In Roseend ist endlich Ruhe eingekehrt. Sara und Jack scheinen alles Schreckliche hinter sich gelassen zu haben und fiebern der Geburt ihres Kindes entgegen. Doch schon bald werfen die vergangenen Gefahren Schatten auf das junge Glück. Jacks Beschützerinstinkt ist stärker denn je, und Sara hütet ein dunkles Geheimnis, das ihr eine alte Werwölfin anvertraute. Sara muss sich schließlich der größten Herausforderung ihres Lebens stellen, um ihr ungeborenes Kind zu schützen. Damit löst sie eine Welle an Ereignissen aus, die die Menschen, die sie liebt, in tödliche Gefahr bringt. Wird es ihr gelingen, den Schicksalsfaden, der lange vor ihrer Geburt gewoben wurde, endgültig zu durchtrennen und neu zu verknüpfen?

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ISBN: 978-9963-53-309-1

Seiten: 268

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Christa Kuczinski

Christa Kuczinski
Christa Kuczinski, geboren 1971, verbrachte ihre Kindheit an der Mosel. Nach zwanzig Jahren „auswärts“ ist sie im September 2018 mit ihrem Mann und den beiden Söhnen in ihre gemeinsame Heimatregion an die Mosel zurückgekehrt. Im Jahr 2009 begann sie ernsthaft mit dem Schreiben. Die „Roseend“-Trilogie ist ihr erstes großes Projekt. Im Jahr 2016 veröffentlichte sie einen weiteren Fantasy-Jugendroman: Aberness (Verlagshaus el Gato). 2017 ihren ersten Fantasyroman als Selbstpublisher. Ava - Der Tag der Libelle - Teil 1. 2018 den zweiten Teil der Ava Trilogie - Die Nacht der Libelle -, im Frühjahr 2019 erscheint: Ava - Der Flug der Libelle - Teil 3.

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Leseprobe

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Kapitel 1

Sara schob einen Teil des Vorhangs zurück. Ihr Blick glitt zu den alten Apfelbäumen auf der gegenüberliegenden Seite, an denen sich bereits die ersten Knospen zeigten.
   Sie liebte ihr Zuhause, in dem ausschließlich Werwölfe lebten. Wie alle Bewohner war sie dankbar, dass ihr Partner diesen friedlichen Ort, der einzig aus einer Handvoll Cottages bestand, vor vielen Jahren gegründet hatte.
   Mit dem Rücken gegen Jacks breiten Brustkorb gelehnt, starrte sie aus dem Fenster und beobachtete einen Vogel, der sich zwischen den noch nackten Ästen einer Hecke tummelte.
   Warmer Atem streifte ihren empfindlichen Nacken, der von einem zarten Kuss abgelöst wurde. Sie schloss die Augen und genoss die intensive Berührung.
   »Kommst du zurück ins Bett?«
   Sara drehte sich in seinen Armen und blickte ihn an. Der leichte Anflug von Wehmut war einem zärtlichen Lächeln gewichen. Ohne auf seine Frage einzugehen, schlang sie die Arme um seinen Nacken und presste sich enger an ihn.
   Verwirrt über ihre impulsive Reaktion, schob er Sara sachte ein Stück von sich und steckte eine einsame Haarsträhne hinter ihr rechtes Ohr. Jacks blaue Augen wirkten dunkler als normal und seine Gesichtszüge angespannt. »Was ist mit dir los? Seit Wochen benimmst du dich, na ja, merkwürdig …«
   Die Frage beschäftigte ihn offenbar seit Längerem. »Es ist wirklich nichts. Ich bin in letzter Zeit nur etwas müde.« Sara rang sich ein flüchtiges Lächeln ab und wich ihm damit wieder einmal aus.
   Die Nächte, in denen sie nicht schlafen konnte, häuften sich. Sie hatte lange Zeit gehofft, dass ihre Albträume enden würden, sobald Laurence, ihr früherer Nachbar, der sich am Ende als Soziopath entpuppt hatte, aus Roseend verschwunden wäre.
   Ihre Träume hörten nicht auf, doch das hatte sie ihrem Partner nie erzählt. Zudem ahnte er nichts von dem Gespräch, das sie damals mit Tabeta, einer alten Werwölfin, geführt hatte und daran sollte sich auch nichts ändern.
   So wie sich Sara unabhängig vom Mond zu jeder beliebigen Zeit verwandeln konnte, besaß Tabeta die Fähigkeit, in die Zukunft zu sehen. Merkwürdigerweise glichen Saras Träume weiterhin Visionen, die zu gegebener Zeit eintreten könnten, und dieser Umstand verängstigte sie besonders.
   Zu allem Übel benahm sich Jack, seit sie schwanger war, fürsorglicher denn je und ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Bereits vor einiger Zeit war ihr aufgefallen, dass er aufgrund seiner Stellung als Leitwolf einige der Wölfe zu ihrem Schutz abkommandiert hatte.
   Außerhalb von Roseend hielt sich auffällig oft ein Rudelmitglied in ihrer Nähe auf. Zu Anfang hatte es ihr nichts ausgemacht. Sara war sich darüber im Klaren, dass eine gefährliche Zeit hinter ihnen lag, und Jack, auch wenn er es gut vor ihr zu verstecken wusste, Todesängste um sie ausgestanden hatte. Seine Position, die mit der Sorge um das Wohlergehen seiner Schutzbefohlenen einherging und in jeder Faser seines Körpers steckte, trug ein Übriges dazu bei.
   Mittlerweile jedoch fühlte sie sich eingeengt und wusste nicht, wie sie ihm ihre Gefühle diesbezüglich klarmachen sollte. Sie sehnte sich nach Freiraum, der es ihr ermöglichte, den unerfreulichen Überlegungen, die ihr durch den Kopf gingen, ungehindert nachzugehen.
   Jacks Hand schob sich unter ihren Haaransatz, glitt den Nacken hinab, zeichnete ihre empfindliche Wirbelsäule nach und blieb auf dem Gesäß liegen. Saras Atem beschleunigte sich, als sie seine Berührungen erwiderte. Sie legte ihre Handflächen auf seine Brust und schob ihn rückwärts durch den Raum in Richtung Bett.
   Ineinander verschlungen genossen sie die Intensität der Nähe zueinander.
   Sara musterte liebevoll Jacks Gesicht.
   Entspannt, mit einem feinen Lächeln, das um seine Mundwinkel spielte, schaute er auf sie hinunter. Seine goldgesprenkelten Augen färbten sich langsam wieder zu seiner ursprünglich blauen Farbe zurück. Der Blick, eben noch zärtlich, wurde stechend. »Dir gelingt es immer wieder mich abzulenken, wenn ich dir eine Frage stelle, der du aus dem Weg gehen willst. Wenn es etwas gibt, was ich wissen sollte …« Sein nunmehr seidenweicher Blick forschte in ihrem Gesicht nach einer Reaktion, die ihm verriet, was in ihr vorging.
   Er schien zu ahnen, dass sie etwas vor ihm verbarg, und Sara zwang sich, seinem forschenden Blick standzuhalten. Ihr Herz zog sich schmerzvoll zusammen, und doch gelang es ihr nach außen hin, ruhig zu bleiben. »Jack, du weißt, dass ich dich liebe. Ich würde dich nie verletzen«, erwiderte sie leise und behielt den Gedanken, dass es dennoch anders kommen könnte, lieber für sich.
   Er nickte bedächtig, doch sein angespannter Gesichtsausdruck verriet, dass ihre Antwort ihn nicht restlos überzeugte. Bevor die Stille zwischen ihnen unangenehm wurde, löste sie sich aus seiner Umarmung, lief in das angrenzende Bad und trat vor den Spiegel.
   Gedankenverloren starrte sie ihr Spiegelbild an, sie wusste, dass er sich um sie sorgte und ahnte, dass es etwas gab, das sie nicht mit ihm teilen wollte. Obwohl sie so tat, als wäre alles in Ordnung, spürte er vermutlich ihre Anspannung und würde weiterhin versuchen, der Sache behutsam auf den Grund zu gehen.
   Sara betrat kurz nach Jack die kleine Küche und setzte sich ihm gegenüber an den Tisch. Wenn es einzurichten war, frühstückten sie jeden Morgen gemeinsam, bevor sie sich auf den Weg zu ihrer Arbeit machte. Heute hatten sie sogar Zeit für ein ausgiebiges Frühstück.
   Während sie nach einem frischen Brötchen griff, schnellte Jacks Hand vor und hielt sie zurück. »Hast du Lust auf einen Ausflug an den See?«
   Sein bittender Blick zerriss ihr das Herz. Sie war sich darüber im Klaren, dass Jack diese Frage nicht einfach nur aus einer spontanen Laune heraus gestellt hatte. Der See besaß eine besondere Bedeutung für sie. Dort hatten sie einander zum ersten Mal geliebt. Dieser Ort war ihr gemeinsamer Rückzugsort, um der Welt und ihren Anforderungen wenigstens für eine kurze Zeit zu entrinnen.
   Unter normalen Umständen hätte Sara nur zu gern eingewilligt, doch heute hatte sie etwas Wichtiges vor, von dem Jack auf keinen Fall etwas erfahren durfte. Zögernd löste sie ihre Hand aus der seinen. »Ich dachte, du wolltest zu Marc? Ich habe mich für heute mit Jennifer in Bellwick verabredet, wir wollen ins Medion shoppen gehen«, fügte sie bedauernd hinzu und warf einen demonstrativen Blick auf ihre Uhr. »Jetzt ist es wirklich zu spät, um ihr noch abzusagen.«
   Sein enttäuschtes Gesicht bewusst ignorierend, biss sie hastig in ihr Brötchen und vermied es, Jack anzusehen, der sich wieder seinem Frühstück zugewandt hatte und schwieg.
   Kaum hatte Sara den letzten Bissen hinuntergeschluckt, sprang sie auf, drückte Jack einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verließ den Raum. »Es tut mir leid, Jack. Du weißt gar nicht, wie sehr«, flüsterte sie auf dem Weg zur Haustür.
   Ihre Hände zitterten vor Anspannung, als sie das Auto zurücksetzte und vom Grundstück fuhr.
Kapitel 2

Jack stand mit gerunzelter Stirn am Küchenfenster und beobachtete, wie Sara aus seinem Blickfeld verschwand. Er ballte seine rechte Hand zur Faust, während er mit der anderen gerade das Handy sinken ließ. Jack war sich absolut sicher, dass Sara etwas vor ihm verheimlichte, und dieses Wissen oder Nichtwissen brachte ihn schier um den Verstand. Seine abgeschmetterte Bitte, ihn auf einen gemeinsamen Spaziergang zu begleiten, bestätigte seine Vermutung. Die Annahme, dass ihre Ablehnung einzig darin begründet lag, keine gezielten Fragen beantworten und sich nicht in Ausreden flüchten zu müssen, schien sich zu bewahrheiten.
   Seit er mit Sara zusammen war, war es das erste Mal, dass er sich ins Abseits gedrängt fühlte und verunsichert und gleichzeitig wütend war, dass Sara ihm noch immer nicht vorbehaltlos vertraute. Dieser Umstand hatte in der Vergangenheit bereits mehrmals zu unvorhersehbaren Verwicklungen geführt.
   Plötzlich konnte er Simons Verhalten zumindest ansatzweise verstehen, obwohl die jetzige Situation eine andere war. Ihr früherer Liebhaber war in seiner Liebe zu Sara definitiv zu weit gegangen und hatte sie dadurch letzten Endes verloren, während er selbst seine Partnerin nie bedrohen oder gar Schaden zufügen würde, dazu liebte er sie zu sehr. Der Gedanke, dass sie, wie schon einmal in der Vergangenheit geschehen, erneut vor Problemen davonlaufen könnte, anstatt sich ihm anzuvertrauen und um Hilfe zu bitten, beunruhigte ihn und beschleunigte sein Kopfkino ungemein.
   Doch eines wusste er genau: Was auch immer Sara vorhaben mochte und vor ihm geheim hielt, ein Leben ohne sie stand für ihn außer Frage. Diese Frau war der Inbegriff all dessen, was er liebte und würde es immer sein.
   Ungeduldig wartete er auf Michael, der seinen Anruf entgegengenommen hatte und einen Moment später mit dem Wagen um die Ecke bog. Ihre Blicke begegneten sich durch die Glasscheibe. Auf Jacks Zeichen hin wendete der Werwolf auf dem Kiesstreifen und fuhr in Richtung Bellwick davon.
   Obwohl Michael als Rudelmitglied, Nachbar und guter Freund Jacks Befehlen gehorchte, machte er keinen allzu glücklichen Eindruck dabei. Was vermutlich nicht an seiner Aufgabe, Sara zu beschatten, lag, sondern eher daran, dass er als passionierter Schriftsteller seine Zeit lieber zurückgezogen in seinen eigenen vier Wänden verbrachte.
   Jack war sich bewusst, dass es nicht richtig war, was er tat, und doch konnte er nicht anders handeln. Seit Sara von Albträumen geplagt wurde, die sie erfolglos vor ihm zu verheimlichen versuchte, befand er sich in Alarmbereitschaft. Ihr unruhiger Schlaf und die wirren Worte, die ihr oftmals währenddessen über die Lippen kamen, bereiteten ihm Sorgen. Er war sich sicher, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Warum sonst würde sie ihm ihre Träume, Gedanken und offensichtlichen Sorgen vorenthalten? Da sich Sara ihm nicht anvertraute, musste er die Initiative ergreifen, auch wenn es bedeutete, ihr nachzuspionieren.

