Während Lena alles daran setzt, Cay zu retten, will er nur noch eins: Mathäus vernichten. Denn Lena gerät immer tiefer in Mathäus’ klebriges Netz und schließlich macht dieser ihr ein unwiderstehliches Angebot: Er lockt sie nach Brunnstein, der Residenz seiner Ahnen. An den dunklen Hort aller Geheimnisse, die er seit mehreren Jahrhunderten hütet, und die Lena helfen könnten, Cay vor seinem unausweichlichen Schicksal zu retten. Beide wissen, dass es eine Falle ist, und gleichzeitig der einzige Ausweg, der ihnen noch bleibt. Wider jeden seiner Instinkte muss Cay beweisen, dass er sich wirklich geändert hat, denn für seinen Plan im Kampf gegen Mathäus muss er Lena in die Höhle des Löwen schicken. Tief hinein in den Abgrund der Vergangenheit, wo Lena sich einer Wahrheit stellen muss, die sie bis auf die Grundfesten ihrer Seele erschüttert ...

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ISBN: 978-9963-53-543-9

Seiten: 502

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Alana Falk

Alana Falk
Alana Falk lebt mit ihrem Mann in München und arbeitet als Übersetzerin. Liebesgeschichten in allen Formen, mit oder ohne Fantasy, faszinieren die Autorin besonders. Schon als Teenager dachte sie sich eine Herzschmerzgeschichte nach der anderen aus, schrieb sie jedoch nie auf. Erst mit 28 begann sie ernsthaft mit dem Schreiben. Außer Paranormal Romance schreibt sie erotische Liebesromane unter ihrem Pseudonym Emilia Lucas. Zu ihrer Seelenmagie-Trilogie inspirierte sie unter anderem ein verlassenes, schmiedeeisernes Tor mitten in der Wildnis.

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Kapitel 1

Tage. Ihnen blieben nur noch wenige Tage. Um Mathäus zu besiegen. Um Cays Leben zu retten.
   Lena schloss die Augen ganz fest und versuchte, den Gedanken wegzuschieben. Sie saß vor Cay auf Athanor, ließ sich absichtlich von den schaukelnden Pferdebewegungen gegen ihn drücken und genoss es, dass er seinen Arm fest um ihre Taille gelegt hatte. Panacea, auf der Lena in den Wald geritten war, um Cay zu suchen, trottete hinter ihnen her. Immer wieder wanderte Lenas Hand zu den Schlüsseln an ihrem Hals, und sie erinnerte sich an Cays Gesichtsausdruck und an seine Worte, als er sie ihr vor wenigen Augenblicken erneut gegeben hatte.
   Dieses Mal gebe ich dir die Schlüssel, weil ich will, dass du verstehst, was sie bedeuten. Sie sind eine Bürde, eine schreckliche Last. Mit ihnen geht die Verantwortung einher, das Leben mit mir zu teilen. Und niemand weiß so gut wie du, dass das nicht einfach ist. Diese Schlüssel sind weder ein Geschenk noch eine Auszeichnung. Sie sind meine Bitte an dich, mir zu helfen, diese Bürde zu tragen. An meiner Seite. Als meine Partnerin.
   Ein berauschendes Glücksgefühl mischte sich mit dem schmerzhaften Ziehen in ihrem Herzen. Nie würde sie diesen Moment vergessen. Sie lehnte sich noch enger an Cay, um jedes Bisschen seiner Nähe in sich aufzusaugen, für den Moment, der bald kommen würde. Den Moment, den sie seit Stunden fürchtete. Ihre eigenen Worte kamen ihr in den Sinn, die Worte, die sie vor so kurzer Zeit erst zu Cay gesagt hatte, und die ihr doch vorkamen, als wären sie Monate her.
   Meinst du, ich weiß nicht, was du als Allererstes tun wirst, sobald ich dir den Rücken zuwende? Ich weiß genau, dass du, sobald du auch nur wieder aufrecht stehen kannst, zu Mathäus gehen wirst.
   Er hatte es nicht abgestritten. Sie glaubte zu wissen, was er sich davon erhoffte. Er wollte mit eigenen Augen sehen, was aus seinem ehemaligen Komplizen geworden war, wollte ihn direkt konfrontieren, um in seinem Verhalten, in seiner Mimik, in jedem winzigen Detail Hinweise darauf zu finden, wie er ihn besiegen konnte. So schnell wie möglich, sobald er wieder bei Kräften war. Und mit jeder Minute, mit der er sich mehr erholte, krampfte sich ihr Magen immer heftiger zusammen.
   Nachdem Cay ihr die Schlüssel gegeben hatte und zurück zum Schloss hatte reiten wollen, um sie dort abzuliefern, war sie ohne ein Wort vor ihm auf Athanor geklettert anstatt auf Panacea. Als könnte sie ihn durch ihre bloße Anwesenheit überzeugen, nicht zu Mathäus zu gehen. Als könnte sie ihn festhalten. Athanor trat aus dem Wald, und der See schillerte vor ihnen in der Herbstsonne. Ihr Herz begann schmerzhaft zu pochen und das Atmen fiel ihr schwer. Wenn es doch nur eine Möglichkeit gegeben hätte, Cay davon abzuhalten.
   Sein Arm legte sich fester um sie, und sein Atem streifte ihr Ohr. Lena erschauderte.
   »Nicht«, flüsterte Cay in ihr Ohr. »Hab keine Angst.« Seine dunkle Stimme schien sie zu durchdringen.
   »Ich versuche es ja, ich …« Ihre Stimme versagte. Sie wollte keine Angst haben. Nicht so eine Angst, die jede ihrer Fasern durchdrang und jede Sekunde an Cays Seite unerträglicher machte. Sie machte sie nicht wacher für die Gefahr, sondern lähmte sie.
   Als er Athanor am Seeufer anhalten ließ, sah Lena fragend zu Cay auf. Warum ritt er nicht direkt zum Stall? Er lächelte, doch es überdeckte nicht die Anspannung in seiner Miene. »Ich habe Mathäus seit fünfhundert Jahren nicht gesehen. Ein paar Minuten machen keinen Unterschied.«
   Er stieg von Athanors Rücken und wartete darauf, dass Lena in seine Arme rutschte. Sie tat ihm den Gefallen. Er zog sie ans Seeufer, zu einem Fleckchen Gras, das die Sonne getrocknet hatte. Ein paar Minuten. Offensichtlich gestohlene Minuten, jene Momente, die er erwähnt hatte, nachdem er ihr die Schlüssel gegeben hatte.
   Ich will nicht mehr warten, dass mein Wunsch von unserer Zukunft Wirklichkeit wird. Vielleicht wird er das nie. Ich will jede Sekunde nutzen, die wir noch gemeinsam haben.
   Als sie neben ihm saß und er seinen Arm um sie legte, hörte sie Athanors dumpfe Schritte im Gras. Er näherte sich ihnen, senkte den Kopf und rieb seine lange Nase mit geschlossenen Augen an Cays Schulter. Eine sanfte, zärtliche Geste zwischen zwei Seelen, die sich so unendlich lange kannten und so lange nur einander gehabt hatten. Sie hatten so viel zusammen durchgemacht. Unwillkürlich fragte sich Lena, ob Athanor es wusste. Spürte er, wie wenig Zeit seinem Herrn noch blieb? Sie verbot sich den Gedanken und versuchte, das Gleiche zu tun wie in Boston: die wenigen Momente unbeschwert genießen und alles andere aus ihren Gedanken zu verbannen. Athanor hob den Kopf und prustete in Cays Haare, bevor er ein paar in sein weiches Maul nahm und daran zupfte.
   »Hey!« Cay wandte sich zu ihm um und schob ihn weg, streichelte jedoch seine Nase und klopfte seinen Hals. Es waren unwillkürliche Gesten, aber gerade deswegen drückten sie die ganze Zuneigung aus, die über Jahrhunderte zwischen den beiden gewachsen war.
   Lena lächelte. »Da kann man direkt neidisch werden.«
   Cay wandte sich zu ihr um. Seine grünen Augen glitzerten spöttisch. »Du bist eifersüchtig auf mein Pferd?«
   Sie grinste. »Nein, eifersüchtig auf dich. Bei mir hat das noch nie ein Pferd gemacht.«
   Cays Lachen vibrierte in ihrem Körper.
   »Verstehe. Du willst auch Pferdespucke in den Haaren. Das lässt sich einrichten. Athanor?«
   Der Hengst hob den riesigen Kopf und sah Lena an. Bildete sie es sich nur ein, oder war ein freches Glimmen in seine Augen getreten?
   Sie hob lachend die Hände. »Nein, danke. Ich meinte nur …, er ist so loyal, und ich stelle mir das schön vor.« Unwillkürlich sah sie zu Panacea hinüber, die ein ganzes Stück entfernt von ihnen graste.
   Cay folgte ihrem Blick. Das freche Grinsen auf seinem Gesicht verblasste und wich einem Ausdruck von tiefer Zuneigung. Lange sah er sie nur so an. »Weißt du …«, sagte er schließlich leise mit einem winzigen Schwanken in der Stimme. »Sie war das einzige Tier, das noch hier war, als ich zurückkam, nach jenen langen Jahren auf Bartolomeus’ Burg. Das Schloss lag unter einem Schutzzauber meines Vaters, der verhinderte, dass sich jemand daran zu schaffen machte oder es zerfiel. Doch er hinderte die Tiere nicht daran, zu kommen oder zu gehen. Als ich weg war, und das Schloss leer, haben sich die meisten von ihnen ein anderes Zuhause gesucht. Sogar die Katzen waren weg. Ich war danach mit Athanor völlig allein hier. Es war fast gespenstisch, wie verlassen es war. Manchmal frage ich mich, ob die Tiere es wussten. Möglicherweise haben die Katzen den Fluch schon als Schatten über der Zukunft gespürt, lange bevor Greta plante, ihn zu verhängen.«
   Lena bekam eine Gänsehaut. Sie stellte sich vor, wie sich Finsternis über das Schloss senkte, einsame, kalte, Finsternis, frei von allem Leben, so wie die tote Stelle im Wald es lange gewesen war. Nur Cays warme, angenehme Stimme streichelte ihre Sinne, und sie versank in seiner Erzählung.
   »Zuerst habe ich nur ihre Augen gesehen. Sie glänzten zwischen den Bäumen, und ich fragte mich, ob sie einer Kreatur gehörten, die der Nachtmahre entkommen war. Oder gar der Nachtmahre selbst. Obwohl ich wusste, dass es unmöglich war, denn … die Nachtmahre ist mit Antonius gestorben.« Er brauchte ein paar Sekunden, bevor er weitersprach. »Es dauerte Wochen, bis Panacea aus dem Wald kam und sich sehen ließ. Sie pirschte sich an uns heran, etwas mutiger, wenn Athanor bei mir war. So lange, bis sie eines Tages direkt vor uns stand. Sie musterte mich von oben bis unten, und ich konnte ihr ansehen, dass sie enttäuscht war. Sie wandte sich um und stürmte in den Wald. Wir bekamen sie monatelang nicht mehr zu Gesicht. Ich dachte schon, sie wäre für immer verschwunden, aber sie blieb. In den Jahren danach sah ich manchmal ihr graues Fell zwischen den Bäumen, und wenn der Winter sehr hart war, ließ sie sich gelegentlich dazu herab, etwas Heu von mir anzunehmen, wenn ich es weit genug vom Schloss entfernt für sie hinlegte. Manchmal dachte ich, dass sie mich missbilligend ansieht. Als wüsste sie …« Cay verstummte, und Lena wurde klar, dass das die Jahre gewesen sein mussten, in denen Cay die Seelenenergie gesammelt hatte. Seine dunkelsten, verzweifeltsten Jahre.
   »Erst lange, nachdem der Fluch verhängt wurde, kam sie das erste Mal ganz nah zum Schloss. Ihre Augen waren weiß, halb blind vom Alter, ihr Rücken hing durch, und jeder Schritt schien sie unglaublich viel Kraft zu kosten. Sie sah aus, als wäre ihre Zeit gekommen, aber statt sich einen einsamen Platz zu suchen, kam sie zu mir. Zum allerersten Mal.«
   Lena starrte Cay an. »Warum?«
   »Vielleicht konnte sie spüren, dass Athanor durch die Bindung an die Erde unsterblich geworden war.«
   Sie lachte ungläubig. »Du glaubst, sie wollte, dass du sie auch unsterblich machst?«
   Er zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Vielleicht will ich es auch nur denken und war froh, dass ich Athanor Gesellschaft geben konnte. Aber ich glaube, sie wollte bleiben. Sie wollte nicht gehen. Sie wollte weiter warten.«
   »Warten?«, flüsterte Lena. »Auf wen?«
   Cay hob den Kopf und sah sie mit dunklem Blick an. »Wusstest du es nicht? Sie gehörte Magnus, als er noch ein kleiner Junge war.«
   Lena spürte einen Kloß im Hals, der ihr für ein paar Momente das Sprechen unmöglich machte. Sie wandte den Kopf und musterte die graue Stute, die am Seeufer stand und den Kopf senkte, um zu trinken. »Du meinst, sie wartet seit über fünfhundert Jahren darauf, dass er zurückkommt?«
   Cay sah sie an, als wollte er sie herausfordern, zu sagen, dass das unmöglich war. Doch Lena hielt es nicht für unmöglich. Sie glaubte nicht, dass Athanor jemals irgendwen wieder so lieben würde wie Cay, wenn er …
   »Weiß sie denn nicht, dass er tot ist?«, fragte sie und ihre Stimme brach, als sie Cays Blick auf sich ruhen fühlte.
   »Vielleicht will sie nicht einsehen, dass es hoffnungslos ist.« Cay hielt ihren Blick fest.
   Sie versuchte, seinen Blick zu erwidern, konnte es nicht, wandte das Gesicht ab. »Ihr Herz ist eben vergeben.«
   »Sie hat ein großes Herz«, flüsterte er. »Vielleicht ist eines Tages wieder Platz darin.«
   Lenas Augen wurden feucht. »Oder vielleicht ist es für immer verschlossen.«
   Cay lächelte traurig und strich sanft mit einer Fingerspitze über ihre Wange. »Ich hoffe nicht für immer.« Seine Stimme umschmeichelte sie wie rauer Samt.
   Lena klammerte sich an ihn. »Bitte rede nicht so. Das ertrage ich nicht. Glaubst du, ich denke nicht in jeder Sekunde daran, wie aussichtslos alles ist? Ich will das nicht mehr. Die ganze Zeit, die wir zusammen sind, haben wir immer nur gekämpft. Immer nur gelitten. Immer nur …« Sie schluckte. Mikes Gesicht tauchte vor ihrem inneren Auge auf. »Immer nur verloren. Ich will, dass es sich gelohnt hat.«
   »Das will ich auch.«
   »Ja, ich weiß. Aber … wir haben immer nur nach außen geschaut, zu den anderen. Haben uns immer gesagt, dass wir glücklich sein können, wenn alles vorbei ist. Und damit haben wir uns die ganze Zeit unglücklich gemacht. Die ganze Zeit haben wir uns misstraut, haben uns angelogen, um einander zu helfen und den anderen zu schützen. Was hat uns das gebracht? Nichts. Ich will dir vertrauen, und ich will, dass du mir vertraust. Ich will, dass wir zusammen sind, eine Einheit. Ich will diese letzten …« Sie stockte, brachte es kaum heraus. »Ich will unsere Zeit zusammen nicht damit verbringen, mich zu fragen, ob du mir etwas verheimlichst oder ob ich dir meine Sorgen anvertrauen kann.«
   Cay streichelte ihre Wange, lächelte traurig. »Vertrauen muss erst wachsen, das kann man nicht erzwingen.«
   Lena setzte sich auf, nahm seine Hand. »Ich weiß, dass es sich für dich anfühlt, als wärst du in freiem Fall, aber nach all der Zeit, nach allem, was passiert ist, ist dein Vertrauen in mich nicht endlich stark genug?«
   Er hielt ihrem Blick lange stand. Dann wandte er das Gesicht ab. Sie sah, dass er mit sich kämpfte. »Leonora, es gibt Dinge …«
   »Nein, bitte, versteh mich nicht falsch. Ich erwarte nicht, dass du mir alles erzählst, ich verlange nicht, dass du jedes Detail deiner Vergangenheit in meine Hände legst. Das wäre falsch, ich möchte es zwar gern wissen, aber erst, wenn du bereit dazu bist. Ich will nur, dass du mir vertraust. Restlos. Dass du dich niemals fragst, ob ich lüge. Niemals. So wie ich mir nicht erlauben werde, dir zu misstrauen. Egal, was passiert.«
   Er sah sie an, als wäre sie vollkommen verrückt geworden.
   Sie musste lächeln. »Ich weiß, es klingt … gefährlich. Aber es könnte so schön sein. Verstehst du denn nicht? Ich … ich will doch nur eine Chance. Egal, wie klein sie auch ist.«
   »Eine Chance auf was?«, fragte er vorsichtig.
   »Eine Chance auf Glück«, flüsterte sie und hielt seinen Blick fest. »Ich weiß, dass sie gering ist, verdammt gering, aber ich will nicht mehr unglücklich sein. Ich will nicht mehr in jeder Sekunde daran denken, dass es bald vorbei ist. Du hast gesagt, du willst jede Sekunde nutzen, die wir gemeinsam haben. Ich will mehr als das. Ich will … nur ein paar Momente, in denen wir einander vollkommen vertrauen, so sehr, dass wir eine Einheit sind. Nur ein paar Momente, in denen wir wirklich glücklich sind.«
   Ihre Stimme war immer leiser geworden. Ihr Wunsch spiegelte sich auf Cays Miene wider.
   »Glück?« Er schien das Wort in seinem Mund hin und her zu drehen, als suchte er immer noch nach dem wahren Sinn. Dann schien er die Szene um sie herum zum ersten Mal richtig wahrzunehmen. Lena, das Seeufer, Athanor, der nicht von seiner Seite wich. Sie hörte ihn die Luft in die Lungen saugen, als könnte er zum ersten Mal seit unendlich langer Zeit wirklich frei atmen, und wusste, dass er verstand.
   Sie drückte seine Hand, lächelte zaghaft, strich ihm die Haare aus der Stirn. »Manchmal reichen ein paar Sekunden davon für eine Ewigkeit.«
   Cay erwiderte nichts, zog sie nur an sich. Nicht verzweifelt, nicht wütend. Einfach nur zärtlich. Lange saßen sie so da, bis er sie schließlich von sich schob. Wieder atmete er tief ein, aber dieses Mal hörte sie seine Anspannung sehr deutlich heraus.
   »Du willst Ehrlichkeit?«
   »Ja.«
   Er nickte mit zusammengepressten Lippen. »Meine Kraft ist zurückgekehrt, so weit, wie sie es kann. Es gibt keinen besseren Moment, um zu Mathäus zu gehen.« Er wirkte grimmig.
   Lena hätte am liebsten sofort Nein gesagt, aber sie wusste, dass es richtig war. »Ich wünschte, du müsstest es nicht tun.«
   »Ich auch. Ich habe wirklich keine Lust, diesem Mistkerl noch einmal gegenüberzustehen. Ich wünschte, er würde einfach aus meinem …« Er unterbrach sich und sah Lena an. »Aus unserem Leben verschwinden.«
   »Aber du glaubst immer noch, dass er … etwas plant, was mich in Gefahr bringen könnte? Obwohl du jetzt weißt, dass er mein Vater ist?«
   »Vielleicht sogar noch mehr, weil ich es weiß«, antwortete er düster. »Er ist eine Gefahr für alle, die mit ihm zu tun haben. Ganz besonders für die Menschen, die ihm nahestehen.« Ein merkwürdiger Unterton färbte seine Stimme wie ein Geist der Vergangenheit, der zwischen Cays Worten sein Unwesen trieb.
   Die Härchen in Lenas Nacken stellten sich auf. Bevor sie etwas erwidern konnte, sprach er weiter.
   »Bald kann ich dich nicht mehr schützen. Ich muss herausfinden, was er dir antun will, und zwar jetzt. Ich kann nicht länger warten. Jede Minute ist kostbar.«
   Lena biss sich auf die Lippen, dann nickte sie. »Lass mich mitkommen.«
   Cay öffnete den Mund, und sie sah das kategorische Nein in seinen Augen. Doch er sprach es nicht aus. »Hältst du das für eine gute Idee?«, fragte er stattdessen. Es schien ihn eine Menge Überwindung zu kosten, und sie musste lächeln.
   Dann wurde sie wieder ernst und dachte darüber nach. Am liebsten hätte sie sofort Ja gesagt und wäre mit ihm gegangen, doch wenn er ihr entgegenkam, indem er sie nach ihrer Meinung fragte, musste sie es auch tun und wenigstens ernsthaft darüber nachdenken. Dummerweise gefiel ihr das Ergebnis ihrer Überlegungen überhaupt nicht. Schließlich schüttelte sie widerwillig den Kopf. »Gehen wir mal davon aus, dass du recht hast und er mir wirklich nur etwas vormacht, um mein Vertrauen zu gewinnen, weil das zu seinem Plan gehört.« Immerhin stand für Lena noch lange nicht fest, dass es so war. »Wenn ich dabei bin, wird er alles tun, um sich nicht zu verraten. Wenn du allein gehst, ist es vielleicht einfacher, ihn dazu zu verleiten, einen Fehler zu machen«, gab sie zu.
   Mit einem warmen Leuchten in den Augen sah er sie an. »Wirst du mir dann jetzt sagen, wo ich ihn finde?«
   Diesmal war sie es, der das kategorische Nein auf den Lippen lag, aber was würde es nutzen? Er würde nur kostbare Zeit damit verschwenden, es allein herauszufinden. Also beschrieb sie ihm widerwillig den Weg zu Mathäus‘ Wohnung.
   Er reichte ihr die Hand, und sie standen auf.
   »Sei vorsichtig, okay?«
   »Er wird nichts versuchen, da bin ich sicher. Wenn ich recht habe, hat er sehr viel Zeit und Mühe investiert, damit du ihm vertraust, das wird er nicht aufs Spiel setzen, indem er mich angreift.«
   Sie seufzte und nickte. »Ich werde mich damit ablenken, zu versuchen, die Bücher aufzutreiben.« Sie wollte endlich das Amulett fertigstellen. Oliver dazu zu bringen, ihr zu sagen, wie sie Cay retten konnte, war immer noch ihr bester Plan. Auch wenn Cay diesen Plan natürlich für vollkommen verrückt und viel zu gefährlich hielt, und sie nicht sicher sein konnte, dass Oliver etwas wusste. Falls Cay recht hatte, und Oliver ihr nur etwas vormachte, war es lebenswichtig, dass sie das Amulett hatte, um Oliver zu erpressen oder sich gegen ihn zu verteidigen.
   »Welche Bücher?«, fragte Cay.
   »Hab ich es dir noch nicht erzählt? Ich habe entdeckt, dass Leonhardt Claudius, der Autor von meinem Buch »Seltene Heilpflanzen, Eigenschaften und Verwendungsmöglichkeiten« noch ein weiteres Buch geschrieben hat. Das will ich mir anschauen. Ich hoffe, dass ich damit vielleicht herausfinden kann, wie ich das Amulett benutzen kann, ohne meiner Seele zu schaden.«
   Cay runzelte die Stirn. »Leonhardt Claudius? Tut mir leid, aber von dem habe ich noch nie gehört. Bist du sicher, dass das der richtige Name ist?«
   »Ja, ganz sicher.«
   Cay zuckte die Schultern. »Wenn du möchtest, helfe ich dir bei der Suche, wenn ich zurück bin.«
   Lena schmiegte sich an ihn. »Nicht lieber jetzt gleich?«
   Cays leises Lachen, das dunkel in ihrem Körper widerhallte, sagte ihr, dass er sie durchschaut hatte.
   »Netter Versuch.« Er küsste sie zärtlich, dann betrachtete er sie einen Moment lang angespannt. »Pass auf dich auf«, sagte er eindringlich. »Nicht nur wegen Mathäus. Ekarius ist immer noch auf freiem Fuß.« Sie hatte den Eindruck, dass er noch mehr sagen wollte, sie noch deutlicher warnen, sie vielleicht doch bitten, im Schloss zu bleiben, aber er hielt sich zurück. Auch sie beherrschte sich, sagte nicht, dass sie das Risiko eingehen musste, sondern nickte nur. Er berührte noch einmal flüchtig ihre Lippen mit seinen und verschwand, bevor sie versuchen konnte, den Kuss in die Länge zu ziehen.
   Lena betrachtete die Stelle, an der er gerade noch gestanden hatte. Sie schlang die Arme um sich. Die kalte Vorwinterluft ließ sie frösteln. Als sie aufsah, erstarrte sie.
   Der Himmel über dem Wald war von einem wabernden lilafarbenen Schleier überzogen. Polarlicht? Hier? Mitten in den Alpen? Lena schüttelte den Kopf. Das konnte keine natürliche Ursache haben. Ein Gruß von Cay? Ihre Augen wurden feucht. »Dummkopf. Du musst dir deine Kraft doch aufsparen.« Trotzdem gab es ihr ein warmes Gefühl, und sie stand noch lange da und sah den Lichtern zu, wie sie über den Himmel tanzten.
   Irgendwann riss sie sich los. Sie konnte Cay nicht davon abhalten, sich in Gefahr zu bringen, und sie konnte ihm im Moment auch nicht helfen. Dafür hatte sie selbst genug zu erledigen, und sie musste sich beeilen. Sie hatte nur noch wenig Zeit, bevor die Bayerische Staatsbibliothek geschlossen wurde, und sie konnte keinen einzigen Tag verschwenden. Sie musste unbedingt heute noch nach »De ratione animi« fragen. Dem Buch, von dem sie sich erhoffte, dass es Hinweise auf die Anwendung des Amuletts enthielt. Vor allem darauf, wie man es anstellte, dass es einem nicht die Seele zerfraß.

