Die Explosion im Club Sadeshia verschafft Beth und ihren Gefährten eine kurze Atempause. Doch der Friede ist trügerisch, die Grenzen zwischen Freund und Feind fließender denn je. Noch immer ist nicht klar, wer hinter den Machenschaften im Sadeshia steckte – oder wer für dessen Zerstörung verantwortlich ist. Logan ist verschwunden, und das Rudel der Halbwandler damit zu einem weiteren Unsicherheitsfaktor geworden. Während Beth hofft, durch ihren Vater endlich Klarheit über ihr Schicksal zu erlangen, bleibt Proud weiterhin skeptisch, und auch Kyle traut ihren neuen Verbündeten nicht. Die Stimmung zwischen den beiden Cousins ist angespannt, denn jeder von ihnen besitzt dieses innere Band zu Beth und keiner von ihnen ist bereit, sie aufzugeben. Derweil wird die Suche nach den Sonnensteindolchen und den übrigen Nephilim zu einem Wettlauf gegen die Zeit, denn auch die Gegenseite schläft nicht und scheint immer genau zu wissen, welchen Schritt Beth und ihre Freunde als Nächstes planen ...

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ISBN: 978-9963-53-739-6

Seiten: 438

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Tanya Carpenter

Tanya Carpenter
Tanya Carpenter wurde am 17. März 1975 in Mittelhessen geboren, wo sie auch heute noch in ländlichem Idyll lebt und arbeitet. Die Liebe zu Büchern und vor allem zum Schreiben entdeckte sie bereits als Kind und hat diese nie verloren.   Die vielseitige Autorin ist inzwischen in nahezu allen Genre der Belletristik zu Hause. Neben den Vampiren sticht vor allem die Erotik in ihren Romanen hervor. Neben dem Bookshouse-Verlag schreibt sie außerdem Romane für Droemer Knaur, Cora, Fabylon, Arunya-Verlag, Ashera-Verlag und Edel. Ferner ist sie regelmäßig in Anthologien vertreten, schreibt Rezensionen für das Wolf Magazin von Elli H. Radinger und arbeitet als freie Lektorin im TeutonicTextTeam.   Hauptberuflich verdient Tanya Carpenter ihr Geld als Chef-Assistenz im Vertriebsinnendienst eines globalen Industrie-Unternehmen. Ihre Freizeit verbringt sie neben dem Schreiben gern mit ihren Australian Shepherds Spike und Damon oder ihrer Appaloosa-Stute Sha’Re-Luna. Sie ist gern in freier Natur unterwegs, interessiert sich für Mystik, Magie und alte Kulturen, liebt Musik, italienische Küche, schottischen Whisky und französischen Rotwein. In den Wintermonaten genießt sie gemütliche Leseabende vor dem Kamin. Vertreten wird die Autorin von der Agentur Ashera.

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Vorwort

Einst kamen sie in diese Welt, um Leid und Frevel aus ihr zu tilgen, als Sühne für ihre Schuld.
   Vier Engelkasten, jede mit ihrer ureigensten Aufgabe betraut.
   Da waren die Grigori – Wächterengel. Geboren, jene zu strafen, deren Herz voll Zorn, Hass und Habgier gegen ihre Nächsten ist. Sie werfen die Seelen der Schuldigen geradewegs in den Höllenschlund.
   Ihnen nach kamen die Azrae – Todesengel. Sie erlösen die unheilbar Kranken von ihrem Leid, reinigen die Erde von Seuchen und geleiten die Seelen auf die andere Seite.
   Es folgten die Cherubim – Schutzengel, die sich in reißende Bestien verwandeln, um jene zu bewahren, die ihnen anvertraut sind.
   Zuletzt erschienen die Djin – Seelensammler, die all jenen den Weg weisen, die vor ihrer Zeit aus dem Leben gerissen wurden.
   Über allen wachen vom Himmel herab die Seraphim – Racheengel, die vor den Toren des Garten Eden stehen, damit kein anderer Engel ihn je wieder wird betreten. Denn den Gefallenen ist der Zutritt ins Paradies auf ewig verwehrt. Zur Strafe für ihre Sünden sollen sie dienen den Menschen bis hin zum Tag des Jüngsten Gerichts – ohne Hoffnung auf Gnade oder Vergebung.
   So steht es geschrieben in der Vergessenen Schrift. Nur eine Hoffnung bleibt. Denn einst soll geboren werden der Nephilim. Wenn die Gefallenen ihre Schuld verbüßt, wird er allein ihre Schwächen heilen, wird die Engel befreien und die Tore öffnen mit seinem Blut.
   Jedoch diese Hoffnung schwindet.
   Mit den Jahrhunderten wandelten sich die Engel auf Erden. Wurden die Wächter vergiftet von den schwarzen Seelen ihrer Opfer. Lockten die Djin jene, die schwachen Glaubens waren, in den Tod. Berauschten sich die Azrae an heilem Blut. Und vergaßen die Cherubim ihre Pflichten.
   Sie traten hervor aus dem Geheimen und mischten sich unter die Lebenden, bis die Menschen begannen, mit Argwohn von Vampiren und Werwesen zu sprechen. Von bösen Geistern und Dämonen, die den Menschen das Blut aussaugen, sie in Stücke reißen oder ihre Seelen rauben. Zitternd vor der dunklen Macht und gleichwohl angezogen von ihrer Verheißung, ohne je wirklich daran zu glauben.
   So war es, und so sollte es bleiben, und der Nephilim geriet in Vergessenheit. Bis heute …

