Elia besitzt unglaubliche Reichtümer, und doch lebt er, anstatt sie zu genießen, verborgen in seinem geheimen Unterschlupf tief unter dem Tal des Todes in der Atacamawüste. Die moderne Welt ist ihm zuwider, und nur selten verlässt er sein Reich an der Seite seines Faktotums Crichton - bis ehrgeizige Wissenschaftler das Geheimnis um die Grabkammer seines Sohnes zu lüften drohen. Die Begegnung mit der anziehenden Nevaeh Morrison rührt an sein versteinertes Herz. Zum ersten Mal seit Jahrtausenden regen sich gewaltige, längst tot geglaubte Gefühle in ihm, doch die Paläopathologin unterstützt die Suche ihres Vaters nach der Baby-Mumie - und das kann Elia nie und nimmer zulassen. Wie kann es sein, dass es ihm nicht gelingt, die Expedition zu zerschlagen? Dass die Geschehnisse immer weiter aus den Fugen geraten und Wellen schlagen, die er nicht zu beruhigen in der Lage ist? Verdammt, er ist ein Halbgott, Elasippos, der Sohn von Poseidon, der letzte Überlebende von Atlantis, der Urvater der Vampire. Mit einem Fingerschnippen könnte er die Menschen vernichten und sein Allerheiligstes schützen. Doch da sind Empfindungen, die ihn entsetzlich lähmen und er muss erkennen, dass er das höchste Glück seiner Existenz verlieren wird - alles, was ihn über zwölf Jahrtausende am Leben hielt, wenn er seiner Liebe zu Nevaeh nachgibt. Wären da nur nicht die stählernen Fesseln, die ihn erneut einen schrecklichen Fehler begehen lassen ...

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ISBN: 978-9963-53-300-8

Seiten: 464

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Kathy Felsing

Kathy Felsing
Kathy Felsing wurde 1964 in Nordrhein-Westfalen geboren. Nach der Fachoberschulreife jobbte sie zunächst für zwei Jahre als Redaktionsassistentin bei einer Wochenzeitung. Später absolvierte sie eine Ausbildung als Datenverarbeitungskauffrau und arbeitete viele Jahre als Programmiererin, Werbekauffrau und Web-Designerin. Bevor sie mit dem Schreiben anfing, war sie zuletzt in leitender Stellung als Ausbilderin für Fachinformatiker tätig. Ende 2006 wanderte sie mit ihrer Familie in die Republik Zypern aus. Sie lebt und arbeitet mit ihrem Mann, zwei Katzen und einem Hund in einem kleinen Bergdorf. 

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Kapitel 1
Tal des Todes – Atacamawüste, Chile, Gegenwart

Manchmal, in seltenen und besonderen Momenten, gestattete sich Nevaeh Fantasien. Nicht zu verwechseln mit Träumen, das Wort hatte sie schon vor Jahren aus ihrem Wortschatz gestrichen. In ihrer Fantasie sah sie sich und diesen Jogger … und für die Gluthitze in ihrem Inneren waren nicht die erbarmungslosen Sonnenstrahlen und der kochende Sand unter ihren Füßen verantwortlich.
   Sie drückte sich mit dem Rücken an die Felswand in den schmalen Schattenstreifen und lächelte vor sich hin. Wo blieb er denn heute? Seit dem Aufbau des Camps vor einer Woche lief er jeden Morgen kurz nach Sonnenaufgang an ihr vorbei, nur ein paar Dutzend Schritte entfernt. Die Luft war noch voller Frische von der Nacht. Genau wie er. Perfekt geformte Muskeln tanzten unter gebräunter Haut im Rhythmus seiner Schritte. Er bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines Panthers, und ebenso schwarz glänzte sein Haar im Sonnenlicht.
   »Señorita Morrison?« Die leise Stimme erschreckte sie nicht. Pepe brachte ihr jeden Morgen frisches, kühles Wasser.
   »Komm nur her.« Ohne ihre Aufforderung trat der schüchterne Küchenjunge nie näher als bis auf fünf Meter an sie heran.
   Seine Ledersandalen knirschten, als er geschickt auf das Felsplateau kletterte, ohne auch nur einen Tropfen aus dem fast randvoll gefüllten Tonbecher zu verschütten. Er reichte ihr das Wasser.
   »Danke, Pepe. Geht es dir gut?« Sie trank einen kräftigen Schluck. Schon seit dem ersten Tag im Camp kümmerte sich Pepe um ihr Wohl, als wäre der Vierzehnjährige ein enger Freund, den sie seit Jahren kannte.
   »Ja, Señorita.« Verlegen senkte er den Kopf.
   Nevaeh blickte über ihn hinweg und suchte die Laufstrecke nach dem Mann ab, in dessen Nacken ein Zopf wippte, mit dem er seine Mähne bändigte. Er musste ein Riese sein, wenn sie berücksichtigte, bis zu welcher Höhe der Sedimentschichten in der Felswand sein Kopf aufragte. Gleich heute Nachmittag würde sie sich davonstehlen, um Gesteinsproben zu nehmen und abzumessen, wie groß er tatsächlich sein mochte. Bestimmt überragte er sie um fast eine Kopflänge, obwohl sie größer war als der Durchschnitt der Kalifornierinnen. Ein Zweimetermann wie aus dem Bilderbuch. Wenn das kein Anlass für Fantasien war.
   »Jogger nicht gut für Sie, Señorita«, sagte Pepe in seinem mühsam zusammengesuchten Englisch.
   Sie zog sich den Strohhut tiefer in die Stirn und schmunzelte. Ihrem jugendlichen Freund schien nichts zu entgehen. Regte sich da leise Eifersucht? »Du kennst ihn?«
   Er schüttelte den Kopf. »Nicht selbst. Nur von meiner Großmutter.«
   Ob der Mann ihrer Fantasien sie heute wieder beachtete? Gestern hatte sie sich heftig verschluckt, als er ihr zuwinkte – und das, obwohl sie die felsenfeste Überzeugung vertrat, dass sie ihn nicht neugierig und schon gar nicht offensichtlich gemustert hatte.
   Höchstens von hinten.
   Gott, ein herrliches Gefühl. Wie in Teenagertagen.
   »Mann nicht gut, vielleicht Dämon, sagt Großmutter.«
   »Dämon?«, wiederholte Nevaeh geistesabwesend und suchte die Strecke erneut mit Blicken ab. Zu gern hätte sie gewusst, woher der Jogger kam. Der Standort ihrer Expedition lag meilenweit von der nächsten Ansiedlung in der Atacamawüste entfernt. Sie vermutete einen Abenteurer im Campingurlaub. Andererseits wirkte er wie ein Urgestein der Wüste, als gäbe es keinen anderen Platz auf der Welt, wohin er gehörte. Er fügte sich vollkommen natürlich in die Landschaft ein. Dann erst wurde ihr bewusst, was Pepe gesagt hatte und sie musste gegen ihren Willen lachen. »Pepe, es gibt keine Dämonen. Warum sollte der Mann ein Dämon sein?«
   Pepes Blick ließ sie frösteln. Im tiefen Braun der Augen des Jungen lag eine Furcht, die tiefe Wurzeln haben musste und wie mit Tentakeln nach ihr griff. Sie rieb sich die Arme und schüttelte das Gefühl ab. »Lass dir keine Märchen erzählen, Pepe. Du bist doch ein moderner junger Mann. Verdienst dir Geld, um später studieren zu können«, wiegelte sie ab und hoffte, dass sich der düstere Gesichtsausdruck des Küchenjungen verflüchtigte. Sie linste auf ihre Armbanduhr. Drei Minuten über der Zeit. »Keine Fitness heute, Fremder?«, dachte sie.
   »Großmutter sagt, Mann lebte schon hier, als ihre Großmutter kleines Mädchen war. Und Hunderte Jahre länger. Muss Dämon sein.«
   »Pepe …« Noch ehe sie weitere Worte fand, drehte sich der Junge um und kletterte den Abhang hinunter. Auf dem Weg zum Küchenzelt wandte er sich noch einmal um, doch er war zu weit entfernt, um seinen Gesichtsausdruck zu entschlüsseln. Dennoch lief ihr erneut ein Schauder über die Haut. »Dämon … also wirklich.« Sie machte sich nichts aus dem Aberglauben der Einheimischen, den sie von Kindesbeinen an bei fast jeder Grabungsexpedition mitbekommen hatte. Das Frösteln allerdings war neu und weckte eine dumpfe Furcht, die sich wie eiskalte Krallen in ihrem Nacken anfühlte und sich plötzlich auf ihren Vater konzentrierte. Dad war mit zwei weiteren Wissenschaftlern bereits vor Sonnenaufgang zu der Grabungsstätte aufgebrochen, um Absteckungen vorzunehmen.
   Nevaeh schirmte die Augen ab und ließ den Blick weiter in die Ferne schweifen, bis hinüber zu dem gewaltigen Bergmassiv am Horizont hinter dem Camp, doch sie entdeckte keine Staubwolke, die die Rückkehr der Männer in ihren Jeeps ankündigte. Es war auch noch viel zu früh, und sie sollte sich nicht von abergläubischem Gerede verunsichern lassen, das hatte Dad ihr doch schon vor Jahren beigebracht.
   Eine halbe Stunde später gab sie die Hoffnung auf, dass ihr Jogger noch auftauchen würde. Ihre Laune sank. Wie gern hätte sie sich auch heute die Zeit gegönnt, sich an die Felswand gelehnt mit geschlossenen Augen ihrer Fantasie hinzugeben, bis die Sonne den Flecken Schatten eroberte und sie zu ihrer Staffelei und ihrer Arbeit flüchten ließ. Jetzt nahm sie diese nur widerwillig auf.

Als die Mittagsglut unerträglich wurde, war die Sehnsucht nach dem Jogger längst gänzlich der Besorgnis um ihren Vater gewichen. Er hatte versprochen, weit vor dem Essen zurück zu sein. Mittlerweile krochen nicht nur die Stunden, sondern selbst die Minuten dahin und immer häufiger betrachtete Nevaeh den Sonnenstand, dabei war es lächerlich. Genauso gut hätte sie auf die Uhr blicken können.
   »Verflixt!« Dad müsste längst zurück sein.
   Die Unruhe rumorte in ihrem Magen. Wie viel sorgenfreier hätte sie es haben können, hätte sie auf Dad gehört und wäre in Los Angeles geblieben. Dort hätte sie nicht vergeblich der albernen Versuchung widerstehen müssen, einen unschuldigen Bleistift wie einen Dartpfeil in den Sand zu schmettern. Nun erhob er sich wie ein knochiger Finger in schnurgerader Drohgebärde aus seinem Grab und zwang sie, gegen lästigen Aberglauben anzukämpfen.
   Zum wiederholten Mal richtete sie das Augenmerk von der Anhöhe über die kleine Zeltstadt hinweg auf den Horizont, suchte nach dem Geländewagen ihres Vaters und fand nichts als bizarre, gleichmütig in den Himmel wachsende Felsformationen, die ihrer Besorgnis zu spotten schienen.
   Sie trat dichter an ihr mannshohes Zelt heran. Es spendete nur unzureichenden Schatten. Die kupferrote Sandwüste kochte, die Atmosphäre flirrte. Nevaeh hob ihr Haar im Nacken an und wünschte, jemand würde Schneeflocken auf ihren Hals pusten, doch keine kühle Brise wollte die Luft durchschneiden. Mensch und Tier hielten wie der Wind den Atem an, bemüht, sämtliche überflüssigen Anstrengungen zu vermeiden. Nur den Interpreten, dessen Stimme aus dem batteriebetriebenen Radio rieselte, ließ die Hitze beneidenswert unbeeindruckt.
   Beinahe nebensächlich blickte sie diesmal auf ihre Armbanduhr und schluckte umso härter den Drang hinunter, bereits jetzt Alarm zu schlagen. Der Schweiß juckte unter dem Lederarmband. Nevaeh nahm es ab und legte es auf den Felsen. Wie oft hatte sie erlebt, dass sich Expeditionsmitglieder verspäteten, weil Unvorhergesehenes ihr Interesse weckte und sie darüber die Zeit vergaßen. Es entsprach dem Alltag, und Dad und seine beiden Begleiter stellten keineswegs eine Ausnahme dar. Trotzdem verankerte sich dieses Klümpchen Unruhe wie eine Zecke in ihrem Magen.
   »¡Vete al Carajo!«
   Ihr entschlüpfte ein unfreiwilliges Lächeln. Auch ohne Spanischkenntnisse hätte sie den Fluch verstanden. Das Geplänkel gehörte zu einem der kauzigen Rituale zwischen Pedro, dem Koch des Teams, und Pepe. Pedro schickte den Jungen zur Wasserstelle und Pepe, der bei sengender Glut diesen Weg erledigen musste, seinen Befehlsgeber zum Teufel.
   Nevaeh legte die Zeichenutensilien beiseite und verstaute die Unterlagen in einem Stahlkoffer im Zelt. Sie konnte die Geländekarte mit den genauen Koordinaten ihrer Grabung und den Abmessungen des Befundes nicht fertigstellen, ihr fehlten zu viele Informationen. Sie fragte sich, ob Dad, statt nur die Absteckungen am Grabungsort vorzunehmen, in den Schacht vorgedrungen war, unter dem sie die Grabkammer erwarteten. Vielleicht kroch er den noch ungesicherten Tunnel entlang und buddelte mit bloßen Händen nach einem Eingang. Sie sah ihn mit wund gescheuerten Fingern vor sich.
   Unsinn. Schon ihr gemeinsames Notfalltraining, das sie alle zwei Jahre absolvierten, verbot das Eingehen derartiger Risiken. Und so verrückt war Dad auch nicht, obwohl er seit Reisebeginn aufgeregter und ruheloser schien als jemals zuvor. Nevaeh beruhigte sich damit, dass diese Ausgrabung sein letztes großes Abenteuer sein würde, ehe das Alter ihn in den Ruhestand zwang. Mit zweiundsiebzig war das längst überfällig – und sie würde garantiert vor ihm zum Pflegefall werden, wenn sie sich ständig um ihn sorgte. Natürlich, sie war eine Glucke, doch so hartnäckig rumorte die Nervosität sonst nie in ihr.
   Etwas war unnormal. Es brodelte in einer verschlossenen Schublade ihrer Gedankenwelt und versuchte fieberhaft, sie zu verleiten, den Schlüssel umzudrehen. Sich ihren Fähigkeiten zu öffnen. Nevaeh schüttelte den Kopf und verdrängte den Impuls. An ihre verfluchte Gabe wollte sie nicht erinnert werden, sich schon gar nicht damit auseinandersetzen.
   Der ausgetrampelte Pfad hinab zum Küchenzelt verlief abschüssig und sandig zwischen klobigem Felsgestein, gespickt mit scharfkantigem Geröll. Sie kickte einen Stein über eine Felskante. Die Besorgnis lag ihr jetzt schwerer im Magen als dieser Brocken. Dennoch wollte sie Pedro nicht enttäuschen, indem sie sich nicht wie jeden Tag in das Küchenzelt und an die Töpfe heranschlich. Es mussten ja nicht alle gleich am Rad drehen.
   Sie schlug die Plane beiseite und ein weitaus heftigerer Schwall Hitze als im Freien traf sie. Wie es der braun gebrannte Chilene hier aushielt, gab ihr erneut ein Rätsel auf. Hinter dem Rücken des schmalen Mannes in karierter Hose und weißer Leinenjacke folgte sie dem verlockenden Geruch des Essens. Der Koch liebte dieses Spielchen und niemandem außer ihr ließ er durchgehen, dass er vor dem Essen in die Töpfe sah. Diesmal kam sie nur bis auf zwei Schritte an die dampfenden Kessel heran. Draußen brandete Unruhe auf.
   Motorengeräusche schwollen an, die einheimischen Helfer riefen sich aufgeregt Sätze zu, die sie nicht verstand. Die Atacameños redeten zu schnell und nuschelten zudem in tiefstem Dialekt. Mit einem Schulterzucken bedeutete sie dem enttäuschten Küchenchef ihr Bedauern und hastete zum Zeltausgang zurück.
   Das wurde wirklich Zeit. Dad sollte sich künftig besser an Absprachen und Zeitpläne halten. Mit der flachen Hand schirmte sie die Augen gegen das grelle Licht ab und presste ein Taschentuch vor Mund und Nase, um von Staub und Abgasen keinen Hustenanfall zu bekommen.
   Nur wenige Schritte vor ihr kamen drei Militärjeeps zum Stehen. Uniformierte Kerle sprangen heraus, Maschinenpistolen im Anschlag. Nevaehs Instinkt riet zur Flucht, doch sie rührte sich nicht von der Stelle.
   Ein Hüne schob seine langen Beine wie das Öffnen einer Faltschachtel aus dem vorderen Wagen. Auch er trug eine Militäruniform. Abzeichen zeugten von einem weit höheren Rang als dem der anderen Soldaten. Bis auf einen Pistolengurt um die Hüften schien der Koloss unbewaffnet, die Luft um ihn herum vibrierte allerdings, als umgäbe ihn die elektrisch aufgeladene Sphäre eines Kampfroboters. Zielstrebig stampfte er auf sie zu und verharrte zwei Handbreit vor ihr. Nevaeh musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu sehen. Es kostete eine gehörige Portion Kraft, vor diesem Klotz zumindest den Anschein von Selbstbeherrschung und Furchtlosigkeit zu bewahren.
   Knoblauchdunst, gemischt mit saurer Milch und dem Gestank nach Lamamist schlug ihr entgegen. Nicht nur der scheußliche Mief, auch eine Welle Antipathie ließ sie den Atem anhalten, bis ihre Lungen brannten und sie zum Luftholen zwangen.
   Ihr Gegenüber musterte sie ungeniert vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen und verlor kein Wort. Sie kam sich vor wie in einem Kernspintomografen, als durchleuchtete der Typ ihr Innerstes mit seinen stahlgrauen Augen, in denen nicht der Funke einer freundlichen Gefühlsregung lag.
   Als das Schweigen unangenehm zu werden drohte, räusperte sie sich und fragte auf Spanisch: »Was führt Sie hierher, Major?« Sie hoffte, dass die Anrede angemessen war, hatte sie doch keine Ahnung vom chilenischen Heer und dessen Dienstgraden. Vielleicht hätte sie besser General sagen sollen. Generalmajor? Sie war ratlos und wollte nicht fortwährend von diesem rüden Blick in eine mittlerweile peinliche Stille festgefroren werden.
   »Coronel Varela. Ich nehme an, Sie sind Ms. Nevaeh Morrison?«, antwortete er und missachtete ihre höfliche Geste der Anwendung der Landessprache. Er schürzte den Mund zu einem verächtlichen Kräuseln.
   Sein Englisch war wie Pistolenschüsse, allerdings glasklar und dialektfrei über die blassen Lippen geschossen. Sogar ihren außergewöhnlichen Vornamen sprach er korrekt aus. n-vay, das wie das a in »comma«, das ay weich wie »face«. Nawey, Nawei. Manche sagten n-vay-, was auf Deutsch klang wie »Na weia«.
   »So ist es. Und womit kann ich Ihnen helfen?«
   »Ich muss Sie bitten, mich zu begleiten.«
   Nevaeh meinte, für einen Moment einen Herzaussetzer zu spüren, dann beschleunigte sich ihr Pulsschlag, angepeitscht von einer Woge Adrenalin. Ihr schwebte nicht die leiseste Idee vor, was der Auftritt zu bedeuten hatte.
   Der Coronel musterte sie schroff. Keinerlei Begründung, kein weiteres Wort. Wie ein warmherziges Gesuch hatte sich sein Tonfall nicht im Entferntesten angehört. Er wandte sich mit einem Ruck ab, ein winziges Zucken seiner Hand, und seine Leute strömten aus, trieben die verängstigten Atacameños zu einer dicht gedrängten Gruppe zusammen und die vier Wissenschaftler, die außer ihr im Camp geblieben waren, führte man zu den beiden hinteren Jeeps.
   Trotz ihres zitternden Atems gab Nevaeh den Kollegen ein beruhigendes Handzeichen, versuchte, ihrer Aufgabe als stellvertretende Expeditionsleiterin gerecht zu werden und ihnen Gelassenheit und Zuversicht zu vermitteln, die sie selbst dringend benötigte. Sie spürte, dass sie diesem Kerl deutlich mehr Haltung und Courage demonstrieren musste.
   Mr. Terminator ergriff ihren Ellbogen und dirigierte sie zu dem vordersten Militärfahrzeug.
   Jede Diskussion, jeglicher Versuch, sich zur Wehr zu setzen, schien zwecklos. Dennoch unternahm sie einen Vorstoß. »Coronel Varela, was in Gottes Namen soll das? Wir sind freie Bürger der Vereinigten Staaten. Sie dürfen nicht …«
   »Schweigen Sie!« Der barsche Ton rieselte ihr frostklirrend die Wirbelsäule hinab. Noch vor wenigen Minuten hatte sie diese Kälte ersehnt, allerdings nicht den Krampf, mit dem sich ihr Innerstes zusammenzog. »Sie werden früh genug erfahren, worum es geht.«
   Jetzt filterte sie doch einen fremdartigen, kehligen Klang aus der Sprache des Soldaten. Offenbar hatte er sich nicht vollkommen unter Kontrolle. Kleine rote Flecken an Varelas Hals untermauerten ihre Annahme.
   Nevaeh schöpfte Mut. Ganz so überlegen, wie er sich gab, war der Mann womöglich nicht. Vielleicht erledigte sich das Problem bereits in Kürze, wenn sie Rückgrat zeigte. Darlegte, dass sie nichts zu verbergen hatten. Und vorausgesetzt, dass man keine schwerwiegenden Beschuldigungen vorbrachte, konnte man sie schlecht festhalten. Oder hatte es doch einen Unfall gegeben?
   Der Fahrer des offenen Wagens kletterte auf die Rückbank. Varela quetschte sich auf den Beifahrersitz und verfrachtete seine langen Beine auf die Fahrerseite, während er Nevaeh unerbittlich am Handgelenk mit sich zog, bis er auf dem Fahrersitz saß und sie daneben. Umständlicher hatte er das nicht bewerkstelligen können.
   Sie biss sich auf die Unterlippe, bemüht, ihrer Angst und Verunsicherung keinen größeren Raum zu gewähren.
   Der Coronel fuhr an, wie er sich bewegte: ruckartig und so heftig, dass der Schwung sie gegen die Rückenlehne presste. Das Anlegen des Sicherheitsgurtes bereitete Schwierigkeiten, die schnelle Fahrt durch das unwegsame Gelände warf sie im Sitz hin und her. Sie holperten auf den geschotterten Weg zu, der Richtung San Pedro de Atacama führte.
   Ein Lastwagen kam ihnen entgegen, der Dieselmotor knatterte lautstark. Der Truck konnte nur auf dem Weg ins Camp sein.
   Nevaehs Gedanken rasten auf der Suche nach einer Erklärung. Sie besaßen alle erforderlichen Genehmigungen und sogar die Erlaubnis, die Babymumie – sofern sie diese fanden – außer Landes zu überführen, solange man sie nach Abschluss der Untersuchungen, spätestens nach fünf Jahren an die chilenische Regierung zurückgab. Die Strafe, die ihr Arbeitgeber bei Nichteinhaltung der Vereinbarung zu zahlen hätte, war so hoch, dass man garantiert etliche Monate früher die Rückführung veranlasste, allein, um nicht Gefahr zu laufen, den Termin zu überschreiten.
   O Gott. Diesmal drängten sich die grausigen Bilder in den Vordergrund ihres Denkens. Die Vorstellung, dass Dad und seine Begleiter mit verrenkten Gliedern hilflos in dem Tunnel verschüttet lagen, ließ sich nicht abschütteln.
   Wie unabsichtlich tastete sie mit Blicken den Horizont ab, obwohl sie nur vage ahnte, in welcher Himmelsrichtung sich eine Spur abzeichnen mochte, die den Jeep mit ihren Teamkollegen ankündigte. Dad hatte um die genaue Position der Grabungsstätte ein ebensolches Geheimnis veranstaltet wie darum, woher die Information stammte, dass sich ein zwölf Jahrtausende altes mumifiziertes Baby in der gesuchten Grabkammer befände. Angeblich war es ihm untersagt, seine Quelle zu nennen. Nevaeh hatte mehrfach Skepsis geäußert, ihm jedoch letztlich seinen Spleen gelassen, denn sie war sicher, dass Dad niemals Hirngespinsten nachjagte und das Institut nicht auf blauen Dunst hinaus eine solche Expedition finanzierte. Außerdem war sie zu versessen darauf, dass er recht hatte, hoffte, dass Erfolg ihr Unternehmen krönte, um jahrelange Studien an der Mumie vorzunehmen. Sie würde überwältigende Erkenntnisse gewinnen, sich in ihrer Lieblingsbeschäftigung vergraben, die Erfolgsleiter weiter hinaufklettern, Dads Ruf zur Ehre gereichen, bis sie sich eines Tages in eine Einöde würde zurückziehen können, um vielleicht ein Buch über ihre Arbeit zu schreiben.
   Um keine Gefahr mehr darzustellen!
   Die Schublade in ihrem Kopf drohte, sich gewaltsam zu öffnen.
   Brandgeruch stieg ihr in die Nase und als sie um eine Kurve bogen, erfasste sie im Vorbeirasen einen ausgebrannten Lieferwagen, um den sich Soldaten mit Maschinenpistolen postiert hatten. Unförmige Körper zeichneten sich unter fünf schmutzig weißgrauen Tüchern am Straßenrand ab. Ein Stoßgebet zum Himmel sendend realisierte sie, dass es nicht ihr Vater und seine Begleiter gewesen sein konnten.
   Nevaeh zuckte zusammen, als der Coronel ihr eine Wasserflasche vor die Brust schlug. Sie griff zu. Trotz ihres Durstes nahm sie nur widerwillig einen Schluck, der warm und schal ihre ausgetrocknete Kehle hinabrann. Hoffentlich brüteten nicht Milliarden Bakterien in der Brühe.
   Als die Fahrt endlich etwas ruhiger verlief, startete sie einen erneuten Versuch. »Coronel Varela, ich bitte Sie. Sagen Sie mir, was hier abläuft und warum Sie uns aus dem Camp …« Sie verbiss sich ‚verschleppen‘, doch er schnitt ihr ohnehin das Wort ab und brachte sie mit einem scharf geschnalzten Laut zum Schweigen. Es war sinnlos.
   Sie drehte sich zu den beiden anderen Fahrzeugen um. Wie ein Peitschenhieb durchfuhr sie die Erkenntnis, dass nicht einmal eine Staubwolke davon zeugte, dass die Militärjeeps irgendwo zurücklagen und weiterhin dasselbe Ziel verfolgten. »Hören Sie, ich fordere …«
   Ein harter Schlag traf sie auf die Unterlippe. Nevaeh riss die Hände vor das Gesicht und würgte Blut und Schmerz ihrer aufgeplatzten Haut hinunter.

