Kyle verfällt der dunklen Macht des Schnitters immer mehr. Seine Hoffnung, jemals zu Beth zurückkehren zu können, schwindet. Da begegnet er der geheimnisvollen Kesha, die einen Weg zu kennen scheint, wie er dem Blut der Nephilim widerstehen kann. Währenddessen bekommt es Logan mit den Geistern seiner Vergangenheit zu tun, doch wenn er sein Rudel retten will, kann er sich keinen Rückzieher erlauben. Beth fällt es indes schwer, in ihrem erzwungenen Exil zur Ruhe zu kommen. Eine innere Kraft treibt sie an und lässt sie der Gefahr trotzen, in der sie noch immer schwebt. Sie muss einen Uriel finden, wenn sie Kyle und sich retten will. Doch darf man einem solch mächtigen Wesen überhaupt trauen? Oder ist auch er, wie so viele, bloß ein Wolf im Schafspelz?

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ISBN: 978-9963-53-547-7

Seiten: 309

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Tanya Carpenter

Tanya Carpenter
Tanya Carpenter wurde am 17. März 1975 in Mittelhessen geboren, wo sie auch heute noch in ländlichem Idyll lebt und arbeitet. Die Liebe zu Büchern und vor allem zum Schreiben entdeckte sie bereits als Kind und hat diese nie verloren.   Die vielseitige Autorin ist inzwischen in nahezu allen Genre der Belletristik zu Hause. Neben den Vampiren sticht vor allem die Erotik in ihren Romanen hervor. Neben dem Bookshouse-Verlag schreibt sie außerdem Romane für Droemer Knaur, Cora, Fabylon, Arunya-Verlag, Ashera-Verlag und Edel. Ferner ist sie regelmäßig in Anthologien vertreten, schreibt Rezensionen für das Wolf Magazin von Elli H. Radinger und arbeitet als freie Lektorin im TeutonicTextTeam.   Hauptberuflich verdient Tanya Carpenter ihr Geld als Chef-Assistenz im Vertriebsinnendienst eines globalen Industrie-Unternehmen. Ihre Freizeit verbringt sie neben dem Schreiben gern mit ihren Australian Shepherds Spike und Damon oder ihrer Appaloosa-Stute Sha’Re-Luna. Sie ist gern in freier Natur unterwegs, interessiert sich für Mystik, Magie und alte Kulturen, liebt Musik, italienische Küche, schottischen Whisky und französischen Rotwein. In den Wintermonaten genießt sie gemütliche Leseabende vor dem Kamin. Vertreten wird die Autorin von der Agentur Ashera.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

… warum sollen die Wächter nicht liegen bei den Menschenfrauen. Denn wenn sie dergleichen tun, werden geboren die Nephilim. Diese werden sein wie Giganten und ihr Schicksal wird sein der Tod. Es kann sie nicht tragen des Menschen Leib noch Geist, gleich wie sehr man ihn umsorge und Linderung zu schaffen suche. Und so werden die Nephilim zerstören ihrer Mütter Fleisch und Seele und werden anheimfallen den Höllenkreisen von Geburt an, und ihre Seelen gehören den Erlösern, eine jede ihrem Schicksal gemäß, und auf dem Weg ins Feuer wird über sie wachen einer der Bewahrer. Sie kehren zurück zum Tor, aus dem sie entsprungen, denn sie werden sein wie ruhelose Geister, nie eins mit sich selbst, gebunden an ihre Bestimmung, zu entscheiden über Aufstieg und Fall, wenn sie sprengen die inneren Zirkel und befreien den Namenlosen …

Langsam öffnete Beth die Augen. Ihr war kalt, sie zitterte. Was war das gewesen? Sekundenschlaf? Ihre Glieder waren bleischwer. Es bereitete ihr Mühe, auch nur den Kopf zu drehen. Wo war sie hier? Ach ja, Logans Haus.
   Beth wollte sich mit der Hand über die Stirn fahren, ihre Gedanken sortieren, aber selbst das gelang ihr nicht, also runzelte sie nur die Stirn und ließ die Lider wieder sinken. Die Worte erklangen hohl in ihrem Kopf, wieder und wieder, wie ein Mantra. Sie hatte diese Worte schon einmal gehört. Oder gesehen? Als sie in diesem Raum eingesperrt war. Vielleicht. Kurz nachdem diese durchdringenden Augen durch das kleine Fenster im Türblatt gesehen hatten. Diese Augen, die sie niemals vergessen würde. Sie schauderte.
   Es war wie eine Erinnerung, als hätte sie das irgendwo schon einmal gelesen, auch wenn sie sich nicht daran erinnern konnte. »Es klingt wie ein biblischer Psalm«, murmelte sie, fast schon wieder im Halbschlaf. Im Waisenhaus hatte sie oft in der Bibel gelesen, sie waren darin unterrichtet worden. Aber an einen solchen Psalm konnte sie sich beim besten Willen nicht erinnern.
   Die Vergessene Schrift, ging es ihr durch den Kopf. Ob sie Proud danach fragen sollte? Doch angeblich hatte niemand diese Schrift je gesehen, also konnte er es wohl nicht wissen? Alles nur Legenden. Verdammte Legenden, die nur noch mehr Rätsel mit sich brachten. Beth schüttelte unwillig den Kopf, was einen dumpfen Schwindel auslöste. Träge zog sie die Decke enger um ihre Schultern, in die sie sich gekuschelt hatte.
   Die Minuten zogen sich wie Kaugummi, seit Proud und Logan aufgebrochen waren, um noch ein paar Sachen aus dem McLean-Haus zu holen. Beth seufzte. Sie konnten nicht mehr dorthin zurück, das war ihr klar. Schon wieder hatte sie ihr Zuhause verloren. Ihre Sicherheit, ihren Rückzugsort.
   Sie lachte bitter. Sicherheit! Gab es das überhaupt noch für sie?
   Leises Schnarchen erklang aus dem Nebenraum. Gilles lag dort. Er schlief schon wieder. Ihn hatte es offenbar schlimmer erwischt als er zugab. So ein Schlag auf den Schädel war nicht ohne. Was Beth nicht verstand, war, warum die Angreifer ihn nicht ausgesaugt hatten. Es waren zweifellos Grigori gewesen, aber Gilles hatte außer der Beule am Hinterkopf nicht einen Kratzer. Einerseits machte sie das schon wieder misstrauisch, andererseits tat er ihr auch leid, weil er sicher eine leichte bis mittlere Gehirnerschütterung davongetragen hatte. Irgendwie passte das alles nicht zusammen.
   Logan hatte gemeint, dass die Spuren denen von der Klinik ähnelten. Es konnte gut sein, dass dieselben Leute, die Margret manipuliert hatten, auch in Prouds Haus eingedrungen waren. Was hatten sie dort gewollt? Zu dem Zeitpunkt wären sie schließlich davon ausgegangen, ihrer bereits habhaft zu sein. Wenn es Proud nur gelungen wäre, mehr aus Margrets Verstand herauszubekommen, doch offenbar wusste die Ärmste selbst nicht, was mit ihr geschehen war. Auch aus dem Grigori und dem Djin, die ihm und Logan bei Margrets Wohnung aufgelauert hatten, war nichts herauszubekommen gewesen. Alles sehr mysteriös.
   Seufzend ließ sich Beth tiefer in den Sessel sinken und versuchte, innerlich zur Ruhe zu kommen. Hinter ihrer Stirn jagten sich die Gedanken, aber je verbissener sie versuchte, dieses Puzzle zusammenzusetzen, umso weniger gelang es ihr. Es war so verwirrend, der Sumpf schien immer größer und undurchdringlicher zu werden. Ihr schwindelte, wenn sie versuchte, einzelne Bruchstücke zu greifen und aneinanderzureihen.
   Hatte Margret ihr wirklich eine Falle gestellt? Was war in dem Spind gewesen? Hatte Swan ihn vor seinem Tod ausgeräumt oder hatte jemand anderer den Inhalt gefunden und mitgenommen? Was war das für eine komische Substanz auf dem Boden gewesen? Goldfarbene Splitter wie geschmolzenes Glas.
   Während sie mit geschlossenen Augen vor sich hin grübelte, merkte sie nicht, wie die Erschöpfung ihren Körper in Besitz nahm und sie erneut in einen leichten Schlaf hinüberdämmerte. Dass etwas nicht stimmte, wurde ihr erst bewusst, als sich ihre Glieder schwerelos anfühlten und sie nichts mehr um sich spürte.
   Es war dasselbe Gefühl wie damals in der Höhle – wie so oft in diesen Träumen. Doch diesmal war sie nicht in der Höhle, sah nicht auf ihren auf dem Altar liegenden Körper hinab. Als sie sich zwang, sich ihres astralen Körpers bewusst zu werden, blickte sie auf eine schlafende Beth im Sessel in Logans Haus hinunter. Die Spuren, die die jüngsten Ereignisse in ihr Gesicht gezeichnet hatten, erschreckten sie. Sie wirkte müde und ausgezehrt, mit dunklen Ringen unter den Augen. Das Gesicht blass und von feinen Linien durchzogen, die sie älter erscheinen ließen als sie wirklich war. Viel Zeit blieb ihr nicht, sich zu betrachten, denn etwas zog sie kraftvoll fort. Ihr Geist erhob sich durch die Decke, hoch über das Haus und weiter empor in den purpurfarbenen Himmel der Abenddämmerung. Sie wurde nach hinten gerissen, nicht räumlich, sondern zeitlich, das konnte sie spüren, obwohl ihr nicht klar war, woran sie das festmachte. Bald schon tauchte sie in den vertrauten Komplex des St. Johns Health Centers ein. Die Flure sahen anders aus, das Personal war ihr weitgehend unbekannt. Offenbar befand sie sich mehrere Jahrzehnte in der Vergangenheit.
   Sie sah Professor Swan, wesentlich jünger als sie ihn gekannt hatte, und folgte ihm, ohne dies bewusst entschieden zu haben. Er befand sich jedenfalls nicht auf der Sterbestation, sondern in der Gynäkologischen Abteilung. In einem Zimmer standen sechs Betten, die Frauen, die dort lagen, waren allesamt bewusstlos. Schläuche ragten aus ihren Armen, sie erhielten allerhand Infusionen. Zwei von ihnen wurden beatmet. Ihre Bäuche waren stark gespannt – beinah unnatürlich. Als wären sie alle weit überfällig. Unter den dünnen Krankenhaushemdchen bewegte sich etwas auf unheimliche Weise, drückte hier und dort die Haut nach außen, als wollte es von innen die Bauchdecke sprengen.
   Beth konnte die Krankenblätter nicht einsehen, aber Professor Swan mischte einen Cocktail aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln zusammen und verabreichte jeder Patientin eine hohe Dosis davon. Genug, um einen Menschen ins Koma zu versetzen oder sogar zu töten. Was machte er da? Waren das Frauen aus dem Zuchtprogramm? Wenn ja, verstand Beth nicht, dass er ihre Gesundheit und ihr Leben – und ebenso das der Babys – so leichtfertig aufs Spiel setzte.
   Warum war niemandem etwas aufgefallen? Diese Frage drängte sich erst jetzt in ihr Bewusstsein, als sie ihn agieren sah. Es hätte jemand merken müssen, dass hier etwas nicht richtig war. Oder waren Pfleger und Schwestern ebenfalls eingeweiht gewesen? Vielleicht manipuliert? Hatte es eine Art Quarantänebereich gegeben, so wie er ihn damals bei Royce Benning hatte einrichten lassen?
   Sie wäre gern länger hier geblieben, um die Krankenblätter genauer zu studieren, doch Swan ging und ihr Astralleib mit ihm. Er betrat kurz sein Büro, kam aber sofort wieder heraus. Er hielt etwas, das wie ein Dossier oder Ähnliches aussah. Säuberlich gebundene Blätter, das Aktenzeichen auf dem Einband kam ihr vertraut vor. Außerdem trug er einen schwarzen Stoffbeutel, dessen Inhalt sich nicht bestimmen ließ, doch er schien schwer zu sein. Er ging in den Keller hinunter und öffnete exakt den Spind, zu dem sie den Schlüssel gefunden hatte. Sie musste herausfinden, was er hineinlegte. Beth erkannte ein Stück altes Pergament, merkwürdige Schriftzeichen, die ihr fremd waren, aber sie konnte sie lesen. Sie wusste, sie konnte es, wenn sie genau hinsah …
   Gerade, als sie einen Blick darauf werfen wollte, packte sie jemand – oder etwas – grob am Knöchel und riss sie so heftig hinfort, dass sie glaubte, ihr Fuß würde ihr abgerissen.
   Beth schreckte hoch. »Au!« Ein glühender Schmerz durchpulste ihren Knöchel. Hastig schob sie ihren Strumpf hinunter und umfasste das schmerzende Gelenk. Nachdem sie es eine Weile massiert hatte, ließ das Pochen nach. Eingehend untersuchte sie die Stelle und wunderte sich über einen seltsamen Bluterguss, der ihr zuvor nicht aufgefallen war. Hatte sie sich den im Keller geholt, als sie betäubt vom Chloroform zu Boden gegangen war? Oder später in ihrem Gefängnis?
   Vermutlich war sie gerade im Schlaf mit der Stelle gegen den Sessel gekommen, was den Schmerz ausgelöst hatte, denn jetzt tat er kaum noch weh. Dennoch sah die Stelle merkwürdig aus. Kein runder Fleck, mehr eine Linie. Als wäre sie heftig umgeknickt oder als ob jemand ein Seil darum gewunden hätte. Vielleicht war sie kurzzeitig gefesselt gewesen? Ihr fehlten immerhin einige Stunden.
   Beth entschied, sich nicht weiter darum zu kümmern. Es war nicht der erste blaue Fleck ihres Lebens. In ein paar Tagen würde man kaum noch etwas davon sehen. Der Traum hingegen flüchtete bereits wieder, weil sie sich von dem Knöchel hatte ablenken lassen. Sie konnte sich nur noch sehr vage erinnern, aber dass sie die schwangeren Frauen gesehen hatte, das wusste sie noch. Und ebenso, dass Swan etwas in diesem Schrank aufbewahrt hatte. Sie musste herausfinden, was. Diese Träume kamen nicht zufällig, dessen war sie sich längst bewusst. Sie bedeuteten etwas. Wie eine Aufgabe. Nur wie sollte sie Proud klarmachen, dass sie die Suche nicht ad acta legte? Er würde nicht erfreut sein. Aber von den Träumen erzählen, wollte sie ihm noch immer nicht.

