zu der großen Karte, hob sie an und holte eine Notiz unter ihr hervor. Er sah sich das Geschriebene noch einmal an, blickte skeptisch zu ihr, als wäre er sich nicht sicher, ob er sie in seine Geheimnisse einweihen durfte.
   Schließlich trat sie einen Schritt vor, streckte die Hand aus und lächelte ihn an. »Ich gehöre zu den Guten, schon vergessen?«
   Zögerlich ließ er die Notiz los. Sasha fing an, zu lesen, und hielt dabei unwillkürlich die Luft an.

»Wo der Ewigkeit kalter Atem
in Ehrfurcht für immer erstarrt,
muss der Auserwählte weise raten
und finden den Weg durch die dunkle Nacht.

Verwirrt las sie es noch einmal, doch es schienen, wie er gesagt hatte, wirre Worte ohne jeglichen Sinn zu sein.
   Sie ließ die Hand mit dem Schriftstück sinken und sah ihn an.
   Er sah sie resigniert an. »Ich sagte doch, ich habe nichts gefunden. Zumindest nichts, das einen Sinn ergeben würde.«
   Wieder überflog sie die Zeilen. »Wo hast du das denn her?«
   »Ich fand es in einer alten Schriftrolle, die tief unter der Erde vergraben war. Ich hatte gehofft, dass dies endlich der Durchbruch sein würde. Doch nachdem ich es übersetzt hatte, kamen nur diese rätselhaften Worte heraus. Die Ältesten haben den Hinweis nicht nur in der alten Sprache geschrieben, sie haben ihn mit einem Code versehen, den ich nach langer Zeit glücklicherweise entschlüsseln konnte. Doch nun habe ich einen Reim ohne einen weiteren Anhaltspunkt.« Er atmete tief durch. »All die Jahre der Suche und ich bin nicht vorangekommen.«
   Mehrere Minuten vergingen, in denen keiner etwas sagte, ein jeder in seinen Gedanken versunken.
   Plötzlich sprang Sasha unter einem spitzen Schrei auf, was Darius erschrocken zusammenzucken ließ. Aufgeregt ging sie auf ihn zu und las die Worte dabei noch einmal laut vor:

»Wo der Ewigkeit kalter Atem
in Ehrfurcht für immer erstarrt,
muss der Auserwählte weise raten
und finden den Weg durch die dunkle Nacht.