Kapitel 2

Cay stand vor dem alten Fabrikgebäude in der Nähe des Englischen Gartens und sah zu den erleuchteten Fenstern des Lofts hinauf. Es kam ihm lächerlich vor, dass ihr erstes Treffen nach so langer Zeit in einer gewöhnlichen Wohnung stattfinden würde. Cay seufzte. Er sollte hinaufgehen und tun, wofür er gekommen war. Es gab nichts, was ihn daran hinderte, Mathäus endlich mit allem zu konfrontieren. Nichts, außer Leonoras Gesicht, als sie ihn gebeten hatte, vorsichtig zu sein. Ihre Angst, ihm könnte etwas geschehen. Der Gedanke, dass sie sich um ihn genauso sorgte, wie er sich um sie, war neu für ihn. Es erfüllte ihn von innen heraus mit einer umfassenden Wärme. War das Glück?
   Noch einmal sah Cay zu dem Loft hinauf, dachte an Leonoras besorgten Blick, der ihn tief bewegte. Aber er war sich wirklich sicher, dass Mathäus ihn nicht angreifen würde. Nach allem, was Leonora ihm erzählt hatte, versuchte Mathäus, sie auf seine Seite zu ziehen und ihr weiszumachen, er hätte sich geändert. Er konnte es sich nicht leisten, Cay seine wahren Absichten zu offenbaren, also musste er sich zurückhalten. Es sei denn, Cay provozierte ihn. Kurz überlegte er, ob das eine gute Strategie wäre, um Mathäus dazu zu bringen, sich als derjenige zu zeigen, der er wirklich war. Nur wusste Cay nicht, ob er Mathäus‘ Magie gewachsen wäre. Dann würde Mathäus vielleicht die Gelegenheit ergreifen, sich seines alten Widersachers unter dem Vorwand der Notwehr bequem zu entledigen. Cay war sich zwar ziemlich sicher, dass er das nicht tun würde, aber natürlich bestand die Möglichkeit, dass er sich irrte. Das wäre dann etwas ungünstig. Und wahrscheinlich tödlich.
   Cay schloss die Augen und bemühte sich schon im Vorhinein um Beherrschung, damit er sich auf keinen Fall zu etwas Unbedachtem verleiten ließ, das Mathäus eine Ausrede liefern würde, ihn anzugreifen.
   Statt die Tür mit Magie zu öffnen, klingelte er und fuhr mit dem Aufzug nach oben. Er kam sich dabei ziemlich lächerlich vor, aber seine Kraft zu sparen, war wichtiger als sein Stolz.
   Cay trat aus dem Aufzug in ein weitläufiges Loft, dessen wahre Größe unmöglich einzuschätzen war, denn es war von einem riesigen Spiegellabyrinth durchzogen. Die glatten Flächen der Spiegel warfen sein Abbild zurück, wiesen seinen Blick schillernd ab oder drohten, ihn in dunkle Tiefen zu saugen. Nur ein Bild warfen ausnahmslos alle Spiegel zurück, die hellen, die dunklen, die, die auch Cay zeigten:
   Mathäus.
   Es wirkte, als würde sich alles in diesem Raum auf ihn konzentrieren, als wäre er der unangefochtene Herrscher aller Welten, in die die Spiegel zu führen schienen.
   Cay zog eine Augenbraue hoch und konnte nicht anders, als bewundernd anzuerkennen, wie grandios Mathäus es verstand, sich in Szene zu setzen. Und das, obwohl er nur eine leicht verwaschene Jeans und ein gewöhnliches T-Shirt trug.
   »Ich dachte mir schon, dass ich dir bald über den Weg laufen würde.« Mathäus‘ Stimme wand sich zwischen den flackernden Spiegelbildern auf ihn zu wie eine unsichtbare Schlange. In Cay krampfte sich alles zusammen, äußerlich gelang es ihm, Ruhe zu bewahren und seinem alten Widersacher gelassen entgegenzusehen.
   Mathäus lächelte freundlich.
   Dieses Lächeln. Es zuckte durch Cays Erinnerung, auf einem jugendlichen, sechzehnjährigen Gesicht. Es wurde ihm dargeboten, zusammen mit einer Hand, die ihm auf die Füße half. Zusammen mit Heilung für seine geschundene Seele und den einzigen netten Worten, die er in all der Zeit auf Burg Vinsterfels je gehört hatte.
   Mühsam widerstand er dem Drang, die Augen zu schließen. Nichts hatte ihn darauf vorbereitet, Mathäus nach all der Zeit wieder zu begegnen. Fünfhundert Jahre waren vergangen und doch war nichts Vergangenheit.
   Vor allem nicht der Zorn.
   Cay sah Mathäus an, sah mitten hinein in dieses Lächeln, das er so gut kannte. Zu gut, um ihm über den Weg zu trauen.
   »Du weißt es, nehme ich an?«, fragte Mathäus. »Sie hat es dir gesagt?«
   Cay nickte. Wie er es schaffte, sich nicht auf ihn zu stürzen und ihm an die Gurgel zu gehen, war ihm unbegreiflich. Vielleicht war es der Gedanke an Leonora, an ihr Gesicht, als sie von Oliver geredet hatte. Dem Vater, den Mathäus ihr so gekonnt vorgespielt hatte.
    Mathäus kam auf ihn zu und musterte ihn von oben bis unten. »Du hast dich nicht verändert.«
   Nein, hatte er wohl nicht. Zumindest nicht äußerlich. »Du schon«, erwiderte er und betrachtete die ungewohnten Lachfältchen an den Augenwinkeln und die grauen Schläfen seines Gegenübers. Es war merkwürdig, ihn so zu sehen, nachdem er in seiner Erinnerung immer Mitte zwanzig gewesen war. Dass er körperlich gealtert sein könnte, hatte für Cay nie zur Debatte gestanden. Bei Ekarius war es ihm nicht so merkwürdig vorgekommen, er hatte immer etwas menschlicher gewirkt, aber Mathäus war in seiner Vorstellung immer unverändert, teuflisch zeitlos. Unberechenbar.
   Mathäus zuckte mit den Schultern. »Sicher. Ich musste aussehen wie jemand, der eine neunzehnjährige Tochter hat.«
   Wut stürzte so heftig auf Cay ein, dass er einen Moment sprichwörtlich rot sah. Wieder gelang es ihm jedoch, es sich nicht anmerken zu lassen und zu warten, bis das Gefühl abflaute. »Was willst du von ihr?«
   Mathäus lächelte spöttisch. »Dasselbe könnte ich dich fragen. Du bist nicht gerade der Schwiegersohn, den ich mir vorgestellt hatte.«
   Cay schnaubte. »Das ist alles ziemlich absurd.«
   »Allerdings.« Mathäus lächelte. »Und zur Frage, was ich von ihr will: Sie ist meine Tochter. Ich bin hergekommen, um sie kennenzulernen.«
   »Natürlich. Und an Sonntagen hilfst du bei der Heilsarmee aus.«
   »Ich habe schon damit gerechnet, dass du mir nicht glauben würdest. Aber lass mich dir eine Frage stellen: Was unterscheidet uns eigentlich?«
   »Dass ich nicht vor ihren Augen ihre Freunde töte, zum Beispiel«, knurrte Cay. Seine Wut machte sich doch bemerkbar.
   »Ja, das wäre in der Tat ziemlich ungünstig für meine Beziehung zu ihr«, überlegte Mathäus. »Allerdings hat sie selbst gesagt, dass sie mich nicht gesehen hat.«
   Cay starrte ihn an. »Du willst mir ernsthaft erzählen, dass du sie überzeugt hast, dass du das nicht warst?« Er versuchte, die Eiseskälte zurückzudrängen, die ihn erfasste. Wenn das stimmte … Er hatte keine Ahnung gehabt, dass Leonora bereits so tief in Mathäus’ Netz verstrickt war. Vielleicht so tief wie er damals.
   »Nein«, erwiderte Mathäus ernst. »Das hat sie selbst getan. Ich denke, sie gibt mir die gleiche Chance, die sie dir gegeben hat.«
   Verdammt, Leonora. Warum musst du immer so fair sein, warum musst du immer versuchen, das Beste in jedem Menschen zu sehen, und warum zum Teufel glaubst du immer so sehr daran, dass Menschen sich ändern können? »Nur dass du diese Chance nicht verdienst.« Seine Stimme schwankte, weil er sich nicht sicher war, ob es stimmte. Hatte er selbst diese Chance denn verdient? Mittlerweile glaubte er nicht mehr, dass ihn und Mathäus so viel unterschied. Vielleicht die Absicht, mit der sie gehandelt hatten, vielleicht, dass er nie Menschen hatte quälen wollen, sondern nur getan hatte, was er musste, um selbst zu überleben. Aber spielte das wirklich eine Rolle, wenn das Ergebnis das Gleiche war? Oder wenn das, was er getan hatte, sogar noch schlimmer endete?
   »Ich glaube, du weißt selbst, dass du sie auch nicht verdient hast«, flüsterte Mathäus. »Keiner von uns hat sie verdient.«
   Er wirkte ernsthaft gerührt, und Cay war sich nicht sicher, ob er die Chance meinte oder Leonora. War es möglich, dass Mathäus die Wahrheit sagte? Keiner von ihnen hatte ihn je an einem der Tatorte gesehen, und die Morde waren so offensichtlich mit seiner Handschrift übersät, dass es fast glaubhaft war, dass jemand sie ihm anhängen wollte. Hoffnung durchströmte ihn. Dann lebte Leonora vielleicht noch, weil derjenige genau den Eindruck hatte erwecken wollen: dass Mathäus etwas mit ihr plante. Und die Schuld lag bei jemandem, der nicht annähernd so mächtig und so gefährlich war wie Mathäus. Der Gedanke war so wunderbar, so eine große Erleichterung, dass er sich ihm kurz hingab. Wenn es wirklich so wäre, wenn nicht Mathäus hinter allem steckte, sondern jemand anders, dann wäre Greta wahrscheinlich stark genug, um Leonora zu schützen. Er würde sie nicht in großer Gefahr zurücklassen, wenn er starb, sondern sie konnte ihr Leben leben, so wie sie es immer gewollt hatte. Er könnte sie guten Gewissens ihrem Schicksal überlassen. Er müsste nicht mehr kämpfen.
   Nicht mehr kämpfen.
   Ich will nicht mehr kämpfen. Ich kann nicht mehr. Verzweifelte Worte gruben sich durch die Jahrhunderte in Cays Gedanken. Verdammt. Er war schon immer so gewesen, schon immer hatte er hoffen wollen.
   Selbst wenn es so offensichtlich Blödsinn war wie jetzt. Reines Wunschdenken, weil er Leonora unbedingt vor der Finsternis schützen wollte, die ihr bevorstand.
   Cay fixierte Mathäus und begrub seine irrationale Hoffnung tief unter Misstrauen und Enttäuschung. Cay kannte ihn zu gut und zu lange, um zu wissen, dass allen, die mit ihm in Verbindung standen, zu jeder Zeit Gefahr von ihm drohte. Selbst seiner eigenen Tochter. Oder gerade ihr. »Also, was hast du wirklich mit ihr vor?«, fragte er, ohne eine ehrliche Antwort zu erwarten. Es war eher eine Art Ablenkung, bis er darüber nachgedacht hatte, wie er ihn dazu bringen konnte, sich zu verraten. Oder einen Verdacht zu bestätigen, den Cay schon seit einer Weile hegte.
   Mathäus lächelte schief. »Du willst die Wahrheit? Also gut. Ich bezweifle allerdings, dass sie dir gefallen wird.« Mathäus kam langsam auf Cay zu, tausendfach zurückgeworfen durch die Spiegel und dann – plötzlich – unsichtbar. Hinter Cay tauchte er wieder auf.
   »Ich will sie, weil sie so mächtig ist«, raunte er ganz nah an Cays Ohr. »Weil sie meine Tochter ist. Weil sie mir endlich echte Unsterblichkeit schenken kann.«

