Katleen und Luron wünschen sich nichts sehnlicher, als ein normales Leben. Ihr Umzug nach Colmar soll ein Neustart werden. Doch ausgerechnet die rätselhaften Morde an Himmelskriegern sorgen dafür, dass die Engel sie als Feinde jagen. Fortan wird Katleen von schrecklichen Visionen geplagt. Ihr Herz ist unfähig, eine Entscheidung zu treffen, dabei scheint das Schicksal bereits für sie gewählt zu haben. Zu viele Fragen bleiben ungeklärt. Was verbirgt sich hinter ihrer Vergangenheit? Wird sie Luron retten können? Während sich Katleen fürchtet, ihre neuen Gaben zu entdecken, schickt der Erzengel Michael seine Krieger in die Welt hinaus. Der Versuchung erlegen, tappt Katleen in Michaels Falle, denn der Erzengel hat einen Nephilim in ihr Leben geschleust, dem sie blind ihr Vertrauen schenkt.

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ISBN: 978-9963-53-519-4

Seiten: 507

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Marie-Luis Rönisch

Marie-Luis Rönisch
Marie-Luis Rönisch wurde am 26. Februar 1993 in Großröhrsdorf geboren. Schon von klein auf begeisterten sie Märchen, Legenden und Geschichten. Fasziniert von Mystery und Fantasy träumt sie sich in fremde Welten und hält diese Erlebnisse auf dem Papier fest. Inspiration findet sie in TV-Serien, die sie vorzugsweise in Englisch anschaut. Marie-Luis schreibt in den Genres Dystopie, Horror, Romantic Thrill, ParaRomance, Urban & High Fantasy. Neben ihrem Geburtsort im verwunschenen Sachsen liebt sie Kroatien und Teneriffa und sieht diese beiden Urlaubsziele insgeheim als eine zweite Heimat. Wenn sie nicht gerade mit ihrem Zwergkaninchen schmust, gibt sie sich ihrer größten Leidenschaft hin: dem Schreiben. Für 2016/2017 sind mehrere Romanprojekte geplant. Außerdem schreibt sie an den Fortsetzungen der Mondkuss-Reihe und der Feuerrosen-Trilogie. Veröffentlichungen: [2015] „Mondkuss – Bise de la Lune“ im bookshouse-Verlag [2016], „Blütenkuss – Bise de la Fleur“ im bookshouse-Verlag [2016], „Diamantdrache“ im Eisermann Verlag.

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Prolog

Die Flammen der Kerzen warfen seltsame Schatten an die Wände und ließen diesen Ort wie einen Teil der Hölle erscheinen. Das trügerische Weiß, wie er es von den Wolken kannte, war einem matten Grau gewichen und bekundete ihre derzeitige Situation. Die Engel wappneten sich für einen Krieg, bildeten ihre Jüngsten aus und erhofften sich Beistand hinter jeder unbestimmten Seele, die Luzifer noch nicht zur Sklaverei gezwungen hatte.
   Ausgerechnet ihn hatten sie erwählt, um den wohl schwersten Schritt zu wagen, dabei hatte er all die Jahre als Nephilim unter den Menschen gelebt und nie etwas mit ihrer Art zu tun haben wollen. Allerdings stellten sie ihn keinesfalls vor die Wahl. Er musste sich seinem Schicksal fügen, andernfalls würde er im Gefängnis des Himmels landen, was weiß Gott schlimmer war als die Hölle selbst.
   Der Älteste schritt auf ihn zu. Hinter dem von Falten gezierten Mann tauchte Michael auf. Der Erzengel war deutlich an seinen himmlischen Runen zu erkennen, die auf seiner Haut wie eine Karte schimmerten. Das Erscheinen von Michael verunsicherte ihn und er versuchte, sich zu fangen. Gleich würden sie ihm seine Aufgabe verkünden und ihn zu einem der ihresgleichen machen – gegen seinen Willen. Er bereute seine Zeugung, fragte sich immer wieder, wieso er nicht als Mensch das Licht der Welt hatte erblicken können. Es war zum Verrücktwerden.
   »Gadreel, dein Schicksal liegt nun allein in deinen Händen. Wir haben dich herbeordert, um dich um Hilfe zu bitten«, sprach Michael.
   »Gadreel? Ist dies mein himmlischer Name?«
   »Ja, mein Sohn. Diesen wirst du tragen, wenn du uns bei unserem Vorhaben unterstützen kannst.«
   Gadreel verkniff sich einen unangebrachten Kommentar. »Was verlangt Ihr von mir?«
   »Du bist unerfahren, nutzt deine Gaben lediglich zum Selbstschutz und hast die perfekte Tarnung in der Menschenwelt.« Michael fuhr an seinem spitzen Kinn entlang. Ein Dreitagebart ließ sein Gesicht markanter erscheinen und brachte seine hohen Wangenknochen besser zur Geltung. Wahrlich, er schien der perfekte Engel zu sein, unwiderstehlich, grazil und mysteriös.
   »Ich leiste meinen Beitrag in unserer Gesellschaft«, meinte Gadreel unsicher und wartete auf Michaels Reaktion.
   »Aus diesem Grund haben wir dich erwählt. Du wirst etwas von uns erhalten. Jeder Nephilim sehnt sich insgeheim, sein Leben lang, nach dem Band der Flügel.«
   Die Anwesenden erschauderten. Ein Raunen ging durch die Halle, die mit jeder erloschenen Kerze düsterer erschien. Nicht ein Lüftchen war zu spüren, dennoch schwand die Kraft des Lichtes, als wäre sie ein Teil des Ganzen, ein Abbild der abnehmenden Stärke der Engel.
   »Verzeiht meine Frage, aber was ist das Band der Flügel?«
   Michael lächelte und klopfte Gadreel auf die Schulter. Der Erzengel führte ihn zum Eingang zurück, der sich auf einem der höchsten Berge der Welt befand. Gähnende Leere ragte Gadreel entgegen, und er fragte sich, wie lange er wohl hinabstürzen würde, bevor er auf der Erde aufschlug und starb.
   »Das Band der Flügel ist der Segen der Engel, durch welchen du weiterhin als Halbblut leben wirst, allerdings mit den Gaben eines vollwertigen Kriegers unserer Art«, erklärte Michael und deutete auf die Finsternis, die sie umgab.
   »Was muss ich als Ausgleich für Euch tun?« Seine Neugierde hatte ihn bereits gepackt.
   »Finde die Tochter der Schatten und bringe sie uns – lebendig«, forderte Michael laut. Er umklammerte Gadreels rechten Unterarm und ein seltsames Zeichen erschien auf dessen Haut. Es war das Mal der Himmelskrieger, wohlgeformt durch einen runden Bogen, ausgestattet mit einem Kreuz an der Spitze und mit einer Feder im inneren Bereich. Gadreel betrachtete es ausgiebig und wollte sich bedanken.
   Ohne Vorwarnung verpasste Michael Gadreel einen Seitenhieb, und er verlor das Gleichgewicht. Gadreel versuchte vergeblich, sich zu fangen, doch schließlich rutschten seine Füße über die Kante und er stürzte hinab. Er war viel zu entsetzt, als dass er schreien konnte. Seine Angst wich einem seltsamen Gefühl und plötzlich breitete sich ein grausamer Schmerz in seinem Rücken aus. Binnen von Sekunden durchschnitten schwarze Schwingen seine Haut. Er verharrte in der Luft, als hätte er nie etwas anderes getan. Ein zufriedenes Grinsen tauchte auf seinen Lippen auf. Er warf einen abschätzigen Blick auf seinen Herren – Michael. Dieser nickte ihm zu und machte kehrt. Als er in der Höhle des Berges verschwand, verschloss sich automatisch der Eingang und somit das Reich der Engel. Gadreel streckte seine Flügel aus, spreizte jede Feder von sich und flog dem Mond entgegen. Als hätte dieser das Gespräch belauscht, erstrahlte er, zum ersten Mal seit vielen Jahren, in einem blutigen Rotton. Gadreel wusste, was dies zu bedeuten hatte und sah seine neuen Gaben als ein Zeichen Gottes. Er war bereit, jemanden, den er nicht kannte, zu verraten, damit er im Angesicht des bevorstehenden Krieges nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte.
   Gewitterwolken schoben sich vor den Mond und die ersten Regentropfen glitten auf Gadreel hinab. Er begrüßte sie mit einem Jauchzen und steuerte geradewegs auf die Wolken zu. Seine Gestalt passte nun zu der Umgebung, zu der unendlichen Dunkelheit und Stille, die ihn umgab. Lediglich die Blitze und der Donner vermochten ihn bei seiner Freude zu stören, doch dieses Naturschauspiel war nicht das Einzige, was einen ernüchternden Blick auf ihn geworfen hatte.
   Aus einem Dickicht leuchteten ihm vier sonderbare Augen entgegen und ein Jaulen zerriss seine Gedanken. »Elende Gefallene, ihr werdet in diesem Krieg sterben«, flüsterte er von Hass erfüllt und stürzte im Sinkflug hinab. Er fasste Mut, formte seine Hand zur Faust und begab sich auf die Suche nach einer Frau – der Tochter der Schatten.

Kapitel 1
Ein neues Leben

Stille.
   Ein verräterisches Knistern war zu vernehmen. Katleen wirbelte herum und starrte den Flammen entgegen, die sie gefangen hielten. Sie wollte schreien, doch ihre Lippen formten lediglich stumme Worte, die im Getöse untergingen. Vor ihr befanden sich die Ruinen ihrer Geburtsstadt, in der sie beinah alles verloren hatte. Sie konnte die verzweifelten Rufe der Seelen vernehmen. Sie wisperten ihr unheilvolle Dinge zu, klärten sie über den Mörder und Dämon auf, der sie verschleppt hatte. Dieser Mann war ihr längst vertraut und sein Geheimnis hatte ihr viele Nächte den Schlaf geraubt. Devin war ihr Bruder, was sie zu einem Halbblut machte. Sie konnte nicht leugnen, dass sie eine gewisse Verbundenheit spürte. Nachdem er sie jedoch in Gousainville den Flammen überlassen und fast getötet hatte, blieb ihr Herz erfüllt von Trauer. Für einen Moment fragte sich Katleen, wieso sie wieder, umgeben von Feuer, zwischen den Ruinen auf einem Fleck blutgetränkter Erde verharrte. Sie blickte sich um, rief sich in den Verstand, dass dies lediglich ein Traum sein konnte. Die verdrängten Erinnerungen dieser Zeit gruben sich schmerzhaft in ihren Verstand. Katleen keuchte, verbiss sich einen Fluch, taumelte zurück. Das Feuer verwandelte die Ruinen langsam in Asche und eine Seele nach der anderen verstummte. Wie lange würde sie noch wiederstehen können? Wo war ihr Retter? Wer hatte sie damals vor einem viel zu frühem Ende bewahrt?
   Katleen brach zusammen. Sie hustete, bekam kaum Luft. Tränen benetzten ihre Wangen. Ascheflocken klebten auf ihrer Haut. Katleen blinzelte gegen die unerträgliche Hitze. Sie rollte sich wie eine Katze zusammen und betete.
   Dann trat ein Schatten zwischen den Flammen hervor. Für einen Augenblick vermochte sie seine Aura zu erkennen. Stark und hell wie ein Engel. Sah sie einen Geist vor sich? Oder einen Krieger Gottes, der sie aus dieser Hölle zog, in seine Arme hob und an sich presste? Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen. Wie jedes Mal war es eine verschwommene Fratze mit dunklem Haar. Die Stimme des Mannes ging in ein Raunen über und obwohl sie verzweifelt gegen ihre Schwäche ankämpfte, war sie auch in dieser Nacht nicht dazu in der Lage, herauszufinden, wer dieser Fremde war. Sie wand sich in seinen Armen, grub ihre Nägel in sein Fleisch.
   »Nenn mir deinen Namen! Ich muss es wissen«, flehte sie. Der Mann starrte auf sie hinab und sie erblickte tote Augen voller Reue und Sehnsucht. »Bitte.«
   Er schüttelte den Kopf, drückte sie fester an sich. Die Flammen wurden dichter, schon bald würden sie Gousainville nicht mehr entkommen können. Zwei Seelen gefangen unter Asche und Staub. So wie es sich ihr Bruder Devin gewünscht hätte. Das Feuer brannte sich in Katleens Fleisch. Ihre Lunge versagte ihr den Dienst. Sie keuchte, schrie. Zu gern hätte sie sich in diesem Albtraum festgekrallt, aber sie war kein Incubus und konnte demnach ihre Erinnerungen nicht steuern. Finsternis verschlang die Flammen. Stille machte sich in Gousainville breit. Die Schatten verblassten, die Seelen verschwanden, die Silhouletten der Ruinen lösten sich auf. Ihr Retter verpuffte, als hätte man aus einem Ballon die Luft entlassen. Zurück blieb Katleen. Einsam und gefangen in der Dunkelheit. Sie sank zu Boden, schlug mit dem Kopf auf und rief unentwegt Lurons Namen. Doch keiner vermochte sie zu befreien, ihr das zu schenken, wonach sie sich sehnte. Sie war verloren.

Drei Monate waren vergangen, bis Cedric wieder zu sich gefunden hatte und aus dem Koma erwacht war. Wochen voller Therapiestunden hatten Katleen beinah den letzten Nerv geraubt, denn obgleich ihr Bruder körperliche Fortschritte machte, blieb sein Geist verklärt. Sie verbrachte jede freie Minute an seiner Seite. Während sich Cedrics Muskeln erholten, sein Magen nicht länger gegen feste Nahrung rebellierte, machten seine Wesenszüge kaum Fortschritte. Wann immer er Katleen ansah, wurde er von Angstanfällen geschüttelt. Zumeist verkrampfte er sich und weinte. Bei Nacht durften die Lampen gedimmt, aber niemals ausgeschaltet werden. Die Finsternis weckte seine Albträume, wie ihr mehrere Ärzte versichert hatten.
   Im März entschloss sich Katleen, dass sie nicht länger in der Nähe von Gousainville und erst recht nicht in Paris verweilen konnte. Zu viele schmerzliche Erinnerungen hafteten an diesen Orten. So sehr sie sich auch bemühte, sie glaubte fest daran, dass es für Cedric das Beste wäre, diese Umgebung zu verlassen und zusammen mit ihr neu zu beginnen. Katleen hatte darauf bestanden, ihn in ein anderes Krankenhaus verlegen zu lassen. Sie floh, auch wenn sie nicht wusste, wovor.
   Ihr Verlangen nach Sicherheit führte sie nach Colmar, an die Grenze zu Deutschland, wohin sie ihren geliebten Bruder mitnahm, um sich in dieser schweren Zeit um ihn zu kümmern. Ihre Tante Eloise hatte keine Einwände gegen diesen Ortswechsel, was Katleen zwar verunsicherte, aber gleichzeitig auch zufriedenstellte. Ihr war ihre Tante ohnehin ein Dorn im Auge, und Katleen genoss ihre Abwesenheit, wann immer sie konnte. Sie würde für ihren Bruder kämpfen, sollte Eloise das einfordern, was sie im Moment Katleen schenkte. Zeit. Zeit, die vergänglich war, aber nichts zum Besseren veränderte.

Ein Krankenhaus war schnell gefunden, und obgleich sie Luron bei der Wohnungseinrichtung hätte unterstützen sollen, zog sie es dennoch vor, bei Cedric zu verweilen. Heute war ein wichtiger Tag für sie und Katleen würde seinen neuen behandelnden Arzt kennenlernen. Mürrisch schob sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und streichelte die Wange ihres Bruders. Cedric schlief, verdrängte die grausamen Erinnerungen an eine Welt, die ihm eigentlich fremd war. Wenn er wach war, sprach seine Miene Bände. Die traurigen grünen Augen hatten ihre Tiefe verloren und waren unterlegt von dunklen Ringen. Die trockenen Lippen formten lautlose Worte, die für Katleen nie einen Sinn ergaben. Oft starrte ihr Bruder ins Leere, war selten ansprechbar. Es schien, als wäre er nicht mehr in der Lage, seine Gedanken zu ordnen. Cedric hatte sein Gedächtnis verloren, hatte alles vergessen oder einfach nur gelernt, es zu verdrängen. Die Ärzte meinten, er könnte keinen Bezug zwischen seinen Träumen und der Realität erschaffen, weshalb er den Eindruck machte, verwirrt zu sein. Katleen war ihm eine Fremde und wäre ihre Tante nicht so gnädig gewesen, Cedric ihr zu überlassen, hätte sie der Vorfall sicher entzweit. Sie wusste nicht, ob es Nächstenliebe war, oder ob ihre Tante einen Plan verfolgte. Seit Katleen es sich in den Kopf gesetzt hatte, Paris zu verlassen, kam ihr Eloise mehr und mehr entgegen. Sie stellte seltsame Fragen zu ihrer mysteriösen Rettung aus den Flammen und wollte in die gesamte Geschichte rund um Devin eingeweiht werden. Katleen verschwieg ihr den wohl wichtigsten Grund für ihr Verhalten, aber sie war sich sicher, dass ihre Tante Bescheid wusste.
   Cedric gähnte ausgelassen und schlug die Augen auf. Das milde Grün seiner Iriden funkelte Katleen freundlich entgegen und sie schenkte ihrem Bruder ein Lächeln. Er erwiderte es, wandte sich allerdings sofort ab und zog sich die Bettdecke teilweise über den Kopf.
   Neben der Vase mit den orangefarbenen Rosen lagen Comichefte und eine Green Arrow-Actionfigur, die sie ihm zu seinem fünfzehnten Geburtstag gekauft hatte. Zugegeben, keine guten Geschenke für einen Jugendlichen, der eigentlich seine ersten Erfahrungen mit Mädchen machen sollte, anstatt im Krankenhaus seine Jugend zu verschlafen. Trotzdem schien ihr Geschenk gut anzukommen. Die Schutzhülle der Comics fehlte, und eine Ecke an einer der Seiten war umgeknickt. Er hatte es sich also zumindest angesehen, vielleicht sogar gelesen.
   Katleen schaute auf ihre Uhr. Von dem Arzt fehlte jede Spur und ihr Magen knurrte unaufhörlich. Sie bekam Hunger, doch sie versuchte stets, dieses Gefühl zu ignorieren. Meistens blieb wenig Zeit, wenn sie zwischen der Realität und der Welt des Übernatürlichen umherwanderte.
   Zielstrebig verließ sie das Zimmer ihres Bruders und eilte auf einen Automaten im Flur zu. Sie musterte das überschaubare Angebot an Schokoriegeln und fertigen Sandwiches und entschied sich für eine Nugatverführung in schwarzer Verpackung. Sie schob das Geld in den Schlitz, drückte eine dreistellige Nummer, aber der Riegel bewegte sich keinen Zentimeter. Erbost hob sie den Automaten an den Seiten an, schlug auf ihn ein. Einige Angestellte schüttelten verwundert den Kopf. Sie ignorierte die Krankenschwestern. Irgendwann rutschte der Riegel tatsächlich hinab, gefolgt von einem Sandwich und einer Kaugummipackung. Zufrieden strecke sie ihre Hand hinein und holte ihren Gewinn heraus. Sie entfernte die Verpackung, nahm einen großen Bissen. Als sie kehrtmachte, stockte ihr der Atem. Ein Arzt stand vor ihr und schien diese Szene amüsiert verfolgt zu haben.
   Es handelte sich um einen groß gewachsenen Mann mit blondem, kurzem Haar und einer stattlichen Erscheinung. Er hatte die Strähnen locker nach hinten gekämmt und brachte somit das Leuchten seiner bernsteinfarbenen Iriden besser zur Geltung. Seine Haut war dunkler, als Katleen es bei blonden Menschen gewohnt war. Ein südländischer Teint, als würde er gern viel Zeit in der Sonne verbringen. Der weiße Kittel schmiegte sich an seinen Körper und gab trotzdem seine kleineren Makel frei. Statt teurer Schuhe, passend zu seinem Auftreten, bemerkte sie schwarze Turnschuhe, die sich ihrer Meinung nach perfekt zum Joggen eigneten. Während seine Hände makellos waren – wie es sich für einen Arzt beziehungsweise Chirurgen gehörte –, erkannte sie eine Narbe, die seine rechte Augenbraue regelrecht durchschnitt. Das verpasste seiner Miene etwas Feuriges und die dennoch enthaltene Sanftheit wurde dezent unterstrichen.
   »Was?«, stieß sie hervor.
   Die Augenbrauen des Mannes zuckten nach oben. »Nichts, ich fand Ihre Strategie nur interessant.«
   Katleen wischte sich über ihre Lippen und ließ den Riegel in ihrer Jackentasche verschwinden. »Ich habe dafür bezahlt«, rechtfertigte sie sich und schaute ihm dabei in die Augen.
   Der Mann nickte. »Sicher.« Er kehrte ihr unbeteiligt den Rücken zu. Ehe sie sich versah, steuerte der Arzt geradewegs auf das Zimmer ihres Bruders zu.
   Katleen griff sich an die Stirn. »Das ist jetzt nicht wahr, oder?«, sagte sie zu sich selbst und folgte ihm.
   Der Fremde wartete bereits auf Katleen, als sie die Tür öffnete und verschüchtert eintrat.
   Der Arzt wirkte belustigt über ihr seltsames Kennenlernen. »Guten Tag, Frau Rousseau. Schön, dass Sie die Zeit gefunden haben, bei diesem ersten Aufeinandertreffen dabei zu sein. Gestatten, mein Name ist Cloude Vanhaine.« Er streckte ihr die Hand entgegen und sie ging darauf ein.
   Bei einer solch markanten Stimme wurde Katleen unweigerlich an Mel Gibson erinnert. »Aber natürlich, es geht immerhin um meinen Bruder.« Sie schmunzelte.
   Der Arzt musterte sie kurz, bevor er sich ein Grinsen scheinbar verkniff und ernst wurde. Er schien ihre Aufmerksamkeit zu genießen und stellte sich direkt vor sie. Nur kurz las er im Krankenblatt von Cedric, danach verschränkte er die Arme vor der Brust und suchte mit Katleen das Gespräch. »Ihr Bruder ist ein wirklich spezieller Fall. Ich kann den Unterlagen leider nicht entnehmen, wie es zu diesem Unfall gekommen ist.«
   Katleen holte tief Luft, denn sie hatte diese Erklärungen satt, zumal sie Cedric nicht halfen. »Wir wissen es nicht, wir haben ihn bewusstlos gefunden und später sofort ins Krankenhaus gebracht.« Sie fühlte sich schuldig, da sie die Beziehung zu dem neuen Arzt auf einem Berg aus Lügen aufbauen würde, aber es ging nicht anders, zumindest nicht in ihrer Welt. Denn da existierten Vampire, Dämonen und jedes mystische Wesen, das man lediglich aus den alten Legenden kannte.
   »Und dass soll ich Ihnen glauben? Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, die Krankengeschichte Ihres Bruders liest sich wie ein Krimi, nur dass die Aufklärung ein Rätsel bleibt.«
   Katleen zuckte mit den Achseln. »Ich habe Sie ausgewählt, damit Sie seinen Erinnerungen auf die Sprünge helfen und nicht in seiner Vergangenheit nach etwas suchen, was nicht gefunden werden kann.«
   Sie beugte sich über ihren Bruder und hauchte Cedric einen Kuss auf die Wange. Danach trennten sie sich voneinander und sie gab dem Arzt ein Zeichen, ihr nach draußen zu folgen. Cedric hatte eindeutig genug gelitten.
   Leise schloss sie die Tür und ein Seufzer entkam ihrer Kehle. Sie nahm sich vor, sich zu zügeln, da sie bereits von den Schwestern verwundert betrachtet wurden. »Wir bezahlen Sie dafür, dass Sie ihm helfen, also tun Sie etwas für Ihr Geld und stellen Sie keine belanglosen Fragen, auf die ich Ihnen ohnehin keine Antworten liefern kann.«
   »Ich beharre darauf, die Geschichte von meinen Patienten zu erfahren, andernfalls fühle ich mich keineswegs in der Lage, ihm bei seiner Genesung zu helfen. Ich wüsste nicht, worauf ich achten sollte und könnte eine Konfrontation auslösen, die ihn in Panik versetzt. Cedric hat etwas Schreckliches erleiden müssen, und wenn Sie damit leben können, es mir zu verschweigen, dann riskieren Sie es, seinen geistigen Zustand zu verschlechtern!« Cloude nickte ihr zu und verschwand im angrenzenden Zimmer.
   Katleen starrte ihm nach und konnte nicht fassen, dass er ihr die Stirn geboten hatte. Seit sie nicht mehr als Polizistin irgendwelchen Kriminellen in den Allerwertesten treten durfte, wurde sie weich. Sie schüttelte den Kopf. Dieser Arzt sollte sie noch kennenlernen.