Was bisher geschah

Beth Preston kommt nach Los Angeles, um dort als Krankenschwester auf der Sterbestation unheilbar Kranke auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Als ihr dort der Azrae Kyle McLean begegnet, ein Todesengel, setzt dies eine Lawine in Gang, die ihr bisheriges Leben schon bald zunichtemacht. Beth ist eine Nephilim und die Begegnung mit Kyle erweckt ihr Engelsblut. Fortan findet sie sich von Wesen umgeben, deren Existenz ihre Vorstellungskraft übersteigt. Als Nephilim ist sie das Kind einer sterblichen Mutter und eines Engels, gezeugt aus dem Blut eines Grigori – eines Wächterengels. Diese wollen mithilfe der Nephilim zurück ins Paradies und haben keine Skrupel, die Nephilim dafür notfalls zu opfern. Als einige von ihnen Beth in ihre Gewalt bringen, eilen Kyle und sein Cousin Proud zu ihrer Rettung. Dabei trinkt Kyle Grigoriblut und wird so zum Schnitter – einem Wesen, das dazu ausersehen ist, Wächter, Todesengel und die Nephilim zu zerstören. Er muss gehen, um Beth nicht in Gefahr zu bringen, und so bleibt sie in Prouds Obhut zurück. Gemeinsam mit ihm versucht Beth nun, ihre Vergangenheit zu ergründen, und erhält Hilfe von den Cherubim, den Schutzengeln. Deren Anführer Logan stellt Beth unter seinen persönlichen Schutz. Währenddessen macht sich Kyle auf die Suche nach den anderen Nephilim, um sie zu Proud zu schicken, damit die Grigori sie nicht in ihre Hände bekommen. Er lernt, den Schnitter zu kontrollieren, und begegnet schließlich Kesha, einer weiteren Nephilim, die durch ein Amulett vor der Gier des Schnitters geschützt zu sein scheint. Zusammen kehren sie nach Los Angeles zurück, nicht ahnend, dass Beth inzwischen von dem Uriel Magnus und seiner Strigoi Lillith erfahren hat, dass Samuel van Vaughn, der mächtigste Grigori von Los Angeles, ihr Vater ist. In van Vaughns Anwesen kommt es zum Aufeinandertreffen, nachdem Kyle und Kesha kurz zuvor den Klub Sadeshia zerstört haben, in dem ein zweites Zuchtprogramm für die Nephilim gestartet wurde. Kyle will den Urheber aller Nephilim töten, doch Beth stellt sich zwischen ihn und ihren Vater, der Kyle wenig später gefangen nehmen und einsperren lässt. Erst, als Kyle von einem unbekannten Gönner ein Gegengift erhält, das ihn zum zweiten Mal in seinem Leben von dem Fluch des Schnitters erlöst, kann er zu Beth und Proud zurückkehren. Doch niemand weiß, welchen Preis sie alle dafür zahlen müssen und wer die neuen Nephilim ins Leben rufen will. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn um die Prophezeiung zu erfüllen, braucht es neun Nephilim, deren Azrae-Erwecker, die Schutzengel und die Sonnensteindolche eines Elements. Nur dann kann es gelingen, die Vergessene Schrift zurück in die Menschenwelt zu bringen und mit ihr die Tore zum Paradies wieder zu öffnen. Aber ihre Gegner scheinen immer einen Schritt voraus …

Prolog

Der Tag wird kommen, da die Gefallenen sich erheben und ihre Stimmen den Himmel erzittern lassen. Sie werden einherschreiten wie ein Mann, ein Heer der Hölle entstiegen, und sich entgegenstellen dem Willen der Seraphim. Ihre Schwerter werden den Himmel spalten und dieser wird befleckt sein von Engelsblut und der Boden der Hölle damit getränkt.
   Tod und Verderben wird über die Erde kommen, da die Schlacht die Welt erschüttern mag und alles, was darauf ist, mit dem Atem des Todes überziehen, sodass gebrochen werden die biblischen Siegel. Und siehe, da werden kommen die Reiter, deren Namen lauten Pest, Krieg, Elend und Tod, und ihr Schatten wird die Erde verbrennen, die Hufe ihrer Pferde werden alles zertrampeln und ihre Schwerter das Leben niedermähen wie die Sensen das Korn. Auf dass die Menschen sehen, dass sie nichts sind, erkennen, wer ihr Herr und dass ihr Leben verwirkt ist mit dem Tag ihrer Geburt.
   Doch da wird sein ein Kind, gezeugt aus Nacht und Menschenblut, welches trägt den Schlüssel in seinem Herzen, der vermag zu öffnen das verbotene Tor. Und mit ihm wird kommen die Eine, deren Bestimmung es sei, zu hüten das Lamm bis zum Tag der Opferung. Auf das befreit werde der Namenlose.
   Und die Reiter werden ihr Haupt beugen vor ihm und ihre Waffen niederstrecken. Er wird kommen, zu richten die Frevler und Sünder doch zugleich säen den Frieden. Wie im Himmel so auf Erden. Und in seinem Feuer wird alles zugrunde gehen, denn nur aus Tod kann neues Leben entstehen.

