Wir hatten die Arena als Schauspieler betreten, und selbst da hatte ich noch verdrängt, dass nicht alle sie wieder verlassen würden. Die Untergrundorganisation Absecon kommt nicht zur Ruhe: Verstärkte Überwachung und das zunehmende Misstrauen zwischen den Rassen führen zu Konflikten auf mehreren Ebenen. Als Menschen sowie Vampire in den Highlands verschwinden und auch Madisons Kollegen aus Fort William kein Lebenszeichen mehr von sich geben, reist sie mit Nicolae und zwei Ratsvampiren nach Schottland. Dort geraten sie in einen Hinterhalt – und finden sich an einem Ort wieder, der so nicht existieren dürfte. Madison muss Allianzen schließen, von denen sie selbst nicht überzeugt ist … und trifft jemanden wieder, der alles infrage stellt, woran sie jemals geglaubt hat.

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ISBN: 978-9963-53-499-9

Seiten: 377

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Stephanie Linnhe

Stephanie Linnhe
Stephanie Linnhe wuchs im nördlichen Ruhrgebiet auf. Nach einer Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin studierte sie Publizistik, Skandinavistik und Sozialanthropologie in Bochum und Kopenhagen. Im Anschluss ging sie für ein Jahr nach Australien und arbeitete als Story Writer für Sensory Image Pty Ltd sowie als Tourguide mit Schwerpunkt in Sydney. Zurück in Europa, führten mehrere Projekte sie in die Schweiz und nach England, bis sie schließlich 2008 in die Welt der Computerspiele eintauchte. Seitdem kümmert sie sich um die Texte eines Karlsruher Onlinespiel-Anbieters und schreibt nebenher für Zeitungen und Zeitschriften.

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Kapitel 1
November 2026
Hythe, Südengland

Warten war einer der schlimmsten Zustände der Welt. Es bedeutete Stillstand, Unsicherheit, Ohnmacht. Egal, was um mich herum geschah, wie viele Leben auf dem Spiel standen oder wer soeben seine Waffen hob, um mich ins Visier zu nehmen –, ich konnte nichts weiter tun, als die Sekunden, Minuten oder gar Stunden verstreichen zu lassen. In einer Passivität zu schweben, die sämtliche Nervenenden vibrieren ließ, da mein Hirn den Muskeln permanent den Befehl geben wollte, zu rennen. Jedes Mal musste ich gegen meine Instinkte kämpfen und mich zurückhalten.
   Ich presste eine Hand auf die Leuchtdioden des Isodub-Overalls, und fahles Licht fiel auf den Boden vor mir. Es schälte die Umrisse einer halb zerstörten Muschel aus Sand und Dunkelheit. Schnell kickte ich sie weg, um zumindest etwas zu tun, und berührte zum wohl zehnten Mal das Mikrotransplant in meinem Ohr. »Nachricht? Sichtung? Irgendwas?«
   Die Antwort bestand zunächst aus verzerrtem Dröhnen. Ich begriff, dass Ed herzhaft gähnte. Er befand sich am anderen Ende des Küstenabschnitts von Hythe, den wir heute Nacht bewachten.
   »Nichts, Maddie.«
   Ich biss die Zähne zusammen und starrte auf das dunkel glitzernde Meer. Es war eiskalt hier draußen, die Sterne und der Mond gut sichtbar. Dafür totenstill.
   Selbst die Nachtvögel verkriechen sich bei den Temperaturen.
   Tief unter mir wartete das Boot unserer Kontaktleute, um den Passagier dieser Nacht an die französische Küste zu bringen. In der Absecon-Zentrale in London saßen Mindy und Claudia und hörten den Funk der Behörden ab, um uns einen weiteren Sicherheitspuffer zu bieten.
   Der sich in den vergangenen Wochen als nicht mehr so stabil erwiesen hatte wie zuvor. Zwar handelte unsere Organisation noch immer im Untergrund und ohne Wissen der Offiziellen, doch diese reagierten immer mehr auf die Umbrüche innerhalb des Landes. Manchmal mit überraschenden Methoden, wie beispielsweise stark eingeschränkte oder ungewöhnlich übermittelte Kommunikation. Mindy und ihre Tech-Kollegen hatten noch niemals so viel zu tun gehabt wie jetzt, wo sie permanent damit beschäftigt waren, Nischen im Shadenet aufzudecken, Unterkanäle zu koppeln und zeitgleich unsere Übertragungen so tief im Netz zu verbergen, dass niemand sie finden konnte.
   Das Kabinett hatte übervorsichtig gehandelt, seitdem die Gewandelten an die Öffentlichkeit getreten waren. Vorsichtig bis unbedacht, wenn man die V-Paragrafen betrachtete, die den Menschen geradezu nahelegten, einen Vampir in Notwehr zu töten. Wer konnte schon sagen, ob es wirklich Notwehr gewesen war, wenn die Gegenseite keine Chance mehr zu einer Aussage besaß?
   Seitdem die Unruhen in London und Manchester sowie in Schottland eskaliert waren und sich Vampire offen gegen die Unterdrückung von oben auflehnten, trug jede politische Debatte eine Angsthaltung zur Schau. Die Grenzen des Commonwealth waren schon immer stark bewacht gewesen, doch mittlerweile glichen sie krankhaften Bollwerken, die uns vom Rest der Welt abschirmten. Niemand kam ungesehen hinein, aber auch nicht hinaus. Erst recht kein Vampir.
   Es sei denn, er wandte sich an Absecon.
   Heutzutage mussten wir unsere Einsätze intensiver planen. Wir nahmen seltener Aufträge an als noch vor einem halben Jahr, da wir nicht mit Sicherheit sagen konnten, dass eine Grenze durchlässig war. Unsere Wartelisten wurden länger, und jedes Mal, wenn ich einen Blick darauf warf, fühlte ich mich einen Moment lang mutlos. Lediglich der Gedanke an meinen alten Mentor Lucas erinnerte mich jedes Mal daran, warum es Absecon gab und wie unser Motto lautete.
   Jedes Leben zählt, ob untot oder nicht.
   Lucas Delmore war für diesen Grundsatz gestorben, und ich würde das nicht vergessen, solange ich lebte.
   Ich sah mich um, lockerte Arme und Beine und betrachtete die Dunkelheit landeinwärts. Noch immer nichts.
   Unsere heutige Klientin hieß Helen Boone und war eine ehemalige Geschäftsfrau aus Cambridge. Sie finanzierte ihr Leben mit Immobilien, die ihr nach und nach unter den Fingern wegbrachen, seitdem sie sich als Gewandelte geoutet hatte. Zu meinem Erstaunen betrachtete sie es mit Erleichterung, und auch wenn sie gewusst hatte, dass es nicht leicht werden würde, war sie froh gewesen, ihre Maskerade endlich fallen zu lassen. Menschen offen in die Augen zu blicken und zuzulassen, dass diese den Vampir in der hübschen, energischen Frau erkannten. Allein das Glühen in den Pupillen verriet ihn. Es war verhalten genug, um es vor anderen zu verbergen, wenn derjenige es wollte. Wusste man allerdingsd Ich nehme an, dass s einmal darum, war es nicht mehr zu übersehen.
   Doch nichts war gekommen, wie Helen Boone erwartet hatte. Die freundlichere Hälfte ihrer Geschäftspartner ignorierte sie schlicht, die andere schickte ihr Beleidigungen oder Morddrohungen. Nahezu alle wandten sich von ihr ab, und bald fand sie sich allein und ohne persönliche Kontakte wieder. Das alles hatte sie uns in den Vorabbefragungen erzählt, in denen wir uns ein Bild unserer möglichen Klienten verschafften. Claudia hatte wie immer sämtliche Angaben prüfen lassen. Sie hatten sich als wahr herausgestellt, also hatten wir Helen unsere Hilfe zugesagt. Sie wollte von Frankreich aus weiter in den Süden Europas, um dort ein neues Leben zu beginnen. Wieder einmal. Nahezu die Hälfte ihres Vermögens hatte sie Absecon überlassen, obwohl das nicht Teil der Abmachung gewesen war. Aus all diesen Gründen würde es mich wundern, wenn Helen die Schuld an dieser Verzögerung trug. England zu verlassen schien ihr ernst gewesen zu sein.
   Ich schob die Hände tiefer in die Jackentaschen und nahm meine Wanderung wieder auf, um nicht auf der Stelle festzufrieren. Die Kälte belebte mich, das Adrenalin tat sein Übriges. Ich war hellwach. Aus Gewohnheit wusste ich jedoch, wie hart der Arbeitstag morgen werden würde. Mit einigen Traffein würde ich auch ihn überstehen.
   Ich lebte zwei Leben parallel: das offizielle als Radiomoderatorin in Soho und das als Absecon-Mitglied. Es grenzte an Ironie, wie sehr sich mein Antrieb verändert hatte, der mich in manchen Nächten dazu brachte, meinen Hals für die Rechte der Gewandelten zu riskieren. Zunächst war ich der Organisation beigetreten, da ich meine Mutter zu finden hoffte. Im Laufe der Zeit hatte ich begriffen, in welcher Lage sich unsere nichtmenschlichen Mitbürger wirklich befanden. Nic hatte sich in mein Herz geschlichen und Absecon wurde zu meiner Art des Protests. Eine Überzeugung, die ich mit Lucas teilte. Und jetzt, da ich seit Monaten wusste, dass meine Mutter noch lebte und irgendwo auf dieser verdammten Insel als Gewandelte unterwegs war, fühlte ich ein seltsames Chaos in mir. Ich wollte Elaine Turner noch immer finden, wollte wissen, warum sie nie versucht hatte, mit mir in Kontakt zu treten, doch es waren Dinge im Gang, die wichtiger waren. Dinge, die mein ganzes Leben sowie das aller Menschen und Vampire, die ich liebte, durcheinanderbringen konnte. Umwerfen. Vielleicht sogar auslöschen.
   Das durfte ich nicht zulassen. Und ich würde es nicht.
   Das Com rauschte, und ich hoffte, dass sich Vinnie endlich meldete, der heute Nacht unsere Klienten abgeholt hatte und begleitete.
   Zu meiner Überraschung war es Mindy aus der Zentrale. »Leute, wir haben Bewegung. Nicht Vinnie.« Ihre Stimme klang so gelassen wie immer. Einzig die Tatsache, dass ihr polnischer Akzent stärker durchschlug, verriet ihre Anspannung.
   Ich berührte sacht mein Ohr. »Wir brauchen genauere Angaben.«
   Rauschen, dann war die Leitung wieder klar. Diese Schwankungen waren der Preis dafür, dass wir bei unserer Kommunikation tief durch illegale Subkanäle wateten.
   »Liegen noch nicht vor.«
   Mindys Worte waren kaum verklungen, als in der Nähe ein Lichtkegel aufleuchtete und gierig über das Land wanderte. Er hatte seinen Ursprung auf dem Wasser und konnte in seiner Auffälligkeit nur eines bedeuten.
   »Verdammt. Ed! Küstenwache!« Ich wirbelte herum und rannte auf das Ende des schmalen Weges zu, der mich zur Straße zurückführen würde. Dort parkte mein Wagen.
   Zu spät. Ein weiteres Licht schnitt durch die Dunkelheit. Kleiner als das des Bootes und viel, viel näher. Ein Wagen. Wir waren aufgeflogen.
   »Rückzug, Ed! Verschwinde!«
   Ein Motor sprang an, und der Wagen hielt auf die Küste zu. Noch konnte er mich nicht entdeckt haben, aber sicher hatten sie meine ungefähre Position geortet. Hektisch blickte ich mich um und versuchte zu berechnen, wie sich Boot und Auto ausrichten würden. Dass sie miteinander kommunizierten, stand außer Frage. Die Behörden hatten uns gestellt, und nun wollten sie die Falle zuschnappen lassen.
   Nicht mit mir.
   Der Weg nach vorn war abgeschnitten. Ebenso schlechte Chancen hatte ich, wenn ich versuchte, parallel zum Wasser zu entkommen. Das Gelände war flach, die Beamten hätten mich in kürzester Zeit eingeholt. Blieb nur eine Möglichkeit. Ich drehte mich um und sprintete noch in der Bewegung los. Mit ein wenig Glück würde man mich in der dunklen Kleidung nicht bemerken. Wie gut, dass ich ausreichend Zeit gehabt hatte, um mir das Gelände und den Verlauf der Küste einzuprägen, während ich mit unseren Leuten im Boot gesprochen hatte.
   Aus den Augenwinkeln sah ich das Licht des Wagens. Es war breiter geworden, intensiver. Entweder arbeiteten sie mit Suchscheinwerfern oder aber es war mehr als ein Fahrzeug unterwegs. Hören konnte ich nichts, das Rauschen der See übertönte die Geräusche in meinem Rücken. Mein Atem rasselte durch meine Kehle, und wenn ich Luft holte, schmeckte sie kalt und schwer und salzig. Der helle Kegel kam mir gefährlich nah. Der auf dem Wasser war dagegen bereits an mir vorbeigezogen. Ich hatte weder Rufe noch aufheulende Motoren gehört und vermutete, dass sich unsere französischen Kollegen rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatten. Die Felsen unter mir waren von ehemaligen Schmugglerhöhlen nahezu zerfressen, und manche von ihnen waren groß genug, um ein Wasserfahrzeug zu verstecken. Vielleicht hatten sie sich aber auch einfach rechtzeitig aus dem Staub machen können. Das Boot der Behörden würde eine Weile parallel zur Küste fahren und anschließend noch einmal umdrehen. Zumindest in dieser Hinsicht blieb mir ein Zeitfenster.
   Ich schlug einen Haken nach links und rannte schneller. Wenn ich entdeckt wurde, konnte das nicht nur für mich übel ausgehen, sondern auch für die gesamte Organisation. Ich durfte Absecon nicht gefährden. Es würde nicht lange dauern, bis man eine Verbindung zwischen uns und den Gewandelten zog. Bei dem Pulverfass, das London soeben darstellte, wären die Folgen verheerend.
   Ich warf einen Blick über die Schulter. Sie suchten das Gelände eindeutig ab und schwenkten ihren verdammten Scheinwerfer in meine Richtung. Er beleuchtete den Boden ein Stück entfernt, doch es genügte, um die Umgebung zu erkennen. Das Wasser glitzerte tief unter mir, und der Felsen fiel nach wenigen Schritten so schroff ab, dass es wirkte, als würde ich am Ende der Welt stehen.
   Hinter mir brüllte jemand. Ein Mann. Der Lichtkegel schwenkte erneut und hielt direkt auf mich zu. Ich biss die Zähne zusammen und trat nach vorn.
   Augenblicklich sackte ich nach unten. Mein Magen protestierte und Adrenalin flutete meinen Körper. Ich rollte mich zusammen und rief mir blitzschnell die Begebenheiten der Felsen ins Gedächtnis: ein flacher Abschnitt, eine mit Sand bedeckte Fläche, die allerdings mit Steinkuppen gespickt war, jenseits davon nur rasiermesserscharfe Felsen.
   Im nächsten Moment prallte ich auf Sand und Gestein. Greller Schmerz schoss meine Wirbelsäule entlang, ich war zu weit rechts aufgekommen und mit den Schultern auf die Mulden und Spitzen aus Stein geschlagen. Kurzzeitig nahm es mir den Atem, doch ich durfte keine Zeit verschwenden. Stöhnend rollte ich mich zur Seite und ignorierte das Stechen, das einfach nicht aufhören und, schlimmer noch, mich lähmen wollte. Ich tastete nach der Kante, fand sie, hielt mich so gut es ging fest und ließ mich hinübergleiten. Meine Füße trafen nach kurzer Suche auf festen Halt. Ich hatte diesen Steg zuvor entdeckt und mir für den Fall, der soeben eingetreten war, eingeprägt. Er war nicht lang, dennoch brauchte ich endlose Sekunden, bis ich sein Ende erreicht hatte. Bei jedem Schritt drohte mir der glitschige und mit Algen bewachsene Untergrund mit einem unschönen Tod. Meine Turnschuhe besaßen HighGrip, aber selbst das verschaffte mir lediglich einen Hauch mehr Bodenhaftung, keine vollständige Sicherheit.
   Endlich hatte ich die Kante erreicht. Die Stimmen über mir waren zu nah, um zu zögern, also spannte ich mich an und sprang. Ich landete hart und stand bis zu den Knien im eiskalten Wasser. Die kleine Felsplattform wurde regelmäßig überspült und ging in eine Höhle über. Sofort zitterte ich am ganzen Körper. Meine Zähne klapperten, und ich biss sie so fest aufeinander, wie ich konnte. Ich winkelte die Arme an und holte ausreichend Schwung, um mich gegen den Wasserdruck nach vorn zu pflügen. Dabei hoffte ich von ganzem Herzen, dass niemand mich hörte.
   Ich hatte Glück. Entweder hatte man mich nicht entdeckt oder niemand war so wahnsinnig, mir zu folgen. Meine Beine spürte ich nach wenigen Schritten kaum noch, und meine Füße schienen sich in leblose Klumpen verwandelt zu haben, die nicht mehr Teil meines Körpers waren. Lange würde ich bei diesen Temperaturen nicht durchhalten. All meine Hoffnung lag darin, dass meine Leute bald Entwarnung gaben. Wie ich mit völlig tauben Gliedern wieder an Land klettern sollte, wusste ich noch nicht, würde mir aber erst darüber den Kopf zerbrechen, wenn es soweit war. Es würde schon klappen.
   Es musste einfach.
   Zwei, drei Sekunden lang bereute ich, dass Nic nicht bei mir war. Zwar wusste er von Absecon, aber nicht, wann wir Aktionen durchführten, und ich hielt mich streng an unsere Grundsätze und verriet ihm nichts. Es funktionierte gut, da er nur halb bei mir wohnte und die andere Hälfte seiner Zeit im Haus des Vampirrates verbrachte.
   Mit ihm war ich bereits zweimal in Situationen geraten, gegen die diese ein Kinderspiel war. Immerhin ging es nicht direkt um mein Leben. Mit ihm an meiner Seite hätte ich mir keine Sorgen mehr um den Ausgang des Abends machen müssen. Nic konnte mich nicht wärmen, da sein untoter Körper stets kühl war, doch er hätte mich mit Leichtigkeit über die Klippen an Land gebracht.
   Die Gedanken wärmten mich zumindest innerlich. Die Zeit verschwamm. Mein Körper begann, mir Streiche zu spielen, gaukelte mir Wärme vor, wo keine war. Das war nicht gut. Obwohl es ein Risiko war, begann ich, Wasser zu treten. Hier in der Höhle reichte es mir bis zu den Waden. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, als sich endlich mein Transplant meldete. Zwei kurze Signaltöne, gefolgt von einem längeren, das Sicherheitssignal für den Fall, dass unsere Leute den Behörden in die Finger gerieten.
   Ich brauchte mehrere Anläufe, bis ich antworten konnte. »H… hier.«
   »Maddie?« Mindys Stimme. »Hythe ist wieder sauber und Ed bereits auf dem Weg zu uns. Vinnie hat sich gemeldet, die Klientin ist raus und die Kollegen vom Festland schon auf halbem Weg nach Hause. Wir brechen die Aktion ab. Sieh zu, dass du deinen Hintern so schnell wie möglich hierher bewegst.«
   Ein Rauschen, und die Leitung war tot. Ich verfluchte Mindy und ihre mangelnde Empathie, doch die daraus resultierende Wut verschaffte mir die nötige Kraft, um mich auf den Rückweg zu machen.

