Liam Uí Madadhan genießt sein Dasein als Vampir in vollen Zügen. Frauen, Abenteuer und grenzenlose Freiheit, zumindest in den ersten Jahrhunderten seiner vampirischen Existenz. Doch die Einschränkungen der Moderne bringen selbst in das Leben eines überzeugten Vampirs Langeweile. Als Liam auch noch von seinem Freund und Chef Alexandre de Mirecourt dazu verdonnert wird, Leibwächter für die neue Stadtplanerin von New York zu spielen, beschließt er endgültig, wieder einmal loszuziehen und das Abenteuer zu suchen. Wäre da nicht die nur vordergründig unscheinbare Sekretärin seiner Schutzbefohlenen, die plötzlich von einem unbekannten Wesen bedroht wird, das er maßlos unterschätzt.

Alle Titel der Reihe!

E-Book: 2,99 €

ePub: 978-9963-53-374-9
Kindle: 978-9963-53-375-6
pdf: 978-9963-53-373-2

Zeichen: 258.387

Kaufen bei:  Amazon iTunes Thalia Weltbild

Ela van de Maan

Ela van de Maan
Ela van de Maan wurde im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts im vorangegangenen Jahrtausend in einer Kleinstadt in Süddeutschland geboren. Seit sie lesen kann, wollte sie auch schreiben. Ihre größte Leidenschaft waren Fantasy und Abenteuerromane, die in ihrer eigenen Traumwelt immer neue Geschichten nach sich zogen. Irgendwann wurde der Geschichtenstapel in ihrem Kopf zu hoch und sie begann sie aufzuschreiben ... Ela van de Maan ist Mitglied in der DELIA - Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren und -autorinnen und im PAN - Phantastik-Autoren-Netzwerk.

Autorenseite

Leseprobe

Laden Sie sich gern unsere XXL-Leseprobe im gewünschten Format (pdf, ePub oder Kindle (mobi)) herunter.

pdf-Datei mobi-Datei ePub-Datei

... oder sofort „hineinschnuppern“

Nieuw Amsterdam, 1657

Schreie durchschnitten die Nacht. Menschen flohen in Panik aus ihren Hütten. Sie versuchten, den Wesen zu entkommen, die sich in ihre Siedlung geschlichen hatten und jeden, den sie ergreifen konnten, an sich rissen und zerfleischten. Manche standen wieder auf und fielen wiederum ihre Nachbarn, Freunde, sogar ihre eigene Familie an. Nur wenige konnten mit Schüssen aus den Musketen außer Gefecht gesetzt werden. Sie schienen unsterblich und doch so tot.
   Pfeile sirrten durch die Luft, während das aufkommende Kriegsgeheul die Hilferufe der fliehenden Menschen übertönte. Durch die halb offenen Tore der Siedlung galoppierten Pferde. Ihre Reiter versuchten mit Lassos, der hässlichsten Kreatur von allen habhaft zu werden. Die ersten Seile zerrissen wie Bindfäden, doch je mehr Schlingen sich um sie zogen, desto schwerer tat sich die Kreatur damit, sich zu wehren. Ein Pfeil traf sie direkt ins Herz. Es schien sie zu schwächen und mit ihr ihre Hörigen.
   Manche fielen unter die Hufe der Pferde und wurden bis zur Unkenntlichkeit zertrampelt. Andere wankten davon. Die Reiter zerrten die Kreatur aus der Siedlung hinaus und hinunter zum Wasser, wo weitere Einheimische mit ihren Kanus warteten. Sie schleiften das Wesen durch den Meeresarm zum gegenüberliegenden Ufer. Unter grauenvollem Jammern folgten die Gewandelten ihrem Anführer, aber die meisten wurden von der Strömung abgetrieben. Nur wenige erreichten die andere Seite, wo sie sofort ein Regen aus Pfeilen empfing. Langsam wich die Dunkelheit der Dämmerung und das erste Tageslicht offenbarte das ganze Ausmaß des Grauens der Nacht.