Kapitel 2
Tal des Todes – Atacamawüste

Die so oft durchfluteten Elasippos die Bilder seiner vor zwölf Jahrtausenden versunkenen Heimat, sobald er die Lider schloss.
   Er sah sich auf dem Gipfel eines der gewaltigsten Bergkegel des Reiches stehen, atmete die klare Luft und blickte auf das dunstige Wolkenmeer, das wogende Bett nur durchstoßen von der Spitze des geheiligten Berges der Hauptinsel. Über sich nichts als den blauen Himmel und die Sonne, die grelle Muster auf die Wolkendecke warf, fühlte er sich seinem Zwilling Mestor, ihrem ältesten Bruder und oberstem Machthaber Atlas und seinen weiteren sieben Geschwistern nahe, spürte die Stärke ihres Vaters Poseidon und die Gegenwärtigkeit aller Götter.
   Die Erinnerungen flogen an ihm vorüber. Wie er am Strand saß, das Brechen der Wellen an den zerklüfteten rot-weiß-schwarzen Klippen beobachtete, der tosenden Brandung lauschte, die mit ihrem niemals endenden Rauschen und Brausen in sein Innerstes zu fließen schien und ihn zu besänftigten oder aufzupeitschen vermochte.
   Er schmeckte den Lebenssaft der kräftigen Stiere, die das Volk ihren Königen zur Ehre opferte, labte sich an der fröhlichen Ausgelassenheit der Alten, Frauen und Kinder, wenn die Armada in den Hafen einlief und sein Flaggschiff die drei konzentrisch angeordneten, ringförmigen Kanäle um die Hauptstadt entlangsegelte.
   Und dann packte ihn wieder diese unbesiegbare Qual, die ihn seines höchsten Glückes jäh beraubt hatte.
   Er sah sich von einem Eroberungszug heimkehren und auf dem Rücken eines Elefanten durch das Stadttor reiten. Wie Isi neben seiner Mutter Kleito im Schatten des marmornen Streitwagens an der Längsseite des Tempels stand. Ihr schneeweißes Gewand, geziert mit einer unüberschaubaren Zahl an Kügelchen aus Oreichalkos, Gold und Silber. Das feurige Schimmern, der überirdische Glanz, als sie in die Flut des Sonnenlichts trat und ein Bündel mit ausgestreckten Armen in die Höhe streckte.
   Das Baby. Sein Sohn Mestor.
   Er hatte der gesamten Marine befohlen, hinauszusegeln und Leuchtfeuer zu entfachen. Mehr als tausendzweihundert Ruderschiffe. Abertausende Fackeln, die den Nachthimmel in grellrote Glut verwandelten. Abertausende Stimmen, die mit engelsgleichem Gesang den Ozean zum Schweigen zwangen.
   Mit Isi und dem Säugling war er auf sein Boot zurückgekehrt, hatte Segel setzen und sich von der Mannschaft an den Horizont rudern lassen, um die Lichter der Provinz und den Bogen aus Feuer zu bewundern. Um unter dem Sternenzelt die Geburt seines Stammhalters zu feiern. Um mit den Göttern seine grenzenlose Freude zu teilen.
   Kein Funke davon war ihm geblieben.
   Ein einziger Tag und eine einzige Nacht hatten das Reich zerstört, brachten den Zorn der Väter über seine Heimat, zertrümmerten den Kontinent mit Feuerbällen aus dem Himmel, welche die Erde beben und bersten ließen; überrollten mit Wellen, die nahezu bis an die Wolken reichten, die Siedlungen und hinterließen Zerstörung und Tod. Nicht einmal das war übrig.
   Er hatte aus der Ferne die Inseln im Meer versinken sehen und der Strudel trachtete unaufhörlich danach, das Schiff in seinen tödlichen Sog zu ziehen. Die zweihundert Männer an Bord waren stark. Sie ruderten, bis ihre Kräfte erlahmten, und als eine Flutwelle den Kiel packte, ihn auf ihrem Kamm dahintrug und schließlich mit Urgewalt vernichtete, versanken sie mit den Trümmern, zu ermattet, den Kampf um ihr Dasein zu gewinnen.
   Das Baby fest an sich gepresst, hatte er Isis Hand gehalten, doch die Gewalten entrissen sie ihm wie den animalischen Schrei seiner wunden Kehle. Dann war nichts mehr wichtig gewesen außer dem winzigen Lebewesen. Elasippos wusste nicht, wie viel Zeit dahinstrich, wie lange er auf den Wogen trieb, den Jungen mit seinem Blut zu nähren versuchte. Irgendwann hatte er Sand zwischen den Zehen gespürt und die verklebten Augen mühselig von Salzkrusten befreit. Bis er sie öffnen konnte, vergingen weitere Tage. Aber sein Sohn atmete und rührte sich leicht an seiner Brust. Sein Herzchen flatterte wie Flügelschläge eines Schmetterlings an seiner Haut.
   Er nahm die Wanderung auf in das unbekannte Land, das urwüchsig und brach vor ihm lag. Niemals traf er seinesgleichen, kein menschliches Wesen zeigte sich seinem Antlitz, weder Städte noch Dörfer erhoben sich am Horizont. Hitze und Trockenperioden wechselten mit Regen, Eis und Schnee, bis mächtige Bergmassive heranrückten und er den Aufstieg gen Firmament aufnahm.
   War er schon keiner Zivilisation begegnet, sah man von den vereinzelten wilden Zweibeinern ab, die er beobachtet hatte, wollte er nun den Himmelsfürsten nahe kommen und sie um Gnade und Milde bitten. Um das Überleben seines Babys, denn der Säugling, der nur wenige Wochen von Muttermilch gestillt worden war, schwächelte dahin. Wo kurze, stämmige Beinchen mittlerweile einen pummligen Körper tragen sollten, baumelten schwache Glieder, dünn wie Reisig am Rumpf des Knaben, den er stets vor den Oberkörper gebunden Herz an Herz mit sich trug.
   Zeitweise fing er ein kräftiges Guanako und ritt auf ihm daher, bis er dessen Lebenssaft und Fleisch verzehren musste, um sein Kind und sich zu ernähren. Mit Lama-Milch hatte er es probiert, doch der Kleine erbrach sich, sobald er einige Schlucke getrunken hatte. Hin und wieder erlegte Elasippos Nandus und erneuerte aus deren Federkleid die Schichten, die sein Baby wärmten. Und nichtsdestotrotz spürte er, wie das Sein, das nicht hätte weichen dürfen, den ausgemergelten Leib mehr und mehr verließ. Er ahnte, lange bevor er erkannte, dass die Himmelsherrscher ihn nicht erhörten, dass die Unsterblichkeit seiner Väter nicht in seinem Nachwuchs zu keimen gedachte. Das Vermächtnis seines Blutes war nicht ausreichend gekräftigt, um die gnadenlose Härte ihrer Existenz zu bezwingen.
   Er bot seine Seele für das Fortleben seines Sohnes, aber der Himmel nahm ihm auch das Letzte, für das es sich zu leben lohnte.

Kapitel 3
Santiago, Chile – Los Angeles, Kalifornien

Nevaehs Lippe war nach wie vor geschwollen, obgleich der Coronel sie nicht erneut berührt hatte. Während des Fluges mit einer Militärmaschine hatte sie immerhin herausgefunden, dass man sie nach Santiago brachte, in die Hauptstadt Chiles. Sie waren bei Nacht gelandet und man hatte sie in einer stickigen und stinkenden Gegend schmale Gassen entlanggefahren, bis sie vollends die Orientierung verlor und kein Straßenschild mehr Auskunft gab, wo sie sich befinden mochte. Sie hielten vor einem altertümlich aussehenden Gebäude, das den Sicherheitsmaßnahmen nach zu urteilen jedoch eine hochmoderne Festung darstellte. Nevaeh vermutete eine geheime Militäreinrichtung. Zwei Männer lösten den Coronel ab und trieben sie dunkle Gänge entlang, bis man ihre Hände auf dem Rücken fesselte und sie in eine karge Zelle stieß. Es gab weder ein Fenster noch ein Bett, geschweige denn eine sanitäre Ausstattung.
   Nevaeh war viel zu wütend, um der Angst nachzugeben. Sie brodelte in ihrem Inneren, doch sie zwang sich, Mut und Widerstand zu demonstrieren. Es half nicht. Man ignorierte ihre energischen Forderungen, später ihr Schreien und Toben, das Rütteln an den Gitterstäben. Die Fassade bröckelte, bis allein blanke Verzweiflung blieb. Sie sackte mit den Schultern an eine Wand und rutschte zu Boden. Es mussten etliche Stunden seit ihrer Gefangennahme vergangen sein, sie tippte auf zwölf bis zwanzig, und die Antwort auf die Frage nach dem Warum schwebte weiterhin im Nirwana.
   »Kommt endlich her! Sagt mir, weshalb ich hier bin!«, brüllte Nevaeh und bemerkte nach einer Weile, dass nur ein Flüstern ihre Kehle verlassen hatte. Sie versuchte, eine bequemere Position einzunehmen. Ihre Handgelenke und Arme schmerzten, ein Rauschen dröhnte in ihrem Schädel. Sie schloss die Augen und zählte beim Ein- und Ausatmen in Gedanken mit, bis sich ihr rasender Puls verlangsamte und nicht mehr in den Schläfen hämmerte. Sie blinzelte gegen Tränen an und schlug mit dem Hinterkopf rhythmisch an die Mauer. Immer langsamer, als glitte sie in eine tiefe Selbsthypnose. Dann projizierte sie ein Foto an die Innenseite ihrer Lider, wie sie es mit beliebigen Bildern als kleines Mädchen getan hatte, in den langen, nicht enden wollenden Nächten, in denen sie an die fluoreszierenden Sterne an der Zimmerdecke gestarrt hatte, um das Träumen zu unterbinden. Irgendwann war sie mit diesem Standbild im Kopf eingeschlafen.
   Jetzt stellte sie sich das Bergmassiv am Horizont hinter dem Camp vor. Die Grenzlinie zwischen Himmel und Erde besaß etwas Magisches. Ein Ort, so nah und doch so fern und niemals erreichbar. Vom ersten Tag an im Tal des Todes hatte sie den bloßen Anblick der dreieckigen Silhouette des Vulkans Licancabur wie köstlichen Duft aufgesogen. Mit seiner eisbedeckten Spitze zeichnete er sich vor dem blassblauen Firmament ab, ließ den Betrachter sich in seiner Majestät verlieren und ihn für ein paar Atemzüge von seiner Ruhe und Kraft tanken. Verbissen heftete Nevaeh ihre Aufmerksamkeit an die Vorstellung der Vulkanspitze.
   Die Einheimischen nannten ihn Lican Antai, ihren heiligen Berg, der Regen und Leben in die spärlich besiedelte Region bringen sollte. Sie wälzte Fakten – dass der Gipfel neben dem höchstgelegenen See der Welt faszinierende Vermächtnisse der Vergangenheit barg; sie rief sich Wünsche in Erinnerung – wie gern sie die Spuren der Inkas bis hinauf zum Krater bewundert hätte. Eine Unterbrechung, um einen Aufstieg zu unternehmen, war nicht möglich gewesen, der Zeitplan war zu knapp, das Budget zu eng. Außerdem war das Gelände von der chilenischen Seite aus vermint, eine Ersteigung – jedenfalls ohne Führung – demnach ausgeschlossen. Wie sehr hatte sie es bedauert, dass sie Catalina, ihrem einstigen Kindermädchen und jahrelang getreuen Haushälterin, die Bitte nicht erfüllen konnte, ein heiß ersehntes Artefakt oder wenigstens einige Stücke sakralen Gesteins vom Herkunftsort ihrer Vorfahren mitzubringen. Nevaeh hatte ihr im Vorfeld zu bedenken gegeben, dass sie keine Zeit finden würde, einen entsprechenden Ausflug einzuplanen. Die glutäugige Grauhaarige, die ihrem Alter und ihrer Körperfülle zum Trotz das Temperament nicht verloren hatte, nötigte sie allerdings mit einem Erguss heißblütiger Überredungskunst auf Spanisch, zumindest das Versprechen abzugeben, es zu versuchen. Die resolute Inkafrau schaffte es immer wieder, ihr die unmöglichsten Zusagen abzuringen, sodass Nevaeh häufig Mühe hatte, ihr Wort nicht zu brechen. Bislang war es geglückt, oft genug nur trickreich. Sie grub die Fingernägel in ihre Oberschenkel.
   »Dad. Noah. Catalina.« Das Wimmern, das über ihre Lippen floss, kroch schleichend zurück in ihr Innerstes und weckte einen Funken Widerstandsgeist.
   »Gottverdammte Chilenen! Verfluchte Drecksäcke!«
   Selbst gesetzt den Fall, dass sie auf der Stelle den Vulkangipfel erklimmen könnte, niemals wäre der Triumph in der Lage, ihr diesen gallebitteren Geschmack von der Zunge zu spülen. Der Berg hatte seine Heiligkeit eingebüßt, der feuchte Lehmboden unter ihren nackten Beinen brach jeden Zauber, den das Land auf sie ausgeübt hatte. Sogar das verklärte Bild des Joggers in der Wüste spendete keine Versöhnung. Die Erinnerung verschwamm zu Nebel.
   Nevaeh lauschte in die Stille. Der pfeifende Atem des Kerkermeisters, der an seiner millionsten Zigarette ziehen musste, rief Brechreiz hervor. Sie starrte in den schummrig erleuchteten Flur hinter den Gitterstäben. Sekunden zogen sich zu Minuten, Minuten zu zähen Stunden. Hunger und ein Mordsdurst plagten sie und dazu gesellten sich Kopfschmerzen, wie es immer eintrat, sobald sie zu lange nichts aß und trank. Ihr war bewusst, dass dies alles nur geschah, um sie mürbe zu machen. Falscher Film. Definitiv.
   Nach und nach erlahmte ihr Verstand. Die brennende Ungewissheit entfachte aufsteigende Panik, die wie glühende Lava in ihren Adern pulsierte. Sie rollte sich in Fötus-Stellung auf dem Fußboden ein. Die bohrenden Fragen ließen sie nicht zur Ruhe kommen. Das Kribbeln ihrer Arme wich erlösender Taubheit. Ihre Lippen sprangen auf, trockneten und bildeten raue Risse. Ihre Zunge fühlte sich an wie mit einem Pelz bewachsen. Immer wieder löste sich ein Tropfen Schweiß aus den Brauen und rann ihr in die Augen, die bald so geschwollen waren, dass sie nur noch fähig war, aus Schlitzen in den Flur zu stieren.
   Als der Wächter vor die Gitterstäbe trat, seine Hose öffnete und sich einen runterholte, brachte sie nicht einmal mehr die Kraft auf, sich umzudrehen. Sie schloss die Lider.
   Dann endlich tat sich Dunkelheit auf und versprach, sie zu verschlingen. Aber irgendetwas war nicht richtig. Sie dämmerte in einem dunkelgrauen Nebel, die Finsternis zog sich nicht zusammen und schaltete ihre Gedanken aus, die zähflüssig wie Teer schienen. Zumindest spürte sie keine Schmerzen.
   Gedankenfetzen jagten ihren Geist, riefen verworrene Vorstellungen irrwitziger Experimente an Toten und Mumifizierten hervor, rekapitulierten ihre Arbeit als Paläopathologin im LAPI, dem Los Angeles Paleontologic Institute. Sie durchlebte die monatelangen Vorbereitungen ihrer Expedition bis hin zum Aufbau des Camps vor wenigen Tagen. Selbst in der geschärften Klarheit ihres benommenen Zustands vermochte sie allerdings nicht zu sagen, wo genau sich der Grabungsort befand.
   Nevaeh tauchte abrupt aus den Nebelschwaden auf und es dauerte nur Sekunden, bis sie ihre Umgebung einzuordnen wusste. Sie lag auf einem Tisch in einem Labor. Eine grelle Lampe strahlte ihr ins Gesicht, Schläuche führten in beide Arme. Einige Personen in weißer Kleidung standen um sie herum. Jemand stach eine Spritze in die Kanüle an ihrem Handgelenk. Schneller, als ihre Gefühlswelt zu reagieren in der Lage war, verdichtete sich das Schwarz. Einer Guillotine gleich sauste ein Fallbeil auf sie herab und durchtrennte die Fäden der Erinnerung und ihres Bewusstseins.

In San Pedro de Atacama stoppte der Jeep in einer erneuten Wolke aus Staub und Abgas. Coronel Varela wartete, bis der Soldat vom Rücksitz Nevaeh den Wagenschlag öffnete und sie in ein verstaubtes Office schleifte. Die Schritte des Hünen in ihrem Rücken vibrierten auf den ausgetretenen Holzdielen. Der Mann steuerte sie zu einem Hocker, auf dem sie niedersackte, während der Coronel in einen bequem aussehenden Bürostuhl hinter einem riesigen Schreibtisch sank und lässig seine Beine auf der Tischplatte zwischen Aktenbergen hindurchschob. Sie starrte auf seine abgewetzten Schuhsohlen.
   Rührte der Gestank von seinen Füßen? War sie im Verlauf der Fahrt eingeschlafen? Sie erinnerte sich, wie der Kleiderschrank sie vor dem Küchenzelt in den Wagen verfrachtet hatte, die umständliche Art und Weise, den kehligen Klang seiner Worte. Ihr war schwummrig zumute. Sie hob die Finger und wischte sich die Stirn ab. Auf der Lippe schmeckte sie getrocknetes Blut.
   »Ms. Morrison.« Der Bass dröhnte in ihren Ohren. »Die Expedition ist hiermit beendet. Sie werden noch in den nächsten Stunden nach Kalifornien ausgeflogen.«
   Nevaehs Wangen brannten, ihr Mund blieb vor Verblüffung offen stehen. Nur mit stählerner Beherrschung schaffte sie es, eine Maske der Ruhe vorzutäuschen. »Coronel, was bitte hat das zu bedeuten?« Ihre Stimme klang rau und krächzend.
   »Es tut mir leid, Nevaeh.« Varelas Worte verebbten zu einem Flüstern. »Ehrlich, ich bedaure es zutiefst.« Beinahe zärtlich mutete seine Sprechweise an, bevor schneidende Herzlosigkeit die heiße Luft zerriss. »Morrison hat sich seinen Tod selbst zuzuschreiben. Die Guerilleros lassen nicht mit sich spaßen, wenn es um Waffenschieberei geht. Ein Mal ein Versprechen nicht erfüllt …«
   Ein imaginärer Schleier wickelte sich um ihren Verstand.
   »… und peng!« Varela formte mit Zeigefinger und Daumen eine Pistole, tat, als zielte er auf sie, stieß die Hand in die Höhe und pustete über die aufgerichtete Fingerspitze. »Es gehört zu den geächtetsten Verbrechen des Landes, die Untergrundkämpfer mit Waffen zu versorgen. Es ist Hochverrat, eine Forschungsreise unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft zu veranstalten, um in Wirklichkeit die gefährlichsten Gruppierungen unseres Staates zu unterstützen. Morrison hätte nicht veralteten, nutzlosen Schrott liefern dürfen, dann wären Sie jetzt die Tochter eines reichen Mannes.« Der Coronel riss die Beine vom Tisch und hieb mit der Faust auf die Platte. Mehrere Aktenberge gerieten ins Rutschen und klatschten auf den Fußboden. Seine Lippen kräuselten sich zu einem verächtlichen Ausdruck, der ihr bekannt vorkam. »So«, zischte er, »sind Sie bedauerlicherweise zur Vollwaise geworden und können nur froh sein, dass meine Leute bei der Durchsuchung des Camps keine Beweise gefunden haben, die Ihnen ein Mitwissen an den Machenschaften Ihres feinen Herrn Vaters nachweisen.«
   Nevaeh drohte in der Unfähigkeit, die Flut der Worte zu verarbeiten, zu ertrinken. Was redete dieser Kerl für wirres Zeug …
   Tot! Ihr Dad war tot.
   Ihre Welt brach wie in Zeitlupe zusammen. Jemand zog sie von dem Schemel. Der Boden schwankte. Man schleifte sie aus dem Raum. Im Türrahmen drehte sie sich halb um, stemmte sich mit den Füßen gegen das Holz. Sie wollte dem Coronel Dutzende Fragen stellen, doch kein einziger Ton entschlüpfte ihrer vor Entsetzen gelähmten Kehle. Die stahlgrauen Augen, die wie schmutzige Eisklumpen aus dem verzerrten Gesicht Varelas starrten, blitzten wuterfüllt. Hinter dem Schreibtisch an der Wand hing ein Kalender. Eine blutrote quadratische Markierung zeigte den 14. Januar.
   Bis man sie in ein Flugzeug schob, während des gesamten Fluges – das Datum auf der Bordkarte verschwommen im Blick – war ihr selbst nach der Landung in L. A. noch nicht klar, warum drei Tage vergangen waren, an die sie sich nicht erinnerte.