London

Zwei Stunden später bog ich auf den Parkplatz, an dessen Ende sich ein halb verfallener, von Graffiti überzogener Gebäudekomplex befand. Am Tag sah das Areal bereits trostlos aus, doch bei Nacht erinnerte es an ein Endzeit-Szenario, das man möglichst schnell wieder hinter sich lassen wollte. Es verirrten sich allerhöchstens zwielichtige Gestalten hierher … oder aber Absecon-Mitarbeiter. Unsere Zentrale lag im Süden Londons, und selbst mitten in der Nacht riss das Geräusch des Verkehrs niemals ab.
   Ich fuhr an Transportanhängern vorbei, deren Scanplacs teilweise verrostet oder unleserlich waren. Hier wurde eine Menge illegaler Waren umgeschlagen, und nicht immer erschien der Abnehmer, um seine Lieferung in Empfang zu nehmen, sei es, weil er aufgeflogen war oder weil ihm die Sache letztlich zu heiß wurde. Vor wenigen Wochen hatte ein Großaufgebot der Polizei den Platz geflutet und einen Anhänger geöffnet, in dem fünf ausgeblutete Menschenleichen gefunden worden waren. Bis heute kannte die Öffentlichkeit die Hintergründe nicht und glaubte, dass es sich um ein Verbrechen der Waffenlobby handelte. Eine Strategie des Überwachungsstaats war es, die Angst der Bewohner nicht Überhand nehmen zu lassen, um blinden Gehorsam zu gewährleisten und durch Panik getriebene Auflehnung zu vermeiden. Sie funktionierte perfekt, wie so oft, wenn man der Masse die Wahl ließ, ob Ereignisse in vorgefertigte Schubladen sortiert oder an unangenehmer Stelle drücken sollten. Niemand wollte mehr Angst haben, als es ohnehin bereits der Fall war.
   Ich hatte die Wahrheit über den Vampirrat Londons erfahren und wusste, dass die Leichen auf das Konto reicher Gewandelter gingen, die sich ihren persönlichen Blutnachschub hatten liefern lassen wollen. Ob die Schleuser es letztlich mit der Angst zu tun, ihre Auftraggeber verraten hatten oder schlicht geschnappt worden waren, wusste dagegen niemand.
   An keinem Ort in ganz England hätten wir uns besser in voller Sicht verbergen können.
   Ich wich einem Schlagloch von der Größe eines Lkw-Reifens aus und verzog das Gesicht, als ich eine tote Ratte überfuhr. Mit jedem Monat schien das Areal stärker zu verfallen, die Stadt hatte es längst abgeschrieben. Zwar gehörte es zu London, aber selbst die Gelder für Überwachungskameras wurden hier eingespart, von Sanierung ganz zu schweigen.
   Ich hielt an, stellte den Motor ab und lauschte. Obwohl sich meine Leute in der Nähe befanden, war ich nicht so leichtsinnig, die Schatten der Umgebung zu unterschätzen. Ich beobachtete sie einige Minuten, doch als sich nichts regte, stieg ich aus.
   Der Gestank nach Abgasen, Urin, Dreck und Verwesung drang an meine Nase. Ich band meinen Zopf neu, schlug den Jackenkragen hoch, angelte nach der Norica und machte mich auf den Weg. Meine Klamotten waren mittlerweile getrocknet, da ich das Thermostat im Wagen auf höchste Stufe hatte laufen lassen, und das Zittern hatte kurz vor London endlich aufgehört.
   Ein letzter Blick über die Schulter, dann löste ich die elektronischen Sperren des Haupteingangs, betätigte den Fingerscan der zweiten Tür und betrat ein anderes Jahrhundert. Nichts hätte einen größeren Kontrast zu der Abrisswelt bilden können als der Eingangsbereich mit all seinen Terminals und dem Equipment, das teilweise nicht einmal auf dem Schwarzmarkt zu finden war. Meine Kollegen, die sich um die Hightech-Ausstattung kümmerten, verständigten sich so oft in einer mir unbekannten Sprache, wie sie Mindys Augen zum Leuchten brachten. Sie setzten all ihre Energie ein, um Vorhandenes weiterzuentwickeln und Neues zu erfinden, und vergruben sich mitunter tagelang in ihrer Kammer, nur um anschließend über die stümperhaften Technologien der Überwachungsfraktion England zu lachen.
   Rötliches Licht verlieh dem Raum das Flair eines Hinterzimmers, in dem Geschäfte abgewickelt wurden, bei denen viel Geld und manchmal auch Blut floss. Dennoch entdeckte ich Vinnies breite Schultern augenblicklich. »Hey!«
   Er drehte sich um, der dünne Zopf strich über seine Schulter. »Na, wenn das nicht die kleine Madison ist.« Er wusste, wie sehr ich seine Begrüßungen hasste, also nahm er sich ausgiebig Zeit, um mich an seine Brust zu drücken, bis ich meine Geduldsgrenze erreicht hatte und die Handkante gegen seinen Adamsapfel presste.
   »Vinnie. Was ist los mit Helen Boone?«
   Er ließ mich los und wurde schlagartig ernst. »Sie ist nicht aufgetaucht. Ich habe länger gewartet als abgemacht und bin den Weg zu ihrer Wohnung abgefahren, doch keine Spur von ihr.«
   Ich runzelte die Stirn. Vinnie war Vater von vier Kindern und hatte ein zu weiches Herz. Unsere Regeln waren eindeutig: Tauchte ein Klient zum verabredeten Zeitpunkt nicht auf, war die Aktion gestorben. Es gab keine Extrafahrten, erst recht nicht zur Wohnung des jeweiligen Gewandelten. Zwar überprüften wir alles im Vorfeld, wollten aber dennoch jedweden Hinterhalt vermeiden.
   Damals, als ich Nic außer Landes schaffen wollte, hatte ich mit all diesen Vorgaben gebrochen. Allerdings nicht ohne Grund.
   Mindy tauchte hinter Vinnie auf und gab uns den Wink, ihr zu folgen. Sie hatte ihr Haar so nachlässig zusammengeknotet, dass es in wirren Büscheln am Hinterkopf abstand, und trug die tiefsten Augenringe zur Schau, die ich in den vergangenen Wochen gesehen hatte.
   »Du solltest dich mit der Tatsache vertraut machen, dass es so etwas wie Schlaf gibt«, sagte ich, als wir den Besprechungsraum erreichten.
   Sie hob die Augenbrauen. »Glaub mir, ich habe es versucht und mich schnell gelangweilt.« Ihre Stimme war rau, und wie um den Eindruck zu bekräftigen, zog sie ein zerknülltes Päckchen Zigaretten aus der Hosentasche.
   Die Tür öffnete sich erneut, und Claudia trat ein, allein durch Lauftempo und ihre Größe von beinahe eins achtzig eine Naturgewalt, wäre da nicht die Ruhe, die sie verströmte. Im Gegensatz zu Mindy sah sie aus, als käme sie eben aus dem Bad und die Welt wäre in bester Ordnung. So hatte sie auch ausgesehen, als Lucas mich ihr vorstellte. Nur hatte sie damals einige Falten und graue Strähnen weniger besessen. Nur wer genauer hinsah und es bemerkte, begriff, dass die Arbeit als Leiterin der Zentrale und die Verantwortung, die wir bei Absecon trugen, enorm an ihr zehrten. Anders als die meisten anderen arbeitete sie rund um die Uhr für die Organisation.
   Ein rascher Blick in die Runde, dann pflückte sie Mindy die Schachtel aus der Hand. Jeder andere hätte Protest geerntet, doch bei ihr traute sich selbst Mindy nicht, den Mund aufzumachen. Claudia strahlte eine Autorität aus, um die sie mancher Firmenboss beneidet hätte.
   »Wir haben einen Abgleich bezüglich Helen Boone laufen lassen.« Claudia hielt nichts von verschwendeter Zeit durch Small Talk. »Die aktuellsten Daten sind von vorgestern.«
   Ich runzelte die Stirn. »Was soll das heißen?«
   »Dass sie verschwunden ist, und das bereits seit zwei Tagen. Keine Bewegung an der Wohnung, keine Telefongespräche, kein Nachrichtenverkehr.«
   Mindy und ich wechselten einen Blick. Das war seltsam. Es kam vor, dass ein Klient es sich anders überlegte. Viele trugen die Erinnerungen an ihr menschliches Leben noch zu sehr mit sich herum und blieben trotz aller Schwierigkeiten in dem Land, das ihnen die Pistole auf die Brust setzte und ihnen mitteilte, Lebewesen zweiter Klasse zu sein. Im Gegensatz zum Commonwealth war eine Einführung der V-Paragrafen auf dem europäischen Festland abgelehnt worden. Dort war es für Gewandelte sicherer, doch es bedeutete auch einen endgültigen Bruch mit allem, was sie an ihr früheres Dasein als Mensch erinnerte. Viele waren nicht bereit, das zu akzeptieren und ihr altes Ich gehen zu lassen.
   Helen Boone war sich ihrer Entscheidung allerdings sicher gewesen, und sie war es gewohnt, Situationen abzuwägen und die bestmöglichen Resultate ausfindig zu machen.
   Ich rieb mir die Schläfen. Hier, in der Wärme der Zentrale, schlich sich trotz des Traffeins Müdigkeit in meine Knochen. »Selbst wenn sie es sich anders überlegt haben sollte, warum ist sie komplett untergetaucht?« Es passte nicht zu der Frau, die Vinnie und ich überprüft hatten. »Es gab keine Hinweise auf Bedrohungen.«
   Manche Klienten wollten das Land verlassen, weil sie akut um ihr Leben fürchteten. Helen Boone hatte dagegen rational entschieden. ‚Ich möchte wieder einen Sinn in meiner Existenz sehen, wie es vor meinem Outing stets der Fall war‘, hatte sie gesagt.
   Mindy brummte zustimmend, und Claudia schüttelte den Kopf. »Das wüsste ich selbst gern. Trotzdem schließen wir den Fall damit ab. Mindy, du bleibst noch eine Weile dran und checkst Boones Verbindungen auf mögliche Schwierigkeiten für uns, die das Ganze nach sich ziehen könnte. Greg und Tahil überprüfen euch zwei.«
   Das ging an Vinnie und mich. Claudia wollte verhindern, dass wir trotz aller Gründlichkeit etwas übersehen hatten und Boone lediglich ein Köder gewesen war, um uns aus der Reserve zu locken und uns zu erkennen zu geben. Da wir die Aktion geleitet hatten, waren wir vorübergehend aus den Schatten herausgetreten, in die wir uns sonst hüllten.
   Ich nickte. »Alles klar.«
   Anfangs hatte ich mich unwohl bei dem Gedanken gefühlt, von meinen Kollegen überwacht zu werden. Zusammen mit den Augen, die unser mehr als aufmerksames Königreich im ganzen Land installiert hatte, wurde mein Leben zu einer regelrechten Bühne. Mittlerweile wusste ich jedoch, wonach unsere Leute Ausschau hielten und dass ihnen meine Freizeitaktivitäten gleichgültig wären, sogar wenn ich schmuggeln würde. Anders als König William wollten sie mich schützen und nicht unter Kontrolle halten.
   »Also dann.« Ich stand auf und sah auf die Uhr. »Ich mach mich auf den Weg.«
   Claudia nickte. »Gut. Wir übertragen dein XTrans-Signal auf das Minipad. Denk dran, es in den kommenden Tagen stets bei dir zu tragen.«
   »Selbst beim Duschen«, warf Mindy ein und kaute auf ihrem fingerlosen Handschuh herum. Ich zeigte ihr, was ich von ihrem Vorschlag hielt, winkte den anderen und machte mich auf den Weg nach Hause.