*

Sara hatte weder vor, sich mit Jennifer zu treffen, noch nach Bellwick durchzufahren. Sie blickte zum wiederholten Mal in den Rückspiegel, da sie sich sicher war, dass Jack ihr jemanden hinterhergeschickt hatte. Hinter ihr lag die Straße verlassen da, sodass sie die Chance nutzte und auf die schmale Straße einbog, die direkt hinter der Tankstelle lag. Ihr Ziel war Tabeta. Der Weg endete an einem Waldstück, durch das sie das letzte Stück zu Fuß zurücklegen musste. Sara folgte dem unkrautüberwucherten Pfad, der sich zwischen den tief hängenden Ästen der Bäume hindurchschlängelte. Als sie aus der Dämmerung auf die lichtüberflutete Lichtung trat, stockten ihre Schritte zum ersten Mal.
   Sie könnte jederzeit umkehren und darauf hoffen, dass alles gut würde.
   Bevor sie in Versuchung geriet, genau das zu tun, kam die Hütte der alten Werwölfin in Sicht. Am Rande der Lichtung gelegen, ragten die hohen Bäume, an denen sich die ersten frischen Triebe zeigten, weit über das windschiefe Dach der winzigen Hütte hinaus und ließen diese wenig einladend wirken.
   Während Sara wartete, nahm sie das leise Rauschen der Bäume und das Plätschern eines Bachlaufs, der sich in unmittelbarer Nähe befinden musste, überdeutlich wahr. Sie atmete tief durch und versuchte, sich zu entspannen.
   Die sich nähernden Schritte aus dem Inneren der Hütte ließ ihre gerade wiedergewonnene Ruhe mit einem Schlag verpuffen.
   Äußerst verhalten begrüßte sie Tabeta, die seit ihrem letzten Zusammentreffen nichts von ihrer scheinbar angeborenen matriarchalischen Ausstrahlung verloren hatte. Das freundliche Lächeln, mit dem sie Sara willkommen hieß, ließ keinerlei Überraschung erkennen.
   »Kindchen, was machst du für ein Gesicht? Ich freue mich über deinen Besuch. Obwohl der Anlass, wie mir scheint, wieder einmal kein Erfreulicher ist.«
   Sara fühlte sich in ihrer Haut unwohl und wusste die freundliche Begrüßung durchaus zu schätzen. »Warum wundert es mich nicht mehr, dass du genau zu wissen scheinst, wann ich bei dir auftauche? Aber du hast recht, ich muss unbedingt mit dir sprechen«, erwiderte sie und zwang sich zu einem Lächeln.
   Tabeta nickte ihr aufmunternd zu und trat zur Seite, um sie in ihr kleines Reich zu lassen.
   Die wohlige Wärme eines Feuers und der intensive Duft verschiedenster Gewürzsorten, die in sorgsam gebündelten Sträußen oberhalb des Kamins von den geschwärzten Deckenbalken hingen, lullten Sara binnen Sekunden ein.
   Tabeta bot ihr einen der beiden Stühle an, setzte sich ihr gegenüber und blickte sie abwartend an.
   »Begonnen hat es mit Laurence’ Erscheinen in Roseend. Seit seinem Auftauchen werde ich von Träumen geplagt. Nachdem ich ihn aus unserem Bezirk vertreiben konnte, dachte ich, es würde wieder alles normal werden, doch dem ist nicht so …«, erklärte Sara und kam sogleich zur Sache.
   Tabeta schwieg und musterte sie eingehend, als sähe sie etwas, das Sara bisher entgangen war.
   »Das Merkwürdige daran ist, dass sich diese Träume zu Vorahnungen manifestieren, die sich letzten Endes bewahrheiten«, fügte Sara leise hinzu.
   »Erzähl mir von deinem Traum und versuche, dich so genau wie möglich an alles zu erinnern«, befahl Tabeta mit einer Strenge, die in Sara instinktiv Abwehr hervorrief.
   Aber sie benötigte die Hilfe der Alten, verwarf ihren spontanen Gedanken, diese Hütte und deren unfreundliche Bewohnerin auf der Stelle zu verlassen, und atmete tief durch. »Wir befinden uns in einem Raum, den ich noch nie zuvor gesehen habe. Jack dreht sich zu mir um. Seine Augen sind mit einem rötlichen Schleier überzogen und glühen auf eine erschreckende Weise. Hinter ihm fällt ein einhüllendes Licht durch das Fenster.« Bei der Erinnerung daran füllten sich ihre Augen mit Tränen, die sie, wütend über ihre mangelnde Selbstkontrolle, zurückdrängte. »Das alles ergibt keinen Sinn. Es ist eine Vollmondnacht. Jack kann unmöglich neben mir stehen, er müsste zu diesem Zeitpunkt ein Werwolf sein!« Der letzte Satz legte sich wie ein schweres Gewicht auf ihre Schultern und ließ sie frösteln.
   Tabeta hingegen wirkte gelassen, beugte sich vor und berührte mit ihrer schwieligen Hand Saras Haar oberhalb der Stirn. Diese Geste überrumpelte Sara und machte ihr klar, dass es sich nicht um einen banalen Albtraum handelte, sondern bitterer Ernst werden könnte. Entsetzen stieg in ihr auf, verzweifelt klammerte sie sich an den Hoffnungsschimmer, dass Tabeta, dass sie selbst, unrecht haben könnte. Doch die nächsten Worte machten diesen Wunschtraum zunichte.
   Der umwölbte Blick der Alten glitt über sie hinweg ins Leere. »Erinnerst du dich an die Legende, die dir Jack erzählt hat, als ich dir mein Amulett und das Parfüm zu eurem Schutz überlassen habe? Ich war mir damals sicher, dass du ebenfalls aus unserer Linie abstammst. Nur dadurch war es dir möglich, mithilfe des Amuletts das Böse in deiner Umgebung zu erkennen. Meine, und somit auch die Macht meines Talismans, liegt nicht in der körperlichen Stärke, sondern in der Weitsicht.«
   »Ich habe dir dein Amulett doch längst zurückgegeben. Wie ist es möglich, dass ich durch meine Träume noch immer in die Zukunft sehen kann?«
   Tabeta schwieg vielsagend. Sara fuhr aus dem Stuhl hoch und ließ sich gleich darauf wieder zurück auf den Sitz fallen, als ihr etwas Ungeheuerliches in den Sinn kam. »Wenn nicht ich es bin …«
   Sie musterte ihren Bauch und schüttelte ungläubig den Kopf, Tabeta nickte bedächtig.
   »Ein Kind, das in der direkten Nachfolge unserer Blutlinie steht, erhält nach seiner Geburt ebenfalls ein Amulett. Weitergegeben von der Mutter an die Tochter, gefüllt mit Magie, die auf die jeweilige Macht seines Besitzers reagiert und diese verstärkt.«
   »Wenn das, was du sagst, stimmt, warum starb deine Tochter dann während der Geburt deines Enkels?«
   Kaum hatte sie die Worte ausgestoßen, tat es Sara leid. Es war nicht fair, die alte Werwölfin derart in die Enge zu treiben und zu verletzen. Doch Tabeta reagierte zu Saras Erleichterung anders als erwartet.
   »Sanea besaß die Begabung, Lügen zu erkennen. In jener Nacht waren ihre und meine Fähigkeiten nutzlos«, erwiderte die Alte und blickte Sara währenddessen durchdringend an.
   »Es tut mir leid, ich hätte so etwas nicht sagen dürfen«, stotterte Sara leise.
   »Es liegt schon so lange zurück. Ich kann sehr gut nachempfinden, wie du dich gerade fühlst. Das Wissen um die Gefahr zumindest konnte ich meiner Tochter ersparen. Sie hat mich nie gefragt, ob alles gut gehen würde, und ich bin dankbar dafür, dass ich nicht gezwungen war, ihr die Wahrheit zu sagen.«
   Sara stutzte und brauchte einen Moment, um zu begreifen, was ihr daran widersinnig vorkam.
   »Aber ich besitze kein solches Amulett.«
   »Deine Mutter muss einen Anhänger oder eine Brosche besitzen, auch wenn sie sie nicht an dich weitergegeben hat.«
   »Meine Mutter ist tot. Sie war ein ganz normaler Mensch. Sie kannte noch nicht einmal einen Werwolf, bevor es mich gab!«
   »Das verstehe ich nicht. Es ergibt keinen Sinn. Kannst du dich an ein altes Amulett entsinnen?«, fragte Tabeta und strich sich mit der Hand nachdenklich über ihr Kinn.
   »Nein.«
   »Nicht so vorschnell. Schließ die Augen und versuch dich zu erinnern!«, befahl Tabeta. Ihr Blick durchbohrte Sara wie die scharfe Schneide eines Messers.
   Nur widerstrebend befolgte sie die harsche Anweisung, spürte, wie ihr ein kühler Gegenstand um den Hals gelegt wurde und wusste, dass es sich um Tabetas Amulett handelte. Sara konzentrierte sich auf ihre Kindheit und bemühte sich längst vergessene Bilder heraufzubeschwören. Es brauchte mehrere Anläufe, um die Anwesenheit der alten Werwölfin auszublenden. – Sie sah sich selbst, als Siebenjährige auf dem Schoß ihres Vaters, der ihr eine Gutenachtgeschichte erzählte, während sie ihre Wange an seine Brust schmiegte, um abwechselnd auf seinen regelmäßigen Herzschlag und seinen Worten zu lauschen. Etwas älter geworden, rannte sie barfuß mit ihrem Bruder, im Schlepptau, über die taufrische Wiese vor ihrem Haus. Sie spürte den feuchten Saum ihres langen Nachthemdes, der ihr schwerfällig gegen die Knöchel schlug, was ihr später einen Tadel der Mutter eingebracht hatte. Verzögert stiegen die Erinnerungen an die Oberfläche, als würde ein zäher Nebel verhindern, allzu viel davon zu offenbaren.
   Sara überkam ein Gefühl der Beklemmung, als sie an die Frau dachte, die ihre Mutter gewesen war. Doch unter dem Gewicht ihres Willens brach die Blockade in sich zusammen, die sie viele Jahre unbewusst aufrechterhalten hatte.
   Das vertraute Gesicht ihrer Mutter weckte in Sara einen Anflug von Widerstand, den sie jedoch ungeduldig zur Seite schob. Die kühl blickenden grauen Augen, mit denen sie Sara allzu häufig bedacht hatte, der zu einem schmalen Strich verkniffene Mund, der sich nur beim Anblick ihres älteren Bruders zu einem milden Lächeln verzogen hatte.
   Saras Hände krallten sich ineinander, sodass der Schmerz die Qual der Erkenntnis, dass ihre eigene Mutter sie verabscheut haben musste, alle anderen Empfindungen überlagerte.
   Sara wollte dieses Bild nicht sehen und sich nicht daran erinnern, wie verletzlich sie sich damals gefühlt hatte. Ihre Lider flatterten und wollten sich öffnen, doch die krächzende Stimme der alten Werwölfin hielt sie zurück, in die Gegenwart zurückzukehren.
   »Nein! Hör jetzt nicht auf, grabe tiefer, tiefer …«
   Selbst wenn sie es gewollt hätte, Sara konnte sich dem unterschwelligen Befehl dieser Stimme nicht entziehen. Stattdessen sammelte sie ihre ganze Konzentration und beschwor weitere Erinnerungen längst vergangener Tage herauf, als ein flüchtiges Flattern sie ablenkte. Ihre verkrampften Finger lösten sich und legten sich beschützend über ihren leicht gewölbten Bauch. Diese Berührung löste eine Kettenreaktion in ihr aus und offenbarte ihr eine Szene, an die Sara keinerlei Erinnerung mehr hatte.
   Ihre Mutter blockierte die geöffnete Haustür. Sara war ihrer zornigen Stimme gefolgt und stand dicht hinter ihr, ohne den Besucher zu Gesicht zu bekommen. Die Vierjährige erschrak, als sie in das wütend verzogene Gesicht der Frau blickte, die ihr einen verächtlichen Blick zuwarf. Eine muskulöse Hand schnellte vor und drückte Sara ein kleines Holzkästchen in die Hand. Erschrocken trat sie vollends hinter ihre Mutter und starrte gebannt auf das Geschenk. Die Haustür schlug mit einem lauten Knall zu, und plötzlich war das Kästchen verschwunden. Ihre Mutter eilte, ohne ein Wort der Erklärung, an Sara vorbei. Als hätte es weder den ungebetenen Besucher noch ein Geschenk gegeben.
   Sara blieb allein im dunklen Flur zurück, ihre leere Hand ballte sich zur Faust, und sie fing an zu weinen, bis sie von ihrem Bruder tröstend in die Arme genommen wurde.
   Eine energische Stimme brachte Sara in die Gegenwart zurück.
   Tabeta, die offenbar aufmerksam Saras Mienenspiel verfolgt hatte, nickte. »Das reicht. Jetzt kommt es drauf an, dass du es wieder findest.«
   Sara erhob sich langsam, doch die alte Frau schob sie mit fester Hand auf den Stuhl zurück. »Wenn sich ein Werwolf gegen seine Verwandlung sträubt und die Kraft besitzt, sich erfolgreich dagegen aufzulehnen, färben sich seine Augen blutrot. Ebenso wie zum Zeitpunkt der Entbindung, kämpft die menschliche Seite gegen die Wölfische an. Der Vollmond verstärkt diese Reaktion noch zusätzlich.«
   »Was passiert, wenn es einem gelingt, die Verwandlung aufzuhalten?«
   »Am Ende wird sich derjenige dabei selbst zerstören.«
   Zutiefst erschüttert über eine solch endgültige Antwort, starrte Sara Tabeta ungläubig an.
   Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie die Antwort schon längst in sich getragen hatte. Tabetas Worte bestätigten nur ihren furchtbaren Verdacht.
   »Was muss ich tun, um es zu verhindern?«
   Die Erinnerung an die Qual in Jacks Augen und der unerträgliche Schmerz, dessen Nachhall sie noch immer spüren konnte, trieben ihr die Tränen in die Augen.
   »Es gibt nur einen sicheren Weg, du musst das Amulett finden. Nur dann besitzt du, wenn ansonsten alles gut geht, genügend Macht, dem, was dir und Jack bevorstehen könnte, standzuhalten.«
   »Du meinst, ich muss nach Surrey? Jack wird dagegen sein.
   Außerdem muss ich William, den Rudelführer aus diesem Bezirk erst um Erlaubnis bitten. Und ich weiß nicht, wie er darauf reagieren wird. Immerhin bin ich der Grund, warum sein Sohn verstoßen wurde.«
   In Saras Augen glomm ein Funken Hoffnung auf. »Obwohl, William ist ein freundlicher Mann. Er hat mir nach der Sache mit Simon sogar angeboten, seinem Rudel beizutreten. Ich habe es damals abgelehnt. Nein,« Sara ließ die Schultern sinken, »William wäre vermutlich nicht das Problem. Es könnten sich dort allerdings noch immer einige von Simons Anhängern herumtreiben. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, ich werde Jack überreden müssen mich zu begleiten, ohne ihm die wahren Hintergründe meiner Reise zu verraten.«
   »Du wirst Jack nicht mitnehmen können.«
   Erstaunt hielt Sara inne. »Wieso nicht? Ich könnte ihm erklären, dass ich noch einiges aus meinem früheren Zuhause mitnehmen möchte, bevor das Haus endgültig zum Verkauf angeboten wird.«
   »Dein Bruder wird dir erklären können, warum das nicht möglich ist. Ich möchte ihm nicht vorgreifen.«
   Verblüfft über eine solche Antwort, stand Sara auf. Sie zog das Amulett über ihren Kopf und reichte es Tabeta.
   Plötzlich hatte sie es eilig. Hastig fischte sie ihren Autoschlüssel aus der Jeanstasche und wandte sich ein letztes Mal der Werwölfin zu. »Ich dank dir für deine Offenheit, aber jetzt wird es wirklich Zeit zu gehen. Jack wird sich bestimmt wundern, wo ich bleibe. Ich habe ihm nichts von meinem Besuch bei dir erzählt.«
   »Das war eine gute Entscheidung. Du musst dir etwas einfallen lassen, wie du ihn in Roseend halten kannst. Er darf auf gar keinen Fall nach Surrey!«
   Sara wandte sich der Tür zu und wurde von Tabeta erneut aufgehalten. Die alte Werwölfin drückte ihr ein zusammengefaltetes Papiertütchen in die Hand. »Benutze diese Kräutermischung ausschließlich, wenn die Zeit gekommen ist und du die Geburt um einige Stunden hinauszögern möchtest.«
   Stumm schloss Sara ihre Hand und presste sie wie ein wertvolles Kleinod an ihre Brust.
   Als die Holztür hinter ihr ins Schloss fiel, fühlte sie sich noch einen Moment wie betäubt. Die Sonnenstrahlen hatten für sie an Kraft verloren. Die zuvor empfundene Wärme eines schönen Frühlingstages hatte sich in Kälte verwandelt, die Sara trotz ihrer warmen Kleidung frösteln ließ.
Kapitel 3

