Seit Lena dem mächtigen Magier Mathäus im letzten Moment entkommen ist, lässt Cay sie nicht mehr aus den Augen. Sie in Sicherheit zu bringen, ist allerdings unmöglich: Mathäus kann überall sein und Lena lässt sich nicht so einfach zur Untätigkeit verdammen. Sie stößt auf dunkle Magie, mit der sie Mathäus besiegen könnte – wenn sie bereit ist, einen hohen Preis zu zahlen. Cays Wunsch, Lena zu schützen, wird zum Wahn, der ihre Liebe auf eine harte Probe stellt. Doch Cay kann nicht aufgeben, denn sollte Lena Mathäus in die Hände fallen, könnte sie Schlimmeres erwarten als der Tod. "Am Abgrund", Band 4 der "Seelenmagie"-Reihe, erscheint im November 2016.

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ISBN: 978-9963-53-479-1

Seiten: 411

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Alana Falk

Alana Falk
Alana Falk lebt mit ihrem Mann in München und arbeitet als Übersetzerin. Liebesgeschichten in allen Formen, mit oder ohne Fantasy, faszinieren die Autorin besonders. Schon als Teenager dachte sie sich eine Herzschmerzgeschichte nach der anderen aus, schrieb sie jedoch nie auf. Erst mit 28 begann sie ernsthaft mit dem Schreiben. Außer Paranormal Romance schreibt sie erotische Liebesromane unter ihrem Pseudonym Emilia Lucas. Zu ihrer Seelenmagie-Trilogie inspirierte sie unter anderem ein verlassenes, schmiedeeisernes Tor mitten in der Wildnis.

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Was bisher geschah
Unendlich – Seelenmagie 1

Die achtzehnjährige Lena möchte nichts so sehr, wie Chemie zu studieren und ihren winzigen Heimatort zu verlassen. Um ein Stipendium zu gewinnen, lernt sie ohne Unterlass und erlaubt sich keine Ablenkung bis auf eine: Von ihrer toten Großmutter hat sie neben einem geschnitzten Kästchen und einer silbernen Schere ein Buch mit Informationen über seltene Kräuter geerbt, die sie finden soll. Darin steht auch eine Legende über drei Magier, die grausame Taten verübten, um sich unsterblich zu machen.
   Immer wieder glaubt Lena, beobachtet zu werden, auch in Hohengreifenstein, wo sie Cay zum ersten Mal begegnet. Sie wechseln kein einziges Wort und doch ist es, als bliebe die Zeit stehen. Auf dem Nachhauseweg ist Lena in Gedanken immer noch bei der Begegnung, als ein Irrlicht sie in den Wald auf eine Lichtung lockt, wo sie wieder auf Cay trifft und zum ersten Mal mit ihm spricht. Er übt eine merkwürdige Anziehung auf sie aus, die sie sich nicht erklären kann.
   Um eine Chance auf das Chemie-Stipendium zu haben, muss Lena einen Kurs absolvieren. Dass ausgerechnet Cay diesen Kurs leitet, erwischt Lena kalt, denn er verwirrt sie und macht es ihr unmöglich, sich zu konzentrieren. Bald muss sie sich eingestehen, dass sie sich in ihn verliebt hat und ihr wird klar, dass er sie ebenfalls mag. Trotzdem versucht sie, ihre Gefühle zu unterdrücken und sich nicht davon ablenken zu lassen. Viel später erfährt sie, dass Cay gar kein Student ist, sondern sich nur in den Kurs eingeschlichen hat, um ihr nahezukommen und sie für sich zu gewinnen.
   Lena hilft Cay auf einem alten Schloss, Bücher zu archivieren. Lena weiß genau, dass Cay das nur eingefädelt hat, um mit ihr allein zu sein. Trotzdem und obwohl es ihre Zukunftspläne gefährdet, verliebt sie sich immer mehr in ihn.
   Als Lenas Mutter Cay zum ersten Mal begegnet, dreht sie fast durch und redet immer wieder auf Lena ein, um sie von Cay fernzuhalten. Sie behauptet, Cay würde Lena bald ebenso verlassen wie Lenas erster Freund Adrian.
   Trotz der vielen Arbeit für das Stipendium verbringt Lena so viel Zeit wie möglich mit Cay auf dem Schloss. Mit Cays Hilfe findet sie endlich heraus, was ihre Großmutter mit dem merkwürdigen Kräuterbuch bezweckte: Es war ein Hinweis auf ein altes Zauberbuch, in dem auch ein Trank aufgeführt war, der ihr helfen sollte, ihre Trauer um Gromi endlich zu verarbeiten. Lena muss eine seltene Pflanze finden und den Trank zubereiten, wobei Cay ihr hilft. Leider wirkt der Trank nicht. Trotzdem kann Lena ihre Großmutter endlich loslassen.
   Doch es geschehen merkwürdige Dinge auf dem Schloss, insbesondere Cays Diener Wendel ist Lena unheimlich.
   Das Gefühl, beobachtet zu werden, lässt nicht nach. Lenas bester Freund Mike vermutet, dass Cay dahintersteckt, aber Lena will das nicht glauben. Schließlich wird Lena im Wald verfolgt und in den Höhlen hinter dem Schloss angegriffen. Alles scheint darauf abzuzielen, Lena von Cay fernzuhalten und sie aus dem Schloss zu vertreiben. Lena vermutet zunächst, dass ihre Mutter dahintersteckt.
   Als sie und Mike fast von einem Tatzelwurm gefressen werden, gesteht Cay ihr, dass er ein Magier ist und erklärt ihr – nicht alles. Immer noch verheimlicht er vor ihr, warum er sie kennenlernen wollte. Bald darauf erfährt Lena, dass ihre Mutter recht hatte: Cay wird sie verlassen.
   Cay offenbart Lena, dass er verflucht ist und bald wieder auf seinem Schloss gefangen sein wird, ohne Möglichkeit, sie jemals wieder zu sehen. Er bittet sie, mit ihm zu kommen. Doch dafür müsste Lena ihr ganzes bisheriges Leben zurücklassen, könnte nicht Chemie studieren und würde ihre Mutter und Mike niemals wiedersehen.
   Lena erbittet sich Bedenkzeit. Als sie schließlich zum Schloss geht, um mit Cay zu reden, erwischt sie Cay mit ihrer Mutter im Wald. Dabei findet sie heraus, dass ihre Mutter eine wiedergeborene Magierin ist, die Hohengreifenstein schützen soll. Sie hat Cay vor fünfhundert Jahren verflucht, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Der Fluch, den nur Lenas Mutter wieder lösen kann, schneidet Cay von der Welt ab, eingesperrt auf seinem Schloss. Nur alle paar Jahrzehnte kann er das Schloss für einige Wochen verlassen, dann verliebt er sich in das erste Mädchen, dem er begegnet –, eine egoistische Fluchliebe, die eine zusätzliche Strafe für ihn bedeutet. Cay wollte Lena dazu bringen, mit ihm zu gehen und bei ihm zu bleiben, nachdem der Fluch wieder in Kraft getreten war, sodass sie mit ihm auf dem Schloss eingesperrt wäre. Er hoffte, dass ihre Mutter den Fluch lösen würde, um ihre Tochter zu befreien, doch Cay hat nicht damit gerechnet, dass er sich wirklich in Lena verliebt.
   Nun will er verhindern, dass sie mit ihm kommt, denn er glaubt nicht mehr daran, dass ihre Mutter den Fluch lösen wird. Selbst für ihre Tochter würde sie ihre Pflichten nicht so verletzen.
   Lena will Cay die Möglichkeit geben, ihr alles zu erklären. Sie folgt ihm auf das Schloss und erfährt dort, dass Cay einer der drei unsterblichen Magier aus der Legende ist und was er Schreckliches getan hat, um von ihrer Mutter verflucht zu werden.
   Zusammen mit den Magiern Mathäus und Ekarius hat er Menschen die Seele gebrochen und ihnen Seelenenergie gestohlen, um sich selbst unsterblich zu machen. Als Zeichen ihrer Verbindung haben die drei Magier sich eine Narbe in Form einer liegenden Acht in die Haut gebrannt. Lena ist entsetzt, sie kann nicht glauben, dass Cay wirklich so grausam gehandelt hat. Sie flieht. Cay hält sie nicht auf, er hat ihr alles gesagt, um sie zu vertreiben.
   Lena weiht Mike in alles ein: die Magie, wer Cay ist, was er getan hat. Nachdem sich Lena mit ihm beraten hat, ist sie überzeugt, dass Cay zwar die Wahrheit gesagt hat, er aber kein grausamer Magier mehr ist, sondern sich geändert hat. Sie möchte zu ihm zurück und freiwillig mit ihm in den Fluch gehen, um ihre Mutter dazu zu bringen, den Fluch zu lösen. Sollte ihre Mutter es nicht tun, müsste Lena bei Cay auf dem Schloss bleiben, bis sie stirbt, sie müsste alles aufgeben, was ihr etwas bedeutet, auch das Stipendium, das sie gewonnen hat. Cay will sie daran hindern, er bringt sie weit vom Schloss weg, aber Lena schleicht sich zurück.
   Dabei trifft sie auf Wendel. Er setzt den Wald in Brand, nimmt sogar Lenas Tod in Kauf, um sie daran zu hindern, mit Cay zu gehen. Sein Motiv: Eifersucht. Das Schloss ist sein Ein und Alles, er lebt dort schon länger als Cay.
   Immer, wenn der Fluch wieder in Kraft tritt, muss Wendel das Schloss verlassen und in der Außenwelt leben, um für Cay eine Verbindung nach draußen herzustellen.
   Wendel hasst Cay dafür, dass er ihn immer dazu verdammt, jahrzehntelang außerhalb vom Schloss zu leben. Er will, dass Cay seine Verzweiflung und Einsamkeit teilt, und hat deshalb schon seit Jahrhunderten immer wieder verhindert, dass Cay auf dem Schloss Gesellschaft bekommt.
   Lena folgt Cay gegen seinen Willen in den Fluch. Ihre Mutter versucht noch, sie aufzuhalten, ohne Erfolg. Cay kann nicht glauben, dass Lena das für ihn getan hat, gleichzeitig wünscht er sich mit aller Macht, sie hätte es nicht getan. Denn ihre Mutter denkt nicht daran, den Fluch zu lösen. Und es gibt einen weiteren Grund, warum Cay nicht wollte, dass Lena mit ihm kommt.

Verirrt – Seelenmagie 2

Obwohl Lena ihr altes Leben vermisst, bereut sie es nicht, Cay auf das Schloss begleitet zu haben. Sie ist glücklich, so glücklich, wie man eben sein kann, wenn man Freunde und Familie für immer verloren hat. Davon ist Lena überzeugt, denn sie glaubt genauso wenig wie Cay daran, dass ihre Mutter den Fluch jemals lösen wird. Ihre Zeit verbringt Lena mit Pflanzenforschung und dem Testen magischer Tränke aus dem Zauberbuch, in dem auch der Trank gegen Trauer steht, der nicht funktioniert hat. Dabei stößt sie auf In Memoria, eine Kräutermischung, mit der man Erinnerungen anderer Menschen sehen oder sich in seine eigenen Erinnerungen hineinversetzen kann. Lena stellt auch fest, dass so gut wie alle Rezepte aus dem Buch funktionieren, nur die nicht, die mit den Pflanzen aus dem Buch ihrer Großmutter zusammenhängen.
   Währenddessen treibt Cay ein schreckliches Geheimnis dazu, mit allen Mitteln zu versuchen, den Fluch zu lösen: Cay ist nicht unsterblich, er hatte sich mit der Seelenenergie seiner Opfer nur fünfhundert zusätzliche Jahre erkauft. Die sind nun bald um und sollte Cay sterben, solange der Fluch noch aktiv ist, wird er Lena mit sich in den Tod reißen.
   Gern würde er Lena alles anvertrauen, doch ein alter Schwur hindert ihn daran. Sein ehemaliger Komplize, der Furcht einflößende, mächtige Magier Mathäus, würde es sofort erfahren und Lena umbringen, sollte sie doch aus dem Fluch freikommen. Also schweigt Cay, denn er liebt Lena viel zu sehr, um ihr Leben aufs Spiel zu setzen.
   Lena glaubt, dass Cay von seiner Vergangenheit gequält wird und ermutigt ihn, sich ihr anzuvertrauen. Cay antwortet, dass er lieber sterben würde, als Lena irgendeine seiner Erinnerungen zuzumuten.
   Als Lena einen Fehler macht und mit In Memoria aus Versehen Cays Seelenabdruck betrachtet, wird sie in seine Vergangenheit hineinversetzt und erlebt mit, wie seine Familie vor seinen Augen bei lebendigem Leib verbrennt.
   Verstört und voller Schuld, weil sie unerlaubt in seine Erinnerung eingedrungen ist, weiß sie nicht, wie sie es ihm gestehen soll. Als er es herausfindet und sie zur Rede stellen will, bebt plötzlich die Erde, und Lena und Cay werden getrennt.
   Lenas Mutter hat den Fluch gelöst und die Kontrolle über die frei werdende Energie verloren. Cay wird von widerstreitenden Gefühlen überfallen und ohne sein Zutun in eine Erinnerung hineinversetzt. Bevor er in der Vergangenheit versinkt, sieht er noch eine Gestalt, die ihm nach dem Leben zu trachten scheint. Im letzten Moment löst er sich auf und versetzt sich an den einzigen Ort, an dem er sich sicher fühlt: die Burg seines alten Meisters Bartolomeus. Er hatte Cay einst als Lehrling aufgenommen. Um Cay in der Hand zu haben, hatte er ihm furchtbare Schmerzen zugefügt und diesen Moment als Seelenabdruck in eine silberne Münze gebannt.
   Während sich Cay bemüht, sich von seiner Vergangenheit zu lösen, erfährt Lena, dass ihre Mutter den Fluch aufgehoben hat, weil sie glaubte, ihre Tochter befreien und Cay bannen zu können. Sie behauptet, einen Zauber zu besitzen, der durch jeden Schutzzauber hindurch wirkt. Da dies fehlgeschlagen ist, sucht der Kreis der Acht nun nach Cay, allen voran der Archivar, der sich als der Leiter des Kreises herausstellt. Er belegt Lena mit einem Zauber, der ihm verrät, wenn Cay in ihrer Nähe ist, sodass er sofort kommen und Cay bannen kann.
   Lena sucht lange nach Cay, ohne Erfolg. Auch der Kreis muss schließlich einsehen, dass Cay ihnen entkommen ist.
   Cay ist inzwischen wieder bei Bewusstsein. Er fühlt nichts als Schmerz aus seinen Erinnerungen und den verzweifelten Wunsch, weiterzuleben. Nie wieder will er zulassen, dass jemand sein Leben bedroht. Doch dafür müsste er wieder Seelenenergie sammeln. Cay ist sich sicher, dass er Lena nie geliebt hat, sondern dass dafür nur der Fluch verantwortlich war. Er glaubt, dass seine Gefühle für sie verschwinden werden und er dann auch wieder in der Lage sein wird, Seelen zu brechen. Obwohl es ihm das Herz zerreißt, beschließt er, Lena gehen zu lassen. Sie soll nicht auf ihn warten, soll nicht mehr an ihn glauben. Er findet, dass sie etwas Besseres verdient hat als ihn.
   Als er zum Schloss zurückkehrt, um sich von ihr zu trennen, stimmt sie ihm zu, dass er nicht bleiben kann. Sie glaubt, dass er über den Zauber des Kreises Bescheid weiß. Cay verschwindet, in der Absicht, neue Seelenenergie zu sammeln, und Lena schwört, einen Weg zu finden, den Zauber zu lösen, der Cay und sie daran hindert, zusammen zu sein.
   Da nicht abzusehen ist, wie lange das dauern wird, beschließt Lena, in der Zwischenzeit ihr altes Leben wieder aufzunehmen. Sie trifft auf Mike und Luise, versucht, sich mit ihrer Mutter zu versöhnen und fällt aus allen Wolken, als sie erfährt, dass ihr Vater, Oliver, nach Hohengreifenstein gekommen ist.
   Dass ihre Mutter ihn einfach so wieder in ihr Leben gelassen hat und sogar wieder mit ihm zusammen ist, kann Lena nicht verstehen. Sie ist misstrauisch und will sich von Oliver fernhalten, vor allem, als sie erfährt, dass er derjenige ist, der dabei helfen sollte, Cay zu bannen.
   Doch dann wird Wendel tot aufgefunden. Der Leiter des Kreises verdächtigt Cay und bedrängt Lena immer mehr, ihn zu Cay zu führen. Nur Oliver scheint Lena zu glauben, dass sich Cay geändert hat und niemals jemanden töten würde. Nicht einmal Wendel.
   Inzwischen versucht Cay, wieder Seelenenergie zu sammeln, doch er bringt es nicht über sich. Er beschließt, nach einer anderen Möglichkeit zu suchen, wie er sein Leben verlängern kann, und nur im Notfall und erst im letzten Moment auf das Seelenbrechen zurückzugreifen.
   Obwohl Cay Lena gesagt hat, dass sie nicht auf ihn warten soll, weil er nicht an eine gemeinsame Zukunft glaubt, bleibt Lena auf dem Schloss wohnen und setzt die Suche nach den Pflanzen ihrer Großmutter fort. Sie findet heraus, dass der Grabspruch ihrer Gromi eine dritte Zeile hatte, von einem gewissen Leonhard Claudius stammt und eigentlich lautet: Verloren im Licht, geborgen in der Dunkelheit, unendlich verirrt im Augenblick.
   Lena stößt auf zwei Bücher, die jener Leonhard Claudius geschrieben hat, und eines davon ist das Buch, aus dem der Trank gegen Trauer und auch In Memoria stammt. Lena glaubt nicht an einen Zufall, doch bevor sie weitere Nachforschungen anstellen kann, wird sie vom Leiter des Kreises überrascht.
   Ein Junge namens Chris kommt ihr zur Hilfe. Er behauptet, ihr Bruder zu sein, und verlangt von ihr, dass sie ihn zu Cay führt. Lena ist misstrauisch, hält ihn für einen Spitzel des Kreises und lehnt ab.
   Fünf Monate lang hat Cay versucht, einen Weg zu finden, sein Leben zu verlängern, doch er muss einsehen, dass er es nur schaffen kann, indem er wieder Seelen bricht. Er will sich wieder in jenen verzweifelten Zustand versetzen, der ihm schon im Mittelalter geholfen hat, seine Schuldgefühle und sein Mitleid zu verdrängen. Dafür will er mit In Memoria in seine schrecklichsten Erinnerungen eintauchen. Als er ins Schloss zurückkehrt, um In Memoria zu holen, sieht er, dass Lena immer noch dort ist und immer noch auf ihn wartet. Dass sie so unerschütterlich an ihn glaubt, zerstört fast seinen Entschluss. Danach quält er sich umso rücksichtsloser mit Erinnerungen, um alle Gefühle in sich auszulöschen, die ihn daran hindern, sich Seelenenergie zu besorgen.
   Lena hat inzwischen – zu ihrer eigenen Verwunderung – eine freundschaftliche Beziehung zu ihrem Vater Oliver aufgebaut. Obwohl sie ihm immer noch nicht vertraut, bittet sie ihn schließlich um Hilfe und es gelingt ihr mit ihm zusammen, den Zauber zu lösen, der den Kreis zu Cay führen würde, wenn sich Lena ihm nähert.
   Sobald der Zauber gelöst ist, sucht Lena nach Cay und findet ihn in der Nähe der düsteren Burg seines ehemaligen Lehrmeisters. In letzter Minute kann sie ihm helfen, aus einer schrecklichen Erinnerung herauszufinden.
   Lenas Gegenwart und ihr unendliches Vertrauen in ihn bringen ihn dazu, sich endlich einzugestehen, dass er nie wieder Seelen brechen will. Er will nicht mehr der rücksichtslose, grausame Magier sein, der er einst war. Lieber nimmt er in Kauf, dass er bald sterben wird. Lena erzählt ihm, dass ihr Bruder Chris immer wiedergeboren wird und Cay freiwillig seine Seelenenergie geben möchte, damit er dauerhaft stirbt. Warum Cay das wollen sollte, weiß Lena nicht. Doch selbst das lehnt Cay ab. Er möchte nie wieder solche Schuld auf sich laden.
   Cay beschließt, mit Lena zurück nach Hohengreifenstein zu gehen. Dass seine Tage gezählt sind, kann er Lena immer noch nicht sagen, denn sein Erzfeind Mathäus würde sie sofort umbringen. Cay glaubt wie Lena, dass Mathäus auch hinter dem Mord an Wendel steckt, und dass möglicherweise alle Menschen in seinem Umkreis in Gefahr sind. Auch Lena und Mike. Lena beschließt, Mike zu warnen. Da ihre Mutter Mike jede Erinnerung an die Magie genommen hatte, muss Lena ihm erneut alles erzählen.
   Schließlich zieht Mike aus Lenas Erzählung einen schrecklichen Schluss: Cay, Ekarius und Mathäus sind nicht wirklich unsterblich. Lena versucht noch, das zu verarbeiten, als Mike plötzlich erstarrt. Blut läuft ihm aus der Nase und er sinkt zu Boden.
   Entsetzt stellt Lena fest, dass er nicht mehr atmet. In Panik versetzt sie sich, um Hilfe zu holen. Ihre Mutter folgt ihr, doch es ist zu spät. Mikes Seele löst sich bereits auf. Der Schmerz ist für Lena unerträglich, und während sie noch versucht, irgendwie zu verstehen, was geschehen ist, und dass Mike sie für immer verlassen hat, versucht der Archivar, Mikes Tod auf Cay zu schieben. Er schneidet Lena die Pulsadern auf, um sie in Lebensgefahr zu bringen und Cay anzulocken.
   Gemeinsam können sie den Archivar besiegen und seine wahre Identität kommt ans Licht: Der Archivar und Leiter des Kreises ist der grausame Magier Ekarius. Einst hatte Mathäus seine Familie getötet, weil Ekarius verraten hatte, dass seine Unsterblichkeit nicht echt ist, woraufhin Ekarius Rache an Cay und Mathäus schwor.
   Greta bannt Ekarius in seinen Körper und der Kreis schafft ihn fort.
   Lena ist immer noch gelähmt und schockiert. Cay bringt sie zurück zum Schloss und fragt sie, was genau passiert ist. Als sie ihm gesteht, dass sie weiß, dass er nicht unsterblich ist, versteht Cay endlich, was Mathäus wirklich will: Lena. Er hat sie am Leben gelassen, weil er sie für etwas braucht.
   Cay wird klar, dass er sie nicht allein lassen kann. Er muss weiterleben, um sie zu schützen. Er beschließt, sich doch die Seelenenergie von Lenas Bruder zu holen und diesen zu töten.
   Im letzten Moment entscheidet er sich jedoch dagegen. Dass er niemals jemanden getötet hat, ist das Einzige, was ihn immer menschlich gehalten hat. Er muss eine andere Lösung finden, um Lena vor Mathäus zu schützen. Chris drängt Cay ein letztes Mal, dass er ihn töten soll. Dabei erfährt Lena, dass Cay nicht irgendwann sterben wird, sondern bald, in wenigen Wochen schon.
   Verzweifelt versucht sie, nicht daran zu zerbrechen, doch Mikes Tod und seine Beerdigung machen es ihr noch schwerer, irgendwie weiterzumachen. Als Oliver sie tröstet, hat sie einen Zusammenbruch, der sich anfühlt, als würde sie von innen heraus zerrissen.
   Am liebsten würde sie sich verkriechen, einfach aufgeben und wünscht sich sogar, der Fluch wäre nie gelöst worden. Doch dann beschließt sie, stark zu sein und nicht mehr hinzunehmen, was das Schicksal ihr entgegenschleudert. Lena will kämpfen, um Cays Leben, um ihre Liebe und gegen Mikes Mörder Mathäus.