Kapitel 2
London

Nicolae verschränkte die Arme hinter dem Rücken und starrte auf die Straßen Kensingtons, ohne sich für den Großteil dessen zu interessieren, was sich dort unten abspielte. Seine Aufmerksamkeit war zielgerichtet und konzentrierte sich auf alles, was sich außerhalb der regulären Parameter bewegte. Er registrierte die Frau mit dem Kinderwagen oder das eng umschlungene Pärchen nur am Rande, den Polizeiwagen schon eher. Wichtig war alles, was den Rat betreffen oder ihm gefährlich werden konnte – verdächtige Fahrzeuge, ungebetene Besucher oder eine Horde junger Gewandelter, die glaubten, ihre Ansichten genügten, um die gesamte Welt zu verändern.
   Bisher hatten Aufständische es zweimal gewagt, dem Rat zu nahe zu treten und sich sogar auf den Stufen dieses Hauses blicken zu lassen. Beide Male hatten sie ihre Mischung aus Aggression und Penetranz nicht überlebt. Lorcan Murray, der Oberste der Londoner Fünf, hatte wenig Geduld mit jenen, die seine Weisungen missachteten und die Gesetze verletzten, nach denen sie seit langer Zeit lebten.
   Nicolae stand seit über einem Jahr in Lorcans Diensten. Anfangs hatten ihn lediglich sein Wort angetrieben sowie die Tatsache, dass er Madison und Lily, seine menschliche Nichte und Vampirkind, damit schützte. Der Job war eine Pflicht gewesen, manchmal ein Zwang oder gefährlich, denn Lorcan war niemand, der einen Untergebenen schonte, nur damit dieser glücklicher war. Mit der Zeit hatte Nicolae begriffen, warum der oberste Ratsherr so handelte und dass ihm in den meisten Fällen keine andere Wahl blieb. Er war hart, aber gerecht, und wusste, was zu tun war, um die Balance der Existenzen von Vampiren und Menschen zu halten. Lorcan tätigte Geschäfte mit hochrangigen Entscheidern Londons sowie anderen, die nicht so hoch angesehen, doch gleichfalls mächtig waren. Ferner achtete er darauf, dass die Gewandelten den Regeln der Räte des Landes folgten. Zusammen bewirkte es, dass das gemeinsame Leben weitgehend und ohne große Verluste funktionierte.
   In den letzten Monaten keimten jedoch immer größere Lücken in diesem Sicherheitsnetz aus Korruption, Absprachen und Gehorsam, und die führenden Vampire Londons arbeiteten auf Hochtouren. Seitdem feststand, dass nicht jeder Rat Großbritanniens so effizient war wie dieser, hatte Lorcan seine Handlanger überall. Für Nicolae resultierte das immer häufiger in Reisen und Aufenthalten außerhalb der Stadt. So war es nun einmal: Lorcan befahl, er gehorchte. Mittlerweile sogar, ohne sich zu sträuben. Seitdem er hinter die Kulissen blickte und wusste, was alles auf dem Spiel stand, war sein Widerstand gegen seine Aufträge deutlich geschrumpft. Was nicht bedeutete, dass es ihm gefiel. Er hatte es noch nie gemocht, jemandem Rechenschaft schuldig zu sein oder sich unterzuordnen.
   Heute beriet der Rat über die schwelende Situation in Schottland. Die Probleme in Aberdeen und Umgebung waren eingedämmt worden, doch im Rest des Landes keimten Zusammenschlüsse derjenigen, die sich gegen ihre Räte auflehnten und nicht wussten, was sie damit anrichteten.
   Nicolae blinzelte und bewegte sich vom Fenster weg, als die Sonne zu stark wurde. Eine knappe Handbewegung, und der Dämmfilter der Fensterscheiben wurde aktiviert.
   Im selben Moment flog die Tür auf und krachte gegen die rückwärtige Wand. Nicolae befand sich augenblicklich in Alarmbereitschaft, fuhr herum und sah sich einem Kerl gegenüber, der eine Glatze, aber dafür das breiteste Grinsen der Welt trug. Es machte ihn alles andere als sympathisch.
   »Hey, Mann. Die Ratsversammlung ist hier?«
   Es war ein Gewandelter in leicht abgewetzter Alltagskleidung, der in diesem Haus nichts zu suchen hatte. Er zog die Silben in die Länge und klang, als würde er den Großteil seines Lebens auf der Straße verbringen, was er höchstwahrscheinlich tat. Nicolae wusste nicht, wie er an den Wachleuten vorbeigekommen war. Einen Kampf schien es nicht gegeben zu haben. Zum einen hatte er nichts gehört, zum anderen war der Kerl absolut unversehrt.
   Nicolae lockerte seine Arme und ließ den Fremden wissen, dass er nichts dagegen hatte, ihn notfalls mit bloßen Händen hinauszuwerfen. »Ich denke nicht, dass dich das etwas angeht.«
   Das Grinsen des Glatzkopfs wurde schmaler. Seine Pupillen glühten auf und schufen einen interessanten Kontrast zu der gebräunten Haut. »Wirklich?« Er kratzte sich unbekümmert am Hals. »Was verleitet dich zu der Annahme?«
   Nicolae trat auf ihn zu. »Du solltest verschwinden, ehe es für dich ernst wird. Wie bist du hier heraufgekommen?«
   »Ich habe freundlich gegrüßt.« Der Kerl zuckte die Schultern. Seine Bewegungen passten zu seinem Äußeren: kraftvoll, aber auch grobschlächtig. Ein Mann von der Straße, der sich wahrscheinlich bereits als Mensch durchgesetzt hatte und als Vampir wenig Probleme haben würde, wenn er sich nicht mit den falschen Leuten anlegte. Wie beispielsweise dem Rat. Der Kraft, geboren aus einer langen Lebensspanne als Gewandelter, hatten selbst die durchtrainiertesten Muskeln nichts entgegenzusetzen. Und dieses Exemplar hier lebte sein zweites Leben noch nicht so lange, dass Anlass zur Sorge bestand. Nicolae spürte die Gegenwart eines Älteren, und dieser hier zählte nicht dazu.
   »Ich sage es dir ein letztes Mal, ehe es ungemütlich zwischen uns wird: Du verschwindest. Jetzt. Ich begleite dich.« Er deutete zur Tür.
   Der Glatzkopf ließ sich auf einen der Besprechungsstühle fallen. »Du musst Cole sein. Lorcans Wachhund, richtig? Der Kerl, der Anfang des Jahres auf Balta an diesem interessanten Spiel teilgenommen hat?«
   Nicolae stand reglos, die Worte gruben sich tief in seinen Magen. Die Sache mit Balta unterlag den Sicherheitsinformationen des Rates. Außer ihnen und Lily wussten lediglich Madison und wahrscheinlich ihre Kollegen bei Absecon, was genau auf der Insel geschehen war. Nicolae hätte es am liebsten vergessen, verdrängt, immerhin waren Madison und er beinahe getötet worden. Doch es ging nicht. Gerade in den Momenten, in denen Madison neben ihm lag und schlief, wurde ihm bewusst, wie verletzlich sie war. So leicht zu töten für einen Gewandelten. Dennoch hatte sie mit seiner Hilfe überlebt und er mit ihrer. »Woher weißt du davon?« Seine Stimme war kaum mehr als ein Grollen.
   Der andere hob den Kopf, rückte den Kragen seiner Jacke zurecht, schob die Ärmel nach oben und entblößte einen beeindruckenden Bizeps. Keine simple Geste, sondern eine Botschaft. Vielleicht sogar eine Warnung. »Das, Nicolae Cole, geht dich nichts an. Ich weiß auch von deinem kleinen Schützling, der seitdem in Aberdeen weilt, um den Rat dort zu unterstützen, da dieser scheinbar nicht in der Lage ist, seinen Bezirk ohne Hilfe aus London unter Kontrolle zu halten. Oder von Aiden Greer, der eine Lücke hier an Lorcans Tisch hinterlassen hat, als er sich dummerweise entschied, auf Balta zu sterben. Bist du nun überzeugt, dass ich meinen Platz auf diesem Stuhl verdient habe, oder willst du mich noch immer hinausprügeln?«
   Die Tatsache, dass dieser Kerl wusste, was er unmöglich wissen konnte, hätte Nicolae vielleicht stutzig werden lassen sollen, nur leider waren es die falschen Worte. Zudem spuckte er sie mit einer Lässigkeit aus, die an Verachtung grenzte. Damit beleidigte er nicht nur Aidens Vermächtnis, sondern auch Lily.
   Und er wusste es. Nicolae hatte sich kaum bewegt, als der Glatzkopf heftig aufsprang, sodass der Stuhl nach hinten kippte. In der nächsten Sekunde krachte seine Faust nach vorn. Nicolae wich im letzten Moment aus und verpasste den idealen Moment, um zuzuschlagen. Ihm blieb keine Zeit für einen Gegenangriff, wenn er sich in eine passende Position bringen wollte, also ging er das Risiko ein und blieb, wo er war. Beute für den Angreifer.
   Der Schmerz explodierte im unteren linken Rippenbogen. Wäre er ein Mensch, hätte die Wucht ihn in die Knie gehen lassen. Der Glatzkopf mochte vor nicht allzu vielen Jahren gewandelt worden sein, aber er brachte eine verdammt gute Kondition mit und eine noch bessere Rechte. Nicolae biss die Zähne zusammen und parierte mit einem Schlag gegen den Kiefer seines Gegners. Eine schnelle Drehung, und er ließ seinen Ellenbogen folgen.
   Der Kerl fluchte, spuckte Blut und täuschte einen weiteren Angriff an. Seine Muskeln zeichneten sich deutlich unter der Jacke ab, und die Adern an seinem Hals traten hervor. Nicolae machte sich nicht die Illusion, den Schlag parieren zu können. Er war nicht so stark wie der Glatzkopf.
   Dafür viel schneller. Er wich abermals aus, zielte auf den seitlichen Hals und schlug mit den Handkanten zu. Der andere taumelte nicht einmal, also ließ Nicolae einen Fuß folgen. Ein Tritt in die Kniekehle, ein zweiter, dann brachte Nicolae sich aus der Reichweite seines Gegners. Er entkam zwei Schlägen, parierte einen dritten, bei dem sich der Schmerz glühend in seine Schulter fraß, und landete einen am Kinn des anderen. Der lachte, rieb sich lediglich den Kiefer und brachte den Tisch zwischen Nicolae und sich.
   »Nicht übel für einen Wachhund.« Er grinste und zeigte Zähne, die schon einmal bessere Zeiten erlebt hatten.
   Nicolae hielt sich nicht mit Reden auf, fegte einen Stuhl beiseite und erreichte den Kerl, ehe der reagieren konnte. Er packte ihn am Kragen, riss ihn nach vorn und zeitgleich sein Knie nach oben. Der Kopf seines Gegners krachte zurück. Er nutzte die Gelegenheit, legte einen Arm um dessen Kehle, drückte zu und drehte sich zur Seite. Nicht stark genug, um das Genick zu brechen, aber es genügte, um den Muskelprotz in die Knie gehen zu lassen. Der beugte ohne Vorwarnung den Kopf und rammte ihn in Nicolaes Magen.
   Die Kraft wich aus seinem Körper und kehrte glücklicherweise schnell genug zurück. Nicolae verdrängte die Übelkeit und ließ den anderen mit dem Gesicht auf die Tischkante krachen. Blut spritzte auf das polierte Holz und hinterließ dunkle Schlieren.
   Der Glatzkopf hob eine Hand. »Hey, hey! Langsam!« Unglaublich schnell riss er den Kopf hoch, packte Nicolae und warf ihn auf den Tisch. Seine Faust zischte herab, und Nicolae rollte sich fluchend zur Seite. Der Schlag krachte auf die Stelle, wo sich den Bruchteil einer Sekunde zuvor sein Kopf befunden hatte. Es knirschte, und eine stattliche Beule blieb im altehrwürdigen Holz zurück.
   Nicolae brachte sich blitzschnell hinter den Glatzkopf, packte dessen Arme und riss sie nach hinten.
   Die Tür zum Besprechungszimmer wurde geöffnet. Lorcan und Jun Kato traten ein und musterten die Szene, als bekämen sie jeden Tag etwas Vergleichbares zu sehen.
   »Lass ihn los, Cole.« Lorcan schien weder überrascht noch alarmiert zu sein. An seinem Erscheinungsbild stimmte wie immer alles, angefangen vom tadellos sitzenden Hemd bis zu den zurückgekämmten Haaren. Die grünen Augen leuchteten aufmerksam und verschärften die Härte im kantigen Gesicht des Vampirobersten.
   Jun neben ihm verkörperte auf den ersten Blick die andere, helle Seite einer Münze. Seine schlanke Statur und sein asiatisches Äußeres verströmten Freundlichkeit und ließen ihn harmloser wirken als seinen Ratskollegen. Bisher waren nicht wenige darauf hereingefallen und hatten sich Mitleid erhofft, wo keines zu finden war. Jun traf als Ratsmitglied ebenso effiziente wie sinnvolle Entscheidungen. Er kannte kein Erbarmen, wenn seine Ehre verletzt wurde, und diese war eng an die Regeln des Rates gekoppelt.
   Nicolae blinzelte und gehorchte, auch wenn er nicht begriff, was hier vor sich ging.
   Der Glatzkopf richtete sich auf, wischte sich das Blut von der Oberlippe und atmete tief durch, ein Zeichen dafür, dass er noch immer an den Gewohnheiten seines früheren Daseins festhielt und als Gewandelter verhältnismäßig jung war. »Lorcan. Jun. Ich war wohl zu früh.«
   Nicolae runzelte die Stirn über die respektlose Anrede, schwieg jedoch. Einer der beiden würde die Situation aufklären, wenn er es für angemessen hielt. Nichtsdestotrotz behielt er den Fremden im Auge, der seine Schultern rieb und seinen Kiefer betastete, sich aber darüber hinaus wohlzufühlen schien.
   Jun ging wortlos zum Tisch, hob den Stuhl auf und ließ sich darauf fallen. Er schien in Gedanken zu versinken, als er das Blut von der Tischplatte wischte, doch Nicolae ließ sich davon nicht täuschen.
   »Cole. Wir möchten dir Victor Reid vorstellen«, sagte der Japaner in seinem eigentümlichen Akzent, den er in all seiner Zeit in England niemals abgelegt hatte: Die Silben kamen zu schnell nacheinander, dafür glichen längere Pausen in den Sätzen das Tempo wieder aus. »Das neue fünfte Mitglied des Londoner Rates.«
   Der Glatzkopf grinste und enthüllte blutverschmierte Zähne.
   Nicolae runzelte die Stirn. »Ratsmitglied. Er?«
   Lorcan bewegte den Kopf eine Winzigkeit. »Er nimmt Aidens Platz ein. Ab sofort gilt für ihn dasselbe, was für alle anderen Mitglieder des Rates gilt.«
   Die Schärfe in den Worten war kaum hörbar, aber vorhanden. Nicolae verstand noch immer nicht, doch er wusste, was er zu tun hatte. Zum ersten Mal seit Monaten missbilligte er eine Entscheidung des Rates. Trotzdem würde er das niemals zur Sprache bringen, da er den Kopf auf den Schultern behalten wollte. »Ich verstehe«, sagte er schärfer als üblich.
   Lorcan und Jun wechselten einen Blick. Der Japaner hob eine Hand. »Ich würde gern mit Lorcan unter vier Augen reden. Cole, warum zeigst du Victor nicht, wo er sich … frisch machen kann?« Wie so häufig formulierte Jun seine Worte als Bitte und verbarg den Befehl.
   Nicolae warf Victor einen düsteren Blick zu und verließ den Raum. Der andere würde ihm schon folgen. Ratsherr oder nicht, er war neu in der ganzen Sache. Und auch wenn Nicolae nicht verstand, warum ein junger Vampir mit so schlechten Manieren in Ränge aufgestiegen war, die fern seines Zugriffs liegen sollten, blieb ihm keine andere Wahl: Er hatte soeben seinen fünften Herrn kennengelernt.

*

Kaum hatten die beiden den Raum verlassen, öffnete sich die Tür erneut, und Scott Huster trat ein. Der blonde Vampir setzte sich zu den anderen an den Tisch. »Das klang ernst.«
   »Cole hat Victor kennengelernt.« Jun lächelte. »Und nicht als unseren Neuzugang erkannt. Niemand kann ihm das verübeln. Victors zweite Existenz ist jünger als seine.«
   Scott legte die Stirn in Falten und schürzte die Lippen. Sein Blick war hart, das Eisblau seiner Augen verströmte Kälte. »Scheinbar hat Victor es nicht für nötig gehalten, sich vorzustellen. Das beweist einmal mehr, dass er nicht die beste Wahl ist, die wir treffen konnten. Ihm fehlen Aidens Diplomatiegeschick, seine Rhetorik, strukturiertes Denken und Entscheidungseffizienz. Von der Bildung und Erfahrung in diesem Leben ganz zu schweigen. Also ungefähr alles, was Aiden mit in den Rat gebracht hat. Was haben wir demnach? Einen Kerl von der Straße, der erst vor drei Jahren gewandelt wurde.« Seine Missbilligung troff aus jeder Silbe. Scott hatte sich bei der Entscheidungsfindung gegen die Aufnahme Victors ausgesprochen, war jedoch von den anderen überstimmt worden.
   Lorcans Augenbrauen zuckten kaum merklich. »Es brechen neue Zeiten für den Rat an. Für alle Räte in diesem Land, und für alle Gewandelten. Victor ist eine Antwort darauf. Ein Zugeständnis an die Gegenwart, vor der wir unsere Augen nicht mehr verschließen können. Wäre die Lage im Land anders, hätte Reid in dem Moment, in dem er in diesem Haus den Mund aufgemacht hätte, den Tod gefunden.«
   »Unser Zugeständnis an moderne Zeiten kann es nicht sein, einen blutjungen Vampir aus der Unterschicht an unseren Tisch zu holen.«
   Jun beugte sich vor. »Vergiss nicht, dass die Ursache unserer Probleme zum großen Teil Gewandelte aus niederen Schichten sind. Sie sind aus demselben Holz geschnitzt wie Reid. Er ist kein Unbekannter in den Kreisen, in denen er sich bewegt.« Er deutete zum Fenster. »Er spricht ihre Sprache und kennt die Hebel, die wir betätigen müssen. Zudem ist er ein guter Kämpfer. Für das, was auf uns zukommt, brauchen wir Leute wie ihn.«
   Scott schwieg, doch der Blick, mit dem er Jun bedachte, sprach Bände. Dies war das erste Mal, dass sich seine Interessen und die des Rates zu hundert Prozent widersprachen.
   Etwas raschelte an der Tür.
   »Ich sehe, ihr habt ohne mich angefangen.« Beverly Adams, das fünfte Ratsmitglied, betrat den Raum und fachte die Energie um ein Vielfaches an. Sie trug ein knallrotes Kleid, das nicht nur ihre dunkle Haut strahlen ließ, sondern auch ihr Wesen betonte. Geboren 1809 in den Docklands von London und mit achtunddreißig Jahren gewandelt, war sie zwar nicht so alt wie Lorcan oder Jun, wog dies aber mit Entschlossenheit und ihrem persönlichen Charme auf. »Ich nehme an, ihr redet über unser neuestes Sorgenkind?«
   Jun und die beiden anderen erhoben sich, geprägt durch eine Erziehung, die sie vor mehreren Jahrhunderten durchlaufen hatten.
   Scott zog Beverly den Stuhl zurück. »Zeitbombe wäre ein treffenderer Ausdruck.«
   Sie setzte sich und wartete, bis alle es ihr gleichgetan hatten. »Dem kann ich nicht widersprechen. Nichtsdestotrotz hat Lorcan recht. Die Lage des Landes macht mir Sorgen. Ich habe soeben mit David Silva und Lily gesprochen. Keine guten Neuigkeiten. Uns bleibt nichts anderes übrig, als unsere Aufmerksamkeit wieder stärker auf Schottland zu richten.«
   »Ich dachte, die Unruhen in Aberdeen haben sich gelegt.« Scott verschränkte die Arme vor der Brust.
   Beverly seufzte. »Sie sind eingedämmt, aber das Pulverfass schwelt nun an anderer Stelle. Es gibt Hinweise auf Abwanderungen niederer Gewandelter aus den Städten. Silva hat das prüfen lassen und vermutet, dass sie in die Highlands ziehen. Wohin genau, wissen wir noch nicht. Fakt ist allerdings, dass es dort oben vermehrt Übergriffe auf Menschen gab.«
   Jun nickte. »Die dünne Besiedlung und die mangelnde Kontrolle durch den Premier machen es ihnen leicht.«
   »Exakt.« Beverly sah Lorcan an. »Die offiziellen Berichte reden von Abwanderungen der Menschen, die inoffiziellen von dem Plan der Regierung, das Areal als Sperrgebiet auszurufen.«
   »Von welchem reden wir genau?« In Lorcans Gesicht zuckte kein Muskel.
   »Zunächst im Hochland, Glencoe. Mit der Option auf Erweiterung. Der Verkehr wird schon teilweise umgeleitet, die Straßensperren von Jungs in Tarnkleidung bewacht.«
   »Spezialtruppen also.«
   »Wenn das stimmt, haben wir bald offenen Krieg. Oder dort im Norden geteiltes Land.« Lorcan stand auf, ging zum Fenster und starrte in die Ferne. »Wir brauchen Bestätigung aus London. Schottland mag offiziell unabhängig sein, wird aber vom Kabinett kontrolliert. Ich rede mit dem Polizeichef.«
   »Wenn es als Militärangelegenheit deklariert wurde, wird er nichts wissen«, gab Jun zu bedenken.
   Lorcan wandte sich um. Er wirkte so entschlossen wie immer, doch da war noch etwas anderes. Er war kampfbereit, und er lebte lange genug und hatte seine Führungsfähigkeit ausreichend ausgeprägt, um zu wissen, wann diese Haltung nötig war. Alarmsignal genug. »Er wird wissen, in welchen Händen die Leitung der Operation liegt. Wir müssen unsere Kontakte mobilisieren. Und zwar alle. Und wir benötigen einen Informanten bei den Landstreitkräften.«
   »Wir brauchen vor allem zusätzliche Augen vor Ort«, warf Scott ein. »Wenn die Niederen Glencoe zu einer Hochburg ihres Widerstandes machen wollen, sollten wir dort sein und einschreiten.«
   Lorcan nickte kaum merklich. »Du und Beverly sprecht diesbezüglich mit Silva. Jun und ich kümmern uns um die Behörden.«
   »Und was ist mit Victor?« Scott spuckte den Namen aus, als hätte er sich daran verbrannt.
   Beverlys Lächeln strahlte wie immer, doch wer genauer hinsah, erkannte das Raubtier dahinter. »Ich bin sicher, dass er und Cole eine wundervolle Zeit zusammen haben werden.«