Ohne bewusst eine Entscheidung zu treffen, fuhr Sara auf direktem Weg nach Mitchen, um ihrem Bruder einen Besuch abzustatten. Ihr Blick glitt über den gepflegten Vorgarten und blieb an den grün gestrichenen Fensterläden hängen. Hier hatte Marcel erst vor Kurzem Hand angelegt, wie Sara erkannte.
   Sie wünschte sich für einen Augenblick, genauso sorglos sein zu können wie die beiden Menschen, die hier seit wenigen Wochen zusammenlebten. Nur für kurze Zeit war ihr dies gelungen, damals als sie und Jack frisch zusammengezogen waren. Aber Sara wusste, dass es nicht an ihnen lag, sondern an den Umständen, die sich ihnen immer wieder aufs Neue in den Weg stellten.
   Sie rang sich ein Lächeln ab, als ihr Jennifer die Tür öffnete.
   Lachend schob sie Sara ins Wohnzimmer und drückte sie kurzerhand in die weichen Kissen eines Sessels. »Was für eine Überraschung. Wir wollten uns gerade auf den Weg nach Roseend machen. Es gibt etwas Wichtiges, das wir euch mitteilen möchten …«
   Das glückliche Lächeln, das ihre Worte unterstrich, ließ Sara aufhorchen. Bevor sie nachfragen konnte, hatte sich Jennifer schon abgewandt.
   »Marcel, rate mal, wer hier ist!«
   Während Sara auf ihrem Sessel unruhig hin- und herrutschte, versuchte sie sich zu sammeln. Ausgerechnet jetzt zu erleben, wie glücklich die zwei miteinander waren, kam ihr angesichts ihrer momentanen Situation grotesk vor. Sie ließ sich ihre Gefühle nicht anmerken, als ihr Bruder mit großen Schritten auf sie zukam. Grinsend nahm er sie in die Arme und drückte sie zurück in die Kissen, bevor Sara protestieren konnte.
   »Jenni, dass du auch immer so ungeduldig bist. Sara wird jetzt bestimmt schon erraten haben, um was es geht. Halte dich bitte etwas zurück, wir wollten es beiden erzählen und das werden wir auch«, tadelte er seine Freundin liebevoll.
   »Nein, nein, ich habe immer noch keinen blassen Schimmer, um was es überhaupt geht«, wiegelte Sara ab.
   Marcel musterte Sara eingehend. »Du siehst etwas blass aus, geht es dir gut?«
   Sein wachsamer Blick, auf ihren leicht gewölbten Bauch gerichtet, sprach Bände. »Natürlich geht es uns gut. Was erwartest du nach einem so langen Winter? Nur weil du von Natur aus einen etwas dunkleren Teint hast als ich, sind nicht alle um dich herum krank. Also, was wollt ihr so dringend loswerden?«
   Auf Marcels Gesicht bildeten sich die Grübchen, die auch Sara besaß. »O nein. Du wirst warten müssen, bis sich Jenni umgezogen hat. Dann fahren wir gemeinsam zu Jack und erzählen es euch. Ich brauche dringend männlichen Zuspruch«, murmelte er kaum hörbar.
   Sara musste bei dem Gedanken schmunzeln, dass ihr Bruder doch nicht so gelassen war, wie er sich gern nach außen hin gab. »Gibt es eigentlich etwas Neues aus Surrey?«, nutzte sie die Gelegenheit und sprach Marcel auf ihr früheres Zuhause an.
   Schlagartig wurde Marcel ernst. »Was genau meinst du? Du weißt doch, dass ich schon seit vier Monaten weg bin. Keine Ahnung, was in der Zwischenzeit alles passiert sein könnte.«
   Sie kannte ihren Bruder und bemerkte an seinem unsteten Blick, der sich scheinbar auf kein lohnendes Ziel festlegen konnte, dass er ihr etwas verschwieg. In diesem Moment stürmte Jennifer zurück ins Zimmer, das sie erst vor einer Minute verlassen hatte, um nach dem Teekessel zu sehen. Die kleine, quirlige Blondine schaute erwartungsvoll von Bruder zu Schwester. Zufrieden, dass Marcel scheinbar dicht gehalten hatte, half sie Sara, aufzustehen und hakte sich bei ihr ein. »Okay, wir können los«, rief sie aus, bevor sie Sara in Richtung Flur schob.
   Marcel stand zwischen Tür und Angel, suchte in seinen Taschen nach dem Autoschlüssel und zuckte entschuldigend mit der Schulter. »Geht schon mal zum Auto vor, ich glaube, der Schlüssel liegt noch auf dem Küchentisch. Ich bin gleich wieder da.«
   Jennifer verdrehte über Marcels Angewohnheit, seinen Schlüssel immer garantiert dort abzulegen, wo er ihn später niemals vermuten würde, die Augen. »Er lernt es nie. Wozu haben wir in der Diele eine Kommode?«, raunte sie Sara zu.
   Sie lachte auf. Ja, das kam ihr bekannt vor. »Du, ich musste noch etwas Dringendes in der Stadt erledigen. Jack hätte mir bestimmt den Gefallen getan, mich zu begleiten, allerdings weiß ich, dass es für ihn langweilig geworden wäre. Also habe ich ihm erzählt, dass wir zwei in der Stadt einkaufen wären. Sollte er dich danach fragen, tu bitte einfach so, als wären wir tatsächlich zusammen gewesen.«
   Überrascht sah Jennifer sie an.
   Sara hielt ihrem Blick stand. »Okay, ich brauchte etwas Freiraum für mich«, gab sich Sara geschlagen.
   »Kein Problem, solange du nichts Unüberlegtes tust«, erwiderte Jennifer und zwinkerte Sara verschwörerisch zu, die erleichtert aufatmete.
   Letzteres verstand Jennifer als einen gelungenen Witz, da sie wusste, wie sehr sich die beiden liebten und deshalb in dieser Richtung keinerlei Gefahr bestand. Glücklicherweise erschien Marcel an der Tür, wedelte mit seinem Schlüsselbund und lief auf sie zu. Jennifer war sich offenbar darüber im Klaren, dass es keine Möglichkeit mehr gab, nachzufragen, ohne dass Marcel etwas mitbekommen hätte und schwieg.

Als sie zusammen das Cottage betraten, kam ihnen Jack entgegen. Sein Blick ruhte ausschließlich auf Sara. Er begrüßte sie mit einem verhaltenden Kuss, umarmte danach Jennifer und schlug Marcel freundschaftlich auf die Schulter. Sara musterte ihn aus den Augenwinkeln. Für einen Sekundenbruchteil meinte sie, einen angespannten Zug um seinen Mund wahrgenommen zu haben. Ihr Bruder verschwand mit Jennifer in der Küche, bevor sie ihnen folgen konnte, legte Jack seine Hand auf ihren Arm und hielt sie zurück.
   »Ich habe mehrmals versucht, dich über das Handy zu erreichen. Warum bist du nicht drangegangen?«
   Bei Sara meldete sich das schlechte Gewissen, immerhin hatte sie es absichtlich im Auto zurückgelassen und drückte ihm einen zärtlichen Kuss auf die Lippen. »Ich hab es doch tatsächlich im Auto vergessen, entschuldige. Gab es etwas Wichtiges?«, fragte sie zerknirscht, obwohl es ihr schwerfiel, einen unbesorgten Ton anzuschlagen.
   Seine Augen, die goldenen Funken darin, die sie immer wieder aufs Neue faszinierten und ihrem Blick standhielten, fesselten sie, sodass es ihr unmöglich war, sich abzuwenden. Jack schwieg jedoch, als würde er auf etwas Bestimmtes warten. Dann löste er den Blickkontakt und ließ ihren Arm los. Aus dem Nebenraum drang fröhliches Gelächter, das nicht zu ihrer momentanen Stimmung passen mochte. Es würde weitaus schwieriger werden, Jack davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung wäre, als sie gehofft hatte.

Während Jack gegen den Kühlschrank lehnte und seinen Schwager angrinste, der mit hochrotem Gesicht herumdruckste, tat Marcel Sara zwar leid, aber das änderte nichts daran, dass sie die Situation amüsant fand.
   »Hm, also, wir wollen euch etwas sagen. Ähm, okay, ich hab Jenni einen Antrag gemacht und sie hat eingewilligt.«
   Jennifer runzelte die Stirn und zog die Augenbrauen hoch. »Was er meinte, ist, er kniete vor mir nieder, schaute mir tief in die Augen und hauchte: Ich liebe dich über alles, willst du mich heiraten?«
   Sara brach in Gelächter aus, in das alle anderen einfielen. Tränenströme liefen ihr die Wangen hinab.
   Mit wenigen Schritten hatte Jack, dem bei ihrem Anblick das Lachen vergangen war, die Entfernung zwischen ihnen überbrückt und schloss Sara in die Arme. Offenbar hatte nur er bemerkt, dass ihr Gelächter nicht nur der urkomischen Situation galt, sondern auch eine Verzweiflung erkennen ließ, die er unmöglich verstehen konnte. »Es ist gut, Sara, beruhige dich«, raunte er ihr zu, während er ihren Kopf unter sein Kinn schob.
   Sie riss sich mühsam zusammen und blinzelte zu Marcel und Jennifer hinüber, die glücklicherweise nichts mitbekommen hatten. Mit ineinander verschlungenen Händen grinsten sie sich glücklich an und schienen alles um sich herum vergessen zu haben.
   Sara löste sich behutsam aus Jacks Umarmung. »Es ist alles gut. Zurzeit scheine ich emotional etwas durch den Wind zu sein. Das sind bestimmt die Hormone«, flüsterte sie so leise, dass nur Jack es hören konnte. Mit einem Lächeln, von dem Sara hoffte, dass es natürlich wirkte, trat sie auf Jennifer zu und umarmte sie herzlich. »Ich freue mich so für euch. Es wurde ja auch langsam Zeit, dass mein Bruder unter die Haube kommt. Ich hoffe, damit bin ich, als kleine schutzbedürftige Schwester, endlich aus dem Schneider.«
   Marcel, der sich gerade von Jacks Gratulation, die einem Ritterschlag gleichkam, erholte und die Schulter rieb, hatte die letzten Worte aufgefangen. »Ach, nur deshalb hast du mich in der Vergangenheit immerzu gedrängt, mir eine Frau zu suchen, die zu mir passt?«
   Die innige Umarmung, die er von ihr bekam, beantwortete Marcels Frage hinreichend.