Prolog
Hohengreifenstein, Herbst 2015

Wir erwarten dich.
   Mit gerunzelter Stirn betrachtete Cay die Nachricht auf dem Display seines Handys. Wie merkwürdig, dass sie per neumodischer Technik mit ihm Kontakt aufnahmen. Es schien nicht zu ihnen zu passen. Er verzog spöttisch den Mund. Zu ihm passte es eigentlich auch nicht, trotzdem hatte er sich immer auf dem Laufenden gehalten, sich immer mit den neuesten technischen Errungenschaften vertraut gemacht, um jeden Vorteil zu nutzen, den der Fortschritt ihm bot. Leider würde ihm keine Technik der Welt helfen, Leonora zu schützen. Nicht vor Mathäus und seiner rohen, ursprünglichen, unüberwindlichen Magie.
   Leonora. Schnell hob Cay den Kopf, suchte gewohnheitsmäßig die Umgebung ab, bevor er seinen Blick wieder auf sie richtete. Sie kniete wenige Meter von ihm entfernt im feuchten Gras und wühlte mit den Händen in der dunklen Friedhofserde. Die Herbstsonne kämpfte sich durch den Hochnebel zwischen den Berghängen, der die Grabsteine umfloss, und zauberte einen sanften Schimmer auf Leonoras dunkelblonde Haare. Sein Herz zog sich zusammen. Er wusste, dass sie sich Mike nahe fühlte, wenn sie sein Grab pflegte. Jeden Tag kam sie hierher, jeden einzelnen Tag, in den Wochen seit Mikes Tod. Sie fand immer etwas zu tun, zupfte hier eine welke Blüte ab oder rückte dort ein Blatt gerade. Manchmal hatte er das Gefühl, dass nur die Vorfreude auf ihre Besuche auf dem Friedhof ihr die Kraft gab, weiterzumachen.
   Wie konnte er ihr das nehmen?
   Wir erwarten dich.
   Die Nachricht lauerte am Rande seines Bewusstseins, forderte ihn auf, sofort zu gehen. Aber er wollte Leonora nicht das Einzige entreißen, was ihr Trost spendete.
   Gerade entfernte sie eine tote Blüte, eine der letzten für dieses Jahr. Sie hielt sie zwischen den Fingern wie einen kostbaren Schatz, streichelte die Blütenblätter, flüsterte Worte, die der Herbstwind ungehört ins Tal tief unter ihnen trug. Sie übergab dem Wind auch die Blüte und sah ihr stumm hinterher. Dann schlang sie die Arme um sich, als müsste sie sich festhalten. Cay konnte ihre Tränen nicht sehen, aber er wusste, dass sie weinte. Sofort näherte er sich ihr. Ein Ast knackte unter seinen Schritten, und sie blickte zu ihm auf. Die verzweifelte Einsamkeit in ihren wasserblauen Augen entzog ihm den Boden unter den Füßen. Er wollte zu ihr hinstürzen, doch sie schüttelte heftig den Kopf.
   Bitte nicht.
   Er blieb stehen. Sie erlaubte ihm nie, sie zu trösten. Nicht tagsüber, wenn sie all ihre Sinne beisammenhatte. Nur nachts, wenn ihr leises Weinen ihn aus seinen unruhigen Träumen holte, ließ sie zu, dass er sie in seine Arme zog, sie streichelte und ihre Tränen fortküsste. Es fiel ihm schwer, es jetzt nicht auch zu tun, irgendwie zu versuchen, ihr Schutz zu geben vor den Erinnerungen, auch wenn er wusste, dass er es nicht konnte.
   Die Sonne war verschwunden und Leonora hatte sich wieder dem Grab zugewandt. Sie kniete im Nebel, immer noch stumm und blass, und Cay zog sich in die Schatten zurück, schreckliche Hilflosigkeit im Herzen. Wie sollte er Leonora helfen, gegen diese Trauer anzukommen? Gerade er, der es in fünfhundert Jahren nicht geschafft hatte, seine eigene zu beherrschen?
   Nein. Er durfte ihr die Besuche am Grab nicht nehmen. Er musste ihr eine Schonfrist gewähren. Ein paar Tage nur.
   Er wandte sich ab, um ihr wenigstens ein paar Sekunden Privatsphäre zu lassen und sagte sich, dass es ihr besser gehen würde. Sie war stark, stärker als er. Sie würde es überwinden. Irgendwann würde er sie hierher bringen und sie würde nicht mehr weinen. Wenn er sich dann zu ihr herumdrehte, würde sie aufstehen, sich die Erde von den Knien klopfen und ihn anlächeln. Sie würde auf ihn zukommen und ihn umarmen. Er würde sie nach Hause bringen, auf das Schloss, und mit ihr die Höhlen erkunden. Im See baden. Im Labor forschen. Sie in Magie unterrichten. Sie würden glücklich sein. Endlich, nach fünfhundert langen Jahren. Der Wunsch danach brannte für einen Moment so schmerzhaft in seiner Brust, die Vision von ihrer gemeinsamen Zukunft war so echt, dass er herumfuhr, um sie mit ihr zu teilen.
   Sein Herz setzte einen Schlag aus. Das Grab war verwaist.
   »Leonora?« Cay rannte los, drehte sich nach allen Seiten. Er fluchte. Warum hatte er weggesehen? Und wie zum Teufel sollte er sie in diesem verdammten Nebel finden? Er rannte den schmalen Pfad entlang, der zum Grab ihrer Großmutter führte. Sah eine Silhouette zwischen den Bäumen.
   »Leonora?«
   Er stürzte hin, erstarrte mitten im Schritt, konnte sich nicht mehr bewegen, als wäre er durch einen Zauber gelähmt. Leonora. Sie war es. Sie sank auf die Knie. Der Schutzzauber, der über ihr gelegen hatte, zerbarst wie hauchdünnes Glas. Eine zweite Gestalt löste sich aus dem Nebel, eiskalte Augen starrten Cay an, Finger bohrten sich in Leonoras Arm. Ein Messer blitzte auf. Es ist nicht echt. Cays Herz pochte wild, nahm ihm die Luft zum Atmen. Er ist nicht wirklich hier. Aber warum war dann ihre Angst so real in seinem Herzen? Warum stach ihr schmerzvoller Schrei wie tausend Nadeln auf seiner Haut? Blut tropfte von ihrem Arm in das schwarze Gras zu ihren Füßen. Ihre Augen weiteten sich, sie zerrte an ihrem Arm. Cay spürte, wie sich ihre Seele unter ihrer Todesangst aufbäumte.
   »Nein«, schrie er. Er sammelte Magie und schleuderte sie gegen den Zauber, der ihn gefangen hielt. Vergeblich. »Lass sie in Ruhe!« Wütend warf er sich gegen den Zauber, der ihn fesselte, geblendet von Verzweiflung. Unfähig, auch nur in Leonoras Nähe zu kommen. Ihre Seele brach. Ein scheußlicher Schmerz, der sich in ihrem Aufschrei sammelte und tief in jede Faser von Cays Körper drang.
   Leonora hob den Kopf. Sie rief ihm etwas zu, das er nicht verstand. Sie wollte sich versetzen, sammelte Magie und sandte sie in ihren Körper, um ihn aufzulösen. Mathäus lachte. Eine Wolke aus Magie legte sich um sie und sperrte ihre Moleküle ein. Leonoras Augen weiteten sich vor Entsetzen.
   Cay versuchte noch einmal, sich zu befreien. Ohne Erfolg. Frustriert schrie er auf. »Was willst du von ihr? Gerade von ihr?«
   »Es tut mir leid, dass ich dir das antun muss.« Ein kaltes Lächeln lag über Mathäus’ Worten. »Aber sie ist Margaretas Tochter. So unglaublich stark. So zerstörerisch in ihrer Macht. Ihre Seele wird alles verändern.« Er sah auf Leonora hinunter. Cays Nackenhaare stellten sich auf. Sie war kaum noch bei Bewusstsein, ihr Atem ging unnatürlich flach, und sie hatte aufgehört, sich zu wehren. Panik überschwemmte sein Bewusstsein. Sie wehrte sich nicht mehr.
   Dann versiegte ihr Blut.
   »Leonora«, schrie er. Ein letztes Mal nahm er alle seine Macht und ließ sie in die Magie fahren, die ihn gefangen hielt. Der Zauber zerplatze. Cay wollte sich versetzen, doch Mathäus schleuderte einen neuen Zauber auf ihn, der ihn daran hinderte. Verzweifelt stürzte Cay auf Leonora zu. Er wollte sie Mathäus entreißen, sie heilen. Ihr von seinem Blut geben, wenn nötig.
   Doch Mathäus hatte sie bereits geheilt. Sie hing schlaff in seinen Armen, die Augen halb geschlossen. Aber sie atmete. Weil Mathäus sie lebend brauchte.
   Cay warf sich nach vorn. Nur noch wenige Zentimeter. Er musste sie erreichen.
   Mathäus lachte leise. Das Geräusch verlor sich im Nebel, als sich Leonoras Körper auflöste. Mathäus versetzte sich. Er versetzte sich mit ihr zusammen! Er hatte sie erwischt. Trotz Schutzzauber und obwohl Cay immer bei ihr gewesen war. Cay würde sie verlieren. Das Einzige, was ihm mehr bedeutete als sein eigenes Leben.
   Im letzten Moment griff er nach ihren Armen, um sie festzuhalten, obwohl er wusste, dass es unmöglich war.
   Warme Haut.
   Er spürte warme Haut unter seinen Fingern. Ihre Arme. Seine Finger schlossen sich darum. Sie war nicht verschwunden. Sie war immer noch bei ihm. Cay sank neben Leonora ins Gras. Schwer atmend starrte er auf ihre Arme. Unversehrt. Kein Blut. Keine gebrochene Seele. Kein Mathäus.
   Es war nicht echt. Cay schloss die Augen. Schluckte gegen die Angst an, die ihm das Herz zusammendrückte. Diese jahrhundertealte Angst, die ihm eine schreckliche Vision vorgegaukelt hatte. Er zog Leonora in seine Arme und presste sie an sich.
   Sie vergrub ihr Gesicht an seinem Nacken. Ihr warmer Atem streifte seine Halsschlagader, beruhigte sein Blut und seinen Herzschlag.
   »Er ist nicht hier«, flüsterte sie. »Ich bin in Sicherheit.«
   Zitternd ließ Cay sie los und sah sie an. »Nein«, sagte er rau. »Du bist nicht sicher. Das wirst du nie sein. Nicht hier. Nicht vor ihm.« Nicht, wenn sie innerhalb von wenigen Sekunden verschwinden konnte, ohne dass er es sofort merkte. Nicht zwischen den Bäumen, die Verstecke boten, und in dem verdammten Nebel, der jeden Angreifer zu lange vor ihm verbarg. Er wusste nicht, wo sich Mathäus aufhielt, er wusste nicht, ob er in der Nähe war und er konnte ihn auch nicht aufspüren. Es brachte ihn beinahe um den Verstand, dass er nie wissen konnte, ob Mathäus um Leonora herumschlich.
   Er konnte sie hier nicht schützen. Nicht in Hohengreifenstein, vielleicht nicht mal auf dem Schloss. Cay stand auf. Er hatte ihr mehr Zeit lassen wollen, ein paar Tage wenigstens, um sich von allem zu erholen, aber es war zu gefährlich. Die schreckliche Vision, die er gerade gesehen hatte, konnte jederzeit Realität werden. Cay konnte nicht länger warten.
   »Wir müssen fort.« Er nahm ihren Arm und zog sie auf die Füße.
   »Was?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin noch nicht fertig. Gromis Grab …«
   »Wir müssen weg. Jetzt.«
   »Nein, warte, ich …« Sie bückte sich, um wenigstens ihre Sachen aufzuheben. Er ließ es zu. Sobald sie alles zusammengerafft hatte, zog er sie fort, über den unebenen Pfad auf das Friedhofstor zu.
   »Cay? Meinst du weg aus Hohengreifenstein?« Die Verunsicherung in ihrer Stimme zuckte wie ein Blitz durch seine Erinnerung.
   Der Himmel verdunkelte sich über ihnen. Schwarze Nacht erfasste ihn, Regen peitschte ihm ins Gesicht. Jemand kreischte. Die Stimme einer Frau. Sie schrie gegen den Donner an, der über ihr tobte. Finger gruben sich grob in ihre Haut, zerrten an ihr, egal, wie sehr sie sich wehrte. Egal, wie sehr sie schrie.
   Mit einem weiteren Donner versank die Erinnerung im Nebel.
   Entsetzt starrte Cay auf seine Finger, die Leonoras Handgelenk umfasst hielten. Er ließ sie los, als hätte er sich verbrannt.
   »Cay? Was ist los?«
   »Nichts, nur …« Er atmete tief durch, damit sich sein Herzschlag beruhigte. »Nur eine Erinnerung. Wir müssen fort. Weg aus Hohengreifenstein. Noch heute. Es geht nicht anders.«
   Stumm sah Leonora ihn an. Dann nickte sie langsam. In ihrem Gesicht spiegelte sich Vertrauen, dass er wusste, was er tat. Dieses grenzenlose Vertrauen, das sie in ihn setzte.
   Cay schluckte schwer. Er durfte sie nicht enttäuschen, er musste sie schützen. Um jeden Preis.

