Die neue Regierung verspricht Gleichheit und Freiheit für alle Rassen. Sterbliche und Unsterbliche sollen endlich gemeinsam in Frieden und Freiheit leben dürfen. Helen und Ben, beide gezeichnet vom Kampf gegen das ehemalige Regime, sind voller Hoffnung, dass nun auch für sie eine gemeinsame Zukunft möglich ist. Zunächst geht ihr Wunsch in Erfüllung, und die Welt feiert sie als einziges verbundenes Paar, als Sinnbild für die Gemeinschaft von Unsterblichen und Menschen, als Symbol für absolute und allumfassende Liebe. Doch der Friede währt nicht lange. Während die beiden an einer friedlichen Zukunft für die Bevölkerung arbeiten, brauen sich neue Gefahren zusammen. Helens herzloser Vater macht ihnen das Leben schwer und lässt nichts unversucht, das alte System wiederherzustellen. Und auch andere Mächte formieren sich, die nur ein Ziel verfolgen: den Traum von Gleichheit und Freiheit endgültig zu zerstören …

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ISBN: 978-9963-53-365-7

Seiten: 284

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Greta Ley

Greta Ley
Greta Ley wurde 1981 in Braunau am Inn geboren. Sie studierte Lehramt und ist hauptberuflich als Lehrerin tätig. Mit ihren beiden Kindern und ihrem Ehemann lebt sie im beschaulichen Eggelsberg und schreibt mit Begeisterung fantastische Geschichten und lustige Frauenunterhaltung.

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Vorwort

Sterbe ich? Wenn ja, so ist es ein süßer Tod. Bens Atem streicht mir über die Wange. Endlich – nach all den Jahren – verstehe ich wirklich, was es heißt, verbunden zu sein.
   Ich habe keine Angst. Sie ist mir fremd. Denn er ist bei mir. Der Tod hat seinen Schrecken verloren. Die Liebe währt ewig. Sie erschafft Neues.
   Ich nehme Bens Hand. Sie ist warm, wie die eines Menschen. Seine Augen leuchten.
   Du. Hast. Mich. Gerettet.
   Seine Stimme tief in mir.
   »Ich liebe dich«, flüstere ich heiser.
   Ben lächelt.
   Die Zeit löst sich auf, wird zu dem ewigen Meer, das sie immer schon war.
   Wo Liebe ist, gibt es eine Zukunft. Es gibt Hoffnung. Es gibt Glaube an eine bessere Welt. An eine Welt voller Liebe.
   Ben und ich.
   Ich und Ben.

TEIL 1
Die Vorgeschichte

Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Aber die Nachwelt behält sich Korrekturen vor.

Ernst Reinhardt


Veränderung

»Sehe ich gut aus?« Helen strich sich über das grüne Seidenkleid. Ein Ähnliches trug sie zuletzt bei ihrer Diplomverteilung, doch die Erinnerung daran schmeckte wie bitterer Wermut auf ihrer Zunge. Am liebsten hätte sie die Bilder von damals einfach ausgelöscht und mit denen der Gegenwart übermalt.
   »Du siehst immer bezaubernd aus, mein Herz«, antwortete Ben und nahm ihre verschwitzten Hände.
   Nur einen Wimpernschlag lang zuckte sie zusammen. Immer wenn er die Wunde berührte, wo einst ihr kleiner Finger war, fühlte sie sich in die Vergangenheit zurückgesetzt. In den letzten Monaten hatte sie nicht nur ihren Finger verloren, sondern ihre ganze Weltvorstellung.
   Verzerrte Albtraumfratzen schnürten ihr die Kehle zu und ließen sie daran denken, dass das Grauen nur Monate zurücklag. Was hatte sie nicht alles auf sich genommen, um nun hier zu stehen? Sie hatten eine Flucht und einen Kampf hinter sich, der geradezu selbstmörderisch gewesen war.
   Ihre ganze Jugend hatte Helen im vermeintlich sicheren Schoß des Regimes verbracht. Sie hatte die Regeln, die Ausbildung und die Gesetze als feste Gegebenheiten hingenommen, und war dem Vorbild ihres Vaters, des obersten Zentralmediziners, gefolgt. Dann aber war Ben in ihr Leben getreten. Sie musste den Seelenlosen aus der Wildnis bei ihrer Abschlussprüfung zähmen und zum ersten Mal in ihrem Leben waren ihr Zweifel gekommen, ob das Regime mit allem recht hatte, was es über die Außenwelt sagte. Obwohl sie Ben damals grausam und brutal in einem Roboter quälte, rettete er ihr kurze Zeit später bei einem Angriff von Wilden das Leben.
   Sachte zog Ben sie nun an sich heran. Seine Lippen berührten ihre. Ein leichtes Prickeln tanzte über ihren Mund. Sie schloss die Augen und atmete seinen Duft ein. Seit sie miteinander auf ewig verbunden waren, brauchte sie seinen Geruch, seine Stimme, einfach ihn ganz wie die Luft zum Atmen.
   »Aufgeregt, mein Herz?«, fragte er.
   Sie legte ihren Kopf an seine Brust. Die langsamen, stetigen Schläge seines Herzens beruhigten sie etwas. »Ich habe es mir leichter vorgestellt«, gestand sie leise.
   »Es hat sich viel verändert.«
   »Dennoch. Ich habe Angst. Das letzte Mal, als ich in der City war, wollte man dich töten. Man hat uns verfolgt. Wir … wir haben so viel verloren …« Helens Stimme zitterte und der Schmerz stach sie, als würde ihr gerade in diesem Moment erneut ihr Fingernagel herausgerissen werden.
   »Noch mehr haben wir gewonnen. Die Chance, dass Unsterbliche und Sterbliche wieder in Frieden miteinander leben können. Ohne Sklaverei, ohne Gewalt, ohne Angst.« Bens Stimme war ruhig. Er streichelte sie und Helen atmete tief ein.
   Wie sehr wünschte sie sich, dass diese Zukunft wahr werden könnte. Vor langer Zeit, lange bevor es das Regime, die Citys und die Wildnis gegeben hatte, war es schon einmal Wirklichkeit. Unsterbliche und Sterbliche lebten als Verbündete, als Verbundene, als Liebende … So wie sie und Ben.
   Doch nach den vergangenen Jahrhunderten, wo die sogenannte zivilisierte Menschheit alle Unsterblichen versklavt und gefoltert hatte, schien ein friedliches Miteinander wie eine unwahrscheinliche Utopie.
   Nur durch ihre Flucht und ihren Einsatz, die Bevölkerung aufzuklären, was tatsächlich vorgefallen war, bestand überhaupt die Möglichkeit, dass sich die Situation änderte.
   »Man hat uns sicheres Geleit zugesichert«, sagte Ben ruhig.
   Sie spürte, wie sehr er sich bemühte, ihr Zuversicht und Hoffnung zu geben.
   »Danke«, flüsterte sie und küsste ihn leidenschaftlich.
   »Außerdem wird es wirklich Zeit, dass wir unseren Dauerfilm abschalten. Die armen Leute im Regime können ihn bestimmt schon auswendig.« Ben lachte.
   Helen nickte. Aber es war auch gut so. Die Menschen sollten alle erfahren, dass sie einst einen blauen atmenden und lebendigen Planeten ruiniert hatten und die Unsterblichen ihnen nur helfen wollten, aus der Umweltmisere herauszukommen. Beinah hätte die Rettung des Planeten geklappt, doch dann war der Neid der Menschen auf die Unsterblichkeit zu groß geworden. Außerdem hatten unverantwortliche Wissenschaftler entdeckt, dass das Blut der Unsterblichen den Menschen zu einem längeren Leben verhalf und Krankheiten heilen konnte. Genau aus diesem Grund hatte die Menschheit begonnen, jene zu versklaven, denen sie eigentlich zu Dank verpflichtet gewesen wären. Jahrhundertelang war es üblich, den Unsterblichen alle Rechte wie auch ihr Blut zu rauben, um daraus ein alles heilendes Serum zu entwickeln. Doch der Preis für den Missbrauch des Blutes wurde mit einem hohen Preis bezahlt. Die Menschen wurden den Unsterblichen immer ähnlicher, und dadurch schlussendlich unfruchtbar. Kinder wurden nur noch im Reagenzglas gezeugt, und auch das stellte sich in den letzten Jahren als zunehmend schwieriger dar. Nur noch wenige Jahrzehnte, und die Menschheit hätte sich selbst beseitigt. Doch es gab auch Hoffnung. Helen hatte Ben und mit ihm die Wahrheit gefunden. Noch war die letzte Chance nicht vertan, das Ruder zugunsten des Planeten herumzureißen. Mit ihrer Verbindung zu Ben hatte sie den Menschen und den Unsterblichen gezeigt, dass es noch nicht zu spät war.
   Während Helen gedanklich in der Vergangenheit hing, begann Ben ihre Garderobe langsam zunichtezumachen.
   Mit geschickten Fingern löste er Stück für Stück die Verschnürung des edlen Kleides. Zärtlich strich er ihr den Träger von der linken Schulter und hauchte einen Kuss auf Helens porzellanweiße Haut.
   »Ben, haben wir dafür noch Zeit?«
   »Dafür muss immer Zeit sein«, antwortete Ben.
   Helen seufzte wohlig und gab sich Bens liebevollen Berührungen hin. Viel zu lange waren sie auf der Flucht gewesen, um endlich hier draußen, jenseits der sogenannten Zivilisation, so etwas wie Frieden zu finden.
   Die City, das Regime, die Vergangenheit konnten warten. Alles, was zählte, waren sie. Helen und Ben. Zwei Verbundene, zwei Liebende, einsgeworden für immer.
Ein lautes Pochen an die Zimmertür ließ Helen aus Bens Armen hochschrecken.
   »Seid ihr soweit?« Samuel Vickings Stimme drang dumpf durch das Holz.
   »Nur noch einen Augenblick«, antwortete Ben.
   »Ach, ehrlich? Wir fahren jedenfalls in fünf Minuten ab«, sagte Samuel und lachte.
   Er war Bens ältester Freund, Mentor und gleichzeitig Anführer der Befreiungsbewegung, und Helen hatte ihn in der kurzen Zeit, die sie im Dorf der Widerständler lebte, ebenso ins Herz geschlossen wie den Rest der Rebellen.
   Als sie noch eine folgsame Bürgerin des Regimes war, hätte sie sich niemals träumen lassen, wie gut das Leben jenseits der Stadtgrenzen war. Alle waren gleichberechtigt, egal, ob Mensch, Unsterblicher oder Verbundener. Jeder, egal, welcher Herkunft, wurde angehört und ernst genommen.
   »Schnell, bevor die ganze Welt erfährt, dass Verbundene den überwiegenden Teil ihres langen Lebens im Bett verbringen.« Helen lachte und sprang auf.
   Ben stand ebenfalls auf, wenn auch durch seine Verletzung am Oberschenkel langsamer. Es war erstaunlich, wie gut sich Ben von der Verstümmelung erholt hatte, aber bei bestimmten Bewegungen merkte Helen, dass ihr Liebster sie nicht mehr mit der ehemaligen Geschmeidigkeit vollziehen konnte. Helen schluckte und schlüpfte blitzschnell in ihr Kleid. Mit ein paar geschickten Handgriffen richtete sie sich die Haare. Seit sie mit Ben verbunden war und daher auch etwas von seiner Lebensenergie in sich trug, waren ihre Bewegungen schneller und fließender geworden, während Ben etwas von seiner Kraft eingebüßt hatte. Nur der verlorene Finger erinnerte sie bitter daran, dass sie keinesfalls unverwundbar, sondern nur stärker und flinker war als ein gewöhnlicher Mensch.
   Unten vor dem Haus warteten Helens Bruder Viktor mit seiner hochschwangeren Frau Eveline und Samuel.
   »Na, ausgekuschelt? Warte, ich zupf dir nur schnell die Bettfeder aus den Haaren, Hel. Sonst glauben die Leute in der City nur, dass wir es hier draußen den ganzen Tag so wild treiben, wie sie es bei den Menschen in der Wildnis vermuten.« Vik grinste und zog Helen eine Strähne aus den eben glatt frisierten Haaren.
   »Kümmere dich lieber um deinen eigenen Lockenkopf«, scherzte Helen und gab ihrem Bruder lachend einen Klaps auf den Handrücken.
   Viktor wackelte mit ebendiesen, dass seine wirre Haarpracht hin und her schwang.
   »Kommt, brechen wir auf«, sagte Vickings nun im väterlichen Brustton.
   Helens Herz krampfte sich einen Moment lang ängstlich zusammen, doch Ben stricht ihr sofort beruhigend über den Rücken. Alles. Ist. Gut, hörte sie seine Stimme in sich. Wenn Helen und Ben es wollten, konnten sie sich nicht nur in den anderen einfühlen, sondern auch Gedanken miteinander teilen.
   Sie verabschiedeten sich von den Dorfbewohnern.
   Sachte drückte Eveline ihrem Mann einen Kuss auf die Lippen. »Pass gut auf dich auf. Wir brauchen dich noch«, flüsterte sie.
   Liebevoll streichelte Viktor den runden Bauch seiner Frau und nickte bedächtig. Helen musste lächeln, als sie sah, wie ihr sonst so verwegener Bruder seine sanfte Seite zeigte, und vom Tiger zum Schmusekater mutierte, wenn Eveline mit ihm sprach. Dann stiegen sie in das alte, benzingetriebene Auto. Viktor lenkte natürlich den Wagen. Wer sonst, wenn nicht er, konnte sowohl mit den neuesten als auch mit den ältesten Technologien umgehen.
Die Fahrt dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Vielleicht lag es daran, dass sie einen Umweg um die Berge fahren mussten, die für ein Auto nicht zu bewältigen waren, oder einfach an den ganzen Erinnerungen, die auf Helen einstürzten und sich wie ein langer Film vor ihren Augen abspielten.
   Waren die Menschen in der City tatsächlich so weit, dass man den Infofilm abstellen und ihnen die Möglichkeiten der modernen Technik wieder anvertrauen konnte? Oder würden sie sich, sobald sie die Kommunikation und die Computer verwenden konnten, zusammenrotten und gegen die neue Regierung rebellieren? Würde daraufhin das alte Regime wieder an die Macht kommen, und alle Bestrebungen der Befreiung zunichtemachen?
   Helens Gedanken überschlugen sich, und ihre Gefühle waren ein undurchdringlicher Sumpf, in dem Angst ebenso gedieh wie die zarten Knospen der Hoffnung. Als endlich die Stadt wie eine unwirkliche Glitzerwelt vor ihr auftauchte, ballte sie die Hände. Niemals mehr sollte es Versklavung und Ungerechtigkeit geben. Niemals mehr sollte sich eine Rasse über die andere erheben und diese zu Knechten machen.
   Sie fuhren durch die äußeren Gebiete der Stadt. Bereits hier im Landwirtschaftsgürtel konnte man die positive Veränderung der Befreiung sehen. Unsterbliche arbeiteten gemeinsam mit den Sterblichen auf den Feldern. Ja, auch die Menschen mussten nun ihre Arbeit verrichten, denn die Zeit der Sklaverei war vorbei.
   Die Bebauung wurde dichter, und die gleichförmigen Siedlungen breiteten sich wie ein Teppich aus.
   »Sieh doch, Helen, das Leben hier hat sich zum Guten verändert«, sagte Samuel und zeigte aus dem Fenster.
   Tatsächlich, vor einem kleinen Restaurant saßen fröhliche Menschen und Unsterbliche, plauderten und aßen gemeinsam. Aber auch andere Dinge waren zu sehen, die zu Zeiten des Regimes undenkbar gewesen wären. Auf der Straße lagen Flugzettel, die niemand wegräumte und Müllsäcke standen vor den Haustüren. Die ganze Stadt sah unordentlich und dreckig aus. Der plötzliche Verlust der allgegenwärtigen Kontrolle brachte nicht nur die besten, sondern auch die schlechtesten Seiten im Menschen zum Vorschein.
   »Ich hoffe, du hast recht«, erwiderte Ben an Helens Stelle.
   Die Regierungsgebäude erhoben sich bedrohlich in der Mitte der Stadt. Am Straßenrand hatten sich Schaulustige versammelt. Jedermann wusste, dass heute der Tag gekommen war, an dem sich das ehemalige Regime mit den ehemaligen Widerständlern treffen und die Zukunft besprechen würde. Ob alle so nervös waren wie Helen? Sie kannte beide Seiten, das Leben als regimetreue Bürgerin und den Kampf als Befreierin. Der Wagen rollte ins Stadtzentrum.
   Vor dem Gebäude der obersten Regimebeamten, in dem sich die höchsten Mitglieder der Stadt monatlich zu Gesprächen trafen, standen in Reih und Glied die Anführer der Stadt. Unter ihnen auch Helens Vater. Helen zuckte bei seinem Anblick zusammen. Schon immer war ihr Vater kaltherzig und hart gewesen, ein unnahbarer Vertreter des Regimes, der das Wohl der City sogar über das seiner Kinder stellte, doch so hatte ihn Helen noch nie gesehen. Selbst durch die Scheiben des Autofensters konnte sie den Hass und den Ekel sehen, den seine Augen versprühten.
   »Er hasst uns. Er hasst mich«, keuchte sie leise.
   Viktor parkte das Auto vor dem Regierungshaus und drehte sich besorgt um. »Nein, Schwesterherz. Vater hasst Verlierer. Er hasst sich selbst dafür, dass er verloren hat …, nicht dich.«
   Helen schluckte trotz trockener Kehle.
   »Dein Bruder hat bestimmt recht, Liebste. Komm, wir schaffen das, und dann gibt es nur noch Gewinner. Für die einen Freiheit und Gleichheit, und für die anderen die Chance, weiter zu bestehen und sich nicht selbst auszurotten.«
   Bens Lippen kribbelten auf Helens Wange, und obwohl sie wusste, dass ihr Liebster die Wahrheit sagte, wünschte sich nur zurück in die Sicherheit der Wildnis.

