Isa-Marie Macintosh liebt ihre Arbeit als Biologin in den Regenwäldern dieser Erde. Doch ihre etwas unfreiwillige Verlobung mit ihrem Lebensgefährten Fitz, einem ehrgeizigen Lokalpolitiker, stellt sie vor die Aufgabe, ihr Leben gravierend ändern zu müssen. Sie nutzt ihren letzten Forschungsauftrag, um sich über ihre Gefühle und Wünsche klar zu werden, aber so ganz kommt sie nicht zum Nachdenken. Ein geheimnisvoller Mann mit strahlend blauen Augen taucht auf, der ein nie gekanntes Prickeln auf ihrer Haut erzeugt und vor dem sie Stimmen warnen, die sie noch nie in ihrem Leben gehört hat. Und plötzlich muss sie feststellen, dass sich nicht alles wissenschaftlich erfassen und erklären lässt. Weder Geister noch die Liebe.

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Ela van de Maan

Ela van de Maan
Ela van de Maan wurde im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts im vorangegangenen Jahrtausend in einer Kleinstadt in Süddeutschland geboren. Seit sie lesen kann, wollte sie auch schreiben. Ihre größte Leidenschaft waren Fantasy und Abenteuerromane, die in ihrer eigenen Traumwelt immer neue Geschichten nach sich zogen. Irgendwann wurde der Geschichtenstapel in ihrem Kopf zu hoch und sie begann sie aufzuschreiben ... Ela van de Maan ist Mitglied in der DELIA - Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren und -autorinnen und im PAN - Phantastik-Autoren-Netzwerk.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Wie ein Blitz fuhr ein Bild in seine Erinnerung und verweilte für die Dauer eines Donnergrollens. Tote Menschen – ein Meer aus Toten. Schwerter und Speere ineinander verkeilt, als würden sie ihr Gefecht noch weiterführen, obwohl ihre Herren den Kampf längst verloren hatten. Die Uniformen der Soldaten und die dürftige Bekleidung der Einheimischen wechselten sich ab an den Leibern, die übereinander und nebeneinander zu Boden gegangen waren. Manche lehnten noch an Bäumen, als müssten sie sich nur eine Weile ausruhen. Doch sie würden nie wieder aufstehen. Das Blut, das aus den Wunden rann, vermischte sich langsam zu einem einzigen roten Strom, der die Erde tränkte.
   Er fühlte nichts – kein Entsetzen, kein Grauen, kein Mitleid, nur die Leere, die seine Existenz seit Jahrhunderten ausmachte.

Kapitel 1

»Wenn du wieder zurückgehst, ist es aus zwischen uns, Isa«, drohte Fitz und machte sich im Türrahmen breit.
   »Versteh mich doch. Ich habe Victor versprochen, das Projekt zu Ende zu führen. Wir haben schon so viele Erkenntnisse über die Neuansiedlung der Pflanzen im Regenwald gewonnen, es könnte für zukünftige Aufforstungen der gerodeten Gebiete von großem Nutzen sein«, versuchte ich, mich zu rechtfertigen, auch wenn mir langsam die Energie dazu fehlte. »In ein paar Monaten können wir die Dokumentation abschließen und ich komme zurück. Für immer, wenn du möchtest.«
   Fitz schnaubte ungehalten. »In ein paar Monaten ist es zu spät. Der Wahlkampf beginnt jetzt, wenn du zurückkommst, ist er zu Ende. Jeder meiner Gegner hat eine Frau an seiner Seite, die ihn unterstützt. Wenn du mich im Stich lässt, kann ich die Kandidatur absagen.«
   »Es tut mir leid, ich habe Victor zugesagt, lange bevor sich deine unerwartete Kandidatur ergeben hat.«
   Er wandte sich wütend ab. »Victor! Immer ist dir dieser Niemand mit seinen Forschungen wichtiger als ich. Ich hätte auf meine Familie hören sollen. Was soll ich mit einer Frau, die sich überall auf der Welt herumtreibt, während ich an meiner Karriere allein arbeiten muss?«
   Ich wollte etwas erwidern, um ihm meine Beweggründe deutlicher darzulegen und ihm vielleicht Verständnis für meine Situation abzuringen, doch bevor ich ein Wort sagen konnte, hatte er schon die Tür zugeknallt.
   Resigniert packte ich mein Portugiesischwörterbuch in das Handgepäck und schloss die Tasche. Er würde nicht einmal zur Tür kommen, um Auf Wiedersehen zu sagen, bevor ich ins Taxi stieg. Bis seine Wut verraucht war, saß ich längst im Flugzeug.

Die unschöne Abschiedsszene verfolgte mich die ganze Reise über. Sie trübte meine Freude, endlich in unserem Forschungscamp am Amazonas anzukommen und meine Arbeit wieder aufzunehmen. Mein Beruf und mein Privatleben waren zwei verschiedene Welten. Geradezu zwei Universen, die nichts gemeinsam hatten. Musste ich mich wirklich für eines entscheiden?
   Ich sog die feuchtwarme Luft mit ihren schweren Düften ein. Der Regenwald umhüllte mich mit all seinen ungezähmten Lauten und Geräuschen. Das Geschrei der Affen und das Zwitschern der Vögel übertönten fast den Lärm der Holzmaschinen weiter unten im Rodungsgebiet. Ich wärmte meine Zehenspitzen in der Sonne. Die drei Monate in Boston waren kalt und stürmisch gewesen und das bezog sich nicht allein auf das Wetter. Fitz hatte mich mit seinem Heiratsantrag an Weihnachten derart überrumpelt, dass ich nicht den Mut aufgebracht hatte, ihn noch um etwas Zeit zu bitten, bis ich wieder in Boston an der Uni tätig war. Ich hätte auch schlecht vor seiner versammelten Familie den Ring wieder ablegen können, den er mir ohne Vorwarnung an den Finger gesteckt hatte. Es war ja nicht so, dass ich ihn nicht heiraten wollte, nur die Art Beziehung, die er im Sinn hatte, erschien mir zu eng.
   Ob ich wohl tatsächlich die falsche Frau für ihn war, wie seine Mutter nicht nur einmal in unserer dreijährigen Beziehung mehr als deutlich hatte durchblicken lassen?
   »Er ist einfach der Falsche für dich, Isa.«
   Ich sah auf.
   Victor kam auf mich zu und betrachtete mich nachdenklich. »Der Schnösel hat nur sich selbst im Sinn und wie er sich am Besten in Szene setzt. Er schmückt sich mit noblen Karossen, dicken Uhren, guten Anzügen und schönen Frauen. Allerdings hat er sich bei dir vergriffen, denn in seiner Vorstellung hat eine Frau nur schön zu sein. Du bist zu klug dafür, um einfach nur schön zu sein.«
   »Das ist ja mal ein Kompliment.«
   »Ich meine es ernst, Isa. Willst du wirklich den Rest deines Lebens Statussymbol an der Seite dieses Kerls spielen?«
   »Wir hatten ursprünglich vereinbart, dass ich meine Arbeit fortsetzen werde. Nur halt nicht so … so extrem.« Ein Kloß macht sich in meinem Hals breit.
   »Extrem?« Victor stemmte seine Hände in die Hüften. »Mit extrem meint er wohl deine Exkursionen hier in die Wälder? Was sollst du denn stattdessen tun? In eurem Garten den Rasen mit der Nagelschere kürzen und dabei die Regenwürmer zählen, die sich nach oben verirrt haben? Du machst dir was vor, Isa. Sieh dich um. Das ist es, was du liebst. Du bist gern in den Regenwäldern und du gehörst hierher, siehst diese Natur als das, was sie ist. Einfach nur Natur, nicht feindlich, nicht gefährlich – nur natürlich. Ein Lebensraum, der Raum zum Leben lässt. Den du erhalten willst. Du wirst nie zu einem Stadtmenschen werden, der sich mehr Gedanken um sein eigenes Äußeres und seine Wirkung auf andere macht, als um die Welt um sich herum.«
   Ich holte tief Luft, der Kloß in meinem Hals schien immer dicker zu werden, als wollte er, dass ich daran erstickte. Victor mischte sich selten in meine Angelegenheiten ein, schon gar nicht ohne Aufforderung. Er kannte mich seit unserer Studienzeit. Vielleicht kannte er mich sogar besser, als ich mich selbst, weil ich mir keine Gedanken über mich machte. Mich interessierten zu viele andere Dinge und bisher hatte sich auch mein Leben immer wunderbar mit meinen Interessen vereinbaren lassen.
   »Sorry, dass ich so direkt bin. Ich möchte einfach, dass du darüber nachdenkst, bevor du eine falsche Entscheidung triffst«, fuhr er versöhnlicher fort.
   »Du hast ja recht. Ich habe mir bisher viel zu wenig Gedanken darüber gemacht, wie es weitergehen soll. Ich hatte gehofft, alles könnte so bleiben, wie es war.«
   Victor verzog das Gesicht.
   »Ich weiß, ich bin naiv, nur würde ich doch auch von niemandem verlangen, meinetwegen auf seine Träume zu verzichten. Ich hatte immer geglaubt, wenn man jemanden liebt, dann lässt man ihn, wie er ist und versucht nicht, ihn zu ändern.«
   »Liebst du denn Parkford wirklich?«
   »Zumindest bin ich bisher davon ausgegangen«, antwortete ich unsicher. »Die biochemischen Reaktionen, die das Kribbeln im Magen, die sexuelle Anziehung, die Freude beim Wiedersehen auslösen, die man im Allgemeinen als Begleiterscheinung der Liebe oder wenigstens des Verliebtseins erwartet, sind jedenfalls erkennbar.«
   Victor schob sich grinsend seine Nickelbrille hoch. »Muss ich dazu noch etwas sagen?«
   »Nein besser nicht.« Ich ließ mich von seinem Grinsen anstecken. Doch die Unsicherheit blieb. Wie sollte man denn herausfinden, ob man einen Menschen liebte oder nicht, wenn es sich noch nicht einmal an wissenschaftlichen Parametern festmachen ließ?
   »Bevor du den ganzen Tag hier sitzt und über Messmethoden zum Thema Liebe grübelst und trotzdem auf keinen grünen Zweig kommst, geh lieber auf einen Kaffee hinüber zu Megan. Sie hat schon gefragt, wann du wiederkommst. Ich glaube, sie befürchtete, du würdest gleich bei deinem Verlobten bleiben. Du kannst dir auch noch den Rest des Tages freinehmen, nachdem du gerade erst angekommen bist.«
   »Das ist zu gütig von dir«, erwiderte ich. »Ich dachte schon, ich müsste auf der Stelle meine dreimonatige Abwesenheit reinarbeiten.«
   »Das wäre eine Idee, aber nachdem du in der Zeit die Ergebnisse ausgewertet hast, die ich dir geschickt habe, lasse ich es noch einmal als Arbeitssoll-Erfüllung durchgehen.«
   Er hielt mir die Hand hin und zog mich hoch. Ich hätte noch stundenlang auf dem umgefallenen Steinquader vor dem alten Indiotempel sitzen und den Lauten der Waldtiere lauschen können. Es war so schön, wieder hier zu sein, und doch fühlte es sich anders an als sonst. Ich sah auf den glitzernden Verlobungsring, den ich nur noch zum Duschen ablegen sollte, wenn es nach Fitz ging. Ich zog ihn vom Finger und steckte ihn in eine der Taschen meiner Cargohose.
   Victor grinste und murmelte etwas von einem Anfang. Ich ging nicht darauf ein, weil ich nicht wissen wollte, welchen Anfang er meinte. Jeder Anfang war das Ende von Vorangegangenem, und ich war noch nicht bereit, irgendetwas in meinem Leben enden zu lassen. Ich schlüpfte in meine Socken und Schuhe und machte mich auf den Weg den Hügel hinunter in die Amethystmine, um Megan Hallo zu sagen.