Kapitel 1
Boston, Herbst 2015

Dichter Nebel hüllte Lena ein und verschluckte die Geräusche der Großstadt, die sonst von der Dachterrasse, auf der sie sich befand, gut zu hören waren. Nicht einmal die Lichter der Wolkenkratzer am Ufer des Charles River drangen zu ihr durch. Lenas Haare klebten feucht an ihren Wangen, ob vom Schweiß oder von den winzigen Tröpfchen, die sich aus der Luft auf ihr niederließen, konnte sie nicht sagen. Sie atmete tief durch und zog sich erneut Kraft aus der umliegenden Natur. Mit hoher Geschwindigkeit leitete sie sie in den Nebel, der daraufhin auseinander stob. Wie winzige Wattebäuschchen verfing er sich in den Ästen und Blättern der Bäume, die um sie herum in den orangefarbenen Nachthimmel ragten.
   Lena fluchte leise. »Wie viel von dem verdammten Zeug soll ich denn noch wegschaffen?«
   Sie nahm sich erneut Energie, aber diesmal wärmte sie den Nebel damit auf. Langsam verflüchtigte sich ein Teil davon. Noch einmal griff sie nach der Energie.
   Ein rostiges Quietschen ließ sie zusammenfahren. Die Energie entglitt ihr. Das war von unten gekommen. Oder?
   Sie hastete zur Mauer, die die Dachterrasse umgab, und sah nach unten in den Garten. Nichts. Das schmiedeeiserne Tor war fest verschlossen. Zum Glück befand sich der Nebel nur auf dem Dach, wo Cay ihn ihr zum Üben erschaffen hatte. So konnte sie sehen, dass auch die Gartentore der Nachbarn fest verschlossen waren. Was es nicht besser machte, weil es dann keinen vernünftigen Grund für so ein Geräusch gab.
   Er braucht dich für irgendwas.
   Ihr Mund wurde trocken. Schnell schob sie den Gedanken weg. Vielleicht hatte sie es sich nur eingebildet. Sie ging wieder zwischen die kleinen Erker und Türmchen zurück, zwischen denen die Dachterrasse des alten Stadthauses aus dem 19. Jahrhundert lag, und starrte den Nebel böse an. Dann sammelte sie erneut Energie, schubste die winzigen Wassertröpfchen in der Luft gegeneinander und sah zu, wie sie als Regen auf das Dach fielen. Diese Art, den Nebel zu beseitigen, war am einfachsten, aber wenn sie das zu oft machte, hatte sie bald einen Swimmingpool hier oben. Sie war sich nicht sicher, ob das Dach des altehrwürdigen Hauses in Beacon Hill, das Cay für sie gemietet hatte, ein solches Gewicht aushalten würde.
   Wieder das rostige Quietschen. Ein ekelhaftes Geräusch, das in ihren Zähnen wehtat. Sie fuhr herum.
   »Wo bist du?« Lena wedelte den Nebel zur Seite und versuchte, etwas zu erkennen. Es quietschte erneut. Noch rostiger, noch lauter. Direkt über ihrem Kopf.
   Lena erstarrte und sah nach oben. Ihr Herz pochte schmerzhaft in ihrer Brust und ihre Kehle war wie zugeschnürt. »Cay, wo bist du?«, flüsterte sie. Sie wich zurück, bis sie gegen einen der Türme stieß. Ein weiteres Quietschen fuhr ihr durch Mark und Bein. Endlich sah sie, woher es rührte.
   Ein schwarzer Vogel saß auf dem Dach des einen Turmes. Nur ein Tier. Eine Art Krähe vielleicht. Trotzdem fühlte Lena keine Erleichterung. Etwas an dem Vogel war merkwürdig. Er saß so still, als ob er lauschte. Gelegentlich bewegte er den Kopf, ganz langsam, als ob er die Umgebung absuchte. Ihr Atem beschleunigte sich. Was, wenn der Vogel nicht zufällig hier war? Sie musterte das Tier und ihr fiel auf, dass sein Gefieder mitnichten schwarz war. Wenn das Licht der Straßenlaterne darauffiel, schillerte es blau, an einigen Stellen sogar bunt. »Was bist du?«, flüsterte sie. »Und warum machst du so merkwürdige Geräusche?«
   »Leonora?« Sie zuckte zusammen und fuhr herum.
   »Cay, verdammt.« Sie legte sich eine Hand auf die Brust.
   Er kam auf sie zu und lächelte müde. »Die Begrüßung hatte ich mir etwas anders erhofft. Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe.«
   Lena küsste ihn flüchtig auf den Mund und versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie erschöpft er wirkte. Er musste ewig nicht richtig geschlafen haben. Sie deutete auf den Vogel, der immer noch auf dem Dach saß. »Lach nicht, aber ich glaube, er beobachtet mich.«
   Cay legte die Stirn in Falten. »Eine Grackel?«
   Lena lachte nervös. »Heißen die wirklich so?«
   »Allerdings. Und ihr Gesang ist genauso hübsch wie der Name. Erinnert an rostiges Metall.«
   Lena atmete auf. Das Geräusch war also normal, kein Zeichen für Magie. »Okay, dann irre ich mich wohl. Oder glaubst du, es ist möglich, dass er uns beobachtet? Denkst du …« Sie nahm all ihren Mut zusammen. »Denkst du, Mathäus kann sich in einen Vogel verwandeln?«
   Cay versteifte sich. »Wer weiß schon, was er kann. Ich halte es eigentlich für ausgeschlossen. Es würde nicht so natürlich aussehen und man hätte danach große Schwierigkeiten, wieder eine menschliche Gestalt zu erreichen, die genauso aussieht wie vorher. Es würde immer irgendwie künstlich wirken. Zu perfekt. Noch eher könnte ich mir vorstellen, dass man Vögel zur Beobachtung einsetzen kann, auch wenn ich davon noch nie gehört habe.« Er musterte den Vogel misstrauisch, beinahe feindselig. »So oder so, ich habe einen Schutzzauber gewirkt, sodass man uns von draußen nicht sehen kann. Das gilt auch für Tiere.«
   Lena erschauderte. Also beobachtete er sie vielleicht wirklich, oder versuchte es wenigstens, und Cays Zauber hinderte ihn daran. »Vielleicht ist der Vogel ja auch gekommen, um mir zu helfen«, versuchte sie einen Scherz, um die Anspannung zu vertreiben. Lena deutete auf den Nebel. »Ich komme mir schon vor wie Cinderella mit dem ganzen Nebel. Bitte, darf ich zum Ball, wenn ich ihn komplett beseitigt habe?«
   Cay lachte. »Wenn du es schaffst, dir ein Kleid zu zaubern.«
   »Du glaubst wohl nicht, dass ich das hinbekomme?« Sie schloss die Augen, nahm die Energie aus der Umgebung und leitete sie in das schwarze langärmelige Top, das sie trug. Sie dehnte es, ordnete die Moleküle neu an, bis sie glaubte, dass es richtig war. Ein schlichtes schwarzes Kleid mit kurzen Ärmeln, das etwa bis auf die Hälfte der Oberschenkel reichte. Dann öffnete sie die Augen. »Wie sieht es aus?«
   Cay starrte sie ungläubig an. »Als müsste ich irgendwo einen Ball auftreiben.«
   Lena grinste.
   Seine Augen wanderten über ihre Figur und ein Kribbeln erwachte in ihrem Bauch. »Einzigartig«, flüsterte er.
   »Ach, du übertreibst doch. Ich gefalle dir auch in nassen Wollpullis.« Ein Vibrieren ließ Lena zusammenfahren, und während Cay sich noch einmal nach dem Vogel umsah, zog sie ihr Handy aus der Tasche.
   Lenas Lächeln gefror auf ihrem Gesicht. Eine weitere SMS von Oliver. Sicher die fünfzigste in den letzten paar Tagen.
   Wie geht es dir? Mache mir langsam Sorgen. LG Oliver.
   Ihr Magen krampfte sich vor Schuld zusammen, weil sie sich so lange nicht bei ihm gemeldet hatte. Er war für sie da gewesen, hatte ihr zugehört, er hatte ihr alles gegeben, was eine Tochter von ihrem Vater erwarten konnte. Sie wünschte sich, sie könnte ihm vertrauen. Sie sehnte sich danach, einfach alles loszulassen und ihm die Vaterrolle zuzugestehen, die er so gern ausfüllen wollte.
   Lenas Blick zuckte zu Cay. Er schien nichts bemerkt zu haben, sondern suchte die restliche Umgebung ab. Nach weiteren Vögeln?
   Sag niemandem, wo wir sind. Niemandem.
   Das hatte er ihr auf dem Flug hierher eingebläut. Die Erinnerung an Cays eindringlichen Tonfall bereitete ihr eine Gänsehaut. Und die Gewissheit, dass sie das sicher nicht vor Mathäus schützen würde, solange sie keine Ahnung hatten, wo er sich aufhielt.
   War es das, was sie davon abhielt, Oliver wenigstens zu schreiben, dass es ihr gut ging? Dabei hatte Cay ihr gesagt, dass sie ruhig telefonieren oder SMS schreiben konnte. Er hatte einen Störzauber gewirkt, der Gespräche mit dem Handy erlaubte, aber verhinderte, dass man sie über das Handysignal orten konnte. Wie gern hätte sie Olivers Stimme gehört.
   Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen dachte Lena daran, dass Cay immer noch nicht wusste, dass Oliver überhaupt existierte. Immer, wenn sie überlegt hatte, es ihm zu sagen, war irgendetwas dazwischengekommen. Und manchmal hatte sie es sich anders überlegt, weil sie Oliver aus irgendeinem Grund für sich behalten wollte. Sie wollte nicht mit jemand anderem über ihn reden, sondern einfach nur genießen, dass er für sie da war. Sie versuchte, sich dazu zu bringen, es Cay jetzt zu sagen, öffnete schon den Mund, als Cay ihr zuvorkam.
   »Ich glaube, das reicht mit dem Nebel. Du kannst ein anderes Mal üben, eine größere Menge davon zu beseitigen.«
   Mit einem Anflug von Erleichterung ließ Lena das Handy wieder in die Tasche rutschen und nickte. Ihm so zwischen Tür und Angel von Oliver zu erzählen, war sicher nicht richtig. Es musste eben noch etwas warten.
   Cay rollte die Ärmel seines Hemdes hoch und hielt ihr die Handflächen hin. »Ich bin bereit. Verletz mich.«
   Lena verzog den Mund zu einem Lächeln. »Ich wusste gar nicht, dass du darauf stehst.«
   Cays Mundwinkel zuckten. »Je härter, desto besser.«
   Sie grinste, aber als sie seine makellosen Handflächen sah, zitterte ihr Lächeln. Es war nötig, trotzdem hasste sie es mit voller Inbrunst.
   »Keine Sorge, ich halte das schon aus«, flüsterte Cay.
   Sie biss sich auf die Lippen, nahm sich wieder Energie aus der Umgebung und leitete sie auf seine Hände. Zwei tiefe Schnitte öffneten sich auf seinen Handflächen, Blut sprudelte hervor und tropfte zwischen ihnen auf den edlen Holzboden der Dachterrasse. Blut, sein Blut. »Ich hasse das«, flüsterte sie tonlos.
   »Ich weiß. Es tut mir leid«, erwiderte er leise. »Genau die Stelle zu treffen, die du treffen willst und in genau der richtigen Intensität, kann dir das Leben retten.«
   Sie nickte. Es war wichtig, dass sie diese Dinge beherrschte, ebenso, wie sie es hinbekommen musste, solche Verletzungen so schnell wie möglich wieder zu schließen. Trotzdem konnte sie kaum hinsehen. Cays Blut. Ihre Augen wurden feucht. Zu viel Blut. Sie hatte in letzter Zeit einfach zu viel Blut gesehen von Menschen, die sie liebte. Mit bebenden Fingern fuhr sie über die Wunden auf seinen Händen und leitete die Energie hinein, stillte die Blutung und verschloss die Haut.
   Eine Narbe blieb. Wütend starrte Lena sie an. »Warum schaffe ich es nicht?«, flüsterte sie. Sie hatte Cays Anatomiebücher bis zum Erbrechen studiert, damit sie genau wusste, wie sie das Gewebe zusammenfügen musste. Trotzdem gelang es ihr nie, Cays makellose Haut wieder herzustellen. Immer blieb eine dicke, wulstige Narbe.
   Ein Bild zuckte vor ihrem inneren Auge auf. Hässliche rote Narben auf ihren Unterarmen. Hämisches Lachen. Ein heftiger Schlag ins Gesicht. Lena keuchte leise. Ihr Blick fiel unwillkürlich auf ihre Unterarme. Sie waren unversehrt. Cay hatte sie geheilt, hatte die wulstigen Narben, die Ekarius ihr beigebracht hatte, spurlos verschwinden lassen. Sie starrte ihre Haut an, so makellos. Nichts zeugte davon, was sie durchgemacht hatte. Es war fast, als wäre es nicht passiert. Cay hatte nicht nachgedacht, als er es getan hatte, obwohl er gesagt hatte, dass es manchmal besser war, Narben zurückzubehalten. Er war aufgebracht gewesen über Ekarius und gleichzeitig unheimlich froh, dass sie noch lebte. Sie warf es ihm nicht vor, aber ihre Unterarme so zu sehen, war seltsam falsch.
   Mike war tot.
   Abgehackt holte sie Atem. Er war fort, für immer. Mathäus hatte sein Leben einfach ausgelöscht. Und sie hatte nicht mal einen Kratzer zurückbehalten.
   Eine Träne tropfte auf ihren Arm und zeichnete die Spur des Blutes nach. Wann würde es aufhören? Dieses dumpfe, unheilvolle Pochen in ihr, wie von einer infizierten Wunde, die sie nach und nach vergiftete.
   Cay nahm ihre Hand. Seine war wieder makellos, er hatte sie selbst geheilt. Mit dem Daumen streichelte er sanft ihr Handgelenk. »Es tut mir so leid, dass ich dir das antun muss.« Seine Stimme schwankte.
   Sie schüttelte den Kopf. »Du hast recht, ich muss es lernen, es ist zu wichtig.«
   Cay zog sanft an ihrer Hand. Wenn sie es zuließ, würde er sie in den Arm nehmen, sie trösten, unermüdlich, unaufhörlich. Kurz sehnte sie sich danach, aber sie konnte nicht mehr. Die Trauer erschöpfte sie bis auf die Knochen. Sie wollte nicht mehr weinen, nicht mehr schmerzhaft atmen. Sie war es müde, Mike zu vermissen, jeden verdammten Tag. Sie wollte nicht mehr darauf hoffen, dass irgendwann doch noch eine SMS von ihm kam, weil alles nur ein Irrtum gewesen war. Sie wollte sich nicht mehr danach sehnen, doch noch eine Nachricht von ihm auf der Mobilbox ihres Handys zu finden, damit sie noch einmal seine Stimme hören konnte.
   Die dämlichen Dinger, da spreche ich bestimmt nicht drauf.
   Lena lächelte durch die Tränen, als sie ihn in ihrem Kopf reden hörte. Dann kam der Schmerz. Er bohrte sich durch ihr Herz, durch ihren Magen und hinter ihre Stirn. Er brachte die Erinnerung an Mikes freches Grinsen mit sich, an seinen flapsigen Humor. An die vielen Tage im Sommer, die sie mit den Fahrrädern durch die Gegend gestreift waren, bis sie einen versteckten See gefunden hatten, der ihnen Abkühlung bot. Nie mehr. Sie würde nie wieder neben ihm Rad fahren. Der Schmerz schwoll an.
   Lena atmete tief durch, gegen den Schmerz und das Gefühl der Einsamkeit. Mit der Zeit würde es besser werden. Sogar ihre Trauer um Gromi war mit der Zeit erträglicher geworden. Aber in diesem Moment, so wenige Wochen nach Mikes Tod, erschien es unmöglich, dass es jemals aufhörte.
   »Leonora …« Verzweiflung schwang in Cays Stimme mit. Er wollte es ihr so gern leichter machen.
   Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte geschworen, stark zu sein. Sie hatte einen Staudamm in ihrem Inneren errichtet, hinter den sie alle Gefühle schob, die sie zu ersticken drohten. Nur dieser Staudamm half ihr, nicht durchzudrehen.
   »Nein. Nicht. Bitte. Ich will weitermachen. Irgendwas anderes.«
   Cays Finger schlossen sich fester um ihre. »Leonora, sei vernünftig. Du zitterst schon.«
   »Das ist nur der verdammte Nebel, und dieses dämliche Kleid hat keine Ärmel.« Sie schniefte.
   Cay betrachtete sie einen Moment, dann seufzte er, zog seinen Mantel aus und legte ihn ihr um die Schultern. »Also gut. Dann …«
   »Das Versetzen«, sagte sie fest.
   »Du machst es dir aber wirklich nicht leicht.«
   »Es ist zu wichtig.«
   Cay schwieg, dann ließ er sie los und sie spürte, wie sich Energie um sie herum sammelte. Sie versuchte, ihre Moleküle aufzulösen, doch die Energie, die Cay von außen gegen ihren Körper presste, hinderte sie daran. Mit aller Macht kämpfte sie dagegen, leitete immer noch mehr Energie hinein, bis der Panzer um sie herum zerplatzte, ihr Körper sich auflöste und ein paar Zentimeter weiter rechts wieder auftauchte.
   Wütend starrte sie Cay an. »Du hast es nicht richtig gemacht.«
   »Du bist vollkommen erschöpft.«
   »Wie soll ich es je lernen, wenn du es nicht richtig machst? Was, wenn er auftaucht und …«
   »Schon gut, in Ordnung. Ganz ruhig.« Seine dunkle Stimme streichelte ihre Sinne und beruhigte ihre Angst. Sie schloss die Augen und wartete, bis sich die Energie wieder um sie legte.
   Diesmal spürte sie schon daran, dass sie kaum atmen konnte, dass er sich nicht zurückhielt. Sie sammelte Energie und warf sie gegen Cays Zauber, ohne Erfolg. Immer wieder versuchte sie es. Es musste klappen. Sie durfte nicht aufgeben. Verzweifelt packte sie mehr und mehr Energie, bis ihre Knie beinahe unter ihr nachgaben.
   Mit einem Schlag ließ der Druck nach und Cay fing sie auf. Er drückte sie an sich. »Das reicht«, flüsterte er an ihrem Scheitel.
   »Ich kann es nicht, verdammt. Warum schaffe ich es einfach nicht?«
   »Meine Macht ist größer als deine, es ist kein fairer Kampf.«
   »Und er ist noch mächtiger als du.« Ihre Stimme brach. Es war so aussichtslos.
   »Sei nicht traurig, du schlägst dich gut.« Sie hörte Ehrfurcht aus seiner Stimme. Offensichtlich meinte er es ernst. Aber was, wenn das nicht reichte? Cay zog sie an sich und führte sie zur Treppe. »Du kannst dich ja kaum noch auf den Beinen halten.«
   »Mir geht’s gut, ich bin nicht erschöpft.«
   »Du brauchst erst mal ein heißes Bad.«
   Widerstandslos ließ sich Lena von ihm ins Badezimmer bringen, wo er in die edle, frei stehende Badewanne Wasser einließ und ihr vorsichtig hineinhalf. Mit geschlossenen Augen sank sie in die dampfende Hitze und stöhnte wohlig.
   »Keine Versuche, mich mit ins Wasser zu kriegen?« Liebevoller Spott schwang in seiner Stimme mit. »So viel dazu, dass du nicht erschöpft bist.«
   Sie verzog den Mund zu einem Lächeln, mehr brachte sie nicht fertig.
   »Schlaf nicht ein, das ist gefährlich«, flüsterte Cay und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