Kapitel 3

Das Polarlicht hatte sich längst verflüchtigt, als Lena in München vor der Staatsbibliothek ankam. Während der ganzen Fahrt hierher hatte sie versucht, nicht daran zu denken, dass sich Cay möglicherweise in große Gefahr brachte. Aber nein. Oliver würde Cay nichts tun. Oder? Sie versuchte, ihre Nervosität und ihre Zweifel wegzuschieben. Und auch die Angst, dass Ekarius vielleicht doch noch in der Nähe war und nur auf eine Gelegenheit wartete, sich ihr zu nähern. Stattdessen konzentrierte sie alle Gedanken auf die Hoffnung, dass sie in München endlich etwas über »De Ratione Animi« herausfinden würde. Im Internet hatte sie auch mit der neuen Schreibweise des Namens des Autors nichts darüber gefunden. Eigentlich hätte sie sich das denken können. Suchmaschinen glichen solche Schreibfehler normalerweise aus, sodass sie auch mit der falschen Schreibweise des Namens etwas hätte finden müssen. Die Münchner Staatsbibliothek war die erste andere Anlaufstelle, die ihr sonst noch eingefallen war, aber der öffentliche Online-Katalog für so alte Bücher war noch nicht vollständig, also war sie persönlich hergekommen. Wenn man die Bücher hier nicht hatte, würde man ihr vielleicht sagen können, wo sie sie finden konnte. Sie hastete auf den Eingang zu. In diesem Moment hörte sie das rostige Quietschen. Sie erstarrte mitten im Schritt.
   »Nein, unmöglich«, flüsterte sie und sah sich trotzdem unwillkürlich um. Nach einem bunt schillernden Vogel, dessen disharmonisches Gekrähe ihr in Boston immer eine Gänsehaut verschafft hatte. Vergeblich. Natürlich. Es gab hier keine Bäume, Grackeln waren in München nicht heimisch und der Gedanke, dass jemand Grackeln nach München schickte, nur um sie zu beobachten, einfach lächerlich.
   Trotzdem blieb ein ungutes Gefühl, während sie auf die Tür der Bibliothek zuging. Als ein Student vor ihr die Tür aufzog, quietschten die Angeln. Lena zuckte zusammen. Dann lachte sie auf.
   »Siehst du? Diesmal war es wirklich nur die rostige Tür.« Der Student sah sie verwirrt an und machte unwillkürlich einen Schritt von ihr weg. Lena biss sich auf die Lippen, und ihre Wangen wurden heiß. Toll, jetzt bekamen schon andere ihre merkwürdigen Selbstgespräche mit. Als er sich hastig davonmachte, schlüpfte sie hinter ihm durch die Tür, nicht, ohne sich noch einmal nach der dunklen Straße umzusehen.
   Gegen den Strom der Studenten, die die Bibliothek bereits verließen, drängte sie sich zum Infoschalter durch. Dort fragte sie nach dem Buch »De ratione animi«. Sie drückte der Bibliothekarin einen Zettel mit dem Namen des Autors und den Buchtiteln beider Bücher in die Hand und die Bibliothekarin versprach ihr, nachzusehen, ob die Bibliothek die Bücher besaß und ob sie sie anschauen durfte. Lena fragte auch nach Seltene Heilpflanzen, Eigenschaften und Verwendungsmöglichkeiten, obwohl sie das Buch zu Hause hatte. Vielleicht war es eine andere Ausgabe und enthielt noch mehr oder andere Informationen?
   Während sie wartete, verfluchte Lena die Tatsache, dass sie sich nicht einfach ins Archiv direkt zu dem Buch versetzen konnte. Sie brauchte das Buch unbedingt. Immerhin war es der einzige Hinweis darauf, wozu das Amulett wirklich gut war und – das hoffte sie jedenfalls – wie man es anwenden konnte, ohne sich dabei die eigene Seele zu verstümmeln. Sie knetete ihre Hände, so fest, dass es wehtat. Was sollte sie tun, wenn man ihr nicht erlaubte, die Bücher zu sehen? Oliver war noch nicht dazu gekommen, ihr zu zeigen, wie man Bücher mit einem Zauber ausfindig machte, und selbst wenn, hätte sie dafür erst mal den Ort betreten müssen, an dem die Bücher lagerten. Konnte Oliver ihr vielleicht auch damit helfen, und wollte sie überhaupt, dass er es tat? Jetzt, da sie wusste, wer er war? Die Gefahr, dass er herausfand, dass sie an einer Waffe arbeitete, die sie auch gegen ihn einsetzen konnte, war zu groß.
   »Frau Weber?«
   Lena fuhr zusammen. Es war mehr als merkwürdig, so angesprochen zu werden. Fast so merkwürdig, als hätte die Bibliothekarin sie mit Leonora angeredet. »Ja?«
   »Es scheint so, als hätten wir von jedem Buch ein Exemplar, dabei gehören sie eigentlich nicht zu der Art Bücher, die wir normalerweise hier haben. Ich habe eine Kollegin hinuntergeschickt, um zu klären, ob Sie sich die Bücher ansehen dürfen.«
   »Vielen Dank, das ist sehr nett«, erwiderte sie beinahe atemlos vor freudiger Erwartung.
   Die Bibliothekarin lächelte nicht. »Der Eintrag im Computer ist etwas seltsam. Ich hoffe, meine Kollegin findet die Bücher.«
   Ihr Herz sank. »Was ist denn daran seltsam?« Bitte, bitte, verdammt. Ich muss diese Bücher sehen.
   »Die Systematik ist merkwürdig, und eigentlich sollten so alte Bücher in einem anderen Verzeichnis stehen.«
   In diesem Moment vibrierte das Telefon am Gürtel der Bibliothekarin. Sie hob eine Hand und meldete sich.
   Gespannt lauschte Lena, aber es war nicht auszumachen, worum es ging. Nur der Gesichtsausdruck der Dame wurde mit jeder Sekunde etwas finsterer, und Verzweiflung erfasste Lena immer mehr. Als sie auflegte, wusste sie sofort, dass es keine guten Nachrichten gab.
   »Das ist … merkwürdig. Eigentlich dürften wir diese Bücher gar nicht haben. Trotzdem stehen sie im Katalog. Und jetzt hat meine Kollegin festgestellt, dass sie als vermisst gemeldet wurden.«
   »Wie bitte? Wann?«
   »Vorgestern. Aber das muss nicht heißen, dass sie da auch verschwunden sind. Nur, dass das Verschwinden vorgestern bemerkt wurde.«
   Konnte ihr jemand zuvorgekommen sein? Und wenn ja, wer? Der Mann aus der Erinnerung, die sie im Amulett gesehen hatte, fiel ihr ein. Der, der aufgetaucht war, kurz bevor der ursprüngliche Inhaber des Amuletts gestorben war. Sie hatte einen Teil seines Gesichts gesehen, genug, um sicher zu sein, dass es sich nicht um Mathäus handelte. Sonst wusste sie nichts über ihn, außer, dass er ziemlich sicher nach dem Amulett gesucht hatte. Wenn die Bücher etwas mit dem Amulett zu tun hatten, wäre es nur logisch, dass er die Bücher auch haben wollte. Was ihr allerdings nicht weiterhalf, denn sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wer es war.
   Wer wusste sonst noch von den Büchern? Lena zermarterte sich das Hirn, aber immer wieder kam ihr das rostige Quietschen der Tür in den Sinn und lenkte sie ab. Jetzt hör schon auf, so paranoid zu sein. Sicher hatte das mit den Grackeln schon in Boston nichts zu bedeuten. Sie sind einfach nur neugierige Vögel, weiter nichts. Wenn jemand dich verfolgt, dann noch viel eher Ekarius.
   »Es tut mir sehr leid. Ich kann ihnen nicht weiterhelfen.« Die Bibliothekarin riss sie schließlich vollends aus ihren Gedanken, gab ihr den Zettel zurück und ließ sie mit einem mitleidigen Lächeln stehen.
   Lena starrte auf die Buchstaben. Sie verschwammen vor ihren Augen, ertranken förmlich in der Wut, die sie packte. Warum musste alles so verdammt kompliziert sein? Sie zerriss den Zettel in winzig kleine Stückchen und warf ihn in einen der Mülleimer. Mit jedem Fetzen legte sich ihre Wut etwas und schlug in Ratlosigkeit um. Was, wenn sie die Bücher nicht fand? Konnte sie darauf hoffen, dass sich die Anwendung des Amuletts von selbst ergab, wenn alle Kammern gefüllt waren? Konnte sie riskieren, das auszuprobieren, wenn es dabei vielleicht ihre Seele zerstörte? Oder würde es vielleicht funktionieren, ohne ihre Seele zu verletzen, wenn alle Kammern gefüllt waren? Lena seufzte.
   Bedrückt verließ sie die Bibliothek, begleitet von einem Quietschen der Tür, das ihr einen leichten Schauder über den Rücken trieb. Würde sie das Geräusch jemals hören können, ohne eine Gänsehaut zu bekommen?
   Lena schüttelte den Kopf und lief am Verkehrslärm entlang auf die kleine Nebenstraße zu, in der sie den Bentley in eine eigentlich viel zu kleine Parklücke gequetscht hatte. Magie konnte im Alltag ziemlich praktisch sein. Als sie hinter sich auf dem Gehweg Schritte hörte, sah sie sich unwillkürlich um. Im nächtlichen Dunkel zwischen den mehrstöckigen Stadthäusern kam eine Gestalt auf sie zu. Eine. Der Rest der Straße war leer. Niemand war hier. Unwillkürlich klopfte Lenas Herz etwas schneller. Sie wandte sich um und machte größere Schritte, wobei sie sich albern vorkam. Du dumme Ziege. Erstens beherrschst du Magie. Du kannst dich zur Not versetzen. Und zweitens …
   Verdammt, fast wäre sie am Auto vorbeigelaufen. Sie schlug einen Haken und keuchte auf, als jemand sie anrempelte. Entsetzt starrte sie die Gestalt an. Vermummt mit einem dunklen Schal und einer Mütze. Nur eine helle Stickerei blitzte ihr vom Schal entgegen. Die Gestalt murmelte etwas und drängte sich dann an Lena vorbei. Lena atmete langsam aus. Nur ein Passant. Niemand, der etwas von ihr wollte.
   Sie schloss das Auto auf, stieg ein und parkte – mit etwas magischer Hilfe – aus der eigentlich viel zu kleinen Lücke aus. Aber statt loszufahren, saß sie wie festgefroren auf dem Fahrersitz, die Hände in das Steuer vergraben. Hinter ihr blitzten Scheinwerfer ungeduldig auf, doch Lena konnte sich kein Stück von der Stelle bewegen.
   Die Stickerei auf dem Schal. Sie hatte sie schon einmal gesehen. Sie überlegte, ob sie es verwechselte, ob es vielleicht nur das Zeichen irgendeiner Marke war. Nein, sie war sich sicher. Sie kannte das Symbol. Eine Gänsehaut kroch über ihren Rücken. Und diesmal hatte es nichts mit dem rostigen Quietschen einer Tür zu tun.
   Lena packte das Lenkrad fester und trat aufs Gas.

Kapitel 4

Cay starrte Mathäus entgeistert an. »Du willst was?«
   Mathäus’ Gesicht war halb zwischen Schatten verborgen, der Ausdruck darauf unergründlich.
   Ich will sie, weil sie so mächtig ist. Weil sie meine Tochter ist. Weil sie mir endlich echte Unsterblichkeit schenken kann.
   Unmöglich zu sagen, warum er Cay das erzählte. Er trat ins Licht, hob die Hände. Cay spannte sich unwillkürlich an. Hatte er einen großen Fehler gemacht? Hatte Mathäus die ganze Zeit darauf gesetzt, dass er herkam, um ihn zu töten, damit er freie Bahn hatte? Cay presste die Zähne aufeinander. Zwischen seinen Fingern spürte er das Zucken der Magie. Nun, dann sollte Mathäus es versuchen. Leicht würde er es ihm nicht machen.
   »Was soll ich sonst sagen? Alles andere glaubst du mir ja doch nicht.«
   Er brauchte ein paar Millisekunden, bis sein Gehirn verarbeitet hatte, dass er sich nicht gegen einen Angriff verteidigen musste. Nicht sofort jedenfalls. Mühsam entspannte Cay seine Hände. »Versuch es«, knurrte er.
   Mathäus lächelte hilflos und leicht verzweifelt. Es war so echt. So verdammt echt. Cay kämpfte das Mitleid nieder, das ihn überschwemmte.
   Nicht heute. Alles. Nur nicht das. Nicht heute.
   Nie würde er das vergessen, diesen flehentlichen Tonfall. Den Schrecken, der darin lauerte. Er schob die Erinnerung weg. »Los, raus damit.« Erzähl sie mir schon, deine Lügen, die du so gekonnt als Wahrheit tarnst. Aber nicht mit mir. Nie wieder.
   »Also gut. Sie ist meine Tochter. Ich will sie von allen Sorgen befreien und ihr ein schönes Leben ermöglichen. Ich will sie kennenlernen. Ich will ihr Vater sein.«
   Cay schnaubte. »Du hast recht, das glaube ich dir wirklich nicht.«
   Mathäus wurde ernst und für einen Moment sah Cay Leonora in seinen wasserblauen Augen. »Denkst du nicht, wir sollten ehrlich sein, nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben?«
   Cay starrte ihn entgeistert an. Er hatte beinahe ihre Worte benutzt. Konnte das Zufall sein? Waren sie sich einfach nur so ähnlich? Zum ersten Mal wurde Cay wirklich bewusst, wie verdreht das alles war. Der Mensch, den er mehr liebte als sein eigenes Leben, dem er mehr vertraute als sich selbst, der Mensch, für den er alles, einfach alles gegeben hätte, war die Tochter des gefährlichsten Magiers, den er kannte. Die Tochter seines Erzfeindes. Und offensichtlich war sie es nicht nur auf Zellebene. Sie waren sich ähnlich. Sie hatten Dinge gemeinsam. Die Augen. Die Gedankengänge. Was noch?
   Ich will, dass du mir vertraust.
   Cay schluckte, und der fragende Blick aus Mathäus‘ Augen lastete plötzlich unendlich schwer auf ihm. Drückte ihn nieder, tief hinein in den Abgrund seiner Erinnerung.
   Lass mich es tun. Nur dieses eine Mal.
   Schmerz durchzuckte Cay, roh und gewaltig. Aber es war nicht Bartolomeus, der ihn verursacht hatte. Nicht dieses Mal.
   Vertrauen. Jeder seiner Instinkte schrie auf, dass er das nicht durfte. Niemandem. Nicht einmal ihr, Leonora.
   Dabei wollte er es doch. Schon die ganze Zeit. Er hätte ihr so gern gesagt, was er dem Hüter damals in Boston als Unterpfand für den Handel gegeben hatte, der den Orden dazu verpflichtete, Cay zu helfen, und Cay dazu, dem Orden auszuliefern, was er gefunden hatte. Nur hatte er nichts gefunden. Nicht durch die Hilfe des Ordens. Die Münzen waren nicht auffindbar gewesen. Mathäus hatte sie, da war er sich sicher. Sie waren für ihn unerreichbar und Cay hatte sich innerlich davon verabschiedet, sie finden zu wollen. Es war besser, einen neuen, aussichtsreicheren Plan zu verfolgen.
    Aber der Orden besaß immer noch das Unterpfand, und in ihm brannte die Sehnsucht, Leonora endlich davon zu erzählen. Nicht nur, um ihr nichts mehr zu verheimlichen, sondern um ihren Rat zu hören. Um damit nicht mehr allein zu sein. Aber wie konnte er das jetzt noch tun, nachdem er viel zu viel von ihrem Vater in ihr wiedererkannt hatte? Er versuchte, sich seine Bestürzung nicht anmerken zu lassen. Sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Selbst wenn sie sich ähnlich waren, es hatte nichts mit ihm und ihr zu tun. Nicht das Geringste. Es war nur ein weiterer von Mathäus’ Tricks. Wahrscheinlich wusste er genau, welche Wirkung seine Worte auf Cay hatten.
   »Dann sei ehrlich«, verlangte Cay rau. Wenigstens ein einziges Mal. Da war sie wieder, die verdammte Hoffnung, die nicht schweigen wollte.
   »Wir werden sterben, du und ich. Bald. Unsere Zeit läuft ab, und wir können nichts dagegen tun.«
   Cay starrte ihn ungläubig an. »Du könntest …«
   »Nein«, unterbrach Mathäus ihn sanft. »Könnte ich nicht. Ich will das nicht mehr. Genau wie du. Ich will keine Seelen mehr brechen. Ich will nicht mehr auf Kosten anderer leben.«
   Cay war sich sicher. Das musste ein Trick sein. Es war einfach zu viel des Guten. Aber noch während sich sein Verstand gegen dieses neue Spielchen von Mathäus wehrte, wuchs in seinem Herzen ein Wunsch heran. Der Wunsch, er möge die Wahrheit sagen. Der Wunsch, Leonora könnte recht gehabt haben.
   Was, wenn es auf ihn auch zutrifft? Dass er Schmerzen hat. Dass er nicht mehr so gut zaubern kann und sich nicht mehr so schnell erholt?
   Mathäus hatte behauptet, dass er ebenfalls starb. Wenn das stimmte, lag es nahe, dass er auch mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatte wie Cay. Nicht nur mit den Schmerzen und der Erschöpfung, sondern auch mit den geistigen Aussetzern. Dummerweise wäre er trotz allem in einem direkten Kampf immer noch stärker als Cay. Dennoch regte sich Hoffnung in ihm und tief darunter wieder die Idee, wie sie ihn besiegen konnten. Eine sehr gewagte, gefährliche Idee.
   Zunächst jedoch musste er herausfinden, ob Mathäus tatsächlich unter den gleichen Begleiterscheinungen litt wie er. Es war an der Zeit, die Theorie zu testen, die er schon länger hegte. Die Aussetzer, die er hatte, kamen nicht einfach so. Es gab einen Grund, da war er sich sicher. Fast sicher. Er würde seine Theorie an Mathäus ausprobieren und hoffen, dass dieser nichts davon wusste. Cay entkam beinahe ein Lachen. Wie surreal. Wie verdammt waghalsig, seine Vermutung gerade an Mathäus zu testen. Als würde er an einem ausgehungerten Tiger testen wollen, ob er nach zehn Tagen ohne Futter seinen Dompteur anfallen würde.

Kapitel 5

Mit zitternden Händen steuerte Lena den Wagen durch das Gewirr der Straßen, versuchte, sich aufs Fahren zu konzentrieren, und hielt schließlich an, um nicht irgendeinem Auto vor lauter Wut einen Spiegel abzufahren. Endlich wusste sie, wer dahinter steckte. Hinter den Grackeln. Hinter dem Gefühl, auch hier in Deutschland noch beobachtet zu werden. Hinter dem Symbol auf der Jacke. Sie zog die Visitenkarte aus ihrem Geldbeutel, betrachtete sie kurz und verzog angewidert das Gesicht, als sie tatsächlich das gleiche Symbol darauf vorfand. Sie wählte die Nummer auf der Karte und wartete, bis jemand dran ging.
   »Ja?«, kam es verwirrt aus dem Hörer.
   »Warum verfolgt ihr mich?«, zischte sie auf Englisch.
   »Wie? Ich weiß nicht … Wer … Lena?«
   Lena lächelte unwillkürlich freudlos. »Ja. Ganz richtig.« Dass Summer sie sofort an der Stimme erkannt hatte, bestätigte ihren Verdacht. Sie hatten sich nur einmal gesehen, warum sollte sie sich ihre Stimme einprägen, wenn nicht mehr dahintersteckte? »Ich will wissen, warum ihr mich verfolgt. Schon in Boston. Die Grackeln, das wart ihr, oder etwa nicht?«
   Am anderen Ende der Leitung war es kurz still. »Davon weiß ich nichts, aber Grackeln gibt es hier viele, bist du sicher, dass …?«
   »Ich habe den Typ gesehen, Summer. Den Typ, der das Zeichen des Ordens auf seinem Schal hatte. Das gleiche Zeichen, das auch der Kerl in Boston auf der Party des Planetariums auf dem Revers hatte. Für wie dumm haltet ihr mich, dass ihr nicht mal versucht, es zu verstecken?«
   Summer seufzte in den Hörer. »Es … gibt nichts zu verstecken. Sie beobachten dich nicht im Geheimen.«
   Lena schnaubte. »Das hab ich gemerkt.«
   »Das sind unsere Scouts, die interessante Kandidaten für uns beobachten und Erkundigungen einziehen. Aber sie sind ungefährlich. Wirklich, das musst du mir glauben.«
   »Muss ich das?« Wut pulsierte immer noch in ihren Adern. »Weißt du eigentlich, was für eine Angst ich deswegen hatte? Und jetzt sagst du mir, dass es nur eure Leute waren, die wissen wollten, ob ich wirklich für den Orden infrage komme?«
   »Lena …«
   »Und wenn ja, warum habt ihr mich hier in Deutschland noch beobachtet? Ich habe in Boston abgelehnt. Hat man euch nie beigebracht, dass Nein auch Nein heißt?«
   Wieder herrschte kurz Stille. »Dass du abgelehnt hast, hat man uns nicht gesagt. Ihr wart plötzlich verschwunden.«
   »Da habt ihr mich suchen lassen, deswegen war eine Zeit lang Ruhe. Und jetzt habt ihr mich gefunden und schleicht mir im Dunkeln nach, sodass ich fast einen Herzinfarkt kriege?«
   »Scheint so. Ich wusste nicht …«
   »Okay, ich sag dir was. Ich will nichts mit euch zu tun haben. Ich dachte mal, dass ich vielleicht später nach Boston kommen könnte, wenn …« Alles vorbei ist. Für einen Moment sah sie es vor sich. Wie sie jeden Tag nach Harvard fuhr, am Charles River spazieren ging, wie Cay sie begleitete, lachte, sie unbeschwert küsste. Ihr Herz schmerzte vor Sehnsucht danach, dass es wahr werden könnte. Und dann sah sie eine ganz andere Vision. Wie sie allein durch die Straßen von Boston lief. Ohne Cay. Sie keuchte leise auf, als der Schmerz in ihrer Brust ihr die Sprache raubte.
   »Bitte, Lena. Du musst uns verstehen. Es gibt nicht viele magische Talente. Nicht so jemanden wie dich. Wir wussten nicht, wohin ihr verschwunden seid, alles, was wir wussten, war, dass du spurlos verschwunden bist, und zwar mit einem der mächtigsten Magier dieser Erde, der auch nicht gerade eine weiße Weste hat, wenn ich das so sagen darf. Wir wollten sichergehen, dass alles in Ordnung ist.«
   Lena lachte auf. »Du willst mir weismachen, ihr habt das aus Sorge um mich gemacht?«
   »Na ja«, druckste Summer herum.
   »Aus Sorge um mein Talent«, vermutete Lena trocken.
   »Ja«, antwortete Summer kleinlaut.
   Merkwürdigerweise machte es das etwas glaubwürdiger. Und besser. Lena seufzte. »Okay. Dann … tut mir leid, dass ich so ausgerastet bin.« Lenas Atem ging immer noch etwas zu schnell. »Aber stell dir vor, ich mag es nicht so, wenn sich vermummte Kerle an mich ranpirschen.«
   »Das tut mir leid, Lena, wirklich. Das war sicher nicht so gedacht, wahrscheinlich war er sich nicht sicher, ob er vom Orden die Freigabe hat, dich anzusprechen.«
   Langsam verrauchte ihre Wut. »Entschuldigung angenommen. Wenn du diese Typen abrufst und ihr mich in Zukunft in Ruhe lasst.«
   Diesmal dauerte das Schweigen unerträglich lange. »Es tut mir leid, Lena, aber das kann ich nicht veranlassen. Ich kann unser Gespräch nur an den Hüter weitergeben.«
   »Wie bitte?«
   »Ich habe nicht die Autorität …«
   Lena hätte beinahe gelacht, wenn es nicht so ärgerlich gewesen wäre. Sogar ein heimlicher, magischer Orden wurde von seiner eigenen Bürokratie behindert.
   »Lena, bist du sicher, dass du es dir nicht noch mal überlegen willst? Ich habe bemerkt, wie sehr es dir hier gefallen hat. Ich bin mir sicher, dass es der richtige Ort für dich wäre.«
   Sie atmete tief durch. »Nein, danke. Jedenfalls nicht jetzt. Und … vielleicht nie, wenn ihr eure Novizen so beobachten lasst. Tut mir leid, das ist es mir nicht wert.«
   Summer schwieg, als überlegte sie, was sie noch sagen konnte, um Lena zu überzeugen. Dann ließ sie sich jedoch abwimmeln, und Lena fuhr langsam weiter. Erst, als sie schon fast wieder beim Schloss angekommen war, wurde ihr klar, was ihr die ganze Zeit komisch vorgekommen war. Summer hatte nicht gesagt, dass sie den Hüter auch bitten würde, die Spione abzuziehen. Sie hatte lediglich gesagt, dass sie ihm den Vorfall mitteilen würde. Und überhaupt war es immer noch merkwürdig, dass der Orden ihr wirklich jemanden nachschicken würde, nur um sicherzugehen, dass es ihr gut ging. Jemanden, der offen das Symbol des Ordens trug. Als wäre es egal, wenn man ihn erwischte. Oder als hätte man es geradezu darauf angelegt. Die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf, und sie sah sich unwillkürlich nach allen Seiten um. Wer sagte ihr, dass sie Summer glauben konnte?

