Fairy hat ein großes Problem: Nicht nur, dass ihr heimlicher Schwarm Brahn sie für eine männermordende Furie hält, sondern die Herrscherin ihres Volkes dreht auch noch durch! Sie stellt Fairy eine schreckliche Aufgabe, die alles zerstören kann, was sie liebt. Als Brahn ohne sie zu fragen das Band der Magie mit ihr webt, scheint alles verloren zu sein. Fairy ist gezwungen, sich zwischen ihrem und Brahns Volk zu entscheiden. Doch eine Sache weiß nicht einmal sie: Fairy trägt ein Geheimnis in sich, das alles verändern wird.

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ISBN: 978-9963-53-495-1

Seiten: 398

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Liane Mars

Liane Mars
Liane Mars ist das Pseudonym einer sauerländischen Leseratte mit dem Hang, selbst in die Tasten zu hauen. Sie ist Jahrgang 1984, wird aber noch immer von Erwachsenen geduzt. Ihre erste Berührung mit einem Verlag hatte sie, als sie zur „Verlagskauffrau“ ausgebildet wurde – sie war allerdings der letzte Jahrgang dieses jetzt ausgestorbenen Berufszweiges. Flugs wechselte sie über den Studiengang „Medienwissenschaften“ zu den neuen Medien, dem Radio. Derzeit lebt sie zusammen mit ihrem Mann und zwei Wellensittichen in Schwerte. Gern können Sie Kontakt mit ihr aufnehmen, am besten über info@liane-mars.de.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Peinliche Begegnung