Kapitel 4
Atacamawüste – Chile

»Sprecht, Varela.« Elasippos trat aus dem Schatten des mehr als mannshohen Felsen.
   Der Mann, der abgewandt stand und auf ihn gewartet hatte, zuckte fast unmerklich und drehte sich mit einem Ruck um. Bis auf die winzige Regung merkte man ihm das Erschrecken nicht an. Der Soldat hatte sich gut unter Kontrolle, das stellte er zum wiederholten Mal fest. Allerdings lag der vorletzte Kontakt nahezu eine Dekade zurück. Oder mehr?
   »Ich habe Euch einen detaillierten Bericht fertiggestellt.« Der Coronel übergab ihm eine Mappe.
   Elasippos warf keinen Blick hinein. »Ich will schnelle Antworten, nicht lange lesen. Also?« In beabsichtigt herrischer Manier zog er die Augenbrauen hoch und sein Gegenüber beeilte sich, erneut das Wort zu ergreifen.
   »Die Expedition ist abgebrochen, das Militär hat das Camp geräumt.«
   Beim Barte des Propheten, dieser Tropf! Als wenn er das nicht wüsste. »Ich will wissen, was schiefgelaufen ist.«
   »Vier der Expeditionsmitglieder sind in die Staaten ausgeflogen worden.«
   »Macht es nicht so spannend, Varela.«
   »Nun«, es folgte ein umständliches Räuspern, »bei dem Versuch, die ersten drei abzufangen, ist es leider zu einem Schusswechsel gekommen. Guerilleros wollten sie überfallen und wir mussten eingreifen.«
   Elasippos schwieg, zog aber die Brauen enger zusammen.
   »Zwei sind tot.«
   Er atmete scharf durch die Nase aus, was den Coronel veranlasste, hastig fortzufahren.
   »Offiziell ist der Dritte auch tot. Wir haben eine glaubhafte Geschich…«
   Elasippos kannte die Nachricht, das Statement, das die chilenische Regierung gegenüber Kalifornien abgegeben hatte. Er presste eine Hand gegen die Stirn. Gleichzeitig hob er die andere, um seinen Gesprächspartner zum Schweigen zu veranlassen. Seine Gedanken rasten. Bereits der Vater des Soldaten hatte auf seiner Gehaltsliste gestanden und sich als zuverlässig erwiesen. Nicht nur das, er war auch ein guter Freund gewesen. Der Sohn allerdings, der, seit Jahren unbehelligt, nun einen neuen Auftrag zu erfüllen hatte, stellte sich als unfähig heraus. Ein raues Knurren entrang sich seiner Kehle. »Ihr seid entschieden zu weit gegangen, Varela. Es war allein Eure Aufgabe, die Expedition zum Scheitern zu bringen und dafür zu sorgen, dass die Teilnehmer Hals über Kopf abreisen. Konnte es nicht ein bisschen Grusel tun?«
   »Wir konnten den Überfall nicht verhindern, es war nicht unsere Sch…«
   »Schweigt!«
   Der Coronel duckte sich, als wäre Elasippos vorgeprescht, um ihn zu schlagen. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, die Aura des Soldaten nach dem Grund zu erforschen, doch es war die Mühe nicht wert. Diese merkwürdige Verhaltensweise war ihm so fremd wie die Sprache, in der sich die Männer unterhielten. Er verstand die Wörter, mit dieser neumodischen Ausdrucksweise und dem ungebührlichen Fluchen würde er sich jedoch niemals anfreunden. Erst recht nicht mit dem unflätigen Herumgespucke, das die Muschkoten von früh bis spät zelebrierten. Widerlich. Selbst die Halbwilden in der Antike hatten ein besseres Benehmen an den Tag gelegt. »Wer ist der Überlebende?«
   »Joshua Morrison. Der Leiter des Teams. Wir werden ihn in Kürze liquidieren.«
   »Nein!« Es durfte keinen weiteren Toten geben, das hatte er nicht gewollt.
   »Er ist steinalt, wird ohnehin nicht mehr lange machen.«
   Elasippos kämpfte mit einer Entscheidung. »Ihr werdet diesen Morrison zu mir schaffen. Heute noch.«
   »Wie bitte?«
   »Habt Ihr nicht begriffen?«
   »D… doch. Entschuldigt. Darf ich fragen, was Ihr mit ihm vorhabt?«
   »Dürft Ihr nicht.« Elasippos knurrte. »Ich erwarte Euch noch vor Anbruch der Dämmerung an dieser Stelle.«
   »Jawohl.«
   Elasippos trat nach hinten und verschmolz mit dem Schatten. Fast schien es, als wollte der Coronel diskutieren, aber dann drehte er sich mit dieser für ihn typischen, eckigen Bewegung um und eilte den Pfad hinab zu dem wartenden Jeep. In einer Wolke aus Staub verschwand er.
   Gedankenversunken kehrte Elasippos in seine unterirdische Behausung zurück. Nun ja, die Bezeichnung war vielleicht nicht ganz angemessen. Der weitläufige Komplex, der im Laufe von Jahrhunderten tief unter der Erde entstanden war, glich in Teilen eher einem Schloss, in anderen einer mittelalterlichen europäischen Festung und manche Räume waren gar nur in den felsigen Untergrund geschlagen. Der Bau hatte sich entwickelt … mit der Zeit. Nur einer nicht, der entsprach dem Zustand, in dem er ihn vor zwölf Jahrtausenden verlassen und versiegelt hatte. Der Schmerz ließ sein Herz verkrampfen. Er wünschte keine Störung. Erst recht keine Wissenschaftler, die glaubten, sie müssten dem Erdboden jedes nur erdenkliche Geheimnis entreißen – zumindest, sofern es sich um seine Belange handelte. Das Grab seines Sohnes würde bis ans Ende seiner Tage unangetastet bleiben, diesen Schwur hatte Elasippos vor langer Zeit abgelegt.
   Die Bürde ließ seine Schritte steif und förmlich werden. Fast kam er sich wie ein Duplikat von Crichton vor. Wie viele Jahre stand der Mann bereits in seiner Pflicht? Dreihundert? Fünfhundert? Manchmal war es nicht leicht, die Epochen auseinanderzuhalten. Erst recht, wenn er sich – in Perioden wie jetzt – über Dekaden von den Menschen fernhielt und so gut wie ausschließlich in seinem Reich verweilte.
   »Crichton!« Elasippos Stimme warf ein Echo wie Donnerhall durch die ausgedehnten Fluchten.
   Lautlos und geschwind wie immer erschien der Butler. »Stehe zu Diensten, Herr.« Crichtons Sprachfärbung zeichnete sich durch einen angenehmen, warmen Bariton aus. Sonor und gleichwohl leise und schnurrend.
   »Wir erwarten einen Gast. Richtet bitte das blaue Gästezimmer her.«
   »Jawohl, Herr.«
   Im Grunde würde sich keine weitere Behelligung ergeben, die missliche Lage hatte ein Ende gefunden, wenn auch ein ärgerliches. Er würde Morrisons Blut kosten – und sofern es ihm zusagte, den Wissenschaftler nach und nach zu seinem Blutwirt machen. Eine leise Vorfreude mischte sich unter seine trüben Gedanken. Ein bisschen frisches Blut konnte nicht schaden.
   Plötzlich entsann er sich eines alten Wunsches. »Ist es bis heute Abend zu bewerkstelligen, eine Schar von Domestiken zu verdingen, Crichton?«
   Sein Faktotum neigte das Haupt. »Sehr wohl, Herr. Ich werde sehen, was ich tun kann.« Der Butler hatte ein Gespür dafür, wann ein Gespräch beendet war. Formvollendet zog er sich zurück.
   Elasippos achtete seinen Bediensteten und Blutwirt. Nie zuvor hatte er es so lange mit einem ausgehalten. Crichton war eine Ausnahmeerscheinung. Blaublütig, wohlerzogen, aus edlem Hause und seinen Status fraglos zu schätzen wissend. Niemals hatte es Grund zu Beanstandungen gegeben. Würden sich doch nur alle Leute, die auf seiner Gehaltsliste rangierten, so zuverlässig und erquicklich wie Crichton erweisen.
   Elasippos griff nach einer Schachfigur und drehte sie in den Fingern. Dass der Gefangene bereits die Siebzig überschritten hatte, schürte seine Hoffnung, es mit einem gesitteten Vertreter der menschlichen Rasse zu tun zu bekommen. Zeigte sich die Menschheit seit der Jungsteinzeit zu keiner Sekunde sonderlich klug und weise, hatte sie gerade in der jüngsten Vergangenheit begonnen, sich noch extremer zu ihrem Nachteil zu entwickeln. Irgendwann bei Anbruch des Industriezeitalters war es Elasippos zu viel geworden, und er hatte sich – wie bereits mehrere Male für Jahrhunderte – in sein Reich unterhalb der Atacamawüste zurückgezogen. Natürlich war er dabei nicht hinter dem Mond geblieben. Er verfolgte genauestens jedwede Entwicklung, hielt sich auf dem neuesten Stand der Technik und Wissenschaft. Seine Schatzkammern rund um den Globus barsten vor Fülle – er konnte sich jeden neumodischen Schnickschnack leisten, den er sich wünschte und einiges anzuschaffen hatte er im Laufe der Jahre als unumgänglich ansehen müssen.
   Es gab genügend Raffhälse, die sich für einen entsprechenden Preis unter strengster Geheimhaltung mit verbundenen Augen herführen ließen und die gewünschten Arbeiten ausrichteten, ohne Fragen zu stellen. Eine seiner wichtigsten Errungenschaften stellte ein ultramodernes System dar, das seinen Komplex gegen sämtliche Standbeine der bildgebenden, telemetrischen sowie Fernmelde- und elektronischen Aufklärungsverfahren abschirmte und nichts als Felsgestein in den Tiefen der sandigen Oberfläche des Tals des Todes preisgab.
   Elasippos ging an die Bar und schenkte sich einen Brandy ein. Der Feuerschein aus dem Kamin verlieh der goldbraunen Flüssigkeit einen Stich ins Kupferfarbene und langes, leicht gewelltes Haar floss in seinen Geist. Ihr Blick hatte auf seinem nackten Oberkörper geprickelt, während sie seine morgendliche Runde verfolgte, bis er außer Sichtweite geriet. Sie hatte geglaubt, es wäre ihm nicht aufgefallen, nur weil sie die meiste Zeit auf seinen Rücken starrte. Er lächelte. Dabei hatte er sich ihr Gesicht eingeprägt, dank seiner ausgeprägten Sehkraft selbst aus der Ferne jedes feine Härchen auf ihrer glatten Haut betrachtet und siebenunddreißig Sommersprossen gezählt. Wie schade, dass sie zum Team der Expedition gehört hatte.
   Er brachte ihr Bild zum Verblassen.

Kapitel 5
Los Angeles International Airport – Kalifornien

Noah erschrak bis ins Mark, als Nevaeh in viel zu dünner Bekleidung in Begleitung einer Stewardess aus dem Sperrbereich trat. Er erkannte sie sofort, trotz der langen Jahre, während der er sie nur auf Fotos betrachtet hatte. Dennoch glaubte er, seinen Sinnen nicht trauen zu können. Die Klimaanlage trug den Geruch nach Schweiß, Blut und anderen Körperflüssigkeiten in seine Richtung. Seine Schwester stank schlimmer als ein Iltis. Trotzdem kam kein Abscheu auf, nur Erschütterung, was ihr passiert sein mochte.
   Mehr als einen knappen Anruf von seinem Lebensgefährten hatte er nicht bekommen und wenig Zeit gehabt, zum Los Angeles International Airport zu gelangen. Jayden, dessen genaues Aufgabengebiet bei der CIA er sogar nach zehnjähriger Beziehung nicht kannte, hatte ihn wortkarg gebeten, Nevaeh am Flughafen in Empfang zu nehmen. In nicht ganz zwei Stunden. Gelegenheit für Nachfragen ergab sich nicht, obwohl diese merkwürdige Sache vehement forderte, ihn mit Fragen zu durchlöchern.
   Fuck! Nevaehs Augen schimmerten von unzähligen geweinten Tränen, die moosgrünen Iriden versanken in blutgeädertem Weiß, die Pupillen, starr und geweitet, zeugten von Schock und Trauma. Sie gehörte umgehend in ein Krankenhaus.
   Die Flugbegleiterin schob sie mit einem unverständlichen, jedoch mitfühlend klingenden spanischen Laut in seine Arme und verschwand schneller, als sie gekommen war. Zur Hölle, was spielte sich hier ab? Er unterdrückte einen Fluch. Noah barg Nevaeh an der Brust, ihr Körper erschlaffte. Er fingerte nach seinem Handy, doch der Versuch, es zu ergreifen, misslang. Nevaehs Kopf rollte an seiner Schulter zur Seite.
   »Zu Hilfe! Einen Krankenwagen, sofort!«, schrie er in die Menge der vorbeiströmenden Menschen, von denen ihnen – außer einem weiten Bogen – kaum jemand Aufmerksamkeit schenkte. Er ließ seine Schwester zu Boden gleiten und bettete ihren Oberkörper in seinen Schoß. Ihm blieb nichts, als ihr Luft zuzuwedeln und die schweißnassen Haarsträhnen aus der Stirn zu streichen. Dunkelblau schimmernde Blutergüsse übersäten ihre Unterarme, fast glaubte er, Spuren von Strangulierungen an ihren Handgelenken und ihren nackten Fesseln auszumachen. Mittlerweile hatte sich eine Traube Neugieriger gebildet, aufgeregte Wörter in allen Sprachen umschwirrten sie. Dann fuhr der Pulk auseinander und Sanitäter eilten im Laufschritt heran. Marcus Foster, las Noah von dem Schild auf dem Kittel des Mediziners im Krankenhaus ab, der sich zwar vorgestellt hatte, aber dessen Name ihm entfallen war. Foster strich sich mit der Hand durch die Haarstoppeln. Straßenköterblond, hätte Nevaeh gespöttelt, säßen sie wie zu Studienzeiten in einem Bistro und beobachteten die flanierenden Passanten. Das war Ewigkeiten her und das Verhältnis seitdem eingefroren. Die Worte des Arztes gingen in Erinnerungen unter. Endlich ließ der Mediziner ihn mit Nevaeh allein.

Ihr Körper zeichnete sich zerbrechlich wie eine Porzellanpuppe unter der weiß bezogenen Decke ab. Jemand hatte ihr das rötlich schimmernde Haar gekämmt, die langen Strähnen lagen jedoch fast unverändert verschwitzt und wirr um ihr apartes Gesicht, das – obwohl farblos – nicht mehr die Totenblässe zeigte, die am Flughafen ihre Züge gezeichnet hatte. Ihre Lippen zitterten, als wäre sie den Tränen nahe, doch die dunklen Wimpern sahen trocken aus.
   Noah berührte Nevaeh zögerlich. Warm und vertraut schmiegten sich ihre feingliedrigen Finger in seine im Vergleich raue Pranke, obwohl Jayden ihm stets versicherte, wie weich und sanft seine Hände seien.
   Seine Schwester hatte sich nicht verändert. Die vergangenen zehn Jahre schienen beinahe spurlos an ihr vorübergegangen zu sein. Zwar war ihr mädchenhafter Ausdruck dem einer erwachsenen Frau gewichen und hatte sie zu strahlender Schönheit erblühen lassen, aber nach wie vor betonte ein deutlicher Schimmer Jugend ihre Züge.
   Unentschlossen blieb er minutenlang an dem Krankenbett stehen, dann drehte er Nevaeh den Rücken zu und starrte aus dem Fenster auf die Silhouette der in allmählicher Nacht versinkenden Stadt. Er würde in Dads und Nevaehs Haus fahren müssen, um Kleidung und Waschzeug zu holen. Vorher wollte er mit Jayden reden, der bald zum Dienst aufbrechen würde. Um ihn noch daheim anzutreffen, müsste er sich beeilen, den Schlüssel zu Nevaehs Villa zu holen. Bereits vor Ewigkeiten hatte er diesen von seinem Bund entfernt. Oder würde Catalina dort sein und ihn einlassen?
   Ihm schwindelte bei dem Gedanken, zum ersten Mal nach so langer Zeit sein Geburtshaus zu betreten. Ob Nevaeh und Dad alles belassen hatten, wie er es kannte? Er kam sich vor wie ein Eindringling. Er war ein Fremder. Never Trust A Stranger. Kim Wildes Stimme tobte durch seinen Schädel, betäubte sämtliche Spekulationen und Fragen und er ließ es willig zu.
   Obwohl Noah regelmäßigen Kontakt zu seinem Vater hatte, fanden die Treffen nie im Elternhaus statt. Nevaeh weigerte sich, ihn einzulassen. Seit dem elenden Streit, in dem er ihr Gemeinheiten an den Kopf geworfen hatte, die ihm aufrichtig leidtaten. Trotzdem konnte er sie nicht um Verzeihung bitten, war er doch weiterhin überzeugt, dass Nevaeh im Unrecht war. Dass sie sich irrte, sich etwas einbildete und dringend an ihrer Manie arbeiten sollte. Wahrscheinlich hätte er nachgegeben, wenn sie ihm gegenübergetreten wäre. Aber sie wollte ihn nicht sehen, schon gar nicht in Begleitung seines Freundes. Sie alle hatten sich der Unnachgiebigkeit Nevaehs gebeugt, die trotz der ins Land gezogenen Jahre nicht gesprächsbereit war. Als Jayden damals das Verhältnis zu ihr beendet hatte, weil er sich zu seiner Homosexualität bekannte und sich seiner Aussage nach unsterblich in Noah verliebte, mutierte sie zu einem Eisblock. Dad stritt das vehement ab, ihr Verhalten gestattete jedoch keine andere Interpretation. Dabei hatte Nevaeh und Jayden nur eine kurze Freundschaft während des Studiums verbunden, nicht mehr als ein paar Knutschereien und Fummeleien. Sex hatten sie nie gehabt, das glaubte er seinem Partner aufs Wort.
   Endlich gab sich Noah einen Ruck. Ein Taxi brachte ihn heim, seinen Wagen musste er morgen irgendwo am Flughafen suchen. In der Aufregung hatte er vollkommen vergessen, wo er ihn abgestellt hatte und der Parkzettel war ebenfalls abhandengekommen.

»Hey, träumst du?« Jayden strich Noah über das Haar.
   Im Job mochte er ein harter Kerl sein, vermutete Noah, zu Hause war er stets liebevoll und zärtlich, ein guter Zuhörer wie brillanter Alleinunterhalter. Niemals wurde er grob oder streitlustig, weder stur noch aufbrausend. Im Gegensatz zu ihm, dem ein Teil dieser Eigenschaften wie Nevaeh in die Wiege gelegt zu sein schien. Hin und wieder brannte das Temperament mit ihm durch, doch die Zeit hatte seine Macken geschliffen, sie auf ein erträgliches Maß gestutzt und ihn gesellschaftsfähig werden lassen. Das kam Noah in seinem Beruf als Computerlinguist zugute, denn erst diese Entwicklung hatte ihn Teamfähigkeit gelehrt und nach seinem Masterstudium einen Platz in leitender Funktion im UCLA Linguistics Department, dem sprachwissenschaftlichen Fachbereich der University of California, Los Angeles, erklimmen lassen.
   Er sah zu Jayden auf. »Ich hatte gehofft, dass du heute Nacht freinehmen könntest.«
   Jayden sank vor Noahs Sessel und grub die nackten Zehen in den frisch gesaugten, dicken Teppichboden, den sie allein aus dem Grund angeschafft hatten, weil Jayden am liebsten barfuß in der Wohnung herumlief und das Gefühl des flauschigen Flors an den Füßen vergötterte. Nur sauber musste er sein, penibel sauber. Jetzt jedoch war Jaydens Gesichtsausdruck nichts der himmlischen Faszination anzusehen. Im Gegenteil. Der Blick spiegelte den Ernst und die Trauer, die Noah empfand. Eine ungute Gewissheit ließ seinen Magen rebellieren. Er trank einen hastigen Schluck Cognac, doch nach wie vor lähmte ihn das Entsetzen. Er wusste, dass Jaydens Ernsthaftigkeit mit der Ankunft seiner Schwester zu tun hatte. Er verfluchte sich, dass er alle diesbezüglichen Fragen verdrängt, sich sämtliche Gedanken strikt untersagt hatte. Ein zaghaftes »Dad?« floss ihm über den Lippen.
   Jayden nickte fast unmerklich und Noah fuhr aus der Haut. »Wo ist er? Was ist mit ihm?«
   Sein Partner fasste nach seinen Händen, die Noah zu Fäusten geballt hatte. Er bemerkte kaum, wie er die Fingernägel ins Fleisch bohrte, als versuchte er, einen Schmerz zu erzeugen, der den kommenden übertünchen sollte. Er ahnte, was folgen würde. Er hatte es den ganzen Tag über gewusst, von dem unglückseligen Moment im Flughafenterminal an.
   »Es tut mir so leid, Darling. Euer Dad ist tot.«
   Noah zitterte. Seine Zähne schlugen klappernd aufeinander. Nur Jaydens unerbittliche Umklammerung hielt ihn ab, aufzuspringen und wie ein wildes Tier durch das Zimmer zu rasen, wahllos zu zertrümmern, was ihm in die Quere käme, bis zum Zusammenbruch.
   Dad war tot. Das durfte nicht sein. Das konnte nicht sein. Und doch erkannte er, dass das Schreckliche Einzug in sein Leben gehalten hatte. »Was ist passiert?«
   Er wollte nicht glauben, was Jayden ihm unter dem gestrengen Mantel der Geheimhaltung erzählte.
   Dad und Waffenschieberei. Ausgeschlossen!
   In den frühen Morgenstunden verdüsterte sich Noahs Universum weiter. Er traf Catalina nicht in der Villa an, der Schlüssel passte nicht mehr, und als er in der Klinik ankam, teilte man ihm mit, dass Nevaeh noch vor dem Morgengrauen auf ihren Wunsch entlassen worden sei.

Kapitel 6
Ranua – Finnland

Das Heim ihrer Großmutter im finnischen Ranua hatte Nevaeh neben einem gut gepolsterten Bankkonto bereits als Kleinkind geerbt, doch bis heute hatte sie dieses Erbe nicht angetastet und Finnland als Erwachsene niemals bereist. Sie ließ das Blockbohlenhaus auf einem riesigen Grundstück von einem Verwalter pflegen und als Ferienimmobilie vermieten. An die Besuche mit Noah und ihrer Mom bei Grandma erinnerte sie sich nicht, und wenn sie es versuchte, taten sich dunkle Abgründe auf, die ihr mulmige Gefühle bereiteten, ohne dass sie diese genauer zu entschlüsseln vermochte. Sie vermutete, dass es die schummrige, nach Vergänglichkeit und Melancholie riechende Atmosphäre sein musste, die vielen Häusern oder Wohnungen betagter Leute zu eigen war und bei Kindern Unbehagen hervorrief. Irgendwann hatte sie beschlossen, ihre Gabe samt ihrer Kindheit in eine verschlossene Schublade zu stecken und sich nicht mehr damit auseinanderzusetzen. Trotz der düsteren Erinnerung glaubte sie jedoch, dass Ranua der richtige Ort war, um sich zurückzuziehen. Um Abstand zu gewinnen und ihre Trauer zu bewältigen, auch wenn ein Hauch der grauen Vorzeit sie streifen würde.
   Mit Granny und ihrer Mom hatte sie die einzigen Verwandten verloren, die sie außer Dad und Noah hatte. Zwar hatte ihr Vater häufig herumgedruckst, wenn sie fragte, warum sie keine weiteren Verwandeten hatten, aber er hatte sich nie hinreißen lassen, ihr viel über seine oder Moms Familie zu erzählen. An Dads Eltern erinnerte sie sich, aber sie waren beide ebenfalls schon viele Jahre tot. Irgendwann hatte sie es aufgegeben, nach weiteren Verwandten zu fragen.
   Überraschung befiel sie, als sie das Anwesen erreichte. Sie hatte sich das Wohnhaus aus der Mitte des 20. Jahrhunderts ganz anders vorgestellt. Royalblau gestrichen, mit roten Sprossenfenstern, machte das Häuschen einen erstaunlich guten ersten Eindruck. Unter Bergen von Schnee duckte sich das anderthalbgeschossige Holzgebäude, als wollte es eins mit der Umgebung werden. Es vermittelte ein einladendes und anheimelndes Flair. Rauchschwaden stiegen aus dem Schornstein auf, die Fahrzeugbelüftung trug den Geruch nach verbranntem Holz ins Innere.
   Nevaeh stellte den Motor des Leihwagens ab. Der Bordcomputer hatte eine Außentemperatur von fast minus zwanzig Grad Celsius angezeigt. Als sonnenverwöhnte Kalifornierin ein Gräuel, allein der Gedanke, aus dem Wagen steigen zu müssen. Ihre ehemalige Nanny schlief auf dem Beifahrersitz. Ihr Kopf war gegen die Scheibe gesunken, sie schnarchte leise. Nevaeh beugte sich nach hinten und zog die Thermojacken hervor. »Catalina«, raunte sie, »aufwachen.«
   Die alte Lady schlug die Augen auf. Für eine Sekunde zeigte sich ihr Blick verschwommen, dann war sie voll da. »Already there?«
   »Ja.« Nevaeh schmunzelte. Sie war es gewöhnt, dass die Inkafrau ständig die Sprache wechselte. Mal redete sie Englisch, ein andermal Spanisch, manchmal im Dialekt ihres Stammes. Hin und wieder brabbelte sie einige Brocken Finnisch und sogar Deutsch, das sie beides von Mom gelernt hatte.
   »Startklar?« Nevaeh beobachtete Catalina, wie sie den dicken Wollschal mehrfach um den Hals wickelte, bis er schließlich das halbe Gesicht verbarg und sie aussehen ließ wie eine dieser kostümierten Figuren aus Disneyland, die Süßigkeiten an Kinder verteilten. Als Catalina nickte, öffnete sie die Fahrertür.
   Der Schwall Kälte zwang sie, den Atem anzuhalten. Um nicht festzufrieren, beeilte sie sich umso mehr, ihre Siebensachen auszuladen. Jede mit zwei Koffern an den Händen, Nevaeh darüber hinaus mit einer Reisetasche und einem Rucksack behängt, schlitterten sie die gut fünfzig Meter auf den Eingang zu. An den Seiten des freigeschaufelten Weges türmten sich hüfthohe Schneeberge.
   Nevaeh drückte die Türklinke, der Verwalter hatte ihr mitgeteilt, dass das Haus unverschlossen sei. Ein Ding der Unmöglichkeit in L. A.
   Sie gab Catalina den Vortritt und schloss hastig die Tür. Fast unmittelbar erwärmte sich ihre Haut.