Ihr Heiligen, Darius, das ist ein Hinweis, eine Wegbeschreibung!« Ihre Hände begannen, nervös zu zittern.
   Darius erstarrte. »Eine Wegbeschreibung?« Verwirrt sah er sich die Notiz noch einmal an. »Ich kann keinen Ort darauf erkennen?«
   »Weil es die Wegbeschreibung zu diesem Ort ist, Darius!« Sasha sah, dass er begriff und ihr Herz fing an, außerhalb seines gewohnten Taktes zu schlagen.
   »Ihr Heiligen, Sasha …« Er ließ sich auf den Stuhl zurücksinken. »All die Zeit des vergeblichen Suchens und jetzt … du …« Er räusperte sich. »Aber welcher Ort könnte gemeint sein? Diese Zeilen sagen nichts darüber aus.«
   Sasha spürte seinen Blick auf sich ruhen und sie wusste, dass er ihr in diesem Moment vertraute und ihre Hilfe annehmen würde. Sie holte tief Luft. Gestern noch hatte sie ein ganz normales, langweiliges Leben geführt und heute sah alles anders aus. Sie hatte das Gefühl, als würde sie sich bald in das größte Abenteuer ihres Lebens begeben. Oder steckte sie bereits mittendrin? »Gut, dann überlegen wir. Wo der Ewigkeit kalter Atem … Das könnte ein Ort sein, an dem es sehr kalt ist? In Ehrfurcht für immer erstarrt … Damit könnte vielleicht gemeint sein, dass etwas dort schon immer steht? Und finden den Weg durch die dunkle Nacht … hm. Da es nachts immer dunkel ist, nehme ich einfach an, dass etwas anderes gemeint ist, ein finsterer Ort vielleicht?« Sie seufzte.
   Darius rieb seine Handflächen aneinander, als wären sie feucht geworden. Er sagte kein Wort, doch er lauschte ihrem Gemurmel und schien fasziniert zu sein. Von ihr? Das spornte sie an, mit ihren aus der Luft gegriffenen Ideen, weiterzumachen. »Ein kalter Ort. Ein sehr kalter Ort, an dem etwas erstarrt ist. Kalt, eingefroren, dunkel … Kalt, eingefroren, dunkel …« Immer wieder sprach sie diese Wörter aus, während sie angespannt in dem Raum auf– und abging. Bis sie plötzlich von Darius’ Arm aufgehalten wurde, der sie sanft stoppte. Erschrocken blickte sie zu ihm auf, doch als sie in seine Augen sah, wusste sie, dass er den Ort gefunden hatte. Er lächelte sie an, und ihr Herz setzte für einen Takt aus.
   »Die Ewigen Eishöhlen.« Er senkte den Kopf, als würde er sich vor ihr verbeugen wollen. »Sasha, du hast erreicht, was ich all die Jahre nicht zu schaffen vermocht habe.« Stürmisch riss er sie in seine Arme.
   Sie schrie auf, da die Umarmung etwas plötzlich gekommen war, doch ihr Herz raste nicht aus Angst, sondern weil sie seinen dunklen Duft eingeatmet und seine warme Haut an ihrer gespürt hatte. Im nächsten Moment räusperte er sich und ließ abrupt los.
   Sie benötigte einen Augenblick, um sich zu sammeln. »Nun, was hast du jetzt vor?«, fragte sie und strich sich imaginäre Falten aus der Hose.
   »Ich werde schnellstmöglich alles Nötige zusammenpacken und mich auf den Weg zu den Ewigen Eishöhlen machen.« Noch während er sprach, sammelte er hektisch die Unterlagen von seinem Tisch zusammen.
   Sasha kam sich verloren vor, denn er hatte nicht wir gesagt. Dabei hatte sie gehofft, ihn auf diesem Abenteuer begleiten zu können. »Hast du nicht etwas vergessen?«
   Er hielt inne und sah sie scheinbar irritiert an. »Ich verstehe nicht?«
   »Mich?« Nun lächelte sie verlegen. Sasha versuchte, ihren ganzen Charme in dieses Lächeln zu legen, um ihn irgendwie umzustimmen.
   »Natürlich werde ich dich an deinem Zuhause absetzen«, sagte er knapp, bevor er weiter seine Unterlagen ordnete.
   Sasha ging zu ihm und stellte sich so dicht hinter ihn, dass sie seine Muskeln beinahe durch die Kleidung spüren konnte. Sie legte ihm die Hand auf den Rücken. »Aber wäre es denn nicht zu gefährlich für mich, jetzt in mein normales Leben zurückzukehren? Auf mich warten die Protectoren, die Wächter, der Pranger, der Tod …« Und während sie weiter versuchte, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden, strich sie sachte über seinen Rücken. Sie unterdrückte ein Grinsen, als sie spürte, wie er sich unter ihrer Berührung versteifte. Weibliche Überredungskunst war einfach nicht zu unterschätzen.
   Sie wusste, dass sie recht hatte, hier lauerten viele Gefahren auf sie. Und sie sah ihm an, dass es ihm ebenfalls bewusst war, er schien jedoch mit sich zu ringen. Sie betete zu den Heiligen, dass er sie nicht allein zurück und somit ihrem Schicksal überließ.
   »Morgen reiten wir sehr früh los, die Reise wird hart und anstrengend werden. Versuche, gut zu ruhen, ich werde keine Rücksicht nehmen«, sagte er schließlich und klang mürrisch. Dann rauschte er davon, und Sasha hörte, wie kurz darauf die Dusche anging. Sie grinste. Eine kalte Dusche hatte sie jetzt auch bitter nötig.