Unter all den Gerüchen, die der Wald um mich herum aufzubieten hatte, stach der des Kaffees hervor, je näher ich Megans Büro kam. Sie hatte sicher wieder einen halben Kessel davon gekocht, tiefschwarz, und pur nicht zu trinken. Ich fragte mich, ob der nicht möglicherweise schon Löcher in ihre Magenwand geätzt hatte.
   »Hi Isa, herein mit dir«, begrüßte sie mich hocherfreut, als ich die Tür öffnete. »Du kommst gerade recht zu einer Kaffeepause, bevor wir mit der nächsten vermaledeiten Sprengung anfangen.« Sie drückte mich freundschaftlich an sich.
   »Habt ihr eure Probleme mit den Einstürzen immer noch nicht im Griff?«
   »Nein, leider nicht. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich aufgegeben, nach den Gründen zu suchen. Wir wollen nur noch sehen, was in den alten Teilen der Mine übrig ist und dann werden wir sie schließen«, erzählte sie, während sie mir eine halbe Tasse ihres schwarzen Gebräus einschenkte und den Rest mit Kondensmilch auffüllte.
   Ich gab fünf Löffel Zucker hinzu, damit der Kaffee auch gleich als Mittagessen durchging. Zumindest als Dessert. Sie schob mich nach draußen, damit wir uns wie immer auf die Bank vor die Hütte setzen konnten.
   »Was ist denn mit den neuen Schächten? Könnt ihr da nicht weitergraben?«, fragte ich.
   »Das lohnt nicht, dort gibt es kaum noch Amethystdrusen. Die Hauptvorkommen liegen da, wo die Indios schon vor einigen Hundert Jahren gegraben haben. Nur das sind eben unsere Problemstollen.«
   Ich sah hinüber zu den zum Teil noch vernagelten Schächten. Ein paar Männer kamen aus einem der zuletzt geöffneten Gänge. »Vielleicht hatte es einen Grund, dass die Indios mit dem Abbau aufgehört haben?«
   »Sie haben die Mine wohl aufgegeben, als die Portugiesen ins Land kamen. Entweder wollten sie nicht, dass die neuen Entdecker etwas von den Amethysten abbekamen, oder die Stämme wurden vertrieben. Ich konnte es leider nicht so richtig in Erfahrung bringen, weil der Medizinmann des Dorfes jedem verboten hat, mit mir zu sprechen.«
   Ich verdrehte die Augen. Der Doc war schon eine Marke für sich. Er sah überall und zu jeder Zeit Geister, die ihm Informationen über alle Menschen in seiner Umgebung lieferten. Über Megan hatten sie ihm gesagt, dass sie eine Hexe sei. Ich fände es nicht gerade lustig, wenn er über mich solche Dinge behauptete, aber Megan hatte ihn nur freundlich angelächelt, als er ihr den Vorwurf in einer Wolke Kräuterrauch gehüllt an den Kopf schmiss. Sie akzeptierte auch ohne ein Wort, dass er ihr verbot, dem Dorf zu nahe zu kommen. Zum Glück konnte er nicht all seinen Leuten verbieten, in der Mine zu arbeiten, weil sie das Geld für den Handel brauchten.
   »Soll ich mich darum kümmern? Mir erzählt er sicher was.«
   Sie winkte ab. »Im Prinzip ist es egal. Victor meinte, dass dazu verschiedene Geschichten existierten. Jedenfalls schien es nicht mit der Beschaffenheit des Bodens zusammenzuhängen. Warum es uns nicht mehr möglich ist, unfallfrei zu sprengen, wird vermutlich immer ein Rätsel bleiben. Wenn wir hier fertig sind, könnt ihr beobachten, wie sich der Regenwald auch diese Narbe in seiner Lunge zurückerobert.«
   Das würde sicherlich ein interessantes Forschungsgebiet werden. Der Minenkessel war zwar winzig klein, im Vergleich zu den abgeholzten Flächen, dafür aber schon über lange Zeit ständig befahren, sodass kaum mehr ein Grashalm aus dem Boden spross.
   »Megan«, rief ein Mann aus dem Minengang, aus dem die Arbeiter gekommen waren. »Wir sprengen jetzt. Bleibt aus den Schächten, bis wir grünes Licht geben.«
   Sie machte ihm ein Zeichen, dass sie verstanden hatte, und stellte ihre Kaffeetasse auf die Bank. »Kommst du kurz mit? Ich muss die Leute vom Eingang vertreiben. Die wollen immer noch nicht verstehen, dass sie da nicht warten können, weil es zu gefährlich ist.«
   Ich folgte ihr und schlürfte weiter meine dicke Milch mit Kaffeegeschmack. Der Mann von gerade eben kam noch einmal aus dem Gang und legte Werkzeug beiseite.
   Ich betrachtete ihn genauer. Da ich jeden Tag früher oder später nach der mittäglichen Siesta auf einen Kaffee vorbeikam, kannte ich mittlerweile so gut wie alle Leute hier, doch der war mir neu. Mit seinen langen roten Haaren und der Größe stach er deutlich aus den Arbeitern heraus, die in der Mehrzahl aus Indios und Südamerikanern bestanden. »Hast du neue Mitarbeiter?«
   »Ja, das Risiko von Einstürzen wurde zu groß. Und manchmal befinden sich auch noch natürliche Wasserspeicher in der Schicht, in der wir arbeiten. Wenn die bei einer Sprengung platzen, kann es tödlich für die Leute sein.«
   »Ah, dann habt ihr Spezialisten für diese Fälle angeheuert?«
   Sie nickte nur und ließ sich nicht weiter darüber aus, sondern scheuchte noch ein paar Nachzügler vom Eingang weg.
   »Verschwinde von hier«, flüsterte es an meinem Ohr.
   »Hast du etwas gesagt, Megan?«
   Sie blickte mich verwundert an. »Gerade eben nicht.«
   Ich trank einen Schluck Kaffee. »Verschwinde von hier«, flüsterte es an meinem anderen Ohr. Ich drehte mich um. Die Arbeiter standen ein Stück weiter den Weg hinauf und vertrieben sich die Zeit mit Geschichten. Niemand achtete auf mich. Ich nahm Megans Arm und zog sie ein paar Schritte mit mir.
   »Was ist?«
   »Ich weiß es nicht, offenbar spricht mein Unterbewusstsein zu mir.« Ich zwang mich zu einem Lachen.
   Megan kniff die Augen zusammen. »Und was sagt es?«
   »Nur, dass ich von hier verschwinden soll.«
   »Na, die Anweisung könnte auch vom Doc kommen, nicht?«
   Bevor ich antworten konnte, ertönte ein dumpfer Schlag aus dem Schacht. Megan sah gespannt hinüber, doch die Steine blieben, wo sie waren. Nur Megans Anspannung schwand nicht. Ein Grollen kam auf, das immer lauter anschwoll.
   »O mein Gott, was ist denn das?«, rief ich.
   Aus dem Eingang lief ein kleines Rinnsaal, das rasch größer wurde und sich in einer Lache sammelte. Megan schob mich noch weiter zurück. Die Männer hinter uns waren still geworden. Plötzlich schoss eine Fontaine aus Schlamm und Geröll aus der Öffnung. Ich drehte mich zur Seite und hielt meine freie Hand vors Gesicht. Ein paar Brocken trafen mich an der Schulter. Ich wartete auf einen weiteren Schwall, doch so schnell der Spuk begonnen hatte, war er auch schon vorbei. Wir starrten auf den Abraum, der mannshoch vor dem Mineneingang lag. Die Männer flüsterten aufgeregt durcheinander.
   »Okay, das hatten wir so auch noch nicht«, kommentierte Megan das Geschehen.
   »Sollten wir nicht nach deinen Spezialisten sehen?«
   »Nein, die kommen sicher gleich raus.«
   Alle starrten auf den Eingang, in dem sich nichts tat, außer dass noch etwas Wasser herauslief. Keiner der Männer hinter uns löste sich aus seiner Starre.
   »Megan, bist du sicher, dass die sich in Sicherheit bringen konnten?«
   »Ja, denen ist garantiert nichts passiert.« Unruhig schien sie trotz ihrer überzeugten Antwort doch zu sein.
   Die Männer hinter uns fingen an zu murmeln. Das Rinnsal, das aus dem Schacht lief, wurde immer kleiner, bis es schließlich versiegte.
   »Vielleicht liegen ja große Brocken im Gang und versperren ihnen den Weg. Es könnte ihnen die Luftzufuhr abschneiden.«
   Megan seufzte genervt. »Isa, ich bin mir sicher, den beiden ist nichts Gravierendes passiert. Es kann vielleicht etwas dauern, bis sie herauskommen, aber sie kommen.«
   Ihre Zuversicht erstaunte mich. Ich war mir nicht so sicher, dass da nichts passiert war. Schließlich war die Druckwelle, mit der der Minengang den Schlamm ausgespuckt hatte, nicht unerheblich gewesen. Selbst fünfzehn Meter entfernt, wo wir standen, hatte es noch Klumpen geregnet.