Bis spät in den Abend saßen sie beisammen und diskutierten über die Hochzeitsvorbereitungen. Wobei ein jeder von ihnen seine eigene Vorstellung einer gelungenen Hochzeit äußerte, und sie am Ende keinen Schritt weitergekommen waren. Sara spürte mehr als einmal Jacks forschenden Blick auf sich ruhen und bemühte sich, entspannt und gelassen zu wirken.
   Nachdem sich ihr Besuch verabschiedet hatte, atmete sie erleichtert auf. Erschöpft betrat sie die Küche und begann, das Geschirr in die Spüle zu stapeln, als eine Bewegung hinter ihr Sara herumfahren ließ.
   Jack stand im Türrahmen und beobachtete sie offenbar seit geraumer Zeit. In seiner schwarzen Jeans und dem weißen T-Shirt, das in starkem Kontrast zu seinen tiefschwarzen Haaren stand, sah er überwältigend aus. Sein breiter Brustkorb hob und senkte sich mit einer Deutlichkeit, die Sara signalisierte, dass es in ihm arbeitete. Wie konnte sie nur eine Sekunde glauben, dass er keine weiteren Fragen stellen würde? Sie ließ das Geschirrtuch sinken.
   Jack trat vor und setzte sich an den Küchentisch. »Setz dich bitte einen Moment«, forderte er Sara mit einer Kopfbewegung in Richtung des leeren Stuhls auf, es ihm gleichzutun.
   Sara war sich darüber im Klaren, dass es keinen Sinn machen würde, diesem Gespräch länger aus dem Weg zu gehen. Abwartend musterte sie Jacks Gesicht, während er sichtlich nach den richtigen Worten suchte.
   »Sara, so kann das nicht weitergehen. Du weichst permanent meinen Fragen aus. Und heute hattest du noch nicht einmal dein Handy dabei, obwohl du weißt, dass ich das ganz und gar nicht mag.« Seine Gesichtszüge hatten einen harten Ausdruck angenommen, der verriet, dass er es ernst meinte.
   Die unterschwellige Ratlosigkeit ihres Partners machte Sara schwer zu schaffen, trotzdem blieb ihr nur die Möglichkeit der Beschwichtigung. »Es ist wirklich nichts und das Handy, meine Güte, ich habe es halt vergessen. Du verrennst dich da in eine fixe Idee. Ich liebe dich mehr als alles andere, und das wird sich niemals ändern. Egal, was irgendwann einmal zwischen uns stehen könnte, vergiss das nie!«
   Jack fuhr sich durch sein Haar, ein belustigter Zug umspielte seinen Lippen. »Im Moment steht wohl nur ein kleines Wesen zwischen uns, und das macht mir nun wirklich keine Angst, ganz im Gegenteil.«
   Wenn du wüsstest, dachte Sara und beschloss, ihre Sorgen, wenn auch nur für kurze Zeit, Jack zuliebe beiseitezuschieben. Es blieb ihr noch etwas Zeit, um alles Weitere zu überdenken, vielleicht fand sie ja eine andere Möglichkeit, ohne Jack belügen zu müssen. »Komm, ich möchte dir etwas zeigen«, sagte sie und lächelte verschmitzt.
   Um ihn und sich abzulenken, kramte sie ein abgegriffenes Fotoalbum hervor und machte es sich auf dem Teppich vor dem Kamin gemütlich. Es dauerte nicht lange, bis Jack neugierig über ihre Schulter blickte. Lachend hielt sie ihm ein Schwarz-Weiß-Bild entgegen, auf dem ein etwa sechsjähriger Junge mit seinem älteren Bruder abgebildet war. Anhand seiner silbernen Strähne im ansonsten dunklen Haar war es nicht allzu schwer zu erkennen, um wen es sich bei dem Jüngeren handelte. Als sie mit dem Finger auf das schmutzige Kindergesicht tippte, musste selbst Jack grinsen. Mit einer breiten Zahnlücke und einem schokoladenverschmierten Mund lächelte er verschmitzt in die Kamera. Neben ihm stand Marc, sein rundes Kindergesicht hatte sich, bei dem Versuch einen möglichst erwachsenen Eindruck zu erwecken, zu einer gequälten Grimasse verzogen.
   »Du warst vermutlich ein furchtbar anstrengendes Kind. Das erkennt man auf den ersten Blick.«
   »Ganz im Gegenteil. Sieh dir meinen Bruder an, er ist derjenige, auf dessen neuem T-Shirt ein dicker Schmutzfleck prangt«, wehrte Jack entrüstet ab.
   Sara sah sich die Fotografie genauer an. Jack hielt die Hände hinter seinem Rücken verschränkt, als würde er etwas verbergen. Ihr Blick huschte zum erwachsenen Jack, der ein unschuldiges Gesicht aufgesetzt hatte. Seine Reaktion bestätigte Saras Vermutung. Sie stupste ihn gegen die Brust, sodass er nach hinten kippte. »Ich könnte vermuten, dass du an diesem Schokoladenfleck die Schuld trägst. Eigentlich bin ich mir sogar ziemlich sicher …«, raunte sie ihm vornübergebeugt zu. Weiter kam sie nicht, da Jack nach ihr griff und sie behutsam zu sich hinzog.
   »Die Schokolade war ein Bestechungsversuch unseres Vaters. Wir hatten sie zuvor brüderlich untereinander aufgeteilt. Hätte Marc nicht versucht, mir das letzte verbliebene Stück wegzuschnappen, …«
   Sara brach in Gelächter aus und legte ihren Kopf auf seinen Brustkorb, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Sie schloss die Augen und lauschte Jacks kraftvollem Herzschlag. Die Stille wurde nur von dem Knacken eines Holzscheites unterbrochen, das in sich zusammenfiel.
   Sie stellte sich vor, sie würde sich in einem schützenden Kokon befinden, und presste die Augenlider zusammen, um diesen Zustand so lange wie möglich aufrechtzuerhalten.
   Jack hatte bisher bewegungslos unter ihr gelegen, schob seine Hand unter ihren Pullover und strich mit gleichmäßigen Bewegungen über ihre nackte Haut. Sara genoss seine Berührungen, schob sich langsam höher und küsste seinen Mundwinkel, der sich unter ihrer Berührung leicht anhob. Er vertiefte den harmlosen Kuss, schlang seine kräftigen Arme um sie und zog sie an sich.
Kapitel 4

Obwohl Sara den Sonntag lieber kuschelnd im Bett verbracht hätte, blieb ihnen nichts anderes übrig, als gegen Spätnachmittag aufzustehen. Marc würde in weniger als einer halben Stunde den Sektempfang anlässlich des zehnjährigen Bestehens seines Bodybuildingcenters eröffnen.
   Sara stieg in ihre Jeans, die, wie sie feststellen musste, am Bund zu eng geworden war. Ihr blieb nichts anderes übrig, als in ihrem Kleiderschrank nach einer weit geschnittenen Hose zu suchen. Seufzend griff sie nach einer schwarzen Stoffhose, die mit ihrem geraden Schnitt ihrem Geschmack am nächsten kam. Die taillierten Blusen schob sie in den hintersten Winkel ihres Kleiderschranks.
   Später stand sie relativ zufrieden vor dem Spiegel und begutachtete sich von allen Seiten. Die Hose, kombiniert mit einem T-Shirt, das zwar ihren kleinen Bauch umspannte, jedoch nicht allzu auffällig wirkte, harmonierte mit ihrem glänzend schwarzem Haar. Sie griff nach einer perlmuttbesetzten Haarspange, überlegte es sich anders und ließ ihr Haar offen über die Schultern fallen. Zum Schluss zwinkerte sie ihrem Spiegelbild zu und verließ das Bad.
   Jack wartete schon in der Diele auf sie und grinste ihr entgegen. Seine neue Jeans und das weiße Hemd, das er an den Ärmeln hochgekrempelt trug, standen ihm ausgezeichnet. Einzig seine widerspenstige Haarsträhne ließ sich wie so oft nicht bändigen.
   »Deine Haare bräuchten dringend einen Schnitt.« Sara schmunzelte und strich sie ihm aus der Stirn.
   »Vergiss es. Ich war erst vor ein paar Wochen beim Friseur. So schnell bekommst du mich nicht mehr in diesen Laden«, entgegnete Jack, schüttelte den Kopf und machte damit ihre Bemühung zunichte.
   Sara hatte mit dieser Reaktion gerechnet und lachte auf. Da sie wusste, womit sie ihn aufziehen konnte, nutzte sie jede Gelegenheit dazu. Jack ging offenbar auf, dass er hereingelegt worden war. Er zog die Augenbrauen unheilvoll zusammen und wurde vom Anblick ihres Babybauches abgelenkt. »Okay, verschieben wir die Bestrafung auf später. Wir kommen sowieso schon zu spät, und Marc wird sich bestimmt wundern, wo wir bleiben«, raunte er Sara zu und fuhr mit der flachen Hand liebevoll über ihren Bauch.

Der Empfang war schon in vollem Gang. Die Besucher standen in kleinen Gruppen und unterhielten sich angeregt. Sowohl bekannte, wie auch fremde Gesichter blickten ihnen beim Eintreten entgegen. An diese Reaktion hatte sich Sara gewöhnt, und doch mochte sie es nicht besonders, wenn man sie oder Jack derart unverhohlen anstarrte.
   Jack schien die neugierigen Blicke nicht wahrzunehmen. Er traf schon an der Tür auf Jafa, der Sara zulächelte, Jack wohlwollend auf die Schulter klopfte und in ein Gespräch verwickelte.
   Ein entschuldigender Blick traf Sara, die Jack signalisierte, dass es in Ordnung wäre.
   Ebenso wie er war sie sich darüber im Klaren, dass ihr Nachbar offiziellen Feierlichkeiten nichts abgewinnen konnte und die Einladung einzig seiner Frau zuliebe angenommen hatte.
   Auf der Suche nach Mina huschte Saras Blick durch den Raum und traf auf Miranda, die hinter der Theke stand und geschäftig benutzte Gläser spülte, die sich neben ihr stapelten. Sara verschob die Suche nach Mina auf später und schlängelte sich bis zur Theke durch. Sie wollte mit Marcs Frau einige Worte wechseln, bevor der Raum so voll sein würde, dass man nichts mehr verstehen konnte, ohne einander anzubrüllen.
   Miranda lächelte ihrer Schwägerin wohlwollend zu und hielt ihr ein gefülltes Glas entgegen, als diese bei ihr angekommen war. »Hallo Sara, ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass ihr nicht kommen würdet.«
   »Quatsch, natürlich lassen wir uns die Party nicht entgehen. Immerhin redet Marc schon seit Wochen von nichts anderem. Sag mal, bist du jetzt Minas Fanclub beigetreten?«, fragte Sara und schnupperte misstrauisch am Getränk.
   Miranda schmunzelte. Mina sorgte sich fortwährend um Sara und nutzte deren Schwangerschaft als Freibrief, um dies bei passender Gelegenheit kundzutun.
   »Komm schon, es ist doch nett, dass sie extra für dich frischen Saft organisiert hat. Aber warte, das Beste kommt noch.«
   Alarmiert lugte Sara um die Ecke. Unter der Theke standen mehrere Flaschen, Orangensaft, Himbeersaft und sogar eine Milchtüte. Ein kleines Schild erklärte, was es mit diesem merkwürdigen Sortiment auf sich hatte. Für Sara, die keinen Alkohol trinken darf! Sara stöhnte auf. »Ich hätte es wissen müssen. Habe ich schon mal erwähnt, dass ich Säfte allgemein verabscheue?«
   Miranda nickte, bevor sie in lautes Gelächter ausbrach.
   Sara lachte mit, hielt sich ihren Bauch und ignorierte die Blicke einiger Besucher, die neugierig in ihre Richtung schauten.