Überschrift

Diego wartete am vereinbarten Treffpunkt. Unruhe befiel ihn. Mit jeder Minute, die verging, nahm sie zu. Er wippte mit dem Fuß, trommelte mit den Fingern auf das Holz der Parkbank und blickte sich immer wieder um. Die kalte Angst saß ihm im Nacken. Greco hatte dieses Treffen kurzfristig eingefordert, nachdem er ihm die Mitteilung hatte machen müssen, dass ihre Gefangene entkommen war. Er wusste, dass der Plan damit gründlich schiefgegangen war und der Uriel darüber kaum erfreut sein dürfte. Beim letzten Mal hatten sie sich in einer Bar getroffen, diesmal war es ein tagsüber recht belebter Stadtpark. Jetzt in der Nacht lungerten nur einige Obdachlose und zwielichtige Gestalten hier herum. Niemand, vor dem er sich fürchten müsste. Vertrauenserweckend war diese Gesellschaft zwar auch nicht, doch seine Sorge galt mehr der Reaktion seines Geschäftspartners und der Tatsache, dass man vor dieser Art Zeugen sogar einen Mord begehen konnte, ohne dass jemand eingreifen oder später etwas darüber erzählen würde.
   »Da habt ihr euch ja wirklich mit Ruhm bekleckert«, knurrte eine Stimme hinter ihm.
   Diego sprang von der Parkbank auf und drehte sich um. Greco starrte ihm finster entgegen. Langsam umrundete der Uriel die Bank und nahm darauf Platz. Diego tat es ihm zögernd gleich. Die magnetisch blauen Augen des Engels leuchteten gespenstisch in der Dunkelheit, während der Rest seines Gesichtes im Schatten blieb, wodurch seine Miene kaum zu deuten war. In den türkisfarbenen Iriden glomm ein eisiges Feuer. »Tja, kaum gewonnen, schon zerronnen. Ich dachte, die Kleine wäre sicher in eurem Versteck.«
   »Wir konnten nichts dafür«, verteidigte sich Diego. »Du hast nicht gesagt, dass sie bereits unter Logans Schutz steht. Das haben wir erst in der Klinik gemerkt. Wenn sich ein Cherub an jemanden bindet, findet er dessen Witterung überall. Er hat sie schneller gefunden als wir sie fortschaffen konnten. Wir haben noch versucht, mit ihrer Kleidung eine falsche Spur zu legen, was auch fast gelungen wäre. Meine Leute wollten ihn und McLean aufhalten, aber die beiden waren wie zwei Berserker. Nicht zu stoppen. Es war ein regelrechtes Gemetz…«
   »Halt den Mund!«, fuhr der Uriel ihn an, und Diego zuckte zusammen.
   Er presste die Lippen aufeinander und sah zu Boden. Mit einem Uriel legte man sich nicht an, schon gar nicht mit diesem. Rechtfertigungen waren wohl nicht angebracht.
   »Ich hatte euch eine einfache Aufgabe erteilt. Wir hatten einen Deal. Ihr solltet sie nur fortschaffen und bewachen, bis ich Zeit habe, mich um sie zu kümmern. Und jetzt?« Greco breitete herausfordernd die Arme aus und hob fragend die Augenbrauen. Beinah hätte er harmlos wirken können, wenn nicht diese Kälte in seinen Augen gelodert hätte.
   »Ich krieg das wieder hin«, murmelte Diego, was ein spöttisches Lachen zur Antwort hatte.
   »Vergiss es. Die Gelegenheit bekommt ihr so schnell nicht wieder. Hamilton und McLean werden auf das hübsche Vögelchen aufpassen wie auf die Kronjuwelen von London. Darum müssen wir uns später kümmern.«
   Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte, also schwieg er. Greco stieß einen lang gezogenen Seufzer aus.
   »Lassen wir das. Ich habe andere Aufgaben, die erledigt werden müssen. Es nutzt nichts, über etwas zu jammern, was man ohnehin nicht mehr ändern kann. Ich gehe davon aus, dass dir nicht noch einmal so ein Fehler unterläuft.«
   Diego presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. »Ich werde dich nicht noch einmal enttäuschen.«
   »Gut!« Der Uriel lächelte zufrieden. »Andernfalls müsste ich dich nämlich auch enttäuschen. Und zwar auf weit unerfreulichere Art und Weise.«
   Er ließ offen, was er damit meinte, doch Diego hatte eine vage Ahnung. In seinem Magen machte sich ein eisiger Knoten breit. »Was die Nephilim angeht … wir werden sie schon wiederbekommen. Später. Es ist nur … eine kleine Planänderung.«
   Der Ausdruck in Grecos Augen jagte sogar Diego Angst ein. Er wollte nicht wissen, was der Uriel noch alles im Schilde führte‚ aber er durfte keine Skrupel haben. Schließlich hatte er sich nicht umsonst mit ihm eingelassen.

Als sie etwa zehn Minuten später den Park in entgegengesetzte Richtungen wieder verließen, hatte Diego die Adressen von drei Kontaktmännern in seiner Tasche und Anweisungen für seine nächste Mission. Greco selbst würde ein paar Tage nicht da sein. Er hatte nur vage Andeutungen gemacht, dass er einen Plan B in die Wege leiten müsse und dazu eine Weile außer Landes sei. Darüber war Diego im Grunde froh. Die Nähe des Uriel machte ihn nervös, auch wenn er das nicht gern zugab.
   »Wer war das?«
   Diego blieb fast das Herz stehen, als sein Partner mit einem Mal hinter ein paar Bäumen hervortrat. Verdammt, war er ihm etwa gefolgt? Er hatte die Sache mit Greco weiterhin für sich behalten wollen. Kelvin war einfach nicht zuverlässig genug.
   »Ich hab gefragt, wer das war?«, verlangte Kelvin erneut zu erfahren. »Ist das etwa der Typ, für den wir arbeiten? Für den wir die Nephilim entführt haben und bei den McLeans eingestiegen sind? Ein Uriel? Bist du wahnsinnig geworden? Von so einem lasse ich mir nichts vorschreiben. Diese Kerle sind die Pest. Wenn du dich mit denen einlässt, verlierst du deine Seele. Da mache ich nicht mit.«
   Diego verdrehte die Augen. »Hör auf zu jammern. Deine Seele, wenn ich so was schon höre. Wer wollte denn Rache? Und mit dem da bekommen wir unsere Rache.«
   Kelvin verzog das Gesicht und machte keinen Hehl daraus, dass er völlig anderer Meinung war. Verdammt, dieser Kerl machte noch alles kaputt. Das würde er nicht zulassen.
   Drohend packte Diego seinen Verbündeten am Kragen und drückte ihn gegen den Baumstamm. »Jetzt hör mir mal zu. Es ist mir scheißegal, ob du die Hosen voll hast. Von mir aus kannst du kuschen und es hinnehmen, dass diese blasierten Affen uns ein Brandmal aufdrücken wollen, aber ich lasse mir das nicht gefallen. Ich will Rache für meinen Vater, verstehst du. Rache! Und zwar richtige Rache. An jedem. An dieser kleinen Nephilim-Schlampe, wegen der diese ganze Scheiße überhaupt passiert ist. An den McLeans, die unsere Väter wie Vieh abgeschlachtet haben. An den anderen Grigori-Familien, die uns zu Ausgestoßenen machen, weil wir unser Recht einfordern wollten und gleichzeitig ihre Intrigen spinnen, um sich zu nehmen, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht. Und vor allem will ich Rache an diesem selbstgefälligen Bastard van Vaughn. Der Mistkerl hält sich fast schon für einen Gott und benimmt sich, als gehöre ihm die Welt. Wer hat ihm das Recht gegeben, sich hier breitzumachen und allein über die Nephilim zu bestimmen? Ich will ihn bluten sehen, ich will, dass er um sein armseliges Leben bettelt. Und das schaffen wir nicht allein, dazu brauchen wir jemanden wie Greco. Denkst du, ich habe mich leichtfertig auf ihn eingelassen? Das habe ich nicht. Ich kenne den Preis. Verdammt, er ist es wert. Ich weiß, was ich tue und entweder du ziehst mit, oder du siehst zu, dass du verdammt viel Land zwischen dich und mich bringst, weil ich dir sonst dein schwarzes Herz aus der Brust reiße und es denen zum Fraß vorwerfe.«
   Der Hass in Kelvins Augen machte Diego keine Angst. Er hatte sich mit einem Uriel eingelassen, dagegen war Kelvin ein Niemand. Er hätte ihn nie mit ins Boot nehmen dürfen. Er war von Anfang an ein Risiko gewesen. Warum hatte er sich nicht an Thomas Devereaux gewandt? Der besaß mehr Schneid.
   »Überleg dir, auf welcher Seite du stehen willst. Ich brauch dich nicht, aber du brauchst mich. Allein bist du am Arsch.«
   Damit ließ er Kelvin stehen. Er musste sich dringend abreagieren.
   »Scheiß auf deine Stadt, van Vaughn. Heute Nacht ist sie mein Jagdrevier.«