Als sie eine Stunde später etwas ausgeruhter aus dem Badezimmer kam, fand sie Cay auf dem Bett vor. Er war nackt, offensichtlich hatte ihn die Müdigkeit übermannt, während er sich umziehen wollte. Ihr Herz machte einen Satz, als sie ihn so friedlich daliegen sah. Doch das täuschte. Sein Schlaf war oberflächlich und unruhig, das winzigste Geräusch ließ ihn aufschrecken.
   Sie wünschte sich so sehr, sie könnte in seinen Armen schlafen, tief und traumlos. Sie hätte so gern dasselbe für ihn getan, aber wenn sie in seinen Armen lag, schienen ihre Träume und Erinnerungen in seine zu fließen und sich darin hundertfach zu vervielfältigen. Sie erschienen düsterer und dunkler, unerträglicher durch die Wärme seiner Haut an ihrer. Verzweifelter durch seinen Herzschlag an ihrem Rücken. Erstickend durch die wenigen Wochen, die ihnen noch blieben. Seine Nähe zeigte ihr zu deutlich, was sie bald verlieren würde.
   Unwillkürlich schaute sie sich seine Seele an. Oder versuchte es zumindest, um zu erkennen, wie viel Zeit ihm noch blieb. Sie konnte es nicht mehr. Eine Weile lang hatte sie es ständig getan, es war zu einem Zwang geworden, der sie quälte und immer wieder schockierte. Die Narben auf seiner geschundenen Seele. Die wenigen leuchtenden Partikel, die noch übrig waren. Zu wenige.
   Irgendwann hatte Cay seine Seele mit einem Zauber vor ihr versteckt, so wie er es bei allen anderen tat, damit sie nicht sofort erkannten, dass er nicht unsterblich war. Selbst wenn er das nicht getan hätte, sie hätte nicht sehen können, wie viele Wochen er noch hatte. Er wusste es nicht mal selbst.
   Lena versuchte, die Vorstellung wegzuschieben, dass er bald nicht mehr an ihrer Seite sein würde. Dass sie nicht mehr in der Lage sein würde, sich in den Tiefen seiner Augen zu verlieren oder seine wunderbare Haut zu streicheln.
   Sie konnte nicht in Trauer und Panik versinken. Sie musste etwas tun, für Cay. Damit sie ihn nicht auch noch verlor. Schnell warf sie sich das schwarze Kleid wieder über, es hing neben dem Bett über einem Stuhl, Cay musste es getrocknet haben, wandte sich ab und ging nach unten ins Wohnzimmer. Sie schnappte sich ihren Laptop und setzte sich in einen der wunderbar weichen Ohrensessel, von denen aus man bei Tag einen herrlichen Ausblick auf den Charles River hatte. Jetzt war es allerdings dunkel und sie hatte ohnehin anderes im Kopf.
   Sie zog sich eine Decke über die Beine und begann, wild im Internet herumzusuchen. Jeden Tag tat sie das, bis ihre Augen brannten und ihr Kopf schmerzte. Bis sie schließlich aufgab, weil es hoffnungslos war. Sie wusste ja nicht einmal, wonach sie suchte. Das Wissen, dass Cay Jahrhunderte lang keinen Weg gefunden hatte, an neue Seelenenergie zu kommen, drückte sie nieder. Die Angst, zu versagen, nahm ihr den Atem. Sie konnte nur hoffen, dass Cay etwas wusste. Dass er sie deswegen ausgerechnet hierher gebracht hatte, nach Boston, weil er glaubte, hier eine Antwort zu finden, und dass er es ihr nicht sagen wollte, bevor er sich sicher war, dass es funktionierte.
   Normalerweise hätte sie sich gefreut. Eine Reise in die USA war die Erfüllung eines lang gehegten Traums. Aber nicht jetzt, wenn ihr nur noch so wenige Wochen blieben, ihn zu retten, und sie noch keinerlei Ahnung hatte, wie sie das anstellen sollte. Wenn er wirklich deshalb hierhergekommen war, warum hatte er noch kein Sterbenswörtchen darüber verloren? Warum ließ er sie so vollkommen im Dunkeln? Und was zum Teufel sollte gerade hier in Boston dabei helfen, ihm neue Seelenenergie zu beschaffen?
   Entschlossen wandte Lena sich wieder ihrem Laptop zu. Boston war eine Universitätsstadt. Sicher gab es hier Bibliotheken mit alten Büchern. Sie hackte auf die Tastatur ein, durchsuchte die Online-Kataloge der ansässigen Bibliotheken, ohne jedoch etwas Interessantes zu finden.
   Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu Gromis altem Büchlein, das auf einem Tischchen in der Nähe des Fensters lag. Sehnsucht schnürte ihr die Kehle zu. Wie gern hätte sie sich darin verloren. Hätte darin herumgeblättert und im Internet weiter nach Informationen zu den Pflanzen gesucht. Aber wie konnte sie auch nur eine Minute damit verschwenden, alte Tränke herstellen zu wollen, die nicht funktionierten? Es war nutzlos, sinnlos und sie steckte sowieso in einer Sackgasse. Sie wusste nicht, wo sie nach den weiteren Pflanzen suchen sollte und mit den Büchern von Leonhard Claudius kam sie auch nicht weiter. Sie wandte sich wieder dem Display zu.
   Es würde dich trösten. Eine Stimme umgarnte sie, eine leise, angenehme Stimme. Du könntest endlich mit In Memoria die Erinnerung ansehen, die darin verborgen ist.
   Lena schüttelte den Kopf. Die Erinnerung aus Gromis Büchlein war zu kostbar. Sie zum ersten Mal zu sehen war ein Geschenk, das sie wie einen Schatz hütete. Eine Erinnerung, die nur für sie gedacht war, weil Gromi auch das Kräuterprojekt nur für sie angelegt hatte.
   Sie wollte sie nicht anschauen, sondern lieber noch aufheben. Wenn da nur dieser Schmerz nicht wäre. Die Einsamkeit. Die unglaubliche Sehnsucht nach Trost. Lena schloss die Augen. Es war so verlockend, sich die Erinnerung anzusehen. Gromis Stimme würde sich über die infizierte Wunde in ihrem Inneren legen wie heilender Balsam. Sie würde Gromis liebevolles Lächeln sehen. Vielleicht sogar den Lavendel riechen.
   Einer jener trockenen Schluchzer, die in ihrer Brust so schrecklich wehtaten und in ihrer Seele schmerzten, überkam sie. Ein Vorbote. Noch mehr würden kommen, wenn sie die Erinnerung sah. Sie würde ihr das letzte bisschen Stärke rauben, das sie noch hatte. Sie würde einfach auseinanderbrechen. Es war dumm, denn die Erinnerung konnte irgendeine wichtige Information über die Kräuter enthalten. Aber das war sowieso nicht wichtig. Es spielte keine Rolle, ob sie es schaffte, alle Pflanzen zu finden und die Tränke zu mischen, die sowieso nicht funktionierten. Wichtig war nur, Cay zu retten. Dafür brauchte sie jedes bisschen Kraft, das in ihr steckte. Und die Erinnerung würde vielleicht den Staudamm in ihrem Inneren brechen und sie in ein Häufchen Elend verwandeln.
   Lena schloss die Augen. Gromi. Wenn sie schon Mikes Stimme nicht mehr hören konnte, dann vielleicht ihre. Warum sollte sie sich das verbieten? Dann würde es eben den Damm einreißen. Sie war allein. Cay schlief. Und vielleicht, nur vielleicht würde das Buch sie sogar trösten. Es war für sie. Ganz für sie allein. Ein letzter Moment mit Gromi. Vielleicht würden Freude und Trost überwiegen.
   Langsam stand sie auf und bewegte sich auf wackligen Beinen hinüber zu dem Schreibtisch, auf dem sie ihre Sachen verteilt hatte. Ein kleiner Vorrat von In Memoria, ihrer Kräutermischung, mit der sie die Erinnerungen in Gegenständen sehen konnte, lag zwischen Büchern und Papieren.
   Lena zog es aus dem Stapel, holte das Büchlein vom Tisch neben dem Sessel und schlug es auf. Zärtlich streichelte sie die Seiten. Die Sehnsucht nach Gromi wurde noch größer. Die schmerzhafte Hoffnung auf ein bisschen Erleichterung trieb sie schließlich dazu, sich etwas von In Memoria in den Mund zu schieben. Sie atmete tief durch, nahm das Büchlein wieder in die Hand und schaffte es gerade noch in den Sessel, bevor die Welt um sie herum schwarz wurde.

Kapitel 2
Wien, 1995

Philomena läutete Sturm. Ihr Finger zitterte auf dem Klingelknopf. Ihr ganzer Körper bebte im Nachhall der unvernünftig hohen Geschwindigkeit, zu der sie ihren klapprigen Golf auf der Autobahn gezwungen hatte. »Mach schon auf«, brummte sie ungehalten.
   Die lange Fahrt von Hohengreifenstein hierher hatte ihre Geduld restlos erschöpft. Sie musste sofort mit Greta sprechen. Zuerst hatte sie anrufen wollen und den Hörer schon in der Hand gehabt, aber was sie herausgefunden hatte, erzählte man nicht einfach so am Telefon.
   Noch einmal drückte sie lang und fest auf den Klingelknopf. Der schrille Ton überdeckte beinahe die Schritte, die sich von innen der Tür näherten.
   »Na endlich«, murmelte sie. Sie ließ die Hand sinken, mit der sie geklingelt hatte, und presste die andere etwas fester an ihre Brust. Darin hielt sie das kleine Buch, das seit einiger Zeit ihr treuer Begleiter war. Der lederne Einband war warm und feucht von ihren Fingern.
   Etwas klickte, die Tür öffnete sich einen Spalt.
   »Greta, endlich!« Erleichtert machte Philomena einen Schritt auf die Tür zu. »Es tut mir leid, dass ich so früh störe, aber ich weiß, wie du ihn besiegen kannst.« Unwillkürlich senkte sie den Blick auf das Büchlein und lächelte. So lange hatte sie gesucht, so unendlich lange, dass sie fast daran verzweifelt war. Aber jetzt hatte sie möglicherweise eine Lösung gefunden.
   »Wie bitte?«
   Philomena fuhr zusammen und blickte auf. Vor ihr stand nicht Greta. Es war ein junger Mann in Gretas Alter, vielleicht Mitte zwanzig. Seine blonden Haare waren durcheinandergeraten und seine wasserblauen Augen blickten unter schweren Lidern hervor auf sie herunter. Sein Körper bestach durch nicht vorhandene Kleidung. Hastig wandte sie das Gesicht ab.
   »Oh, ich … Entschuldigung, ich wusste nicht … Das ist doch Gretas Wohnung?« Ihr Blick zuckte zu der Nummer an der Tür. Es stimmte. Philomena stieg Hitze in die Wangen. Albern. Sie war eine erwachsene Frau und kein dummes, junges Ding. Trotzdem war es ihr unangenehm, ihre Tochter in so einem Moment zu überfallen. Sicher würde Greta das nicht besonders schätzen. Sie seufzte, setzte ein Lächeln auf und gab sich Mühe, den recht unbekleideten Zustand des jungen Mannes zu ignorieren. Ging er immer so an die Tür?
   »Ich bin Philomena Weber.«
   »Aha«, sagte der junge Mann, während er sich über die Augen rieb.
   »Gretas Mutter?« Hatte er etwa noch nie von ihr gehört? Du liebe Güte. Hatte er ihre Tochter vielleicht letzte Nacht erst kennengelernt? Ärger rieselte durch ihren Körper, aber sie ließ es sich nicht anmerken. Was ihre Tochter tat oder nicht, ging sie nichts an und sie war auch nicht hergekommen, um sie zu kontrollieren oder ihr Vorhaltungen zu machen. Das hatte sie lange hinter sich, und Greta tat sowieso, was sie wollte. Noch einmal musterte sie den jungen Mann. Groß, gut gebaut und sympathisch. Sein Versäumnis, sich ihr vorzustellen, konnte sie ihm um diese Uhrzeit kaum vorwerfen. »Und Sie sind?«
   »Mama?« Gretas entsetztes, vom Schlaf heiseres Aufkeuchen verstärkte Philomenas schlechtes Gewissen. Sie hätte nicht einfach herkommen sollen, aber es konnte wirklich nicht warten. Keine Sekunde länger. Na gut. Eine Sekunde vielleicht. Auch wenn sie deswegen nicht hergekommen war, wollte sie gern den Namen des Kerls wissen, der offensichtlich die Nacht im Bett ihrer einzigen Tochter verbracht hatte. Sie gab die Hoffnung nicht auf, dass Greta irgendwann jemanden mit nach Hause bringen und ihr vorstellen würde. Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
   Er räusperte sich. »Oliver. Ich bin Oliver.« Er wirkte immer noch verschlafen, aber auch wachsam.
   Philomena seufzte. Wahrscheinlich machte er sich Sorgen, in eine unangenehm verbindliche Situation gedrängt zu werden, die er nach einer einzigen leidenschaftlichen Nacht sicher noch nicht im Sinn hatte.
   Greta schob sich an ihm vorbei nach vorn und versperrte Philomena den Weg in die Wohnung. Ihre langen roten Haare fielen unordentlich über ihre Schultern und sie trug einen viel zu großen Bademantel. »Was willst du hier?«
   Philomena ignorierte den unfreundlichen Tonfall. Ihr Lächeln flackerte nicht. »Ich muss dir etwas sagen.« Sie klopfte bedeutungsvoll auf das Buch in ihren Fingern. Olivers Blick fiel darauf. Greta presste die Lippen zusammen.
   »Ich will es nicht hören. Du hättest dir die lange Fahrt sparen können. Und jetzt …« Sie verstummte, als Oliver ihr eine Hand auf die Schulter legte.
   »Jetzt sollten wir deiner Mutter vielleicht einen Tee anbieten«, sagte er sanft. Er lächelte entschuldigend.
   Aus irgendeinem Grund fachte das Philomenas Ärger an. Was erlaubte er sich eigentlich? Wer war er, dass er es sich herausnahm, sich für das Verhalten ihrer Tochter zu schämen? Sofort schimpfte sie sich eine irrationale alte Kuh. Er wollte nur freundlich sein und wunderte sich wahrscheinlich, dass ihre Tochter so unfreundlich war. Er konnte ja nicht wissen, dass Philomena daran gewöhnt war, von ihrer Tochter so abweisend behandelt zu werden. Sie hob das Kinn. »Das ist sehr nett, aber ich möchte keinen Tee, sondern mit meiner Tochter sprechen. Allein.« Und zwar sofort. Es klang kühler als beabsichtigt, doch Oliver zeigte sich unbeeindruckt. Er lächelte und wollte gehen, aber Greta hielt ihn am Arm fest.
   »Oliver weiß alles«, sagte sie, ohne mit der Wimper zu zucken. »Was immer es ist, kannst du auch vor ihm sagen.« Es klang wie eine Herausforderung.
   Philomena bemühte sich wirklich, sie nicht anzunehmen. Erfolglos. »Er weiß alles? Verdammt, Greta!«
   »Er ist ein Magier.«
   Philomena starrte sie ungläubig an. »Wie ist das möglich?«
   Greta verzog den Mund. »Er hat es geübt, genau wie ich.«
   »Du weißt genau, dass ich das nicht meine. Und du weißt auch, dass ich das nicht vor ihm besprechen kann.«
   Greta starrte sie an. »Du kannst es mir vor ihm sagen, oder du sagst es gar nicht. Wir haben keine Geheimnisse voreinander.«
   Sie waren wohl doch länger zusammen, als sie geglaubt hatte. Und Greta hatte ihr nie von ihm erzählt. Sie bemühte sich, nicht zu zeigen, wie sehr sie das verletzte. Immerhin war sie nicht unschuldig daran, dass sich ihre Tochter so von ihr zurückzog.
   »Also?«
   Philomena wurde klar, dass Greta nicht nachgeben würde. Aber das, was sie herausgefunden hatte, war zu gefährlich, um es irgendeinem dahergelaufenen Kerl anzuvertrauen. Es war für Greta bestimmt. Ausschließlich für sie. Niemand sollte es ihr wegnehmen. Niemand außer Greta durfte davon erfahren. Wenn sie sich nicht darauf verlassen konnte, dass Greta es für sich behielt, konnte sie ihr nicht davon erzählen. Trotzdem zögerte Philomena, einfach wieder zu gehen. Es war ihre einzige Chance, endlich wiedergutzumachen, was sie Greta in ihrer Kindheit angetan hatte. Der Schlüssel zu allem, was ihre Tochter schon seit so vielen Jahrhunderten verzweifelt zu erreichen versuchte.
   Noch einmal sah sie Greta flehend an. »Bitte, es ist für dich, es wird dir helfen, im Kampf gegen …«
   Gretas Blick wurde hart. »Du weißt genau, dass ich damit nichts zu tun haben will«, zischte sie. »Nie wieder.« Sie zitterte am ganzen Körper. Die Angst in ihren Augen brach Philomena beinahe das Herz. Es war die Angst, dass es nie ein Ende haben würde, egal, wie sehr sie sich dagegen sträubte.
   »Du kannst nicht davor davonlaufen, Greta«, flüsterte sie. »Deine einzige Chance ist, dagegen zu kämpfen.«
   Einen Augenblick erwiderte Greta stumm ihren Blick. Hilflos und mit großen Augen. Wie das kleine Mädchen, das sie einst gewesen war und dessen verzweifelte Schreie Philomena immer noch jede Nacht in ihren Träumen verfolgten.
   »Was weißt du schon?«, knurrte Greta schließlich. »Gar nichts. Du weißt nichts. Du kannst mir nicht helfen. Das konntest du noch nie. Niemand kann das. Und jetzt verschwinde.« Sie knallte die Tür zu.
   Zitternd starrte Philomena auf das dunkle Holz. Sie hörte von drinnen ein beruhigendes Raunen und ein leises Schluchzen. Du kannst mir nicht helfen. Das konntest du noch nie. Eine Träne lief über ihre Wange, während sie das Büchlein fester packte. Nein. Vielleicht konnte sie das wirklich nicht, aber sie würde lieber bei dem Versuch sterben, als Greta noch einmal im Stich zu lassen.