*

Luron hatte an alles gedacht und schleppte zusammen mit seinem besten Freund Lestard die ersten Möbel in den zweiten Stock des alten Fachwerkhauses. Sie bezogen eine kleine Wohnung in der Bd. Saint Pierre an dem Fluss La Lauch. Luron hatte sich bei der Besichtigung in das idyllische Café im Erdgeschoss verliebt, das über eine Holzterrasse zu erreichen war. Wie in Venedig kamen Boote an dem Haus vorbei und machten die Gegend zu einem faszinierenden Ort. Obgleich kaum Platz für Natur in Form von größeren Parks gelassen wurde, hinterließ sie überall ihre Spuren. Waren es die Weinranken, die sich bis zum Balkon hinaufschlängelten, die Fliedersträucher, die zwischen den Haushälften eine Verbindung schufen, oder die zur Zierde aufgehängten Blumenkästen mit einer abwechslungsreichen Farbenpracht an Petunien. Altmodische Fensterläden und mittelalterliche Laternen rundeten die Erscheinung des Hauses ab und allein der Ausblick hinab auf die Brücken und den Fluss war so grandios, dass sich Luron seiner romantischen Seite hingab und bereits Abende im Einklang von Kerzenschein und einer guten Flasche Wein plante. Colmar hatte etwas Magisches, weshalb es zu seiner Traumstadt wurde und er sich keine einzige Minute davon zu lösen vermochte. Er hatte Katleen die Schönheit von Colmar gezeigt und sie in den Arm genommen, während die Abendsonne die Weinstraße mit ihren schmalen Gassen in orangefarbenes Licht tauchte. Katleen war ein Mensch, den man nur schwer von etwas überzeugen oder für etwas begeistern konnte, doch er hatte es geschafft.
   Lestard gab ein Stöhnen von sich und ließ den schweren Schrank auf seiner Seite sinken. Luron schaute auf und bewilligte die Verschnaufpause, die ein so alter Vampir wie er eigentlich nicht gebrauchen sollte.
   »Ist das der Letzte?«, fragte er und wischte sich über die schweißnasse Stirn.
   Luron war immer davon ausgegangen, dass Blutsauger keine menschlichen Reaktionen hatten, doch Lestard konnte man die Anstrengung dieses Umzuges deutlich ansehen. »Keine Sorge, die restlichen fünf Kisten trage ich allein hoch.« Er bedeutete ihm, den Schrank ein letztes Mal anzuheben.
   Lestard seufzte und tat wie ihm befohlen. Sie trugen den schweren Gegenstand durch eine nach oben hin abgerundete Tür, die sich wie ein Tor in der Mitte öffnen und in je eine Richtung schieben ließ. Sie war aus hellem Holz gefertigt und zeigte eine gewisse Eleganz durch die winzigen Fenster darin, die perfekt zu den geschwungenen Verzierungen am Rahmen passten. Neben dem großen Ehebett ließen sie den Schrank sinken und rückten ihn an die passende Stelle.
   Luron blickte sich um und ein Grinsen schummelte sich auf seine Lippen. Er war zufrieden mit der neuen Einrichtung und der Tatsache, dass er bald mit Katleen zusammenleben würde.
   Paris hatte Luron zu einem Gejagten gemacht. Nachdem er seine Kräfte gegen Devin eingesetzt hatte, hielt Luzifer Ausschau nach ihm. Er konnte nicht riskieren, von Luzifer gefasst zu werden, also entschloss er sich, mit Katleen zusammen zu gehen. Colmar versprühte den Charme einer alten Zeit, wie ihn die meisten übernatürlichen Wesen herbeisehnten. Hier gab es nur wenige Jäger und umso mehr Kinder der Nacht, die sich an ein Leben unter den Menschen gewöhnt hatten. Jedes dieser Geschöpfe verfügte über eine starke oder schwache Aura. Für Luzifer wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, Luron ausgerechnet hier in der Masse des Übernatürlichen aufzuspüren. Sie waren in Colmar sicher vor all dem Bösen der Welt, und er dankte seinem Instinkt dafür, dass er dieses Fleckchen Erde gefunden und für gut befunden hatte.
   »Glaubst du, sie wird sich hier wohlfühlen?«, fragte Lestard und fuhr an der Bettkante entlang. Sie war aus Buchenholz gefertigt und leuchtete in einem dunklen Farbton.
   Luron nickte und öffnete ohne Vorwarnung die alten Fensterläden. Das Getöse der Stadt drang herein und sie schauten hinab, wo sich der Fluss an ihrem Fenster vorbeischlängelte und die Farben zum Leben erweckt wurden. Das milde und kühle Blau vermischte sich mit der Pracht der unzähligen Blüten und den alten Fassaden der Fachwerkhäuser, die in einem Braun- oder Weißton erstrahlten.
   »Das wird unser neues Zuhause.« Luron atmete die frische Luft, durchzogen von Kaffee-, Gebäck- und Vanillegeruch, ein.
   »Das ist wirklich toll, und ich freue mich auch für euch, aber wann darf ich meinen Geldfluss streichen und endlich nach Paris zurückkehren?«
   Luron wandte sich von der atemberaubenden Aussicht ab. »Du hast viel für uns getan und ich verspreche dir, sobald ich einen neuen Job gefunden habe, sind wir nicht länger auf deine Almosen angewiesen.« Er klopfte Lestard auf die Schulter.
   Dieser willigte in die Idee tonlos ein und wurde sofort von Luron in die Arme geschlossen. Er konnte seinem Freund vertrauen, und als Lestard ihm angeboten hatte, die Kosten für den Umzug und die neue Einrichtung zu übernehmen, war die Freude groß. Allerdings war es an der Zeit, wieder auf eigenen Beinen zu stehen und er würde bald mit Katleen das Gespräch diesbezüglich suchen.
   »Redet sie eigentlich manchmal über die Geschehnisse in Gousainville?«
   Überrascht löste sich Luron von seinem Freund. Er fühlte sich überrumpelt, hatte er doch gelernt, dieses Thema zu meiden. »Nein.« Er verbarg die Wahrheit hinter einem aufgesetzten Lächeln. »Zwischen uns ist alles okay, sie entwickelt sich. Cedric ist wohlauf und wird bald genesen. Katleen scheint die Erlebnisse gut verarbeitet zu haben.« Er log, wenn auch nicht überzeugend.
   Lestard rümpfte die Nase. »Wenn du meinst. Ich dachte, ich wäre dein Vertrauter, aber meinetwegen behalte deine Probleme für dich.« Er machte kehrt und lief die Treppe hinab. Scheinbar wollte er den nächsten Karton hinauftragen, weil ihm bewusst war, dass er den innigen Kontakt zu Luron längst verloren hatte. Seit der Flucht aus Paris waren sie Fremde. Jeder hatte seine Geheimnisse. Sie sprachen eher selten über Devin und Katleen.
   Luron massierte seine Schläfen und suchte nach den richtigen Worten, die er jedoch niemals über seine Lippen bringen würde. Lestard durfte von all dem nichts erfahren. Erst recht nicht von Katleens Vision, falls es denn eine gewesen war. Er wollte seinen Freund keineswegs verunsichern oder in Gefahr bringen, und somit war der Wunsch nach Abstand geboren. Lestard sollte es nicht erfahren und in den nächsten Tagen nach Paris zurückkehren. Zwar schmerzte ihn der Gedanke, somit einen Gleichgesinnten zu verlieren, andererseits wusste er, dass es an der Zeit war, ihn gehen zu lassen.

*

Mehrere Stunden waren vergangen und Katleen hatte absichtlich abgewartet, bis Lestard in seinen Wagen gestiegen und verschwunden war. Sie wollte kein unnützes Gespräch beginnen. Seine Fragen würden ihre Beziehung zu Luron gefährden. Sie stieg aus ihrem Auto und spürte eine lauwarme Brise. Der Mai war wärmer als in den letzten Jahren, duftete verführerisch nach Blüten und brachte Katleen dazu, ihre Jacke gegen einen Blazer zu tauschen.
   Erschöpft schleppte sie die Einkaufstaschen die Stufen hinauf. Als sie die Wohnung betrat, staunte sie nicht schlecht. Alles stand an seinem Platz, passte farblich perfekt zu dem Nachbargegenstand und wirkte so, als würden sie bereits seit Jahren hier wohnen. Sie setzte die Taschen ab und starrte in den Flur, wo ihr Liebster bereits sehnsüchtig auf sie wartete. Er hatte auf jedes Fensterbrett eine Kerze gestellt. Das milde Orange umspielte seine Miene und ließ ihn interessant und mysteriös erscheinen.
   Katleen grinste zufrieden und kam näher. Luron schien gebannt von ihrem Anblick. Als sie ihn erreichte, fuhr sie in kreisender Bewegung mit ihrem Zeigefinger über sein Schlüsselbein. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um seinen Mund zu erreichen und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. Luron erwiderte ihre aufflammende Begierde mit Zärtlichkeit. Er hob sie mit einem Mal in die Arme und trug sie zu einem geöffneten Fenster hinüber. Im Wohnzimmer hatte er eine Decke auf den Parkettboden gelegt und eine edle Flasche Wein bereitgestellt. Vorsichtig setzte er sie ab, beugte sich über sie und zog ihr das Oberteil über den Kopf. Katleen ließ es geschehen und genoss die Aufmerksamkeit, die er ihr schenkte. Er liebkoste ihren Bauch, hinab bis zu ihrem Nabel und bedeckte ihn mit Küssen. Das Tattoo begann mit Kribbeln, und erst, als es aufleuchtete, stoppte sie ihn. Sie befürchtete, erneut eine Vision zu bekommen. Als Luron sie verunsichert betrachtete und drauf und dran war, sein Vorhaben abzubrechen, führte sie seine warmen Finger an ihre Hüften heran. Sie bewegte ihren Po und rutschte tiefer hinab. Luron rollte sich auf die Seite, kam direkt neben ihr zum Liegen und kuschelte sich an sie. Während sein Bart an ihrem Hals kitzelte und kratzte, öffnete er ihre Hose. Katleen ruhte halb nackt in seinen Armen und genoss die Vorstellung, dass er mit ihr schlafen wollte.
   Luron griff nach einer Kerze und zog sie zu sich heran. Er scheuchte die leuchtende Flamme auf wie ein Tier, bis winzige Funken heruntersegelten und wie Feuerteufel vor ihnen tanzten. Rosenblüten lagen verstreut neben ihnen und er sammelte einige auf, um ihren Bauch damit zu bedecken. Katleen spürte die Kälte, die von den Blüten ausging, und begrüßte die Sanftheit, mit der sie sich an sie schmiegten. Sie hob ihren Oberkörper, setzte sich unerwartet schnell auf und zog Luron zu sich heran. Ein leidenschaftlicher Kuss folgte und nun konnte sich auch Luron keineswegs länger zurückhalten. Ein Funkeln in seinen kiwigrünen Iriden verriet ihr, dass er bereit war, und ihre Liebe in dem neuen Zuhause erblühen würde.
   Er richtete sich auf, sog die Luft der Nacht ein und entledigte sich seiner Hose und seines Shirts. Die Socken behielt er an, weshalb er einen verwunderten Blick von Katleen erntete. Als sie Einspruch einlegen wollte, landeten seine Finger auf ihren Lippen und verboten ihr Widerworte. Luron schob ihr Höschen an ihren Beinen hinab. Er strich an ihrem Oberschenkel entlang und endete erst, als er ihre Wärme zu spüren schien. Er wollte in sie eindringen, zögerte aber. Katleen fuhr durch seine dunklen Locken und schaute ihn an wie ein Kätzchen, das sich nach dem Leckerli verzehrte. Diesen Blick hatte sie lange geübt. Sie wollte ihn, unbedingt – jetzt! Luron kam ihrem Wunsch nach, allerdings anders, als sie erwartete.
   »Genieß die Aussicht«, hauchte er in ihr rechtes Ohr und reichte ihr seine Hand. Katleen ergriff diese und er holte sie auf die Beine zurück. Luron führte sie zum offenen Fenster. Katleen schaute verwundert hinab und auf einmal presste Luron sie an das Fensterbrett, beugte ihren Oberkörper darüber und drang von hinten in sie ein. Sie war viel zu überrascht, sodass sie laut aufschrie, was in ein Keuchen überging. Luron bewegte sich langsam, knetete ihren Po und stieß sie vorsichtig. Katleen erkannte auf einer Terrasse gegenüber einige Touristen, die in einem Restaurant speisten und sich neugierig umsahen. Sollte sie es wagen, ihrem Orgasmus einen Laut zu verleihen, würde man sie wohl ertappen. Von Scham überwältigt und gleichzeitig unglaublich erregt, presste sie ihre Hand auf ihren Mund und fügte sich in seine Bewegungen ein. Mit nur einem Griff öffnete Luron ihren BH und ihr Busen wippte auf und ab. Sie rang nach Atem, versuchte standhaft zu bleiben, doch es gelang ihr nicht. Eine Welle aus Hitze durchströmte ihren Körper und vor allem ihren Schambereich. Luron umschlang sie mit seinen Armen und legte sich regelrecht auf sie. Ein Wimmern entkam ihrer Kehle und sie zuckte unter seinen Berührungen. Der wohl beste Orgasmus, und sie konnte ihn mit keinem Ausdruck würdigen.
   »Lass es raus. Ich werde dich so lange bearbeiten, bis du freiwillig schreist und deinen Worten freien Lauf lässt«, flüsterte er ihr zu.
   Katleen zögerte. »Worte? Undefinierbare Töne trifft es wohl eher.«
   Luron lachte beherzt und löste sich von ihr. Als sie sich gerade aufrichten wollte, spürte sie, wie seine Finger in sie eindrangen und sie versuchte, seinem Tatendrang zu entkommen. Sie blickte hinauf zu den Sternen, biss die Zähne zusammen und genoss sein Verwöhnprogramm. Überall konnte sie seine Anwesenheit wahrnehmen, als wäre er ein Schatten, der sie vollends umhüllte. Das Leuchten des Mondes weckte ihre Aufmerksamkeit und sie fixierte dieses wundervolle Bild dieser ruhigen Nacht. Bevor sie keuchend erbebte und halb Colmar mit einem Schrei begrüßte.

Weder Katleen noch Luron benötigten eine Außenwelt, solange sie einander hatten. Sie liebten sich mehrere Male, kuschelten miteinander und erkundeten die Eigenarten des jeweils anderen. Während sie nicht nur ihn, sondern ebenfalls sich selbst mehr und mehr kennenlernen konnte, schien er zu begreifen, wieso er sich nach ihr verzehrte.
   Luron neigte zu der Angewohnheit, alles, was ihm gefiel, in Worte zu fassen. Katleen war keine Frau im eigentlichen Sinne, die sich nach Kindern und einem Heim sehnte. Sie liebte enge Jeans, protzige Autos, altmodische Musik und Waffen. Nachdem sie ihren Job verloren hatte, gehörten einige dieser Dinge nicht länger zu ihrem Leben dazu. Luron war geblieben, wie ein Rettungsring hielt er sie über den Fluten, fern von der Dunkelheit, die gewiss ständig ihre Finger nach ihr ausstreckte. Das Dämonenblut rauschte durch ihre Adern. Lediglich Lurons Berührungen, seine Treue und Zuneigung, konnten das unterdrücken, was Katleen auch heute nicht als einen Teil von sich ansah. Mal flüsterte er ihr ins Ohr, wie sehr ihm ihre Rundungen gefielen, dann schwenkte er um und kritisierte ihre Kochversuche. Luron war ein ehrlicher Incubus, der gewiss niemals wieder ihr Herz mit Absicht brechen würde.
   Da sie das Frühstück an diesem Sonntagmorgen verschlafen hatten, gingen sie zur Mittagszeit in die Küche. Katleen konnte seinen Spott nicht ertragen, denn bisher war jeder groß angelegte Kochversuch gescheitert. Also ließ sie ihm den Vortritt. Luron war ein grandioser Hobbykoch, der es verstand, ein Geschmackschaos in ihrem Mund auszulösen, dem sie keineswegs gewachsen war.
   Während sie durch seine Locken fuhr, ihre Stirn an die seine presste und er sein Gesicht an ihrem Busen vergrub, fragte sie sich, womit sie einen solchen Mann wohl nur verdient hatte. Luron war perfekt. Ein wahrer Gentleman, charmant, freundlich und zuvorkommend. Er war selbstlos, romantisch und im Bett einfach fantastisch. Er konnte praktisch alles, sodass ihr dies wie ein Traum erschien und sie sich mehrmals am Tag kneifen musste, um die Wahrheit zu erkennen. Luron existierte, lebte unter den Menschen und hatte all die Jahre lediglich auf sie gewartet – er war ihr Seelenpartner. Sie kamen aus unterschiedlichen Welten, lebten mit einer Lüge, die sie zu beherrschen schien. Sein einziger Makel war seine Herkunft und die Tatsache, dass er nun zusammen mit ihr zu einem Gefallenen geworden war und somit von beiden Seiten gejagt wurde. Die Dämonen der Hölle und die Himmelskrieger Gottes waren auf der Suche nach ihnen und trotzdem fühlten sie sich ausgerechnet in Colmar sicher. Wieso? Was hatte sie nur hierher verschlagen? Darüber hinaus machte sie sich Sorgen wegen der Vision, die sie vor einigen Monaten beinah in den Wahnsinn getrieben hatte. Würde sie eintreten? Müsste Luron bald sterben? Sie schüttelte den Kopf und kuschelte sich an ihn.
   »Und wieder hältst du mich vom Kochen ab«, sagte er.
   Luron schob Katleen vor sich her, bis sie die Couch erreicht hatten. Er setzte sich und zog sie auf seinen Schoß. Sie trug nichts als ein dünnes, beinah durchsichtiges Nachthemd, das sie sich übergeworfen hatte. Nun saß sie auf ihm, sein Penis drückte unter dem Stoff der Jeans gegen ihren Schambereich. Sie hatten beide die Unterwäsche weggelassen. Diese Stellung weckte so manche Fantasie in ihr, doch ihre Sorgen brannten ihr auf dem Herzen, und nicht einmal Luron konnte daran etwas ändern.
   »Alles okay mit dir?«, fragte er.
   Sie nickte, aber er vermochte ihre Lüge zu erkennen. Sie hatten Geheimnisse voreinander, dessen war sie sich bewusst. Die Frage war: Wohin würden sie diese Geheimnisse führen und wie weit waren sie bereit zu gehen? Es gab Dinge, die man nicht mit dem Partner teilen konnte, um ihn zu schützen.
   »Lass uns heute Abend Colmar erkunden. Es gibt da ein kleines Restaurant und ich würde dich gern ausführen.« Er stupste ihr Kinn nach oben. Scheinbar wollte er ihre Reaktion verfolgen. »Was auch immer dich beschäftigt, ich wette, ich kann es aus deinen Gedanken vertreiben.«
   »Gern, wieso nicht?« Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen und verdrängte zumindest für einen Augenblick all ihre Probleme.

*

Luron richtete seine schwarze Krawatte und betrachtete sein Ebenbild im Spiegel. Er trug einen dunkelblauen Blazer, dazu die passende Hose und das Gilet, darunter ein weißes Hemd. Seine dunklen Lackschuhe verpassten seinem Outfit den letzten Schliff und ließen es Gott sei Dank nicht wie aus einem früheren Jahrhundert erscheinen. Über Mode konnte man bekanntlich streiten, und obwohl Luron stets ein selbstsicheres Auftreten hatte, war er heute mehr als nervös. Er wartete geduldig auf Katleens Eintreffen. Sie hatte sich vor einer Stunde im Bad verschanzt und wollte sich extra für ihn ansehnlich herrichten. Als sie jedoch in einem schneeweißen Kleid erschien, dessen Träger in ein dunkles Blau übergingen und das gerade so ihren Po verdeckte, verschlug es ihm die Sprache. Sie hatte ihre dunklen Haare hochgesteckt und lediglich einige wenige Strähnen fielen in Locken an ihren Seiten hinab. Ihr Busen kam besonders zur Geltung und Luron hätte sich beinah in ihrem Ausschnitt verloren. Ein zierliches Muster durchzog den gesamten Stoff und die dunkelblauen High Heels, auf denen sie kaum laufen konnte, rundeten ihre Erscheinung ab. Was fehlte, war eine Kette. Luron hatte genau auf einen solchen Moment gewartet und ein Grinsen schummelte sich auf seine Lippen.
   »Wie sehe ich aus?«, fragte sie und wirkte zurückhaltender als sonst.
   »Wunderschön, aber etwas fehlt.« Er wandte sich um, kramte in einer Schublade unter seiner Unterwäsche und seinen Socken und holte eine schwarze Schatulle hervor.
   Katleen zog die Luft ein und kam näher.
   »Dreh dich um«, befahl er und sie gehorchte.
   Sie fuhr automatisch ihren Hals entlang. Eine silberne Kette schmiegte sich an ihre Haut, deren eigensinnige Gestaltung gewiss ihr Herz höherschlagen ließ. Luron hatte den Federschmuck einst in London auf dem Camden Market gefunden und sich sofort in diese Einzigartigkeit verliebt. Winzige, längliche silbern gehaltene Engelsfedern formten sich in der Masse zu einem breiten Anhänger, der im vorderen Bereich über ihrer Brust baumelte und zu einem wahren Blickfang wurde.
   »Sie ist bezaubernd.« Katleen errötete.
   Luron streckte ihr seinen Arm entgegen und sie hakte sich bei ihm ein.
   »Warte. Könntest du mir etwas versprechen, bevor wir gehen?«, fragte sie und schaute ihn lächelnd an.
   »Alles, was du willst.«
   »Sollte ich das Gleichgewicht in diesen Schuhen verlieren, stütz mich bitte, nicht, dass ich das Kleid durch eine peinliche Stolperaktion versaue.«
   Er hob seine Augenbrauen und nickte, ohne weiter darauf einzugehen. So war sie halt, seine Katleen. Keineswegs perfekt und schon gar keine grazile Frau, aber genau das liebte er an ihr.

*

Der Kerzenschein umhüllte ihre Körper und warf Schatten auf Lurons Gesicht. Sie saßen auf einer Terrasse, direkt am Fluss, sodass Katleen jederzeit das Wasser hätte berühren können. Luron betrachtete sie bereits den gesamten Abend. Das machte sie nervös. Erst schenkte er ihr eine solch wundervolle Kette und dann verschlang er sie mit seinen Blicken. Nicht, dass sie es nicht genoss, es verunsicherte sie bloß. Sie war es nicht gewöhnt, im Leben eines Mannes eine so tragende Rolle zu spielen. Katleen knetete ihre Hände und setzte sich aufrecht hin. Luron hatte ein Lächeln auf seinen Lippen und sie glaubte, in seinen Augen einen Hauch von Begierde zu erkennen.
   »Also, der Umzug ist uns gut gelungen«, begann Luron, um das Schweigen zu beenden.
   »Euch. Ich habe fast nichts dazu beigetragen.«
   »Du hast die Inneneinrichtung ausgesucht.«
   Katleen antwortete nicht.
   Luron schaute recht verzweifelt zu ihr hinüber und seufzte. »Hattest du noch nie ein Date?«, scherzte er und umklammerte vorsichtig ihre Hände. Liebevoll strich er über ihre Haut.
   »Sicher, nur waren meine Dates eher in einer Bar und nie in einem noblen Restaurant. Ich fühle mich irgendwie fehl am Platz«, gestand sie ihm.
   Luron schmunzelte. »Keine Sorge, du bist hier genau richtig.« Er deutete auf die Sterne, die über ihren Köpfen funkelten. »Du strahlst wesentlich heller als der Mond, bist zarter als eine Blüte und so eigensinnig, dass jeder Tag an deiner Seite zu etwas Besonderem wird. Du bist genauso viel, wenn nicht sogar noch bedeutend mehr wert als die Menschen, die es sonst in solche Restaurants zieht.«
   Katleens Mund öffnete sich, doch kein Ton kam heraus. Sie war schockiert von seinen Worten und konnte deutlich spüren, wie sich eine gewisse Wärme in ihr ausbreitete, die ihr Herz wild schlagen ließ. Nie zuvor hatte ein Mann etwas so Bewegendes gesagt, sie so sehr geliebt, wie Luron es tat. Sie war unfähig, diese Gefühle zu zeigen, weshalb sie sich über den Tisch zu ihm hinüberbeugte. »Danke«, hauchte sie mit zittriger Stimme. Sie fühlte sich wie ein junges Fohlen, das soeben lernte, wie man auf eigenen Beinen stand. »Womit habe ich nur einen Mann wie dich verdient?«, fragte sie und pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht. Sie fuhr an der Kette entlang und winkte den Kellner zu sich.
   Der dünne Mann, der ihr wie ein watschelnder Pinguin erschien, eilte auf sie zu. In seinen Händen ruhte ein Tablett mit leeren Gläsern. »Sie wünschen?«
   »Ihren besten Wein, bitte«, sagte sie und hauchte Luron einen Kuss entgegen. Katleen war sich sicher, dass sie diesen Abend niemals vergessen würde.
   Als Vorspeise genossen sie einen Salat mit Meeresfrüchten, einer cremigen Joghurtsoße, die salzig süß war und im Abgang den Geschmack einer ausgepressten Zitrone beherbergte. Die Vorsuppe war eine italienische Minestrone mit Nudeln und Parmesan. Sie hatte als Hauptgericht eine rosafarben gebratene Schnitte von der Hirschkalbskeule mit Wacholder und buntem Gemüse sowie Sesam-Grießrouladen gewählt. Luron hingegen zerteilte sein Doradenfilet, als würde er ständig Fisch essen. Katleen wusste nicht einmal, dass es ein spezielles Fischmesser gab. Sein Filet war umgeben von Kokoslimettensoße, deren Geruch in Katleens Nase drang und ihren Magen rumoren ließ. Das Essen zog sich beinah eine Stunde hin und trotz der kleinen Portionen, stellte sich bei ihr schnell das Sättigungsgefühl ein.
   »Möchten Sie ein Dessert?«
   Der Kellner war zu ihnen an den Tisch gekommen. Die sanften Farben der Lichter umspielten seine freundliche Miene. Überall um sie herum hatte man neben den Weinranken kleine Laternen angebracht. Zusammen mit dem Kerzenschein entstand eine ganz besondere Atmosphäre, die dem Essen ebenfalls ein gewisses Flair verpasste.
   »Nein, danke. Ich glaube, wenn ich nur noch einen Bissen zu mir nehme, platze ich.«
   »Sind Sie sich ganz sicher?« Der Kellner stellte vor Luron einen Teller mit einer köstlich aussehenden Schokoladenverführung ab. »Ein Soufflé von der Valrhona Schokolade mit Passionsfruchtschaum und Tonkabohneneis.«
   Katleen leckte sich die Lippen und winkte den Kellner zu sich. »Ich habe meine Meinung geändert. Wie könnte eine Frau je Schokolade widerstehen?«
   Der erste Bissen trieb ihr vor Freude die Tränen in die Augen. Der süße Geschmack explodierte förmlich in ihrem Mund, das säuerliche Passionsfruchtaroma kribbelte auf ihrer Zunge. Sie hätte sich in diesem Nachtisch wälzen können, so grandios war er. Gierig starrte sie auf Lurons Teller. Hoffentlich bemerkte er nicht, wie sehr sie von dieser Kombination angetan war.
   »Möchtest du meins auch haben?« Neckisch schaute er sie an.
   Katleen seufzte und füllte ihren Löffel ein zweites Mal. »Wenn ich das zugebe, bin ich dir unterlegen.«
   »Du bist eine Frau, Liebes.«
   »Was soll das nun wieder heißen?«
   Er lächelte und schob seinen unangetasteten Teller zu ihr hinüber. »Frauen naschen gern an süßen Dingen.«
   »Und du meinst, das sei der Grund, warum ich bei dir bin?«
   Er streckte seine Finger nach ihr aus und umklammerte sanft ihr linkes Handgelenk. »Natürlich, denn genau wie die Schokolade bin ich eine Versuchung, die es wert ist, davon zu kosten.«
   »Na schön, ich gehe darauf ein: Was möchtest du im Gegenzug haben?« Sie lehnte sich vor zu ihm, sodass er für einen Augenblick ihren wohlgeformten Busen, der durch ihre Sitzhaltung besser zur Geltung kam, betrachten konnte.
   »Das klären wir zu Hause. Verlass dich drauf.« Luron zwinkerte ihr zu.
   Katleen konnte sich scheinbar auf etwas gefasst machen. Erst wurden ihre Geschmacksnerven erregt und später, würde er auch ihren Körper in Wallung bringen. Eine nette Vorstellung. Da schmeckte das Soufflé sogar noch besser.