Kapitel 2

Während Proud mit den wenigen Habseligkeiten, die er und Beth in ihr erzwungenes Exil mitnehmen würden, hinter Logan herfuhr, grübelte er über die neuesten Entwicklungen und ihre derzeitigen Möglichkeiten. Er war nicht glücklich mit der Auswahl, noch weniger mit dem Ergebnis, zu dem sie führte. Aber wenn er rein logisch vorging, blieb ihm keine andere Wahl.
   Er hatte kein gutes Gefühl dabei, mit Beth wieder in Lloyds Strandvilla zu ziehen, solange dieser ebenfalls dort wohnte. Beim letzten Mal hatte sein Freund Beth nur ein oder zwei Stunden gesehen und sie für einen Menschen gehalten, aber wenn sie bei ihm einzogen, sah das anders aus. Er überlegte fieberhaft, wie er Lloyd erklären konnte, was Beth war, und vor allem, was er tun sollte, wenn dieser Beth ebenfalls für eigene Zwecke einspannen wollte. Er schätzte Lloyd eigentlich nicht so ein. Seine Hilfsbereitschaft war fast schon legendär. Ihm waren die Menschen wichtig, er verfolgte seine Aufgabe mit großem Eifer und geleitete die Seelen nicht nur, sondern versuchte auch zu heilen, wo immer es ihm möglich war. Ob er dennoch ein Interesse hatte, ins Paradies zurückzukehren und dafür ein anderes Leben opfern würde, war eher unwahrscheinlich. Trotzdem mussten sie vorsichtig sein. Also war er ein Risiko.
   Im eigenen Haus zu bleiben, ging ohne Zweifel überhaupt nicht. Dafür brauchte er sich nur dort umzusehen. Sie waren nicht mehr sicher. Die Azrae-Kräfte funktionierten nicht mehr. Die gegenläufige Polarisation war aus irgendeinem Grund außer Kraft gesetzt. Im Übrigen auch ein Punkt, der gegen Lloyds Haus sprach. Proud fragte sich, ob diese Neuigkeit auch für die Heimstätten der Grigori galt. Konnte er nun ebenso in van Vaughns Anwesen eindringen, wie diese fremden Grigori in sein Haus eingedrungen waren? Er war sich noch nicht sicher, ob er es versuchen wollte. Hatte es etwas damit zu tun, dass Kyle ein Schnitter war und dadurch ungehindert in das Revier der Grigori vordringen konnte, weil er beide Kräfte in sich vereinte? Das war nicht logisch. Es hatte immer schon vereinzelt Schnitter gegeben, ohne dass dieser Schutz je aufgehoben worden wäre. Also musste etwas anderes dahinterstecken. Das würde neben einer sicheren Unterkunft für Beth mit die wichtigste Frage sein, die er zu klären hatte.
   Hotels kamen als Zuflucht ebenfalls nicht für sie infrage. Sie waren allein deshalb schon nicht sicher, weil sich einige in der Hand von van Vaughns Familie befanden. Und Djin gab es überall.
   Die einzig wirklich brauchbare Alternative hieß somit derzeit Logan. Auch wenn seine freundschaftlichen Gefühle für den Cherub weiterhin begrenzt waren, musste er zugeben, dass sie bei ihm im Augenblick am sichersten waren. Als zuverlässiger Kampfgefährte hatte er sich jedenfalls bewiesen, das musste er dem Gestaltwandler lassen. Außerdem schien er ehrlich an Beth’ Sicherheit interessiert zu sein und machte sich Gedanken darüber, wie es weitergehen sollte.
   »Ich denke, wir werden dein Angebot wohl annehmen, für längere Zeit bei dir Zuflucht finden zu können«, erklärte er, als sie an Logans Haus ankamen und aus den Autos stiegen. Logan grinste ihn an, sagte aber nichts. Genervt verdrehte Proud die Augen. Er hasste es, durchschaubar zu sein. Sie schafften gemeinsam die Sachen nach drinnen und ließen Beth’ Kater aus seinem Reisekorb. In den vier Wänden eines Werwolfes fühlte er sich augenscheinlich entschieden wohler als in der Villa eines Todesengels.
   Gilles hatte seinem Kopfweh zum Trotz bereits die Küche erobert und bereitete gerade ein Abendessen zu, was Logan erneut amüsierte.
   »Ich hatte noch nie einen Butler. Nette Erfahrung. Ich hoffe, man kann seine Kochkünste auch genießen.«
   »Er kocht vorzüglich«, versicherte Proud.
   Beth war trotz – oder gerade wegen – der Entführung und den vorangegangenen Ereignissen noch immer voller Unruhe. Der Spind im Keller ging ihr nicht aus dem Kopf, und als sie ihnen beim Abendessen ein paar bisher verschwiegene Details darüber erzählte, ging es ihm und Logan nicht anders.
   Er warf dem Cherub einen Blick zu. »Orangefarbene Splitter?«
   »Ein Sonnensteindolch«, bestätigte Logan seine Vermutung und klang damit ähnlich fassungslos, wie er sich selbst gerade fühlte. »Was wollte Swan mit einem Sonnensteindolch?«
   »Mich würde viel mehr interessieren, woher er ihn hat.« Verflucht, er suchte sich einen Wolf nach diesen Dingern und hier war einer direkt vor seiner Nase gewesen. Jetzt war er weg, verdammter Mist.
   »Ein Sonnensteindolch?«, fragte Beth unsicher. »Aber … das waren wirklich nur kleine Krümel. Ich dachte eher an ein Ungeziefergranulat oder so was.«
   Proud und Logan schüttelten unisono den Kopf. »Deine Reaktion lässt kaum Raum für Zweifel. Du hast darauf reagiert.«
   »Ja, und?«
   Ehe Proud es ihr erklären konnte, kam ihm Logan zuvor. »Das Grigoriblut in dir. Es reagiert mit den Energien der Waffe.«
   Sie blickte Hilfe suchend zu Proud »Du hast doch gesagt, ich könnte so eine Waffe führen. Dass du sie deshalb suchst.«
   »Das kannst du auch«, beharrte er. »Oder irre ich mich, Mister Allwissend?«
   Logan quittierte seinen beleidigten Unterton mit einem verschwörerischen Zwinkern. »Grigoriblut reagiert immer mit den Sonnensteindolchen. Aber Proud hat recht. Im Gegensatz zu den Grigori oder auch den Schnittern, kann eine Nephilim die Waffe genauso gut führen wie ein Azrae oder ein Djin. Besser noch, denn deine Natur aktiviert sie sogar.«
   Diese Offenbarung setzte ihr sichtlich zu. Es war alles ein bisschen viel auf einmal.
   »Das hilft uns so oder so nicht weiter, denn das Ding ist ja weg«, stellte er noch einmal mit Nachdruck fest, woraufhin Logan die Lippen schürzte. »Was?«, fragte er schärfer als beabsichtigt, denn ihm schwante Übles.
   »Na ja, ich dachte nur gerade, wenn es tatsächlich die Spurensicherung gewesen sein sollte, die den Spind geöffnet hat, könnten wir das Glück haben, dass das Ding noch in der Asservatenkammer der Polizei liegt.«
   Proud schnaubte ungehalten. »Das ist nicht dein Ernst. Selbst wenn es so wäre, hatten die Grigori inzwischen Wochen Zeit, alle Beweise zu vernichten. Es gibt genug Beamte bei der Polizei, die unter ihrem Einfluss stehen oder sich ihre Dienste einfach gut bezahlen lassen.«
   Bei diesen Worten merkte Beth auf. »Die Polizei?«
   Proud war beim Klang ihrer Stimme augenblicklich alarmiert. »Was geht denn nun schon wieder in deinem blonden Köpfchen vor?«
   »Na, überleg doch mal«, forderte sie ihn auf. »Dieser Polizist, der mich vor Swans Büro verhört hat. Ich habe dir gesagt, dass ich so ein komisches Gefühl bei ihm hatte. Was, wenn er nun ein Djin war, oder zumindest jemand, der für die Grigori arbeitet?«
   Proud verdrehte die Augen. »Beth, das hatten wir alles schon. Ich habe ihn gecheckt. Balmer ist sauber.«
   »Das sagst du. Vielleicht ist der echte Balmer ja sauber, aber ich hatte mit einem Djin zu tun. Die können jedwede Gestalt annehmen, die sie wollen, oder etwa nicht?«
   Bedauerlicherweise fehlten ihm die Gegenargumente, denn die Möglichkeit bestand immerhin. Das änderte allerdings nicht seine Meinung, dass ein Besuch in der Asservatenkammer sinnlos war. »Selbst wenn es so gewesen ist, dann ist es umso wahrscheinlicher, dass er den Dolch und was sonst noch in dem Spind gelegen hat, längst zerstört hat.«
   »Nicht zwingend. Denk an den Djin, der dich in der Kirche angegriffen hat. Er war auch hinter den Dolchen her.«
   Er musterte sie aus schmalen Augen. Dieses Glitzern in ihrem Blick kannte er zu gut.
   »Du hast mit einem Djin gekämpft?«, schaltete sich Logan ein. »Wann?«
   Diese Diskussion nahm gerade einen Verlauf, der ihm überhaupt nicht gefiel. »Das ist nicht wichtig«, wiegelte er Logans Frage ab. »Beth, du bist besessen! Was, um alles in der Welt, hoffst du überhaupt zu finden? Dir geht es nicht um den Dolch, oder? Dir geht es um diese Aufzeichnungen. Teufel noch mal, egal was das war, es ist nicht wert, dein Leben zu riskieren. Auf Swans Computer war nichts, was uns weitergebracht hätte. Dein Aufenthalt in der Klinik hat dich nur in Gefahr gebracht. Es gibt wahrlich Wichtigeres, um das wir uns derzeit kümmern müssen als deine Ahnenforschung.«
   Sie presste die Lippen aufeinander. In ihren Augen schimmerten Tränen. Diese Frau brachte ihn noch um den Verstand.
   »Etwas ist dort gewesen. Zusammen mit dem Dolch. Und es ist wichtig. Nicht nur für mich. Es ist wichtig, weil es mit dieser Gefahr zusammenhängt, von der du sprichst. Ich weiß es einfach. Sonst hätte es keinen Sinn gemacht, es zu verbergen und vielleicht sogar zu entwenden.«
   Er spürte sehr wohl, dass sie ihm etwas verschwieg, doch noch ehe er zu einer Erwiderung ansetzen konnte, mischte sich Logan ein.
   »Mhm! Ich sag es nicht gern, aber ganz so abwegig ist Beth’ Überlegung vielleicht nicht.«
   »Wie bitte«, fragte Proud. Musste dieser Bastard ihm so in den Rücken fallen? »Willst du ihr jetzt auch noch so einen Floh ins Ohr setzen? Als ob sie sich nicht schon allein gründlich genug in Gefahr bringen würde.«
   Der Gestaltwandler zuckte gelassen die Schultern. »Na ja, es wäre einen Versuch wert. Selbst wenn dieser Ermittler sauber ist, habt ihr keine Ahnung, wer vorher am Tatort war. Ein anderer Polizist kann durchaus für die Grigori gearbeitet und Spuren verwischt haben. Wir wissen nicht, wie sensibel Beth ist, womöglich hat sie die Essenz eines Beamten wahrgenommen, der selbst schon nicht mehr vor Ort war und lediglich Balmers Verhör hat sie irritiert, sodass sie das Gefühl ihm zugeordnet hat.«
   »Und was willst du damit sagen?«
   Logan lehnte sich entspannt zurück. »Finden wir’s raus. Wenn etwas dort gefunden und sichergestellt wurde, kann es durchaus sein, dass es noch in der Asservatenkammer liegt. Und selbst wenn nicht, besteht immer noch die Möglichkeit, dass es zumindest registriert wurde. Ich kann gut mit Computern umgehen. Ich schlage vor, ich werfe mal einen Blick drauf. Einfach zur Sicherheit. Wenn ich nichts finde, haben wir es wenigstens versucht und Beth kann einen Haken hinter diese Möglichkeit machen.«
   »Wir werden uns dort umsehen«, stellte Beth entschieden klar. »Ich komme auf jeden Fall mit!«
   Proud verdrehte stöhnend die Augen, sparte sich aber jeden Widerspruch. Stattdessen wandte er sich an Logan. »Versuch gar nicht erst, es ihr auszureden. Es ist sinnlos. Wir gehen zu dritt.« Er kannte seine kleine Nephilim gut genug, um zu wissen, dass sie weder ihm noch Logan glauben würde, dass es nichts zu finden gab, wenn sie sich nicht mit eigenen Augen davon hatte überzeugen können.