Kapitel 1
New York 2015

Ich sah auf die hübsche Blondine hinab. Ihre Lider flatterten leicht, und ein Lächeln lag auf ihren Lippen. Sie schwebte noch tief im Land der Träume, wo ich meine Amouren am liebsten hatte, wenn ich nach einem vergnüglichen Abend und einem guten Schluck Blut von der Bildfläche verschwand.
   Schnell suchte ich Jeans und T-Shirt zusammen und schlüpfte so leise, wie es nur möglich war, hinein, um nicht Gefahr zu laufen, mich für mein schnelles Verschwinden rechtfertigen zu müssen. Doch bevor ich meine Jacke unter der Couch hervorgezogen hatte, unter der sie aus unerfindlichen Gründen bei dem leidenschaftlichen Aufeinandertreffen unserer Körper gelandet war, ertönten daraus pupsende Geräusche. Crystal, dieses Luder! Wie schaffte sie es nur immer, unbemerkt an mein Telefon zu gelangen, um meine Klingeltöne zu ändern?
   »Ja«, knurrte ich leise ins Mikrofon, während ich den Reißverschluss meiner Jeans hochzog.
   »Liam?«, fragte Alex.
   »Wer sonst?«
   »Warum flüsterst du?«
   Die Blondine rekelte sich auf dem Bett. »Hi«, raunte sie verschlafen. »Du bist ja angezogen. Willst du schon gehen?«
   Das war genau der Grund, warum ich flüsterte. »Ja«, murrte ich.
   »Ja, was?«, fragte Alex.
   Wie mich das alles nervte. Schnell schnappte ich mir meine Jacke und zwinkerte der Blondine zu, bevor ich mich umdrehte. »Ich muss los.«
   »Sehen wir uns wieder?«, fragte sie und erprobte sich an einem verführerischen Unterton in der Stimme, der sich allerdings anhörte, als würde sie mit einer Feile über rostiges Eisen kratzen.
   Ich verdrehte die Augen. Diese Frage verursachte mir immer Übelkeit, weshalb ich mich normalerweise auch still und leise davonzuschleichen versuchte. »Ich fürchte, Honey, ich bin in der nächsten Zeit schwer beschäftigt«, antwortete ich, bevor ich die Tür schloss.
   »Ist ja schön, dass du mich Honey nennst«, kommentierte Alex. »Womit bist du denn so schwer beschäftigt?«
   »Alex, du nervst.«
   Er lachte.
   »Was willst du eigentlich? Es ist mitten in der Nacht.«
   »Mitten in der Nacht? Es ist noch nicht mal elf Uhr bei euch, und du schläfst doch sowieso nicht. Oder habe ich was verpasst?«
   »Ich schlafe sehr wohl, nur halt selten so tief, dass es nach Schlaf aussähe«, erwiderte ich gereizt. Manchmal könnte ich alle in den Arsch treten. »Und außerdem bin ich ein Vampir, die schlafen den Mythen nach am Tag.«
   »Dann ist es ja gut, also krieg dich wieder ein. Ich habe einen Job für dich.«
   »Ganz was Neues. Wen soll ich denn diesmal um die Ecke bringen?«
   »Haha«, witzelte er. »Der Bürgermeister hat uns um den Gefallen gebeten, seine Security um einen unserer Leute aufzustocken, weil er befürchtet, die neue Leiterin der Stadtplanung könnte bei ihren Vorhaben enormen Ärger bekommen. Und er hat nicht das Budget, um weitere Leute einzustellen.«
   »Ach, und ich soll Kindermädchen spielen? Was interessiert mich das Budget des Bürgermeisters?«
   »Liam, du musst den Job übernehmen. Wir brauchen ihn auf unserer Seite, das weißt du genau. Ich möchte nicht auch noch Probleme in New York bekommen, mir reichen schon die anderen.«
   »Dann würde es nicht schaden, wenn du mal wieder hier vorbeischneien würdest, anstatt dich von Mel zum Dauerurlaub zwingen zu lassen.«
   »Das verstehst du nicht.«
   »Du machst dich zum Sklaven einer Frau.«
   Alex lachte mich aus. »Das kann dir ja nicht passieren, oder? Deshalb bist du der Beste, der auf die neue Hoffnungsträgerin des Bürgermeisters aufpassen kann. Tom hat alle Fakten. Er wartet im Büro auf dich.«
   Ich hörte Mel kichern. Vermutlich hatte Alex seine Hand unter der Bettdecke und erledigte das Telefonat nur mit dem halben Verstand. »Sag mal, bei euch in Paris muss es doch fast Mittag sein. Warum ist die Tussi nicht beim Shoppen oder in der Kosmetik oder sonst wo, sodass man mal in Ruhe mit dir telefonieren kann?«
   Es kotzte mich an, dass sich Alex so verändert hatte. Noch vor wenigen Wochen hätte er sich nicht durch eine Frau davon abbringen lassen, in seinen Geschäften die Zügel in der Hand zu halten. Seit dieser dämlichen Europareise war er nur noch aus der Ferne erreichbar, gab Anweisungen und verteilte seine Aufgaben. Nicht, dass es mir was ausgemacht hätte, etwas zu tun. Das Leben war ohnehin langweilig genug. Aber früher konnte man wenigstens mit ihm um die Häuser ziehen und allerhand anstellen. Stattdessen hing er jetzt am Rockzipfel seiner Angebeteten.
   Es knackte in der Leitung. »Liam, bist du noch dran?«
   »Ja, und ich bin auch schon auf dem Weg. Dann werde ich das alte Schrapnell eben bewachen.«
   »Wie kommst du drauf, dass es ein altes Schrapnell ist?«
   »Sie ist Politikerin, oder nicht? Welche Frau wird schon so etwas Langweiliges wie Politikerin? Eine alte, männerlose Emanze, die Haare auf den Zähnen hat und morgens immer ihren Damenbart rasiert.«
   Alex lachte aus vollem Halse. Wie oft er neuerdings lachte. Auch nur wegen Mel. Wie konnte ausgerechnet ihm das passieren? Der große Alexandre de Mirecourt war zu einem Weichei geworden. Frauen – da sah man wieder, was die anrichteten.
   Ich schwang mich auf meine Streetfighter. Wenigstens darauf konnte ich mich verlassen. Die Maschine zickte nicht herum, tat, was ich wollte, und stellte keine Ansprüche. Ich gab Gas, bis mir der Wind an den Haaren zog. Was gab es Schöneres, als mit Vollgas durch die nächtlichen Straßen von Manhattan zu jagen? Die lahmarschigen Autofahrer bekamen gar nicht so schnell mit, was da an ihnen vorbeiflog, als dass sie hätten hupen können. Was waren das nur für jämmerliche Gestalten. Tagein, tagaus, mussten sie um ihre Existenz bangen. Wenn ich auch nur den geringsten Hang zum Mitleid hätte, müsste ich den ganzen Tag um sie klagen. Ich vermied es zu grinsen, obwohl mir schwer danach war, aber ich konnte es nicht leiden, mir danach die Fliegen aus den Zähnen kratzen zu müssen.
   Der Weg zu unserem Büro- und Wohnturm war zu kurz, um mir den großen Kick zu geben, auch wenn der Verkehr für eine Sekunde die Höchstgeschwindigkeit zugelassen hatte. Was war schon eine Sekunde in einem unendlichen Leben. Ich gab noch mal ordentlich Gas, während ich in die Tiefgarage hinabstach. Es donnerte laut genug, sodass Tom im dreizehnten Stock sicher sofort wusste, dass ich angekommen war. Vielleicht hatte der ja später noch Lust, um die Häuser zu ziehen. Es konnten doch nicht alle todlangweilig geworden sein auf ihre alten Tage. Ich zog meinen Kamm aus der Jackentasche und brachte die Strähnen, die der Fahrtwind durcheinandergeblasen hatte, wieder in Form. Ein letzter Blick in den Rückspiegel meines Motorrads zeigte, ich sah aus wie immer. Es reichte mir schon, dass sich die Drachenbiester darüber lustig machten, dass ich mir meine Haare abgeschnitten hatte, weil mich eine meiner letzten Affären mit einer Vehemenz verfolgte, wie ich sie selten erlebt hatte. Selbst meine Versuche, mich vollständig aus ihrem Gedächtnis zu löschen, waren an ihrer Vernarrtheit gescheitert. Das größte Problem daran war, dass sie auch noch in einer Firma um die Ecke arbeitete. Immer wenn sie mir zufällig über den Weg lief, sprang sie auf mich zu, als würde ich sie magnetisch anziehen. Und sofort kam derselbe Satz aus ihrem Mund. »Ich kenn dich doch!« Das war mehr als nervtötend. Ich kam mir schon wie in einer Neuauflage des Films Und täglich grüßt das Murmeltier vor. Ich musste in Zukunft deutlich besser aufpassen, wen ich mir angelte.
   Wenigstens schien sich das Problem erledigt zu haben, seit ich mir auf den ersten Blick nicht mehr wirklich ähnlich sah. Und ich fand, dass die kurzen Haare nicht so übel aussahen. Das Dumme daran war nur, dass ich die Prozedur fast täglich wiederholen musste, weil auch die Haare eines Vampirs immer wieder in den Ursprungszustand bei der Wandlung zurückkehren wollten, genauso wie die zu dem Zeitpunkt vorhandenen Bartstoppeln. Aber vermutlich gab es Schlimmeres. Ich hätte ja auch schon vor meiner Wandlung eine kreuz und quer gebrochene Nase haben können, die bis in alle Ewigkeiten, ohne jegliche Aussicht auf Besserung, mein Gesicht zieren würde.