   Ein Raunen ging durch die Arbeiter. Ich bemühte mich, zu erkennen, was sich da im Gang bewegte. Es hob sich nicht genug von der Umgebungsfarbe ab, dass ich es sofort identifizieren konnte. Plötzlich tauchten zwei schlammverschmierte Gestalten hinter dem Berg aus Steinen und Dreck auf. Megan ging auf sie zu. Ich folgte ihr, um zu sehen, ob ich irgendwie helfen konnte. Die beiden hätten schon sehr viel Glück gehabt, wenn sie unverletzt geblieben wären, so wie sie aussahen.
   »So eine Sauerei«, murrte der eine und schüttelte seine Haare aus. »Gerade als wir dachten, es hätte geklappt, ist die Wand des Wasserspeichers neben uns geplatzt. Die hat’s auf uns abgesehen. Glaubst du das?«
   »Sicher, Ian. Die wollte sich dir unbedingt an die Brust schmeißen.« Megan lachte.
   Er warf sich in Pose – breit genug wäre die Brust ja. Dass die das so locker hinnahmen? So wie es rundherum aussah, hätten die beiden dabei umkommen können. Ich warf einen Blick zu dem zweiten Mann hinüber, der sich etwas abseits hielt und offenbar auf Ian wartete. Er starrte mich an. Obwohl er ein paar Meter entfernt stand, hatte ich den Eindruck, seine Augen leuchteten in dem hellsten und strahlendsten Blau, das ich je gesehen hatte. Ein Prickeln lief über meinen ganzen Körper wie von tausend Champagnerbläschen.
   »Verschwinde von hier, schnell!« Ich drehte mich um meine eigene Achse, um den Sprecher endlich zu ertappten, doch niemand stand nahe genug bei mir. »Habt ihr das auch gehört?«
   »Was denn?«, fragte Megan und musterte mich skeptisch.
   »Das Flüstern. Wie gerade eben, bevor die Mine den Schlamm ausgespuckt hat.«
   »Ich habe nichts gehört. Ian?«
   Er zuckte mit den Schultern. »Was soll denn wer geflüstert haben?«
   »Werde ich verrückt? Ich habe deutlich eine Stimme am Ohr vernommen, die mir zuflüsterte, ich solle verschwinden.«
   Megan nickte zu dem anderen Mann hinüber, der schüttelte den Kopf.
   »Nein, dort drüben, wo er steht, kann er das Flüstern auf keinen Fall gehört haben.« Mich wunderte ohnehin, dass er unser Gespräch verstanden haben soll. Da hätte er schon ein extrem feines Gehör haben müssen, was ich mir bei seinem Job unmöglich vorstellen konnte. Wieder fixierte mich sein durchdringender Blick, und erneut hatte ich das Gefühl, ein Leuchten stünde in seinen Augen. Mir wurde kalt trotz der schwülen Hitze. Irgendetwas stimmte mit meiner Wahrnehmung nicht. Ich roch noch einmal am Kaffee. Außer, dass er so stark war, dass man Tote damit hätte erwecken können, war nichts an ihm anders als an normalem Kaffee. War ich den vielleicht nicht mehr gewohnt, nachdem ich mich drei Monate lang mit der typisch amerikanischen Brühe abfinden musste?
   »Will noch jemand ein Schlammbad? Sehr zu empfehlen, der Schlamm ist frisch und ich leg mich auch gern mit rein«, witzelte Ian und schleuderte einen Batzen knapp an uns vorbei.
   Megan lehnte lachend ab.
   Ich warf einen verstohlenen Blick zu seinem Kollegen hinüber. Er schien über etwas nachzugrübeln und musterte den Mineneingang. Ich war beinah enttäuscht, dass er nicht wieder mich anstarrte. Ich hätte zu gern herausgefunden, ob dieses leuchtende Blau eine Einbildung meinerseits war oder ob es tatsächlich solch eine Irisfarbe gab. Er würdigte mich leider keines Blickes mehr, als er mit Ian zu ihrer Unterkunft ging, um den Schlamm abzuwaschen.
   »Isa, du bist ziemlich blass um die Nase«, bemerkte Megan. »Vielleicht solltest du dich eine Weile hinlegen. Es war eine lange Reise. Komm, ich begleite dich zu deiner Hütte. Nicht, dass du mir noch auf dem Weg umkippst.«
   Ich nickte. Zwar fühlte ich mich nicht schwach, doch erstaunlich verwirrt.
   Wir gingen gemächlich zurück zum Forschungslager und umrundeten den Tempelhügel über das nur mit Farnen bewachsene Areal zu seinem Fuße.
   »Warte einen Augenblick«, bat ich Megan, »ich sehe nur nach, ob die Bäume schon treiben, die ich hier gepflanzt habe.« Ich lief zu der Stelle am Rande der Lichtung, die ich mit kleinen Schildern markiert hatte. Im Gegensatz zum üblichen schnellen Wachstum im Regenwald spross jedoch keine einzige meiner Pflanzen.
   Megan war mir nachgekommen. »Wolltest du testen, wie man die Fläche hier wieder zuwachsen lassen könnte?«, fragte sie interessiert.
   »Na ja, nicht direkt um hier eine Pflanzung zu machen. Das könnte der Wald auch allein erledigen, wenn er wollte. Ich kann es nur nicht glauben, dass hier wirklich nichts anderes wächst als Farn. Der Boden hat keine andere Zusammensetzung, als ein Stück weiter drüben.«
   Ich grub an einem der Schilder, ob auch wirklich der Samen des Baumes noch an der Stelle lag, und ob er möglicherweise doch anfing zu keimen. Doch er war bereits zerfallen.
   »Was glaubst du?«, fragte ich Megan. »Gibt es wirklich eine Art Gedächtnis der Erde, das mit unserem menschlichen verknüpft ist?«
   »Ich weiß es nicht. Es gibt viele Geheimnisse auf dieser Welt, die sich mit dem menschlichen Verstand nicht so einfach erklären lassen.«
   »Irgendwie muss es eine Erklärung für alles geben. Nur wenn ich den Platz hier sehe … Weißt du, in den tieferen Schichten finden sich sehr wohl noch ein paar kleine Überreste von großen Bäumen, die hier gestanden haben müssen, es kommt nur nichts Neues mehr nach.«
   »Vielleicht mögen die Bäume den Ort nicht mehr. Es ist schließlich blutgetränkter Boden«, erwiderte Megan.
   »Du kennst die Geschichte?«
   »Einer unserer Arbeiter hat sie mir erzählt.«
   »Es fanden sich aber auch keine Hinweise auf eine veränderte Zusammensetzung des Erdreichs. Ich habe gegraben und die Bodenproben sogar mit nach Boston genommen, um sie genau zu analysieren. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass das der Grund sein soll. Zumal es keine Beweise dafür gibt, dass das angebliche Gemetzel auch hier stattgefunden hat. Es gibt nichts außer den überlieferten Geschichten der Indios, die seit Generationen den Erzählungen ihrer Ältesten oder Medizinmänner lauschen, wenn sich die mal wieder die Kräuterpfeife angezündet haben.«
   Megan schmunzelte. »Du hältst von Docs Pfeifen nicht allzu viel, hm?«
   »Ach, hör mir auf. Wenn ich bei seinen Geisterbefragungen in der Nähe sitze, bin ich drei Tage high. Da kann sogar ich Geister sehen.«
   Megan warf mir einen seltsamen Blick zu. Ich hatte das Gefühl, etwas hatte sich verändert, seit ich in den Urlaub geflogen war. Sie wirkte nicht so offen und locker, wie ich sie eigentlich kannte. Eher verschlossen und ernst. Vielleicht hing es auch nur mit dem ständigen Stress in der Mine zusammen. Wenn sie jedes Mal, wenn sie den Gang weiter in den Hügel treiben wollten, mit Unfällen rechnen mussten, wie heute, verlor vermutlich jeder irgendwann seine Lockerheit.
   »Du brauchst nicht weiter mitzukommen. Die paar Meter schaffe ich noch allein. Nicht, dass der Doc dich wieder versucht zu verscheuchen.« Ich umarmte sie kurz und machte mich auf den Weg zu meiner Hütte. Unser Camp war verlassen und im Indiodorf wenige Hundert Meter weiter den Fluss hinunter, hielten die meisten Siesta. Nur ein paar Kinder hüpften am Ufer entlang und hatten ihren Spaß. Ich ließ mich auf mein Bett fallen und schloss die Augen.
   »Verschwinde von hier, solange du noch kannst«, flüsterte es erneut an meinem Ohr. Ich legte schnell meine Hände an den Kopf. Nur nicht verrückt werden. Niemand konnte Stimmen hören, wenn keine Menschen in der Nähe waren. Das war nur eine … eine was? Es musste einfach eine Störung des Bewusstseins sein. Oder des Unterbewusstseins. Was auch immer. Ich hatte noch nie Stimmen gehört, genauso wenig wie ich Geister sah.