Katleen hatte wirklich mit sich kämpfen müssen, als Luron nach der Rechnung gegriffen hatte. Sie bestand darauf, diese selbst zu begleichen, doch er war der Mann in dieser Beziehung und duldete es keineswegs, dass Katleen ihr letztes Geld für ihn ausgab. Sie war pleite, immerhin finanzierte sie die Arztkosten von Cedric, die zusätzlichen Behandlungen und einen Teil des Umzuges. Sie hatte sich eine Zeit lang gefragt, woher der Geldsegen vonseiten Lurons kam, bis sie es mit Lestards künstlerischer Ader und dessen Pseudonymen in Verbindung brachte. Obwohl sie seine Almosen begrüßte, mied sie mittlerweile dessen Nähe. Allein der Gedanke, ihr könnte ein Geheimnis herausrutschen, brachte ihr schlaflose Nächte.
   Gemeinsam schlenderten sie durch die Straßen von Colmar, aneinandergekuschelt und vollkommen zufrieden. Stille umfing sie und umschloss das glückliche Paar wie die Finsternis, die an jeder Ecke auf sie wartete. Die altmodischen Straßenlaternen tauchten die Gegend in ein mildes Gelb, als würde die Sonne bereits am Horizont stehen und sie begrüßen. Katleen fühlte sich unendlich geborgen. Sie gab sich seiner Nähe hin, schmiegte sich verliebt an ihn und betrachtete den Mann ihrer Träume. Ganz gleich, dass er ein Incubus war, ein mystisches Wesen, sie liebte ihn mit Haut und Haaren. Zumindest glaubte sie das. Diese Gefühle waren ihr neu, das lodernde Feuer in ihren Adern, die Schmetterlinge in ihrem Bauch und die Tatsache, dass sie die gesamte Zeit auffällig oft blinzeln musste, ließen sie keineswegs an ihr selbst zweifeln. Sie wagte es nicht, die Worte zu sagen oder zu flüstern. Luron jedoch, dessen war sie sich sicher, würde den ersten Schritt auf sie zu machen.
   »Was für ein schöner Abend«, rief er in die Nacht hinaus, damit es auch ganz Colmar vernehmen konnte.
   Katleen nickte. »So etwas habe ich noch nie mit einem Mann geteilt«, gab sie zu und hielt inne. Sie zog Luron zu sich und schloss ihn ohne Vorwarnung in ihre Arme.
   Da standen sie nun im Licht des Mondes und küssten einander, als wären sie wieder jung und dies ihre erste große Liebe.
   Als Luron gerade darauf eingehen wollte und seine Hand bereits hinab auf ihr Gesäß rutschte, vernahmen sie einen fürchterlichen Schrei. Luron löste sich von ihr. Katleen wirbelte herum und betrachtete die Gegend. Sie war darauf gefasst, sogleich einem Feind zu begegnen. Sie griff sich einen losen Pflasterstein als Waffe und folgte ihrem Partner in eine düstere Gasse. Vielleicht zehn Meter vor ihnen erkannten sie zwei Gestalten und erblickten ein seltsames Schauspiel. Ein Mann ging in Flammen auf, durchzogen von einer bläulichen Farbe, als würde das Feuer niemals in einem Rot erstrahlen. Schatten ragten an seinen Seiten empor und erschienen Katleen wie mächtige Schwingen, mit denen er sich zu schützen versuchte. Sein Gegner machte kehrt, nahm scheinbar die Präsenz von Luron wahr, und eine Fratze formte sich zu seinem Gesicht. Zwei schwarze Augen funkelten ihnen entgegen und ein Mund, gefüllt mit spitzen Zähnen, forderte Luron förmlich zum Kampf heraus.
   »Ein Dämon«, sagte dieser schlicht und setzte sich in Bewegung. Er ließ Katleen schutzlos zurück und hetzte auf seinen Feind zu. Das war mal wieder typisch. Ein normaler Abend schien wirklich zu viel verlangt.
   Katleen umklammerte den Stein und ging mutig auf das Opfer zu. Es handelte sich um einen Mann in einfacher Sportkleidung. Einer der weißen Turnschuhe, der eigentlich an seinen Fuß gehörte, lag unweit neben ihm. Sein blondes Haar wirkte an einigen Stellen grau und dunkler. Das Licht kaschierte, was die Realität zugelassen hatte. Blut. Überall war schwarzes Blut. In seiner Brust klaffte eine tiefe Wunde. Sie war rund, verkohlt. Katleen stieg der Geruch von verbranntem Fleisch in die Nase und sie schüttelte sich angeekelt. Der Mann gab die letzten Zuckungen von sich, erstickte an seinem eigenen Blut. Katleen stockte unweigerlich der Atem. Federn. Seine Seiten waren von Federn umgeben. Die geraden schwarzen Linien wirkten ausgeblichen. Sein baldiger Tod ließ sie lediglich wie ein verwischtes Kunstwerk erscheinen.
   Katleen fiel vor ihm auf die Knie. Sie strich über das milde Schwarz und spürte statt weicher Federn raue und verkrustete Stummel, als hätte man sie ihm einzeln ausgerissen. Liebevoll suchte sie seine Nähe, um ihm sein Ableben so angenehm wie möglich zu gestalten. Der Mann wandte sich um, starrte sie förmlich an. Die goldenen Pupillen waren geweitet. Tränen sammelten sich auf seinen Wangen. Er war bleich wie eine Leiche, und Katleen spürte, wie ihm das Leben entwich. Ein stummes Lächeln legte sich auf seine Lippen. Er war scheinbar dankbar, dass er diesen Weg nicht allein antreten musste. Doch seine Freude über ihre Hilfe wich purer Verzweiflung. Seine kalten Finger streiften Katleens Kinn und sie schauderte.
   »Du bist es«, raunte der Engel und hustete. Er wurde von schmerzhaften Krämpfen geschüttelt, und Katleen presste die Hände auf seine Wunde, die seinen Körper beinah vollständig zerteilte.
   »Wer bin ich?«, fragte sie verwirrt und glaubte daran, er wäre aus Furcht vor dem Ende ein wenig durcheinander.
   »Flieh. Flieh von hier oder sie werden dich finden«, stotterte er und zog sie mit all seiner verbliebenen Kraft zu sich heran.
   »Wer? Von wem sprecht Ihr?«, forderte sie zu erfahren.
   »Tochter der Schatten«, brachte er hervor und das Licht in seinen Augen erlosch. Seine Seele drang aus seiner Hülle hervor und Katleen machte einen Satz zurück, als sie diese bemerkte. Der grelle Lichtball fuhr in den Himmel hinauf und ein schriller Ton grub sich in ihre Gedanken. Katleen war von Angst vereinnahmt, legte ihre Hände auf ihre Ohren und versuchte, den Klängen des Engels zu entkommen. Als der Gesang der Seele endete und der Himmel ein Loch zwischen den Wolken öffnete und seinen Krieger zu sich holte, vernahm sie auf einmal ein seltsames Knurren und schaute in die Gasse hinein. Wo war Luron geblieben? Was war hier überhaupt los?
   Entsetzt richtete sie sich auf und wischte das Blut des Fremden an ihrem Kleid ab. Sie war fassungslos im Angesicht dieser Szene und dass sie ihm nicht hatte helfen können. Erneut hörte sie ein Knurren, gefolgt von dem Geheul eines Tieres, und wandte sich um. Aus dem Schatten der Gasse trat ein anmutiger Husky hervor, der ihr in solch einer Größe begegnete, dass sie zu Beginn an einen Wolf dachte. Der Hund fletschte die Zähne und steuerte geradewegs auf sie zu.

*

Luron hatte es in der Gasse sofort erkannt. Das elektrische Kribbeln auf seiner Haut verriet die Anwesenheit eines Engels. Da diese Kraft schwand und kaum spürbar war für jemanden wie Katleen, musste es sich um den im Sterben liegenden Mann handeln. Er hatte keine einzige Minute verschwendet und war dem Dämon gefolgt, der nach dem Mord an dem Engel scheinbar seine gesamte Macht verbraucht hatte. Diese himmlischen Krieger waren keinesfalls einfach zu töten und es hatte ihn sicherlich viel Überwindung gekostet.
   Der Dämon steuerte auf eine Brücke zu und hielt schließlich inne, sodass ihn Luron einholen konnte. Er machte sich bereit für einen Kampf und würde es nicht hinnehmen, dass durch einen solchen Vorfall die Ruhe der beiden Seiten gestört wurde. Das Gleichgewicht musste erhalten bleiben, und genau aus diesem Grund sollte der Dämon im Ausgleich für sein Vergehen sterben.
   Lurons Körper veränderte sich, seine Iriden wurden trüber und seine Sicht verschleierte, seine Nägel formten sich zu Klauen und seine Haut und Adern wichen der Schwärze. Er war ein Monster und dennoch akzeptierte er die Tatsache, dass er seine Kraft aus seinem tiefsten Inneren und der Bestie, die sich darin verbarg, bezog. Er konnte seine Gestalt nicht verleugnen, wenn er seinen Gegner bezwingen wollte. Trotzdem würde er all seine Gaben nutzen, um Colmar als sichere Stadt nicht zu verlieren. »Du hast einen Engel erledigt und somit den ersten Schritt in Richtung Krieg gewagt«, schrie Luron durch die Finsternis und wartete auf die Regung des Dämons.
   Bei dem Fremden schob sich ein Lächeln auf die Lippen und er zupfte sich die weißen Ärmel gerade, die seine Kleidung wie ein mittelalterliches Kostüm erscheinen ließen. »Xine con arc warios!«
   »Sprich Französisch mit mir, du Höllenbastard!«
   Der Dämon zögerte einen Moment und schien die Beleidigung von Luron zu verarbeiten. »Es wird Krieg geben! Dies, mein Freund, wird keineswegs der Auslöser sein.«
   Der Dämon kam auf Luron zu, jedoch verließ er die Brücke mit keinem Schritt. Er verharrte an Ort und Stelle, als wäre dies seine Karte in die Freiheit.
   »Das Gleichgewicht muss erhalten bleiben«, setzte Luron an und leckte sich die Krallen wie ein Tier. Er schnaufte verachtend und sprintete auf ihn zu.
   Der Dämon machte keine Anstalten zu fliehen, stattdessen, sah er seinem Schicksal mit einem Grinsen entgegen. Luron packte den Dämon an seinen Schultern und schleuderte ihn gegen die nächste Laterne. Der Knall hatte gewiss einige Anwohner aus dem Schlaf gerissen, doch das war ihm egal. Schnell und präzise wollte er töten. Er musste ein deutliches Zeichen setzen, immerhin war er nach Colmar gekommen, um genau solchen Situationen ausweichen zu können. Er wollte Frieden, und wenn es sein musste, würde er ihn erzwingen. Luzifer durfte unter keinen Umständen seinen Blick auf diese Stadt werfen.
   Der Dämon gab ein Stöhnen von sich, richtete sich auf und wischte sich das ätzende und pechschwarze Blut von der Haut. Seine Knochenbrüche heilten binnen von Sekunden mit fürchterlichen Tönen und bald stand er wieder vor ihm und lechzte nach Vergeltung. Luron zögerte und schien ihm damit einen Anreiz zu bieten. Der Dämon wehrte sich endlich und attackierte Luron. Er grub seine Zähne in dessen Fleisch, zerrte ihn auf den mit Pflastersteinen bestückten Untergrund und brachte Luron zu Fall. Mit seinem Fuß drückte er Lurons Kopf hinab und machte ihn mit seinen Händen bewegungsunfähig. Da lag er nun, obwohl er seine Stärke eigentlich auf anderem Wege beweisen wollte. Luron war es leid, seine Kämpfe gegen die Dämonen zu verlieren, immerhin standen sie unter Luzifers Schutz. Er selbst war ein Wandelnder und gehörte somit keiner der beiden Seiten an. Er hatte es vorgezogen, sich zu enthalten, doch nun tat er genau das Gegenteil.
   »Friss Dreck, Incubus«, zischte der Dämon siegessicher und presste Lurons Kopf fester gegen die Steine. Luron konnte deutlich den Schmerz in seiner Wange spüren, der sich in sein Fleisch grub, als würde jemand in seiner offenen Wunde bohren.
   »Wie konntest du nur so töricht sein und dich mit mir messen wollen?«, lachte der Dämon.
   »Wieso hast du den Engel getötet?« Luron versuchte, sich aus dem Griff des Dämons zu befreien, ohne auf das Geschwätz des Mannes einzugehen.
   »Spielschulden.« Im nächsten Moment löste sich das Gewicht von Lurons Knochen und er kam frei. Der Dämon ließ ihn gehen und die einzige Frage, die Luron auf der Zunge brannte, war: warum?
   »Schau mich nicht so an. Dein Leben ist keinen Pfifferling wert und in absehbarer Zeit, werdet ihr Unbestimmte alle sterben. Denn die Welt wird unseren Meister begrüßen und unter den Menschen werden die wandelnden Toten leben«, offenbarte er Luron.
   Dunkler Nebel umhüllte das Geschöpf der Hölle. Luron streckte seine Finger nach ihm aus, wollte zurückschlagen, sich wehren – vergebens. Der Dämon verschwand und lediglich dessen Jauchzen blieb zurück. Luron rang nach Luft. Es lief ihm eiskalt den Rücken hinunter, denn der Dämon verfügte über weit mehr Macht, als gut für ihn war. Dies konnte nur eines bedeuten: Luzifer war auf dem Weg hierher und mit etwas Pech, würde er auf Luron und somit einen Verräter treffen.

*

Katleen riss die Arme vor ihr Gesicht, als der Husky sie attackierte. Die Zähne des Tieres gruben sich schmerzhaft in ihr Fleisch und ein Stöhnen entkam ihrer Kehle, bevor sie dem Hund einen Schlag verpasste und er von ihr abließ. Das seltsame Funkeln seiner Iriden war ihr nicht entgangen und ihr Instinkt sagte ihr, dass es sich hierbei um kein gewöhnliches Haustier handelte. Auch die Tatsache, dass ein zweites Augenpaar hinter einer Mülltonne auftauchte, bestärkte sie in ihrer Vermutung.
   »Was wollt ihr?«, schrie sie und warf mit dem Stein nach dem Hund. Der zweite formte sich zu einem weißen Schäferhund, stattlich, größer als normal und mit scharfen Krallen. Seine Schnauze war blutgetränkt und seine Aura von Finsternis umgeben. Nun war sich Katleen sicher, hierbei handelte es sich um Geschöpfe, die keinesfalls in die Menschenwelt passten.
   Das Knurren verstärkte sich und dröhnte bedrohlich in ihren Ohren. Der weiße Schäferhund machte einen Satz auf sie zu und sein Fell sträubte sich wie bei einer Katze, die man in die Enge gedrängt hatte. Katleen stolperte rückwärts, fort von den seltsamen Tieren, bis sie eine belebtere Straße erreichte. Der anmutige weiße Schäferhund folgte ihr gelassen, ließ sie keine Sekunde unbeobachtet, griff sie aber nicht an. Er schlich um sie herum wie ein Wolf, der seine Beute im Blick hatte und sein buschiger Schwanz streifte ihre nackten Knöchel. Sie fuhr zusammen, als sie den Husky erneut bemerkte. Etwas hielt die Tiere auf Abstand, doch Katleen wollte nicht darauf warten, bis sie ihr Fleisch zwischen den Zähnen zermalmen würden. Sie verpasste dem Husky, der ihr zuvor unsittlich begegnet war, einen Tritt in die Rippengegend und rannte über die Straße. Bereits nach wenigen Metern, vernahm sie ein merkwürdiges Geräusch und der Boden kam ihr vertraut nahe. Knack. Ihr Absatz der teuren und unbequemen Schuhe hatte den Kampf gegen das Böse recht früh aufgegeben und sie zu Fall gebracht. Der Asphalt schmiegte sich kalt und hart an ihre Haut und sie glaubte, ihre Knie vor Schmerz nicht spüren zu können. Als das Jaulen an ihre Ohren heranreichte und sie bereits den Atem eines der Tiere in ihrem Nacken spüren konnte, rollte sie sich auf den Rücken und starrte der Bestie entgegen. Furcht überschwemmte ihre Miene und ließ ihre Lippen beben. Sie streckte ihre Hand nach dem weißen Schäferhund aus. Das Tier ließ es geschehen, wartete geduldig auf ihre Berührung und fletschte die Zähne, als sich Katleen von ihm entfernen wollte. Sie blickte in diese wundervollen silbernen Augen und verliebte sich in deren Tiefe. Das Tier beugte sich über sie, neigte den Kopf und leckte über die offene Wunde an ihrem Arm, die höllisch brannte. Der Husky knurrte verachtend und hielt eisern Abstand. Sowie der Speichel ihre Haut benetzte, verschloss sich ihr Fleisch und ein Kribbeln breitete sich an besagter Stelle aus. Er heilte sie. Der Schäferhund machte den Fehler seines Begleiters wieder gut, und Katleen akzeptierte seine Nähe, als wäre es das Normalste der Welt. Bevor er sich verabschieden und verschwinden konnte, hielt sie das sonderbare Wesen zurück und erntete dafür ein drohendes Bellen des Huskys.
   »Danke«, hauchte sie dem Schäferhund zu und fuhr an seinen Ohren entlang.
   Der Hund ließ es geschehen, wandte sich schweigend ab und lief über die Straße. Ein letztes Mal schaute er zu Katleen hinüber und vergaß dabei, dass er sich noch immer in der Menschenwelt befand. Ein Auto näherte sich dem Geschehen und ehe sich Katleen versah, schrie sie die Worte, die dem Hund einen Tritt verpassten, einfach heraus.
   »Vorsicht! Pass auf«, rief sie zu ihrer eigenen Verwunderung.
   Der Schäferhund sprang gerade rechtzeitig zur Seite und sah scheinbar keinen Grund, weiter an diesem gefährlichen Ort zu verweilen. Er rümpfte die Nase, gab ein Seufzen von sich und nickte Katleen ein letztes Mal zu, bevor er mit seinem Kameraden in der Finsternis der Gasse verschwand.
   »Was zur Hölle war das?«, fragte sie und schüttelte den Kopf. Katleen betrachtete ihren Arm, der nicht einen Kratzer vorzuweisen hatte, und verfluchte den Absatz, der weit mehr Schaden angerichtet hatte als diese mystischen Geschöpfe. Sie beschloss, Luron zu folgen, denn in einer solchen Nacht, wo sich scheinbar nur Verrückte auf der Straße herumtrieben, wollte sie nicht allein sein.

*

Luron hatte sich den Dreck von der Kleidung geklopft und geduldig gewartet, bis die Spuren des Kampfes verheilt waren. Er wollte Katleen keine Angst einjagen, immerhin waren sie aus Paris genau vor solchen Ereignissen geflohen. Als er ihre Silhouette ausmachte und ihre schlanke Gestalt erkannte, lief er auf sie zu. Mit gemischten Gefühlen und allerlei Fragen erreichte er sie. Katleen sah mitgenommen aus. Ihre Knie waren blutig und ihre Haare zerzaust. Ihr Kleid war dreckig und überall an ihr klebten die Überreste des Engels. Sie hielt ihre Schuhe in den Händen. Er presste sie fest an sich und sie vergrub ihr Gesicht an seiner Brust.
   »Vor dem Übernatürlichen kann man nicht fliehen«, stellte sie fest und schaute ihm tief in die Augen.
   Luron nickte bedächtig und hob sie ohne Vorwarnung in seine Arme, damit sie den restlichen Weg nicht barfuß absolvieren musste. Sie dankte es ihm mit einem Kuss auf die Nasenspitze, bevor sie sich der Müdigkeit hingab. Luron konnte fühlen, dass etwas nicht stimmte und schaffte es nicht, bis morgen zu warten, um es zu erfahren.
   »Was ist vorgefallen?«, fragte er und hoffte auf eine plausible Antwort.
   »Er hat irgendeinen Unsinn von sich gegeben, ist gestorben und dann sah ich, wie seine Seele in den Himmel hinauffuhr. Ich wollte, so schnell es geht, zu dir, aber mein Absatz machte mir einen Strich durch die Rechnung«, erklärte sie und drückte die Schuhe fester an sich.
   Aus dem wundervollen Abend war eine reine Katastrophe geworden. Luron beschlich das Gefühl, dass sie ihn anlog, immerhin war die Stimmung unverhofft schlechter geworden. Was verbarg sie vor ihm? Er machte sich Sorgen, denn was auch immer sie ihm nicht beichten konnte, war gewiss von großer Wichtigkeit. Er ahnte, dass diese ganzen Zufälle etwas mit ihrer Anwesenheit in Colmar zu tun hatten. Erst in Paris, dann in Gousainville und nun jagte ihr das Übernatürliche in Colmar nach. Vielleicht konnte man das Schicksal nicht betrügen. Dennoch würde Luron alles versuchen, um Katleen davor zu schützen.