Kapitel 1

Der Nachtwind fing sich in seinem Haar, biss ihm ins Gesicht. Kyles Blick war längst tränenverschleiert, doch er drehte das Gas nur weiter auf, bis die Maschine in einer Höllengeschwindigkeit über den leeren Freeway raste. Auf diese Weise konnte er sich einreden, dass allein das mörderische Tempo für seine Tränen verantwortlich war und nicht die Tatsachen, die sich unübersehbar jeden Tag vor ihm abspielten.
   Beth liebte ihn, daran zweifelte er nicht, aber sie liebte auch Proud, ihr Blick sprach Bände. Und was seinen Cousin anging … Es war noch viel schlimmer als damals bei Kathlyn.
   Proud gab es nicht zu, er mimte den Zurückhaltenden, tat, als ob er das Feld klaglos räumen würde, doch tief in ihm drin sah es anders aus, das wusste Kyle. Daher war sein respektvoller Rückzug fast noch schlimmer, als wenn er Kyle offen die Stirn geboten und ihm wenigstens einen Angriffspunkt geboten hätte. Er würde kämpfen, früher oder später. Wenn er Beth nur halb so sehr liebte und begehrte wie Kyle selbst, war es nur eine Frage der Zeit, bis er diesen Gefühlen nicht länger widerstehen konnte. Die Angst, Beth für immer zu verlieren, lag wie ein eisiger Ring um Kyles Herz.
   Ein weiteres Mal drehte er das Gas auf, die Maschine bäumte sich hoch und Kyle bog von der Straße ab auf die sandigen Pisten der Mojawe-Wüste.
   Er wusste nicht, wie sie sich entscheiden würde, wenn man sie vor die Wahl stellte. Wenn Proud nicht länger bereit war, auf sie zu verzichten. Das machte ihn wahnsinnig. Sie sprach nie davon, was in seiner Abwesenheit geschehen war, und Proud ebenso wenig. Diese Rücksichtnahme kotzte ihn an. Unwissenheit war eine Qual. Wie eng war die Bindung zwischen den beiden geworden? Er hatte damals gehofft, die beiden würden zusammenfinden, weil es Beth Sicherheit versprach, heute sah er das anders. War das Geschenk des Gegenmittels nun Segen oder Fluch? Er wusste es nicht. Er wusste es einfach nicht. Manchmal wünschte er sich …
   In letzter Sekunde sah Kyle den Abgrund näherkommen und riss die Maschine herum. Er war zu tief in seine quälenden Gedanken abgerutscht und hatte nicht bemerkt, welchen Weg er vom Freeway aus genommen hatte. Dass er der Schlucht bereits so nahe war. Der Motor heulte auf, die Reifen drehten durch, fanden keinen Grip. Seitlich schlitterte er immer weiter auf die Kante zu. Dahinter ging es mehrere Hundert Meter in die Tiefe. So was überlebte auch ein Engel nicht, schon gar kein Gefallener, der seine Flügel eingebüßt hatte.
   Kyle schloss die Augen, war fast schon versucht, sich dem Unvermeidlichen einfach zu fügen. Dann würde der Schmerz in seiner Brust aufhören. Es gäbe keinen Kampf mehr um Beth, sondern Proud könnte mit ihr glücklich werden. Hatte er es nicht im Grunde auch verdient, wo er sie ohne Zögern in seine Obhut genommen und über sie gewacht hatte, während Kyle fortgehen musste? Aber er hat es nur getan, weil er sie schon damals wollte.
   Die Erkenntnis verlieh Kyle neue Kraft. Entschlossen drehte er den Gashebel, drückte den Lenker mit aller Kraft in die Gegenrichtung und warf sich nach vorn. Das Motorrad machte einen Satz, er hörte die aufgewirbelten Steine in die Schlucht fallen und über die Felsen tanzen, doch er folgte ihnen nicht. Das Motorrad kam einen halben Meter davon entfernt zum Stehen. Kyle schlug das Herz bis zum Hals. Das war mehr als knapp gewesen. Es kostete ihn Überwindung, einen Blick über seine Schulter zurückzuwerfen. Für einen Moment sah er seinen zerschmetterten Körper dort unten liegen und mitsamt dem Motorrad in Flammen aufgehen.
   »Logan hätte mich kaltgemacht, wenn ich seine Maschine geschrottet hätte.«
   Er fuhr sich übers Gesicht, bemerkte sein Zittern, seine Beine fühlten sich an wie Pudding. Logan. Wo war er nur? Er könnte einen Freund wie ihn gerade gut brauchen, doch von dem Cherub fehlte seit Wochen jede Spur. Er war wie vom Erdboden verschluckt. Auch seine Leute wussten nicht, was los war oder wohin Logan gegangen war. Sie machten sich Sorgen, vor allem Zeon. Eine Leiche gab es nicht, das hieß, doch, es gab eine. Des, den Verräter. War er wirklich einer? Es hatte so ausgesehen, deshalb hatte Logan ihn abpassen wollen. Jemand hatte ihn enthauptet. War dieser Jemand auch für Logans Verschwinden verantwortlich? Laut Zeon wollte Logan Des zur Rede stellen, herausfinden, wer hinter seinem Verrat steckte, was er wusste, warum er an den Frauen aus dem Sadeshia diese Abtreibungen durchgeführt hatte, wo es doch zunächst so ausgesehen hatte, als würde er den Betreibern des Klubs dabei helfen, weitere Nephilim zu züchten. Kyle wusste, wenn Des eine plausible Erklärung hätte bieten können, wäre Logan bereit gewesen, ihm noch eine Chance zu geben, doch Des war tot und Logan verschwunden.
   Proud zweifelte aus diesem Grund an der Loyalität der Schutzengel, obwohl er während Kyles Abwesenheit mehrmals Seite an Seite mit Logan gekämpft und der Herr der Gestaltwandler ihm und Beth geholfen hatte. Das machte alles einfach keinen Sinn. Nichts machte im Augenblick mehr Sinn. Ob Proud eine Ahnung hatte, wohin Logan verschwunden war? Manchmal machte es den Eindruck. Wenn sie von ihm sprachen, fixierte Proud stets einen bestimmten Punkt in der Ferne, als ob dort eine Antwort läge. Doch auch hier schwieg er beharrlich. Irgendetwas wusste er, etwas verheimlichte er Kyle, und das machte ihn wütend, denn dazu hatte sein Cousin einfach kein Recht.
   Kyle schloss die Augen. Nie waren er und Proud sich fremder gewesen als im Moment. Nicht einmal, als es um Kathlyn gegangen war. Er spürte die Distanz, spürte sie in seinem Herzen und jedes Mal, wenn sie sich gegenüberstanden. Ob es Proud ähnlich ging? Und ob er sich ebenso viele Gedanken darüber machte?
   All das Grübeln brachte ihn nicht weiter. Er tat besser daran, die Situation anzunehmen, wie sie gerade war. Nach vorn blicken, mehr erfahren über die Vergessene Schrift und die Prophezeiung. Nie war es einfacher gewesen, seit Beth in sein Leben getreten war. Mit einem Mal waren Feinde zu Verbündeten geworden. Mächtige Verbündete, die so viel wussten und auf ihrer Seite standen. Zumindest sah es so aus. Jetzt besaßen sie immerhin eine Chance, mit heiler Haut davonzukommen, aber es gab noch viel zu tun. Die Sonnensteindolche, die Nephilim, die Azrae und was dann? Auch Samuel van Vaughn erzählte längst nicht alles, das war Kyle klar. In dem Punkt stimmte er mit Proud überein, man konnte diesem Mann nicht vorbehaltlos trauen, immerhin war er ein Grigori. Aber war Matosh das nicht auch? Und der Halbwandler hatte davon gesprochen, dass es eine Zeit vor diesem Krieg gegeben hatte. Dass sie nicht immer Feinde gewesen waren. Seltsamerweise war er geneigt, diesem Wolf zu glauben. Er hätte ihn gern gefragt, ob er etwas über Logans Verbleib wusste, aber dazu hätte er erst einmal herausfinden müssen, wo Matosh war. Es kam auf dasselbe raus – die Stecknadel im Heuhaufen.
   Er atmete tief durch. Schluss mit der Flucht vor Gespenstern. Es war höchste Zeit, nach Hause zu fahren und etwas Sinnvolles zu tun. Das war er Beth schuldig – und sich selbst auch.