Überschrift

In Buenos Aires hatte Kyle keine weiteren Spuren einer Nephilim gefunden. Lydia, die er dort gerettet hatte, war mit ihren Eltern schon in der nächsten Nacht aus der Stadt verschwunden. Er hoffte sehr, dass sich Proud um sie kümmern würde. Seit er aus Phoenix weggegangen war, hatte er keinen Kontakt mehr zu seinem Cousin – vielleicht war es das Beste so. Aber bei ihrem letzten Zusammentreffen hatten sie darüber gesprochen, dass er Proud alle Nephilim schicken würde, die er fand.
   Sein nächster Anlaufpunkt war Rio, weil Matosh auch von dieser Stadt gesprochen hatte. Er wusste nicht, wie er weiter vorgehen sollte, wenn er die drei Städte, die der Halbwandler ihm genannt hatte, durchsucht hatte und keine Nephilim mehr dort war. Welcher Spur sollte er dann folgen? Er konnte nicht einmal den Wandler erneut aufsuchen und befragen, weil er keine Ahnung hatte, wo sich der Kerl rumtrieb. Kyle entschied, dass er sich darüber später Gedanken machen würde. Erst einmal gab es noch Spuren, die er verfolgen konnte.
   Er wählte den langwierigeren Anreiseweg mit dem Zug, mietete ein Schlafwagenabteil, startete in den frühen Abendstunden und zog, als die Sonne am nächsten Morgen über dem Horizont aufging, einfach die Jalousien vor das Fenster. So kam er mit deutlich weniger Handicaps in der Metropole Brasiliens an als zuvor in Buenos Aires.
   Auch ohne das bunte Treiben des Karnevals pulsierte die Stadt spürbar. Mehr als er es von Los Angeles kannte. Er musste sich zwingen, die vielen Geräusche und Gerüche auszublenden, die ihn überfluteten. Kyle verhielt sich als stiller Beobachter. Anders als in Buenos Aires wollte er in Rio keine ziellose Jagd auf Grigori machen, sondern vorrangig die Nephilim finden, die sich hier womöglich befanden. Nur wer von den Wächtern zufällig seinen Weg kreuzte, durfte sich von seinem Leben verabschieden. Da kannte er keine Gnade, und irgendwie musste er seinen Hunger stillen.
   Seit vier Tagen war er in der Stadt, doch noch keine Spur von einer Nephilim. Die Stadtarchive gaben nicht viel her, wenn man keine Namen oder wenigstens Jahreszahlen hatte, an denen man sich orientieren konnte. Es kamen Hunderte infrage. Zu viele, um sie alle einzeln zu überprüfen, zumal etliche auch längst wieder fortgezogen waren. Also übte er sich in Geduld und hoffte auf eine ähnliche Situation wie in Buenos Aires. Auf ein Gefühl. Eine Vision, eine Sinneswahrnehmung, die ihm sagte, dass er richtig war. Noch einmal würde er nicht dem Irrglauben aufsitzen, Beth wäre ihm nachgereist. Aber er wusste, dass andere Nephilim ein ähnlich vertrautes Empfinden in ihm wachriefen. Daran konnte er sich festhalten. Angst machte ihm nur der Gedanke, ein weiteres Kind wie das im Waisenhaus zu finden. Ihnen konnte er nicht helfen.
   Je länger er ohne einen Anhaltspunkt in der Stadt blieb, umso mehr trat die Sorge in den Vordergrund, dass ihm womöglich die Zeit davonlief. Die Erkenntnis, wie wenig sie wirklich wussten, konnte eine Qual sein.
   »Hey, schöner Mann. So allein heute Nacht?«
   Eine junge Frau mit südländischen Zügen sprach ihn an. Sie trug ein tief ausgeschnittenes Kleid, das kaum weiter als bis zu ihrem Hintern hinabreichte. Sie war schlank, aber an den Hüften wohlgerundet. Ihre schwarzen Augen blickten erwartungsvoll, während sie ihm ein einladendes Lächeln schenkte. Selbst wenn er ihre Gedanken nicht hätte lesen können, wären sie schwerlich in ihrem Gesicht zu übersehen gewesen.
   Es war nicht das erste Angebot dieser Art, das er in den letzten Tagen bekommen hatte. Offenbar stand man hier auf düstere Typen wie ihn. Die Versuchung war für einen Moment da, doch wie auch die vergangenen Male lehnte er freundlich ab. Die Enttäuschung auf dem Gesicht der hübschen Brasilianerin konnte ihn nicht umstimmen, auch wenn ihr Schmollmund zuckersüß war.
   »Nicht mal auf einen Drink? Du wirst doch eine schwache, kleine Frau wie mich nicht allein lassen wollen in dieser gefährlichen Stadt. Bei Nacht.«
   Er lächelte höflich. »Ich denke nicht, dass du lange allein bleibst. Und schwach bist du sicher nicht.«
   Sie legte ihre Hand aufreizend auf seine Brust und drängte ihr Becken gegen ihn. Ihr Augenaufschlag hätte Eisberge schmelzen können, nicht jedoch das Eis, das sich um sein Herz gelegt hatte. Kyle ergriff ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf. Er sah die Hoffnung in ihren Augen aufblitzen, doch noch an ihr Ziel zu kommen, aber dann fand sie sich urplötzlich allein in der Straße. Es war nicht ohne Risiko, so offensichtlich seine Fähigkeiten zu nutzen, aber für das Mädchen war es besser so. Er beobachtete sie vom Dach eines nahe gelegenen Hauses aus. Sie blickte sich erschrocken um, rieb sich fröstelnd über die Arme. Was hier gerade geschehen war, konnte ihr Geist nicht verarbeiten. Hexerei – Spuk. Eilig rannte sie die Straße hinunter, so schnell es ihre hochhackigen Schuhe zuließen. Für heute Nacht würde sie sich keinem fremden Mann mehr an den Hals werfen, sondern sich in ihren eigenen vier Wänden verkriechen. Gut so. Ihr Leben war zu jung und zu kostbar, um es achtlos wegzuwerfen.
   Kyle schwirrte der Kopf. Er nahm viele Stimmen und Emotionen auf, die er im Augenblick nur mithilfe des Schnitters hätte zurückdrängen können, doch es scheute ihn, seine dunkle Seite öfter als nötig rauszulassen. Irgendwann würde er nicht mehr zurückfinden. Er musste eine Weile hier raus, sich eine Pause gönnen. Abschalten.
   Am Stadtrand gab es etliche leer stehende Gebäude, von denen einige zum Abbruch vorgesehen waren. Dorthin würde sich kaum ein Mensch verirren, nicht einmal die Obdachlosen. Wer wollte schon gern von einer Abrissbirne und einstürzenden Wänden aus dem Schlaf gerissen werden? Für ihn war das Risiko gering, sich aus solch einem Grab nicht mehr befreien zu können. Er konnte es wagen. Es war mehr ein Zufall, dass seine Wahl auf eine alte Sporthalle fiel. Hauptsache einsam, abgelegen und dunkel.
   Als er sich dem Gebäude näherte, überrannten ihn die Eindrücke wie ein Schwarm aufgescheuchter Heuschrecken. Beth! Er atmete ihren Duft, hörte ihren Herzschlag, fühlte ihre Wärme und atmete ihre Aura. Diesmal war ihm sofort bewusst, dass sich eine weitere Nephilim hier aufhielt, doch anders als in Buenos Aires, wo die Sicherheitssysteme die Grigori abgeschirmt hatten, gesellte sich diesmal innerhalb von Sekundenbruchteilen auch deren Präsenz dazu und rief den Schnitter in ihm hervor.
   Als er die Halle betrat, war er vollkommen ruhig und entschlossen. Das Bild, das sich ihm bot, war erschreckend. Acht Grigori umringten eine junge Frau, die am Boden lag. Ihr Körper war übersät mit Bisswunden und tiefen Schnitten. Im ersten Moment dachte Kyle, das Mädchen wäre bereits tot, doch dann hörte er ihren schwachen Herzschlag. Sie lebte – noch. Schwebte irgendwo zwischen Leben und Tod. Waren sich diese Kerle nicht darüber im Klaren, welches Geschöpf sie in ihren Fängen hatten? Welchen Sinn sollte es machen, eine Nephilim auf solch grausame Art zu töten? So nutzte sie ihnen nichts.
   Kyle blieb in einer Entfernung von etwa fünf Metern stehen und stieß ein dunkles Knurren aus, das die Kerle erst auf ihn aufmerksam machte. Die Halle war nur von einer einzelnen Feuertonne erhellt, somit stand er im Schatten und die Kapuze über seinem Kopf tat ein Übriges. Erkennen konnten sie ihn bisher nicht, wohl aber fühlen, was er war. Einige wichen verunsichert zurück, es waren die jüngeren von ihnen. Mit Ohrringen und Piercings, bunt gefärbten Haaren und Tattoos, die dunklen Augen mit Kajal umrahmt. Eine Mischung aus Punker und Gothic, die sich von dem menschlichen Pendant kaum unterschied. Zwei ältere indes traten vor. Große, massige Gestalten mit derben Gesichtern. Der eine von ihnen trug eine Narbe quer über der rechten Wange bis hoch zur Schläfe. Seine Nasenflügel blähten sich, als er die Witterung des Schnitters aufsog, Angst zeigte er nicht.
   »Macht euch bereit, um zu sterben«, knurrte Kyle zornig und ließ die Energie des Schnitters in den Raum fluten.
   Zu seiner Überraschung beeindruckte auch das die Anwesenden wenig. Sogar die jungen Punker kamen wieder näher. Der Kerl mit der Narbe fixierte ihn furchtlos.
   »Du magst damit in den Staaten Eindruck schinden, wo du herkommst. Westküste, wenn ich mich nicht irre«, gurrte er. »Hier interessiert das jedenfalls niemanden. Wir hatten immer schon den ein oder anderen Schnitter. Sie kommen, sie gehen. Manchmal muss man eben ein bisschen nachhelfen.«
   Andere Schnitter? Kyle hatte geglaubt, dass es seit Jahrzehnten keine mehr gegeben hatte. Es war den Grigori untersagt, Schnitter zu erschaffen, und ein Unfall wie der seine war mehr als ungewöhnlich.
   Er ließ sich eine Sekunde zu lang von seiner Verwunderung ablenken. Dadurch reagierte er nicht schnell genug auf den plötzlichen Angriff. Es war der Narbige, der ihn blitzschnell umrundete und von der Seite ansprang. Es riss Kyle von den Füßen, ehe er reagieren konnte. Der Schnitter handelte instinktiv und biss dem Kerl ein Ohr ab, der daraufhin fluchend und schreiend zurücktaumelte und sich die blutende Wunde hielt.
   »Das wirst du bereuen, du Bastard. Pietro, Miguel, José, schnappt euch den Kerl.«
   Die drei jüngsten umringten Kyle, schlichen wie lauernde Hyänen im Kreis, warteten auf einen günstigen Angriffsmoment. Es war kaum möglich, alle drei gleichzeitig im Auge zu behalten und jeden Angriff vorherzusehen. Außerdem schritt auch der Narbige – seine Wunde inzwischen ignorierend – einen größeren Kreis um ihn ab, damit er ebenfalls erneut zuschlagen konnte. Das Ganze sah nicht rosig für Kyle aus. Kein Überraschungsmoment, keine Furcht in den Gegnern und keine Überlegenheit wie zum Beispiel gegenüber den Djin in Phoenix. Hier musste er sich voll und ganz auf seinen Verstand und die Stärke des Schnitters verlassen, die sich bedauerlicherweise nur unzureichend miteinander kombinieren ließen. Die Brücke dazwischen musste seine Entschlossenheit bilden, die beim Blick auf das halb tote Mädchen an Kraft gewann.
   Er zögerte nicht länger, sondern packte sich den ersten der drei Jünglinge und brach ihm in einer raschen Bewegung das Genick, ehe er dessen Kehle aufriss und sich den Lebenssaft in seinen Mund sprudeln ließ. Der Geschmack von Grigoriblut erzielte die gewünschte Wirkung, stärkte den Schnitter.
   Doch diese Wächterengel hier waren nicht unerfahren, was den Umgang mit seinesgleichen anging. Zumindest der Narbige hatte ohne Zweifel schon mehr als einen Schnitter gesehen, und da er noch immer in voller Lebensgröße vor ihm stand, waren diese Zusammentreffen wohl für den Schnitter nicht gut ausgegangen. Vor ihm musste Kyle auf der Hut sein. Er sah die nächste Attacke des bulligen Mannes kommen und wich ihr geschickt aus, wobei er über ihn hinwegsprang, seine Schultern wie ein Katapult nutzte und sich so mit zusätzlichem Schwung auf den zweiten Älteren im Bunde stürzte. Der fing seinen Angriff ab und ließ sich mit Kyle zusammen auf den Boden fallen, wo sie mehrfach übereinanderrollten, ohne dass einer die Oberhand gewann.
   Der Raum war von Fauchen und Knurren erfüllt, in solchen Momenten verging jegliche Menschlichkeit, und sie waren wahrhaft reißende Bestien. Wie nahe sie an Monstern, Dämonen und dergleichen waren, wurde Kyle in diesem Augenblick so richtig bewusst.
   Er hörte das helle Sirren eines Messers und fühlte, wie eine Schattenklinge tief in seinen Leib getrieben wurde. Eine der schmerzhaftesten Waffen, die man gegen einen Gefallenen Engel ins Feld führen konnte. Er stöhnte vor Pein, schaffte es aber, den Grigori von sich zu stoßen. Dennoch blieb das Brennen in seiner Seite. Die Wunde war tief und blutete stark. Er merkte, wie ihn sowohl Schmerz als auch Blutverlust rasch benommen machten. Wenn er sich dem hingab, war das sein Ende.
   Die Reaktion auf den nächsten Hieb mit der Schattenklinge erfolgte automatisch und er wehrte sie gekonnt ab. Wie es ihm gelang, den Arm des Angreifers so zu verdrehen, dass sich die Schneide in dessen eigene Kehle bohrte, wusste er nicht. Es verschaffte ihm allerdings wertvolle Sekunden, um auch diesem Gegner den Todesstoß zu versetzen, indem er seine Faust in dessen Brustkorb trieb und sein Herz wie eine überreife Frucht zerplatzen ließ. Kaum hatte er die blutige Faust wieder aus dem Körper herausgezogen, musste er schon einen der Goth-Punker abwehren, was ihm noch leidlich gelang, doch ein mit dem Knie ausgeführter Stoß des Narbigen gegen seine Rippen brachte ihn wieder zu Fall und ließ Sterne vor seinen Augen tanzen. Er hörte den Knochen knirschen, das Atmen fiel ihm schwer. Die Schattenklinge wechselte in die Hand des nächsten Kämpfers. Wenn sie ihn ein weiteres Mal traf, würden seine Kräfte umso schneller schwinden. Kyle versuchte, sich wieder auf die Beine zu kämpfen, aber die Klinge durchtrennte Sehnen und Muskeln in seinem linken Bein, sodass es unter ihm wegknickte. Er konnte den Sturz gerade noch mit den Armen abfangen. Wie viele waren noch übrig? Sechs? Eigentlich eine lächerliche Zahl für den Schnitter, aber etwas lief hier gewaltig schief.
   Er fühlte einen Tritt in den Bauch, der ihm die restliche Luft aus den Lungen trieb. Das Blut in seinen Adern wurde kalt, ließ ihn frieren und machte seine Glieder taub. Wie sollte er so weiterkämpfen?
   Wie durch dichten Nebel hörte er auf einmal einen hellen, mörderischen Schrei, der ihn an die Furien der griechischen Mythologie erinnerte. Gleich darauf spritzte etwas Warmes, Klebriges auf sein Gesicht. Als er mit der Zunge über seine Lippen fuhr, schmeckte er Blut, Sekundenbruchteile, bevor der schwere Körper des Narbigen über ihm zusammenbrach. Nur von der Narbe war nichts mehr zu erkennen, weil der Kopf auf dem Körper fehlte.
   Kyle bemühte sich, über den Berg von totem Fleisch hinwegzublicken und erkannte einen ninjaähnlichen Kämpfer, der mit äußerst geübten Kicks und Sprüngen und einem zielsicher geführten Messer unter den verbliebenen Wächterengeln wütete. Seltsamerweise konnte er keine Engelsessenz ausmachen – der Kämpfer war weder Cherub noch Azrae noch Djin oder Grigori. Was also war er, dass er so mühelos mit einem halben Dutzend von ihnen fertigwurde?
   Mühsam schob er den Fleischklops von sich und drehte sich auf die Seite. Die Bewegung schmerzte höllisch, aber falls der Neuankömmling auch für ihn eine Gefahr bedeutete, wollte er ihm wenigstens in die Augen sehen, wenn er ihn angriff.
   Zu Kyles Überraschung entpuppte sich der Krieger bei genauerem Hinsehen als eine schlanke, hochgewachsene Frau, die er auf Mitte zwanzig schätzte. Das Messer, das sie in der Hand hielt, war ein Sonnensteindolch. Schnell atmend blieb sie zwischen den Kadavern ihrer Opfer stehen und blickte sich um, ob in der Dunkelheit noch weitere Feinde lauerten.
   »Es waren nur diese acht«, erklärte er keuchend.
   Die Fremde drehte sich abrupt zu ihm um, als ob sie ihn vorher nicht bewusst wahrgenommen hätte. Sie hatte rabenschwarzes Haar, nur die lange Ponysträhne erstrahlte in dunklem Kobaltblau. Heutzutage wurden die Farben wirklich immer verrückter.
   Zu seiner Erleichterung steckte sie den Dolch weg, ehe sie näherkam und ihn mit einer Mischung aus Vorsicht und Neugierde beäugte. Irgendwie erinnerte ihn die Kleine an einen Lara Croft-Verschnitt, wie sie so vor ihm stand.
   »Wenn du das sagst«, erklärte sie trocken. »Ich weiß nicht, ob ich mich auf dein Urteil verlassen kann.«
   Er versuchte ein Grinsen. Offenbar wollte sie ihm nicht ans Leder. »Kannst du.« Beim Sprechen schmeckte er Blut im Mund. Verdammt, es hatte ihn wirklich übel erwischt. Vermutlich war sein kompletter rechter Rippenbogen gebrochen und hatte die Lunge mitverletzt. Das würde ein Weilchen dauern, bis es verheilt war. Von dem Schnitt der Schattenklinge ganz zu schweigen, dessen Schmerz sich gerade wie flüssiges Feuer in seinem ganzen Körper ausbreitete.
   »Mhm! Nimm’s mir nicht übel, wenn ich das ein bisschen anzweifele. So wie es aussieht, habe ich dir gerade deinen Arsch gerettet, weil dein Urteilsvermögen dich fast den Kopf gekostet hat.«
   »Nicht den Kopf. So schlimm war’s nun wirklich nicht. Aber ich gebe zu, ich hab die Typen ein bisschen unterschätzt.«
   Sie schnaubte und verzog die Lippen zu einem humorlosen Grinsen. »Tja, wenn die Gier den Verstand vernebelt.«
   Er konnte ihr nicht widersprechen. Zum einen, weil sie damit nicht unrecht hatte, zum anderen, weil ihm gerade schwarz vor Augen wurde und eine lähmende Kälte seinen Körper ergriff, die ihn Sekunden später des Bewusstseins beraubte.