Neuanfang

Ben spürte Helens Anspannung in sich, als wäre es seine eigene. Ja, auch ihn quälte die Sorge, ob dieses erste Aufeinandertreffen nach der Revolution gut ablaufen würde, doch Helens Herzschlag beschleunigte sich geradezu panikartig, als das Empfangskomitee vor ihnen auftauchte.
   Ruhig. Mein. Herz. Ben schickte ihr all die Gelassenheit, die er aufzubringen imstande war. Zum Glück trug auch Viktor mit ein paar Sätzen dazu bei, Helen zu beruhigen.
   In Gedanken ging Ben langsam durch, dass sie – die Befreiungsbewegung – in der stärkeren Position waren. Das alte Regime war zerbrochen, die Sklaverei offiziell beendet und die ganze City wartete darauf, endlich den Infofilm abgeschaltet zu bekommen. Ohne Computer und Technik war die Stadt beinah so gelähmt wie eine umgedrehte Schildkröte, die auf ihrem Panzer lag und hilflos zappelte.
   Nun war es an der Zeit, neue Regeln und Gesetze zu erlassen, zu verhandeln und eine Basis für die Zukunft zu schaffen. Dafür waren sie hier.
   Der Wagen hielt.
   »Da wären wir, und seht nur, wie freundlich Paps uns empfängt«, scherzte Viktor, als er den Motor abstellte.
   Ben ballte die Hände, als er den grimmigen Gesichtsausdruck von Helens Vater sah. Die Mehrheit der Stadtbevölkerung war für die Veränderung bereit, aber der oberste Mediziner bestimmt nicht. Kaum zu glauben, dass ein Mann wie er zwei so besondere und aufgeschlossene Kinder hervorgebracht hatte wie Helen und Viktor. Die schönsten Blumen blühten wohl wirklich unter widrigsten Umständen. Ben schluckte die schwere Beklemmung hinunter und holte tief Luft.
   Mit einem gezwungenen Lächeln auf den Lippen stieg er als Erstes aus und hielt Helen die Tür auf. Sachte nahm er ihre Hand und half ihr aus dem Wagen. Die Sonne ergoss sich auf ihr Haar und tauchte es in die Farbe von dunklem Waldhonig. Wunderschön, schoss es Ben unwillkürlich durch den Kopf, und als er sah, wie ihre Augen vergnügt aufblitzten, wusste er, dass er zu laut gedacht hatte. Wenigstens war Helen kurz von ihrer Sorge abgelenkt. Bevor er ihr etwas zuflüstern konnte, stiegen auch Samuel und Viktor aus.
   Karl Meyer, der provisorische Präsident und neue Sicherheitschef des Regimes, trat vor und begrüßte die vier steif. Ben war froh, dass Smith nicht mehr im Amt war. Meyers wirkte zwar etwas überfordert und starr, aber in seinen Augen lag eine milde Weisheit, die man nur durch Lebenserfahrung und ein gutes Herz erringen konnte. Hände wurden geschüttelt und unpersönliche Willkommensgrüße ausgetauscht.
   Als Ben vor Helens Vater stand, presste dieser die Lippen angeekelt aufeinander und zog die Augenbrauen zusammen. Es musste den alten Mediziner wohl alle Überwindung kosten, ihn – einen Seelenlosen – wie einen Menschen zu behandeln.
   Von der anderen Straßenseite aus wurden Bilder geknipst, und ein vorwitziger Reporter missachtete das Frageverbot und rief ihnen eine Bemerkung nach der anderen entgegen.
   »Nach unserer Besprechung gibt es eine Pressekonferenz, bei der Sie und das Volk der City alles erfahren werden. Bitte halten Sie sich an die Regeln, und warten Sie mit Ihrer Fragerei wie alle anderen auch«, sagte Meyer streng.
   Der Journalist dachte aber nicht daran, ruhig zu sein. »Und wie weit hat uns diese Folgsamkeit gebracht? Wer sagt uns, dass jenes Regime, das uns bisher nur belogen hat, auf einmal die Wahrheit sagt?«
   Nun fingen auch die anderen Reporter und Schaulustigen Feuer und begannen, die wüstesten Fantasien durch die Straße zu rufen. Die Sicherheitsbeamten hatten alle Mühe, die aufgebrachte Meute unter Kontrolle zu halten.
   »Die Wilden sollen verschwinden! Seelenloses Pack!«
   »Das Regime vernichtet uns!«
   »Nein! Der Widerstand ist schuld am Untergang!«
   »Die stecken alle unter einer Decke und wollen uns ausrotten!«
   Die Rufe wurden immer lauter, und Ben wollte nur noch Helen in Sicherheit bringen. Besorgt ergriff er ihre Hand und drängte sich an den Regimeobersten vorbei.
   »Wir gehen hinein«, sagte er und warf Meyers einen Blick zu, der keinen Widerspruch duldete.
   Das Regierungsgebäude war so wie alle Zentralen der City und erinnerten Ben schmerzhaft an das Medizinische Zentrum, in dem er mit Helen gearbeitet hatte. Die Wände waren kahl und mit unterschiedlichen Farbstreifen markiert, an denen man sich orientieren konnte. Im regelmäßigen Abstand hingen Monitore im Gang, wobei die meisten abgeschaltet waren.
   Seit Ben den Datenträger eingeschleust hatte, lief nur noch der Infofilm auf den Computern, und sie waren zu nichts anderem mehr zu gebrauchen. Bestimmt würde das Abschalten des Films einer der ersten Verhandlungspunkte werden.
   Helen strich genau in dem Moment, als er daran dachte, zärtlich über die kleine Erhebung auf seinem Arm. Viktor hatte ihm, Helen, wie auch sich selbst einen Sensor unter die Haut gespritzt. Nur wenn die genauen, aktuellen, medizinischen Daten auf den Zentralcomputer der City übertragen wurden, konnten der Infofilm abgeschaltet und die Computer ihre normale Arbeit wieder aufnehmen. Dass Viktor auf seine Art und Weise sowohl ein Freak als auch ein Genie war, stand außer Frage. Ben hatte selten einen Sterblichen getroffen, der sein Talent so zu nutzen wusste wie Viktor. Helens Bruder war mit seinen Überlegungen dem Rest der Menschheit stets einen Atemzug voraus und nutzte sein Wissen über die Vergangenheit, um eigene Schlüsse zu ziehen. So hatten er und seine Frau Eveline gegen jedes Anraten des Regimes auf die Einnahme des Serums verzichtet, und Eveline erwartete ein natürlich gezeugtes Kind. Diese Entscheidung musste die beiden unendlich viel Mut gekostet haben.
   Jahrzehntelang wurden Kinder in der City nur durch künstliche Befruchtung erzeugt. Embryonen wurden anhand von genetischen Komponenten entweder aussortiert oder durften zur Welt kommen. Diese dauernde Selektion und die ständige Einnahme des Serums, einer Mischung aus dem Blut von Unsterblichen, hatte die Menschheit zwar langsamer altern, aber dafür unfruchtbar werden lassen. Genau das galt es nun zu verhindern. Ben hatte damals den Auftrag angenommen, die Menschheit aufzuklären und zu retten. Nun stand er da, gemeinsam mit seiner neuen Familie und war fest entschlossen, seine Aufgabe zu vollenden.
   Viktor nickte Ben ernst zu, als würde er erraten, dass Ben gerade über ihn und die vergangenen Monate nachdachte. Meyers, Helens Vater und die anderen Vertreter der Stadt übernahmen den Vortritt und gingen voraus.