*

Jack wechselte seinen Standort, lauschte aber nur halbherzig den Vorschlägen seines Bruders, wie man den begrenzten Platz im Center zukünftig besser nutzen könnte. Ein perlendes Lachen inmitten des Stimmengewirrs beanspruchte seine Aufmerksamkeit. Da sich die Theke einige Meter hinter Marc befand, brauchte er nur einen Schritt zur Seite zu machen, um einen Blick auf Sara werfen zu können. Diese kugelte sich gerade vor Lachen und konnte scheinbar gar nicht mehr damit aufhören. Neugierig suchte er nach der Ursache ihrer guten Laune, doch außer einem gefüllten Glas Saft, das sie in der Hand hielt, konnte er nichts entdecken.
   Wärme stieg in ihm auf, als er seine Partnerin heimlich beobachtete. Die Schwangerschaft stand ihr gut. Ihre zierliche Gestalt hatte an Fülle gewonnen, die leichte Wölbung unter dem eng sitzenden Shirt machte diese Frau für ihn noch begehrenswerter, als sie es ohnehin schon war.
   Voller Stolz, dass Sara zu ihm gehörte, ließ er seinen Blick über ihr Gesicht wandern und blieb an ihren dunklen Augen hängen, die ihn anblickten. Er hatte nicht bemerkt, dass sie ihn ebenfalls beobachtete, und erwiderte ihr Grinsen, bevor Sara sich erneut Miranda zuwandte.
   Nachdenklich ruhte sein Blick auf ihr. Sie erschien ihm mit Fortschreiten ihrer Schwangerschaft verletzlicher denn je und weckte in ihm das Bedürfnis, sie und das Kleine vor den Widrigkeiten, die ihre Welt mit sich brachte, zu beschützen. Inzwischen war das Gefühl drohender Gefahr derart stark geworden, dass er Schwierigkeiten hatte, es abzuschütteln. Aber in diesem Raum, umgeben von seinen Freunden, seinem Rudel, war seine Angst, dass Sara oder ihrem gemeinsamen Kind etwas zustoßen könnte, ein irrationaler Gedanke. Mit einem letzten Blick auf Sara wandte sich Jack Marc zu und konzentrierte sich auf ihn. Inzwischen sprach dieser über diverse Realisierungsmöglichkeiten und wollte Jacks Meinung dazu hören.

*

An der gegenüberliegenden Glaswand, die den Thekenbereich vom eigentlichen Trainingsraum trennte, lehnte Korbian und nippte an einem Glas Sekt. Sein extrem kurzer Haarschnitt und der akkurat sitzende Anzug, der nach außen hin seiner Stellung als Inspektor geschuldet war, unterstrichen seine Zurückhaltung gegenüber seinen Mitmenschen. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass er sich abseits des Treibens aufhielt. Nur seine langjährige Freundschaft zu Marc hatte ihn dazu bewogen, überhaupt an diesem Empfang teilzunehmen.
   Sein Blick glitt gelangweilt über die Köpfe der Gäste hinweg und blieb zum wiederholten Mal an Sara hängen. Ihr helles Lachen hatte sein Interesse auf sie gelenkt. Er musste über ihren augenscheinlichen Übermut schmunzeln. Interessiert beobachtete er die Reaktion von Jack, der sich mit einem Lächeln seiner Partnerin zuwandte. Korbian runzelte die Stirn, als er bemerkte, wie sich die beiden mit Blicken verständigten, die verrieten, wie nah sie einander standen. In der Vergangenheit hatte er Jack wegen dem, was er verkörperte, gehasst und ihm den Teufel an den Hals gewünscht. Dieses Gefühl hatte sich nicht verändert, im Gegenteil, ein weiteres war hinzugekommen. Er beneidete den Rudelführer um sein Glück, eine starke und schöne Frau an seiner Seite zu haben. Dass aus ihnen bald eine kleine Familie werden würde, während ihm dieses Glück verwehrt worden war, schürte seine Wut auf Marcs Bruder, dessen Wünsche sich mühelos zu erfüllen schienen.
   Missmutig starrte er zu Boden und überlegte, ob er die Feier vorzeitig verlassen sollte. Er hatte kein Interesse an den Gesprächen der anderen Gäste, bei denen es sich hauptsächlich um Rudelmitglieder handelte. Er fühlte sich gänzlich fehl am Platz. Doch das Verlangen, Sara zu beobachten, ihre Gestik zu studieren, sich ihr dadurch näher zu fühlen, als es vermutlich jemals der Fall sein würde, war stärker als die Vernunft, sich von ihr und Ihresgleichen fernzuhalten.

*

Unauffällig schob Sara ihr unberührtes Glas zu den schmutzigen Gläsern hinüber und füllte sich stattdessen eines mit Wasser. Sie schlängelte sich zwischen den Gästen hindurch, bei denen es sich größtenteils um Kunden des Centers handelte. Hier und da entdeckte sie einen Werwolf, der sich unauffällig unter die Leute gemischt hatte. Auch Magnus war anwesend. Der Rudelführer aus dem benachbarten Bezirk war mittlerweile ein gerngesehener Gast in Bellwick. Entgegen der allgemeinen Erwartung hatte er sich nach Laurence’ Verschwinden wieder in seinen Bezirk zurückgezogen, doch hin und wieder traf er sich mit Jack, um Neuigkeiten auszutauschen.
   Ihre Stellung als Rudelführer benachbarter Bezirke war die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden, schoss es Sara durch den Kopf und revidierte diesen Gedanken.
   Magnus sah ebenfalls auf seine Art gut aus; seine braunen Augen besaßen eine kühle Intensität, die Sara im letzten Jahr am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte. Zwar trug er sein dunkelbraunes Haar deutlich kürzer als Jack, doch lang genug, um den Vorlieben vieler weiblicher Werwölfe entgegenzukommen.
   Im Gegensatz zu Jack, der schlank und von Natur aus muskulös war, besaß Magnus einen eher gedrungenen Körper, der allerdings gute Proportionen aufwies, wie ihr ein Blick auf seine Muskeln verriet, die sich unter dem Hemd abzeichneten. Der Rudelführer aus Malend besaß jedoch ein aufbrausendes Wesen, seine Autorität war spürbar aggressiv. Jacks Macht lag dagegen gut getarnt unter der Oberfläche verborgen und brach nur in Ausnahmesituationen hervor.
   Als sich ihre Blicke trafen, fühlte sich Sara ertappt. Ihre Wangen färbten sich, was sie insgeheim ärgerte. Sie erwiderte Magnus’ Lächeln und schaute sich nach ihrem Bruder um.
   Marcel stand neben Jennifer und Mina an einem Bistrotisch auf der anderen Seite des Raumes, und Sara beeilte sich, zu ihnen durchzukommen. Mina lächelte bei ihrem Anblick und zupfte an Saras T-Shirt, was dieser eine Bemerkung entlockte.
   »Heute trägt man enge Oberteile, um seinen Bauch gekonnt in Szene zu setzen. Okay, ich hab auf die Schnelle kein anderes finden können«, fügte sie verschmitzt hinzu, als sie Minas strafender Blick traf.
   Diese Erklärung, auch wenn sie nur der halben Wahrheit entsprach, denn Sara hatte kein Problem mit enger Kleidung, beruhigte ihre Freundin augenscheinlich. Ihr Lächeln aber deutete darauf hin, dass das Thema für sie noch längst nicht abgehakt war.
   Hätte sie bloß nichts gesagt. Wenn sich Mina jetzt nach gerüschten Schwangerschaftsoberteilen umsah, wäre sie erledigt. Schnell schob Sara den unangenehmen Gedanken beiseite und beobachtete stattdessen Marc, der mit mehreren gefüllten Gläsern an ihr vorbeihastete und ihr zum Gruß ein schiefes Grinsen zuwarf. Jacks Bruder war in seinem Element, huschte mit vor Aufregung glänzenden Augen von Gast zu Gast und bot auch denjenigen ein Glas an, die ein gefülltes in der Hand hielten.
   Sara fühlte sich an diesem Abend frei und beschwingt. Sie genoss die lockere Atmosphäre in vollen Zügen. Auch Jack schien sich zu amüsieren. Aber jedes Mal, wenn er in ihre Richtung steuerte, wurde er von jemandem aufgehalten und in Gespräche einbezogen, sodass es nicht vorhersehbar war, wann er letztendlich bei ihr eintreffen würde. Oftmals begegneten sich ihre Blicke und hielten einander fest.

Zu später Stunde herrschte allgemeine Aufbruchstimmung. Sara sah offenbar so erschöpft aus, wie sie sich fühlte.
   Jack war das nicht entgangen. »Wir könnten uns unauffällig verdrücken. Marc musste bei einigen Gästen mit anstoßen und bekommt sowieso nicht mehr viel mit. Ich hätte nichts dagegen, den Abend woanders ausklingen zu lassen.«
   Sein erwartungsvoller Blick entlockte Sara ein Lächeln. Liebevoll fuhr sie ihm durch sein wirres Haar. »In Ordnung, stehlen wir uns wie Teenager davon oder verabschieden wir uns brav?«, raunte sie ihm zu.
   »Wir verschwinden am besten einfach. Ich habe eine geschlagene Stunde gebraucht, um den Raum zu durchqueren und jetzt sind wir zu zweit!«
   Hand in Hand schlenderten sie eine Viertelstunde später so unauffällig wie möglich zum Ausgang. Wenn es sich nicht vermeiden ließ, wechselten sie ein paar Worte mit den Gästen und schlüpften durch die angelehnte Tür, die hinter ihnen ins Schloss fiel. Jack zog sie kurzerhand zum Aufzug, drückte auf den blinkenden Knopf und verschwand, Sara vor sich herschiebend, darin.
   Die lauten Geräusche verstummten, als sich der Aufzug mit einem Ruck in Bewegung setzte. Nur das leise Surren begleitete ihre innige Umarmung. Nach dem Geräuschpegel der letzten Stunden kam es Sara vor, als hätte sie eine andere Welt betreten, eine, die sie nur mit Jack teilte. Dieser schien ähnlich zu empfinden, wie sie an seinen Gold funkelnden Augen erkannte.
   »Sollte der Aufzug stecken bleiben, werde ich definitiv kein Notsignal senden«, flüsterte er dicht an ihrem Ohr.
   »Ich kenne mich mit der Schalttafel nicht aus, und die Beschriftung des oberen Knopfes ist sowieso unleserlich«, raunte Sara zurück, woraufhin sie sich angrinsten.
   Als die Tür aufging, nachdem sie sich eine Extrafahrt in die oberen Etagen gegönnt hatten, spazierten sie Hand in Hand die um diese Zeit leere Straße hinauf in Richtung Parkplatz.
   Sara blickte sich um. Ein Geräusch, das sie nicht zuordnen konnte, irritierte sie, doch sie konnte nichts Ungewöhnliches entdecken. Sie musterte die Schatten, die die Straßenlampen an die Hauswände zauberten.
   Vermutlich war es nur eine Nachwirkung des Lärmpegels, dachte sie und hakte ihren Daumen in Jacks Gürtelschlaufe ein.
   Als sie an ihrem Auto ankamen, blieben sie unschlüssig stehen. Der Abend war viel zu schön, um ihn zu beenden. Jack hatte die Idee, der Parkanlage mitten in Bellwick einen Besuch abzustatten. Bisher hatte Sara nie das Bedürfnis verspürt, sich dort aufzuhalten, doch heute freute sie sich auf den Abstecher und erklärte sich einverstanden. Sie wollte die Zeit mit Jack genießen, und eine Rückkehr nach Roseend hätte sie ihrer Probleme wieder nähergebracht.
   »Wir können den Park auf ein anderes Mal verschieben, wenn du zu müde bist, um …«, fragte Jack verhalten, offenbar irritiert über ihren Stimmungswechsel.
   »Nein, ich bin nicht zu müde. Warum behandelt ihr mich alle so, als ob ich krank wäre? Fang du nicht auch noch an«, fiel ihm Sara genervt ins Wort. Kaum waren ihr die Worte entschlüpft, tat es ihr leid, ihn derart angefahren zu haben. Jack konnte nicht ahnen, dass sich die Leichtigkeit, die Sara eben noch verspürt hatte, mit dem Verlassen der Feier langsam verflüchtigte. Als er schwieg, griff sie nach seiner Hand, die sich fest um die ihre schlang. Er hatte ihre unausgesprochene Entschuldigung angenommen.
   Wieder hatte sie das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden. Sara schrieb es ihren angespannten Nerven zu und ging weiter. Dass Jack nichts zu bemerken schien, bestärkte sie in ihrer Annahme.
   Als sie den kleinen Park erreichten, lächelte Sara verzückt. Vor ihr breitete sich eine von tief hängenden Weiden gesäumte Grasfläche aus, die nur hier und da durch angelegte Pfade durchbrochen wurde. Vereinzelte Straßenlaternen, die das Flair des vergangenen Jahrhunderts versprühten, ließen die Umgebung wie verzaubert wirken. Ihre Hand tastete erneut nach Jacks, er reagierte mit einem festen Händedruck. Als sie ihn anblickte, zauberten seine Augen, in denen goldene Funken tanzten, ein zärtliches Lächeln auf ihr Gesicht.
   »Ich dachte mir, dass es dir gefallen würde. Das ist die einzige Zeit, in der es hier wirklich schön ist.«
   Im Schatten eines Baumes küssten sie sich, doch ein leises Knacken ließ Sara erstarrten. Sie schnupperte, aber der Wind blies aus der entgegengesetzten Richtung und roch nach Blüten und feuchtem Gras. Sara überkam dennoch erneut das beklemmende Gefühl, beobachtet zu werden. Sie wollte sich von Jack lösen, doch er ließ es nicht zu. Unter ihren Lippen spürte sie sein Lächeln. Als ob er geahnt hätte, dass sie unter ihm durchtauchen wollte, zog er sie mit einer einzigen Bewegung an seine muskulöse Brust.
   »Seit wann bist du so schreckhaft? Es wird nur ein Tier gewesen sein, einen Menschen hätte ich schon längst kommen gehört«, redete er beruhigend auf sie ein.
   Einen Werwolf jedoch nicht, schoss es Sara durch den Kopf. Doch bevor sie den Gedanken aussprechen konnte, hatte sie ihn schon wieder vergessen, denn Jack küsste sie erneut drängend, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sara spürte die Hitze, die sein Körper ausstrahlte, durch ihre gefütterte Jacke, und drängte sich noch enger an ihn. »Wie konnte ich bloß diesen Park übersehen? Wenn ich an die ganzen ungenutzten Möglichkeiten denke …«, flüsterte sie, als sich ihre Lippen voneinander lösten und sie wieder halbwegs zu Atem gekommen war.
   »Hätte ich gewusst, dass dich dieser Park inspiriert, wäre ich schon vor langer Zeit mit dir hierhergekommen«, raunte er zurück, bevor sie eng umschlungen den Rückweg antraten.
   In ihrer eigenen kleinen Welt gefangen, achteten sie nicht weiter auf den Ast, der im Schatten einer hohen Hecke knackte, als ob er unter einem schweren Gewicht zerbrochen wäre.
Kapitel 5