Kapitel 3

»Eine Pistole?« Der Anblick der Waffe schockte Beth.
   »Nur zur Sicherheit«, erklärte Logan. »Ich bin lieber gut vorbereitet. Schusswunden werfen weniger Fragen auf als blutleere Leichen. Und auch wenn uns ein Grigori angreift, hält ihn das hier zumindest erst mal auf. Solange ihr noch keinen Sonnensteindolch habt.« Er grinste Proud herausfordernd an.
   »Können wir dann?«, drängte dieser. Er machte keinen Hehl daraus, dass es ihm nicht passte, Logan mit von der Partie zu wissen, aber dass ein Einbruch in die Asservatenkammer der Polizei an sich schon nicht ungefährlich war, ließ sich nicht von der Hand weisen. Von der Vermutung, es hier mit Grigori oder mindestens Djin zu tun zu haben, ganz zu schweigen. Da war jedes wehrhafte Paar Hände nützlich.
   Sie fuhren in Logans Pick-up bis zu einer Tiefgarage zwei Blocks vom Revier entfernt. Das hatte Vor- und Nachteile. Bei einer Flucht mussten sie ein ganzes Stück weit laufen, doch sie hatten die Möglichkeit, auf Umwegen zum Wagen zu gelangen und so ihre Spur zu verwischen. Außerdem bestand die Gefahr, dass wer immer mögliche Beweise fortgeschafft und in der Asservatenkammer versteckt hatte, das Revier nicht aus den Augen ließ. Da war es besser, sich nicht direkt auf dem Silbertablett zu präsentieren.
   Logan nahm einen anderen Weg als Beth und Proud. Sie trafen sich wieder in einer Gasse hinter dem Revier. Es überraschte Beth nicht wirklich, dass der Gestaltwandler einen Zugang kannte, der sie ungesehen hineinkommen ließ. Wie oft er das wohl schon gemacht hatte? Und für wen? So konnte man Verbrechen sicher auch vertuschen. Ihr wurde leicht übel, als ihr bewusst wurde, dass man die Schutzengel gezielt zur Vereitelung von Strafverfolgung einsetzte. Hatte man das bei Royce Benning nicht auch getan?
   Sie schüttelte ihr Unbehagen ab und versuchte, Logans eindringliche Blicke zu ignorieren, obwohl sie Proud ansah, dass sie ihm noch weniger passten als ihr. Dafür war keine Zeit, und Logan hatte sicher kein sinnliches Interesse an ihr. Es war mehr eine Herausforderung an Proud, warum auch immer.
   »Wir sind uns schon einig, dass es trotzdem eine total bescheuerte Idee ist, oder?«, fragte Proud, während sie sich an riesigen Heizungsrohren entlang vortasteten.
   »Wieso?«, fragte Logan amüsiert. »Hast du Angst, wir könnten hier eines deiner dunklen Geheimnisse lüften?«
   Er erhielt auf diese Frage keine Antwort.
   »Egal, was an dem Tatort gefunden wurde, es muss erst mal hierher gebracht worden sein. Da wimmelte es von Polizisten. Es hätte keiner was an den Kollegen vorbeischmuggeln können.«
   »Klingt, als wärst du da gewesen«, forderte Proud den Cherub heraus, der die Spitze lässig hinnahm.
   »Ich bin gern informiert. Im schlimmsten Fall finden wir nichts, mit etwas Glück zumindest eine Spur und im besten Fall konnte was auch immer es ist noch nicht weggeschafft werden und wartet hier nur auf uns.«
   Proud murmelte etwas Undeutliches, von dem Beth jedoch eine grobe Vorstellung hatte, worum es ging. Er hasste es, dass sie jedem Strohhalm hinterherrannte, und sie musste zugeben, dass es sie wiederholt in Schwierigkeiten gebracht hatte. Aber sie konnte einfach nicht anders, und was sollte ihr mit zwei solchen Beschützern denn schon passieren?
   Eine schwere Eisentür versperrte ihnen den Weg. Logan war darauf vorbereitet und öffnete das Schloss binnen Sekunden, doch ehe er die Tür aufdrückte, drehte er sich mit ernstem Gesicht zu ihnen um.
   »Wir müssen vorsichtig sein. Vor der Asservatenkammer sitzt sicher ein Beamter. Den müssen wir zuerst ausschalten, ehe wir uns umsehen, aber ohne jedes Aufsehen, sonst können wir gleich den Rückzug antreten.«
   »Ich erledige das«, erklärte Proud.
   Unsicher sah Beth zu ihm auf. »Du meinst doch nicht, dass du ihn …«
   Er grinste schief. »Wofür hältst du mich? Vor allem, nachdem ich sogar deine nette Kollegin am Leben gelassen habe, die es wirklich verdient gehabt hätte, den Löffel abzugeben. Da werde ich dem Kerl, der die Beweisstücke bewacht, bestimmt kein Härchen krümmen.«
   Weder die Art, wie er das sagte, noch seine Miene konnten Beth restlos überzeugen. Eine Wahl blieb ihr jedoch nicht. Logan nickte Proud zu und öffnete lautlos die Tür. Er deutete mit ein paar knappen Gesten an, wo der Vorraum zur Asservatenkammer lag. Proud klopfte ihm auf die Schulter und machte sich auf den Weg.
   »Ich hoffe, er macht keinen Fehler«, flüsterte Beth.
   »Lern, ihm zu vertrauen«, mahnte Logan. »Er weiß, worauf es ankommt. Der Killer, den du zuweilen in ihm siehst, war er nie.«
   Beth warf Logan einen zweifelnden Blick zu. Manchmal war sie sich bei Proud einfach nicht sicher. Sie konnte ihn schlecht einschätzen, und aufgrund ihrer Gefühle für ihn traute sie ihrer eigenen Wahrnehmung noch weniger.
   Keine fünf Minuten später tauchte Proud am Ende des Ganges auf. Mit einem breiten Grinsen winkte er sie heran. Das Erste, was Beth tat, als sie die Asservatenkammer betraten und sie den leblosen Körper eines jungen Polizisten auf dem Boden liegen sah, war, ihm den Puls zu fühlen. Gottlob schlug er kräftig und regelmäßig. Sie atmete auf.
   »Vielen Dank für dein Vertrauen«, ätzte Proud beleidigt. »Also, wo müssen wir suchen?«
   Das wusste Logan nicht oder er gab zumindest vor, es nicht zu wissen. Der Cherub war sichtlich nervös, was in Beth die Frage aufkommen ließ, wie viel er wusste und ob er sich womöglich auch deshalb bereit erklärt hatte, die Asservatenkammer aufzusuchen, weil es etwas gab, das er verschwinden lassen wollte. Ihr Blick streifte Proud, ihm schien Ähnliches durch den Kopf zu gehen.
   Der Gestaltwandler deutete auf den Computer. »Müsste dort nicht alles katalogisiert sein? Am besten, wir werfen mal einen Blick hinein.«
   Er wollte sich schon auf den Stuhl setzen, auf dem kurz zuvor noch der junge Beamte gesessen hatte, aber Proud kam ihm zuvor.
   »Ich mach das«, erklärte er harsch, woraufhin Logan beschwichtigend die Hände hob.
   Beth rieb sich fröstelnd über die Arme, während sie hinter Proud stand und ihm dabei zusah, wie er die vielen Daten im Computer durchsuchte. Sie wäre im Leben nicht damit klargekommen. So was war einfach nicht ihre Welt.
   »Hier! Das müsste es sein. Tatort St. Johns Health Center, Code 187, also Mord. Da in den letzten Monaten nur Swan dafür infrage kommt …”
   Ein leiser Zweifel schlich sich für eine Sekunde in Beth’ Herz, ob sie wirklich das Richtige tat, wenn sie einen Blick auf die gesicherten Beweise warf. Wo sollte der Zusammenhang bestehen – zwischen Indizien für den Mord und Nachweisen ihrer Herkunft? Oder hatte der Traum sie aus einem ganz anderen Grund hierher geführt?
   »Beth?«
   Proud blickte sie fragend an, hastig nickte sie. »Lass uns nachsehen.«
   Den Schlüssel zum Öffnen der Asservatenkammer fanden sie bei dem bewusstlosen Beamten. Beim Betreten des großen, mit Regalen und Fächern ausgestatteten Raumes schlug ihnen ein modriger Geruch entgegen, der Beth dazu veranlasste, sich den Ärmel ihres Pullovers vor Mund und Nase zu halten.
   »Appetitlich«, schnaubte Proud angewidert.
   »Tja, das Zeug hier gammelt zum Teil ja auch schon ziemlich lange rum«, meinte Logan lapidar. Gerade ihn mit seiner empfindsamen Nase schien der fragwürdige Duft am wenigsten zu stören.
   »Man kommt sich ein bisschen vor wie in einem Gruselkabinett«, flüsterte Beth. Allein der Gedanke, wie viele Asservate wohl mit Morden oder anderen Gewaltverbrechen in Verbindung standen, bereitete ihr Unbehagen.
   »Vielleicht eher wie in einem düsteren Thriller«, schlug Proud vor.
   Sie schritten die Regalreihen ab und suchten nach der entsprechenden Fallnummer. Irgendwie hatte sich Beth die Asservatenkammer nicht ganz so groß vorgestellt. Und vor allem nicht mit teils solch abstrusen Gegenständen gefüllt. Von Werkzeugen, allerhand Papieren und Medikamenten über Waffen, Fotos und normale Gebrauchsgegenstände bis hin zu konservierten Exponaten und absonderlichen Dekorationsartikeln war wirklich alles dabei. Am gruseligsten fand sie die kleinen Schrumpfschädel, die sowohl zu einem Menschen wie auch einem Affen gepasst hätten, und die jemand wohl als Schmuggelware ins Land hatte befördern wollen.
   Endlich standen sie vor dem Fach mit der Nummer des Mordfalles im St. Johns. Aber es war genauso leer wie der Spind in der Klinik. Beth stockte. Fassungslos stand sie vor dem Fach, griff hinein, weil sie glaubte, ihre Augen müssten ihr einen Streich spielen, doch dem war nicht so.
   »Tja, da war wohl jemand schneller als wir«, stellte Logan mit einem seltsamen Unterton in der Stimme fest.
   Beth legte ihre Hand auf den Boden des Fachs, in dem die Beweisstücke laut Computerverzeichnis gelegen hatten. Sie zitterte und begriff selbst nicht recht, was da gerade in ihrem Kopf geschah, konnte es aber ebenso wenig stoppen.
   »Beth? Was ist los?«
   Proud fasste sie an der Schulter, schüttelte sie. Langsam kehrte ihr Verstand ins Hier und Jetzt zurück, verweilte aber dennoch auch … sie wusste es nicht genau.
   »Das ist nicht von Bedeutung«, erklärte sie leise. »Dass das Fach leer ist, meine ich. Ich weiß, was hier gelegen hat. Ich kann es sehen. Da waren … Tonbänder, aber auch noch etwas anderes. Sehr viel Älteres.«
   »Der Dolch?«, warf Proud ein.
   Sie schüttelte langsam den Kopf. »Nein, keine Waffe. Die hat hier nie gelegen. Ich sehe altes Papier. Kryptische Zeichen. Versteckt in dem Dossier. Eine Seite … aus der Vergessenen Schrift.«
   Zischend stießen Proud und Logan gleichzeitig die Luft aus.
   »Bist du sicher?«, fragte Proud. »Du … Ich meine, keiner von uns weiß, wie dieses Ding aussieht. Es ist unmöglich, dass ein Teil davon den Weg in diese Welt gefunden hat. Das würde allem widersprechen, was man sich darüber erzählt.« Auf die Tonbänder ging er überhaupt nicht ein.
   Sie wandte sich ihm langsam zu. Ihr war eiskalt, sie fühlte sich ein weiteres Mal nicht ganz in ihrem Körper verankert. Ein schreckliches Gefühl, an das sie sich nicht gewöhnen wollte. Die Worte waren wieder da. Genau wie in ihrem Gefängnis oder sogar noch davor. Waren sie Teil der Vergessenen Schrift? Die Übersetzung der Zeichen, die sie gerade sah? Verdammt, sie konnte ihrem eigenen Verstand nicht mehr trauen. »Ich kann es dir nicht erklären, aber ich … ich sehe es direkt vor mir. Und ich … weiß einfach, dass es eine Seite der Schrift ist. Die Zeichen darauf kann ich nicht lesen. Sie sind alt. Aber es geht eine Energie davon aus, die noch immer in diesem Fach präsent ist. Spürst du es denn nicht? Keiner von euch?«
   Sie blickte zwischen Proud und Logan hin und her, doch beide Männer schüttelten den Kopf.
   »Was wollte Swan mit einer Seite der Vergessenen Schrift? Und vor allem, wie zur Hölle ist er da herangekommen?«, überlegte Proud.
   Eine Frage, die sich auch Beth stellte, obwohl sie nach wie vor nur vage wusste, was diese Schrift tatsächlich war und wozu sie diente.
   »Die Frage werden wir wohl nicht geklärt bekommen«, stellte Logan fest.
   »Es sei denn, wir finden den, der sie ihm verschafft hat. Oder den, der sie entwendet hat.«
   Logan ruckte unvermittelt herum. Sein gesamter Körper schaltete von einer Sekunde zur anderen auf Anspannung.
   »Was ist los?«, wollte Proud wissen.
   Logan hob witternd die Nase. »Riechst du das nicht?«
   Proud verdrehte die Augen. »Es stinkt. Das tut es schon die ganze Zeit.«
   Der Cherub schüttelte den Kopf. »Nein, das hier ist anders. Es riecht … nach verwesendem Fleisch. Wie eine … Leiche. Eine, die sich gerade bewegt hat.«
   »Leichen bewegen sich nicht«, konterte Proud, doch Logan ließ sich nicht davon abbringen.
   Beth rieb sich fröstelnd über die Arme. Sie hatte das Gefühl, als wäre es gerade kälter geworden im Raum. Als wäre etwas Dunkles, Bedrohliches zu ihnen gestoßen, das sich langsam ausbreitete.
   Systematisch schritt Logan die Regalreihen ab, bis er schließlich vor einer Wand stehen blieb, auf die er seine Hände legte. Langsam ließ er sie daran hinuntergleiten.
   Auf den ersten Blick wirkte sie normal, doch als sie genauer hinsah, bemerkte auch Beth, dass es keine Wand war, sondern lediglich eine Art Tapete, die jemand auf ein weiteres Regal geklebt zu haben schien. Warum?
   Mit einem Ruck riss Logan das Papier beiseite.
   Beth unterdrückte nur mühsam einen Aufschrei und schlug sich die Hand vor den Mund, als hinter dieser Scheinwand die halb verweste Leiche eines Mannes zum Vorschein kam. Sie brauchte nur Sekunden, um in dem Toten den jungen Ermittler von der Spurensicherung zu erkennen, obwohl der Körper nur noch wenig Ähnlichkeit mit einem Menschen besaß. Das Fleisch hing teilweise in Fetzen herunter. Ratten hatten an dem Kadaver genagt.
   »Das kann nicht sein. Ich habe ihn doch noch vor wenigen Tagen in der Klinik gesehen. Keine Woche, bevor Margret mich im Keller gekidnappt hat.«
   Die beiden Männer wechselten vielsagende Blicke. »Tja, ich würde sagen, wen auch immer du gesehen hast, er war definitiv kein Mensch. Deine Vermutung mit dem Djin war wohl richtig. Nur betraf sie eine andere Person. Weißt du, wie er hieß?«
   Sie trat zögernd näher, konnte trotz ihres Ekels den Blick nicht abwenden. »Steve River. Sagte er jedenfalls.«
   Logan beugte sich vor und durchwühlte die blutbefleckte Kleidung des Toten. Offenbar störte ihn dessen Zustand nicht im Geringsten.
   »Was suchst du?«, fragte sie unsicher.
   Er zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht, ist nur so ein Gefühl.« Sekunden später förderte er einen Ausweis zutage. »Zumindest hat er die Wahrheit gesagt. Na ja, wie man es nimmt. Der Typ hieß wirklich Steve River, aber ich denke wie gesagt auch, dass derjenige, der sich dir als selbiger vorgestellt hat, eher ein Djin gewesen sein dürfte. Dein Gefühl galt daher vermutlich nicht Balmer, sondern dem Doppelgänger dieses armen Kerls. Du magst sie nicht einordnen können, aber du spürst die Nähe von Engeln.«
   »Was denkst du, wie lange ist er tot?«, wollte Beth wissen und kämpfte mühsam gegen die Übelkeit. Der Geruch war kaum zu ertragen und mit jeder Bewegung der Leiche bei Logans Durchsuchung stieg ein neuerlicher Schwall von Verwesung auf. Wie hielten die Pathologen so was nur aus? Oder die Totengräber? Oder Ermittler, die an einen älteren Tatort gerufen wurden?
   Logan schürzte die Lippen. »Schwer zu sagen, wie lange er hier liegt. Dem Verwesungszustand nach zu urteilen, schon eine ganze Weile, aber hier drin ist es kühl, das hat den Prozess sicher etwas verlangsamt. Vielleicht gammelt er seit einem Monat hier vor sich hin, vielleicht eine Woche weniger oder mehr. Ich muss schon sagen, wer auch immer dahintersteckt, hat Nerven, ihn hier zu töten und zu verstecken. Direkt unter der Nase der Polizei.«
   »Na ja«, wandte Proud ein, »hier riecht es sowieso ziemlich streng. Da fällt es offenbar nicht so schnell auf.«
   Logan stockte kurz, dann fluchte er unterdrückt. Neugierig beugte sich Beth trotz des Geruchs nach vorn, um zu sehen, was er entdeckt hatte. Da erklang unvermittelt ein tiefes, dumpfes Grollen hinter ihnen. In dem Moment, in dem sie sich umdrehten, erloschen die Lichter der Deckenbeleuchtung. Beth stieß einen spitzen Schrei aus, Proud war sofort an ihrer Seite und schob sie hinter sich.
   »Was ist das für eine Scheiße?«, fluchte er.
   »Keine Ahnung«, raunte Logan, »aber es gefällt mir absolut nicht.«
   Der Cherub tat vorsichtig ein paar Schritte durch den Raum, das Knurren erklang erneut. Diesmal näher.
   »Was ist das?«, hauchte Beth. Das Bewusstsein, dass hinter ihr eine halb verweste Leiche in der Dunkelheit lag, war ihrem Gemütszustand auch nicht wirklich zuträglich.
   »Das sollte uns Logan vielleicht am besten erklären können«, meinte Proud finster, doch der Gestaltwandler schwieg.
   Ob es einer seiner Leute war? Nein, dann wäre er nicht so beunruhigt. Oder waren sie erneut in eine Falle getappt?
   Proud folgte Logan und zog Beth hinter sich her. Sie bewegten sich langsam, Beth spürte instinktiv, dass die beiden Männer den Raum abscannten. Ihre Augen funktionierten immerhin auch im Dunkeln relativ gut, während Beth praktisch blind war.
   »Etwas schleicht geduckt zwischen den Regalen entlang.«
   »Ich sehe es, Proud. Aber es ist zu schemenhaft, um darauf zu schießen.«
   Das Notaggregat sprang an und tauchte den Raum in grünes Licht. Dabei offenbarte es auch ihren unerwarteten Besucher. Einen Wolf – und er war nicht gerade freundlich gesonnen.
   Das Tier war riesig und bleckte die Zähne. Sein schwarzes dichtes Fell glänzte im Schein der Notlampen, deren Licht seine gelben Augen dämonisch aufleuchten ließen. Es hatte eindeutig Proud im Visier.
   »Zur Seite«, rief Logan.
   Im nächsten Moment erklang ein dumpfes Geräusch. Beth brauchte einige Sekunden, um zu realisieren, dass es der Schalldämpfer der Pistole war. Der Wolf setzte zeitgleich zum Sprung an und stieß sich mit seinen kräftigen Hinterpranken vom Boden ab. Proud gab ihr einen Schubs, sodass sie zur Seite stolperte, dann fiel er schon und man sah nur noch den mächtigen Schatten des Wolfes über ihm. Hinter Beth’ Stirn jagten sich die Gedanken. Schieß! Nein, schieß nicht, du könntest Proud treffen! Sie hatte keine Ahnung, ob ihre Gedanken Logan erreichten, aber ihr Herz setzte einen Schlag aus vor Erleichterung, als Proud das Tier von sich runterwarf und blitzschnell wieder auf die Beine kam. Die nächste Attacke ließ allerdings nicht lange auf sich warten. Diesmal war Proud vorbereitet und wehrte sie ab. Dennoch hörte Beth etwas reißen und hielt den Atem an. Hoffentlich war es keine schlimme Verletzung. Ein weiteres Mal erklang das dumpfe Geräusch eines durch den Schalldämpfer abgefeuerten Schusses. Und danach gleich noch mal und noch mal. Der Wolf ließ von Proud ab, machte einen Satz auf Logan zu, dessen Miene beängstigend unbeeindruckt war. Er fixierte das Raubtier mit kaltem Blick, feuerte erneut. Es konnte doch nicht sein, dass die Kugeln ins Leere gingen. Oder waren das nur Platzpatronen? Die Antwort erhielt Beth, als sich der kupferne Geruch von Blut unter die anderen Düfte der Asservatenkammer mischte. Mit wütendem Knurren schnappte sich der Wolf urplötzlich die Leiche und war im nächsten Moment auch schon verschwunden, als wäre er nie da gewesen.
   Beth hämmerte das Herz in der Brust, als wollte es zerspringen. Ihre Beine zitterten so stark, dass sie es nicht wagte, aufzustehen. Stattdessen kroch sie auf allen vieren zu Proud hinüber und streckte die Hand nach ihm aus.
   »Geht es dir gut? Bist du verletzt?«
   Er ergriff ihre Hände und zog sie auf die Beine. Sein Lächeln war beruhigend. »Alles gut. Mir ist nichts passiert. Er begutachtete den Riss in seiner Jacke. »Puh! Ich würde sagen, Glück gehabt.«
   »Glück?«
   »Ja, es ist nur der Stoff. Er hat mich wirklich nicht verletzt, aber für den Schaden an dem teuren italienischen Leder wird er mir noch bezahlen. Das war meine Lieblingsjacke.«
   »Das war Kayden«, erklärte Logan, der wieder zu ihnen trat und gerade die Waffe in seinen hinteren Hosenbund steckte.
   »Du kennst diese Bestie?« Prouds Gesichtsausdruck sprach Bände. Offener konnte er sein Misstrauen kaum zeigen.
   Beleidigt verzog Logan das Gesicht. »Hey, ich hab dir den Kerl gerade vom Hals geschafft, ja? Der hätte auch weit mehr anrichten können als das da.«
   »Wer ist er?«
   »Ein Halbwandler. Gehört zu meinem … einem Rudel, das draußen vor der Stadt in einem Waldstück lebt.«
   »Ach so. Und weil im Wald gerade das Wild ausgegangen ist, fängt man sich mal eben ’ne Leiche aus dem Polizeirevier.« Die unterschwellige Frage, die darin mitschwang, war nicht zu überhören.
   »Mann, ich weiß nicht, was er hier macht. Normalerweise verlässt er das Rudel nicht. Dafür sorgt schon der Alpharüde.«
   »Der bist nicht du?« Proud ließ keinen Zweifel daran, dass er Logan sowieso nicht glauben würde, wenn er leugnete.
   »Ich kenne das Rudel. Ich halte Kontakt, aber ich führe es nicht. Sie haben eine Leitwölfin.«
   Proud stieß ein höhnisches Lachen aus. »Alles klar. Das erklärt es wohl.«
   »Lass Kadira da raus«, warnte Logan knurrend und klang dabei nicht minder gefährlich wie sein Pendant von gerade eben. »Sie steckt sicher nicht dahinter. Darauf verwette ich meine Seele.«
   »Schön. Ich erinnere dich, dass du auch schon mal deinen rechten Arm auf was verwetten wolltest. Der ist auch schon flöten, wenn man es genau nimmt.«
   »Das ist was anderes.«
   »Hey, ihr beiden, könntet ihr mit diesem blöden Streit aufhören?«, fuhr Beth dazwischen. »Vielleicht sollten wir hier erst mal verschwinden, ehe es gleich von Polizisten wimmelt. Den Rest können wir später zu Hause klären.«
   Die zwei Männer funkelten sich zornig an, mussten ihr aber zustimmen. Hier gab es sowieso nichts mehr zu holen. Eilig verschwanden sie auf demselben Weg, den sie gekommen waren. Erst im Wagen führten sie die Unterhaltung fort. Ehe es erneut zum Streit zwischen ihren Begleitern kam, lenkte Beth das Thema auf die Natur ihres unerwarteten Angreifers.
   »Gehört Kayden zu deinen Leuten?«
   »Nein!«, sagte Logan bestimmt.
   »Wie man’s nimmt«, mischte sich Proud ein.
   »Was soll das heißen?« Sie wurde nicht recht schlau, aber offenbar wusste Proud mehr als Logan recht war.
   »Ja, erklär ihr, was es heißt, dass diese Bestie da eben auftauchen konnte. Ihre Existenz gehört wohl auch zu den Dingen, die nicht gern gesehen sind.«
   Logan seufzte tief, setzte aber zu einer Erklärung an. »Wenn ein Cherub in Wolfsgestalt einen anderen Engel beißt, so verwandelt sich dieser in einen Halbwandler. Die sind gefangen in ihrer Tiergestalt. Bis zum Tag der großen Erlösung.« Er schenkte ihr einen bedeutsamen Blick.
   »Lass mich raten. Der hat auch mit mir zu tun, oder?«
   Er zuckte entschuldigend die Achseln. »Zumindest mit einer Nephilim.«
   Sie presste unwillkürlich die Fäuste gegen ihre Schläfen. Hörte das denn nie auf? Wie viele Geschöpfe gab es noch, die ein Interesse an ihrem Leben hatten? Oder besser gesagt: ihrem Tod! »Und wenn er Proud erwischt hätte?«
   »Dann wäre er auch zu einem Halbwandler geworden. Und zu einem Teil des Rudels.«
   »Deines Rudels«, zischte Proud. »Eher friert die Hölle ein.«
   »Es ist nicht mein Rudel«, stellte Logan energisch klar. »Ich fühle mich für sie verantwortlich. Schließlich sind sie nicht freiwillig zu dem geworden, was sie sind. Aber ich führe das Rudel nicht, und Kayden würde sich mir noch viel weniger beugen als du.«
   Proud schnaubte abfällig. »Macht mir den Kerl direkt sympathisch.«
   Sie warf ihrem Gefährten einen ärgerlichen Blick zu. Immerhin verdankten sie Logan gerade, dass sie noch lebten.
   »Hat es nur so ausgesehen oder waren die Kugeln wirkungslos bei diesem Halbwandler?«
   »Ich hatte nicht mit so was gerechnet«, entschuldigte sich Logan. »Darum waren es normale Kugeln. Die halten einen Halbwandler so wenig auf wie einen Engel, gleich welcher Art. Sie tun weh, ja, aber die Wunden heilen in wenigen Stunden.«
   »Warum hat er die Leiche mitgenommen? Was denkst du?«
   »Ich habe keine Ahnung«, antwortete er ihr und Beth sah an dem Ausdruck in seinem Gesicht, dass er die Wahrheit sagte.
   »Was tun wir jetzt?«, wandte sie sich an Proud.
   »Auf jeden Fall können wir nicht länger in L.A. bleiben. Du bist hier nicht mehr sicher. Auch nicht in Logans Haus. Wir müssen weg. Untertauchen. Je weniger wissen, wo wir sind, umso besser.«
   »Lloyd?«
   Er schüttelte den Kopf. »Jetzt weniger denn je. Wir müssen weiter weg. Raus aus dem Einflussgebiet von van Vaughn.«
   »Du denkst, dass er damit zu tun hat?« Logan klang ehrlich verwundert.
   »Wer weiß. So oder so, die Luft in der City ist dünn. Zu viele Fremde tummeln sich gerade hier. Etwas geht vor sich und wir tappen alle im Dunkeln, was es ist.«
   Logan schürzte die Lippen und nickte. »Okay. Wenn du bereit bist, mir zu vertrauen, kann ich euch an einen sicheren Ort bringen. Wir haben viele Verstecke, das weißt du. Und einige kenne nur ich allein.«
   Man brauchte nicht viel Fantasie, um zu erkennen, dass Proud darüber nicht gerade begeistert war. Aber die Alternativen hielten sich in Grenzen.
   »Wir haben wohl keine Wahl. Wenn es dort irgendwelche Überraschungen gibt, reiß ich dir den Arsch auf.«