Das Kopfkissen klebte tränendurchweicht an ihrer Wange, als Nevaeh vom Kitzeln eines Sonnenstrahls erwachte. Sie nieste und blinzelte aus dem Fenster in das trübe Weißgrau der Wolkenberge. Da und dort schossen vereinzelte Lichtblitze hindurch, als feuerten Aliens auf die kugelrunden Schneeflocken, die vor der Scheibe tanzten. Die Eiskristalle am Fensterglas sprühten bunte Farben ins Zimmer, die so gar nicht zu ihrem Gemütszustand passten. Märchenhaft, fast glaubte Nevaeh, in der Vergangenheit versunken zu sein und als kleines Mädchen unter dem Daunenberg zu liegen. Prompt verankerte sich ein Bild in ihren Gedanken: Jannik.
   O Gott. Seit ihrer Kindheit hatte sie nicht an ihn gedacht.
   Damals war sie knapp vier und es war die erste der schlimmen Visionen. Nun tauchte sie so unvermittelt auf, als hätte sie das Wissen nicht nahezu ihr Leben lang erfolgreich verdrängt. Beinahe vergessen.
   Obwohl sich Nevaeh verzweifelt wehrte, gelang es ihr nicht zu verhindern, dass die düstere Szene hinter geschlossenen Lidern Gestalt annahm. Sie sah jede Einzelheit, hörte das Knacken des Eises, roch das kalte Wasser, in das der Vierjährige einbrach. Der vor Entsetzen verzerrte Mund, die aufgerissenen Augen, die ungläubig durch die dicker werdende Eisschicht starrten. Wie der einsame Mann schweißüberströmt einen Eispickel in den klirrenden Tod hieb, im Wettlauf gegen die Zeit. Sie hatte dieses Szenarium nie erlebt und dennoch sah sie es klar und deutlich, so real, als wäre sie dabei gewesen. Und das gestern.
   Vor einem Vierteljahrhundert hingegen hatte man sie eines Abends traurig beiseite genommen und ihr in schonenden Worten beigebracht, dass sie Jannik niemals wiedersehen würde, dass er jetzt ein Engel sei und sie begleite, wann immer sie sich nach ihm sehne. Nevaeh hatte geweint, getobt und geschrien. Sie erinnerte sich an die fassungslosen Gesichter der Erwachsenen, als sie ihnen entgegenschleuderte, wie der Nachbarjunge im See ertrunken war. Niemand hatte ihr davon erzählt.
   Sie versuchte, sich aus der schockierenden Rückblende zu reißen, aber ihr Unterbewusstsein beförderte sie sogleich schonungslos in die nächste Erinnerung, die weit näher lag und den tobenden Schmerz erbarmungslos schürte.
   Dad war tot!
   Seit etwa einem Jahr hatte das Team die Expedition in die Atacamawüste geplant und sie hatte an sämtlichen Vorbereitungen teilgehabt. Nichts, rein gar nichts, hatte auf merkwürdige Aktivitäten hingedeutet. Illegale Verhandlungen hätten ihr auffallen müssen … und woher könnte Dad auch derartige Kontakte haben? Weder in Chile noch in den Staaten. Nein, das war vollkommen ausgeschlossen.
   Ihr dröhnte der Schädel. Was hatte sie sich nur gedacht, kopflos die Flucht anzutreten, nicht nachzudenken, nur zu handeln. Völlig konfus. Sie vermutete, dass man Dads Leichnam in Kürze ausfliegen würde. Es gab so vieles zu regeln. Und irgendjemand musste doch in der Lage sein, Klarheit zu schaffen. Sie grübelte darüber nach, sich an die Regierung zu wenden, fragte sich, ob es einen Ansprechpartner für solche Fälle gab, ob eine staatliche Einrichtung infrage käme. Das LAPD? FBI. CIA. Ein Ministerium. Eine Privatdetektei vielleicht …
   O Gott, sie wollte das alles nicht wahrhaben. Die Uhr zurückdrehen. Die unüberlegte Handlungsweise hatte ihr keineswegs das Erhoffte eingebracht. Sie hatte abschalten, Ruhe und Sicherheit gewinnen wollen. Wozu, zur Hölle? Sie durfte sich nicht länger etwas vormachen. Sie war vor Noah geflohen. Vor einer erneuten Begegnung. Dabei blieb ihr doch keine Wahl. Sie musste sich von ihm fernhalten, um sein Leben nicht in Gefahr zu bringen wegen ihrer verfluchten Gabe, die sie nicht zu kontrollieren imstande war. Die sie seit Jahren verdrängte und eisern im Zaum hielt.
   Es war unnütz, sich in die Einöde zurückzuziehen, denn sie verspürte kaum Erleichterung, im Gegenteil. Sie zermarterte sich nur das Gehirn mit zusätzlichen Gedanken und hatte zudem einen deprimierenden Blick in die Vergangenheit geworfen. Der Drang, herauszufinden, was geschehen, was ihrem Vater wirklich zugestoßen war, saß wie ein Stachel in ihrem Fleisch. Und nicht nur das. Da waren immerhin geschlagene drei Tage, an die sie sich nicht erinnerte. Diesmal sollte sie gründlicher nachdenken, ehe sie handelte und die nächsten Schritte unternahm. Wenn sie das alles doch bloß nicht allein bewältigen müsste …
   Wie häufig hatte sie darüber nachgedacht, warum sie sich keinen festen Partner suchte. Sie wollte es nicht, liebte ihre Freiheit – und wenn ihr tausendmal bewusst war, dass sie sich mit dieser Begründung etwas vormachte. Jetzt sehnte sie sich nach jemandem, mit dem sie ihre Trauer und Verzweiflung hätte teilen können. Eine Schulter zum Anlehnen. Ein Partner, der ihr Freund und Kumpel war. Jemanden, der sie festhielt und ihr den Rücken streichelte. Das Bild des gebräunten Athleten aus der Wüste schob sich in ihre Gedanken. Ein Mann wie er, stark, unerschütterlich, ein Fels in der Brandung. An seiner Brust hätte sie sich ausweinen können, Linderung für ihren Seelenschmerz und ihre Verwirrung finden können. Der verrückte Gedanke durchzuckte sie, auf der Stelle zurückzufliegen und diesen Mann zu suchen. Im gleichen Augenblick schalt sie sich eine gottverdammte Närrin. Und doch: So seltsam es anmutete, er fehlte ihr. Lachhaft!
   Nevaeh fröstelte, obwohl sich unter ihrem Federbett mollige Wärme staute. Zwar hatte die Raumtemperatur in der Nacht deutlich nachgelassen, aber die Ursache für ihr Frieren lag tief in ihrer Seele. Ohnmächtige Verzweiflung über ihre Handlungsunfähigkeit zerfraß ihr Innerstes. Andererseits tobte der Kampfgeist dagegen an.
   Entschlossen schlug sie die Bettdecke zurück und betrachtete ihren nackten Körper. Bis auf die blauen Flecken an den Armen fand sie keinerlei Blessuren. Sie begutachtete die Einstichstellen. Sie hatte im Krankenhaus Infusionen erhalten, aber welcher Arzt oder Pfleger arbeitete dermaßen schlampig? Sie schüttelte den Kopf. Das kannte sie nicht aus dem UCLA, und sie war mehrfach zur Behandlung dort gewesen, erst vor einem halben Jahr bei ihrer Blinddarm-OP.
   Die Unkenntnis um die Geschehnisse zwischen dem Überfallkommando des chilenischen Militärs und ihrem Flug nach L. A. nagte an ihr. Verflucht, sie wollte die Wahrheit wissen. Was mit ihr passiert war. Garantiert hatten sie keine Außerirdischen entführt und sie nach Abschluss ihrer medizinischen Untersuchungen wieder auf freien Fuß gesetzt. Genau so etwas schienen der Coronel und seine Leute jedoch getan zu haben. Eventuell Dritte, zu denen Varela sie verschleppt hatte. Es musste einen verdammten Grund geben, jemanden, der ein Interesse daran hatte. Die Ungereimtheiten türmten sich wie der Schnee vor dem Fenster.

Kapitel 7
Los Angeles – Kalifornien

»Es tut mir leid, dass ich nichts Neues in Erfahrung gebracht habe.« Jayden streichelte Noahs Rücken. »Weißt du schon, was du unternehmen wirst?«
   Noah gab ein Brummen von sich. Er war sich alles andere als sicher. Zum einen hatte er überlegt, ob er mit einem Schlüsseldienst am Haus von Dad und Nevaeh anrücken sollte, dann mit dem Gedanken gespielt, Jayden um Hilfe zu bitten – und sei es mit einem Kontakt zu dubiosen Personen, die fähig waren, ein Schloss zu knacken. Schließlich erwog er, ein Fenster einzuschlagen und im Nachhinein die Cops oder einen Glaser zu rufen. Alle Überlegungen muteten lächerlich an. Es konnte nichts im privaten Reich seines Vaters und seiner Schwester erreichen. Kleidung für Nevaeh zu holen hatte sich erledigt. Unwahrscheinlich, dass er etwas finden würde, das die Situation veränderte. Er konnte weder Dad ins Dasein zurückzurufen noch Nevaeh herbeizwingen. »Ich weiß es nicht«, presste er hervor. Er winkte den Barkeeper des »Come Out« heran und bestellte sich noch einen Kaffee. Noah hasste es, verunsichert zu sein. Dieses Gefühl hatte Nevaeh in ihrer Kindheit bereits dauernd hervorgerufen und ihm Angst eingejagt. Geliebt hatte er sie dennoch und tat es unverändert. Obwohl sie fast seit Beginn des Studiums unerreichbar für ihn war, jetzt war sie verschwunden. Das verstörte ihn deutlich mehr, als sie zwar niemals zu sehen, sie jedoch wenigstens in der Nähe zu wissen und darüber informiert zu sein, dass sie wohlauf war. Sie war fast dreißig und somit fraglos in der Lage, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Zu bestimmen, wann sie sich zurückzog. Noah hatte sich in der Klinik mehrfach versichern und sogar den Arzt herbeirufen lassen, in dessen Gegenwart sie die Unterschrift zur Entlassung geleistet hatte, dass sie aus freien Stücken gegangen war. Die wilde Hypothese einer Entführung konnte er vergessen. Er hatte kein Recht, sich in ihre Belange einzumischen. Zehn Jahre gingen sie sich aus dem Weg, hatten kein einziges Mal miteinander gesprochen. Dad war die Person gewesen, die sie gegenseitig auf dem Laufenden hielt. In beidseitigem Einverständnis. Nur persönlichen Kontakt – den lehnte Nevaeh seit ihrem Streit strikt ab. Irgendwann gab er auf, sie anzurufen, denn sie nahm nicht ab. Briefe kamen ungeöffnet zurück. Dad zuckte mit den Achseln, sobald er ihn um Vermittlung bat. Er meinte, Nevaeh müsse das selbst entscheiden, und auch wenn es ihm das Herz breche, so wolle er keines seiner Kinder zwingen, etwas zu tun, das es ausdrücklich ablehne. Er versicherte, dass er alles in seiner Macht stehende probiert habe, um Beweggründe aus ihr herauszubekommen und auch, um sie umzustimmen, aber sie blieb hart.
   Noah verstand nicht, warum Nevaeh Jayden so strikt ablehnte. Sogar gewarnt hatte sie ihn vor ihm, ihn angefleht, sich von Jayden fernzuhalten. Das Gespräch endete in einer bösen Eskalation und danach herrschte Funkstille.
   Seine Gedanken kehrten zu der Expedition zurück. Neben ihrem Vater hatten zwei Expeditionsmitglieder das Leben verloren. Weitere Familien, die brutal und unerwartet in Trauer und möglicherweise Existenznot gestoßen worden waren. »Was ist mit den Leichnamen? Wird man sie aus Chile ausfliegen?«
   Jayden räusperte sich. »Die CIA hat auf meinen Wunsch hin ein Ermittlungsteam gebildet. Ich darf nicht dabei sein. Es laufen Verhandlungen mit dem chilenischen Außenministerium.«
   »Und wie siehst du die Lage? Wie stehen die Chancen?«
   Jayden antwortete nicht, doch sein Gesichtsausdruck sprach Bände.
   Noah brütete vor sich hin. »Was, wenn wir Dad kein anständiges Begräbnis ausrichten können?«
   »Warte erst mal ab.«
   »Wirst du von deinen Kollegen unterrichtet, sofern es Neuigkeiten gibt?«
   »Über jede Kleinigkeit.«
   »Gut.« Nach Langem war er wieder versucht, Jayden zu fragen, welche Aufgaben er bei der CIA eigentlich zu bewerkstelligen hatte. Aussichtslos – keinen Ton würde sein Freund verraten. Im Grunde hätte Noah nicht einmal wissen dürfen, dass Jayden dort beschäftigt war. Das zumindest war jedoch etwas, worüber so gut wie alle Partner der Teammitglieder aus der CIA-Truppe Bescheid wussten. »Meinst du, ich sollte eine Vermisstenanzeige stellen?«
   »Ich denke nicht. Deine Schwester ist erwachsen, kann kommen und gehen, wann und wohin sie will. Gib ihr Zeit. Ich glaube, die Problematik erledigt sich von allein. Sie kommt zurück.«
   »Hoffen wir es. Aber falls sie …« Noah brach ab. Falls sie was, zur Hölle? Sich nicht innerhalb einer Woche meldete? In zwei? Vier? Sie würde nicht bei ihm anrufen und ihm freudestrahlend mitteilen: »Juhu, da bin ich.«
   Jayden drückte seine Hand.
   Kam Nevaeh zurecht? Sie waren nun Vollwaisen, hatten nur noch sich und auch das ausschließlich auf dem Papier. Verdammt, er machte sich zu viele Gedanken. Wahrscheinlich war er selbst es, der nicht zurechtkam. Er war derjenige, der die letzten Familienbande nicht abreißen lassen wollte. Und verdammt! Er musste herausfinden, was in Chile vorgefallen war. Verflixt, was hatte er für ein Brett vor dem Kopf. Die beiden anderen Familien. Und die übrigen Expeditionsmitglieder, die laut Jayden bereits zwei Tage vor Nevaeh zurückgekommen waren. »Hast du eine Liste der Teilnehmer?«
   »Bitte?« Jayden warf ihm einen irritierten Blick zu. »Nein. Soll ich eine besorgen?«
   »Schon gut. Ich werde beim Institut nachfragen.« Noah stieß sich von dem Tresen ab. »Vielleicht haben die sogar eine Information, wo Nevaeh ist. Immerhin ist die Expedition beendet und sie hat normalerweise bald ihren Dienst aufzunehmen.«
   »Ich drück dir die Daumen.«
   Noah nickte. »Danke.« Er stellte bereits einen Fragenkatalog auf, mit dem er jedes Teammitglied abklopfen würde. Nicht, dass er irgendetwas von dem glaubte, was die chilenische Regierung auftischte. Sein Vater und Waffenhandel, das war unmöglich. Das war das Gleiche, als behauptete man, Wale fräßen gekochte Hühnereier.

Nancy Scott erwies sich als offen und entgegenkommend. Am Nachmittag traf sich Noah mit ihr. Er hatte gestern fast drei Stunden nach seinem Wagen gesucht und ihn schließlich gefunden, gerade als er die Hoffnung aufgegeben hatte. Die Institutsleiterin empfing ihn in einem freundlich wirkenden Besprechungsraum und bot ihm einen Stuhl und etwas zu trinken an. Er lehnte ein Getränk dankend ab und kam ohne Umschweife auf den Punkt.
   »Ms. Scott, ich weiß nicht, wo sich meine Schwester momentan aufhält. Sie ist aus dem Krankenhaus verschwunden. Hat Sie Ihnen mitgeteilt, wo sie ist?«
   Nancy strich sich den Rock ihres hellgrauen Kostüms glatt. Sie gäbe eine auffallende Schönheit ab, hätte sie nicht ihr blondes Haar straff zurückgekämmt und am Hinterkopf zusammengesteckt. Obwohl ihn weibliche Reize sexuell unbeeindruckt ließen, konnte er problemlos feminine Attraktivität bewundern.
   Sie umrundete den Besprechungstisch, nahm ihm gegenüber Platz und schob einen Ordner zurecht. »Ich habe heute früh mit Nevaeh telefoniert.«
   Noahs Herzschlag beschleunigte sich. Ihr ging es gut. Es musste ihr einfach gut gehen. Na ja, den Umständen entsprechend eben.
   »Sie bat mich, ihre Freistellung bis zum geplanten Ende der Expedition aufrechtzuerhalten.«
   Als Nancy schwieg, hakte er nach. »Hat sie eine Adresse oder Telefonnummer hinterlassen?«
   »Ich bedaure, Mr. Morrison.«
   »Verstehe.« In Wirklichkeit verstand er gar nichts. »Es ist also für das LAPI nicht wichtig, Nevaeh zu erreichen?«
   »In der Atacamawüste wäre sie für uns derzeit ebenfalls nicht ansprechbar. Erreichbar, ja. Aber ihre Arbeit lässt sich nicht aus der Ferne bewerkstelligen und sie hat ein einzigartiges Aufgabengebiet, das außer ihr niemand hier bedient.«
   »Sie untersucht konservierte Leichname und Überreste menschlicher und tierischer Körper, nicht wahr?«
   »So kann man es ausdrücken.«
   »Und die Forschungsreise unter Dads Leitung war von Ihnen finanziert?«
   »Nicht von mir persönlich.« Sie blinzelte ihn schalkhaft an.
   Er überging den vermuteten Flirtversuch. »Natürlich nicht. Allerdings von Ihrem Institut?«
   »Ja. Wir haben einen privaten Geldgeber, dem leidenschaftlich an der Mumienforschung gelegen ist. Er besitzt ein kleines Museum in Kairo.«
   »Warum interessiert er sich für Mumien aus Südamerika? Gibt es in Ägypten nicht genug?«
   Nancy legte den Kopf schräg. Eine Haarsträhne löste sich und sie schob sie mit einer geübten Bewegung hinter das linke Ohr. »Ehrlich gesagt, Mr. Morrison, habe ich mich das auch gefragt. Nur … wenn es um finanzielle Mittel dieser Größenordnung geht, stellt man keine Fragen. Der Investor ist integer, das hat unser Management geprüft. Er hat eine Menge Geld in das Unternehmen gesteckt, das jetzt verloren ist.«
   »Sie glauben doch nicht, was die Chilenen behaupten?«
   »Ich habe Ihre Schwester um einen detaillierten Bericht gebeten. Sie hat mir zugesagt, dass ich ihn bekomme, sobald sie sich einigermaßen gefangen hat.«
   Noah überlegte. Irgendwie hörte sich das nicht nach Nevaeh an. Sie packte stets den Stier bei den Hörnern, ließ sich nicht so leicht aus der Bahn werfen. Aber in so einer Ausnahmesituation? Er wusste nicht, was bei der Expedition tatsächlich vorgefallen war. Das und der Tod ihres Vaters, den sie mindestens so geliebt und geachtet hatte wie er, hätte wahrscheinlich einen Titanen aus dem Gleichgewicht gebracht.
   Irgendetwas war faul. Die Angelegenheit stank meilenweit gegen den Wind.
   »Ms. Scott – möglicherweise gehe ich mit meinem Anliegen zu weit. Dennoch. Wäre es möglich, dass ich eine Liste der Expeditionsteilnehmer erhalte?«
   Nancys Augen verdunkelten sich. Wie beiläufig glitten ihre gepflegten Finger über die Akte auf dem Tisch und veranstalteten einen kurzen Trommelwirbel mit ihren rot lackierten Nägeln. »Ich fürchte, aus Datenschutzgründen wird sich das leider nicht einrichten lassen, Mr. Morrison.« Sie erhob sich. »Ich werde den Vorsitzenden des Aufsichtsrates anrufen und abklären, ob wir in diesem Fall eine Ausnahme machen dürfen.« Nancy verließ den Raum.
   Den Wink mit dem Zaunpfahl hatte er nur zu gut verstanden. Er klappte den Aktendeckel auf, fischte das oberste lose Blatt heraus und steckte es zusammengefaltet in die Innentasche seines Jacketts. Kaum hatte er die Beine wieder übereinandergeschlagen, kehrte Nancy zurück. Bereits ihrer Miene entnahm er, dass sie eine ablehnende Antwort geben würde. Sie hielt das Telefon noch in der Hand.
   »Schon gut, Ms. Scott. Ich danke Ihnen für die Zeit und Mühe.« Noah deutete eine Verbeugung an. »Informieren Sie mich, sobald Sie etwas hören?« Er reichte ihr eine Visitenkarte.
   Nancy erschrak, als sie sie entgegennahm und gleichzeitig das Handy läutete. Sie blickte auf das Display. »Natürlich, Mr. Morrison. Und Sie halten mich ebenfalls auf dem Laufenden?« Es klingelte zum dritten Mal. Die Institutsleiterin verlagerte ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Entschuldigen Sie mich, es ist privat.« Sie wandte sich ab und hob den Arm, um ihn zu verabschieden.
   Während er hinausging, meldete sie sich mit leiser Stimme. »Ja, Vater?«