Sara musterte Jack, der tief und fest schlief. Sie ließ ihren Blick über seine Gesichtszüge gleiten und prägte sie sich in allen Einzelheiten ein.
   Im Schlaf wirkten seine, in der letzten Zeit oft angespannten, Gesichtszüge locker und unbesorgt und erinnerten sie an die Fotografie des kleinen, aufgeweckten Jungen, der er einmal gewesen war. Sachte strich sie mit der Daumenkuppe über seine Lippen. Jack blinzelte, seine Hand wanderte automatisch über ihr Schlüsselbein und blieb auf ihrem leicht gerundeten Bauch liegen. Lautlos bewegten sich seine Lippen wie zum Schwur, sie und das Kleine zu beschützen. Sara atmete tief durch. Solange dieser Mann an ihrer Seite war, würde weder ihr noch ihrem Baby etwas geschehen. Der Gedanke war tröstlich, wenn er auch nicht ganz der Wahrheit entsprach.
   Irgendwann schlief sie ein und erwachte von dem würzigen Geruch frischen Tees und dem Motorgeräusch eines sich entfernenden Autos. Sie drehte sich träge auf die Seite, öffnete die Augen und erwartete, Jack neben sich zu sehen. Doch seine Seite des Bettes war leer. Er hatte seine Decke sorgsam zusammengefaltet am Bettende zurückgelassen. Aber das Hemd und die Jeans übersehen, die zusammengeknüllt in einer Ecke des Zimmers lagen.
   Offenbar war er früher als üblich aufgebrochen und löste gerade sein Versprechen ein, das Bodybuilding-Center wieder auf Vordermann zu bringen, bevor die ersten Kunden eintrafen. Marc würde bestimmt erst gegen Mittag mit üblen Kopfschmerzen auftauchen und schwören, dass er nie wieder einen Tropfen Alkohol anrühren würde, dachte Sara schmunzelnd.
   Glücklicherweise musste sie erst am Nachmittag in Mirandas Geschäft erscheinen und überlegte, was sie mit dem angebrochenen Vormittag anfangen könnte.
   Beim Betreten der Küche fiel ihr die Stille besonders auf, sie schien Sara plötzlich unerträglich. Lustlos kaute sie auf einer Toastecke herum und starrte nachdenklich aus dem Fenster. Ihre Gedanken bewegten sich in eine Richtung, die ihr nicht behagte. Sie musste dringend in Ruhe mit Marcel sprechen.
   Entschlossen griff sie zu ihrem Handy, das Jack demonstrativ mitten auf den Tisch gelegt hatte, und wählte die Nummer ihres Bruders. Sein Anrufbeantworter spulte eine neue Variante ab und entlockte Sara ein breites Grinsen.
   »Ich bin vermutlich verhindert. Sollte es dringend sein, drücken Sie die Eins. Hat es noch Zeit, drücken Sie die Zwei. Bei völlig unwichtigem Small Talk legen Sie bitte auf!«
   »Marcel, sollte ich in den Wehen liegen, wirst du mit Sicherheit der Letzte sein, den ich um Hilfe bitte«, sagte sie nach dem Piepton.
   Eine Minute später klingelte ihr Handy, ganz so, wie sie es erwartet hatte.
   »Hallo Schwesterherz. Bis es so weit ist, werde ich mir eine speziell auf schwangere Frauen zugeschnittene Ansage überlegen.«
   »Na, da lass ich mich doch gern überraschen. Sag mal, hast du heute Morgen zufällig etwas Zeit?«
   Nach einem kurzen Wortwechsel beendete Sara das Geplänkel unter Geschwistern und zog eine halbe Stunde später die Haustür hinter sich zu.
   Knapp hinter Roseend bemerkte sie zum ersten Mal den silbernen Ford Escort, der ihr mit Abstand folgte. Beunruhigt schaute sie zum wiederholten Mal in den Rückspiegel. »Jack, so langsam gehen mir deine übertriebenen Vorsichtsmaßnahmen gewaltig auf die Nerven. Wer ist es diesmal?«, murmelte sie.
   Sie grinste, als sie resolut das Gaspedal durchtrat. Wenn schon eine Verfolgungsjagd, dann wollte sie auch den dazugehörigen Adrenalinkick verspüren.
   Zu beiden Seiten der Straße flogen die Konturen der Bäume, Wiesen und Felder wie eine bunt gewürfelte Farbpalette an ihr vorbei. Ein schneller Blick in den Rückspiegel und auf die Tachonadel und ihr Grinsen verstärkte sich.
   Der silberne Escort war aus ihrem Sichtfeld verschwunden, wie sie mit Befriedigung feststellte. Kurz vor Bellwick drosselte sie die Geschwindigkeit, wendete am Seitenstreifen und fuhr im normalen Tempo zurück. Sie wusste, dass sie ihren Verfolger nicht abgeschüttelt hatte. Ließ man die zahlreichen schmalen Feldwege außer Acht, gab es nur diese Straße, die auf direktem Weg nach Bellwick führte.
   Der Escort fuhr auf der gegenüberliegenden Straßenseite an ihr vorbei. Neugierig blickte sie zum Fahrer hinüber, doch ihr blieb keine Zeit, festzustellen, um wen es sich bei ihrem Verfolger handelte. Im Grunde war es ihr egal. Sie hatte auf seine Kosten ihren Spaß gehabt und es genossen.
   Als sie hinter der Tankstelle abbog und die Straße nach Mitchen nahm, verpuffte das Hochgefühl.
   Dass ihr Bruder vor einigen Monaten übereilt zu Jennifer gezogen war und fast nichts außer seiner Kleidung und wenigen anderen Dingen mitgebracht hatte, hatte Sara damals ausschließlich seiner Verliebtheit zugeschrieben. Immerhin waren die beiden schon über einen längeren Zeitraum hinweg hin- und hergependelt, was auf Dauer zu einer Belastung geworden wäre. Aber nach dem Gespräch mit Tabeta war sich Sara nicht mehr sicher, dass dies der einzige Beweggrund gewesen war. Sie hatte das untrügliche Gefühl, dass noch etwas anderes dahinter steckte.
   Alarmiert von der Dringlichkeit ihres Anrufs, wartete Marcel bereits an der Tür, als sie vorfuhr. Nach einer kurzen, herzlichen Umarmung folgte sie ihm ins Haus, das Angebot eines späten Frühstücks lehnte sie allerdings dankend ab.
   Nervös zupfte Sara an ihrem Pulloversaum, gab sich einen Ruck und blickte ihrem Bruder ins Gesicht um seine Reaktion zu verfolgen. »Warum bist du vor vier Monaten so überstürzt nach Mitchen gezogen?«
   Marcel erstarrte und schien nach passenden Worten zu suchen. »Wir hatten schon länger darüber nachgedacht. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis ich zu Jenni ziehen würde …«
   Sara erkannte, an seinem ausweichenden Verhalten, dass sie sich auf der richtigen Spur befand. »Was ist damals in Surrey passiert, von dem du mir nichts sagen willst?«, setzte sie nach, bevor er sich gefangen hatte.
   »Warum ist es dir so wichtig, zu erfahren, was in Surrey los ist?«, konterte ihr Bruder geschickt mit einer Gegenfrage. »Dein Zuhause ist jetzt hier, und du solltest die schlechten Erinnerungen endlich vergessen …« Er zögerte. »Das war einer der Gründe, warum ich hierhergezogen bin.«
   Sara horchte auf. Diese Eigenart von ihm, mitten im Satz abzubrechen, als müsste er sich jedes weitere Wort gut überlegen, kannte sie und weckte ihr Misstrauen. »Okay, das kann ich verstehen. Und was war der andere Grund?« Sie hatte nicht vor, ihn so einfach davonkommen zu lassen und ärgerte sich insgeheim, dass er noch immer der Meinung war, ihr etwas verheimlichen zu müssen.
   Den direkten Blickkontakt vermeidend starrte er über ihre Schulter hinweg aus dem Fenster. »Du lässt einfach nicht locker, nicht wahr? Also gut, in Surrey gab es innerhalb des Rudels heftige Auseinandersetzungen«, gab er schließlich klein bei. »Eine Gruppe Einzelgänger hatte sich zusammengerottet und Williams Rudel angegriffen. Ich habe keine Ahnung, wie es ihnen gelang, das alteingesessene Rudel zu überrumpeln. Allerdings wurden die Angreifer von einem nicht ganz fremden Werwolf angeführt, und dieser Umstand ließ William vermutlich zu lange zögern. Und wenn ich bedenke, dass der neue Rudelführer Sim…« Ihr Bruder hatte sich so in Fahrt geredet, dass er erst stoppte, als es bereits zu spät war.
   Sara konnte spüren, wie ihr jegliche Farbe aus dem Gesicht wich, und bemühte sich dennoch, ihre Gelassenheit nach außen hin weiter aufrechtzuerhalten. »Dass der neue Rudelführer Simon ist, wolltest du sagen«, ergänzte sie leise.
   »Ich vermute, dass er seinen Vater angegriffen hat. Er muss endgültig wahnsinnig geworden sein«, sagte Marcel widerstrebend.
   »Was ist aus den anderen geworden?«, hakte Sara nach und sank kraftlos auf die Sessellehne.
   »Einige haben nach Williams Tod den Bezirk verlassen. Die wenigsten wollten sich Simon beugen. Doch es gab auch viele, die sich ihm angeschlossen haben. Du weißt selbst, wie schwer es ein Werwolf hat, wenn er keinem Rudel angehört und wie überzeugend dein Exfreund sein kann. Wenn es nicht ausgerechnet Simon gewesen wäre, hätte ich es dir viel früher erzählt.«
   »Ich verstehe allerdings noch immer nicht, warum du Hals über Kopf nach Mitchen gezogen bist,« entgegnete Sara gedankenverloren.
   Die Miene ihres Bruders verdüsterte sich ob ihrer Hartnäckigkeit. »Du weißt doch, dass wir uns an den Wochenenden immer abwechselnd hier oder in Surrey getroffen haben. Von meiner Seite aus war das kein Problem, allerdings hätte es für Jenni gefährlich werden können. Immerhin handelte es sich bei ihr um eine schutzlose Werwölfin eines weit entfernten Rudels. Nach dem gewaltsamen Wechsel war das Chaos unter den Rudelmitgliedern sogar für Außenstehende wie mich zu erkennen, sodass ich nicht mehr für ihre Sicherheit garantieren konnte.«
   Saras verständnisvolles Nicken und ihr ausdrucksloses Gesicht bewirkten offenbar, dass Marcels Fürsorge aufflammte.
   »Beruhig dich. Surrey liegt ja nicht gerade um die Ecke. Und hier bist du in Sicherheit!«
   Hier in Roseend war sie vielleicht sicher, aber sie musste unbedingt nach Surrey, und deshalb würde auch nichts ihren Entschluss ändern … Sie sprach nicht aus, was ihr durch den Kopf ging und riss sich Marcel zuliebe zusammen. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war ein besorgter Bruder, der kaum, dass Sara das Haus verlassen hätte, Jack über ihr Gespräch informieren würde. In ihr keimte ein Gedanke auf, der einiges erklärte.
   Jetzt verstand sie, warum er ihr seit Wochen einen Wächter zur Seite stellte. Er musste es gewusst haben, und es sah nicht danach aus, als würde sich an Jacks Verhalten in nächster Zeit etwas ändern, und das erschwerte Saras Vorhaben ungemein. »Du hast recht. Surrey sowie Simon gehören der Vergangenheit an. Er erhielt dadurch, dass er die Stellung des Rudelführers an sich gerissen hat, das, was er immer wollte«, versuchte sie ihren Bruder zu beruhigen. Doch eines hat er nicht bekommen. Mich!, dachte Sara beklommen und wechselte das Thema, indem sie ihn auf die bevorstehende Hochzeit ansprach. Sie war nur halb bei der Sache und musste sich mehrmals ermahnen, Interesse zu heucheln und sich locker zu geben. Als sie zwei Stunden später ihren Bruder verließ, war Sara mit ihren Nerven am Ende. Ihre bühnenreife Vorstellung, dass sie sich auf die kommende Hochzeit freute, als gäbe es nichts, worüber sie sich Sorgen machen müsste, hatte ihr viel abverlangt.
   Als sie auf die Landstraße einbog, kam ihr der Gedanke, bei Tabeta vorbeizufahren. Die alte Werwölfin, so weise sie auch war, würde ihr die Entscheidung allerdings nicht abnehmen können. Die Angst, die Sara das Atmen erschwerte und ihren Herzschlag beschleunigte, ließ sich nicht länger unterdrücken. Es musste etwas passieren, nicht irgendwann, sondern sofort.
Kapitel 6