Kapitel 2

Als ich wach wurde, war es bereits dunkel. Ich knipste die Lampe an und fand auf dem Tisch einen Korb und ein paar große Flaschen Wasser. Ich hatte tatsächlich so tief geschlafen, dass ich Victor nicht hereinkommen hörte.
   Ich nahm mir nur ein paar Früchte mit, weil ich mich beeilen musste, noch rechtzeitig vor Mitternacht auf den Hügel des Tempels zu kommen, um den Vollmond zu bestaunen und auf das Erscheinen der Glühwürmchen zu hoffen, die sich meist zu dieser Zeit dort herumtrieben. Das war eines meiner liebsten Naturschauspiele hier, und ich hatte mir meinen Rückflug extra so gelegt, dass ich es nicht verpasste.
   Der Weg wurde vom Mond fast vollständig ausgeleuchtet. Es war eine traumhafte Atmosphäre, die durch das weiche Licht entstand. Wie ein verwunschener Märchenwald, silbern schimmernd und erfüllt mit tausend verschiedenen Geräuschen, präsentierte sich meine zweite Heimat für mich, als wollte sie mich überzeugen, sie nie mehr zu verlassen. Ich atmete die feuchte warme Luft ein, während ich mühelos den kleinen Anstieg überwand. Eine Boa schlang sich langsam von einem Baum, um auf die Jagd nach kleinen Säugetieren zu gehen. Ich wich ihr aus, um ihren Weg nicht zu stören. Wie oft war ich in den letzten Monaten gefragt worden, ob ich keine Angst vor den ganzen wilden Tieren und den giftigen Spinnen und Insekten und natürlich vor den Schlangen hätte. Der Pfeilgiftfrosch wurde gern als Beispiel dafür angeführt, wie gefährlich der Regenwald war. Ich konnte nur entgegenhalten, dass, wenn er so gefährlich wäre, wie er oft beschrieben wurde, es bestimmt keine Urvölker gäbe, die seit Jahrtausenden hier lebten. Deren größte Gefahr war tatsächlich die Zivilisation und die dazugehörende Ausbeutung ihrer Umgebung, nicht Frösche, Spinnen oder Schlangen.
   Das Licht des Vollmonds beschien den Tempel in dem gleichen kitschig-romantischen Licht wie auf einem alten Gemälde. Es war seltsam, dass nachts sein Zerfall deutlich weniger sichtbar war als am Tage. Im Gegenteil. Nachts sah er fast so aus, wie er ausgesehen haben musste, als er noch von den Indios für ihre Zeremonien genutzt wurde. Ich erwartete immerzu, dass Menschen mit Fackeln hineingingen. Die Vorstellung überkam mich so intensiv, dass ich glaubte, sie sogar zu sehen und Trommelschläge und Gesänge aus dem Inneren des Tempels zu hören. Es hatte etwas Friedliches, Entspannendes an sich.
   »Verschw…«, begann es in meiner Nähe zu flüstern.
   Ich hielt mir sofort die Ohren zu. »Verdammt noch mal«, fluchte ich. »Hör endlich auf, mir was einzuflüstern! Wer auch immer du bist.«
   Die Stimme war mitten im Wort verstummt.
   Ich nahm vorsichtig meine Hände von den Ohren. Nichts. Ich versuchte, den Satz zu Ende zu denken, aber er fühlte sich nur gedacht an und nicht wie von einem Menschen geflüstert. Himmel, was war das nur?
   »Kann ich helfen?«, fragte eine dunkle Stimme ein paar Schritte von mir entfernt.
   Ich fuhr zusammen. Am Eingang der Mauer, die den Tempel umgab, stand ein Mann. Breitbeinig, die Hände in den Hosentaschen vergraben und die Kapuze seiner Jacke über den Kopf gezogen. Ich hielt die Luft an. Wo war der auf einmal hergekommen und vor allem, wer war das? Ich machte einen Schritt zurück und wappnete mich, meine seit Jahren trainierten Kampfkünste anwenden zu müssen. Dann besann ich mich eines Besseren. Ich war nicht mehr in der Großstadt, wo man des Nachts an jeder Ecke mit einem Überfall rechnen musste, wenn unerwartet ein Fremder auftauchte.
   Der Fremde mir gegenüber machte jedenfalls kein Anstalten, näher zu kommen. Und er hatte auch nur ganz neutral gefragt, ob er mir helfen könne. War mir noch zu helfen? Ich benahm mich völlig daneben, seit ich zurückgekommen war. »Danke«, antwortete ich. »Ich hatte nur ein Säuseln an den Ohren, das mich genervt hatte.«
   Er nickte stumm.
   Weshalb blieb er denn immer noch stehen? Konnte er nicht wieder dahin gehen, woher er gekommen war? Ich wollte doch nur den Frieden der Nacht genießen. Und zwar allein an meinem Lieblingsort. Endlich einmal nicht umgeben von einer Horde von Menschen, die ständig etwas von mir wollten.
   »Darf ich fragen, was Sie hier machen?«, wagte ich einen Vorstoß, um ihn endlich loszuwerden. Trotz seiner Zurückhaltung mochte ich es nicht, dass ich nicht sah, wer es war. Er hatte die Kapuze seiner Jacke so weit ins Gesicht gezogen, dass ich nichts erkennen konnte.
   »Das wollte ich auch gerade fragen«, erwiderte er.
   »Ich habe zuerst gefragt«, entgegnete ich.
   Er löste sich aus seiner Starre und ging auf mich zu. Was sollte ich tun? Weglaufen? Keine gute Idee. Die Gefahr über Wurzeln oder in Löcher zu stolpern war zu groß. Schreien? Das Dorf war nicht weit und man würde es sicher hören, aber bis jemand hier war, würde es viel zu lange dauern. Ich spannte alle meine Muskeln an. Im Ernstfall würde ich treten. Und zwar schnell, auch wenn der Kerl fast einen Kopf größer war als ich und die Ausmaße eines durchtrainierten Footballspielers hatte. Ich musste gut treffen und vor allem auf den ersten Tritt. Er blieb außerhalb meiner Reichweite stehen.
   »Du bist die Biologin, die mit Megan befreundet ist«, stellte er fest.
   Fast erleichterte mich seine Bemerkung. War es womöglich einer ihrer neuen Mitarbeiter?
   Er schob seine Kapuze zurück und das Mondlicht spiegelte sich in seinen Augen. Sie strahlten geradezu in einem leuchtenden Blau, das jeden Edelstein in den Schatten stellte. Sein Blick traf mich mit voller Wucht. Ich hatte das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen, als würde er mich durchbohren, um alles in mir zu sehen, was es zu sehen gab. Ich machte einen Schritt zurück und hielt mich an einem Mauervorsprung fest. Nur mit Mühe hinderte ich mich daran, zu taumeln. Das Strahlen schien an Intensität zuzunehmen. Meine Finger krallten sich in den Stein und ich rang nach Luft. Endlich wandte er seinen Blick von mir ab. Ich bemühte mich, ruhig zu atmen, obwohl alles in mir flatterte und zitterte, als hätte mich ein elektrischer Schlag außer Gefecht gesetzt.