*

Unruhig lauschte Kadira in die Nacht hinaus. Seit Tagen hatte sie nichts mehr von Logan gehört. Es sah ihm nicht ähnlich, dass er sich für solch eine lange Zeit nicht meldete. Sie hatte die Gerüchte über den toten Cherub gehört, doch es war nur einer von seinen Leuten gewesen, was sie erleichterte. Des, sie kannte ihn flüchtig. Er war hübsch gewesen, sie hatte ihn gemocht und wusste, er war einer aus Logans engstem Kreis gewesen. War er wirklich zum Verräter geworden? Hatte Logan ihn dafür zur Rechenschaft gezogen? Aber es hieß, dass man Spuren eines Seraphenschwertes gefunden hätte. Ein Beben lief durch ihren Leib, wenn sie daran dachte, und unweigerlich drängte sich erneut die Frage auf, was mit Logan war. Eine solche Waffe konnte …
   »Nein! Er ist nicht tot! Er darf es nicht sein!« Wenn er tot war, war alles verloren. Dann gab es für sie keinen Grund mehr, weiterzukämpfen.
   »Sorge dich nicht so viel, Kadira. Wir müssen abwarten und hoffen.« Es war Matosh, der zu ihr getreten war. Der alte Wolf versuchte, hoffnungsvoll zu klingen, doch sie sah dieselbe Sorge in seinen Augen, die an ihrem Herzen nagte.
   »Und wenn nicht?«
   Matosh seufzte. »Dann bist du es ihm schuldig, das zu Ende zu führen, was ihr begonnen habt. Er hat so viel riskiert, so viel gegeben. Er hat einen hohen Preis bezahlt für das, worauf wir alle warten. Und er hat es auch für uns getan. Es wäre ein Frevel, aufzugeben.«
   Sie senkte den Kopf, wusste, Matosh hatte recht, aber ihr fehlte die Kraft bei der Vorstellung, dass Logan vielleicht nie mehr zurückkommen würde. So gern hätte sie auf ihre innere Stimme gehört, die ihr sagte, dass er am Leben war. Dass sein Herz noch immer mit dem ihren in Einklang schlug. Aber das konnte ebenso gut Wunschdenken sein. Ein Selbstbetrug, um der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu müssen, weil sie sich lähmend um ihren Geist legen würde, bis sie nicht mehr in der Lage wäre, sich zu bewegen.
   Sanft stieß Matosh sie mit seiner Schnauze an und wies zu den anderen hinüber. Das Rudel nahm gerade seine Schlafplätze ein, bald würde die Sonne über Los Angeles aufgehen. Ein weiterer Tag, der sie alle dem Ziel näherbrachte. Ein weiterer Tag ohne Logan?
   Skit hob den Kopf und sah zu ihnen, weil er ihre Blicke wohl gespürt hatte. Zaghaft wedelte er mit der Rute, zog die Lefzen nach unten und winselte. Er vermisste Logan ebenfalls, und er hatte Angst. Die Unsicherheit des jungen Rüden rief Kadira zur Ordnung. Sie war die Leitwölfin. Die anderen verließen sich auf sie. Die Zeiten waren ohnehin hart genug; seit Kayden zum Verräter geworden war umso mehr. Er würde sich Verbündete suchen, hatte es vermutlich schon getan. Von dieser Seite braute sich Unheil zusammen. Ihr wäre wohler gewesen, wenn sie wüssten, mit wem er einen Pakt einging, doch im Grunde spielte es keine Rolle. Er hatte seine Wahl getroffen, war gegen sie in diesem Krieg.
   »Sieh die guten Dinge, Kadira. Beth ist zurück und die beiden McLeans ebenfalls. Die Nephilim kehren heim. Es hat begonnen.«
   »Du hast recht. Aber ich habe auch die Witterung der Uriel aufgenommen, und du weißt so gut wie ich, was das bedeutet. Einer wäre schon zu viel, doch es kommen immer mehr. Zusammen mit ihren Strigoi. Daraus ist nie etwas Gutes entstanden. Ich wünschte, sie wären nicht vonnöten bei diesem Vorhaben.«
   »Ja, aber sie sind es und darum ist es gut, dass auch sie kommen. Für den Moment ist Beth in Sicherheit. Ich baue darauf, dass der alte Sam dies auch weiterhin gewährleisten kann. Und dass am Ende die richtigen Weichen gestellt werden. Auch wenn ich zugeben muss, dass nicht alles so nach Plan läuft, wie er es sich wohl gewünscht hat.«
   Sie antwortete nicht mehr darauf. Die Uriel hatten ihr schon immer Angst gemacht, nicht erst, seit sie ein Halbwandler war. Wenn sie nur vorsichtiger gewesen wäre. Wenn sie es akzeptiert hätte. Doch Letzteres war undenkbar. So undenkbar, wie es für ihre Familie gewesen wäre, dass sie sich in einen Cherub verliebt hatte. Für Logan hätte sie alles getan, alles gegeben. Er gab ihr jeden Tag die Kraft, ihr Schicksal zu ertragen und bestätigte sie darin, dass es richtig gewesen war, nicht einfach nur zuzusehen. Aber hatte es etwas geändert? Vielleicht. Im Kleinen. Sie trug ihm nicht nach, dass er an seinem Weg festgehalten hatte – zumindest nach außen hin. Es wäre falsch gewesen, zu riskieren, dass ihm ein ähnliches Schicksal widerfuhr wie ihr. Oder schlimmer noch. Sie wusste, für ihn wäre nur der Tod geblieben, wenn er sich offen gegen die Prophezeiung gestellt hätte. War es nun geschehen? Kehrte er deshalb nicht wieder? Ihr war so kalt, sie fühlte sich allein. Sehnsuchtsvoll legte sie den Kopf in den Nacken und ließ ein lang gezogenes Heulen erklingen, auf das es keine Antwort gab.