Tom stand an der Bürotür und grinste, als ich aus dem Aufzug stieg.
   »Cooler Sound, hast du den Auspuff aufgebohrt?«
   »Ich würde eher sagen, er hat ihn aufgebissen, als er noch glühte. Grr.« Saphire saß auf der Couchlehne und wickelte sich die Strähnen ihrer Haare um den Finger, während sie demonstrativ knatschend Kaugummi kaute.
   Ich warf ihr einen bösen Blick zu, den sie sofort mit einem hämischen Grinsen quittierte. Weiber – sie waren nur zu einem Zweck gut, und dabei hatten sie besser den Mund zu halten.
   »Meine Güte, was bist du denn schon wieder so mies drauf. Hat dich eine gegen den Strich gekrault?«, stänkerte sie und ploppte mir eine Kaugummiblase entgegen.
   »Sag deiner Schwester, wenn sie noch einmal mein Handy anfasst, dann …«
   »Dann was?«, fiel sie mir ins Wort. »Dann poppst du grundsätzlich nur noch menschliche Blondinen? Oder dann schläfst du zukünftig unter der Brooklyn Bridge? Oder wie wär es mit dieser Drohung: Dann nimmst du ihr ihren alten Kuschelhasen weg, der vor Dreck starrend seit hundertfünfzig Jahren in der Kiste hinter ihrem Bett vor sich hin fault? Ich glaub, das würde sie beeindrucken.«
   »Ach, ihr könnt mich alle mal.«
   »Weißt du, Liam, such du erst mal nach deiner guten Laune. Und wenn du sie gefunden hast, können wir uns auch über eine schmutzige Nummer unterhalten.«
   »Könnt ihr zwei jetzt aufhören zu streiten?«, mischte sich Tom ein und wandte sich an mich. »Wie Alex dir ja schon mitgeteilt hat, haben wir ein kleines Problem.«
   »Hat er mitgeteilt. Wobei ich ehrlich gesagt nicht verstehe, warum das nicht ein anderer macht. Du bist doch eher so ein Menschenfreund. Es würde dir sicher besser gefallen als mir, auf eines dieser hilflosen Wesen aufzupassen. Noch dazu auf eine alte Frau, der du wirklich helfen könntest.«
   »Wer hat was von alter Frau gesagt?«, fragte Tom irritiert.
   »Es geht um eine Politikerin«, erwiderte ich.
   »Man merkt, dass du dich nicht für das Weltgeschehen interessierst, Liam. Politikerinnen sind schon lange nicht mehr das, was sie einmal waren. Es gibt in Europa sogar ein paar, von denen es Nacktfotos gibt.«
   Ich verzog angewidert das Gesicht. »Zur Abschreckung möglicher Gegner oder wie?«
   Tom öffnete kopfschüttelnd eine Akte. »Sondra Dwane ist knapp vierzig, gut aussehend und ein schlauer Kopf, wenn man dem Bürgermeister glauben darf. Aber du kannst beruhigt die Finger von ihr lassen, sie ist nicht blond.«
   Ich warf einen Blick auf das Foto. Vielleicht sollte ich mich doch hin und wieder für Politikerinnen interessieren, falls es die tatsächlich auch in blond und nackt gab. »Das erklärt immer noch nicht, warum ausgerechnet ich auf sie aufpassen muss.«
   »Weil du der Einzige von uns bist, der auch mit ein paar leichten Sonnenstrahlen keine Probleme hat.«
   »Na ja. Ich will ihnen aber auch nicht freiwillig begegnen. Die entwickeln sich immer so rasant zu richtig heißen Dingern. Warum nimmst du nicht Ian? Der hat noch weniger Probleme damit.«
   »Ich korrigiere, du bist der Einzige, der etwas Sonne verträgt und über genügend Grips verfügt, um sich nicht zu verraten, wenn ihm ein weibliches Wesen die Linsen nach außen biegt.«
   Ich seufzte. »Gut, was ist das Problem der Frau?«
   »Sie hat diesen Drohbrief hier erhalten.«
   Ich überflog die beiden Zeilen aus orthografisch und grammatikalisch völlig planlos zusammengesetzten Zeitungsbuchstaben. Da hatte wohl einer sehr oft in der Schule gefehlt. »Wer hat denn so ein Problem damit, dass die alten Anlagen abgerissen werden, dass er ihr gleich mit dem Tod droht?«
   »Woher soll ich das wissen?«
   »Hast du Parker nicht gefragt? Vielleicht kann man das unter der Hand regeln, und ich muss nicht den Aufpasser spielen.«
   »Die Drogenbande ist in der Ecke nicht ansässig. Er meinte, dass hin und wieder Waffenlieferungen in den Hallen gelagert werden, allerdings nicht regelmäßig. Keine Ahnung, wer sich dort versteckt. Die Sicherheitsleute des Bürgermeisters halten das Schreiben für einen Fake, weil kein echter Krimineller so doof wäre, die Polizei auf seine Fährte zu locken, indem er ihnen seine Hausnummer gibt.«
   »Haben die die Anlagen schon durchsucht?«
   »Klar, und natürlich nichts gefunden.«
   »Hm, vielleicht ist es wirklich nur ein armer Irrer, der groß rauskommen will. Ich gähne jetzt schon. Das wird ein elendig langweiliger Job werden. Endet der auch irgendwann?«
   »Wir werden sehen. Mach erst mal, damit wir guten Willen zeigen und der Bürgermeister glücklich ist. Nicht, dass der noch die Fühler nach unseren Klubs ausstreckt. Wir können dort keine Schnüffler brauchen, denen womöglich auffällt, dass wir anders sind. Sonst können wir einpacken und umziehen.«
   »Okay, ich tu mein Bestes, dass ich nicht während der Arbeit einschlafe.«
   »Du schläfst doch sowieso nie.«
   »Ich tu nur so.«
   »Als ob du nicht schläfst?«
   »Ach, vergiss es. Wann muss ich da antanzen?«
   »Dwanes Büro möchte morgen die Einteilung der Dienste für die kommende Woche machen und deine Schichten mit dir besprechen. Wir haben die Wetterlage gecheckt, und so wie es aussieht, hast du in den nächsten Tagen gute Karten, bei ihren öffentlichen Auftritten keinen Sonnenbrand zu bekommen, falls sie dich unbedingt tagsüber dabeihaben wollen. Sollte sich die Vorhersage irren, musst du halt einen Schnupfen vortäuschen oder einen Hexenschuss, oder was dir sonst noch einfällt.«
   »Wie schlechte Laune wegen des schlechten Sex«, ergänzte Saphire gelangweilt.
   »Pah, wenn du glaubst, nur ihr Drachen seid gut im Bett, hast du dich getäuscht.« Auch wenn ich aus dem Stegreif nicht aufzählen könnte, wer besser wäre. Doch alles mussten diese Emanzendrachen ja auch nicht wissen.
   Sie lächelte überheblich. Ich hatte die Schnauze schon wieder voll, obwohl ich erst vor einer halben Stunde das Gebäude betreten hatte. Irgendwie hatte sich alles zum Negativen verändert, seit wir uns immer mehr unter die Menschen mischten beziehungsweise sie unter uns, ob wissentlich oder nicht.
   »Kommst du noch eine Runde mit um den Block?«, fragte ich Tom.
   Er nickte. »Muss nur noch mal mit Alex telefonieren, dann hab ich nichts anderes mehr vor.«
   Seine Miene verriet, dass es mit ihm auch nicht spaßiger werden würde. Vielleicht sollte ich auswandern und eine Weile allein um die Welt ziehen.

*

Der Bauschutt hob sich Stück um Stück an der Stelle, an der vor einigen Stunden noch die Verwaltung einer alten Brauerei gestanden hatte. Das Licht weniger schwacher Laternen erhellte den Platz nur dürftig. Aber Angus benötigte es ohnehin nicht.
   Aus einiger Entfernung beobachtete er, wer oder was da zum Vorschein kommen würde. Ein Mensch war es sicher nicht. War es vielleicht ein Tier, das in einem der Keller gelebt hatte? Dazu müsste es aber ein großes und starkes Tier sein, wenn es so viele Steine über sich wegschieben konnte. Er versuchte, das ungute Gefühl zu ignorieren, das in ihm aufkam. Im Grunde genommen konnte es ihm egal sein, was es war. Er wollte nur das Gelände inspizieren, auf dem er sich mit seinen Mittelsmännern treffen sollte, um die Lieferung abzuholen. Anschließend würde er ohnehin wieder aus der Stadt verschwinden. Trotzdem konnte er den Blick nicht von der Stelle wenden, an der immer mehr Steine zur Seite geschoben wurden und den Hügel hinunterpolterten.
   Ein bestialischer Gestank kam auf. Er hielt sich die Nase zu. Welch ein Glück, dass er in seiner menschlichen Gestalt hier stand. In seiner wahren hätte er wohl sofort Reißaus genommen. Er verzog das Gesicht, als er sah, wie eine krallenbewehrte, haarige Klaue nach den letzten Steinen griff, die den Weg versperrten. Ob dieses eklige Etwas, das da aus den Tiefen der Hölle zu kommen schien, oder zumindest aus den Abwasserkanälen darüber, ihm gefährlich werden könnte? Die Wahrscheinlichkeit ging gegen null, soweit er über die Wesen der verborgenen Welt Bescheid wusste. Es sei denn, es versuchte, ihn zu Tode zu stinken.
   Das übel riechende Monster hielt inne, als sich schnelle, leise Schritte auf der anderen Straßenseite außerhalb des Bauzauns näherten. Angus wich zurück in den Schatten eines Gebäudes. Die Schnauze des Untiers fuhr heraus, und es nahm die Witterung auf. Roch es überhaupt etwas anderes außer sich selbst? Er konnte es sich kaum vorstellen. Die Nase, die der einer überdimensionalen Ratte glich, zuckte. Mit einem Satz sprang das Höllenwesen aus seinem Versteck und verbarg sich hinter den Mauerresten, aus denen es gekrochen war. Die junge Frau, die vorbeieilte, bemerkte davon nichts. Genauso wenig wie die Jugendlichen, die in dem Hauseingang schräg gegenüber herumlungerten und sich gegenseitig mit den neuesten Apps auf ihren sicher nicht legal erworbenen Smartphones zu beeindrucken versuchten.
   Das Höllenwesen leckte gierig über seine Krallen, als hätte es seit Jahrzehnten nichts mehr in seinen Fängen gehabt. Angus wich noch ein Stück weiter zurück. Ganz leise und darauf bedacht, die Aufmerksamkeit dieses Wesens nicht auf sich zu lenken. Es schien sie voll und ganz auf die junge Frau gerichtet zu haben. Sie tat ihm leid. Es würde bestimmt kein schöner Tod für sie werden.