Kapitel 3
Guildford, Surrey

Der Blick über die Stadt hatte etwas Beruhigendes: viel Grün, wenig Hektik und in der Ferne die klaren Umrisse der University of Surrey. London und sämtliche Probleme, die mit der Hauptstadt und dem Job zu tun hatten, waren weit weg. Wobei diese Komponenten in seinem Fall untrennbar miteinander verbunden waren.
   Douglas steckte die Hände in die Hosentaschen und gönnte sich weitere Sekunden, in denen er tief durchatmete und sich die Illusion erlaubte, ein ganz normaler Mann zu sein. Ein Mann in Golfkleidung, der sich allerhöchstens Gedanken über sein Handicap oder den nächsten Abschlag machte oder darüber, dass die Ostverkleidung von Watley House nachbearbeitet werden musste. Ein Mann, der seiner Köchin einen Tag frei geben konnte, da er plante, Frau und Sohn am Abend in das beste Restaurant der Gegend auszuführen.
   An dieser Stelle verwandelten sich seine Pläne in die bittere Erkenntnis, dass Tagträume einen schalen Geschmack hinterließen, wenn die Realität sie zu abrupt auslöschte. Er könnte mit Sarah und Brandon ein Restaurant besuchen, und vielleicht würde sein Sohn sogar einige Bissen hinunterbekommen. Doch genau das war der Punkt, der ihm einen eiskalten Schauder über den Rücken rieseln ließ. Sollte es nicht anders sein? Sollte er sich nicht freuen, dass nach all den Jahren der Angst und Verzweiflung eine Lösung gefunden worden war?
   Douglas wollte die Hände tiefer in seine Taschen schieben, aber seine Finger stießen bereits auf Stoff. Nicht tief genug. Niemals tief genug. Am liebsten würde er untertauchen, seine Familie nehmen und zu seinem Bruder nach Kanada fahren, um England für immer den Rücken zu kehren. Selbst wenn er das tat und sein Amt als Generalsekretär niederlegte, wäre er nicht unsichtbar. Sie würden ihn finden und beobachten. In seinen Akten wühlen, Telefonate zurückverfolgen und Kanäle durchforsten, aus dem einfachen Grund, da er dem Amt in einer Zeit der Krise nicht den Rücken kehren durfte. Er würde sich nur verdächtig machen, gerade jetzt, wo der Nation möglicherweise ein Umbruch bevorstand. Eines Tages würden sie die Wahrheit über Brandon ans Licht zerren. Und dann?
   Vielleicht würde nichts geschehen. Ein paar Meldungen in den Nachrichten, ein Schrei der Empörung oder – wahrscheinlicher – Schulterklopfen seitens der Befürworter, und nach kurzer Zeit würde alles in Vergessenheit geraten. Vielleicht kam es auch viel, viel schlimmer. Das Hauptproblem bei der ganzen Sache war er selbst.
   Seine Skepsis, sein Misstrauen. Sein Gewissen. Alles, was er wollte, war, zu vergessen.
   Er riss sich vom Anblick der Stadt los und drehte sich um. Der Herrenraum seines Zweitwohnsitzes sah so aus wie immer, und doch erschien er ihm fremd. Douglas betrachtete die Einrichtung, die viktorianischen Möbel und die teuren Teppiche, nahm aber alles wie durch einen Schleier wahr. Die ganze Zeit über war er sich der Tür im oberen Stockwerk allzu deutlich bewusst, als würde er sie stets vor sich sehen. Ein Trugbild des Zusammenschlusses von Gewissen und Furcht. Obwohl er es nicht wollte, zog es ihn dorthin, wie schon so oft an diesem Tag.
   Seine Schritte waren schleppend, die eines Mannes, der viel älter war als fünfundfünfzig. Mit jedem fiel ihm das Laufen schwerer. Es kam ihm vor, als bewegte er sich gegen einen unsichtbaren Widerstand, und er schämte sich bis in die Knochen, da er wusste, dass dieser Widerstand er selbst war.
   Im Obergeschoss war es totenstill. Sarah war mit ihrer Mutter unterwegs, um den Schein zu wahren und die neuen Kollektionen in den Designerläden der Stadt zu begutachten. Sie kam besser mit der Situation klar. Für sie war nur wichtig, dass sie nicht mehr mit dem Tod darum ringen musste, Brandon in den Armen zu halten. Ihn atmen zu spüren. Einen flüchtigen Moment beneidete und hasste Douglas sie. Warum konnte er nicht ebenso empfinden und sich freuen, dass sein Sohn gerettet worden war?
   Der weiße Stuhl vor dem Zimmer war leer. Sie hatten die Krankenschwester vor drei Tagen nach Hause geschickt, da Brandon sie nicht mehr benötigte. Niemand war erstaunter gewesen als die Frau, doch ein hoher Transfer auf ihr Konto, gepaart mit einer netten, kleinen Drohung, hielten sie davon ab, über ihre Arbeit in Watley House zu reden. Douglas war froh, daran gedacht zu haben, eine Frau aus einfachen Verhältnissen anzuheuern. Die Summe, die er ihr geboten hatte, besaß enorme Durchschlagskraft.
   Vor der Tür zögerte er. Im Zimmer war es still. Es kostete ihn Überwindung, die Hand auszustrecken und noch mehr, das Scanfeld neben der Tür zu aktivieren. Es bestätigte seine Fingerabdrücke mit leisem Zirpen. Der Schließmechanismus klickte. Douglas unterdrückte ein Zittern und schob die Tür auf.
   Brandon schlief. Er sah beinahe erholt aus. Etwas blass, aber davon abgesehen vollkommen normal. Er hatte wieder an Gewicht zugelegt, die Wangenknochen stachen kaum noch hervor und die dunklen Ringe unter seinen Augen waren verschwunden.
   Viel zu früh.
   Douglas atmete flach, um seinen Sohn nicht zu wecken. Es war nicht die liebende Entscheidung eines Vaters, sondern eine höchst eigensinnige: Er wollte das Gespräch mit Brandon vermeiden. Sein Sohn war noch immer sein Sohn, und er liebte ihn von ganzem Herzen, doch er erwischte sich stets dabei, dass er nach etwas Fremdem suchte. Nach Eigenschaften oder Worten, die Brandon zuvor nicht besessen oder benutzt hatte. Diese Anspannung war er bisher nicht losgeworden und sie dämpfte alles, was er fühlte und hoffte. Er hätte alles dafür gegeben, um noch einmal die Freude zu empfinden, die durch seinen Körper geflossen war, als man ihm von der erfolgreichen Operation berichtete.
   Brandon murmelte etwas im Schlaf, drehte sich zur Seite und erschreckte Douglas damit bis ins Mark. Mit angehaltenem Atem zog er sich zurück, trat auf den Flur und schloss die Tür. Dabei fiel sein Blick auf seine Hand, und er erinnerte sich daran, dass er Brandons Schicksal besiegelt hatte. Ein Handschlag, eine ID-Bestätigung für den Geldtransfer, und das Herz war auf dem Weg in das CST-Lab gewesen, verpackt in Beutel und Kühlbox.
   Die Einrichtung wurde mit Fördergeldern aus den Regierungstöpfen gespeist und unterlag strengster Geheimhaltung. Nur eine Handvoll Beauftragter wusste davon, allen voran der Premier. Die Ärzte sowie ihr Personal waren ausgesuchte Köpfe, hatten sich der Forschung verschrieben und in ihrer bisherigen Laufbahn brillante Ergebnisse erzielt. Sie hatten sich bereitwillig Maulkörbe anlegen lassen, die aus Geld, Verantwortung und der Aussicht auf eine noch steilere Laufbahn gefertigt worden waren. Seitdem arbeiteten und lebten sie in dem Gebäudekomplex in Harrow im Nordwesten der Stadt. Er lag auf Militärsperrgebiet und besaß somit die nötige Anonymität.
   Cross Species Transplantation.
   Das Thema war im Kabinett bereits vor zwei Jahren aufgekommen und durchlief seitdem eine rasante Umsetzung. Als einer der engsten Vertrauten des Premiers hatte Douglas es niemals für möglich gehalten, dass er eines Tages emotional involviert sein könnte, und die Umsetzung daher nach Kräften unterstützt. Er stellte den Kontakt zu ehemaligen Mitarbeitern der mittlerweile stillgelegten Fabrik her, in der vor Jahren mit den Natriumchloridverbindungen die erste effektive Waffe gegen Gewandelte entwickelt worden war. Manche waren tot oder von der Bildfläche verschwunden, andere hatten ein neues Leben begonnen. Sie alle weigerten sich, in das alte zurückzukehren, doch viele waren nach Douglas’ Anruf aufgebrochen. Sie wurden getrieben von der Angst, nicht mehr das Ende der Nahrungskette zu sein oder auch von der Wut darüber. Manche hassten die Gewandelten einfach dafür, dass sie anders waren. Nur für wenige standen die wissenschaftlichen Erkenntnisse im Vordergrund. Sie alle bildeten zusammen mit einer Handvoll hervorragender Chirurgen das Kernteam des Komplexes. Wenn Vampire zur Gesellschaft gehörten, sollten sie auch ihren Teil dazu beitragen, so das Motto, das sich nach kurzer Zeit durchsetzte. Organspenden, ob freiwillig oder nicht, zählten dazu. Immerhin galt es hier, das Leben von Menschen zu retten. Und wer war besser dafür geeignet als jemand, der schon einmal gestorben war?
   Für Douglas war das CST-Lab ein großer Schritt in die Zukunft seiner Nation, daher nahm er in Kauf, über Leichen zu gehen. Er konnte nicht ahnen, dass diese Zukunft plötzlich Teil seines Privatlebens sein würde.
   Brandons Herzmuskel hatte von einem Tag auf den anderen Anzeichen von Schwäche gezeigt. Die Diagnose war niederschmetternd: keine Chance auf Besserung, im Gegenteil. Die Ärzte gaben dem Jungen höchstens sechs Monate, und das nur, weil Brandon mit seinen fünfundzwanzig Jahren in bester körperlicher Verfassung war. Allerdings brachten die ersten Probleme wie Luftnot oder Wasseransammlungen in den Beinen Sarah an die Grenze eines Nervenzusammenbruchs, und auch er schob Regierungsgeschäfte von sich, wann immer es möglich war.
   Einzig Brandon hatte den eisernen Willen gezeigt, durchzuhalten und sich nicht von Angst oder Depressionen unterkriegen zu lassen. Damals war sein Junge noch sein Junge gewesen, mit jeder Faser seines Körpers.
   Douglas hatte sämtliche Kontakte spielen lassen und innerhalb weniger Tage ein Spenderherz aus dem Eurotrans-Gebiet besorgt. Die fünfstündige Operation verlief ohne Komplikationen, doch bereits am dritten Folgetag auf der Isolierstation, noch vor der ersten Herzmuskelbiopsie, zeigten sich Abstoßungserscheinungen. Zunächst eine milde, die laut den Ärzten kein Grund zur Besorgnis war. Brandon erhielt hoch dosierte Kortikosteroide, trotzdem erfolgte die nächste Reaktion wenige Wochen später. Dieses Mal litt Brandon unter starken Atembeschwerden und Herzrasen. Einige Stunden darauf gesellte sich hohes Fieber dazu, die Nierenwerte stiegen, und auch die Immunsuppresiva schlugen nicht mehr an. Brandon ermüdete immer schneller, und nach einer Gewebeentnahme stellten die Ärzte fest, dass das Transplantat nicht mehr zu retten war.
   Als Sarah die Diagnose hörte, brach sie zusammen. In Douglas’ Kopf dagegen setzten sämtliche Bedenken über mögliche Konsequenzen aus. Er hatte nur noch ein Ziel vor Augen und war gewillt, alles zu tun, um es zu erreichen.
   Keine Ausnahmen, keine Skrupel, keine Bedenken.
   Seitdem das fremde Herz in der Brust seines Sohnes schlug, hatte er sich gefragt, ob er Brandon auch den Spezialisten im CST-Lab überlassen hätte. Nun war keine Zeit mehr, um darüber nachzugrübeln. Er setzte sich mit der leitenden Ärztin zusammen, mobilisierte die militärische Einheit, die sich um die Sicherheit des Geländes kümmerte … und die ihm einen Gewandelten besorgte, der für Brandon sein Leben ließ.
   Das war knapp drei Wochen her. Damals hatte Douglas lediglich Befehle erteilt und alles in die Wege geleitet. Erst, als das neue Herz fest und stetig in Brandons Brust schlug, begann er, sich Gedanken zu machen. Und seitdem konnte er nicht mehr damit aufhören.
   Als Brandon zum ersten Mal die Augen öffnete, hatte Douglas fast befürchtet, dass charakteristische Glühen eines Vampirs darin zu entdecken. Doch sein Sohn verhielt sich so wie immer, abgesehen von seiner unwahrscheinlich schnellen Genesung, die laut den Spezialisten des Labs für diese Art Transplantat normal war. Lediglich das Medikament, das Brandon nehmen musste, war stärker als die regulären, auf dem freien Markt verfügbaren. Hosporga, ebenfalls ein Forschungsprodukt des CST und bereits vor einiger Zeit entwickelt, wurde direkt in den Blutkreislauf des Patienten injiziert. Es verhinderte nicht nur die Fremdabstoßung, sondern koppelte auch das Herz an die Prozesse des menschlichen Körpers. Für ein Immunsuppressivum leistete es quasi Schwerstarbeit.
   Sarah hatte geschluchzt und Brandon nicht mehr loslassen wollen, als er vor wenigen Tagen aus dem Lab nach Hause entlassen worden war. »Es wird alles gut«, hatte sie in sein Haar gemurmelt.
   Douglas hatte sie beobachtet und sich gefragt, was so ein Herz bewirken konnte. Immerhin war es der zentrale Muskel des Körpers. Es war bereits einmal gestorben. Wie lange hatte es im Körper des Gewandelten geschlagen, der nach der Entnahme in der Hochsicherheitsanlage verbrannt worden war? Und, was viel wichtiger war, wie lange hatte es nicht geschlagen? Was machte es aus seinem Sohn, dieses Herz? Es war das Zentrum des Körpers, der Motor. Was also blieb, wenn man ihn ersetzte?
   Die zentrale Frage, bei der Douglas noch immer eine Gänsehaut bekam, lautete eher: War Brandon noch immer ein Mensch, und wenn ja, in welchem Ausmaß? Konnte man Menschlichkeit in Grad messen? In Prozent? War dieser Begriff wirklich biologisch fundiert, oder sollte man besser in der Soziologie nach Antworten suchen?
   Er stellte sich diese Fragen wieder und wieder, am Tag, in der Nacht in Sarahs Armen und vor allem in Momenten wie diesem, in denen er auf der anderen Seite der Zimmertür stand und lauschte. Zugleich verfluchte er sich für seine Gedanken. Brandon war noch immer sein Sohn. Ein Mensch, nichts weiter. Nichts anderes.
   Kein Tier.
   Sein Pad vibrierte. Er zog es aus der Hosentasche, während er sich auf den Weg in das Erdgeschoss machte. Die Spektralfarben verrieten, dass es sich um Geschäftliches handelte, obwohl er die Nummer weder erkannte noch gespeichert hatte.
   »Brownstone.«
   »Mister Chairman, hier spricht Anna Champs. Ich rufe aus dem Lab an.«
   Das erklärte den unbekannten Kontakt. Die Nummern des CST liefen nicht über eine Zentrale zusammen. Auf diese Weise wurde verhindert, dass eine versehentlich offengelegte Information zu einer Kettenreaktion führte. Und er hatte nicht alle Nummern in seinem Pad gespeichert.
   »Miss Champs.«
   »Die Kommission hat über den Vorschlag beraten, Vampire für die Transplantationen präventiv unterzubringen. Er wurde abgelehnt.«
   Die Worte lösten keine Emotionen in Douglas aus. Mit präventiv unterzubringen meinte die charmante Blondine nichts anderes, als Schlachtvieh auf Vorrat zu halten. Wenn Douglas genauer darüber nachdachte, war er sicher, dass er froh über den Entscheid war. Nur hatte er momentan nicht die Ruhe, um weiter zu grübeln. »Ich danke Ihnen für die Information, Miss Champs.«
   »Soll ich Ihnen die Ergebnisse zukommen lassen, Sir?«
   »Nein.« Er trat an das Fenster. Ein Taxi hielt vor dem Eingang und Sarah stieg aus, während der Fahrer Einkaufstüten von der Rückbank schaufelte. Douglas bog ab und wählte den Weg in sein Arbeitszimmer. »Ich kopiere mir alles Nötige, wenn ich mit meinem Sohn morgen für die nächste Dosis zu Ihnen ins Lab komme. So lange kann es warten.«
   »Natürlich, Sir. Bis morgen und beste Genesungswünsche an Ihren Sohn.«
   »Ich richte es aus. Danke.«
   Es war stets dasselbe. Die besten Genesungswünsche waren für die Medizinerin eine Floskel geworden. Douglas war sicher, dass sie Brandon nicht von anderen jungen Männern seines Alters unterscheiden konnte. Aber solange sie ihn am Leben hielt, sollte es ihm recht sein.
   Er verstaute das Pad, lockerte seine Schultern und atmete einige Male tief ein und aus. Sarah würde darauf bestehen, Brandon zu wecken, nachdem sie ihre Einkäufe verstaut hatte. Es wurde Zeit, dass sie wieder versuchten, eine normale Familie zu sein.

Glencoe, Schottland

Das Bild war körnig, doch für eine Übertragung unter der Erde durchaus akzeptabel, selbst wenn es nur hier, an dieser einen Stelle, funktionierte. Zwei Schritte weiter nach rechts oder links, und das Signal erlosch.
   Das Gesicht seines Informanten, dessen Namen Emin bereits vergessen hatte, schwebte anderthalb Meter über dem Boden und war ebenso hässlich wie die Käfigzellen auf der anderen Seite der Wand. Emin nannte ihn den Weißkittel, und wenn er ehrlich war, passte das ebenso gut zu seiner Arbeitskleidung wie zu dem blassen Faltengesicht. Umso netter anzusehen war das Antlitz der blonden Ärztin in der rechten oberen Ecke der Projektion.
   »Das ist Anna Champs, die leitende Chirurgin«, informierte ihn Weißkittel. »Sie überprüft alle letzten Entwicklungen sowie die Operationen der Höherrangigen. Und die Herzverpflanzung bei Brandon Brownstone kann mittlerweile als Erfolg angesehen werden. Er regeneriert sich bereits mit der Geschwindigkeit Ihrer Spezies und wird morgen noch einmal kontrolliert.«
   Emin drehte sich auf seinem Sitz und ließ die Füße in den schweren Stiefeln auf die Kiste vor sich krachen. Er hatte die Metamorphose vom reichen Geschäftsmann zum Kämpfer vor einer Stunde vollzogen, und das vor allem äußerlich, wie er es jeden Tag tat. Hier wurde er wieder zu dem Mann, der er früher gewesen war. Den ein ausgehungerter Vampir in den Hafen gezerrt hatte und beim Aussaugen so dämlich gewesen war, ihn beinahe zu ertränken. Der Gedanke, jeden Tag eine weitere Wandlung zu vollziehen, die er vollkommen unter Kontrolle hatte und deren Zeitpunkt er bestimmte, gefiel ihm.
   Er betrachtete seine Finger und knibbelte getrocknetes Blut von der Haut. »Der Kerl war noch mal wer? Politikersohn, oder?«
   »Der Sohn von Douglas Brownstone, Generalsekretär und Minister ohne Geschäftsbereich des Kabinetts, ja. Ein enger Vertrauter des Premiers.«
   Emin winkte ab. Er verstand nichts von höherer Politik und hatte auch nicht vor, sich mit dem Thema vertraut zu machen. Hier ging es um eine reiche, hochgestellte Persönlichkeit der Menschenwelt, und das war alles, was er wissen musste. »Ich bin interessiert. Wann wird dieser Brandon wieder auf den Beinen sein? Ich meine: Wann ist er wieder in der Lage, seinen Körper auf Höchstleistung zu bringen?« Er unterstrich seine Frage, indem er eine Faust auf die Fläche der anderen Hand krachen ließ.
   Weißkittel zuckte zusammen. »Ich gehöre nicht zum leitenden Chirurgenteam, aber …«
   »Hey!« Emin schnippte mit den Fingern. »Sehe ich aus, als interessiert mich dein Status? Ich will wissen, ob dieser Junge mir hier etwas bringt.« Die Handbewegung fasste den gesamten Raum ein. Wobei der Begriff Höhle eindeutig besser passte.
   Weißkittel wurde noch blasser. »Es … handelt sich, wie gesagt, um den Sohn eines einflussreichen Mannes.«
   »Einfluss wirkt sich nicht auf die Konstitution aus.« Je länger er redete, desto mehr festigte sich seine Absicht, die zu Beginn der Übertragung lediglich eine flüchtige Idee gewesen war. Warum sollte er diesen Politikersohn nicht herbringen? Schließlich trug der nun das Organ eines Gewandelten in seinem Körper spazieren, sogar ein Herz. Königsdisziplin. Und wie er mittlerweile aus Erfahrung wusste, hatte dieser Mensch damit ein sehr außergewöhnliches Geschenk erhalten. Er durfte nicht nur länger leben, als sein kümmerliches Schicksal für ihn geplant hatte, sondern spürte auch einen Hauch dessen, was einen Gewandelten ausmachte. Mehr Kraft und Ausdauer, als ein Mensch jemals kosten durfte.
   Die Gewandelten waren die stärkere Rasse, und wären sie nicht in der Minderzahl, würden die Menschen nun um ihr Leben fürchten und das Land verlassen.
   Ratten, die sich ins Wasser stürzen, um dem Feuer zu entgehen.
   Emin spuckte bei dem Gedanken aus. Er musste nur lange genug warten, und dieses Bild würde Wirklichkeit werden. Die Menschen würden für alles bezahlen, für jede kleine Fehlentscheidung, für jeden Vampir, den sie brennen ließen auf dem Scheiterhaufen aus Angst und Feigheit vor dem, was sie Gesetz nannten.
   Die Abbildung von Weißkittel trat in den Hintergrund, als Emin mehr und mehr in Gedanken versank. War es gewagt, einen Politikersohn herzubringen? Hölle, ja, das war es. Ebenso gewagt wie die Seinen abschlachten zu lassen, um diesen Jüngling am Leben zu halten.
   Es war also nur fair, wenn er diesen Zug auf dem Schachbrett ausführte, das man so schön Überleben nannte. Quid pro quo. Er würde für seine Leute ein Zeichen setzen, das sich mit etwas Glück in ein Denkmal wandeln würde. Er konnte ihnen zeigen, dass es Hoffnung für ihre Rasse gab, und dass sie sich nicht ohne Konsequenzen in Käfige sperren und ausschlachten lassen mussten. Es war an der Zeit, Menschen in besagten Käfigen zu halten. Menschen, die einen Gewandelten auf dem Gewissen hatten. Seine Leute würden sich nur freiwillig hinter die Stangen begeben.
   Dieser Jüngling war eine brillante Idee. Gewagt, sicherlich gefährlich, aber das war es wert.
   Er ließ die Hände sinken und beugte sich vor. »Also? Wie komme ich an diesen Brandon heran?«
   Sollte sein Gesprächspartner ein ähnliches Device nutzen wie er, musste sein Gesicht nun überlebensgroß vor ihm schweben. Und wirklich zuckte der Mann zusammen, als hätte Emin ihn geschlagen.
   »Ich kann … Ich weiß …«
   »Du weißt es nicht und du kannst da nichts tun«, kürzte Emin das Ganze ab. Er hatte weder die Zeit noch die Geduld, um sich mit Weißkittels Gestotter abzugeben. »Aber du bist in der Lage, mich zu informieren, wenn sie in eurem … Labor … auftauchen?« Er spuckte das Wort aus, als handelte es sich um fauliges Blut.
   Weißkittels Adamsapfel hüpfte, dann nickte der Mann. »Ich … denke schon.«
   »Gut. Ich erwarte deine Nachricht.«
   Damit war alles gesagt, und Emin beendete die Übertragung. Weißkittel würde tun, was er von ihm verlangte, schon allein, da der Mann um sein Leben und das seiner dürren, kleinen Frau fürchtete.
   Emin stand auf und strich seine Haare zurück, die ihm sofort wieder in dichten, dunklen Wellen in die Augen fielen. Ehe er nach Hause fuhr, würde er die Metamorphose zum Geschäftsmann vollziehen müssen. Elaine mochte seine dunkle, grobe Seite nicht. In diesem Punkt war sie wie alle Frauen, die den Herrn der Arena von Glencoe missbilligten, fürchteten oder sich von ihm abgestoßen fühlten, aber ihm verstohlene Blicke und vieldeutige Lächeln zuwarfen, sobald er einen Anzug und die obersten zwei Knöpfe des Hemdes geöffnet trug. Sie alle mochten die Fassade aus Macht, Geld und Überlegenheit, aber keine von ihnen interessierte sich dafür, was sich dahinter versteckte. So war es damals als Mensch in Dupniza gewesen, so war es hier in Schottland und so würde es überall auf der Welt sein. Vor allem, solange Menschen im Spiel waren.