Kapitel 2

»Und? Ahnt Samuel etwas?« Lillith klang angespannt, und das war sie auch. Nicht nur wegen Samuel und dem Mädchen aus dem Sadeshia. Auch wegen der beiden Gäste, die sie momentan beherbergten. Besonders um Logan sorgte sie sich. Er würde sie noch mehr verfluchen, als er es ohnehin schon tat, wenn er wieder bei klarem Verstand war.
   Magnus schlenderte zur Hausbar hinüber und schenkte sich einen Drink ein. Um seine Lippen spielte ein maliziöses Lächeln. Er ließ sie mit der Antwort warten, genoss zunächst einen tiefen Schluck und ließ die Flüssigkeit durch seine Kehle rinnen. Erst dann drehte er sich zu ihr um. In seinen Augen funkelte es auf eine Weise, dass es Lillith kalt den Rücken hinunterlief.
   »Er ahnt nicht das Geringste«, tat er zufrieden kund. »Aber das hatte ich auch nicht erwartet.«
   Erst, als sie keuchend die Luft ausstieß, wurde ihr bewusst, dass sie sie angehalten hatte. Fassungslos schüttelte sie den Kopf. »Es ist mir unbegreiflich. Er wusste doch von ihrer Existenz. Hat sie genau wie die anderen erwartet. Warum fällt es ihm nicht auf?«
   Magnus zuckte lässig die Schultern. »Was erwartest du? Dass er zugibt, dass eine Nephilim aufkreuzt, mit der er nichts anfangen kann? Es wäre eine Schwäche und das Eingeständnis, dass er nicht sorgsam genug gewesen ist. So was würde er vor mir nicht zugeben. Darum glaube ich ihm nicht, dass er um ihre Existenz wusste. Er wird insgeheim überrascht sein, wird aber vermutlich andere in Verdacht haben. Swan, Benning, Tresh. Es ist eine glückliche Fügung des Schicksals, dass diese Kesha gerade jetzt auftaucht und beweist, dass da einige ein doppeltes Spiel gespielt haben. Aber das ist nun auch nicht mehr wichtig. Sie ist hier. Und sie ist schwanger. Damit erfüllt sie genau ihren Zweck.«
   Es schmeckte bitter, wie gleichgültig er darüber sprach. Sie waren alle nur Mittel zum Zweck für ihn, sie selbst eingeschlossen. Jeden von ihnen fütterte er mit gerade so vielen Informationen wie nötig, damit er weiterhin seine Machtposition behielt. Nur darum ging es ihm: Macht! Dafür tat er all das. Manchmal fragte sie sich, ob das wirklich alles richtig war. Und ob Samuel auch dann noch mitspielen würde, wenn er um Magnus’ wahre Pläne wüsste. »Werden wir sie zu uns holen?« Das wäre in jedem Fall sicherer gewesen. Auch für das Mädchen.
   Zu ihrer Überraschung schüttelte Magnus den Kopf. »Sam kümmert sich um sie. Er weiß, was zu tun ist. So wird es keine Komplikationen geben.«
   »Hältst du das für klug? Auch wenn er es jetzt noch nicht durchschaut hat, was, wenn es ihm später auffällt? Sie in seiner Nähe zu lassen, ist ein unnötiges Risiko. Er könnte auch darüber nachgrübeln, warum Kyle McLean nicht auf sie reagiert hat, obwohl sie noch nicht erweckt ist.«
   Ein weiches Lachen perlte über die Lippen des Uriel. »Lillith, Liebes, sei doch nicht so eine Schwarzmalerin. Samuel hat weiß Gott anderes um die Ohren im Moment. Seine Lieblingstochter wird gleich von zwei Azrae umworben, von denen nur einer unseren Plänen zupasskäme. Valeries Tochter ist zurückgekehrt und ein unkalkulierbarer Risikofaktor, weil sie lange Zeit verschollen war.«
   »Was ich genauso sehe.« Ebenso wie die Tatsache, dass der Azrae, der ihren Plänen am besten diente, zugleich derjenige war, der sie am leichtesten durchkreuzen konnte. Ihrer Meinung nach unterschätzte Magnus Proud McLean. Aber was blieb ihm übrig? Kyle kam nicht infrage. Die Entscheidung war vor langer Zeit gefallen.
   Er überging ihren Einwand mit einem sinistren Schmunzeln. Offenbar war er weit weniger beunruhigt. Vermutlich würde er Sams Bedenken hinsichtlich Kesha sogar noch schüren. Gebe Gott, dass er damit nicht näher an der Wahrheit lag, als ihnen allen lieb war.
   »Wie dem auch sei. Sam hat viele Dinge, um die er sich kümmern muss. Malory gehört nicht dazu. Er wird sie seinen Ärzten überlassen. Diesem neuen Team, das er zusammengestellt hat. Glaub mir, das Risiko, dass er dahinterkommt, was es mit der Kleinen auf sich hat, ist verschwindend gering.«
   Sie holte tief Luft. »Dann fehlt nur noch Beth.«
   Er hob beschwichtigend die Hand. »Wie gesagt. Sie hat zwei Azrae, die sie umwerben. Es ist nur eine Frage der Zeit.«
   »Wenn sie kompatibel sind.« Sie konnte sich den Einwand nicht verkneifen. Gerade weil Beth von zwei Azrae erweckt worden war. Das sah der Plan einfach nicht vor. Hinzu kam, dass noch immer nicht klar war, für wen sich Deborahs Tochter entscheiden würde. Wenn sie die falsche Wahl traf … Doch auch dahingehend schien Magnus nicht beunruhigt.
   »Hast du nicht bemerkt, wie Proud sie ansieht? Mach dir keine Gedanken. Er liebt sie zu sehr, um sie aufzugeben, auch wenn er zunächst das Feld geräumt hat. Außerdem ist seine Wirkung auf sie sehr stark, und es war sein Blut, das sie getrunken hat, nicht Kyles.«