   »Ich bin Leandro«, stellte er sich völlig unerwartet vor.
   »Isa«, presste ich mühsam heraus.
   Er nickte und lächelte. Das Funkeln trat wieder in seine Augen, und ich fühlte erneut das Prickeln am ganzen Körper. Das durfte nicht wahr sein! Was passierte mit mir? Ich riss meine Aufmerksamkeit von seinen Augen los und fixierte den Steinblock neben ihm.
   »Verrätst du mir, was du hier zu dieser Stunde machst, Isa?«, fragte er freundlich.
   Das Prickeln auf meiner Haut verstärkte sich immer mehr und hinterließ ein nur allzu wohliges Gefühl. Ich wollte mich an die Mauer drücken, um diese imaginären Champagnerbläschen zum Zerplatzen zu bringen. Leandro bewegte sich keinen Millimeter. Wie eine Statue verharrte er an seinem Platz und wartete offenbar auf eine Antwort.
   »Ich wollte einfach nur den Frieden und die Ruhe genießen. Aber ich habe das Gefühl, das ist heute nicht möglich.« Ich nahm meine ganze Energie zusammen und widerstand seinem unheimlichen Blick. Schlagartig hörte das Prickeln auf und das Strahlen erlosch.
   »Ruhe und Frieden? Hier?«, fragte er mit unüberhörbarem Erstaunen in der Stimme.
   »Wo sonst? Hier hält sich um diese Zeit kein Mensch auf. Normalerweise kann ich die Geräusche des Waldes ganz für mich allein genießen. Und das Mondlicht.«
   »Das Licht eines Vollmondes, an einem Platz wie diesem?«
   »Was willst du damit andeuten?«
   Er zog nur seine Schultern hoch und sah zu Boden. Ein seltsamer Kerl und allzu gesprächig schien er auch nicht zu sein. Auch wenn er offenbar Champagner auf meiner Haut erzeugen konnte, wäre es mir lieber, er verschwände. »Falls du nichts Ähnliches vorhattest, würdest du mich dann allein lassen? Ich bin gerade erst angekommen, und möchte meinen Rhythmus finden. Und dazu wären mir dieser Platz und der Vollmond sehr hilfreich.«
   Er musterte mich genau, doch das Strahlen kehrte nicht mehr in seine Augen zurück. Hatte ich es mir nur eingebildet, genauso wie dieses Flüstern?
   »Was macht der Vollmond mit dir?«, fragte er.
   Beinah hätte ich aufgelacht. Ich überlegte, ihm zu antworten, ich würde mich in einen Werwolf verwandeln. Was war das nur für ein sonderbarer Mensch? Ich musste morgen unbedingt Megan über ihn ausfragen. Wenn er mir hier öfter über den Weg lief, hatte ich tatsächlich um meine Ruhe zu fürchten. Es konnte doch nicht sein, das jeder schöne Platz auf der Welt von Menschen überrannt würde. Gut überrannt war der falsche Ausdruck, wenn noch ein zweiter zur gleichen Zeit am selben Ort war. Aber das war meine Zeit und mein Ort, verflixt noch mal, und er sollte endlich verschwinden.
   »Du antwortest nicht.«
   »Du auch nicht. Ich habe dich ebenfalls gefragt, was du hier machst.«
   Er knirschte hörbar mit den Zähnen. Meine Güte, was war so schwer daran, einfach zu behaupten, er hätte einen Spaziergang gemacht und wäre zufällig hier gelandet. Irgendetwas in der Art. Ich mochte die Wahrheit gar nicht mehr hören. Ich wollte, dass er endlich verschwand.
   »Es zieht mich immer wieder hierher«, sagte er leise. Seine Stimme hatte plötzlich einen rauen Unterton, als fiele ihm die Aussage furchtbar schwer. »Nur im Gegensatz zu dir finde ich hier weder Ruhe noch Frieden.«
   »Dann wäre es vielleicht besser, du gingst woanders hin. Es gibt sicherlich in diesem großen Wald noch andere Orte, die schön sind und wo es dir besser geht.«
   Das verstörende Glitzern in seinen Augen glomm auf. Ich hielt dagegen. Es war ein Trick. Irgendein billiger Trick, um andere zu verunsichern. Nicht mit mir. Es hatte einmal funktioniert, aber es würde kein zweites Mal funktionieren. »Vielleicht solltest du dir einfach ein paar Stunden Schlaf gönnen. Dann kommen Ruhe und Frieden womöglich von ganz allein.«
   »Du willst, dass ich von hier verschwinde.«
   »Wenn es dir nichts ausmacht«, entgegnete ich in möglichst freundlichem Ton.
   »Kommst du jede Nacht hierher?«, fragte er, schon halb abgewandt.
   »Weshalb willst du das wissen?«
   »Ich bin jede Nacht hier. Wenn du mir nicht über den Weg laufen möchtest, sollten wir vielleicht unsere Zeiten austauschen.«
   O Mann, das konnte doch nicht sein Ernst sein! Musste ich jetzt schon Besichtigungstermine für meinen Lieblingsplatz vereinbaren, nur um nicht auf einen Freak zu treffen? »Ich habe keine bestimmte Uhrzeit, an der ich hier bin«, antwortete ich. »Ich komme her, wenn ich das Bedürfnis dazu habe.«
   »Ich bin um Mitternacht hier. Immer.« Er wandte sich ab und ging.
   Ich starrte noch eine Weile in seine Richtung. Irgendetwas Ungewöhnliches lief hier ab. Nur hatte ich keine Ahnung was. Es fühlte sich an, als befände ich mich im falschen Film, konnte jedoch den Kinosaal nicht mehr verlassen. Ich setzte mich auf einen der großen Steinquader, den die Zeit aus der Mauer gerissen hatte. Ein Frösteln lief über meine Haut. Der Schreck, der mich befallen hatte, als Leandro aufgetaucht war, steckte mir immer noch in den Knochen. Leandro – eigentlich ein schöner Name, aber was für ein merkwürdiger Mensch, der ihn trug.
   Ich sah auf meine Armbanduhr und stellte mit Bedauern fest, dass es bereits nach Mitternacht war. Ich wollte doch das Schauspiel beobachten, das sich hier immer bei Vollmond um diese Zeit abspielte. Hatte ich die Glühwürmchen verpasst? Ich drehte mich um und beobachtete den Tempel. Sie kamen immer um Mitternacht aus dem Eingang und vollführten eine Weile ihre Tänze. War womöglich der Mond noch nicht ganz voll? Ich warf einen Blick nach oben. Der Mond war kugelrund. Ein paar Fledermäuse jagten in seinem Licht. Hinter mir raschelte etwas. Ich drehte mich um. Eine Fledermaus hing kopfüber in einem Ast und beäugte mich neugierig. »Hast du wohl auch auf die Glühwürmchen gewartet?«, fragte ich sie, während sie schaukelte und mich nicht aus den Augen ließ. »Der seltsame Kerl hat sie vertrieben. Da bin ich mir sicher. Wenn der immer um Mitternacht hier ist, werden wir keine Chance mehr haben, ihren Tanz zu beobachten.« Die Fledermaus flatterte, wie zur Bestätigung, ein paar Mal mit ihren Flughäuten, bevor sie aufschwang und zu ihrem Schwarm zurückkehrte.