*

Helen schnappte nach Luft. Das Zimmer, in dem die Besprechung stattfinden sollte, war eine schlechte Kopie des Raums, in dem sie vor fast einem Jahr Bens Zähmung vornehmen musste. Er war unwirklich hoch, oben unter dem Dach befanden sich verspiegelte Glasfenster, durch die Außenstehende die Vorgänge im Zimmer beobachten konnten, ohne selbst Blicken ausgeliefert zu sein.
   In der Mitte, wo im Ausbildungszentrum der Zähmungsroboter gestanden hatte, waren Tische zu einer langen Tafel zusammengerückt worden, Wassergläser und Krüge standen darauf und an jedem Platz lagen einige Zettel altmodischen Papiers.
   Zu ihrem Entsetzen musste sie auch noch Vater gegenübersitzen. Aus seinen Augen sprühte die Verachtung wie aus einem überhitzten Vulkan. Zum Glück war sie nicht allein. Ben war ihr Fels in der Brandung und Viktor das Rettungsboot. Ja, selbst Samuel vermochte mit seiner weisen Wesensart, Helen so etwas wie Sicherheit zu geben. Es war für sie noch immer unglaublich, wie viele Jahrhunderte Samuel schon auf der Erde weilte. Er hatte mehr Wissen angesammelt als jedes Lexikon und trotz seiner Weisheit und den vielen guten und schlechten Erfahrungen nie damit aufgehört, an die Menschheit zu glauben.
   Und nun gehörte Helen in die Reihen der Unsterblichen, obwohl sie und Ben durch ihre Verbundenheit wohl einmal sterben mussten. Doch bis dorthin würden noch zig Jahrzehnte an ihr vorüberziehen. Ihr war ein langes Leben sicher, und genau deshalb musste sie sich zusammennehmen und Vater in die Augen sehen. Sie wollte mit Ben eine glückliche, eine gute Zeit verbringen und im Weg standen nur noch Männer, wie es Vater war … Männer, die der Vergangenheit angehörten. Männer des alten Regimes. Das würde sich heute ändern. Helen ballte unter dem Tisch ihre Hände und erwiderte voller Überzeugung Vaters unbarmherzigen Blick. Niemals mehr würde sie sich unterwerfen lassen. Sie war kein kleines Mädchen mehr. Sie war nun stärker als die meisten Anwesenden im Raum. Sie war die Zukunft. Sie war eine Verbundene.
   »Die Bevölkerung ist verunsichert. Die letzten Monate bedeuteten eine Veränderung, die kaum vorstellbar war. Und ehrlich gesagt kann ich noch immer die Wahrheit kaum fassen. Ich verstehe, dass die Menschen aufgebracht sind. Dennoch müssen wir heute zusammen einen neuen Weg für die Zukunft einschlagen«, eröffnete Meyers die Besprechung.
   »Nur so kann die Menschheit gerettet werden. Und daran liegt sowohl Ihnen als auch uns«, meinte Samuel und lächelte.
   Die Regierungsobersten nickten zaghaft. Nur Vater verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich abweisend zurück. In seiner Gedankenwelt musste alles seine berechtigte Ordnung haben. Die Seelenlosen als niedere Sklaven und die Menschen als deren Herren. Es war deprimierend mitanzusehen, wie verhärtet Vater in seinen Ansichten war. Während die anderen Obersten versuchten, eine Lösung zu finden und auf die Argumente von Samuel und Viktor eingingen, verschloss sich Vater immer mehr. Helens Herz war wie zugeschnürt. Trotz allem, was gewesen war, war dieser harte, uneinsichtige Mann noch immer ihr Vater.
   Könnte ich nur zu ihm vordringen und ihm klarmachen, dass er mit seinen Vorurteilen falsch liegt. Oder, wenn wenigstens Mutter hier wäre, dachte sie traurig, auf mich oder Viktor hat er nie gehört.
   »Wir brauchen auf jeden Fall jemanden, der das neue Zusammenleben repräsentiert. Wenn die Menschen ein Vorbild vor Augen haben, einen Beweis, dass Mensch und Unsterblicher miteinander in Frieden und Respekt leben können, fällt es ihnen leichter, mit den Neuerungen zurechtzukommen«, riss Meyers Helen aus ihren Überlegungen.
   Alle Augen waren nun auf sie und Ben gerichtet.
   Helen schüttelte den Kopf. Keiner konnte von ihr ernsthaft verlangen, dass sie in die gleiche Rolle schlüpfte, die ihre Eltern früher innehatten. Wie oft musste sie sich als Kind darüber ärgern, dass ihr Vater und ihre Mutter immer präsent für die Medien und für die Einwohner waren, aber nicht für ihre Kinder. Sie wollte keine Marionette sein, die den Menschen eine Wirklichkeit vorgaukelte, die es nie gegeben hatte. Ihr innigster Wunsch war es, mit Ben ein ruhiges Leben zu führen – in Freiheit.
   »Wie stellen Sie sich das vor? Helen und ich werden bestimmt nicht in die City ziehen, nur um als lebender Beweis herumzulaufen, dass wir uns nicht an die Kehle gehen«, sagte Ben forscher als gewöhnlich.
   Helen wusste, dass ihr Liebster mindestens so entsetzt über den Vorschlag war wie sie selbst. Ben war zeit seines Lebens frei gewesen. Nur durch seinen gefährlichen Auftrag war er in die Fänge des Regimes geraten und als Sklave an Regeln und Grenzen gebunden, die seinem innersten Wesen widersprachen.
   »Das wäre auch nicht unsere Absicht. Vielmehr würden wir es begrüßen, wenn Sie uns das Leben in der Wild… ähm, außerhalb der Stadt näherbringen könnten. Natürlich sind Sie und Helen immer in der City willkommen, aber eigentlich wäre es für die Menschen hilfreicher, wenn sie Sie draußen sehen könnten. Ich dachte an regelmäßige, kurze Besuche mit der Kamera. Und natürlich müssten Sie bei Feierlichkeiten in der Stadt anwesend sein«, meinte Meyers beschwichtigend.
   »Das ist keine schlechte Idee«, sagte Samuel zu allem Überfluss, »die Menschheit hat viel Wissen aufzuholen, und wer könnte es ihr besser näherbringen als ihr beide?«
   Helen verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Stell dir einfach vor, es ist nichts anderes, als du im Medizinischen Zentrum getan hättest, nur um etliche Niveaus tiefer«, sagte Vater mit zynischem Lächeln, »du zeigst den Menschen nicht, wie man operiert, sondern, wie sie sich selbst Kartoffeln anbauen.«
   »Das war wirklich nicht nötig, Vater«, sagte Viktor streng.
   »Stimmt. Entschuldigung. Diese Bemerkung ist eines lebendigen Menschen nicht würdig, sondern eher eines … Nun gut, lassen wir das. Die Frage ist wohl, ob du, Helen, genug Mumm für diese Aufgabe besitzt oder ob du es vorziehst, davonzulaufen.«
   »Doktor Sommer! Bitte! Wir wollen doch sachlich bleiben«, empörte sich Meyers.
   Vater lehnte sich jedoch gelassen zurück und schwieg. Wie sehr verabscheute Helen dieses überhebliche Getue. Ihre ganze Kindheit lang litt sie unter dem Gefühl, im Vergleich zu ihren übermächtigen Eltern minderwertig zu sein. Nie war sie genug. Auch wenn sie eine der besten Absolventinnen der Medizinausbildung gewesen war, Vater war besser. Er war der oberste Mediziner. Er hatte die Allmacht über Menschen und bestimmte letztendlich, wer Kinder bekommen durfte und wer durch wie viel Serum ein hohes Alter erreichen konnte. Und auch jetzt, wo das Regime gestürzt war, umgab er sich mit einer Aura der Unverletzlichkeit und des Allwissens.
   Helen straffte die Schultern und sah den Mann, dem sie ihr Leben zu verdanken hatte, unverwandt an. »Es mag sein, dass die Herren des Regimes uns gern als Verbündete der Gesellschaft präsentieren würden, aber die letztendliche Entscheidung treffen Ben und ich und das bestimmt nicht heute und jetzt. Ich werde mich mit meinem Mann beraten und Sie alle in angemessener Zeit wissen lassen, ob wir uns diese Rolle vorstellen können. Und wenn ja, wie diese auszusehen hat. Fürs Erste denke ich, ist es an der Zeit, die Einwohner der Stadt über die bereits vereinbarten Beschlüsse zu informieren. Und wenn keiner der Herren Mut genug hat, dies zu tun, dann erkläre ich mich dazu bereit. Pressefreiheit ist wohl für einige hier noch ein schwieriges Thema«, sagte sie streng. Obwohl sie es am liebsten vermied, so gestelzt zu sprechen, war sie in diesem Moment froh darüber, es zu können.
   Ihre Worte zeigten Wirkung. Viktor grinste übers ganze Gesicht, und Helen befürchtete schon, dass ihr unkonventioneller Bruder gleich einen Daumen hoch in ihre Richtung zeigen würde. Meyers zuckte zusammen, und Ben und Samuel nickten zufrieden. Nur Vater zeigte kaum eine Regung. Nur sein Mundwinkel vibrierte leicht. Widerrede war er nicht gewohnt, und von seiner kleinen Helen erst recht nicht. Doch Helen war nicht länger sein braves Mädchen. Sie war eine erwachsene Frau und hatte in ihrem Leben mehr durchgemacht und erlebt, als so manch zweihundertjährige.

Die sieben Grundsätze:

Jedes humanoide Wesen ist gleich an Würde und Freiheit, egal, ob geboren oder erschaffen, sterblich oder unsterblich.
Alle humanoiden Wesen sind angehalten, sich solidarisch zu verhalten und alles in ihrer Macht stehende tun, um die Erde als unsere Heimat zu erhalten.
Der Fortbestand der Menschheit und der Unsterblichen wie auch des Planeten ist oberstes Ziel. Fortpflanzung (mit oder ohne medizinische Hilfestellung) wird als Grundrecht in die Verfassung aufgenommen.
Sklaverei in jedweder Form ist verboten.
Jedes humanoide Wesen hat das alleinige Recht, über seinen Körper und alle damit verbundenen Ausscheidungen, Flüssigkeiten (insbesondere Blut) zu verfügen.
Es steht jedem humanoiden Wesen frei, über seinen Aufenthaltsort zu bestimmen. Auch Gebiete jenseits der ursprünglichen Stadtgrenze dürfen ohne Einschränkung bewohnt werden.
Jedem humanoiden Wesen steht es frei, einer Betätigung nachzugehen, die seinen Fähigkeiten entspricht.