*

Ich ging ans Fenster, weil ich keine Lust hatte, Saphire für ihre Versuche, eine Megakaugummiblase zu erzeugen, zu applaudieren, während ich darauf wartete, dass Tom endlich sein erneutes Gespräch mit Alex beendete. Im East River spiegelten sich die Lichter der Brooklyn Bridge, wohingegen es drüben am Ufer unwirklich dunkel war. Die alten Anlagen waren nur noch spärlich beleuchtet. Fast so wie früher, als in ihren Höfen noch die Gaslaternen standen, die den Arbeitern der Spätschichten den Weg nach Hause erleichtern sollten. Wie sich die Stadt im Laufe der Zeit doch verändert hatte. Als wir hier ankamen, wurden viele der Brauereien, Werften und Raffinerien erst gebaut und kaum hundertfünfzig Jahre später waren sie längst stillgelegt und sollten Neubauten weichen. Die alten Fähren, die über den East River hin- und herfuhren, um Waren und Menschen von einem Ufer ans andere zu bringen, und die wir nur zu gern genutzt hatten, um nicht schwimmen zu müssen, waren schon vor hundert Jahren verschwunden, als begonnen wurde, Brücken zu bauen.
   Ich konnte mich noch so gut daran erinnern, als wäre es gestern gewesen, doch für die Menschen, die hier lebten, war es eine Ewigkeit her. Mehrere Generationen waren seither zur Welt gekommen und wieder gegangen. Für uns war selbst ein Jahrhundert kaum mehr als ein Wimpernschlag. Die Zeit verging, die Welt veränderte sich, nur wir blieben, wie wir waren.
   Oder auch nicht.
   Seltsamerweise hatten wir uns in den letzten Jahren auch verändert. Früher waren wir ein Haufen unternehmungslustiger Leute, die ihre beinah unendliche Existenz genossen. Wir taten, was wir wollten, mussten uns an keine Gesetze halten, weil es sowieso niemanden gab, der sie durchsetzen konnte.
   Damals kannten wir alle Ecken von Brooklyn wie unsere Westentasche, vor allem die finsteren, während wir heute meist nur noch drüben waren, wenn wir dort etwas bezüglich unseres Gebiets zu regeln hatten. Aber selbst das wurde immer seltener.
   Ich ließ die alten Bilder vor meinem geistigen Auge Revue passieren. Zu der Zeit waren die Stadtgebiete völlig anders aufgeteilt. Die verschiedenen menschlichen Einwanderergruppen begannen, sich ihre Viertel zu schaffen, je nachdem, aus welchem Land sie kamen. Es gab viele Kämpfe zwischen den rivalisierenden Nationalitäten, die in wahren Gangkämpfen mündeten. Unter sie hatten sich die verschiedensten Wesen der verborgenen Welt gemischt, die die Stadt ebenfalls unter sich verteilten. Vampire, Werwölfe, Gestaltwandler, Hexen, Drachen und was es sonst noch alles hier gab, hatten ihre Gebiete ebenfalls abgesteckt, deren Grenzen sie nicht überschritten, wenn sie ihre ewige Existenz nicht aufs Spiel setzen wollten. Genau das war der Spaß gewesen. Die Wenigsten hatten sich daran gehalten, und wir mussten immerzu damit rechnen, in Auseinandersetzungen verwickelt zu werden, sobald wir unsere Behausung verließen. Und unsere eigenen Rivalitäten fachten auch immer wieder die der Menschen mit an, die keine Ahnung hatten, wer wir wirklich waren und uns lediglich als Mitkämpfer oder manchmal auch als Anführer in ihren eigenen Gangs wahrnahmen. Man konnte damals so herrlich Unruhe stiften, ohne dass es irgendjemandem auffiel.
   Heute gab es nur noch ein paar Vampirclans und Gestaltwandler hier, und alle waren damit beschäftigt, bloß nicht aufzufallen. Es gab kaum noch Konflikte untereinander. Wir verschwanden zunehmend in der Versenkung. Als Unsterbliche verdrängt von den Sterblichen. Der Gedanke an sich erschien mir schon absurd. Ich verspürte den Drang, aus diesem langweiligen Gebilde auszubrechen, das so mancher Mensch Luxusleben nennen würde. Ich brauchte keinen Luxus, ich hatte ja auch kein Leben im eigentlichen Sinne. Alles, was ich brauchte, waren Abenteuer, Herausforderungen, Adrenalinstöße. Aber darauf würde ich in New York vergebens hoffen.
   Die Stadt war sicher und langweilig geworden.