Kapitel 3

Lena krampfte die Finger um das Lederbuch. Während sie langsam wieder zu sich kam, versuchte sie, die Enttäuschung zu bekämpfen, die in ihr aufwallte. Das Buch war niemals für sie bestimmt gewesen. Gromi hatte es für ihre Mutter vorgesehen gehabt, aber die hatte es nicht gewollt, sie hatte es verabscheut und nichts davon wissen wollen, also hatte Gromi keine andere Möglichkeit gehabt, als es Lena anzuvertrauen. Warum tat das so weh? Lena fuhr sich über die Augen, legte sich das Büchlein auf die Knie und spuckte die Reste von In Memoria in ein Taschentuch, das sie sorgfältig verschloss und so leise wie möglich in den Mülleimer warf. Sie versuchte, ihre verletzten Gefühle beiseitezuschieben. Die halfen ihr nicht weiter. Sie sollte sich auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Auf die wenigen Informationen, die sie aus der Szene mitgenommen hatte, und die nicht nur ihrer Mutter helfen konnten, sondern auch ihr.
   Gromi hatte geglaubt, dass Greta mit den Pflanzen kämpfen konnte. Es wird dir helfen, sie endlich zu besiegen. Es musste sich um eine Art Waffe handeln, vielleicht einen Trank, der einem gewaltige Macht verlieh, den Gegner bewegungsunfähig machte oder sonst wie außer Gefecht setzte. Und es gab keinen Zweifel, wen sie damit besiegen sollte. Die drei Magier aus dem Märchen, das Gromi ihr immer erzählt hatte: Mathäus, Ekarius und – Cay.
   Niemals wäre sie auf die Idee gekommen, dass es bei Gromis Kräuterprojekt um eine Waffe ging. Die Pflanzen, diese wunderbaren, tröstlichen Gewächse, sie sollten helfen, Mathäus zu besiegen?
   Wie konnte sie diese Waffe herstellen? Aus acht Tränken, die sie aus seltenen Pflanzen brauen musste und die allein keinerlei Wirkung hatten?
   »Vielleicht muss man sie zusammenmischen«, überlegte sie flüsternd vor sich hin.
   Klar, meldete sich Mikes Stimme in ihrem Kopf. Das tat er oft. Mischte sich in ihre Grübeleien, so wie er es getan hatte, seit sie sich im Kindergarten zum ersten Mal geprügelt hatten. Als könnte er diese Welt ebenso wenig verlassen, wie sie ihn gehen lassen wollte. Vielleicht kommt dabei ja eine magische Säure raus.
   Lena lächelte gegen den Kloß in ihrem Hals an. Und dann? Soll ich ihn vielleicht damit besprenkeln wie einen Vampir mit Weihwasser?
   Sie hörte ihn lachen. Es war so echt, als würde er neben ihr stehen. Mathäus wäre sicher unheimlich beeindruckt, wenn du ihn mit einem Haufen Pflanzensäfte übergießt.
   Sie schnaubte, trotz der Tränen, die ihr über die Wangen liefen. »Wohl kaum. Vielleicht muss ich das Zeug trinken und es macht mich unbesiegbar?«
   Das wärs! Probier das unbedingt aus. Und wenn es klappt, nähst du dir aus dem Poster mit dem Periodensystem einen Umhang. Dann bist du Chemistry Girl.
   »Chemistry Girl. So ein Blödsinn. Das kann auch nur dir einfallen.« Aber in ihrem Kopf stellte sie es sich unweigerlich vor. Lena wartete auf eine Antwort, bis ihr auffiel, wie dämlich das war. Es war nicht Mike, der mit ihr sprach, denn er war tot und seine Seele für immer aufgelöst. Sie würde nie wieder mit ihm sprechen. Es waren nur Selbstgespräche, die sie führte.
   Wütend auf sich selbst beschloss sie, sich die Erinnerung noch einmal anzusehen. Und noch mal. Nach dem zehnten Mal gab sie auf. Keine weiteren Hinweise. Oder sie scheiterte mal wieder an ihrer mangelnden Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen und subtile Andeutungen wahrzunehmen.
   Am liebsten hätte sie das Büchlein frustriert in die Ecke gefeuert, aber das würde ihr nicht helfen und Cay wecken. Es war besser, sich anders abzureagieren. Frische Luft. Wenn man in der Innenstadt von Boston von frischer Luft reden konnte. Lena legte das Büchlein auf einen kleinen Glastisch neben dem Sessel und schlich zur Garderobe. Leise zog sie ihre kniehohen Stiefel an, nahm ihre Jacke vom Haken und ging zur Tür. Die Tür war der schwierigste Teil. Sie zu öffnen war unproblematisch, aber sie zu schließen, ohne dass Cay erwachte, war eine Herausforderung. Lena ließ sich Zeit und atmete erleichtert auf, als sich die Tür gnädigerweise ohne irgendein Geräusch schloss.
   Siegessicher raste Lena die Treppe hinunter und zum Gartentor. Sie öffnete es ebenso leise wie die Haustür, trat hindurch und wollte es schließen. Es bewegte sich keinen Millimeter. Mit trockenem Mund sah sie auf.
   Cay stand auf dem Weg und hielt das Tor mit einer Hand auf. Ohne eine Faser Kleidung am Leib. »Kannst du mir erklären, was das werden soll?«, fragte er grimmig.
   »Äh«, machte sie und blinzelte ihn an. Ihr Blick sank an ihm entlang nach unten. »Das frage ich mich auch gerade.«
   »Lenk nicht ab. Wo wolltest du hin?«
   Wolltest. In der Vergangenheit, als wäre das Vorhaben gestorben, jetzt, da er sie erwischt hatte. Sie unterdrückte den Ärger, der sich in ihrem Magen zusammenballte. Er machte sich eben Sorgen. Und so wie es aussah, wohl leider zu Recht. Aber sie konnte doch nicht die ganze Zeit im Haus bleiben. »Nach draußen. Frische, na ja, kalte Luft schnappen.« Sie rang sich ein Lächeln ab.
   »Allein?«
   »Ähm … ja?«
   Er ließ den Arm sinken und kam auf sie zu.
   »Cay! Was, wenn dich jemand sieht?«
   Er beachtete es nicht. »Mal abgesehen davon, dass wir uns in einer nicht ungefährlichen Großstadt befinden …«
   »Ich kann mich versetzen, wenn jemand mir zu nahe kommt.«
   Cay biss die Zähne zusammen, seine Augen blitzten zornig. »Du weißt genau, dass du Mathäus niemals auf diese Art entkommen könntest.«
   »Also schützt es mich auch nicht, dass wir hierhergekommen sind?«
   Er lachte bitter. »Wohl kaum.«
   »Warum hast du mich dann hergebracht?«, fragte sie, bevor ihr bewusst wurde, dass Cay immer noch nackt vor ihr stand. Mitten auf dem Gehweg. Erschrocken sah sie sich um. Waren das Schritte, die durch die Nacht zu ihnen herüberhallten? »Kannst du dir nicht was anziehen? Irgendwie kann ich so nicht mit dir reden.«
   Obwohl in seinen Augen immer noch der altbekannte mörderische Ausdruck stand, umspielte ein anzügliches Grinsen seine Lippen. »Ach nein? Das ist ja gut zu wissen.«
   Ihre Wangen wurden heiß. »So habe ich das nicht gemeint.« Na gut. Eigentlich schon. Aber das würde sie ihm nicht auf die Nase binden. »Also, ich gehe mal. Spazieren«, sagte sie, wie als Aufforderung für ihn, dass er sich davonmachen sollte.
   Cay bewegte sich nicht vom Fleck. »Ich komme mit.«
   Sie starrte ihn an. »So, wie du bist?«
   Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu, bis sie den Kopf heben musste, um ihn anzusehen. »Ich habe keine Wahl oder bleibst du, wenn ich dir sage, dass du bleiben sollst?«
   »Ich habe geschworen, nie wieder zu machen, was du sagst.« Sie versuchte, seinen wunderbaren Geruch nicht einzuatmen. Zu spät. Wald und Pergament hüllten sie ein und lähmten sie wie der Duft einer fleischfressenden Pflanze ihr ahnungsloses Opfer. »Weil das letztes Mal ziemlich üble Folgen hatte«, keuchte sie.
   Er beugte sich zu ihr hinunter und hauchte einen Kuss hinter ihr Ohr. Sie schloss die Augen. »Dann muss ich mir eben eine andere Art überlegen, dich am Gehen zu hindern«, flüsterte er heiser.
   »Das ist unfair.«
   Seine Lippen streiften ihre Wange, ihren Mundwinkel, und bevor er ihren Mund erreicht hatte, legte sie ihm die Arme um den Hals und kam ihm entgegen. Sie ließ sich in seinen zärtlich wilden Kuss fallen, wie sie es immer tat. Vergaß den Gehweg, vergaß, dass sie hatte spazieren gehen wollen.
   Nur er zählte noch.
   Klappern auf Stein schreckte sie auf. »Cay, du …« Sie stöhnte auf, als er sie gegen die Gartenmauer drückte. Efeu kitzelte auf ihren Wangen und mischte sich mit Cays sanften Küssen auf ihrem Hals und ihrem Schlüsselbein zu einem erregenden Kribbeln in ihrem Unterleib. Wie von selbst wanderten ihre Hände seine Arme hinauf, liebkosten die nackte Haut, die sich straff über seine Muskeln spannte. Nackte Muskeln.
   »Du bist … nackt«, flüsterte sie abgehackt. »Mitten in der Stadt.«
   Als Antwort schob er den Träger ihres Kleids nach unten und küsste ihre Schulter, dann den Ansatz ihrer Brust. Es schien ihn nicht zu stören, dass das Klappern von Schuhen auf dem Kopfsteinpflaster immer näher kam.
   »Wir sollten …« Sie sog scharf die Luft ein, als er durch den Stoff des Kleides ihre Brustwarze reizte. »O Gott, Cay. Was tust du nur? Was, wenn uns jemand sieht?«
   Cay drängte sie noch fester gegen die Wand und küsste sie. »Vielleicht solltest du den Zauber benutzen, den ich dir gezeigt habe«, murmelte er an ihren Lippen.
   Lena versuchte, sich daran zu erinnern, was das für einer gewesen war, doch sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, solange Cay ihren Nacken mit zärtlichen Küssen übersäte. »Das … ich … ich kann so nicht nachdenken«, hauchte sie.
   »Erschwerte Bedingungen, eine gute Übung.« Cays heißer Atem streifte ihre Brustwarze und als sich sein Mund darum schloss, knickten fast ihre Knie ein. Verdammt, sie wollte ihn auch anfassen, ihn streicheln, mit den Händen erkunden, wollte ihn genauso aus der Fassung bringen wie er sie. Aber die Schritte klangen jetzt, als würde gleich jemand um die Ecke kommen.
   »Der Zauber, Leonora«, verlangte Cay heiser.
   »Ähm, ich … der, bei dem ich dir die Klamotten wieder anziehe?«
   Cay lachte leise. Seine Hand lag plötzlich auf ihrem Oberschenkel und glitt nach oben, zwischen ihre Beine. »Das wird mich nicht daran hindern, das hier zu tun.«
   Lena keuchte auf, als er ohne Vorwarnung mit einem Finger in sie eindrang und mit dem Daumen ihren Kitzler reizte. Sie klammerte sich an ihn, versenkte ihre Zähne in seinem Nacken, um nicht laut aufzuschreien.
   Cay zog seine Hand ein wenig zurück. Brennende Sehnsucht durchströmte ihren Körper. »Oder willst du doch reingehen?«
   Niemals. Jetzt nicht mehr. »Der Verschleierungszauber«, stieß sie hervor und zog Cay wieder an sich. Er schob ihren Rock etwas weiter nach oben, ließ zwei Finger in sie gleiten und steigerte ihre Erregung, während sie verzweifelt versuchte, sich an den Zauber zu erinnern, der sie vor den Augen desjenigen schützen würde, der gerade bei der Straßenecke angekommen war.
   Sie nahm die Energie, konnte sich kaum konzentrieren. »Gott, Cay, hör auf, bitte, nur für eine Sekunde sonst …«
   »Du musst diesen Zauber unter allen Umständen beherrschen. Je widriger, desto besser.« Seine Stimme war heiser vor Verlangen. Er drängte sich zwischen ihre Beine.
   Benebelt vor Leidenschaft legte sie die Energie wie einen Mantel um sich und Cay und brachte die Luft zum Flirren. Wer genau hinsah, würde eine kleine Unebenheit in der Umgebung erkennen, mehr nicht.
   »Bin ich froh, dass du dieses Kleid trägst«, flüsterte Cay ganz nah an ihrem Ohr. Sie erschauderte, als er den Rock noch weiter nach oben schob und ihren Slip zur Seite zog. Der Zauber wackelte.
   »Ich kann das nie aufrecht halten«, flüsterte sie entsetzt, »wenn du …«
   Mit einem harten Stoß drang er in sie ein. Ihr Unterleib pulsierte von dem Gefühl, ihn in sich zu haben. Sie konnte nicht mehr an den Zauber denken, hörte kaum noch, ob sich die Schritte wieder entfernten. Da war nur noch Cay und dieser unglaubliche Sog, den jede seiner Bewegungen in ihr auslöste. Er zog sie mit sich hinab in einen Strudel aus Begierde und Zärtlichkeit, bis sich ihre Lust in einem Schauer aus Magie auflöste. Der Zauber zerbrach, in dem Moment, in dem der Höhepunkt sie packte.
   Cays Wange lag an ihrer, er atmete schwer und hielt sie an sich gedrückt. Er schien ebenso in der Lust gefangen wie sie, trotzdem spürte sie ein sanftes Kribbeln, als er den Zauber selbst wirkte.
   »Das war ziemlich gut.« Die Worte waren abgehackt und schwer von verklingender Erregung.
   »Der Zauber?«, fragte sie atemlos. »Ich weiß nicht. Ich finde, der bräuchte dringend noch etwas mehr Übung. Oder? Was meinst du?«
   Cays heiseres Lachen schwang durch ihren Körper, vereinte sich mit dem Nachhall ihrer Leidenschaft zu einem schwindelerregenden Hochgefühl. Lena drängte sich noch fester an ihn, wollte ihn nicht loslassen.
   Sie versuchte, zu vergessen, was ständig am Rande ihres Bewusstseins lauerte. Zärtlich suchte sie Cays Lippen. Lass es mich vergessen, bitte. Sie küsste Cay noch heftiger, noch fordernder, verlangte von ihm, dass er sie völlig vereinnahmte. Der Gedanke war immer noch da. Nein. Sie wollte ihn nicht denken.
   Das hier war nicht der letzte Kuss. Und auch nicht der danach oder der danach. Tränen liefen über ihre Wangen. Heute war nicht der letzte Tag. Und auch nicht morgen. Erst in ein paar Wochen. In ein paar Wochen. Der Gedanke setzte sich in ihr fest wie ein übles Geschwür. In ein paar Wochen war sie allein. Dann würde er sie nicht mehr mit seiner Zärtlichkeit davon ablenken, dass sie rausgehen wollte. Er würde sie nie wieder so an eine Wand drücken. Ihr nie wieder Worte ins Ohr raunen, die nur für sie bestimmt waren.
   »Nein«, flüsterte sie mit erstickter Stimme an seinen Lippen, doch der Gedanke ließ sich nicht vertreiben.
   Cay streichelte über ihre Haare und fuhr mit dem Daumen die Spur ihrer Tränen auf ihren Wangen nach. »Es tut mir so leid.«
   »Das muss es nicht. Wir finden einen Weg.« Ihre Stimme überschlug sich. »Das glaube ich …« Ganz fest. Sie brachte kein weiteres Wort heraus.
   Cay schloss die Augen und als er sie wieder öffnete, stand in seinem Gesicht die ganze Verzweiflung, die sie selbst fühlte. »Lass uns reingehen, es wird kalt.«
   Lena zögerte. Sie schob ihren Rock nach unten und senkte den Kopf.
   »Willst du immer noch allein spazieren gehen?«, fragte Cay.
   »Nein, ja. Ich weiß nicht.« Mehr als zuvor hatte sie das Gefühl, dass ihr ein paar Minuten frische Luft guttun würden. Allein. Um die verdammten Gedanken loszuwerden.
   Er zog sie vorsichtig an sich, vergrub sein Gesicht in ihren Haaren und küsste zärtlich ihren Scheitel. »Ich finde keine Ruhe, wenn du allein unterwegs bist«, flüsterte er. »Ich halte es einfach nicht aus. Bitte bleib.«
   Lena stöhnte. Seine Worte rührten sie. Sie wollte nicht mehr gehen. Nicht, wenn er wach war. Dann wollte sie jede Sekunde mit ihm verbringen. Jeden einzelnen Moment, der ihnen noch blieb. Doch was er tat, wie er sie Tag und Nacht nicht aus den Augen ließ, war nicht gesund. Es konnte so nicht weitergehen. Sie musste sich allein bewegen können, um den Verstand nicht zu verlieren. Sie konnte nicht jede Minute in seiner Gesellschaft verbringen. Nicht, wenn er so zärtlich zu ihr war, nicht, wenn er ihr in jeder Sekunde zeigte, wie sehr er sie liebte und wie schrecklich kalt das Leben ohne ihn sein würde. Lena presste die Augenlider zusammen, gegen das Brennen in ihren Augen und das Wissen in ihrem Herzen, dass die Leere und die Einsamkeit sie umbringen würden, wenn er fort war.
   Sie wollte flüchten. Vor seiner Zärtlichkeit, die zu tief in ihre Seele drang. Vor ihrer Angst davor, wie es sein würde, ihn nie wieder so zu spüren. Wenigstens zehn Minuten. Oder fünf.
   »Du kannst mich nicht jede Sekunde überwachen, Cay. Das halte ich einfach nicht aus«, brachte sie mühsam hervor.
   »Ich weiß, ich … ich weiß. Aber ich weiß nicht, wie ich dich anders schützen soll. Wenn du in Gefahr gerätst, kannst du mich nur rufen, indem du versuchst, mich mit dem Handy zu erreichen. Das ist einfach zu wenig, zu unsicher. Es dauert zu lange und wer weiß, ob du im Ernstfall überhaupt dazu in der Lage wärst. Ich kenne keine Möglichkeit, wie du mich mit Magie rufen kannst, und keinen Zauber, der mir hilft, dich sofort zu finden.«
   Lena wusste, dass er recht hatte. Der Zauber, den der Kreis verwendet hatte, um sie zu finden, funktionierte nur, weil er die Verbindung zwischen Cay und Lena nutzte, und schlug nur an, wenn sie einander nahe waren. Er war nutzlos, wenn Cay nicht in ihrer Nähe war.
   »Außerdem kann ich mich vielleicht nicht zu dir versetzen, weil ich den Ort nicht kenne.«
   »Außer ich bringe mich in Lebensgefahr«, sagte sie langsam.
   Cays Gesicht verdüsterte sich, als sein Blick auf die liegende Acht auf ihrem Schlüsselbein fiel. »Ich habe versucht, diesen Zauber anzupassen. Ich habe nach einem Weg geforscht, ihn so abzuändern, dass ich dich immer sofort finden und mich zu dir versetzen kann, nicht nur, wenn du in tödlicher Gefahr bist. Es ist mir nicht gelungen. Wenn du mich rufst, kann ich nur eines tun, nämlich der Verbindung zwischen uns folgen, bis ich dich finde, und das …« Er brach ab.
   Lena bekam eine Gänsehaut. Das würde im Ernstfall viel zu lange dauern, denn Mathäus hatte nicht vor, sie zu töten. Der Zauber, der Cay rief, würde sie nicht vor ihm schützen.
   Cay hatte recht, sie wusste es. Nur in seiner Nähe war sie einigermaßen sicher. Aber sie konnte ihm doch nicht versprechen, immer bei ihm zu bleiben, das war ganz und gar unmöglich.
   »Bitte, Leonora. Geh nicht«, flüsterte er.
   Es waren diese Momente, in denen er so verdammt hilflos wirkte, die ihr am meisten Angst machten. Sie wusste, dass sie es nicht fertigbringen würde, ihn allein zu lassen, nur um ihren Standpunkt deutlich zu machen. Was würde sie damit beweisen? Dass sie sich durchsetzen konnte, wenn es nicht darauf ankam?
   Ich halte es nicht aus, wenn du allein unterwegs bist. Bitte bleib.
   Lena schloss die Augen und stöhnte leise auf. Alles, was er verloren hatte, lag in diesen Worten und der verzweifelte Wunsch, sie nicht auch noch zu verlieren.
   Ohne den Blick von ihm abzuwenden, legte sie ihre Hand in seine und nickte. Die Erleichterung in Cays Blick machte ihre Knie weich. Und schürte ein ungutes Gefühl in ihrer Magengrube, weil sie tief in ihrem Inneren spürte, dass es falsch war, nachzugeben.