Kapitel 2
Doktorspiele

Katleen war ihren häuslichen Pflichten nachgekommen, hatte den Tisch gedeckt und Kaffee gemacht. Zähne putzend betrachtete sie ihr Ebenbild im Spiegel und dachte an das Erlebnis in der Gasse zurück. Was waren diese Hunde wohl für Geschöpfe gewesen und was meinte der Engel, als er sie Tochter der Schatten genannt hatte? Sie fürchtete sich davor, die Wahrheit über dieses Gebilde aus Lügen zu erfahren und genau aus diesem Grund hatte sie es Luron verschwiegen. Möglicherweise kannte er das Geheimnis und würde es ihr mit Freude oder mit Furcht in der Miene verraten. Sie war keineswegs erpicht darauf, dass ihr Leben erneut aus den Fugen geraten könnte. Sie verdrängte die Tatsache, dass sie sich in Colmar nicht länger sicher fühlte und dass sie Luron jeden Tag etwas vorspielen musste.
   Katleen richtete ihre Haare, fuhr nachdenklich über die Stelle an ihrem Arm, wo sie der Husky gebissen hatte und setzte sich an den Frühstückstisch. Wie gewöhnlich suchte sie in den Stellenanzeigen nach einem geeigneten Job, fand aber nicht das Passende und widmete sich ihrer Tasse mit heißem, wohltuendem Kaffee.
   »Ich habe gerade einen Anruf erhalten«, begann Luron die morgendliche Konversation.
   Katleen sah von der Zeitung auf. »Von wem? Lestard?«
   »Nein, vom Polizeipräsidium der Stadt. Man hat die Leiche des Engels gefunden und obduziert. Nun wollen sie jemanden, der Erfahrungen mit dieser Art von Morden hat.« Luron biss in sein Brötchen, das mit Schinken belegt war.
   »Wie kommen die da ausgerechnet auf dich?«, hakte Katleen neckisch nach. Insgeheim war sie gekränkt, dass keiner an sie gedacht hatte, wo Lestard doch alles bereinigt und ihre Taten aus der Welt geschafft hatte.
   »Nach meiner Kündigung in Paris würden sie gern einen erfahrenen Polizisten an ihrer Seite wissen. Sie sagten mir, dass der Mann nicht das erste Opfer sei und es sich wahrscheinlich um einen Serienmörder handele. Darüber hinaus muss León mich ihnen empfohlen haben.« Luron schob sich den Rest des Brötchens in den Mund, bestrich die zweite Hälfte mit Marmelade und leckte das Messer ab. Ein Schmunzeln breitete sich auf seinen Lippen aus. Katleen konnte sich nur schwach an León, ihren einstigen Vorgesetzten, erinnern.
   Sie beugte sich zu Luron hinüber und küsste ihn seitlich auf den Mund. »Erdbeere.«
   Luron schluckte.
   Katleen schob die Zeitung beiseite und nippte an ihrem Kaffeebecher. »Ein Serienmörder also. Wieso wollen sie dich? Immerhin warst du bei Devin nicht sonderlich erfolgreich«, scherzte sie und vergaß völlig, dass ausgerechnet dieses Thema an ihrem Tisch nichts zu suchen hatte.
   »Nur, dass die Menschen das nicht wissen. In ihren Augen konnten wir den Fall lösen. Devin starb laut den Akten in den Flammen von Gousainville.« Er atmete tief ein. »Außerdem wollte ich darüber nachdenken, das Angebot anzunehmen. Immerhin brauchen wir das Geld und wir sollten anfangen, wieder ein normales Leben zu führen.«
   Katleen runzelte die Stirn. Sie hatte Devin bereits vor Monaten aus ihren Gedanken vertrieben. Laut Lurons Angaben war der Dämon tot. Wie konnte ein unsterbliches Wesen in den Flammen sterben? Das hatte sie ihn abermals gefragt. Es schienen die Kugeln gewesen zu sein, die ihn durchbohrt und zu Fall gebracht hatten. Katleen war ratlos. Sie konnte seine Anwesenheit spüren, wenn sie ihre Hand über ihr Herz legte. Nachdem das Feuer Devins Existenz scheinbar ausgelöscht hatte, war Katleen oft nach Gousainville zurückgekehrt. Sie hatte sich Antworten auf all ihre Fragen erhofft, doch gefunden hatte sie lediglich verkohlte Ruinen, erfüllt vom Flüstern der Verdammten. Die Seelen, die Devin im Auftrag Luzifers gesammelt hatte, waren zurückgeblieben. Katleen hatte sich diesen trostlosen Geschöpfen angenommen, mit ihnen kommuniziert. Obwohl sie frei waren, vermochten sie es nicht, sich auf den Weg zum Himmel zu machen. Die Seelen gehörten Luzifer und durch ihre verübten Schandtaten zu Lebzeiten waren sie dazu verdammt, auf ewig an diese Welt gebunden zu sein. Katleen fühlte sich für die Verdammten verantwortlich. Sie spendete ihnen Hoffnung und erhielt im Gegenzug treue Verbündete, die sie vor Gefahren zu schützen versuchten.
   »Katleen?«
   Lurons Stimme holte sie aus ihren Gedanken zurück. »Das ist eine gute Idee, hol dir den Job. Wir werden uns schon an Colmar gewöhnen«, antwortete sie.
   Lurons Augenbrauen zuckten. »Woran sollen wir uns gewöhnen?«
   »An die Tatsache, dass es auch hier kriminelle Übernatürliche gibt«, meinte sie und rümpfte die Nase.
   »Tja, von der Normalität sind wir ein ganzes Stück entfernt und nicht einmal eine Flucht kann daran etwas ändern.« Luron erhob sich und richtete den Kragen seines Hemdes. Er band sich eine Krawatte um den Hals und verabschiedete sich von Katleen. »Ich werde mich auf der Dienststelle melden und meine Hilfe anbieten. Mit etwas Glück müssen wir uns schon bald nicht mehr bei Lestard durchschnorren«, erklärte er und verschwand.
   Katleen sah ihm nach und seufzte, als er die Tür hinter sich schloss. Nichts hatte sich geändert. Die Freude über den Umzug war verblasst. Die Stimmen in ihrem Kopf wurden eindringlicher, und wie so oft nahm sie ihre Autoschlüssel und floh in die Natur. Sie musste raus aus der Wohnung, denn sie fürchtete, von den Wänden erdrückt zu werden. Abseits von Colmar würde sie diesem sehnsüchtigen Verlangen nachgeben und sich der Seelen, die ihr bis hierher gefolgt waren, annehmen.

*

Luron war sichtlich überrascht, als ihm sein neuer Chef Mathis Jerome die Marke und eine Dienstwaffe entgegenstreckte und darauf vertraute, dass er sie annehmen würde. Jerome wirkte verzweifelt, nervös und deutlich gezeichnet von den abscheulichen Tatorten, die er hatte erblicken müssen. Er kaute auf seiner Unterlippe und spielte an seinem Gürtel. Mit dem dunklen, lockigen Haar, das ihm wirr in die Stirn stand, und dem hellen Teint war er das ganze Gegenteil von León, Lurons früherem Chef in Paris. Sein Bauch hing über dessen Hose und zeigte seine Liebe zu Junkfood, der er auch in diesem Moment nachkam. Mathis griff in eine Tüte voller Pommes, die einer seiner Polizisten für sich selbst bereitgelegt hatte. Er schob sich die Fritten in den Mund, wodurch einige Krümel in seinem Bart hängen blieben.
   »Bitte klären Sie mich über den gesamten Fall auf und beweisen Sie mir Ihre Auffassung, dass es sich um einen Serienmörder handelt.«
   Mathis nickte und reichte ihm einige Akten. Er deutete auf einen Schreibtisch in einer der dunkelsten Ecken des Präsidiums. Natürlich war dieser Platz kein Vergleich zu dem schlichten Büro von Katleen und ihm, wo sie einst in Paris gemeinsam an dem Fall Devin gearbeitet hatten. Dennoch willigte er ein.
   »Es gab dieses Jahr bereits sieben Morde in dieser Gegend. Alle geschahen auf dieselbe abscheuliche Weise. Immer handelte es sich um ein nicht identifizierbares Opfer«, fasste der Mann zusammen.
   »Wir kennen also ihre Identitäten nicht?«
   »Diese Menschen sind aus dem Nichts aufgetaucht und wurden auf brutale Weise getötet.«
   Natürlich waren die Opfer Unbekannte. Er konnte sich auch denken, warum. Dieser Fremde in der Gasse war gewiss nicht der erste und einzige Engel, den dieser Dämon ermordet hatte.
   »Lediglich bei unserem letzten Opfer ist es uns gelungen, Fingerabdrücke zu entnehmen. Die anderen Leichen, die wir rund um Colmar gefunden haben, waren so entstellt, dass sie über keine Zähne, Fingerkuppen und Haare mehr verfügten. Ihr Blut war kohleschwarz, und obwohl uns kein Gerichtsmediziner und nicht einmal ein Arzt erklären konnten, wie so etwas möglich war, schien es abwegig, dieses Blut als Beweis zu nutzen. Bei dem neuesten Opfer wurde der Mörder offensichtlich gestört, weshalb wir zum ersten Mal die Chance haben, die Ermittlungen voranzutreiben. Wir glauben, dass es einen Zeugen gibt, jemand, der dem Mann helfen wollte.«
   Luron dachte an Katleen und die Gasse zurück. Wie lange würden sie wohl für die Auswertung der Daten benötigen und wann stellten sie fest, dass jene hilfsbereite Person Katleen gewesen war? Luron beschloss Abhilfe zu schaffen, und auch wenn er den Gedanken hasste, so musste er gleich zu Beginn seiner neuen Arbeit die Beweismittel manipulieren. Ihm blieb keine Wahl. Für ihn war es eindeutig von Vorteil, bei der Polizei zu arbeiten. Auch wenn ihm Lestard fehlte und er keinen der Menschen bezirzen konnte, würde er dennoch seinen Weg gehen und die Spuren, die zu seiner Liebsten führten, verwischen.

*

Katleen hatte durch Zufall von einer freien Stelle erfahren, die kaum besondere Kenntnisse verlangte. Sie war sofort mit ihren Bewerbungsmappen und einem Empfehlungsschreiben vorbeigefahren und hatte sich einen Job als Kellnerin in einem Hotel ergattert. Schon morgen sollte sie ihren Dienst antreten, dem sie mit gemischten Gefühlen entgegensah und keinesfalls herbeisehnte. Immerhin hatte sie nun die Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen. Sie würde außerdem weiterhin über genug Zeit für die Seelen verfügen und müsste ihr kleines Geheimnis Luron nicht preisgeben.
   Als sie die Wohnung betrat, blendete sie das Wispern der Toten aus und ließ sich auf die Couch sinken. Ihr Nacken war durch das lange Autofahren verspannt und ihre Füße offenbarten einige Blasen, die sie sich auf ihrer Wanderung durch den Wald geholt hatte. Sie rieb sich über die Schläfen, um nahende Kopfschmerzen zu vertreiben. Urplötzlich hatte sie wieder das Bild der Hunde vor Augen und erschauderte. Sie war noch immer nicht hinter deren Ursprung gekommen und beschloss, mit ihrem Laptop im Internet nach Antworten zu suchen. Sie googelte übernatürliche Hunde und fand sogleich Seiten über Gestaltwandler und Werwölfe. Da die Beschreibungen zu den Werwölfen nicht passten, schob sie den Gedanken beiseite und nahm sich die Gestaltwandler vor. Schließlich entdeckte sie eine Zeichnung und las den Namen der Geschöpfe. Skinwalker schimpften sich diese Wesen, die sich jederzeit in eine Hunderasse verwandeln konnten. Wenn sie nicht gerade eine feuchte Nase und dichtes Fell besaßen, waren sie nicht von normalen Menschen zu unterscheiden. Nur Männer besaßen die Gene, um sich zu wandeln. Über weibliche Skinwalker konnte Katleen nichts in Erfahrung bringen.
   Katleen spürte wieder die innige Verbindung, die sie mit dem weißen Schäferhund in jener Nacht geteilt hatte. Seine wundervollen silbernen Augen erschienen ihr wie ein Spiegel, als könnte sie einen Blick auf sich und ihre bereits gebrochene Seele erhaschen.
   Mit einem Lächeln auf den Lippen schloss sie ihren Computer und legte sich auf die Couch. Sie nahm sich Stift und Papier und begann wie von Geisterhand gesteuert, dieses Tier zu zeichnen. Was für ein Mann verbarg sich hinter dieser Gestalt und war er ihr gut gesonnen, oder nicht? Mit einem Bleistift fuhr sie die Konturen nach und malte sich einen Gefährten, der ihr unglaublich vertraut vorkam, als würden sie sich bereits seit Jahren kennen. Sie betonte die Augen, den buschigen Schwanz und die spitzen Ohren, deren mollige Wärme sie in sich aufgenommen hatte. Wie gebannt starrte sie auf ihre Zeichnung und vermochte sich nicht davon zu lösen. Erst, als sie das Eintreten von Luron vernahm, legte sie den Block beiseite. Sie setzte sich auf und all ihre Empfindungen verschwanden wie von Zauberhand.
   »Du bist zurück. Und hast du den Job?«, fragte sie und nahm ihm seine Jacke ab.
   Lurons Miene verriet nichts. Schließlich schob sich ein selbstgefälliges Lächeln auf seine Lippen.
   »Das ist wundervoll. Ich freu mich für dich«, beteuerte sie und schloss ihn in die Arme. Sie drückte den Kopf an seine Brust und strich behutsam an seinem Rücken entlang. »Vielleicht ist das der erste Schritt zu einer besseren Zukunft.«
   Luron löste sich von ihr, hob ihr Kinn an und suchte Blickkontakt. »Möglicherweise.« Er räusperte sich und schaute sie gebannt an. »Ich liebe dich.«
   Er flüsterte diese Worte mit solch einem Vertrauen in der Stimme, dass die Knie ihr nicht länger gehorchten. Sie brauchte viel Konzentration, um seiner Zuneigung nicht sofort zu erliegen. Katleen lächelte und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. »Ich liebe dich auch.« Sie ließ diesen Satz kurz die gewünschte Wirkung entfalten, bevor sie fortfuhr. »Auf den Neubeginn.«
   »Das müssen wir feiern.« Luron presste sie an sich. Er hob sie empor und trug sie geradewegs in ihr gemeinsames Schlafzimmer.
   Katleen wehrte sich nicht, sondern versank in seinen Armen und gab sich seiner Liebe hin. Luron verdrehte ihr dermaßen den Kopf, dass sie schlichtweg vergaß, ihm von ihren Neuigkeiten zu berichten. Er berauschte ihre Sinne auf eine Weise, die sie nicht erklären konnte. Als sie zwischen den Kissen landete, riss er ihr förmlich die Kleider vom Leib. Er liebkoste ihre Wangen, ihren Busen und die Schenkel, bevor ihn das Glühen des Tattoos stoppte und er die Drohung, die sich dahinter verbarg, zu erkennen glaubte. Katleen jedoch ließ sich nicht beirren, sie führte seine Finger an ihren Bauch heran und verlangte danach, dass er es berührte. Erneut durchzuckte sie ein Stromschlag, wieder hatte sie mit dieser Fügung nicht gerechnet, denn es war in all der verstrichenen Zeit nicht ein einziges Mal geschehen. Der Vorfall wiederholte sich und die Traumwelt begrüßte sie mit einem Jauchzen.

Katleen erblickte einen Teil ihrer Welt, der ihr unbekannt schien. Sie befand sich auf einer Lichtung, umgeben von der Schönheit der Natur. Neben ihr schlängelten sich die Bäume der Sonne entgegen und warfen ihre Schatten auf Katleen. Das Blätterdach war dicht, sodass sie kaum den Himmel erkennen konnte. Sie richtete sich auf und strich den Dreck von ihrer Kleidung. Bald formten sich Umrisse vor ihren Augen zu einem Haus. Das stattliche Anwesen raubte ihr beinah den Atem und sie bewegte sich wie fremdgesteuert darauf zu. Gebannt von der unverkennbaren Stille und Eleganz, mit der sie das Gebäude begrüßte, schob sie ihren Fuß über die Schwelle.
   Drinnen angekommen umfing sie ein modriger Geruch nach Tod. Die Stimmen, die sie stets vernehmen konnte, verblassten mit einem Mal, als würden sie hinter diesen vier Wänden nicht existieren können. Sie sah sich um und war sichtlich erfreut über diese Tatsache. Immerhin war sie es leid, das Wispern der Toten zu vernehmen. Sie fürchtete sich und nun erschien ihr dies als Segen. Katleen machte kehrt und folgte einer Treppe hinauf bis in den zweiten Stock. Karge Wände, durchlaufen von einem seltsamen Farbenspiel, zeigten ihr ihren Weg. Der Fußboden bestand aus Parkett oder Stein, war verklebt von Moos, Feuchtigkeit und Schimmel.
   Als würde sie eine unsichtbare Macht leiten, blieb sie instinktiv vor einem Zimmer stehen. Sie öffnete die Tür, die mit einem Quietschen zur Seite sprang und ihr Eintritt gewährte. Vor ihr lag ein Raum mit einem Kamin aus Marmor und einem gewaltigen Fenster, das Katleen überragte. Sie ging näher, strich über das Gestein des Kamins und nahm die Kälte in sich auf. Irgendwann blieb sie an einem seltsamen Symbol hängen, konnte es jedoch nicht genau erkennen und schon bald verblasste es, als sollte sie davon keine Kenntnis erlangen. Katleen drehte sich um die eigene Achse und musterte das Fenster, das in einem gotischen Stil gebaut war. Es wies Verzierungen auf, wie Katleen sie nur aus einer Kirche kannte. Das Sonnenlicht brach sich in dessen Scheibe und spaltete sich in sonderbare Farben auf. Mal leuchtete es gelb und vertraut, dann rot und bedrohlich und schließlich in einem matten Grün, als wäre es mit der Natur verschmolzen. Katleen konnte das Blätterdach, das sie umgab, auch hier erkennen und fühlte sich auf eine seltsame Weise geborgen und gleichzeitig gefangen im Herzen der Wildnis. Sie streckte ihre Arme aus, wollte ihre neue Heimat willkommen heißen, als plötzlich ein Schatten auftauchte. Sie vermochte die Gestalt nicht zu erkennen und so blieben dessen Miene und sein gesamtes Gesicht schwarz wie die Nacht. Die Stimme schwenkte in ein Dröhnen über und das Einzige, was Katleen mit Sicherheit sagen konnte, war, dass es sich um einen Mann handeln musste. Sie wich zurück und spürte unweigerlich die Nähe des Fensters in ihrem Rücken. Der Fremde schnitt ihr den Weg in die Freiheit ab und steuerte geradewegs auf sie zu. Kurz vor ihr hielt er inne und deutete auf den Kamin, in dessen Innerem nun ein Feuer loderte und das Symbol auf dem Gestein zum Glühen brachte.
   Katleen verstand nicht, was hier vorging. Nebel liebkoste ihre Knöchel und sie sprang zur Seite, weil sie glaubte, verflucht zu werden. Doch der Rauch schmiegte sich nur an sie, bevor er, vor dem Kamin seinen Weg beendete und drei Personen freigab. Es handelte sich um Männer, die auf ihren Knien ruhten und schweigend um Vergebung baten. Der erste schaute auf und seine Miene war durchzogen von Furcht. Seine dunklen Locken verdeckten teilweise seine grünen Augen, sodass Katleen eine Weile brauchte, bis sie begriff, dass es ihr geliebter Luron war. Nun hob der Zweite den Kopf und kohleschwarze Augen musterten Katleen. Sie verpassten dem Mann etwas Düsteres, das durch seine pechschwarzen Haare unterstrichen wurde. Sie spürte eine Macht, die von ihm ausging, und fragte sich gleichzeitig, wie es möglich war, dass er hier vor ihr kniete.
   »Luron. Devin«, wisperte sie fassungslos und wollte auf sie zugehen.
   Der Dritte im Bunde war ihr ein Unbekannter, bestückt mit blondem, kurzen Haar und grünbraunen Iriden, die immer mal wieder ihren Platz mit einem sonderbaren Silber tauschten. Seine Lippen waren voll und genau wie seine Brauen wohlgeformt. Er trug einen schwarzen Mantel.
   Katleen schnappte nach Luft. Sie verstand dieses Zusammentreffen nicht. Immerhin war Devin tot, der Blondschopf ein Unbekannter und Luron ihr Liebster. Was hatten diese drei gemeinsam?
   Der Schatten hatte sich ihr mittlerweile genähert. Er verbarg sich hinter ihr, schmiegte sich wie der Tod an sie und trieb ihren Körper an, als würde er versuchen, etwas in ihr zu erwecken. Katleen wandte sich um, wollte seinen kalten Händen entkommen – vergebens. Er umklammerte ihre Kehle, drückte allerdings nicht zu. Schließlich gab er einer unsichtbaren Macht ein Zeichen und die Männer, die vor ihr versammelt waren, brachen röchelnd auf dem Boden zusammen. Katleen hatte entsetzt den Knall mehrerer Schüsse vernommen. Luron rollte über das Parkett, blieb vor den Flammen des Kamins liegen. Tränen liefen über seine Wangen. Er presste seine Finger auf die Wunde und winkte Katleen zu sich. Diese konnte sich nicht befreien, musste hilflos danebenstehen und mit ansehen, wie Devin und Luron starben.
   »Nein, bitte! Luron! Devin«, schrie sie, bis ihre Stimme versagte.
   Die Krallen des Schattens bohrten sich in ihre Haut, als sie versuchte, sich loszureißen. Er ließ sie nicht gewähren und zerrte sie fort aus jenem Raum. Im Flur schlugen ihr Kälte und der Geruch von Salz und Metall entgegen. Sie blickte hinab und erkannte einen blutigen Fluss zu ihren Füßen, der den Schatten in ihrem Nacken zu leiten schien.
   Die Stimme ihres Liebsten verblasste und bald sorgte sich Katleen nicht länger um ihren Halbbruder und Luron, sondern es machte sich Angst in ihr breit. Würde er auch sie ermorden? Sie wollte nicht darauf warten, ihr Ende begrüßen zu müssen, und trat wie eine Furie um sich. Irgendwann gelang es ihr, ihn zu treffen und sie kam frei. Der Fremde verpasste ihr einen Stoß und Katleen stürzte die angrenzende Treppe hinab. Jede Stufe formte ihren Körper, und Schmerzen durchfuhren sie wie Blitze.
   Unten angekommen verharrte sie in ihrer Stellung. Sie rang nach Atem, hielt sich die Rippen und robbte voran. Katleen wollte fort, flehte in ihren Gedanken um Gnade. Sie kroch über den Boden, schleppte sich in Richtung Ausgang, doch die Tür vergrößerte mit jedem Mal ihre Distanz. Schließlich hatte sie der Schatten wieder erreicht und drehte sie auf den Rücken. Katleen wehrte sich nicht, sie konnte ihm nichts mehr entgegensetzen.
   Er presste seine Hand auf die Stelle ihres Herzens und ein Schub aus Macht durchströmte sie. Ein Farbenspiel umhüllte sie, und etwas in ihrem Körper regte sich. Katleen holte aus, aber der Fremde stoppte ihre Attacke. Hilflos wartete sie auf eine Regung. Sie bäumte sich auf, durchlitt grauenvolle Schmerzen und riss sich ihr Shirt von der Haut. Irgendetwas stimmte nicht, und sie musste herausfinden, was es war. Sie fuhr über ihre Arme und Schultern, bemerkte Unebenheiten. Als würden Nadeln in ihrem Fleisch stecken und sich ihren Weg nach draußen suchen. Sie blieb an einer davon hängen und drückte ihre Nägel gegen die Haut. Katleen packte die Spitze und zerrte sie unter qualvollen Schreien nach draußen. Doch was sie hielt, war keine Nadel, nein, es handelte sich um einen Teil einer Feder. Sie realisierte, was geschehen sein musste, und ehe sie ihre Sprache wiederfand, ragten auf einmal weiße Schwingen an ihrer Seite empor. Jede zweite Feder war von Schwärze durchzogen und glühte wie die Flammen der Unterwelt. Halbblut hatte man sie genannt, doch sie verstand nicht, wieso es Engelschwingen waren, die ihre Persönlichkeit auszumachen schienen. Immerhin war sie Devins Schwester, eine Halbdämonin. Bevor sie sich mit ihrem Schicksal abfinden konnte, leuchtete ihr ein Augenpaar entgegen und der Schatten versuchte, sich ihrer zu bemächtigen. Katleen wich ihm aus, fand zurück auf die Beine und sprintete zur Tür. Mit einem Ruck öffnete sie diese und stürzte über die Schwelle. Kein Boden begrüßte sie, es war die gähnende Finsternis, die sie verschlang. Und sie fiel unaufhaltsam in die Tiefe. Ihre Flügel konnten nichts daran ändern.

*

Katleen löste sich von Luron und fiel rückwärts in die Kissen.
   Luron hielt sie liebevoll in seinen Armen. »Katleen«, schrie er. Ihre Iriden waren einem glühenden Weiß gewichen, wie er es lediglich von den Himmelskriegern kannte, wenn diese ihre Magie anwandten. Doch Katleen war ein Halbblut, ein Dämonenkind, und niemals dazu fähig, sich eine solche Kraft einzuverleiben.
   Er strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht und hauchte ihr einen Kuss auf die schweißnasse Stirn. Sie war aufgewühlt und keinesfalls gewillt, sich zu beruhigen. Ihr Herz raste, ihr Körper bebte und sie wehrte sich gegen seine Nähe. Irgendwann lehnte sie sich an seine Schulter und Tränen rannen an ihren Wangen hinab. Sie keuchte, schaffte es nicht, normal zu atmen. Dieser Traum hatte sie viel Kraft gekostet.
   »Beruhige dich, Katleen«, flüsterte er ihr zu.
   Sie schnappte nach Luft und hielt auf einmal inne. Sie tastete ihre Schulter hinauf und schien nach etwas zu suchen. Plötzlich verfinsterte sich ihre Miene erneut und ein Wimmern entkam ihrer Kehle. Sie riss sich etwas aus und holte es hervor. Als sie den winzigen Teil einer Feder erblickte, erschauderte sie und presste sich an Luron. Sie hatte sich tatsächlich eine Federspule aus der Haut gezogen, die wie bei den Vögeln fest in ihrem Rücken verankert war. Blut sickerte an der Stelle aus der Wunde.
   Luron drückte sie an sich und tastete vorsichtig ihren Oberkörper ab. Fragen drängten sich ihm auf und keine plausible Antwort kam ihm in den Sinn. Woher kam dieses Zeichen, was hatte das Tattoo zu bedeuten und wieso musste Katleen so sehr leiden?
   Er umarmte sie, drückte sie fest an sich und erstickte ihre Verzweiflung mit Küssen. »Was hast du gesehen?«
   Katleen zögerte. »Devin.«
   Luron schaute zu ihr hinab. Er stupste ihr Kinn nach oben und musterte sie fragend. »Devin?«, wiederholte er ungläubig.
   Katleen nickte. »Ihr seid gestorben und ich konnte euch nicht beschützen«, erklärte sie und wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Brust, und Luron stockte der Atem.
   Er konnte die Zeichen keineswegs deuten und doch musste er herausfinden, was mit Katleen geschehen war. Steckte Devin womöglich hinter ihren Qualen? Lebte er noch? Luron beschlich ein seltsames Gefühl und er würde nicht eher ruhen, bis er Katleen von dieser Bürde befreit hätte.