Kapitel 6

»Ich finde, es ist an der Zeit, unsere Differenzen beizulegen.« Mathäus kam auf Cay zu. »Ich weiß, das ist nicht einfach für dich, aber vielleicht kannst du es versuchen. Für sie?«
   Gottverdammt, es wirkte so echt.
   Ich kann nicht mehr. Alles nur das nicht. Nicht heute.
   Cay wehrte sich gegen die Erinnerung. Er würde sich nicht hinabbegeben in jenes karge Kellerverlies, das Mathäus‘ Zimmer gewesen war. Er würde ihm auch nicht zuhören. Ihm nicht glauben. Er würde nicht wieder in sein klebriges, alles vereinnahmendes Netz geraten, aus dem man nur entkommen konnte, indem man sich von ihm verschlingen ließ. »Bleib mir vom Leib und vor allem, halte dich von ihr fern.« Er spie es förmlich aus, spuckte es ihm vor die Füße, zusammen mit der unbändigen Wut, die er seit damals mit sich herumtrug.
   »Sonst was?« Mathäus lachte nicht, wie er es früher getan hätte. Er lächelte nur freundlich. »Willst du ihr den Umgang mit mir verbieten?«
   Cay ballte die Fäuste. Natürlich wollte er das. Er würde sie am liebsten einsperren, damit sie sich nicht weiterhin in Mathäus’ Fänge begab. Jede Minute, die sie in seiner Gegenwart verbrachte, gab ihm die Gelegenheit, ihre Gedanken mit seinen schmeichlerischen Worten zu vergiften. Und das wollte Cay nicht zulassen. Leider wusste er genau, dass sie sich das nicht gefallen lassen würde. Sie hatte deutlich gemacht, dass sie tun würde, was sie wollte und was sie für richtig hielt. Und im Moment hielt sie es für richtig, diesem grausamen, gewissenlosen Mörder eine Chance zu geben. Panik überschwemmte seine Gedanken. Wie sollte er sie je schützen?
   »Willst du nicht endlich diese mittelalterlichen Methoden hinter dir lassen?« Ein winziges Lächeln umspielte Mathäus’ Mundwinkel. »Fünfhundert Jahre sind vergangen, ich glaube, moderne Frauen halten nicht so viel davon, wenn man ihnen vorschreibt, was sie zu tun haben.« Er runzelte die Stirn. »Tatsächlich glaube ich, Frauen haben davon noch nie viel gehalten, aber heutzutage lassen sie es sich nicht mehr bieten. Du musst eben darauf vertrauen, dass sie wissen, was sie tun.«
   Vertrauen.
   Cay atmete zitternd ein. Ich weiß, dass es sich für dich anfühlt, als wärst du im freien Fall. Ja, das tat es. Aber sie hatte recht. Er musste darauf vertrauen, dass sie wusste, was sie tat. Leonora war nicht dumm. Ganz sicher nicht. Sie war offenherzig und gerecht, sie gab jedem eine Chance. Manchmal vielleicht zu Unrecht, doch sie war nicht einfältig, und sie hatte eindeutige Grenzen. Als sie ihn mit Chris im Hotel überrascht hatte, hatte sie geglaubt, er hätte Chris tatsächlich getötet. Dass sie ihn für fähig hielt, so etwas zu tun, versetzte ihm einen Stich. Viel wichtiger war jedoch, was sie gesagt und was er in jenem Moment in ihrem Gesicht gesehen hatte. Wie konntest du das tun? Ich habe an dich geglaubt. Er hatte gewusst, dass das für sie eine Grenze war. Eine, die das Ende ihrer Beziehung bedeutete, wenn er sie überschritt. Das war nicht der einzige Grund gewesen, warum er es nicht getan hatte. Er hatte es ja schon längst nicht mehr tun wollen, nur für sie war er überhaupt bereit dazu gewesen. Aber ihr unerschütterlicher Glaube an ihn und das Wissen, dass sie so etwas nicht hinnehmen würde, egal, wie sehr sie ihn liebte, hatten ihn zusätzlich davon abgehalten.
   Er verengte die Augen und betrachtete Mathäus. Sie würde ihm eine Chance geben, aber nach allem, was sie durch Cays Augen gesehen hatte, würde sie Mathäus niemals leichtfertig glauben. Cay musste endlich lernen, auf sie zu vertrauen. Nicht nur darauf, dass sie loyal war, sondern auch dass sie in der Lage war, zu erkennen, wenn jemand sie belog.
   Cay versuchte, die Stimme in seinem Inneren zu ignorieren, die ihm sagte, dass er das von sich auch geglaubt hatte, und dass es vielleicht nicht genügte, Mathäus zu durchschauen.
   »Ihr zu vertrauen heißt nicht, dass ich gute Miene zum bösen Spiel machen muss.« Es klang fast wie eine Kampfansage, und Cay hoffte für einen Moment, dass Mathäus ihn angreifen würde. So wie er es damals gehofft hatte.
   Es wird nie vorbei sein. Habt ihr das immer noch nicht begriffen?
   Ja, an jenem Tag hatte Cay beinahe gehofft, dass Mathäus ihn angreifen würde. Bevor sein Überlebensinstinkt übernommen hatte, hatte er die abartige Lust verspürt, zu kämpfen, bis es endlich vorbei war. Der Schmerz. Die Lügen. Die verdammte, unerträgliche Hoffnung.
   Aber Mathäus hatte ihn nicht angegriffen. Und auch jetzt tat er es nicht. Warum nicht? Warum machte er nicht einfach Schluss? Er brauchte Cay nicht mehr, er brauchte nur Leonora, wofür auch immer. Andererseits hatte Mathäus noch nie gemordet, wenn es nicht unbedingt nötig war. Entgegen dem, was manche glaubten, tat er es nicht einfach aus Lust an der Pein. Auch seine Opfer hatte Mathäus nur gequält, weil es nötig gewesen war, um ihre Seelen zu brechen. Das bedeutete natürlich nicht, dass Mathäus es bereute, es war eben der Preis, der gezahlt werden musste.
   Der Preis. Cay erschauderte innerlich.
   Mühsam riss er sich aus seinen Gedanken, mühsam verhinderte er ein weiteres Mal, dass er in einer Erinnerung versank und einen Aussetzer bekam. Direkt vor Mathäus konnte das gefährlich für ihn werden. Er musste aufhören, sich seine Lügen anzuhören und endlich tun, warum er hergekommen war.
   »Dass du einem Waffenstillstand einfach so zustimmen würdest, habe ich auch nicht erwartet«, sagte Mathäus langsam. Es schien, als ob er Cay ganz genau beobachtete.
   »Was hast du denn erwartet?«, fragte Cay, um das Gespräch in Gang zu halten, während er überlegte, wie er herausfinden konnte, ob Leonora mit ihrer Annahme recht hatte, dass Mathäus vielleicht auch von den Erinnerungen geplagt wurde und nicht mehr so zaubern konnte, wie er wollte. Das Problem dabei war, es herauszufinden, ohne ihn mit der Nase darauf zu stoßen. Denn falls Mathäus nicht wusste, dass die Erinnerungen immer stärker zurückkamen und zu geistigen Aussetzern führten, so wie bei Cay bis zu dem Ereignis in den Eishöhlen, war das für Cay und Leonora ein bedeutender Vorteil. »Hast du gedacht, dass wir alte Erinnerungen austauschen, einen Tee zusammen trinken und uns hinterher auf die Schulter klopfen, weil wir so herrlich zivilisiert sind? Am besten laden wir noch Greta ein.«
   Die Vorstellung brachte Cay gegen seinen Willen zum Lächeln.
   »Ich könnte euch auf die Burg meines Ziehvaters einladen. Ich habe sie immer gut instand gehalten. Was meinst du?«
   Mathäus grinste spitzbübisch.
   Dieses Grinsen.
   Gegen seinen Willen sackte alles um ihn herum weg und Cay fühlte sich mehrere Hundert Jahre in die Vergangenheit versetzt. Er sah, wie Mathäus ihm am ersten Tag geholfen hatte, wieder auf die Beine zu kommen. Wie er sich in den ersten Wochen seiner angenommen hatte. Schon oft hatte er sich gefragt, ob sich Mathäus erst danach verändert hatte, oder ob das alles nur aufgesetzt gewesen war.
   »Es war nicht nur schlecht«, sagte Mathäus leise. »Damals.«
   Cays Kehle wurde eng. »Nein«, flüsterte er. Wie sie gemeinsam ins weit entfernte Dorf geschlichen waren und sich als Handwerksgesellen ausgegeben hatten, nur um für kurze Zeit zu vergessen, was oben im Schloss auf sie wartete. Das war nicht schlecht gewesen. Wie Mathäus ihn mit seinen verrückten Geschichten abgelenkt hatte, wenn er vor Schmerzen nicht hatte schlafen können. Wie sie einander geheilt hatten, weil Bartolomeus es nicht tat.
   Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte Cay sich vormachen können, er wäre nicht allein zurückgeblieben.
   »Nein«, wiederholte Cay mit so viel Bitterkeit in der Stimme, dass er fast daran erstickte. »Es war nicht alles schlecht. Außer du fragst Ekarius nach seiner Meinung. Oder unsere Opfer.«
   Bedauern zeichnete sich auf Mathäus’ Miene ab. So echt, so verdammt echt. Verdammt noch mal, er musste hier weg. Er musste dieses Gespräch beenden. Aber zuerst musste er seine Theorie an Mathäus testen. Es hatte einen Grund, dass man bei einem Aussetzer eine bestimmte Erinnerung sah, davon war er überzeugt. Sie wurden durch etwas ausgelöst. Ein Bild, das man vor sich sah und das einer Erinnerung ähnelte, konnte das bewirken. Auch die Erwähnung eines Namens oder die Begegnung mit einer Person, die einem etwas bedeutete. Mit etwas Glück bedeutete das, dass man die Erinnerungen mit Absicht auslösen konnte. Cay selbst hatte so eine besonders starke Erinnerung sogar einmal bewusstlos gemacht, und es hatte lange gedauert, bis er erwacht war. Cays Herz begann zu rasen. Wenn das mit Mathäus auch geschah, konnte er ihn vielleicht sofort unschädlich machen und danach entscheiden, wie es weiterging. Er musste nur eine besonders starke Erinnerung auslösen.
   »Ich habe nie vergessen, was an jenem Tag passiert ist, in dem Haus mit der grünen Tür«, flüsterte Cay und beobachtete Mathäus genau. Wie reagierte er? War da ein abwesender Ausdruck in seinen Augen? Unwillkürlich spannte sich Cay an und hielt die Magie bereit, um sofort loszuschlagen und ihn zu bannen, wenn Mathäus in die Erinnerung gesogen wurde.
   Mathäus’ Gesicht blieb unbewegt. Er ließ sich nicht anmerken, ob Cays Worte ihn trafen oder vielleicht wütend machten. Und er war immer noch vollkommen bei der Sache.
   Cay fluchte innerlich. Es reichte noch nicht, er brauchte vielleicht mehr, musste die Erinnerung deutlicher beschreiben, damit es funktionierte. »Schon lange frage ich mich, warum du das getan hast. So etwas nur aus Spaß zu tun, passt nicht zu dir. Du verfolgst immer einen Zweck. Was war es an jenem Tag?«
   Zum ersten Mal zeigte sich eine Regung in Mathäus’ Gesicht. Schnell sprach Cay weiter. Lockte die Erinnerung noch stärker hervor.
   »Warum warst du gerade an jenem Tag so grausam? So unmenschlich, scheinbar ohne jeden Grund?«
   Mathäus’ Augen wurden glasig.
   Endlich. Cay versuchte, genau darauf zu achten, wie lange es anhielt. Er zählte die Sekunden, spürte, wie sein Herz aufgeregt zu klopfen begann. Jede Sekunde mehr war ein Vorteil. Jede Sekunde mehr bedeutete mehr Möglichkeiten, wie man den Umstand nutzen konnte, dass Mathäus weggetreten war und nicht merkte, was um ihn herum geschah. Cay machte sich bereit, ihn anzugreifen. Sobald er ganz weggetreten war, würde Mathäus seine Schutzzauber nicht mehr aufrechterhalten können.
   Mathäus versank nicht. Nicht ganz. Viel zu schnell schüttelte er den Kopf, um Klarheit in seine Gedanken zu bringen und sich zu erinnern, worüber sie gesprochen hatten.
   Cay versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Zwar hatte Mathäus auch geistige Aussetzer, genau wie er, aber wenn selbst so eine starke Erinnerung wie diese kaum etwas bewirkte, dann reichte das nicht, um ihn lange genug außer Gefecht zu setzen, damit Cay ihn bannen konnte.
   Mathäus richtete den Blick auf Cay. Er wirkte leicht verwirrt. »Was geht dich das an?«, fragte er, immer noch bemüht, die freundliche Fassade aufrechtzuerhalten, die er für Leonora erfunden hatte. »Das … ist lange vorbei.«
   »Noch nicht so lange, dass ich dir glauben könnte«, erwiderte Cay. Er überlegte händeringend, wie es nun weitergehen sollte. »Selbst wenn ich wollte, ich könnte niemals vergessen, was du an jenem Tag getan hast. Niemals könnte ich glauben, dass sie in deiner Gegenwart nicht in Gefahr ist.«
   Wut blitzte ihm entgegen, wild und ungezügelt, so wie damals, wenn sich Ekarius dämlich angestellt oder Bartolomeus Mathäus eine Erklärung verweigert hatte. »Du«, zischte er, »bist es, der sie in Gefahr bringt. Und du hast es nicht mal gemerkt.«
   Cay erstarrte. »Wie meinst du das?«
   Mathäus lachte freudlos und kam auf Cay zu. »Du hast schlafende Hunde geweckt, hast sie auf sie aufmerksam gemacht.«
   Ein mieses Gefühl krampfte sich in Cays Magen zusammen. »Wovon redetest du?«
   »Und anstatt sie zu beschützen, lässt du sie allein.«