*

Finnegan stand vor dem Käfig mit den Neuzugängen. Die meisten schliefen, lediglich eine Frau hatte sich in eine Ecke gepresst und ließ ihn nicht aus den Augen. Er beachtete sie kaum. Ihm lag nichts an der Angst, die in der Luft lag und stets zum Schneiden dick wurde, wenn er oder sein Gehilfe auftauchte. Und noch mehr, sobald ein Abend in der Arena eingeläutet wurde. Es gab Personen, Menschen wie Vampire, die sich daran ergötzten, die nach jedem Funken Furcht in den Augen des Gegenübers suchten, um sich stärker und überlegen zu fühlen. In einer Zeit, in der Sicherheit nicht mehr so selbstverständlich war, wuchs die Zahl derer, die ihren Status durch Angst etablieren wollten. Nicht alle, die es versuchten, waren erfolgreich. Viele gingen immer noch jenen ins Netz, die an den echten Hebeln saßen. Die meisten Möchtegern-Emporkömmlinge verschwanden unbemerkt, und Negan vermutete, dass manche ihren Tod sogar in diesem Tal fanden. In den letzten Tagen hatte es Gerüchte über Sucher der Räte gegeben, die diese Gegend durchstreiften.
   Er selbst hatte nicht nötig, sich zwanghaft zu profilieren, denn er wusste, wo er stand, wer er war und was er konnte und vor allem, für wen er arbeitete und was das bedeutete. Negan verwaltete die Höhlen und trug die Verantwortung dafür, dass es in diesem Zweig von Emin Mitchells Geschäften nicht zu Komplikationen kam. Egal welcher Art. Er hatte sich niemals Gedanken darüber gemacht, ob ihm seine Arbeit gefiel. Er besaß die Fähigkeiten dazu und das Wissen, das genügte ihm.
   »Wie sieht es aus?« Emin hatte sein Gespräch beendet und war zum Aufbruch bereit.
   Negan verschränkte die Arme vor der Brust. Er wusste, dass er schmächtiger war, als man sich den Aufseher einer Kampfarena vorstellte. Aber er war drahtig und schnell und hatte dies bislang noch jedem bewiesen, der an seinen Fähigkeiten zweifelte. »Alles ruhig, Boss. Sobald du weg bist, schließe ich für die Nacht.«
   Emin strich sich durch die Haare, die in einer perfekten Welle zur Seite fielen, eine Angewohnheit, die so gar nicht zu ihm passen wollte. In den dichten Strähnen zeigte sich erstes Grau, doch das tat seinem Äußeren keinen Abbruch. Im Gegenteil, Frauen schienen ihn dadurch interessanter zu finden, und die Tatsache, dass er sich nur minimal anstrengen musste, um wie ein Dressman zu wirken, spielte ihm in die Hände. An einem Kampfabend dauerte es niemals lange, bis Emin zu beiden Seiten von Damen flankiert wurde, die mehr an ihm als an den Geschehnissen in der Arena interessiert waren. Auch Emin genoss es, allerdings nicht mehr so unbeschwert, seit Elaine im Spiel war. Die Frau wusste, was sie wollte und vor allem, wie sie es bekam. Und was sie definitiv nicht mochte, war Konkurrenz.
   »Was ist mit den Neuzugängen?«
   Negan hob einen Daumen. »Sie sind alle unversehrt und bei Kräften. Der kommende Samstag wird spannend.«
   »Gut. Wenn alles glattgeht, bekommen wir bald noch spannenderen Zuwachs. Politikersohn, Mensch, Spenderherz.«
   Negan verengte die Augen, und für den Hauch eines Moments spürte er die altbekannte Wut seine Wirbelsäule entlangbrennen. Dann schüttelte er den Kopf so hart, dass es im Nacken knackte, und drängte das Gefühl hinter eine der Türen, die er mit aller Kraft verschlossen hielt. »Ich wusste nicht, dass sie bereits ganze Herzen verpflanzen.«
   Emins Brauen tanzten über den stechend grauen Augen. Die Idee, den Abkömmling eines hochrangigen Menschen hierher zu bringen, gefiel ihm sichtlich. »Es ist ein Organ wie jedes andere auch. Allerdings bin ich gespannt, wie sein Träger auf die Medikamente reagiert. Wenn das Herz stark ist, und das wird es sein, da es einem Vampir gehörte, erwarte ich hohe Leistungen von diesem Kerl.«
   Negan kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass ihm in diesem Fall die Botschaft an die Welt dort draußen wichtiger war als das Spektakel selbst. Er konzentrierte sich auf das Stichwort und die Gespräche, die er mit seinem Boss bisher zu dem Thema geführt hatte. Alles war besser als das Bild von Deirdre, aufgeschlitzt und ausgehöhlt. Er hatte sie niemals so gesehen, glaubte allerdings nicht, dass Menschen besonders feinfühlig mit einem Vampir umgingen, der einem von ihnen das dreckige, kurze Leben um eine Winzigkeit verlängerte.
   Gerüchte reisten schnell, doch im Fall seiner Schwester nicht schnell genug. Erst drei Tage nach ihrem Verschwinden hatte der Kerl aus dem Untergrund, dem Negan sein gesamtes Geld gegeben hatte, ihm die Information über ihren Tod in der Organanlage liefern können. Negan hatte sie niemals angezweifelt, dafür war der Ruf des Informanten zu etabliert. Und die Tatsache, dass sich Deirdre nicht bei ihm meldete und verschwunden blieb, konnte nur ihren Tod bedeuten. Schließlich war er der Einzige, den sie geliebt hatte. Er dagegen hatte sein Versprechen ihr gegenüber gebrochen: für immer auf sie aufzupassen.
   Das erste Treffen mit Emin Mitchell erschien ihm daher, als hätte das Schicksal ihm seinen Wunsch auf Rache gewährt, wenn auch auf Raten. Er hatte keine Sekunde gezögert, für den Mann zu arbeiten.
   Negan räusperte sich energisch und verdrängte das Bild des blassen, von rötlichen Locken umrahmten Gesichts seiner Kleinen. »Ist sicher, dass wir Medikamente bekommen?«
   »Besser. Wir werden jemanden herbringen, der sich damit auskennt. Elaine kümmert sich darum. Es handelt sich um einen von ihren Kontakten.«
   Negan nickte. Solange sich die Frau nicht in seine Zuständigkeiten einmischte, hatte er nichts dagegen einzuwenden. »Sag mir rechtzeitig Bescheid, damit ich die Wachen verstärken kann. Würde mich nicht wundern, wenn sie eine groß angelegte Suche nach dem Kerl veranstalten, sobald er verschwunden ist. So wie auch nach dem Politikersöhnchen.«
   Emin lächelte. Es wirkte unecht und verwandelte sein Gesicht in eine Fratze aus Herausforderung und Stolz. »Würde mich nicht wundern, wenn sie das vergeblich tun.« Er schlug Negan auf die Schulter, richtete sein Hemd und war kurz darauf verschwunden.
   Negan machte sich an seine Abendrunde: Er prüfte die Scanschlösser der Käfige, versorgte die Menschen mit Wasser sowie Brot und betrachtete jeden Gefangenen eingehend, checkte auf Anzeichen von Krankheiten oder anderen Dingen, die Grund zur Besorgnis gaben. Vor einer Woche hatte sich ein Kerl zunächst alle Haare ausgerissen und anschließend den Kopf so lange gegen die Käfiggitter geschlagen, bis eine Schläfe geplatzt war. Negan hatte sich um die Sauerei kümmern müssen, und es war kein Spaß gewesen. In Zukunft würde er so etwas vermeiden, und allmählich bekam er eine Ahnung dafür. Ja, die Menschen waren allesamt blass und verängstigt, aber so lange kein Fieber in ihren Augen glitzerte, egal, ob es auf Krankheit oder beginnenden Wahnsinn zurückzuführen war, konnte er beruhigt sein.
   Langsam schlenderte er durch die Gänge. Die einzigen Geräusche waren seine Schritte und das Atmen, das lauter und hektischer wurde, sobald er sich näherte. Dafür roch es nach Schweiß, Blut, Angst und Urin. Es war leider nicht zu ändern.
   »Also«, rief er und wandte sich noch einmal um. Seine Stimme hallte durch die Gänge und wurde von Stein und Erde verzerrt und in etwas verwandelt, das düsterer wirkte als er selbst. »Das war es. Wir sehen uns morgen. Gute Nacht.« Er aktivierte das Aggregat für die Kameras sowie den Temperaturausgleich. Niemandem brachte es etwas, wenn die Menschen halb erfroren vor sich hin vegetierten und das nächste Event nicht überstanden. Emins Gäste wollten keine Schlachtshow sehen, sondern etwas, das sie bei Laune hielt.
   Die blonde Vampirfrau im vordersten Käfig warf ihm einen vorsichtigen Blick zu, versuchte aber nicht, ihn zu verbergen. Sie zeigte Respekt, keine Angst. Das gefiel ihm. Zudem erinnerte sie ihn auf seltsame Weise an seine Mutter.
   Negan ließ die Finger über die Gitterstäbe gleiten, dann schlug er sanft mit den Knöcheln dagegen. »Ruh dich aus, meine Liebe. Wir wollen dich schließlich für Samstag bei Kräften haben.«
   Sie wandte den Kopf eine Winzigkeit, nur so weit, um ihm einen schrägen Blick zuzuwerfen. Er barst beinahe vor Verachtung und stummen Vorwürfen, das sanfte Glühen der Pupillen flüsterte ihm zu, nicht würdig für eine Unterhaltung zu sein. Anschließend wandte sich die Frau wieder ab und ließ sich langsam zu Boden gleiten.
   Negan schluckte und versuchte, das Gefühl abzuschütteln, das sich von hinten anschleichen und ihn niederdrücken wollte. Er würde sich von einer dahergelaufenen Unbekannten keine Schuldgefühle einreden lassen! Energischer als sonst betätigte er die Lichtsensoren, schlug die Zwischentür zu, aktivierte den Doppelscan und hastete den Gang entlang, der ihn schließlich nach draußen führen würde, in das Tal von Glencoe.

Kapitel 4
London

Ich holte scharf Luft, als Nic mich herumdrehte und der Schmerz über meinen Rücken tobte. Er hatte seinen Ursprung unter meinem Schulterblatt, wo ein stattliches Hämatom prangte.
   Augenblicklich verlangsamten sich Nics Bewegungen. Seine Hände strichen nun fast träge über meine Schultern, fuhren meine Oberarme entlang und arbeiteten sich zu den Seiten vor. Die Fingerspitzen streiften meine Brüste nur sanft, doch die Frage nach mehr war eindeutig.
   Ich seufzte wohlig, streichelte über Nics Brust, ließ meine Hände auf seinen Rücken gleiten und zog die Nägel sacht über seine Haut. Er verspannte sich kurz, dennoch bemerkte ich es und musste mir ein Lachen verbeißen. Normalerweise regenerierte er schneller. Dieser Victor schien nicht zu knapp ausgeteilt zu haben.
   »Scheint, als wären wir zu stark angeschlagen für länger andauernde, körperliche Anstrengungen«, flüsterte ich, hob den Kopf und begann, an seinem Hals zu knabbern. »Vielleicht sollten wir eine Pause einlegen.«
   Er erstarrte für einen Sekundenbruchteil und bot mir anschließend seinen Hals dar, während er eine Hand in meinem Haar vergrub. Abgesehen davon hielt er weiterhin vollkommen still. »Hattest du nach besagter Pause etwas Bestimmtes im Sinn?« Seine Stimme war rau vor Erregung.
   »Hm …, ich kann mich nicht entscheiden.« Ich lächelte und küsste die Stelle, die ich zuvor mit den Zähnen bearbeitet hatte. Es gab einige Dinge, die ich mir da vorstellen konnte. Zwar befanden wir uns beide nicht in der besten körperlichen Verfassung, aber der Sex mit Nic war dennoch unglaublich gewesen. Ich liebte es, zu spüren, wie er seine Kraft zurückhielt, um mir nicht wehzutun, wie sich die Muskeln unter seiner Haut bewegten. Und wie er mich anblickte. Nach all den Monaten noch immer voller Staunen darüber, dass ich ihm tief in die Augen sehen konnte, ohne mit den üblichen Folgen zu kämpfen. Kein Schwindel und keine Kopfschmerzen, wie es bei Menschen üblich war, wenn sie sich dem Vampirblick aussetzten. Mein Schwindel rührte eher daher, dass Nic mich mit seinem Wissen, wo er mich berühren musste, zum Wahnsinn brachte.
   Manchmal sah er mich einfach nur an und suchte in meinen Augen nach einer Antwort, unendlich lang, während er mit meinem Haar spielte oder die Umrisse meines Ohrs nachzeichnete. Dies waren die Momente, in denen er mir näher war als jemals zuvor. Die Momente, in denen ich glaubte, ihm hundertprozentig vertrauen zu können.
   In diesem Punkt war ich mir noch immer nicht sicher. Ich würde mich ohne zu zögern einem Mob nach Blut dürstender Gewandelter stellen, wenn Nicolae Cole meinen Rücken stärkte, doch in manchen Situationen wisperte mir ein leises Stimmchen zu, seine Motive und Beweggründe zweimal zu durchdenken, ehe ich mich auf ihn verließ oder alles glaubte, was er sagte. Nic arbeitete für den Rat und war in erster Linie Lorcan Murray zu Gehorsam verpflichtet. Lehnte er sich gegen die Anweisungen von oben auf, stand nicht nur sein Leben, sondern auch meines auf dem Spiel. Hier befand sich Nic in einer Zwickmühle, die ihn einen Teil seiner Kraft sowie einen größeren seiner Freiheit kostete und nicht selten dafür sorgte, dass er abweisend und gedankenverloren wirkte: Er musste Lorcan gehorchen, selbst wenn es dem widersprach, an was er glaubte.
   Oder ich.
   Einen anderen Mann hätte es womöglich bereits innerlich zerrissen, aber ich wusste, dass Nic noch mehr ertragen konnte, wenn er ein Ziel vor Augen hatte. Es gab nicht viele Personen auf dieser Welt, die ihm etwas bedeuteten. Für die wenigen tat er alles, was nötig war. Wenn er seine Ziele dabei nur mit Lügen oder Täuschungen erreichen konnte, akzeptierte er es. Früher, als Mensch in den Straßen von Portsmouth, hatte er für derartige Entscheidungen länger gezögert oder sie nicht treffen wollen, doch seine Wandlung war nun achtundzwanzig Jahre her. Er hatte harte Lektionen hinter sich und wusste, was er tun musste, um zu überleben.
   Nic küsste mich und beendete meine Grübeleien. Ich kuschelte mich an ihn und ließ eine Hand zu seiner Hüfte wandern. Ohne den Kuss zu unterbrechen, fasste er meine Taille und drückte ein Knie zwischen meine Beine.
   Mein Puls beschleunigte, und schon baute sich das verlangende Ziehen in meinem Unterleib auf. Nics Lippen wanderten über meinen Hals zu meinen Brüsten. Ich schlang auch mein anderes Bein um seine Mitte und zog ihn enger an mich.
   Er sah mich an, die Lippen geöffnet. Die Funken in seinen wunderschönen Augen tanzten und verrieten, dass er mich ebenso sehr wollte wie ich ihn. Es dauerte, bis sich dieses Verlangen auf seinem Gesicht abzeichnete, aber ich hatte gelernt, die Zeichen zu lesen. Der Anblick genügte, um die Gänsehaut auf meinem Körper zu verstärken.
   »Vergiss, was ich vorhin über Angeschlagenheit gesagt habe«, murmelte ich und fuhr mit den Fingernägeln über seinen Hintern. »Das war dumm.«
   Er fing meine Hand ein, küsste sie und drückte sie über meinem Kopf in die Kissen. Er liebte es, das Kommando zu übernehmen, und das Schlafzimmer war der einzige Ort, an dem ich ihn gewähren ließ. Der zweite Arm folgte, dann strich Nic an meinen Seiten entlang und rutschte zwischen meine Beine.
   Ich stöhnte bereits, ehe er mich berührte. Seine Hände fuhren sanft über meine Oberschenkel und reizten die empfindlichen Innenseiten.
   Ein leiser Summton ertönte und wurde mit jedem Schlag meines rasenden Herzens lauter. Nic erstarrte, wandte den Kopf, küsste meinen Bauch und löste sich von mir.
   Ich blinzelte, und obwohl ich wusste, was das war, brauchte ich eine Weile, um es zu begreifen.
   »Zeit.« Meine Stimme klang heiser.
   Der Alarmton verstummte, als das Sensorfeld an der Wand reagierte. Ungläubig starrte ich auf die Ziffern. Es war kurz vor elf. Das bedeutete, wir lagen bereits seit drei Stunden in meinem Bett.
   »Das fasse ich nicht«, murmelte ich und fluchte lautlos. »Ich muss los.«
   Nic hob die Augenbrauen. Das Leuchten seiner Iriden verstärkte sich eine Winzigkeit. »Bist du sicher, dass du allein gehen willst?« Er war noch nicht bereit, mich loszulassen und streichelte weiterhin meine Schultern und Arme, aber in seiner Stimme schwang bereits wieder diese Aufmerksamkeit mit, die je nach Einfluss von außen in Vorsicht oder auch Angriff umschlagen konnte.
   Ich fuhr mit dem Daumen über seine Unterlippe. »Ich bin sicher, dass ich allein gehen muss, wenn ich wirklich mit diesem Ryo reden will. Wie denkst du, wird er reagieren, wenn ich plötzlich mit dem Mann an der Seite auftauche, der bekanntlich für den Rat arbeitet?«
   »Er wird dich nicht anrühren und auch sonst überaus höflich sein«, sagte Nic todernst.
   Ich grinste, strich ihm die dunklen Locken aus der Stirn und zeichnete die Kerben dort nach. Sie verschwanden viel zu selten. »Ich denke, das Risiko gehe ich ein. Wir sehen uns später.«
   Er schwieg und starrte mich finster an. Meine Pläne für diese Nacht gefielen ihm nicht, und am liebsten hätte ich ihm gesagt, wie oft mir seine Aufgaben für den Rat nicht passten. Als Lorcans Mann begab er sich häufiger in Gefahr, als er es mich wissen ließ. Aber diese Diskussion würde nichts bringen, und ich wollte mich auch so nicht von ihm verabschieden. Daher packte ich ihn und küsste ihn so heftig, dass es schmerzte. Er erwiderte den Kuss mit ebenso viel Leidenschaft und schlang die Arme um mich, als wollte er mich festhalten, bis die Nacht und somit die Gefahr darin vorbei war.
   Nicht zum ersten Mal blitzte der Gedanke auf, dass dies unser letzter Kuss und damit ein Abschied sein konnte. Wie immer schob ich ihn beiseite. Dennoch blieb etwas zurück, eine Art Dämmerung, die sich über mich und Nic legte und einfach nicht weichen wollte.
   