*

Nach den Albträumen war der neue Job für Katleen eine willkommene Abwechslung. Sie hatte die letzten Nächte so gut wie kein Auge zugetan, sich lediglich zum Schein neben Luron gelegt und mit Kaffee versucht, wach zu bleiben.
   Heute war ihr erster Tag als Kellnerin. Insgeheim freute sie sich darauf, wenn sie auch vor Müdigkeit fast tot umfiel. Sie begab sich in das Reich der Angestellten, das sich im Keller neben der Küche des Hotels befand. Katleen quetschte sich in ein niedliches Outfit, bestehend aus einem schwarzen Oberteil mit weißen Verzierungen und einem dunklen Rock, umgeben von einer Schürze. Sie steckte sich ihr Haar hoch, verdeckte ihre Augenringe mit etwas Make-up und genoss ein Pfefferminzbonbon, das für frischen Atem sorgen sollte. Als sie zufrieden war, stolzierte sie nach draußen und ließ sich von einigen Gleichgesinnten einweisen. Diese zeigten ihr die üblichen Dinge, das Verhalten, die Grundregeln der Freundlichkeit und den Umgang mit Gästen und Köchen. Sie bekam insgesamt sieben Tische zugewiesen und meisterte ihre Aufgaben mit Bravour.
   Katleen hatte sich in ihrer Jugend einige Zeit mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten müssen, weshalb sie nun auf ihre Erfahrungen zurückgreifen konnte. Sie balancierte die Teller und das Tablett auf ihren Händen, als hätte sie nie etwas anderes getan. Es bereitete ihr Freude, die Touristen zu beobachten, ihre Gespräche von Glück und Zufriedenheit zu belauschen. Sie stellte sich vor, wie es wohl wäre, eines Tages mit Luron irgendwo auf der Welt an einem solchen Tisch zu sitzen. Urlaub war ihr ein Fremdwort. Sie hatte in den letzten Jahren gern darauf verzichtet und ihre freien Wochen stets in ihrer geliebten Bar auf der Suche nach einem Mann für die Zukunft verbracht. Es hatte sie nie in die Ferne gezogen und ihr Wunsch, etwas von der Welt zu sehen, war erst in den vergangenen Monaten erblüht. Sie sehnte sich nach Ruhe und Frieden, wollte mit Luron jede freie Minute verbringen. Diese Momente der Zweisamkeit waren kostbar und in einer solch stürmischen und gefährlichen Welt konnte jeder davon ihr letzter sein.
   Ein Kollege rief Katleens Namen und sie schaute auf. Sie war in Gedanken versunken, riss sich gekonnt los und trabte mit einer Bestellung zum zweiten Tisch. Sie begrüßte die Gäste freundlich.
   Die nächsten Wochen vergingen unaufhaltsam schnell, als würde die Zeit gegen sie laufen. Sie kellnerte jede freie Sekunde und verdiente dabei gutes Geld. Katleen konnte vor ihren Träumen fliehen. Mittlerweile war sie abhängig von Kaffee und einigen Tabletten geworden und versuchte alles, um wach zu bleiben. Seit damals fürchtete sie sich davor, Luron zu verlieren und immer, wenn sie ihre Lider schloss, konnte sie seinen Tod sehen. Sie ertrug es nicht länger und hatte schon bald vor, Lestard zu kontaktieren und um Rat zu bitten. Sie erhoffte sich ein Heilmittel aus der mystischen Welt, das die Menschen nicht kannten und ihr den Schmerz oder die Erinnerungen an die Vision nehmen würde. Bisher hatte sie es jedoch nicht gewagt, den Vampir in ihre Probleme einzuweihen. Sie wollte Luron nicht enttäuschen, hatten sie sich doch geschworen, über die Visionen zu schweigen. Nun war sie an einem Punkt angekommen, an dem es kein Zurück mehr gab, und sie wollte das Risiko eingehen.
   Erneut hatte sie das Hotel aufgesucht, sich chic gemacht und für das Frühstücksbüfett gerüstet. Sie kämmte sich ihre Haare, richtete den Kragen ihres T-Shirts, das an den Seiten durch Puffärmel endete und strich die Falten an ihrem Rock gerade.
   »Morgen Frau Rousseau«, hörte sie eine Stimme sagen und wandte sich um. Ihre Chefin hatte sich in die Angestelltenräume begeben und einen wehleidigen Blick aufgesetzt, der Katleen nichts Gutes erahnen ließ.
   »Guten Morgen«, entgegnete Katleen und schloss die Tür zu ihrem Schrankfach, in welchem sie all ihr Hab und Gut verstaut hatte.
   »Ich störe Sie nur ungern, aber wir brauchen heute leider Ihre Hilfe an anderer Stelle und nicht im Restaurant.«
   Katleen horchte auf. »Wo soll ich einspringen?«
   »Eines der Zimmermädchen ist ausgefallen und ich wäre Ihnen äußerst verbunden, wenn Sie mit anpacken könnten«, bat die Frau und deutete auf eine Kollegin in ihrem Rücken. »Olga wird Sie einweisen und Ihnen Hilfestellungen geben«, erklärte sie weiter.
   »!« Olga begrüßte sie.
   Katleen zögerte. »Hallo. Natürlich, das ist kein Problem«, log sie, auch wenn sie sich ihre Arbeit in diesem Hotel deutlich anders vorgestellt hatte. Immerhin waren sie in einem der bekanntesten Hotels von ganz Frankreich gelandet, das mit vier Sternen ausgezeichnet worden war und einen besonderen Ruf hatte. Katleen war es egal, ob sie im Restaurant oder in einer der sechs Bars aushelfen sollte. Kellnern lag ihr im Blut. Colmar hatte sie verändert und sie war bereit, dieser Stadt eine Chance zu geben. So wurde es ihr also gedankt? Sie durfte Klos putzen und den Dreck anderer Leute entsorgen. Prima.

Nach getaner Arbeit hatte sich Katleen im Aufenthaltsraum unter die Dusche gestellt. Sie fühlte sich dreckig und musste dieses Empfinden schleunigst ändern. Immerhin wollte sie Cedric im Krankenhaus besuchen und nicht verbraucht oder nach Rauch riechen.
   Kurz darauf verließ sie das Hotel und machte sich auf den Weg zu ihrem Bruder, den sie so oft besuchte, wie sie nur konnte. Denn Cedric hatte Fortschritte gemacht und genoss sichtlich die Nähe zu den anderen Jugendlichen, die auf der Station übernachteten und eigene gesundheitliche Probleme hatten. Sie alle schienen zu wissen, dass Cedric körperlich nichts fehlte, dennoch nahmen sie ihn bei sich auf.
   Katleen hatte es aufgegeben, durch die Station zu irren und ihn zu suchen. Sollte Cedric im Bereich der Kinder und Jugendlichen seinen Spaß haben. Sie wollte ihn nicht dazu zwingen, das in ihrer Anwesenheit aufzugeben. Deshalb verabredete sie sich mit dem Arzt und besprach die restlichen Kleinigkeiten, die zu klären waren. Cloude Vanhaine war ein interessanter Gegner ihrer Ansichten, und immer wenn er konnte, versuchte er sie in Rage zu bringen. Mehr als einmal hatte sie sich in seinen bernsteinfarbenen Augen verloren und sich gefragt, wieso er es wagte, mit ihr so umzuspringen. Nur selten ließ er sie zu Wort kommen oder teilte ihre Meinung. Er war ihr erbittertster Feind und Cedric schien das Objekt ihrer Begierde.
   »Guten Abend, ich hoffe, Sie wissen, dass die Besuchszeit seit einer halben Stunde beendet ist.« Cloude verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Natürlich, ich kann meinen Bruder sowieso nirgends finden und wollte lediglich mit Ihnen sprechen.« Katleen ging auf Cloude zu, drängte sich an dem Arzt vorbei und öffnete die Tür zu seinem Zimmer.
   Cloude nahm hinter seinem Schreibtisch Platz. Er rutschte tief in seinen Stuhl und nickte Katleen zu, zwang sich zu einem Lächeln, das sich bei dem Blick auf seine Uhr in eine steinerne Miene verwandelte. Scheinbar hatte er längst Feierabend.
   Katleen deutete sein Verhalten als Zuspruch und setzte sich auf einen gepolsterten Stuhl.
   Cloude suchte die Fallakte heraus. »Nun, Ihr Bruder macht deutliche Fortschritte. Er konnte mir bereits Erlebnisse aus seiner Kindheit erzählen und schien sich zu erinnern.«
   »An was zum Beispiel?«
   »An Ihre Tante, ihr Leben in der Nähe von Paris und ihren Besuch bei Ihnen. Es fiel sogar das Thema des Schlächters von Paris. Er erzählte mir, dass Sie ihn einst als Polizistin gejagt hätten.«
   »Das ist richtig, aber die Zeiten ändern sich und der Beruf war mir einfach zu gefährlich«, log sie und zuckte mit den Achseln.
   Der Arzt lachte. »Als ich Sie das erste Mal an dem Automaten auf dem Flur gesehen habe, war es mir irgendwie klar geworden, dass Sie keine einfache Frau sind. Ich dachte mir bereits so etwas in Richtung Polizistin, Soldatin oder Söldnerin«, gestand er ihr und sie erblickte kleine Grübchen auf seinen Wangen.
   »So extrem war es nicht, aber ja, ich habe meinen Job geliebt«, erklärte sie. »Wie kommen Sie darauf? Was hat mich verraten?«
   Cloude lehnte sich nach vorn und stützte seine Hände auf dem Tisch ab. »Eine normale Frau hätte keinen Automaten auseinandergenommen, um an einen Schokoriegel zu kommen.«
   Katleen rümpfte die Nase. »Unsinn, viele handeln so.« Sie war sich siegessicher.
   »Gewiss, aber Ihre Körpersprache verrät weit mehr über Sie als Ihnen bewusst scheint«, erklärte er und grinste.
   »Zum Beispiel?«
   »Immer wenn Sie unsicher sind, setzten Sie ein Pokerface auf, damit ja keiner in Ihrer Umgebung etwas von Ihren Gefühlen mitbekommt. Darüber hinaus sind Sie weder schreckhaft noch machen Sie den Anschein, dass Sie etwas verängstigen könnte. Sobald Sie sich in Gefahr wähnen, wandert Ihre rechte Hand zu Ihrem Gürtel hinab. Ich vermute mal, dass früher genau dort Ihre Waffe verstaut war und Sie sich wohler fühlen, wenn Sie diese Bewegung ausführen. Außerdem sind Sie gut trainiert und haben hervorragende Reflexe.« Er griff sich eine kleine Glasflasche, in der sich Medizin zu befinden schien.
   »Woher wollen Sie das wissen?«
   Cloude führte mit einem Mal eine schnelle Bewegung aus und das Fläschchen steuerte geradewegs auf Katleen zu. Unbeeindruckt fing sie die Flasche auf, was seine Aussage mehr als bestätigte. Sie ärgerte sich, denn er hatte nicht unrecht. Sie spielte oft an ihrem Gürtel herum und vermisste ihre Waffe. Es war dieses zusätzliche Gewicht von einigen Hundert Gramm, das sie auf eine seltsame Weise vervollständigte.
   »Zugegeben, Sie scheinen Menschen gut einschätzen zu können.« Katleen beugte sich nun ebenfalls vor und drückte ihren Busen demonstrativ auf den Tisch. Sie knallte die Flasche neben seine Hände und starrte ihn selbstzufrieden an.
   Verunsichert musterte er sie. »Ich denke, das gehört dazu, wenn man als Arzt praktiziert«, meinte er und setzte sich auf. Ihm schien die unmittelbare Nähe zu ihr nicht ganz geheuer.
   »Sie sind einfach nur ein guter Beobachter und kein Menschenkenner. Männer wie Sie hocken gewiss nach Feierabend allein in ihrer Wohnung, schauen sich Softpornos an und philosophieren über ihr Leben. Kurzum: Sie haben eindeutig zu wenige Hobbys, wenn Sie die Zeit finden, mich zu analysieren.«
   »Die charmanten Seiten haben Sie scheinbar behalten.«
   Cloude wirkte amüsiert über ihre Vermutungen. Sie hatte gewiss nicht ins Schwarze getroffen, soviel stand fest. Natürlich bezweifelte sie, dass Cloude jeden Abend mit einem Porno auf der Couch verbrachte, aber sie hatte gehofft, in seinen Iriden Scham oder Verdutzen aufflammen zu sehen. Nichts. Cloude war gefasster als zuvor und schien sie am Haken zu haben.
   »Was soll das nun wieder heißen?« Katleen schaute verärgert drein.
   »Sie sind tough, aber umso härter die Schale …«
   »Sicher. Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen«, entfuhr es ihr harscher als gewollt.
   Der Arzt hielt inne und Stille breitete sich in dem Zimmer aus. Sie schienen sich einig, dass es an der Zeit für einen Themenwechsel war. Cloude schob ihr eine Mappe zu und öffnete sie. Katleen erblickte ein Bild ihres Bruders und las die ersten Zeilen des Textes.

Cedric Rousseau, fünfzehn Jahre alt, leidet an fortgeschrittener Amnesie, kann allerdings auf Erinnerungsfetzen zurückgreifen. Sein Unfall und der Hergang des Gedächtnisverlustes bleiben unklar. Er reagiert auf sein Umfeld mit deutlichem Interesse und gleichzeitig mit Zurückhaltung. Des Weiteren leidet er unter Nachtangst, die er körperlich nur schwer kontrollieren kann. In seltenen Fällen ist es nicht zu vermeiden, den Patienten zu fixieren, damit weder ihm noch seinen Mitmenschen ein Schaden entsteht. Der geistige Zustand des Patienten hat sich in den letzten Wochen deutlich verändert. Er scheint willig, sich mit dem zu konfrontieren, was dieses Ereignis ausgelöst hat. Heilungschancen bestehen, sind jedoch eine Frage der Zeit.

Katleen schaute auf und schloss die Akte. »Sie scheinen geringe Fortschritte zu machen«, stellte sie geknickt fest.
   »Leider. Aber immerhin ist Ihr Bruder wieder ein aufgeschlossener junger Mann, der sich nicht hinter seinem Schweigen versteckt«, erwiderte Cloude.
   »Ich wollte, dass er normal wird, leben kann und es vergisst. Er soll sich an mich als seine Schwester erinnern, doch alles, was er zu wissen scheint, ist die Tatsache, dass uns etwas Inniges verbindet.«
   »Er weiß es, sonst würde er Ihnen nicht mit Liebe und Zuneigung begegnen. Wenn ich zu schnell voranschreite und somit seine gesamten verdrängten Erinnerungen aufrufe, kann dies schreckliche Folgen haben. Sind Sie sich dessen bewusst?«
   Katleen zögerte. Das Knarren der Tür riss sie aus ihren Gedanken und sie wandte sich um. Cedric stand im Rahmen. Er starrte sie mit seinen großen grünen Augen an.
   »Cedric«, brachte Katleen verwundert hervor.
   Der Junge rührte sich nicht und verharrte an Ort und Stelle. Katleen erhob sich und ging auf ihn zu. Sie schloss ihren Bruder zurückhaltend in die Arme.
   »Du bist es«, hauchte Cedric und löste sich von ihr. Schatten durchzogen seine Miene und er wirkte kränklich, als würde ihn ein Fieberschub heimsuchen. Das zuvor so milde Grün leuchtete in einem helleren Ton, als hätten Hexenmeister persönlich einen Zauber darüber gelegt.
   »Ich bin deine Schwester«, wisperte Katleen und strich an seiner Wange entlang.
   Cedric schüttelte den Kopf. »Du bist es«, wiederholte er und seine Pupillen vergrößerten sich. Hatten sie ihm Pillen gegeben oder wie war dieser Effekt zu erklären? Seine Haut war blass. Die Lippen waren blutrot und sein Blick wandte sich nicht eine Sekunde von ihr ab.
   »Was meinst du damit?« Ihr war nun klar, dass sie keineswegs mit ihrem Bruder sprach. Der Junge hatte sich verändert.
   »Tochter der Schatten«, flüsterte er und streckte seine Hand nach ihr aus. Er zog das Oberteil hinauf, kämpfte gegen ihre enge Jacke an. Sowie er das Tattoo berührte, sackte er in ihren Armen zusammen.
   Es waren Sekunden gewesen und Katleen viel zu überrascht von seinen Worten, als dass sie hätte handeln können. Ein Kribbeln jagte durch sie hindurch wie die Genugtuung nach einer interessanten Nacht mit Luron. Sie sank auf die Knie, presste Cedric fest an ihre Brust und unterdrückte ein Stöhnen, als dieses Wohlwollen in Schmerzen überging. Sie schluckte die aufkommenden Tränen hinunter und schloss die Lider, in der Hoffnung, keine Vision zu erhalten, die sie nicht sehen wollte. Er hatte dasselbe zu ihr gesagt wie der sterbende Engel in der Gasse. Es schauderte sie bei dem Gedanken und der Frage, wie er ausgerechnet auf diese Bezeichnung gekommen war. Hatte sie damals aus Cedric einen überempfindlichen Menschen gemacht? Allein die Verbindung und Nähe zu dem Übernatürlichen konnte etwas erschaffen, dem sie nicht gewachsen war. Nun schien ihr Bruder die Schwingungen der Welten aufzufangen und davon erfahren zu haben. Wusste er, wovon er sprach? Was hatte dieser Begriff Tochter der Schatten für Katleen zu bedeuten?
   »Helfen Sie mir! Was ist mit ihm?« Katleen hob Cedric in ihre Arme.
   Cloude stürzte auf sie zu, übernahm den Jungen und brachte ihn zurück in sein Zimmer. Er bettete Cedric auf Kissen und hellen Laken, deckte ihn zu und schloss ihn an eine Maschine an. Das vertraute Piepen forderte Katleens Nerven heraus und die Angst, ihren Bruder auf eine solche Weise zu verlieren, nagte an ihren Gliedern.
   »Bitte, was stimmt nicht mit ihm?«, fragte sie erneut, dieses Mal wesentlich sanfter und freundlicher.
   Cloude drehte sich zu ihr und betrachtete sie, als würde sie die Schuld an Cedrics Zustand tragen. »Ein Rückfall.«
   »Was hat das zu bedeuten?« Ihre Stimme überschlug sich beinah.
   »Sagt Ihnen das irgendetwas? Hat er Sie schon einmal so genannt?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Nein und ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll.«
   Er suchte Abstand und blieb an der Seite von Cedric. »Ich muss Sie leider bitten, jetzt zu gehen.«
   Katleen erstarrte. »Wie bitte?«
   »Es tut mir leid, aber angesichts der Tatsache, dass Ihre Anwesenheit den Zustand Ihres Bruders scheinbar verschlechtert, möchte ich lediglich auf Nummer sicher gehen.«
   Katleen war verzweifelt über das Verhalten ihres Bruders und dass er wie ausgewechselt, ja geradezu besessen, erschien. »Sie haben recht«, sagte sie geknickt.
   »Wie kann ich Sie erreichen? Ich werde Sie anrufen, sobald es ihm besser geht«, versprach Cloude und lächelte, um sie zu beruhigen.
   »Ich habe meistens Spätschicht, denn ich arbeite in einem Hotel abseits der Stadt. Versuchen Sie es in den Morgenstunden, dann kann ich eventuell mit einer Kollegin die Schicht tauschen.« Katleen zückte einen Zettel und schrieb ihre Nummer auf. Ihre Finger zitterten vor Aufregung. Sie überreichte ihm das Stück Papier und ging. Als Notfallnummer hatte sie ihren Festnetzanschluss eingetragen, der zuweilen nicht besetzt war, weshalb Cloude gewiss nach ihrer Handynummer verlangt hatte. Sie verließ das Zimmer mit gemischten Gefühlen und nahm sich vor, ihre Sorgen in Arbeit zu ersticken.