Es war einfach gewesen, die Grundlagen des Zusammenlebens festzulegen, aber Ben wusste, dass die Schwierigkeiten erst danach begannen. Die Menschen hatten nicht nur verlernt, ohne Serum zu heilen, sie hatten auch keine Ahnung, wie man Gleichheit und Gerechtigkeit umsetzen sollte. Eine Gesellschaft, in der alles geregelt war, vom Lebensmittelverbrauch bis hin zur täglichen Wassermenge, die man fürs Duschen verwenden durfte, würde es nicht leicht fallen, selbst für sich zu sorgen. Die Stadtbewohner waren es gewohnt, alles vorgegeben zu bekommen.
   Umso mehr bewunderte er Helen dafür, wie überzeugt und selbstsicher sie vor den Reportern stand, obwohl ihre Hände vor Nervosität zitterten. Ohne zu zögern, antwortete sie auf deren Fragen.
   »Es wird natürlich eine große Umstellung. Aber wer sagt, dass wir alles ändern müssen? Wenn jemand gut darin war, Güter zu verteilen, dann sollte er selbstverständlich weiter diese Arbeit tun. Und was gibt es Besseres, als einen Landwirtschaftsarbeiter, der sich auf das Anpflanzen von Getreide versteht? Ich weiß, dass Sie beunruhigt sind. Ich bin es auch … Aber zum ersten Mal seit Jahrhunderten haben wir die Freiheit, etwas anderes zu tun, als uns vorgeschrieben wurde. Wir können wählen. Wir können mehr sein, mehr als man uns je zugetraut hätte.«
   Helen blickte ernst in die Menge. Dann kreuzten sich ihre Blicke, und ein leises Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Ben fühlte Stolz in seiner Brust. Vor einiger Zeit war seine Verbundene noch ein regimetreues Mädchen gewesen, das alles blind geglaubt hatte, was man ihr sagte. Und nun … Helen war unglaublich stark geworden.
   »Damit die Wirtschafts- und Arbeitsleistung in der Stadt wieder aufgenommen werden kann, werden die Computer ab morgen wie gewohnt funktionieren. Der Infofilm wird nicht länger gesendet, und ihr alle könnt euer Leben mit den technischen Annehmlichkeiten fortsetzen. Sollten sich die Bürgerinnen der City jedoch nicht an die neuen Gesetze halten oder es zu Aufständen kommen, wird die Technologie erneut von uns ausgeschaltet. Gemeinsam mit euren Anführern werden wir die Umsetzung der Regeln genauestens überprüfen. Wir alle wollen eine friedliche Zukunft. Das Wissen der Wahrheit wandelt die Welt.«
   Helen trat einen Schritt hinter das Mikrofon zurück, worauf das Blitzlichtgewitter einsetzte. Die Menschen murmelten miteinander, aber niemand warf offen Vorwürfe in die Runde, wie sie es vor der Sitzung getan hatten. Als geschlossene Einheit standen nun alle Vertreter in einer Reihe. Für die Fotografen wurden noch Hände geschüttelt und falsche wie auch ehrliche Lächeln ausgetauscht. Meyers wirkte insgesamt zufrieden und auch Samuel schien die ungewohnte Aufmerksamkeit der Presse zu genießen. Ben erinnerte sich an Zeiten zurück, in denen sein alter Mentor und Freund dauernd vor der Kamera stand, und wusste, dass dies eine der wenigen Schwachstellen von Samuel war. Er mochte es einfach, im Zentrum der medialen Aufmerksamkeit zu sein, und diese Vorliebe barg Gefahren in sich. Samuels Charisma war unschlagbar, und selbst bei schlechtestem Kameralicht leuchtete er von innen heraus wie ein Komet. Doch genau dieses Strahlen beschwor in kürzester Zeit Neider herauf, die das neue System gefährden konnten.
   Ben war sich sicher, dass die Menschheit keine weitere Chance erhalten würde. Der Planet war am Ende und die Menschen durch ihren hohen Serum-Missbrauch genetisch verkrüppelt. Insgeheim befürchtete Ben sogar, dass ohnehin jede Rettung zu spät kam, aber zumindest war es ihm vergönnt, den Rest seines Lebens mit Helen zu verbringen, um anschließend im Tod die Erlösung zu finden. Vielleicht, ja, vielleicht vergab ihm sogar der Schöpfer, dass er sein menschliches Dasein gegen die Unsterblichkeit eingetauscht hatte. Damals, als er die Möglichkeit hatte, und als junger Mann dem Tod in die Augen blickte, hatte ihn der Mut verlassen. Nur allzu gern nahm er das Angebot auf ein ewiges Leben an, ohne zu wissen, welches Leid es bedeutete, für immer als der zu existieren, der er damals gewesen war. Ben blieb über Jahrhunderte unverändert, während die Welt dem stetigen Wandel unterworfen war.
   »Helen, Ben, ein Bild für die Presse! Ein gemeinsames Foto, bitte«, rief jener Reporter, der schon vor den Verhandlungen dauernd das Wort ergriffen hatte.
   »Darf ich fragen, für wen wir posieren sollen?«, fragte Ben und zog die Augenbrauen hoch. Journalisten konnten sowohl gefährlich, als auch hilfreich sein, und dieser war auf jeden Fall hartnäckig.
   »David Beer, City-Magazin«, antwortete der junge Mann und deutete ein Kopfnicken an. »Meine Leser sind gespannt auf das verbundene Paar. Die meisten hoffen, dass ihre Beziehung ein gutes Omen für den Neuanfang darstellt. Eines sehe ich aber auf den ersten Blick, ihr beide seid ein fotogenes Pärchen und müsst aufs Titelblatt. Und bei all den hässlichen Dingen, die in der letzten Zeit passiert sind, haben die Leser ein klein wenig Schönheit verdient.« Beer lächelte breit und legte eine Reihe schiefer Zähne frei.
   Ben überlegte einen Moment lang, ob er dem Reporter seinen Wunsch erfüllen sollte. Anscheinend hatte Beer auf eine Herstellung eines geraden Gebisses mit Hilfe von Serum verzichtet. Vielleicht stand er sogar der Freiheitsbewegung nah.
   Helen kam ihm zuvor und nahm seine Hand. Die Fotografen knipsten wie verrückt und Ben war sicher, dass er und Helen binnen weniger Stunden die bekanntesten Gesichter der City sein würden. Eigentlich konnten sie sich gegen die Rolle als Vorzeigepaar nicht wehren. Sie waren die einzigen lebenden Verbundenen, und die Menschen wollten sie sehen.
   Ein ungewohntes Geräusch durchschnitt das Geklicke der Fotoapparate.
   Viktor zog ein altes Handy aus der Hosentasche und drückte auf die Tasten. »Es wird Zeit, zu fahren. Ab morgen funktioniert euer Computersystem wieder«, sagte er laut zu Meyers.
   Welche Nachricht hatte Viktor erhalten? Ben musterte seinen Schwager, doch Viktors Miene verriet nichts.

In Kinderschuhen

»Beim Regime! Vik, du bringst uns alle noch um!« Helen schnappte nach Luft und klammerte sich am Handbügel über der Autotür fest. Obwohl sie froh war, die Stadt und vor allem ihren Vater so schnell als möglich hinter sich zu lassen, war ihr Viktors Fahrstil zu lebensgefährlich. Sie, Ben und Samuel würden zwar wahrscheinlich einen Unfall unbeschadet überstehen, aber ihr Bruder war bloß ein Mensch. Auch wenn Viktor immer den Anschein erwecken wollte, unverletzlich zu sein und über den Dingen zu stehen, war er der Verletzlichste im Wagen.
   »Eveline bekommt meinen Sohn. Sie braucht mich. Jetzt! Ich hab keine Zeit, langsam durch die Gegend zu gurken und die Landschaft zu genießen. Ich werde Vater«, sagte Viktor und drückte das Gaspedal so durch, dass der Wagen ins Schlingern geriet. Widerwillig bremste er ab und stöhnte leise. Ben lehnte sich vor und redete auf ihn ein.
   »Auf diese Weise wird dein Kind nur Halbwaise. Lass mich fahren, Vik. Du weißt, dass meine Reflexe viel schneller sind als deine und ich verspreche auch, zügig zu fahren«, sagte Ben.
   Selten hatte Helen ihren Bruder so nervös erlebt. Als Ben das Steuer übernommen hatte und Viktor bei ihr auf der Rückbank saß, konnte sie seine Angst direkt riechen. Unruhig rutschte er hin und her und lehnte sich dauernd nach vorn. Zum Glück ließ sich Ben nicht aus der Ruhe bringen und lenkte das Auto souverän über die immer schlechter werdende Straße.
   Je weiter sie die Stadt hinter sich ließen, desto tiefer wurden die Schlaglöcher, bis sie schließlich zur Schotterstraße verkam. Helen sah aus dem Fenster. Das Bergmassiv, das sie bei ihrer Flucht durchwandern musste, lag bereits seitlich hinter ihnen. Da sie mit dem Auto weder durch die Schluchten noch durch den Wald fahren konnten, mussten sie einen beträchtlichen Umweg in Kauf nehmen. Eigentlich lag das Dorf der Freiheitsbewegung gleich hinter den Bergen, aber die Zufahrt war nur von der anderen Seite her möglich.
   »Wann sind wir endlich da?«, beschwerte sich Viktor wie ein kleiner Junge.
   Helen legte beruhigend ihre Hand auf seinen Oberschenkel. »Wir schaffen es bestimmt rechtzeitig.«
   »Der Kleine ist zu früh dran. Ich habe einen anderen Termin berechnet.«
   »Es sind nur zwei Wochen, Vik. Beruhig dich. Du weißt doch selbst, dass eine Schwangerschaft nicht unbedingt genau vierzig Wochen dauert. Erinnere dich an unsere Ausbildung.«
   »Du hast recht. Aber die Frauen in der City haben andere medizinische Möglichkeiten. Was ist, wenn …?« Viktor atmete keuchend ein und schüttelte den Kopf.
   »Es wird alles gut. Bestimmt, Bruderherz. Eveline ist gesund und stark. Die Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen, und im Dorf sind genug Frauen, die ihre Kinder auch ohne Medizinzentrum zur Welt gebracht haben.«
   »Hm. Es ist nur, dass ich mir einfach Sorgen mache. Ich will meine beiden Lieben nicht verlieren, Helen.«
   »Das wirst du auch nicht. Dein Kleiner kann es einfach nicht erwarten, dich zu sehen. Darum bahnt er sich ein paar Tage früher den Weg in die Welt. Wahrscheinlich will er endlich wissen, wer der verrückte Kerl ist, der dauernd seine Mutter mit schlechten Witzen zum Lachen bringt.«
   Viktors dankbarer Blick ließ in Helen eine warme Wolke aus Zuneigung im Bauch wachsen. Wie gern hätte sie mehr für ihren Bruder getan, aber sie konnte ihm nur gut zureden. Viktor war immer für sie da gewesen, hatte sie in den schlimmsten Phasen ihres Lebens unterstützt und mehr als einmal aus einer unangenehmen Situation gerettet. Obwohl er nie den idealen Regimebürger abgegeben hatte, war er stärker und klüger als jeder andere Mensch, den Helen kannte. Ihn so verunsichert und ängstlich zu sehen, tat ihr in der Seele weh. Die bevorstehende Geburt seines Kindes brachte ihn mehr aus der Rolle, als von einem ganzen Geschwader Regime-Kampfflieger verfolgt zu werden. Wenn Helen ihren Bruder betrachtete, verstand sie, weshalb es am Allerwichtigsten war, den Fortbestand der Menschheit zu unterstützen. Die Entstehung neuen Lebens, die Geburt eines Babys, der erste Schrei eines kleinen Erdenbürgers, war nicht mehr und nicht weniger als ein Wunder.
   Das Dorf tauchte vor ihnen auf. Umgeben von Bergen und Wäldern lag es gut verborgen vor neugierigen Citybewohnern in einem kleinen Tal. Nur wer genau wusste, wohin er gehen musste, fand den kleinen von Palisadenzäunen umgebenen Ort der Freiheitsbewegung. Und obwohl nicht mehr als ein paar Hundert Einwohner dort lebten, war er der wichtigste Stützpunkt. Von hier aus wurde alles geplant, delegiert und für die bessere Zukunft vorbereitet.
   Ben legte eine Vollbremsung vor dem kleinen Holzhaus hin, das Viktor und Eveline bewohnten. Viktor wartete nicht darauf, dass der Motor abgestellt wurde, sondern stürmte zur Tür hinaus.
   »Väter«, kommentierte Samuel und lächelte milde.
   »Als würdest du das nicht verstehen. Du bist doch unser aller Übervater«, sagte Ben.
   »Das Wertvollste im Leben ist Elternschaft. Viktor kann dieses Glück noch auf viel tiefere Weise erfassen. Ich bin nur der Vater von Verwandelten, die bereits erwachsen und im größten Teil ihrer Entwicklung fertig sind, aber Viktor … Er hat die Gelegenheit das Wachsen und Gedeihen zu erleben. Und es wächst nicht bloß ein fremder Mensch, sondern ein Teil seiner selbst. Das ist der wirkliche Segen der Menschen. Wir leben vielleicht ewig, aber die Menschen wachsen mit jedem Baby, das das Licht der Welt erblickt. Sie sind wirklich unsterblich.«
   Helen wurde es durch Samuels kurzen Monolog schwer ums Herz. Niemals würde sie dieses Glück erfahren können. Nach ihrer Verbindung mit Ben war sie mehr Unsterbliche als Mensch, und obwohl sie in ferner Zukunft durch den Tod erlöst werden würden, könnte sie nie Kinder bekommen. Ihr Körper war nicht mehr wandlungsfähig genug, ihr Blut war zu statisch, ihre Seele zu alt, als dass sie neues Leben hervorbringen könnte. Und nicht einmal die Mutterschaft durch Verwandlung wäre ihr vergönnt. Nur Unsterbliche konnten anderen Menschen die Unsterblichkeit schenken.
   Wir, hallte es leise in ihrem Inneren, und als sie aufblickte, sah sie in die verständnisvollen Augen ihres Liebsten. Ben hatte ihre Traurigkeit wahrgenommen. Er spürte ihre Zerrissenheit und schenkte ihr jenes Gefühl, das sie am meisten brauchte. Ja. Wir. Für. Immer, gab sie ihm zur Antwort. Sie war damals nicht unwissend die Bindung eingegangen. Mit Ben vereint zu sein, war den Preis wert, keine eigenen Kinder zu bekommen.
   »Los, wollen wir sehen, ob Viktor einen Sohn oder eine Tochter hat«, sagte Ben.
   »Ich hoffe auf ein Mädchen. Einen weiteren Vik kann die Welt schwer verkraften«, meinte Helen und lachte.