   Obwohl das Booze laut meinem Informanten derzeit eine der gefragtesten Locations im Untergrund war, hörte ich nichts, als ich den Hinterhof erreichte. Ganz zu schweigen von der Optik. Auf den ersten Blick war dies nicht mehr als ein Parkplatz. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckte ich, dass die Überwachungsscreens nicht sendeten und die Treppe, die in den Keller des Hinterhauses führte, regelmäßig genutzt wurde. Das Geländer glänzte, die Stufen waren von vielen Füßen blank gescheuert und der Dreck der Gegend hatte keine Chance gehabt, sich dort abzulagern. Zudem roch es nach Parfum und Leben, nicht nach dem üblichen Mix aus Verwesung und Schimmel, der Gegenden wie dieser so eigen war. Kurz darauf entdeckte ich zwei Ordner oder auch Türsteher, die ihre Runden zwischen den parkenden Fahrzeugen zogen und mich unauffällig beobachteten.
   Einer von ihnen, mindestens zwei Köpfe größer als ich, breitschultrig, fliehende Stirn, versperrte mir den Weg, als ich auf die Treppe zuhielt.
   Ich blinzelte und blieb stehen. Zwar hatte ich geahnt, dass es sich um einen Gewandelten handelte, dennoch überraschte mich, wie schnell er sich bewegte.
   »Was willst du hier?« Er versuchte erst gar nicht, das Glühen seiner Pupillen zu verbergen. Ich blickte kurz hinein und starrte dann knapp an seinem Gesicht vorbei. Zwar hatte ich mit ihm weder Probleme noch glaubte ich, dass er mir gefährlich werden konnte, dennoch war es keine gute Idee, ihn wissen zu lassen, dass ich gegen den Vampirblick immun war. Also strich ich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr und musterte sein Kinn. »Ich bin verabredet.«
   »Mit wem?«
   Er klang drohend, vorsichtig und angespannt zugleich. Kein Wunder. Ich wollte nicht wissen, welchen Schwierigkeiten er in seinem Job begegnete. Vor einigen Wochen war das in Mode gekommene Vampire Bar Bashing eskaliert, bei dem menschliche Jugendliche mit gestohlenen NaCl-Patronen auf Gewandelte losgingen. Einige von ihnen hatten es bewerkstelligt, eine Art Explosivkörper herzustellen, der mit dieser besonderen Munition bestückt war. Bei der Detonation waren zwei Häuser in Camden beschädigt worden, zudem hatten vierzehn Gewandelte ihr Leben gelassen. Die Behörden hatten sich nach einer kurzen öffentlichen Stellungnahme nicht mehr zu dem Fall geäußert, was ich in Anbetracht der momentanen Lage für gewagt bis dumm hielt.
   Ich straffte die Schultern, sodass meine kurze, dünne Lederjacke aufklaffte und dem Mann verriet, dass sich nichts darunter befand, was ihm oder den Gästen der Bar gefährlich werden konnte. Ich hatte absichtlich eng anliegende Kleidung ohne Taschen gewählt: ein kurzes schwarzes Kleid und lediglich eine kleine Handtasche, die ich nun öffnete, um ihn einen Blick hineinwerfen zu lassen. Die Nori steckte im Stiefelschaft. So wie der Kerl auf meine Beine starrte, war ihm bewusst, dass ich möglicherweise nicht so harmlos war, wie ich aussah. Um nicht aufzufallen, hatte ich viel dunkles Make-up benutzt und trug meine Haare ausnahmsweise offen. Die hellen Strähnen fielen mir knapp über die Schultern und wurden von jedem noch so leichten Windhauch verwirbelt.
   »Einem Kerl namens Ryo Jones.« Ich sah keinen Grund, die Information vor ihm geheim zu halten. Ryo war ein unbeschriebenes Blatt und niemand, der anderen Sorgen bereitete. Er zählte zur großen Masse der niederen Vampire und hatte zugestimmt, sich gegen eine geringe Geldsumme mit mir zu treffen und ein paar Fragen zu beantworten. Ausnahmsweise hatte meine Mission an diesem Abend nichts mit Absecon zu tun, ich recherchierte für Radio Voice Up.
   Der Türsteher rührte sich nicht, sondern starrte mich weiter an, also entschied ich, dass es Zeit für eine kleine Schauspieleinlage war. Ich hob den Kopf, sah in seine Augen und blinzelte. Langsam zählte ich bis drei, fasste mir an die Schläfe und trat von einem Fuß auf den anderen. Jetzt war ich nur noch eine harmlose Blondine, die mit den Wirkungen des Vampirblicks zu kämpfen hatte.
   Der Hüne fiel darauf herein, wie so viele andere auch. Es machte wenig Sinn, aber manche Gewandelte fühlten sich wohler, wenn sie glaubten, diese besondere Art der Macht über Menschen zu besitzen – ein natürliches Verteidigungssystem, das jedoch auf Dauer gegen Waffen oder andere Hilfsmittel keine Chance hatte.
   Er trat zur Seite. Ich murmelte einen Dank und ging die wenigen Treppenstufen hinab, wobei ich darauf achtete, unsicher zu wirken. Die Klinke der schweren Metalltür war eiskalt, dann stand ich im Inneren des Ladens, von dem ich ohne Ryo niemals erfahren hätte.
   Elektromusik dröhnte mir entgegen, und im künstlichen Nebel, der das Innere des Booze füllte, bewegten sich dunkle Gestalten. Ich atmete vorsichtig ein und bemerkte den Mix von Minze und Holzigem, der in den vergangenen Jahren so typisch geworden war. Verdammt! Allem Anschein nach setzte das Booze wie mittlerweile viele andere Bars und Klubs auf Kentak, ein leichtes Beruhigungsaerosol, das zusammen mit Propylenglycol und destilliertem Wasser in die Nebelmaschinen gegeben wurde. Auf diese Weise hofften die Besitzer, Aggressionen der Gäste zu senken und Schlägereien zu vermeiden, letztlich ihr Mobiliar zu schützen und wenig Ärger mit den Behörden zu haben. Ich mochte den Gedanken nicht, bei jedem Atemzug Chemie in meine Lungen zu ziehen, vor allem, da das Traffein noch nachwirkte und ich regelmäßig Hosporga spritzte, um mein Herz zu stärken. Ich war nicht scharf darauf, diesen Cocktail zu erweitern, aber das ließ sich nun leider nicht mehr ändern. Ich würde direkt morgen früh Hades anrufen und ihn nach den Auswirkungen fragen. Immerhin war er der Doc meines Herzens. Mit anderen Worten: Er kümmerte sich um meine HP-Dosis und verletzte dabei sämtliche Richtlinien der Medizinischen Vereinigung, falls er dort jemals Mitglied gewesen war. Kein Wunder, dass er sich ausschließlich in seinem unterirdischen Labor austobte. Ich vertraute ihm gerade wegen seiner Unkonventionalität. Er behandelte mich seit meiner Herzoperation und sagte mir offen ins Gesicht, wann ich dumme bis schwachsinnige Dinge tat. Unter anderem dafür schätzte ich ihn.
   Der Geruch nach Alkohol, Schweiß und Parfüm bereicherte die Luft, als ich weiterging und mich unauffällig umsah. Die vorherrschende Farbe war Schwarz. In Kreisen wie diesen würden Ledermäntel, Lackhosen oder Samtkleider wohl niemals aus der Mode kommen. Manche Frauen waren eindeutig aus dem Grund hier, sich einen Vampir für die Nacht zu suchen, und zerrten in regelmäßigen Abständen ihre Ausschnitte herab, um noch mehr Dekolleté zu präsentieren. Ein Lockruf, der nach hinten losgehen konnte, sollten sie an den Falschen geraten. Aber ich war weder hier, um ihnen Vorträge zu halten, noch konnte oder wollte ich sie beschützen. Sie waren alt genug.
   Einige Gäste hielten Gläser in den Händen und outeten sich als menschlich. Hier unten mussten sich die Gewandelten keine Mühe geben, ihre Maskerade aufrechtzuerhalten, daher ließ sich auf den ersten Blick gut abschätzen, dass mindestens ein Drittel der Anwesenden Menschen waren.
   Die Theke war verhältnismäßig klein und schmiegte sich in eine Ecke des riesigen Raumes, an dessen Wänden Stahlrohre verliefen. Erinnerungen an die Zeit, als hier unten Maschinen der ehemaligen Fabrik gestampft hatten. Zusammen mit der niedrigen Decke erzeugte es eine Enge, die mir nicht gefiel.
   Ich hielt auf die Bar zu. Das Booze war zwar voll, aber nicht so sehr, dass ich mich durchdrängeln musste. Manche Anwesenden, besonders die Frauen, musterten mich aufmerksam bis feindselig. Natürlich, ich war Konkurrenz.
   Neben der Bar entdeckte ich einen Mann, auf den die Beschreibung passte, die ich über das Shadenet erhalten hatte. Ryo Jones behauptete, für unseren Sender wichtige Informationen zu besitzen. Ein Schuss ins Leere, oft von Wichtigtuern getätigt, doch dieser Mann hatte mich mit Informationen geködert, die verrieten, dass er ein Gewandelter war und sicher nicht über das Wetter reden wollte. Bob, mein Chef und ewig zwischen Misanthropie und Zweifeln Balancierender, hatte die ganze Sache als absurd erklärt. Trotzdem hatte ich nicht lange gebraucht, um ihn zu überreden, einen kurzen Blick für unseren Sender zu riskieren. Auch wenn er mich verfluchte, da ich in seinen Augen der leichtsinnigste Mensch der Welt war.
   Da ich keine Zeit mehr verschwenden wollte, hielt ich auf den Kerl zu. »Ryo Jones?«
   Er hob den Kopf und funkelte mich an, als hätte ich ihn tödlich beleidigt. Wahrscheinlich ein Sicherheitsreflex. Ryo war dünn und schlaksig, sein schwarzes Haar stand nach allen Seiten ab. Ich schätzte ihn allerhöchstens auf zwanzig. Er besaß eine niedliche Stupsnase und hatte seine Augen mit dunklem Kajal umrandet, was an einen Pandabären erinnerte. Dennoch unverkennbar kein Mensch.
   Ich zuckte die Schultern. »Ich bin Madison Turner. Wir haben …«
   »Ich weiß, ich weiß«, murmelte er und deutete zur Seite.
   Ich wandte den Kopf und entdeckte mehrere Separees, deren Vorhänge halb offen standen. Kurzes Zögern, dann nickte ich. Die Räume waren nicht wirklich abgetrennt, und niemand würde bei der gegenwärtigen Gemütsverfassung unserer Behörden riskieren, dass hier unten ein Mensch ausgeblutet wurde, der Teil der Medienlandschaft war. Mein Status als Redakteurin war momentan eine ebenso große Sicherheit wie die Norica in meinem Stiefel.
   Ryo zog die Vorhänge dennoch hinter uns zu, drehte sich um und warf mir etwas zu.
   Ich fing es in der Luft – natürlich, ein I-Scanner. Zwar wunderte es mich, wie Ryo an meine Daten gekommen war, aber ich schwieg und presste meinen Daumen auf das kleine Feld. Anschließend warf ich ihn zurück und wartete, bis Ryo die Daten abgeglichen hatte.
   Schließlich nickte er. »Okay. Also, was willst du wissen?«
   »Du hast mich kontaktiert, schon vergessen?« Da ich wenig Lust auf Spielchen hatte, verschränkte ich die Arme und lehnte mich nahe des Vorhangs gegen die Wand. Sobald ich mitbekam, dass diese Spur eine Sackgasse war, würde ich gehen.
   Ryo musterte mich eingehend, wobei er versuchte, mir nicht in die Augen zu sehen. Höflicher Junge. »Ich wusste nicht, mit wem ich sonst reden sollte.«
   Ich runzelte die Stirn. Das klang verdächtig danach, als ob er Hilfe benötigte für Dinge, die sich mit allgemeingültigen Maßnahmen nicht regeln ließen. Rasch überlegte ich, ob er von meiner Zugehörigkeit zu Absecon wissen konnte, aber das war eher unwahrscheinlich. Unsere Experten verwischten Spuren besser, als jeder von Politikern bezahlte Aufräumer es konnte.
   »Wenn du jemanden brauchst, um ihm dein Herz auszuschütten, solltest du unter deinesgleichen suchen.« Ich musterte ihn unauffällig. Je schroffer ich war, desto eher würde ich feststellen, ob er es ernst meinte … und worum es ihm eigentlich ging.
   Er betrachtete mich, als sähe er mich zum ersten Mal. Auch er hatte sich also von der Fassade der schlanken, jungen Frau täuschen lassen. Die Zeit, in der ich meine hellen Haare und die großen Augen verflucht hatte, war vorbei. In den vergangenen Jahren hatte ich gelernt, wie viel es wert sein konnte, von mächtigen Spielern dieser Welt unterschätzt zu werden.
   Ryo ging zum Vorhang, warf einen unauffälligen Blick hindurch und bedeutete mir, ihm auf die gegenüberliegende Seite des Raumes zu folgen. Es machte Sinn. Zwar besaßen Gewandelte ein ausgezeichnetes Gehör, aber die laute Musik dort draußen würde unser Gespräch mühelos übertönen.
   Ich beugte mich hinab und zog die Nori aus dem Stiefelschaft. Ich traute nur wenigen Leuten und niemandem bei der ersten Begegnung. Das sollte auch Ryo Jones wissen.
   Seine Augen wurden groß, als er die Waffe bemerkte, doch er nickte. »Also gut. Zunächst zur Diskretion. Ich will nicht, dass mein Name genannt wird.«
   »Ich gehe sowieso nicht davon aus, dass es dein richtiger ist.«
   »Korrekt.« Er schien kurzzeitig amüsiert, dann wurde seine Miene wieder ernst. »Ich würde nun sagen, dass seltsame Dinge passieren, aber das klingt nach Area 51 und abgedroschenen Verschwörungstheorien. Also lass es mich so ausdrücken: Es verschwinden Leute.«
   »Das ist nichts Neues. Leute verschwinden immer.« Insgeheim horchte ich auf. Ich dachte an den Vorfall auf Balta, an Rory Nash und sein kleines, privates Jagdvergnügen. Damals waren Menschen auf diese verdammte Insel entführt worden, um bis zum Tod gejagt zu werden. Nic und mir hätte dasselbe Schicksal blühen sollen, aber wir hatten Rory eine kleine Überraschung bereitet, indem wir die Jagd überlebten.
   Ryo ging nicht darauf ein. Er schien zu ahnen, dass er mich überzeugen musste, wenn er etwas bewirken wollte. Was auch immer das in seinen Augen war. »Ein Freund von mir war dabei, das Geschäft seines Lebens hochzuziehen. Es sah gut aus für ihn, trotz allem, was soeben vor sich geht.«
   »Dein Freund ist also ein Gewandelter.«
   »Oder er war es.«
   Ich runzelte die Stirn. »Warum, glaubst du, könnte er tot sein?«
   Er zuckte die Schultern. »Er war mein bester Freund. Willst du wirklich den gesamten Buddy-Talk über Dinge, die einem auffallen, wenn man sich nur lange genug kennt?«
   »Erspar mir das.«
   »Gut. Sein Name ist Angus Ennings, aber man kennt ihn als BoomerAng.«
   Ich verbarg mein Erstaunen und nickte lediglich. Der Name war mir vertraut wie jedem, der im Medienbereich arbeitete. BoomerAng hatte eine Nische im Shadenet isoliert und von dort regelmäßig Berichte an die Öffentlichkeit gebracht. Eine Art Blogger mit dem Flair des Verbotenen. Ein Netzpirat, den ein extremer Hauch von Gefahr umwehte. Er wurde von allen kontrovers diskutiert, vor allem, da er sich gegen das aussprach, was soeben in Schottland vor sich ging und somit gegen eine Sache, an die ein großer Teil gleichaltriger Gewandelter glaubte. Nachdem er die Vampire dazu aufgerufen hatte, sich zurückzuziehen, um Teil der Gesellschaft bleiben zu können, die nun einmal von den Menschen gelenkt wurde, hatte es einen regelrechten Aufschrei unter Seinesgleichen gegeben. Das war besonders interessant, da er im Grunde dasselbe forderte wie die Vampirräte. Nur wo diese ihre Macht durch die lange etablierte Hierarchiestruktur der Vampire erhielten, bestach BoomerAng durch sein Dasein als Mann von der Straße. Er war der beste Freund aller, die sich ein anderes, ein besseres Dasein wünschten. Zumindest glaubten sie das. Einer der wenigen Gewandelten, die ihre Stimmen erhoben und zu einer breiten Masse sprachen. Direkt in ihre Herzen. Umso mehr hatten sich all jene verraten gefühlt, die an jemanden geglaubt hatten, der sie in eine Schlacht gegen die Menschen führen würde.
   War er deshalb verschwunden? Oder steckte die Regierung dahinter, die BoomerAng und seinen Einfluss durch semi-öffentliche Kanäle als mögliche Bedrohung betrachtete? Immerhin konnte er seine Meinung jederzeit ändern, und viele seiner Fans würden sich von ihm, ohne lange nachzudenken, in einen Krieg schicken lassen. War das die Ursache seines Verschwindens – die Furcht vor purem Kadavergehorsam?
   Ich hörte auf zu grübeln und stellte Ryo vorsichtige Fragen. Aus mir unbekannten Gründen glaubte er daran, dass seine Leute hinter der Sache steckten. Er bezeichnete es als Ahnung, doch ich hatte den Eindruck, dass er den Menschen einfach nicht zutraute, seinen bestens geschützten Freund von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Zudem war BoomerAng nicht der erste Vampir, der in den vergangenen Wochen nicht mehr aufgetaucht war. Ryo kannte die anderen nicht persönlich, aber ausgerechnet sein bestens vernetzter Kumpel hatte ihm davon erzählt, ehe er sich von der Bildfläche verabschiedete.
   »Er kann dir dazu sicher mehr erzählen, wenn er wieder auftaucht«, schloss er lakonisch.
   Ich musste zugeben, dass mich die Stimmigkeit der Fakten beeindruckte, die er mir in den vergangenen zwanzig Minuten geliefert hatte. Alles fügte sich wie Zahnräder ineinander. Mittlerweile hatte ich die Norica wieder verstaut, da Ryo definitiv keine Gefahr darstellte. »Und was erwartest du nun von mir?«
   Er rieb seine Hände an der zu eng sitzenden Hose. »Recherchieren. Dinge herausfinden. Das, was ihr Journalisten eben so macht.«
   »Vielleicht solltest du lieber einen Privatdetektiv engagieren.«
   Zum ersten Mal, seitdem wir in diesem Raum die Köpfe zusammensteckten, fasste er mich an. Ich riss meinen Arm zurück und brachte mehr Abstand zwischen uns. Nicht, weil ich ihn fürchtete, sondern weil ich es nicht mochte, wenn Fremde mir physisch zu nahe kamen.
   Er hob seine Hände. »Hey, sorry, das war … Ich wollte dich nicht verärgern. Mann, das ist das Letzte, was ich will. Für uns gelten nun einmal nicht eure Spielregeln, okay? Selbst, wenn ich die Kohle für einen Schnüffler hätte, würde der mir wahrscheinlich eher eine Eisenstange über den Kopf ziehen, als den Fall anzunehmen.«
   Er übertrieb etwas, dennoch steckte Wahrheit in seinen Worten. Generell wusste ich, wie schwer die Lage für die Gewandelten geworden war, und trotzdem stieß ich immer wieder auf Kleinigkeiten, an die ich nicht gedacht hatte. Zudem war der winzige Alarmsensor in meinem Hinterkopf angesprungen. Ryo suchte weder nach Aufmerksamkeit noch ließ er sich von Momentaufnahmen verschrecken. Nein, an seiner Geschichte war etwas dran, und es bereitete mir ein ungutes Gefühl.
   Ich blinzelte durch die Vorhänge in den Hauptraum. Das Booze war voller geworden, der Betrieb lebte offenbar erst nach Mitternacht auf. »Noch ist das kein Stoff für einen Bericht.«
   »Ich weiß.« Plötzlich sah er verzweifelt aus. »Ich dachte, dass ihr das Thema möglicherweise schon auf eurem Schirm habt. Vielleicht besitzt ihr andere Informationen, und ich kann euch etwas dazu liefern. Eine Art Puzzlestück. Egal, was du nun damit anfängst, Turner … wenn es hilft, meinen Kumpel zu finden, soll es mir recht sein.«
   Ich nickte. »Ich bespreche es mit meinem Redaktionsleiter.« Mehr konnte ich für ihn nicht tun, und zudem wollte ich allmählich raus hier. Eine seltsame Müdigkeit hatte sich in meine Knochen geschlichen, ebenso das unbestimmte Gefühl, mich schütteln zu müssen. Es war hinterhältig, transparent und nur schwer zu greifen. Ich merkte lediglich, dass etwas fremd war, wenn ich mich darauf konzentrierte. Unter anderen Umständen hätte ich es für einen ersten Anflug von Müdigkeit gehalten, doch hier wusste ich, dass es sich um die Wirkung des Kentak handelte. Gewandelte wurden davon zwar ebenfalls beeinflusst, aber der Effekt verschwand schneller als bei einem Menschen.
   Ehe ich das Separee verließ, wandte ich mich noch einmal zu Ryo um. Er sah nachdenklich aus und wirkte schmächtiger, als er es ohnehin war. Ein junger Erwachsener, der niemals zu einer anderen Gruppe als den Gewandelten gehören würde, obwohl ich ihn mir besser zwischen TechEquip oder in einer Schaltzentrale vorstellen konnte. Aber diese Türen hatten sich für ihn geschlossen, zumindest im offiziellen England. »Ich nehme an, dass ich von dir höre.«
   Er nickte. »Pass auf dich auf, Madison Turner.«
   »Woher die plötzliche Sorge?«
   Ein schmales Grinsen eroberte sein Gesicht. »Reiner Eigennutz. Du bist der einzige Mensch, der von der ganzen Sache weiß und etwas ausrichten kann. Wenn du draufgehst, muss ich mir die Mühe noch einmal machen. Du weißt schon, Personen abchecken. Kontakt herstellen. Von meinen Freunden draußen am Parkplatz überprüfen lassen. Und vor allem: denjenigen überzeugen. Das ist nicht so leicht, und auch wenn es anders aussieht, ist das hier nicht gerade meine Lieblingslocation. Zu viele Freaks.«
   Ich starrte ihn an, dann erwiderte ich sein Grinsen. Es waren die ersten unbefangenen Worte, die er während unseres gesamten Gesprächs von sich gegeben hatte.