Ich hatte mich vor vielen, vielen Jahren hoffnungslos in einen Mann verliebt, der nicht einmal wusste, dass ich existierte. Das allein war schon schlimm genug. Leider hatte ich dem Schwarm meines Lebens auch noch ein Messer in die Brust gerammt, was eindeutig das klägliche Ende einer potenziellen Liebesromanze bedeutete. Aus, vorbei, erledigt.
   Immerhin wusste der Mann meiner Träume jetzt, dass ich existierte, denn er trug den Beweis meiner Existenz als fiese Narbe auf der Brust. Dummerweise hielt er mich seitdem für eine messerschwingende Meuchelmörderin – und das war wohl das Schlimmste an allem.
   Eigentlich gab es nur zwei Sachen, die das ganze Drama ein kleines bisschen erträglich machten. Zum einen wusste ich endlich seinen Namen.
   Brahn hieß er. Brahn.
   Zum anderen bekam ich regelmäßig Informationen über seinen Gesundheitszustand, denn seine Heilerin, die Elementarmagierin Liah, informierte mich bereitwillig.
   Wie es schien, hatte der arme Kerl das Pech gepachtet. Nicht nur, dass ich ihn mit meinem Messer ziemlich fies erwischt hatte. Nein. Die Wunde hatte sich auch noch entzündet. Und als wäre das nicht schlimm genug, hatte er sich eine deftige Erkältung eingefangen. Daran war er fast gestorben.
   Bei dem Gedanken schüttelte es mich am ganzen Körper, sodass ich um ein Haar den Halt in der Baumkrone verlor. In letzter Sekunde hielt ich mich an einem Ast fest.
   Der Elementarbaum, auf dem ich saß, half mir zum Glück. Er bekam mich mit ein paar Lianen zu packen und stabilisierte mich. Bevor ich mich jedoch bedanken konnte, blieb mir fast das Herz stehen. Ich sah nämlich Liah auf mich zukommen.
   Die Elementarmagierin war, wenn man es genau betrachtete, der Auslöser für meine Misere. Sie hatte mich gebeten, sie zu töten. Sie schien sich nämlich in die Ausgeburt des Höllenfürsten zu verwandeln. Da ich ihr versprochen hatte, sie im Notfall zur Strecke zu bringen, versuchte ich auch wirklich mein Möglichstes.
   Leider hatte Brahn was dagegen, immerhin war die verrückte Elementarmagierin so was Ähnliches wie eine Schwester für ihn. Er verteidigte sie heldenhaft, ich stach ihn wenig heldenhaft nieder, um wiederum Liah niederzustechen (was mir nicht gelang). Letztlich hatte Liah das ganze Drama beendet, indem sie mich erst mit voller Wucht gegen den Elementarbaum gepfeffert, dann den Mann ihres Lebens geküsst, zur braven Hausfrau mutiert war und uns alle verarztet hatte. Ich war zäh wie Leder und hatte das Ganze eigentlich ganz gut weggesteckt, was man von Brahn nicht behaupten konnte. Der hatte tatsächlich fast zwei Mondläufe um sein Leben gerungen. Und jetzt ging eben jener Totgeglaubte fipsfidel neben Liah her und hielt auf mich zu.
   Ich rieb mir die Augen.
   Nein. Der Mann meiner Träume war immer noch da. Er ging erstaunlich aufrecht und wirkte ein bisschen dünner und bleicher. Ansonsten sah er weiterhin unverschämt gut aus: Er trug seine schwarzen Haare etwa auf Schulterhöhe, war ziemlich groß, selbst für einen ausgewachsenen Krieger, und hatte sagenhaft blaue Augen, wobei ich die nur kurz aus der Nähe gesehen hatte. Dabei hatte ich ihm nämlich gezielt mein Messer in die Brust gerammt.
   Verdammt.
   Ich krallte meine Finger in die Rinde des Astes und fluchte. »Warum bringt Liah Brahn hierher?«, beschwerte ich mich beim Baum, aber der antwortete natürlich nicht. Er war für einen Elementarbaum ziemlich klug, Sprechen gehörte jedoch nicht zu seinem Repertoire.
   Während Brahn und Liah in gemächlichem Tempo vom Dorf über die Wiese hinüber zum Elementarbaum schlenderten, machte ich mich ganz klein. Ungesehen entkommen konnte ich ohnehin nicht mehr, da blieb nur der Versuch, mich unauffällig zu verhalten.
   Liah und ich trafen uns regelmäßig, um uns auszutauschen. Sie erzählte mir reichlich über Brahns Gesundheitszustand, ich ihr über die Launen meiner stets schlecht gelaunten Urmutter. Dafür, dass wir uns fast gegenseitig umgebracht hatten, verstanden wir uns prächtig. Mittlerweile sah Liah wieder wie eine freundliche, junge Frau aus: Früher hatte sie pechschwarzes Haar gehabt und stets irgendwelchen düsteren Dampf von der Haut abgesondert. Heutzutage blinkten viele kleine bunte Punkte in ihren Haarsträhnen und die Haut hatte aufgehört zu dampfen.
   Auf ihrer Hüfte balancierte sie die kleine Tochter einer weiteren Elementarmagierin, denn Liah spielte liebend gern Babysitterin, was bei vielen im Dorf für nervöse Momente sorgte. Aeri, die Mutter der Kleinen, teilte diese Bedenken jedoch nicht. Sie gab Niemeh gern an Liah ab.
   Erst recht, wenn Brahn dabei war.
   Der große Shadun hatte nach seiner langen Bettruhe seine Muskeln noch nicht wiedererlangt, aber um ehrlich zu sein: So gefiel er mir fast noch besser. Er sah athletischer aus, nicht mehr so bullig. Gleichzeitig bewegte er sich für einen solch großen Mann ungewöhnlich elegant.
   Ich stoppte mich gerade noch, bevor ich endgültig ins Schwärmen abdriften konnte. Aber es war nun mal so: Ich mochte Brahn, weil er gut aussah und weil er sich genau so bewegte, wie sein Charakter war: ruhig und kraftvoll, energisch und gleichzeitig irgendwie freundlich.
   Schluss mit Schwärmen, denn das kleine Trio war gerade am Baum angekommen.
   Dummerweise hatte Niemeh die Angewohnheit, mich spüren zu können. Sie legte augenblicklich das Köpfchen in den Nacken und deutete mit einem ziemlich dreckigen Fingerchen in die Baumkrone. »Dada«, erklärte sie mit Inbrunst. Mit Dada meinte sie grundsätzlich mich.
   Liah strahlte wie der helle Morgen und sah in die angegebene Richtung. »Fairy, bist du da?«
   Ich krümelte mich noch weiter zusammen und schob mich hinter allerhand Blätter.
   »Fairy, ich weiß genau, dass du da oben bist. Magst du nicht runterkommen? Es gibt da jemanden, der dich gern kennenlernen möchte«, sprach Liah weiter, weil ich nicht antwortete.
   »Also gern wäre übertrieben«, brummte Brahn. Auch er lugte nach oben, ich konnte ihn jedoch nur unklar erkennen.
   Gut. Wenn ich ihn nicht sah, sah er mich hoffentlich ebenfalls nicht.
   Aber … Moment mal! Warum denn so bissig?
   »Brahn, stell dich nicht so an. Fairy ist nur ein bisschen schüchtern. Gib ihr eine Chance!«
   »Also als schüchtern würde ich die Furie nicht gerade bezeichnen, die entschlossen versucht hat, uns allen den Garaus zu machen.«
   »Sie wollte mich töten, nicht dich.«
   »Wie beruhigend.«
   Liah überging Brahns schlechte Laune einfach. »Fairy, bitte entschuldige. Ich dachte mir, es würde dich beruhigen, wenn du siehst, dass es Brahn tatsächlich wieder gut geht. Er ist bei bester Gesundheit. Brahn, stell dich mal auf ein Bein.«
   »Warum sollte ich das tun?«
   »Um zu zeigen, wie stark du wieder bist.«
   »Bin ich ein dressierter Affe oder was?«
   Liah seufzte dramatisch, während ich automatisch lächeln musste. Die beiden kabbelten sich eigentlich schon, seit ich die Mar im Dorf beobachtete.
   »Onkel Brahn ist heute aber auch schlecht drauf, nicht wahr, meine Kleine?«, sagte sie zu Niemeh. »Wollen wir den Elementarbaum mal ein bisschen schütteln und gucken, was herunterfällt?«
   Ich erstarrte zeitgleich mit dem Baum. Liah war solch eine Aktion tatsächlich zuzutrauen, weswegen ich mich schon mal fester in die Rinde krallte.
   »Liah! Benimm dich, sonst fängst du wieder versehentlich einen Krieg an. Wer weiß, was die Furie im Baum dazu sagt, wenn sie wie reifes Obst runtergehauen wird? Gib mir Niemeh, und dann kannst du hochklettern und die Meuchelmörderin fragen, ob sie runterkommen will. Geschüttelt wird hier nicht.«
   »Nenn sie nicht Meuchelmörderin. Sie hat auch Gefühle.«
   »Ich auch, und deshalb setze ich mich jetzt hier schön unter den Baum, weil ich nämlich nicht mehr stehen kann – dank deiner Meuchelmörderin.«
   »Du bist so ein Baby.«
   »Hey, wohin willst du denn so plötzlich?«
   »Ich geh wieder ins Dorf. Das richtige Baby hat nämlich gerade in die Hosen gemacht. Bleib du schön hier und sprich dich mit Fairy aus.«
   »Ich bleib nicht hier. Wenn du gehst, komm ich mit.«
   »Hör auf mit deiner Nörgelei. Du bleibst hier. Punkt. Hast du etwa Angst, allein mit Fairy zu bleiben?« Liah klang ungeduldig, was niemals gut war.
   »Um ehrlich zu sein: Ja.«
   »Sie ist einsfünfzig groß«, erwiderte Liah genervt.
   »Das mag sein, aber vor allem ist sie verflucht schnell.«
   »Sie tut dir nichts.«
   »Sag das dem Loch in meiner Brust.«
   Liah seufzte abermals überdramatisch. »Pass auf: Entweder du bleibst hier und sprichst dich mit Fairy aus oder ich erlaube Aeri noch mal, an dir zu üben.«
   »Das wagst du nicht.«
   »Oh, doch.«
   Damit war es zu meiner grenzenlosen Fassungslosigkeit tatsächlich entschieden: Liah zog zusammen mit der kleinen Niemeh von dannen, während der grummelige Brahn unter meinem Weltenbaum sitzen blieb.
   Ich wagte es nicht, auch nur mit einem Muskel zu zucken.
   Brahn schien sich derweil an den Stamm gelehnt zu haben. Eine Weile rumorte er noch vor sich hin, dann kehrte Schweigen ein. Nur das Wispern der Blätter im Wind war zu hören.
   Wir lieferten uns tatsächlich vier Stunden lang ein stummes Duell. Während Brahn allerdings ganz bequem saß, schliefen mir allmählich die Beine ein. Gleichzeitig schoben mich einige Äste des Elementarbaumes unauffällig Richtung Rand. Der Baum wollte unser unsinniges Tun eindeutig beenden. Ich jedoch wollte Brahn nicht gegenübertreten, denn ich wollte ihn weiter aus der Ferne anschmachten und von ihm träumen. Natürlich war ich froh, dass es ihm gut ging, aber mit ihm zu sprechen, war mir nie in den Sinn gekommen. Anschmachten war eine Sache, ansprechen eine ganz andere, denn in einem hatte Liah recht: Ich war tatsächlich schüchtern.
   Doch je weiter die Nacht voranschritt, desto nervöser wurde ich. Ich musste dringend nach Hause. Kam ich nicht vor Mitternacht zurück, würde mich die Urmutter garantiert bestrafen und das konnte je nach Laune ziemlich schmerzhaft werden.
   Natürlich hätte ich mich auch einfach aufrichten und den Elementarbaum bitten können, mich per Lianenwurf in den etwa zehn Mannslängen entfernten Nadelbaum zu pfeffern. Von dort aus wäre ich schnell und fast ungesehen entkommen. Aber einfach so abzuhauen, ließ meine Würde nicht zu.
   Erschwerend kam hinzu, dass Brahn unten am Boden ein einfaches Kinderspiel spielte, das ich mein Leben lang geliebt hatte: Es bestand aus vierzehn Kästchen, die er in die Erde gemalt hatte. Steinchen dienten als Spielpuppen. Ziel des Spiels war es, so viele Steinchen wie möglich zu sammeln.
   Es war simpel und gleichzeitig ein tolles Strategiespiel. Ich liebte es, hatte jedoch niemanden, der es mit mir spielte.
   Offenbar ging es Brahn ähnlich.
   Er musste sich allerdings auch noch mit einem kleinen Erdgeist herumplagen, der vehement versuchte, sein Spielbrett im Boden zu versenken. Der Geist umkreiste ihn und das Brett in einer Tour, was ich an den vielen Erdhügeln sah, die der kleine Kerl aufwirbelte. Seltsamerweise pufften in schöner Regelmäßigkeit winzige Staubfontänen in die Luft.
   Als das ganze Spielbrett wackelte und die Steinchen verrutschten, seufzte Brahn genervt. »Hicks, komm schon. Ich hab schon genug andere Probleme am Hals als einen anhänglichen Erdgeist. Geh doch bitte zu Liah und nerv die!«
   Der Geist verharrte, blieb aber bei Brahn. Ich spürte seine sanfte Präsenz als Prickeln auf der Haut und wunderte mich. Normalerweise gingen Geister den Pari aus dem Weg. Dieser hier schien jedoch so einen Narren an Brahn gefressen zu haben, dass er meine Anwesenheit in Kauf nahm.
   Brahn sammelte schweigend seine Steinchen wieder ein und begann sein Spiel von Neuem. Hicks wartete reglos neben ihm, wobei er ab und zu weitere Staubfontänen in die Luft warf. Wenn ich mich nicht irrte, bebte die Erde dabei ganz, ganz leicht.
   Was war bloß mit diesem Geist los?
   Weil ich das ohnehin nicht herausfinden würde, konzentrierte ich mich wieder auf das Spiel. Gerade war ich dabei, Brahns Spielzug als unsinnig zu bewerten, da sprach er mich auf einmal an:
   »Okay, seltsames Blätterwesen im Baum. Wir machen das so: Wenn ich mit diesem Steinchenhaufen in meiner Hand auf ein gerades Feld komme, musst du runterkommen. Komm ich auf ein Ungerades, geh ich einfach wieder und lass mich von Aeri quälen. Alles klar?«
   Unwillkürlich hielt ich den Atem an, während er sorgfältig ein Stein nach dem anderen in die Kästchen verteilte. Gerade, ungerade, gerade, ungerade …
   … gerade.
   »Dann wirst du wohl runterkommen müssen.«
   Er hatte nicht wirklich damit gerechnet. Ich auch nicht. Doch mein Körper lehnte sich wie von selbst vor – und ich sprang mit einem beherzten Sprung in die Tiefe.
   Da wir Pari von Natur aus federleicht und obendrein noch sehr gute Leichtathleten waren, kam ich butterweich unten an.
   Brahn hingegen sprang mit einem erschrockenen Satz auf und gab einen Laut von sich, der eine Mischung aus »Oh« und »Hoppla« war.
   Dann standen wir uns gegenüber und starrten uns an. Am Rand registrierte ich, dass der kleine Erdgeist hastig Reißaus genommen hatte. Kein Wunder. Pari und Geister gingen sich normalerweise aus dem Weg.
   Doch zurück zu Brahn. Er hatte tatsächlich abgenommen und war deutlich größer als ich vermutet hatte. Er überragte mich um bestimmt zwei Köpfe. Gleichzeitig stellte ich fest, dass er grüne Einsprengsel in seinen blauen Pupillen hatte und dass seine natürlichen Strichzeichnungen an der Schläfe deutlich schwärzer waren als gedacht. Außerdem roch er gut: nach Natur, was ich bei einem Dorfwesen nicht vermutet hätte.
   So wie er mich anstarrte, schien er ebenfalls etwas anderes erwartet zu haben. Eine ganze Weile huschte sein Blick von meinem Scheitel mit den gerade wild herumschlagenden Dornenranken über meine Stupsnase mit den vor sich hinfunkelnden Sommersprossen zu meiner Haut, die wie Rinde aussah.
   An meiner Brust verharrte er kurz, was ganz typisch für Männer war. Hier verdeckte unsere natürliche Kleidung die pikantesten Stellen: dicke Blätter, die wir je nach Mode in verschiedenen Farben trugen. Seine Betrachtung stockte noch mal kurz an meinen Beinen, die, wie mir viele männliche Kollegen versichert hatten, ungewöhnlich lang aussahen. Doch am ausdauerndsten blickte er mir in die Augen. Mir war nur allzu bewusst, dass sie für einen normal geformten Mar-Körper eindeutig zu groß wirkten.
   Ich hingegen starrte wie hypnotisiert in seine blauen Augen, die von dieser für mich so ungewohnten Perspektive noch viel schöner schienen – bis er mein Denken mit dem Satz »Oh, Mann! Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wenn du im Baum hocken geblieben wärest« unterbrach.
   Mir wurde ganz heiß vor Empörung. Also, was bildete der sich …?
   Da sprach er weiter.
   »Nicht falsch verstehen. Aber in meiner Erinnerung warst du so groß wie zwei Männer und hattest Muskeln wie fünf Ochsen.«
   Ich blinzelte verwirrt.
   »Dass du nur so winzig bist, zerstört den letzten Rest meiner Würde.«
   »Ich bin einsfünfundfünfzig groß«, merkte ich möglichst selbstbewusst an.
   »Ja, das wird Liah nicht müde, zu erwähnen.« Brahn seufzte. Dabei funkelten seine Augen wie einzigartige Sterne.
   Bevor ich jedoch ins erneute Schwärmen abdriften konnte, hielt er mir seine Hand hin. »Jetzt, wo du kein Messer in der Hand hältst, würde ich mich gern vorstellen. Ich bin Brahn.«
   »Ich weiß«, sagte ich, mit einem Mal schrecklich nervös. Ich tänzelte ein, zwei Schritte nach hinten und stierte die Hand ratlos an. Wir Pari berührten einander so gut wie nie. Ich wusste, dass das Handreichen eine Begrüßungsform bei den übrigen Mar im Dorf war, doch war sie mir nicht geheuer.
   Brahn ließ derweil etwas enttäuscht die Hand sinken, vermutlich mit einem Mal ebenso peinlich berührt wie ich.