Kapitel 5
Verstärkung

Sasha rieb sich erschöpft die Augen und zog die Felljacke enger, während sie heimlich in Richtung der Decken sah, die Darius neben das Feuer gelegt hatte. Ihre Zähne klapperten unaufhörlich, wie gern hätte sie sich eine davon genommen, doch Darius hatte sie, mit der Anweisung, diese nicht anzurühren, neben das Feuer gelegt, um sie aufzuwärmen. Missmutig funkelte Sasha sie an, sie mussten doch irgendwann warm genug geworden sein! Seit zwei Tagen waren sie bereits unterwegs, und Sashas Muskeln schmerzten von dem langen Ritt an Stellen, die ihr bis dahin gänzlich unbekannt gewesen waren. Ihr Hintern benötigte dringend eine Massage – und jeder andere Körperteil ebenso. Ihr Rücken war völlig verspannt und sie hätte einen ganzen Hirsch verspeisen können, so hungrig war sie. Ihre Augen brannten, weil sie die vergangenen Tage nichts als karge Ödnis gesehen und viel zu wenig Schlaf bekommen hatten.
   Das Virus hatte im Laufe der Jahrhunderte ebenso viele Tiere wie Pflanzen befallen, sodass sich die vielfältige Fauna und bunte Flora ihres Planeten in eine traurige, triste Welt verwandelt hatten. Die Landschaft glich an den meisten Orten einer Steinwüste und die wenigen Pflanzen, die es noch gab, schillerten nicht mehr. Sasha hatte in der Bibliothek gelesen, wie ihre Welt früher ausgesehen hatte. Saftige Farben erstrahlten überall, die Vegetation war üppig, und Tiere hatte es in allen Formen und Größen gegeben. Traurig sah sie sich um. Das Virus hatte ihnen ein Trauerfeld hinterlassen. Und so, wie sich einige Menschen in Raubtiere verwandelt hatten, so waren auch einige Tierarten zu Monstern mutiert. Sasha schüttelte sich. Sie hatte in der Bibliothek einige Bilder von Kreaturen gesehen, denen sie lieber nicht begegnen wollte. Ängstlich blickte sie in die Dunkelheit. Vor allem nicht nachts.
   Sie versuchte, an etwas anderes zu denken, bevor sie völlig panisch werden würde, bei dem Gedanken an all die Geschöpfe, die sich in der Finsternis verstecken könnten.
   Wenigstens hatte sie während der Reise ihr eigenes Pferd bekommen, ihre Sorge um zu engen Körperkontakt war daher grundlos gewesen. In der Nacht, bevor sie aufgebrochen waren, hatte sie die Vorstellung, wie sie vor ihm auf einem Pferd sitzen würde, seine Arme eng um sich geschlungen, nicht mehr losgelassen. Fast war sie darüber enttäuscht, als er schließlich mit zwei Tieren angekommen war.
   Sie fuhr sich durch ihr Haar und verzog den Mund, sie musste einfach grauenvoll aussehen. Ein Bad wäre jetzt geradezu himmlisch. Verstohlen sah sie erneut zu Darius. Viel hatte er während der vergangenen zwei Tage ihrer Reise nicht gesprochen. Mit versteinerter Miene saß er auf seinem Pferd, die Augen stets wachsam in alle Richtungen blickend. Eine nette Unterhaltung? Von wegen. Und wenn es an der Zeit war, das Nachtlager aufzuschlagen, so hatten sie zusammen gespeist und anschließend waren ihr die Decken zugeworfen worden, dann hatte er sich verzogen. Da der anstrengende Ritt sie zu sehr erschöpfte, war es ihr irgendwann gleich, ob er mit ihr redete oder nicht.
   Anfangs hatte sich Sasha gefürchtet, allein am Feuer zu liegen, gut sichtbar für alle Kreaturen, die es hier gab. Doch sie konnte ihn spüren. Sie wusste, dass er ganz in ihrer Nähe war und auf sie achtgab. Offensichtlich wollte er nur nicht neben ihr schlafen. Sie hatte es mit einem Schulterzucken hingenommen, denn seltsamerweise fühlte sie sich trotzdem sicher und beschützt. Auch jetzt versuchte er, so viel Abstand wie möglich zwischen sie zu bekommen. Sasha schüttelte leicht den Kopf.
   Die Pferde grasten am Rande des Feuers, und irgendwo daneben bereitete Darius das Abendmahl vor. Vor ihr lagen diese warmen, flauschigen Decken, und Sasha sah sie flehend an. Jetzt, da sie ihr Ziel beinahe erreicht hatten und in die kalten Regionen am Fuße des Heiligen Berges vorgedrungen waren, wirkten sie noch verlockender.
   Ab hier würden sie zu Fuß weiter gehen müssen, hatte Darius gesagt. Die Pferde würden das unwegsame Gelände nicht bewältigen können. Sasha fröstelte noch mehr, bei der Vorstellung, dass sie sich morgen bei Sonnenaufgang schon auf die Suche nach dem Eingang zu den Ewigen Eishöhlen machen würden.