Kapitel 8
Atacamawüste – Chile

»Aufwachen!«
   Eine Stiefelspitze traf Joshua in die Rippen und der Schmerz explodierte im Fieberrausch. Er ächzte und wälzte sich auf den Rücken.
   »¡Arrea! Beeilung!«
   Mühsam richtete er den Oberkörper von dem Steinfußboden auf. Sogleich packten zwei Männer ihn an den Armen und rissen ihn in die Höhe. Sie zerrten ihn Gänge entlang, stießen ihn in einen Raum. Die Tür krachte dumpf ins Schloss und der Befehl »Ausziehen und waschen« dröhnte ihm hinterher.
   Joshua stolperte ein paar Schritte voran. Seine steifen Glieder schmerzten, er fühlte sich müde und ausgelaugt. Nachdem er jegliches Zeitgefühl verloren hatte, wusste er nicht, wie viele Stunden vergangen sein mochten, seitdem man ihn hergebracht hatte. In ein Loch von Behausung, von etwas Besserem konnte man nicht sprechen. Er schleppte sich zu einem Holzschemel und sank nieder. Nur allmählich dämmerte ihm, dass er sich in einem Waschraum befand. Eine einzelne Glühbirne beleuchtete kahles Mauerwerk aus modrigem Stein. Putz bröckelte von der Decke. Es roch nach abgestandenem Wasser, ganz fein durchzogen vom groben Duft nach Kernseife. Er zuckte unter den Maschinengewehrsalven zusammen, die als Erinnerungsfetzen durch seinen Kopf peitschten. Die Schießerei, seine Kollegen. Nevaeh! Der Gedanke, dass seine Tochter irgendwo dort draußen in Gefahr schwebte, brachte ihn um den Verstand. Eine Woge Schwindel erfasste ihn, sein Denken waberte im Nebel des Fiebers umher. Er fand zu keinen klaren Bildern.
   Joshua hob den Blick, musterte verschwommen seine Umgebung. Ihm gegenüber stachen Brauseköpfe an verrosteten Rohren aus der Wand hervor. Obwohl es heiß und stickig war, überfuhren ihn kalte Wellen, wo der Schweiß auf der Haut trocknete. Er richtete sich auf, der Hocker kippte zur Seite und Joshua stützte sich auf einer glitschigen Platte in seinem Rücken ab. Beim Umdrehen erkannte er mehrere Waschbecken, die rostigen Wasserhähne tropften allesamt. Der faulige Geruch war hier am intensivsten und ließ ihn würgen. Als würden Ratten in den Abflüssen verwesen.
   Ihn schauderte bei der Vorstellung, mit dieser Brühe zu duschen. Immerhin wohl angenehmer als der Gestank, der von ihm ausgehen musste. Langsam schälte er sich aus seiner Dreiviertelhose und den Überresten des Hemdes, das in Fetzen um seinen Oberkörper hing. Sie hatten ihn herumgestoßen und an ihm gezerrt, und dieser hochgewachsene Sadist hatte ihn mehrfach mit seinem T-Shirt geschlagen. Er hatte es in einer Schüssel mit Wasser getränkt und einen Knoten hineingebunden. Aber Joshua hatte geschwiegen. Sollten sie ihn quälen, ihm gar die angedrohte echte Folter antun, lieber würde er sterben, als den Grabungsort preiszugeben.
   Jemand riss die Tür auf. »¡Arrea!«, dröhnte erneut der scharfe Befehl in seinen Ohren, ein Bündel klatschte vor seine Brust. Es fiel auf den Fußboden, seine Reflexe hatten nicht ausgereicht, um es aufzufangen. Er beugte sich vornüber und spürte, wie er das Gleichgewicht verlor. Joshua sah sich bereits auf den Steinboden knallen, mit dem Kopf auf das verrottete Abflussgitter, doch man fing ihn auf.
   Der Schwindel übermannte ihn. Er sackte in die Arme eines nach Lamamist stinkenden Kerls. Nicht einmal die Lider vermochte er zu öffnen, sie klebten förmlich an den Augäpfeln. Jäh prasselte kaltes Wasser auf ihn herab. Er fror erbärmlich. Das Fieber schüttelte seinen Leib, der sich anfühlte, als wäre sein Ende gekommen. So stolz war er auf seine gute gesundheitliche Verfassung angesichts seines Alters gewesen – und so gebrechlich erwies er sich nach kurzer Zeit in Gefangenschaft. Man rubbelte ihn mit einem kratzenden Handtuch trocken, kleidete ihn an wie ein Baby. Er gab den Versuch auf, sich zu wehren; zu kraftlos, sich selbstständig das Oberteil überzustreifen. Joshua glaubte sogar, mehrmals das Bewusstsein zu verlieren, denn im einen Moment war er noch nackt, im nächsten kratzte der grobe Stoff einer Leinenhose auf seiner Haut.
   Stimmen durchdrangen den Nebel. Sein Verstand verarbeitete die Worte nicht. Irgendwer lachte dröhnend. Dann drückte sich etwas Hartes gegen sein Rückgrat, während zwei Männer ihn rechts und links gepackt fortschleiften.
   Das plötzliche Sonnenlicht stach ihm in die Augen. Die Luft roch klar und frisch. Er füllte seine Lungen fast bis zum Bersten mit Sauerstoff und kämpfte weiterhin damit, seine Gedanken zu ordnen.
   Hinter ihm hämmerten Stiefel auf Holzdielen, polterten über Stufen. Ein Hüne riss eine Wagentür auf und bugsierte ihn in das Fahrzeug. Das konnte nur dieser Coronel sein, dessen Namen er mehrfach gehört hatte. Der Sadist. Varela.
   Joshua fiel auf eine Rückbank, ein stechender Schmerz durchzuckte seinen Arm. Er rollte sich zusammen, so gut es ging, rechnete mit Hieben, doch nichts geschah. Stattdessen jaulte der Motor auf und der Wagen setzte sich in Bewegung. Der Fahrtwind zerrte an seiner Kleidung, trocknete binnen Sekunden sein schweißnasses Haar, kühlte sein glühendes Gesicht.
   Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, bis der Jeep zum Stehen kam. Erneut packte man ihn, diesmal an den Füßen. Mr. Lamamist zog ihn von dem Rücksitz und stellte ihn auf die Beine. Wieder war er zu schwach, allein zu gehen und so musste er sich hilflos einen Weg entlangschleifen lassen, der erst leicht und schließlich zunehmend steiler aufwärtsführte. Letztlich nahm ihn der Coronel huckepack und trug ihn zu einer von mächtigen Felsen umstandenen Anhöhe. Wie einen nassen Sack ließ er ihn auf den Boden fallen, aber der Untergrund erwies sich als sandig und weich und nicht einmal ein spitzer Stein drückte ihm ins Fleisch. Erleichterung durchflutete ihn, keine neuerliche Pein zu spüren.
   »Seid Ihr da?«
   Die Frage brach mit dumpfem Schall an den Felswänden. Ihn erwartete der Tod. Männer lauerten auf ihn, um ihn endgültig zu erledigen. Nein, das hätte dieser stinkende Kerl sicher gern eigenhändig getan. Vielleicht gab es eine Übergabe mit den Kollegen aus dem Camp.
   »Zeigt Euch. Wo seid Ihr?«
   Joshua verharrte bewegungslos. Kein Laut durchdrang die Stille, sobald das Echo verklang. Und dann spürte er etwas. Die Gegenwart von etwas Urgewaltigem, etwas nicht Fassbarem. Es jagte ihm Angst ein. Ehrfurcht. Die Härchen im Nacken und an seinen Gliedmaßen richteten sich auf. Er wollte fliehen, nur weg von hier, so schnell wie möglich. Kriechend schob er sich voran, doch er stieß nach einem halben Meter an seine Grenzen. Nicht nur seine Kraft verließ ihn, auch ein Felsbrocken stoppte sein Unterfangen.
   »Verschwindet«, wummerte eine Stimme wie aus dem Nichts.
   Sie lähmte ihn, zog ihn in einen Bann, berauschte seinen Verstand. Das konnte nicht sein. Derartiges gab es nicht. Es war, als erfüllte der Klang sein Innerstes, zerrisse ihn vor Panik und streichelte gleichzeitig seine Seele, um ihm Beruhigung zu schenken. Ehe Joshua die Sinne schwanden, hörte er sich rasch entfernende Schritte auf Stiefelsohlen und schwebte plötzlich auf Armen, stark und hart, als wären sie aus Titan.

*

»Crichton!« Die Höhle verzerrte den Hall seines leisen Rufes, ließ ihn zu einem unartikulierten Raunen verschwimmen. Dennoch stand der Butler im nächsten Augenblick neben ihm.
   »Gestattet, dass ich ihn Euch abnehme, Herr?«
   »Nein danke, Crichton. Tragt Sorge, dass schnellstmöglich ein Arzt herbeigeführt wird.«
   »Sehr wohl, Herr.« Wie ein Schatten verschwand Crichton und verschmolz mit der Dunkelheit der Felswände.
   Die Zähne des Alten schlugen aufeinander. Seine Muskeln zuckten in heftigen Kontraktionen von Schüttelfrost gepeinigt. Sein Herz würde den Strapazen nicht standhalten. Der Körper glühte vor Hitze. Der Wissenschaftler war dem Tode nahe, so nah, dass es ihm unmöglich erschien, ihn auf normale Art den Klauen zu entreißen.
   Ein verirrter Sonnenstrahl stach durch ein kleines Loch in der Felsdecke, aber er hätte den Weg in absoluter Finsternis gefunden. Ein enges Labyrinth zweigte im Höhleninneren ab, in dem sich mehr als ein Mensch verlaufen und nie wieder das Tageslicht erblickt hatte. Elasippos trat in eine Nische, die nur bei genauem Hinschauen auszumachen war. Quetschte man sich hinein, steckte man in der Klemme und kam nicht einen Fingerbreit voran. Offensichtlich blieb nur der Rückzug. Betätigte man einen versteckten Mechanismus über Kopfhöhe eines erwachsenen Mannes, schob sich der Fels zurück und eröffnete eine Grotte. Eine weitere verborgene Vorrichtung gab einen Gang frei, dessen Treppenstufen hinab in sein Reich führten. Von den Ägyptern hatte er vor unendlichen Zeiten Mechanismen übernommen, die das Eindringen Unbefugter auf wirkungsvolle Weise unterbanden, gerade so, wie sie es in ihren Pyramiden angewandt hatten. Die ausgefeilte Technik vermochten selbst modernste Anlagen kaum zu übertrumpfen … obwohl es an neumodischem Equipment ebenfalls nicht mangelte. Elasippos fühlte sich sicher in seinem Refugium. Niemals war es jemandem gelungen, es zu entdecken und er fände auch weiterhin Mittel und Wege, um sicherzustellen, dass sich daran nichts änderte.
   Vor einigen Jahren musste er ein Geologenteam auf der Suche nach Erzvorkommen ablenken. Mit Varelas Hilfe lockte er sie in eine andere Richtung, in der sie weitaus reichhaltiger fündig geworden waren. Seither hatte er ab und an mit dem Gedanken gespielt, die sterblichen Überreste seines Sohnes einfach in tiefer gelegene Gefilde des Komplexes zu verlegen, doch das mutete wie Frevel an. Die Totenruhe durfte man nicht stören. Jede Faser seines Seins sträubte sich gegen diese Überlegung.
   Eine junge Frau mit blauschwarzem Haar öffnete die Eingangstür. Wie ungewohnt es war, dass sich außer Crichton und ihm menschliche Wesen in seinem Heim aufhielten. Hatte er die Nähe von Menschen vermisst? Nein. Sein Dasein dauerte vermutlich bis ans Ende aller Tage, aber nach der Gesellschaft dieses Jahrhunderts war ihm weniger zumute als zu beliebigen Zeitpunkten zuvor. Dennoch … eine gewisse Leere in seinem Innersten war nicht zu leugnen.
   Damals, als er um die Welt gereist war, als er mit Platon und Sokrates befreundet war, mit ihnen stundenlang in literarischen Dialog treten konnte, hatte ihn ein Hauch Lebensfreude gestreift. Zum ersten Mal seit dem Verlust von Isi und Mestor, den er nach seinem Zwillingsbruder benannt hatte. Wie viele Stunden philosophierte er mit den Freunden, berichtete in schillernden Farben von seiner Heimat. Gemeinsam gelangten sie in weinseliger Stimmung zu dem Schluss, dass Atlantis dem Zorn der Götter zum Opfer gefallen war. Heute sah er das nach fundierter wissenschaftlicher Analyse nicht mehr so. Kometeneinschläge hatten bereits des Öfteren zu gravierenden und teilweise fatalen Veränderungen der Erde geführt, Flora und Fauna umgewälzt. Um 350 v. Chr. hatte er Platon Unterstützung geleistet, um die Einwohnerschaft des nach verhängnisvollen Niederlagen wieder aufstrebenden Athens davor zu schützen, ihre Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Um sie sowohl vor den Gefahren einer imperialistischen Streitkraft zu warnen als auch, um den steten Drang nach immer ausufernderem Luxus zu unterbinden, hatte Elasippos zugelassen, dass Platon eine scheinhistorische Überlieferungsgeschichte verbreitete. In dieser gewannen die zahlenmäßig stark unterlegenen Griechen eine entscheidende Schlacht gegen die mächtige Seemacht seines Volkes und erreichten in einem glorreichen Sieg sogar die Befreiung einiger unterworfener Stämme. Platon wollte den Menschen bildhaft aufzeigen, wohin Völlerei selbst in einem Idealstaat führe – den Atlantiden habe es das Strafgericht gebracht, woraufhin der Kontinent im Meer versunken sei. Elasippos bedauerte, dass die Timaios-Kritias langfristig keine Wirkung gezeigt hatten und wichtige Teile der Werke des Philosophen, der mit seinen naturphilosophischen, kosmologischen und mathematischen Ansichten seiner Zeit weit voraus war, mit den Jahrtausenden zu metaphorischer Bedeutung verfielen.

Unter der Kapuze schälte sich das zerfurchte Antlitz eines Greises mit einer viel zu kleinen Nase hervor. Wie der Kopf eines uralten Uhus, dessen menschlicher Körper hingegen eher auf einen Mittfünfziger hätte schließen lassen. Mit einem schnellen Blick erfasste der Mediziner die Situation und Elasippos gab den Platz auf dem Stuhl neben dem Bett frei. Erst vor wenigen Minuten hatte sich der keuchende Atem des Wissenschaftlers einigermaßen beruhigt. Der Medicke tastete nach Joshuas Puls, sein Gesicht zerknitterte noch mehr unter der Grimasse, die er zog. Dann fiel sein Augenmerk auf die Wadenwickel, die Elasippos Joshua alibihaft angelegt hatte. Er nickte.
   »Das haben Sie se…«
   Crichtons energisches Hüsteln unterbrach den Mann.
   Er sah auf, sein Ausdruck gezeichnet von Unverständnis. »Ich meine, Sie haben wirklich gu…«
   Diesmal klang das Räuspern des Butlers deutlich indigniert und Elasippos schmunzelte in sich hinein. Er wusste, worauf sein Diener hinauswollte und war sicher, dass er den Medikus im Vorfeld entsprechend instruiert hatte. Trotzdem schien dieser nicht zu begreifen.
   Endlich hellte sich seine Miene auf. »Ähm, also. Ihr habt sehr gute Arbeit geleistet, Herr.« Die beflissene Betonung des Ihr äußerte Ehrfurcht.
   Crichton gab ein leises, zufrieden klingendes Brummen von sich.
   »Ich fürchte allerdings, der Patient wird nicht durchkommen. Das Fieber ist im Moment gesunken, sein Herzschlag setzt jedoch ständig aus. Ihr müsst ihn dringend in ein Krankenhaus schaffen.«
   »Nein.« Zur Unterstreichung seiner Ablehnung schüttelte Elasippos den Kopf.
   Die Blauschwarze betrat den Raum und überreichte eine Ampulle. Elasippos hatte Vorsorge getroffen, sonst wäre Morrison bereits tot. Sein Gefühl hatte ihn nicht getrogen – es trog ihn niemals. Er reichte das Glas mit der verdünnten Flüssigkeit dem Arzt. »Gebt ihm das hier zum Schlucken. Eine halbe Pipette jede Stunde. Informiert mich, falls sich der Zustand verschlechtert.« Er wandte sich zum Gehen. »Und …«, Elasippos warf dem Mediziner einen kurzen Blick zu, »lasst Euch von Crichton Material bringen, ich vermute, sein rechter Unterarm ist gebrochen und muss geschient werden.«
   Er überließ den Wissenschaftler der Obhut der Menschen. Mehr konnte er nicht für Joshua tun, doch das genügte. Der alte Mann starb nicht. Nur dank des atlantidenen Blutes war es möglich, Joshua dem Tod von der Schippe zu reißen und die ersten unverdünnten Tropfen hatte er ihm bereits vor dem Eintreffen des Arztes verabreicht. Die Entscheidung, den einzigen Weg zu wählen, Morrison das Leben zu retten, war ihm nicht leicht gefallen. Mehrfach in der Vergangenheit hatte sich ein solcher Beschluss als fataler Fehler herausgestellt. Dieses Mal sagte ihm irgendetwas, dass es richtig war. Dass er auf sein Herz hören sollte. Das hatte er seit Ewigkeiten nicht getan und es fühlte sich gut an.
   Jetzt dürstete ihn nach Nahrung. Crichton war beschäftigt, aber es würde sich garantiert eine geeignete Wirtin unter dem Dutzend Dienstmädchen finden lassen. Schade, dass sich keine rassige Rothaarige darunter befand.
   Erfüllt von lange nicht gespürter Vorfreude begab sich Elasippos auf die Suche. Seine Gedanken kreisten parallel um Morrison. Ob er des Schachspielens mächtig war?
   Hoffentlich scheiterte sein bescheidenes Sinnen und Trachten nicht daran, dass sich der Wissenschaftler als zweiter Crichton erwies. Obgleich dieser einen getreuen Diener abgab, ihm jede lästige Arbeit abnahm und kaum Herzenswünsche offenblieben, niemals war es Elasippos gelungen, seinem Faktotum das Schachspielen beizubringen.

*

Ein Ruck schüttelte Joshuas Körper, eine Woge Adrenalin jagte durch seine Adern. Er riss die Augen auf. Für einen Moment erschien sein Blickfeld verschwommen, dann schärfte sich die Sicht. Und nicht nur die. Sämtliche Sinne meldeten plötzlich Eindrücke, die er vielleicht einmal als Jüngling wahrzunehmen vermocht hatte. Er hörte leise Fußtritte außerhalb des Zimmers. Drei, vier junge Mädchen mussten über einen Flur laufen, die Schritte von dickem Teppich gedämpft. Dass es keine Männer waren, schloss er aus der Leichtfüßigkeit des Getrappels. Der Geruch von Rosenwasser umnebelte seine Nase von weither – das Parfüm einer der Frauen. Der Duft hüllte ihn ein, entlockte ihm ein wohliges Aufseufzen und weckte jugendhafte Triebe. Er schmeckte das liebliche Aroma sogar auf der Zunge. Joshua blinzelte und betastete sein Gesicht. Nein, er trug seine Brille nicht. Dennoch erkannte er die Fältchen in dem karibikblauen Brokat, der sein Bett überspannte. Er kniff die Lider zusammen, traute seinen Empfindungen nicht, doch als er sie erneut aufschlug, zeigten sich die Konturen noch geschärfter, die Farben intensiver.
   Er warf die Decke beiseite und schwang die Füße von der Matratze.
   »Hoppla!« Vom eigenen Elan erfasst, war er zur Seite gekippt. Joshua richtete sich gleich wieder auf und rieb sich die Schläfen. Unmöglich! Kein Schmerz krümmte sein Rückgrat, ließ seine Beine sich wie Briefbeschwerer anfühlen.
   Er stand auf und ging ein paar Schritte. Beschwingt. Elastisch. Gott, er fühlte sich wie ein Dreißigjähriger. Unfug – wie zwanzig. Fünfzehn. Sein Magen knurrte. Er verspürte Hunger wie ein Bär. Prompt klopfte es an der Tür, die sich erst öffnete, als er ein »Herein« von sich gab. Höflich. Im Vergleich zu seinem bisherigen Gastgeber schien er glatt im Himmel gelandet zu sein.
   Ehe seine Entscheidung fiel, ob er Angst haben oder erleichtert sein sollte, betrat ein mittelgroßer, leicht untersetzter Herr den Raum. Er schätzte ihn auf Ende fünfzig. Der Mann bewegte sich mit eleganten, geschliffenen Bewegungen, als hätte er jahrhundertelange Übung. Sein kaum sichtbares Verneigen des Kopfes strahlte Hoheit und Eleganz aus, wie Joshua es nie erlebt hatte. So musste es in Königshäusern zugehen.
   Mit sanfter, schnurrender Stimme stellte sich der Hereingetretene vor. »Mein Name ist Charles Crichton, Prince of Pembroke, Sir. Ich bin Sir Elia Spops Butler. Bitte nennen Sie mich Crichton.«
   »Angenehm. Joshua Morrison.« Er kam sich ärmlich und nichtig vor in Anbetracht der Noblesse, die sein Gegenüber aus jeder Pore versprühte.
   »Und sofern ich mir erlauben darf, Sir …«, der Diener legte eine hoheitsvolle Pause ein, »in unserem Haus pflegt man die Gewohnheit, die zweite Person Plural als Honorificum zu benutzen. Gestattet Ihr, dass ich darum ersuche, Euch dem anzuschließen?« Crichton betonte das Satzende wie eine Frage, aber seine Miene eröffnete keinen Zweifel, dass er ausschließlich stumme Akzeptanz zuzulassen gedachte.
   Joshua schluckte. Wie ungewöhnlich … nun gut, wenn man es sich denn so erbat. Irgendwie fand er es lustig. »Wie Ihr wünscht«, gab er zurück und deutete eine Verbeugung an.
   Ein hauchzartes Lächeln schlich sich um Crichtons Mundwinkel. »Dann werde ich jetzt den Kammerdiener zum Baden und Umkleiden schicken und Euch anschließend zum Dinner mit dem Hausherrn führen.« Er verneigte sich und schritt rückwärtsgehend aus der Tür.
   Just schwand sein Schatten, huschte ein junger Mann in Livree in das Zimmer und hinterdrein ein nicht enden wollender Strom an Bediensteten, die Kleidungsstücke, verhüllt in durchsichtige Plastikfolien, hereintrugen. Man breitete Unterwäsche und Socken aus, wartete mit Dutzenden Schuhpaaren zur Anprobe auf.
   Am Ende stand er in einen schwarzen Frack gekleidet, mit Weste, einem Hemd mit gestärkter Piquébrust, Perlmuttknöpfen und Stehkragen sowie Fliege und Lackschuhen vor einem mannshohen Spiegel. Was er ungläubig bewunderte, war keineswegs sein festlicher Auftritt, der einem Staatsempfang zur Ehre gereichte, sondern sein nahezu faltenfreies Gesicht, das volle Haar, dessen schütteres Grau seinem kastanienbraunen Naturton gewichen war, die schnurgerade Haltung und das Funkeln seiner graugrünen Augen. Der Gesamteindruck, der ihn aussehen ließ, als hätte er maximal die fünfzig überschritten.
   Er war tot. Und das hier war entweder der Himmel oder die Hölle – was sich noch herausstellen musste. Nur … hatte man als Toter so einen Kohldampf? Sein Magen gab knurrende Geräusche von sich.
   Joshua sah im Spiegelglas Crichton hinter sich treten und wandte sich um. Neben der leicht angedeuteten Verneigung vollführte der Butler eine ebenso dezent ausholende Bewegung mit einer behandschuhten Hand. Joshua folgte dem Diener wie in Trance durch einen Gang. Die Fackeln an den Wänden wirkten so realitätsgetreu, dass er erst bei der zehnten am fehlenden Geruch festmachte, dass kein echtes Feuer in den Halterungen brannte. An seiner Auffassungsgabe hatte er zu arbeiten, an den absurden Tagträumereien bezüglich seiner Erscheinung ebenfalls. Er sollte Hirntraining absolvieren, wollte er seinem Gastgeber, wer immer es war, nicht als begriffsstutzig erscheinen.
   Nicht, dass es wichtig gewesen wäre. Aber er wollte einen guten Eindruck abgeben. Ehrfurcht, von der er vage ahnte, sie bereits einmal empfunden zu haben, eroberte jede Faser seines Seins. Ihm blieb keine Zeit, nachzudenken, denn Crichton öffnete eine imposante Flügeltür, deren Türblätter nach innen schwangen. Eine ungeheure Pracht strahlte und funkelte ihm entgegen. Unter Hunderten Lichtern aus Kristallleuchtern, groß wie 20-Personen-Fahrstuhlkabinen, erblickte er eine Speisetafel, auf der für ein Bankett aufgefahren war. Crichton gab ihm den Vortritt. Kaum war Joshua ein paar Schritte in den Raum getreten, erschien ein bildhübsches Mädchen in kurzem, schwarzen Rock und schneeweißer Bluse mit einem Silbertablett. Nach einem höflichen Knicks reichte sie einen Aperitif. Von dem üppigen Dekolleté abgelenkt, bekam Joshua nicht mit, wie ein Mann auf ihn zutrat, bis Crichtons Stimme erklang und er aus seiner starren Faszination erwachte.
   »Herr, Sir Joshua Morrison.« Pause. »Sir Elia Spops.«