   »Es tut mir wirklich schrecklich, schrecklich leid. Das mit dem Messer. Und deiner Brust. Und deiner Nahtoderfahrung. Und das mit deiner Würde ebenfalls«, sagte ich hastig, bevor das Schweigen zu lastend wurde.
   Brahn betrachtete mich aus der kurzen Distanz eingehend. Was er sah, schien ihm zu gefallen, denn er nickte letztlich. »Ist in Ordnung, Fairy. Ich verzeihe dir. Und das, obwohl ich eigentlich vorhatte, dich noch mindestens zwei Mondläufe zappeln zu lassen. Aber diesen … riesengroßen Kulleraugen kann man echt nicht böse sein.«
   Augenblicklich schoss mir die Röte ins Gesicht. Bevor ich jedoch dumme Sachen von mir geben konnte, deutete ich hektisch auf das Spiel am Boden. »Ich mag das«, erklärte ich etwas zu euphorisch. In Themenwechseln war ich auch schon mal eleganter vorgegangen.
   Brahn sah erst mich, dann das Spiel verwirrt an. In dieser Zeit war ich bereits danebengehüpft und hatte den Spielzug gemacht, den ich im Kopf gehabt hatte.
   Langsam kam der große Shadun näher und musterte mich und die Spielsteine. »Ernsthaft jetzt? Du willst mit mir dieses Kinderspiel zu Ende spielen?«
   »Hast du Angst, zu verlieren?«
   Damit hatte ich ihn. Er nahm die Herausforderung natürlich an.
   Die nächsten fünf Minuten kämpften wir schweigend um jeden Stein, den wir ergattern konnten. Dabei schenkten wir uns nichts, obwohl sich Brahn ein klein wenig leichter ablenken ließ als ich mich. Meine lebhaften Dornenranken auf dem Kopf verwirrten ihn offenbar. So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass er meinen entscheidenden Zug übersah und ich ihn nur wenig später schlagen konnte.
   »Ha«, entfuhr es mir triumphierend, und ich strahlte ihn unwillkürlich voller Freude ausgelassen an.
   Er musste ebenfalls lächeln. Es war mit das Schönste, was ich je gesehen hatte. Sein Gesicht sah ganz weich und freundlich aus, überhaupt nicht kriegerisch. In seinen Augen funkelte der Schalk, den ich so oft bei ihm beobachtet hatte.
   »Das gibt’s nicht. Nicht nur, dass sie besser im Zweikampf ist, jetzt ist sie auch noch taktisch überlegen. Du machst mir Angst, kleine Blätterfrau.«
   »Und du machst mir keine Angst, großer … äh … Ochsenmann.« In Gedanken stöhnte ich. Wie kam ich denn auf Ochse?
   »Ochse?«, rief er empört.
   War klar, dass er die Steilvorlage nutzte.
   »Ich hab ja wohl nichts ochsenhaftes an mir, während du wie eine Pflanze auf zwei Beinen aussiehst. Nebenbei …, ist das da deine Kleidung oder gehört das zu dir?«
   Ehe ich mich versah, tippte er vorsichtig gegen eines meiner bunten Blätter. Zum Glück war es eines, das meine Schulter bedeckte und nicht die Brust. Ich hüpfte trotzdem empört nach hinten.
   »Hey«, beschwerte ich mich. »Nur gucken, nicht anfassen!«
   Hastig zog er seine Finger zurück. »Entschuldige, war so ein Reflex. Kommt nicht wieder vor. Noch eine Partie?«, lenkte er rasch ab.
   Ich hätte wirklich gern noch mal mit ihm gespielt, aber ich musste dringend nach Hause. »Das geht nicht. Ich muss weg. War nett, dich kennenzulernen.« Mich erfasste eine große Unruhe und ich wollte augenblicklich fortspringen.
   »Hey, nicht so schnell«, rief mir Brahn zu. »Was ist mit morgen?«
   Ich erstarrte mitten in der Bewegung, verwirrt. »Was soll mit morgen sein?«
   »Na, dann bekomme ich doch meine Revanche. Morgen um kurz nach Sonnenuntergang. Hier unter dem Baum?«
   Ich blinzelte verblüfft. Damit hatte ich gewiss nicht gerechnet und war etwas ratlos. Weil ich nichts sagte, legte Brahn den Kopf schief und klimperte betont aufreizend mit den Augen. Ich musste fast sofort lachen.
   »Okay. Du bekommst deine Revanche. Aber hier unter dem Baum geht es nicht. Das war heute schon ein großes Risiko. Wir müssten unser Spiel auf den Baum verlegen.« Ich deutete mit dem Finger nach oben.
   Brahn legte den Kopf in den Nacken und sah zweifelnd drein. »Warum? Vor wem versteckst du dich?«
   »Vor meiner Urmutter und ihrer Peitsche. Wenn sie mich erwischt, bin ich Hackfleisch. Oder, um es mit deinen hübschen Pflanzenvergleichen zu sagen: Pflanzenbrösel.«
   Brahn zog die Augenbrauen hoch, wodurch sein ganzes Gesicht verrutschte. Der Mann konnte echt verwirrende Dinge mit seiner Mimik anstellen. Ich war fasziniert.
   »Okay. Ich bring ein Spielbrett mit. Bis morgen?«
   »Bis morgen«, erwiderte ich, hob zum Gruß die Hand und kletterte so rasch es ging den Elementarbaum hinauf. Der kannte das Manöver schon in- und auswendig. Vorsichtig ergriff er mich mit einer Liane, umschlang mich und spannte sie mit zwei Ästen wie eine Flitsche. Es war die einzige Möglichkeit, um ungesehen die Wiese zwischen Waldrand und Elementarbaum zu überqueren.
   Ich hielt wie immer im Moment des Abstoßes die Luft an, schon segelte ich wie ein lebendiges Geschoss durch die Luft. Im Flug kugelte ich mich zusammen, drehte mich – und landete gekonnt im etwa fünfzig Mannslängen entfernten Waldrand. Der Blätterbaum, den ich stets als Landepunkt benutzte, begrüßte mich mit knarzenden Ästen. Ich tätschelte ihm zum Dank den dicksten Ast und kletterte geschickt am Stamm hinunter. Er neigte sich etwas, um mir den Abstieg zu erleichtern.
   Unten angekommen legte ich wie immer etwas Gespensterginster an seine Wurzeln. Der war besser als jeder Dünger und half dem Baum, die von mir ramponierten Äste und Blätter zu ersetzen. Er bedankte sich, indem er mir ein besonders großes und buntes Blatt zuwarf. Ich steckte es mit einem Lächeln zwischen meine Dornenranken und huschte fort. Ein Blick zum Mond zeigte mir, dass ich wirklich ziemlich spät dran war. Also legte ich noch einen Zahn zu. Zum Glück konnte ich die Leuchtkraft meiner Sommersprossen erhöhen, sodass ich mich auch im Dunkeln gut zurechtfand. Je weiter ich in den Wald eindrang, desto dichter wurde er. Zu den Laubbäumen gesellten sich schon bald die schlecht gelaunten Nadelgehölze. Sie rappelten drohend mit ihrem Holz, um mich zu vertreiben. Ich wich ihnen mit schlafwandlerischer Sicherheit aus, sprang über ein Dornengespinst hinweg und schlug mich seitlich auf den Pari-Pfad, der mich geradewegs zum Dorf bringen würde.
   Hier war der Weg mit grünlich fluoreszierendem Moos ausgelegt, sodass ich meine Geschwindigkeit erhöhen konnte. Um ein Haar hätte ich deswegen den Ruf überhört, der eindeutig mir galt.
   »Fairy, warte! Bleib stehen!«
   Ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass ich gemeint war. Augenblicklich verharrte ich im Schritt, mein Herzschlag jedoch beschleunigte sich auf Marathontempo. Es war niemals gut, wenn jemand so laut meinen Namen rief. Als ich mich umdrehte, blickte ich in das aufgeregte Gesicht meiner besten Freundin Finna. Ihre sonst blattgrünen Wangen zeigten hektische Flecke, außerdem war sie außer Atem. Kein gutes Zeichen.
   Sie kam mir vom Dorf entgegen, was ich mit einer gerunzelten Augenbraue quittierte. Eigentlich galt die Ausgangssperre für alle. Es sei denn …
   Mir rutschte das Herz in die Magengegend.
   Ich wartete, bis sie neben mir stoppte. Aus Erfahrung wusste ich, dass ich nicht fragen brauchte – sie fing auch so bereits an, zu plappern.
   »Die Urmutter ist stinkwütend. Es sind wieder drei Kristallbäume erstarrt«, erklärte sie. Ihre Augen waren noch riesiger als sonst.
   Ich hörte deutlich das ängstliche Vibrieren in ihrer Stimme. Auch mein Herz zog sich vor Sorge zusammen, doch ich weigerte mich, wie alle anderen in Panik zu verfallen. »Wessen Bäume waren es?«, fragte ich möglichst ruhig. Meine Gelassenheit färbte wie immer auf Finna ab. Sie atmete wahrscheinlich zum ersten Mal seit Stunden tief durch und ließ so etwas wie Entspannung in ihre Glieder sickern.
   »Rul und Naja. Die Urmutter will in zwei Stunden über sie richten.«
   »Großes Gericht?«
   »Kleines.«
   Das war gut. Beim großen Gericht mussten alle Pari im Dorf anwesend sein. Für gewöhnlich fiel das Urteil doppelt so hart aus, weil die Urmutter ein Exempel statuieren wollte. In den meisten Fällen kamen Todesurteile dabei heraus. Da sie sich jedoch entschieden hatte, fern ab von uns über das Schicksal der beiden zu entscheiden, hatten die zwei eine gute Chance, noch mal davonzukommen. Das waren zwar auch nicht wirklich gute Neuigkeiten, aber besser als die Alternativen. Ich überlegte. »Dann sollten wir wohl das Dorf meiden, nicht wahr?«
   »Sin und ich wollen heute Nacht bei den Bäumen schlafen. Schließt du dich uns an?«
   Sin und ich kamen nicht besonders gut miteinander aus. Dummerweise war er der beste Freund meiner besten Freundin. Eine Dreiecksbeziehung, die in steter Regelmäßigkeit zu detonieren drohte. Ich wollte gerade ablehnen, machte dann jedoch eine Kehrtwende. Allerdings keine kluge. »Soll ich mir mal deine Bäume anschauen?«
   Fast augenblicklich verdüsterte sich Finnas sonst so offene Miene. Sie konnte es nicht leiden, wenn ich nach ihren Bäumen fragte. Die Antwort überraschte daher nicht. »Nein, nicht nötig. Ich komme schon klar.«
   Ich seufzte innerlich. Das Problem bei uns zweien war, dass wir bis vor etwa fünf Wintern stets gleich gut waren: im Kämpfen, im Lernen, im Kochen, im Debattieren.
   Doch dann hatten wir unsere Bäume zugeteilt bekommen und ich war plötzlich in meinem Element: Die Pflanzen zu erhalten, fiel mir so viel leichter als all den anderen Paris. Ich hatte einfach ein gutes Händchen, was die Pflege der zarten Kristallbäume anging. Irgendwie wusste ich, was ihnen fehlte: Ich konnte ihr Leiden spüren und entsprechend reagieren. Und, um ehrlich zu sein, hatte ich einen Trick, den wohl kaum eine andere Pari beherrschte: Ich konnte die Kristallbäume heilen, indem ich meine Hände fest gegen ihr Holz presste und die ursprünglichste meiner Magie tief im Inneren anzapfte. Dann war es, als würde ich ihnen Sonnenstrahlen schicken. Nach dieser Behandlung ging es fast jedem Kristallbaum etwas besser, allerdings wandte ich das Prinzip nur im Notfall an. Das Problem war nämlich auch, dass niemand anderer so etwas vollbringen konnte – und anders zu sein, konnte bei uns schnell tödlich ausgehen. Trotzdem: Meinen Bäumen ging es besser als anderen, was mich innerhalb der letzten paar Winter zu einer Heldin gemacht hatte.
   Für Finna war das eine ziemliche Umstellung. Ich nahm an, dass sie neidisch war, denn auf einmal fragte man mich um Rat. Ich stieg von Winter zu Winter in der Hierarchie der Pari auf, während sie absank.
   Das hatte unserer Freundschaft nicht gutgetan, was ich bedauerte. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich unauffällig Finnas Bäume unter meine Obhut genommen, doch das wollte sie nicht. Ihr Stolz ließ das nicht zu.
   Dieser dumme, törichte Stolz.
   Finnas Pflanzen kämpften seit etwa zwei Wintern definitiv um ihr Überleben. Leider war ihr Schicksal eng mit unserem verbunden, wie man am Beispiel von Rul und Naja sehen konnte. Ging es ihren Bäumen nicht bald besser, würde auch ihr die Peitsche drohen. Ich hätte ihr wirklich gern geholfen, doch wie ich an ihrer Reaktion sehen konnte, war sie dazu noch nicht verzweifelt genug.
   Um meine Frage abzumildern, hob ich hastig die Hände, doch Finna sprach bereits weiter. »Es geht nicht immer nur um Arbeit, Fairy. Ich hatte eigentlich gehofft, dass wir mal wieder miteinander quatschen könnten.«
   Das wäre natürlich wirklich schön gewesen, aber ich kannte mich: In der Sekunde, in der ich Finnas Bäume zu Gesicht bekam, würde ich auf Arbeitsmodus umschalten. Ich hasste es, unter kranken Bäumen zu sitzen und zu schwatzen, während ich ihr Leid um mich herum spürte. Da musste ich ihnen einfach helfen. Weil die Nacht gemeinsam unter einem kranken Baum nur in einem Fiasko enden konnte, lehnte ich Finnas Angebot ab. »Ein anderes Mal«, erklärte ich ihr. »Ich nutze die Chance und gucke lieber nach den Westbäumen.«
   Finna machte natürlich ein enttäuschtes Gesicht, hatte aber wohl bereits geahnt, dass ich nicht mitkommen würde. Ich rechnete es ihr jedoch hoch an, dass sie es überhaupt versucht hatte. In letzter Zeit waren unsere Treffen wirklich selten geworden, was natürlich hauptsächlich an meiner vielen Arbeit lag: Als beste Gärtnerin hatte ich den größten Bereich der Kristallbäume zu betreuen. Da blieb nicht viel Zeit zum Plausch.
   Ich beendete unser hölzernes Gespräch mit einem Lächeln. »Vielen Dank, dass du mich gewarnt hast, Finna«, sagte ich aus tiefstem Herzen.
   Auch Finna lächelte, wenn auch etwas verhalten. In dieser Sekunde vermisste ich meine alte Freundin mehr denn je, doch woher hätte ich die Zeit nehmen sollen, mich um sie zu kümmern? Seit Wochen hetzte ich nur von Baum zu Baum. Dem Wald ging es immer schlechter und damit wuchs meine Verantwortung. Dass Rul und Naja in Schwierigkeiten steckten, hieß leider auch, dass ich versagt hatte. Normalerweise spürte ich es, sobald ein Baum kurz vorm endgültigen Kollaps stand. Das ein oder andere Mal hatte ich noch helfend eingreifen können, doch Rul und Najas sterbende Bäume hatte ich irgendwie verpasst.
   Hastig verdrängte ich den Gedanken, dass es womöglich an meiner Ablenkung gelegen haben mochte. Brahns Gesundheitszustand hatte mich doch arg beschäftigt – fast noch mehr, als es mein sterbender Wald getan hatte.
   Lautlos entschuldigte ich mich bei den verstorbenen Bäumen und wünschte ihnen eine gute Reise in die Schattenwelt. Parallel dazu winkte ich Finna, die sich gerade wieder in den finsteren Teil des Waldes aufmachte.
   Ich selbst drehte mich um und ging den Pfad in Richtung Elementarbaum zurück. Kurz davor schlug ich mich in die Büsche und kämpfte mich zu meinem Kristallbaum-Areal durch. In diesem Teil wuchsen viele Blätterbäume, ein Zeichen für guten Boden und reichlich Licht. Das Schwarzgeflecht, das den Rest des Waldes befallen hatte, war noch nicht hierhergekommen. Ich tat auch alles, damit es dabei blieb. Hinter den Blätterbäumen begann mein Kristallbaum-Feld. Als ich es übernommen hatte, waren die Bäume fast am Ende gewesen. Das Schwarzgeflecht hatte sie fast vollständig überrumpelt, war vom Norden her eingefallen und hatte auch die gesunden Blätterbäume im Süden bedroht. Ich konnte den Vormarsch durch zähe Arbeit verhindern. Seitdem gehörte dieser Bereich zum lebendigsten im gesamten Wald.
   Vielleicht lag es neben meiner harten Arbeit auch an der Nähe des Elementarbaumes, dass es den Bäumen in der Umgebung so gut ging. Der hielt das Schwarzgeflecht durch seine Magie ab, bildete eine Art natürliche Abwehrmauer. Das wiederum hatte den Effekt, dass die Pflanzen rund um das Dorf der Mar vollkommen gesund waren. Wahrscheinlich wussten die Dorfbewohner nicht einmal, dass der Rest des Waldes ums Überleben kämpfte.
   Obwohl ich meine Bäume erst vor Kurzem verlassen hatte, machte ich erneut einen Kontrollgang. Sie sahen noch genauso gesund aus wie vor meinem Besuch bei Brahn. Einige von ihnen hatten mittlerweile sogar Knospen an ihren weitverzweigten, blau und weiß schimmernden Ästen. Das war eine kleine Sensation, denn blühende Kristallbäume hatte es sicherlich seit zwanzig Wintern nicht mehr gegeben.
   Ich war gespannt, was für eine Blüte erscheinen würde und tätschelte meinen größten Kristallbaum zur Begrüßung.
   Der knackte als Antwort leise mit seinen kristallenen Ästen und neigte eine der oberen Blüten herab, damit ich sie bewundern konnte. Als ich sie sah, klatschte ich vor Freude in die Hände. Sie sah perfekt aus: voll und schillernd in allen Tönen von Blau bis Weiß.
   Ich lobte den Baum ausreichend und legte auch hier ein bisschen Gespensterginster an die Wurzeln. Zu viel davon ließ die Bäume vertrocknen, zu wenig ließ sie hungern. Es war eine Kunst, die perfekte Portionierung zu finden.
   Zufrieden mit mir und meinen Bäumen setzte ich mich unter einen von ihnen, lehnte den Kopf gegen die Rinde und blickte hinauf in seine Krone. Blätter gab es nicht, dafür ein kompliziertes Firmament aus winzig kleinen schneeweißen und blaurosafarbenen Kristallsternen. Vom Tag erschöpft schloss ich die Augen und döste ein.