Kapitel 5
Glencoe

Etwas war anders. Helen hatte es bereits am Vorabend gespürt, noch ehe der Wärter, wie sie den blonden Kerl insgeheim bezeichnete, zu ihr gekommen war. Zu ihm sagte sie nichts, schließlich war sie nicht lebensmüde. Die Spannung in der Luft hatte zugenommen, und der Boss – zumindest redete der Wärter den dunkelhaarigen Mann mit dem Gesicht eines Fernsehstars so an – hielt sich länger in den Höhlen auf als sonst.
   Noch immer wusste sie nicht, warum sie hier war und wo hier überhaupt war. Sie vermutete, dass es mit ihrer versuchten Flucht zusammenhing. Mit Absecon. Hatte es ein Leck bei den Vorbereitungen gegeben? War jemand auf sie aufmerksam geworden? War dies die Strafe für den Versuch, England und seinen Vorbehalten und Drohungen gegen die Gewandelten zu entkommen? Wenn ja, hatte sie unsichtbare gegen echte Ketten getauscht. Eine Situation, die nicht an Zynismus sparte.
   Sie hatte sich diese Fragen wieder und wieder gestellt und war wütend auf sich geworden, da sie keine Antworten fand. Zumindest nicht ohne Hilfe. Nur die Männer außerhalb der Käfige konnten ihr sagen, warum sie hier hockte und darauf wartete, dass etwas geschah, doch die verschwendeten keine Gedanken an solche Dinge.
   Nun schien es so weit zu sein.
   Der Wärter hatte gestern wie immer auf sie eingeredet und versucht, sie aus der Reserve zu locken. Sie dazu zu bringen, von sich zu erzählen. Er kannte ihren Namen, mehr jedoch nicht. Es war dieselbe Routine wie an den anderen Abenden auch. Keine Routine war dagegen das Blut, das er ihr gegeben hatte, abgefüllt in einem Standard-Laborbeutel. Menschliches Blut. Zunächst hatte sie es ignoriert, doch sie war geschwächt und letztlich war ihre Gier zu groß geworden. Zudem nagte die seltsame Spannung bereits an ihr, und Helen wusste nicht, was auf sie zukam. Egal, was es war, sie wollte so gut es ging gewappnet sein.
   Jetzt saß sie in ihrem Käfig und lauschte auf die Geräusche am anderen Ende des Ganges. Zunächst hatte sie nur ein Rauschen wahrgenommen, mittlerweile erkannte sie allerdings, worum es sich handelte: Stimmen. Schritte.
   Dort draußen waren Leute, und zwar viele. Etwas sagte ihr, dass diese Leute mit ihrer Gefangenschaft zu tun hatten.
   Helen stand auf und lockerte ihre Glieder, sofern es möglich war. Ihr linkes Handgelenk war wund gescheuert von den lockeren Ketten, die sie nicht hatte zerreißen können. Der Wärter hatte sie ihr mit der Bemerkung angelegt, dass er bei seinen eigenen Leuten auf Nummer sicher gehen musste. Helen hatte es zunächst nicht verstanden, dann jedoch begriffen, dass sich auch Menschen in der Nähe befanden. Nach einer Weile konnte sie es wittern. Was auch immer vor sich ging, sie schien nicht die Einzige zu sein, die gegen ihren Willen festgehalten wurde. Und tatsächlich hatte der Blonde kurz darauf einen Menschen hereingeführt und in den Käfig neben Helen gesperrt.
   Sie ballte die Hände zu Fäusten und lockerte sie wieder, dann schloss sie die Augen und versuchte, mehr herauszuhören. Unmöglich. Der Kerl nebenan zitterte und stöhnte im Schlaf und stank nach Angst und Dreck, aber abgesehen davon offenbarten sich ihr keine Informationen, geschweige denn Antworten. Die Geräusche waren zu weit entfernt, um über ein Grundrauschen hinauszugehen.
   Helen biss die Zähne aufeinander und resümierte, was sie wusste: Sie befanden sich nicht in einer Stadt, dafür war es zu still. Zudem verrieten ihr die höhlenartigen Wände sowie die Kälte, die sich trotz der primitiven Heizsensoren besonders nachts anschlich, dass diese Räume unter der Erde lagen. Dies schien kein Gebäudekomplex zu sein, sondern etwas Natürliches oder nur leicht Ausgebautes, in das man Käfige hatte bringen lassen.
   Bei ihrer Ankunft war sie ohnmächtig gewesen. Noch immer ärgerte sie sich darüber, ihren Kidnapper nicht als solchen erkannt zu haben. Sie hatte am verabredeten Treffpunkt auf den Kontaktmann von Absecon gewartet und war der Silhouette, die plötzlich aus den Schatten aufgetaucht war, gutgläubig entgegengelaufen. Ihr Gefahreninstinkt war erst in letzter Sekunde angesprungen. Zu spät. Man hatte ihr etwas injiziert. Wahrscheinlich eine extrem verdünnte NaCl-Lösung, die sie nicht getötet, aber vorläufig ausgeschaltet hatte. Aufgewacht war sie hier. Sie trug noch immer die dunkle Sportkleidung, die sie sich für die Überfahrt nach Frankreich zugelegt hatte.
   Helen versuchte, ihre Unruhe zu unterdrücken. Der metallische Geschmack des Blutes kehrte in ihre Mundhöhle zurück, und sie wusste, dass sie sich das nur einbildete. Sie zählte die Sekunden, lauschte und zählte erneut. Nichts. Frustriert ließ sie sich wieder auf den Boden gleiten und wartete. Was auch immer dort geschah, es konnte nichts Gutes bedeuten.
   Sie war halb eingenickt, als Schritte sie weckten. Alarmiert öffnete sie die Augen und sprang auf.
   Der Wärter sah anders aus als sonst. Er trug dunkle Klamotten, hatte sein feines, blondes Haar wie ein Collegejunge zur Seite gekämmt und seinen Bart getrimmt. Nein, korrigierte sie sich: Alles sah so aus wie immer, er wirkte nur anders. In seinen Augen funkelte eine Aufregung, die sie noch nie bei ihm bemerkt hatte.
   Kein gutes Zeichen.
   »Aufstehen, meine Schöne.« Er ließ einen Stock über die Käfigstangen rattern. Helen hatte ihn bereits in Aktion erlebt und wusste, dass er hoch konzentrierte E-Schocks austeilte. Es würde nicht ausreichen, um sie zu töten, versprach aber Schmerzen und kurzzeitige Desorientierung.
   Sie sprang auf die Füße, begab sich auf seinen Wink hin in eine Ecke des Käfigs und streckte ihre Hände durch die Gitter, so gut es möglich war. Der Wärter öffnete die Fesseln von außen, anschließend die Tür, indem er seine Hand auf eine Scanfläche presste.
   »Raus mit dir.«
   Sie rieb vorsichtig über die wunde Haut am Gelenk. Ihr Blick streifte den Menschen im anderen Käfig. Er war wach, bewegte sich aber nicht. »Wohin gehen wir?«
   Der Wärter grinste. Zuckersüß. Wäre sie zehn Jahre älter und noch ein Mensch, hätte sie ihm in die Wange gekniffen. Ohne die leicht eng stehenden grauen Augen würde er so sanft wirken wie ein Kindergärtner. »Noch etwas Geduld. Es ist eine Überraschung.«
   Helen konnte darauf verzichten, doch sie schwieg. Es machte keinen Sinn, den Mann mit dem Elektrostock in der Hand zu reizen.
   Sie ließ sich von ihm aus dem Käfigraum und einen langen Gang hinabführen. Die Wände bestanden wie zuvor auch zum größten Teil aus Stein. Das Material setzte sich am Boden fort, durchzogen von gestampfter Erde. Ihre Schritte hallten dumpf wider, doch Helen achtete nicht darauf. Stattdessen lauschte sie auf das Rauschen. Es wurde lauter, klarer. Einzelne Elemente wie Stimmen oder Gelächter filterten sich heraus. Jemand rief etwas, ein anderer applaudierte. Es klang nach vielen Anwesenden, nicht nach einer kleineren Gruppe, wie sie zunächst vermutet hatte. Der Gang lag im Dunkeln, aber er wurde heller, je weiter sie gingen. Das Licht flackerte. Vor ihnen brannten primitive Lampen, vielleicht Kerzen. Helen schloss die Augen und witterte. Keine Kerzen und auch keine Menschen. Sie nahm nichts wahr außer den Aromen der Gänge, eventuell etwas Parfüm und Schweiß, aber nicht genug, um von der Menge zu stammen, die sie vermutete.
   Es waren Gewandelte, die dort auf sie warteten. Die Erkenntnis erstaunte sie, und wider besseres Wissen blickte sie über die Schulter zu dem Mann mit dem schmalen Gesicht. »Was soll das hier? Wohin bringst du mich?«
   Der Wärter leckte sich die dünnen Lippen. »Gleich, meine Schöne. Gleich.«
   In der nächsten Sekunde verstummte der Lärm, nur um wie ein Tornado auf sie einzuschlagen, als der Kerl sie in den angrenzenden Raum schob.
   Er glich einer Arena. Nein, er war eine Arena.
   Die Erkenntnis traf Helen so hart, dass sie abrupt stehen blieb. Mehrere Sekunden lang sah sie sich nur um und versuchte, zu begreifen. Sie befand sich am Eingang einer Art Höhle, größer als jene, in der sich die Käfige befanden. In der Mitte entdeckte sie einen von Gitterstäben eingefassten, beinahe quadratischen Platz. Er war riesig, viele Male größer als ihr Käfig zuvor. An zwei Stellen war eine Tür eingelassen, hinter der jeweils ein Gittergang in die Dunkelheit führte. Es erinnerte Helen an Vorrichtungen, durch die man Raubtiere trieb, um sie zu verladen.
   Zu beiden Seiten erhob sich der Stein in breiten Stufen. Weiter oben auf diesen waren … Gewandelte. Fassungslos hob Helen den Kopf, sah das Glühen in manchen Augenpaaren und spürte die Gegenwart von Personen, die weit älter als sie sein mussten. Sie alle waren gut gekleidet, plauderten und lachten, manche starrten sie einfach nur an. Eine Frau winkte ihr sogar zu.
   Es war lange her, dass Helen ein Mensch gewesen war, doch in diesem Moment verspürte sie den Drang, tief Luft zu holen. Obwohl etwas tief in ihr bereits begriff, was das hier war und welche Rolle sie in der ganzen Sache spielen sollte, wollte sie es einfach nicht wahrhaben. Stattdessen musterte sie die Anwesenden, versuchte, bekannte Gesichter auszumachen, einen Ansprechpartner zu finden, der ihr beistand, obwohl das natürlich absurd war.
   Die Frauen waren allesamt für einen Abend auswärts zurechtgemacht. Helen sah aufwendige Kleider, teure Handtaschen, feine Handschuhe und sogar Hüte. Die Männer trugen Anzüge oder gute, saloppe Kleidung, doch niemand sah aus, als käme er von der Straße. Dies waren Angehörige der Oberschicht ihrer Gesellschaft, und auf den Gesichtern funkelten Aufregung, Ausgelassenheit und Gier. Nach all der Zeit im Käfig – wie lange hatte sie eigentlich dort verbracht? – kam es Helen vor wie der Teil einer anderen Welt. Vor allem, da diese Leute nicht hierhergehörten, in die Dunkelheit unter der Erde, wo es nach Tod und Ungewissheit stank.
   Sie wandte den Kopf und entdeckte denjenigen, den der Wächter seinen Boss nannte. Er stand auf einer Art Empore, die über der obersten Reihe hinausragte. Neben ihm lachte eine Brünette in einem Seidenkleid aus Wasserfarben und schmiegte sich der Hand entgegen, die er auf ihrem Rücken platziert hatte.
   Helen biss die Zähne zusammen. Wut brodelte in ihrem Bauch. Kurz überlegte sie, wie schnell sie zu diesen provisorischen Rängen gelangen konnte und wie viele der Anwesenden sie töten konnte, ehe man sie niederstreckte. Sie war nicht einmal sicher, ob sie es überhaupt schaffen würde. Und was dachte sie da eigentlich? Sie trug keine Waffen bei sich und hatte noch nie jemanden mit bloßen Händen getötet. Sie war Geschäftsfrau, kein Tier! Genügten bereits wenige Tage in diesem seltsamen Verlies, um Instinkte zu wecken, mit denen sie nichts zu tun haben wollte? Die alles ins Gegenteil verkehrten, was sie jemals gewesen war?
   Als hätte er ihre Gedanken gelesen, drückte der Wärter den Schmerzstock in ihren Rücken. »Keine Dummheiten, sonst verpasst dir einer meiner Leute eine nette Ladung Natriumchlorid.«
   Er deutete zur Seite, und Helen erkannte Gestalten in den Halbschatten. Es waren Männer, jünger als sie und als einzige in normaler Straßenkleidung. Helen zählte vier, und sie alle hielten Waffen in den Händen.
   Ihr Mut sank. Was auch immer sie versuchte, sie würde es nicht schaffen.
   Der Boss wandte sich ihnen zu und gab dem Wärter einen Wink. Unter anderen Umständen hätte Helen ihn für gut aussehend befunden und nichts gegen ein Date gehabt, doch jetzt betrachtete er sie mit einem jener Blicke, die keine Konversation ermöglichten, da sie lediglich abschätzten. Für ihn war sie ein Ding, eine Ware. Kapital.
   Der Wächter stieß ihr den Stock noch einmal in die Rippen, aktivierte ihn aber nicht. »Weiter geht’s, meine Schöne. Nach links bitte.«
   Das Gemurmel der Menge verstummte und wurde von erst zaghaftem, dann immer lauterem Jubel abgelöst, als sie sich in Bewegung setzte und, geleitet von knappen Berührungen ihres Wächters, in die Dunkelheit eintauchte. Vor ihr glitzerte es silbrig. Einer der Gittertunnel. Wie auch die Zelle zuvor war er mit einem Scanfeld gesichert. Der Wärter schob sie hinein und verschloss die Tür hinter ihr.
   Helen drehte sich um und funkelte ihn an. Sie spürte, dass ihr nicht gefallen würde, was sich am Ende des Gangs befand, und das verlieh ihr die Kraft, um ihre restliche Energie zu sammeln. »Okay, was soll das hier?« Ihr Tonfall ähnelte dem, den sie in Meetings angeschlagen hatte, um Geschäftskunden zu überzeugen.
   Den Wärter beeindruckte sie nicht. »Spar dir deinen Kampfgeist für dort drinnen auf, Herzchen.«
   Bisher hatte Helen gehofft, sich geirrt zu haben, doch seine Worte bestätigten ihre Befürchtungen. »Dort drinnen«, murmelte sie und sah sich um. Die Geräusche der unzähligen Stimmen dröhnten noch immer leicht verzerrt durch die Höhle, aber sie konnten das Wispern in ihrem Hinterkopf nicht übertönen. Es raunte ihr zu, diesen Gang nicht entlangzugehen. Nicht nachzusehen, was am Ende auf sie wartete, da es möglicherweise ihren Tod bedeutete.
   »Es ist eine Kampfarena, nicht wahr?« Sie flüsterte, die energische Helen schien unwiderruflich verloren gegangen zu sein.
   Der Wärter hob die Hände und schlug sie träge gegeneinander, die höhnischste Parodie von Applaus, die Helen jemals gesehen hatte. »Bravo! Genau das ist es, Darling. Und du bist heute Abend eine der Attraktionen.« Er machte eine Pause und suchte in ihren Augen, als würde er wirklich glauben, dass sie stolz darauf war.
   »Fick dich.« Sie spuckte ihm vor die Füße.
   Er sah nachdenklich zu Boden und verteilte die Flüssigkeit mit seiner Schuhspitze. »Solche Worte hätte ich nicht von einer wie dir erwartet. Du weißt schon, von einer, die sich zu fein ist, um für die eigene Spezies zu kämpfen, und ihrer Heimat lieber den Rücken kehrt. Was hast du gedacht, dass dich in Frankreich erwartet? Ein junger Liebhaber? Ein nettes, kleines Häuschen mit Blumen und Plaudereien mit den Nachbarn?«
   Helen erstarrte. Sie wussten es wirklich. Wie lange hatte man sie beobachtet? Sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie nicht auf die Straße gehen und die Faust gegen die Gesetze der Menschen heben würde, aber sie hatte nur einer Freundin erzählt, dass sie das Land verlassen wollte. Und besagtes Gespräch Absecon verschwiegen.
   Man hatte sie verraten.