»Adamo Sommer«, flüsterte Viktor zärtlich und strich dem kleinen Bündel Mensch sanft über die zerknitterte Wange.
   Es sah so aus, als würde das Baby seinen frischgebackenen Vater voller Skepsis fragen wollen, ob er sich mit dem Namen schon sicher war. Der Kleine runzelte die Stirn und zog die Augenbrauen zusammen.
   »Er hat deine Haare und deine Nase«, sagte Eveline leise. Erschöpft von den Strapazen der Geburt lag sie auf dem Bett und strahlte trotz der Müdigkeit voller Zufriedenheit.
   Viktor setzte sich an die Bettkante, und nun konnte auch Helen näher herantreten. Das Bild der kleinen Familie war nahezu perfekt. Genau so hatte das Regime die Idylle immer präsentiert, nur dass die Models auf den Plakaten und Werbeanzeigen immer geschniegelt und weit weniger zerrauft waren als Viktor und Eveline.
   »Schwesterherz, komm her und sag Hallo zu deinem Neffen.«
   Das ließ sich Helen nicht zweimal sagen. »Adamo«, sagte sie und spürte die Liebe warm und weich wie ein Daunenkissen in ihrem Bauch. Nur einmal in ihrem Leben hatte sie bisher etwas Ähnliches gefühlt. Als sie Ben damals das erste Mal sah, wusste ihr Innerstes ebenfalls gleich, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gab. Und dass dieser kleine Mensch von nun an zu ihrem Leben gehörte, stand für sie außer Frage. Klein und verletzlich lag der Säugling in Viktors Arm und blickte sie neugierig an. »Adamo«, wiederholte sie und berührte die winzige Hand. Mit der Skepsis war es vorbei, denn das Kind gähnte und schloss die Augen. Zufrieden schmatzte der kleine Adamo und fiel in einen tiefen Schlaf.
   »Ist er nicht einfach wunderbar?«, fragte Viktor.
   »Er ist perfekt.«
   »Danke«, sagte Viktor zu Eveline.
   »Danke zurück, Daddy.« Eveline streckte die Hände aus und Viktor legte den Kleinen behutsam in ihre Arme.
   »Ich denke, die beiden haben etwas Schlaf nötig«, sagte Ben und lächelte.
   Helen wusste, dass er sich zurückgehalten hatte, um der jungen Familie und ihr Platz zu geben. Eveline nickte dankbar und streckte ihre Hand nach Ben aus. »Aber nicht, bevor du Adamo richtig gesehen hast. Du bist sein Onkel, und er wird bestimmt viel von dir lernen.«
   Helen wich zur Seite, um Ben den Weg freizumachen. Sein perfektes Antlitz leuchtete vor Zuneigung. Ben wäre bestimmt ein großartiger Vater geworden, dachte sie mit Wehmut, wischte den Gedanken aber schnell weg. Sie lebten alle nah beisammen, und Adamo würde ohnehin in einer großen Familie aufwachsen. Außerdem hatten Eveline und Viktor oft viel in der Freiheitsbewegung zu arbeiten und wären wahrscheinlich froh, wenn sie und Ben hin und wieder auf Adamo aufpassen würden.
   Nachdem Ben den Kleinen begrüßt und Eveline und Viktor seine Glückwünsche ausgesprochen hatte, ließen sie Mutter und Kind etwas Ruhe schöpfen. Helen fühlte sich mit einem Mal müde und musste ein Gähnen unterdrücken.

*

»Wir haben noch etwas Arbeit vor uns. Den Infofilm deaktivieren. Wer hat Lust, mich in die Kammer zu begleiten?«
   Viktor zwinkerte vergnügt. Jeder wusste, dass die Kammer nicht mehr als ein muffiger Verschlag unter der Stiege war, in dem Viktor seine Computer aufgebaut hatte. Ohne Worte verständigte sich Ben mit Helen. Seine Liebste brauchte etwas Zeit für sich. Der ganze Tag, die Begegnung mit ihrem Vater und nun auch noch die Geburt des kleinen Adamo hatten sie erschöpft. So sehr Helen auch ihren Bruder liebte, sie benötigte eine kleine Pause. Die Entscheidung war gefallen.
   »Ich melde mich freiwillig. Mein letzter Saunagang liegt schon einige Zeit zurück«, sagte Ben mit schiefem Grinsen.
   Durch die Ventilatoren und den Dauerbetrieb von Viktors Computersammlung war es unglaublich stickig und heiß in der Kammer. Jeder vernünftige Mensch, außer Viktor, vermied es, Zeit in dem Raum zu verbringen. Doch Ben machten weder Hitze noch Kälte besonders viel aus. Seit er ein Verbundener und kein Unsterblicher mehr war, fühlte er zwar hin und wieder ein leises Frösteln, wenn es kalt war, aber ins Schwitzen war er selbst in Viktors Verschlag nie gekommen.
   »Gut, Schwager. Dann folge mir in die Computerhölle. Ich will das System des Regimes schnell vom Infofilm befreien. Auf mich wartet Wichtigeres als Computerspielereien. Meinen schlummernden Adamo betrachten, zum Beispiel.«
   »Glaub mir, du wirst noch genügend schlaflose Nächte vor dir haben. Ich hab so einige Gerüchte gehört, dass frischgebackene Eltern im ersten Jahr wenig schlafen. Möglicherweise rühren die alten Zombie- und Vampirgeschichten nicht von uns Unsterblichen, sondern von jungen Vätern und Müttern her, die ziellos durch die Nacht irren, mit weinendem Kind im Arm und Augenringen so tief wie Vulkankrater.«
   Viktor verengte die Augen zu Schlitzen. »Mag sein. Schlechte Scherze gehen aber eindeutig auf eure Kappe. Wenn alle Unsterblichen so einen miesen Humor wie du haben, ist bald Schluss mit lustig.«
   Ben grinste und gab seinen Schwager einen Klaps auf die Schulter. Nun brach auch Viktor in Lachen aus.
   Mit einem sanften Kuss verabschiedete sich Ben von Helen. »Ich bin bald wieder da. Dann können wir reden«, flüsterte er ihr ins Ohr.