Kapitel 2
Zornige Urmutter

Als ich am nächsten Tag ins Dorf kam, war die Stimmung so düster wie selten zuvor. Der Gedanke, dass unsere Brüder und Schwestern für etwas bestraft wurden, was jedem von uns passieren konnte, bedrückte alle.
   Ich nahm wie immer den östlichen Eingang, der mich auf direktem Weg zu meiner Höhle brachte. Auf diese Weise musste ich nicht am Versammlungsplatz vorbei. Hier war die Gefahr, versehentlich der Urmutter oder gar einer Wächterin über den Weg zu laufen, am höchsten.
   Früher einmal hatten wir Pari oben in den Bäumen geschlafen. Seit der Generation nach dem großen Kampf hatte uns die Urmutter in die Höhlen befohlen. Hier wären wir geschützter, sagte sie stets.
   Ich wäre lieber von einem vergifteten Pfeil im Schlaf vom Baum geschossen worden wie ein reifer Apfel, als sicher in der Erde zu vergammeln wie eine faule Zwiebel. Aber gut. Gesetz war Gesetz und auch ich als beste Gärtnerin konnte mich nur ab und zu mal aus dem Fenster lehnen. Zu oft und ich machte ebenfalls Bekanntschaft mit der Peitsche.
   Daher schlief ich nur in den Bäumen, wenn die Luft rein war.
   Gerade eben zog es mich jedoch erst mal in meine Höhle, die ich mir mit zehn anderen Pari teilte.
   Der Eingang unserer Höhle war hübsch mit bunten Blumen geschmückt. Ich hatte hier Sonnenblumen und Lavendel, Rosen und Heckenpracht überredet, sich anzusiedeln. Die meisten Eingänge hatten mit dem Schwarzgeflecht zu kämpfen. Nur bei uns gediehen die Pflanzen einigermaßen.
   Ich kitzelte einen Sandschuh am Knospenkinn, zupfte ein loses Blatt fort und atmete wie immer tief ein, bevor ich in die Höhle schlüpfte. Dieser dunkle Ort war nichts für uns Pari, aber mich fragte ja niemand. Und, um ehrlich zu sein: Ich hatte nicht genug Mumm, den Gedanken laut auszusprechen.
   Ich machte wie immer keinen Laut auf dem mit Moos ausgelegten Gang. Der führte eigentlich nur fünf Schritte in die Tiefe in eine Art Grube. Sie war durch fluoreszierendes Gestein an der Decke ausgeleuchtet, trotzdem wirkte sie wenig einladend.
   Ein großer Tisch stand in der Mitte, drum herum zwei Bänke für je fünf Pari. Finna und ich hatten eine Art bunten Teppich aus Algenkraut gewebt, um zumindest den Anschein eines Wohnbereichs zu schaffen, aber so richtig war es uns nicht gelungen.
   Wie immer saß zumindest eine Pari am Tisch und beschäftigte sich mit ihrem Alltag. Diesmal war es Nia, unsere Jüngste. Sie blickte auf, als sie mich hörte, und lächelte mich herzlich an.
   »Fairy! Du bist die erste Gärtnerin, die heute nach Hause gekommen ist. Gab es Probleme bei den Kristallbäumen?«
   »Gibt es nicht immer Probleme bei den Kristallbäumen?«, erwiderte ich, küsste sie jedoch gleichzeitig auf die Stirn, um meine Worte abzumildern. Wir Pari berührten einander nie. Das galt jedoch aus irgendeinem Grund nicht für Nia und mich. Wir waren wie Schwestern. Solange niemand in der Nähe war, gab ich ihr so viel Nähe ab, wie ich konnte.
   Nia grinste schief. »Auch wieder wahr.« Sie legte ihr Nähzeug sorgsam zur Seite und seufzte tief. »Aber wie immer beneide ich euch dafür, dass ihr hier ab und zu mal rauskommt. Gestern war schrecklich.«
   Eigentlich hatte ich vorgehabt, mich so schnell wie möglich in meine Schlafnische zurückzuziehen, aber Nia sah furchtbar traurig aus. Also setzte ich mich zu ihr. »Wie geht es Rul und Naja?«
   »Sie sind noch am Schandmal.«
   Ich wurde blass bei den Worten. Wenn Rul und Naja die ganze Nacht dort angekettet gewesen waren, musste die Strafe deutlich härter ausgefallen sein als erwartet.
   Nia bestätigte meine Vermutung. »Die Urmutter hat drei Tage und drei Nächte bestimmt.«
   »Was? Das bringt die beiden um!«
   Mein empörter Ausbruch verhallte ungehört in der Höhle. Zum Glück. Solche Aussagen konnten einen schnell in Schwierigkeiten bringen. Man zweifelte das Urteil der Mutter nicht an. Erschrocken sah mich Nia aus großen Augen an, nickte jedoch fast unmerklich. Wir waren allein hier, aber das konnte sich schnell ändern. Daher huschte ihr Blick unruhig zum Eingang hinüber.
   Mich hingegen hielt es nicht mehr in der Höhle. Ehe ich noch näher darüber nachdenken konnte, stand ich auf. »Ich geh hin und guck nach den beiden«, erklärte ich.
   Hastig griff Nia nach meiner Hand. »Nicht! Die Urmutter ist wütend genug. Reiz sie nicht weiter.«
   Wir musterten uns schweigend. Nia war bestimmt fünf Jahre jünger als ich, sah aber mit ihren großen Kulleraugen noch kindlicher aus als so manche Sechsjährige. Ich mochte sie sehr, vor allem wegen ihres guten Herzens.
   Im Gegensatz zu meinen anderen Schwestern in der Höhle ließ sie manchmal durchblicken, dass sie nicht mit jeder Entscheidung der Urmutter einverstanden war. Da sie jedoch als Haushälterin in der Rangordnung weit unten war, handelte sie sich damit stets deutlich mehr Ärger ein als ich.
   Sie blieb trotzdem bei ihrem Standpunkt, was meine Achtung vor ihr ins Unermessliche steigen ließ. Sie hatte mehr Mumm in den Knochen als so manche Erwachsene.
   Gerade wollte ich auf ihre Bitte antworten, da hörte ich Schritte vom Eingang her. Sua kam hereingetrottet. Sie stand als Botin auf derselben Hierarchieebene wie ich, straffte sich jedoch wie immer, sobald sie mich sah. Irgendwie flößte ich ihr mehr Respekt ein als andersherum. Warum das so war, war mir schleierhaft.
   »Fairy. Zum Glück bist du da. Die Urmutter will dich sehen.«
   Der Satz verklang in der Höhle wie ein Donnerschlag. Nia und ich starrten sie an, als hätte sie einen schlechten Scherz gemacht.
   »Jetzt guck nicht so. Die halbe Wächterschaft sucht dich schon. Komm schnell, dann gibt es keinen Ärger. Der Befehl erging erst vor fünf Minuten.«
   Ich musste meine Beine überreden, hinter Sua herzulaufen. Dass die Urmutter einen zu sich rief, hatte für gewöhnlich nichts Gutes zu bedeuten.
   Hektisch ging ich die Verfehlungen der letzten Tage durch und mir wurde eisig im Magen. Da kam eine ganze Menge zusammen. Aber eigentlich konnte sie nichts davon wissen. Oder?
   Ich musste wohl bleich geworden sein, denn Sua legte mir ungewohnt fürsorglich die Hand auf die Schulter und drückte sie aufmunternd. Da sie nicht die Gesprächigste war, drängte sie mich schweigend voran.
   Der Weg führte an den fünf Wohnhöhlen in unserer direkten Nachbarschaft vorüber, bevor wir den Versammlungsplatz erreichten. Mein Blick glitt automatisch nach links, wo das Schandmal stand.
   Mir wurde schlecht.
   Rul und Naja hockten auf Knien, die Unterschenkel waren mit Seilen stramm hinunter auf den Boden gepresst worden, während andere Seile sie dazu zwangen, den Oberkörper gerade zu halten. Wer nach vorn wegsackte, drohte, auf die senkrecht aufgestellten Pfeile gespießt zu werden. An Schlaf war in dieser Position nicht zu denken. Es war eine grausame Methode, um jemanden zu bestrafen.
   Ich zwang mich, meinen Blick von ihren zusammengesunkenen Körpern zu lösen. Für sie konnte ich nichts tun, stattdessen sollte ich mir Sorgen um mich selbst machen.
   Was wollte die Urmutter von mir?
   Unser Dorf war nicht gerade riesig: In der Mitte war der Versammlungsplatz samt Schandmahl und Initiationsstein. Drum herum waren die zwanzig Höhlen in einem Halbkreis angeordnet. Weil sie sich unter der Erde befanden, waren sie dem Dorf kaum zuzuordnen.
   Eigentlich gab es nur ein einziges Haus, das auf der Oberfläche stand: das der Urmutter. Es war ein gewaltiges, rundes Bauwerk aus schneeweißem Holz eines mir unbekannten Baumes. Es glänzte ein bisschen wie Marmor, roch jedoch nach Nadelgehölz und Rosenblüten. Gleichzeitig war es härter als jedes Gestein, das ich kannte. Das Dach war ursprünglich ein riesengroßer roter Pilzkopf. Er glänzte bei Regen wie poliert und glitzerte bei Sonnenschein. Weil er gleichzeitig viele weiße Flecken hatte, ging ich davon aus, dass es mal ein Fliegenpilz gewesen sein musste – ein gigantischer noch dazu.
   Das Haus selbst hatte ein gewaltiges Panoramafenster aus einem durchsichtigen Material, das ich nicht kannte. Aus Erfahrung wusste ich, dass man zwar nicht hinein – dafür aber hinausgucken konnte. Weil das Fenster zum Versammlungsplatz und den Hütten hinausging, konnte uns die Urmutter jederzeit beobachten.
   Ein unheimlicher Gedanke, erst recht, weil ich davon ausging, dass sie genau das gerade tat.
   Auch Sua warf dem Fenster einen nervösen Blick zu. Wir spiegelten uns darin, mehr war jedoch nicht zu sehen.
   Ich straffte mich automatisch, als ich meine zusammengesunkene Gestalt erblickte. Nicht ängstlich aussehen, keine Schwäche zeigen. Das wirkte bei der Urmutter immer am Besten.
   Auch Sua schien es einfach hinter sich bringen zu wollen. Sie leitete mich geradewegs an den anderen Wächtern vorüber, die mir schweigend zunickten, und dirigierte mich durch den offenen Eingang des Hauses hinein in den großen Saal dahinter.
   Hier saß die Urmutter auf einem gewaltigen Stuhl aus roten und schwarzen Lianen. Das Teil war mir fast noch unheimlicher als die Urmutter selbst, denn es strahlte eine Art finstere Macht aus. Was immer dieses Gewächs war: Es hatte ein Eigenleben, düster und bedrohlich.
   Wie üblich stand die Urmutter auf, sobald jemand ihr Haus betrat. Der Rankenthron verschob sich dabei ein bisschen, als wollte er gegen die Abwesenheit der Herrin protestieren.
   Ich zwang meinen Blick von dem so lebendigen Stuhl fort, um die Urmutter ansehen zu können, was ich gleich bedauerte, denn wie immer war ich irritiert von ihrer Gestalt. So grausam ihr Wesen war, so lieblich sah sie aus.
   Im Gegensatz zum Rest der Pari hatte sie einen menschlichen Körper. Kein Wunder, immerhin war sie eine Waldgöttin und konnte jede Gestalt annehmen, die sie wünschte. Meist sah sie aus wie ein etwa zehnjähriges Kind mit unnatürlich großen Augen und überlangen pechschwarzen Haaren.
   Heute hatte sie jedoch ihre ältere Gestalt gewählt: eine etwa Mitte zwanzigjährige Frau, zierlich, allerdings mit geschwungenen, weiblichen Kurven. Ihre übergroßen Augen schimmerten wie blaue Seen. Sie ließ jedoch immer wieder weiße Schlieren darüber ziehen, wie Wolken am Horizont. Das verwirrte jeden Gegenüber, auch mich.
   Als sie mich sah, verzogen sich ihre beerenroten Lippen entzückt zu einem Lächeln, das keines war. Sie winkte mit ihren grazilen Händen Sua zu. »Danke, Sua. Lass uns allein.«
   Sua tat natürlich nichts lieber als das und drehte noch auf dem Absatz um. Dabei nickte sie mir aufmunternd zu. Als sie die Tür fast lautlos hinter mir schloss, war ich allein mit der Urmutter. Ich schluckte schwer und versuchte mich an einem wackligen Knicks. Die Urmutter quittierte das mit einem huldvollen Nicken und bedeutete mir, mich auf die vielen Teppiche zu Füßen des gewaltigen Stuhles zu setzen. Weil meine Beine ohnehin wie Wasser waren, sank ich erleichtert nieder.
   »Danke für dein Kommen«, eröffnete die Urmutter das Gespräch. Wie immer klangen ihre Worte überaus nett und liebreizend, ich ließ mich jedoch nicht einlullen. Dazu kannte ich sie zu gut.
   Die Urmutter setzte sich ebenfalls. Ihr langes, bauschiges Kleid knisterte dabei, während es bei jeder Bewegung blaue Funken absonderte. Auch das versuchte ich zu ignorieren, aber es war schwierig.
   »Wie du sicherlich gehört hast, sind abermals mehrere Kristallbäume eingegangen. Ich habe daraufhin eine Untersuchung aller Bäume angeordnet und siehe da: Deine sind wie immer die Gesündesten.«
   Ich duckte mich bei diesen Worten. Es war nie gut, in den Fokus der Urmutter zu geraten.
   »Auf dem Tisch dort drüben habe ich dir eine Liste anfertigen lassen – die Ergebnisse der Bestandsaufnahme. Ich möchte, dass du dir alle sehr kranken Bäume ansiehst und den betroffenen Gärtnerinnen hilfst. Umgehend. In der Zwischenzeit wird sich jemand anderes um deine Bäume kümmern. Verstanden?«
   Ich nickte eingeschüchtert, während mir der Schweiß ausbrach. Ich sollte mir alle Bäume ansehen? Und trug die Verantwortung für ihr Überleben? Das konnte nur in einem Fiasko enden.
   »Wann ist denn eigentlich deine Initiation?«, wechselte die Urmutter abrupt das Thema.
   »Im nächsten Sommer«, brachte ich mühsam heraus. Meine Stimme klang im Vergleich zu ihrer herrischen wie das Piepsen einer Maus.
   »Ah, das ist gut. Dann haben wir ja noch ein bisschen Zeit.«
   Weil die Antwort ziemlich rätselhaft war, warf ich ihr zwischen meinen Dornenranken einen Blick zu. Die Urmutter sah mich überhaupt nicht an, sondern starrte irgendwo auf einen Punkt über mir, in Gedanken offenbar woanders. Ihr diesmal blondes Haar floss ihr in sanften Wellen über die Schulter bis zum Boden. Es wehte leicht in einem unsichtbaren Wind. Ich hätte sie gern noch länger betrachtet, denn sie war wirklich wunderschön, doch als sie ihren Blick löste und zu mir wandern ließ, sah ich hastig wieder auf den Boden vor mir.
   »Du darfst jetzt gehen. In einer Woche will ich einen Bericht sehen, welche Bäume zu retten sind und welche nicht.«
   Ich kam, so schnell es ging, auf die Beine und wäre kopflos nach draußen gestürzt, doch die Worte der Urmutter hielten mich noch mal auf.
   »Und Fairy?«
   »Ja, Urmutter?«
   »Enttäusch mich nicht!«
   Es nicht als Drohung aufzufassen, wäre fatal gewesen. Mit einem gewaltigen Kloß im Hals nickte ich und machte dann, dass ich aus diesem unheimlichen Haus kam.