*

Polina warf einen Blick über die Schulter. War da nicht etwas? Sie hatte deutlich gespürt, dass jemand hinter ihr herschlich. Fast war ihr, als hätte er sie am Arm berührt. Doch sie konnte niemanden ausmachen, abgesehen von den üblichen Herumlungernden, die sich in den Hauseingängen und an den Straßenecken versammelten, sobald es dunkel wurde. Sie achteten nicht mehr auf sie als sonst. Bildete sie sich nur ein, verfolgt zu werden?
   Ein eisiges Kribbeln kroch ihren Nacken hinauf. Nein, da musste jemand sein! Sie sah sich nach allen Seiten um und griff nach ihrem Haustürschlüssel in der Manteltasche. Entschlossen schob sie das Metall zwischen Zeigefinger und Mittelfinger durch und drückte mit dem Daumen dagegen. Die Anspannung schmerzte in den Fingern, aber sie ließ nicht locker. Nur noch ein paar Hundert Meter hatte sie bis zu ihrer Wohnung zu überwinden. Sie begann zu laufen. Ihre Bürotasche wog mit einem Mal doppelt so schwer. Warum schleppte sie darin auch ihr halbes Leben mit sich herum?
   Ein Gestank von Fäulnis raubte ihr den Atem. So etwas Widerliches hatte sie noch nie gerochen. Lag hier irgendwo ein totes Tier? Ein großer Hund vielleicht oder zwei? Bei dem Gedanken wurde ihr übel. Sie musste unbedingt dem alten Pavel Bescheid geben, damit er nachsah. Ein heißer, modriger Lufthauch streifte ihre Wangen und ihren Nacken, dass sämtliche kleinen Härchen zu Berge standen. Sie riss das wacklige Gartentor auf und sprang die beiden Stufen hinauf zur Tür. Zitternd versuchte sie, den Haustürschlüssel ins Schloss zu stecken.
   Hinter ihr ertönten Schritte. Sie wagte nicht, sich umzudrehen. Eine Hand packte sie am Arm und versuchte, sie zurückzuziehen. Polina schrie auf und machte einen Satz zur Seite. Fast wäre sie über das Geländer hinabgestürzt, doch die Hand hielt sie eisern fest.
   »Was hast du denn? Ich wollte dir doch nur Gute Nacht sagen.«
   Sie schloss die Augen und hatte Mühe, sich zu beruhigen. Ihr Herzschlag dröhnte in den Ohren. Vorsichtig holte sie Luft, doch der Gestank war verschwunden. Sie roch nur das herbe Aftershave ihres Gegenübers, in dem er wieder einmal gebadet zu haben schien. »Verdammt noch mal Brian, warum erschreckst du mich so?«, fuhr sie ihn an.
   »Ich dachte, du hättest mich gesehen, als du dich umgeschaut hast. Ich hab mich schon gewundert, dass du mir nicht einmal einen bösen Blick zugeworfen hast. Du hast es heute wohl wirklich eilig.«
   »Lass mich in Frieden, Brian. Wann wirst du endlich begreifen, dass es aus ist zwischen uns?«
   Sie öffnete die Tür und schlüpfte ins Haus, kaum dass sie weit genug geöffnet war. Sofort versuchte sie, ihm die Haustür vor der Nase zuzuschlagen, doch er schob blitzschnell seinen Stiefel dazwischen. Wie immer.
   »Verschwinde endlich, Brian, oder ich schreie, dass das Haus zusammenläuft.«
   »Ach komm, zier dich doch nicht so.«
   Sie holte tief Luft.
   Brian hob beschwichtigend die Hände. »Ist ja gut, ich kenn dein Gekreische, ich geh schon. Aber wir treffen uns wieder. Noch ist das Thema nicht beendet.«
   »Für mich schon.« Sie schlug die Tür zu und rannte die Treppen hinauf zu ihrer Wohnung. Erst, als sie ihre Wohnungstür hinter sich geschlossen und den Riegel vorgeschoben hatte, hielt sie inne und starrte durch das gegenüberliegende Fenster auf die Straße.
   »Dieser nervtötende Vollidiot wird es nie kapieren. Hätte ich mich bloß nie mit ihm eingelassen«, schimpfte sie vor sich hin.
   Sie fasste sich an den Kopf. Das Pochen in den Schläfen ging langsam wieder in Kopfschmerzen über, wie fast jeden Abend. Müde streifte sie sich ihre Schuhe von den Füßen und stellte sie an ihren Platz. Ein Handgriff weniger, wenn man immer gleich alles dort verstaute, wo es hingehörte, hörte sie Mom predigen. Das änderte auch nichts an der Tatsache, dass die Schuhe schon ziemlich abgetragen aussahen. Lange würde sie sie selbst als Straßenschuhe nicht mehr verwenden können, um ihre Büropumps zu schonen. Wenigstens war ihr Mantel noch in Ordnung, obwohl er schon fünf Jahre alt war. Sie hängte ihn auf den Bügel und überprüfte, ob auch alle Knöpfe noch fest angenäht waren. Er würde auch noch eine ganze Weile halten müssen. Derzeit konnte sie es sich beim besten Willen nicht leisten, in ihren Kleiderschrank zu investieren. Sie musste endlich das restliche Geld für die Kunstschule zusammenbekommen. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren war sie ohnehin schon deutlich später dran als die meisten Studenten, und die Anmeldung für das Frühjahrssemester rückte immer näher.
   Gut, dass Mom wenigstens so darüber begeistert gewesen war, dass sie einen guten Job bei der Stadt angenommen hatte und ihr sofort ein neues Bürooutfit spendiert hatte, weil sie dort kaum in Jeans und T-Shirt auflaufen konnte. Es spielte sicher die Hoffnung mit, dass Polina ihren Wunsch, Malerei zu studieren, endgültig aufgab. Das würde sie niemals. Selbst wenn sie noch ein paar Jahre darauf hinsparen müsste. Und schon gar nicht würde sie zu Mom und Fred in den Süden ziehen, um in seinem Autoteilehandel die Lagerhaltung zu übernehmen, nur weil sie das nach der Schule bei dem Autohändler um die Ecke drei Jahre gemacht hatte. Sie ignorierte das Blinken des Anrufbeantworters. Sicher wollte Mom ihr nur wieder gut zureden, endlich New York hinter sich zu lassen. Pah, sie war hier aufgewachsen, und sie liebte diese Stadt mit ihren tausend Möglichkeiten. Weshalb um alles in der Welt sollte sie alles aufgeben für ein Leben in Langeweile, nur weil es hier etwas gefährlicher war als in der Pampa?
   Sie kuschelte sich in ihren Bademantel und setzte Teewasser auf, bevor sie sich in ihren alten Lieblingssessel fallen ließ. Ihr Blick wanderte zu der Staffelei in der Ecke. Wann würde sie endlich wieder Zeit haben, an dem Bild weiterzuarbeiten? Wenn sie die Reihe, zu der es gehörte, in diesem neuen Café in Greenwich Village ausstellen könnte, das jungen, unbekannten Künstlern ganzjährig eine Fläche bot, hätte sie vielleicht eine kleine Chance auf ein zusätzliches Einkommen. Jeder Cent war wichtig.
   Der Teekessel pfiff. Am liebsten wäre sie sitzen geblieben und hätte ihn pfeifen lassen, bis er leer war. Ihre Beine schmerzten von der Hektik, mit der sie die Arbeiten im Büro erledigt hatte. Jeden Tag wurde es schlimmer. Die Arbeit wurde immer mehr, egal wie schnell sie versuchte, sie aufzuarbeiten. Wenn das so weiterging, konnte sie gleich am Schreibtisch übernachten und vielleicht wäre das sogar besser, als so spät noch nach Hause zu fahren. Ein Frösteln überkam sie, als sie an das Gefühl dachte, verfolgt zu werden. Selbst unter ihrem Bademantel wurde es kalt. Sie zog ihn enger und rappelte sich auf, um sich endlich eine Tasse Kräutertee aufzubrühen, doch ein kratzendes Geräusch an der Hauswand ließ sie innehalten.
   Sie sah zum Fenster. Ein Schatten fiel in das Zimmer herein und schien für eine Sekunde zu verweilen, fast, als würde sein Verursacher nach etwas suchen. Sie drückte sich schnell in den Sessel zurück und zog ihre Beine an, in der Hoffnung, sie würden vollständig von den großen Lehnen verdeckt werden. Langsam wanderte der Schatten durchs Zimmer. Sie wagte nicht mehr zu atmen. Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper, als er bedenklich nah an sie herankam. Polina schloss die Augen. Sollte sie schreien? Die Bewohner im Haus wären im Nu auf den Beinen und würden nachsehen, weshalb sie solch einen Lärm machte. Doch wegen eines Schattens, der durch das Fenster hereinfiel? Es kratzte erneut an der Fassade. Sie lugte vorsichtig über die Lehne, doch der Schatten war verschwunden. Erst jetzt bemerkte sie, dass das Herz ihr bis zum Hals schlug. Sie fühlte das Pochen sogar noch in den ohnehin schmerzenden Schläfen.
   Es musste ein Vogel gewesen sein, versuchte sie sich zu beruhigen, bestimmt war es ein Nachtkauz oder etwas Ähnliches. Sie wohnte schließlich im dritten Stock. Was sonst sollte in dieser Höhe einen Schatten durchs Fenster werfen? Wollte er auf ihrem Fensterbrett landen? Oder woher kam das Kratzen? War er womöglich abgestürzt und hatte sich verletzt? Auf Zehenspitzen schlich sie ans Fenster, um nachzusehen. Doch sie konnte weder auf dem Gehweg noch auf dem einsamen, fast blattlosen Baum an der Straßenecke noch auf den Hausdächern gegenüber etwas entdecken.
   Was war bloß in sie gefahren? Sie war doch nie so schreckhaft gewesen. Das kam sicherlich davon, dass sie immerzu darauf bedacht war, Brian aus dem Weg zu gehen. Sie bemühte sich, ihr Unbehagen abzuschütteln. Am besten wäre es, sich sofort im Bett unter der Decke zu verkriechen. Da konnte sie auch kein Schatten erreichen und sinnlos erschrecken wie ein kleines Mädchen.