Es war jedes Mal aufs Neue beeindruckend, wie Viktors Finger über die Tastaturen und Bildschirme tanzten. Viktor schien eins mit dem Computern zu werden, als würde eine Symbiose zwischen dem Menschen und dem Gerät bestehen, die selbst für Bens empfindliche Sinne nicht zu erfassen war.
   Schweigend nahm Ben neben Viktor auf der behelfsmäßig aus alten Brettern zusammengeschreinerten Bank Platz.
   »Hm. Da hat jemand an meinen Daten herumgepfuscht. Seltsam. Seltsam«, murmelte Viktor geistesabwesend.
   Wenn Vik so vertieft war, hatte es keinen Sinn nachzufragen, was nicht in Ordnung war. Ben versuchte einen Überblick zu bekommen, aber obwohl er sich aufs Programmieren verstand, hatte er bei Viktors ausgeklügelten Eingaben keine Chance.
   »So, ich bin so weit, gib mir deinen Arm.«
   Ben streckte ihm seinen Arm entgegen und Viktor scannte die Biodaten. Blitzschnell gab er sie ein, dann wiederholte er das Ganze bei sich selbst.
   »Deaktiviert«, seufzte er zufrieden. »Nun laufen die Computer in der City wieder.«
   »Bleiben die Sensoren unter unserer Haut, oder können Helen und ich ihn entfernen?«
   »Lassen wir sie sicherheitshalber drin«, meinte Viktor. »Wer weiß, ob wir sie nicht noch mal brauchen. So ganz vertrau ich dem Regime nicht. Zumindest solange solche Typen wie mein Vater unter den Regierenden sitzen, sollten wir vorsichtig sein.«
   Ben nickte. Es war ihm zwar unangenehm, den Fremdkörper zu tragen, aber wahrscheinlich hatte Viktor recht. Bisher lag er immer richtig mit seinen Vorsichtsmaßnahmen. »Was war mit deiner Programmierung nicht in Ordnung?«
   Viktor stieß laut zischend den Atem aus und strich sich durch seine zottlige Mähne. »Irgendjemand hat versucht, meine Sicherungen zu umgehen. Aber der Hacker hat sich nicht besonders geschickt angestellt. Es war zwar kein totaler Stümper am Werk, aber … hm.«
   »Das war doch abzusehen, dass die City versucht, den Infofilm abzuschalten«, kommentierte Ben.
   »Dieser Angriff kam aber nicht von der City. Die Regimefuzzis sind immer bereits an der äußersten Sicherheitsschranke gescheitert, dieser Hacker hat von innen versucht, den Code zu knacken.«
   »Von innen? Du meinst doch nicht etwa …?«
   Viktor nickte besorgt. »Doch. Irgendjemand innerhalb der Freiheitsbewegung spielt mit falschen Karten. Und dieser Jemand war zwar so ungeschickt, Spuren zu hinterlassen, aber leider nicht dämlich genug, diese ordentlich zu verwischen. Ich kann weder sagen, von welchen PC, noch, aus welchem Dorf der Angriff kam. Der Maulwurf kann sowohl in unserem Ort wohnen als auch in einem anderen der Bewegung. Auf jeden Fall sind Vorsicht und Geheimhaltung geboten. Es ist wichtig, dass du mit niemand darüber sprichst, Ben. Ich werde mit Samuel reden. Wenn der Maulwurf mitbekommt, dass ich ihm auf den Fersen bin, kann ich ihm keine Falle stellen.« Viktor rieb sich über den Bart, so wie er es immer tat, wenn er ins Grübeln geriet. Wahrscheinlich ersann er schon einen Plan, wie er den Verräter drankriegen könnte.
   Ben unterbrach ihn nur ungern bei seinen Überlegungen. »Vor Helen kann ich es nicht verheimlichen. Das weißt du aber, oder?«
   »Meine Schwester ist kein Niemand, sondern ein Teil von dir und irgendwie auch von mir. Gib nur ein wenig acht, dass sie sich nicht allzu große Sorgen macht. Helen ist sensibel. Und vielleicht stellt sich der Angriff auch nur als Dummer-Buben-Streich heraus. Ich hab als Jugendlicher auch am liebsten gehackt. Nur so lernt man, richtig gut zu werden, auch wenn die Professoren an den Ausbildungszentren etwas anderes behaupten.« Viktors Lächeln erreichte seine Augen nicht.
   Ben schüttelte nachdenklich den Kopf. »Es wäre schön, das glauben zu können, aber nach all den Dingen, die vorgefallen sind, hege ich an deiner Theorie ernsthafte Zweifel, Vik. Helen wird sich bestimmt auch nicht davon beruhigen lassen. Da hoffe ich vielmehr auf deine Computerfreaktalente. Du wirst den Maulwurf bestimmt ausfindig machen und stellen.«
   »Danke für dein Vertrauen. Ich werde jetzt erst mal zu meinem Sohn gehen. Vielleicht fällt mir bis morgen eine Strategie ein.«
   »Genieß die Zeit, Daddy«, meinte Ben und lächelte. Er sah seinem Schwager nach, wie er die Kammer verließ und nach oben zu Frau und Kind stapfte. Die leise Sorge nagte wie das Surren der Ventilatoren unaufhörlich an Ben und ließ ihn noch einige Minuten in dem Verschlag verharren. Würden die Probleme nie enden? Sollte er vielleicht einfach Helens Hand nehmen und mit ihr ans andere Ende des Kontinents flüchten? Früher hatte Ben das Meer geliebt. Er war als Mensch jeden Sommer an die französische Küste gefahren, hatte den rauen Wind der See in seinen Haaren genossen und den wilden Wellen dabei zugesehen, wie sie sich am Stand zum sanften Säuseln auflösten. Aber waren die Küsten und Strände noch das, was sie früher einmal für ihn dargestellt hatten? Verkündeten sie noch das Gefühl der Freiheit, oder waren sie, wie alles in den letzten Jahrhunderten, zu Grenzen verkommen?

*

»Was ist los?« Helen hatte unruhig in ihrem Zimmer ausgeharrt, obwohl Bens angespannter Herzschlag sie dazu gedrängt hatte, zu ihm zu eilen. Etwas hatte ihn aufgebracht und auch jetzt, wo er vor ihr stand und die Liebe aus seinen Augen leuchtete wie das permanente Glühen der Sonne hoch im Norden während des ewigen Sommers, wirkte er besorgt.
   »Hat etwas mit der Deaktivierung nicht geklappt? Oder … ist etwas mit dem Baby?«
   Ihr stockte der Atem vor Angst. Sie hatte bisher nicht wirklich gewusst, wie wichtig ihr der kleine Adamo in den paar Minuten da sie ihn gesehen hatte, schon geworden war.
   »Nein, nein. Keine Sorge. Viktor konnte die Daten erfolgreich eingeben und die Dauerübertragung stoppen. Er ist bei Eveline und dem Kleinen. Es ist alles in Ordnung mit ihnen.«
   »Dem Regime sei Dank«, seufzte sie automatisch die gewohnte Redewendung und sank in Bens Arme. Sein Herz schlug schneller, und Helen blickte ihn erstaunt an. »Aber? Was verschweigst du mir?«
   »Viktor möchte nicht, dass du dich aufregst und, ehrlich gesagt, ich auch nicht. Wahrscheinlich hat dein genialer Bruder die Sache in Windeseile gelöst, bevor es sich zu einem echten Problem auswachsen kann.«
   »Aha.« Helen presste die Lippen aufeinander. Sie wusste, dass Ben durch ihr Schweigen machtlos wurde und früher oder später mit der ganzen Geschichte herausrücken würde.
   Während sie an ihn gelehnt, still und leise in seinem Innersten forschte und kein Wort ihre Lippen verließ, verlangsamte sich sein Herzschlag, bis ihre Herzen wieder wie eins schlugen, und Ben endlich erzählte, was Viktor entdeckt hatte. Helen schloss die Augen, während sie ihm zuhörte. Bilder von seinem Leben als Mensch und seiner unendlichen Sehnsucht nach dieser Unbeschwertheit tauchten vor ihr auf und verstärkten ihren Wunsch, das alles hinter sich zu lassen. Doch dann überlappte Adamos zerknittertes Babygesicht und das unwillkürliche Lächeln des Kleinen Bens Erinnerungsfetzen.
   »Glaubst du tatsächlich, es wäre eine Lösung, die Menschen, für die wir die Mission überhaupt erst auf uns genommen haben, zu verlassen? Was ist mit Samuel? Was mit Vik, Eveline und Adamo? Versteh mich richtig, ich habe tierische Angst, aber wollen wir nicht Teil der neuen Welt sein, die wir gemeinsam erst in die Wege geleitet haben? Du, mein unverletzlicher, starker Unsterblicher, warst der Datenträger. Du hast uns erst die Möglichkeit auf ein Dasein in Freiheit und Frieden in die Hände gegeben, und ausgerechnet du willst dieser Neuordnung nun den Rücken kehren?« Helen lachte ungläubig und drückte Ben einen Kuss auf die Wange.
   Nun musste auch dieser lächeln. Nachdenklich löste sie sich aus seinen Armen und stützte sich auf der Fensterbank ab. Draußen im Dämmerlicht spielten ein paar Kinder mit einem alten Reifen und einem Stock. Ihr Lachen drang ins Zimmer und erhellte es. In diesem Moment wurde Helen klar, dass es sich immer lohnte, für eine bessere Welt zu kämpfen. Sie wollte, dass Adamo genauso unbeschwert in der Straße herumtollen konnte wie diese Kinder da unten. Sie wünschte sich, dass andere Unsterbliche ihre Sensiblen fanden und ebenso glücklich und im Wissen der ewigen Liebe leben konnten. Sie wollte Freiheit und würde dafür ihr Opfer bringen. Überzeugt ballte sie die Hände und drehte sich um. Ben stand makellos wie eine Marmorstatue vor ihr und betrachtete sie.
   »Ich denke, du und ich sollten gemeinsam unseren Platz einnehmen. Wir sind Teil dieser Zukunft, und auch wenn es mir im Innersten widerstrebt, müssen wir vielleicht die Vorbildwirkung abgeben, nach der sich die Bevölkerung sehnt. Wir müssen den Weg vorgehen, müssen ihn ebnen, für jene, die nach uns kommen. Für die Kinder, für die Unsterblichen und die Sensiblen, für die Menschen, für Adamo.«
   »Wann nur hast du mich an Stärke und Weisheit überholt, meine zarte Helen? All die Jahrhunderte, die ich auf der Erde bin, sind nichts im Gegensatz zu deinem großen Herzen«, erwiderte er.
   »In dem Moment, da du und ich eins geworden sind«, sagte Helen und streckte ihre Hand nach ihm aus.
   Er küsste ihr Handgelenk. »Du bist wundervoll und du hast in allem, was du gesagt hast, recht. Mein langes Leben hat mich wohl in einigen Belangen blind gemacht. Und zum Egoisten.«
   »Du und Egoist?« Helen lachte. »Wer wäre beinah gestorben, um ein paar halsstarrigen Regimebürgen die Chance auf ein Weiterbestehen zu geben?«
   Damit küsste sie ihn leidenschaftlich. Ja, sie konnte ihn nur zu gut verstehen. Mehr als einmal war sie in Versuchung geraten, die Flucht zu ergreifen und sich mit Ben ein kleines Paradies am Ende der Welt zu erschaffen. Aber etwas hatte sich geändert. Mit der Geburt von ihrem kleinen Neffen war die Zukunft kein reines Wunschdenken mehr, nein, sie hatte einen Namen. Adamo.

Vorzeigefall

Samuel hatte eine Krisensitzung für den engsten Kreis einberufen. Nur Helen, Ben, Viktor und Clemens waren anwesend. Clemens war so etwas Ähnliches wie Samuels Sohn, obwohl das faktisch nicht sein konnte. Aber der junge, ernste Unsterbliche war einer der wenigen, die Samuel je verwandelt hatte. Clemens war schweigsam und wohlüberlegt. Nicht das makellose Erscheinungsbild eines Unsterblichen zog jedermann sofort in seinen Bann, sondern seine zweifarbigen Augen. Das rechte war blau, das linke braun und wenn er einen ansah, hatte man das Gefühl, dass er einem auf den Grund der Seele blickte. Obwohl er Helen zuerst etwas unheimlich gewesen war, hatte sie seinen analytischen Verstand schnell schätzen gelernt. Clemens hatte den Überblick, er war wie ein wandelnder Computer und wusste genau, wer im Moment welchen Auftrag in der Freiheitsbewegung erfüllte. Wenn Samuel das charismatische Gesicht für die Außenwelt war, so war Clemens das planende im Hintergrund.
   In diesem Moment überzogen Falten seine sonst glatte Stirn und er trommelte unrhythmisch mit den Fingern auf der Tischplatte. »Das ist in der Tat besorgniserregend. Und es besteht kein Zweifel, dass der Angreifer innerhalb der Bewegung zu suchen ist?«
   »Entweder das, oder er hat durch ein Bewegungsmitglied Zugriff auf unser System erhalten«, antwortete Viktor ernst.
   »Hm. Ich nehme an, du hast alle Zugangscodes bereits geändert?«, fragte Clemens nach.
   »Nur teilweise. Ich habe mir gedacht, wenn ich für alle Mitglieder im äußeren Kreis die Codes belasse, dann wird der Verräter nicht gleich vorgewarnt. Ich bin gerade dabei, ein Zweitsystem aufzubauen, das mit dem ersten identisch ist und auf den ersten und, wie ich glaube, auch zweiten Blick, nicht von dem Original zu unterscheiden ist.«
   »Eine Scheinwelt sozusagen?«, fiel Samuel ihm ins Wort.
   »Einfach ausgedrückt ja. Ich würde uns und ein paar Auserwählte, die unser vollstes Vertrauen besitzen dann die neuen Zugangsdaten für das wirkliche System geben, während ich den Rest im Zweitsystem belassen möchte. Dann hab ich bildlich gesprochen zwar zwei Teiche, in denen ich meine Fangnetze auslegen muss, aber ich nehme an, dass im inneren Teich eigentlich keine Gefahr besteht. Wir könnten weiterhin Daten austauschen, müssten aber gegebenenfalls welche von einem System ins andere übertragen.«
   Helen schnappte Viktors fragenden Blick auf. Sie nickte ihrem Bruder zu, dass sie alles verstanden hatte. Wenn sie bisher folgen konnte, war es für die restlichen am Tisch bestimmt kein Problem.
   »Langer Rede, kurzer Sinn. Ich überwache die Teiche, gebe euch die Zugangscodes für unseren neuen, internen Teich und werfe meine Netze aus. Auf diese Weise werden wir den falschen Fisch bald fangen und finden damit heraus, was hinter dem Ganzen steckt.«
   »Gut. Wer außer dir übernimmt sonst noch die Überwachung?«, fragte Clemens.
   Helen hätte ihm die Antwort im Tiefschlaf verraten können, so gut kannte sie ihren Bruder.
   »Tut mir leid. Ich vertraue zwar jedem hier im Raum, aber mein Plan, mein Risiko, mein Teich. Entweder ich fange den Fisch oder keiner.«
   Clemens schnappte nach Luft, doch Samuel legte beruhigend seine Hand auf seinen Arm. »Das geht in Ordnung. Wenn jemand es schafft, dann unser Vikdata, und wahrscheinlich stellt es sich wirklich nur als dummer Hackversuch eines Pubertierenden heraus. Du hältst uns auf dem Laufenden, Viktor?«
   »Ja, und hier sind eure Codes. Lesen, merken, vernichten«, sagte Viktor und fischte eine Handvoll zerknüllter Papierschnipsel aus seiner Hosentasche. Helen unterdrückte ein Lachen. So genial ihr Bruder auch war, so schlampig war er auch und verschmierte, zusammengefaltete Papierstreifen passten zu ihm ebenso wie die wirren Locken, die Bartstoppeln und die Augenringe, die sein Gesicht zierten.
   »So.« Viktor klatschte sich auf die Oberschenkel. »Ich bin dann meine Pflicht erfüllen und meiner Frau jeden Wunsch von den Lippen ablesen.«
   Clemens wollte etwas einwenden, aber Samuel hielt ihn zurück. Erst, als Viktor die Tür hinter sich geschlossen hatte, sprach Clemens seine Bedenken aus. »Wir sollen ernsthaft Viktor den ganzen Job allein erledigen lassen? Er ist momentan im Vatertaumel und hat kaum Zeit für anderes. So wie er aussah, hat er die Nacht schlaflos am Bett seines Sohnes verbracht.«
   »Dennoch hat mein Bruder einen Plan entwickelt, obwohl er dem kleinen Adamo beim Schlafen zugesehen hat. Vik kann das«, sagte Helen überzeugt, und auch Ben nickte ernst.
   »Wir lassen Vik fürs Erste seine Idee umsetzen. Wenn es nicht klappt, können wir uns immer noch etwas anderes überlegen. Ben, Helen, ihr wolltet auch noch etwas besprechen?«, wechselte Samuel das Thema.
   Und so erzählte Helen ihm von ihren Entschluss. Ben und sie würden für eine bessere Zukunft das Vorzeigepaar abgeben.