Die nächsten Tage stand ich quasi Kopf.
   Ich eilte durch unseren Wald, sah mir Hunderte von Kristallbäumen an und diskutierte mit ebenso vielen Gärtnern. Kaum ein Pari war begeistert davon, dass ich ihnen Anweisungen gab und sie kontrollierte.
   Es waren schlimme Tage, doch das Traurigste überhaupt war, dass ich Brahn unmöglich besuchen konnte. Erst nach gut neun Sonnenaufgängen hatte ich den Eindruck, wieder Herrin der Lage zu sein. Ich hatte sämtliche Bäume kartografiert und in Kategorien eingeteilt. Die absterbenden Bereiche ging ich jeden Tag ab und kümmerte mich gemeinsam mit den Gärtnern um die halb toten Pflanzen.
   Fand ich Bäume, die so gut wie tot waren, wandte ich unauffällig meinen besonderen Trick an, zumindest dann, wenn mich keiner sah. War ich umringt von anderen, nutzte ich all mein Wissen, um ihnen auf natürliche Art und Weise zu helfen. Dabei holte ich mir Hilfe von den Pari, die bislang gut mit ihren Kristallbäumen zurechtgekommen waren.
   Im Prinzip warf ich das komplette Gefüge über den Haufen, denn ab jetzt war Schluss damit, dass jeder sein eigenes Süppchen kochte. Wissen bündeln war die Devise.
   Das sah die Urmutter zwar nicht gern, denn sie mochte es nicht, wenn wir in Gruppen zusammengluckten und uns absprachen, aber sie ließ mir erst mal freie Hand. Offenbar war es ihr gerade wichtiger, dass die Kristallbäume überlebten, als dass sie ihre Machtposition weiter ausbaute.
   Die war ohnehin unumstritten.
   Erst am neunten Tag kam ich mal dazu, tief durchzuatmen und mir den Gedanken an einen Moment Freiraum zu gönnen. Ich war schon lange nicht mehr bei meinen Bäumen gewesen und die Unruhe zernagte mir die Magenwände.
   Also entschuldigte ich mich bei den anderen Pari und erklärte, ich müsse meine Ostwälder besuchen.
   Niemand hielt mich auf, immerhin schien ich die neue Chefin zu sein.
   Kurz bevor ich bei meinen Bäumen angekommen war, schlug ich mich seitlich ins Dickicht. Gerade noch rechtzeitig, bevor mich einige andere Pari entdecken konnten, die sich um meine Gegend kümmerten.
   Ich würde sie später besuchen müssen, um mir ein Alibi zu verschaffen. Doch erst mal zog es mich zum Elementarbaum.
   Beim Überwechseln vom Waldrand zum Elementarbaum war ich doppelt vorsichtig. Ich sicherte mich immer wieder ab, bevor ich den Schlingpflanzenbaum hinaufkletterte, der mich mithilfe seiner Lianen zum Elementarbaum warf. Ehe ich ihm das erlaubte, horchte ich bestimmt eine halbe Stunde in die Umgebung, um ganz sicher zu gehen.
   Es war definitiv kein anderer Pari in der Nähe.
   Also ließ ich mich schleudern und der Elementarbaum fing mich wie immer gekonnt im Flug ab, um mich wohlbehütet in seinen Blättern willkommen zu heißen.
   Ich lächelte, als mir der Baum eine besonders reife Orange vor die Nase hielt. Bevor ich sie jedoch abzupfen konnte, sprach mich jemand von der Seite an.
   »Da bist du ja!«
   Vor Schreck sprang ich ein kleines Stück nach links, was in einem Baum niemals eine gute Idee war. Ich verlor fast den Halt und wäre sicherlich ein paar Etagen tiefer gestürzt, wenn mich der Baum nicht stabilisiert hätte. »Bei den Nachtgeistern, erschreck mich doch nicht so«, fauchte ich aufgebracht.
   Brahn sah mich schuldbewusst an, woraufhin ich automatisch ein schlechtes Gewissen bekam.
   »Entschuldige. Aber warum bist du denn so schreckhaft? Wer sollte denn sonst in diesem Baum hocken und auf dich warten außer mir?«, erwiderte er ruhig.
   Er sah ein bisschen eingequetscht aus: Seinen großen, massigen Körper hatte er wie ein Klappmesser zusammenfalten müssen, um zwischen den dichten Ästen hocken zu können. Der Baum hatte ihm zwar ein hübsches, kleines Nestchen aus Zweigen gestaltet, damit er bequemer sitzen konnte, sehr gemütlich sah es trotzdem nicht aus. Sein Kopf hing nämlich stets in einem Lianengewirr, das er gerade etwas genervt zum wiederholten Male zur Seite drücken musste.
   Fast sofort verpufften meine Wut und der Schreck. Ich lächelte. »Es waren anstrengende Tage. Da liegen meine Nerven blank.«
   Brahn musterte mich gründlich, bevor er antwortete. »Ich habe keine Ahnung, wie deine Hautfarbe normalerweise aussehen sollte, aber du erscheinst mir etwas blasser als beim letzten Mal. Alles okay bei dir?«
   Ich winkte ab. »Nur Stress. Die Kristallbäume bereiten uns Sorgen. Es sind wieder einige gestorben.«
   »Kristallbäume?«
   Ach, natürlich. In seinem Dorf wuchsen die nicht. Da noch nie ein Mar den Fuß in unseren Waldbereich gesetzt hatte, kannte Brahn die großen Bäume nicht. Ich beschrieb sie ihm, aber er wirkte nach wie vor irritiert.
   »Und warum kümmert ihr euch so aufopferungsvoll um sie?«
   »Wir brauchen sie wie die Luft zum Atmen. Ihr Saft ist die einzige Flüssigkeit, die wir trinken können. Wenn ein Pari sieben Sonnenaufgänge hintereinander nichts vom Saft zu sich genommen hat, stirbt er.«
   Brahn sah betroffen aus, aber ich wollte das Thema nicht vertiefen. »Was machst du denn im Baum? Jetzt sag nicht, du wartest schon die ganze Zeit«, lenkte ich deshalb schnell ab.
   »Klar. Ich bin jeden Abend hier raufgekraxelt. Mittlerweile bin ich Profi im Runterfallen und wieder Hochklettern. Der gute Eli und ich kommen mittlerweile prächtig miteinander aus.« Dabei tätschelte er den dicken Ast, auf dem er saß, wie einen lieben Kumpel.
   Ich machte große Augen. »Du warst jeden Abend hier? Und hast gewartet? Oh …« Jetzt plagte mich das schlechte Gewissen.
   Brahn wurde mit einem Mal ernst. Musterte mich. Intensiv. »Ich habe mir Sorgen gemacht. Zum einen hatte ich Angst, dass ich dich bei unserem ersten Treffen bedrängt haben könnte. Zum anderen habe ich befürchtet, deine Urmutter könnte dich … bestraft haben.«
   »Ich hatte nur keine Zeit. Entschuldige.«
   Brahn nickte und schien damit den Punkt abgehakt zu haben. Stattdessen holte er ein langes Holzstück zwischen dem Blättergestrüpp hervor und legte es vor sich auf den Ast.
   »Dann lass uns mal anfangen«, erklärte er wie selbstverständlich.
   Ich erkannte aus dem Holzstück ein kunstvoll verziertes Spielbrett mit vierzehn sorgsam hineingeschnitzten Kästchen. Die Steine sahen aus wie kleine Diamanten.
   Brahn zählte sie konzentriert ab und blickte mich fragend an. Ich hockte noch immer etwa drei Schrittlängen von ihm entfernt am anderen Ende der Baumkrone.
   »Willst du nicht rüberkommen? Mit diesem Abstand lässt es sich wirklich schlecht spielen.«
   Mir schlug das Herz aus irgendeinem Grund in der Kehle und ein dicker Klumpen Nervosität hatte sich als gewaltiger Ball in meinem Magen zusammengerollt.
   Was tat ich hier?
   Mich mit Brahn anzufreunden, war Wahnsinn und dennoch so verdammt verlockend. Ich sehnte mich so sehr danach, noch ein bisschen seiner Stimme zu lauschen, seinen Duft einatmen zu können. Und gleichzeitig brachte ich ihn damit in Gefahr.
   Gerade beschloss ich, von hier zu verschwinden, da lächelte er mich an – und es war um mich geschehen.
   »Komm schon«, forderte er mich auf.
   Ich folgte automatisch seinem Wunsch, kletterte näher und ließ mich zögerlich gegenüber nieder.
   Wir sahen uns an, ich in seine blauen, er in meine grünen Augen, und ich erkannte es ganz deutlich: Auch ihm stockte ein wenig der Atem. Die Luft zwischen uns flirrte, als fieberte die Welt mit uns.
   Langsam hob ich die Hand und öffnete sie, drehte meine Handflächen nach oben, sodass Brahn mir die Steinchen hineinlegen konnte. Er tat das übertrieben sorgfältig, berührte dabei wie zufällig meine Hand.
   Nur ganz kurz.
   Es war wie Sonne auf der Haut, so warm und angenehm; wie Morgentau auf der Zunge, so frisch und wohltuend.
   Auch Brahn schien den besonderen Augenblick gespürt zu haben. »Alles wird gut, Fairy«, erklärte er und lächelte.
   So, wie er es sagte, glaubte ich ihm tatsächlich.
   Weil ich merkte, dass mir die Röte in die Haut kroch, legte ich rasch den ersten Stein. Brahn sah mir noch einen Moment länger zu als angemessen, ließ sich jedoch letztlich ablenken.
   Dieses Spiel spielten wir in andächtigem Schweigen. Ich war viel zu eingeschüchtert, um viel zu reden. Brahn hingegen schien zu spüren, dass ich gerade meinen Freiraum brauchte. Also ließ er mich in Ruhe und tat so, als müsste er sich auf das Spiel konzentrieren.
   Ab und zu erwischte ich ihn, dass er mich aus den Augenwinkeln beobachtete. Wann immer sich unsere Blicken trafen, verhakten sie sich kurz ineinander, bis einer von uns sich losriss und den nächsten Zug setzte.
   Es wurde immer dunkler um uns herum. Die Nachttiere waren schon längst unterwegs, der zweite Mond bereits aufgegangen.
   Vielleicht war es wegen der Stimmung, vielleicht war es auch Brahns ruhige Präsenz, auf jeden Fall entspannte ich mich zum ersten Mal seit Tagen. Mein vollgestopfter, panischer Kopf hörte auf, Probleme zu wälzen. Das Einzige, was zählte, war gerade dieses Spiel. Selbst Brahn schüchterte mich nicht mehr ganz so gewaltig ein.
   Aus den Augenwinkeln sah ich, dass er lächelte. Ich runzelte die Stirn, suchte nach dem Grund und starrte das Spiel an. Hatte ich eine seiner Finten übersehen? Nein, eigentlich war ich am Gewinnen. »Was grinst du so breit?«, fragte ich schließlich in die Stille der Nacht hinein.
   Brahns Lächeln wurde noch breiter. »Du hast grad endlich aufgehört, wie besessen auf deiner Unterlippe zu kauen und die Stirn so heftig zu runzeln, als müsstest du einen Faltenwettbewerb gewinnen. Kann es sein, dass du grad runterkommst?«
   »Runterkommst?« Ich verstand das Wort in diesem Zusammenhang nicht so ganz und sah betreten nach unten. Am Baumstamm war nichts zu sehen.
   Brahn lachte leise. »Im übertragenen Sinne: dass du dich entspannst. Bis gerade habe ich mich gefragt, wann du aufspringst und mich wieder allein hier sitzen lässt.«
   »Oh.« Ich machte ein zerknirschtes Gesicht. »Entschuldige. Ich wollte nicht unhöflich sein.«
   »Nein, alles gut. Du hast ja vier Spiele mit mir durchgehalten.«
   Jetzt fuhr ich wie von einem Schnarchguhl gestochen auf. »Vier Spiele?«, rief ich und sah mich hektisch um. Die Monde waren wirklich schon sehr weit über den Himmel gewandert. Wenn ich nicht irrte, hörte ich bereits den ersten Morgenvogel verschlafen singen. »Ich muss los«, rief ich und sprang auf.
   Brahn folgte der Bewegung, hob die Arme. »Lauf nicht wieder schneller weg, als ich gucken kann. Zeit für eine ordentliche Verabschiedung muss einfach sein.«
   Wenn ich nicht irrte, sah er mich ermahnend an. Ich wurde wieder rot, was er im Dämmerlicht hoffentlich nicht sah. Etwas ratlos stand ich vor ihm, bis ich vorsichtig die Hand hob. »Gute Nacht?«, sagte ich und ließ es wie eine Frage klingen.
   »Gute Nacht«, erwiderte er. Auch er hob die Hand und winkte in einem Abstand von etwa vier Schritten zueinander. »Bis zum nächsten Mal?«
   »Ja.« Mit einem Mal war ich wieder schrecklich nervös. Weil ich nicht wusste, wohin mit meinen Händen, verkrallte ich sie ineinander. »Gern.«
   »Okay. Ich freu mich und … Fairy …, keinen Stress, okay? Wenn du nicht kommen kannst, dann kannst du nicht kommen. Das ist in Ordnung für mich. Auch ich habe viel zu tun. Ich will nicht, dass du dich verpflichtet fühlst. Es war nur eine Idee.«
   »Ich komme gern wieder«, beeilte ich mich zu sagen. »Es ist nur gerade ein schlechter Zeitpunkt. Es ist so viel in letzter Zeit, was mich beschäftigt.«
   Er sah mich eine Weile an, dachte nach. »Vielleicht erzählst du mir eines Tages, wo das Problem liegt.«
   »Vielleicht … eines Tages. Gute Nacht, Brahn.«
   Ein letztes Winken, ein letztes Nicken, dann war ich fort.
   Am nächsten Tag konnte ich kaum die Augen aufhalten, dennoch war ich so glücklich wie selten zuvor.

Kapitel 3
Verbotene Spiele

Brahn und ich begannen also unsere verbotenen Spiele. Ich schaffte es nur alle zwei oder drei Abende zu kommen, aber das waren die schönsten in meinem ganzen Leben.
   Damit Brahn nicht ständig umsonst im Elementarbaum hockte – den er liebevoll Eli nannte, was dem Baum ganz offenbar gefiel –, hatten wir ein Signal vereinbart. War ich da, ließ Eli eine besonders lange Liane hoch oben im Wind wehen. An diesem Ende hing eine bunte Blume, die in ruhiger Regelmäßigkeit die Farbe wechselte. Meist dauerte es nicht lange, da sah ich Brahn über die Wiese trotten.
   Wir spielten unser Spiel bis zum Erbrechen, so lange, bis ich es wirklich nicht mehr sehen konnte. Brahn organisierte uns daraufhin ein anderes Spielbrett und brachte mir ein besonderes Strategiespiel bei, das schon bald für Gehirnverknotungen in meinem Kopf sorgte. Aber es machte Spaß, selbst wenn ich die ersten zwei Mondphasen stets verlor.
   Als ich dann einmal gewann, freute ich mich umso mehr. Selbst Brahn war begeistert von meinem Sieg, was mich allerdings befürchten ließ, dass er mich hatte gewinnen lassen. Aber auch das war egal. Hauptsache, ich durfte bei ihm sitzen.
   Wir sprachen eigentlich nicht viel. Ich war noch nie eine besondere Rednerin gewesen – es sei denn, ich war in Liahs Gesellschaft. Die Elementarmagierin hatte etwas so Natürliches an sich, das mich automatisch zum Plappern verleitete. Wenn ich ihr gegenübersaß, brachen all die unerzählten Wörter aus mir heraus.
   Bei Brahn fühlte ich mich gehemmt. Nicht nur, weil er ganz einfach der Schwarm meiner letzten Jahre war, sondern weil mich seine so übermächtige Präsenz schrecklich einschüchterte. Er war immerhin stellvertretender Anführer bei den Mar und ein geachteter Krieger noch dazu.
   Mein Schweigen hatte aber noch einen weiteren Grund: Sprechen bedeutete bei uns stets die Gefahr, zu viel zu sagen und deswegen bestraft zu werden. Bei den Pari wurde daher nur das Nötigste erzählt, Reden der Freude wegen war bei uns verpönt. Ich wusste allerdings aufgrund meiner langjährigen Beobachtungen, dass Brahn gern diskutierte und lebhafte Streitgespräche mit Liah zu führen pflegte. Dass er sich bei mir so zurücknahm, hemmte mich zusätzlich. Was sollte das für eine Freundschaft werden, wenn einer sich verstellen musste?
   Dieser Gedanke beschäftigte mich zusehends und trübte ein wenig meine Vorfreude auf das nächste Treffen. Ich war verunsichert, was bei mir leider nichts Neues war.
   Die neue Verantwortung über alle Kristallbäume erschreckte mich, genau wie die ständigen Kontrollen der Wächter und die giftigen Blicke vieler Pari. Das Gefüge des Dorfes verschob sich unmerklich und ich stand im Zentrum all der Aufmerksamkeit.
   Fast jeden Morgen wachte ich mit einem immer größer werdenden Knoten im Magen auf, dem Gefühl, der Situation nicht gewachsen zu sein. Manchmal musste ich mich in meinem Bett fest zusammenrollen, um nicht vor Angst zu zittern. Doch es gab kein Entrinnen. Ich musste da irgendwie durch.
   Theoretisch hätte ich meine ganze Konzentration sowohl für die Pflege der Bäume als auch für die Pflege meiner sozialen Kontakte einsetzen müssen. Es war ein Mienenfeld, über das ich jeden Tag balancieren musste.
   Leider ging mir Brahns Schweigen einfach nicht aus dem Kopf, was mich noch zusätzlich verrückt machte. Ich hatte mich schon jahrelang nicht wohl in meiner Haut gefühlt, aber jetzt schien sie mir überhaupt nicht mehr zu passen.
   Eines Tages war ich völlig konfus beim Spiel. Ich setzte meine wichtigste Figur auf den denkbar ungünstigsten Platz und hatte das Spiel bereits nach fünf Minuten verloren. Da wir häufig mehrere Treffen hintereinander für eine Partie brauchten, war das ein neuer Rekord. Ich hatte eigentlich erwartet, dass sich Brahn über seinen Sieg freuen und ein neues Spiel starten würde, doch stattdessen packte er schweigend die Figürchen ein und sah mich streng an.
   »Was ist los?«, fragte er.
   »Alles gut.«
   »Erzähl das deiner Urmutter, aber nicht mir.« Er fixierte meine Augen, damit ich seinem Blick nicht ausweichen konnte. »Zu mir darfst du ruhig ehrlich sein. Hier passiert dir nichts. Ich steh’ nämlich nicht so auf den Sadomasoscheiß.«
   Ich wusste nicht, was Letzteres war, es klang jedoch wie etwas Furchtbares. Zu fragen traute ich mich allerdings nicht, weshalb ich mich schrecklich hilflos fühlte. Gern wäre ich ihm ausgewichen, indem ich mich mit dem Spiel beschäftigt hätte, aber das hatte er ja leider weggepackt. Also blieb mir nichts anderes übrig, als unruhig mit den Fingern in der Rinde zu pulen und meine zischelnden Dornenranken auf dem Kopf nach vorn fallen zu lassen. So verdeckten sie mein brennendes Gesicht.
   »Okay. Ich will dich nicht bedrängen. Das hab ich die letzten zwei Mondläufe nicht getan, dann fang ich auch jetzt nicht damit an. Ich wollte eigentlich nur klarstellen, dass du mir gern sagen darfst, was du auf dem Herzen hast.«
   »Wir Pari sind nicht so gesprächig.«
   »Das habe ich gemerkt.«
   »Entschuldige«, hauchte ich traurig. Er störte sich also tatsächlich an meiner schweigsamen Art.
   Weil Brahn offenbar Gedanken lesen konnte, hörte ich ihn nur Sekunden später tief seufzen. »Ach, Fairy! So hab ich es nicht gemeint. Ich weiß, dass du nicht viel redest. Das ist schon in Ordnung. Du hast nur was auf dem Herzen und ich dachte, vielleicht willst du gern drüber reden und traust dich nur nicht.«
   »Ich mag es sehr, mit dir hier auf dem Baum zu sitzen. Das ist alles, was zählt.«
   Er warf mir einen abschätzenden Blick zu, den ich nur undeutlich zwischen meinen sich gerade ineinander verflechtenden Dornenranken sehen konnte. Irgendwie wirkte er besorgt.
   »Weiß du, dass ich einen extremen Beschützerinstinkt habe?«, fragte er mit einem seltsamen Unterton. Überrascht blickte ich in seine funkelnden Augen. Er sah dabei aus wie ein spitzbübischer Junge und ich musste unwillkürlich lächeln.
   »Das ist mir schon lange klar. Wer sonst hätte sich heldenhaft zwischen das spitze Messer einer Pari und dem Welten zerstörenden Zorn einer mächtigen Elementarhexe geworfen?«
   Brahn wackelte mit dem Kopf. »Ja, ich gebe zu, auch da war mein Beschützerinstinkt auf Hochtouren. War allerdings nicht meine beste Idee, muss ich zugeben.«
   Dabei grinste er übers ganze Gesicht, was mir abermals ein Lächeln entlockte. Diesmal wich ich seinem forschenden Blick nicht aus.
   »Allerdings hätte ich dich sonst auch nicht kennengelernt«, präzisierte er versonnen. »Was wirklich schade gewesen wäre.«
   »Wirklich?«
   »Klar. Ich habe noch nie so einen einfachen Gegner beim Schach gehabt. Gegen Tristan verliere ich immer und gegen Keelin versuch ich es gar nicht erst. Dein nicht vorhandenes Gespür für Taktik stärkt mein Selbstbewusstsein ungemein. So unbesiegbar habe ich mich noch nie gefühlt.«
   »Hey«, protestierte ich und hob die Hand. Um ein Haar hätte ich ihn spaßeshalber angestupst, verharrte aber in letzter Sekunde. Dieses neckende Gehabe hatte ich schon oft bei Liah und Aeri gesehen. Bei ihnen sah es so natürlich aus, so marisch. Für eine Pari gehörte es sich nicht.
   Auch Brahn schien bemerkt zu haben, dass ich ihn um ein Haar gestupst hätte, mich aber selbst zur Vernunft gebracht hatte. Er musterte mich, mit einem Mal wieder nachdenklich.
   »Wenn du hier wie ein verängstigtes Häuflein Elend vor mir sitzt, bimmeln sämtliche Alarmglocken in meinem Kopf und mein Beschützerinstinkt läuft Amok«, erklärte er mit so viel Ernst in der Stimme, wie ich es noch nie bei ihm gehört hatte.
   Mein Herz beschleunigte sich bei diesen Worten automatisch. Ich bekam am ganzen Körper eine Gänsehaut. Gleichzeitig war meine Kehle mit einem Mal so trocken, dass ich nicht antworten konnte. Sprachlos sah ich ihn an. Ein bisschen hoffte ich, dass er mich aus diesem Gespräch mit einer seiner typischen flapsigen Bemerkungen entließ. Dass er die Stimmung lockerte. Doch den Gefallen tat er mir nicht. Stattdessen wartete er offenbar darauf, dass ich antwortete.
   Nur wusste ich nicht, was.
   »Ich bin kein Häuflein Elend«, brachte ich schließlich hervor.
   »Das stimmt. Du bist alles andere als ein Häuflein Elend. Doch irgendwer macht dich dazu.«
   Er hob langsam die Hände, schien mich ernsthaft berühren zu wollen. Ich rutschte automatisch ein Stück nach hinten. Sofort ließ er seine Hände wieder sinken.
   »Ich tue dir nichts, Fairy! Wirklich nicht. Aber du machst mir in letzter Zeit Sorgen. Liah hat mir erzählt, dass du beim ersten Treffen mit ihr geredet hast wie ein Wasserfall. Und auch ich habe nicht den Eindruck, dass du nicht reden möchtest, sondern dass du es nicht darfst. Was ist da bei euch los?«
   »Die Urmutter ist los. Das ist das Problem«, rutschte es mir heraus, bevor ich mich stoppen konnte. Sofort schlug ich beide Hände vor den Mund und sprang auf.
   Auch Brahn kam auf die Beine, während ich am ganzen Körper bebte.
   »Entschuldige«, brachte ich mühsam hervor. »Ich sollte gehen.«
   »Nein, bitte, lass mich jetzt nicht hier stehen wie den letzten Trottel! Ich wollte dich gewiss nicht so bedrängen, dass du fliehen willst«, protestierte Brahn mit einer Spur Verzweiflung in der Stimme, doch ich war bereits behände an ihm vorbei zur nächsten Liane gehuscht.
   Bevor er mich aufhalten konnte, hatte ich sie gepackt und war mit einem Satz aus seiner Reichweite.