*

Darius ertappte sich dabei, wie er immer wieder verstohlen zu der Menschenfrau sah. Er hatte die Konversation während des Ritts bewusst eingeschränkt, da er bald festgestellt hatte, dass ihre Gegenwart ihn zu sehr ablenkte. Und Ablenkung war in dieser Gegend mitunter tödlich.
   Sie zitterte merklich und ihr Blick glitt beständig zu den zusätzlichen Decken. Er lächelte über ihre Hartnäckigkeit. Doch wie sie da saß, mit den vom Ritt zerzausten Haaren und tief in ihren Gedanken versunken, da konnte er nicht aufhören, sie anzusehen. Etwas in ihm bekam Risse, etwas Altes, tief Verborgenes. Sie strich sich eine wirre Strähne aus der Stirn, und plötzlich begann sein Magen, sich zusammenzuziehen. Er musste wohl dringend etwas Nahrung zu sich nehmen.
   Ein plötzliches Knacken ließ ihn zusammenzucken. Darius fluchte. Seine Raubtiersinne waren nur einen Moment abgelenkt, obwohl er genau wusste, welche Gefahren hier auf sie lauerten. Angespannt lauschte er in die Dunkelheit und ging langsam um die Pferde herum auf die Menschenfrau zu. Seine Muskeln waren angespannt und seine Augen würden jede noch so kleine Bewegung wahrnehmen. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er endlich bei Sasha angekommen war. Seine Sinne weiterhin in die Schatten gerichtet, sah er sie prüfend an, nur um festzustellen, dass sie nichts bemerkt hatte. Er hob den Zeigefinger vor seinen Mund, als bereits das nächste Geräusch erklang, dieses Mal um einiges lauter und näher.
   Nun hatte sie es auch gehört und sprang erschrocken auf. Er schob sie schützend hinter sich und eine Hand klammerte sich um den Griff seines Schwertes.