Von Idealen und Idealisten

Ben räusperte sich. Die Neueröffnung des medizinischen Zentrums in der City sorgte schon seit Wochen für Gesprächsstoff. Nicht nur, dass Unsterbliche gemeinsam mit den menschlichen Medizinern althergebrachte Heilverfahren anwenden würden, nein, mit dem kalten Gebäude verband Ben die schlimmsten Erinnerungen. Hier wurde er im Ausbildungstrakt seiner letzten Würde beraubt und zum Sklaven gemacht, hier hat man ihn und Helen aufs Brutalste verhört, nachdem sie den Datenstick in den Zentralcomputer eingeschleust hatten, aber hier hatte er auch mit einer einfachen Blinddarmoperation einem kleinen, zum Tode verurteilten Jungen das Leben gerettet.
   Und obwohl die Zähmungsroboter abgebaut und die ehemaligen Zähmungsräume zu Operationssälen umgewandelt wurden, erfasste Ben Übelkeit, und er schluckte die bittere Magensäure hinunter, die ihm die Kehle hochfuhr.
   Helen ergriff seine Hand und drückte sie. Er konnte zu ihren Gefühlen nicht vordringen, da sie eine dicke Mauer um ihr Herz gebaut hatte, aber wenn er in ihr Gesicht blickte, sah er die gleiche Abscheu in ihren Augen, die auch in seinem Bauch rumorte.
   Der ehemalige Zähmungsraum war nun mit einem Operationstisch und mit penibel aufgestellten Stuhlreihen versehen. Ben und Helen standen hinter dem Operationstisch, der mit einem roten Band verschnürt war, als wäre er ein Weihnachtsgeschenk. Das Murmeln und Tuscheln im Saal verebbte langsam, und Ben wartete, bis auch das letzte Flüstern erstarb. Er richtete sich auf, im Bewusstsein, dass er trotz seines neuen Erscheinungsbildes als Verbundener noch immer einen verstörenden Eindruck auf die Menschen machen musste. Er war zwar nicht mehr so perfekt und makellos wie als Unsterblicher, aber seine nachgewachsenen perlweißen Zähne, seine marmorfarbene Haut und seine stählernen Muskeln hoben ihn von jedem Durchschnittsbürger ab.
   Auch Helen war durch die Verwandlung zu einer für menschliche Augen unfassbaren Schönheit geworden. Wie eine Feenkönigin stand sie vor dem blank polierten Edelstahltisch, und kein Zucken verriet ihre wirklichen Gefühle. Sie strahlte vielmehr eine kühle Unnahbarkeit aus, die sie noch begehrenswerter machte.
   Einzig und allein ihr zu heftiger Herzschlag zeigte Ben, dass es ihr ähnlich erging wie ihm.
   Es grenzte an Hohn, dass ausgerechnet die Eröffnung des medizinischen Zentrums ihre erste Aufgabe als Repräsentanten der Verbindung der Welten, wie sich das neue Regierungssystem treffend nannte, war. Wenn Ben es nicht besser gewusst hätte, wäre er sich sicher gewesen, dass Helens Vater dahintersteckte, doch zu aller Erstaunen hatte Doktor Sommer sein Amt als oberster Mediziner vor einigen Tagen zurückgelegt und bekannt gegeben, dass er lieber die Forschung vorantreiben wolle und ein eigenes Labor gründe.
   Ben durchsuchte die Reihen der Anwesenden, ob Helens Vater vielleicht irgendwo zu sehen war. Der für ihn reservierte Stuhl in der ersten Reihe war frei geblieben.
   Weiter hinten entdeckte Ben Helens Mutter. Mit einem leichten Zucken bedeutete er Helen, wen er entdeckt hat.
   Schon. Gesehen, sagte Helens Stimme in ihm klar und deutlich.
   Wie schaffte sie es nur, ihre Gefühle weiter hinter der Mauer zu halten, und ihm dennoch zu antworten? Manchmal kam es Ben so vor, als würden ihre Talente und Sinne immer noch an Schärfe zunehmen, während seine stillstanden.
   Endlich war Ruhe im Saal eingekehrt.
   Präsident Meyers und Samuel, die bislang in der ersten Reihe gesessen waren, erhoben sich und traten vor die eingeladenen Gäste.
   »Es freut uns außerordentlich, dass unsere Helen und unser Ben die Eröffnung des neuen Medizinzentrums vornehmen werden. Wie kein anderes Paar auf dieser Erde stehen die beiden für die Verbindung von Altem und Neuem«, begann Meyers und nickte Samuel zu.
   Wie ein eingespieltes Team kündigten die beiden Helen und Ben an.
   »Wir bitten um Applaus für unsere Verbundenen«, schloss Samuel und klatschte freudig.
   Nach einem kurzen unangenehmen Zögern applaudierten auch die Anwesenden. Es war noch ungewohnt für die Citybewohner, ihre Emotionen Klang zu geben.
   »Danke«, sagte Helen und forderte die Leute mit einem Nicken zur Ruhe auf. »Wie Herr Präsident Meyers und Herr Vickings bereits sagten, stehen Ben und ich für die Möglichkeiten, die durch eine Verbindung von althergebrachtem und neuem Wissen möglich wird. Einige von Ihnen kennen uns bereits als Team im ehemaligen Medizinzentrum. Wir haben vor der Befreiung unser Können vereint und Menschen geholfen. Ab heute wird dies jeder Arzt, jede Ärztin tun können. Glücklicherweise haben sich einige Unsterbliche dazu bereit erklärt, dem Medizinteam mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Gleichberechtigt. Wir wollen voneinander lernen, wollen annehmen, was gut funktioniert und gemeinsam neue Wege gehen. Das Medizinzentrum ist nur der erste Schritt, weitere werden folgen. Die Umweltproblematik, die Technik, die Energiethematik … Nur gemeinsam sind wir stark genug für die Zukunft.«
   Erleichtert, die Rede hinter sich gebracht zu haben, hielten sie ihre ineinander verschränkten Hände hoch. Nun klatschten die Menschen ohne Aufforderung.
   Gemeinsam ergriffen sie und Ben die Schere und schnitten das rote Band am OP-Tisch durch. Wie auf Knopfdruck erschallte Musik und die Mediziner des Zentrums kamen freudestrahlend zur Tür herein. Immer ein Mensch und ein Unsterblicher abwechselnd. Dann reichten sie sich die Hände und verbeugten sich.
   Helen und Ben schlossen sich vor der zweiten Verbeugung der Reihe der Mediziner an und neigten ebenfalls die Köpfe.
   »Danke Helen. Danke Ben«, sagte Meyers. »Ich darf Ihnen nun auch den künftigen menschlichen Leiter des Zentrums vorstellen – Peter Knorke.«
   Helen verschluckte sich fast, als sie den Namen hörte. Ihr ehemaliger Studienkollege, der ihr damals ohne viele Fragen serumfreies Blut ausgehändigt hatte, würde der neue Chef im Zentrum sein. Dies war zwar eine ungewöhnliche Entscheidung, aber bestimmt keine schlechte. Peter war immer seinem Herzen gefolgt, was ihm in Studienzeiten so manchen Hohn eingebracht hatte, aber er war sich wenigstens stets treu geblieben.
   »Und als medizinische unsterbliche Leiterin – Levana Teaspoon«, fuhr Meyers ungerührt fort.
   Ein wunderhübsches, bei der Verwandlung vielleicht zwanzigjähriges Mädchen mit hüftlangen roten Locken und schneeweißer sommersprossengesprenkelter Haut trat nach vorn. Sie verbeugte sich gemeinsam mit Peter. Die beiden bildeten so ziemlich den krassesten Unterschied, den Helen je gesehen hatte. Levana war wie eine elfengleiche Porzellanpuppe, und Peter sah aus wie ein junger Mann, der irgendwo zwischen Pubertät und Erwachsenem stand und dessen einzelne Pickel wie auch ein noch viel zu lichter Bartwuchs verrieten, wie jung er eigentlich noch war. Helen wunderte sich über ihre Gedanken. Bis vor Kurzem hatten sie und Ben ein ebensolches Erscheinungsbild abgegeben, wie die beiden Mediziner vor dem Publikum. Nur dass damals Ben stark und unwiderstehlich und sie schwach und menschlich gewesen war. Was mussten sich die Menschen nur gedacht haben? Und wie wirkten sie und Ben jetzt auf sie? Mit einem Mal fühlte sich Helen, als würde sie im Schaufenster stehen und die Leute würden sie begaffen wie eine Anomalie. Helen konnte nicht länger still abwarten. Entschlossenen Schrittes ging sie auf Peter zu und umarmte ihn. Ein verwundertes Murmeln ging durch den Saal, aber es war ihr egal. Die Menschen hier waren Gefühlsbekundungen nicht gewohnt. Viel zu steril und durchgeplant war das Leben in der City gewesen, und wenn Helen den Blicken der Bürger schon ausgeliefert war, wollte sie wenigstens für Gesprächsstoff sorgen. Die Vorzeigefrau soll zeigen, dass Emotionen dazugehören.
   »Ich freu mich sehr, dass du der neue Leiter bist, Peter. Du wirst deinen Job bestimmt großartig erledigen.«
   Peter errötete, strahlte aber über das ganze Gesicht. »Danke. Ich konnte es zwar selbst kaum glauben, aber ehrlich gesagt fühle ich mich der Situation gewachsen. Levana war schon seit meiner Geburt mein Kindermädchen und hat mir immer erzählt, was früher alles möglich war. Ich dachte zwar lange, das seien alles Kindermärchen, doch mit der Zeit haben sich die Märchen in Wahrheiten verwandelt. Ich vermute, dass ich nur wegen Levana den Job habe. Ich kann trotz meiner nicht so guten Abschlussergebnisse ein klein wenig Erfahrung in den antiken Heilverfahren vorweisen.«
   Helen fiel es wie Schuppen von den Augen. Levana war also die Haussklavin gewesen und hatte Peter in ihre Geheimnisse eingeweiht, ähnlich wie es bei Ben und ihr gewesen war. Helen hatte Peter während ihrer Ausbildungszeit immer als schüchtern erlebt, aber wahrscheinlich hatte er nur sein Wissen hinter dem Berg gehalten und war im Hintergrund geblieben, um nicht aufzufallen.
   Seine Augen blitzten nun vergnügt. »Das hätten wir wohl beide damals nicht erahnt, nicht wahr?«
   Helen schüttelte den Kopf und drückte Peters Hände. »Nein, aber ich bin bis heute froh, dass du in der Blutverteilung gesessen hast. Und jetzt bin ich erleichtert, dass so ein tolles Team den medizinischen Fortschritt vorantreibt. Herzlichen Glückwunsch auch dir, Levana.« Damit reichte sie der Unsterblichen ihre Hand.
   »Danke. Es ist mir eine Ehre, dich und Ben kennenzulernen. Durch euch habe ich wieder Hoffnung, auch eines Tages Erlösung zu finden. Und solange werden Peter und ich unser Bestes geben. Wenn ihr aber jemals etwas braucht, meldet euch.« Sie nickte Helen und Ben zu, der nun ebenfalls die beiden beglückwünschte.