Kapitel 4

»Soso, ein Schnitter«, drang eine sanfte, spöttische Stimme in Kyles trüben Verstand.
   Er brauchte einige Augenblicke, um sich zu orientieren.
   Der erste Fixpunkt war die Lara Croft-Kopie, die unvermittelt an seiner Seite gekämpft hatte und nun grinsend über ihn gebeugt auf ihn herabsah.
   »Wer hätte das gedacht, dass ich einem von deiner Sorte einmal live begegne. Ich hab immer geglaubt, ihr würdet erst bei der Apokalypse auftauchen, aber irgendwie hab ich die Reiter dann wohl verpasst«, feixte sie und presste ein Tuch auf die tiefe Wunde an seiner Seite.
   Kyle verzog zischend den Mund. »Ich hatte es schon immer etwas eiliger als der Rest«, konterte er, was Lara zum Lachen brachte.
   »Sieht so aus.« Sie betastete seinen Brustkorb kritisch. »Dich hat es übel erwischt, mein Lieber. Die Rippen sind nicht schlimm, die heilen bereits. Und die Sehnen in deinem Bein auch. Aber dieser Schnitt hier ist ordentlich tief und wird dir noch ’ne ganze Weile höllisch wehtun.«
   Danke, so genau wollte er das überhaupt nicht wissen. Reichte schon, dass er es fühlen musste. »Wo ist die Kleine?«, fragte er und blickte sich nach ihr um.
   »Keine Sorge, sie lebt. Noch! Aber sie hat auch ganz schön was abbekommen. Lange hätte sie das nicht mehr durchgehalten. Ich werde sehen, dass ich ein paar Medikamente besorge, sobald ich dich notdürftig versorgt habe. Eine Klinik ist zu heikel. Zu viele von deren Sorte treiben sich da rum. Da wäre sie schneller tot als du wieder auf den Beinen.«
   Er versuchte stöhnend, sich aufzurichten. In seinem Kopf drehte sich alles und in seinen Eingeweiden schien ein Feuersturm zu toben.
   »Du solltest wirklich noch eine Weile liegen bleiben«, mahnte sie und drückte ihn sanft, aber bestimmt wieder auf den Boden.
   »Ich kann nicht. Wir müssen hier weg. Wir müssen uns um die Kleine kümmern.«
   »Das mache ich schon. Und fürs Erste können wir hier bleiben. Die Wächter sind alle tot, der Kasten hier liegt so abgelegen, dass wir auch nicht allzu bald mit Nachschub rechnen müssen. Soweit ich das beurteilen kann, sind es Abtrünnige – keiner Familie mehr angehörig.«
   »Woher weißt du das?« Seine Zunge fühlte sich pelzig an beim Sprechen. Er hoffte, dass er sich klarer artikulierte, als es in seinem Kopf wirkte.
   Sie deutete in ihre Umgebung. »Das hier ist deren Zuhause. Sie haben sich hier eingerichtet. In einem Abbruchhaus. Wenn sie zu einer Familie gehören würden, hätten sie höhere Ansprüche.«
   Er hatte Mühe, ihren Ausführungen zu folgen und verschob weitere tief greifende Fragen daher auf später. Erst einmal musste er sich wieder wie in einem Stück fühlen. »Gott, was gäbe ich gerade für eine Zigarette«, stöhnte er.
   »Soll ich dir welche mitbringen?«
   Er schüttelte den Kopf. »Nein, hab aufgehört.«
   Sie blickte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
   »Zu ungesund«, erklärte er und grinste.
   »Ja, schon klar.«
   »Wie heißt du?«
   »Kesha«, antwortete sie. »Und du?«
   »Kyle. Kyle McLean.«
   Sie nickte knapp. »Ich werde dich jetzt allein lassen, Kyle. In einer Stunde bin ich wieder da. Tut mir leid, dass ich dir das antun muss, aber ich will sichergehen, dass das Mädchen wenigstens noch eine Chance auf Überleben hat, wenn ich zurückkomme.«
   Mit diesen Worten ließ sie ein Paar Handschellen zuschnappen, mit denen sie ihn an einem der freigelegten Träger festmachte. Reflexartig wollte er aufbegehren, doch als er nach vorn schnellte, rissen ihn die Ketten augenblicklich wieder zurück und schnitten schmerzhaft in seine Handgelenke.
   »Lass das lieber bleiben«, mahnte sie kühl. »Die Dinger halten jeden von euch und können ausgesprochen schmerzhaft sein. Ich nehm’ sie dir ab, sobald ich zurückkehre. Es ist zu deiner eigenen Sicherheit. Ich weiß, du willst das Mädchen nicht töten, aber der Schnitter in dir wird seinen Hunger an ihr stillen wollen, um schneller zu heilen.«
   Kyle funkelte Kesha an. »Und wenn du nicht zurückkehrst? Verhungere ich hier, oder was?«
   Sie hatte nur ein müdes Lächeln als Antwort übrig. Dann verschwand sie durch die Tür und ließ ihn mit der bewusstlosen Nephilim allein.