Kapitel 7

Lena war zurück ins Schloss gehetzt, um mit Cay über den Orden zu reden, doch er war noch nicht wieder da. Trotz all der Zeit, die verstrichen war. Das Telefonat mit Summer und der Ärger über den Orden waren wie weggewischt. Stattdessen fiel ihr plötzlich das Atmen schwer, und ihre Fingerspitzen kribbelten, als sie nach ihrem Handy griff. Sie wählte Cays Nummer, aber sein Handy schien ausgeschaltet zu sein. Keine Panik. Das hat sicher nichts zu bedeuten. Immerhin hatte er ihr das Auto gelassen, und er hatte sich auch nicht versetzen können, jedenfalls nicht zu Olivers Wohnung, die er ja nicht kannte. Er musste den Zug genommen haben, oder ein Taxi, und das dauerte eben. Trotzdem … sollte er nicht schon wieder da sein?
   Unruhig lief sie in der Bibliothek auf und ab und überlegte, was sie tun sollte, als ihr Handy klingelte. Ohne auf das Display zu sehen, ging sie ran. »Cay?«
   »Hallo, Lena?«
   Sie erstarrte. »Adrian«, flüsterte sie.
   »Ja. Ähm …«, druckste er herum. »Hör mal, Lena, ich muss dir was sagen.«
   Sie schloss die Augen. Wieso liebte sie diese Stimme immer noch so sehr? Wieso gab er ihr nach allem, was passiert war, immer noch das Gefühl, bei ihm gut aufgehoben zu sein?
   »Nicht jetzt, okay?«, gab sie so sanft wie möglich zurück. »Ich muss …« Ja, was eigentlich? Hier dumm herumsitzen? Sicher nicht. Die Bücher hatte sie zwar nicht gefunden, aber sie konnte trotzdem etwas tun, bis Cay zurückkam. Nämlich die restlichen Pflanzen für das Amulett besorgen. Durch die Trolle war das im Dunkeln kein Problem, und sie konnte es sich einfach nicht erlauben, auch nur eine Stunde Zeit zu verschwenden.
   »Können wir später reden? Ich muss dringend Luise sprechen.« Es war gut möglich, dass sie inzwischen einige Informationen über die fehlenden Pflanzen hatte.
   »Wegen Luise rufe ich ja an …«
   Erst jetzt fiel ihr auf, wie besorgt er klang. Wegen Luise? Panik stieg in ihr auf. »Was ist mit ihr?« O Gott bitte. Bitte, lass nicht zu, dass ihr auch etwas zugestoßen ist, weil ich sie in diese Sache mit hineingezogen habe.
   »Ich glaube, das siehst du dir besser selbst an.«
   »Adrian, bitte, sag mir einfach, was los ist.«
   »Das würde ich ja, aber ich bin nicht sicher. Komm her. Ich hole dich am Tor ab. Wie immer.«
   Lena erstarrte. Das wie immer war ihm ungewollt herausgerutscht, eindeutig. Sie erkannte es an seinem kurzen Aufkeuchen. Sofort sah sie wieder vor sich, wie er sie am Tor in seine Arme geschlossen hatte, nach einem jener Tage, die sie am liebsten vergessen wollte.
   »Ja, okay, ich bin gleich da«, antwortete sie mit schwankender Stimme.
   Die ganze Fahrt über versuchte sie, nicht in Erinnerungen zu versinken, auch noch, als sie den grünen Bentley vor der Einfahrt zu der riesigen Villa anhielt, die in einiger Entfernung auf einer kleinen Anhöhe thronte. Doch dann bemerkte sie einen Schatten, der sich die Auffahrt hinunterbewegte, und sofort sah sie wieder vor sich, wie Adrian ihr immer entgegengekommen war, atemlos und lächelnd. Er war die lange Auffahrt hinuntergerannt so schnell er konnte, weil er wusste, dass sie nach einem jener schrecklichen Tage in der Schule die Sekunden zählte, bis er sie in seine Arme schloss. Er hatte sie jedes Mal fast vom Fahrrad gerissen, sie fest an sich gepresst und für ein paar Momente alles wieder ins Lot gebracht.
   Adrian trat ans Auto, und Lena sah ihn durch die Scheibe schimmern wie eine Vision der Vergangenheit. Er war der Mittelpunkt ihrer Welt gewesen. Ihr Halt. Vielleicht war es normal, dass sie selbst nach all der Zeit noch diese Gefühle für ihn hatte. Keine Liebe, doch das, was damit einhergegangen war. Geborgenheit und Zuneigung. Mit einem wehmütigen Lächeln auf den Lippen stieß sie die Beifahrertür auf, damit er einsteigen konnte.
   Als er sich neben ihr in den Sitz fallen ließ und sich ihre Blicke trafen, wirkte es, als wüsste er genau, woran sie dachte. Da war ein warmer Schimmer in seinen Augen, der ihr für einen Moment die Sprache verschlug. Doch dann grinste er plötzlich und zwinkerte sie an. »Cooles Teil.« Er klopfte auf das Armaturenbrett. »Steht dir gut.«
   Lena hätte sich fast an ihrer Überraschung verschluckt. Flirtete er etwa? Das konnte er sich gleich abschminken! »Gehört Cay«, sagte sie mit Nachdruck und fuhr los, in Schrittgeschwindigkeit auf die im Dunkeln hell erleuchtete Villa zu.
   »Oh. Ja. Cay.« Er sah sie an, dann wandte er sich ab, nur um kurz darauf wieder zu ihr hinüberzusehen. »Du … vertraust ihm vollkommen, oder?«
   Lena runzelte die Stirn. Warum fragte er das? »Ich würde alles für ihn geben«, flüsterte sie. »Einfach alles.«
   Adrian nickte. »Dachte ich mir.«
   War er etwa eifersüchtig? Nach all der Zeit? »Bist du etwa …«
   »Nein!« Er schüttelte heftig den Kopf. »Es ist nur … er ist vor Kurzem zu mir gekommen und hat mir etwas gegeben.«
   »Was?« Erstaunt sah Lena ihn an.
   »Die Straße!«
   Lena riss den Kopf nach vorn und trat auf die Bremse, weil die Auffahrt hier einen Bogen machte. Mit klopfendem Herzen betrachtete sie den Baum, den sie fast mitgenommen hatte. Schwer atmend schaltete sie den Motor ab und wandte sich Adrian zu. »Was hat er dir gegeben?«
   Adrian starrte mit aufgerissenen Augen den Baum an. Dann hob er die Hand, sodass ihr Blick auf seinen Ringfinger fiel. Und auf den Ring, den er trug. Lena stockte der Atem. Zerkratztes, angelaufenes Gold und eine Platte, deren Verzierung nicht mehr zu erkennen war. Sie kniff die Augen zusammen, sah noch einmal genau hin. Nein, kein Zweifel. Es war der Siegelring, der Cays Vater gehört hatte.
   Verwirrt schüttelte Lena den Kopf. »Cay hat dir diesen Ring gegeben? Wozu?«
   »Er sagt, er wird mich schützen.«
   Natürlich, er hatte ihr damals gesagt, dass der Ring einen Schutzzauber enthielt. Die Nachtmahre. »Aber … versteh mich nicht falsch … warum dich?«
   Adrian sah sie lange an, bevor er antwortete. »Er sagt, er will nicht, dass du noch mehr Leute verlierst.«
   Lena umfasste das Lenkrad fester. Es passte zu Cay, dass er so dachte. Und doch war es irgendwie seltsam.
   »Es war trotzdem merkwürdig«, fuhr Adrian fort, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Er hat geredet, als wüsste er …« Er verstummte, musste sich offensichtlich sammeln, um weiterzusprechen. »Als wüsste er, warum ich damals weggegangen bin.«
   Lena saß vollkommen still. Irgendwo am Rande ihres Bewusstseins verharrte die Sorge um Luise. Aber dass Cay gewusst hatte, warum Adrian verschwunden war, und davon nie etwas gesagt hatte, ließ keine anderen Gedanken zu. »Das muss ein Irrtum sein«, antwortete sie langsam.
   »Dann hat er es dir nicht gesagt? Ich dachte, wenn er es weiß, weißt du es auch. Deswegen habe ich bei unserer Begegnung vor eurem Haus nichts weiter gesagt, weil ich dachte, du weißt eh schon alles.«
   »Nein.« Lena wollte nicht darüber nachdenken, was das bedeuten konnte. Sie wollte nicht schon wieder an Cay zweifeln. Sie hatte sich entschieden, ihm zu vertrauen, und das würde sie auch. Sie richtete ihren Blick wieder auf Adrian. »Warum bist du weggegangen?« Es platzte einfach aus ihr heraus, obwohl es der denkbar schlechteste Augenblick war. Luise brauchte sie.
   Adrian schien dasselbe zu denken. »Ich glaube, das sollten wir später besprechen. Nicht so zwischen Tür und Angel«, sagte er rau. »Und wir sollten erst nach Luise sehen.«
   Lena sah ihn unbewegt an. Sie dachte an sein geflüstertes »Es tut mir leid« und sein erneutes Verschwinden. »Aber du wirst es mir sagen?«
   Adrian schluckte hörbar. »Ich will es, Lena. Schon lange. Deswegen bin ich zurückgekommen.«
   »Okay«, flüsterte sie und ließ den Motor wieder an. Die Neugier brachte sie beinahe um, aber Luise war wichtiger. Sie fuhren zum Haus hinauf, wo sie das Auto mitten in der Einfahrt stehen ließen und über die Stufen ins Haus rannten, vorbei am Sicherheitsdienst, der sie kurz etwas genauer musterte, aber auf Adrians Zeichen hin nicht weiter nachfragte. Genau wie damals. Lena hastete weiter. Adrian war ihr auf den Fersen, durch die riesige Eingangshalle der Industriellenvilla, über die marmorne Treppe, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. »Hat sie noch ihr altes Zimmer?«
   »Ja.« Adrian lief dicht hinter ihr.
   Lena riss die Tür zu Luises Zimmer auf und blieb wie angewurzelt stehen. Luise lag auf dem Boden. Sie atmete, wenn auch sehr flach. Ihre Augen standen offen, aber sie war eindeutig geistig abwesend.
   Mit einem leisen Aufschrei ging Lena neben ihr in die Knie. »Verdammt, Adrian. Warum hast du nicht gesagt, dass es so dringend ist? Sie braucht einen Arzt.«
   Er schüttelte den Kopf. »Das haben wir alles schon hinter uns.«
   »Dann hat sie das öfter?«
   »In letzter Zeit immer wieder. Beim ersten Mal habe ich sofort den Notarzt gerufen. Sie haben sie ins Krankenhaus gebracht und getestet, aber nichts gefunden. Am nächsten Morgen ist sie einfach aufgestanden und hat sich selbst entlassen. Gegen den Willen der Ärzte.«
   Unwillkürlich musste Lena lächeln. Sie konnte sich gut vorstellen, wie Luise das Ärzteteam aufmischte. »Wie lange geht das schon?«, fragte sie wieder ernst.
   Adrian dachte darüber nach. »Seit ein paar Tagen. Länger nicht. Aber dieses Mal ist es anders. Sie liegt schon ewig so da. Ich habe versucht, sie zu wecken. Sie steht nicht auf.«
   Er wirkte verzweifelt. Obwohl er wusste, was für ein Monster Luise sein konnte, liebte er sie von Herzen. Es war eine Fähigkeit, die sie immer an ihm bewundert hatte. Dass er Menschen bedingungslos lieben konnte, unabhängig davon, wie sie nach außen hin wirkten. Mich auch.
   Lena musterte Luise intensiv. Ihr Blick fiel auf den Zettel, den sie in der Hand hielt. Es war der gleiche, den sie bei Mikes Beerdigung in der Hand gehabt hatte, da war sich Lena sicher. Er sah furchtbar zerknickt und abgegriffen aus. Sie betrachtete Luises andere Hand. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. In Memoria. Natürlich. Zunächst war sie erleichtert, dass es nichts Schlimmeres war, bevor ihr einfiel, wie der Zauber wirkte, wenn man zu viel davon nahm. Man verfiel der Erinnerung völlig, wenn man unbedingt darin bleiben wollte und man nichts hatte, was einen in der Realität hielt.
   »Verdammt«, zischte sie.
   Luise musste es zu oft genommen haben. So oft, dass sie eine Art Sucht entwickelt hatte. Lena sah zu Adrian auf. Nahm seine Hand und zog ihn zu sich herunter.
   »Wir müssen sie wecken.«
   »Aber wie? Ich habe es ja schon versucht.«
   »Sie muss aufwachen wollen.«
   »Dann weißt du, was sie hat?«
   Lena biss sich auf die Lippen. »Ja, ich weiß es. Ich erkläre es dir später.« Falls sie sich dafür entschied, dass sie ihm von der Magie erzählen wollte. »Vielleicht.«
   »Vielleicht? Lena …«
   »Wir brauchen etwas, das sie gern mag«, unterbrach Lena ihn. »Etwas, zu dem sie zurückkommen möchte, verstehst du?«
   Mit einem schmerzhaften Stich dachte Lena an Mike und seinen nicht vorhandenen Anruf auf ihrer Mailbox. »Ihr Handy. Wir brauchen ihr Handy.«
   Vielleicht hatte er wenigstens Luise auf die Mailbox gesprochen. Wenn ja, hatte sie die Nachricht sicher noch gespeichert. Adrian durchsuchte Luises Taschen und zog tatsächlich ein nagelneues Smartphone heraus. Er hielt es Lena hin, doch sie schüttelte den Kopf.
   »Sorry. Keinen blassen Schimmer, wie diese Dinger funktionieren. Hab immer noch meine alte Krücke. Mach du es, das geht schneller.« Sie lächelte entschuldigend und Adrian grinste. »Such auf der Mailbox nach Anrufen von Mike.«
   Sofort wurde er ernst und tippte auf dem Smartphone herum. »Hier, ich hab einen.«
   Lenas Brust schmerzte noch mehr, weil Mike Luise auf die Mailbox gesprochen hatte und ihr nicht. Dann schimpfte sie sich eine dumme Kuh. Luise war eben seine Freundin gewesen, auch wenn Lena ihn viel länger gekannt und mehr Zeit mit ihm verbracht hatte, war ihm Luise in den letzten Monaten sicher wichtiger gewesen. Das war in Ordnung. Das sagte ihr ihr Verstand. Und ihr Herz würde es irgendwann auch einsehen. »Okay«, gab sie zittrig zurück. »Kannst du sie abspielen?«
   »Klar.« Er tippte noch ein paar Mal, dann hielt er ihr das Handy hin. Sie hielt es in die Nähe von Luises Ohr.
   Als Mikes Stimme aus dem Smartphone tönte, traten Lena die Tränen in die Augen.
   »Mach dir keine Sorgen, wir kriegen das hin«, sagte er in seinem üblichen, zuversichtlichen Tonfall. »Ich komme sofort, okay? Mach in der Zwischenzeit keine Dummheiten.«
   Die Zärtlichkeit in seiner Stimme schmerzte unerträglich in ihrer Brust, und sie hörte sich weinen. Als die Nachricht vorbei war, hatte Luise sich allerdings noch immer nicht gerührt. Lena spielte sie erneut ab. Und noch mal. Die ganze Zeit hatte sie sich gewünscht, noch einmal seine Stimme zu hören, und jetzt brachte es sie fast um den Verstand. Es war die letzte Nachricht von ihm, seine Stimme würde nie wieder etwas sagen.
   »Ich halte das nicht aus, ich halte das einfach nicht aus«, flüsterte sie, als sie die Nachricht zum vierten Mal abspielte.
   Adrian legte ihr eine Hand auf die Schulter und drückte sie. Da, endlich, rührte sich auch Luise und blinzelte verwirrt.
   »Mike?«
   Die Hoffnung in ihrer Stimme brach Lena beinahe das Herz.
   Sie half Luise, sich hinzusetzen, während diese sich über die Stirn rieb.
   »Wo … was?«
   »Es tut mir leid, Luise, er ist nicht hier.« Er wird nie wieder hier sein. »Wir mussten die Nachricht von deinem Handy abspielen, um dich zurückzuholen.«
   Luise zuckte zusammen. »Das … nein. Warum habt ihr das gemacht? Ich wollte nicht zurückkommen.«
   »Ich weiß«, flüsterte Lena. »Ich kenne das Gefühl. Ich hätte nur nie gedacht, dass es so ausarten kann.«
   Luise starrte mit zusammengepressten Lippen auf ihre Hand, in der immer noch das Röhrchen ruhte. Ihre Pupillen waren geweitet und sie stand vollkommen neben sich. Man konnte ihr die Sehnsucht nach der Erinnerung förmlich ansehen. Lena wurde klar, dass Luise In Memoria sofort wieder benutzen würde, sobald sie sie allein ließen.
   Lena streckte die Hand danach aus. »Am besten gibst du es mir zurück.«
   »Vergiss es!« Luise steckte das Röhrchen in ihre Hosentasche, dann versuchte sie, aufzustehen, schwankte dabei jedoch gefährlich. Lena und Adrian führten sie zum Bett.
   »Dann versprich mir wenigstens, dass du es heute nicht mehr benutzt. Und … nächstes Mal, stell dir eine Art Wecker oder so. Mit«, sie verstummte, musste sich zwingen, es zu sagen, »mit Mikes Nachricht, vielleicht. Mit irgendetwas, zu dem du zurückkommen möchtest.«
   Luise nickte, aber Lena sah, wie sie die Finger um das Röhrchen in ihrer Tasche schloss.
   »Luise, bitte, du musst es mir versprechen. Es ist gefährlich.«
   »Hast du ihr etwa Drogen gegeben oder was?«, kam es von Adrian.
   Lena zuckte zusammen. Hatte sie das? Auf gewisse Art schon, nur dass sie sich nichts dabei gedacht hatte. »Es tut mir leid, sie war so verzweifelt, und … ich habe nicht nachgedacht.«
   »Seid ihr beide fertig?«, schnauzte Luise. »Ich bin kein kleines Kind, ich weiß, was ich tue, und jetzt verschwindet.«
   »Bitte, Luise, versprichst du mir, dass du den Zauber nicht mehr benutzt?«
   Eine steile Falte erschien auf ihrer Stirn. »Bist du bescheuert?« Es sollte wohl forsch klingen, aber es wirkte verloren.
   Lena hob ihre Hand, um sie auf Luises zu legen, aber die sah sie so abweisend an, dass sie es bleiben ließ. »Ich brauche dich. Du weißt schon, wegen der Pflanzen.« Sie hoffte, dass das Luise ausreichend ablenken würde. »Und es ist noch dringender als vorher, ich …«
   »Ich bin schon fertig damit.« Luise stand auf, wankte zum Schreibtisch, kam dann zurück und knallte Lena einen Ordner in die Hand.
   »Äh …« Lena starrte auf den dicken Ordner. »Wirklich?«
   Luise schnaubte verächtlich. »In der realen Welt kann man sich mit Dingen nicht so viel Zeit lassen, wie du vielleicht glaubst. Zu einer Pflanze, der Unbefleckten Wegwarte, habe ich allerdings nichts gefunden. Oder jedenfalls nichts Konkretes. Ich suche noch weiter.«
   Lena schlug den Ordner auf. Zu jeder Pflanze gab es einen Bereich, und in jedem befanden sich Ausdrucke und stichpunktartige Notizen, Eigenschaften der Pflanzen, mögliche Stellen, an denen sie wuchsen, die wirksamen Bestandteile.
   »Ich weiß aber nicht, was du damit willst, viele davon haben ihre Blüte längst hinter sich.«
   Ein dumpfes Ziehen machte sich in ihr breit. »Ich weiß. Aber es hilft nichts, ich muss es versuchen.«
   »Es wird schwer, die Biester zu finden, wenn du keine Blüten hast, an denen du dich orientieren kannst.«
   »Das ist kein Problem.« Sie konnte ja die Trolle benutzen. Immerhin etwas.
   »Entschuldige mal, hast du da vorhin was von einem Zauber gesagt?«, mischte sich Adrian ein.
   Luise zuckte zusammen. »Sie denkt, ihre Kräutermischung wirkt aufgrund von Magie.«
   »Spinnst du?« Entgeistert sah er von Luise zu Lena.
   »Sage ich doch«, gab Luise zurück.
   Lena musterte Luise prüfend. Glaubte sie wirklich, dass das mit der Magie Blödsinn war, oder sagte sie das nur, um Adrian abzulenken?
   Adrian schüttelte den Kopf. »Nein, ich meine, dass das nur ihre Mischung ist. Dieser Cay …« Er betrachtete leicht verwirrt den Ring. »Das wäre eine Erklärung. Aber Magie … Magie gibt es doch nicht.«
   Lena lachte nervös. »Ähm. Ich würde dir gern alles erklären.« Lügnerin. »Aber ich habe leider wirklich absolut keine Zeit. Wir müssen das auf später verschieben.«
   Adrian starrte sie kurz mit verengten Augen an, aber als sie nicht einlenkte, seufzte er und nickte. »Und was ist mit … mit unserem Gespräch?«
   Lena biss sich auf die Lippen. »Ich kann nicht. Es geht um jede Minute. Wenn du reden willst, müsstest du schon mit zur Pflanzensuche kommen.«
   »Okay«, gab Adrian viel zu schnell zurück. »Dann komme ich eben mit.«
   Nachdenklich betrachtete sie ihn. Es wäre schön, nicht allein zu gehen. Konnte sie das tun? Konnte sie ihn mitnehmen? Das letzte Mal war die Sache für ihren Begleiter nicht gerade gut ausgegangen. Andererseits hatte er Cays Ring. Darin war ein mächtiger Schutzzauber versteckt. Und außerdem waren sie letztes Mal nur in Gefahr geraten, weil Mike erraten hatte, dass Mathäus nicht unsterblich war. Adrian würde sie nichts erzählen, was ihn auf diese Idee bringen konnte. »Na gut. Du kannst mitkommen.« Es klang nüchtern. »Ich würde mich freuen«, fügte sie hinzu.
   Adrian lächelte. Dann wurde sein Gesicht wieder ernst und er deutete auf Luise. »Was ist mit ihr? Können wir sie allein lassen?«
   Lena sah zu Luise hinüber und fluchte leise. Sie war schon wieder weggedämmert. Sie musste wirklich eine extreme Überdosis genommen haben. Lena ging zu ihr und rüttelte an ihrer Schulter. »Luise?«
   Sie öffnete die Augen einen winzigen Spaltbreit. »Was ist?«
   Lena wandte sich an Adrian. »Du solltest besser hierbleiben. Ich gehe die Pflanzen allein suchen.«
   »Du spinnst ja«, murmelte Luise. »Glaubst du echt, ich hab den ganzen Kram rausgesucht, um dich jetzt allein gehen zu lassen? Außerdem kommst du ohne mich eh nicht klar.«
   Lena musste grinsen. Selbst im Halbschlaf war sie ganz sie selbst. »Ich kann nicht warten, bis du wieder auf den Beinen bist, tut mir leid.«
   »Ich bin doch auf den Beinen«, murmelte Luise und rollte sich gemütlich in ihre Decke.
   »Bist du nicht.«
   »Bin ich nicht?« Sie zwang sich, die Augen zu öffnen. »Oh. Tatsächlich. Warte.« Sie wand sich ein wenig herum und zog sich mühsam ins Sitzen. »Jetzt hilf mir schon«, herrschte sie Lena an.
   »Willst du wirklich mitkommen?«, fragte Lena, die Luises Wunsch, die Pflanzen zu sehen, etwas merkwürdig fand. Außerdem hatte Luise im Gegensatz zu Adrian keinen Schutzzauber, und Lena konnte nicht ihre ganze Kraft darauf verwenden, ihr einen zu machen. Falls etwas passierte, musste sie genug Kraft haben, um sich mit Magie zu verteidigen.
   »Sicher. Ich muss doch dafür sorgen, dass du diesen Typen platt machst. Du weißt schon, den, der Mike …« Sie brach ab und war plötzlich sehr damit beschäftigt, ihre Schuhe anzuziehen.
   Lena sah auf sie herunter. Etwas Feuchtes tropfte auf Luises Hand, und sie wusste, dass sie Luises Wunsch nicht abschlagen konnte. Schließlich ging es um Mikes Mörder. Luise würde alles tun, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen, da war sich Lena sicher, und es war gut möglich, dass sie vor Ort Luises Hilfe brauchen konnte. Sie entschied sich, Luise mitzunehmen. Immerhin hatten sie zwei Schutzzauber, das würde reichen. Musste reichen.