*

Sashas Herz schlug heftig, während sie hinter Darius Schutz suchte. Sie wollte sich gerade dicht an seinen breiten Rücken schmiegen, als auf einmal ein herzhaftes Lachen aus der Dunkelheit erschallte. Verwirrt sah sie sich um. Darius hielt ebenfalls in seiner Bewegung inne, und als das Lachen lauter wurde, entspannte er sich merklich und lockerte den Griff um sein Schwert. Sie hörte ihn etwas murmeln, dass sich nach Schwachkopf anhörte. Was war hier los?
   »Sei gegrüßt, alter Mann«, vernahm sie eine tiefe, wohlklingende Stimme aus dem Nichts. Sie fuhr herum und sah zwei Männer auf sich zukommen.
   »Keine Angst, das Schlimmste, was dir in seiner Gegenwart passieren kann, sind ein paar blutige Ohren«, beschwichtigte Darius sie, und während er sprach, konnte sie tatsächlich ein kleines Lächeln in seinem Gesicht sehen.
   Der Größere der beiden, der eben gegrüßt hatte, grinste nun über das ganze Gesicht und breitete die Arme aus. »Ich freue mich auch, dich wiederzusehen«, sagte er und ging geradewegs auf Darius zu.
   Dieser zog erneut sein Schwert und hielt es dem Mann ins Gesicht. »Wage es, und du bist einen Kopf kürzer.«
   Der fremde Mann lachte herzlich. Dann sah er zu Sasha und sein Grinsen verwandelte sich in das charmanteste Lächeln, dass sie jemals gesehen hatte.
   »Ja hallo, wen haben wir denn hier?« Und noch während er sprach, ging er auf sie zu. Den Blick stets in ihre Augen geheftet, nahm er eine Hand und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken.
   Sasha war sprachlos. Sie war von so viel Charme gebannt und absolut hingerissen von solch tadellosen Manieren. Selbstverständlich war der Umstand, dass dieser Mann zusätzlich zu seinem guten Verhalten auch umwerfend aussah, kaum zu übersehen. Er war fast so groß wie Darius und seine Statur ebenso kräftig. Sein hellblondes Haar trug er offen und es reichte ihm bis kurz über die Schultern. Die Augen waren von solch einem strahlenden Blau, wie sie es bisher nur bei Babys gesehen hatte. Die langen hellen Wimpern umrahmten sie perfekt. Sie ertappte sich dabei, wie sie ihn anstarrte, was sein Lächeln nur breiter werden ließ. Doch so hinreißend und gut aussehend dieser Mann auch war, Sasha fehlte die Wildheit und Rauheit ihres Vampirs.
   »Wenn du die Menschenfrau genug abgeleckt hast, kannst du mir beim Abendmahl behilflich sein, Schwachkopf«, brummte Darius, bevor er davonstapfte.
   Der blonde Mann lachte und verbeugte sich vor Sasha. »Es ist mir eine große Freude, Ihnen meine Wenigkeit vorstellen zu dürfen.« Er machte eine ausladende Bewegung mit der Hand und zwinkerte ihr schelmisch zu. »Solvin ist mein werter Name.« Er lächelte verschmitzt. »Und mein redegewandter Freund hier heißt Talin.« Dabei klopfte er dem bisher stummen Mann neben sich auf die Schulter und lachte erneut herzlich. Sasha bemerkte erst jetzt, dass noch jemand hinzugekommen war und sie räusperte sich. Talin war kleiner als Darius und Solvin. Er hatte kurz geschorene Haare und Augen, so schwarz wie die Nacht. Sein Gesicht glich einer erstarrten Maske, auf der kein Lächeln erstrahlte. Stumm sah er sie an und ging einfach in Richtung Darius’ davon. Sasha erschauderte. Von ihm ging eine dunkle Aura aus, sie konnte förmlich spüren, dass er gefährlich war.
   »Ist er nicht niedlich?«, sagte Solvin. »Tal ist unser Sonnenschein.« Er zwinkerte ihr wieder zu, legte den Arm um sie und bugsierte sie zu den beiden anderen.
   Sasha war verwirrt. Da tauchten aus dem Nichts plötzlich zwei Fremde auf, die Darius kannten. Was hatte das zu bedeuten? Außerdem nannte er sie in deren Gegenwart Menschenfrau. Hieß das, dass die Männer ebenfalls Vampire waren? Sie musste zu Darius, sie brauchte Antworten, dringend!

Gemeinsam saßen sie um das Feuer beim Abendmahl zusammen, die frostige Nachtluft legte sich klamm und eisig um ihren Körper, weshalb sie überglücklich war, dass Darius ihr endlich eine der aufgewärmten Decken gegeben hatte und gleichzeitig war sie gerührt, dass er dies extra für sie gemacht hatte. Die Wärme war himmlisch. Mit gemischten Gefühlen nahm sie zur Kenntnis, dass sich die Neuankömmlinge ihr Nachtlager zurechtgemacht hatten. Während des Mahls versuchte sie, die beiden so unauffällig wie möglich zu beobachten. Wie sie aus den wenigen Gesprächen bisher entnommen hatte, waren Solvin und Talin auf Darius’ Wunsch hier. Er kam ihr wie ein Einzelkämpfer vor, doch wie sie mitbekommen hatte, waren die Ewigen Eishöhlen ein sehr gefährlicher Ort, an dem angriffslustige Kreaturen lebten. Darius hatte die Männer daher um Unterstützung gebeten. Ihr war nicht klar gewesen, wie riskant diese Umgebung tatsächlich war.
   Sie sah jeden der Männer der Reihe nach an. Während Darius und Talin darin wetteiferten, die wenigsten Silben von sich zu geben, so hatte Solvin keine Probleme, sich mitzuteilen. In seiner freundlich charmanten Art gab er ein paar Anekdoten über frühere Kämpfe zum Besten, und Sasha genoss es, ihm zuzuhören. Nicht nur, weil sie dadurch mehr über Darius erfuhr, auch weil sie seit einer langen Weile keine richtige Konversation mehr hatte führen dürfen. Sie entspannte sich zum ersten Mal seit Tagen, während sie Solvins angenehmer Stimme lauschte.