Es dauerte nicht einmal eine halbe Stunde, bis Kyle Kesha Abbitte leisten musste. Sie hatte eindeutig recht gehabt. Der Hunger in ihm war unerträglich, der Schnitter gierte nach dem Blut, dessen Duft den ganzen Raum schwängerte. Er hörte den schwachen Herzschlag des Mädchens und wurde den Gedanken nicht los, dass sie sowieso sterben würde. Warum sollte er sich nicht an ihr laben, ihrem Tod einen Sinn geben? Er verfluchte sich für diese Gedanken, doch er konnte sie nicht ausschalten. Mehrmals riss er an den Ketten, die ihn hielten, jaulte wie ein Hund unter dem Schmerz, den sie auslösten. Was für ein beschissener Zauber war das, der diesen Dingern innewohnte? Aber wären sie nicht gewesen, er hätte die Nephilim bis auf den letzten Tropfen ausgesaugt und sich danach vermutlich selbst aus Gram das Herz aus der Brust gerissen. Er hatte L.A. verlassen, um sie zu suchen und in Sicherheit zu bringen. Nicht, um sie zu töten. Als Kesha endlich zurückkehrte, bedachte sie ihn mit einem kritischen Blick, der ihn kurz daran zweifeln ließ, ob sie ihr Versprechen halten würde. Aber dann kniete sie neben ihm nieder und löste die Handfesseln. Er konnte ein erleichtertes Aufseufzen nicht unterdrücken.
   »Tut mir leid, aber ich denke, du verstehst, dass diese Maßnahme nötig war.«
   Er nickte stumm.
   »Hier!« Sie reichte ihm einen Beutel Blut, den er zögernd entgegennahm. »Ist zwar nicht von einem Grigori, aber es wird dir trotzdem helfen, schneller zu heilen.«
   »Woher hast du das?«
   Sie grinste breit und zwinkerte. »Geheime Quellen.«
   Anschließend widmete sie sich dem halb toten Mädchen. Erstaunlich souverän untersuchte sie dessen Verletzungen gründlicher als zuvor, zog mehrere Medikamente in einer Spritze auf und verabreichte ihrer Patientin diesen Cocktail. Kyle trank derweil gierig die Blutkonserve und beobachtete ihr Tun genau.
   »Hast du keine Angst, dass ich dich angreife?«, fragte er nach einer Weile herausfordernd.
   Sie lachte leise. »Du hast doch gesehen, wie ich mit den Wächtern fertig geworden bin. Und davon abgesehen habe ich immer noch den hier.« Sie zog den Bund ihrer Jacke beiseite und offenbarte darunter den Sonnensteindolch.
   »Darf ich fragen, woher du ihn hast?«, fragte er und streckte intuitiv die Hand danach aus.
   Sofort ließ sie die Jacke wieder darüberfallen und blickte ihn ernst an. »Du kannst ihn nicht mehr berühren«, erklärte sie warnend. »Es ist das Wächterblut in dir. Aber du brauchst auch keinen Sonnensteindolch mehr, um sie zu töten – die Ältesten. Du bist durch deine Wandlung zum Schnitter längst mächtiger als diese Waffe geworden. Es ist dir nur noch nicht bewusst.«
   Er verzog skeptisch den Mund. »Na ja, nach heute bin ich mir da nicht mal so sicher.«
   Ihr Blick war unergründlich. »Wie gesagt. Du bist dir dessen noch nicht bewusst, aber das kommt noch.«
   »Woher weißt du das alles?« Es erschien ihm seltsam, dass ein Mensch so gut über Schnitter, Wächter und dergleichen Bescheid wusste. Besser noch als er selbst, obwohl er ein Teil dessen war.
   Kesha zuckte gleichmütig die Schultern. »Ich habe mich erkundigt. Was man bekämpfen will, sollte man kennen.«
   »Und du bekämpfst die Wächter? Warum?«
   »Du stellst sehr viele Fragen, Kyle McLean.« Eine Antwort blieb sie ihm schuldig. Stattdessen warf sie ihm einen zweiten Beutel Blut hin, nachdem der Erste geleert war, und kümmerte sich weiter um die Verletzungen des Mädchens.
   »Hast du Erfahrung darin?«
   »Du meinst, ob ich weiß, was ich hier tue? Ja, im Großen und Ganzen schon. Ich habe schon einige Leute wieder zusammengeflickt, die das Pech hatten, diesem Pack in die Hände zu fallen.« Zwischen ihren Augenbrauen bildete sich eine kleine Zornesfalte. »Diese selbstgefälligen Schweine. Über andere wollen sie richten, dabei sind sie es, die am weitesten vom Weg abgekommen sind.«
   Sie schien tatsächlich eine ganze Menge über die Gefallenen zu wissen, aber dass das Mädchen eine Nephilim war vermutlich nicht. Jedenfalls erwähnte sie nichts dergleichen.
   Nachdem sie dessen Wunden versorgt hatte, bezog sie Posten an einem der Fenster und spähte in die schwindende Dunkelheit hinaus. »Du solltest dich in einen der Geräteräume zurückziehen«, wies sie ihn an. »Die Sonne geht bald auf, und in deinem derzeitigen Zustand würde sie dir nicht gut bekommen.«
   Da konnte er ihr nicht widersprechen. Sein Blut war gerade damit beschäftigt, seine Rippen und die Stichverletzung zu heilen. Um Sonnenschutz konnte es sich währenddessen nicht auch noch kümmern.
   »Wirst du auf sie aufpassen?«, fragte er mit Blick auf die Kleine.
   Kesha sah zu dem schlafenden Mädchen hinüber. »Ich passe auf euch beide auf. Mehr kann ich sowieso nicht mehr tun. Ob sie lebt oder stirbt, liegt nicht mehr in meiner Hand.«

Überschrift

Logan hatte das neue Versteck mit Bedacht gewählt, daher hatte es ein paar Tage gedauert, bis sie umziehen konnten. Sie waren die ganze Nacht durchgefahren, meist über Land und Wege, die abseits der regulären Straßen lagen. Beth hatte keine Ahnung, wo sie sich befanden. Sie war mehrmals während der Fahrt eingenickt, aber immer wieder aus wirren Träumen hochgeschreckt. Allein Prouds Nähe und die Sicherheit in seinen Armen hatten sie jedes Mal rasch beruhigt und in einen seichten Schlummer zurückgleiten lassen. Ihr Raum- und Zeitgefühl war dabei jedoch vollkommen flöten gegangen.
   Gilles saß steif und schweigend auf dem Beifahrersitz neben Logan. Sie hatten entschieden, dass der Cherub niemanden von seinen eigenen Leuten einweihen würde. Das Risiko war derzeit einfach zu groß. Sie konnten keinem trauen.
   Beth wusste, dass Proud auch Logan selbst nicht restlos vertraute, doch er war im Augenblick das kalkulierbarste Risiko.
   Gerade erhellten die Scheinwerfer eine schmale Zufahrt und die Fassade einer daran anschließenden größeren Blockhütte. Jedenfalls machte das Gebäude von außen einen entsprechenden Eindruck. Das relativierte sich rasch, nachdem sie es betreten hatten. Im Inneren entpuppte sich ihre Zuflucht als ausgesprochen gemütlich und auch recht modern.
   »Es gibt Wasser, Strom, Satellitenfernsehen und sogar Internet und Handyempfang. Ihr seid hier gut versteckt und dennoch nicht von der Welt abgeschnitten«, erklärte Logan und trug einen der Kartons herein, die sie aus dem McLean-Haus geholt und nicht mehr ausgepackt hatten, weil es sich nicht gelohnt hatte, wo sie ohnehin nicht bei Logan bleiben konnten. »Wohin damit?«
   Beth warf einen Blick hinein. Es waren die Sachen ihrer Mutter und einige Kleidungsstücke. »Den nehme ich, danke.«
   Sie trug ihn in das größere der beiden Schlafzimmer. Für einen Moment stand sie unschlüssig an der Tür. Da es nur zwei Schlafräume gab und Gilles ebenfalls irgendwo nächtigen musste, stand wohl außer Frage, dass sie sich dieses Zimmer mit Proud teilen würde.
   »Wenn es dir lieber ist, nehm ich die Couch«, sagte Proud hinter ihr erstaunlich verständnisvoll, als ob er ihre Gedanken erraten – oder lesen – könnte.
   Hitze stieg in ihre Wangen. Das hatte er einfach nicht verdient, nach allem, was er für sie getan hatte. »Nein, es ist okay. Ich meine … wir haben ja in letzter Zeit sowieso … in einem Bett geschlafen.«
   Er lächelte, es erreichte seine Augen nicht. Dennoch küsste er sie auf den Scheitel und stellte einen weiteren Karton vor das Bett. Beth erkannte darin einige der Bücher, in denen er seit Tagen stöberte. Zusammen mit Logan und Gilles holte er die restlichen Sachen aus dem Wagen, inklusive ihren Kater, der die ständigen Umzüge allmählich leid zu werden schien und sich augenblicklich fauchend unter dem Bett verkroch.
   Gilles verzog sich in die Küche und lamentierte lautstark darüber, wie schlecht diese eingerichtet sei. Er entlockte Logan damit ein Schmunzeln.
   »Ich lasse euch jetzt allein. Den Wagen könnt ihr behalten, falls ihr Besorgungen machen wollt. Aber passt auf, dass euch niemand hierher folgt. Es wäre besser, wenn ihr jeweils wartet, bis ich wieder vorbeischaue. Dann kann ich euch mit dem Nötigsten versorgen.«
   »Wir kommen schon klar«, sagte Proud.
   Logan musterte ihn grinsend von oben bis unten. »Für dich habe ich noch eine Überraschung in der Garage.«
   Interessiert hob Proud die Brauen.
   »Eine Honda. Der Schlüssel hängt neben der Garderobe. Damit bist du schneller und dank des Helms auch schwer zu erkennen. So wie ich dich kenne, lässt du dich wohl am allerwenigsten hier einsperren.«
   »Na toll«, beschwerte sich Beth, »aber von mir verlangt man das natürlich.« Es ärgerte sie, dass sie mal wieder die größte Einschränkung hinnehmen musste.
   »Du bist ja auch in Gefahr«, betonte Proud nachdrücklich. »Freu dich, ich kann dir besorgen, was auch immer du haben willst. Du wirst dieses Haus jedenfalls vorerst nicht verlassen. Punkt.«
   Sie verzog den Mund und verschränkte die Arme vor der Brust, sparte sich jedoch jeden Widerspruch. Im Grunde hatte er ja recht.
   »Also dann.« Mit einem Nicken verabschiedete sich Logan und nahm den Weg durch den Wald, der hinter dem Haus begann.
   Beth fragte sich, wie er ohne fahrbaren Untersatz zur Stadt zurückkam. Sie hatte nicht mal eine Ahnung, wie weit diese entfernt war. Vielleicht ließ er sich auch irgendwo unterwegs von einem seiner Leute abholen. Oder er verwandelte sich in … ja, in was eigentlich? Einen Wolf? So wie dieses schwarze Monster aus der Asservatenkammer? Fröstelnd rieb sie sich bei diesem Gedanken über die Arme. Logan war ein bildschöner Mann, keine Frage, doch er hatte auch eine düstere Ausstrahlung, und in Wolfsgestalt wollte sie ihm lieber nicht begegnen. Unsicher wanderte sie durch die Räume und versuchte, sich einen Überblick über ihr Gefängnis zu verschaffen. Proud folgte ihr schweigend. In seinen Augen lag tiefe Sorge gepaart mit Verständnis und dem Versprechen, dass sie nicht allein war.
   Wenn er sie so ansah, ein besorgter Beschützer, der ihr mit jedem Atemzug zeigte, dass er für sie da war – immer, breitete sich trotz aller Angst und Verzweiflung diese verführerische Wärme in ihrem Körper aus, der sie sich viel zu gern ergeben wollte. Ein Hoffnungsschimmer von Sicherheit und zeitweiligem Vergessen. Sie musste es nur zulassen. Die Erinnerung an seine Küsse war allgegenwärtig. An seinen warmen, festen Körper, seine starken Arme, seine unerbittliche Leidenschaft, die er an ihr stillen wollte.
   »Beth?«
   Sie zuckte zusammen, als er sie sanft ansprach. Er streckte seine Hand aus und strich über ihre Wange, was sie erschauern ließ. »Ist alles in Ordnung? Du wirkst in letzter Zeit häufig so abwesend.«
   Sie schluckte. »Es ist nichts«, beeilte sie sich zu sagen, wohl wissend, dass es diese Träume waren, die sie oft der Realität entrückten und nagende Angst in ihr hinterließen. Sie musste besser aufpassen, durfte es sich nicht anmerken lassen. Und dann war da noch dieses Chaos an Gefühlen, das er in ihr auslöste und von dem sie ihm ebenfalls nichts sagen wollte, weil sie es nicht ertragen hätte, ihn zu verletzen oder gar zu verlieren. Gott, wie konnte sie Kyle das antun? Es würde ihm das Herz brechen, wenn er zurückkam und sie sich für Proud entschieden hatte. Das sagte ihr Verstand, doch ihr Herz wollte längst etwas anderes.
   Proud lächelte wehmütig. Sie war sich nicht sicher, ob er ihr glaubte, aber er sagte nichts, sondern küsste sie nur sanft auf die Stirn und ließ sie dann allein, um die restlichen Sachen aus dem Wagen zu holen.
   Trotz seiner mehrfachen Betonung, wie unhaltbar die Ausstattung der Küche wäre, gelang es Gilles, ein köstliches Nachtmahl zu zaubern. Sie hatte keinen Hunger, wollte den Butler aber auch nicht enttäuschen, weswegen sie alles aufaß. Proud verzichtete. Er war unruhig, traute der vermeintlichen Sicherheit des Versteckes noch nicht. Ein paarmal ging er nach draußen und umrundete das Grundstück großzügig auf der Suche nach möglichen Gefahren oder Verfolgern, doch es blieb alles ruhig.
   Beth zog sich schließlich zurück. Sie duschte ausgiebig, auch deshalb, weil die Anspannung der letzten Tage ihren Tribut forderte und ihr eine Flut von Tränen über die Wangen strömen ließ, die das heiße Wasser ungesehen fortwusch. Der Bluterguss an ihrem Knöchel war ein wenig schlimmer geworden. Sie befühlte ihn fachkundig, doch es gab keine Auffälligkeiten und er schmerzte auch nicht. In ein paar Tagen war das Ding hoffentlich weg. Ihr war immer noch nicht klar, wo sie das herhatte.
   Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrte, war Proud noch immer nicht zurück. Sie legte sich auf die ungewohnt harte Matratze, zog die Decke bis zum Kinn und versuchte, ihre Gedanken zur Ruhe zu bringen. Aber jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie entweder Margrets leere Augen oder die schimmernden Fänge des schwarzen Wolfes. Wenn sie schließlich doch in leichten Dämmerschlaf fiel, schlich sich Kyle in ihre Gedanken und löste brennende Schuldgefühle in ihr aus.
   Diese wurden noch schlimmer, als Proud irgendwann in der Nacht zu ihr unter die Decke glitt. Er war nackt, sein Körper schmiegte sich warm an ihren Rücken. Mit leisem Seufzen ließ sie sich gegen ihn sinken, auf der Suche nach Halt und Trost. Dass er diese Geste missverstand, konnte sie ihm nicht vorwerfen. Beth erschauerte unter seinen ersten Küssen, konnte der Versuchung jedoch nicht widerstehen, sich einfach fallen zu lassen. Es versprach, eine Flucht zu sein vor all den quälenden Bildern. Wenn er sie liebte, konnte sie alles andere ausblenden.
   Sanft drehte er sie zu sich herum, streichelte ihre Brüste, bis sich ihre Knospen hart aufrichteten und sich seinen suchenden Lippen entgegenreckten. Er ließ sich Zeit, viel mehr als sonst. Huldigte ihr, liebkoste sie, bereitete ihr ungeahnte Wonnen, gegen die sie machtlos war. Sie wimmerte, als er an ihrem Körper hinabglitt und sein Gesicht in ihren Schoß grub. Sie mit seiner Zunge neckte und verwöhnte, bis sie fast den Verstand verlor. Erst, als die ersten Wellen des Höhepunktes über sie hinwegrollten, drang er in sie. Beth hörte ihn keuchen, spürte, dass er sich um ihretwillen zurückhielt, obwohl das Verlangen ihn zittern ließ. Seine Rücksicht und Zärtlichkeit machten den Verrat für sie nur umso schlimmer.
   Sie wollte an Kyle denken, ihn nicht vollkommen ins Abseits schieben, sondern sich an dem Band festhalten, das immer zwischen ihnen bestanden hatte, doch Prouds Nähe, seine Leidenschaft, sein Duft und vor allem seine dunkle Aura nahmen sie völlig gefangen. Verdrängten Kyle aus ihren Gedanken und Stück für Stück auch aus ihrem Herzen, was eine Leere hinterließ, gegen die sie machtlos war. Vielleicht sollte es so sein. Die gerechte Strafe für ihren Verrat. Sie konnte nicht beide haben und wollte Proud auf keinen Fall loslassen. Sie ergab sich ihm ganz, flüsterte seinen Namen, bat ihn, sich nicht länger zurückzuhalten, was ihm einen kehligen Laut entlockte und ihn alle Hemmungen verlieren ließ. Er nahm sie in Besitz, machte sie zu der seinen, wie Kyle es nie hätte tun können. Und sie ließ es geschehen. Ließ es zu, dass er ihre Zaghaftigkeit mit dem Sturm seines Verlangens niederriss.
   Etwas Verborgenes brach tief in ihrem Inneren auf, jedes Mal, wenn er sie in Besitz nahm, doch nie zuvor so machtvoll wie heute. Die Gefühle für Proud, die sie all die Zeit unterdrückt hatte, damit sie ihre Liebe zu Kyle nicht beschmutzen konnten, drängten mit aller Macht an die Oberfläche. Es war eine Lüge, zu behaupten, dass sie Proud nicht immer schon gewollt hatte. Auf eine Weise, wie sie Kyle niemals würde begehren können. Sie liebte beide, das konnte sie nicht länger verleugnen. Nicht vor sich und schon gar nicht vor Proud. Er wusste es, hatte es immer gewusst und sich zurückgehalten, um sich nicht zwischen sie und Kyle zu drängen. Sie nicht in die verhängnisvolle Situation zu bringen, wählen zu müssen. War das nicht wahre Größe? Zeigte das nicht, dass er in Wahrheit ein gutes, ein aufrichtiges Herz besaß? Aber jetzt konnte und wollte er seine Gefühle für Beth nicht länger unterdrücken, sondern forderte ein, wonach er sich sehnte. Zu Recht. Er hatte nur wegen Kyle verzichtet, und Kyle war nicht mehr da.
   »Beth!« Das kehlige Stöhnen, mit dem ihr Name über seine Lippen kam, jagte eine lustvolle Welle durch ihren Leib. Sie bog den Kopf weit nach hinten, bot ihm ihre Kehle dar, weil sie inzwischen süchtig war nach dem süßen Schmerz, den sein Biss ihr bescherte. Nach dem sinnlichen Trunk, der ihm folgte und der ihr süßes Vergessen schenkte.
   »Ich möchte spüren, wie du unter mir zitterst. Wie du bebst vor Lust und die Kontrolle verlierst.«
   Das Glitzern in seinen Augen war lüstern. Früher hätte Beth ihm für diese offensichtliche Herausforderung gesagt, er solle sich zum Teufel scheren, aber sie war darüber hinaus, sich etwas vorzumachen. Sie brauchte Proud und sie wollte ihn. Mehr als je einen anderen zuvor. Ihre dunkle Seite, wie er es einmal genannt hatte. Sie war da – und jetzt war sie auch bereit, sie anzunehmen.
   Als sich sein Mund dem ihren näherte, wich sie nicht zurück. Stattdessen öffnete sie einladend die Lippen und wurde weich in seinen Armen.
   Sie krallte ihre Finger in sein dichtes schwarzes Haar, drehte den Kopf zur Seite und legte ihre Kehle bloß. Das Verlangen in ihr war übermächtig. Als sie seine Lippen zu ihrer Kehle hinabzog, war dies eine Einladung, der Proud nicht länger widerstehen konnte. Sein Biss war heftig, der Schmerz ließ sie aufkeuchen, doch sie wollte mehr. Sie öffnete sich ganz – seinen fordernden Stößen, seinem saugenden Mund, seinem suchenden Geist. Als sie begriff, was sie da gerade tat, war es bereits zu spät.