Ich stand noch Tage nach dem kurzen Gespräch mit Brahn völlig neben mir.
   Er hatte recht damit, dass ich eigentlich gern reden wollte. Ich wollte mir die Seele aus dem Leib quasseln, all die ungesagten Worte loswerden, die sich jahrelang wie ein Wollknäuel in meiner Kehle aufgewickelt hatten.
   Ich wollte über meine Urmutter sprechen, die uns drangsalierte. Über die Pari, die einsam und lautlos litten. Über die Todesängste, die wir jeden Tag ausstehen mussten. Über die sterbenden Kristallbäume, die meiner Meinung nach nicht sterben durften, weil das Schwarzgeflecht so unnatürlich wirkte. Über den schrecklichen Initiationsritus, der mir bevorstand und um den ich einfach nicht drum herum kam.
   Vor allem wollte ich Brahn sagen, dass ich über all das nicht sprechen durfte, unsere Treffen dadurch jedoch nicht an Wert verloren.
   Weil ich geflohen war, erschien mir der nächste Besuch wie eine unüberwindbare Hürde. Daher ging ich den leichtesten Weg: Ich redete mir ein, gerade keine Zeit zu haben, was auch irgendwie stimmte.
   Nach zwei Wochen unermüdlichen Arbeitens war mein Kopf allerdings so voll, dass ich glaubte, er würde zerspringen. Ich konnte nicht mehr. Da beschloss ich, mir eine Auszeit zu nehmen.
   Also machte ich mich auf zum Elementarbaum, auch, um diese bohrende Unruhe endlich loszuwerden, die mich seit Wochen zerdrückte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich Brahn einfach so hatte stehen lassen. Er musste mich wahrscheinlich für furchtbar zickig halten, dabei hatte ich mir nicht anders mehr zu helfen gewusst, als zu fliehen.
   Als ich in den Baum kletterte, war ich einerseits erleichtert, Brahn dort tatsächlich anzutreffen. Auf der anderen Seite war ich erschrocken, dass er weiterhin auf mich wartete.
   »Ich dachte schon, du hättest den Weg vergessen«, begrüßte er mich.
   Ich sah ihn erstaunt an, vor allem, weil er so nahtlos das Gespräch eröffnete. Kein peinliches Schweigen, kein Schimpfen, nicht mal böse Blicke. Er redete einfach drauflos, als wäre ich nie weg gewesen.
   Ich hingegen konnte nicht so schnell umschalten und blieb erst einmal still, wartete ab. Brahn legte schließlich den Kopf schief.
   »Tut mir leid, dass ich dich das letzte Mal in Bedrängnis gebracht habe. Ich wollte dir keineswegs das Gefühl geben, dein Volk verteidigen zu müssen.«
   Ich knetete unruhig einige meiner Blätter und hockte nach wie vor in den Ästen etwas oberhalb seines Kopfes.
   Er sah mich fragend an. »Okay. Du bist sauer auf mich, kann ich verstehen. Aber glaubst du nicht, dass wir hätten drüber reden können? Einfach abzuhauen ist keine Lösung.«
   Das kam einer Standpauke schon recht nahe, aber sein Ton blieb so freundlich, dass es wohl eher eine versteckte Bitte war.
   Ich räusperte mich unwohl. »Um ehrlich zu sein, wollte ich mich eigentlich entschuldigen. Ich hätte tatsächlich nicht einfach weggehen sollen. Es ist nur so ungewohnt, dass jemand die Urmutter kritisiert. Ich hätte dir nie etwas von ihr erzählen dürfen.«
   »Was bringt denn eine Freundschaft, wenn man sich nichts erzählt?«, entgegnete Brahn. Nun klang er traurig.
   Ich seufzte leise. »Das ist auch wieder wahr. Aber vielleicht kannst du dich etwas mit Kritik zurückhalten und ich fange an, etwas mehr von mir zu erzählen – damit du mich besser verstehen kannst.«
   Jetzt grinste Brahn breit. »Das ist doch mal ein Angebot. Dann komm hier herunter. Wir müssen unser letztes Spiel noch mal wiederholen.«
   Ich kam seiner Bitte nach und setzte mich ihm gegenüber hin. Wir schwiegen, bis Brahn die Steinchen verteilt hatte. »Und? Wie war deine Woche so?«, fragte er im Plauderton.
   Ich zögerte kurz. Geschönte Wahrheit? Lügen? Oder einfach nur ehrlich sein? »Grässlich. Einfach nur grässlich«, hörte ich mich sagen, bevor ich mich überhaupt entschieden hatte. »Ich bin todmüde, völlig ratlos, aber sehr erleichtert, dass du mir nicht böse bist.«
   Brahn verharrte in der Bewegung und warf mir einen scharfen Blick zu. »Ich bin dir nicht böse, Fairy.«
   Ich nickte und kickte seinen Hauptstein aus dem Rennen. Er grummelte leise vor sich hin. »Nicht böse sein, Brahn, du erinnerst dich?«
   »Jaja. Die Nummer war trotzdem mies.« Er setzte den Ersatzstein und plauderte weiter. »Und was war so schrecklich an deiner Woche?«
   Da sprudelte es aus mir heraus wie ein Wasserfall. Ich erzählte in kurzen, knappen Worten, was ich für einen Riesenhaufen an Organisation zu erledigen hatte, dass ich nicht hinterherkam, dass mir die Peitsche drohte, dass mir meine neue Stellung total unheimlich war und dass meine Knochen seit Wochen vor Angst schlotterten.
   Brahn hörte es sich schweigend an, die Steinchen vergessen in seinen Händen. »Und dann hockst du hier in deiner freien Zeit und vertrödelst deine Schlafenszeit?«, fragte er streng, sobald ich geendet hatte.
   »Ich musste mal raus«, erwiderte ich.
   Irgendwie fühlte ich mich befreiter, nachdem ich das alles von der Seele hatte. Die Urmutter hatte ich mit keiner Silbe erwähnt, was Brahn sicherlich bemerkt hatte. Er hakte jedoch nicht nach. Wir spielten eine Weile schweigend, bis mich eine Bewegung an Elis Baumwurzeln ablenkte. Mit zusammengekniffenen Augen musterte ich die Erde neben dem Stamm und sah einen kleinen Erdgeist, der unablässig seine Kreise um Eli herumzog.
   »Was ist eigentlich mit diesem Erdgeist los?«, fragte ich erstaunt und deutete nach unten.
   Brahn warf einen kurzen Blick hinunter und verdrehte die Augen. »Das ist Hicks. Liah hat ihn so getauft, weil der arme Kerl unter ständigem Schluckauf leidet. Warte kurz …, gleich geht es wieder los.«
   Tatsächlich sah ich die kleinen Staubfontänen, die aus der Erde aufstiegen. Ungläubig guckte ich Brahn an. »Ein Erdgeist mit Schluckauf? Ernsthaft?«
   »In Liahs Welt gibt es nichts, was es nicht gibt. Seitdem er unter Schluckauf leidet, verfolgt er mich auf Schritt und Tritt. Erst war er Liahs Anhängsel, die hat ihn aber irgendwie an mich weitergegeben. Jetzt hält er sich für mein Haustier, fürchte ich.«
   Ich konnte nicht anders und musste herzhaft lachen. So was Verrücktes hatte ich noch nie gehört. »Liah hat erzählt, dass sich Geister und Shadun eigentlich nicht mögen«, merkte ich breit grinsend an, als ich mich wieder eingekriegt hatte.
   »Sag das Hicks. Der findet mich ziemlich cool.«
   »Und ich dachte, ich hätte Probleme«, sagte ich kopfschüttelnd und machte den nächsten Zug.
   Brahn legte den Kopf schief. »Darf ich dir einen Rat geben, was das Organisieren angeht?«, fragte er.
   Ich nickte auffordernd.
   »Du musst nicht nur dich organisieren, sondern auch die anderen. Sonst macht es dich kaputt und dann hat niemand was davon. Such dir drei fähige Pari, denen du voll vertraust, und einen Helfer, der an deiner Seite bleibt und dich vor den anderen abschirmt, damit du dich besser auf die jeweilige Aufgabe konzentrieren kannst. So hab ich das damals immer gemacht. Liah war ein hervorragender Puffer, um mir alles und jeden vom Hals zu halten.« Er grinste, als er sich an vergangene Abenteuer erinnerte.
   Auch ich spielte nur mit den Steinen in meinen Händen, ohne sie zu setzen. »Liah erwähnte, dass du ein Organisationstalent bist«, merkte ich an.
   »Ich sehe halt, was zu tun ist und ich habe kein Problem damit, jemand anderem den Job aufs Auge zu drücken. Die Kunst ist, den Überblick zu behalten und zu kontrollieren.«
   »Also hast du nicht nur einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, sondern auch einen Kontrollzwang?«
   Brahn warf den Kopf in den Nacken und lachte herzlich. »Ich fürchte, das charakterisiert mich ziemlich gut.« Er beugte sich vor, sodass unsere Gesichter jetzt nur noch eine Handbreit voneinander entfernt waren. »Das Wichtigste ist jedoch: Du musst ganz viel loben, loben, loben – es sei denn, es war richtig Müll. Zum Beispiel so: Liebste Fairy, dieser Zug war wirklich klug von dir, allerdings hast du eine Kleinigkeit übersehen, da müsstest du noch mal nachbessern. So heißt es erst einmal … schachmatt!« Vergnügt kickte er meine zwei Hauptsteine vom Spielfeld und lehnte sich entspannt zurück. Dabei funkelten seine Augen. »Den Überblick behalten, Fairy, du erinnerst dich?«, fragte er altklug.
   Ich warf zwei Steinchen auf ihn, die er lachend abwehrte. »Klugscheißern kann der Herr also auch.«
   »Und wie! Das ist meine beste Eigenschaft.« Er grinste breit, brach aber mittendrin ab und sah mich angespannt an. »Und man muss auf sich aufpassen, Fairy. Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?«
   Mein Schweigen war Antwort genug. Brahn nickte. »Dachte ich mir. Hier!« Er warf mir einen Beutel zu, den ich geschickt auffing und vorsichtig öffnete. Ich sah Brot und Käse und biss sofort hungrig hinein. Selten hatte ich etwas so Leckeres gegessen. Brahn sah mir zu, wie ich es mir schmecken ließ, und lehnte sich dabei entspannt gegen Elis Stamm.
   »Erzähl mir von früher, Brahn«, bat ich, um die Stille zu überbrücken. Ich wusste, dass die Mar vor einem großen Krieg geflohen waren und dass Brahns Vergangenheit schrecklich gewesen sein musste, aber um ihn besser verstehen zu können, wollte ich auch ein bisschen mehr über ihn wissen.
   Brahn seufzte, gab jedoch nach. Er erzählte über die Festung Alkamir, in der er mit Keelin und Tristan gelebt hatte. Über die Feste, die er dort gefeiert hatte, die Familien, die er gekannt hatte. Ich wusste, auf was das alles hinauslief und war ihm dankbar, dass er das schlimme Ende abkürzte.
   »Als die Burg von den Menschen zerstört wurde und wir fliehen mussten, blieb uns nicht mehr viel. Ich hatte ein Schwert, eine gigantische Wunde im Bauch und den Willen, zu überleben. Doch vor allem hatte ich mein Organisationstalent. Das war ziemlich nützlich, um uns den weiten Weg von Alkamir bis hierher zu bringen. Noch mal will ich das aber nicht machen, das kannst du mir glauben.«
   Ich lächelte und bot ihm etwas von seinem Brot an, damit ich nicht allein essen musste. Er nahm es tatsächlich und steckte es sich quer in den Mund.
   »Deine Manieren hast du wohl auf der Reise vergessen«, merkte ich an.
   Diesmal wurde Brahn rot. Er kaute hektisch und schluckte. »Hey, ich sitze hier mit einem Blätterwesen in einem Baum und spiele Höhlenmenschenspiele. Da habe ich leider nicht daran gedacht, mein abgerupftes Brot mit dem abgespreizten Finger zu beknabbern.«
   Ich wusste nicht, was ein abgespreizter Finger mit Manieren zu tun hatte und überging den Einwand. Stattdessen gähnte ich gewaltig. Das Essen hatte mich noch müder gemacht, als ich ohnehin schon war. »Entschuldige«, sagte ich beschämt. »Ich muss wieder zurück. Glaubst du, wir können unseren alten Spielemarathon wiederbeleben?«
   »Wenn du möchtest. Ich würde mich sehr darüber freuen.«
   »Habt ihr nicht auch viel zu tun, jetzt, wo der Winter kommt?«
   »Sicher.« Brahn zwinkerte mir zu. »Aber ich bin doch super darin, Aufgaben zu delegieren und anschließend darüber zu motzen. Schon vergessen?«
   Ich lachte und stand auf. Der Moment unserer zahlreichen peinlichen Abschiede war wieder gekommen. Ich hob die Hand und winkte schüchtern.
   Brahn blieb sitzen und deutete auf meine Hand. »Darüber sollten wir uns auch mal unterhalten. Wie genau begrüßt und verabschiedet ihr euch eigentlich?«
   »Wir begrüßen und verabschieden uns nie. Warum auch? Unser Dorf ist so winzig, da begegnet man sich jeden Tag mehrere Male. Sich zu verabschieden, wäre also Unsinn. Da wir auch keinen Kontakt zu anderen Völkern haben, gibt es kein Ritual für Hallo und Auf Wiedersehen.«
   »Soll ich dir mal zeigen, wie wir das machen?«
   »Das weiß ich. Ihr gebt euch die Hand.«
   »Das machen nur Fremde, wenn sie sich eigentlich nicht leiden können. Oder, wenn es Snobs sind.«
   Ich wusste nicht, was ein Snob war, wollte aber keiner sein. Ergeben zuckte ich mit den Schultern. »Okay, Brahn. Dann zeig mir doch bitte, wie ihr euch unter … Freunden verabschiedet.«
   Das Wort klang ungewohnt in Zusammenhang mit Brahn. Ungewohnt, aber schön.
   Brahn war schneller auf den Beinen, als ich gucken konnte. Sekunden später fand ich mich in einer Umarmung wieder, mit der ich gewiss nicht gerechnet hatte. Seine Arme umschlangen mich fest, aber nicht zu erdrückend.
   »Bis zum nächsten Mal«, sagte er leise in mein Ohr. Ich spürte seinen Herzschlag an meiner Brust, der ungewöhnlich schnell schlug. Auch er war aufgeregt.
   Ich hingegen war kurz vor einer hektischen Schnappatmung. Brahn ließ mich jedoch so schnell wieder los, wie er mich eingefangen hatte. Ich starrte ihn einen Moment an, bis er das Gesicht verzog.
   »Zu viel für dich?«, fragte er.
   »Nein. Eher ungewohnt, aber … nicht besonders schwer. Bis zum nächsten Mal, Brahn. Und danke für das Essen.«