Kapitel 4

Als Lena am nächsten Morgen erwachte, war Cay fort. Seine Wärme hing noch in den Laken und seine Berührungen kribbelten immer noch auf ihrer Haut. Er konnte noch nicht lange aufgestanden sein. Gähnend quälte sie sich aus dem Bett und tapste in Richtung Wohnzimmer. Draußen, hinter den hohen Fenstern des Stadthauses, hatten sich düstere Wolken zusammengerottet.
   »Cay?« Sie sah sich um, schaute auch in den Sessel, aber er war nicht da. Auf dem Schreibtisch neben Gromis Büchlein fand sie schließlich eine Notiz in Cays ausladender Handschrift.
   Ich komme bald zurück. Ein Schutzzauber verhindert, dass jemand das Haus betreten kann.
   Oder du es verlassen. Das stand da nicht, aber Lena konnte sich durchaus vorstellen, dass Cay es gern getan hätte, wenn er nicht genau gewusst hätte, dass sie ihm dafür die Hölle heißmachen würde.
   Letzte Nacht hatte Cay sie gekonnt davon abgelenkt, dass er sie dazu gebracht hatte, bei ihm zu bleiben, obwohl sie hatte gehen wollen. Aber sie konnte ihm nicht wirklich böse sein. Seine leidenschaftlichen Küsse brannten noch auf ihrer Haut, seine liebevollen Worte hingen ihr immer noch im Ohr. Darüber hatte sie auch vergessen, ihm von der Erinnerung aus dem Büchlein zu erzählen und dass man mit den Pflanzen eine Waffe gegen Mathäus herstellen konnte.
   Ihr Handy machte Pling. Lena zuckte zusammen. Eine SMS.
   Was passiert ist, tut mir leid. Können wir reden? LG Chris
   Fassungslos starrte Lena das Display an. Chris. Ihr ehemaliger Bruder, der sterben wollte und Cay gebeten hatte, ihn dauerhaft umzubringen. Danach war er spurlos verschwunden. Es war einige Wochen her, dass sie ihn gesehen hatte. Wochen, die ihr wie Jahre vorkamen. Sie schloss die Finger fester um das Handy. Ärger sammelte sich in ihrer Magengrube. Sie hatte sich Sorgen gemacht. Sie hatte geglaubt, dass Mathäus Chris geholt hatte, weil er erraten hatte, dass er, Cay und Ekarius nicht wirklich unsterblich waren. Sie hatte Chris gesucht, hatte befürchtet, er wäre tot. Und jetzt schrieb er einfach eine SMS und wollte reden? Also gut. Dann sollte er reden. Mit zitternden Fingern wählte sie die Nummer, die sie durch die SMS bekommen hatte.
   »Ja?«
   »Chris?«
   Kurzes Schweigen. »Lena?«
   »Geht es dir gut?«, fragte sie mit schwankender Stimme. Sie kannte ihn kaum, trotzdem war sie unheimlich erleichtert, dass er am Leben war.
   »Ja, alles in Ordnung.«
   Die Sorge ebbte ab und die Wut kam wieder hoch. »Verdammt, Chris. Weißt du eigentlich, dass ich dachte, du wärst tot?« Im selben Moment wurde ihr klar, dass er das nicht wissen konnte. Da Mathäus ihn offensichtlich nicht umgebracht hatte, wusste er vielleicht nicht, in was für einer Gefahr er sich befunden hatte.
   »Äh. Nein? Warum sollte ich tot sein?«
   Lena atmete tief durch und drängte ihren Ärger zurück. »Nichts, schon gut, ich schätze, du konntest es nicht wissen.« Aber warum? Warum hatte Mathäus ihn nicht geholt? Warum hatte er ihn nicht getötet und wohin war Chris dann so schnell verschwunden? Er hatte sich damals sprichwörtlich in Luft aufgelöst.
   »Du verstehst schon, dass ich etwas nervös bin. Möchtest du mir vielleicht doch sagen, warum ich tot sein sollte?«
   Lena schnaubte. »Nein. Erst sagst du mir, was passiert ist, nachdem du aus dem Hotel in Hohengreifenstein verschwunden bist.«
   »Nichts weiter. Ich hab mich wieder abgeregt.«
   »Einfach so?«
   »Na ja«, druckste er herum. »Hat schon ein bisschen gedauert.«
   »Und dann hast du beschlossen, dich einfach nicht mehr zu melden?« Sie war immer noch sauer.
   »Ehrlich gesagt kam ich mir total dämlich vor. Ich habe mich geschämt und du hast ja ziemlich deutlich gemacht, dass ihr mir nicht helfen wollt.«
   »Das ist nicht wahr, Chris. Ich habe gesagt, dass wir vielleicht zusammen einen anderen Weg finden können, um die ständigen Wiedergeburten zu beenden.«
   Er antwortete nicht, sie hörte ihn nur leise atmen. »Es gibt keinen anderen Weg«, flüsterte er schließlich.
   »Aber …«
   »Das ist nicht der Grund, warum ich dich sprechen wollte.«
   Lena horchte auf. »Warum dann?« In ihrem Magen ballte sich ein ungutes Gefühl zusammen, ebenso wie die Wolken vor dem Fenster, die sich immer mehr verdichteten, bis sie schwarz und bedrohlich den Himmel verdeckten.
   »Es gibt da etwas, was du nicht weißt. Ich habe lange überlegt, ob ich es dir sagen soll, aber ich glaube, du solltest es wissen.«
   »Was?« Lena blieb wieder stehen, sie fühlte sich plötzlich wie betäubt. »Wie meinst du das?«
   »Bitte, ich möchte das nicht am Telefon besprechen. Können wir uns sehen?«
   Lena versuchte, die wild in ihrem Kopf kreisenden Gedanken zu beruhigen. Seine Antwort hatte sie kaum gehört. »Was willst du mir sagen?«
   »Nicht am Telefon.«
   Sie erwachte aus ihrer Starre. »Warum nicht, verdammt? Chris, du kannst doch nicht einfach anrufen, mich neugierig machen und dann …«
   »Ich sage es dir nur persönlich.« Er klang absolut entschlossen. »Kannst du in mein Hotel in Hohengreifenstein kommen? Oder ich komme zu dir.«
   »Das geht nicht, ich bin in …« Im letzten Moment dachte sie an das, was Cay ihr eingebläut hatte. Sag niemandem, wo wir sind. Niemandem. »Nein, das geht nicht, tut mir leid. Ich kann nicht kommen.«
   Die Distanz war zu groß, um sich mal eben zu versetzen, deswegen waren sie mit dem Flugzeug gekommen. Die Gefahr, dass auf dieser weiten Strecke Energie verloren ging und sie sich in ihre Bestandteile auflösten, war zu groß.
   Chris zögerte. »Es ist wirklich wichtig. Vielleicht könnte es helfen.«
   »Helfen? Wobei denn helfen?« Ihre Gedanken rasten. Helfen? Er wusste, dass sie Cay retten wollte. Vielleicht wusste er etwas, was ihr nützen würde? Sie verschluckte sich fast vor Aufregung. »Chris, bitte, sag es mir. Sofort.«
   »Nein«, erwiderte er stur. »Nur, wenn du herkommst. Oder du sagst mir doch, wo du bist. Ich komme hin, ganz egal wo.«
   So dringend war es also? Sie fluchte leise. »Das geht nicht, wirklich. Nicht jetzt. Aber ich … ich sehe, was ich tun kann.«
   Wieder eine lange Pause, schließlich ein Seufzen. »Okay, meld dich einfach, wenn du wieder da bist.« Es klang gepresst, als ob er nicht warten könnte.
   Auch Lena wollte nicht warten. Sie wollte am liebsten sofort wissen, was er zu sagen hatte. Sie biss sich auf die Lippen. »Gut, ich melde mich, sobald ich kann.«
   Sie legte auf und starrte das Handy an. Verdammt. Was war das schon wieder? Hatte sie nicht schon genug Probleme, ohne dass Chris ihr auch noch so geheimnisvoll kam? Am liebsten wollte sie sofort nach Hause fahren. Die Hoffnung, dass Chris wirklich etwas wusste, was Cay das Leben retten konnte, machte sie schwindlig. Sie musste mit Cay reden. Sofort. Was immer er hier vorhatte, vielleicht konnte es warten. Nein, das war dumm. Natürlich konnte es nicht warten, sonst hätte er sie nie auf so eine lange Reise mitgenommen, obwohl ihnen nur noch so wenig Zeit blieb.
   Lena schluckte schwer. Das bedeutete wohl, dass sie allein zurück nach Deutschland fahren musste. Ihr wurde beinahe schlecht bei dem Gedanken, Cay das vorzuschlagen. Er ließ sie schon nicht allein spazieren gehen. Er würde niemals zulassen, dass sie allein nach Hause flog.

Kapitel 5

»Caius von Hohengreifenstein.« Der Mann, der Cay gegenübersaß, drehte und wendete den Namen bedächtig in seinem Mund. Das düstere Relief eines Wasserspeiers, das hinter ihm an der Wand hing, schien Cay mit seinem farblosen Blick zu durchdringen.
   Cay zog die Augenbrauen zusammen. Er sagte nicht, dass er diesen Namen nicht mehr führte. Viel wichtiger als sein alter Name war die Tatsache, dass dieser Mann ihn überhaupt kannte. Was wusste er noch über ihn?
   Mit verengten Augen betrachtete er den Anführer des Quaestorianer-Ordens, der sich »der Hüter« nannte. Er war ziemlich jung, wirkte fast deplatziert in dem riesigen Empfangsraum, der außer drei Sesseln aus dunklem Stahl und Samt keine weiteren Möbel enthielt. Das äußerliche Alter konnte natürlich täuschen, möglicherweise hatte der Hüter es mit Magie beeinflusst. Cay zweifelte nicht daran, dass er das fertigbringen würde. Um Hüter der Quaestorianer zu werden, musste man ein mächtiger Magier sein. Oder er war wirklich so jung, denn er war vor einigen Monaten noch nicht hier gewesen, als Cay den Orden entdeckt hatte.
   »Es ist uns eine Ehre, dass du uns aufsuchst.« Seine Stimme war dunkel und ruhig, sie strahlte Respekt und Autorität aus und bestärkte Cay darin, sich nicht vom jugendlichen Gesicht des Hüters täuschen zu lassen. »Leider kann ich dir in der Angelegenheit nicht helfen. Andere haben uns schon vor dir aufgesucht, um gegen Mathäus vorzugehen, und«, der Hüter lächelte, »gegen dich.«
   Cay erwiderte das Lächeln kühl. Natürlich war der Kreis der Acht bereits vor ihm hier gewesen, sie hatten ihm Jahrhunderte der Nachforschungen voraus und Greta hatte auf der Suche nach Möglichkeiten, Mathäus zu bekämpfen, scheinbar jeden Stein umgedreht.
   »Wir mischen uns nie in die Kämpfe anderer ein. Was dir auch zugutekommen dürfte, da du nun die Seiten gewechselt hast.«
   Der Orden war wirklich verdammt gut informiert. Ein weiterer Grund, sie auf keinen Fall zu unterschätzen. »Das dachte ich mir schon. Deswegen bin ich auch nicht hier.«
   Die Hände des Hüters schlossen sich etwas fester um die Lehne seines Sessels. »Du bist auf der Suche nach etwas?«
   »Ja.« Der Hüter sah ihn interessiert an, aber Cay würde den Teufel tun und ihm verraten, was er suchte. Sonst würde er seine Sucher losschicken, und es reichte Cay schon, dass er befürchten musste, dass Mathäus ihm zuvorgekommen war. Er wollte nicht auch noch mit den Quaestorianern wetteifern müssen.
   »Ich suche einen Weg, ein Verschlüsselungssystem einzustellen.«
   Die Augen des Hüters leuchteten auf und er beugte sich etwas nach vorn. »Um das Versteck eines magischen Artefaktes zu finden?« Als Cay nicht antwortete, schüttelte der Hüter den Kopf. »Du wirst mir ein paar Dinge verraten müssen, wenn du die Hilfe der Quaestorianer möchtest.«
   Widerwillig nickte Cay. »Ein Artefakt.« Es konnte wohl nicht schaden, ihm das zu verraten.
   »Was für ein Gegenstand ist es?«
   Cay schüttelte den Kopf.
   »Du bist ein Schüler des Bartolomeus gewesen«, stellte der Hüter fest. »Das ist … interessant. Es gibt nicht viele Aufzeichnungen über ihn, aber genug, um anzunehmen, dass er einige wertvolle Artefakte in seinem Besitz hatte. Wertvoll und …«
   Grauenhaft, beendete Cay in seinem Kopf den Satz.
   »Mächtig«, sagte der Hüter.
   Artefakte, die der Orden gern in seinem Besitz hätte, daran zweifelte Cay nicht. Er ging nicht darauf ein. »Ich brauche einen Hinweis, wie ich einen von Bartolomeus’ geheimen Mechanismen überlisten kann. Sozusagen den Pin-Code für eines seiner Verstecke. Er hat uns nie zusehen lassen, wie es funktioniert und ich habe alle mir bekannten Kombinationen durchprobiert.« Auch hier vermied er es, dem Hüter zu sagen, worum es ging. Sonst könnte er zu leicht darauf schließen, wo Cay suchte, und ihm zuvorkommen. »Es muss etwas Persönliches sein. Jedoch war er gut darin, alles vor uns zu verbergen und es ist mir bisher nicht gelungen, den richtigen Ansatz zu finden.«
   In den Augen des Hüters leuchtete etwas auf. Interesse. Und noch etwas. Als hätte er schon eine Idee, wie er Cay helfen konnte. Vielleicht war er wirklich so jung, wie er aussah. Er musste jedenfalls noch lernen, wie er seine Gefühle vor anderen versteckte.
   »Es dürfte ziemlich schwierig werden, den Mechanismus zu überlisten oder die nötige Kombination herauszufinden, da dein Lehrmeister lange tot ist.«
   Cay stimmte ihm insgeheim zu. Er hielt es sogar fast für unmöglich, auf die richtige Lösung zu kommen, aber wenn ihm jemand weiterhelfen konnte, dann die Quaestorianer mit ihren unerschöpflichen Archiven. »Bisher ist es mir nicht einmal gelungen, herauszufinden, ob sich das, was ich suche, noch im Versteck befindet.«
   »Manche Artefakte besitzen eine Art Eigenleben. Sie entziehen sich der Magie, mit der man sie aufspüren will. Ich nehme an, dass du die üblichen Zauber alle versucht hast, um das Artefakt zu finden und das Versteck zu öffnen?« Der Hüter des Ordens zählte einige Möglichkeiten auf.
   »Sonst wäre ich wohl kaum hier.« Cay fügte einige weitere Möglichkeiten hinzu, die er versucht hatte.
   Der Hüter verengte die Augen. »Du verfügst wirklich über ein erstaunliches Wissen. Einige dieser Dinge sind lange ungenutzt geblieben.« Es klang ehrfürchtig und … begehrlich.
   »Ich hoffe, damit habe ich euer Wissen nicht bereits ausgeschöpft«, bemerkte Cay vorsichtig.
   Der Hüter hob das Kinn. »Ich kann nicht versprechen, dass wir etwas finden werden, aber die Chancen stehen gut, unsere Archive sind riesig.«
   Cay nickte. Dass der Orden so viel über ihn wusste, bestätigte diese Aussage.
   »Wir können dir helfen, zu finden, was du suchst, aber unsere Unterstützung unterliegt strengen Regeln.« Der Hüter legte die Hände aneinander. »Du wirst alles, was du durch unsere Hilfe findest, zerstören oder uns überlassen.«
   Zerstören, oder ihnen überlassen. Das hieß nicht, dass er es nicht zuerst benutzen durfte. Damit konnte er leben. Cay sah ihn unbewegt an. »Woher wisst ihr, dass sich eure Geschäftspartner daran halten?«
   »Dafür sorgen wir.«
   »Und wie?«
   Der Hüter lehnte sich nach vorn. »Am einfachsten ist es, wenn du dich uns anschließt. Als einer unserer Sucher.« Er sah Cay gespannt an.
   Cay lächelte spöttisch. »Ich bekomme das Gefühl, dass ihr nicht nur magische Artefakte sammelt.«
   Ein Grinsen breitete sich auf dem Gesicht des Hüters aus. »Man kann nie genug mächtige Magier sein Eigen nennen.«
   »Was müsste ich dafür tun?«
   »Du müsstest dich unseres Vertrauens würdig erweisen, unsere Sitten und Gebräuche lernen und die Initiation hinter dich bringen.«
   Cay presste die Lippen zusammen. Das klang nicht gerade nach einer schnellen Methode. »Wie lange dauert das?«
   Die Augen des Hüters glitzerten. »Das hängt von dir ab, davon, wie schnell du uns … überzeugen kannst, dass wir dir trauen können. Als Sucher musst du nicht den Weg durchlaufen, den unsere Novizen beschreiten. Trotzdem wird es mindestens einige Monate dauern.«
   Cay schüttelte den Kopf. »Unmöglich.« Er hatte keine Monate mehr und außerdem konnte er nicht riskieren, dass ihm jemand zuvorkam. »Ich brauche die Informationen so schnell wie möglich.«
   Enttäuschung huschte über das Gesicht des Hüters, dann fing er sich. »In diesem Fall verlangen wir ein Unterpfand.«
   »Ein anderes magisches Artefakt?« Unwillkürlich schlossen sich seine Finger um den Ring in seiner Tasche. Den konnte er auf keinen Fall entbehren.
   »Nein. Etwas, womit wir … sichergehen können, dass du mit unserer Hilfe kein Schindluder treibst. Eine Information über dich, die dich alles kosten könnte, worum du jetzt kämpfst.«
   Cay schluckte schwer. Es gab eine Sache, nur eine, die er ihm anbieten konnte. Eine einzige Information, die niemand außer ihm kannte, und die seine letzte Hoffnung und gleichzeitig sein schlimmster Albtraum war.
   »Das ist lediglich eine Sicherheitsmaßnahme. Nichts dringt von hier nach außen. Was man uns anvertraut, hüten wir mit unseren Leben. Nur Eingeweihte der obersten Stufe dürfen die Archive betreten. Und nur einige wenige von ihnen haben Zugang zu den Informationen, die unsere Klienten uns anvertrauen. Es ist unmöglich, uns etwas zu entreißen, was wir nicht geben wollen.« Der Hüter lächelte spöttisch. »Wie du sehr genau weißt.«
   Auf der Suche nach einer Möglichkeit, neue Seelenenergie zu beschaffen, hatte Cay den Orden entdeckt und sich an sie gewandt. Sie hatten ihm nicht helfen können und er hatte darum gebeten, selbst ihre Archive durchsuchen zu dürfen. Ohne Erfolg. Natürlich hatte er sich davon nicht abhalten lassen und hatte versucht, sich eigenmächtig Zutritt zu verschaffen. Ebenfalls ohne Erfolg.
   Cay verzog die Lippen zu einem winzigen Lächeln. »Ich musste es versuchen.«
   Der Hüter nickte besonnen. »Natürlich. Wir werfen es dir nicht vor.«
   Es gab keinen sichereren Ort auf der Erde als die Archive der Quaestorianer. Da war sich Cay sicher. Er konnte nicht umhin, sich zu fragen, welche Schätze an Informationen in den Tiefen des Ordens warteten. War Mathäus einmal hier gewesen und hatte einen Handel mit den Quaestorianern gemacht? Der Gedanke, dass sich Cay ganz in der Nähe von Informationen befand, die ihm helfen könnten, Mathäus zu besiegen, machte ihn unruhig. Und das Wissen, dass er niemals drankommen würde, noch mehr. Gleichzeitig war genau das der Grund, warum er bereit war, dem Hüter das Unterpfand zu geben, das er verlangte. Weil die Neutralität der Quaestorianer absolut sichergestellt war.
   »Was, wenn ich das Artefakt nicht finde?«
   »Dann bist du uns nichts schuldig.« Der Hüter sah ihn mit durchdringendem Blick an. »Mächtige Artefakte hinterlassen Spuren an Menschen. Wir werden wissen, ob du Erfolg hattest und uns deinen Teil der Abmachung schuldig bist.«
   »Ich verstehe.« Es war also unmöglich, ihnen ihren Lohn vorzuenthalten.
   »Sollten wir Informationen finden, die dir helfen können, werden wir zunächst darüber beraten, ob wir es verantworten können, sie dir zu offenbaren. Wenn wir uns dagegen entscheiden, erhältst du dein Unterpfand selbstverständlich unversehrt zurück.«
   Der Hüter gab Cay ein Blatt Papier, das sich merkwürdig fest anfühlte und leicht glänzte. »Es ist magisch mit Titan veredelt. Das macht es unendlich haltbar. Ebenso wie darauf festgehaltene Seelenabdrücke.«
   Cay betrachtete das Papier. Wenn er das tat, gab es kein Zurück. Jemand anders würde wissen, was er wusste. Jemand würde seinen letzten Ausweg kennen. Die eine Möglichkeit Mathäus zu besiegen, die er niemals einsetzen wollte. Der Preis war zu hoch. Er würde alles dafür tun, dass niemand jemals davon erfuhr, schon gar nicht Mathäus.
   Er sah auf und bemerkte, dass der Hüter ihn prüfend ansah. Er schien genau zu wissen, dass diese Information die Hilfe des Ordens mehr als aufwog.
   Cay griff nach dem Papier. Er sandte Magie durch die Stelle seiner Seele, auf der das Wissen lag, jenes Wissen, das er schon so lange tief in sich verborgen hielt. Er hatte keine Wahl, wenn er Leonora schützen wollte. Langsam entstand ein Bild auf dem Papier. Als es vollständig war, starrte Cay es eine Weile an. Dann übergab er es dem Hüter. Es fühlte sich an, als würde er sich selbst in seine Hände legen. Oder schlimmer. Alles, was ihm wirklich etwas bedeutete.
   Der Hüter betrachtete das Papier, schloss die Augen. Cay wusste, dass er Magie benutzte, um den Seelenabdruck anzusehen. Als er sie wieder öffnete, betrachtete er Cay mit einem mitleidigen Gesichtsausdruck. Er musste wirklich lernen, seine Gefühle zu verbergen. »Ich akzeptiere das Pfand.«
   Cay nickte nur.
   Der Hüter rollte das Papier zusammen und versiegelte es mit einem Zauber. So war Cays Geheimnis nur für den Hüter zugänglich.
   »Noch in dieser Stunde werde ich meine besten Magier auf die Suche in die Archive schicken. Wenn es dort etwas gibt, was dir helfen kann, werden wir es finden.«