*

Luron hatte seinen Job als leitender Detective mit Freude begrüßt. Die Ermittlungen zu dem Mord an dem seltsamen Engel in der Gasse hatte er bereits aufgenommen und dem Mörder dank einiger Überwachungsbänder ein Gesicht verpasst. Bei dem Mann handelte es sich um seinen dämonischen Gegner und er war erleichtert, dass ihn keine der Kameras bei dem Kampf mit diesem Monster gefilmt hatte. Sein Drucker lief beinah heiß, als er das Bild des Mannes an jeden der Beamten herausgab.
   »Dieser Mann ist unser erster Verdächtiger. Er wurde nahe der Gasse zum Zeitpunkt des Mordes gesehen«, schilderte er die Situation. Luron war sich im Klaren, dass er die Menschen auf einen ihnen überlegenen Dämon ansetzte und dennoch bereitete ihm diese Tatsache keine Sorgen. Damals hatte er Katleen vor genau dieser Welt schützen wollen und sie nur tiefer hineingezerrt. Nun war seine Furcht dem Wunsch nach Vergeltung gewichen. Er wollte diesen Dämon hinter Schloss und Riegel sehen oder zumindest dessen Leiche der Welt als Ausgleich präsentieren. Noch schien keiner etwas von seinen Motiven zu ahnen und er selbst war von sich und seiner düsteren Seite mehr als überrascht. Es mochte Instinkt sein, aber aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund wusste er, dass der Dämon erneut zuschlagen würde. Es war nur eine Frage der Zeit.
   Luron ordnete seinen Schreibtisch und heftete das Bild des Mörders an die Pinnwand. Danach begab er sich ins Labor, um herauszufinden, wie der Engel getötet wurde und ob er sich für einen Krieg bereithalten müsste.
   Als er die Stufen in den Keller hinabstieg, umfing ihn die vertraute Kälte und der Geruch von Reinigungsmitteln stieg ihm in die Nase. Die Gerichtsmedizinerin wartete bereits auf Luron. Ihr weißer Kittel ließ sie wie eine Ärztin erscheinen und verpasste ihr einen Hauch von Macht, da sie stets die Erste war, die Genaueres wusste.
   »Hallo, ich bin Luron Lafleur«, stellte er sich vor und reichte ihr seine Hand.
   Die Frau begrüßte ihn mit einem Lächeln. Sie war Ende zwanzig, also recht jung für diesen Job. Nervös kaute sie auf ihrem Kaugummi herum. »Jessica Embrey«, erwiderte sie und zog ihre Augenbrauen hoch. Sie musterte ihn ausgiebig. »Hätte ich gewusst, dass zwei Stockwerke über mir solche Männer frei herumlaufen, würde ich meine Zeit gewiss nicht hier unten damit verbringen, Leichen zu obduzieren.«
   Luron schmunzelte. »Frei herumlaufen? Wäre es Ihnen vielleicht lieber, wenn wir in Käfigen hausten?«
   Jessica seufzte und legte eine Hand auf seine Schulter. »Zwischen all den Toten fühle ich mich manchmal allein. Wenn sich tatsächlich einer der Neulinge in den Keller wagt, glauben die, eine Hexe würde hier hausen. Sie nennen mich sogar die Schwarze Witwe. Ein törichter Haufen von Männern. Scheinbar wurden Sie hinzugeholt, damit wenigstens ein Fall gelöst werden kann«, replizierte sie.
   »Schwarze Witwe?« Luron löste sich von ihr.
   »Dazu äußere ich mich lieber nicht«, gab sie zu verstehen und strich sich eine Locke aus der Stirn. Ihre haselnussbraunen Augen leuchteten auffordernd, als würde sie es als willkommene Abwechslung empfinden, Luron an ihrer Seite zu wissen.
   »Nun gut, was haben Sie für mich?«, fragte er und blickte auf das Leichentuch hinab.
   Sogleich entblößte sie den entstellten Körper, der deutliche Spuren der Obduktion aufwies. Der Y-Schnitt in der Brust des Opfers weckte sofort Lurons Interesse. Mehr sogar als die tödliche Wunde, die die Gerichtsmedizinerin gesäubert und versucht hatte, zusammenzuflicken.
   »Sie werden nicht glauben, an was dieser Mann gestorben ist«, begann sie und schien sichtlich Spaß an ihrer Arbeit zu haben.
   »Erklären Sie es mir«, bat er.
   Was Jessica definitiv nicht erkannte, waren die Schwingen, die wie Schatten an den Seiten der Leiche herabhingen. Luron konnte sie streifen und sogar spüren, wenn er dies gewünscht hätte. Waren die Menschen nicht durch den Kontakt mit dem Übernatürlichen empfindlich für die Dunkelheit oder das Licht geworden, waren sie meist blind für die Ereignisse, die direkt vor ihrer Nase stattfanden. In einem anderen Leben würde Jessica womöglich die Schwingen bewundern, studieren und der Welt präsentieren. Dann hätte sie jedoch gleichzeitig eine Bürde zu tragen, die er ihr nicht wünschte.
   »Der Mörder hat versucht, das Herz des Mannes aus dessen Brust herauszureißen, ist allerdings kläglich gescheitert«, berichtete Jessica und deutete mit ihrem Stift auf die Wunde.
   Luron schnappte nach Luft, denn das war ein grausames Ende für ein Geschöpf des Himmels.
   »Die anderen Opfer dieses Mörders wiesen alle dieselben Wunden auf. Dieser Kandidat«, sie deutete auf die Leiche, »hat noch gelebt, als er sich an seinem Herzen vergriff. Scheinbar wurde der Mörder gestört.«
   Luron quetschte sie mit einem gezielten Blick aus. »Das heißt, man hat bei den anderen Opfern kein Herz am Tatort gefunden?«
   Jessica nickte. »Der Mörder scheint ein barbarischer Trophäenjäger zu sein. Er hat sie alle mitgenommen, bis auf dieses. Wodurch sein Fehler zu unserem Glück wurde.«
   »Was haben Sie gefunden?« Es war ihm klar, als sie diese Belanglosigkeit erwähnt hatte. Der Dämon schien etwas hinterlassen zu haben und ausgerechnet dessen Schludrigkeit würde diese Frau dieser gefährlichen Welt ein Stück näher bringen.
   »Es ist ein eingebranntes Zeichen. Das Symbol ist winzig, aber ich habe etwas Derartiges noch nie zuvor gesehen«, konterte sie.
   »Zeigen Sie es mir«, verlangte er und Jessica holte einige Fotografien hervor. Luron betrachtete die Bilder, fuhr die Linien des Zeichens entlang und erstarrte. »Vielen Dank, Sie haben mir sehr weitergeholfen«, brachte er hervor und riss die Beweise an sich. »Darf ich die behalten?«
   Jessica nickte abermals, ein wenig überrumpelt von seiner Reaktion. »Natürlich.« Sie zog das Leichentuch über den Körper, um die Schandtat des Mörders erneut zu verbergen.
   »Dann werde ich mich auf die Jagd begeben.« Luron verabschiedete sich.
   »Passen Sie auf sich auf, der Kerl scheint nicht lange zu fackeln und ist meines Erachtens extrem gefährlich. Es wäre eine wahre Schande, Sie nach so kurzer Zeit nackt auf meinem Tisch liegen zu haben.«
   Luron wurde ein wenig von ihrer Andeutung verunsichert, und obwohl sich diese Frau Sorgen um ihre Kollegen machte, hatte er nur nackt verstanden. Ein Lächeln schummelte sich auf seine Lippen, und als er gerade ihre Flirtversuche unterbinden wollte, winkte sie ab.
   »Seien Sie einfach vorsichtig. Der Letzte, der sich mit dem Mörder angelegt hat, ist vor einigen Wochen verschwunden und wahrscheinlich tot«, gestand sie ihm und machte kehrt. Trauer lag in ihrer Stimme. Luron konnte den salzigen Duft von frischen Tränen wahrnehmen, ohne ihr Gesicht zu sehen.
   »Danke für die Hilfe.«
   Er kehrte ins Treppenhaus zurück. Luron hetzte die Stufen nach oben und ignorierte seinen Instinkt, der ihn vor diesem Fall warnte. Oben angekommen vernahm er das Getuschel seiner Kollegen.
   »Er ist zurück aus der Höhle der Schwarzen Witwe«, flüsterte einer zu seiner Rechten.
   Bevor Luron munter drauflosraten würde, beschloss er den Mann nach dem Spitznamen von Jessica zu fragen. »Was hat es damit auf sich?«
   Die Männer verstummten und tauschten kurz Blicke, bevor sich ihre Mienen entschärften.
   »Wissen Sie das denn nicht? Jessica steckt viel zu tief in diesem Fall. Ihr Verlobter Cassiel war als ermittelnder Beamter tätig und wurde auf den Mörder angesetzt. Vor etwa einem Monat ist er spurlos verschwunden. Keiner spricht es aus, aber wir alle wissen, dass er nicht wieder auftauchen wird. Cas ist gewiss tot, und Jessica versucht, damit umzugehen. Einige munkeln, dass sie ihn in den Tod geschickt hätte, denn auf ihre Bitte hin nahm er den Fall unter die Lupe.«
   Die Kollegen vergruben ihre Hände in den Hosentaschen.
   »Die Frau, die ihren Mann in den Tod schickte …« Luron schnappte nach Luft. »Ihr seid wirklich nette Kameraden!« Er machte kehrt und schüttelte sich, als er den Spitznamen auf die zierliche Frau anwandte. Mit welchem Recht durften sie Jessica so etwas antun? Litt sie nicht genug? Allein schon die Ungewissheit hatte Luron damals wegen Katleen beinah den Verstand geraubt. Er wurde ein wenig an den Fall erinnert und fasste sich ein Herz. Wenn er über ihre Sprüche nachdachte, entdeckte er ihre bröckelnde Fassade, die gewiss als Schutz vor den Kameraden dienen sollte.
   Darüber hinaus war Luron an einer Stelle angelangt, wo er nicht länger schweigen konnte. Er musste seinen Freund Lestard informieren, denn als Unbestimmter würde schon bald viel Ärger auf ihn zukommen. Luron hatte soeben das Zeichen der Macht in dem Leib eines toten Engels wiedergefunden und das konnte nichts Gutes verheißen.

*

Katleen hatte die gesamte Nacht auf Lurons Eintreffen gewartet und es sich in den Kopf gesetzt, auch ohne Schlaf die Frühschicht für eine Kollegin zu übernehmen.
   Sie hatte mehrere Tassen Kaffee intus, als sie im Hotel ankam, sich in Schale warf und den Gästen das Frühstück servierte. Katleen musste immer wieder ein Gähnen unterdrücken, kämpfte sich trotz Müdigkeit durch und ließ sich nichts anmerken. Ihre Albträume waren schlimmer geworden und sie fürchtete sich davor, weitere Einblicke auf eine mögliche Zukunft zu erhalten, die ohne Luron stattfinden würde.
   Sie schüttelte den Kopf, pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht und schenkte einem Gast etwas Tee nach. »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«, fragte sie freundlich und warf dem jungen Mann ein verführerisches Lächeln zu, wodurch dieser sofort von seiner Freundin unter dem Tisch getreten wurde. Katleen musste sich ein Schmunzeln verkneifen und zwinkerte ihm kurz zu, bevor sie in der Küche verschwand.
   Endlich war sie wieder in ihrem Element, konnte die Touristen bedienen und musste nicht Zimmermädchen spielen und von irgendwelchen fremden Leuten die Kondome wegräumen. Diesen Schock hatte sie insgeheim noch nicht verdaut.
   Als der erste Schwung an Gästen durch war, säuberte sie die Tische, deckte neu ein, kehrte den Boden in ihrem Bereich und bereitete zusammen mit einigen Köchen die Speisen für die nächste Gruppe vor. Sie war lediglich dazu in der Lage, ihre künstlerische Ader zu vertiefen, indem sie mit Obst und Gemüse wahre Gemälde auf die Teller zauberte. Ihr Chef schien zufrieden und somit brachte ihr die Küchenarbeit unverhofft etwas Spaß.
   Nach dem Mittagessen begrüßte sie die verdiente Pause. Am Nachmittag zum Kaffeetrinken wäre sie endlich von ihrer Schicht erlöst und könnte sich wieder ihren Problemen widmen. Sie hatte heute in der Früh bereits bemerkt, dass jenes seltsame Tattoo an ihrem Bauch furchtbar juckte und das Verlangen, zu kratzen, stieg. Katleen spritzte sich etwas kaltes Wasser auf die Stelle und hoffte inständig, dass es sie nicht bei den letzten Stunden der Arbeit belästigen würde. Allerdings hatte sie da die Rechnung ohne ihren Körper gemacht, der ihr schon bald signalisierte, dass sie dringend Ruhe und vor allem Schlaf benötigte. Als ihr das erste Tablett entglitt und zu Boden krachte, realisierte sie, dass es ein Trugschluss war, sich etwas so Schwerwiegendes nicht eingestehen zu wollen.
   Sie bat um Verzeihung, räumte den Unrat weg und verließ den Speisesaal. Von Kopfschmerzen geplagt lehnte sie sich gegen die Tür in der Umkleide und ließ sich auf die Bank sinken. Sie rieb sich über die Schläfen und brachte ein Stöhnen hervor, als nun auch ihr Magen zu rebellieren begann. Katleen griff in ihr Schrankfach und holte ein angebissenes Sandwich hervor. Sie schluckte einen Teil des Gemischs aus Schinken, Gouda, Mayonnaise und Brot hinab und warf den Rest in den angrenzenden Mülleimer. Sie zerstörte sich. Sie schlief nicht, aß nicht und hörte vor allem nicht auf die Sprache ihres Körpers. Sie war ausgelaugt, mit den Nerven am Ende, brauchte dringend Hilfe. Aber sie öffnete sich keinem, nicht einmal ihrer großen Liebe. Katleen konnte ihre Unsicherheit vor Luron keinesfalls verbergen. Nur mit dem richtigen Make-up, einer Kanne Kaffee intus und ihren langen Spaziergängen war sie dazu in der Lage, ihn zu täuschen. Der Einfluss der Natur tat ihr gut. Obwohl sie sich Luron anvertrauen wollte, fürchtete sie, er könnte ihre einzige Chance auf einen Neuanfang in Colmar aufgeben, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Wenn sie an die Umzugskosten dachte und wie glücklich er in dieser Stadt war, machte sich in ihrem Magen ein mulmiges Gefühl breit. Wie hätte sie ihm je diese Freude nehmen können? Er liebte diese Stadt, wahrscheinlich inzwischen genauso sehr wie Katleen. Sie wollte ihm einige wundervolle Jahre schenken, ohne Probleme, auch wenn das Tattoo ihre Beziehung belastete. Sie würde standhaft bleiben und Luron vorerst ihr größtes Geheimnis verschweigen.
   Ein Schock durchdrang ihre Glieder und Katleen glaubte für einen Moment, den Bissen nicht vertragen zu haben. Ehe sie sich versah, verlor sie den Halt und rutschte von der Bank, als wäre ihre Muskelspannung verloren gegangen. Sie landete auf dem Boden und schloss ihre Lider. Sämtliche Kraft war erloschen und nun hatte sich ihre Ignoranz gerächt. Katleen versank in ihren Träumen, schaffte es keineswegs, sich zu wehren. Selbst der letzte Versuch, die Hand nach einem lauwarmen Kaffee auf der Anrichte auszustrecken, konnte nichts mehr bewirken.

Katleen erwachte auf einer Anhöhe, die sie stark an die Alpen von Österreich erinnerte. Sie hatte diese oft auf Bildern bewundert, jenes Land allerdings nie zuvor besucht. Ein Fluss schlängelte sich durch ein Meer aus Blumen und vermischte das milde Grün der Gegend mit einem zarten Blau, das die hellen Steine darunter preisgab. Das Läuten von Glocken war in der Ferne zu vernehmen und wurde erst durch das Geklimper von Kühen unterbrochen, die mit einem musikalischen Halsschmuck versehen waren.
   Katleen lief einige Schritte auf das Ende der Wiese zu und erreichte eine Klippe, die geradewegs in eine Schlucht mündete und den Abgrund offenlegte. Sie streckte ihre Füße darüber, spielte mit dem Gedanken, zu fliegen und ließ es einfach geschehen. Sie sank in Windeseile hinab, nahm den Geruch von Enzian und gemähtem Gras in sich auf und wirkte erleichtert. Weiße Schwingen breiteten sich an ihren Seiten aus, als hätte sie genau das erwartet. Katleen begrüßte ihre Flügel mit einem Lächeln. Sie bewegte sie mit Leichtigkeit und flog der Sonne mit einem Jauchzen entgegen. Nie zuvor hatte sie in ihren Träumen fliegen können und nun war sie gewillt, diese Fähigkeit auszukosten. Dieses Gefühl brachte etwas geradezu Wunderbares mit sich und zum ersten Mal in ihrem Leben, schien sie keine Sorgen zu haben – sie war frei.
   Als sie hinab auf das Tal blickte und den Menschen bei ihrem Treiben zusah, veränderte sich auf einmal ihre Umgebung und das typische Bild von Colmar drängte sich ihr auf. Sie erkannte die Fachwerkhäuser, die verspielten Restaurants, den Fluss und die Blumenranken, die Weinstraße und ihren Arbeitsplatz.
   Katleen schnappte eisern nach Luft, als qualvolle Schreie an ihre Ohren heranragten und sich die Menschen in lebende Tote verwandelten. Es erschien ihr surreal, dass sich alles, was einst menschlich war, nun nach dem Fleisch der anderen verzehrte. Blut tränkte die Gassen und Straßen, Kinder riefen nach ihren Eltern, Tiere jagten von Furcht geplagt aus der Stadt, und nur einer vermochte sich dem Unheil zu stellen. Es war Luron, der an der Grenze verharrte und keinen zu den Überlebenden ließ, an seiner Seite befand sich wieder dieser fremde Blondschopf mit den verführerischen silbernen Augen, der ihm beistand und ihm den Rücken freihielt. Sie waren das perfekte Team, ergänzten sich wie Brüder und sie schafften es tatsächlich, einige wenige zu retten. Als Katleen ihren Fuß auf den Boden setzte, spürte sie das warme Blut der Opfer, das zwischen ihre Zehen floss. Erst jetzt bemerkte sie, dass sich ihre Erscheinung verändert hatte und je eine Seite ihrer Persönlichkeit, die auszudrücken schien, was in ihr ruhte, hervorgekommen war.
   Ihre rechte Körperhälfte war gekleidet in edlem Weiß, beherbergte einen Flügel, engelsgleich und beinah einen Heiligenschein, während ihre linke Seite, von der Schwärze verschlungen wurde, sich Nebel um ihre Knöchel schlängelte und ein schwarzer Flügel Federn ließ. War es das, was ihr der Traum zeigen sollte? Dass sie nicht fähig war, sich für einen Herrscher zu entscheiden?
   Sie war verunsichert und wagte sich dennoch vor. Sie schritt gediegen auf Luron und den Fremden zu, wurde allerdings ausgerechnet von ihrem Liebsten zurückgewiesen. Hinter ihr war das Grölen der Toten zu vernehmen. Wie Schatten suchten sie sich ihren Weg, unaufhaltsam, gefährlich und blutrünstig. Sie lechzten nach ihren Gegnern, verzehrten sich nach ihrer Beute und kein Wort, keine Handlung, hätte sie stoppen können. Verzweifelt versuchte sie zu fliehen, doch es gelang ihr nicht. Sie schien gebunden an diesen Ort, um dem Grauen entgegenzusehen und durch dessen Hand zu sterben. Als die Untoten ihre Finger nach ihr ausstreckten, spürte Katleen deren Fluch auf ihrer Haut, der auf sie überging, sie streifte und durchdrang. Sie fühlte keinen Schmerz, keine Furcht, kein Entsetzen. Katleen war geborgen, wurde umringt vom Tode und nahm in dessen Mitte ihren Platz als Dienerin der falschen Seite ein. Finsternis verschlang sie und sie schrie unentwegt Lurons Namen.
   Getrennt durch das Schicksal, durch einen bevorstehenden Krieg und erwählt von dem Falschen. Katleen wandte sich um. Sie wollte dem Anführer in die Augen sehen, ihn um ihre Freiheit bitten, doch wieder erblickte sie lediglich jenen Schatten, der ihr seit Neustem in den Träumen herumspukte. Ein Meer aus Flammen zerriss das Band zwischen Katleen und Luron. Sie schrie, hielt die Stelle über ihrem Herz und das Zerbrechen von Glas war zu vernehmen. Ihre Sicht verschwamm und alles, was ihre Lippen zustande brachten, war eine einzige Frage. »Was befiehlt Ihr, mein Meister?«

Schweißgebadet erwachte Katleen und kämpfte sich nach oben. Ihr Puls raste, sie hatte Schmerzen beim Atmen und bemerkte erst jetzt, dass sie eingeschlafen war. Mittlerweile schien ihr Körper den Albträumen nicht mehr gewachsen zu sein. Benommen erhob sie sich, wischte sich über die Stirn und rieb sich ihre Augen. »Was für ein Traum«, wisperte sie vor sich hin und konnte nicht fassen, was sie zu sehen geglaubt hatte. Sollte dies eintreffen? War alles Realität oder entsprang es lediglich ihrer Fantasie? Sie wusste nicht mehr, wem sie vertrauen konnte und da sie sich weigerte, es Luron zu beichten, schwieg sie. Sie fraß den Frust in sich hinein und versuchte allein damit klarzukommen.
   Da niemand der Angestellten ihre Abwesenheit bemerkt hatte, beschloss sie, in den verdienten Feierabend zu gehen und sie machte sich auf den Weg nach Hause. Wie gewöhnlich nutzte sie eine direkt für die Angestellten angefertigte, schmale Treppe, um den Gästen auszuweichen. Sie schritt die ersten Stufen hinauf und hatte ein konkretes Ziel: den Hinterausgang.
   Plötzlich vernahm sie ein seltsames Geräusch, gefolgt von dem Keuchen einer Person. Sie warf den Kopf in den Nacken und schaute gespannt nach oben, bis sie sich in den Augen einer Fratze verlor, der sie nichts Menschliches zuordnen konnte. Katleen wartete auf eine Regung, obgleich sie durch ihre Furcht erstarrt war. Ihre Beine verweigerten ihr den Dienst, und als das Keuchen einem lauten Stöhnen wich und die besagte Person näher kam, strömte Adrenalin durch ihre Adern und belebte sie. Katleen rannte die Stufen wieder hinab.
   Sie wollte unbedingt den Raum der Bediensteten erreichen und verschließen, um sich in Sicherheit zu wiegen. Zu spät. Ein Blick über die Schulter genügte und sie erkannte, dass ihr vermeintlicher Verfolger dem Nichts gewichen war. Als sie aufatmen wollte, spürte sie einen festen Druck an ihrer Seite und sie schaute geradewegs in das Gesicht eines Geistes. Er war wie sie aus Fleisch und Blut, schwitzte, lebte und rang nach Luft. Allerdings konnte sie keine Miene erkennen. Sie fragte sich, wie es der Mann so schnell geschafft hatte, ganze zwei Stockwerke im Bruchteil einer Sekunde zu überwinden. Als jedoch weiße spitze Zähne in seinem Mund aufblitzten, verstand sie, was vor sich ging. Sie konnte ihrem Schicksal nicht entfliehen und verlor noch im selben Moment den Halt. Er hatte sie gestoßen, unabsichtlich und doch stark genug, dass sie ihr Gleichgewicht verlor. Ihr Kopf schlug auf den Stufen auf und Blut sickerte an ihrer rechten Schläfe hinab. Ihre Rippen und ihr Rücken fühlten sich an, als wäre sie soeben einhundert Meter tief gestürzt. Verzweifelt kämpfte sie gegen ihre Angst an. Sie wollte wach bleiben, dem Grauen entgegenblicken und es durch ihre Entschlossenheit vertreiben, doch als sie an sich hinabsah und bemerkte, dass die Dunkelheit bereits ihre Finger nach ihr ausstreckte, resignierte sie. Hilflos war sie einem Fremden ausgeliefert, der sich der Finsternis bediente und sie zu verschlingen drohte.

*

Luron hatte bis in die Morgenstunden gewartet, doch von Katleen fehlte jede Spur. Langsam wurde er nervös. Auf seine Anrufe reagierte sie nicht, was untypisch war. Vielleicht musste sie eine Sonderschicht in der Bar übernehmen und hatte lediglich vergessen, es ihm zu sagen? Er spielte jedes mögliche Szenario in seinem Kopf durch, versuchte sich zu beruhigen und redete sich ein, dass sie hart für ihr Geld arbeitete. Während er spürte, wie sich sein Herzschlag erhöhte, wählte er die Nummer von Lestard. Der Vampir zog es zuweilen vor, sich bei Sonnenlicht in seinen Gemächern nahe Paris zu verschanzen und genau diese Schwäche nutzte Luron, um ihn mit Sicherheit zu erreichen.
   »Hallo?«, fragte er am anderen Ende.
   »Ich bin’s.« Viel zu lange hatten sie nicht miteinander gesprochen. Lestard fehlte ihm an seiner Seite und Luron fühlte sich zuweilen auf eine seltsame Weise unvollständig. Zu Beginn hatte er geglaubt, dass Katleen jenes Loch füllen könnte, bis er erkennen musste, dass sie bereits in seinem Herzen war und noch jemand fehlte.
   »Du weißt schon, dass ich deine Nummer auf dem Display sehe«, erwiderte Lestard.
   »Ich brauche deine Hilfe. Wir haben Probleme, zwei um genau zu sein«, begann Luron.
   »Welche, und wieso versuchst du mich erneut hineinzuziehen?«, hakte Lestard ein wenig verärgert nach.
   »Katleen ist nicht von ihrer Schicht zurückgekehrt. Ich werde in ein paar Minuten losfahren und überprüfen, wo sie bleibt.«
   »Beziehungsprobleme sind deine Angelegenheit.« Lestard seufzte.
   Luron schnappte sich die Autoschlüssel und schlüpfte in seine Jacke. »Es ist etwas passiert.« Er atmete tief ein. »Katleen und ich wurden Zeugen eines Mordes an einem Engel hier in Colmar.«
   »Und was daran ist so sonderbar?«
   »Das Zeichen der Macht ist aufgetaucht. Ich ermittle derzeit in diesem Fall, der einen dämonischen Serienmörder einschließt. Ich habe auf dem Herzen des Opfers das Symbol entdeckt und frage mich, was Devin nach Paris verschlagen hatte und ob er tatsächlich nur als Seelensammler unterwegs war.«
   »Bist du dir sicher? Ist es wirklich das Zeichen?«
   Luron sah das Bild erneut vor sich, die Rundungen und Linien, die miteinander verschmolzen, sich zu einem halben Herz vereinten. Die Spitze mündete allerdings in einer Schwertlilie und dies wurde durch einzelne Verzierungen ausgebessert. »Ich bin mir sicher. Es wird schon bald Krieg geben und ich glaube, Luzifer hat einen Weg gefunden, seine Macht zu vervielfältigen. Wir haben keine Wahl. Wir befinden uns bereits zwischen den Fronten.« Er war wütend, es verlangte ihn regelrecht nach etwas, wo er draufschlagen und seinen Frust abbauen konnte.
   »Du denkst, Katleens Verschwinden und das Zeichen stehen in einem Zusammenhang? Luron, das ergibt alles keinen Sinn.« Lestard versuchte ihn aufzumuntern, ihm die Ängste zu rauben. Leider ohne Erfolg.
   Luron schloss die Wohnungstür und hetzte die Stufen hinab. Vor seinem Auto blieb er stehen und blickte der bezaubernden Morgenröte entgegen, die die Weinstraße in ein mildes Orange tauchte. »Katleen verwickelt sich oft in Schwierigkeiten. Außerdem scheint uns Luzifer näher denn je zu sein, jetzt, wo sich seine Dämonen in die Öffentlichkeit wagen. Ich mache mir Sorgen.«
   »Ihr geht es sicher gut. Fahr und sieh nach ihr. Gewiss arbeitet sie, um für eure Schulden aufzukommen.«
   »Schulden?«, brachte Luron empört hervor.
   Ein Lachen war am anderen Ende zu vernehmen. »Du weißt, was ich meine.« Lestard machte eine kurze Pause. »Und wenn wir fliehen?«, fragte er mit einem hoffenden Unterton, um das eigentliche Thema wieder aufzugreifen.
   »Vor Luzifer kann man nicht fliehen.« Luron schob sämtliche Hoffnungen beiseite.
   »Dann sind wir verloren.«
   »Ja, das sind wir wohl.«

*

Mit stechenden Schmerzen erwachte Katleen. Orientierungslos zog sie sich am Geländer nach oben und lief die Stufen hinauf. Taumelnd steuerte sie auf die Lobby zu, wo sie von einigen verwirrten Gästen begrüßt wurde. Ihr Zustand war grauenvoll, das konnte sie an ihrer blutgetränkten Kleidung und den Gesichtern der Touristen ablesen. Sie hatte bereits seit einigen Minuten aufgehört, sich ihre Seite zu halten, denn die Qualen ihrer Rippen waren verflogen. Ein Arbeiter von der Rezeption rannte auf Katleen zu. Er war außer sich, Angst lag in seiner Miene.
   Katleen klammerte sich an den Mann und hauchte ihm einen Namen entgegen, den er wohl niemals verstehen würde. Dann brach sie in seinen Armen zusammen. Der Angestellte federte sie ab und legte sie behutsam zu Boden. Er zog seine Jacke aus, hob ihren Kopf an und machte ihr die Situation ein wenig bequemer. Er zückte sein Handy und alles was Katleen verstand, war der Name eines Krankenhauses – jenes, wo sich auch ihr Bruder bereits in Behandlung befand. In dem Glauben, dort in guten Händen zu sein, schloss sie ihre Lider und vertraute auf die Hilfe des Mannes, der über ihre Stirn tupfte. Das Pochen in ihren Schläfen hatte mittlerweile besondere Ausmaße angenommen. Sie hatte sich ihre Freiheit erkämpft und dennoch fragte sie sich, wieso jene Fratze sie nicht verschlungen oder entführt hatte. Was war geschehen? Sie konnte sich kaum erinnern. Müde ordnete sie ihre wirren Gedanken und versank zum ersten Mal seit Langem in tiefem Schlaf – ohne zu träumen.