*

Nachdem Crichton ihn unter einem modern klingenden Anagramm seines Namens vorgestellt hatte, durchrieselte Elia ein sonderbares Gefühl. Niemals hätte er vermutet, dass es ihm derartigen Spaß bereitete, einen Gast zu umsorgen. Einen Menschen. Etwas Schwermütiges umgab ihn, doch die radikale Verjüngungskur, die das atlantidene Blut bewirkt hatte, stand dem Wissenschaftler gut und verlieh ihm eine interessante Aura. Beinahe drei Tage hatte seine Genesung gedauert, aber jetzt pulsierte das Leben wieder in ihm. Irgendwie erinnerte Morrison ihn an jemanden, doch Elia hatte in seinem Leben so viele Menschen gekannt, dass ihre Bilder kamen und gingen wie Regentropfen.
   Er malte sich bild- und schmackhaft aus, sein Gegenüber als Blutwirt zu kosten. Das Wasser floss ihm im Mund zusammen und eine leise Ungeduld entlockte ihm ein Lächeln. Alles zu seiner Zeit. »Darf ich zu Tisch bitten, Sir Morrison?«
   Der Angesprochene sah sich wie verzaubert um. Elia verstand das durchaus. Eine Gabe atlantidenen Blutes brachte menschliche Hormone zeitweilig zum Überkochen. Außerdem musste der Mann das Gefühl haben, am Verhungern zu sein. Wie gut, dass Crichton dafür gesorgt hatte, dass ein Festmahl bereitet worden war. Er fasste Joshua am Ellbogen und steuerte die Tafel an. Sofort eilte ein Dienstmädchen herbei, um die Stühle zurechtzurücken. Morrison nahm zu seiner Linken Platz, während er sich an die Stirnseite setzte.
   »Ihr müsst hungrig sein nach den Strapazen, die man Euch zugemutet hat.« Elia registrierte, wie Joshuas Blick umherirrte, wie er verzweifelt versuchte, Worte zu finden. »Bemüht Euch nicht meinetwegen, Sir Morrison. Esst und labet Euch.«
   Der Appell fruchtete. Beherzt griff Joshua zu, ließ sich Delikatesse um Delikatesse reichen und aß mit gutem Appetit. Ein Lächeln stahl sich in Elias Herz. Er nippte an dem vorzüglichen Cantina della Cremosino, eine Weinrarität aus dem Jahr 1802. Sein Weinlager beherbergte etliche andere, wesentlich ältere und seltenere Sorten, jedoch hatte dieser italienische Tropfen es ihm besonders angetan. Zwischendurch gönnte er seinem Gourmetgaumen ein Häppchen hier oder dort. Essen war für ihn ein Genuss und Nahrungsquelle, Bluttrinken ein Labsal, um die Jugend zu erhalten. Die größte Wonne bereitete es allerdings, Morrison zu beobachten, dem die neu gewonnene Kraft von der Seele strahlte. Joshua lehnte sich auf dem antiken Sitzmöbel aus einem preußischen Königshaus zurück. Offenbar tauchte Morrison aus seinem Rausch auf. Seine Augenfarbe verdunkelte sich, doch noch immer sagte er nichts.
   »Hat es Euch gemundet?«
   »Es war exzellent.«
   »Dann möchte ich mich erneut vorstellen. Mein Name ist Elia Spops. Willkommen in meinem Haus.«
   »Ich danke Euch für die Gastfreundschaft. Wo befinden wir uns und wie bin ich hergekommen?«
   »Das ist eine lange Geschichte.« Elia sah und spürte, wie die Gedanken seines Gastes rasten. »Das chilenische Militär hat die Expedition beendet. Man hat alle Teilnehmer bis auf Euch und die beiden bedauerlichen Opfer der Schießerei in die Vereinigten Staaten ausgeflogen. Erinnert Ihr Euch an das Geschehen?«
   »Meine Tochter … Nevaeh. Geht es ihr gut?«
   »Es handelt sich – in Anbetracht Eurer Frische, Sir, darf ich das wohl vermuten – zweifellos um eine sehr junge Dame?«
   Joshua schüttelte den Kopf. »Sicher nicht ganz so jung, wie Ihr vermutet. Meine Tochter ist die stellvertretende Leiterin der Expedition. Wo ist sie?«
   Elia verbarg sein Erstaunen. »Ihr meint nicht etwa diese aparte junge Grazie mit der kupferroten Löwenmähne?«
   »Wie? Doch.«
   Er schluckte seine Überraschung hinunter. Ein unbeabsichtigtes Band spannte sich zu der Frau, die er nie wiederzusehen vermutet hatte. Seine Gedanken würden zwangsläufig häufiger um sie kreisen als angenommen.
   »Verzeiht, Sir, aber mir ist derzeit nicht nach Small Talk. Habt Ihr Informationen über Nevaeh?«
   »Soweit ich informiert bin, befindet sie sich in gutem Zustand.«
   »Darf ich sie anrufen?«
   »Ich bedaure.« In der Tat bereitete es ihm eine Spur Betrübnis, dass Varela ihm nicht die Frau anstelle des Alten ausgeliefert hatte, doch dann entsann er sich seines Wunsches nach einem Schachpartner. Frauen taugten dazu nicht. »Betrachtet Euch als meinen Dauergast – all Eure Herzenswünsche sollen erfüllt werden. Nur Kontakt zur Außenwelt wird Euch leider versagt sein.«
   Joshuas Adamsapfel hüpfte auf und ab, bis er endlich ein gequältes »Wie bitte?« hervorpresste.
   Elia beschloss, ihm ohne Umschweife die Wahrheit zu sagen. »Bedauerlicherweise haben die Chilenen behauptet, dass Ihr tot seid. Um eine Krise mit Kalifornien zu verhindern, kann ich unmöglich zulassen, dass die Regierung bloßgestellt wird und sich der Vorfall als Lüge herausstellt. Es würde hier in Kürze von Neugierigen und Reportern wimmeln.«
   »Ich verstehe nicht.«
   Aus irgendeinem Grund musste Elia schmunzeln, obwohl ihm Morrison leidtat. »Nun, Ihr seid einer der verhasstesten Verbrecher des Landes geworden, habt Waffenhandel mit den Rebellen betrieben und seid laut der offiziellen Version in einem Feuergefecht getötet worden. Nicht vielen ist es bestimmt, auf ewig in die Geschichtswerke einzugehen. Ihr habt es erreicht.«
   »O mein Gott.« Joshua presste die Finger an die Schläfen. Sein Gesichtsausdruck spiegelte den Widerstreit, der in seinem Inneren tobte. Der unbändige Wunsch, sich gegen die Erkenntnis seiner Gefangenschaft zu stemmen, einen Ausbruch zu versuchen und gleichzeitig eine Faszination, die sich auf Elia und die Umgebung konzentrierte und der sich Joshua verzweifelt zu entziehen versuchte, es jedoch nicht schaffte. Elia ließ ihm Zeit, sich zu fassen. Währenddessen schob sich das Bild der rothaarigen Schönheit im Schatten des Plateaus in seine Gedanken. Vorsichtig hatte er ihre Aura abgetastet und trotz des Grolls, den er gegen die Anwesenheit dieser Truppe hegte, hatte er zugelassen, dass sie seine Sinne berührte. Er wünschte die Expedition zum Teufel, und doch hatte er die Anwesenheit dieser Frau genossen, wohl wissend, dass er sich einem kurzen und vergänglichen Vergnügen hingab.
   Ein Impuls seines Gegenübers stach in seine Gedanken. Elia konzentrierte sich auf Morrisons Ausstrahlung. Der Mann verbarg etwas. Nur ein winziges bisschen tastete er sich in die Gedanken des Wissenschaftlers vor, um sich die Spannung nicht zu verderben.
   Sein Schmunzeln geriet zu einem Grinsen. Die Morrison im Blut steckende Wissbegier würde mit der Zeit höchste Befriedigung erfahren. Er würde Dinge herausfinden, die er sich nie im Leben vorzustellen gewagt hätte – zu Morrisons Bedauern würde er sie nur niemals der Welt verkünden können. Elia ließ den Kitzel genüsslich sacken. Er verspürte kaum zu zügelnde Neugier, was dieser Mann zu verbergen hatte. Welch reizvolle Abwechslung in seinem tristen Alltag. Vielleicht würde er auch mehr über die schöne Tochter in Erfahrung bringen? Elia nahm mit Befriedigung wahr, wie allmählich der Wissensdurst in Morrison den Sieg errang, wie er begann, sich in das Unabänderliche zu fügen. Jetzt wusste Elia, woher sein Lächeln rührte. Er hatte lange nicht die Auswirkungen seines Charismas auf Menschen ausgekostet.
   »Erzählt mir von Eurer Forschung.«
   Ein Flackern leuchtete in Joshuas Pupillen.
   »Am besten, wir ziehen uns dazu bei einem Glas Brandy ins Kaminzimmer zurück, was meint Ihr?«
   Joshua nickte zögerlich. So ganz schien sein innerer Kampf noch nicht abgeschlossen zu sein.
   »Es interessiert mich wirklich sehr. Was hat Euch in die Wüste verschlagen?«
   Der Alkohol löste Morrisons Zunge. »Eigentlich bin ich Paläontologe und untersuche Überreste von Organismen in Sedimentgesteinen. Hin und wieder leite ich auch archäologische Expeditionen. Diese hier weckte mein Interesse aufgrund des besonderen Alters einer Mumie.«
   Die Erwähnung der Gebeine seines Sohnes ließ Elia hart schlucken, doch er hütete sich, Morrison zu unterbrechen.
   »Wisst Ihr, der erwartete Fund soll etwa 12.000 Jahre alt sein. Das ist ungewöhnlich, die älteste jemals gefundene Mumie ist nur rund 5.500 Jahre alt. Unter diesen Gesichtspunkten ließ die Grabung auch das Herz eines Paläontologen höher schlagen.«
   Ja, und seins auch. Abrupt schlug Elias Stimmung in bitteren Ernst um. Wenn es um die Ruhestätte seines Sohnes ging, wandelte er sich zum gnadenlosen Raubtier. Er wusste, dass sich die Veränderung deutlich in seinem Antlitz abzeichnete und die Wirkung, die er auslöste, war durchaus beabsichtigt. Morrison erstarrte, von plötzlicher Angst gepackt. Hatte er ihn bisher ehrfurchtsvoll und bewundernd betrachtet, glühte sein Gesicht nun vor überraschter Panik. Elia fragte sich, woher Morrisons Informationen stammten. Das Alter einer Mumie zu bestimmen, bevor man diese überhaupt gefunden hatte? Er verstärkte den mentalen Druck auf Morrisons Geist. Der Mann würde reden. Und Elia würde Antworten finden.
   »Woher stammen die Informationen?«
   Die Reaktion kam wie aus der Pistole geschossen. »Ich … mein Informant … er nannte die Atacamawüste, die ungefähren Koordinaten.«
   Beim Barte des Propheten! Es war absolut richtig gewesen, den Coronel zu bemühen. Sogleich erschien es Elia nicht mehr tragisch, dass Varela übers Ziel hinausgeschossen war. Der Zweck heiligte die Mittel, und es gab nichts Wichtigeres, als die letzte Ruhestätte seines Babys zu schützen.
   »Wer ist dieser Informant?« Elia versuchte, gelassen zu klingen, aber die schneidende Schärfe wollte nicht aus seinem Tonfall weichen. Je aufbrausender er sich verhielt, desto verängstigter zeigte sich der Wissenschaftler.
   »Ich … kenne ihn nicht persönlich, nicht einmal seinen Namen.«
   Die Angelegenheit nahm unangenehme Formen an. »Erklärt mir das auf der Stelle!«
   Joshua errötete. »Er… er ist ein langjähriger Unterstützer meiner Karriere, hat mir bereits vor Jahren zum Auffinden einer Mumie verholfen und … und … der Ruhm … das … Geld …« Er verhaspelte sich inmitten seiner Stotterei.
   »Und wie hat er Euch die Informationen gegeben?« Elias Stimme grollte wie Kanonendonner durch den Raum.
   Sein Gegenüber starrte ihn verständnislos an, den Körper zur Bewegungslosigkeit versteinert. Mit einem Satz sprang Elia auf ihn zu, riss ihn an den Schultern in die Höhe, sodass Joshuas Fußspitzen an seine Schienbeine stießen. »Wer ist es?« Seine Eckzähne schoben sich ob der Aufregung über seine Lippen.
   Ein ersticktes Keuchen entwand sich Morrisons Kehle. Im Moment würde Elia kaum noch etwas aus dem Kerl herauspressen können. Nicht auf diese Art. Das Lesen in seiner Aura ließ ihn leider nur die aktuellen Gedanken erfassen, er konnte nicht in fremden Erinnerungen nach Informationen suchen. Stattdessen musste er sie hervorlocken, doch im Moment raubte die Panik Joshua den Verstand und die Sprache. Elia ließ ihn los und hieb mit der Faust vor den Kamin. Mit fliegenden Schritten eilte er hinaus.

*

Joshua strauchelte und brach in die Knie. Der Schmerz packte ihn nicht, zu übermächtig überkam ihn der Drang, zu fliehen. Wo er sich auch befinden mochte, er wollte fort von diesem Dämon. Eine bösartige Macht umfing ihn, das glaubte er so deutlich zu spüren, wie er annahm, dass er längst tot war.
   Reiß dich am Riemen, Joshua Morrison, forderten seine Kinder im Geiste. Er atmete tief ein, versuchte vergeblich, altbewährte Ruhe zu erzwingen und rappelte sich auf. Joshua wankte auf dem Weg zur Tür, woran der Alkohol maximal eine Teilschuld trug. Grenzenlose Angst hielt ihn in eisernen Fesseln. Er war sicher, dem Teufel in Person begegnet zu sein. Behutsam drückte er die Klinke und erstarrte. Abgeschlossen. Sein Blick raste durch den Raum. Irgendeinen verdammten Weg musste es geben. Die Fenster.
   Beinahe fiel er in Ohnmacht, als sie sich als überdimensionale digitale Bilderrahmen herausstellten, eine perfekte Illusion. Er drehte sich um, sackte mit den Schultern gegen die Mauer und glitt zu Boden. Wein und Cognac umnebelten nun doch seine Sinne und lullten ihn ein. Wie war er bloß in diese Situation geraten? Sein Körper war eingesperrt, aber seine Gedanken schwebten in die Wüste, das Camp.
   Sie waren am Morgen des elften Januar zur Grabungsstätte aufgebrochen. Seine beiden vertrauenswürdigsten Mitarbeiter und er. Die genauen Koordinaten kannte nur er. Nicht einmal Nevaeh hatte er diese anvertraut. Die Befürchtung, dass die Information nach außen gelangte, dass ihm einer zuvorkäme, war immens. Nicht, dass er seiner Tochter nicht traute, im Gegenteil. Auf sie war Verlass. Dennoch wollte er sie mit dem Wissen nicht in Gefahr bringen, auch wenn er wusste, dass sie eine starke Frau war, die sich nicht unterkriegen ließ. Sein Informant hatte ihn eindringlich gewarnt. Er hatte behauptet, zwielichtige Gestalten wollten ebenfalls nur zu gern die Grabstätte finden. Nevaeh hatte sich strikt geweigert, Joshuas Bitte zu entsprechen und die Teilnahme an der Expedition abzusagen. Er hatte ihr den Grund nicht nennen wollen.
   Die Geschichte mutete zu fantastisch an, das Versprechen, das der Unbekannte ihm gegeben hatte – und das in mehrfacher Bedeutung: die Aussicht auf Bewahrheitung eines Wunschbildes, großartig und begeisternd und gleichzeitig unglaublich und ungeheuerlich. Das Gen der Unsterblichkeit! Aus unerfindlichem Grund glaubte Joshua felsenfest daran, dass er es finden würde. Er hatte diesen Auftrag zunächst ablehnen wollen, sich dann jedoch bewusst gemacht, dass sein Kontakt ihn bislang nie in die Irre geführt hatte. Dass er ihm Wohlstand und Ansehen verdankte. Angefangen hatte es vor Jahren mit einer von der Universität finanzierten Forschungsreise nach Ägypten. Er kehrte ruhmreich mit einem beachtlichen Fund zurück, mit dem er sich die ersten Sporen in der Fachwelt verdiente. Und das nur, weil sein Mittelsmann ihm die Daten genannt hatte. Er beanspruchte nichts für sich. Auf die Frage nach dem Warum hatte der Fremde geantwortet, dass er seine Genugtuung aus der Tatsache ziehe, dass sich seine Intuition als richtig erweise. Er habe nicht die Mittel, eine eigene Expedition auf die Beine zu stellen.
   Joshua wusste nicht, welcher Teufel ihn geritten hatte, dass er es tat. Wahrscheinlich sein Übermut, der Erfolgsdrang, die Verpflichtung seinen Kindern gegenüber, der Druck, der damals auf ihm lastete nach dem Verlust seiner Frau. Das dringend benötigte Geld. Es spielte keine Rolle mehr. Heute hing so viel Wichtigeres davon ab. Die Verheißung, das Gen der Unsterblichkeit zu entdecken, stellte ein nicht zu verachtendes Argument und seine letzte Hoffnung für Noahs und Nevaehs Leben dar. Für ihr Überleben. Grund genug, sich erneut auf dieses merkwürdige und seit Jahrzehnten ungemein verlockende Spiel einzulassen.
   Vor drei Tagen, auf halbem Wege zu der Grabungsstätte hatte ein Lieferwagen am Straßenrand gestanden. Kein Mensch war zu sehen gewesen, aber als sie das Fahrzeug passierten, schoss man auf sie. Der Jeep schlingerte, rutschte in eine Sanddüne und blieb mit durchdrehenden Reifen stehen. Geistesgegenwärtig hatte er sich fallen lassen und in den Fußraum gequetscht, während sein Beifahrer Mika versuchte, die einzige Pistole, die sie hatten, aus dem Handschuhfach zu zerren. Ein Schuss streckte ihn nieder und auch Pits heiseres Gurgeln auf der Rückbank hatte Ungutes prophezeit. Dann platzten fast seine Trommelfelle, das Rattern aus Maschinengewehren erfüllte die Luft und kurze Zeit darauf folgte ein gewaltiger Knall. Benzingeruch und Rauch brannten ihm in der Nase, ließen das Atmen fast unmöglich werden. Schließlich holte ihn das metallische Klicken einer Waffe aus seiner Starre und jemand mit kehligem Akzent befahl: »Aussteigen!«
   Danach wies seine Erinnerung Lücken auf und setzte erst wieder ein, als man ihn aus diesem Loch in den Waschraum schleppte. Bis zu seinem Erwachen unter dem karibikblauen Himmelbett klaffte weitere gähnende Leere. Es gelang ihm nicht, die Geschehnisse in eine Reihe zu bringen. Militär. Er war sicher, dass es Leute in Soldatenuniformen waren, die ihn aus dem Wagen gezerrt hatten und auf den Rücksitz eines Jeeps stießen. Einer der Kerle war mit Coronel angesprochen worden. Dieser Mann hatte ihm befohlen, sich zu waschen und umzuziehen. Das bösartig ausgestoßene »¡Arrea!« hallte in seinem Schädel nach.
   Wenn er sich nur einen Reim auf das alles bilden könnte. Die Wirkung des Alkohols verflüchtigte sich allmählich und mit ihm das Bild des Monsters mit den spitzen Zähnen. Joshua verfluchte diesen Ort, wo immer er sein mochte; den ominösen Elia Spops; das bescheuerte Gehabe mit der Anredeform. Er kam sich vor wie an einen europäischen Königshof ins 18. oder 19. Jahrhundert zurückversetzt. Der hatte doch ’ne Schraube locker. Eher mehr als eine. Auf keinen Fall würde er ihm nochmals Rede und Antwort stehen und mehr über seine Person oder Beweggründe offenbaren. Er musste einen Weg finden, hier herauszukommen.
   Während sich Joshua aufraffte und mit einer Hand den ruinierten Frack zu glätten versuchte, stieg ihm allmählich zu Bewusstsein, dass er sich in einer verdammt bescheidenen Ausgangsposition befand. Offiziell tot, äußerlich um zwanzig Jahre verjüngt, eingesperrt bei einem Monster weiß Gott wo. Extrem miserable Aussichten.

Kapitel 9
Ranua – Finnland

Nevaeh blickte auf ihre neue Armbanduhr. Es war bereits Nachmittag, sie hatte fast sechszehn Stunden geschlafen. Wirklich ausgeruht fühlte sich dennoch anders an, obwohl sie nochmals eingenickt sein musste, nachdem sie sich mit ihren Erinnerungen gequält und vergeblich versucht hatte, sie unter der Dusche fortzuspülen. Sie wog den unbestimmten Eindruck ab, dass die Träume tatsächlich zurückgekehrt waren – erinnerte sich aber an nichts Konkretes und das beruhigte sie. Ein wenig. Sie irrte sicherlich und nur die Begegnung mit der Vergangenheit hatte diese Wunde aufgerissen. Zur Hölle, sie wollte es so! Diesen Grund und sonst keinen. Der Schlüssel zu ihrer Gedankenschublade war bestens verwahrt und die Träume würden nicht von Neuem anfangen, sich schon far nicht heimlich in ihren Kopf schleichen.
   Nevaeh lauschte in das totenstille Haus hinein. Offenbar schlief Catalina noch. Ein kompletter Tag Reisedauer von L. A. über Paris und Helsinki nach Rovaniemi, die Fahrt bei Eis und Schnee bis hierher, dazu die Zeitverschiebung – logisch, das machte dem Körper zu schaffen.
   Sie schloss die Lider. Wie sehr Dad ihr fehlte. Wie sehr sie Noah vermisste. Natürlich war ihr klar gewesen, dass Dad nicht der Jüngste war, dass er eines Tages von ihnen ginge. Aber doch nicht so früh. Nicht so unerwartet. Nicht jetzt. Nicht auf diese Weise. Sie weinte. Diese spärlichen Informationen … das Unglaubliche, das Varela versucht hatte, ihr aufs Brot zu schmieren. Schießerei mit Guerilleros. Waffenschieberei. Was für ein ausgemachter Blödsinn. Der Schmerz schnürte ihr die Kehle zu. Ihr Gewissen meldete sich mit dem Vorwurf des Egoismus. Das war gemein. Bestimmt gab es ihr einiges vorzuwerfen, jedoch nicht Selbstsucht. Selbstverständlich, es war anzunehmen, dass man die Toten in Kürze aus Chile ausflöge und nur zu intensiv stand ihr vor Augen, dass Noah kaum etwas übrig blieb, als sich allein um alles zu kümmern. Sie war überzeugt, dass er es täte, ganz gleich, wie brutal sie ihn vor den Kopf gestoßen, ihm erneut wehgetan hatte. Er konnte zum wiederholten Mal nicht wissen, wie ihm geschah. Hätte sie nur eine andere Chance.
   Weitere Tränenbäche liefen ihr Gesicht hinab. Sie presste die Wangen in das Kissen und schluchzte. Verflucht, sie durfte ihm nicht einmal unter diesen Umständen gegenübertreten. Sie würden nicht gemeinsam an Dads Grab stehen und ihre Trauer teilen. Wahrscheinlich war das der Hauptgrund, warum sie sich entschlossen hatte, zu fliehen. Es gab keinen für Außenstehende nachvollziehbaren Grund, ihre Weigerung, wenigstens das Begräbnis des Vaters an Noahs Seite zu verbringen, zu verstehen. Selbst wenn sie in L. A. geblieben wäre – müsste einer fernbleiben. Ihre Gabe würde ihn töten, ihre Träume real werden wie bei Jannik und Mom. So oder so – eine Lösung, einen Kompromiss, gab es nicht, also hatte sie die einzige Wahl getroffen. Es war keineswegs Eigennutz, der dahintersteckte.
   Missmutig schwang sie die Beine aus dem Bett. Sofort biss die Kälte, die über Nacht ins Haus gekrochen war, in ihre Haut. Höchste Zeit, dass sie Holz nachlegte. Sie zog einen Bademantel und Pantoffeln an und schlich in das Erdgeschoss. Der Umstand erwies sich als überflüssig, denn Catalina werkelte bereits in der Küche, bewegte sich aber ebenso leise und behutsam wie sie. Unfreiwillig lachte Nevaeh. Ihre Ex-Nanny häufte Speisen auf dem Esstisch auf, als nahte eine Hungersnot, dabei war Nevaeh ein Toast schon zu viel.
   Nachdem sie jedoch den Ofen angefeuert und eine Tasse starken Kaffee getrunken hatte, griff sie mit erstaunlichem Appetit zu. Dad hatte wie immer recht, auch darin, dass ein gutes Frühstück die Lebensgeister weckte – egal, in welcher Situation.
   Nach einer ausgiebigen Dusche stiefelte sie mit Catalina auf der Erkundung des Grundstücks durch den Tiefschnee. Unter dem mittlerweile fast wolkenlosen Himmel, der eisigen Luft und der Weite der Natur glaubte Nevaeh plötzlich, Ruhe und Frieden finden zu können. Vergessen. Und allein das war es, was sie derzeit wollte.
   »Schau nur!« Die Haushälterin eilte voraus. Sogar unter dem Schneeanzug wogten ihre Hüften wie mächtige Tannen im Wind. Neben einem nahezu völlig zugeschneiten Stapel gespaltener Holzscheite wedelte die Inkafrau mit den Armen herum.
   Beim Herantreten erkannte Nevaeh, dass die weiße Pracht eine Holztür verbarg. Sie gehörte zu einem Gartenhäuschen, dessen Umrisse sie nur schwerlich ausmachte. Ihr Herz klopfte schneller. Eine Erinnerung versuchte, an die Oberfläche ihres Bewusstseins zu drängen. Sie spürte es, wollte es verhindern, doch mit einem Mal schrumpfte sie zur Größe eines Gartenzwergs, ihr lang ausgestreckter Arm hing an der Hand ihrer Grandma, deren Locken wie der Schnee auf dem niedrigen Dach des kleinen Schuppens glitzerten. Die Tür quietschte in den Angeln. »Engelchen, möchtest du ein Geheimnis mit mir teilen?«
   Nevaeh nickte.
   »Wenn du einst hierher zurückkehrst, wird dir alles einfallen, was wichtig für dich ist. Du wirst dich an das entsinnen, was ich dir erzähle und das Wissen um das Vermächtnis deines Blutes wird dir klar werden.«
   »Was denn, Granny?«
   »Alles, mein Engel. Alles. Du musst nur eines Tages zurückkehren. Und das wirst du. Weißt du, was eine Eselsbrücke ist?«
   »Nein.«
   »Glaubst du, du kannst dir eine Geschichte merken?«
   »Ja.«
   Das Bild verschwamm, dafür hörte das Quietschen nicht auf. Nevaeh rieb sich mit dem Handschuh die Augen.
   »Da stehen nur eine rostige Schubkarre und ein paar Spaten. Und … schau an. Wie heißen diese neumodischen Dinger?« Catalina war die Enttäuschung anzuhören. Sie schob die Tür in ihre ursprüngliche Position und stapfte auf Nevaeh zu.
   Ihr gelang gerade eben ein Blick auf das Schneemobil. »Motorschlitten. Ski-doo. Wollen wir eine Runde drehen?«
   Catalina gab ein Ächzen von sich und stemmte beide Hände in die Nierengegend. »Liebes, Väterchen Frost hockt mir im Kreuz. Ich könnte eine Tasse Kaffee vertragen.«
   Nevaeh schmunzelte. Sie waren nicht einmal zwanzig Minuten im Freien. »Geh nur ins Haus zurück. Ich komme gleich nach, ja?«
   Catalina schnaufte. »¡Bien! Apresúrate por favor.«
   »Natürlich. Ich werde dich nicht lange warten lassen. Machst du mir bitte einen Tee?«
   Die Haushälterin eilte davon. Nevaeh sah ihr hinterher, bis sie um die Hausecke entschwand. Dann öffnete sie die Schuppentür.
   Seven horses ate pudding especially ravenous …
   Der Gedanke verflog, wiederholte sich anschließend wie ein Mantra. Was schlummerte in ihrem Unterbewusstsein? Sieben Pferde aßen Pudding besonders heißhungrig … Unsinn. Es ergab keinerlei Sinn, außer, dass Grandma ihr ein Märchen erzählt hatte.
   Misstrauisch starrte Nevaeh in das Gerätehäuschen und begann, es Teil für Teil auszuräumen. Sie würde sich nicht jetzt auch noch von harmlosen Märchengeschichten verrückt machen lassen. Dieser Schuppen barg nichts als Gerümpel, und das würde sie sich beweisen. Simple Gartenwerkzeuge. Kahler Holzfußboden. Sie klopfte jede Diele ab, rüttelte an den Bohlen der Wände. Nirgends löste sich etwas, wackelte in der Verankerung. Das Dach, gegen das sie fast mit dem Kopf stieß, gab ebenfalls kein Geheimnis preis. »Siehst du«, murmelte sie, »nur eine harmlose Erinnerung an Granny.«
   Nach einer Weile spürte sie die Kälte, die sich nicht mehr ignorieren ließ. Sie brauchte sich nur Catalinas vorwurfsvollen Gesichtsausdruck vorzustellen, da fuhr Hitze in ihre Glieder. Hastig stellte Nevaeh die Gartengeräte wieder in den Schuppen, nur den Motorschlitten nicht. Er machte einen gepflegten Eindruck und sie nahm sich vor, den Verwalter anzurufen und sich zu erkundigen, ob der Schlitten einsatzbereit wäre und wo sie den Schlüssel fände. Angetrieben von der Faszination, einen Ausflug mit dem Ski-doo zu unternehmen, beeilte sie sich, ins Haus zurückzukehren. Garantiert war das Teewasser bereits so eisig wie ihre Finger.
   Seven horses ate pudding especially ravenous …