Beth fiel! Sie wusste, dass sie dabei Panik empfinden müsste, doch das tat sie nicht. Sie konnte fliegen – schweben. Wenn sie unten aufkam, würde es nicht wehtun. In dem schwerelosen Raum war sie außerdem nicht allein. Wenn sie den Kopf zur Seite drehte und die Augen öffnete, würde Kyle an ihrer Seite sein und sie festhalten. Ihre Sicherheit. Doch als sie ihre Gedanken in die Tat umsetzte, sah sie auf seinem Gesicht nur tiefe Bestürzung und Ungläubigkeit. Er entfernte sich von ihr, weil sie schneller fiel. Seine Hand war nach ihr ausgestreckt, aber er konnte sie nicht greifen. Konnte ihr nicht länger folgen. Sie waren getrennt.
   Sekundenbruchteile, bevor Panik in ihr aufkommen konnte, dass ihr Fall doch ihr Tod werden würde, sank sie sanft in starke Arme. Sie sah in Prouds schiefergraue Augen, die ein Gefühl von Zuversicht in ihr auslösten. Er hielt sie, war ihr Anker, bremste ihren Fall und hielt sie noch fest, als sie mit beiden Beinen wieder auf dem Boden stand.
   Er sagte kein Wort, blieb nur bei ihr. Schritt mit ihr über den staubigen, seltsam nachgiebigen Boden. Es fühlte sich fast lebendig an unter ihren Füßen. Sie hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Alles war rot und irgendwie dunkel. Ihr war warm. Eine feuchte, klebrige Wärme wie von Blut. Dann folgte die Druckwelle. Beth wurde nach vorn gepresst. Ihre Hand entglitt Prouds Fingern. Etwas schleuderte sie durch Zeit und Raum wie in einem Tunnel, wo es kein Oben oder Unten mehr gab und nichts, woran sie sich festhalten konnte. Sie taumelte in einem Strudel, zusammen mit anderen Leibern – kleinen Körpern, die hart und starr erschienen. Sie alle wurden irgendwohin gespült.
   Als Beth das nächste Mal Boden fühlte, war dieser zwar wieder weich, aber nicht nachgiebig, sondern fest und stabil. Es war nicht mehr schwül, eher kalt. Erfrischend nach der stickigen Höhle, in die sie gefallen war.
   Beth erhob sich, blickte sich um. Wo war Proud? Sie konnte ihn nirgendwo entdecken. Hohe Tannen umringten sie. Schwarz und gezackt wie Scherenschnitte. Ein schier endloser Wald, in dem die Stämme so dicht beieinanderstanden, dass sie ihr nur einen einzigen Weg ließen. Beth wusste nicht, wie sie hierhergekommen war, warum dieses Ding, das sie von Proud fortgerissen hatte, sie ausgerechnet hier ausgespuckt hatte. Sie musste auf jeden Fall hier raus. Die Schwärze nahm ihr die Luft zum Atmen. Überhaupt wurde es zusehends schrecklich stickig zwischen den Bäumen. Statt des frischen Grüns von Moos und Tannennadeln erfüllte Moder die Luft. Sie taumelte, strauchelte, verfing sich immer wieder in Baumwurzeln, die wie Fallstricke über den Waldboden verliefen. Die Kälte schwand mit jedem Schritt, wandelte sich in Hitze bis ihre Haut glühte. Schweiß durchtränkte ihre zerfetzten Kleider. Sie sehnte sich nach der Kälte des ersten Augenblickes zurück. Dem kurzen, trügerischen Gefühl von Freiheit – von Leben.
   Ihre Hände waren schmutzig, als hätte sie damit in der Erde gegraben. Vielleicht hatte sie das sogar. Da war eine vage Erinnerung. Sie hatte nach etwas gesucht, das verloren war. Klein und unscheinbar … wie ein … Kind.
   Erschrocken fuhr sie zusammen, als es in den Bäumen wisperte. Sie blickte zwischen den grauen Stämmen hindurch, meinte hier und dort eine Bewegung zu erhaschen. War das Kinderlachen? Vielleicht sogar ein Kinderlied? Ja, sie war sich fast sicher. Weiter vorn schien sich der Weg zu verbreitern. Dort war auch Licht oder etwas, das wie Licht aussah. Sie ging darauf zu, Zweige strichen ihr durch das Gesicht, hinterließen schmerzende Striemen. Beth musste die Augen zusammenkneifen, weil sie zu brennen begannen. Sie blinzelte, versuchte in dem Lichtkegel etwas zu erkennen. Dort bewegte sich wirklich etwas. Je näher sie kam, desto deutlicher konnte sie die Umrisse erkennen. Ihr stockte der Atem. Konnte das wirklich sein? Krabbelte dort … ein Baby?
   Die Bewegungen waren seltsam steif, wie abgehackt. Es waren mehrere kleine Körper, die dort auf allen vieren vorwärtsrobbten. Immer auf den lockenden Schimmer zu, der aber nie stillstand, sondern stetig weiter schwand, als wollte er sie alle locken, ihm zu folgen. Wie der Rattenfänger von Hameln, nur nicht mit einer Flöte, sondern mit der Aussicht darauf, dieser drückenden Finsternis zu entkommen. Beth begann zu laufen. Sie fühlte sich so schwer und träge. Ihre Beine wollten sich kaum bewegen. Trotzdem kam sie den Krabbelkindern näher. Als sie das erste erreichte, wollte sie es erleichtert auf den Arm nehmen, es beschützen und sicher zum Licht bringen. Das war doch ihre Aufgabe – jedenfalls glaubte sie, dass sie deshalb hierhergekommen war. Um die Kinder auszugraben und ins Licht zu bringen. Deshalb waren sie auch alle so schmutzig. Sie hatten vor Kurzem noch tief in der Erde gelegen. Beth drehte das kleine Wesen auf ihrem Arm zu sich, um ihm ins Gesicht zu blicken – und ließ es mit einem Aufschrei wieder fallen. Das Ding krabbelte sofort unbeeindruckt weiter, während es das Köpfchen von links nach rechts drehte und die leeren Augenhöhlen starr ins Nichts blickten. Es waren Puppen. Halb verbrannte, erdverkrustete Puppen ohne Augen und mit aufgerissenen Mündern. Der Anblick war schrecklich. Während Beth wimmernd vor ihnen zurückwich, riss ein entsetzlicher Schmerz sie plötzlich schier entzwei. Für einen Augenblick tanzten Sterne vor ihren Augen. Sie umschlang ihren Leib mit ihren Armen, krampfte sich zusammen, fiel zu Boden. Warum war ihr Leib so riesig? Was geschah hier mit ihr? Erst jetzt fiel ihr Blick auf ihren Bauch, der sich in einer Kugel vor ihr emporwölbte. Der Stoff ihres Kleides begann zu zerreißen und direkt darunter spannte sich ihre Haut so heftig, dass sie jeden Moment ebenfalls aufplatzen und die nächste tote kleine Puppe in diese Welt entlassen würde. Als es soweit war, geschah es allerdings erstaunlich leicht. Das Baby bahnte sich seinen Weg aus ihrem Körper, ohne ihr Schmerzen zuzufügen. Es sank einfach zwischen ihren Schenkeln hervor zu Boden, drehte kurz das Köpfchen zu ihr um, bis eine Art Wiedererkennen in ihr aufflammte. War das sie? Hatte sie deshalb keine Schmerzen verspürt, weil sie nicht gebar, sondern geboren wurde?
   Der Moment ging zu schnell vorbei. Das kleine Mädchen reihte sich in die Schar aus toten Babypuppen und krabbelte vorwärts.
   Nein, nein, es durfte nicht dorthin krabbeln.
   Da ist doch nicht dein Platz. Ich muss dich aufhalten, festhalten, mitnehmen. Du hast eine Aufgabe …
   Sie lief dem Kind hinterher, aber kam nicht voran. Der Boden bewegte sich zurück, als sie nach vorn kam. Der Abstand wurde rasch größer. Und dann sprang plötzlich wie aus dem Nichts eine rotbraune Wölfin aus dem Dickicht. Ihre mächtigen Kiefer schnappten das Kind, Beth fühlte am eigenen Körper, wie sich die Zähne tief ins Fleisch gruben. Gleich würde das Rückgrat brechen. Doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen setzte die Wölfin mit riesigen Sprüngen über die Puppen hinweg, hinein ins Licht.
   In den inneren Kreis. Kadira bringt das Lamm in den inneren Kreis. Und Beth fiel …

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