   »Denkst du nicht, dass auch Einsamkeit und Hilflosigkeit sie in seine Arme getrieben haben? Jetzt ist Kyle wieder da. Sie braucht Proud nicht mehr als Zuflucht. Und wer sagt dir, dass er sie nicht ebenfalls trinken lässt? Womöglich, um sich ihrer zu versichern.«
   Darüber konnte Magnus nur lachen. »Oh, Proud war so viel mehr als eine Zuflucht. Warum sonst sollte es sich so zugetragen haben, dass beide sie erweckt haben? Lange bevor Kyle als Schnitter fliehen musste. Glaub mir, er hätte auch dableiben können, das Schicksal hätte seinen Lauf genommen. Was deine Sorge angeht, Kyle könnte sie trinken lassen … Niemals. Das entspricht nicht seinem Naturell. Und davon einmal abgesehen, tut er gerade wenig, um ihr die Nähe zu ersetzen, die ihr von Proud jetzt fehlt. Er ist zu sehr mit seinen eigenen Dämonen beschäftigt. Was zu erwarten war.«
   Er klang so selbstsicher und überzeugt, dass ihr übel wurde. Sie dachte an das Mädchen und ihre reine Seele, die trotz aller Dunkelheit weiterhin strahlte. Bei ihrer Begegnung in Venedig war sie Lillith wie eine Sonne erschienen, die endlich Wärme in ihr kaltes Herz gebracht hatte. Für einen Moment hatte sie zu hoffen gewagt …, doch das, was ihnen und vor allem Beth bevorstand, warf einen zu finsteren Schatten über alles, als dass sie sich diesem Glück hätte hingeben können. Sie war eben Deborahs Tochter. Gerade deshalb traute Lillith ihr zu, ihre Wahl selbst zu treffen. Unabhängig von Bestimmungen, Prophezeiungen und all den Intrigen, die um sie herum wie ein riesiger Sumpf gärten. Aber sie musste Magnus in einem Punkt recht geben: Das Band zwischen Beth und Proud war nicht zu übersehen gewesen, und selbst sie hätte es nicht für möglich gehalten, dass der dunklere der beiden McLeans eine derartige Wandlung durchmachen und von der Kraft des Lichtes erfüllt werden würde. Dennoch blieb er der dunkle Part und somit ihren Plänen zuträglicher.
   »Kyle täte ohnehin gut daran, kein Blut fließen zu lassen«, erinnerte Magnus sie. »Wer zweimal ein Schnitter war … nun, wir wissen beide, dass ein Restrisiko bleibt. Ich denke, sie wäre ganz nach seinem Geschmack, das sollte man also besser verhindern.«
   »Dann wird Sam es ihm sagen müssen?«
   Magnus winkte ab. »Auch darum musst du dich nicht sorgen. Ich denke, ich weiß jemanden, der sich darum kümmern wird. In eigenen Interessen sozusagen. Warum sonst hätte er ihm das Heilmittel verschafft? Gewiss nicht bloß, um mich zu ärgern, indem er uns Tresh vor der Nase wegschnappt.«
   Sie biss sich auf die Lippen. Coopers Verschwinden war ein weiterer Risikofaktor. Sie hatte ihn schon immer für wankelmütig gehalten, er war leicht zu manipulieren. Alles, was ihn an ihren Pakt band, war Valerie. Würde das genügen? Es gab Methoden, jemanden umzudrehen. Sollte er zurückkommen, durften sie ihm noch weniger trauen als bisher, doch Sam würde ihm vertrauen, das wusste sie.
   »Geh nach unten und kümmere dich um unsere Gäste«, forderte Magnus, wobei sein Tonfall deutlich machte, dass ihre Gegenwart nicht länger erwünscht war. Er wollte seinen Triumph allein und in vollen Zügen auskosten, da störten ihre Bedenken nur.
   »Ihre Wunden sind schwer«, wandte Lillith ein. »Ich weiß nicht, ob ich Brig retten kann. Und Logan …«
   »Sorg dafür, dass er überlebt und möglichst bald wieder seinen Job macht. Er kann uns dankbar sein, dass wir zur Stelle waren, sonst würde er sich inzwischen wünschen, tot zu sein. Brig ist nicht so wichtig. Wenn du kannst, halte ihn am Leben bis zur Niederkunft und bring ihn in einen Zustand, in dem er ein paar Fragen beantworten kann. Falls das nicht gelingt …« Er machte eine bedauernde Geste, der jedes Mitgefühl fehlte. »Es wäre ärgerlich, wenn er stirbt, solange nicht klar ist, ob er der Erzeuger von Malorys Baby ist. Dieser kleine Bastard. Zu nichts zu gebrauchen, aber ich traue ihm zu, dass er so was hinbekommt. Er wird sie oft genug für seine Triebe benutzt haben.«
   »Und wenn er es ist?«
   Magnus trank den Rest des Whiskys und hob das leere Glas, sodass Lillith schon dachte, er würde es in Wut gegen den Kaminsims schleudern, doch ein Uriel hatte sich stets unter Kontrolle. Sich selbst und jeden in seiner Nähe. Langsam ließ er das Glas wieder sinken. »Dann solltest du dir bereits jetzt ein paar gute Zaubersprüche überlegen. Es gibt für alles eine Lösung.«
   Die gab es wohl. Hauptsache, er ging am Ende als Sieger hervor. Aber war es nicht genau das, was sie alle wollten? Siegen? Sich befreien?
   »Geh!«, wiederholte er. »Ich muss mich um dieses Zuchtprogramm kümmern. Es wäre eine Verschwendung, sie alle zu töten, aber ich kann sie unmöglich Greco überlassen.«
   »Du weißt, was es bedeuten könnte, dass er diese hier für entbehrlich hielt.«
   »Nichts bedeutet es. Außer dass er nachlässig ist und zu vieles in die Hände von unfähigen Handlangern gibt.« Ungehalten scheuchte er sie fort und blickte ihr mit zornig funkelnden Augen hinterher. Natürlich wusste er es. Und es beruhigte Lillith, dass es zumindest eine Sache gab, über die sich auch Magnus gerade Sorgen machte.