Kapitel 2

Ich wusste, dass der Job megalangweilig werden würde, weil ich auf einmal das Bedürfnis hatte zu schlafen, was ich tatsächlich seit Jahrhunderten nicht mehr so richtig tat. Es lag aber nicht daran, dass ich nicht wollte, ich wurde einfach nicht müde. Meine Vampirfreunde zogen mich damit auf, dass ich wohl nach der Verwandlung zu viel geschlafen hätte, aber ich konnte mich an die Situation nicht mehr erinnern. Ich wusste nur, dass ich das Schwert geschwungen hatte und dann war ich aufgewacht und alles war anders. Wie lange ich weggetreten war, konnte ich im Nachhinein nicht mehr herausfinden. Mir war sogar die Gegend fremd, in der ich zu mir gekommen war. Und nachdem ich danach völlig plan- und ziellos umherirrte, bis ich auf Ian traf, konnte ich noch nicht einmal den Zeitraum ungefähr eingrenzen. Es hätten Tage aber auch Jahre sein können. Im Prinzip fehlte mir jede Information. Aber eines wusste ich, es hätte mir nichts Besseres passieren können. Ewige Existenz ohne die kleinste Veränderung – die Haare wurden nicht grau, die Haut nicht faltig, die Zähne fielen nicht aus und meine Muskeln blieben immer in perfektem Zustand, ohne dass ich dafür trainieren musste. Ich würde nie ein alter, schwacher Mann werden. Wer konnte da schon widerstehen? Das vampirische Dasein war eindeutig allen anderen vorzuziehen.
   Ich lehnte mich an die Wand im Konferenzraum, wo ich auf die liebe Frau Stadtplanerin warten sollte, um mich mit in die Reihe ihrer Schutzleute einteilen zu lassen. Immer diese Planereien. Sollte sie halt sagen, wann sie das Haus verlassen wollte, dann stünde schon einer da, der auf sie aufpasste. Das konnte doch nicht so schwer sein.
   Endlich hörte ich Schritte im Flur, die mir ankündigten, dass ich mich nur noch ein paar Sekunden zu gedulden hatte.
   Ich schob meine Sonnenbrille nach oben, weil Menschen gern demjenigen in die Augen sahen, mit dem sie sprachen, wobei sie der irrigen Ansicht waren, dass sie dadurch leichter erkennen konnten, ob jemand die Wahrheit sagte. Die meisten ahnten nicht einmal, wie gut man lügen konnte, ohne auch nur ein einziges verräterisches Zeichen von sich zu geben. Man musste sich nur keine Gedanken um die Konsequenzen machen. Es war so mühsam, auf Sterbliche einzugehen.
   Die Tür schwang auf, und ich wusste, ich konnte die Frau nicht leiden. Sie musterte mich von oben bis unten und wieder zurück, bevor sie mir ihre Hand entgegenstreckte.
   »Liam Uí Madadhan?«
   Ach, sie konnte tatsächlich meinen Namen richtig aussprechen? Ich nickte.
   »Nehmen Sie es nicht persönlich, aber ich bin nicht begeistert davon, einen der Cowboys des Marquis hinter mir zu haben.«
   »Lady, Sie können mir glauben, dass ich auch nicht davon begeistert bin, Ihnen Ihr Aktentäschchen hinterherzutragen. Aber nachdem wohl jemand der Meinung ist, es wäre sicherer für Sie, werden wir uns arrangieren müssen.«
   »Was Mrs. Dwane meint«, fügte eine unscheinbare kleine Blondine an, die hinter der Stadtplanerin hereingeschlichen war, »unsere Begleiter folgen einem anderen Dresscode als Sie und Ihre Kollegen.«
   Sie warf einen Blick auf meinen langen Ledermantel und meine alten Militärboots, die tatsächlich den Zweiten Weltkrieg noch erlebt hatten. Ich hatte mich absichtlich so angezogen, in der leisen Hoffnung sie würden mich ablehnen und ich könnte wieder in Ruhe meinen üblichen Beschäftigungen nachgehen, die zwar langweilig waren, aber doch nicht langweilig genug, um mich freiwillig in dieses Kasperletheater einzureihen.
   Die Blondine sah mich fragend an, was mich daran erinnerte, dass sie vermutlich auf einen Kommentar von mir wartete. »Sicher doch«, entgegnete ich. »Ihre Chefin hat gern Pinguine hinter sich herwatscheln. Ich kann ja mal nachsehen, ob der schwarze Anzug meines Großvaters noch passt. Dann komme ich zu meinem ersten Einsatz adäquat gekleidet.«
   Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, aber schnell kräuselte sie ihre ungeschminkten Lippen, was allerdings eher nach Schmollmund aussah denn nach Strenge.
   »Gut«, mischte sich die Planerin ein. »Somit wäre das geklärt. Alles Weitere besprechen Sie bitte mit meiner Sekretärin. Ihre Kollegen lernen Sie morgen kennen. Ich benötige Sie im Moment, um einen ungeplanten Außentermin vorzubereiten. Und da wir nicht so gut besetzt sind wie Ihr Chef, ist nun keiner mehr im Haus.« Sie nickte mir zu und marschierte von dannen. Auch wenn sie zugegebenermaßen nicht schlecht aussah, konnte ich doch mit ihrem Generalston nichts anfangen. Ein schwarzer Latexanzug hätte gut zu ihr gepasst, dazu eine Peitsche in der Hand und sie hätte sich die Leibwächter sparen können.
   »Ich bin Polina Durani, Mrs. Dwanes Sekretärin.«
   Die kleine Blondine streckte mir ihre Hand entgegen. Etwas zögerlich, wie ich fand. Gegen ihre Chefin konnte sie sich sicher nicht durchsetzen. Ich vermied es, fest zuzudrücken, weil ich befürchtete, ihre zarten, langen Finger zu zerquetschen.
   »Spielen Sie Klavier?«, fragte ich aus einer spontanen Eingebung heraus.
   »Wie bitte?«
   »Die meisten Frauen mit solch wunderschönen, zarten Händen spielen Klavier.«
   »Oh. Nein ich …« Ihre Wangen röteten sich und sie rückte schnell ihre altmodische Brille zurecht. Wie sie wohl ohne dieses scheußliche Gestell aussah? Und ohne diese strenge Frisur?
   Sie räusperte sich und entzog mir ihre Hand. »Ich würde mit Ihnen gern die Planung für die nächsten Tage durchgehen. Sind Sie so weit flexibel, dass wir Sie auch kurzfristig einsetzen können? Durch diese unvorhersehbare Diskussion über die Neubauten in Greenpoint kann es sein, dass wir mehr als einmal zu Gesprächen mit der Bevölkerung aufbrechen müssen.«
   Ich unterdrückte ein Gähnen. Das konnte ja noch langweiliger werden, als ich befürchtet hatte. Und ich musste auch noch die öde Bevölkerung im Blick behalten, damit keiner mit faulen Eiern nach der Frau Generalstadtplanerin warf. Dabei hätte es so interessant werden können, ihre Sekretärin unter die Lupe zu nehmen. Ob sie wohl eine echte Blondine war?
   »Sehen Sie her.«
   Sie tippte auf ihren Terminplaner, und ich musste zu meinem Bedauern meinen Blick auf das langweilige Papier werfen.
   »Wir haben morgen vier Termine im Außenbereich, zwei davon finden abends statt. Der letzte ist nur noch halboffizieller Natur und kann länger dauern. Welche Schicht möchten Sie übernehmen?«
   »Ich bevorzuge die Abendschicht, wenn es möglich ist, es so zu legen. Ich leide unter einer leichten Sonnenempfindlichkeit.«
   »Oh«, sie rückte wieder ihre Brille zurecht und zog ihre Lippen kraus.
   Ich musste mir unbedingt merken, wann genau sie so reagierte, es sah einfach zu niedlich aus.
   »Ich werde das selbstverständlich bei der Einteilung berücksichtigen. Warum hat uns Ihr Büro das nicht von vornherein durchgegeben?«
   »Weil ich im Allgemeinen nicht deswegen lamentiere. Ich bin Bodyguard, wie sähe das aus, wenn ich sagen müsste, ich kann aber da und da nicht, weil mich vielleicht ein Sonnenstrahl treffen könnte?«
   Sie blinzelte mich irritiert an. Ob ich mich wirklich auf herumfliegende Eier konzentrieren konnte, wenn ich ständig von Blinzeln und so unendlich niedlich gekräuselten Lippen abgelenkt wurde? Und dazu der Duft. Frisch wie reines Quellwasser und vor allem nur ein leichter Hauch. Unaufdringlich. Genau wie sie selbst. Ich sog verstohlen noch etwas mehr davon ein, um herauszufinden, ob es ihr natürlicher Duft war oder ob sie nachgeholfen hatte. Aber ich konnte kaum synthetische Substanzen ausmachen. Ob sie wohl auch so verführerisch natürlich schmeckte? Mir lief buchstäblich das Wasser im Mund zusammen.