Kapitel 10
Los Angeles – Kalifornien

Noah wich einen Schritt zurück, als die Tür vor ihm abrupt aufgerissen wurde. Eine leicht mollige Frau mit glänzend schwarzem Haar öffnete und warf einen Schwall spanischer Worte über die Schulter. Er verstand sie nicht, aber es war klar, dass sie eine Horde Kleinkinder zu bändigen versuchte, die ihr im Rücken am Rockzipfel hingen. Der Dunst frisch gekochter Möhren drang in seine Nase. Es roch lecker und sein Magen regte sich, doch er wollte keine Zeit damit verschwenden, auch nur an Essen zu denken.
   »Entschuldigen Sie, Ma’am. Ich suche José Santos. Bin ich hier richtig?«
   »Er ist im Garten.« Die etwas kurz geratene Hispanoamerikanerin sprach in akzentuiertem Englisch und ihre Stimme klang glockenhell. Sie gestikulierte in Richtung einer Rhododendronhecke und fasste rechts und links je zwei pummelige Händchen, die sich ihr entgegenstreckten. »Sie entschuldigen mich?« Schon schloss sie die Fliegengittertür.
   Noah brachte nicht einmal mehr ein »Danke« hervor, da war sie bereits verschwunden. Mit einem Schulterzucken wandte er sich der Hecke zu. Bei genauem Hinsehen erkannte er, dass sie einen fast völlig zugewachsenen Durchgang barg.
   Er zwängte sich hindurch und hatte anschließend Mühe, einen Käfer aus seinem Hemdkragen zu entfernen. Dafür erntete er das schadenfrohe Grinsen eines vielleicht siebenjährigen Jungen mit einer breiten Zahnlücke, der auf einer Schaukel saß. Im Schatten stand ein hochgewachsener Mann, mit der Stirn gegen den Ast gelehnt, an dem die Schaukelseile baumelten.
   »Mr. Santos?«
   Der Bursche nickte. »Daddy?« Er zupfte José an der Jeanshose und plötzlich fuhr ein Stoß durch Santos, als erwachte er aus einer Trance. »Dad ist weit fort, in Chile, wissen Sie?« Der Kleine sprang auf und rannte davon.
   »Mr. Santos, darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«
   »Wer sind Sie und was wollen Sie?«
   Noah verübelte seinem Gegenüber die Schroffheit nicht. »Mein Name ist Noah Morrison. Ich bin Joshua Morrisons Sohn, Nevaehs Bruder.« Es war ihm unangenehm, dass er Vater und Schwester als Visitenkarte benutzen musste, aber sein Anliegen und sein Motiv waren zu wichtig, um Scheu zu zeigen oder Zurückhaltung zu üben. Seine Worte wirkten zudem Wunder.
   Santos’ schwarze Augen blitzten für einen Moment auf, dann trübte sich sein Blick wieder. »Kommen Sie.« Der Wissenschaftler drehte sich um und ging in den Garten hinein, der sich weitläufig in zwei Richtungen erstreckte.
   Noah beeilte sich, aufzuschließen und lief still neben Santos her.
   »Mein Beileid.«
   »Danke.« Er spürte, dass Santos noch nicht bereit war, Rede und Antwort zu stehen. Nur das Gezwitscher zahlreicher Vögel unterbrach das erneute Schweigen, bis sie am Ende der grünen Lunge inmitten Glassell Park in L. A.’s Northeast ankamen und nahe einer riesigen Eiche verweilten. José setzte sich auf eine kanariengelb gestrichene Holzbank und winkte ihn heran.
   Noah hielt es nicht länger aus. »José, was ist vorgefallen?«
   »Ich weiß es nicht. Ich grüble, seit das Militär im Camp aufgetaucht ist.«
   »Gab es Probleme mit Genehmigungen? Wurden irgendwelche Auflagen nicht erfüllt?«
   »Soweit ich informiert bin, war alles in Ordnung. Das Überfallkommando kam aus heiterem Himmel.« Santos knetete sein Kinn. »Niemand kann sich einen Reim auf die Geschichte machen. Und Joshua … Mika. Pit. Ich bin so … so …« Er brach ab und stürzte das Gesicht in die Hände. Als er aufsah, funkelten seine Pupillen. »Wütend!«
   Noah nickte.
   »Meine Familie denkt, ich hätte mich innerlich zurückgezogen, um mit meiner Trauer fertig zu werden.« Er legte den Kopf in den Nacken und starrte in die Luft. »In Wahrheit schaffe ich es kaum, meine Wut unter Kontrolle zu halten. Ich möchte am liebsten nach Chile zurückfliegen und diesen Militärfuzzis der Reihe nach den Arsch bis zur Halskrause aufreißen, bis ich herausgefunden habe, was passiert ist.«
   Noah zuckte zusammen. Eine derart heftige Reaktion hatte er nicht erwartet. Ihm war klar, dass José mitgenommen sein musste, doch dies mutete nach persönlicher Bestürzung an. »Was bedrückt Sie, José?«
   »Mika war der Verlobte meiner kleinen Schwester. Sie wollten nach Ende der Expedition heiraten.«
   »Das tut mir leid.«
   »Sie ist schwanger.«
   »O Gott.« Noah ballte die Fäuste, dass die Fingerknöchel hervorstachen.
   »Sie bekommt nicht einmal Witwenrente. Eine Hispana mit einem unehelichen Kind von einem Weißen … sie wird von unserer Gesellschaft geächtet werden. Kein anständiger Hispano wird sie mehr zur Frau nehmen. Ich werde für sie und das Baby sorgen müssen.«
   »Werden Sie das hinkriegen?«
   »Das ist das Problem. Ich habe ein anspruchsvolles Weib und fünf Rabauken. Wir haben erst vor einem Jahr dieses Haus gekauft … und der Lohn bleibt nun aus. Offen gesagt bin ich am Verzweifeln. Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll.« Die Schultern des Mannes fielen nach vorn, sein Rücken krümmte sich.
   Er erinnerte Noah für einen Moment an ein Soufflé, das aus dem heißen Ofen genommen in sich zusammenfällt. Trauer und Mitleid durchfluteten ihn. Es war ihm bewusst gewesen, dass durch den Tod der Wissenschaftler Kummer über zwei weitere Familien hereingebrochen war. Dass die Auswirkungen solche Kreise zogen und noch mehr Menschen mit derart harten Folgen kämpfen ließ, überstieg seine Befürchtungen.
   »Da war etwas.«
   Noah horchte auf.
   »Die Sache mit dem Militär. Irgendetwas war nicht koscher. Das Überfallkommando auf das Camp und die blitzartige Abschiebung.«
   »Was kam Ihnen daran merkwürdig vor?«
   »Dieser Coronel. Varela. Sein Ausdruck. Er schien mir zu persönlich involviert, als dass er den neutralen Eindruck eines Staatsdieners in offiziellem Auftrag erweckte. Ich habe ihn nur zweimal gesehen. Als er das Lager räumen ließ und dann wieder am Flughafen. Ich fand es bereits ungewöhnlich, dass man uns so schnell abschob. Dazu mit einer Linienflugmaschine. Ich dachte, dass die Armee eigene Flugzeuge einsetzt.«
   »Vielleicht. Das muss allerdings nichts bedeuten.«
   »Ich weiß. Aber wäre es auch normal, dass ein Coronel das Flugpersonal besticht?«
   »Wie kommen Sie darauf?« Noah forschte in Santos’ Blick und dieser hielt seinem zum ersten Mal stand, als hätte Noah dem Wissenschaftler geholfen, neuen Mut zu finden.
   »Ich habe Varela beobachtet, wie er einer Stewardess einen dicken Umschlag in die Hand gedrückt hat. Meiner Meinung nach enthielt er Geld. Eine Menge sogar.«
   »Oh.« Noahs Gedanken rasten. Möglicherweise hatte Santos mit seiner Vermutung recht. Korruption war in Chile kaum außergewöhnlich. Was, wenn gar nicht die Regierung hinter all dem steckte, sondern jemand, der die Macht hatte, hohe Stellen zu beeinflussen – das ergäbe einen ganz anderen Blickwinkel. »Fuck!«
   Santos heiseres Auflachen brachte Noah zu Bewusstsein, dass er laut geflucht hatte. »Entschuldigung.«
   »Don’t worry. Wir sollten einen Kanon draus machen und ihn lauthals in die Welt brüllen.«
   José schob die Finger unter die Bank und zog einen Flachmann hervor. Als er ihn öffnete, schlug Noah der Geruch billigen Fusels entgegen. Sein Gesprächspartner nahm einen tiefen Zug und bot ihm die Schnapsflasche an, aber er lehnte dankend ab.
   Immer mehr verdichtete sich ein zwanghafter Plan. Er musste in diese verfluchte Wüste, um herauszufinden, was wirklich passiert war. Das war er Dad schuldig. »José …« Noah fuhr sich durch die Haare, suchte nach Worten, damit seine Idee nicht zu überfallartig klang. »Würden Sie die Flugbegleiterin wiedererkennen?«
   »Ich denke ja.« Santos trank einen weiteren Schluck. »Warum?«
   »Sagten Sie nicht gerade, Sie hätten Lust, den Kerlen den Arsch aufzureißen?«
   »Yeah!«
   »Dann lassen Sie uns keine Zeit verlieren und es gemeinsam tun.« Jetzt war es raus. Noah hielt den Atem an, gespannt, wie der labil wirkende Mann reagierte.
   José Santos schleuderte die Flasche von sich und sprang auf. »Worauf warten wir? Glauben Sie, man kann die Säcke verklagen und eine Entschädigung rausschlagen?«
   Noah zuckte die Schultern. »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich fürchte jedoch, dass das schwierig wird.«
   »Ich werde der Sache auf den Zahn fühlen. Wenn ich den Beweis ranschaffe, dass Mikas Tod nicht mit einem Verbrechen zusammenhängt, an dem er beteiligt war, zahlt möglicherweise die Lebensversicherung doch.«
   Plötzlich konnte es Noah nicht schnell genug gehen.
   »Ich werde mal meine bessere Hälfte informieren.« Santos bückte sich, hob die Glasflasche auf und marschierte davon.
   Ja, fügte Noah in Gedanken hinzu. Und ich meinen Lebenspartner. Das bedeutete eine endlose Diskussion. Er hörte schon Jaydens Argumente, ihn von der Reise abzuhalten, triefend vor Eifersucht.

Kapitel 11
Ranua – Finnland

Obwohl sie wusste, welch bitteren Geschmack ihr der Ausflug bereiten würde, entschloss sich Nevaeh, mit dem Ski-doo ans Ufer des Ranuajärvi-Sees zu fahren. Sie hätte den Ort auch gar nicht meiden können, das Zentrum des Dörfchens schmiegte sich an das Gewässer wie ein Baby an die Brust seiner Mutter. Ein dick vermummter Jogger und ein Hund kamen ihr entgegen. Ein hüpfender Teddybär … kein Vergleich zu ihrem Athleten in der Wüste. Allein der Gedanke an Chile schmerzte und sie verdrängte ihn, während sie einen weiten Schlenker um den Hund machte.
   Einer Eingebung folgend fand Nevaeh wie von selbst die Stelle, an der Jannik auf das Eis gelaufen war. Sie stoppte den Motorschlitten, blieb aber sitzen. Für eine Weile betrachtete sie die zugefrorene Wasseroberfläche, die sich als solche unter der Schneedecke nicht zu erkennen gab, ließe nicht die Uferböschung die Umrisse vermuten. Es war ihr ein Rätsel, warum der kleine Junge allein hier gewesen war, ebenso wie die Frage, ob der Mann, den sie in ihren Albträumen gesehen hatte, nicht aufgepasst hatte oder ob er erst später hinzugekommen war.
   Ihr Blick glitt gedankenverloren über eine Baumgruppe. Etwas Farbiges stach am Fuße einer zugeschneiten Birke aus dem weißen Teppich hervor. Sie fuhr näher heran und prompt schossen ihr Tränen in die Augen. Ein einfaches Holzkreuz lehnte sich an die Baumrinde, davor lag ein Sträußchen Vergissmeinnicht mit violett-blauen Blüten, auf denen Eiskristalle glitzerten. Es war nicht notwendig, dass sie die geschnitzte Inschrift auf dem verwitterten Holz zu entziffern versuchte, ihr war klar, wessen Name dort stand. So lange Zeit in ihr verdrängt, bedeutete Jannik nach wie vor jemand anderem eine Menge, ließ den Schmerz im Angedenken weiterleben. Die Tränenspuren auf ihren Wangen gefroren, die Pein zog sich bis in ihr Herz und krampfte es zusammen. Sie wusste erschreckend wenig von Janniks Familie, ihr fiel nicht einmal sein Nachname ein. Er war ein Nachbarsjunge, mit dem sie das zweite Jahr bei ihren Besuchen gespielt hatte. Die Rückblende zeigte sich so unscharf, dass sich Details verschlossen. Gott, sie war damals fast ein Baby. Na ja, ein Kleinkind.
   Eines, das Schuld trug am Tod eines Menschen.
   Wegen ihrer verdammten Gabe.
   Ein weiteres Mal hatte sie Unheil gebracht, als Mom starb. Von da an hatte sich Nevaeh das Träumen untersagt. Sie war kaum eingeschult worden, als sie lernte, dass sie es nie mehr durfte. Nicht nur, was passiert war, stärkte sie in dieser Gewissheit. Ein Gespräch zwischen Dad und Grandma hatte die Fakten untermauert. Nie wieder, unter keinen Umständen, hatte sie das Abgleiten ihres Bewusstseins zugelassen, weder bei Tag noch bei Nacht. Bis auf ein Mal, das sie nicht hatte verhindern können. Und damit belog sie sich selbst, denn es brachte das gläserne Gerüst ihres »Niemals« zum Einsturz.
   Als sie an der UCLA studierte, hatte sich das letzte Traumerlebnis in ihr Gedächtnis gebrannt und den Grund geliefert, warum sie Noah fortan aus dem Weg ging, wollte sie nicht seinen Tod verantworten. Er hatte nicht auf sie hören wollen, hatte sie stur und besserwisserisch genannt. Ihr blieb nichts, als ihn ruppig zurückzustoßen und ihn seiner verwirrten Verzweiflung zu überlassen.
   Seven horses ate pudding especially ravenous.
   Jäh überkam sie die Erkenntnis. Seven: S, Horses: H, Ate: A, Pudding: P, Especially: E, Ravenous: R. SHAPER! Dream Shaper. So hatten Dad und Granny sie bezeichnet. Darauf hatte die Eselsbrücke sie bringen sollen.
   »Sie ist ein Dream Shaper«, hörte sie den sanften Tonfall ihres Vaters und den brüchigen ihrer Großmutter: »Ich weiß. Was mir und meiner Tochter erspart geblieben ist, wird Nevaeh zu tragen haben. Die Last, die zuletzt meine Mutter peinigte.«
   »Nomy hat mir davon berichtet, dass deine Mutter nicht die Einzige war, die darunter litt. Meine Frau hat oft erzählt, wie sehr es auch dich gequält hat.«
   »Du weißt, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die nicht mit normalem Menschenverstand erklärbar sind.«
   »Ja.«
   »Ich würde es als Aberglaube abtun, als Fluch oder genetische Veranlagung, die Mitglieder unserer Familie von Verschrobenheit in den Irrsinn abgleiten lässt, existierte da nicht der Mann meiner Nichte, ein …«
   »Sprich es ruhig aus. Ein Vampir.«
   »Dafür halten sie ihn alle.«
   »Ich weiß. Aber in modernen Zeiten glaubt man nicht mehr an so etwas.«
   »Ich beschwöre dich, Joshua. Verfall nicht gleichfalls dieser Denkweise! Denk an Nevaeh. Sie ist kein normales kleines Mädchen, auch wenn Nomy das nicht wahrhaben will. Nevaeh kann mit ihren Traumvorstellungen Seelen prägen. Außerdem ist sie eine Seherin, kann Vergangenheit und Zukunft erblicken. Wenn kein Wunder geschieht, wird sie daran zerbrechen, wie alle anderen vor ihr. Und dann ist da noch die Legende, die sagt …«
   »Ja, ich weiß. Aber auch darum gebe ich nichts. Ich suche lieber Fakten und will nicht, dass Nevaeh davon jemals etwas zu Ohren kommt, auch nicht, wenn sie älter ist.«
   Nevaeh zitterte. Der Name ihrer Mom zauberte ihr Konterfei so klar und deutlich vor ihr inneres Auge, dass sie meinte, die Uhr wäre zurückgedreht und die Vergangenheit zu neuem Leben erweckt worden. Wie glücklich und heil ihre Welt damals noch war. Sie schwebte, unendlich leicht und frei. Doch dann verblasste die Unterhaltung und hinterließ infernalischen Schmerz. Beinahe vergessen war das Geschwätz über Vampire. Eine Albernheit im Vergleich zu dem Monster, das sie darstellte. Sie trug Schuld am Tod zweier Menschen. Mom und Jannik. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, einfach Gas zu geben. Auf den zugefrorenen See hinauszuschießen, um irgendwo einzubrechen. Sie hatte den Tod verdient. Sie war eine Gefahr, eine wandelnde Zeitbombe. Finge sie erst zu ticken an, wäre vielleicht alles zu spät. Sobald die Träume erneut einsetzten. Sobald sich die Schublade öffnete.
   »Nevaeh?«
   Die Stimme in ihrem Rücken erschreckte sie bis in die Knochen. Sie schnellte herum und traute ihren Sinnen nicht. Das Blut sackte in ihre Beine, sie schaffte es kaum, den Mund aufzubekommen. Nach mehrmaligem Schlucken gelang ihr eine Reaktion und sie fand ihre Sprache wieder. »O Gott. Jayden. Was machst du denn hier?«
   Ihr Gegenüber zog die Augenbrauen zusammen. Unverständnis lag in seinem Blick. Nur einen Wimpernschlag darauf wandelte sich sein Ausdruck, und Wärme trat in seine graublau schimmernden Iriden. Er hatte sich nur unwesentlich verändert. Sein mittelblondes Haar stieß verwegen wie vor zehn Jahren in jede Himmelsrichtung. Sein schlanker Körper wirkte trainiert und sehnig wie der des Studenten, dessen Bild ihr vorschwebte. Nur ein paar Falten in seinem Gesicht legten Zeugnis ab, dass die Zeit nicht stehen geblieben war.
   »Es ist lange her.«
   Nevaeh peitschte eine einzige Eingebung: Flucht. Fort von diesem Mann, vor dem Unheil, das er ankündigte. Was zur Hölle sollte das? Er musste ihre Spur von L. A. verfolgt haben. Warum, warum, warum?, hämmerte es in ihrem Kopf. Panisch ließ sie den Motorschlitten an und gab Gas. Wenn Jayden auftauchte, war auch Noah nicht fern. Bestimmt hatte ihr Bruder seinen Geliebten vorgesandt, um Kontakt aufzunehmen. Himmel, nein. Das durfte nicht passieren. Schon gar nicht jetzt, da die Erinnerung ihr mit erschreckender Bedrohlichkeit die Gefahr ihrer Gabe zu Bewusstsein rief, Narben aufriss und eingedämmt geglaubte Risiken mit brachialer Gewalt ins Dasein zurückrief.
   »Nevaeh!«, schallte Jaydens Ruf hinter ihr her.
   Sie ignorierte die Verwunderung, die in der Stimme ihres ehemaligen Freundes lag. Er war seit Langem ein Feind geworden. Und nur, solange sie sich fernhielt, war Noah in Sicherheit. Sie wusste nicht genau, wie ihre Gabe funktionierte, ob und wie sie vielleicht lenkbar sein könnte. Die Furcht, Noah mit seinem Tod zu stempeln, war zu groß, als dass sie das Risiko eingehen konnte, ihm zu begegnen.
   Nevaeh registrierte kaum, dass sie am Haus ihrer Großmutter ankam. Sie parkte neben dem Leihwagen. Offenbar war der Verwalter da gewesen, denn der Neuschnee war beiseitegeschaufelt, hatte die aufgetürmten Schneeberge anwachsen lassen. Nevaeh schlich in das Haus und verschanzte sich in ihrem Schlafzimmer. Sie ahnte, dass ihre Ex-Nanny vor der Zimmertür stand und grübelte, ob sie anklopfen sollte. Catalina kannte ihre Ausbrüche, störte man Nevaeh in einer Stimmung wie gerade und hatte ein verdammt gutes Gespür, niemals einen Schritt zu weit zu gehen. Dafür dankte sie der alten Lady.
   Drei Stunden später klopfte es dennoch. Nevaeh überlegte, sich schlafend zu stellen, da raunte Catalina: »Liebes, öffne die Tür. Unten wartet Besuch und ich glaube, du solltest dir anhören, was er mitzuteilen hat.«
   Die Neugierde trieb Nevaeh an. Sie öffnete einen Spaltbreit. »Was will er und wer ist es?«
   »Jayden Caball.«
   Nevaeh schnappte nach Luft. Wie konnte Catalina bloß … »Schick ihn weg. Sofort.«
   Das Gesicht der Frau legte sich in betrübliche Falten. Augenblicklich tat es Nevaeh leid, solch einen harschen Ton angeschlagen zu haben, doch sie brachte die Fähigkeit nicht auf, sich zu beherrschen. Ihr Innerstes gefror zu einem Eisklumpen, wenn sie an die Folgen eines Zusammentreffens mit Noah dachte. »Wir reisen ab. Pack die Taschen, wir fahren in ein paar Minuten. Was wir nicht brauchen, bleibt hier.«
   »Aber …«
   »Bitte keine Diskussion, Catalina. Tu, was ich dir sage. Sag ihm, er soll verschwinden. Es ist mein Ernst.«
   Catalina wandte sich um und ging. Dem bestimmenden Tonfall hatte sie nichts entgegenzusetzen.