Kapitel 8

Die verließen das Zimmer zu dritt, Luise im Halbschlaf auf Adrian gestützt, und machten sich auf den Weg zum Ausgang.
   »Adrian? Ist alles in Ordnung? Ich bin sofort gekommen.«
   Eine atemlose Stimme erklang hinter ihnen. Lena fuhr herum. Vor ihr stand ein Junge etwa in ihrem Alter. Sie erinnerte sich dunkel daran, ihn in der Schule gesehen zu haben. Als er Lena bemerkte, blieb er wie angewurzelt stehen und starrte sie mit großen Augen an.
   Adrian wurde rot. Er deutete mit seiner freien Hand auf Lena. »Das ist Lena. Lena, das ist Alex. Ich habe ihn angerufen, als ich Luise gefunden habe, bevor ich dich angerufen habe.«
   Lena sah von einem zum anderen. Hatte dieser Alex rote Ohren? Die beiden sahen sich merkwürdig verschämt an und langsam dämmerte Lena, was hier vor sich ging. Sie wandte sich an Adrian.
   »Ist das …?«
   Adrian hob den Kopf und sah sie fest an. »Mein Freund. Ja.«
   »Oh.« Das war so überhaupt nicht das, was sie erwartet hatte, dass sie sich kurz sammeln musste. Sie lächelte Alex freundlich an, während sie noch versuchte, Ordnung in ihr Kopfchaos zu bringen. Adrian war also schwul? Dann war die Erklärung dafür, dass er sie verlassen hatte, wohl hinfällig. »Das hättest du mir doch sagen können«, flüsterte sie.
   Adrian öffnete den Mund, um zu antworten.
   »Was ist hier los?« Eine dunkle Stimme hallte ungnädig durch den Flur.
   Adrian zuckte kurz zusammen und weckte damit Luise, die erschrocken hochfuhr und sich bemühte, allein zu stehen. Adrian sah zu Alex hinüber, ein verzweifelter Blick, als hätte er sich am liebsten vor ihn gestellt, um ihn zu verstecken. Aber Luise, die immer noch auf seine Unterstützung angewiesen war, hielt ihn davon ab.
   Lena kannte Luises Vater natürlich, doch sie hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen, seit ihrer Beziehung mit Adrian nicht mehr. Als er jetzt gehobenen Schrittes auf sie zukam, erfasste sie erneut diese Mischung aus Ehrfurcht und Angst, die sie schon damals immer verspürt hatte, wenn er in der Nähe war. Als er Lena erkannte, nickte er ihr kühl zu, was von ihm schon fast einer freudigen Begrüßung gleichkam. Adrian bekam ebenfalls ein Nicken, Alex nur einen grimmigen Blick, der diesen jedoch nicht zu stören schien. Er lächelte Adrians Vater freundlich, aber bestimmt an und nahm demonstrativ Adrians Hand.
   Sofort hatte er bei Lena einen Stein im Brett. Sie hätte sich das an seiner Stelle nie getraut, dabei brauchte Adrian jemanden wie Alex, jemanden, der ihm den Rücken stärkte. Heute hätte sie es vielleicht gekonnt, damals jedoch, als sie mit Adrian zusammen gewesen war, hatte die Angst vor seinem Vater deutlich überwogen. Sogar jetzt noch wurde ihr Mund trocken, als sie sah, wie Herr Bachmann die gefassten Hände anstarrte und sein Blick noch grimmiger wurde. Sie hoffte, dass Adrian es nicht später würde büßen müssen.
   »Ich habe gefragt, was hier los ist.« Er starrte Adrian böse an. »Der Sicherheitsdienst hat mich informiert, dass du kurzfristig zwei Besucher angemeldet hast.« Lena seufzte innerlich. Herr Bachmann überwachte nicht nur seine Firma, sondern auch die Villa und seine Familie sehr streng und ließ sich über jeden Besucher informieren. Er schätzte spontanen Besuch nicht, auch wenn es Freunde seiner Kinder waren. Oder vielleicht gerade dann. Auf jeden Fall wollte er immer mit eigenen Augen sehen, wer in seinem Haus unterwegs war.
   »Lena und Alex kennst du doch schon. Sie sind nur vorbeigekommen, um sich mit mir zu treffen«, erklärte Adrian. Er hatte Alex’ Hand noch fester gefasst. »Wir haben uns lange nicht gesehen.«
   Lena runzelte die Stirn. Warum sagte er nicht die Wahrheit, dass es Luise schlecht ging?
   Herr Bachmanns Blick fiel auf Luise, und die Verachtung darin erschreckte Lena. »Bist du wieder mit irgendwelchen Typen um die Häuser gezogen?« Er schnaubte abfällig. »Und du wunderst dich, warum ich will, dass Adrian bleibt.«
   Luise wurde bleich. »Nein, ich … ich habe schon geschlafen.«
   Herr Bachmann musterte sie. »Es spielt keine Rolle, ich brauche dich ja nicht mehr.«
   Die Grausamkeit seiner Worte, noch dazu vor anderen Menschen, tat Lena beinahe körperlich weh. Da hatte sie es mit ihrer Mutter noch direkt gut erwischt.
   Luise erwiderte nichts. Ihre Augen glänzten verräterisch. Lena presste die Lippen zusammen. Sie hatte immer gewusst, dass es zwischen Luise und ihrem Vater nicht herzlich zuging, aber das war ein ganz neues Level an Gefühlskälte.
   Herr Bachmann ließ seinen Blick noch einmal über sie alle schweifen. Er nickte Adrian zu. »Ich erwarte dich morgen früh in meinem Büro. Um Punkt acht Uhr. Unabhängig davon, wie lange du mit ihnen unterwegs bist.«
   Adrian nickte gequält. »Ich weiß.«
   Herr Bachmann warf ihnen noch einen ungnädigen Blick zu, verkniff sich aber den Kommentar, dass er Besuch nicht schätzte. Fast als würde er anerkennen, dass sie erwachsen waren.
   Erst, als er weg war, merkte Lena, dass sie den Atem angehalten hatte. Auch Adrian atmete hörbar auf. Alex neigte sich zu ihm, drückte tröstend seine Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sofort wirkte Adrian etwas entspannter. Er antwortete etwas, das Lena nicht verstand. Alex gab ihm einen schnellen Kuss auf die Lippen, dann ging er auf Lena zu, reichte ihr die Hand, verabschiedete sich und verschwand.
   Verwirrt sah Lena ihm nach. »Wo will er denn hin?«
   »Ich habe ihm gesagt, dass wir noch was vorhaben.«
   Lena musterte Luise, die immer noch versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr das Verhalten ihres Vaters sie verletzte. In der Hand hatte sie immer noch den Zettel, es wirkte, als ob sie sich daran festhielt.

Kapitel 9

Im Auto setzte sich Luise auf die Rückbank, so als wollte sie so viel Abstand wie möglich zwischen Lena und sich bringen, was natürlich in einem Sportwagen vergebliche Liebesmüh war. Trotzdem war Lena froh darum, denn so konnte sie besser mit Adrian reden. Obwohl sie nicht sicher war, ob sie das wirklich wollte, solange Luise mithörte.
   Nachdem sie ein paar Minuten unterwegs waren, sah sie allerdings im Rückspiegel, dass Luise erneut weggedämmert war.
   »Soll ich sie wecken?«
   Lena schüttelte den Kopf. »Lass sie schlafen, dann ist sie nachher vielleicht wacher. Wir müssen nur aufpassen, dass sie nicht zu tief reinrutscht.«
   Adrian nickte nur.
   »Ist euer Vater immer so?«, frage Lena leise.
   Adrian wandte das Gesicht ab und starrte in die Nacht. »Ja. Seit ich zurück bin, lässt er kein gutes Haar an ihr. Und mich … er versucht, mich zu … nennen wir es überreden. Er will, dass ich die Firma übernehme.«
   »Aber du willst nicht?«
   »Um Gottes willen, nein. Ich wünschte, er würde einsehen, dass Luise dafür die perfekte Wahl ist.«
   »Warum will er sie denn nicht? Weil sie eine Frau ist?«
   Adrian verzog den Mund. »Das glaube ich nicht. Wenn er so denken würde, hätte er mich wohl enterbt und rausgeworfen, sobald er von Alex erfahren hat. Nein, ich glaube …« Er verstummte und holte tief Luft. »Ich glaube, er will sie nicht um sich haben. Er will nicht mit ihr arbeiten. Er hat schon immer versucht, ihr aus dem Weg zu gehen.« Seine Stimme war immer leiser geworden. »Seit Mutter damals verschwunden ist, hat er sie kaum noch richtig angesehen.«
   Lena schluckte schwer. Es war das erste Mal, dass Adrian ihr gegenüber von seiner Mutter redete. Egal, wie innig ihr Verhältnis damals gewesen war, darüber hatte er sich immer ausgeschwiegen. »Verschwunden?«, hakte sie vorsichtig nach. Irgendetwas daran kam ihr falsch vor und sie keuchte auf, als ihr auffiel, was es war. »Luise hat mir damals gesagt, dass es der Todestag eurer Mutter ist und sie deshalb trauert, nicht wegen Mike.« Das war doch krank! Warum sagte Luise so etwas, wenn ihre Mutter gar nicht tot war?
   Adrian sah sie beschämt an. »Für meinen Vater ist sie tot. Und der Tag, an dem sie gegangen ist, war für ihn immer ihr Todestag.«
   Stumm versuchte Lena, das zu begreifen.
   »Und für Luise auch.« Adrians Stimme klang brüchig. »Sie hat ihr nie verziehen, dass sie uns bei Vater gelassen hat. Dass sie uns nicht mitgenommen hat. Und Vater … Ich glaube, sie erinnert ihn zu sehr an sie. Und an ihren Betrug. Dabei tut Luise alles, um ihm zu beweisen, wie geeignet sie für den Job ist.« Adrian holte tief Luft. »Und dass sie besser ist als Mutter.« Er biss sich auf die Lippe und wandte das Gesicht ab.
   Lena fragte sich, wie sie so lange mit Adrian hatte zusammen sein können, ohne von diesen Dingen etwas zu ahnen. »Wenn sie das will, warum hat sie dann die ganzen One-Night-Stands? Ich meine, ich kann mir denken, dass es wegen Mike ist, weil sie sich irgendwie ablenken muss, aber es ist trotzdem merkwürdig, dass sie sich nicht diskreter verhält.«
   »Er weiß es nicht«, flüsterte Adrian.
   »Was?«
   »Das mit Mike. Luise hat es ihm nicht gesagt, und ich musste ihr versprechen, dass ich es auch nicht tue. Sie will nicht, dass er sie für schwach hält, dass er denkt, sie kommt damit nicht klar. Aber alles in sich reinzufressen, schafft sie einfach nicht. Sie versucht, es diskret zu halten, aber an manchen Tagen hält sie es anders einfach nicht aus. Es ist ihr lieber, dass er merkt, dass sie einen Typen nach dem anderen hat, als dass sie zugeben muss, dass sie vor Trauer beinahe um den Verstand kommt.«
   Lena krampfte die Finger um das Lenkrad. »Das ist schrecklich.« Sie musste an Mikes letzte Nachricht auf Luises Handy denken. Wir kriegen das hin. Sicher hatte das auch etwas mit ihrem Vater zu tun gehabt.
   »Ja. Manchmal hasse ich ihn dafür. Aber es bringt nichts, mit ihm zu diskutieren, das habe ich versucht. Es macht alles nur noch schlimmer, und er lässt es noch mehr an Luise aus. Es muss besonders schlimm gewesen sein, während ich weg war. Er hat sie immer wieder spüren lassen, wie sehr er gehasst hat, dass er sie als Nachfolgerin überhaupt in Erwägung ziehen musste.« Seine Stimme war immer leiser geworden. »Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht gegangen.« Doch allein die Vorstellung, die ganze Zeit hier gewesen zu sein, ließ ihn blass werden.
   Lena fuhr sich über die Augen. Wie konnten Eltern ihre Kinder nur so behandeln? Liebte Luises Vater sie denn nicht? War der Hass auf ihre Mutter so groß, dass er wirklich jedes Gefühl für die Tochter erstickte? Natürlich fragte sie das nicht, und Adrian schien nichts weiter dazu sagen zu wollen. Also nahm Lena ihren Mut zusammen, vergewisserte sich, ob Luise noch schlief und fragte, was ihr schon die ganze Zeit auf der Seele lag. »Ist Alex der Grund, warum du gegangen bist?«
   Adrian zuckte zusammen, dann wandte er sich ihr zu und musterte sie lange. »Ja. Nein. Auch.« Er verstummte hilflos. »Dass ich nicht nur Mädchen anziehend finde, war ein Teil davon. Es hat mich verwirrt, eine Weile lang, weißt du? Aber eigentlich ist es viel komplizierter.«
   »Nicht nur Mädchen?«, erwiderte sie langsam. »Heißt das …«
   »Ja«, flüsterte er. »Ich habe dich damals nicht verlassen, weil du kein Kerl bist.« Er lächelte schief.
   Es versetzte Lena einen Stich. Kurz hatte sie gehofft, dass das der Grund gewesen war, dann hätte es nicht an ihr gelegen. »Warum dann?«, fragte sie leise.
   Adrian musste sich offensichtlich zwingen, weiterzureden. »Ich bin krank.«
   Beinahe hätte sie das Lenkrad verrissen. »Wie meinst du das, du bist krank?«
   »Nichts Lebensbedrohliches«, fügte er hastig hinzu. »Keine Sorge.«
   »Okay«, erwiderte sie, fand aber, dass nichts okay war. Er war krank? Wie krank?
   »Ich habe diese Krankheit schon lange, schon bevor wir zusammen waren. Ängste, die mir die Luft abschnüren. Ich sehe Dinge, die ich nicht einordnen kann. Visionen, wenn du so willst.«
   »Schon immer?«, flüsterte Lena. Er hatte das schon gehabt, als er mit ihr zusammen gewesen war, und hatte es ihr nie gesagt?
   Er nickte schuldbewusst. »Niemand wusste es, nicht mal Luise. Ich habe immer versucht, es zu verstecken. Ich dachte, ich wäre abartig, durchgedreht. Ich wusste lange nicht, dass es eine Krankheit ist. Also habe ich es verheimlicht, vor allem vor Vater. Er hasst jede Art von Schwäche. Dir habe ich es nie gesagt, weil es mir gut ging, als wir zusammen waren. So gut, dass ich gehofft habe, es wäre vorbei. Eine glückliche Beziehung hilft.« Er lächelte schwach.
   »Hast du mir deshalb auch das mit eurer Mutter nicht gesagt?«
   Er nickte. »Nach dem Schulabschluss wurde die Krankheit schlimmer. Vater übte immer mehr Druck aus. Die Ängste waren kaum noch zu ertragen. Der Druck, die ganze Verantwortung, es führte dazu, dass die Krankheit mit voller Wucht zurückkam.«
   »Mein Gott, Adrian. Ich hätte dir geholfen …«
   »Ich weiß. Das hättest du. Aber ich wollte das nicht auf dir abladen und … ich musste hier weg. Ich wollte nicht, dass er es merkt, verstehst du? Außerdem wusste ich, dass es nie besser werden würde, wenn ich hierbleibe. Wo er ist.«
   Sie hätte gern seine Hand genommen, aber auf den kurvigen Bergstraßen brauchte sie beide Hände am Steuer. »Ich kann überhaupt nicht glauben, dass wir eineinhalb Jahre zusammen waren und ich es nicht bemerkt habe.«
   »Bitte mach dir keine Vorwürfe. Ich war ein Meister darin, es zu verheimlichen.« Er lächelte gequält. »Und du … du warst immer für mich da. Du hast mir immer zugehört. Du hast in dieser Zeit mehr für mich getan als irgendjemand sonst.« Die Wärme in seinen Worten durchströmte sie tröstlich.
   »Ich bin froh, dass du zurück bist«, sagte sie.
   Er sah auf seine Hände. »Ja. Ich bin froh, dass wir endlich reden können.«
   »Aber?«
   Er hob den Kopf und erwiderte ihren Blick. »Ich werde nicht bleiben. Ich kann einfach nicht.«
   »Wegen deines Vaters?«
   Adrian nickte. »Ich bin gekommen, um mit dir und Luise alles ins Reine zu bringen. Mit ihm …« Er schnaubte in die Dunkelheit des Autos. »Mit ihm wird mir das niemals gelingen. Ich befürchte, unsere Differenzen sind doch größer, als es zunächst ausgesehen hat. Und jetzt, mit Alex, das kann er einfach nicht akzeptieren. Auch wenn er das nie offen zugibt.«
   Unwillkürlich spürte Lena das alte Ziehen in ihrem Herzen. Wie dämlich, eifersüchtig zu sein, obwohl sie Adrian längst nicht mehr liebte. Nicht so. »Bist du glücklich mit Alex?«, fragte sie leise.
   Adrian sah sie an und auf seinem Gesicht spiegelte sich ihr Gefühlschaos wider. Die Sehnsucht nach dem, was sie einmal gehabt hatten, weil es einfach gewesen war und schön. Aber auch die Freude, jemanden gefunden zu haben, der einen wirklich glücklich machte. Selbst dann, wenn das Glück nicht ungetrübt war.
   »Er war nicht geplant.« Sein verträumtes Lächeln erinnerte Lena an sich selbst. So musste sie ausgesehen haben, wenn sie Mike von Cay vorgeschwärmt hatte. »Ich hoffe, dass wir einen Weg finden, zusammenzubleiben.«
   »Was willst du tun?«
   »Wieder gesund werden, als Allererstes. So gesund, wie es eben geht. Vollkommene Heilung gibt es für mich wahrscheinlich nicht, aber die Aussprache mit dir und Luise hilft hoffentlich. Das Problem ist nur … Ich will Luise nicht mit Vater allein lassen. Nicht gerade jetzt, nachdem sie auch noch ihren Freund verloren hat. Sie braucht mich. Ich weiß nur nicht, wie lange ich das noch aushalte. Seit ich hier bin, sind diese Angstzustände wieder schlimmer geworden. Und ich habe Angst, dass …« Er räusperte sich. »Dass meine ganzen Fortschritte zunichtegemacht werden, wenn ich noch länger bleibe. Ich wollte warten, bis das Studium anfängt, damit Luise wenigstens in München ist und ihn nicht jeden Tag ertragen muss. Aber die Angstzustände werden immer schlimmer, je länger ich hier bin. Es kommt mir so egoistisch vor. Mein Therapeut sagt, dass man nicht alles auf sich laden darf, wenn man eine solche Krankheit hat. Man muss lernen, egoistisch zu sein, weil man sonst wieder krank wird und das auch keinem hilft. Gott, wie ich diese Krankheit hasse.« Er vergrub das Gesicht in den Händen.
   Lena hätte am liebsten das Auto angehalten, aber inzwischen war die Straße schmal geworden und schlängelte sich in Serpentinen ohne Randstreifen den Berg hinauf. Selbst auf den geraden Stücken war Anhalten lebensgefährlich. »Ich wünschte, ich könnte etwas tun«, flüsterte sie. »Vielleicht kann ich mich um Luise kümmern«, bot sie an, ohne so recht zu wissen, wie das aussehen sollte.
   »Das würdest du tun?«, fragte er überrascht. »Nach allem, was sie getan hat?«
   Lena presste die Lippen zusammen und nickte. »Nicht für sie. Sondern für dich. Und für Mike.« Es war immer noch unfassbar schwer, seinen Namen auszusprechen, ohne dabei in Tränen auszubrechen.
   Adrian berührte sanft ihre Hand, die auf dem Schaltknüppel des Autos lag. »Ich liebe dich immer noch, weißt du das?«
   Seine Worte verschlugen Lena den Atem. »Was?«
   »Nicht so wie früher. Aber du hast mir damals die Kraft gegeben, nicht mehr zu akzeptieren, wie er mich behandelt und nicht einfach klein beizugeben, als er mich gedrängt hat, sein Nachfolger zu werden. Du hast mich ernst genommen. Dadurch habe ich gelernt, mich auch ernst zu nehmen. Dafür werde ich dich immer lieben, egal, was noch passiert.«
   Hilflos starrte sie auf die Fahrbahn. »Ich bin froh, dass ich helfen konnte.« Aber. Das Aber stand zwischen ihnen wie eine riesige Wand aus Eis. Warum hast du mir so wehgetan? Ein Wort, nur ein Wort von dir, eine einzige SMS, hätte gereicht. »Ich wünschte, das hättest du mir damals schon gesagt.« Nun stahl sich doch eine Träne aus ihrem Augenwinkel. Ungeduldig wischte sie sie weg.
   Adrian legte eine Hand auf ihre, die immer noch das Steuer umklammert hielt. »Ich auch. Du weißt gar nicht, wie sehr ich mir das wünsche. Aber damals wollte ich nur weg. So schnell wie möglich. Vater und ich, wir hatten einen üblen Streit und dann dachte ich ja auch noch, ich wäre schwul. Wie hätte ich dir das sagen sollen? Es war für mich selbst so verwirrend. Ich wusste einfach nicht mehr, wer ich bin. Und du … du hast mir so unglaublich geholfen, mit dir zusammen zu sein, war für mich der rettende Anker. Ich wusste nicht, wie ich ohne dich auskommen sollte, und gleichzeitig hatte ich immer das Gefühl, dich auszunutzen und dir etwas vorzumachen, weil ich mit dir zusammen war, obwohl ich dachte, dass ich eigentlich Kerle mag. Der Gedanke war schrecklich, und ich brauchte lange, bis ich verstanden habe, dass ich nicht in eine dieser Schubladen passe. Und bis ich außerdem verstanden habe, dass ich dich zwar geliebt habe, aber nicht auf die Art, wie man jemanden liebt, mit dem man für immer zusammen sein will.«
   Das so schonungslos von ihm zu hören, tat auf merkwürdige Art weh und gleichzeitig gut. »Ja, ich verstehe, was du meinst.«
   »Und dann war es plötzlich zu spät. Ich war in der Klinik und musste mich entscheiden. Kein Kontakt nach außen, zwei Jahre lang, das war die Regel.«
   »Zwei Jahre?«, fragte Lena entgeistert. »Wieso denn so lang?« Sie hatte schon gehört, dass es üblich war, eine Zeit lang den Kontakt mit der Außenwelt abzubrechen, um zur Ruhe zu kommen. In Adrians Fall klang es sinnvoll, wenn die Sache mit seinem Vater ihn so belastete. Aber zwei Jahre? So lange waren die meisten Leute ja nicht mal in der Klinik. Nicht annähernd.
   »Ja, das fand ich auch komisch, aber es hat tatsächlich sehr geholfen. Ehrlich gesagt hat es so gut geholfen, dass ich überlegt habe, nie wiederzukommen und für immer verschwunden zu bleiben. Deswegen habe ich mich auch so lange nicht gemeldet. Es kam mir fast vor wie Zauberei, dass es mir so viel besser ging, und ich wollte nichts daran ändern, nicht ein Detail. Ich hatte Angst, wenn ich diese Schutzmauer durchbreche, wenn ich Kontakt aufnehme, dann hätte es ein Ende.«
   »Und du einen Rückfall.«
   Er nickte.
   Lena schluckte. Zauberei. Es kam ihm vor wie Zauberei. Sie sagte nichts weiter und genoss das Gefühl seiner Hand auf ihrer. Die alte Vertrautheit. Tröstlich.
   »Kannst du mir verzeihen?«, fragte er irgendwann.
   Lena nickte. »Ja, kann ich. Werde ich.«
   Und in der Zwischenzeit musste sie sich bemühen, nicht das Schlimmste anzunehmen. Adrian hatte es nicht gesagt, aber für Lena klang es so, als hätte Cay nicht nur gewusst, warum Adrian fortgegangen war, sondern auch seine Finger im Spiel gehabt. Als hätte er ihn weggeschickt, um den Weg freizumachen, damit er sie ungehindert für seinen Plan benutzen konnte. Sie schüttelte den Kopf. Das passte nicht zusammen. Denn wenn Cay Adrian einfach nur weggeschickt hätte, damit er freie Bahn bei Lena hatte, warum hätte er Adrian dann schützen wollen? Und warum hatte er anfangs geglaubt, Mike wäre ihr Freund, hatte aber nicht wirklich etwas gegen ihn unternommen? Nein, es musste einen anderen Grund haben. Trotzdem versetzte es Lena einen Stich, dass Cay ihr das mit Adrian nicht gesagt hatte. Andererseits hatte es in letzter Zeit kaum eine Gelegenheit für solche Gespräche gegeben. Trotzdem bestärkte es sie noch mehr darin, dass es wichtig gewesen war, nicht länger über diese Dinge zu schweigen. Sobald sie vom Pflanzen sammeln zurück war, würde sie mit ihm reden.
   Wenn er da war. Wenn er heil von dem Gespräch mit Mathäus zurück war. Mit zitternden Fingern umfasste Lena den kleinen Schlüssel an der Kette um ihren Hals, hob ihn an ihre Lippen und küsste ihn. Bitte. Komm heil zu mir zurück.