*

Polina rückte ihre Brille zurecht. Sie musste endlich dieses alte Gestell nachziehen lassen. Immerzu rutschte es von ihrer Nase. Sie korrigierte ihre Einteilung und gab Uí Madadhan die Abendschicht. Sollte sie die Leute vielleicht doch verdoppeln? Aber Sondra mochte es nicht, wenn zu viele Bodyguards um sie herumscharwenzelten. Sie nahm die Drohung genauso wenig ernst wie die Polizei. Nur, was wäre, wenn es tatsächlich jemand auf sie abgesehen hätte und der Drohbrief kein Bluff war? Konnte ein einzelner Bodyguard noch etwas ausrichten? Es war mehr als unvorsichtig, sich darauf zu verlassen. Sie musste unbedingt mit Sondra reden. Oder vielleicht mit dem Bürgermeister, damit er ihrer Chefin ins Gewissen redete? Allerdings würde Sondra es nicht gutheißen, wenn sie hinter ihrem Rücken selbst die Dinge in die Hand nahm.
   Sie warf einen verstohlenen Blick zu Uí Madadhan. Er war ihr bereits bei einer Gala, zu der sie vor Kurzem Sondra begleiten durfte, inmitten seiner Kollegen aufgefallen, auch wenn sie sich kaum getraut hatte, die Gruppe direkt anzusehen. Sie wirkten so groß und bedrohlich in ihren schwarzen langen Mänteln unter denen sich, wie man munkelte, nicht immer nur legale Waffen versteckten. Sie hätte sich niemals getraut, einen von ihnen anzusprechen, selbst wenn sie Hilfe gebraucht hätte. Uí Madadhan hatte sie die unnahbarste Ausstrahlung von allen attestiert. Vielleicht hätte sie ihn sogar als arrogant bezeichnet. Seine aufrechte Haltung und sein durchdringender Blick, mit dem er auf jeden herabsah, zeugten von Stolz und Selbstsicherheit. Und er schien tatsächlich wenig Respekt vor den Offiziellen der Stadt zu haben. Zumindest nicht vor Sondra. Sie musste insgeheim über den Satz mit den Pinguinen schmunzeln. Wie er wohl im Anzug aussah? Die Leute des Marquis trugen nach Aussage von Sondra nur diese martialischen schwarzen Outfits und hinter vorgehaltener Hand hatte sie noch angemerkt, dass sich so einige Leute fragten, ob die alle eine reine Weste hatten. Aber laut würde das niemand sagen, denn Jean de Lorraine, ihr Chef, war aufgrund seiner Spendierfreudigkeit und seiner Kontakte zum Bürgermeister so etwas wie eine unantastbare Persönlichkeit in der Stadt. Doch im Grunde sahen seine Bodyguards tatsächlich eher aus wie eine Gang und nicht wie seriöse Sicherheitsleute.
   »Sind wir jetzt fertig?«, fragte Uí Madadhan und beugte sich ihr entgegen. Unwillkürlich rückte sie ab. »Ich würde sagen, ja, Mr. Uí Madadhan. Ich habe bis morgen die restlichen Planungen fertig, und wenn wir Sie auch spontan erreichen könnten, wenn sich ein unvorhergesehener Termin ergibt, wäre das für uns sehr hilfreich.«
   »Ich bin immer für Spontanitäten zu haben. Aber nennen Sie mich Liam, schöne Frau. Alles andere ist mir zu förmlich.«
   Sie fühlte, wie ihr erneut das Blut in die Wangen schoss. Sie hasste diese Reaktion, die sie immer wie ein schüchternes, kleines Mädchen wirken ließ. Ganz gleich wie abgeklärt sie sich zu verhalten versuchte, sie konnte es nicht verhindern.
   »Darf ich Sie denn Polina nennen?«, flüsterte er nach einer Sekunde des Schweigens.
   Der raue Unterton in seiner Stimme verursachte ihr Gänsehaut. Es kribbelte am ganzen Körper. Sie brachte nur ein Nicken zustande und wich seinem Blick aus. Wie um alles in der Welt machte der Kerl das?

*

Ich musste mich dazu zwingen, nicht zu grinsen. Diese niedliche Sekretärin reagierte auf die kleinsten Schmeicheleien, als hätte ihr noch nie jemand Komplimente gemacht. Und dabei war sie eigentlich hübsch, wenn man einmal davon absah, dass sie eine fürchterlich altmodische Brille trug und ihre Haare so streng aufgesteckt hatte, dass es schon fast wehtat, nur daran zu denken, wie sie sie nach hinten zog, damit ja kein Härchen unordentlich nach vorn fiel. Irgendwie reizte es mich, herauszufinden, ob die Haare wirklich so lang waren, dass sie zu einem so kompakten Knoten reichten. Oder hatte sie sie vielleicht doch über einen dieser hässlichen beigefarbenen Donuts gewickelt, die neuerdings offenbar modern waren. Sie hatten mir schon oft genug den Genuss verleidet, die Haare meiner jeweiligen Liebschaft zu lösen und über ihre nackte Haut fallen zu lassen. Wobei Polina kaum den Eindruck machte, überhaupt etwas vorzutäuschen. Sie war so dezent geschminkt, dass es aussah, als wäre sie genauso aus dem Haus gegangen, wie sie aus dem Bett gehüpft war.
   Vielleicht wurde der Job doch nicht ganz so öde, wie er auf den ersten Blick schien. Schade, dass die Besprechung nicht länger dauerte. Aber Polina ließ sich nicht einmal zu einem Kaffee am Automaten bewegen, weil sie angeblich so beschäftigt war, obwohl sie einen wirklich müden Eindruck machte. Möglicherweise schmeckte der Kaffee aber auch so grässlich, wie allgemein behauptet wurde. Vielleicht hätte ich sie besser gleich in ein Café einladen sollen.
   
   Ich schwang mich wieder auf meine Maschine und ließ mich ziellos durch den Verkehr treiben. Der Gedanke, einmal wieder um die Welt zu ziehen, bohrte sich tiefer in meine Gehirnwindungen. Wir lebten hier bereits am längsten, von allen Orten, an denen wir je gewesen waren. Es wurde wirklich Zeit, einmal etwas anderes zu sehen. Die Welt war groß genug, um sich nicht immer an ein und demselben Ort aufzuhalten.
   Mir kam das Plakat in den Sinn, das seit Anfang dieser Woche am Times Square im Rahmen der Südamerikawochen für eine Ausstellung über Kolumbien warb. Sollte ich einen Blick hineinwerfen? Kolumbien galt immer noch als eines der gefährlichsten Länder Südamerikas, wenn man sich nicht gerade in den touristisch erschlossenen und halbwegs gesicherten Gegenden aufhielt. Das könnte ganz nach meinem Geschmack sein. Es juckte mich in den Fingern, einmal wieder richtig Ärger zu machen. Die Rebellion dort war noch lange nicht niedergeschlagen. Womöglich konnten die verschiedenen Gegner Unterstützung gebrauchen? Ich musste nur herausfinden, auf welcher Seite des Kampfes es am meisten Spaß machte und das wäre sicher da, wo am heftigsten geschossen wurde.
   Ich umfuhr die vollgestopften Kreuzungen am Broadway und nahm eine Abkürzung gegen eine Einbahnstraße, um zur Ausstellung zu gelangen. Es schadete sicher nicht, wenn ich mich vorab etwas informierte. Nicht, dass ich planlos im Urwald umherstapfte und erst am Ort des Geschehens ankam, wenn alles vorbei war.