*

Darius beobachtete Sasha mit all seinen Sinnen, ohne dass sie es mitbekam. Seine Befürchtungen waren wahr geworden. Er hatte geahnt, dass sie sich sofort für Sol erwärmen würde, denn das taten die Frauen immer. Sol wusste seinen Charme und sein Aussehen stets richtig einzusetzen. Es ärgerte ihn, dass es ihn auf einmal kümmerte, das hatte es zuvor nie getan. Sasha lehnte sich zurück und lauschte entspannt Sols Erzählungen, genoss lächelnd dessen Gesellschaft.
   Darius verspürte einen Stich in seinem Innersten. In seiner Gesellschaft hatte sich Sasha bisher nicht so wohl gefühlt. Er schnaubte. Wie auch? Als ob er ein angenehmer Gesprächspartner wäre. Er verstand, warum Sol so faszinierend auf sie wirkte und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wünschte sich Darius an dessen Stelle zu sein, um bei der Menschenfrau Eindruck schinden zu können. Er rieb sich frustriert über das Gesicht. Was tat er da denn nur? Er benötigte dringend eine Abkühlung.
   Er stand auf und ging in Richtung der kleinen Hügel davon. Als er am frühen Abend die Umgebung nach Gefahren abgelaufen war, hatte er einen Teich entdeckt. Er war nicht sehr tief, aber da er sich am Fuße des Heiligen Bergs befand, war er eiskalt. Und somit genau das, was er jetzt benötigte. Es gab weder gefährliche noch ungefährliche Tiere darin. Darius entledigte sich seiner Kleidung und watete stur in den Teich hinein. Das eiskalte Wasser schnürte ihm sofort die Luft ab, er hieß die eisige Abkühlung willkommen. Er tauchte unter und ließ sich einen Augenblick treiben. Das frostige Nass stach wie Hunderte Nadeln in jede Pore seines Körpers und Schmerz breitete sich langsam zunehmend in ihm aus. Er tauchte auf und lächelte.

*

Sasha sah Darius hinterher, der plötzlich aufgestanden und wortlos gegangen war. Aus einem ihr unerklärlichen Impuls wollte sie ihm sogleich nachlaufen, doch als sie gerade aufstehen wollte, hielt Solvin sie zurück.
   »Meine Schöne, langweile ich Sie etwa?«
   »Verzeihung, nein, selbstverständlich nicht, ich habe mich nur gerade gefragt, wohin Darius so plötzlich gegangen ist?« Besorgt sah sie ihm nach.
   Ein verschmitztes Lächeln umspielte Solvins Lippen. »Ich könnte mir vorstellen, dass er eine Möglichkeit sucht, um sein erhitztes Gemüt ein wenig abzukühlen.«
   Irritiert sah Sasha ihn an.
   »Wenn Sie erlauben?« Solvin stand auf und bot ihr seinen Arm dar. »Wir werden nach ihm sehen, nicht dass er mit seiner Laune noch die letzten Pflanzen zum Welken bringt.«
   Erleichtert hakte sich Sasha in Solvins Arm ein. Dieser wandte sich an Talin. »Tal, mein Häschen, nur für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass du uns vermissen solltest, wir werden Darius ein wenig Gesellschaft leisten.«
   Talin sah zu ihm auf und schüttelte kaum merklich den Kopf.