In den darauffolgenden Tagen suchte ich mir tatsächlich vier Leute, denen ich vertraute. Sua, Finna, Sin und Rul wurden zu meinen Handlangern, während ich Nia zu meiner persönlichen Assistentin machte. Die Kleine war völlig aus dem Häuschen. Als Haushälterin kam sie eigentlich nie aus der Höhle heraus, jetzt bekam sie neue Aufgaben. Sie war perfekt, um nervige Leute von mir fernzuhalten. Ihrem Charme konnte kaum jemand entgehen. Wer dennoch nervte, bekam schon mal ihren beißenden Spott zu spüren.
   Wann immer ich es schaffte, besuchte ich Brahn, und allmählich schaffte ich es, mich von der ersten Sekunde an zu entspannen, sobald ich im Baum saß. Brahns gute Laune färbte ab und sorgte dafür, dass ich nicht allzu schwarz sah. Solange wir die Urmutter nicht erwähnten, gerieten wir auch nicht in Streit.
   Der Winter kam, unsere Besuche wurden schwieriger. Schnee war Gift für die filigranen Kristallbäume. Ich hatte schon lange die Vermutung, dass jemand sie angesiedelt hatte und sie daher mit der Kälte zu kämpfen hatten.
   Es war mühsam, eisig und anstrengend.
   Brahn gewöhnte sich an, mir heißen Tee mitzubringen, natürlich stets verfolgt von Hicks. Jetzt bestanden seine kleinen Fontänen aus Schnee und nicht mehr aus Erde. Brahn hatte meist auch etwas zu Essen dabei, was mir peinlich war. Er hingegen wischte meine Bedenken mit einem Wink zur Seite.
   »Wir haben genug«, sagte er stets. »Ihr dagegen offenbar nicht.«
   Das war wohl wahr. Wir Pari waren die meiste Zeit damit beschäftigt, die Kristallbäume am Leben zu erhalten. Da blieb nicht viel Zeit zum Ackerbau. Unsere Sammler legten zwar im Herbst alles Essbare zur Seite, was sie im Wald fanden, doch gegen Ende des Winters wurde es eigentlich immer knapp.
   Ich hungerte, wie jeder in meiner Höhle. Durch Brahn ging es mir jedoch ein kleines bisschen besser als allen anderen, was ein Glück war, denn ich arbeitete auch weiterhin für zwei.
   Eines Abends war ich so müde, dass ich überlegte, nicht zum Baum zu gehen, aber die Sehnsucht nach Brahn ließ das letztlich nicht zu. Ich wollte ihn sehen. Wer wusste schon, wann die nächste Gelegenheit kam? Als Brahn zu mir auf den Baum geklettert war, trug er einen heißen Krug Tee und fünf Decken unterm Arm. Schweigend wickelte er mich in drei davon ein, setzte sich dicht neben mich und legte mir einen Arm um die Schultern. Er wusste eigentlich genau, dass ich außer zur Begrüßung und zum Abschied Umarmungen eher einschüchternd fand. Offenbar sah ich diesmal jedoch so durchgefroren aus, dass er meine Schüchternheit einfach überging. Übergangslos fing er damit an, meine Arme zu schrubben. Ich verschüttete daraufhin jede Menge Tee, hielt ihn jedoch nicht auf. Es war einfach schön, seine großen Hände auf mir zu spüren, selbst wenn uns drei Schichten Decken trennten.
   »Du bist eiskalt«, schalt mich Brahn sanft. »Könntest du deinen Körper nicht so mit Blättern isolieren, dass es dich wärmt? Ich dachte, ihr könnt die nach eurem Willen wachsen lassen?«
   Ich nickte, war aber zu müde für große Erklärungen. »Ich trage schon so viele Blätter, wie ich erschaffen kann, an mir. Mehr ist nicht drin.«
   »Dann kleidet euch in irgendwelche Felle, Himmel noch eins. So erfriert ihr doch!«
   Ich antwortete nicht, sondern legte meinen Kopf erschöpft an seine Schulter. Es war das erste Mal, dass ich ihm so nah kam, von den kurzen Umarmungen mal abgesehen. Brahn nutzte die Chance, um mich noch näher an sich zu drücken. Er nestelte etwas an mir herum, bis er seinen dicken Mantel noch zusätzlich um mich geschlungen hatte. Ich glaubte sogar, ein bisschen von seiner Körperwärme zu spüren, und seufzte erleichtert.
   »Besser?«, fragte er mich.
   »Viel besser.«
   Wir schwiegen eine Weile und ich döste ein. Brahn ließ mich schlafen und schien ganz zufrieden damit zu sein, einfach nur neben mir zu sitzen.
   Der Gedanke weckte mich. »Brahn?«
   »Hm?«
   »Warum machst du das eigentlich? Ich meine, warum frierst du dir hier den Hintern mit mir ab?«
   »Mir bleibt nichts anderes übrig. Mit zu mir willst du ja nicht.« Das hatte er vor ein paar Wochen mal vorgeschlagen, als es im Herbst Dauerregen gegeben hatte. Wir waren bis auf die Haut nass geworden – drei Mal hintereinander.
   »Du könntest auch einfach vor deinem Lagerfeuer sitzen und den Abend genießen«, erwiderte ich.
   »Wer sagt denn, dass ich den Abend nicht genieße? Ich gebe zu, es ist etwas kalt, aber ich friere lieber mit dir zusammen, als dass ich es warm habe, jedoch einsam bin.«
   »Bist du denn manchmal einsam? Du hast doch so viele Freunde.« Ich war ernsthaft überrascht und ein bisschen beunruhigt. Dass sich Brahn allein fühlte, war mir nie klar gewesen.
   Brahn ließ sich etwas Zeit mit der Antwort, wog offenbar seine Worte ab. »Natürlich habe ich Freunde, wirklich gute Freunde. Aber sie haben ebenfalls Familie. Und obwohl ich immer willkommen bin, fühle ich mich manchmal wie ein fünftes Rad an der Kutsche.«
   »Und was ist mit Freunden, die solo sind?«
   Brahn zuckte mit der Schulter. »Die habe ich natürlich auch, aber es ist was anderes, ob man grölend um ein Feuer sitzt und sich die Zeit mit Späßen vertreibt, oder ob man den Abend mit jemandem genießt, der die gemeinsame Zeit so kostbar findet wie man selbst.«
   »Das trifft auf mich definitiv zu«, erklärte ich mit einem Lächeln.
   »Das weiß ich. Deshalb sitze ich ja hier mit dir und klappere im Duett mit den Zähnen.«
   »Deine Zähne klappern gar nicht.«
   »Aber deine klappern für zwei.«
   Ich lachte und sah ihn an. Da bemerkte ich wieder diesen speziellen Blick, den er mir zuwarf, sobald er mich berühren durfte und sich unbeobachtet fühlte. Diesmal registrierte er wohl, dass ich diesen Blick gesehen hatte, denn er bekam rote Ohren.
   Normalerweise wich er mir in solchen Momenten blicktechnisch aus, doch dieses Mal fixierte er mich unerbittlich. »Darf ich deine Frosthände wärmen?«, fragte er. Es klang irgendwie ein bisschen unanständig.
   »Die sind an der Tasse festgefroren«, erwiderte ich und starrte ihm weiterhin wie hypnotisiert in die Augen. Er zwinkerte nicht einmal. Ohne hinzusehen, tastete er sich unter die Decke, zog mir das Gefäß aus den Händen und stellte es auf eine von Eli bereitgestellte Ablagefläche.
   Langsam und vorsichtig schlang er seine Finger um meine, allerdings nur mit der linken Hand. Den rechten Arm legte er mir wieder um die Schulter, um mich an sich zu ziehen.
   Mein Herz klopfte so heftig in der Brust, dass er das garantiert durch alle Lagen hindurch spüren konnte. Er hingegen wirkte so selbstsicher wie eh und je, wenngleich er auch etwas schweigsamer war. Irgendwie war es ein andächtiger Moment.
   Ein paar Schneeflocken mogelten sich durch Elis dichtes Geäst. Wir hatten Glück, dass er als Elementarbaum seine Blätter selbst im tiefsten Winter nicht verlor. So hatten wir zumindest Sicht- und Windschutz in einem.
   In vertrautem Schweigen sahen wir den Schneeflocken beim Fallen zu. Die Welt fühlte sich an, als wäre sie in Watte gepackt, die Zeit schien festgefroren. Es war eigentlich ein schöner Gedanke, der mich letztlich jedoch wachrüttelte.
   »Ich muss los«, sagte ich seufzend.
   Brahn sah mich seltsam an, eindringlich, fragend. »Ich freue mich auf den Moment, wenn du das nicht mehr sagen musst.«
   Ich verharrte kurz in der Bewegung, zu überrascht, um darauf zu antworten. Was wollte er damit andeuten? Weil mir keine passende Erwiderung einfiel, drückte ich ihn nur fest an mich und wünschte ihm eine gute Nacht.
   »Pass auf dich auf«, erwiderte er.
   Ich nickte und verschwand.
   Der Frühling kam, die Pari entspannten sich ein wenig und ich erlaubte mir, es etwas langsamer angehen zu lassen. Der Winter steckte mir noch in den Knochen, doch die ersten Sonnenstrahlen sorgten schnell dafür, dass ich mich besser fühlte. Die Zeit im Baum war deutlich angenehmer, wenngleich ich es auch ein wenig vermisste, dass Brahn nicht mehr mit den Decken kam.
   Es war schön gewesen, mit ihm zu kuscheln. Unfassbar schön. Als ich jedoch an diesem Abend zu Eli kam, wusste ich sofort, dass etwas anders war. Das ganze Mar-Dorf war in heller Aufregung. Ich sah überall Fackeln. Sie waren im ganzen Dorf verteilt. Fast jedes Haus war geschmückt, die Gärten auf Hochglanz poliert und die Fußwege gefegt. Ich hörte aufgeregtes Gelächter, Rufe, irgendwo schlug eine Trommel einen gleichmäßigen Takt.
   Staunend ließ ich mich auf Elis äußerstem Ast nieder und blickte zum Dorf, das sich so anders präsentierte als sonst. Auf dem Feld vor Elis Wiese sammelten sich die Männer des Dorfes. Sie lachten miteinander, schlugen sich spielerisch auf die Schultern. Es war offensichtlich, dass die meisten von ihnen nervös waren. Die Frauen sah ich zwar nicht, hörte sie jedoch. Einige sangen auf eine fröhliche Weise, doch die meisten schnatterten aufgeregt miteinander.
   Was war da los?
   Ich machte es mir auf Elis Ast gemütlich und bedeutete ihm, die Blüte heute Abend nicht auszuwerfen. Ich wollte Brahn nicht von seinen Leuten weglocken. Zu meiner Überraschung sah ich ihn dennoch bald auf mich zukommen. Langsam und ruhig, als wäre er sich nicht sicher, ob er kommen oder gehen sollte.
   Als er mich jedoch winken sah, beschleunigte er seine Schritte, bis er sogar rannte. Hicks hatte seine liebe Mühe, hinter ihm herzukommen. Mit ein paar geübten Sprüngen kletterte Brahn zu mir hoch und ließ sich atemlos neben mir nieder.
   Er roch heute anders als sonst: nach Rauch, Männerschweiß und irgendetwas Scharfem, das er offenbar getrunken hatte. Seine Augen wirkten etwas verschwommen, als wäre er sehr müde.
   Ich rümpfte die Nase und musterte ihn. »Du stinkst«, begrüßte ich ihn.
   Er wuschelte mir lachend durch meine Ranken und drückte mich mit einem Arm an sich. Offenbar freute er sich sehr, mich zu sehen.
   »Ich hab ja auch den ganzen Tag geackert, damit die Leute heute Abend feiern können. Und, um ehrlich zu sein, wir haben schon einmal auf das Frühlingsfest angestoßen. Insofern bin ich nicht mehr nüchtern, fürchte ich. Wenn ich natürlich gewusst hätte, dass du kommst, hätte ich nichts getrunken und mich selbstverständlich noch gewaschen.« Er grinste wie ein besoffener Esel.
   Ich kannte Alkohol nur aus Erzählungen der Pari und ein paar Geschichten von Brahn. Offenbar benebelte er das Hirn, sorgte dafür, dass man Unsinn erzählte und seltsam guckte. Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte. Weil Brahn aber offensichtlich glücklich war, ging ich nicht näher darauf ein. »Wie kommt es, dass du hierhergekommen bist? Eli hat doch gar nicht unser Signal gegeben«, lenkte ich vom Thema ab.
   Brahn runzelte die Stirn und sah in die Baumkrone, als würde er sie zum ersten Mal sehen. »Ich wollte mich verdrücken, bevor es losgeht. Wenn die einmal feiern, lassen sie einen nicht mehr weg.«
   Ich wurde unruhig bei diesen Worten. »Brahn«, sagte ich mahnend und deutete auf die Männer, die immer zahlreicher auf dem Feld wurden. »Du musst zu deinen Leuten. Warum sonderst du dich ab?«
   »Ich bin genau da, wo ich sein will«, erwiderte er vergnügt. Er hatte wie immer einen Beutel um die Hüften gebunden und knotete umständlich die Schlaufen auf. Als er wieder hochsah und meinen misstrauischen Blick bemerkte, verzog er das Gesicht. »Jetzt guck nicht so streng. Wenn ich länger geblieben wäre, hätten mich Aeri und Liah garantiert den ganzen Abend genötigt, mit einer potenziellen Geliebten nach der anderen zu tanzen. Das hatte ich schon beim letzten Mal. Nie wieder.«
   Er hatte offenbar gefunden, wonach er im Beutel gesucht hatte, und zog zwei Becher und eine Flasche hervor. »Da ist es ja.« Er drückte mir einen Becher in die Hand.
   Ich starrte ihn weiterhin verständnislos an. »Also ist es Zufall, dass du mich heute getroffen hast?«, hakte ich nach.
   »Ich habe gehofft, dass du heute Abend kommst, es jedoch nicht gewusst. Falls du nicht gekommen wärest, hätte ich einfach deinen Becher selbst getrunken und auf dich angestoßen – in Abwesenheit, sozusagen.«
   »Und was ist das für ein Fest, dem du so dringend entkommen wolltest?«
   Brahn zwinkerte mir zu, während er mit dem Korken der Flasche kämpfte. »Das, liebste Fairy, ist das Frühlingsfest. Ich schwöre dir, Aeri und Liah haben es nur eingeführt, um arme Junggesellen wie mich zu quälen. Es macht den beiden einen Heidenspaß, mich verkuppeln zu wollen. Dabei muss ich nicht mehr verkuppelt werden.«
   Wie immer, wenn er so etwas andeutete, rieselte mir ein Schauder über den Rücken. Ich wusste nie so genau, ob es ein angenehmes oder panisches Gefühl war, auf jeden Fall war es intensiv.
   Da Brahn wusste, das ich solcherlei Bemerkungen einfach überhörte, wartete er nicht auf eine Antwort. Er füllte stattdessen die Becher mit einer gelbweißen Flüssigkeit. Es roch scharf nach dem, was er vermutlich bereits getrunken hatte.
   »Das ist Honigwein. Sehr lecker.«
   »Und sehr alkoholisch. Das kann ich nicht trinken, Brahn. Die anderen Pari würden es bemerken und dann käme ich in Teufels Küche.«
   Brahn zögerte, wackelte nachdenklich mit dem Kopf. »Ein gutes Argument. Dann nimm zumindest ein Schlückchen, damit du weißt, was dir entgeht. Den Rest erledige ich.« Damit meinte er wohl, dass er den Wein austrinken würde.
   Ich gab auf und nahm zumindest den Becher entgegen. Als ich jedoch tatsächlich trinken wollte, hielt mich Brahn hastig auf.
   »Noch nicht. Erst müssen die Trommeln kommen, das Gesinge, das Getanze, die Blumen müssen ausgetauscht werden und dann können wir anstoßen.«
   »Wie viel Wein hast du schon getrunken?«
   »Da Keelin grundsätzlich nie Alkohol trinkt, habe ich seine zwei Becher abbekommen. Damit komme ich auf vier plus einen zum Probieren.«
   Alles klar. Ich war erstaunt, dass es Brahn überhaupt noch auf den Baum geschafft hatte.
   »Darf ich deine Hand halten, bis es losgeht?«, fragte er ungewöhnlich direkt.
   Ich war mir ziemlich sicher, dass er das niemals gefragt hätte, wenn er nüchtern gewesen wäre. Damals in der Kälte war das noch was anderes gewesen, aber diesmal … Ich seufzte leise und hielt ihm meine Hand hin. »Hier. Ich will dich lieber festhalten, bevor du noch vom Baum fällst.«
   Brahn schob rasch seine Hand in meine und verschränkte unsere Finger. Dann schwiegen wir und horchten den Trommeln, die immer lauter wurden.
   »Ein Frühlingsfest also?«, fragte ich, um die Stille zu durchbrechen. Normalerweise waren wir gut darin, freundschaftlich in uns selbst zu ruhen, doch heute machte mich Brahn nervös. Er streichelte mir nämlich mit dem Daumen verträumt die Hand, was natürlich schön, aber auch ziemlich irritierend war. Ich selbst war seit Jahren in Brahn verliebt. Allmählich begann ich zu begreifen, dass er ähnlich fühlte. Das wiederum nahm mir fast die Luft zum Atmen. Konnte das sein?
   Ein Blick in Brahns blitzende Augen bestätigte es mir. Ja, es konnte sein. Da unten war ein Frühlingsfest für Junggesellen im Gange und er war geflohen, um mit mir zusammen zu sein. Deutlicher ging es nicht.
   Ich atmete tief ein, um mich zu beruhigen, und deutete auf das Treiben dort unten. »Die Frauen sammeln sich auf der einen Seite, die Männer auf der anderen. Und was passiert dann?«
   »Nur Geduld, du wirst es gleich sehen.«
   Tatsächlich setzten sich in dieser Sekunde die Frauen in Gang und zogen singend durchs Dorf. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie bei den Männern angekommen waren. So lange, dass es bereits stockdunkel war. Ich konnte dennoch zwei Reihen erkennen, die sich tanzend umeinander herumbewegten. Die Männer in der Mitte, die Frauen außen.
   Brahn rutschte unauffällig näher, stellte nach einem kurzen Zögern den Becher auf dem Ast ab und legte mir ganz sanft den Arm um die Schulter. Er hielt einen Moment die Luft an, um abzuwarten, wie ich reagierte. Als ich mich nicht wehrte, entspannte er sich sichtlich und deutete mit unseren ineinander verhakten Händen auf das Treiben.
   »Jetzt überreichen die Damen ihren Auserwählten einen Kranz, den sie selbst geflochten haben. Bei den Ehepartnern ist es ja eindeutig, aber so mancher Junggeselle macht sich garantiert grad ins Hemd, dass er keinen Kranz abbekommt. Aber eigentlich sind immer genug Kränze für alle da. Aeri hat immer ein paar in petto für den Notfall. Sie ist ziemlich geschickt darin, Kränze so zu verteilen, dass niemand leer ausgeht. Die meisten ohne Verehrer bekommen nicht mal mit, dass sie eigentlich keinen bekommen hätten. Ich hab zwar keine Ahnung, wie sie das macht, aber sie macht das echt gut. Jetzt tanzen die Frauen wieder drum herum – und wir kommen zum wirklich brisanten Teil.«
   Ich hielt unwillkürlich den Atem an und lauschte gebannt Brahns ruhiger Erzählung. Er hatte sich noch weiter zu mir gebeugt und flüsterte mir die Geschichte ins Ohr wie eine Liebeserklärung.
   »Die Damen haben zwei Blumen. Wenn sie jemanden toll finden, bekommt er eine. Wenn sie jemandem erlauben wollen, um sie zu werben, bekommt er beide. Das kann manchmal peinlich sein, aber in vielen Fällen hilft es auch, den Partner auf sich aufmerksam zu machen.«
   Er zwinkerte mir wieder schelmisch zu. Unten war derweil Chaos ausgebrochen. Die ersten Paare hatten sich gebildet, andere irrten noch einsam umher.
   »Und wie viele Blumen hast du so abbekommen?«, fragte ich scherzhaft, doch Brahn blieb extrem ernst.
   »Beim letzten Mal waren es fünfundzwanzig.«
   Ich verschluckte mich an meiner eigenen Spucke und hustete. Brahn klopfte mir gutmütig auf den Rücken und verzog das Gesicht zu einer gequälten Grimasse. »Von den meisten Damen habe ich nur eine zugesteckt bekommen, aber es waren auch einige dabei, die mir … beide gegeben haben. Das war … schwierig.«
   »Wie viele bekommt ein Mann im Durchschnitt?«
   »Wenn das System richtig funktioniert, sollten es nur zwei sein.«
   Ich lachte herzhaft, bis mir die Tränen kamen. »Und du hast fünfundzwanzig bekommen? Da gab es eine ganze Menge gebrochener Herzen.«
   »Hey, ich bin halt ein begehrter Junggeselle! Wir dürfen jetzt übrigens anstoßen.«
   Es war ein so plumper Versuch, vom Thema abzulenken, dass ich nur noch mehr lachen musste. Ich tat ihm aber den Gefallen und stieß meinen Becher gegen seinen.
   Ich nippte nur kurz, während Brahn den Becher in einem Zug leerte. »Hey«, rief ich erschrocken. »Du musst noch irgendwie heil vom Baum klettern.«
   »Glaub mir: Ich bleibe hier die ganze Nacht. Das war beim letzten Mal wirklich unangenehm. Ich musste mit jeder Dame tanzen, die mir eine Blume angesteckt hatte und jeder erklären, dass ich nicht wirklich interessiert sei. Die Männer waren beleidigt, dass ich so viele Blumen bekommen habe, die Frauen waren am Heulen, dass ich sie nicht wollte, die Eltern verärgert, weil ich das Fest ruiniert habe, und Liah und Aeri haben Tränen gelacht. Ne, danke. Nicht noch einmal.«
   Er warf mir einen schrägen Blick zu. »Hör du auch endlich auf zu lachen«, schnauzte er, aber es war nicht ganz ernst gemeint. Ich sah durchaus, dass es um seine Mundwinkel zuckte.
   »Ich könnte ja noch eben schnell einen Kranz binden«, spottete ich. »Zwei Blümchen treibe ich auch noch auf.« Ich kicherte, doch das verging mir ziemlich schnell, als ich in Brahns Gesicht sah.
   Er sah mich an, als hätte ich ihm mit der Faust in die Magengrube geschlagen. Meine Ausgelassenheit verschwand und ich sah ihn erschrocken an.
   »Was?«, fragte ich.
   »Du kapierst es einfach nicht, oder?«
   Doch, ich hatte es verstanden, aber die Nummer wurde mir langsam zu heikel. Ich sah betreten in den Becher – und trank ihn kurzerhand in einem gewaltigen Schluck aus. Das Getränk schmeckte in kleinen Schlucken wirklich gut. Es war jedoch nicht dazu geeignet, in einem hinuntergeschluckt zu werden. Ich hustete und würgte, dass mir die Tränen kamen. Meine Lunge brannte wie Feuer und mein Magen drehte sich.
   Brahn klopfte mir erschrocken auf den Rücken, während ich nach Luft schnappte. Immerhin kam ich so um eine Antwort herum.
   Es dauerte sicherlich fünf Minuten, bis ich mich wieder eingekriegt hatte. Brahn hatte sich derweil schweigend nachgeschenkt und nippte an seinem Becher, während er mich beobachtete.
   Als sich der Hustenreiz gelegt hatte, wurde mein Kopf plötzlich so schwer wie Blei. Die Welt begann sich zu drehen, mein Sichtfeld verschwamm. Ich hielt mich am Ast fest und blinzelte in die Nacht.
   »Was für ein Teufelszeug«, flüsterte ich.
   »Es ist auch nicht dafür gemacht, um damit ein Wetttrinken zu veranstalten.« Brahn klang zwar spöttisch, aber auch ein bisschen traurig.
   Ich sah ihn an oder versuchte es zumindest. Irgendwie hatte er zwei Köpfe. »Das war der erste Alkohol meines Lebens«, erklärte ich. Irrte ich oder lallte ich etwas?
   Brahn seufzte und kramte in seinem Beutel herum. Diesmal holte er eine Trinkblase mit Wasser hervor. »Hier, trink! Wir müssen den Alkohol aus deinem Blut bekommen, sonst bekommst du nachher wirklich Ärger meinetwegen.«
   Ich gehorchte schweigend. Das Wasser half tatsächlich etwas, allerdings rettete es mich nicht vor diesem Gespräch.
   »Brahn …«, hob ich schließlich vorsichtig an, doch er unterbrach mich.
   »Sag nichts, Fairy. Halt einfach den Mund. Ich weiß selbst nicht, was ich mir dabei gedacht habe, dich in diese dumme Situation zu bringen. Lass uns einfach hier sitzen und den Bekloppten da unten zusehen.«
   Als er Anstalten machte, seine Hand aus meiner zu ziehen, hielt ich sie fest und zwang ihn damit, mich anzusehen. »Du weißt, was du mir bedeutest, oder Brahn?«, fragte ich.
   Er zuckte die Schultern. »Ich weiß, was du mir bedeutest, Fairy. Ich weiß nur nicht so genau, ob wir das Gleiche oder nur etwas Ähnliches empfinden.«
   Mein Herz klopfte mir bis zur Kehle. »Ich hätte dir auf jeden Fall diesen Kranz auf den Kopf gelegt. Und ich hätte dir auch eine Blume hineingesteckt. Vielleicht auch zwei oder drei. Aber ich glaube nicht, dass ich das jemals tun werde. Wir sind viel zu verschieden, leben in völlig anderen Welten. Dieser Baum hier, der ist unsere neutrale Zone, aber außerhalb davon – was sind wir dann?«
   Brahn sah mich schweigend an, ratlos. Seine Hand umschloss meine wieder fester. »Wir finden es heraus, irgendwann.«
   Ich nickte, weil er es von mir erwartete. In meinen Augen sah er wohl die Wahrheit: Ich war mir nicht sicher, ob es dieses Irgendwann jemals geben würde.