   Der Blonde riss sie aus ihren Grübeleien, und fast war sie ihm dankbar. »Außerdem würde ich dir raten, dir deine Wut für ihn aufzusparen.«
   »Wovon redest du?« Helen sah sich um. Allmählich fiel es ihr immer schwerer, gegen die Nervosität anzukämpfen.
   »Dein Gegner heute Abend. Was denkst du? Aber mach dir keine Sorgen, du hast Blut bekommen und dich gestärkt, deine Chancen stehen also ziemlich gut.«
   »Ziemlich gut?« Helen krallte sich in die Gitterstäbe und warf sich mit ihrem ganzen Gewicht dagegen. Das Metallgeflecht erzitterte lediglich.
   Der Wärter zuckte nicht einmal zusammen. Im Gegenteil, er trat näher und senkte den Kopf, als wäre er ihr Vertrauter und nicht … Ja, was? Ihr Henker?
   »Hör zu, ich mag dich, und daher rate ich dir, mitzuspielen. Der Kerl, der sich vor dir weigerte, hat eine kleine Ladung NaCl abbekommen. Er liegt in einem der hinteren Käfige und zittert vor sich hin. Wenn er überlebt, darf er noch einmal versuchen, sich zu beweisen. Wenn nicht …« Er zuckte die Schultern.
   Seine Worte erzeugten Bilder, die so schnell durch Helens Kopf rauschten, dass ihr übel wurde. Allmählich begriff sie, dass sie in einer Sackgasse stand und es keinen anderen Weg gab als den nach vorn. »Ich soll mich also zerfleischen lassen, damit ein paar Idioten Spaß haben? Das ist es doch, was ihr hier aufgezogen habt, nicht wahr? Was denkt ihr euch eigentlich dabei? Wir sind nicht mehr im Mittelalter!«
   »Falsche Grundannahme. Du sollst den anderen zerfleischen. Ich hab auf dich gesetzt. Und jetzt los.«
   Jemand rief etwas. Die Stimme übertönte die anderen mühelos, klang nach Herrschaft und verlangte Gehorsam.
   Der Wärter reagierte augenblicklich. Eine rasche Bewegung, und die elektrische Ladung donnerte durch Helens Körper. Sie schrie auf und stolperte vorwärts, der Helligkeit und dem Gebrüll entgegen.
   Und womöglich ihrem Tod.
   Zweimal versuchte sie, es hinauszuzögern, und zweimal half der Wärter mit dem Stock nach. Bei der letzten Ladung ging sie in die Knie, und als sie sich wieder aufrappelte, spürte sie den Schmerz in ihren Knochen. Aber sie hatte begriffen – vor allem, dass sie sich soeben einen Nachteil eingefangen hatte. Je mehr ihr Körper schmerzte, desto weiter sanken ihre Chancen. Vor dem Kampf würde sie sich nicht drücken können, das stand fest. Sie konnte es noch immer nicht glauben. Wie war sie hier nur hineingeraten? Eine primitive Kampfarena, in der es um was ging? Kämpften sie um Geld? Zeit? Bis zum Tod?
   Helen drehte sich um, doch der Wärter war verschwunden. Dafür stand in der Nähe ein junger, grobschlächtig wirkender Kerl. Er hielt eine Waffe und zielte auf Helens Stirn. Mit der freien Hand betätigte er einen Mechanismus, und die Tür vor ihr schwang auf.
   Die Zeit für Gespräche war vorbei.
   Helen trat aus den Halbschatten in die Arena, und der Lärm um sie herum schwoll an. Männer brüllten, Frauen kreischten. Kosenamen sowie Beschimpfungen prasselten auf sie ein. Helen versuchte, nicht darauf zu hören und schob die Geräusche in den Hintergrund ihrer Wahrnehmung, bis sie nur noch ein Grundrauschen waren.
   Die Abgrenzung der Arena bestand aus armdicken Gitterstäben. Helen zuckte zusammen, als ein Summen einsetzte, das seinen Ursprung unter ihren Füßen zu haben schien. Etwas bewegte sich rund um sie herum. Durchsichtige Scheiben fuhren aus dem Boden hoch, höchstwahrscheinlich PVB-Panzerglas, und bildeten eine zweite Abgrenzung des Kampfplatzes. Lediglich die Zugänge blieben frei.
   Helen keuchte. Vielleicht war das PVB auch ein Schutz für die Geifernden weit über ihr. Sie würde es nicht zerstören können, selbst wenn sie eine Waffe bei sich hätte oder einen Sprengsatz. Diese Arena war bis ins Detail geplant, und Helen glaubte nicht, dass die Erschaffer ihre eigene Sicherheit vernachlässigt hatten. Ein Ausbruch war definitiv keine Option.
   Helen drehte sich um und starrte zu der Tür am Ende des zweiten Gitterganges, die sich soeben öffnete.
   Ein Mann trat heraus. Er war weder besonders kräftig noch ein Schwächling. Helen ballte ihre Hände zu Fäusten, sodass sich die Nägel in ihre Handflächen gruben. Zwar war es auf die Entfernung schwer zu schätzen, aber sie glaubte, dass er mindestens einen Kopf größer war als sie. Er bewegte sich langsam, schwerfällig, doch das schien überwiegend daran zu liegen, dass er die Zuschauer musterte. Hinter ihm, auf der anderen Seite des Panzerglases, stand ein weiterer Bewaffneter. Durch die Türen der Käfigtunnel hatte er freies Schussfeld, sollte seine Kugel nicht von den Metallstangen abprallen. Damit bewachten zwei Männer die Ausgänge der Arena, und Helen zweifelte nicht daran, dass die anderen Helfershelfer ihren Platz weiter oben bezogen hatten, von wo aus sich ihnen freies Schussfeld bot.
   Die Menge jubelte lauter, als sich der Kerl in Bewegung setzte und auf Helen zuhielt. Sie sah sich um, versuchte, sich die Entfernung zur Begrenzung einzuprägen und wich zur Seite weg. Sie erkannte die Anspannung des Mannes, die gestreckten Arme sowie die Sehnen, die an seinem Hals hervortraten. Zudem roch sie … Helen stutzte. Sie roch Schweiß. Ungläubig nahm sie ihren Gegner genauer ins Visier. Der Geruch konnte von den Klamotten stammen, eine alte Stoffhose, ein Hemd, das schon einmal bessere Tage gesehen hatte, zudem ein Paar Turnschuhe. Der Mann hatte schütteres Haar, wirkte jedoch zu jung dafür. Als er den Kopf hob und sie abschätzend betrachtete, begriff Helen, dass sie sich nicht getäuscht hatte.
   Ihr Gegner war ein Mensch.
   Die Erkenntnis versetzte sie in Erstaunen. Zunächst war sie erleichtert. Nun musste sie sich keine Sorgen um ihr Leben machen. Ein Mensch hatte keine Chance, wenn sie es wirklich darauf anlegte, zu gewinnen.
   Aber das machte alles keinen Sinn! Warum steckte man einen Gewandelten und einen Menschen in eine Arena, um gegeneinander anzutreten? Die Antwort traf Helen wie ein Keulenschlag, und ihr wurde eiskalt.
   Die grölende Masse wollte keinen Kampf. Sie wollte ein Gemetzel. Helen war der Henker. Das Raubtier. Sie sollte diesen Mann zerfleischen, und die anderen würden zusehen und sich amüsieren. War das der Grund dieser unterirdischen Anlage? Eine Art Miniaturrache an den Menschen, die sich zur obersten Rasse aufgeschwungen hatten und sich weigerten, diesen Platz zu teilen? Es würde Sinn ergeben, schließlich befanden sich auf den Rängen ausschließlich Gewandelte, soweit Helen hatte ausmachen können.
   Aber die eigentliche und viel schwerer wiegende Frage war: Würde sie es tun können? Einen Menschen töten, nur um …? Sie wusste nicht einmal, ob man sie am Leben lassen würde, nachdem sie den Kampf gewonnen hatte. Sie wusste überhaupt nichts.
   Der Mann lief schneller und schien nicht mehr länger warten zu wollen. Helen hob die Hände und gab sich alle Mühe, ihn erkennen zu lassen, dass sie eine Gewandelte war. Begriff er denn nicht? »Hey! Du solltest besser stehen bleiben.«
   Der Wahnsinnige hörte nicht auf sie, sondern sprang mit ausgestreckten Armen auf sie zu.
   Helen schrie auf und wich zur Seite weg. Der Kerl griff ins Leere, wurde von seinem Schwung getragen und prallte gegen die Scheibe.
   »Junge, lass es«, zischte Helen. »Ich bin kein Mensch, du verdammter Idiot.«
   Er schüttelte den Kopf und sah sie an. Seine Wangen waren eingefallen, seine Augen blutunterlaufen. Ein Fieber flackerte darin, das ihr nicht gefiel und ihm den nötigen Treibstoff für einen weiteren Angriff lieferte.
   Dieses Mal drehte sich Helen mit ihm, packte ihn am Kragen und riss ihn herum.
   Er prallte so hart auf den Rücken, dass die Luft pfeifend aus seinen Lungen wich.
   Die Menge schrie und tobte, irgendwo sang eine Frau von Blumenregen und Tod.
   Helen packte den Kerl am Kragen, zog ihn hoch und zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen. Eine Sekunde, zwei. Drei. Er erwiderte ihren Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Das konnte nicht sein! Sie runzelte die Stirn. Sollte sie sich geirrt haben? Das war nicht möglich, der Kerl war auf jeden Fall ein Mensch. Sie suchte in seinen Augen. Wie erwartet blieb das charakteristische Leuchten aus. Natürlich. Dennoch schien der Vampirblick bei ihm nicht zu wirken.
   Helen schüttelte den Kopf. »Was bist du?«
   Er starrte sie so hasserfüllt an, dass sie zusammenzuckte, dann holte er aus und schlug ihr mit voller Kraft gegen die Schläfe. Helen schrie auf und ließ ihn los. Er war vor ihr auf den Beinen, holte aus und trat ihr in den Magen. Und sofort noch einmal. Lang vergessene Gefühle kehrten zurück, Schmerzen, die seit Jahren nicht mehr Teil ihres Lebens gewesen waren. Helen glaubte, sich übergeben zu müssen, dann, dass sie ersticken würde. So ein kompletter Unsinn. Sie atmete nicht einmal!
   Wütend über die Panikreaktion ihres Körpers packte sie seinen Fuß, verdrehte ihn und riss den Kerl zu Boden. Der brüllte auf, robbte von ihr weg und war im nächsten Moment schon wieder auf den Beinen. Er hinkte, griff aber dennoch an. Helen war keine Kämpferin, hatte es nie gelernt, doch sie war ihm körperlich überlegen. Also schlug sie einfach nur zu, so oft und lange, bis er ihr auswich. Seine Augenbraue platzte auf, und sie konnte das Blut riechen.
   Irgendwo rief jemand, dass sie dem Menschen die Kehle herausreißen sollte. Auf Anhieb fielen ihr mehrere Personen ein, bei denen sie das lieber tun würde.
   Ihr Gegner griff erneut an. Für einen Menschen besaß er erstaunliche Ausdauer und konnte eine Menge einstecken. Vielleicht lag es an dem Hass, den sie auf seinem Gesicht gesehen hatte. Noch immer begriff sie nicht, warum er keine Symptome zeigte, wenn sie ihm in die Augen blickte, doch gerade deshalb musste sie den Kampf so schnell es ging beenden. Womöglich genügte es den geifernden Zuschauern, wenn sie ihren Kontrahenten bewusstlos schlug? Helen bezweifelte es.
   Sie nahm ihre gesamte Kraft zusammen, konzentrierte sich und ließ ihn angreifen. Er war schneller als erwartet und rammte eine Faust in ihre Magengrube. Überraschung und Angst fluteten durch Helens Körper, und sie ging zu Boden. Die Welt drehte sich. Der Mensch packte ihre Schultern, riss sie zurück auf die Beine und schlug ihr dreimal ins Gesicht, ehe sie es auch nur ansatzweise schaffte, seine Hiebe zu blocken. Himmel, der Kerl war außergewöhnlich schnell. Sie holte aus, aber er tauchte ab. Er war eindeutig gewohnt, zu kämpfen, und ihr in diesem Punkt weit überlegen. Ihre Waffen waren seit Jahrzehnten Worte gewesen. Es sah ganz danach aus, als wären diese nichts mehr wert.
   Der nächste Schlag kam von rechts. Helen schrie. Sie musste mit diesen Grübeleien aufhören!
   Umdenken. Jetzt.
   Sie fauchte, zog die Lippen zurück und rannte auf den Mann zu, den Kopf vorgestreckt. Dabei zielte sie auf seinen Hals. Er wich im letzten Moment aus, also verbiss sie sich in seiner Wange.
   Das Geräusch der Menge änderte sich, die Schreie eskalierten. Jetzt, wo sie Blut sahen, fiel es den Zuschauern schwer, sich zurückzuhalten.
   Ein Stoß vor ihre Brust schleuderte Helen zu Boden. Sie spürte warme Flüssigkeit an ihrem Kinn hinablaufen und den Geschmack nach Metall und Leben auf der Zunge. Paradox. Wie lange hatte sie kein echtes, pulsierendes Leben mehr geschmeckt? Da musste sie erst in einer Todesarena landen, um sich daran zu erinnern, wie es war. Was es war.
   Trotzdem würde sie nicht dafür töten.
   Sie sprang auf und betrachtete ihren Gegner. Er hielt eine Hand auf die Wunde gepresst und funkelte sie hasserfüllt an. Noch immer war er ihr ein Rätsel. Nicht nur seine Immunität, sondern auch seine Kondition war außergewöhnlich für einen Menschen.
   »Lass uns den Kampf beenden«, zischte sie ihm zu. »Wir müssen nicht versuchen, einander zu töten.«
   Sein Blick flackerte von der Menge zu ihr. »Ach nein?« Er spuckte auf den Boden, Speichel und Blut. »Da sind ziemlich viele von deinen Leuten anderer Meinung.« Er klang rau, gehetzt und außer Atem.
   Helen schüttelte kaum merklich den Kopf. »Du sagst es. Meine Leute. Glaubst du wirklich, eine Chance zu haben?«
   Jemand brüllte, dass sie weiterkämpfen sollten. Einer der Wärter schlug gegen die Panzerglaswand, ein anderer ließ seine Waffe am Gitter des Ganges hinter ihnen entlangrattern.
   Der Kerl trat auf Helen zu, und sie musste sich zusammenreißen, um nicht zurückzuweichen. Stattdessen spannte sie sich an, bereit, einen Angriff abzufangen.
   Graue Augen funkelten voller Verachtung, während ihm das Blut über Wange und Kinn strömte. »Ich habe jede Chance der Welt. Schließlich trage ich eine Leber von einem dreckigen Untoten in mir. Von einem Scheißvampir, wie du einer bist. Allein der Gedanke kotzt mich an, aber immerhin macht das Ding mich stark. Schnell. Ich wette, das ist der Grund, warum ich hier stehe. Und deshalb werde ich dich töten, und wenn es das Letzte ist, was ich auf dieser Welt tue.«
   Die Worte waren kaum verklungen, da griff er an. Dieses Mal war Helen zu langsam. Sie kämpfte noch mit der Bedeutung seiner Worte, war damit beschäftigt, zu verstehen. Jemand hatte ihm die Leber eines Gewandelten eingepflanzt. War das der Grund für seine Ausdauer? Seine Kraft, mit der er Schmerzen besser wegsteckte als jeder andere Mensch, den sie bisher kennengelernt hatte? Davon abgesehen: Wie kam er an ein solches Organ?
   Zu viele Fragen zum falschen Moment. Helen bemerkte zu spät, dass er sie gepackt hatte. Ehe sie sich losreißen konnte, spürte sie einen Druck auf den Augen. Es brannte, dann schmerzte es, und als sie schrie, fraß sich dieser Schmerz wie eine Schlange aus Feuer in ihr Hirn. Die Welt verschwand hinter Schwärze und Taubheit. Helen spürte nichts mehr außer dieser Explosion, die sich zunächst in ihrem Kopf ausbreitete und nach und nach ihren gesamten Körper lahmlegte. Sie griff und schlug um sich, bekam jedoch nichts zu fassen außer Härte unter sich. Lag sie auf dem Boden? Noch einmal holte sie aus, traf vielleicht, aber das spürte sie bereits nicht mehr.
   Etwas rauschte, es musste die Menge sein. Sie klang nun anders, dumpf. Sie schrie. Vielleicht schrie Helen auch selbst.
   Endlich, endlich ließ das Feuer in ihrem Kopf nach und brannte hinter der zunehmenden Schwärze nieder. Sie brachte Linderung mit sich, und Helen ließ sich mit einem Seufzer hineinfallen.

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