Katleen blinzelte und versuchte vergebens, sich aufzurichten. Sie tastete nach der Wunde an ihrem Kopf, den ein Verband schmückte. Ihr Haar war stumpf und zerzaust. Als sie ihren Blick schweifen ließ, erkannte sie Cloude Vanhaine, der auf einem Stuhl in der Ecke saß und eine Akte studierte. Sie räusperte sich und erhielt wie gewünscht seine Aufmerksamkeit.
   »Sie sind wach«, stellte der Arzt fest und erhob sich. Er ließ die Akte sinken und gesellte sich mit einem Lächeln auf den Lippen zu ihr.
   Katleen gab ein Stöhnen von sich. »Was ist passiert?«
   »Ich habe Ihnen etwas gegen die Schmerzen gegeben, allerdings müssen Sie zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Sie haben eine Gehirnerschütterung und eine Platzwunde, die wir nähen mussten«, erklärte der Arzt und beugte sich zu ihr hinab. Er zückte eine Lampe, die an der Rückseite seines Stiftes befestigt war, und leuchtete Katleen in ihre Augen. »Versuchen Sie bitte, dem Licht zu folgen.«
   Katleen tat wie ihr befohlen und scheinbar war ihr Zustand stabil.
   »Wir werden abwarten, wie es Ihnen morgen geht und ob wir Sie entlassen können.« Cloude verschränkte die Arme vor der Brust. »Erinnern Sie sich denn an etwas?«, hakte er neugierig nach.
   Katleen dachte an die Szene im Treppenhaus, diese fremde Person und die Angst, die sie gespürt hatte. Sie schauderte. »Ich bin die Treppen hinuntergefallen. So was nennt man wohl Gefahren am Arbeitsplatz.« Sie verstummte, als sich ihr Kopf schmerzhaft zurückmeldete. Seine Pillen schienen demnach nicht zu wirken.
   Cloude konnte sich ein Schmunzeln keineswegs verkneifen. »Sie machen vielleicht Sachen. Seien Sie bitte etwas vorsichtiger. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie in Paris ein regelrechter Stammgast im Krankenhaus waren. Wollen Sie diese Tradition etwa aufrechterhalten?«
    »Sie haben mein Krankenblatt angefordert«, stellte sie fest und ließ sich zurück in die Kissen sinken.
   »Was hat mich verraten?« Cloude fuhr sich durch sein blondes Haar und kam ihr näher.
   »Wozu? Was haben Sie versucht den Akten zu entnehmen?«, wollte Katleen wissen. Sie hatte keine Ahnung, ob sie es ihm übel nehmen sollte, oder ob er lediglich seinem Job nachging. Seit ihrem ersten Aufeinandertreffen jedoch, herrschte zwischen den beiden eine gewisse Spannung, die ihr keinesfalls entgangen war. In seiner Nähe fühlte sie sich wie ein ungeduldiges Schulmädchen, dass sofort hinter seine nette Fassade als Arzt blicken wollte. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass er weit mehr war, als er vorgab zu sein. Und seit sie das Geheimnis von Devin und Luron aufgedeckt hatte, traute sie ihrem Instinkt und ließ sich von ihm leiten.
   »Als behandelnder Arzt steht mir das zu und ich wollte herausfinden, ob Sie irgendwelche Allergien vorzuweisen haben. Nicht, dass ich die falschen Medikamente verschreibe«, rechtfertigte er sich und setzte sich auf die Bettkante.
   Katleen rückte ein Stück zur Seite und wich ihm aus.
   »Aber Sie scheinen trotz der Narben, die Sie verbergen, in guter Verfassung zu sein.« Cloude starrte ihr tief in die Augen.
   Katleen schluckte, er machte sie nervös. »Danke, es geht mir gut«, brachte sie hervor.
   »Dessen bin ich mir sicher«, entgegnete Cloude und berührte zaghaft ihre Hand. Er strich an ihrer Haut entlang, und als sie gerade Einspruch über so viel Nähe einlegen wollte, landeten seine Finger an der Stelle, wo der Puls zu erfassen war. Er drückte zärtlich auf den besagten Punkt und schaute hinab auf seine Uhr. Dann erhob er sich und löste sich von ihr.
   Sie blickte ihm nach, bis er die Tür zu ihrem Zimmer hinter sich schloss. Dann suchte sie auf dem Nachtschränkchen nach ihrem Handy, um Luron zu informieren, falls es Cloude noch nicht getan hatte. Doch bevor sie die Nummer wählen konnte, breitete sich ein Brennen, gefolgt von einem Stechen an ihrem Bauch aus. Sie schob panisch die Bettdecke beiseite und zerrte ihr Oberteil fort. Ihr Zeichen. Es handelte sich um das Tattoo, das in einem tiefen Schwarz leuchtete und nun seine Farbe in ein glühendes Rot änderte.
   Keuchend rang sie nach Luft, presste ihre Hand auf das Symbol und stieß Schmerzensschreie aus. Sie riss ihre Augen weit auf, krallte ihre Nägel in das Laken und bangte, hoffte, dass es bald enden würde. Schließlich durchfuhr sie eine Art Stromschlag und sie bäumte sich auf, zuckte wie ein Fisch auf dem Trockenen, bis die Welle der Macht endete und sie schwach zwischen den Kissen lag. Sie konnte nichts sehen, ihr Augenlicht war der Finsternis gewichen. Bevor sie nach den Schwestern klingeln und um Hilfe bitten konnte, schwand die Kraft, die ihren Körper belagerte. Ein Bild tauchte vor ihr auf und brannte sich in ihre Iriden. Tränen rannen an ihren Wangen hinab, als sie sich wieder erinnerte und die Fratze im Keller des Hotels erblickte. Das Gesicht des Mannes hatte menschliche Züge, sonderbare Augen, die in einem Goldton leuchteten, lange Wimpern, wohlgeformte Lippen und hellbraunes Haar, unterlegt mit blonden Akzenten. Die Pracht fiel in leichten Locken über seine Schultern, formte den Mann zu einem begehrten Objekt in der Frauenwelt, dass sie dennoch angegriffen und beinah getötet hatte. Ein Zischen entwich ihrer Kehle. Nun kannte sie die Gestalt ihres Gegners, und obwohl sie einem solchen Mann nie zuvor begegnet war, schien er ihr dennoch vertraut.

Kapitel 3
Eiskristalle

Luron wollte Katleen bereits Stunden nach ihrem Erwachen im Krankenhaus besuchen, doch ihr Arzt meinte, sie benötige etwas Ruhe, die er ihr gewähren solle. Verärgert über die Tatsache, dass Katleen nicht einmal in Colmar sicher war, wartete er, bis er zu ihr durfte. Er hatte sich fest vorgenommen, sie morgen mit nach Hause zu nehmen und kein Arzt der Welt könnte ihn daran hindern. Etwas ging vor sich und er fürchtete um ihre Sicherheit.
   Endlich durfte er zu ihr und stürmte das Krankenzimmer mit einem besorgten Blick.
   Katleen schaute ihn an, als hätte sie gerade eben einen Geist gesehen. Sie war bleich, strahlte eine gewisse Kälte aus und ihre Lippen waren blutrot, sodass sie ihm wie Schneewittchen aus dem Märchen erschien.
   »Katleen.« Luron ging zu ihr hinüber. Noch im selben Atemzug presste er seine Lippen auf die ihren und küsste sie innig. Er schmeckte die Mittel der Ärzte, die man ihr gegeben hatte und ließ früher als gewollt von ihr ab. »Was ist passiert?« Er konnte sich kaum zurückhalten, denn die Frage brannte bereits seit Stunden auf seiner Zunge.
   Katleen wandte sich seinem Ohr zu. »Ich wurde angegriffen.«
   Drei einfache Worte, die Lurons Herzen einen Tritt verpassten. »Von wem?« Er streichelte liebevoll ihre Seite.
   Katleen zog ihn zu sich, verlangte nach ihm, sodass er sich kurz darauf zu ihr in das Krankenhausbett legte. Sie schmiegte sich an ihn, versank in seinen Armen. Er musterte sie besorgt und verlor sich in ihren lavendelblauen Augen, die trübe und mitgenommen erschienen. Als hätte sie die letzten Minuten unerbittlich geweint und ihrem Kummer Ausdruck verliehen.
   »Ich weiß es nicht. Ich wollte nach Hause gehen und schritt die Treppen hinauf, als ich plötzlich ein Stöhnen vernahm und erschrak. Ich schaute hoch, erblickte einen seltsamen Schatten und rannte um mein Leben, ohne zu wissen, wieso.«
   Luron hauchte ihr einen Kuss auf den Hals und liebkoste sie mit seiner Nase. »Hast du deinen Angreifer gesehen? Kannst du ihn beschreiben?«
   Sie nickte. »Ich kenne ihn nicht und dennoch bin ich mir sicher, dass er kein Mensch war.«
   Luron runzelte die Stirn. Was war geschehen? Wer wusste von ihrer Arbeit und wieso war erneut jemand hinter ihr her? Hatte es nicht bereits damals in Gousainville gereicht, dass ausgerechnet ihr Halbbruder ein Dämon und Mörder war? Warum konnte man ihr nicht ihren Frieden lassen, ihr die Freiheit schenken? Sie war kein Teil des Übernatürlichen, denn sie hatte viel zu spät davon erfahren. Es war eine Sache, mit dem Wissen aufzuwachsen und von klein auf zu lernen, wie man damit umging, doch Katleen war eine Auserwählte, hatte keine Ahnung, wie man sich verhalten oder schützen konnte. Sie war die perfekte Beute für einen Jäger, der ihr von Gousainville bis nach Colmar gefolgt war. Luron war sich sicher, dass ihr Angreifer ein Bekannter in anderer Gestalt war. Es musste jemand sein, der ihr nahe stand, ihren täglichen Ablauf kannte. Jemand, dem sie vertraute und von dessen Aufenthalt in Colmar weder sie noch Luron wussten. Konnte es sich um ihren Halbbruder Devin handeln? Hatte er den Brand und den Anschlag überlebt? Katleen glaubte seit jenem Tag daran, auch wenn alle Hinweise dagegen sprachen. Sie hatten seit mehr als einem halben Jahr Ruhe vor allem Übernatürlichen gehabt, wieso schlug es also ausgerechnet jetzt wieder zu?
   Katleen gab ein Wimmern von sich, versuchte allerdings, es zu unterdrücken. Luron musterte sie und berührte zaghaft ihre Wange. Er konnte sehen wie sehr sie litt und es brachte ihn beinah um den Verstand, so hilflos zu sein.
   »Was fehlt dir?«, fragte er sanft.
   Katleen schaute ihn gebannt an und deutete schließlich auf ihren Bauch. Luron schob ihr Oberteil hinauf und entblößte ihre nackte Haut. Er entdeckte das Zeichen, die Schwertlilie, die unaufhaltsam glühte, als hätte sich jemand mit einem Brandeisen verewigt. Luron seufzte. Er kannte das Symbol und genau aus diesem Grund verstand er nicht, wieso es Katleen solche Schmerzen zufügte und warum es aus dem Nichts erschienen war.
   »Weißt du, was es bedeutet?«, drängte Katleen Luron zu einer Antwort.
   Er wandte sich ab, versuchte aus dem Bett zu fliehen, damit sie seine verräterische Miene nicht erkennen konnte. Katleen hielt ihn zurück, klammerte sich verzweifelt an ihn.
   »Bitte«, wisperte sie.
   Luron zögerte. Er sah sie an, erblickte all das Leid, das sie erfahren hatte. Er konnte es ihr nicht länger verschweigen, immerhin gab es keinen Grund dafür. »Der Jägerclan deines Vaters. Phenix Argent entwarf einst ein Symbol, das die gekreuzten Waffen Gabriel und Michael zusammen mit einer Schwertlilie verband. Es ist das Zeichen des Clans, und da du ein Teil davon bist, ist es dein Anrecht, es zu tragen. Zumindest dachte ich das bis vor einiger Zeit. Die ersten Albträume stempelte ich als Rückwirkung durch den Einfluss der Maske ab, doch langsam frage ich mich, ob du nicht tatsächlich über gewisse Gaben verfügst und diese dich mit dem Symbol verflucht haben.«
   »Wenn das der Wahrheit entspricht, müssen wir herausfinden, was der Clan hinter dem Symbol verbirgt und wieso es mich derart plagt«, meinte Katleen überzeugt. Sie küsste Luron zum Abschied.
   Luron hatte sich mittlerweile erhoben. Er nickte ihr zu und versprach ihr, alles zu tun, um ihr zu helfen. Dann verließ er das Zimmer und Katleen blieb mit ihren wirren Gedanken allein zurück. Luron verharrte einen Moment vor der Tür. Er spürte, wie sie innerlich schrie und sich in eine Furcht einflößende Welt begab, der sie ohne ihn nicht entkommen konnte. Vielleicht war es ihm als Incubus möglich, sie zu beruhigen und ihre Träume und ihre Fantasie zu steuern, damit sie im Schlaf endlich Kraft tanken konnte. Er konzentrierte sich auf seine Liebste und formte einen seichten Traum. Sie sollte glücklich sein und nicht leiden müssen. Dafür würde er schon sorgen.

Zu Hause angekommen lief Luron lange auf und ab. Er versuchte nachzudenken, einen Weg für ihre Sicherheit zu finden, doch es gelang ihm nicht. Er war davon überzeugt, dass Katleen ihn brauchte und ohne seine Hilfe erneut im Chaos versinken würde. Nun musste er abwägen: Sollte Luzifer seine Macht und somit ihn aufspüren oder sollte Katleen Schmerzen erdulden? Luron schüttelte den Kopf und griff zum Telefon. Er hatte Lestard bereits über das Zeichen der Macht informiert. Nun wurde es Zeit, dass der Vampir die gesamte Geschichte erfuhr, möglicherweise kannte er einen Ausweg. Immerhin war Lestard einer der Alten, die diese Welt bereits seit Tausenden von Jahren besiedelten. Der Künstler und das Kind in ihm trübten meist den Anschein und ließen ihn wesentlich jünger erscheinen. Aber insgeheim kannte er die Regeln in diesem Spiel, und wenn einer eine Lösung für Lurons Problem wusste, dann er.
   »Hallo?«
   »Ich brauche dringend deine Hilfe«, begann Luron.
   »Was ist passiert?«
   »Katleen wurde auf ihrer Arbeitsstelle überfallen und liegt im Krankenhaus.«
   »Geht es ihr gut?« Lestards Sorge um seine Freundin klang deutlich heraus.
   »Ja, zumindest körperlich, aber seelisch eher nicht. Ich muss dir etwas beichten und ich hoffe, dass ich bei dir auf offene Ohren stoße«, meinte Luron und wartete auf die Antwort seines Kameraden.
   »Du willst mich in euer Geheimnis einweihen?«, hakte Lestard freudig nach.
   »Ja, das will ich«, entgegnete Luron dankbar für dessen Euphorie.
   »Ich höre.«
   »Ich denke, es begann mit Katleens Errettung in Gousainville. Seit diesem Tag hat sich etwas an ihr verändert. Bemerkt haben wir es jedoch erst viel später, als auf ihrer Haut etwas auftauchte. Ein Tattoo, das eine Schwertlilie zeigt und deutlich an das Symbol des Jägerclans von Phenix Argent erinnerte. Es glüht fürchterlich und sie erleidet Schmerzen, die ich nicht unterbinden kann. Darüber hinaus verfügt sie scheinbar über die Gabe des Sehens. Sie hatte eine Vision, als wir das Zeichen gemeinsam berührten«, erklärte Luron.
   »Eine Vision? Das klingt selbst für unsere Welt äußerst unglaubwürdig«, bemerkte Lestard.
   »Ich weiß, aber seither ist aus den Träumen weit mehr geworden, als du dir vorstellen kannst. Ich habe es einmal geschafft, einen Teil davon aufzuschnappen und wurde ausgesperrt. Kein Mensch vermag einem Incubus wie mir etwas Derartiges anzutun. Sie schaffte es. Wie?«
   Lestard schwieg eine Weile, bevor er sich darauf einließ. »Was hat sie gesehen?«
   »Meinen Tod.«
   »Jede Frau hat Ängste, und Katleen zeigt diese in ihren Träumen«, versicherte ihm Lestard.
   »Diese Träume sind anders. Damals in der Psychiatrie brachte sie eine Wunde mit in die Realität, die ihr keiner der Sterblichen zugefügt hatte und letztens ist es erneut geschehen. Ich war Zeuge dieser Szene und kann es mir nicht erklären. Ich muss ihr irgendwie helfen können, ihr Leiden verringern und sie vor der Bürde ihres Blutes beschützen.«
   »Ich bin mir nicht sicher, ob du mir die Wahrheit sagst oder stattdessen eine feige Lüge erschaffen hast. Dennoch bin ich gewillt, mein Wissen mit dir zu teilen: Es gibt nur zwei Wege, um Katleen zu helfen. Du nutzt deine von Luzifer gegebene Macht und befreist sie oder du riskierst deine Lebensenergie und überträgst diese auf ihre Seele. So kannst du das Zeichen, das meines Erachtens deutlich nach einem Fluch klingt, unterbinden. Allerdings könnte beides deinen Tod bedeuten. Bei Letzterem würdest du deine Kräfte verlieren, für kurze Zeit sterblich werden oder dich in der Tiefe ihres Verstandes verirren. Es birgt Risiken und ich bezweifle, dass Katleen damit einverstanden wäre, wenn du sie wählst. Sprich mit ihr, versucht gemeinsam Abhilfe zu schaffen.«
   Luron dachte angespannt nach. Er könnte umgekehrte Psychologie anwenden und somit denselben Zauber versuchen, den Devin in Gousainville erschaffen hatte. Es war schwierig, etwas zu bewirken und nahezu unmöglich, dass es ohne Luzifers Kraft funktionierte, doch Luron wollte diesen Schritt wagen. Er war bereit, sein Leben zu opfern und dunkle Magie anzuwenden. Koste es, was es wolle.
   »Habe verstanden, ich danke dir«, sagte Luron knapp und legte auf. Sein Freund würde Einspruch einlegen, würde erfahren wollen, wie er sich entschieden hatte, aber Luron wollte seine Einsichten keinesfalls mit dem Vampir teilen. Er durfte es nicht, immerhin musste er Lestard vor sich selbst beschützen, denn der Vampir würde alles Erdenkliche versuchen, um Luron zu stoppen, sollte er je von seinem Vorhaben erfahren.