Kapitel 10

»Was meinst du damit, ich habe sie in Gefahr gebracht?« Cay versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn Mathäus’ Behauptung aus der Bahn warf. Am liebsten wäre er sofort losgestürmt, um nachzusehen, ob mit Leonora alles in Ordnung war. Er hatte die Finger schon an seinem Handy, um sie anzurufen, beherrschte sich jedoch. Vielleicht war es nur eines von Mathäus‘ Spielchen. Und selbst wenn nicht, musste er zunächst wissen, wovon Mathäus da überhaupt redete.
   »Du hast den Orden auf sie aufmerksam gemacht.«
   Etwas von der Anspannung fiel von ihm ab. »Das habe ich getan, um sie zu schützen. Vor dir.«
   Mathäus lächelte freudlos. »Ja. Unnötigerweise. Ich nehme an, dass du geplant hattest, Lena dort unterzubringen und dass sie abgelehnt hat?« Mathäus neigte sich zu Cay, sein Gesicht wieder ganz die grausame Maske, die Cay von früher kannte. »Du hast versucht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Und es ist schiefgegangen.«
   Die Härchen in Cays Nacken stellten sich auf. Trotzdem blieb er ruhig, ballte nicht die Fäuste, verzog keine Miene. »Wenn das stimmt, und wenn es ebenso stimmt, dass du sie schützen willst, warum bist du dann noch hier?« Er wollte Spielchen spielen? Das konnte er haben.
   Etwas glitzerte in Mathäus’ Augen. »Weil sie uns beide braucht.«
   Cay lachte nur leise. »Netter Versuch.«
   »Setzt du wirklich so viel Vertrauen in den Orden?«, fragte Mathäus.
   »Nein«, antwortete Cay. »Kein Vertrauen. Wenn die Beziehungen des Ordens auf Vertrauen basieren würden, hätte ich mich nie mit ihnen eingelassen.«
   Sah er etwas in Mathäus‘ Blick flackern? Verunsicherung?
   Cay lächelte kalt. »Der Orden ist neutral. Selbst wenn er aus dem gleichen Grund hinter Leonora her wäre wie du, würden sie ihr nichts antun.«
   »Ich sagte bereits, ich bin nicht hinter ihr her.«
   Cay schnaubte. »Sicher.«
   Ein Muskel an Mathäus’ Wange zuckte. »Du hast keine Ahnung, wie gefährlich der Orden ist.«
   Natürlich wusste Cay es. Er hatte es von Anfang an gewusst. Trotzdem hatte er sich mit ihnen eingelassen, weil sie immer ihren Richtlinien folgten. Ausnahmslos. Ihre Prinzipien galten ihnen mehr als alles andere. Kein Vertrauen. Keine Freundschaft. Nur knallharte Vernunft zählte für den Orden. Und das machte sie zu einem akzeptablen Partner. »Der Orden setzt seine Macht nicht für persönliche Ziele ein. Sie mischen sich nicht ein.«
   »Nein«, erwiderte Mathäus. »Nicht in die Ziele von anderen. Aber sie haben eigene Ziele. «
   Verunsicherung erwachte in Cay. Er verschüttete sie sofort tief in seinem Inneren.
   Mathäus bewegte sich langsam, sein tausendfaches Abbild in den Spiegeln drehte sich um Cay wie die Splitter eines Kaleidoskops und dazwischen mischten sich dunkle Gestalten in Kapuzenmänteln, mit einem gestickten Emblem darauf. Cay versuchte, es zu ignorieren, es war nur eine Illusion. Genau wie die schmale, aschblonde Gestalt, die sich plötzlich zwischen den dunklen Schatten bewegte wie ein Stück Treibholz in einem aufgewühlten Ozean. Angst krallte sich in seine Eingeweide, plötzlich und ursprünglich. Ungewollt, unbezähmbar. Und Hass auf Mathäus, der so gut mit Cays Gefühlen spielen konnte, obwohl Cay genau wusste, was er tat.
   »Und was muss ich tun, damit du mir ihre Ziele verrätst?«, fragte Cay, sich bewusst, dass dies genau die Reaktion war, die Mathäus von ihm wollte. Er wusste es, und doch konnte er nicht anders, als sich genau auf das Spielfeld zu stellen, das Mathäus für ihn vorgesehen hatte. Aber das bedeutete nicht, dass er auch genau den Spielzug machen würde, den Mathäus erwartete.
   Die Illusion in den Spiegeln zerfiel, der Druck auf Cays Brust löste sich ein wenig. Unwillkürlich atmete er tief ein.
   »Nichts.«
   Zunächst war Cay verwirrt, dann ergab plötzlich alles Sinn. Ein winziges Lächeln legte sich auf seine Lippen. Ja. Natürlich. Mathäus wollte Leonora weismachen, dass er sich geändert hatte. Er wollte beweisen, dass er alles für sie tun würde, und zwar ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Er tat so, als würde er sie vor dem Orden warnen. Was allerdings nicht hieß, dass keine Gefahr vom Orden ausging. Im Gegenteil. Die Tatsache, dass Mathäus den Orden für seinen Plan benutzte, machte es viel wahrscheinlicher, dass er die Wahrheit sagte und der Orden wirklich hinter ihr her war. Cay hätte sich am liebsten sofort zu ihr versetzt.
   »Dann sag mir, was sie von ihr wollen«, verlangte er ungeduldig.
   Mathäus schüttelte den Kopf. »Ich werde es nur ihr sagen. Es ist ihre Sache, was sie mit diesem Wissen anfangen will. Ich hätte es ihr schon längst sagen sollen.«
   Es kostete Cay seine ganze Selbstbeherrschung, ihn nicht zu packen und zu schütteln. »Wenn dir wirklich etwas an ihr liegt, sag es mir. Wie soll ich sie sonst schützen?«
   »Indem du sie zu mir nach Brunnstein bringst.«
   Es schien, als würden die Spiegel um ihn herum mit einem Schlag erblinden. Als würde ein Nebel auf ihn hernieder sacken und alles, was er erwartet hatte, unter sich begraben.
   Brunnstein. Mathäus wollte, dass Cay Lena nach Brunnstein brachte. Die Residenz von Mathäus’ Vater. Das Heiligste, was Mathäus besaß. Seit er sich Brunnstein angeeignet hatte, hütete er die Burg wie seinen Augapfel, schützte sie mit Zaubern und ließ niemanden hinein. Cay selbst war nie dort gewesen. Eine Gänsehaut überlief ihn, als er daran dachte, wie oft er sich schon gewünscht hatte, nur einmal die Gelegenheit zu bekommen, Brunnstein zu betreten. Die Geheimnisse erkunden, die Mathäus dort versteckte. Das Wissen. Und gleichzeitig erfüllte ihn der Gedanke, auf diese Art Mathäus’ Refugium zu betreten, sein tiefstes Inneres, die dunkelsten Abgründe seines Herzens, mit Abscheu.
   Und Angst.
   Niemals konnte er Leonora dorthinbringen. Auf keinen Fall. Alles in ihm sträubte sich. Und gleichzeitig wusste er, dass er vielleicht keine Wahl hatte.
   Er konnte nicht abschätzen, was Mathäus damit bezweckte. Er konnte nicht wissen, was Leonora dort erwartete, aber indem er sie einlud, öffnete Mathäus eine Tür. Eine Tür, die vielleicht zu einem Ausweg führte, der langsam, aber sicher in Cays Gedanken Gestalt annahm. Und indem er sie öffnete, entblößte Mathäus auch sich selbst. Cay konnte diese Tür nicht zuschlagen, nur weil es gefährlich war, hindurchzugehen. »Du musst wahnsinnig sein, mir das anzubieten«, flüsterte Cay.
   Mathäus lachte nicht. »Vielleicht. Doch du verstehst nicht, was es bedeutet, ein Vater zu sein. Noch nicht. Ich werde sterben. Sehr bald. Und bevor es so weit ist, möchte ich meiner Tochter zeigen, wer ich bin. Ich möchte, dass sie alles kennenlernt. Ich möchte ihr sagen, wer sie wirklich ist und ihr das Wissen geben, sich zu schützen.«
   Cay fluchte innerlich. Mathäus hatte so ziemlich das Einzige gesagt, was er hätte sagen können, um Cay wirklich in Versuchung zu führen. Sogar wenn die Gefahr wirklich von Mathäus selbst ausging, war es verlockend. »Ich lasse sie niemals allein mit dir nach Brunnstein gehen.«
   Mathäus verzog das Gesicht zu einem Lächeln. »Natürlich nicht. Du kannst mitkommen. Dann bekommen wir doch noch unsere Tee-Party.«
   Cay war nicht nach Lachen zumute. Mit Mathäus zu reden, hatte tatsächlich etwas zutage gebracht. Zwar hatte seine ursprüngliche Idee nicht das Ergebnis geliefert, das er sich erhofft hatte, aber er hatte jetzt einen Plan. Zum ersten Mal einen, der funktionieren konnte. Aber ihn auszuführen, würde bedeuten, Leonora in die größte Gefahr zu bringen, in der sie je gewesen war.
   Zuerst jedoch musste er sie finden. Und wenn Mathäus recht hatte, so schnell wie möglich. Bevor der Orden ihr zu nahe kam.