*

Als Kyle mit dem Motorrad durch das Tor des Anwesens fuhr, runzelte er verwirrt die Stirn. Das Haus war hell erleuchtet und es drangen Musik und Stimmen zu ihm heraus. Für einen Moment fühlte er sich in die Zeit zurückversetzt, in der es die Nephilim noch nicht gegeben hatte. Das Gefühl hielt nur eine Sekunde, ehe es dem Zorn wich, der in ihm aufstieg.
   »Das glaub ich einfach nicht. Das kann er doch nicht wirklich tun.«
   Er ließ die Maschine an Ort und Stelle stehen und nahm zwei Stufen auf einmal auf dem Weg zur Eingangstür, die er mit beiden Armen aufstieß. Der Anblick, obwohl bereits erwartet, brachte ihn kurz ins Straucheln. Beth kam auf ihn zugeeilt und hob bereits beschwichtigend die Hände. Es war nicht zu übersehen, wie unangenehm ihr die Situation war und dass sie Angst hatte. Angst, wie er darauf reagieren würde – zu Recht.
   »Proud meinte, es wäre eine gute Idee, wieder zum normalen Leben zurückkehren. Weil es sonst zu auffällig …«
   »Ich kann mir seine Argumentationen schon denken«, schnitt er ihr das Wort ab. »Hat ja nicht lange gebraucht, um in alte Muster zurückzufallen. Das spricht wohl Bände.«
   Sein Blick war bohrend, auch wenn ihm klar war, dass er mit ihr die Falsche traf und es nicht fair war, Salz in blutende Wunden zu streuen. Denn gleichgültig konnte es ihr kaum sein, dass sich Proud mit irgendwelchen Vampirgroupies vergnügte, wie er es vor ihrer Zeit getan hatte. Fuck! Beth konnte nichts dafür, dass er gerade fast an seiner Wut erstickte. Sie senkte schuldbewusst den Blick, musste sich vorkommen, als stünde sie zwischen zwei Fronten. Wie mochte sie sich fühlen, wo Proud sie so schnell ersetzte? Durch irgendeine Sterbliche – oder auch mehrere? Da tat es wirklich nicht Not, dass er noch den Finger in die Wunde legte und darin bohrte.
   »Wo ist er?«
   Kyle wartete ihre Antwort nicht ab. Sein Blick durchsuchte den Raum, bis er Proud entdeckte, der gerade schamlos mit einer jungen Frau flirtete, deren Blick von Azrae-Blut verschleiert war. Er ließ Beth stehen, die ihm hilflos hinterherblickte, ihm aber nicht folgte. Das war auch besser so. Mit wenigen Schritten war er bei seinem Cousin, riss ihm das Glas, das er gerade an die Lippen führen wollte, aus der Hand und warf es mit solcher Wucht auf den Boden, dass es in tausend Scherben zersprang. Nur wenige der Umstehenden störten sich daran, auch nicht, als er seinen Cousin am Kragen packte.
   »Hey!«, entfuhr es Proud ärgerlich. Er machte sich los.
   »Du bist betrunken«, herrsche Kyle ihn an, was ein Augenrollen seines Vetters zur Folge hatte.
   »Na und? Das ist ja wohl nichts Neues. Früher hast du dich auch nicht dran gestört.«
   Ohne Kommentar fasste Kyle erneut nach Proud und schob ihn vor sich her in den kleinen Salon. Er wollte keine Szene vor all den Gästen, zumal das Thema recht gefährlich werden konnte. Nachdem er die Tür hinter ihnen zugeworfen hatte, wandte er sich Proud mit zornesfunkelnden Augen zu. »Was ist hier los?«
   Proud grinste anzüglich. »Was soll schon los sein. Wir feiern eine Party, wie du schon bemerkt hast. Wir trinken, tanzen, plaudern … Na ja, und was man sonst noch so auf meinen Partys macht.«
   Kyle hob bereits vor Wut die Faust, doch statt Proud zu schlagen, hieb er sie gegen die Wand neben der Tür, wo er ein unschönes Loch im Putz hinterließ.
   »Kyle«, rief Proud pikiert und schüttelte ungehalten den Kopf. »Dein Gefühl für Inneneinrichtung ist wirklich unterirdisch. Ein paar Zentimeter weiter rechts hätte man wenigstens noch ein Bild darüber hängen können. Jetzt müssen wir wieder die Maler kommen lassen.«
   Es juckte Kyle in den Fingern, seine Faust dort zu platzieren, wo er zuerst hatte hinzielen wollen. Prouds Humor war gerade Gift für seine Stimmung. Stattdessen begann er, ruhelos durch den Raum zu tigern.
   »Was regst du dich denn überhaupt auf?«, wollte Proud wissen. »Ist doch nicht die erste Party in diesen heiligen Hallen. Ich finde, wir haben viel zu lange darauf verzichtet, es wurde allerhöchste Zeit, dass wir es mal wieder richtig krachen lassen. Unsere Freunde haben sich schon gefragt, ob wir inzwischen bieder geworden sind. Na ja, von dir kennen sie es ja kaum anders, aber was mich angeht …« Er beugte sich verschwörerisch in Kyles Richtung. »Das war schon verdächtig, geht natürlich gar nicht.«
   Prouds Logik prallte an Kyle ab. »Bist du völlig übergeschnappt? Du bringst Beth in Gefahr. Willst du sie mit Gewalt vor den anderen Azrae enttarnen?«
   Proud hatte für Kyles Befürchtung nur ein müdes Lächeln übrig. »Ganz im Gegenteil, genau deshalb ziehe ich das Ganze hier auf. Wir machen uns längst verdächtig, ist dir das nicht klar? Die anderen fragen, sie hören die Gerüchte. Je offensiver wir sind, desto weniger Grund haben sie, zu glauben, was gemunkelt wird. Außerdem ist es mir wesentlich lieber, wenn ich im Bilde bin, was sie denken und glauben, als wenn ich irgendwo ins offene Messer renne.« Er schnaubte ungehalten und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Ich weiß auch nicht, was dein Problem ist. Was soll Beth denn passieren? Laut Kesha droht keine Gefahr, dass irgendwer sie als das erkennt, was sie ist. Oder traust du deiner kleinen Kung-Fu-Lady so wenig, dass du zweifelst? Aber hey, ich kann dich beruhigen. Sogar van Vaughn und dieser Uriel sagen, dass sie safe ist, weil wir beide sie ja schon erweckt haben.« Er betonte überdeutlich, dass nicht nur einer von ihnen an Beth gebunden war. »Außerdem brauch ich Ablenkung.«
   Mit diesen Worten nahm er eine Whiskyflasche vom Sideboard neben der Tür, setzte diese an, um einen tiefen Schluck zu nehmen, und ließ Kyle ohne ein weiteres Wort stehen.
   Angewidert folgte Kyle ihm wieder zu den anderen. Die blonde Sterbliche, mit der sein Cousin vorhin noch geflirtet hatte, schmachtete ihn schamlos an, als er keine zwei Schritte von ihr entfernt stehen blieb und sich das Geschehen betrachtete. Sein Blick blieb kurz an ihr hängen, Himmel, sie war so zugedröhnt, dass sie vermutlich für jeden die Beine breit gemacht hätte, der ihr seine Reißzähne zeigte. Diese verdammten Vampir-Groupies. Darum konnte er sich jetzt nicht kümmern. Es waren genug Azrae auf der Party, die ihr vermutlich gern Erleichterung verschaffen würden. Fuck! Damit war Proud eindeutig zu weit gegangen, und Kyle hatte nicht die Absicht, das so einfach hinzunehmen. Entschlossen folgte er seinem Cousin durch die Menge der anderen Gäste und stellte sich ihm schließlich in den Weg, was Proud, der noch immer die Whiskyflasche in der Hand hielt, mit einem genervten Augenrollen quittierte, ehe er die Lider warnend zu schmalen Schlitzen verengte.
   »Willst du schon wieder den Moralapostel spielen, oder was? Das kannst du dir gleich sparen. Du solltest mich besser kennen.«
   »Dich besser kennen? Ich kenne dich gerade überhaupt nicht mehr. Ich dachte, diese Scheiße hätten wir hinter uns. Und jetzt verfällst du wieder in alte Muster? Findest du das angebracht, nach allem, was passiert ist? Du bringst Beth damit in Gefahr, ist dir das klar?«