Kapitel 6

Lena tigerte unruhig vor der großen Fensterfront im Wohnzimmer auf und ab. Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick über Beacon Hill und den Charles River. Die schwarzen Wolken über dem Fluss gaben dem Anblick etwas dramatisches, das immer wieder Lenas Blicke auf sich zog.
   Als sie hinter sich ein Geräusch hörte, fuhr sie herum. Cay war an der geschützten Stelle aufgetaucht. Er wirkte maßlos erschöpft. Lenas Herz sank. Sie fragte sich, was um Himmels willen er getrieben hatte.
   »Hey«, flüsterte sie.
   Sie sah ihm an, dass er am liebsten auf sie zugestürzt wäre und sich vergewissert hätte, dass es ihr gut ging. Als wäre sie tatsächlich spazieren gegangen und hätte die letzte Nacht nicht mit ihm im Bett verbracht. »Hey«, antwortete er stattdessen und betrachtete sie zärtlich. »Wie hast du geschlafen?«
   »Wahrscheinlich so wie du.«
   Cay verzog das Gesicht. »Also mies.«
   Sie lächelte müde.
   Wortlos ging Cay in die Küche und fing an, Kaffee zu machen. Als er fertig war, reichte er ihr eine Tasse. Zu Essen machte er nichts. Offensichtlich ging er davon aus, dass sie genauso wenig Appetit hatte wie er. Was auch stimmte.
   Trotzdem verzog er schuldbewusst das Gesicht. »Tut mir leid. Möchtest du etwas essen?«
   Sie schüttelte den Kopf. Das bevorstehende Gespräch war ihr schon auf den Magen geschlagen, bevor es überhaupt begonnen hatte. Cay würde es hassen, dass sie allein nach Hause zurückkehren wollte.
   »Ich … ähm … wo warst du?« Feigling. Sag es doch einfach. Sag ihm, dass du nach Hause fahren willst.
   Cay verengte die Augen. »Ich habe ein paar Nachforschungen angestellt.«
   Lenas Herz machte einen Satz, dann war er also doch hier, um herauszufinden, wie er sein Leben verlängern konnte? »Was für Nachforschungen? Und wie lief es?« Vielleicht hatte er ja Erfolg gehabt und sie konnten so oder so nach Hause fahren.
   »Das wird sich erst noch zeigen«, sagte er grimmig.
   Mist. Das klang nicht, als wollte er bald aufbrechen. Also musste sie doch allein fahren. Lena räusperte sich und nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Ich habe mit Chris telefoniert. Er will unter vier Augen mit mir reden.«
   Cay erwiderte nichts, sondern sah sie nur mit gerunzelter Stirn an.
   Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu, wobei sie ihre Tasse nervös in den Händen drehte. »Sofort.«
   »Warum?«, fragte er ruhig, aber sie merkte ihm an, dass er sich verspannte.
   »Er will mir irgendetwas erzählen, was er nicht am Telefon sagen kann.«
   Cay presste die Lippen zusammen. »Das geht nicht. Wir können uns nicht versetzen, es ist zu weit weg, zu gefährlich.«
   »Ich weiß.« Sie lächelte vorsichtig. »Ich glaube, ich sollte nach Hause fliegen und mit ihm reden.«
   Die steile Falte, die sie so gut kannte, erschien auf seiner Stirn. »Jetzt?«
   »Ja, jetzt.« Bevor er etwas erwidern konnte, was zu dem finsteren Ausdruck in seinem Gesicht passte, redete sie hastig weiter. »Es ist nicht nur wegen Chris.« Sie holte tief Luft. »Es ist auch wegen der Pflanzen. Ich habe eine Erinnerung gesehen, mit In Memoria. Sie war in Gromis Büchlein. Ich weiß leider immer noch nicht genau, worum es geht, aber es wirkte, als könnte man damit eine Art Waffe herstellen.« Sie erzählte ihm, was sie gesehen hatte und versuchte, wortwörtlich wiederzugeben, was Gromi gesagt hatte. Ihr Herz raste und sie brachte die Worte kaum heraus. Sie merkte erst in diesem Moment, wie sehr sie hoffte, dass die Pflanzen wirklich helfen konnten. Und dass ihn das überzeugen würde, sie gehen zu lassen.
   »Eine Waffe?«, antwortete er schließlich, in einem so zweifelnden Tonfall, dass es beinahe schon ausreichte, um ihre Hoffnungen zunichtezumachen.
   »Es könnte sein, dass es uns hilft, Mathäus außer Gefecht zu setzen.« Und Chris weiß vielleicht, wie ich dich retten kann. Das sagte sie allerdings nicht. Das würde sie erst, wenn sie Sicherheit hatte, dass es stimmte. Sie wollte ihm keine falschen Hoffnungen machen. Und sich selbst auch nicht.
   Cay lächelte, doch es wirkte gezwungen. »Du hast recht. Wir sollten dem auf jeden Fall nachgehen, sobald wir wieder zu Hause sind.«
   Enttäuschung legte sich um ihr Herz. »Du willst also nicht sofort gehen.« Dass sie das erwartet hatte, machte es nicht besser. Insgeheim hatte sie wohl geglaubt, dass er alles stehen und liegen lassen würde, um sofort mit ihr nach Hause zurückzukehren.
   Er kam auf sie zu und nahm ihre Hand. »Leonora, ich weiß, du würdest am liebsten sofort weiter nach den Pflanzen forschen, und ich verstehe das. Aber ich kann hier nicht weg. Und ich möchte, dass du bei mir bleibst.«
   Am liebsten hätte sie ihm ihre Hand entzogen. Wie sollte sie ihm so sagen, dass sie auf jeden Fall fahren wollte, egal, was er davon hielt? »Ich möchte wirklich gern nach Hause. Mir passiert schon nichts«, flüsterte sie unsicher. Die Wahrheit war, dass sie das nicht wissen konnte und dass sie sich selbst fürchtete. Der Gedanke, dass Mathäus sie beobachtete, brachte ihren Nacken zum Kribbeln. Sie wollte sich nicht vorstellen, was er mit ihr anstellen würde, wenn er sie erwischte. Doch zum ersten Mal seit Mikes Tod hatte sie einen Ansatz, etwas, das sie tun konnte, um Cay zu retten. Dafür würde sie alles tun. Einfach alles.
   Sie hob das Kinn und entzog Cay vorsichtig ihre Hand. Sie musste ihn eben vor vollendete Tatsachen stellen.
   »Du weißt doch, was das letzte Mal passiert ist, als du allein unterwegs warst«, sagte er sanft.
   Seine Worte brachten ihren Vorsatz zum Einsturz. Ja, sie wusste es. Noch mehr. Sie sah es vor sich.
   Die Wiese in den Bergen. Gromis Lieblingsort, wo die silberne Teufelskralle wuchs. Sie hatte ein Exemplar holen wollen. Allein. Weil sie nachdenken wollte. Aber dort zwischen den schroffen Bergspitzen war alles wieder auf sie eingestürzt. Der schreckliche Kampf mit Ekarius. Das Blut. Cays Angebot, sich zu opfern.
   Sie hatte sich zurück ins Schloss versetzen wollen, aber sie war wie gelähmt gewesen. Hatte den Blick nicht abwenden können von der Stelle, an der Mike gelegen hatte. Die Kälte war an ihr hochgekrochen und mit ihr das Wissen, wie unvernünftig es war, sich gerade hier aufzuhalten. Sie hatte das Gras angestarrt, dem man nicht mehr anmerkte, dass ihr bester Freund dort gelegen hatte. Es hatte sich einfach wieder aufgerichtet, war weitergewachsen, und sie hatte davorgestanden und versucht, es zu verstehen.
   Dass der Mensch, der immer zu ihrem Leben gehört hatte, nicht mehr da war. So viel Lebenslust. So viel Loyalität. So viel Warmherzigkeit. Einfach ausgelöscht.
   Irgendwann hatte sie sich zurückversetzt, starr vor Traurigkeit.
   Ihre Augen füllten sich mit Tränen und zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, dass Cay sie deshalb hergebracht hatte. Um sie aus dieser Starre zu reißen. »Ich wünschte, wir könnten das alles hinter uns lassen«, stieß sie hervor, ihre Worte schwer von ungeweinten Tränen. »Ich wünschte, ich könnte alles hinter mir lassen und nur mit dir …« Sie verstummte, damit sie nicht doch noch zu weinen anfing.
   »Das wünsche ich mir auch«, flüsterte Cay. Er wollte sie in seine Arme schließen, aber sie wich zurück. Wenn er sie tröstete, würde sie sich in einen reißenden Wasserfall verwandeln.
   »Es geht nicht«, stieß sie hervor. »Wir sind, wer wir sind und unsere Probleme werden sich nicht in Luft auflösen.« Probleme. Wenn es doch nur Probleme wären, aber Mathäus war wohl kaum einfach nur ein Problem, genauso wenig wie Cays Tod. Sie zitterte und Cay wirkte, als würde es ihm körperliche Schmerzen bereiten, dass er ihr nicht helfen konnte. »Wir können nicht davonlaufen.«
   »Ich weiß. Das will ich auch nicht«, erwiderte er leise. »Ich würde mir nur wünschen, du könntest mir vertrauen.«
   »Das tue ich doch«, gab sie zurück. »Das tue ich.«
   »Dann bitte ich dich, mir einen Gefallen zu tun.«
   »Welchen?«
   »Gib uns einen Tag und eine Nacht.« Seine dunkle Stimme umschmeichelte sie. »Vergiss ein paar gnädige Stunden alles, was uns belastet. Vergiss, wer wir sind und was uns bevorsteht.«
   Lenas Herz krampfte sich zusammen. »Einen Tag und eine Nacht?«
   Cay nickte. Er streckte die Hand aus und diesmal legte sie ihre hinein. »Nur ein einziges Mal möchte ich dich ganz für mich. Einen normalen Tag, der uns allein gehört. Lass mich dich verwöhnen, so wie du es verdienst. Kannst du das für mich tun?«, fragte er, während er sie in seine Arme zog.
   Sie legte die Wange an seine Brust und lauschte seinem Herz. Es raste. Einen normalen Tag wünschte er sich. Nur ein einziges Mal. Ein erstes Mal. Ein letztes Mal. Wie konnte sie ihm diese Bitte abschlagen? »Ja«, flüsterte sie. »Das kann ich.«
   Sie sagte sich, dass es nur für ein paar Stunden war. Stunden, die sie sich genauso wünschte wie er. Als sich seine Arme fester um sie schlossen, erstickte sie beinahe an dem Wissen, dass sie schon wieder nachgegeben hatte, und dass sie damit vielleicht ein paar wertvolle Stunden verlor, die ihr am Ende fehlen würden. Wenn sie nicht genug Zeit hatte, Chris’ Andeutung nachzugehen, konnte das Cays Tod bedeuten. Das würde sie sich nie verzeihen.
   »Hast du etwas Bestimmtes vor?«
   Cay lächelte geheimnisvoll. »Du wirst es bald erfahren. Bis dahin, sieh es einfach als … Date.«
   Sie starrte ihn an. »Wie bitte? Ein Date?«
   Er zuckte mit den Schultern. »Wir hatten nie wirklich Gelegenheit dazu.«
   Lena wollte erwidern, dass das ja eine nette Idee war, aber vielleicht nicht ganz der richtige Zeitpunkt, da ihm bald die Seelenenergie ausging und Mathäus ihnen auf den Fersen war. Sie schwieg. Abgesehen davon, dass sie es ihm versprochen hatte, wirkte Cay so entspannt, so voller Vorfreude. Zum ersten Mal seit Langem schien er seine Angst vergessen zu haben. Sie brachte es nicht übers Herz, ihm diesen Moment zu nehmen. Wenn es ihn eine Weile von allem ablenkte, war das ein paar verlorene Stunden sicher wert.
   Seine Vorfreude sprang auf sie über und sie wollte sich wieder an ihn schmiegen, doch kurz bevor sie die Augen schloss, sah sie Cay an. Die Freude auf seinem Gesicht war etwas anderem gewichen. Etwas, das ihr Herz dazu brachte, sich zusammenzukrampfen.
   Bedauern.