Kapitel 11

Es war bereits spät in der Nacht, als Adrian, Luise und Lena an einem Wandererparkplatz anhielten. Zunächst sah Lena sich um. Auch während der Fahrt hatte sie immer wieder Ausschau gehalten, ob jemand ihnen folgte, aber sie waren vollkommen allein hier. Lena sprang aus dem Auto, direkt in eine Pfütze, die sie wegen der Dunkelheit nicht gesehen hatte. »Na toll«, seufzte sie und benutzte etwas Magie, um ihre Schuhe und die Hose zu trocknen.
   »Bescheuert. Total bescheuert«, brummte Luise, während sie sich aus dem Auto schälte. Sie zeigte auf den Wanderweg, dem sie folgen mussten. »Hoffentlich hast du wenigstens an Ausrüstung gedacht.« Sie sah Lena beinahe hämisch an, als wüsste sie schon, wie darauf die Antwort lautete.
   Lena blinzelte sie an.
   »Du weißt schon, Taschenlampen und so?« Luise verdrehte die Augen.
   »Ja. Klar. Hab ich.« Hatte sie natürlich nicht. Jedenfalls keine herkömmliche, nicht magische. »Äh.«
   Luises Lippen kräuselten sich zu einem verächtlichen Lächeln.
   Als würde Luises Gemeinheit ihr Denkvermögen ankurbeln, kam ihr eine Idee. Damit würde sie auch darum herumkommen, Adrian lang und breit alles erklären zu müssen. Na gut, sie würde die beiden ein wenig schocken, aber dafür würde es schnell gehen. Sie lächelte. »Ich habe was dabei. Etwas viel Besseres als eine Taschenlampe.« Sie fasste an ihren Hals, wo der kleine Schlüssel ruhte, und hauchte ihn an. »Komm raus, mein Dicker, und vertritt dir die Beine.«
   Sofort begann das Amulett zu leuchten, und aus dem Schlüssel schälte sich der Umriss einer riesigen Schlange mit dem Vorderkörper eines Panthers. Der Tatzelwurm wuchs in gleichem Maße, wie er sich den Schlüssel abstreifte, bis er in Lebensgröße daraus hervorquoll.
   Luise kreischte auf, stolperte rückwärts und fiel ins Gras. Adrian musterte das Biest entsetzt, scheinbar vor Schreck erstarrt. »Was … was ist das?«, fragte er mit zitternder Stimme.
   »Magie«, sagte Lena einfach nur und wartete ein paar Sekunden, während sich der Tatzelwurm reckte und streckte. Im Gegensatz zu seinem echten Vorbild war dieser Tatzelwurm friedlich. Er begann sofort zu schnurren und legte den Kopf vor Lena auf die Erde, als erwartete er ihre Anweisungen. Sein Ohr war auf Höhe ihrer Brust, was auch ihr zugegebenermaßen ziemlichen Respekt einflößte.
   »Bist du bescheuert?«, schnauzte Luise. »Willst du uns dem Biest zum Fraß vorwerfen?«
   »Hey, du hast doch gesagt, du willst eine Taschenlampe.« Sie deutete auf den Leib des Tatzelwurms, der aus reiner Energie bestand und ziemlich hell leuchtete. »Dir kann man es echt schwer recht machen.«
   Adrian hatte die Fassung wiedergewonnen und grinste, wenn auch wackelig. »Magie?«, fragte er.
   Und für einen winzigen, grausamen Moment sah Lena Mikes Gesicht vor sich, als sie es ihm erklärt hatte. Zum zweiten Mal, auf jener Wiese. »Ja, Magie.« Ihre Stimme brach beinahe, trotzdem erklärte sie Luise und Adrian das Wichtigste. Und dank des Tatzelwurms musste sie sehr wenig Überzeugungsarbeit leisten.
   »Du spinnst ja wohl, uns das erst jetzt zu sagen! Lässt mich deine Lakaienarbeiten erledigen und verheimlichst mir, was Sache ist.« Luise stand auf, klopfte sich schimpfend den Hintern ab und stapfte davon. Der Tatzelwurm hechelte hinter ihr her, um ihr den Weg zu beleuchten.
   »Bleib mir vom Leib«, quietschte sie, als er sich ein wenig an ihr vorbeischob, damit sie den Weg vor sich sehen konnte.
   »Der tut nichts, der will nur spielen«, rief Lena von hinten.
   »Dann soll er sich gefälligst jemand anderen suchen!«
   Adrians wackliges Grinsen wurde breiter, und er warf Lena einen belustigten Blick zu, der sie schmerzhaft schön daran erinnerte, wie es früher gewesen war. Lustig, freundschaftlich, spannend. Zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, dass es vielleicht öfter so sein könnte. Falls Adrian blieb, mussten sie nicht für immer getrennt bleiben. Vielleicht, ja, ganz vielleicht könnten sie Freunde werden. Sie erwiderte sein Lächeln zaghaft.
   »Hier ist es«, kam Luises Stimme von vorn.
   »Wo?«, rief Lena ihr nach. Sie verengte die Augen, konnte Luise aber nicht ausmachen. Selbst im hellen Licht des Tatzelwurms nicht. Oder gerade deswegen?
   »Ein bisschen dimmen, bitte«, befahl sie, und der glühende Schutzzauber verblasste etwas. Vor ihnen lag eine sanft gegen die dahinterliegenden Berge ansteigende Wiese, deren Ende sie in der nächtlichen Dunkelheit nur gerade so erahnen konnte.
   »Und jetzt?« Luise stemmte die Hände in die Hüften. »Soll dein protziges Haustier alles ableuchten, während wir uns mit krummen Rücken die Finger wund suchen?«
   »Warts ab«, sagte Lena mit mehr Sicherheit, als sie fühlte. Sie hatte noch nie versucht, die Trolle allein zu wecken. Sie wusste nicht, ob es klappen würde, aber nun waren sie hier, und sie musste es versuchen. Die Frage war, wo sie anfangen sollte. Sie schlenderte auf der Wiese herum, in Bachnähe, aber hier gab es keinen Lehm, nur Steine. Sie suchte entlang der Wände, da lag etwas Sand. Ob das reichte? Sie beschloss, es einfach zu versuchen, und schloss die Augen.
   »Was soll das«, keifte Luise. »Willst du die Pflanzen herbeimeditieren?«
   Lena beachtete sie nicht. Sie stellte sich vor, wie sie das Bild einer leckeren Wurzel in die Geister von kleinen Trollen sandte.
   Nichts.
   Noch einmal gab sie ihr Bestes, aber als sie die Augen öffnete, war es immer noch still.
   Luise brummte etwas, das verdächtig nach »Ich wusste, dass das nichts wird« klang.
   Adrian legte ihr die Hand auf den Arm. »Ich weiß ja nicht, was du da machst, aber kann ich helfen?«
   Sie schüttelte den Kopf. »Es ist ein Zauber, den ich noch nie gemacht habe. Ich muss es einfach weiter versuchen.«
   Noch einmal sandte sie die Pflanze, und als Luise aufkeuchte, wusste sie, dass es geklappt hatte. Sie öffnete die Augen. Vor Luises Füßen hatten sich kleine Häufchen aus Grashalmen angesammelt. Winzige Blüten wurden zu Augen, und die senkrechten Spalten zwischen den Grashalmen öffneten sich zu einem Mund. Manche der kleinen Trolle hatten ihre Haare nach oben abstehend mit einem Halm umwickelt, und statt des Knochens wurden sie von einem winzigen Ast gehalten. Anderen der kleinen Graswesen standen winzige, frische Halme um den Kopf, die so weich aussahen, dass man sie am liebsten gestreichelt hätte.
   »Was … was ist das?«
   Luise sank vor den kleinen Wesen auf die Knie, um sie genauer anzusehen.
   »Nicht anfassen«, rief Lena und stürzte hinüber.
   »Bist du bekloppt? Ich fasse die sicher nicht an. Und ich gebe ihnen auch kein Futter nach Mitternacht oder beträufle sie mit Wasser. Die sind zu niedlich, denen traue ich kein Stück.«
   Lena kicherte. »Zumindest verwandelt Sonnenlicht sie nicht in menschenfressende Monster, das habe ich schon mitbekommen.«
   Luise stand wieder auf und trat zurück. Im Gegensatz zu den Lehmtrollen, die sie tagsüber geweckt hatten, wirkten die kleinen Graskreaturen überhaupt nicht müde. Sie sahen sich um, begutachteten staunend den leuchtenden Tatzelwurm, rollten um ihn herum, was ihn nervös herumhüpfen ließ. Das Irrlicht, das Lena ganz vergessen hatte, regte sich in ihrer Tasche, wollte wohl herausschlüpfen, um die Trolle in ihre Schranken zu verweisen, aber Lena hielt es zurück.
   Mit einem ungeduldigen Schnalzen begutachtete Luise den Tatzelwurm, der nervös auf die winzigen Graskreaturen herunterblickte. »Und der soll uns beschützen?«
   »Na ja, wenn sie uns angreifen würden, würde er sich sicher besser machen«, erwiderte sie, musste aber zugeben, dass sich der leuchtende Tatzelwurm nicht gerade mit Ruhm bekleckerte. Zum Glück ließen die kleinen Wesen von ihm ab, richteten ihre Blümchenaugen auf Lena und umzingelten sie schließlich. Ein paar zupften an ihrer Hose und gaben begehrliche Quietschlaute von sich.
   »Ja, ja, schon gut.« Lena schloss wieder die Augen und zeigte ihnen die Pflanze, die sie suchten. Sie legte alles Wissen hinein, das sie hatte. Geruch, Beschaffenheit der Blätter und Heileigenschaften.
   Sie spürte einen leichten Wind um die Knöchel, und als sie die Augen öffnete, waren die kleinen Kerlchen auf und davon. Nur ein sanftes Schaukeln einiger Grashalme zeigte an, wohin sie verschwunden waren.
   »Schnell, hinterher«, brüllte Lena. »Sonst fressen sie alles auf.« Es wäre schlau gewesen, das Luise und Adrian zuerst zu erklären, doch nun war es zu spät. Im Licht des neben ihr dahinschlängelnden Tatzelwurms hechtete sie hinter den winzigen Graswesen her. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um die Wurzel vor den kleinen Wesen zu retten. Wie bei ihrer Suche mit Oliver brach sie ein Stück der Wurzel ab, pflanzte sie ein und gab den Trollen dieselbe Botschaft wie damals ein: dass sie die Pflanze nicht fressen durften, bis sie groß genug war. Dann zeigte sie Adrian und Luise siegessicher die Wurzel, und sie machten sich gemeinsam auf den Rückweg.

Es wurde eine lange Nacht. Zwischen den Wiesen lagen oftmals viele Kilometer und manchmal mehr als eine Stunde Fahrtzeit. Gelegentlich mussten sie noch ein längeres Stück laufen. Trotzdem war es noch stockdunkel, als sie sich erneut von einem Wandererparkplatz auf den Weg in die Berge machten, um die vorletzte Pflanze zu suchen. Bisher hatten sie die silberne Teufelskralle gefunden, die für Leidenschaft stand, die zahme Engelwurz, die Vertrauen hervorrufen konnte, das listige Flohkraut, das gegen Gleichgültigkeit eingesetzt wurde, und die bittere Rosenwurz, die für Freude und überschäumendes Glück verantwortlich war. Die braune Trollblume für Trauer und das falsche Johanniskraut als Hilfe gegen Angst hatte sie bereits in ihrem Labor. Nun fehlten ihnen noch der schwarze Salbei gegen Hass und die unbefleckte Wegwarte, die für reine Liebe stand.
   Als Lena vor einer Felswand ankam, blieb sie stehen und wandte sich an Luise. »Wohin jetzt?«
   Luise runzelte die Stirn, dann deutete sie auf die Wand. Jetzt erkannte auch Lena ein Stückchen neben der Stelle, an der sie stand, einen schmalen Spalt in der Felswand. Der Wanderweg führte daran vorbei, und nur, wenn man genau hinsah, erkannte man, dass es dahinter weiterging.
   Lena schickte den Tatzelwurm vor. Er quetschte sich hindurch und der Spalt glühte auf, als würde in seinem Inneren ein Feuerball explodieren. Dann war es vorbei. Da der Tatzelwurm immer noch leise von innen brummte, war es wohl sicher. Lena folgte ihm, und Adrian schob sich ebenfalls hinter ihr durch den Spalt.
   Vor ihnen öffnete sich im fahlen Mondlicht ein wunderschönes, weitläufiges Tal. Es gab kaum Bäume hier, nur eine saftige Almwiese, auf der selbst jetzt noch einige Blumen blühten. Es war auch viel wärmer als auf der anderen Seite der Felsen, was wahrscheinlich an der geschützten Lage lag und für die Pflanzen vorteilhaft war.
   Wieder rief sie die kleinen Trolle herbei, wieder rollten sie durchs hohe, herbstlich vergilbte Berggras.
   »Schnell jetzt, sie schmatzen schon«, rief Lena.
   Adrian entdeckte sie als Erster. Er fiel einige Meter vor Lena auf die Knie und bewegte heftig die Arme, um die Trolle zu vertreiben.
   »Du musst die Wurzel ausgraben«, rief Lena.
   Er nickte nur und begann sofort, die Wurzel aus dem Erdreich zu holen. Als Luise und Lena schwer atmend neben ihm ankamen, hielt er die Wurzel bereits freudestrahlend in die Höhe, bis einige kleine Kreaturen an seinem Arm hochkletterten. Sofort sprang er auf und schüttelte sie vorsichtig ab.
   Luise starrte die kleinen Trolle an. »Die sind ziemlich nützlich.«
   »Und gefräßig«, ächzte Adrian, dem die kleinen Wesen um die Beine strichen und immer wieder versuchten, auf seinen Rücken zu hüpfen.
   »Kommt, lasst uns hier verschwinden.« Sie nahm Adrian die Wurzel ab und steckte sie in ihre Tasche. Sie nahm sich vor, wiederherzukommen und ein Stückchen zu pflanzen, aber jetzt hatten sie dafür keine Zeit. Sie lächelte die kleinen Trolle an. »Danke, ihr habt uns sehr geholfen.«
   Aber die Graswesen wirkten nicht, als würde sie das Danke beeindrucken. Sie verzogen missmutig die Gesichter und quietschten aufgebracht. Ihre kleinen Augen leuchteten rötlich.
   »Ich glaube, sie sind nicht so glücklich, dass wir ihnen ihre Süßigkeit wegnehmen«, sagte Luise nervös.
   Vorsichtig wichen sie weiter zurück, doch das führte nur dazu, dass die kleinen Grasmonster schneller wurden, sie einholten und schließlich Lenas Knöchel umschwemmten wie ein wilder Fluss, der sie von den Beinen reißen wollte. Immer wieder stolperte sie über eines, während sie versuchte, den Spalt in der Wand zu erreichen.
   »Pass auf, sie wollen dich absichtlich zu Fall bringen«, rief Adrian und streckte ihr eine Hand hin. Dankbar schnappte sie danach. Genau in dem Moment geriet eines der Wesen zwischen ihre Beine und sie fiel auf die Knie. Sofort zog Adrian sie wieder hoch.
   »Komm schon, ich glaube, die sind gefährlicher, als du denkst.«
   »Quatsch, Oliver hat sie mir gezeigt, er würde doch nicht …« Der Rest ihres Satzes ging im Geheul der kleinen Trolle unter. Der Tatzelwurm hatte genug von dem Gewusel. Er hatte sich um Lena herum aufgebaut und schubste die kleinen Wesen mit seinem Schlangenschwanz von ihr fort.
   »Siehst du? Sie können nicht viel ausrichten.« Aber da war etwas in ihrem Hinterkopf, etwas, das Oliver gesagt hatte und das ihr jetzt eine dunkle Vorahnung verursachte. »Das ist nicht, wofür sie bekannt sind«, flüsterte sie. Wofür waren sie bekannt?
   »O Mann! Was machen die da?«, kreischte Luise.
   Lena fuhr herum. Die kleinen Trolle hatten angefangen, sich gegenseitig zu fressen. Oder nein, sie absorbierten sich. Einer kuschelte sich an den anderen und nahm ihn dadurch in sich auf. Hinterher war er doppelt so groß. Zwei Säulen aus Trollen hatten sich bereits im Gras gebildet.
   »Beine«, schrie Adrian. »Das sind Beine. Lauft!«
   Er hatte recht. Über den beiden Säulen entstand ein Bauch. Aus den winzigen Trollen wurde ein einziger großer Troll. Lenas Mund wurde trocken. Das war sicherlich etwas, wofür sie bekannt sein konnten. Lena brüllte dem Tatzelwurm zu, dass er den Schutzwall hochziehen sollte und das tat er auch, aber es war schwer für ihn, sie alle drei einzuschließen, während sie rannten.
   »Adrian! Der Ring!« Warum kam Adrians Schutzzauber nicht heraus? Adrian schien sie gar nicht gehört zu haben und sie konnte nicht weiter fragen, denn hinter ihr war die Hölle los. Sie drängte die beiden weiter. »Der Spalt«, rief Lena. »Wir müssen nur den Spalt erreichen. Den kann er bewachen, sodass die Trolle nicht durchkommen.«
   Mit Müh und Not rettete sich Lena hinter Luise in den dunklen Spalt. Plötzlich keuchte Luise auf und blieb stehen.
   »Weiter«, rief Lena.
   »Der Zettel.« Luises Stimme klang vollkommen entsetzt. »Ich habe seinen Zettel verloren. Er muss mir aus der Hosentasche gerutscht sein, als ich mich gebückt habe. Ich muss zurück.«
   Lena schob sie sanft weiter. »Jetzt nicht, wir können ihn später holen, wenn sie verschwunden sind.«
   »Nein!« Luise hatte sich umgedreht und bewegte sich keinen Millimeter vom Fleck. »Ich kann nicht ohne den Zettel gehen. Sie könnten ihn zerfetzen oder in den Schlamm treten, bitte, lass mich zurück!« Es klang, als könnte sie keinen klaren Gedanken mehr fassen und ihr wildes Schieben und Drücken war in dem engen Gang gefährlich.
   »Luise, verdammt, es ist doch nur ein Zettel.«
   »Nein.« Luises Stimme überschlug sich. »Verstehst du denn nicht. Er ist von ihm, ich brauche den Zettel, bitte, Lena. Bitte.« Es klang so verzweifelt, dass Lena einfach nicht Nein sagen konnte. Mit etwas Glück lag der Zettel vor dem Eingang. »Okay, nimm die Wurzel. Der Tatzelwurm kann vor dem Eingang bleiben, ich gehe den Zettel suchen.«
   Luise nickte erst, dann biss sie sich auf die Lippen. In ihren Augen leuchtete die Sehnsucht, ihren Zettel zu bekommen, aber auch der Zweifel, ob sie zulassen durfte, dass Lena sich damit in Gefahr brachte. »Ich weiß nicht, Lena, die sahen ziemlich wütend aus. Was, wenn sie dich …« Sie verstummte. »Das würde Mike nicht wollen.« Die leisen Worte waren das erste Mal, dass Lena hörte, wie Luise Mikes Namen sagte.
   Ihre Augen wurden feucht. »Nein, das würde er nicht.«
   Luise nickte niedergeschlagen und wandte sich um, um Lena voraus nach draußen zu gehen. Weg von den Trollen und weg von dem Einzigen, was sie noch von Mike hatte. Lena konnte es nicht mitansehen.
   »Deswegen werde ich gut aufpassen, okay? Ich bin ja auch nicht wehrlos. Cay hat mir mehrere Schutzzauber beigebracht. Am besten geht ihr schon mal zum Auto. Ohne euch bin ich schneller wieder unten. Wir treffen uns dort.« Sie drückte sich an Adrian vorbei aus der Lücke, bevor dieser etwas sagen konnte. Lena linste nach draußen. Der große Troll war wieder zu den kleinen zerfallen, die jetzt missmutig den Tatzelwurm umkreisten. Ein paar drehten sich schon um und trotteten davon. Manche warfen das Gras von sich, wo sie standen, und lösten sich einfach auf. Doch die anderen wirkten immer noch ein wenig zu wütend, als dass Lena Adrian und Luise ohne Schutz zurückgelassen hätte. Der Tatzelwurm brummte ungehalten, als sie seinen Schutzbereich verließ, aber sie befahl ihm, den Eingang weiter zu bewachen. Mit rasendem Herzen schlängelte sie sich Schritt für Schritt durch die kleinen Trolle. Einige kamen zu ihr herüber, verloren aber schnell das Interesse, als sie merkten, dass Lena die Wurzel nicht hatte.
   Sie rannte los. Wenn Luise recht hatte, lag der Zettel dort, wo sie die Pflanze ausgegraben hatten. Es wurde mit jedem Schritt dunkler, je weiter sie den Tatzelwurm hinter sich ließ. Sie holte das Irrlicht aus ihrer Tasche und es leuchtete ihr den Weg. Bei der Mulde angekommen, in der die Wurzel gesteckt hatte, suchte sie mithilfe des Irrlichts alles ab. Und tatsächlich, da lag der Zettel. Sie griff danach, aber ihre Finger erstarrten auf halbem Wege. Ihr Arm bewegte sich nicht mehr. Panisch versuchte sie, wieder aufzustehen, aber stattdessen knickten ihre Beine weg und sie landete der Länge nach im Gras, vollkommen steif, unfähig, auch nur einen Finger zu rühren.
   »Besser hätte ich es nicht planen können. Du, allein. Dein Schutzzauber ist beschäftigt und weiß nicht, dass du in Schwierigkeiten steckst.«
   Nein. Lena wollte nicht begreifen, was sie da hörte. Nicht er. Nicht gerade er. Sofort schaltete ihr Hirn in den Panikmodus. Blut lief ihre Arme hinab, jemand schlug sie ins Gesicht. »Nein«, flüsterte sie, gegen die Taubheit in ihren Lippen, die immer mehr zunahm. Sie versuchte zu schreien, aber schon gelang ihr nicht einmal mehr das Flüstern.
   »Ich fürchte schon.« Ekarius beugte sich über sie. »Es tut mir leid, dass es schon wieder dich trifft, ich habe nichts gegen dich. Du wurdest einfach ein wenig in die falsche Familie hineingeboren. Ich weiß jetzt, wofür er dich braucht, und ich fürchte, dass ich das verhindern muss. Er darf dich nicht kriegen, dann lieber …«
   Das Irrlicht tanzte wild um ihn herum, schoss auf seine Wange zu und hinterließ dort einen rot verbrannten Fleck. »Mistvieh«, zischte Ekarius und erzeugte einen Schwall Wasser, der über das kleine Wesen hereinbrach wie eine Flutwelle. Es rauchte, glühte rot auf, verlosch dann und taumelte zu Boden. Dunkelheit senkte sich über die Wiese.
   Nein. Nein, nicht das Irrlicht. Das durfte nicht sein.
   »Ist ja nett von dir, dass du es mir so einfach machst. Ich dachte schon, ich muss dich mehrere Tage verfolgen. Aber nein, gleich in der ersten Nacht ein Treffer.« Als Finger ihre Arme berührten und sie etwas Raues spürte, das sich wie ein Seil anfühlte, hätte sie am liebsten aufgeschrien. Was tat er da? Wollte er es zu Ende bringen? Ihr wieder die Pulsadern aufschneiden?
   »Dein Herz explodiert ja gleich vor Angst. Keine Sorge. Diesmal lasse ich dich leben. Du bist absolut sicher bei mir. So sicher wie nirgends sonst. Deswegen wird deine Markierung auch nicht anschlagen, die Cay ruft, wenn du in Lebensgefahr bist, und er wird nicht kommen.« Er lachte leise. »Niemand wird wissen, wo du bist. Auch er nicht. Es wird wohl ein bisschen langweilig für dich«, flüsterte er weiter, während er sie verschnürte wie ein Paket. Er zog sie über das Gras, bis sie etwas Hartes unter sich spürte. Er band sie auf eine Trage! »Dann weißt du mal, wie es ist, in seinen Körper gesperrt zu sein, ohne sich bewegen zu können. Ein paar Monate. Oder länger. Kommt drauf an, ob dich jemand findet, wenn ich tot bin.« Er kicherte.
   Lena wurde es eiskalt. Er wollte sie in ihren Körper bannen, so wie ihre Mutter es mit ihm getan hatte. Offensichtlich, damit Mathäus sie nicht für seinen Plan bekam. Fieberhaft überlegte sie, ob sie irgendeinen Zauber kannte, der ihr helfen konnte, aber sie konnte sich nicht richtig konzentrieren. Nicht mal genug, um zu versuchen, den Tatzelwurm herbeizurufen.
   »Oh, gib dir keine Mühe. Ich habe einen kleinen, aber feinen Zauber gewirkt, der verhindert, dass du dich konzentrieren kannst. Und bald werde ich dich ein bisschen runterkühlen, dann ist es vorbei.«
   Bildete sie es sich nur ein, oder wurde ihr tatsächlich schon kalt?
   »Es tut leider ein bisschen weh, aber keine Angst, es richtet keinen dauerhaften Schaden an.«
   Das Ziehen und Rucken hörte auf. Ihr Herz kämpfte immer mehr gegen ihr zäher werdendes Blut an. Kälte floss durch ihre Adern und brachte endlose Schwärze.

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