Entschlossen griff Sara nach dem Handy, das sie auf dem Beifahrersitz zurückgelassen hatte, und rief Miranda während des Fahrens im Geschäft an. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als die fröhliche Stimme ihrer Freundin erklang.
   »Sag mal, könnte ich heute zu Hause bleiben? Ich fühle mich heute nicht so besonders.«
   »Ist etwas mit dem Baby? Jack wird noch bei Marc sein. Soll ich ihn anrufen? Er könnte in einer halben Stunde bei dir sein.«
   Ihr Nein kam einem Aufschrei gleich. Mirandas ängstlicher Tonfall machte es Sara nicht gerade leicht, ihre Lüge weiterhin aufrechtzuerhalten. »Quatsch, in meinem Zustand ist so etwas ganz normal. Ich lege mich gleich etwas hin. Du musst Jack wirklich nicht beunruhigen«, fuhr sie mit bemüht ruhiger Stimme fort.
   Der Zeitpunkt war gekommen, ihren Plan, den sie sich in den letzten Tagen zurechtgelegt hatte, auszuführen. Jack würde bei seiner Heimkehr mit Sicherheit sofort bemerken, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis er von Marcel erfahren würde, dass sie ebenfalls über Simon Bescheid wusste. Zudem hatte sie sich mit ihrer inszenierten Verfolgungsjagd keinen Gefallen getan. Jack wäre sauer, dass sie die Gefahr eines Unfalls eingegangen war, und würde seine Bemühungen eher noch verstärken.
   Als ob Simon nichts Besseres zu tun hätte, als nach Roseend zu kommen. Stattdessen würde sie ihm einen freiwilligen Besuch abstatten.
   Die Ironie dieser Situation entlockte Sara allerdings kein Lächeln. Sie benötigte die Hilfe von einem Außenstehenden und wusste auch schon, wer dieser jemand sein würde.
   In Bellwick angekommen, parkte sie in einer Seitengasse nahe des Polizeireviers, ging aber nicht sofort zu dem Gebäude, sondern lief geraume Zeit durch Seitengassen, bis sie sich sicher sein konnte, dass ihr wirklich niemand gefolgt war.

Um die Mittagszeit waren die Straßen voller Menschen. Die Leute gingen in die Mittagspause oder kamen gerade zurück und hasteten über den Platz, ohne einen Blick nach rechts oder links zu werfen.
   Noch konnte sie zurück. Vielleicht gab es ja eine andere Möglichkeit, sie musste dies nicht durchziehen. Wenn sie Marc oder einige aus dem Rudel einweihen würde … Resigniert schüttelte sie den Kopf. Zu oft schon hatte sie die Alternativen, die sich ihr boten, durchgespielt. Es gab keine, die sicherer war als diese, um Jack aus der Gefahrenzone zu halten. Egal, wem sie sich anvertraute, Jacks Leute waren nicht nur ihr, sondern auch ihrem Rudelführer gegenüber loyal. Wie sie es auch drehte und wendete, Jack hätte erfahren, warum Sara das Amulett dringend benötigte. Er hätte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Schmuckstück zu finden und an sich zu bringen. Selbst wenn es für ihn bedeutet hätte, sein oberstes Prinzip, ein friedliches Zusammenleben ohne Anwendung von Gewalt, über Bord zu werfen. In der Vergangenheit war Jack mehrmals wegen ihr in Gefahr geraten. Ein weiteres Mal würde dies nicht passieren. Sie musste ein erneutes Zusammentreffen zwischen Simon und Jack unbedingt verhindern.
   Sara stand vor dem weißen Gebäude und gab sich einen Ruck. Entschlossen betrat sie das Foyer, nickte der Sekretärin am Empfang freundlich zu und ging zielstrebig durch den Gang, um an einer der unscheinbar aussehenden, hinteren Türen stehen zu bleiben. Sie klopfte leise an und lauschte dem Rascheln von Papier auf der anderen Seite, das schlagartig aussetzte und einem »Herein« Platz machte.
   Der Mann vor ihr hob irritiert den Kopf, seine Augen weiteten sich, und ein freundliches Lächeln erschien auf seinem Gesicht, nachdem er sie erkannt hatte. »Hallo Sara. Das ist ja eine Überraschung. Was führt dich zu mir?«
   »Hallo Korbian, ich benötige deine Hilfe«, sagte Sara anstelle einer formellen Begrüßung. Nervös blinzelte sie, als sich ein Funkeln in seinen Augen zeigte, der aber sogleich wieder verschwand. »Wie geht es eigentlich deiner Großmutter?«, fragte Sara und ließ Korbian dabei nicht aus den Augen.
   Der Inspektor legte den Kugelschreiber, den er in der Hand hielt, vor sich auf den Tisch. »Gut, ich hab Tabeta erst vor einigen Tagen besucht. Du kannst dir sicher denken, dass wir uns nach all den Jahren schwertun, eine gemeinsame Basis zu finden«, entgegnete er verhalten, als wäre es ihm unangenehm, über derart Persönliches mit ihr zu sprechen.
   Sara verstand ihn nur zu gut, immerhin war sie es gewesen, die Korbian im letzten Winter über seine wahren Familienverhältnisse aufgeklärt hatte. Im Gegenzug hatte er ein Auge zugedrückt, als Sara gezwungen gewesen war, als Wölfin durch das Einkaufszentrum zu hetzen, um einen anderen Werwolf zu stellen. Dass Korbian keine Werwölfe mochte, obwohl er von einer der ihren abstammte, war damals unwichtig geworden, und sie war sich sicher, dass er seinen Groll insbesondere Jack gegenüber ihr zuliebe aufgegeben hatte.
   Im Grunde waren sie quitt, doch Sara benötigte dringend seine Unterstützung.
   Korbians undurchschaubarer Blick musterte sie abwartend, und Sara entschied sich, das Unvermeidliche nicht länger hinauszuzögern und es so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. »Ich möchte dich um einen Gefallen bitten: Ich muss für ein paar Tage verschwinden, es ist sehr wichtig für mich, dass ich allein gehe …«
   »Und wie kann ich dir dabei helfen?«, unterbrach er ihren Redefluss und brachte sie damit aus dem Konzept.
   »Ich möchte allein gehen,« wiederholte sie ihren letzten Satz.
   Dass Korbian verstand, konnte sie an seinen zusammengezogenen Augenbrauen und an dem flüchtigen Aufblitzen in seinen Augen erkennen. Obwohl er nur ein Mensch war, besaß er doch mehr von einem Werwolf, als er ahnte, dachte Sara, während ihr ein Schauder über den Rücken rann.
   Der Inspector nahm mit einer langsamen Handbewegung den Kugelschreiber vom Tisch und drehte ihn nachdenklich zwischen den Fingern. »Ich frage erst gar nicht, wohin du willst. Aber kannst du mir vielleicht verraten, wie ich Jack davon abhalten soll, dir zu folgen? Ich meine, er ist der Werwolf, nicht ich.«
   Das Wort Werwolf hatte er mühsam hervorgepresst, was Sara in ihrer Aufregung allerdings nur am Rande wahrnahm. »Ich habe lange darüber nachgedacht. Soweit ich informiert bin, gibt es in diesem Gebäude einen abgelegenen Raum, zu dem kaum jemand Zugang hat. Zumindest hat Marc mir gegenüber mal so etwas erwähnt. Er erzählte, dass ihr euch dort als Kinder manchmal versteckt hättet.«
   Verblüfft hielt Korbian in seinem Fingerspiel inne.
   »Damals war dein Vater noch bei der Polizei. Es war vermutlich nicht schwer an die Schlüssel zu kommen?«, fragte sie offen heraus und hielt den Atem an.
   Ein belustigtes Grinsen huschte über Korbians Gesicht, und sie entspannte sich ein wenig, obwohl sie sich bereits jetzt schuldig fühlte.
   Der Zeitpunkt war gekommen, Jack zu verraten und sein Vertrauen zu missbrauchen. Sie hatte alle Geschütze aufgefahren, denen sie habhaft werden konnte; Ihre Hilfe, bei der Klärung über den mysteriösen Tod seiner Mutter, während Korbians Geburt ebenso wie die Erwähnung seiner langjährigen Freundschaft mit Marc, die bis ins Kindesalter zurückreichte.
   Die plötzliche Stille im Raum machte Sara nervös, sodass sie mehrmals schlucken musste.
   Korbian stand auf und durchquerte schweigend das Zimmer. Dicht vor Sara blieb er stehen und musterte nachdenklich ihr Gesicht, als ob er darin etwas Bestimmtes suchen würde. Sara hielt seinem Blick stand und wagte es nicht einmal, mit der Wimper zu zucken.
   »Okay, ich mache es. Für dich. Jack ist mir völlig egal. Ich helfe dir, so wie du mir im letzten Jahr geholfen hast.«
   Sein Blick wurde stechend, und Sara meinte, eine unterschwellige Veränderung in seiner Stimme herauszuhören, die sie etwas verunsicherte, doch die Erleichterung überwog.
   Als sich Korbian jäh zu ihr vorbeugte, zuckte sie zusammen. Sein heißer Atem strich über ihre Wange und verursachte ihr eine Gänsehaut.
   »Wann soll ich ihn abfangen?«
   Sara räusperte sich und trat unauffällig einen Schritt zurück. »Morgen Abend. Zu diesem Zeitpunkt werde ich nicht mehr da sein, und er wird sich Sorgen machen.«
   Ohne ein weiteres Wort verließ sie fluchtartig den Raum, nachdem sie und Korbian ihre Nummern miteinander ausgetauscht hatten.
   Sie spürte einen stechenden Schmerz, der ihr die Brust zusammenzuschnüren drohte, und hielt ihn so lange zurück, bis sie in ihrem Auto saß. Tränen der Verzweiflung und Wut lösten einander ab, und es dauerte geraume Zeit, bis sie sich so weit im Griff hatte, um aufzubrechen. Wie in Trance schlängelte sie sich durch den Verkehr, den Blick starr vor sich auf die Straße gerichtet.

Kapitel 7

Ehe Jack nach Hause kam, rief sie erneut bei Miranda an und nahm sich auch den nächsten Tag frei. Ihre Begründung, dass sie sich müde fühlen würde und es ihr gut täte, einen weiteren Tag für sich zu haben, wurde wie erwartet ohne Einwände akzeptiert.
   Den ganzen Abend hindurch achtete sie darauf, sich so normal wie möglich zu verhalten. Doch in der Nacht, als sie den gleichmäßigen Atemzügen des Mannes, den sie über alles liebte, lauschte, weinte sie sich lautlos in den Schlaf.

Kaum hatte Jack am Morgen das Cottage verlassen, fiel ihre mühsam aufrechterhaltene Fassade wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Sie betrat das Schlafzimmer und griff nach der obersten Kommodenschublade. Ihr Blick blieb an dem großen Aquarell darüber hängen. Zittrig berührte sie die zwei abgebildeten Wölfe, die in einer Vollmondnacht inmitten der Lichtung saßen. Nur kurz ließ sie die Erinnerung an glücklichere Zeiten zu, doch der Schmerz in ihrer Brust, den sie beim Betrachten des Bildes empfand, bestärkte sie darin, das Richtige zu tun und alles zum Guten zu wenden.
   Möglicherweise machte sie sich zu viele Sorgen.
   Die Träume könnten bedeutungslos und einzig ihrer Angst entsprungen sein. Immerhin besaß sie jetzt Tabetas Kräutermix und die Chance, dass ihre Kleine ausgerechnet an einem 29. Tag eines Mondmonats zur Welt kommen würde, wäre mehr als unwahrscheinlich.
   Doch wieso hatte Tabetas Teemischung bei Sanea versagt? Die aufkeimende Hoffnung zerschlug sich bei dem Gedanken und besiegelte ihre Entscheidung.
   Entschlossen packte sie ein paar Kleidungsstücke zum Wechseln in ihre Reisetasche, die sie unter dem Bett hervorzog, und machte kehrt. Bereits nach wenigen Schritten kehrte sie nochmals um, setzte sich an den kleinen Schreibtisch in der Ecke und zog ein leeres Blatt Papier aus der obersten Schublade. Lange Zeit blieb sie reglos sitzen, starrte darauf und legte es wieder in die Schublade zurück.
   Als die Haustür hinter ihr, mit einem endgültigen Klick, ins Schloss fiel, atmete sie tief durch und wappnete sich für das, was kommen würde.