*

Darius ließ sich in dem kleinen Teich treiben, soweit dies eben möglich war. Die Kälte hatte seine Gedanken wieder klar, dafür aber seine Extremitäten taub werden lassen. Er schloss die Augen und versuchte, sich auf den nächsten Tag zu konzentrieren. Es war ein halsbrecherisches Vorhaben, in die Ewigen Eishöhlen vorzudringen. Brutale Geschöpfe warteten nur darauf, ihnen die Köpfe abzureißen. Er war nicht einfältig und so hatte er Sol und Tal um Hilfe gebeten. Sie kämpften schon so lange Seite an Seite und sie waren alles, was ihm von Freunden und Familie noch geblieben war.
   Ein lautes Geräusch ließ ihn aus seinen Gedanken hochschrecken. Darius fluchte. Zum wiederholten Male war er abgelenkt gewesen und hatte die Gefahr nicht kommen hören. Angespannt stand er im Teich, ohne Waffe, und lauschte in die Dunkelheit. Sasha und Solvin kamen zwischen den Felsen hervor, die den Teich komplett einschlossen.
   »Na, da haben wir die Wasserratte ja gefunden«, sagte Solvin fröhlich. »Dann werde ich Tal schnell wieder Gesellschaft leisten, bevor er sich noch zu Tode langweilt. Er hasst es so sehr, allein zu sein.« Er grinste und verschwand.
   Die Menschenfrau stand plötzlich allein vor ihm. Sie sagte nichts, sondern starrte ihn nur an. Ihm wurde bewusst, dass er nackt vor ihr stand und da der Teich nicht sehr tief war, hatte sie eine blendende Aussicht. Darius kam sich auf einmal deplatziert vor, wusste nicht, was er tun sollte. Er konnte kaum so stehen bleiben und ihr seine Nacktheit präsentieren. Also watete er mit stoischer Miene aus dem Teich. Er spürte ihren Blick unverwandt auf sich ruhen, der ihn zu seiner Überraschung nervös machte. Ihn machte so schnell nichts nervös. Wenn sie doch nur etwas sagen würde. So konnte es nicht weitergehen.
   Er ging nicht zu seinen Sachen, sondern direkt auf sie zu und blieb vor ihr stehen. »Was tust du hier?«, fragte er sie heiser.

*

Sasha hatte es die Sprache verschlagen. Solvin ließ sie einfach mit dem Vampir allein. Mit einem nackten Vampir, dessen Körper von den Heiligen selbst erschaffen worden sein musste. Sie konnte nicht anders, als ihn unverblümt anzustarren. Während er auf sie zukam, perlte Wasser in kleinen Rinnsalen über seinen Körper. Langsam suchte es sich einen Weg über gebräunte Haut und straffe Muskeln. Sie war noch nie so glücklich und dankbar über den tief stehenden Vollmond gewesen, wie heute, denn ohne ihn wäre ihr dieser Anblick entgangen.
   Sasha fror trotz dicker Jacke, und hier stand ihr Vampir, ohne ein Kleidungsstück und kein Muskel erzitterte.
   »Du musst bestimmt entsetzlich frieren«, sagte sie leise, während sie verzweifelt versuchte, den lästigen Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken. Er kam einen weiteren Schritt näher, und als sie zu ihm aufsah, loderten grelle Flammen in seinen Augen.
   »Noch einmal. Was tust du hier?«
   Seine Stimme klang gepresst, als hätte er Mühe, sich zu beherrschen. Plötzlich musste Sasha an den Kuss denken und seine Nähe löste eine Revolte in ihrem Magen aus. Ihr Herz raste. »Ich …«, sagte sie und sah panisch an ihm vorbei zum Teich. »Ich wollte auch ein Bad nehmen«, erwiderte sie entschlossen.
   Er lachte laut auf und blickte über seine Schulter zum Tümpel zurück. »Das würde ich zu gern sehen.«

*

Während er ihren missmutigen Blick auf sich spürte, sammelte er seine Kleidung ein und zog sich an. Darius fluchte innerlich, denn seit sie ihn am Teich aufgesucht hatte, konnte er an nichts anderes mehr denken, als an ihren Kuss. Der Gedanke, wie sie versuchen wollte, in dem kalten Wasser ein Bad zu nehmen, heiterte ihn dagegen ungemein auf. Als er sich angezogen hatte, machte er es sich auf einem großen Stein bequem und wartete mit verschränkten Armen und einem herausfordernden Lächeln auf ihr weiteres Vorgehen. »Nur keine Scheu. Ich werde selbstverständlich hierbleiben, für den Fall, dass ein Eiswolf dich als Abendmahl auserkoren hat.«
   »Eiswolf?« Sasha zog die Felljacke enger um sich.
   »Ja, nur eines der niedlichen Tierchen, die hier leben.« Er nickte in Richtung des Teichs. »Was ist nun mit dem Bad?«

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