Kapitel 4
Nächtliche Besuche

Brahn und ich hatten in dieser Nacht fast bis zum Morgengrauen im Baum gesessen und den Feiernden zugesehen. Die meiste Zeit hatten wir geschwiegen. Er hatte ab und zu mal am Wein genippt, ich hatte das Wasser komplett getrunken, bis ich nicht mehr doppelt sah.
   Am nächsten Morgen hatten wir uns getrennt – mit einer Umarmung, die sich irgendwie anders angefühlt hatte als die bisherigen. Danach war ich zum nächsten Teich gegangen und hatte gebadet, lange und ausdauernd.
   Der anschließende Ärger war den Abend mit Brahn jedoch wert gewesen. Er hinterließ einen schönen und schrecklichen Nachgeschmack. Beides wollte ich nicht missen. Heute, fast eine Woche später, hatte sich die Aufregung gelegt. Die Wachen glaubten mir zwar immer noch nicht, dass ich einfach zwischen den Kristallbäumen eingeschlafen war, sie hatten jedoch keinen Gegenbeweis.
   Die Urmutter verzieh mir schließlich, gab mir jedoch zur Strafe eine Menge zusätzliche Arbeit auf. Mir war also klar, dass ich in nächster Zeit nicht mehr zu Brahn gehen konnte. Es war einfach zu gefährlich.
   Die kommenden Tage konzentrierte ich mich also auf meine Arbeit, verdrängte jeden anderen Gedanken und ließ nicht zu, dass mich der Freudentaumel oder die pure Angst packte.
   Außerdem hatte ich ein ernstes Problem mit einem ganz bestimmten Gras.
   Das Schwarzgeflecht ließ sich im Allgemeinen am Besten durch Seedorngras zurückdrängen. Das Gras erstickte das Geflecht, vielleicht war es auch die Säure, die es absonderte.
   Das Problem daran war, dass eben jene Säure nicht gerade ohne war – und dass Seedorngras leider im See wuchs und entsprechend schwierig zu beschaffen war.
   Als ich den Pari erklärte, wir müssten neues Gras ernten, war die Freude nicht gerade riesig, bedeutete es doch eine Tage währende Tortur.
   Und als wäre das nicht alles schon schlimm genug, kündigte die Urmutter auch noch die nächste Initiation für die Sommerkinder an.
   Mir wurde speiübel, als ich das hörte.
   Zum Glück überbrachte uns Sua diese beunruhigende Nachricht im Schutz unserer Höhle. Wir saßen gerade zu sechst am Tisch, dadurch gab es keine ungewollten Zeugen, die das Entgleisen der Gesichtszüge sehen konnten.
   »Wer wird denn geprüft?«, fragte ich vorsichtig nach.
   Suas Blick zeigte deutlich, dass mir die Antwort nicht gefallen würde. »Finna und Naja.«
   Die Sommerkinder vor zweiundzwanzig Jahren.
   Während die übrigen Pari aufgeregt miteinander tuschelten – etwas, das wirklich nur selten passierte und zeigte, was für tief greifende Neuigkeiten das waren – zog ich mich in mich selbst zurück.
   Meine süße, kleine Finna musste zur Initiation. Was würde aus ihr werden? Was würde aus uns werden? Aus unserer Freundschaft, die in letzter Zeit wieder etwas enger geworden war?
   Als wir am Eingang unserer Höhle schabende Geräusche hörten, schreckten wir hoch. Augenblicklich verstummte jedes Gespräch, die Blicke wanderten zum Ausgang.
   »Fairy, bist du da?«
   Es war Finnas Stimme, die ein klein wenig zitterte. Sofort sprang ich vom Tisch auf, stieß mir dabei ordentlich die Knie an der Platte an und hüpfte fluchend und hinkend nach draußen.
   Dort empfing mich eine völlig aufgelöste Finna. Einige ihrer Dornenranken auf dem Kopf schlugen nervös umeinander herum, andere hingen kraftlos nach unten. Ein sicheres Zeichen dafür, dass Finna verzweifelt und ängstlich zugleich war.
   Ich konnte nicht anders. Ich nahm sie im Schutz der Dunkelheit in die Arme, so, wie wir es in unseren Kindertagen manchmal gemacht hatten. Ohne körperliche Nähe wurde man irgendwann verrückt, da war ich mir sicher. »Lass uns von hier verschwinden«, flüsterte ich leise in ihr Ohr.
   Finna nickte.
   So lautlos wir konnten, schlichen wir uns an den Höhlen und den Wächterinnen vorbei, die am Rand unserer Lichtung Patrouille gingen. Es war nicht wirklich verboten, das Dorf in der Nacht zu verlassen, allerdings hatte die Urmutter mal erwähnt, dass sie es nicht gern sehen würde, wenn Pari ohne Erlaubnis irgendwo hingingen. Das war einem Verbot schon ziemlich nahe gekommen.
   Um keine Diskussionen aufkommen und uns nicht zur Zielscheibe der Urmutter werden zu lassen, schlichen wir uns wie Verbrecher aus dem Dorf. Da ich das in schöner Regelmäßigkeit tat, konnte ich das mittlerweile ganz gut. Ich kannte die Ecken, in die die Wächter nicht gern gingen, denn auch ihnen war es dort zu unheimlich. Ein Vorteil, den ich auszunutzen gelernt hatte.
   Finna folgte mir ebenso lautlos wie ich. Wenn wir Pari eines konnten, dann Schleichen.
   Erst im Schutz der Bäume wagten wir es, ein kleines bisschen schneller zu gehen. Ich schlug unbewusst den Weg zu meinen Ostbäumen ein. Unsere Sommersprossen beleuchteten den Moospfad.
   Wir schwiegen, bis wir die ersten meiner Kristallbäume erreicht und uns in die Äste einer hohen Eiche geschwungen hatten, die direkt daneben wuchs. Hier ließen wir die Beine baumeln und starrten in die Dunkelheit.
   »Es ist Zeit, uns mal über das Initiationsritual zu unterhalten«, sagte ich leise.
   Normalerweise wurde dieses Thema komplett totgeschwiegen. In der Schule wurde nur erwähnt, dass es am zweiundzwanzigsten Geburtstag einer Pari stattfinden würde. Mehr Informationen gab es nicht. Das hieß allerdings nicht, dass man überhaupt nichts darüber erfuhr. Ich hatte das ein oder andere aufgeschnappt und nahm an, dass Finna ebenfalls mehr wusste als sie sollte.
   Zeit, unser Wissen zu bündeln.
   »Ich weiß, dass die Urmutter dir eine Aufgabe stellen wird. Welche, hängt davon ab, was sie über dich weiß oder zu wissen glaubt. Wenn du sie bestehst …«
   »… bekomme ich den Kuss und gehe mit ihr das Band der Magie ein. Bestehe ich nicht, muss ich das Dorf verlassen und in den Finsterforst gehen.«
   Wir mussten es nicht aussprechen: Wer ausgestoßen und dorthin geschickt wurde, kam nie wieder zurück. Der Finsterforst trug seinen Namen nämlich zu Recht. Die Tiere dort waren selbst für einen Pari tödlich.
   Ich sah Finna von der Seite an. Ihr sonst blattgrünes Gesicht war kränklich gelb, ihre Wangenknochen wirkten kantiger als normalerweise. Offenbar biss sie fest die Zähne zusammen.
   »Was weißt du über das Band der Magie?«, fragte ich sie. Auch ich hatte schon mal davon gehört, wusste aber nicht genau, was es war.
   Zu meiner Enttäuschung zuckte Finna mit den Schultern. »Keine Ahnung. Wir binden uns damit an die Urmutter, heißt es.«
   Ich seufzte. »Sie macht das mit Absicht – dieses Im-Dunkeln-lassen. So unwissend und isoliert, wie wir sind, wagt niemand zu protestieren.«
   »Fairy! Sag so was nicht!« Finna sah mich entsetzt an.
   »Es ist doch so. Wir können nicht sagen, ob die Prüfungen unwürdig sind, weil wir nur bei den wenigsten wissen, worum es geht. Wer sie bestanden hat, will niemals wieder darüber reden. Wer sie nicht bestanden hat, wird in den Tod geschickt.«
   »Deine Gedankengänge bringen dich noch eines Tages um«, erklärte Finna mit Inbrunst, aber sie klang irgendwie liebevoll dabei. Sie hob die Arme und schlang sie um meinen Hals. »Weißt du, auch wenn ich in letzter Zeit häufig genervt von deiner altklugen Art war, bist du doch weiterhin meine allerbeste Freundin. Und egal, was da auf uns zukommen mag: Daran wird sich nichts ändern.«
   Ich nickte gerührt.
   »Und weil ich dich lieb habe, sage ich das jetzt noch mal in aller Deutlichkeit, denn ich weiß nicht, wie lange ich noch die Gelegenheit dazu habe: Du musst deine lockere Zunge zähmen und deine rebellische Art zügeln. Sonst hast du bald richtigen Ärger am Hals. Da hilft dir dein Geschick mit den Kristallbäumen auch nichts mehr.«
   Als wir uns ansahen, schimmerten in unseren Augen Tränen.
   »Sag doch so was nicht. Das klingt nach Abschied.«
   »Wenn ich die Initiation bestehe, werde ich in die Erwachsenenhöhlen umziehen müssen. Vielleicht teilt man mir sogar einen netten Kerl zu, mit dem ich dann ganz viele kleine Pari-Babys bekomme. Aber eines ist sicher: Wir werden nicht mehr oft miteinander sprechen können.«
   Die Erwachsenen lebten ziemlich isoliert von den Jungparis. Das Haus der Urmutter war so etwas wie eine unsichtbare Trennlinie zwischen Jung und Alt.
   Verheiratete Pari bekamen eine eigene, deutlich kleinere Höhle im Westteil des Dorfes zugeteilt. Bekamen sie Babys, blieben die Kleinen fünf Jahre bei ihnen, danach wurden sie in die Jugendhöhlen im Ostteil gegeben, wo sie zwischen den anderen Kindern aufwuchsen.
   Mit Erwachsenen kamen wir eigentlich nur in der Schule oder bei Zusammenstößen mit den Wächtern in Berührung.
   Während sich die Jungparis um die Kristallbäume und die Instandsetzung des Dorfes kümmerten, waren die Erwachsenen für die Verteidigung und Ausbildung der Kinder zuständig. Mehr Kontaktpunkte gab es eigentlich nicht.
   Ich fand das schade, erst recht, weil ich durch diese strikte Trennung nicht einmal wusste, wer meine Eltern waren, denn wenn eine Pari ihr Elternhaus verließ, dann für immer.
   Finna war über lange Jahre meine Familie gewesen, obwohl sie in einer anderen Höhle lebte und die Treffen oft schwierig waren. Sie zu verlieren, war dennoch unvorstellbar.
   Gerade wollte ich etwas entsprechend Dramatisches zu ihr sagen, da hörte ich einen Ruf.
   Es war eindeutig mein Name.
   Ich lauschte ungläubig, lauschte noch mal. Es gab keinen Zweifel. Ich kannte diese Stimme …
   Brahn.
   Aber was machte der denn hier? Und warum rief er nach mir? War er denn von allen guten Geistern verlassen?
   Auch Finna hatte es gehört, denn sie richtete sich mit einem Mal stocksteif auf. »Bei allen Nachtgeistern! Wer ruft da nach dir?«
   Ich wurde panisch und gleichzeitig entschlossener denn je. »Niemand, Finna, wirklich«, versicherte ich hastig und betete, dass sie mir helfen würde. »Hör mir jetzt genau zu: Du musst mir Zeit verschaffen, damit ich Brahn aus dem Wald lotsen kann.«
   »Brahn? Du kennst den Typen, der da nach dir ruft? Wer ist das? Triffst du dich etwa heimlich mit einem Mann?«
   Mir war ziemlich klar, dass Finna nicht im Traum daran dachte, dass dieser Mann kein Pari sein könnte. Für sie war die Vorstellung, sich heimlich nachts im Wald mit einem Wesen unserer Spezies zu treffen, schon unheimlich genug.
   Bevor ich jedoch zu einer Antwort ansetzen konnte, stolperte Brahn auf meine Lichtung.
   »Fairy?«, rief er abermals, halblaut rufend. In diesem Moment musste ich irgendwie an Liah denken, die das leise Rufen oder laute Flüstern stets mit einem schallenden Lachen pointierte. Sie fand das ziemlich unsinnig, und ich musste ihr definitiv beipflichten.
   Leise zu Schreien war ziemlich sinnlos. Brahn war weithin zu hören.
   Neben mir keuchte Finna entsetzt auf, als sie in Brahn einen fremden Mar erkannte. Dass er ein Shadun war, war auf den ersten Blick ersichtlich: Seine dunkle Aura verriet ihn sofort.
   Als ich Anstalten machte, augenblicklich vom Baum zu klettern, packte mich Finna am Arm.
   »Sie töten dich, wenn sie dich mit ihm erwischen«, zischte sie entsetzt.
   »Ich weiß. Deshalb muss ich ihn hier schleunigst wegbringen.«
   »Wohin?«
   »Zu seinem Dorf. Wohin sonst?«
   »Die Pari haben ihn längst gehört. Wenn du Glück hast, haben sie nicht verstanden, was er gerufen hat, aber sie wissen genau, wohin er eigentlich gehört. Die Wächter werden ihm den Weg zurück abschneiden.«
   Da hatte sie definitiv recht. Die Urmutter hatte nämlich leider kurz nach dem Auftauchen der Mar in unserer Festung verfügt, dass jeder getötet werden sollte, der jemals auch nur einen Fuß in unsere Wälder setzen sollte. Die Mar hingegen wussten von diesem Befehl natürlich nichts und hatten sich bislang aus reinem Instinkt an das unausgesprochene Gebot gehalten.
   Nur Brahn schien mal wieder seinen Kopf ausgeschaltet zu haben.
   Ich warf Finna einen flehenden Blick zu. »Lenk sie ab, Finna, bitte!«
   Finna starrte mich an, als wollte sie mich wegsprengen, nickte jedoch zögerlich. »Lauf und bring ihn weg!«, befahl sie mir.
   Ich sprang als Antwort einfach vom Baum und hastete zwischen meinen Kristallbäumen hindurch.
   Brahn hatte sich seitlich von mir wegbewegt, in Richtung Pari-Dorf. Offenbar hatte er einen sehr guten Instinkt für andere Lebewesen – oder einen besonderen Hang zum Selbstmord.
   Er bewegte sich für einen solch großen Mann äußerst lautlos, geduckt. Ein monströser, huschender Schatten. Hätte ich ihn nicht gekannt, hätte ich womöglich Angst vor ihm bekommen.
   Bevor er sich zwischen die Blätterbäume schieben konnte, hatte ich ihn erreicht. Ich wollte gerade meine Hand nach ihm ausstrecken, da wirbelte er herum und packte mich mit einem Ruck, zog mich nach vorn, sodass ich stolperte.
   In seiner linken Hand glitzerte ein Schwert. Offenbar war er zumindest nicht so dumm gewesen, völlig unbewaffnet auf unbekanntes Terrain zu gehen.
   »Ich bin’s«, keuchte ich erschrocken.
   Sofort ließ er mich los, starrte mich in der Dunkelheit an.
   Ach, ja. Er konnte vermutlich schlechter sehen als ich. Also knipste ich meine Sommersprossen an, um ihn kurz anzuleuchten.
   Seine Augen wurden riesig. »Bei allen Nachtgeistern! Sind das Glühwürmchen in deiner Haut oder leuchten deine Sommer…«
   »Können wir das später diskutieren? Was beim Arsch der Urmutter machst du hier?«, schnitt ich ihm das Wort ab.
   »Dich suchen.«
   Ja, das hatte ich bemerkt. Er hatte sich leider alle Mühe gegeben, dem Rest des gesamten Pari-Dorfes genau dieses Detail ebenfalls mitzuteilen. Unsere Diskussion musste jedoch warten, denn meine Sinne erwachten mit einem Prickeln. Meine Kameraden kamen vom Dorf her auf mich zu. Finna lief ihnen entgegen. Leider schlich seitlich ein Trupp Wächter am Waldrand entlang. Sie wollten Brahn also tatsächlich den Weg zurück ins Dorf abschneiden.
   Kurzerhand packte ich sein Handgelenk und schleifte ihn hinter mir her zwischen die Blätterbäume.
   »Sei still und tu genau das, was ich dir sage. Dein Leben ist grad in höchster Gefahr. Meine Leute wollen dich lynchen.«
   »Was?«
   »Still.«
   »Ja, aber warum wollen die mich denn lynchen?«
   »Hörst du schlecht? Sei still, ich erklär’s dir später.«
   Das schien ihn tatsächlich zu überzeugen, denn er hielt die Klappe.
   Ich hockte mich derweil hin und legte die Hand auf die Erde. Sie vibrierte zur Begrüßung.
   Ich spürte mehrere Erdgeister, die sich rasch vor mir zurückzogen, ein paar Würmer und viele Tausend Wurzeln, die sich mir automatisch zuwandten.
   Ich blendete diese Signale aus und suchte nach den Pari, die durch ihre Fußtritte den Rhythmus der Erde störten.
   Sechszehn Wächter hinter uns, zwanzig vor uns. Blieb nur noch die Seite.
   Brahn war zum Glück reglos neben mir stehen geblieben und hatte mir zugesehen. Als ich ihn abermals packte, ließ er sich einfach ziehen. Ich dankte den Ureltern dieser Welt, dass er wenigstens genauso lautlos laufen konnte wie wir Pari.
   Leider galt das nicht für Hicks. Der Geist buddelte sich lautstark neben uns durchs Unterholz. Das Knacken der Zweige klang wie Donnerschläge.
   Ich hielt Brahn abrupt zurück. »Schick Hicks weg!«
   Brahn warf dem Geist einen verzweifelten Blick zu. »Der tut zwar so, als wäre er mein Haustier, gehorcht mir aber nicht.«
   »Hicks wird uns verraten. Dann sind wir tot!«
   Brahn dachte einen Moment intensiv nach, beugte sich schließlich nach unten und legte den Handrücken auf die Erde. »Komm her, kleiner Mann. Du reist jetzt im Beutel mit.« Tatsächlich schoss der winzige Erdklumpen wild hicksend zu seiner Hand, sprang hinauf und ließ sich in Brahns Hüftbeutel stopfen. Wenn ich nicht irrte, jammerte der Geist leise vor sich hin.
   »Das gefällt ihm nicht«, merkte Brahn an.
   »Und mir gefällt es nicht, einen Pfeil zwischen die Rippen zu bekommen. Komm weiter!«, erwiderte ich unwirsch.
   Während wir uns durch das immer dichter werdende Gehölz kämpften, wog ich die Möglichkeiten ab. Am Besten wäre ein Blatttransport, doch die hohen Bäume wurden alle gut bewacht. Der Baum, der am Nahesten zum Elementarbaum stand, war sogar doppelt gesichert. Zu Fuß war jedoch die Wahrscheinlichkeit höher, dass man uns abfing.
   In meinem Kopf gestaltete sich ein hektisch zusammengezimmerter Plan, der hoffentlich irgendwie klappen würde. Dann mal los.
   Weil uns nichts anderes übrig blieb, wählte ich den direkten Weg in den Finsterforst. Aus dieser Richtung würde uns gewiss kein Wächter entgegenkommen – und mit ein bisschen Glück würden sie uns dorthin auch nicht folgen. Soweit ich es beurteilen konnte, hatten sie bislang unsere genaue Position nicht erkennen können. Sie irrten eher durch den Wald, gingen dabei aber beunruhigend systematisch vor.
   Kein Wunder: Sie hatten sich ihr Leben lang auf eine solche Situation vorbereitet. Der Drill bei den Paris war legendär.
   Je näher wir dem Finsterforst kamen, desto greifbarer wurde die Nacht um uns herum. Die Bäume standen dichter beisammen und hielten das Mondlicht ab. Gleichzeitig wurde das fluoreszierende Moos von schwarzem Waldboden abgelöst.
   Auch die Geräusche veränderten sich: Wo vorher im Unterholz kleine Tiere geraschelt hatten, hörte man mit einem Mal nichts mehr. Wer im Finsterforst in der Nacht überleben wollte, sollte möglichst keine Geräusche machen. Daher wurde es immer stiller, je weiter wir vordrangen.
   Mein Körper reagierte augenblicklich auf die veränderte Gegend: Der Herzschlag beschleunigte sich, die Atmung ging flacher, alle Muskeln spannten sich. Meine Hände zogen wie von selbst die zwei Dolche, die ich stets an meinem Gürtel trug. Wo ich vorher geschlichen war, huschte ich fast unsichtbar von Baum zu Baum.
   Brahn folgte mir ebenso vorsichtig. Er duckte sich, ähnlich angespannt wie ich. Sein Blick wirbelte von einer Stelle zur nächsten.
   Kein Zweifel: Dieser Mann wusste genau, in welch gefährlicher Gegend wir uns befanden. Dass er richtig darauf reagierte, beruhigte mich. Offenbar waren Shadun ähnlich sensibel wie die Pari.
   Als es rechts von uns im Gebüsch knackte, gingen wir instinktiv in die Hocke, lauschten mit angehaltenem Atem. Ich spürte keine Kameraden, also war es wohl ein Tier oder Magiewesen.
   Fragte sich nur, was für eines.
   Als ich ein Grummeln hörte, übersprang mein Herz den nächsten Schlag. Ein Katta, wie es schien. Diese großen Raubkatzen hielten sich gern am Rand des Finsterwaldes auf, um ab und zu in unseren Kristallbaumbereichen Hirsche oder Waris zu jagen. Die trauten sich nämlich ähnlich wie wir Pari nicht in die düsteren Bereiche des Waldes vor.
   Die Kattas jagten daher kurz in unserem Gebiet und zogen sich danach wieder zurück. Sie wichen im Allgemeinen den Pari aus. Leben und Leben lassen war unsere Devise.
   Die Frage war nur, was der hier davon hielt, dass wir in sein Territorium eingedrungen waren.
   Der Katta befand sich etwa zehn Mannslängen von uns entfernt. Auch er duckte sich ins Unterholz, horchte. Ich wusste, dass die Tiere mit ihrem Rücken etwa auf meiner Schulterhöhe waren und sich in der Farbe an die Umgebung anpassen konnten. Dieser hier verschmolz perfekt mit dem Wald, sodass ich ihn eher hören und riechen als sehen konnte.
   Auch Brahn horchte – und gab dann einen ganz seltsamen Laut von sich. Eine Mischung aus Knurren und Zischen. Gleichzeitig begannen seine Augen unheimlich rot zu glühen.
   Das hatte ich das letzte Mal gesehen, als ich ihn angegriffen hatte. Offenbar ein Zeichen höchster Alarmbereitschaft.
   Ich wollte ihm gerade jeden weiteren Laut mit einer Handbewegung verbieten, da sprang der Katta mit einem Mal auf und rannte von uns fort, als wären die Höllenhunde hinter ihm her.
   Sofort lauschte ich nach einem weiteren Untier, das den Katta in die Flucht geschlagen haben könnte. Doch da war nichts.
   Nur Brahn und ich.
   Der nahm derweil meine um den Dolch verkrampfte Hand und zog mich weiter. Ich ließ mich ein kleines Stück ziehen, bevor ich mich losmachte. So war Schleichen einfacher, selbst wenn ich seine Berührung als äußerst tröstlich empfunden hatte.
   Die Szene mit dem Katta setzte ich auf die Liste der unbeantworteten Fragen, verdrängte den Gedanken jedoch erst einmal.
   Wir schlichen bestimmt zehn Minuten durch den Wald, bis ich meine Leute im Rücken rumoren hörte. Sie formierten sich neu und waren eindeutig drauf und dran, uns in den Finsterwald zu folgen.
   Waren die verrückt geworden?
   Gleichzeitig wurde die Situation für uns immer brenzliger. Ich hatte bereits zwei Nahuat-Schlangen entdeckt, die jedoch dankenswerterweise vor uns geflohen waren. Ein Biss von denen und man war tot.
   Den Sprung eines Hackelstümpers auf meinen Rücken verhinderte Brahn mit einem raschen Schlag seines Schwertes. Die Viecher sahen eigentlich aus wie längliche Stöcke, waren jedoch extrem gefährlich: Sie bohrten sich in das Rückgrat des Opfers und ernährten sich so lange von seinem Blut, bis der Wirt gestorben war. Die Dinger wieder abzubekommen, war nicht nur schmerzhaft, sondern häufig auch tödlich.
   Als wir auch noch einem Usurpator, einem riesenhaften weißen Bären mit gewaltigen Hauern vorn, begegneten, war uns klar: Auf dem Boden kamen wir nicht mehr weit.
   Ich blickte mich hastig um und entdeckte einen Schlingpflanzenbaum, so hoch wie zwei Häuser. Im Gegensatz zu allen anderen Baumarten um uns herum würde der wenigstens nicht versuchen, uns umzubringen.
   Mit dem Zeigefinger deutete ich auf unser neues Ziel, dann nach oben auf seinen Wipfel. Brahn verstand. Wir mussten klettern.
   Hoffentlich hatte kein angriffslustiger Tarul sein Nest im Baum. Die Adler hatten häufig zwei Köpfe, zwei Schnäbel und ziemlich scharfe Krallen. Ihnen zu begegnen, konnte schnell zu einem tödlichen Abenteuer werden.
   Leider hatte ich mich zu sehr auf mein neues Ziel konzentriert und das Dornenfeuer übersehen. Der Busch beschoss uns augenblicklich mit fiesen Stacheln.
   Ich quiekte, als mich die erste Salve traf. Beim Weghüpfen rempelte ich Brahn an, der dadurch einem Nadelgehölz zu nahe kam. Auch der begann umgehend, uns mit seinen Nadeln zu beschießen.
   Die Nadeln taten wenigstens nur weh und brannten. Die Dornen des Dornenfeuers waren gleichzeitig auch noch giftig.
   Ich fluchte heftig, während ich mich mit einem Satz in Sicherheit brachte. Dadurch stand ich allerdings nicht mehr zwischen Brahn und dem Busch. Der Shadun bekam die volle nächste Ladung ab. Zum Glück unterdrückte er einen Schmerzensschrei und warf sich stattdessen in Richtung Schlingpflanzenbaum. Mit einer gekonnten Vorwärtsrolle kam er wieder hoch (donnerte sich dabei jedoch auch einige Dornen richtig tief in die Haut, wie es schien), packte mich noch im Laufen – und schmiss mich mit aller Kraft in das Gewächs des Schlingpflanzenbaumes.
   Fast sofort umhüllte mich der Baum mit seinen weichen, leicht schleimigen Ranken. Aus Erfahrung wusste ich jedoch, dass er nicht fest zudrücken würde. Dieser Baum war nicht gefährlich. Er holte sich nur vorbeifliegendes Laub, von dem er lebte.
   Ich brauchte einen Moment, um mich zu orientieren. Brahn hatte mich fast vier Mannslängen in die Höhe geworfen, ich hing also ein ganzes Stück über ihm. Kein schlechter Wurf, das musste man ihm lassen.
   Ich wartete, bis er neben mir angekommen war, und deutete nach rechts am gewaltigen Stamm des Schlingpflanzenbaumes vorbei.
   »Da drüben ist ein Blätterbaum. Unser Ziel. Schaffst du das?«
   Offenbar hatte Brahn ein oder zwei Dornen im Gesicht abbekommen, denn seine Wangen quollen asymmetrisch auf. Ich betete, dass seine Augen nicht zuschwellen würden.
   Er nickte tapfer und ließ mich vorklettern.
   Es war mühsam, einen Schlingpflanzenbaum zu erklimmen. Man musste sich erst langsam vom Gewächs lösen und sich selbst herausziehen, um weiterzukommen. Ein bisschen war es vergleichbar mit dem Waten durch einen tiefen Sumpf, allerdings senkrecht in die Höhe. Das einzig Gute war, dass man nicht hinunterfallen konnte, denn der Baum hielt einen fest.
   Nachdem in dieser Nacht schon alles schiefgegangen war, hatten wir ausnahmsweise einmal Glück. Ein Ast des Schlingpflanzenbaumes ragte bis zum Blätterbaum hinüber. Unter uns knarrten bedrohlich einige Nadelgehölze, doch sie waren kleiner als der Schlingpflanzenbaum. Ihre Spitzen hörten etwa zwei Mannslängen unter dem Ast auf.
   Einer befeuerte uns dennoch, erwischte uns jedoch nicht.
   Und dann, endlich, hatten wir den verflixten Blätterbaum erreicht. Es war mir ein Rätsel, warum dieser gewaltige, friedliche Baum in dieser lebensfeindlichen Umgebung stand. Für uns war er ein Segen.
   Seine riesigen Blätter waren etwa so groß wie der Gemeinschaftsraum in meiner Höhle. Hier konnten wir uns bequem hinsetzen und waren noch dazu von unten nicht zu sehen.
   Die Höhe schützte uns vor gefährlichen Raubtieren am Boden, und soweit ich es beurteilen konnte, hatte kein tödliches Flugwesen sein Nest in direkter Nähe gebaut. Glück gehabt. Zeit, einmal durchzuschnaufen und eine Bestandsaufnahme zu machen.
   Ich musterte besorgt Brahns Gesicht, das mittlerweile etwas zermatscht aussah. Sein Auge schien jedoch nicht betroffen zu sein, lediglich die Wange war aufgedunsen und sonderte ein übel riechendes Sekret ab.
   Er war offenbar ein praktisch denkender Mann. Ohne lange zu jammern, zog er sich bereits die Weste und das Hemd aus, um sich besser die Dornen aus der Seite ziehen zu können. Dabei zitterten seine Finger.
   Ich kam nicht umhin, einen Blick auf seinen nackten Oberkörper zu werfen. Prompt sah ich die furchtbare Narbe, die sich etwas oberhalb seines Herzens befand. Die Narbe, die mein Dolch geschlagen hatte.
   Sie war allerdings nicht die Einzige. Soviel ich wusste, hatte Brahn im großen Krieg an vorderster Front gekämpft. Er war bei der Schlacht um die Festung der Shadun dabei gewesen und hatte den langen Marsch von Alkamir bis zur Pari-Festung überlebt. Die zahlreichen Narben waren wohl Teil dieser Geschichten.
   Weil er meinen Blick bemerkt hatte, hielt er kurz inne. »Jetzt schau nicht so entsetzt. Mein Leben war beschissen, bevor ich hierherkam. Jetzt sind es alte Narben, die längst verheilt sind. Schwamm drüber«, sagte er sanft.
   So locker wie er konnte ich es allerdings nicht sehen, denn die größte Narbe war gleichzeitig die frischeste – und ausgerechnet ich hatte sie ihm zugefügt. Ich räusperte mich und zupfte, um
   mich abzulenken, ein Dorn aus meiner Haut. Dabei schielte ich immer wieder zu Brahn hinüber.
   Seine Haut hatte, soweit ich es in der Dunkelheit beurteilen konnte, einen überraschend bronzenen Ton. Im Gesicht war mir das nie so aufgefallen, bei seiner breiten Brust war es jedoch unübersehbar. Genauso wie die durchaus schön definierten Brustmuskeln.
   Peinlicherweise erwischte mich Brahn abermals dabei, wie ich ihn anstarrte. »Hey, Fairy, hör mal auf, mich mit Blicken zu verschlingen. Das grenzt ja schon an sexuelle Belästigung«, erklärte er trocken.
   Mir rauschte das Blut ins Gesicht. Hastig drehte ich mich seitlich weg und beschäftigte mich intensiver mit meinen eigenen Dornen.
   »Zieh dir lieber mal die Dinger im Gesicht raus. Sonst kannst du bald nicht mehr über deine Wangen gucken«, murrte ich leise.
   Brahn antwortete mit einem Glucksen. »Das müsstest leider du machen. Vor lauter Schwellung fühl ich die Dornen schon nicht mehr.« Er machte eine Kunstpause. »Schätze, dann hast du wieder einen guten Grund, mich anstarren zu dürfen«, sagte er genüsslich.
   Ich warf ihm meinen besten giftigsten Blick zu. »Bild dir mal nichts ein. Ich wollte nur gucken, wie knapp mein Dolch dein Herz verfehlt hat.«
   »Und ich hätte schwören können, dass du mein Sixpack begutachtet hast.«
   Weil er parallel dazu spielerisch seine Brustmuskeln hüpfen ließ, musste ich doch lachen. »Charmant und diskret wie immer«, erwiderte ich. Allerdings war ich ihm dankbar dafür, dass er meinen durchaus peinlichen Ausrutscher ins Lächerliche zog. Dadurch war ich sofort weit weniger verlegen.
   »Na, dann rutsch mal rüber, du Held, damit ich dich entdornen kann«, befahl ich in einem für mich lockerleichten Tonfall. Flachste ich herum? Machte man das so? Oder … flirtete ich womöglich sogar?
   Egal, was es war: Es fühlte sich gut und richtig an.

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