*

Jack fuhr sich fahrig durch die zerzausten Haare und blickte zum wiederholten Mal auf die Uhr. Seit über einer Stunde versuchte er Sara über das Handy zu erreichen. Eigentlich müsste sie längst zu Hause sein. Mittlerweile brach die Dunkelheit herein, und mit ihr steigerte sich seine Unruhe. Er hatte keinen Anhaltspunkt, wo sich Sara aufhalten könnte. Jack hatte gegen Abend im Geschäft angerufen und erst dort durch Miranda erfahren, dass sich Sara unwohl fühlte und sich auch für diesen Tag freigenommen hätte. Auf ihrem Handy meldete sich einzig die Mailbox, auf der er mittlerweile unzählige Nachrichten hinterlassen hatte.
   Auch der Werwolf, der sie an diesem Tag beschatten sollte, konnte nur berichten, dass er erst ab Saras üblicher Feierabendzeit nach ihr Ausschau gehalten hätte. Kleinlaut hatte Billy, einer der jüngsten Werwölfe in seinem Rudel, zugegeben, dass sie sich am Vortag ein Rennen vom Feinsten geliefert hätten. Jack war einem Wutausbruch nahe und hatte die Verbindung unterbrochen.
   Es ergab alles keinen Sinn. Saras Unwohlsein, das sie ihm gegenüber mit keinem Wort erwähnt hatte und ihre leichtfertige Fahrweise passten ebenso wenig zusammen wie ihr unerwartetes Verschwinden.
   Die Situation glich einem Déjà-vu, an das sich Jack nur ungern erinnerte. Damals war Sara vor seiner Nase von Simon entführt worden und er, Jack, war fast verrückt geworden vor Angst um die Frau, die er liebte. Siedend heiß fiel ihm ein, dass Simon erst vor Kurzem durch eine List zum Rudelführer aufgestiegen war.
   Dieser Mistkerl hatte nicht einmal vor seinem eigenen Vater haltgemacht. Sein Sieg könnte ihn beflügelt haben, einen weiteren Versuch zu starten, um sich Sara zu schnappen.
   Nein, wenn er oder ein fremder Werwolf sich in ihrem Gebiet aufgehalten hätte, wäre das, nach dem Eklat mit Laurence, keinesfalls unbemerkt geblieben. Diesmal musste etwas anderes dahinterstecken.
   Jack war nicht auf Sara wütend, sondern auf sich selbst.
   Die letzten Tage waren harmonisch verlaufen, sodass er gedacht hatte, dass das, was sie in den vergangenen Wochen umtrieben hätte, mittlerweile überstanden wäre. Die Erkenntnis, dass diese Annahme ein großer Fehler gewesen sein könnte, kam zu spät.
   Er stand kurz davor, sein Rudel zusammenzutrommeln. Einzig der Gedanke, dass er überreagierte und sich Sara, aus welchem Grund auch immer, bei Jennifer aufhalten könnte, hielt ihn zurück. Er beschloss, sie zu suchen und verließ das Cottage.

Sein Auto schoss aus der Einfahrt. Es raste die Landstraße entlang und bog nach Mitchen ab. Vor Marcels Haus hielt Jack an und klingelte Sturm. Im Inneren rührte sich nichts, sodass er schon im Begriff war aufzugeben, als Marcel nichts ahnend um die Hausecke bog. Erstaunt, Jack in einem solch aufgewühlten Zustand vorzufinden, runzelte er die Stirn.
   »Was machst du denn hier? Ich war hinter dem Haus und hab einen Schlag gehört, der sich wie das Herausreißen einer Autotür anhörte. Ich vermute, damit liege ich ungefähr richtig.«
   »Hast du eine Ahnung, wo Sara steckt? Ich suche sie schon seit Stunden.«
   Seinem Gegenüber gefror das Lächeln. Verwirrt starrte er Jack an. »Ich habe sie gestern Morgen das letzte Mal gesehen. Sie erwähnte nichts davon, dass sie etwas Besonderes vorhaben würde. Moment, ich frage Jenni, ob sie etwas weiß.«
   Marcel zog sein Handy aus der hinteren Hosentasche und drückte die Wiederwahltaste. Kurz angebunden fragte er bei seiner Verlobten nach, die, wie sein Gesichtsausdruck verriet, ebenfalls keine Ahnung hatte, wo Sara stecken könnte.
   Jack fuhr sich durch sein Haar und stöhnte leise auf.
   »Tut mir leid, Jenni weiß auch nichts. Ich hol nur meinen Autoschlüssel, dann klappern wir die umliegenden Orte ab. Sie wird vermutlich bei einer Bekannten stecken und die Zeit vergessen haben. Warte kurz, du bist nicht in der Verfassung, selbst zu fahren.«
   Jack erinnerte Marcel daran, dass dieser allzu oft vergaß, dass er unter Werwölfen lebte und zu was diese imstande waren. Er war auf dem Weg nach Bellwick ins Bodybuildingcenter seines Bruders, dem bevorzugten Versammlungsort aller Rudelmitglieder, um an Ort und Stelle seine Leute zu informieren und gegebenenfalls zusammenzutrommeln, als sein Handy klingelte. Sein Fuß schnellte auf die Bremse und brachte das Auto abrupt zum Stehen. Hastig griff er neben sich und umklammerte das Mobiltelefon.
   »Korbian, was willst du denn?«, grummelte er frustriert, dass es nicht Sara war, lauschte der Antwort und hob verwundert die Augenbrauen. »Wie, Sara hat ein kleines Problem? Könntest du dich bitte deutlicher ausdrücken. Wieso soll ich auf das Polizeirevier kommen? … Okay, ich bin in zehn Minuten da. Ich hoffe, ihr zwei habt eine gute Erklärung parat.«
   Wütend knallte er das Handy gegen das Armaturenbrett. Seine Erleichterung darüber, dass sich Sara offenbar bei Korbian aufhielt, wurde durch einen Stich der Enttäuschung geschmälert. In der Stimme des Inspektors hatte ein äußerst zufriedener Unterton mitgeklungen, der Jack normalerweise stutzig gemacht hätte, doch seine Gedanken überschlugen sich, sodass er nicht weiter darauf achtete.
   Wieso wandte sich Sara ausgerechnet an Korbian, anstatt ihre Probleme mit ihm zu besprechen? Was hatte das alles zu bedeuten? Jack riss das Lenkrad nach rechts auf die Fahrbahn zurück. Er ignorierte die Tachonadel und legte die Strecke in der Hälfte der Zeit zurück.
   In der Kleinstadt herrschte in den recht kühlen Abendstunden nur wenig Verkehr, sodass er zügig durchkam.
   Als er in das dunkle Gebäude stürmte, stutzte er und blieb schließlich wie angewurzelt stehen.
   Er spürte, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Um diese Uhrzeit hätte das Revier zumindest halbwegs besetzt sein müssen. Doch nirgends konnte er einen Angestellten entdecken, selbst der Empfang war verlassen. Eine einzige Deckenleuchte verbreitete ihr spärliches Licht, für eine Eingangshalle in dieser Größenordnung völlig unzureichend. Jack spannte unwillkürlich seine Muskeln an, als er einen alarmierend vertrauten Geruch wahrnahm. Seine Nasenflügel blähten sich auf, und plötzlich wusste er, was oder besser wen er gerade roch. Mit einer geschmeidigen Bewegung drehte er sich um. Das Fenster zu seiner Rechten reflektierte das Glühen seiner Augen, die er zu Schlitzen verengte, während aus seinem Brustkorb ein aggressives Grollen aufstieg. Er war blind vor Sorge um Sara direkt in eine Falle getappt und wurde wie das wilde Tier, das in ihm lauerte und sich gegen diesen Verrat aufbäumte, erbarmungslos in die Enge getrieben. Am Eingang schnitten ihm zwei Werwölfe den Rückweg ab. Weitere traten aus den angrenzenden Türen, die zu Büroräumen führten, hinzu. Jack zählte auf die Schnelle sieben Gegner, die ihn einkreisten und immer näher kamen. Korbian war nicht unter ihnen, was Jack nicht verwunderte. Dieser Mistkerl hatte ihn scheinbar bewusst in einen Hinterhalt gelockt und besaß nicht den Mumm, ihm persönlich gegenüberzutreten.
   Seine Beinmuskeln spannten sich an, als er zum Sprung ansetzte, doch ein hochgewachsener Mann, der hinter dem Rücken eines Werwolfs hervortrat, ließ ihn überrascht innehalten. Simon grinste höhnisch und stemmte die Arme in die Seiten. Sein stechender Blick traf auf Jacks, messerscharf taxierten sie einander. Jacks Kiefer knirschten, seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er um Beherrschung rang und sie bei Simons Anblick endgültig verlor. Sein Brüllen hallte durch die Halle und die Lautstärke und Wut, die darin mitschwangen, ließen einige von Simons Männern instinktiv vor ihm zurückweichen. »Was suchst du in meinem Bezirk? Ich dachte, dass mit uns wäre längst abgehakt.« Nur mit äußerster Willensanstrengung gelang es Jack, seine Stimme zu dämpfen. »Ich wusste ja, dass Korbian nicht gerade auf mich steht, aber wie hat er es geschafft, mit dir«, er spuckte das Wort förmlich aus, »zusammenzuarbeiten?«, fügte er eine Nuance leiser hinzu und holte tief Luft, um einen klaren Kopf zu bewahren.
   Simon lachte rau auf. Offenbar sonnte er sich in seiner Überlegenheit gegenüber Jack und genoss es, seinen Erzfeind überrumpelt zu haben. »Du scheinst Sara ja nicht besonders gut im Griff zu haben. Andernfalls wäre sie nicht vor dir abgehauen. Leider weiß ich nicht, wohin sie verschwunden ist, aber das wird sich bald ändern. Sara wird sich irgendwann bei Korbian melden, und er wird ihr schon die richtigen Anweisungen geben.«
   Jack ballte die Hände zu Fäusten, sodass die Knöchel weiß hervortraten, während er regelrecht spüren konnte, dass seine Augen Funken sprühten.
   »Du hast genau zwei Alternativen: Entweder greifst du uns an und hier, in deiner ach so friedlichen Stadt, wird die Hölle los sein. Ich gehe einmal davon aus, dass dein Rudel keine Ahnung davon hat, dass du oder wir hier sind?« Ein hämisches Grinsen erschien auf Simons Gesicht, als ihm klar wurde, dass er ins Schwarze getroffen hatte. »Oder du wirst genau das tun, was ich dir sage«, sprach Simon eine Warnung aus, bevor Jack vollends die Kontrolle über seine menschliche Seite verlor.
   Jack wog in Sekundenbruchteilen beide Möglichkeiten gegeneinander ab und knirschte mit den Zähnen. »Ihr seid nur zu acht. Was kann schon passieren, außer, dass ich euch alle nacheinander kaltstelle? Ein Streit auf einem Polizeirevier dürfte selbst für die angrenzenden Nachbarn nichts Ungewöhnliches sein. Sie werden ihm keinerlei Beachtung schenken.«
   »Sara sollte als Grund genügen. Sie hat sich an Korbian gewandt, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, warum sie das getan hat. Selbst der Inspektor schweigt sich darüber aus. Außerdem bin ich kein Ausgestoßener mehr. Dir ist bestimmt längst zu Ohren gekommen, dass ich zum Rudelführer aufgestiegen bin«, stieß Simon, dessen Gesicht sich zu einer Grimasse verzog, triumphierend hervor.
   Jack presste die Lippen zusammen, er konnte kaum fassen, was sich gerade abspielte. Dass Simon eine wirkliche Gefahr für seinen Bezirk darstellen könnte, hätte er nicht im Traum gedacht. Er wog Für und Wider ab. Würde er sich Simons Vorschlag verweigern, wäre er der Erste, den sie sich vorknöpfen würden. Er war kräftig, doch die anderen waren ebenfalls Werwölfe und eindeutig in der Überzahl. Seine Chance, diesen ungleichen Kampf zu gewinnen, stand bei null. Aber ohne ihren Rudelführer würde in seinem Bezirk ein Tumult ausbrechen, und das galt es zu vermeiden. Doch was ihn letztendlich überzeugte, war, dass scheinbar auch seine Gegner keine Ahnung hatten, wo sich Sara aufhielt. Sollte sie sich noch in dieser Gegend befinden, wovon Jack stark ausging, musste er das feindliche Rudel unbedingt von ihr fernhalten. Um das zu erreichen, eignete sich Surrey hervorragend. Jack war sich sicher, dass Simon einzig auf Rache aus war, und die würde Jack ihm geben, wenn er dadurch seine Frau und sein Kind vor Simon beschützte.
   Angewidert nickte Jack, er hatte sich entschieden.
   Mit jeweils zwei Männern zu beiden Seiten trat er aus dem Polizeirevier und blickte sich unauffällig nach weiteren Werwölfen um. Doch die Straße lag zu dieser späten Stunde verlassen. Sein Auto, das er an der Bordsteinkante geparkt hatte, war verschwunden, stattdessen stand dort ein schwarzer Transporter, dessen hintere Scheiben abgedunkelt waren.

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