Kapitel 7

Ich wünschte, ich könnte alles hinter mir lassen.
   Leonoras verzweifelte Worte versetzten Cay einen Stich. Alles hinter sich lassen. Das wollte er auch. Nichts wollte er so sehr. Obwohl es nicht sein eigentliches Ziel war, hatte er nicht gelogen, als er gesagt hatte, dass er sich wünschte, alles zu vergessen. Und er bemühte sich redlich.
   Der Charles River glänzte in der Sonne und brachte Erinnerung an jene Stunden am See zurück, kurz, nachdem er Leonora kennengelernt hatte. An die wenigen, fast perfekten Tage im Sommer, die er in seiner Erinnerung hütete wie einen Schatz. Leonora hatte damals seine endlose Einsamkeit vertrieben. Sie hatte ihm gezeigt, was es hieß, einen Menschen zu haben, der einem mehr bedeutete als das eigene Leben. Sie hatte in ihm einen Wunsch geweckt, den er so lange für unerfüllbar gehalten hatte, dass er ihn tief ihn seinem Inneren begraben hatte. Doch jetzt brannte dieser Wunsch in ihm mit einer sengenden Hitze, die ihn von innen heraus auffraß. So sehr, dass er ihn sich wenigstens für ein paar Stunden erfüllen wollte. Ein normales Leben an ihrer Seite.
   Er verdrängte die Gedanken an den Orden und ob sein Plan Erfolg haben würde. Es war momentan nicht wichtig. Nur sie war wichtig. Für sie tat er das alles. Er nahm ihre Hand und küsste ihren Handrücken. Er liebte es, wie sie dabei halb die Augen schloss, um die Berührung seiner Lippen zu genießen. Er liebkoste ihr Handgelenk mit dem Daumen, beugte sich zu ihr und küsste sie flüchtig auf den Mund. Sofort schmiegte sie sich an ihn, verlangte nach mehr. Ausgehungert nach Berührung, die kein Trost war, sondern Leidenschaft, so wie letzte Nacht. Cay vertiefte den Kuss, während Leonora ihn hinter einen Baum zog. Er drückte sich an sie, mit einer Heftigkeit, die ihr ein erregtes Stöhnen entlockte, und er wusste, hätte er sie verführen wollen, hier und jetzt, am Ufer des Charles River im helllichten Tageslicht, sie hätte sich ihm vollkommen anvertraut. So war es immer. Sie gab sich ihm ganz hin, vollständig und bedingungslos.
   Entwaffnend.
   Cay spürte ihren Körper an seinem, zog sie in seine Arme, versuchte, sie vollständig zu umhüllen. Als könnte sie das schützen. Etwas zuckte durch seinen Geist. Düster und beunruhigend. Nichts konnte sie schützen. Er erstarrte, drückte Leonora an sich, sog ihren Geruch in sich auf, um sich daran festzuhalten, um ihren einen gemeinsamen Tag festzuhalten. Vergeblich. Die Illusion eines gestohlenen Tages an ihrer Seite zerbrach. Der Himmel über ihnen zerfloss in eine Erinnerung an eine Zeit, als er noch jung gewesen war, ein Kind. Das leise Rascheln des Herbstlaubs wurde zum bedrohlichen Rauschen des Wasserfalls neben dem Schloss.
   Cay hatte einen Schatten gesehen, der in die Höhlen geschlichen war, durch den geheimen Eingang. Der Schatten war klein gewesen, zu klein für Magnus oder Antonius, und er hatte Zöpfe gehabt.
   Sofort rannte Cay los. Hoffentlich kam er nicht zu spät. Er hatte Magnus nicht finden können, hatte nur der Magd gesagt, dass sie ihn sofort holen sollte. Beim Wasserfall angekommen drückte er sich durch den Felsspalt, der halb versteckt hinter der Wasserwand in die Höhlen führte. Woher wusste das Mädchen davon? Und warum zum Teufel hielt sie es für eine gute Idee, sich nachts in die Höhlen zu schleichen?
   »He«, zischte er. »Komm zurück. Es ist hier nicht sicher!« Er traute sich nicht, laut zu rufen. Es war nie eine gute Idee, in den Höhlen die Stimme zu erheben.
   Es lockte sie an.
   Cay lauschte. Sein heftiger Herzschlag schien in der Höhle widerzuhallen. Oder waren es ihre Schritte? Hätte er doch nur Magie beherrscht. Immerhin war er schon elf Jahre alt. In diesem Alter hatte Magnus längst eine Menge Zauber gekannt. Dann hätte er einen Zauber wirken können, der ihm verriet, aus welcher Richtung die Schritte kamen. So musste er raten.
   An der Kreuzung zweier Gänge zögerte er kurz, entschied sich für den linken und lief los, so leise ihn seine Füße trugen. Aus den Höhlen zu beiden Seiten schienen Geräusche zu kommen, die die Schritte übertönten.
   Ein leises Grollen ließ Cay zusammenzucken. Er fuhr herum. Lachen wehte zu ihm herüber. »Hab ich dich erschreckt?«
   »Mairi?« Die Tochter des Schmieds! Cay machte ein paar Schritte in ihre Richtung. »Das ist nicht lustig! Es ist gefährlich hier drinnen.« Er hielt ihr die Hand hin. »Komm, ich bringe dich raus.«
   »Pah. Gefährlich. Das ist doch alles nur Aberglaube.« Sie lachte wieder. Es hallte durch die Höhlen wie ein Lockruf.
   Cays Nackenhaare stellten sich auf. »Bitte. Du weißt ja nicht …« Ein leises Platschen grub sich in Cays Eingeweide. »Sie kommen«, flüsterte er und drehte sich wieder zu Mairi um. Sie war fort.
   »Mairi?« Er rannte in die Höhle, in der sie gerade noch gestanden hatte. Mehrere Gänge führten davon weg. Alle leer. Versteckte sie sich wieder nur? Er lief in einen der Gänge, dann blieb er stehen. Ein Keuchen hallte laut durch die Finsternis. Dann ein Schrei. Todesangst.
   Cay lief los. Mairis verängstigtes Kreischen hallte durch die Höhle, ließ sein Herz schmerzhaft pochen. Er stolperte, fing sich wieder, aber seine Fackel rutschte ihm aus der Hand und verlosch zischend in einer Pfütze. Cay verfluchte die Tatsache, dass er nicht einmal Licht zaubern konnte. Da sah er einen Lichtschein, flackernd und aufgeregt, nur wenige Meter von ihm entfernt. Er bog um eine Ecke. Erleichterung durchströmte ihn, als er Mairis braune Locken sah, sofort abgelöst von Entsetzen, als er erkannte, was ihren Fuß umschlungen hielt.
   Schmierige blaugrüne Finger rissen an Mairis Bein. Zogen sie in eine schillernde Pfütze, über der Irrlichter aufgeregt herumwirbelten. Verzweifelt versuchte Mairi, sich an einem Felsen festzuhalten, doch ihre Finger rutschten ab. Cay wollte zu ihr, wollte ihren Arm packen, da schoss eine Fontäne aus der Pfütze und fegte ihn von den Füßen. Der Wassernöck grollte und zerrte Mairi unter die Oberfläche.
   Cay schrie auf. Er robbte sich an die Pfütze heran und erwischte ihren Arm. Er schloss seine Finger darum, so fest er konnte, und zog, bis wenigstens ihr Gesicht aus dem Wasser schaute. Verzweifelt rang sie nach Luft, während ihre Augen stumm um Hilfe schrien. Cay umfasste ihren Arm fester. Er durfte nicht zulassen, dass der Nöck sie nach unten zog. Er würde sie nicht nur ertränken, er würde sie fortholen, in eine parallele Welt, aus der es kein Entkommen gab. Die Pfütze würde wieder nur eine Pfütze sein und Mairi für immer verloren.
   »Ich helfe dir«, versprach Cay verzweifelt. Wenn er doch nur wüsste, wie er das anstellen sollte.
   Mairi kreischte erneut, als der Nöck an ihrem Bein zerrte. Sie trat und wand sich, doch er hatte zu viel Kraft. Cay hielt dagegen und dennoch versank sie wieder unter Wasser. Ihre Finger entglitten ihm.
   »Nein«, schrie er. »Du verdammtes Biest. Du kriegst sie nicht.« Hilflosigkeit. Ein hämisches Blubbern stieg auf, als er Mairi endgültig verlor. Ein Schlag traf ihn an der Schulter, stieß ihn weg. Schwarzer Rauch erfüllte die Höhle und nahm ihm die Luft zum Atmen. Der Rauch fuhr in die Pfütze wie ein Blitz, trieb das Wasser daraus hervor und spuckte schließlich Mairi aus. Hustend und würgend lag sie am Rand des Lochs.
   Erleichtert versuchte Cay, durch den Rauch etwas zu erkennen. Ein weiterer Schatten. War es ein weiteres Monster, oder … »Magnus?«
   »Bleib, wo du bist. Es ist noch nicht vorbei!«
   In diesem Moment ertönte ein grässliches Schaben und Grollen aus dem Loch, der Nöck kam daraus hervorgeschnellt und stürzte sich auf Magnus. Der schwarze Rauch explodierte in der Höhle, hüllte ihn ein, und als er verflog, war der Nöck fort.
   Auf allen vieren näherte sich Cay Mairi, die sich ins Sitzen gezogen hatte. »Geht es dir gut?«, fragte er.
   Sie sah ihn an, mit geweiteten Augen und leerem Blick. »Nachtmahre«, flüsterte sie. Sie robbte von Cay weg. »Bleib mir vom Leib.« Sie rappelte sich auf und taumelte von der Pfütze weg.
   »Warte doch«, rief Cay. »Lass Magnus nachsehen, ob …«
   Mairi schüttelte heftig den Kopf. »Ihr seid schuld. Ihr beherbergt sie hier, du und deine Familie. All diese Monster. Ich dachte, es wäre nicht wahr, ich hielt es für dumme Geschichten, aber jetzt weiß ich es besser.« Sie war leichenblass. »Ich werde es allen sagen. Dass … dass es eure Schuld ist. Weil all das Getier aus euren Höhlen kommt. Und dass ihr über die Nachtmahre gebietet. Über ihren schwarzen Rauch, der alles tötet, sogar einen Wassernöck.« Dann wandte sie sich um und rannte davon.
   »Warte, das ist doch Unsinn!« Cay wollte ihr folgen.
   Magnus hielt ihn auf. »Lass sie.«
   »Aber es gibt keine Nachtmahre, es hat sie noch nie gegeben, sie sind nur eine Legende, und es ist auch nicht unsere Schuld, dass …«
   »Du kannst sie nicht überzeugen. Nicht, wenn die Angst ihr noch so in den Gliedern steckt.«
   Mit klopfendem Herzen sah Cay ihr nach. Beinahe wäre sie verloren gewesen. Weil er nicht wusste, wie man den schwarzen Rauch beschwor. Das einzige Mittel, das sie gegen die magischen Kreaturen kannten, die in ihren Höhlen hausten. »Ein Glück, dass du gekommen bist«, sagte Cay und fühlte sich dabei schrecklich. »Ohne dich …« Er biss sich auf die Lippen. »Bitte Magnus, du musst mir zeigen, wie es geht. Wie beschwört man den schwarzen Rauch? Zeig mir nur das.«
   Magnus sah ihn zögerlich an. »Vater hat es verboten.«
   »Aber Vater kann nicht überall sein, um uns zu schützen. Und sie.« Er deutete auf den Gang, in dem Mairi verschwunden war. »Die Leute aus dem Dorf kennen den Eingang, sie schleichen sich hinein, sollen wir einfach zusehen, wie sie einer nach dem anderen verschwinden?«
   »Du hast recht, etwas muss geschehen. Ich werde den Eingang verstecken. Es ist zu gefährlich.«
   »Magnus bitte, nur den Rauch, zeig mir den schwarzen Rauch!«
   Mitleid leuchtete in den Augen seines Bruders auf, als er den Kopf schüttelte. »Es tut mir leid.«
   Cay ballte die Fäuste. Scham und Hilflosigkeit mischten sich in seinem Bauch zu einer grollenden Wut. Sollte er denn immer von Magnus abhängig sein? Was, wenn er nächstes Mal nicht schnell genug war? Ohnmächtig folgte er seinem Bruder durch die Finsternis der Höhlen. Zwischen den Wänden hörte er immer noch Mairis schreckliche Schreie. Er ballte die Fäuste, bis sich seine Fingernägel in seine Handflächen gruben.
   »Cay? Du tust mir weh.«
   Von Schmerz durchsetzt sirrten die Worte durch sein Bewusstsein. Cay versuchte, sie zu verstehen, bemühte sich, zu begreifen, woher sie kamen. Er kämpfte sich zurück in die Wirklichkeit. Spiegelnde Glastürme, die bis an die Wolken reichten, ihm gegenüber auf der anderen Seite des schimmernden Flusses, ersetzten die unheilvollen Höhlen. Der Lärm von Maschinen, Motoren und Automobilen empfing ihn in einer modernen, technisierten Wirklichkeit. Erst entsetzlich, zu laut, zu viel. Dann tröstlich. Es war vorbei. Es lag lange zurück. So lange, dass er manchmal fast glauben konnte, es wäre die Erinnerung eines anderen Menschen, nicht seine. Nur ein Blick auf seine schwarze geschundene Seele bewies ihm das Gegenteil.
   »Cay, was ist los? Ist alles in Ordnung?«
   Langsam senkte er den Kopf. Sie stand vor ihm. Leonora. Sie wand sich in seinen Armen, die sie mit aller Macht umfangen hielten. Er sollte sie loslassen, doch ihre Berührung war das Einzige, was ihm Halt in der Realität gab, wenn die Erinnerungen ihn überfielen. Trotzdem zwang er sich, die Umarmung zu lösen. Sie atmete tief durch.
   »Es tut mir leid«, flüsterte er.
   »Schon gut.« Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. »Du bist ganz blass. Bitte sag mir, was los ist. Vielleicht kann ich helfen.«
   »Du hilfst mir schon«, erwiderte heiser und sah sie endlich an. Statt mit seiner Hand hielt er sich mit seinem Blick an ihr fest. Sie war da. Immer, wenn die Erinnerungen kamen, wenn sie ihn mit sich fortrissen, war sie da. Jedes Mal wünschte er sich, sie würde diese geistigen Aussetzer nicht mitbekommen, und jedes Mal war er trotzdem froh, dass sie bei ihm war, wenn er zurück in die Realität fand.
   »Es wird häufiger.« Eine bloße Feststellung durchsetzt von unterschwelliger Angst, sodass er endlich ganz aus seiner Starre erwachte.
   »Ja.« Er hatte befürchtet, dass sie es bemerken würde. Wie könnte sie das auch nicht? Es ging viel zu schnell. Die Erinnerungen kamen zu oft, die Aussetzer häuften sich. Das war nicht nur unangenehm, es war ein verdammt schlechtes Zeichen.
   »Was ist es? Was siehst du?«
   Cay wich ihrem Blick aus. »Menschen, Orte, Zeiten aus meiner Vergangenheit.« Aber warum? Warum diese Erinnerungen, warum jetzt? Es ergab keinen Sinn.
   »Es wirkt, als ob du Schmerzen hast«, fuhr Leonora leise fort. Behutsam strich sie ihm ein paar Haare aus der Stirn. Sie waren feucht von Schweiß und Leonoras Fingerspitzen herrlich kühl auf seiner Haut.
   Cay presste die Lippen zusammen. Schmerzen. Ja. Er hatte versucht, das Stechen in seinem Inneren zu ignorieren, das mit jeder Erinnerung zu einem blendenden Reißen anschwoll und erst Stunden danach wieder langsam abebbte. »Es sind die Narben«, erwiderte er schließlich.
   Er sah ihr an, dass sie sofort verstand, welche Narben er meinte. Die dunkelsten Stellen auf seiner Seele, die er immer spüren konnte, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die Stellen, die er nie genau betrachten wollte, weil in jeder einzelnen zu lebensecht die Erinnerung verborgen war, wodurch er sie davongetragen hatte. Jede einzelne erzählte die Geschichte von Bartolomeus und seinen Experimenten. Und wenn sein Leben an ihm vorüberzog, pochten sie wie Störsender und sandten einen alles durchdringenden Schmerz in seine Glieder.
   »Wie lange spürst du sie schon? Schon seit damals, seit dem Mittelalter?«
   Cays Herz setzte einen Schlag aus. Er konnte nur hoffen, dass sie nicht ahnte, was die Schmerzen möglicherweise bedeuteten. »Als der Fluch aufgehoben wurde, fing es an. Als ich wieder die Seelenenergie sammeln wollte, habe ich mich mit Absicht in jene Erinnerungen hineinversetzt. Ich wollte nichts mehr fühlen, kein Mitleid mehr haben. Nur so hätte ich wieder Seelen brechen können. Jede Narbe entspricht einer dieser Erinnerungen. Indem ich die Erinnerungen erneut heraufbeschworen habe, muss ich die Narben gereizt haben. Und nun kommen sie nicht mehr zur Ruhe.« Wie sehr er hoffte, dass das die Wahrheit war.
   »Das klingt schrecklich. Kann ich irgendetwas tun?«
   »Du tust schon genug«, erwiderte er sanft.
   »Kannst du die Narben nicht heilen? Meine auf der Haut konntest du einfach entfernen.« Sie betrachtete ihre Unterarme und in ihm wallte Zorn auf, als er daran dachte, was Ekarius ihr angetan hatte. Der Moment, in dem er sie gesehen hatte, blutend, bewusstlos, hilflos ausgeliefert, erschütterte ihn jetzt noch bis in die Grundfesten seines Wesens. Er musste sich beherrschen, sie nicht an sich zu ziehen und zu halten, bis das Gefühl abebbte. Er lächelte bitter. Das war vielleicht keine gute Idee. Am Ende erdrückte er sie noch, ohne es zu bemerken. Das war mit das Schlimmste daran. Wenn er einen dieser Aussetzer hatte, war er vollkommen weggetreten. Er hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Er war hilflos dagegen. »Nein, ich kann sie nicht heilen. Ich weiß nicht, ob es überhaupt möglich ist. Selbst mit Seelenenergie nicht.«
   »Cay.« Ihre Augen leuchteten vor Mitleid.
   Er wandte das Gesicht ab. »Nicht.« Er hasste es, wenn sie ihn so ansah. Voller Hoffnung, dass er für alles eine Lösung hatte. »Es wird sich legen«, knurrte er.
   Leonora lächelte traurig, und er wusste, dass sie nicht weiter nachhaken würde. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, wenn er über etwas nicht mehr reden wollte.
   »Sagst du mir wenigstens, warum wir eigentlich hier sind?«, fragte sie und deutete auf die Skyline von Boston, die sich nicht nur auf der anderen Seite des Flusses, sondern überall um sie herum ausbreitete. Er wusste, dass er sie bald nicht länger hinhalten konnte. Aber er konnte es ihr noch nicht sagen, seine Vorbereitungen waren noch nicht abgeschlossen. Cay deutete auf den Himmel über ihnen. »Wegen der Astronomie.«
   Sie schnaubte. »Klar. Das ergibt total Sinn, dass du mich in eine amerikanische Großstadt bringst, in der der Himmel so gut wie nie richtig dunkel wird, um mir etwas über das Sonnensystem beizubringen.«
   Er lachte. »Sie haben ein tolles Planetarium.«
   »Cay«, begann sie, wieder ernst.
   »Na gut«, unterbrach er sie. Bevor sie wieder auf die Schmerzen zu sprechen kam. Oder auf die Narben. Oder auf die Frage, warum sie hier waren. »Ich habe dich tatsächlich aus einem ganz bestimmten Grund hierher gebracht.«
   »Nach Boston?«
   »Nein, ich meine hierher, an den Fluss.« Obwohl sie mitten in der Stadt waren, war es eine etwas versteckte, von mehreren hohen Bäumen geschützte Stelle am Ufer des Charles River, an der sie niemand sah. Zum Teil auch, weil er mit Magie nachgeholfen hatte.
   Er atmete tief durch, als müsste er zusammen mit der Atemluft Mut einsaugen. Und dabei war das, was er tun wollte, noch nichts gegen den wahren Grund, warum er sie hierher gebracht hatte. Aber es würde sie hoffentlich davon ablenken. Denn wenn sie zu früh erfuhr, was er plante, und wenn sie erfuhr, was wahrscheinlich hinter den Narbenschmerzen steckte, würde sie niemals zustimmen.
   Er schob eine Hand in seine Hosentasche und schloss die Finger um die Schlüssel, als müsste er sie beschützen. Sofort blitzten die Erinnerungen in ihm auf, diesmal nur kurz und ungefährlich. Und doch beängstigend. Sollte er nicht besser warten? Er hatte schließlich von ihr verlangt, alles zu vergessen, aber das Gefühl der Ohnmacht war noch zu frisch in ihm. Die Angst, die Wut, die Scham, weil er nichts hatte tun können, eingebrannt durch die Erinnerung, die er gerade durchlebt hatte. Damals war er abhängig gewesen, hilflos, angesichts der Gefahr, und er wollte nicht, dass es Leonora ebenso erging.
   Er hätte ihr diesen Tag des Vergessens gegönnt. Er hätte ihn sich selbst gegönnt, und er hatte geglaubt, sie könnten es sich leisten, ein paar Stunden zu verschwenden. Aber er konnte keine Sekunde opfern. Sie musste jeden erdenklichen Weg lernen, sich mit Magie zu verteidigen. Das war der beste Schutz, den er ihr bieten konnte.
   »Ich möchte, dass du selbst lernst, einen Schutzzauber herzustellen«, stieß er hervor, bevor er es sich anders überlegen konnte.
   »So einen wie in der Kette, die ich verloren habe?« Sie sah schuldbewusst und traurig aus. Er wusste, dass der Verlust der Kette sie hart getroffen hatte.
   »Genau so einen.«
   »Ich hoffe, ich finde sie irgendwann wieder. Ich habe schon gesucht, aber es ist uferlos, der Wald ist zu groß. Die Kette, sie hatte eine ganz besondere Bedeutung für mich.« Sie sah zu ihm auf. »Nicht nur, weil du sie mir gegeben hast, sondern weil ich mir in dem Moment, in dem ich beschlossen habe, sie zu tragen, eingestanden habe, dass du mir etwas bedeutest.«
   Er lächelte bei der Erinnerung daran, wie er sie mit der Kette um den Hals erwischt hatte und wie rot sie geworden war. Sie hatte nicht gewollt, dass er es sah, weil er natürlich genau wusste, dass sie ihm damit ein Zugeständnis machte. Er versuchte, sich ins Gedächtnis zu rufen, was er in jenem Moment gedacht hatte. Wahrscheinlich war es nur Triumph gewesen, Freude, weil sein Plan funktionierte, mehr nicht. Damals war es schließlich nur der Fluch gewesen, der ihn zu ihr hingezogen hatte, doch wenn er sich zurückbesinnte, breitete sich ein warmes Gefühl in ihm aus, das er damals sicher nicht empfunden hatte. Für ihn war die Kette lediglich ein Instrument gewesen, ein Mittel, sein Ziel zu erreichen. Deswegen war er beinahe froh, dass er sie durch etwas anderes ersetzen konnte. Etwas, das für ihn eine echte Bedeutung hatte. Etwas, das sie viel besser schützen konnte als der alte Anhänger. Cay schob eine Hand in die Tasche und schloss sie um die Schlüssel.
   »Ich habe etwas anderes für dich, etwas Besseres.« Er zog die Schlüssel aus seiner Tasche und legte sie ihr in die geöffnete Hand.
   Sie starrte darauf. »Was ist das?«
   »Das sind die Schlüssel zum Schloss«, antwortete er leise. Seine Stimme schwankte.
   Lange schwieg sie, betrachtete die Schlüssel auf ihrer Handfläche. Es waren zwei, der eine war sehr groß und dunkel vor Rost. Cay deutete darauf.
   »Der hier war ursprünglich nur für das Tor, aber ich habe einen Zauber gewirkt, der ihn für alle großen Türen im Schloss schließen lässt, und der kleine …« Er verstummte. »Der kleine Schlüssel ist für alle anderen Schlösser, die es gibt. Alles, was sich im Schloss befindet, jedes Kästchen, jedes Geheimfach kannst du damit öffnen.«
   Sie sah auf und ihre Augen glänzten verräterisch. Natürlich hatte sie sofort verstanden, was das bedeutete. Alles, was seins war, gehörte jetzt auch ihr. So vieles, was er noch nie mit irgendeinem Menschen geteilt hatte, gab er für sie frei. Es hätte sich anfühlen sollen, als ob er sich ihr mit Haut und Haar auslieferte. Stattdessen stellte er verwundert fest, dass es sich gut anfühlte. Es war fast eine Erleichterung. Als ob sie einen Teil von ihm besaß und mit ihm zusammen trug.
   »Du gibst mir die Schlüssel?«
   »Ich hätte sie dir längst geben sollen. Sie gehören rechtmäßig dir.« Er fragte sich, ob sie sich wirklich der Tragweite bewusst war. »Es waren die Schlüssel meiner Mutter und davor gehörten sie der Mutter meines Vaters. Es sind die Schlüssel der Burgherrin.«
   Sie starrte ihn an. »Heißt das, dass wir …?«
   Cays Herzschlag beschleunigte sich. »Dokumente sind nur Worte auf Papier. Sie sind zu leicht zerstörbar, sie bedeuten nichts. Diese Schlüssel hingegen sind unzerstörbar. Sie binden uns für immer aneinander. Wenn du es willst.« Er konnte schließlich nicht verlangen, dass sie sich an jemanden band, der nicht mehr lange an ihrer Seite sein würde. Aber es ging nicht nur darum. Es war eine der effektivsten Möglichkeiten, sie zu schützen, die er kannte. Neben dem Zauber, der ihn rief, wenn sie in Gefahr geriet.
   »Alles, was mir gehört, gehört damit dir. Oder … nur dir«, fügte er leise hinzu.
   Ihre Hand begann zu zittern, als sie die Schlüssel an sich nahm. Sie sah auf. »Hast du sie mir deshalb gegeben? Damit alles mir gehört, wenn du …« Sie stockte. »Dann will ich sie nicht.«
   »Nein«, unterbrach er sie sanft. »Nicht deshalb. Trotzdem. Ich habe sie dir gegeben, obwohl ich das nicht von dir verlangen dürfte. Es ist egoistisch von mir und ich verstehe, wenn du es nicht willst.« Sein Herz raste, während er auf ihre Antwort wartete. »Du musst nicht Ja sagen. Niemand sollte sich an jemanden wie mich binden.« Er lächelte schief. »Selbst wenn er dadurch an ein altes Schloss mit Wasserfall kommt.«
   Sie lachte nicht. »Zu spät.« Ihre Stimme schwankte. »Schon lange zu spät.« Sie schloss die Finger noch fester um die Schlüssel. »Danke.«
   Er legte seine Hände um ihre, hob sie an seinen Mund und küsste ihre Fingerspitzen. »Du ahnst nicht, wie viel mir das bedeutet. Ich habe schon nicht mehr daran geglaubt.« Er brach ab. Lange, bevor der Fluch eingetreten war, hatte er den Gedanken aufgegeben, jemals jemanden zu finden, dem er die Schlüssel anvertrauen würde. Vielleicht schon in jenem Moment, in dem er nach dem Brand auf Athanor gestiegen war und das Schloss hinter sich gelassen hatte. Vielleicht sogar schon früher. Viel früher. Als ihm klar geworden war, dass die Position der Burgherrin kein Privileg war, sondern eine Bürde, die man nur einem Menschen auferlegte, von dem man wusste, dass er sie tragen konnte. Er betrachtete Leonora, wie sie mit leicht geröteten Wangen die Schlüssel ansah. Mit einer Fingerspitze zeichnete sie das Muster nach, aus dem der Griff bestand. Er wusste, dass sie stark genug war, die Bürde zu tragen. Wenn es jemand konnte, dann sie. Trotzdem hatte er bisher immer gezögert, ihr die Schlüssel zu geben, weil er nicht sicher gewesen war, dass er ihr das auflasten wollte.
   Nun zu sehen, wie sie die Schlüssel in der Hand hielt, erfüllte ihn mit einem ursprünglichen, archaischen Besitzgefühl. Endlich wurde ihm klar, warum er sie ihr gegeben hatte. Nicht nur, weil sie einen besonders starken Schutzzauber beherbergen konnte. Nein. Er wollte Leonora an sich binden, wollte sie ganz und gar besitzen, und er wollte, dass sie es wusste. Er brauchte dieses Gefühl, dass sie ganz ihm gehörte.
   Bevor er sie für immer verlor.

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