*

Leandro beobachtet Isa, wie sie auf dem umgefallenen Stein saß und mit der Fledermaus sprach. Sie schien eine ungewöhnliche Frau zu sein. Mutterseelenallein spazierte sie nachts im Regenwald umher und unterhielt sich offenbar mit den Tieren. Ob sie wirklich ein Mensch war? Er hatte auf den ersten Blick nichts anderes feststellen können. Und Megan schien sich sicher zu sein, dass sie keine anderen Gene in sich trug, sonst hätte sie bestimmt etwas dazu verlauten lassen. Was trieb Isa nur an diesen Ort? Fühlte sie die dunklen Mächte nicht, die er beherbergte? Wie konnte sie hier Ruhe und Frieden finden? Er bemerkte ein Kribbeln an seinem Hals. Schnell wischte er mit der Hand darüber, doch das Kribbeln ließ sich nicht vertreiben. Diese Ameisen konnten wirklich lästig sein. Er schüttelte die Kapuze seiner Jacke aus. Schließlich zog er sie ganz aus und behielt sie in der Hand. Es half nichts. Die kribbelige Spur zog sich unter sein T-Shirt bis hinunter zum Bund seiner Jeans. Er zupfte an seinem Shirt herum. Es wurde nicht besser. Sollten sie doch auf ihm herumkrabbeln, wenn sie nichts anderes fanden. Er wollte Isa nicht aus den Augen lassen. Sie zog ihn fast genauso an wie der alte Tempel, von dem er immer noch nicht mehr wusste, als er den alten Legenden entnehmen konnte, die die Minenarbeiter erzählten. Doch die Anziehungskraft von Isa war positiver Natur. Er genoss es geradezu, von ihrer Anwesenheit hier festgehalten zu werden, während der Tempel ihn hierher zwang, nur um immer wieder Bilder vor sein Auge zu rufen, mit denen er nichts anfangen konnte.
   »Du stehst aber heute weit weg«, flüsterte Ian hinter ihm. »Hast du was Neues gesehen?«
   »Pssst, wenn sie bemerkt, dass wir hier stehen, geht sie womöglich.«
   Ian schob sich an ihm vorbei aus dem Gestrüpp. »Ach, sieh an, die hübsche Biologin. Muss ich mir Sorgen machen?«, fragte er belustigt.
   »Worüber?«
   »Dass dein Interesse an Menschen plötzlich anderer Natur wird, als das der alleinigen Aufnahme von Nahrung.«
   Leandro winkte ab. »Seit wann machst du dir überhaupt Sorgen um irgendwas?«
   »Das sagt man halt so. Meine Güte, Leo. Man könnte meinen, du hättest nie mit Leuten zu tun, mit denen du sprechen musst.«
   »Hab ich auch nicht. Für gewöhnlich spricht keiner mit mir, wenn es nicht sein muss.«
   »Oh, tust du mir leid. Du bräuchtest nur mitreden, wenn wir uns unterhalten und nicht immer nur in der Ecke stehen und geistig abwesend sein.«
   »Ich bin nicht geistig abwesend, ich bin tot. Da unterhält man sich eben seltener.«
   »Du bist untot, das ist ein kleiner, aber feiner Unterschied. Und ich unterhalte mich in diesem Zustand äußerst gern, wie du bereits festgestellt haben dürftest.«
   »Ich hab es mitbekommen in den letzten hundert Jahren. Vielleicht könntest du dennoch jetzt das Quasseln lassen. Ich wollte mich auf Isa konzentrieren.«
   »Ich glaube, sie hat uns bemerkt, so wie sie in unsere Richtung starrt.«
   »Ja, sicher, weil du deine Klappe nicht halten kannst.«
   »Sie kann uns auf die Entfernung doch gar nicht hören.«
   »Und was war das heute Nachmittag? Sie hat etwas gehört, das wir nicht gehört haben.«
   »Kann auch Einbildung gewesen sein. Sie ist ein Mensch.«
   »Das war keine Einbildung, da bin ich mir sicher. Sie hat gerade eben auch mit jemandem gesprochen. Ich weiß nur nicht, mit wem und sie womöglich auch nicht, soweit ich das an ihren Reaktionen ablesen konnte. So, jetzt geht sie, das haben wir nun von deinem ewigen Gequassel.«
   »Ich glaube eher, sie ist müde und will ins Bett. Du solltest ihr nachschleichen, vielleicht entdeckst du überraschend noch lebendige Stellen an deinem Körper, wenn sie ihre Haare über ihre nackte Schulter fallen lässt und sie ihren Busen kitzeln, bis sich die Nippel aufstellen. Weißt du überhaupt noch, wie sich eine nackte Frau anfühlt?«
   »Womit wir wieder beim Thema wären. Tote haben keine Gefühle. Also hör auf, mich zu nerven. Du bist schlimmer als die Ameisen, die bis eben noch auf mir herumgekrabbelt sind.« Leandro sah verwundert an sich hinunter. »Wo sind die denn jetzt hingekommen?«
   Ian klopfte ihm lachend auf die Schulter. »Ja, ja immer sind die Ameisen schuld, wenn es in der Hose kribbelt.«
   Leandro wollte noch etwas erwidern, wusste jedoch, es würde nur noch mehr zweideutige Bemerkungen nach sich ziehen. Er wandte sich ab, um Ian zur Mine zurückzufolgen, doch eine unerklärliche Unruhe überfiel ihn. Woher kam sie? Wurde er beobachtet? Er sah sich um und versuchte, zu erkennen, was um ihn herum geschah. Links von ihm schienen die Tiere für einen Moment ihre Aktivitäten eingestellt zu haben. War dort jemand, den sie fürchteten?
   »Was ist? Kommst du mit zurück, oder willst du warten, bis die Ameisen wiederkommen?«, fragte Ian belustigt.
   Leandro schüttelte den Kopf. Wenn Ian nichts bemerkte, hatte er es sich womöglich eingebildet. Dieser Ort machte ihn noch ganz verrückt.

Kapitel 3

Ein höllischer Tumult weckte mich. Ich zog mir mein Kissen über den Kopf, um den Morgenappell der Brüllaffen zum Sonnenaufgang noch etwas abzudämpfen.
   »Hey, sag mal!« Victor polterte zur Tür herein. »Dein Urlaub ist vorbei. Der Wecker hat gebrüllt. Wie wär’s mit Aufstehen und Frühstück?«
   »Sofort. Lass mich erst noch das Geschrei genießen. Es war eindeutig zu still zu Hause.«
   Victor verließ lachend meine Hütte. Ich sollte mich sputen, wenn ich noch meine Lieblingsfrüchte ergattern wollte. Die gingen immer als Erstes weg. Ich machte mich frisch, sprang in meine Cargohose, zog ein T-Shirt über und band meine Haare zusammen. Schnell lief ich hinüber ins Dorf, um an dem allgemeinen Frühstück teilzunehmen, das die Indios jeden Morgen zelebrierten. Der Doc hatte die Runde der Ältesten schon um sich versammelt und sie reichten die Schale mit den Früchten herum. Schnell schnappte ich mir eine Papaya und ging auf ihn zu, um ihn zu begrüßen.
   »Schön, du bist wieder da«, rief er mir entgegen und grinste.
   Seine schiefen Zähne schienen in meiner Abwesenheit noch weniger geworden zu sein oder waren nur die Lücken größer geworden?
   »Hier!« Er klopfte auf den Platz neben sich. »Setzen.«
   Ich tat wie mir geheißen und setzte mich neben ihn auf den Boden. Ich war gespannt, was er mir sagen wollte.
   »Du hast die Hexe schon getroffen«, begann er ohne große Umschweife.
   »Ich war gestern bei Megan in der Mine, ja.« Ich betonte ihren Namen immer deutlich, um klarzustellen, dass ich es nicht mochte, wenn er sie Hexe nannte.
   »Du hast auch die beiden Männer gesehen, die hier sind, noch nicht lang?«
   »Die neuen Sprengmeister? Ja, hab ich. Was ist mit denen?«
   Er brummelte etwas in seiner Sprache, von der ich immer nur Brocken verstand, und wenn er so brummelte, verstand ich überhaupt nichts.
   »Böse Geister«, stieß er plötzlich wieder in Portugiesisch hervor.
   »Sicher Doc, ich habe nichts anderes erwartet.«
   Er sah mich von der Seite an. »Mädchen aus der Stadt hat keine Angst vor Geistern?«
   »Auch nicht vor Hexen.« Ich fand es immer amüsant, dass er mich Mädchen aus der Stadt nannte, obwohl ich weder ein Mädchen noch wirklich aus der Stadt war. Ich war auf einer alten Farm, mitten in der Pampa aufgewachsen und meine Schule lag in einem winzigen Kaff, das nur deshalb eine Schule hatte, weil der nächste größere Ort zu weit entfernt war. Eine richtige Stadt hatte ich erst kennengelernt, als ich zum Studium nach Boston aufgebrochen war. Dafür, dass er mich nie mit meinem Namen ansprach, nannte ich ihn auch nur Doc. Und auch deswegen, weil er mich immer auslachte, wenn ich versuchte, seinen indianischen Namen richtig auszusprechen.
   »Böse Geister über den beiden sind«, wiederholte er sich.
   »Hast du sie gesehen?«, fragte ich. Es fiel mir schwer, ein Grinsen zu verkneifen.
   »Nur bei Mann mit Haaren wie rotes Gold.«
   »Wie, nur bei Ian? Der scheint doch nett und witzig zu sein.«
   »Nett, witzig, nach außen. Innen böser Geist. Gefährlich.«
   »Aha. Und der andere?«
   »Den anderen ich noch nicht richtig gesehen habe. Meine Pfeife nicht dabei hatte, als er oben am Tempel war.«
   »Ah! Na ja.«
   »Mann mit roten Haaren ins Dorf gekommen ist. Vielleicht wollte sehen nach Opfer.«
   »Vielleicht wollte er nur Hallo sagen.«
   Doc schüttelte vehement den Kopf. »Wenn er Hallo sagt, Opfer tot. Das du dir besser merken, Mädchen aus der Stadt.«
   »Gut, dann sag ich nicht Hallo zu ihm. Gibt ja noch andere Begrüßungsformeln.«
   Er tätschelte meinen Arm. »Du Beschützerin unseres Volkes.«
   »Sicher, Doc, ich tu mein Bestes. Jetzt muss ich aufbrechen. Victor wartet zum Bäumezählen auf mich.«