*

Polina lief, so schnell sie konnte, durch den U-Bahnhof in Richtung Ausgang. Es war deutlich später geworden als geplant. Wenn sie die Überstunden wenigstens bezahlt bekäme, könnte sie sich ein Taxi leisten und müsste nicht spät abends allein durch die Gegend rennen.
   Sie eilte die Treppen hinauf. Das Gefühl, verfolgt zu werden, saß ihr erneut im Nacken. Woher kam es nur? Sie hatte sich zwar um diese Uhrzeit noch nie sicher gefühlt, aber das ständige Kribbeln im Nacken hatte sie auch nie verspürt. Der Fäulnisgeruch stieg ihr wieder in die Nase. Vielleicht war etwas mit den Kanälen nicht in Ordnung? Sie musste es unbedingt im Büro durchgeben, dass man danach sah. Wenn es so bestialisch stank, war sicherlich mehr kaputt, als nur irgendwo eine Öffnung halb verstopft.
   Sie fasste ihren Schlüssel fest in die Hand. Wenn sie nur Zeit gehabt hätte, sich ein neues Pfefferspray zu besorgen. Damit wäre es einfacher, einen Angreifer abzuwehren, als zu versuchen, ihn mit einem Schlüsselbart an einer empfindlichen Stelle zu treffen. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich wirklich dazu überwinden könnte, einem Menschen ins Auge zu stoßen. Allein der Gedanke widerte sie an.
   Ein Schmatzen erklang hinter ihr. Sie drehte sich um, aber es war nicht zu erkennen, woher das Geräusch kam. Es klang ekelerregend. Fast glaubte sie zu hören, wie der Geifer auf den Boden tropfte. Sie beschleunigte ihre Schritte. Das Schmatzen schien ihr zu folgen. Was zum Teufel war das? Spielten ihre Sinne total verrückt? Mit einem Mal streifte ein modriger Windhauch ihre Wange und mit seinem Vorbeistreifen zog ein Schatten über ihren eigenen. Er wurde immer größer. So sehr sie sich auch umsah, sie konnte den Verursacher nicht entdecken. Selbst über ihr war nichts zu sehen, das sich vor das Licht der Laternen schob. Etwas kitzelte sie am Nacken. Sie schlug mit der freien Hand nach hinten. Aber sie traf nichts. Ein kalter Schauder lief über ihren Rücken. Sie wollte schreien, doch sie brachte keinen Laut heraus. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.
   Panisch bog sie in eine Seitengasse ein, um den Weg abzukürzen und rannte, was ihre Beine hergaben. Der Schatten verschwand so plötzlich, wie er gekommen war, als wäre er an der Kreuzung hängen geblieben. Sie wollte weiterlaufen, doch sie musste wissen, was über sie gekommen war.
   Vorsichtig drehte sie sich um, und inspizierte alles, was sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite hätte bewegen können. Eine Abdeckungsplane hinter einem der Bauzäune, die die alten Industrieanlagen abgrenzen sollten, flatterte durch eine Brise vom Wasser her auf und legte sich auf den Zaun. Hatte sie den Schatten verursacht?
   »Hallo Polina«, rief eine nur zu bekannte Stimme hinter ihr. »Bist du auf der Suche nach mir? Ich hätte dich doch abgeholt, wenn du mich darum gebeten hättest.«
   Sie zuckte zusammen. Schnell drehte sie sich um.
   Brian stellte sich ihr breitbeinig in den Weg.
   »Lass mich endlich in Frieden«, stieß sie hervor. Sie klang nicht besonders überzeugend. Es hörte sich eher an wie das Fiepen eines verängstigten Welpen. Warum hatte sie sich nur kein Taxi geleistet? Sie hätte den Fahrpreis sicher noch irgendwo an anderer Stelle einsparen können. Ganz bestimmt, möglicherweise … vielleicht. Sie versuchte, einen Bogen um Brian zu machen.
   »Oh, oh«, brummte er und stellte sich ihr erneut in den Weg. »Warum so eilig? Du hast doch bestimmt nichts anderes vor heute Nacht. Wir könnten noch viel anstellen. Du und ich.«
   Sie biss die Zähne zusammen und versuchte, an der anderen Seite an ihm vorbeizukommen. Er fing sie sofort wieder ab.
   »Bin ich dir nicht mehr gut genug, seit du mit denen da drüben zusammenarbeitest? Du passt doch gar nicht in ihre Welt. Denkst du wirklich, jemand, dessen Wurzeln seit jeher in Greenpoint liegen, schafft plötzlich den Sprung nach Manhattan?«
   »Lass mich in Frieden, Brian. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet, im Gegensatz zu dir. Ich möchte einfach nur nach Hause.«
   »Du lässt dich von denen gegen uns einspannen. Du lässt dich von der Stadtplanerin dazu ausnutzen, uns vorzugaukeln, dass ihr etwas an unserem Viertel liegt, indem sie jemandem wie dir eine Stelle gegeben hat, nur um uns die alten Hallen unterm Arsch wegreißen zu können. Schämst du dich nicht, Polina?«
   »Ihr seid alle so dumm«, entgegnete sie ärgerlich. »Anstatt froh zu sein, dass hier einmal aufgeräumt wird und die schmutzigen, dunklen Ecken verschwinden, wehrt ihr euch mit Händen und Füßen dagegen. Was ist einzuwenden, dass hier neue bezahlbare Wohnungen entstehen?«
   »Bezahlbar«, äffte Brian sie nach. »Das hier ist bezahlbar.« Er deutete auf die schmutzige Fassade der heruntergekommenen Mietskaserne.
   »Wenn ihr euch einmal nach Arbeit umsehen würdet, könntet ihr euch auch etwas anderes leisten.«
   »So wie du, Polina? Wie weit reicht dein Gehalt? Du wohnst immer noch in der winzigen Wohnung, die schon deine Großmutter bewohnt hat. Und das Haus ist nur deshalb in Ordnung, weil der alte Pavel seine ganze Energie da hineinsteckt, nur um nicht erkennen zu müssen, dass er schon vor zwanzig Jahren in einer Sackgasse angekommen ist. Sieh dich doch an.« Er musterte sie abfällig. »Sind deine Kleider neuer, seit du für die Stadt arbeitest und nicht mehr im Lager des Autohändlers? Du siehst auch nicht danach aus, als könntest du in Kürze nach Manhattan übersiedeln.«
   Polina biss die Zähne zusammen. Sie wollte einfach nur nach Hause. Brian war so ein Arschloch, er wusste genau, weshalb sie die besser bezahlte Stelle bei der Stadt angenommen hatte. Mit dem Gehalt bei dem Autohändler hätte sie nie die Summe zusammenbekommen, die sie für ihr Studium brauchte. Weshalb musste er ausgerechnet jetzt auf der Straße stehen? Konnte er nicht im Gefängnis sitzen, wo er sonst auch die meiste Zeit verbrachte? »Lass mich endlich in Ruhe, Brian«, sagte sie eine Spur lauter, als sie es sonst tat, und zog ihre Faust aus der Tasche, aus der der Bart des Haustürschlüssels zwischen ihren Fingern herausragte.
   Er hob belustigt die Augenbrauen, aber er trat einen Schritt zur Seite. Allerdings musste sie so zwischen ihm und seinen Brüdern durchgehen, die auf der Treppe des Hauses saßen und sie mit einem fürchterlich dämlichen Grinsen im Gesicht beobachteten. Sie überlegte, doch umzukehren und den längeren Weg an der Hauptstraße entlang zu nehmen. Aber die Angst vor diesem Schatten und dem seltsam schmatzenden Geräusch hielt sie davon ab, auch wenn es nüchtern betrachtet nur eine Ausgeburt ihrer Fantasie sein konnte.
   Brian machte eine auffordernde Geste und trat einen weiteren Schritt zur Seite. Sie packte den Schlüssel fester und marschierte mit hocherhobenem Kinn an den Brüdern vorbei. Fast wäre sie dabei in eines der Löcher in der Straße gestolpert.
   »Pass auf, wo du hintrittst, Polina«, rief ihr Brian hinterher, »hier ist schon so mancher auf die Schnauze gefallen, der geglaubt hat, etwas Besseres zu sein.«
   Sie bemühte sich, nicht zu laufen, solange sie wusste, dass sie in Sichtweite der Brüder war. Sie wollte ihnen nicht die Genugtuung geben, auch noch über ihre Angst zu spotten.

Die Leseprobe hat dir gefallen?
Hol dir das E-Book in einem der
zahlreichen, bekannten Onlineshops.

Viel Spaß beim Weiterlesen.