Kapitel 12
Los Angeles – Kalifornien

»Jayden Caball.« Er bellte seinen Namen in den Telefonhörer. Warum musste man ihn ausgerechnet jetzt stören? Er hatte nachzudenken. Die Geschehnisse begannen, aus dem Ruder zu laufen. Wie oft hatte er sich Pläne zurechtgelegt, um im rechten Moment zuzuschlagen. Wenig von dem, was er sich jemals ausgemalt hatte, passte nunmehr. Er verabscheute es, wenn sich die dämliche Weisheit Erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt bewahrheitete. Wenigstens beherrschte er die Gabe, sich ohne Mühe innerhalb kürzester Zeit auf alles einzustellen. Er würde dafür sorgen müssen, dass nichts schieflief und den geeigneten Moment zum Zugriff finden. Endlich sah er sich so nah am Ziel, die Belohnung bereits auf seinem Kontostand in greifbare Nähe rücken. Fünfzig Millionen Dollar.
   »Mr. Caball, hier spricht Preston Fields. Ich habe einen Auftrag.«
   »Entschuldigen Sie, Mr. Fields, man muss Sie falsch verbunden haben.«
   »Ganz und gar nicht, Caball. Ich habe Ihre Durchwahl.«
   Jaydens Pulsschlag verlangsamte sich, wie immer, wenn er sich zur Ruhe nötigte. Mit leidenschaftlicher Passion hatte er die Fähigkeit entwickelt, sich hinter stoischer Gelassenheit zu verbergen, die ihn wie einen kultivierten, nachdenklichen Gesprächspartner wirken ließ, während in seinem Geist der Aufruhr tobte. Es war unmöglich, dass jemand seine Durchwahlnummer kannte, der nicht mit der Agency in engster Verbindung stand. Preston Fields sagte ihm überhaupt nichts.
   »Kein Interesse.« Die Hand mit dem Telefonhörer lag fast auf dem Apparat, als der Klang eines besonderen Wortes aus dem Hörer ihn zum Innehalten brachte. Hatte er richtig gehört?
   »Sie sind noch dran, Caball?«
   »Was wollen Sie?«
   »Ein Treffen. Es wird Ihnen äußerst leidtun, sofern Sie sich nicht darauf einlassen. Nevaeh Morrison …«
   Okay, das genügte. Der Mann hatte seine Eintrittskarte gewonnen. »Wann und wo?« Er musste ihn schnell loswerden, alle Telefonate der Agenten wurden sporadisch mitgeschnitten. Er hoffte, dass das nicht ausgerechnet bei diesem Gespräch der Fall war.
   »In einer Stunde. Pupuseria Jiquilisco No. 2, 7. Straße.«
   Ehe Jayden zu einer Erwiderung ansetzte, legte Fields auf.
   Sich das Kinn reibend warf er einen Blick auf die Uhr neben dem vergitterten Fenster seines winzigen Büros. Die Zeit war knapp, um in der gesetzten Frist bis zur 7th. Street zu gelangen, aber wenn er die Metro nahm, sollte es klappen.

Der Treffpunkt entpuppte sich als heruntergekommene Imbissbude in einem Gebäude, das eher einer Lagerhalle glich als einem Restaurant, wie Jayden erwartet hatte. Normalerweise luden ihn sogar die billigsten Ganoven in halbwegs feudale Schuppen ein. Zumindest, seit er vor etwas mehr als einem Jahr noch dem letzten Dummen seine Beißerchen gezeigt hatte und es in der Szene ein offenes Geheimnis war, dass er nun einer von ihnen war, jedoch gewillt und fähig, über Leichen zu gehen.
   Den einzigen Grund, warum dieser Sack Preston Fields es geschafft hatte, ihn hierherzulocken, gab Nevaehs Erwähnung. Er zog ein Taschentuch aus der Jacketttasche und wickelte es sich um die Hand. Es ekelte ihn an, die verschmierte Glasscheibe der Eingangstür zur Pupuseria Jiquilisco anzufassen.
   Ein Schwarzer trottete mit einem Gettoblaster auf der Schulter an ihm vorüber und der Gesichtsausdruck des Halbstarken, der den Mund vor Staunen nicht zubekam, veranlasste Jayden, sich blitzschnell umzudrehen. Scheinwerfer blendeten ihn für einen Wimpernschlag. Nahezu geräuschlos glitt eine schwarzmetallicfarbene Stretchlimousine neben ihm an den Straßenrand und stoppte. Die Hecktür schwang auf, eine dumpfe Stimme aus dem Inneren rief seinen Namen.
   Verdammt, das passte ihm nicht. Sich in der Öffentlichkeit mit einem Unbekannten zu treffen, war eine Sache, in einen Wagen zu steigen, eine wesentlich gefährlichere, selbst wenn die Karre in dieser Gegend ein Aufsehen erregte, als führe Barack Obama persönlich vor. Genau das war der Haken. Er konnte keine Aufmerksamkeit gebrauchen. Ein dusseliger Reporter in der Nähe, und ruck zuck würde möglicherweise ein Bild die Zeitungen zieren mit einem Untertitel, der ihm nicht behagte. »Geheime Zusammenkunft der Drogenbosse aufgedeckt« oder »Frischer Star am Himmel Hollywoods?«
   Er litt ein wenig an Paranoia, das war ihm bewusst. Seine vormals sorglose Vorgehensweise hatte ihn vor einem Jahr sein normales Leben gekostet, sodass er seither mit geradezu übertriebener Vorsicht agierte und nicht im Traum daran dachte, sein lieb gewonnenes neues Dasein zu gefährden.
   Seine Waffen griffbereit an verschiedenen Körperstellen versteckt, ging er das Wagnis ein und schob sich in die Limousine. Es erschien ihm das kleinere Übel, denn auf dem Bürgersteig starrte ihn mittlerweile eine Gruppe von mindestens sechs, sieben Jugendlichen an, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, um den Chrysler zu begaffen.
   Seine Augen gewöhnten sich sofort an das Halbdunkel. Dennoch erfasste er die Gestalt, die einige Fuß von ihm entfernt im vorderen Bereich des Fahrzeugs in schwarzem Nappaleder versank, nur schemenhaft.
   »Nehmen Sie Platz, Caball.«
   Er erkannte die Telefonstimme wieder. »Mr. Fields. Warum der Aufwand, mich herzubestellen? Wir hätten leicht ein gefälligeres Plätzchen unter geringeren Umständen für das Zusammentreffen finden können.«
   »Drücken wir es so aus: Es lag auf meinem Weg.« Fields knurrte.
   Anhand der Stimmlage vernahm Jayden mit einem Schaudern, dass er seinesgleichen vor sich hatte. Nur ein Vampir war in der Lage, ein solch tiefes Geräusch aus der Kehle rollen zu lassen. Das menschliche Ohr hörte es nicht.
   »Besser, wir setzen unser Gespräch erst am Zielort fort.« Fields Tonfall glich dem Geschmack feuriger Chilis.
   »Abgelehnt!« Jayden schmetterte Fields das Wort entgegen. »Ich ziehe vor, es auf die harte und schnelle Tour abzuhaken. Was wollen Sie von mir?«
   »Nevaeh Morrison.«
   »Fehlanzeige. Sie gehört mir.«
   »Ich weiß, dass Sie seit zehn Jahren auf den richtigen Augenblick warten.«
   Scheiße, er hatte sein Geheimnis nie jemandem anvertraut. Jaydens Gedanken rasten.
   Fields sprach bereits weiter. »Ich bin über alles informiert, Caball. Und wenn ich alles sage, meine ich auch alles. Möchten Sie Details?«
   Jayden antwortete nicht. Diese Witzfigur bluffte.
   »Fangen wir also bei ihrem kleinen Betrug mit dem Kriminalistikstudium an, ja?«
   Der Mund blieb Jayden offen stehen.
   »Soll ich fortfahren?«
   »Nein.« Er presste die Antwort zwischen den Zähnen hindurch.
   »Dann genießen Sie die Fahrt, Mr. Caball.«

Kapitel 13
Ranua – Finnland

»Jayden Caball.” Nevaehs Stimme überschlug sich beinahe. »Wie konntest du ihn ins Haus lassen? Du weißt genau, dass ich weder Noah noch ihn sehen will. Und was macht der Kerl überhaupt in Ranua?« Sie riss das Steuer herum, das Heck brach aus und der Wagen schlitterte auf der schneebedeckten Straße um die Kurve. Nevaeh zwang sich, den verkrampften Fuß auf dem Gaspedal zu lockern und vorsichtiger zu fahren.
   »Hör mich nur einen Mo…«
   »Ach, verdammt! Ich mag nichts hören. All mein Kummer, meine Sorgen. Nur seinetwegen. Das brauche ich dir nicht zu erzählen. Ich kann deine Uneinsichtigkeit nicht nachvollziehen. So etwas Unvernünftiges. Unglaublich!« Ihr Blick flog zum Rückspiegel, panisch auf der Suche nach Scheinwerfern, die sie verfolgten, anzeigten, dass der Wahnsinnige ihr auf den Fersen war. Einmal mehr war sie dankbar, dass ihre Nanny schwieg. Ihre Ergüsse waren häufig bereits schwer zu ertragen, wenn Nevaeh heiterer Stimmung war. In einer Situation wie dieser hätte es sie überfordert und aller Wahrscheinlichkeit nach dazu geführt, dass ihr vollends der Kragen platzte.
   Während der Fahrt zum Flughafen sprach Catalina kein weiteres Wort und Nevaehs Gewissen rührte sich. Sie hatte sie zu grob angefasst, bedauerte mit einem Mal, wie sie die treue Seele angefahren hatte. Das verdiente sie nicht.
   Auf dem Parkplatz der Autovermietung drehte sie sich ihrer Begleiterin zu und ergriff ihre Finger. Trotz der Wärme im Fahrzeug fühlten sie sich eiskalt und steif an. Du liebe Güte, ihre abscheuliche Verhaltensweise schien Catalina gehörig an die Nieren gegangen sein. Das hatte sie wirklich nicht gewollt. »Catalina, es tut mir aufrichtig leid. Es lag nicht in meiner Absicht, dich zu verletzen. Ich wollte nicht aufbrausend und ungerecht sein. Verzeih mir. Versuch doch, mich zu verstehen.«
   Catalina drückte ihre Hand und zog diese an ihre Lippen. »Cariño mio.« Ihr warmherziger Ausdruck traf Nevaeh mitten ins Herz. »Willst du mir jetzt wenigstens einen Augenblick zuhören?« Der Ausdruck ihrer schwarzen Augen hatte etwas von einem Hundeblick. Getreu und ergeben, flehend, um Aufmerksamkeit bettelnd.
   Nur ein harter Panzer versetzte einen in die Lage, unnachgiebig zu bleiben. Nevaeh musste es dennoch schaffen, ihr blieb keine Wahl. Sie wusste, worauf Catalina hinauswollte. Sie würde sie beknien, sich ihre Entscheidung noch einmal zu überlegen. Umzukehren nach Ranua, um das Gespräch mit Jayden zu suchen. Das war ein Ding der Unmöglichkeit. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, ihre nächsten Handlungen sorgfältiger zu überdenken, sah sie sich erneut in der Zwangslage, schnell und dementsprechend intuitiv zu entscheiden. Sie antwortete ein wenig zu hastig, als Catalina zum Weitersprechen ansetzte. »Sei mir nicht böse, Catalina. Ich kann mich nicht mit Erklärungen aufhalten. Ich muss handeln. Ich werde Jayden Caball nicht treffen und keinesfalls mit ihm reden. Das ist es, was du sagen möchtest, nicht wahr?«
   Die alte Dame nickte. Sie wirkte müde. »Es wäre aber besser.«
   Nevaeh schüttelte den Kopf und löste den Sicherheitsgurt. Sie öffnete die Fahrertür, zog den Fahrzeugschlüssel ab.
   »¡Si quieras o no, por Dios! Escúchame bien, guapita. Jayden no es la persona que finge ser.«
   »Ich weiß das doch.« Nevaeh flüsterte heiser. »Er war nie das, wofür er sich ausgegeben hat. Und bitte, Catalina … lass uns das Thema jetzt begraben.«
   »No hay peor sordo que el que no quiere oír.« Eine dicke Träne kullerte Catalinas gerötete Wange hinab.

Die Worte ihrer Ex-Nanny tobten nachhaltig in Nevaehs Gedanken, während Catalina bereits hoch über den Wolken Richtung Kalifornien schweben musste und Nevaeh in Paris auf ihren Anschlussflug nach Chile wartete.
   »Nevaeh.«
   Gott, sie bekam fast einen Herzinfarkt.
   »Sei ganz ruhig, Kleines. Catalina hat mich angerufen und ich bin euch sofort mit dem nächsten Flugzeug gefolgt.«
   Oh, diese verdammte … Escúchame bien, guapita. Hör mir gut zu, Dummerchen.
   »Hör mir zu. Es ist wichtig. Jayden in Los Angeles ist nicht der, für den er sich ausgibt.«
   Jayden no es la persona que finge ser. Die Knochen in ihren Beinen schienen sich zu verflüssigen. Sie wollten sie weder flüchtend vor dem trainierten, athletischen Körper forttragen noch sie in der Senkrechten halten. Das Stimmengewirr der Flughafenbesucher, eine Ansage aus den Lautsprechern, die Musik aus dem Bistro wenige Schritte entfernt gerieten zu einem verschwommenen Rauschen, das sich wie Watte um ihren Kopf legte. Jayden hielt sie fest, ehe sie zusammensackte. Er führte sie zu einer Reihe von Sitzplätzen. Sie glitt nieder, unfähig, einen Satz oder nur einen Ton aus ihrer zugeschnürten Kehle zu pressen.

*

»Er ist mein Zwillingsbruder. Sein Name ist Jason.« Jayden sank neben Nevaeh auf die Bank, umfasste ihre Fäuste und spürte mit jeder Sekunde, wie das Blut daraus wich, wie eisige Kälte die feingliedrigen Finger versteifte. Heilige Maria, was musste Jason getan haben, dass sie starr vor Entsetzen und Panik reagierte. »Ich habe ihn seit zehn Jahren nicht gesehen. Er verschwand spurlos, nachdem ich aus L. A. zurückgekehrt bin. Wir hörten nie wieder von ihm.«
   Die Lebendigkeit kehrte schlagartig in Nevaeh zurück. Der Schock in ihren Augen gab erzürntem Aufruhr Platz. »Warum sollte ich dir glauben? Aalst du dich in deiner Selbstherrlichkeit? Du hast meiner Familie und mir genug angetan.«
   Jayden atmete tief durch. Er hatte diese Frau einmal geliebt. Mehr, als ihm lieb war. Mehr, als sein Vater ertragen hätte. »Ich war mindestens ebenso überrascht wie du, dass wir uns am See begegnet sind. Als du mit dem Ski-doo geflohen bist, wollte ich nach dem Rechten sehen. Catalina hat mir einiges erzählt. Ich fürchte, Noah ist in Gefahr. Und du auch.«
   Mit einem Ruck entriss sie ihm ihre Hände. »Und du verdammter Mistkerl meinst, das wäre mir nicht klar?« Sie sprang von ihrem Sitzplatz auf. »Für wie blöd hältst du mich? Du bist ein … ein … Monster! Was ziehst du hier für eine Show ab, Jayden?« Sie stolperte zwei Schritte rückwärts. Ihre Stimme überschlug sich, glitt ab in einen hysterischen Schrei. »Verschwinde aus Noahs Leben. Verschwinde aus meinem Leben.« Sie drehte sich um und rannte los.
   Jayden beeilte sich, ihr hinterherzueilen. Nie zuvor war es ihm so wichtig gewesen, etwas klarzustellen. Der Mann, der sein bisheriges Dasein bestimmt und gelenkt hatte, war tot. Seine Ehefrau war tot. Seine Mutter. Sein jüngster Bruder. Nun erfuhr er aus heiterem Himmel, dass Jason lebte. Der einzige seiner Verwandtschaft, der ihm geblieben war. Und dabei stellte sich heraus, dass da etwas ganz und gar nicht sauber war. Ein teuflischer Betrug, eine perfide Machenschaft, in dem zumindest sein Name eine erhebliche Rolle spielte. Nachdem Catalina begriffen hatte, dass sie den echten Jayden in seiner Person vor sich hatte, dauerte es nur wenige Minuten, bis er aus der Flut ihrer Worte zu erfassen begann, was vorgefallen schien. Jason, der damals nach Jaydens Rückkehr, seinem Misserfolg, dem Abbruch seines Vorhabens, wutentbrannt das Haus verlassen hatte und nie wieder zurückgekehrt war, musste umgehend nach Los Angeles geflogen und in seine Identität geschlüpft sein. Um Gottes willen, er hatte sich in Kalifornien für seine Person ausgegeben. Die Rache vollführt, für die Jayden hatte sorgen sollen.
   Jasons Feldzug war keineswegs vollendet. Er spielte irgendein höllisches Spiel. Es konnte nichts anderes sein. Sein Bruder war schon immer ein Spieler, noch dazu mit dem coolsten Pokerface, das Jayden kannte.
   Ein heftiger Stich in der Seite zwang ihn, stehen zu bleiben. Sein Augenmerk flog durch das Terminal. Nevaeh steuerte eine Rolltreppe an. Verdammt, verdammt, verdammt. Er würde sie in der Menschenmenge verlieren.
   Ein paar Meter neben ihm glitten die Türen eines Aufzugs auseinander. Blitzartig durchfuhr ihn der Gedanke, dass das vielleicht seine Chance war. Möglicherweise bekam er nur diese. Er stürmte auf die Kabine zu, drängelte sich rücksichtslos an hinein- und herausströmenden Menschen vorbei und drückte nacheinander auf den Etagenknopf und den zum Schließen der Fahrstuhltüren. Er ignorierte die teils wüsten Beschimpfungen, die auf ihn niederprasselten. Der Lift brauchte viel zu lange, um in die nächste Etage zu fahren. Seine Ungeduld brachte Jayden schier zum Platzen, bis die Aufzugkabine abbremste. Er zwängte sich hinaus, kaum, dass sich die Schiebetüren bewegten, und wirbelte um seine Achse. Wippendes kastanienbraunes Haar. Jayden preschte voran, bemerkte seinen Irrtum, stolperte gegen einen Koffer und fing sich im letzten Moment ab. In seiner Verzweiflung rief er Nevaehs Namen in die Menge. Die einzigen Reaktionen waren verwunderte Blicke und indigniertes Kopfschütteln. Jayden rannte auf die Fensterfront zu. Hinter den Scheiben einer nahen Gangway erblickte er sie.
   »Mist!« Das Handy lag bereits an seinem Ohr.
   Nur die weitreichenden Beziehungen seines Chefs bewirkten, dass er es schaffte, die komplizierte Verbindung nach Chile buchstäblich als Last-Second am Schalter der Airline zu buchen. Paris, Buenos Aires, Santiago und anschließend nach Calama. Nun war die Angelegenheit ein offizieller Fall und er als Ermittler eingesetzt, obwohl seinem Vorgesetzten das zunächst nicht geschmeckt hatte. Persönliche Betroffenheit und Befangenheit hatten bei einer Verfolgung nichts zu suchen, wem erzählte Niilo Korhonen das. Nachdem sie jedoch keine Zeit hatten, zu diskutieren, akzeptierte der Teamleiter zwangsläufig. Die Akte Jannik Caball trat aus dem verstaubten Hintergrund. Wenngleich er das als willkommene Gelegenheit ausgenutzt hatte, förmlich an Nevaeh kleben zu bleiben, lag es ihm fern, ihr ein Verschulden anzulasten, das sowieso ohne rechtliche Konsequenzen bliebe – aber dennoch nicht folgenlos.
   Er wusste, was sie war. Ein Dream Shaper.
   Seine Frau Jenna hatte ebenfalls diese außergewöhnliche Gabe besessen, die sie ins Verhängnis stürzte, trotz des Beistandes, den man ihnen seitens seines Arbeitgebers, dem Department for Paranormal Activities, zukommen ließ. Nur wenige bekamen es hin, mit den Fähigkeiten umzugehen, wenn sie diese erst einmal zuließen. Er fürchtete, dass Nevaehs Reaktionen Anzeichen des Wahns darstellten, der die Gescheiterten erfasste. Sie brauchte Hilfe.
   Wärme durchfloss ihn, die er unwillig abstreifte. Er durfte sie vor zehn Jahren nicht lieben. Jetzt, so kurz nach den Toden von Jenna und seinem Vater, war der Zeitpunkt nicht sonderlich geeignet, neuen Gefühlen Raum zu geben. Er wollte das auch nicht. Er hatte nur noch sich und seinen Job als Lebensinhalt. Doch vielleicht würde er ein Stück Familie wiederfinden. Seinen verloren geglaubten Bruder. Und möglicherweise half er der einst geliebten Frau, nicht das gleiche Schicksal zu erleiden wie Jenna. Sein Herz krampfte sich zusammen, brachte ihm zu Bewusstsein, wie tief seine Gefühle für Nevaeh nach wie vor wurzelten.
   »Dream Shaper«, kam es leise über seine Lippen, als er sich auf den Sitzplatz neben seiner Verflossenen schob. Ihr eisiger Schreck strahlte ihm bis ins Mark. »Bitte, Kleines, lass uns reden.«
   So hatte er sie stets genannt. Er war fast fertig gewesen mit seinem Studium, als Dad ihm erzählte, was der wahre Grund für den Zusammenbruch der Caballs war. Dream Shaper. Seine Mutter hatte den Tod ihres Nesthäkchens nicht verwunden, sie starb bald nach Janniks Unfall an ihrem Kummer. Dad hatte es einen unbezahlbaren Preis gekostet. Er hatte mit dem Eispickel versucht, seinen Sohn zu retten. Als es ihm endlich gelang, das Eis zu durchbrechen, fischte er über eine Stunde in dem Eisloch herum, aber natürlich war Jannik längst untergegangen. Dads Hände konnten trotz aufwendiger medizinischer Maßnahmen nicht erhalten werden. Man amputierte sie ihm wenige Tage nach dem Begräbnis. Nach Moms Tod geriet er zu einem verbitterten Tyrannen.
   Jason und er, knapp acht Jahre älter als der damals vierjährige Jannik, ersetzten seine fehlenden Gliedmaßen. Sie sammelten Holz in den Wäldern, lernten, mit der Axt umzugehen. Sie fuhren bereits mit dreizehn Vaters Truck, besorgten die Einkäufe und sonstige Erledigungen im Dorf und in der nächstliegenden Stadt. Der Dorfpolizist drückte beide Augen zu. Kein Mensch störte sich daran, dass sie viel zu jung waren, all die Aufgaben zu übernehmen und auch an der Übertretung der Gesetze nahm niemand Anstoß. Auf dem Land tickten die Uhren anders. Das Mitleid schlug hohe Wogen, doch wirkliche Hilfe brachte es ihnen nicht.
   Jason, von jeher leicht exzentrisch veranlagt, entwickelte sich nach der Pubertät immer mehr zu einem Außenseiter. Er bekam keinen vernünftigen Schulabschluss zustande, obwohl es ihm an Intelligenz nicht mangelte. Als Jayden auszog, um an der juristischen Fakultät im fünfhundert Meilen entfernten Helsinki Kriminalistik zu studieren, blieb Jason bei Dad und kümmerte sich um ihn. Sie klebten zusammen wie Pech und Schwefel. Nicht Liebe verband sie, sondern gemeinsamer Hass. Nicht untereinander, sondern auf Nevaeh. Das erfuhr Jayden allerdings erst, als sich sein Vater kurz vor Abschluss des Studiums offenbarte und ihm die Wahrheit über Janniks Unfall erzählte.
   Dieses Mal reagierte Nevaeh nicht hysterisch, sie zischte ihn an und ihre grünen Iriden sprühten Blitze. »Verschwinde auf der Stelle! Ich schreie Zeter und Mordio, falls du nicht gehst.«
   Verdammt, nun war Schluss mit lustig. Er schnappte sich ihre Handgelenke, zog Nevaeh an sich und beugte ihr gleichzeitig den Oberkörper entgegen. Ehe sie sich zu wehren in der Lage befand, nahm er ihr Gesicht zwischen die Hände und zwang sie, ihn anzusehen. Sie erstarrte, versuchte, sich zu entwinden, aber ihre Kraft reichte bei Weitem nicht an seine heran. Wie gern hätte er sie geküsst, ihren Geschmack gekostet, ihre warme Weichheit genossen anstatt der verhärteten Striche, zu denen sie die Lippen zusammenpresste. »Wenn du das versuchst, wirst du nie etwas über deine Gabe herausfinden und die Chance verspielen, deinen Bruder wiederzusehen. Also, wirst du mir zuhören?« Er ließ Nevaeh langsam los, als sie zaghaft nickte.
   Heilige Maria, er brauchte bis Argentinien, bis er endlich den Eindruck gewann, dass sie anfing, ihm zu glauben, dass er einen Zwillingsbruder hatte, der in seine Rolle geschlüpft war. Ihr Misstrauen lag in allen Gesten, es stand in jedem Ton zwischen ihnen und er durfte ihr keinesfalls schon jetzt seine damaligen Motive erklären, ihr Sachverhalte offenbaren, die sie in ihren Grundfesten zu erschüttern drohten. Doch zumindest gelang es ihm, dass sie einigermaßen ruhig in seiner Nähe blieb, während er die Kollegen seiner Abteilung beim DPA beauftragte, herauszufinden, ob die chilenischen Behörden sie überhaupt einreisen lassen würden oder sie Gefahr liefe, direkt am Zoll verhaftet zu werden.

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