»Weißt du, was mich wundert?«, fragte ich Victor, als ich mit der Kamera hinter ihm herlief und das Wachstum der neuen Pflanzen dokumentierte.
   »Was?«, fragte er relativ desinteressiert, weil ihn ein neuer Spross einer seltenen Pflanze ablenkte, an einer Stelle, an der er keinen gepflanzt hatte. »Siehst du hier? Der Urwald war wohl der Ansicht, er brauche an dieser Stelle unbedingt etwas anderes.«
   »Oder die Geister von Doc haben den Samen hier eingebuddelt, um deine Fachkenntnis infrage zu stellen.«
   »Haha. Was hat er dir denn für Geister nahegelegt?«
   »Ach, er meinte, die beiden neuen Sprengmeister von Megan hätten böse Geister an sich.«
   »Ja, ich weiß. Er wird immer verquerer in letzter Zeit. Ich mache mir langsam Sorgen um seinen Verstand.«
   »Das wollte ich eben anschneiden. Der ewige Rauch hinterlässt seine Spuren, würde ich sagen. Wer sich sein Leben lang Halluzinogene reinpfeift, wird früher oder später etwas wirr werden.«
   Victor seufzte.
   »Sein Stamm liebt ihn trotzdem. Ich denke, du musst dir keine Sorgen darüber machen, dass sie ihn fallen lassen, nur weil er immer wieder Geister sieht.«
   »Darüber mache ich mir keine Sorgen. Ich mache mir eher Sorgen, weil sie ihm glauben.«
   »Wieso das?«
   »Wenn wir versuchen, neue Verträge auszuhandeln, damit ihr Land einigermaßen gesichert ist, müssen wir befürchten, dass er über jedem Geschäftspartner einen bösen Geist sieht und alle Verhandlungen platzen lässt.«
   »Oje. Vielleicht solltest du dich mehr in die Stammespolitik einmischen. Du bist doch sein Urenkel. Hast du denn gar nichts zu sagen?«
   »Wenig. Ich bin nur ein Viertelindio. Und er hat es meiner Großmutter auch nie wirklich verziehen, dass sie einen amerikanischen Forscher geheiratet hat, obwohl der hier ein paar Jahre gelebt hatte und sich auch damals schon für die Rechte der Stämme eingesetzt hat.«
   »Lass mich raten: Der hatte auch einen bösen Geist über sich.«
   »Nein, der wollte ihm das Rauchen verbieten.«
   Ich lachte. »Okay, dann sollten wir das tunlichst unterlassen, wenn wir nicht in Ungnade fallen wollen.«
   »Ich weiß nicht.« Victor blieb stehen. »Er hat ununterbrochen nach dir gefragt, wann du wiederkommen wirst. Jeden Mond hat er groß an seine Tafel gemalt. Er scheint sich in dem Gedanken festgebissen zu haben, dass du den Stamm beschützen wirst.«
   »Das hat er mir vorhin auch erzählt. Ich will nicht wissen, wie enttäuscht er sein wird, wenn mein Vertrag hier ausläuft und ich wieder abreise.«
   Victor bohrte ein Loch in den Boden. »Du kannst den Vertrag doch verlängern.«
   »Ich könnte, doch ich fürchte, ich habe Fitz mein Wort gegeben, zurückzukommen, und zwar für immer.«
   »Ich dachte, er hätte Schluss gemacht?«
   »Heute Nacht hat er mir noch eine Nachricht geschickt, mit einer ellenlangen Entschuldigung über seinen Ausbruch. Er zählt auf mich.«
   »So wie die Leute hier.«
   »Willst du mir ein schlechtes Gewissen machen?«
   Er stand auf. »Nein natürlich nicht, aber der Typ weiß doch gar nicht, was er will. Mal sagt er, er wäre stolz auf dich und deine Erfolge. Das nächste Mal will er dich an den Herd fesseln, obwohl du noch nicht mal kochen kannst.«
   »Also hör mal. Ich kann sehr wohl kochen.«
   »Ja, nur essen kann das keiner.«
   Ich gab ihm einen Klaps. Nur wo Victor recht hatte, da hatte er recht. Meine Kochkünste hatten schon in unserer Studentenzeit für Lacher gesorgt. Deshalb hat auch immer Ilona gekocht, wenn wir nicht gerade irgendwo eingeladen waren. Ich durfte nur an den Herd, wenn wir jemanden mit seinen aufdringlichen Werbeversuchen loswerden wollten und Victor schon offiziell an die andere von uns vergeben war. Wie oft der den Lover einer von uns spielen musste, das konnten wir auch nicht mehr an einer Hand abzählen.
   Da fiel mir was ein. »Ilona hat vor, uns zu besuchen.«
   »Super, wann?«
   »Das konnte sie noch nicht genau sagen. Sie wird sich sicher melden.«
   »Ja, und zwar genau dann, wenn ihr Boot unten am Steg anlegt.« Victor schüttelte amüsiert den Kopf.
   »Wenigstens dann. Immer noch früh genug, um dein Bett neu zu beziehen.«
   »Wieso meines?«, fragte er verdutzt.
   »Ich lass sie nicht bei mir schlafen. Da werde ich im Minutentakt geweckt, weil sie ein verdächtiges Geräusch gehört hat, nur weil eine Kakerlake über den Fußboden getrippelt ist.«
   Victor verdrehte die Augen und widmete sich auffällig schnell wieder der Beobachtung seiner neuesten Pflanzen.