*

Katleen hatte eine Nacht im Krankenhaus verbracht und nach ihrer Entlassung ihr Bett in der gemeinsamen Wohnung nicht mehr verlassen. Luron las ihr jeden Wunsch von den Augen ab und erschuf in ihren Träumen eine Welt, für die sie mehr als dankbar war. Allerdings reichte die Macht, mit der er Katleen kontrollieren musste, bald nicht mehr aus, um sie zu schützen. Er war bereits vor einigen Tagen an seiner Grenze angelangt, weigerte sich aber dennoch, es sich einzugestehen.
   Ein neuer Morgen brach an. Der Mai begrüßte Katleen mit einem lauwarmen Lüftchen, das durch das offene Fenster einige Blüten vom nahe gelegenen Fliederbaum zu ihr trug. Diese zarten lilafarbenen Blätter landeten auf ihrer Decke und hoben sich von dem ausgewaschenen Weiß deutlich ab. Sie streckte sich, gähnte ausgelassen und setzte sich auf. Sofort wich die Stärke dem vertrauten Schwächegefühl. Kurz schaute sie zu ihrer Rechten, doch wie sonst auch fehlte von Luron jede Spur. Er hatte es sich in der letzten Zeit angewöhnt, ohne sie aufzustehen, Frühstück und den Haushalt zu machen. Scheinbar wollte er sie so wenig belasten wie nur möglich. Dabei starb Katleen beinah vor Langeweile. Sie schob die Decke beiseite und wagte sich barfuß voran. Ein Zittern übermannte sie, und obwohl es im Zimmer angenehm warm war, zog sie ihre Strickjacke an.
   Katleen machte einen großen Bogen um den Spiegel, denn sie wollte ihr Elend darin nicht erblicken. Sie hatte sich seit drei Tagen nicht mehr die Haare gewaschen oder einen Kamm benutzt. Wozu auch? Immerhin waren die weichen Kissen ihr neues Zuhause und sie keinesfalls gewillt, es in ihrem Zustand aufzugeben.
   Irgendetwas hatte sich verändert und sie fühlte sich, als hätte sie eine Runde auf der Achterbahn gedreht. In ihrem Magen rumorte es und die Schmetterlinge ihrer Verliebtheit flatterten wild umher. Sie presste ihre Faust in den Bauch, zog sie allerdings sofort zurück, als sie bemerkte, was der Auslöser ihrer Emotionen war. Das Brennen hatte aufgehört und die Flamme des Symbols war erloschen. Vorsichtig schob sie ihr Nachthemd unter der Strickjacke nach oben und starrte auf das Tattoo, das sich schwarz von ihrer bleichen Haut abhob. Es wirkte so normal, dass Katleen für einen Augenblick das Herz in die Hose rutschte. Panisch schaute sie auf. Was hatte Luron getan?
   Von Furcht vereinnahmt stürzte sie in das gemeinsame Wohnzimmer. Sie machte Luron auf der Couch aus. Lang ausgestreckt ruhte er mit dem Kopf auf seiner zusammengefalteten Jacke. Er schlief. Katleen atmete auf. Sie ging zu ihm, wollte sich an ihn schmiegen und ihm einige Küsse auf die Wangen hauchen. Katleen fuhr über seinen Arm und wurde sofort von einer einschüchternden Kälte begrüßt. Luron war blass um die Nasenspitze. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet und seine Lippen waren blau angelaufen.
   »Nein«, keuchte sie und rüttelte an ihm. Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände, wiegte es hin und her, rief seinen Namen. Katleen fuhr durch seine dunklen Locken und hämmerte auf seine harte, muskulöse Brust ein. Als sie ihre Faust von Schmerz vereinnahmt zurückziehen musste, riss sie ihm das Hemd vom Leib und entblößte eine von Eiskristallen überzogene Haut. Was hatte er sich nur angetan? »Luron, wach endlich auf! Du kannst mich nicht einfach allein lassen.«
   Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen bei dem Gedanken, ihn verloren zu haben. Sein Puls war schwach und er schien unberührt von ihren Versuchen, ihn zu erwecken. Katleen kannte sich nicht mit einem Incubus aus, sie hatte keine Ahnung, wie viele Strapazen er überleben konnte. Sie schleppte Decken heran, stopfte Kissen in die Lücken zwischen ihm und der Couch. Wimmernd hauchte sie ihm einen Kuss auf die blauen Lippen, schmiegte sich an ihn und versuchte ihrem Liebsten ein wenig Wärme zu spenden.
   Das Knarren der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Bevor sich Katleen umdrehen konnte, spürte sie eine eiskalte Hand auf ihrer Schulter. Sie glitt vor Überraschung beinah auf den Boden, doch der Eindringling fing sie auf und setzte sie behutsam ab. Verwirrt starrte sie in das bleiche Gesicht des Vampirs, erblickte seine markanten Augenbrauen, die rot glühenden Iriden. Er trug einen schwarzen Mantel, der ihn vollkommen einhüllte. Dabei war es Mai und der Sommer nicht mehr allzu weit entfernt.
   »Lestard.« Ihre Stimme bebte.
   »Keine Sorge, Kleine.« Er lehnte sich über Luron und musterte seinen Freund.
   Katleen konnte deutlich erkennen, wie sich auf seiner Stirn Falten bildeten. Alterte er etwa, oder machte er sich tatsächlich Sorgen? »Was hat er getan?«, verlangte sie zu erfahren. Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und richtete sich taumelnd auf. Ein erneuter Schub der Schwäche ließ sie beinah das Gleichgewicht verlieren. »Sag es mir! Was hat Luron getan?« Es war falsch, ausgerechnet Lestard anzuschreien, jedoch konnte sie an seiner Miene erkennen, dass er eingeweiht war. Sie wollte auf Lestard losgehen, ihn anbetteln alles Vampirmögliche für Luron zu tun.
   Arme umfingen sie. Jemand presste sie fest an sich, und als sie dessen Griff endlich entkam, sah sie einen Blondschopf, der ihr mehr als vertraut war.
   »Jules«, brachte sie verwundert hervor. Die Freude über das unerwartete Wiedersehen wich der Furcht, die ihr den Atem raubte. Jules drückte sie an sich, glitt ihren Rücken hinab und versuchte scheinbar, sie zu beruhigen.
   »Lass mich los, ich muss zu ihm«, flüsterte sie und wand sich aus Jules’ Griff.
   Er ignorierte sie.
   »Lass mich los!« Katleen keuchte. Wie eine Furie wollte sie ihm entkommen, kämpfte ausgerechnet gegen einen guten Freund an. Die Vorstellung, dass Luron sterben könnte und sie nicht an seiner Seite war, ließ ihr Herz beben.
   »Kat, reiß dich zusammen!« Lestard zerrte sie aus den Armen von Jules. »Ich muss einen Blutwechsel durchführen. Luron braucht Menschenblut. Meines besitzt zwar Heilkräfte, aber es wäre nicht warm genug.«
   »Was soll ich also tun?«
   »Kat, ich benötige zwei hohle Nadeln und einen dünnen Schlauch. Kannst du das irgendwo auftreiben?« Er wandte sich kurz Jules zu und sah seinen Begleiter eindringlich an. »Jules, du hast die Blutgruppe Null und bist ein perfekter Kandidat zum Spenden.« Es war weder eine Frage noch eine Aufforderung. Lestard stellte eine Tatsache in den Raum. Katleen kaute auf ihrer Unterlippe herum. Erst, als Jules nickte und sich somit bereit erklärte, Luron sein Blut zu spenden, sprintete sie los. Sie dachte nach. In ihrem Schlafzimmer befanden sich einige alte Kisten aus ihrer Jugendzeit, die sie aus Paris mitgebracht hatte. In einem Alter von etwa sechzehn Jahren wollte sie sich unbedingt ein Piercing stechen lassen. Ihre Tante gab jedoch keine Zustimmung. Also hatte sie sich zwei Braunülen in der Apotheke gekauft, denn laut Internet war es damit möglich, den gewünschten Effekt selbst zu erreichen. Die Braunülen lagen unangetastet in der Erste-Hilfe-Box neben dem Nähzeug. Sie zog sie hervor, versicherte sich, dass sie nutzbar waren, und eilte in die Küche. In einem der unteren Schieber hatte Luron vor einigen Tagen einen dünnen Schlauch deponiert, weil er sich sehnsüchtig ein Fischglas wünschte. Sie nahm ihn an sich und hetzte ins Wohnzimmer zurück.
   Lestard hatte sich über Luron gebeugt, als sie ihm die Utensilien überreichte. »Wird es damit gehen?«
   Lestard beäugte die Braunülen misstrauisch und hob fragend seine Augenbrauen. »Ich hätte nicht gedacht, dass du so was im Haus hast«, gab er zu.
   Katleen zuckte mit den Achseln. Möglicherweise hielt er sie für eine Drogenabhängige, aber das war ihr egal. Sie wandte sich um, holte aus einem Schieber im Flur eine Zange und ein Feuerzeug heraus. Sie schnappte sich die Braunülen, klemmte sie in der Zange ein und hielt sie einige Sekunden ins Feuer. Katleen wollte lediglich die Bakterien abtöten, die sich gewiss nach all den Jahren darauf befanden. Dann ließ sie Lestard seine Arbeit verrichten.
   Er hievte Luron auf den Boden, tastete dessen Körper ab und schüttelte den Kopf. »Wie konntest du nur so dumm sein und meinen Rat ignorieren?« Lestard schob Lurons rechten Hemdsärmel hoch. »Jules, komm zu mir.«
   Jules stellte sich neben die Couch und sah zu Lestard und Luron hinab. »Okay, ich bin bereit«, meinte er mit zittriger Stimme.
   Hatte er Angst? Wovor?
   »Ich werde Luron schwächen und später die Braunülen in eure Armbeugen einführen, um dein Blut in ihm zu erwecken. Er braucht in erster Linie die Wärme, die ich ihm nicht zu geben vermag«, erklärte Lestard. »Katleen, die Sache könnte recht ungemütlich werden, wenn er zu sich kommt. Luron hat seine Lebensenergie geopfert, um dir zu helfen, demnach befindet sich sein Körper im Ruhemodus. Er wird wie ein ausgehungertes Raubtier reagieren. Ich habe keine Ahnung, ob einfache Worte ihn stoppen können. Also muss ich dich leider bitten, ihn mit mir zu fesseln. Der Selbstschutz geht vor.«
   Sie starrte Lestard verwirrt an. »Glaubst du wirklich, dass das nötig sein wird?«
   Lestard nickte. »Hast du eine Waffe im Haus?«
   Katleen wurde unweigerlich an die alten Zeiten erinnert. Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter. »Luron hat eine … Ich gehe sie holen.« Sie machte kehrt und lief zurück ins Schlafzimmer. In einer Schublade neben dem Bett verwahrte er seine Glock 17 sowie ein paar Handschellen, seine Arbeitsausrüstung. Sie nahm beides an sich, vergewisserte sich, dass die Waffe geladen war und entsicherte sie. Dann steuerte sie das Wohnzimmer an. »Ich bin bereit«, sagte sie, als sie sich vor der Couch in Stellung brachte. Ihre Hand zitterte vor Aufregung und durch das zusätzliche Gewicht der Glock. Ihr Schwächegefühl machte die Situation kaum besser.
   »Glaubst du, du schaffst das?«
   Katleen nickte und schob sich die wirren Strähnen aus dem Gesicht. Sie nahm hinter Luron Platz und presste seinen Oberkörper an ihren Busen. Die Waffe lag greifbar neben ihr. Sie streichelte durch Lurons Haar, seine Schläfen entlang und hauchte ihm Küsse in den Nacken. »Alles wird gut«, flüsterte sie in sein Ohr. Dann gab sie Lestard, mit mulmigem Gefühl in der Magengegend, ein Zeichen und der Vampir begann.
   Katleen reichte ihm die Handschellen. Lestard befestigte eine metallische Schlinge um Lurons linkes Handgelenk. Die andere legte er um einen Fuß der Couch. Lestards Fänge schossen aus seinem Kiefer hervor und ein erschreckendes Zischen war zu vernehmen. Er stieß seine Zähne in Lurons Hals, direkt an der Schlagader, und saugte dessen verbliebene Lebenskraft heraus. Katleen konnte spüren, wie ihr Liebster immer schwächer wurde und sämtliche verbliebene Farbe seiner Haut entwich. Blass wie eine Leiche lehnte er an ihr und die Ungewissheit, die sie plagte, brachte sie beinah um den Verstand.
   Als Luron ein Röcheln von sich gab und mit letzter Kraft gegen Lestard ankämpfte, bekam Katleen Zweifel. »Er stirbt, du bringst ihn um«, schrie sie entsetzt und das Vertrauen in den Vampir wich der Panik.
   Lestard ließ nicht locker, und erst, als die dunkelrote Lebensenergie in ihn übergegangen war, zückte der Vampir die Nadeln und vollzog seinen Plan. Er führte die Spitze in Lurons Armbeuge und winkte Jules zu sich. Bei ihm tat er es ebenso und schon bald, floss das warme und wohltuende Blut des Menschen in den Incubus über.
   Verzweifelt beobachtete Katleen diese Szene. Tränen flossen über ihre Wangen. Sowie Luron seine vertraute Gesichtsfarbe annahm und seine Wangen wieder leicht rosig wurden, atmete sie auf.
   Lestard zog die Nadeln aus den Armbeugen der beiden. Er wirkte entspannt, bis Luron seine Lider langsam öffnete. Lestard stellte sich sofort schützend vor Jules. »Halt vorerst etwas Abstand«, sagte er an Katleen gerichtet.
   Katleen legte ihn vorsichtig ab, nahm die Waffe an sich und richtete sich auf. Sie trat einige Schritte zurück und wartete geduldig auf eine Reaktion. Lestard starrte seinen besten Freund an, ließ ihn nicht eine Sekunde unbeobachtet. Obwohl sich Katleens Magen zusammenzog, blieb sie ruhig. Ihr Instinkt riet ihr, dem Vampir Folge zu leisten. Luron schaute sie eindringlich an. Er hatte scheinbar wieder zu sich gefunden, wirkte aber noch ein wenig benommen.
   »Wie kannst du mir nur so einen Schrecken einjagen?«, tadelte sie ihn.
   Luron blieb stumm. Seine Iriden waren ein dunkles Olivgrün, verschwommen und mit schwarzen Sprenkeln besetzt. Als wäre in ihm etwas zerbrochen, das lediglich seine Augen auszudrücken vermochten.
   Katleen zögerte. Ihr gesamter Körper reagierte auf Luron. Ihre Haut kribbelte, keineswegs vor Verlangen, sondern vor Furcht. Alles in ihr schrie, sie solle sich entfernen, die Flucht ergreifen und ihn, ohne darüber nachzudenken, verlassen. Aber das konnte sie nicht. Sie hoffte, dass ihre Liebe stark genug war, selbst, wenn er sich verändert hatte. »Luron, kannst du mich hören? Hast du Schmerzen?« Sie schien seine Sinne zu wecken. Er schnüffelte wie ein Hund in der Luft, nahm scheinbar ihren Geruch auf. Plötzlich kamen spitze Zähne in seinem Mund zum Vorschein. Bevor sie sich versah, zerrte er an seinen Handschellen, hob im Bruchteil von Sekunden die Couch empor und schleuderte diese gegen die nächste Wand, wo sie krachend zum Stehen kam. Die Fesseln baumelten lose an seinem Handgelenk. Er fletschte die Zähne und steuerte geradewegs auf Katleen zu. Sie richtete ohne zu zögern die Waffe auf ihn, musste aber gegen ihre Tränen blinzeln, um eine freie Sicht zu erhalten.
   »Keinen Schritt weiter oder ich schieße.«
   Ein breites Grinsen schummelte sich auf seine Lippen. Katleen jagte ein Schauder über den Rücken. Er streckte seine Finger nach ihr aus, und sie konnte mitverfolgen wie aus seinen Nägeln dunkle Krallen wurden. Während er näher kam, presste er die Krallen seiner linken Hand gegen die Wand und kratzte daran entang. Das schabende Geräusch bohrte sich in ihre Ohren.
   »Bitte, ich will dich nicht verletzen«, flehte sie atemlos.
   »Katleen, verschwinde«, rief ihr Lestard zu.
   Sie blendete seine Worte aus und konzentrierte sich ausschließlich auf Luron. Der Abstand zwischen ihnen verringerte sich. Seine Miene war hart wie Stein, ohne jegliche Emotionen. Mal abgesehen von diesem Lächeln, das einen Blick auf die raubtierähnlichen Zähne zuließ.
   Auf einmal spürte sie einen festen Druck und wurde von Lestard herumgerissen, der sich auf sie warf. Lestard schrie. Blut spritzte durch die Gegend und tropfte auf Katleens Nachthemd und die Strickjacke. Der Gestank von Metall und Salz grub sich in ihre Nase, und als sie den Kopf ein Stück zur Seite drehte, erkannte sie Luron. Er stand fest auf seinen Beinen, weder wankte er benommen noch schien er kraftlos. Mit den messerscharfen Klauen hatte er Katleen angegriffen und Lestard war gezwungen, die Attacke abzuwehren. Was zum Teufel war hier los? Seit wann erkannte Luron seine Freunde nicht wieder?
   »Na klasse, es hat tatsächlich funktioniert«, sagte Lestard sarkastisch und richtete sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf.
   Sie hatten Bauch an Bauch auf dem Parkett gelegen, sodass ihr sein Blick nicht entgangen war. »Wovon sprichst du?«, fragte sie und stützte Lestard.
   »Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder Luron stirbt oder der Bluttausch erweckt die Bestie in seinem Inneren.« Lestard schaute der schwer atmenden Kreatur verachtend entgegen.
   Dort stand längst nicht mehr der Luron, den Katleen lieben gelernt hatte, sondern ein mystisches Wesen, das im Angesicht des Todes scheinbar die Kontrolle verloren hatte.
   »Was sollen wir tun?« Jules schien verzweifelt und wich zurück. Er presste seine Finger auf die winzige Wunde an der Armbeuge, denn aus irgendeinem Grund, schien Luron das Blut zu wittern. Er wandte sich Jules zu und ein grauenerregendes Grinsen überspielte seine Lippen. Katleen erschauderte abermals, als sie ihn so erblickte.
   »Jules, Kat, ihr müsst fliehen! Ich halte ihn so lange es geht in Schach«, versicherte Lestard.
   Er machte keineswegs den Anschein, dass er gegen Luron nicht bestehen könnte, dennoch beschäftigte Katleen dieser Vorschlag. Er hatte sie geschützt, damit sie den Abzug der Glock nicht betätigen musste. Lestard versuchte seinen Freund zu retten, selbst wenn das bedeutete, dass er damit sein eigenes Leben riskierte.
   Die warmen, zitternden Finger von Jules legten sich um Katleens Arm. Er wollte sie fortbringen, in Sicherheit wägen. Doch nicht mit ihr. Sie konnte nicht vor ihren Problemen weglaufen. Dafür war sie einfach nicht der Typ. Katleen riss sich los. Im nächsten Augenblick segelte Lestard direkt neben ihr gegen die Wand und rutschte stöhnend daran hinab. Blut sickerte aus einer Verletzung und weckte den Vampir in ihm, der es sonst vorzog, eine solche Situation im Ruhigen zu schlichten. Lestards Fänge lechzten nach Vergeltung. Seine Iriden erschienen ihr wie ein Flammenmeer. Kein Zweifel, er war mächtig genug, sich Luron zu stellen. Aber zu welchem Preis?
   Katleen hob ihre Hand und wies Lestard an, zurückzubleiben. Sie vertraute auf die Gefühle, die in Luron und in ihr entbrannt waren. Zaghaft wagte sie sich vor. Weit mehr als die Kreatur, die ihr in Lurons Gestalt entgegensah, fürchtete sie, ihn zu verlieren. Aus diesem Grund musste sie über ihren Schatten springen und es riskieren, seinen Blutdurst herauszufordern.
   Direkt vor ihm blieb sie stehen und legte demonstrativ die Waffe auf den Parkettboden, um ihm zu zeigen, dass sie mit guten Absichten gekommen war. Sie streckte begierig ihre Hand nach ihm aus und wartete sehnsüchtig auf seine Reaktion. Luron entkam ein wildes Knurren und sie hielt kurz inne.
   »Kat, tu das nicht! Es gibt gewiss einen anderen Weg«, keuchte Lestard und richtete sich mit Jules’ Hilfe auf.
   »Vielleicht, aber das ist meine Schuld und ich kann es nicht ertragen, dass zwei alte Freunde gegeneinander kämpfen«, meinte sie und berührte ihn.
   In Lurons Iriden funkelte ihr Hass entgegen, der ihren Körper automatisch mit einer Gänsehaut überzog. Die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf und ihr Verstand schrie den Begriff Flucht unerbittlich, bis selbst ihr Herz einen Rückzieher nicht länger für unmöglich hielt.
   »Ich vertraue dir«, wisperte sie und streichelte an seiner Wange entlang. Milde umspielte seine Miene und das Feurige entkam seinen Augen. Für einen Moment hegte sie wieder Hoffnung, bis sie auf einmal seine Klauen in ihrem Fleisch spürte und aufschrie. Der Schmerz überkam sie unerwartet und qualvoll. Katleen versuchte sich loszureißen, konnte allerdings seinem Griff nicht entkommen. Sie akzeptierte ihr Schicksal und fügte sich seinem Willen, blendete die vergebenen Rufe von Lestard und Jules aus, die bereit waren, einzugreifen. Nun stand ausgerechnet sie in der Schusslinie und würde ihr Luron etwas antun, wäre er ohnehin verloren, denn er könnte es sich gewiss niemals verzeihen.
   Katleen stellte sich auf ihre Zehenspitzen und kam ihm erbarmungslos näher. Schließlich küsste sie ihn ein letztes Mal und vertraute auf ihre Liebe zu ihm.
   Luron stockte der Atem und das Biest, das durch den Selbsterhaltungstrieb erweckt worden war, wich dem Mann, den sie kannte. Seine Iriden nahmen den vertrauten Grünton an, der sie stark an das feuchte Moos im Wald erinnerte. Seine Lippen öffneten sich und seine Zunge bahnte sich einen Weg in ihren Mund. Sie genoss es, ließ es geschehen, auch wenn sie noch immer Zweifel hegte. Irgendwann jedoch lockerte sich sein Griff und die dunkle Aura verflog. Katleen spürte ein Zwicken in ihrem Arm, als sich die Klauen zurückbildeten. Luron wollte sich von ihr lösen, doch sie ließ das nicht zu. Noch im selben Atemzug umschlang sie ihn und zerrte ihn grob an sich.
   »Es tut mir unendlich leid«, stammelte Luron und nahm ihr Gesicht in seine Hände.
   Katleen vergab ihm diesen Ausrutscher und fuhr an seinem Rücken entlang. Sie ließ ihre Finger hinab auf sein Gesäß wandern und krallte sich an seiner Jeans fest. Er hatte aus Liebe zu ihr einen dummen Fehler begangen. Sie vermochte ihn deshalb nicht zu verurteilen, denn sie schuldete ihm weit mehr als eine Nacht, mehr als bedingungslose Liebe und Treue. Und doch musste er sich ausgerechnet mit diesen Dingen vorerst zufriedengeben.
   Ihre Ohrfeige ließ nicht lange auf sich warten, aber sie traf ihn mild. Luron schaute ertappt auf und bat schweigend um Vergebung.
   »Wie konntest du nur so egoistisch sein und eine solche Entscheidung treffen?«, fuhr ihn Lestard an.
   Er hatte für Katleen die richtigen Worte gewählt, sodass sie die Arme vor der Brust verschränkte und geduldig auf eine plausible Antwort wartete.
   »Ich wusste mir nicht anders zu helfen«, gestand ihnen Luron und zog Katleen mit einem Mal zu sich. Er drückte sie an sich, roch an ihrem Haar und fuhr hinauf bis zu den Wunden, die er auf ihr hinterlassen hatte.
   »Du hast mir den Schmerz genommen«, stellte sie fest und suchte in seiner Miene nach Hoffnung. Allerdings wurde sie enttäuscht.
   »Ich habe meine Lebensenergie auf dich übertragen, deine Träume blockiert und versucht, die Macht des Tattoos zu unterdrücken, aber ich konnte nicht genug Kraft aufbringen, sodass es nur von kurzer Dauer sein wird. Ich habe mich überschätzt. Möglicherweise ist es ein Fluch und ich war einfach nicht stark genug«, gab er zu bedenken.
   Katleen seufzte. »All das für einige Tage ohne Qualen«, bemerkte sie geknickt.
   Behutsam stupste er ihr Kinn nach oben und suchte Blickkontakt. »Es wird nur Stunden anhalten«, prophezeite er ihr.
   Katleen löste sich von ihm und fuhr sich durch ihr Haar. All die Angst, der Stress und die Ungewissheit für eine kurze Verschnaufpause? Nein! Das konnte sie nicht akzeptieren. »Wieso hast du es getan? Du wusstest, es würde nichts verändern!«
   Lestard gesellte sich zu ihr und Katleen konnte erkennen, dass seine Wunden bereits verheilten. Der Vampir biss sich in sein Handgelenk und bot ihr einige Tropfen seines Blutes an, damit sich auch ihre Haut regenerieren konnte. Sie lehnte dankend ab.
   »Weil ich nicht tatenlos dabei zusehen konnte, wie du leidest.«
   Katleen wich ihm aus und massierte ihre Schläfen. »Versprich mir, dass du in Zukunft mit mir darüber reden wirst und nie wieder etwas allein unternimmst«, forderte sie.
   »Mich verurteilst du, aber selbst hast du Geheimnisse, die unsere Beziehung gefährden!« Luron stellte diese Annahme in den Raum und scheinbar wusste jeder, dass er damit recht hatte.
   »Wie kommst du darauf?«
   »Denkst du wirklich, ich wäre blind? Ich habe gehofft, dass du mich in deine Sorgen einweihen würdest, dass du lediglich etwas Zeit brauchst. Ich scheine ein noch größerer Narr zu sein, als ich angenommen habe. Du hast mir verschwiegen, dass deine Visionen schlimmer werden.« Er trat näher an sie heran.
   Katleen stemmte ihre Hände in die Seiten. »Albträume, keine Visionen«, verbesserte sie ihn.
   Luron seufzte. »Es sind Visionen. Du besitzt die Gabe des Sehens. Ich habe dich beinah jede Nacht beobachtet und versucht, in deine Träume zu gelangen. Meistens konntest du mich aussperren. Bei Albträumen wäre das unmöglich, immerhin bin ich ein Incubus.«
   »Unsinn. Hört endlich auf, euch zu streiten, das macht es nicht besser.« Lestard betrachtete Luron vorwurfsvoll. »Versprich uns einfach, dass du nicht mehr fahrlässig handeln wirst. Das gilt übrigens auch für dich, Katleen. Wenn ihr euch in einem gleich seid, dann dass eure besten Absichten zu den dümmsten Entscheidungen führen.«
   Luron dachte kurz nach, bevor er klein beigab. »Okay.« Er zuckte die Achseln. »Ich habe es nur gut gemeint.«
   Lestard schloss seinen Freund in die Arme. Der Vampir schien den Angriff seines Kameraden bestens überwunden zu haben. »Du bist und bleibst eben ein Trottel«, scherzte er und winkte Jules zu sich.
   Als Katleen dessen Nähe in ihrem Rücken bemerkte, brannte erneut eine wichtige Frage auf ihrer Zunge. »Wie kommt es, dass du ihn begleitet hast?«
   Jules rollte mit den Augen und schien ihr zu bedeuten, dass es offensichtlich wäre. Dennoch brauchte Katleen einige Minuten, bevor sie begriff, dass die beiden scheinbar eine Beziehung führten.
   »Ihr zwei? Mensch und Vampir? Das ist ein Scherz, oder?«
   Lestard lachte beherzt und schob die demolierte Couch zurück an ihren einstigen Platz. Dann setzte er sich und bedeutete ihr, es ihm gleich zu tun. Katleen tat wie ihr befohlen.
   »Luron, wie du sicher weißt, bin ich keinem Experiment abgeneigt. Ich verstehe mich mit Männern wie mit Frauen und derzeit sind wir auf dem Standpunkt, dass wir Blut gegen Zuneigung und Schutz tauschen«, informierte er sie.
   Jules nickte bedächtig und strich sich die blonden Haare aus dem Gesicht. In den letzten Monaten hatten sie deutlich an Länge zugenommen und genau das schien Lestard an Jules zu gefallen.
   »Da hast du dir einen guten Fang an Land gezogen. Aber ich warne dich, wenn du ihm wehtust, pfähle ich dich«, drohte Katleen Lestard. Ihre ernste Miene wich kurz darauf einem Lächeln und Lestard schien unentschlossen, wie er dies deuten sollte.
   »Ganz ruhig, Kat. Wir haben nicht vor, eine homoerotische Episode von Twilight nachzuspielen.«
   »Was bitte ist Twilight?« Luron schien verwirrt.
   »Was Lessi damit sagen möchte, ist, dass wir gut miteinander auskommen und er mir gewiss niemals etwas tun würde«, betonte Jules, und Katleen konnte sehen, wie eine gewisse Röte in seine Wangen stieg. Er war verliebt. Unglaublich, was ihre Nähe zu dem Übernatürlichen bei ihrem Freundeskreis und ihrer Familie angerichtet hatte.
   »Lessi?«, wiederholte Luron ungläubig.
   »Wie der Hund?«, warf Katleen ein und erhielt dafür einen Seitenhieb von Lestard.
   »Mein Kosename für ihn«, meinte Jules peinlich berührt und schien es bereits zu bereuen, ihn vor seinen Freunden so genannt zu haben.
   »Kitty, du kannst mal schön ruhig sein«, stichelte Luron und Grübchen waren bei seinem Lächeln zu erkennen.
   »Hör bloß auf!« Katleen erhob sich. Sie konnte nicht verstehen, wieso ausgerechnet die beiden zueinandergefunden hatten. Sie dachte an sein Verließ zurück, das Lestard stets sein Zuhause nannte und die Tatsache, dass er sie unabsichtlich beinah getötet hätte. Sie sorgte sich um Jules, ganz gleich, ob die Liebe weit mehr überwinden konnte als einen Blutdurst. Sie hatte es gerade bei Luron bewiesen. Mit Vertrauen und Gefühlen konnte man viel erreichen.
   Als sich ihr Zeichen bereits juckend zurückmeldete, war es lediglich eine Frage der Zeit, bis die Schmerzen erneut beginnen würden. Sie beschloss, Luron den kurzen Sieg nicht zu nehmen und überspielte den Hauch von Finsternis, der in sie eindrang, mit einem Lächeln. Sie legte den Arm um den Vampir und die Freunde tauschten einander über die Geschehnisse der vergangenen Monate aus. Es hatte sich vieles verändert und endlich schienen sie dazu bereit, die anderen einzuweihen.

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