Im Anschluss an die offizielle Eröffnung wurde zu einem Buffet geladen. Auf den Gängen standen hohe, runde Tischchen mit Fingerfood und Getränken, und an der Wand waren auf langen Tafeln diverse kalte Speisen angerichtet. Helen ging Hand in Hand mit Ben durch die Reihen und plauderte ein wenig mit den Anwesenden. Nach Essen stand weder ihr noch ihm der Sinn. Nun, nachdem der Hauptteil der Veranstaltung hinter ihr lag, konnte sie wenigstens die Mauer um ihr Herz abbauen und mit Ben ihre Gefühle teilen. Auch wenn sie die Geheimhaltung ihrer Gedanken beinah perfekt beherrschte, war es mit einer ungeheuerlichen Anstrengung verbunden und kam ihr unnatürlich vor. Sie und Ben waren eins und fühlten, was der andere fühlte, so war es richtig, so musste es sein.
   Nun, da der Damm gebrochen war, wurde ihr auch wieder leichter ums Herz. Sie merkte, dass es Ben genauso schlecht in dem ehemaligen Zähmungsraum ergangen war wie ihr.
   Du. Bist. Da. Schön, hallte es in ihr wider und sie atmete erleichtert ein.
   Am anderen Ende des Ganges entdeckte Helen plötzlich Mutter. Sie stand etwas abseits von dem Getümmel und sah sich um. Als sich ihre Blicke kreuzten, durchfuhr ein Zucken ihre Wangen. Helen lächelte. Auch wenn sie Mutter nie besonders nah gestanden hatte, liebte sie sie tief im Inneren. Im Gegensatz zu Vater hatte sich Mutter auch stets um ihr Wohlergehen gesorgt. Für Vater waren die Wirkung auf Außenstehende und der Erfolg wichtiger als jede Menschlichkeit.
   »Ich glaube, sie hat etwas auf dem Herzen. Wir sollten mit ihr reden«, sprach Ben den Gedanken aus, der sie umtrieb.
   Sie ging, ohne weiter auf die Umstehenden zu achten auf Mutter zu. Ben begleitete sie. Keine Sekunde ließ er sie allein, wofür sie ihm dankbar war, gerade hier in diesem Gebäude, wo so viele schlimme Erinnerungen wie Teufelsfratzen in den Ecken lauerten.
   »Mama«, sagte Helen anstatt einer Begrüßung.
   Mutter wich einen Wimpernschlag lang ihrem Blick aus und schluckte schwer. »Helen. Gut siehst du aus«, erwiderte sie schließlich.
   Helen konnte nicht das Gleiche von ihr behaupten. Mutter wirkte müde. Vor nicht einmal einem Jahr, war sie einfach eine etwas ältere Ausgabe von Helen gewesen, mit den gleichen wilden Locken, den Grübchen und der spitzen Nase … jetzt sah sie erschöpft aus.
   »Ich bin froh, dass dir nicht mehr passiert ist, mein Kind«, flüsterte sie heiser. »Weißt du, ich habe mir große Sorgen gemacht und inständig gehofft, dass Vik es schafft, dich irgendwie hinauszubringen.«
   Helen fiel auf, dass Mutter Ben absichtlich nicht erwähnte und auch jeden Blick in seine Richtung mied.
   »Ja. Ben und ich sind stark, und Viktors Pläne haben wie immer funktioniert.«
   Ein Zittern lief durch Mutters Körper. »Warum nur bist du wieder zurückgekehrt? Ist er schuld daran? Hat er dir eingeredet, dass ihr die Menschheit retten müsst oder so einen Schwachsinn?«, zischte sie plötzlich ungewöhnlich erregt.
   Helen meinte sogar, echte Panik in ihrer Stimme zu hören.
   »Möchten Sie uns vielleicht etwas Bestimmtes sagen, Frau Sommer?«, ergriff Ben das Wort.
   »Nicht hier. Können wir irgendwo hin, wo es sicher ist?«
   Helen zuckte die Schultern. Sicherheit und die City widersprachen sich. Sie wusste nicht, ob die Überwachungskameras trotz anderer Vereinbarung wieder liefen, aber die Wände hier hatten Ohren und Augen.
   »Unser Auto«, sagte Ben klar.
   Helen nickte. Viktor hatte, in seinem Verfolgungswahn, den alten Benziner mit Störsendern ausgestattet. Sicher ist sicher, hatte er gesagt, der neuen Regierung vertraue ich nur soweit, wie ich die Kontrolle halten kann.
   Die drei schlichen sich nach draußen. Helen warf einen Blick zurück und hoffte, dass ihr Verschwinden unbemerkt blieb. Sie würden nicht lange wegbleiben, und Samuel wie auch Meyers hatten die Massen für sich und unterhielten sie prächtig. Nur Peter sah ihnen nach. Ohne Worte versicherte er ihr mit einem kurzen Kopfneigen sein Schweigen. Helen, Ben und Mutter schlüpften bei einem der Notausgänge hinaus und eilten zum Auto. Der verrostete, alte Wagen stand auffällig wie ein Kamel am Nordpol zwischen zig hochmodernen Solarmobilen.
   Ben zog einen ebenso antiken Schlüssel aus der Hosentasche und öffnete die Tür. Sie nahmen alle drei auf der Rückbank Platz und versicherten sich, dass alle Türen und Fenster verschlossen waren.
   Erwartungsvoll sah Helen Mutter an, doch diese schwieg fürs Erste. Stattdessen ergriff sie Helens Hand und drückte sie. »Mama«, sagte Helen sanft.
   Mutter blickte auf und echte Sorge spiegelte sich in ihren Augen. »Es wäre wirklich besser, du … ähm … ihr würdet die Stadt meiden. Und sag das auch Vik. Ich will nicht, dass meinen Kindern etwas passiert.«
   »Aber Mutter, was soll schon geschehen? Wenn wir in der City sind, gelten doch verstärkte Sicherheitsmaßnahmen. Außerdem herrschen nun andere Umstände als früher.«
   Mutter strich sich nun durch die matten, brüchigen Locken. In welch kurzer Zeit sie gealtert war. Alles an ihr war müde, die Lebensenergie, die sie über Jahrzehnte durch das Serum erhalten hatte, war aus ihrem Körper gewichen und der einstige Glanz, der sie stets umgeben hatte, war verschwunden. »Ja. Die neue Regierung tut, was sie kann. Aber es gibt auch andere. Wie … wie deinen Vater.«
   »Dad?«, fragte Helen nach.
   Mutter nickte traurig. »Er kann sich nicht mehr ändern, Helen. Ich tue mich schon schwer, zu akzeptieren, dass du und dieser Seelenloser ein Paar seid.«
   »Unsterblicher, Mutter. Und außerdem ist Ben nicht länger unsterblich, so wie ich kein Mensch mehr bin.«
   »Daran muss ich mich erst gewöhnen.« Mutter seufzte. »Genau deshalb müsst ihr einfach von der City wegbleiben. Die Forschung, die dein Vater betreibt … Ach, Helen. Er hat sich in etwas hineingesponnen, und selbst ich blicke nicht mehr durch. Er will um jeden Preis das alte System wieder. Er ist auch nicht allein mit diesem Wunsch. Auf jeden Fall hat er mit Kreaturen Umgang, die früher nicht mal auf hundert Meter an unser Haus herangekommen wären. Und …«
   »Und?«, wiederholte Helen, um das plötzliche Verstummen zu lösen.
   »Und sein ganzer Zorn ist auf dich, Ben und Vik gerichtet. Ich weiß nicht, was er genau vorhat, aber ich habe Angst um dich – um euch.«
   »Mutter, was soll ich dazu sagen? Ich habe nie angenommen, dass sich Dad noch ändern würde, aber wir sind in der stärkeren Position, und wir müssen die Welt retten. Sonst sind die Menschen dem Untergang geweiht.«
   »Lieber die Menschheit, anstatt meiner Kinder. Meinen Mann hab ich bereits verloren. Meine menschliche Helen auch, aber du bist dennoch du, irgendwie. Ich will meine Kinder schützen, will, dass sie eine Zukunft haben. Helen, verstehst du nicht?«, fragte Mutter eindringlich.
   »Und genau deshalb müssen Ben und ich weitermachen. Für uns und für unsere Kinder, Mama. Wie soll Viktors kleiner Sohn leben, wenn die Welt an der Kippe steht?«
   »Ein Junge. Emily hat einen Sohn geboren. Ich bin Großmutter«, stotterte Mutter und Tränen füllten ihre Augen. »Helen, Ben, bitte denkt über meine Worte nach. Seid vorsichtig. Vielleicht kann jemand anderer eure Aufgabe übernehmen?«
   »Ein anderes verbundenes Paar?«, fragte Ben skeptisch.
   Mutter senkte das Haupt und seufzte niedergeschlagen.
   Helen wurde eng in der Brust. Normalerweise war Mutter nicht besonders leicht besorgt, und dass sie gegen ihren Mann Partei ergriff, war ungewöhnlich. Wahrscheinlich steckte noch viel mehr hinter der Angelegenheit, als sie überhaupt erzählt hatte. Vorsichtig streichelte Helen über ihre Schulter. Sie blickte auf und lächelte traurig.
   »Versprich mir wenigstens vorsichtig zu sein, Helen, ja? Und sag es auch Viktor.«
   »Ich verspreche es«, sagte Helen und schluckte schwer.
   Ohne weitere Worte stieg Mutter aus und ging schnurstracks in Richtung Monorailstation. Das beklemmende Gefühl blieb in dem alten Auto zurück und hüllte Helen wie ein öliger Film ein.
   »Das war seltsam. Hast du eine Idee, in welche Richtung dein Vater forschen und welche Pläne er schmieden könnte? Er ist bestimmt nicht der Einzige, der sich noch nicht mit der neuen Situation abgefunden hat. Vielleicht sollten wir Vik fragen, ob er irgendwie in die Arbeit deines Vaters Einblick nehmen kann …«, sinnierte Ben.
   Helen seufzte und zuckte die Schultern. In ihrem Gehirn geisterten die gleichen Fragen herum und blieben unbeantwortet. »Wir müssen zurück, bevor man uns vermisst«, sagte sie heiser und öffnete die Tür. Mit der frischen Luft drang auch Vogelgezwitscher in das Auto. Die Natur hatte das Gebiet der Stadt zurückerobert, und wo früher nur das leise Surren der Magnetbahn zu hören war, sangen nun vereinzelt Spatzen und Meisen und erzählten davon, wie das Leben eigentlich sein konnte.

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