»Hast du ein Problem damit, wenn ich die Auswertungen später mache?«, fragte ich ihn, als unser Büro in Sichtweite kam. »Ich würde gern auf einen Kaffee zu Megan hinüberhuschen.«
   »Nein, geh nur. Wir haben ohnehin keine großartigen Ergebnisse vorzuweisen.«
   »Du klingst ungeduldig.«
   Er zuckte mit den Schultern. »Hast du gesehen, deine Bäume am Farnfeld lassen sich auch Zeit.«
   Ich blieb stehen. Was wollte er damit sagen? Er wusste doch, dass dort nichts anderes wuchs. Ich war diejenige, die sich damit nicht abfinden konnte. »Sag mal, irre ich mich, oder ist hier die Stimmung gekippt, als ich weg war?«
   Er sah zu Boden und scharrte mit dem Schuh im Dreck. »Ich weiß es nicht. Irgendwas liegt in der Luft. Ich kann es fühlen.«
   »Ach komm, du hörst dich an wie Doc. Was fühlst du denn?«
   »Keine Ahnung. Es ist einfach alles zu glatt gelaufen in dem letzten halben Jahr. Irgendetwas kommt doch immer. Und es wäre an der Zeit, dass die Sponsorengelder mal wieder auf unseren Konten eingingen.«
   Ah, daher wehte der Wind. »Du hast Bedenken, dass einer abspringt.«
   Er nickte.
   »Haben wir Reserven?«
   »Wenig offizielle.«
   »Nur unsere privaten, also.«
   »Du musst nicht deinen Verdienst in das Projekt stecken, das weißt du.«
   »Victor, ich habe so viel von meinen Verdiensten in Projekte gesteckt, dass ich nicht mehr weiß, was ich überhaupt verdient habe. Ich gebe nicht auf, das weißt du. Schon gar nicht des Geldes wegen. Was soll ich auch damit? Neue Schuhe kaufen? Dazu ist mir die Auswahl hier etwas zu dürftig.« Ich klopfte ihm auf die Schulter und ging zu Megan.
   Die Begegnung von heute Nacht spukte mir ständig im Kopf herum. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bereits, als ich die Mine einsehen konnte, hielt ich Ausschau nach diesem seltsamen Kerl, aber er war nirgendwo zu sehen. Megan allerdings auch nicht. Ich goss mir Kaffee aus einer Thermoskanne ein und darauf meine obligatorische halbe Dose Kondensmilch. Aus dem kleinen Fenster der Küche konnte ich den Platz fast vollständig überblicken. Der mit Schlamm übersäte Stollen wurde immer noch freigeschaufelt. Machte es wirklich Sinn, dort weiterzugraben?
   Ich trat vor die Tür.
   »Hey, bist du auf der Suche nach Megan?«
   Ich zuckte zusammen, dass der Kaffee aus der randvollen Tasse schwappte. »Meine Güte, hast du mich erschreckt.«
   Ian lachte.
   »Wo ist Megan denn?«
   »Sie ist heut morgen nach Macapá gefahren. Hast du das Boot nicht vom Steg ablegen sehen?«
   »Da waren wir vermutlich schon im Wald unterwegs. Schade, dann muss ich meinen Kaffee wohl allein trinken.« Es hätte mir schon am Geruch des Kaffees auffallen können, dass der nicht von Megan stammte. Dieser wäre tatsächlich auch ohne die Überdosis Milch zu trinken gewesen.
   »Soll ich dir solange Gesellschaft leisten?«, fragte Ian und grinste schelmisch.
   »Warum nicht? Wenn du gerade Zeit hast?«
   »Ich habe Zeit, endlos.«
   »Na dann. Ihr habt heute wohl nichts zu sprengen?«
   »Nein, wir müssen erst die Sauerei von gestern wegmachen und sehen, ob es sich gelohnt hat.«
   »Wir? Du machst gerade nicht den Eindruck, als würdest du daran mitarbeiten wollen.«
   »Doch, ich gebe die Kommandos. Aber außer: Schaufel in den Schlamm, Schlamm in den Karren, vollen Karren rausziehen, gibt es nicht viel zu kommandieren. Und ich hab’s nun so oft wiederholt, dass es alle verstanden haben.«
   »Und dein Kollege? Kommandiert der auch?«, fragte ich vorsichtig und hielt Ausschau nach Leandro.
   Er musterte mich von der Seite. »Wieso interessiert dich das?«
   »Ach, ich wollte nur etwas Small Talk betreiben. Das Wetter bietet sich nicht dafür an, es ist immer dasselbe.«
   »Das stimmt, Sonne, Platzregen, Sonne. Tagein, tagaus. Obwohl so ganz stimmt das nicht. Zu dem Platzregen gibt es auch noch ab und an Gewitter.«
   »Heute sieht es nicht danach aus.« Ich trank einen Schluck und betrachtete den Mineneingang, wo die Männer schaufelten. Ein Karren wurde herausgezogen, bis obenhin voll mit Schlamm. Welch eine Heidenarbeit für ein paar Edelsteine. Wo war nun dieser merkwürdige Kauz und warum wollte mir Ian nichts über ihn erzählen?
   »Warum sagst du mir nicht, wieso dich mein Kollege interessiert?«, fragte Ian plötzlich.
   »Er interessiert mich nicht wirklich. Es war nur eine Frage.«
   Er grinste. »Die Antwort stimmt nur zur Hälfte.«
   »Ach ja, und welche Hälfte davon stimmt?«
   »Dass es eine Frage war. Gibst du es zu?«
   »Na gut, wenn du meinst.«
   »Du willst wissen, was er gestern Nacht oben am Tempel gemacht hat, stimmt’s?«
   »Bist du Hellseher?«
   »Sagen wir mal so«, antwortete er und ließ sich mit seiner Erklärung dramatisch viel Zeit. »Ich kann ziemlich gut rechnen. Und eins und eins zusammenzählen gehört zu meinen Spezialitäten.«
   »Scherzkeks.«
   »Hat er dich erschreckt?«
   »Na ja, wenn einer mitten in der Nacht an einem Ort auftaucht, den du menschenleer wähnst, und sich seltsam verhält, würde es dich vermutlich auch erschrecken.«
   »Möglich, vermutlich eher nicht.«
   »Ach, du bist ein sehr mutiger Mensch, oder wie?«
   »Nein, mich erschreckt nur selten was. Wie seltsam hat er sich denn verhalten?«
   »Seltsam eben. Ich weiß auch nicht, wie ich es ausdrücken soll.« Wenn ich Ian erzählte, dass Leandros Augen leuchteten, hielt der mich glatt für durchgeknallt. »Warum geht er immer um Mitternacht zum Tempel, wenn es ihm nicht guttut, wie er sagt?«
   »Er geht nicht nur um Mitternacht da rauf. Sondern oft auch tagsüber.«
   »Ja, und warum? Ich gehe nicht absichtlich an einen Ort, der mich fertigmacht.«
   »Das ist seine Entscheidung, da muss er selber durch.«
   »Versteh ich nicht.«
   Ian stand auf. »Ich auch nicht. Aber man muss nicht immer alles verstehen, manchmal reicht es auch, Dinge einfach zu akzeptieren. Megan kommt übrigens erst morgen Nachmittag wieder zurück.« Er deutete eine höfliche Verbeugung an. »Ich werd mal wieder in der Mine nach dem Rechten sehen, nicht, dass sie vergessen, die Schaufel erst vollzumachen, ehe sie sie über dem Karren entleeren. Schön, mit dir geplaudert zu haben. Und falls du Leandro wiedertriffst, nicht erschrecken, der tut nichts.«
   Ich nahm noch einen Schluck von dem völlig geschmacklosen Milchkaffee. Der tut nichts – welch wahnsinnig witzige Aussage.

*

Leandro versuchte, das Unbehagen zu unterdrücken, das der Anblick des alten Tempels immer wieder in ihm auslöste, ganz gleich, ob bei Tag oder bei Nacht. Warum konnte er sich nicht dagegen wehren, hierhergezogen zu werden? War es sein Unterbewusstsein, das diese Pein von ihm verlangte, um die schwarzen Flecken seiner Existenz aufzudecken? Er nutzte den bereits größer werdenden Schattenstreifen und ging zögernd auf den Eingang zu. Bisher hatte er es immer nur zwei Schritte bis vor den Torbogen geschafft. Dann wurde er wie durch eine unsichtbare Wand daran gehindert, weiterzugehen. Er spürte den Widerstand. Jeglicher Versuch, dagegen anzukämpfen, war kräftezehrend, als ob eine verborgene Macht auch die letzten Reste seiner Existenz aus ihm heraussaugen wollte. Wie ein Blitzschlag fuhr es ihm durch den ganzen Körper, sobald er den Druck auf den Widerstand erhöhte. Was war das hier? Oder wer war es? Und vor allem: Weshalb fühlte niemand außer ihm diesen Widerstand?
   Er legte seine Hand an einen der Quader, dessen andere Seite noch von der sinkenden Sonne aufgeheizt wurde, und ließ die Wärme durch seinen Körper strömen. Erneut erschienen Bilder vor seinen Augen, doch sie waren nicht neu. Es waren dieselben, die er gesehen hatte, als er vor zwei Monaten das erste Mal vor diesem Tempel stand. Bilder einer Vergangenheit, an die er sich nicht erinnern konnte. Er spürte den Schlag, als eine Lanze seine Brust durchbohrte, sah sich in die Knie gehen, eine Hand an der Stange, die er umklammerte, als könnte er sie noch davon abhalten, einzudringen. Es war längst zu spät. Blut rann aus seiner Brust und bedeckte den Fels unter ihm. Er fiel auf den warmen Boden und konnte sehen, wie das Leben aus ihm wich. Langsam und offenbar schmerzvoll. Er wand sich hin und her und versuchte, noch einmal aufzustehen, aber er schaffte es nicht. Ein Indio beugte sich über ihn und verdeckte die Sicht. Mehr und mehr verlangsamten sich die Zuckungen seiner Gliedmaßen. Als der Indio aufstand, lag er ruhig vor ihm, und solange der Stein noch warm war, war es auch sein Körper. Als er an einem völlig anderen Ort wieder zu sich kam, war er kalt. Es gab keine Wärme mehr, nur die eisige Kälte, die aus seinem Inneren strömte und ihn unempfänglich machte, für jede Art von Gefühl – jahrhundertelang. War hier wirklich der Ursprung dafür gewesen? Was hatte er hier getan? Wie war er hierhergekommen? Dieser Ort lag fernab der Route, die die Schiffe damals nehmen sollten, sofern die alten Aufzeichnungen stimmten. Hatten sie sich verfahren? Er wich einen Schritt zurück, um den Druck des Widerstands von sich zu nehmen. Wie sollte er jemals herausfinden, was wirklich passiert war?
   »Leandro!« Ian riss ihn aus seinen Gedanken. »Wir haben den Gang weitestgehend freigeschaufelt und die Reste des gesprengten Felsens beiseitegeräumt.«
   »Und? Irgendwelche mineralischen Vorkommen?«
   »Hinter der Wand waren bereits Gänge.«
   Leandro stutzte. »War der Felsen das Ergebnis eines Einsturzes? Das hätten wir doch sehen müssen. Er sah aus wie eine massive Wand.«
   »Vielleicht haben die Indios von der anderen Seite her auch gegraben und sind von beiden Seiten gescheitert. Allerdings haben sie den Anschluss erstaunlich genau getroffen. Wir sollten uns das vielleicht heute Abend erst selbst ansehen, wenn alle aufgehört haben zu arbeiten, bevor wir morgen die Leute weiter reinschicken.«
   Leandro nickte und wandte sich vom Tempel ab.
   »Übrigens, sie hat nach dir gefragt.«
   »Wer?«
   »Na, Isa, die hübsche Biologin, oder wen erschreckst du sonst noch mit deinen nächtlichen Aktionen?«
   »Sie benimmt sich höchst seltsam.«
   »Tatsächlich?« Ian grunzte vor sich hin. »Ich fürchte, so etwas wurde von dir heute auch schon behauptet.«

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