   »Ja, ja«, gab sich Proud gelangweilt. »Das hast du eben schon mal gesagt. Ich sehe es anders. Je normaler wir uns verhalten, umso weniger Verdacht erregen wir. Es gibt schon genug Gerüchte über tote Cherubim, gesprengte Grigori-Nachtklubs und weiß der Geier was noch. Indem ich das tue, was ich immer getan habe, zerstreue ich jeden Verdacht, dass wir da mit drin hängen, klar? Dadurch erhöhe ich Beth’ Sicherheit, ich gefährde sie nicht.«
   »Und was, wenn doch jemand von den anderen Azrae spürt, was sie ist oder wenn es sich herumgesprochen hat?«
   »Bleib cool, Mann.« Proud war die Gelassenheit in Person. »Nichts spricht sich rum, was mit den Nephilim zu tun hat. Bisher nicht und auch nicht in naher Zukunft. Höchstens bei den Grigori, und die kommen erstens nicht auf meine Partys und haben zweitens momentan ganz andere Sorgen, schließlich hat jemand ein paar Dutzend von deren Oberhäuptern platt gemacht. Und wer war das? Na?«
   Kyle presste die Lippen aufeinander. Die ganze Stadt sprach von dem Gemetzel eines Schnitters, auch wenn sein Name bisher nicht gefallen war. Insofern musste er Proud sogar recht geben, dass diese Party jeden Verdacht gegen sie zerstreute. Dennoch ging sie ihm gegen den Strich und er wollte Proud einen Stich versetzen, weil er ihn so wütend machte.
   »Jedenfalls scheint dir Beth ja nicht halb so viel zu bedeuten, wie du behauptet hast, wenn du sie so einfach austauschen kannst.«
   Es war so albern, das zu sagen, aber er konnte es sich nicht verkneifen. In Prouds dunklen Iriden flackerte es kurz düster. Er spannte die Kiefermuskeln an, doch dann rang er sich ein Lächeln ab.
   »Warum entspannst du dich nicht ein bisschen, holst dir einen Drink und kümmerst dich um Kesha? Dein Mädchen macht im Moment echt ’ne Menge mit und könnte ein bisschen Zuspruch gebrauchen.« Damit hatte er den Spieß eindeutig umgedreht.
   »Kesha ist nicht mein Mädchen«, zischte Kyle. »Beth gehört zu mir.« Er fühlte sich genötigt, dies seinem Cousin gegenüber noch einmal zu betonen.
   Prouds Reaktion fiel anders aus, als Kyle erwartet hätte. Von seiner Lässigkeit war binnen Sekundenbruchteilen nichts mehr zu sehen. Stattdessen lag da ein Glitzern in seinen Augen, das wie eine Warnung wirkte. Er presste die Lippen aufeinander, seine Nasenflügel blähten sich. Offenbar war es nicht das, was er hatte hören wollen. Kyle spannte sich an. Er rechnete fast schon damit, dass Proud ihn angreifen würde, und fühlte zu seinem eigenen Schrecken, wie auch in ihm etwas Dunkles erwachte. Die Bereitschaft zu kämpfen, wenn nötig auch gegen sein Fleisch und Blut, seine Familie. Er würde sie sich nicht wegnehmen lassen, koste es, was es wolle.
   »Ach, fick dich!«, presste Proud hervor und wollte an ihm vorbei. Ehe er darüber nachdenken konnte, stellte sich Kyle ihm in den Weg, obwohl eine derartige Provokation sonst nicht sein Stil war. Schon gar nicht vor so viel Publikum.
   »Streitet ihr etwa schon wieder?«
   Als Beth’ Stimme hinter ihnen erklang, drehten sich Kyle und Proud zu ihr um. Noch immer sah man ihr an, dass sie sich unter all diesen Leuten nicht wohlfühlte, aber sie akzeptierte die Party. Offenbar zogen Prouds Argumente bei ihr tadellos. Warum wohl?
   Kyle hätte Proud das zufriedene Grinsen am liebsten aus dem Gesicht geschlagen, aber damit wäre er wohl wirklich zu weit gegangen. Dass sein Cousin in ihrer Gegenwart so problemlos wieder von Kampf auf Frieden umschalten konnte, schmeckte Kyle nicht. Weil es ihm die eigene Schwäche vor Augen führte, den Schalter nicht mal eben so umlegen zu können.
   »Nein, wir streiten nicht«, wiegelte Proud gönnerhaft ab und klopfte Kyle demonstrativ auf die Schulter. »Wir haben nur eine kleine Meinungsverschiedenheit über die Party. Alles wie in alten Tagen eben.« Er prostete ihnen zu, drehte sich um und ging zu Kesha hinüber, die tatsächlich etwas verloren auf einem der Barhocker saß. Ihre Blicke begegneten sich, Kyle sah das Flackern in ihren Augen, ahnte, woher es rührte und ärgerte sich über sich selbst, ebenso wie über Proud. Doch da Beth gerade vor ihm stand, richtete sich sein Zorn ausgerechnet gegen sie.
   »Teilst du seine Meinung? Meinst du, wir haben Grund zu feiern und dich und Kesha auf dem Silbertablett zu servieren? Wie kannst du all dem hier gelassen zusehen, obwohl du weißt, was passiert? Hat dich die Zeit mit ihm so verändert?«
   Abscheu klang aus seiner Stimme, was Beth sichtlich erschaudern ließ. Er hasste sich dafür, dass er sie angriff, wollte sich am liebsten sofort entschuldigen und sie tröstend in den Arm nehmen, aber dass sie sich auf Prouds Party amüsieren könnte, machte ihn rasend vor Eifersucht.
   »Es ist nur eine Party«, versuchte sie, ihn zu beschwichtigen.
   »Nur eine Party, ja? Der Raum ist voll von Azrae, und du bist eine Nephilim.«
   Jetzt war sie es, die verärgert war. Sie presste die Lippen aufeinander und funkelte ihn zornig an. »Ganz genau, es wimmelt hier von Azrae, und wenn du noch ein paarmal betonst, was ich und Kesha sind, wird es vielleicht auch der Letzte von denen gehört haben, selbst wenn er mit Taubheit und Blindheit geschlagen ist«, giftete sie zu seiner Überraschung zurück.
   Der Hieb saß. Er holte tief Luft, doch die Richtigkeit ihrer Worte war nicht von der Hand zu weisen, darum wechselte er die Taktik. »Du weißt, was mit den Menschen hier passiert? Als du das erste Mal hier warst, hat es dich angeekelt. Da hat es dir Angst gemacht.« Er hat dir Angst gemacht, wollte er eigentlich sagen. Eine leise Stimme in seinem Inneren sagte ihm, dass sie es auch genauso verstand.
   »Als ich das erste Mal hier war, sind wir zusammen im Bett gelandet«, erinnerte sie ihn. »Und im Gegensatz zu mir, wusstest du genau, was du tust und dass ich vom Vampirblut berauscht war. Proud hat recht, du spielst den Moralapostel, dabei …«
   »Sag es nicht«, warnte er sie. Er würde sich auf keinen Fall mit seinem Cousin vergleichen lassen. Was war nur in sie gefahren? In sie alle? Das konnte doch nur ein übler Traum sein.
   »Beth! Wie schön, dich wiederzusehen.« Lloyd bahnte sich seinen Weg durch die Menge und umarmte sie herzlich, ehe er Kyle auf die Schulter klopfte.
   Innerlich verdrehte Kyle die Augen. So sehr er Lloyd und seine Arbeit für Ärzte ohne Grenzen auch schätzte, er hatte absolut keinen Nerv für Small Talk. Außerdem war jeder Azrae in Beth’ Nähe eine Bedrohung, die er nicht hinzunehmen gedachte, nur blieb ihm im Augenblick keine Wahl. Beth schien froh, dass er die Diskussion genau im richtigen Moment unterbrochen hatte.
   Ihr Freund ließ den Blick durch den Raum schweifen und nickte anerkennend. »Also ich habe fast schon geglaubt, Proud hätte diesem lasterhaften Treiben endgültig abgeschworen und wäre monogam geworden, weil du ihn zur Vernunft gebracht hast, aber ich hätte es besser wissen müssen. Wenn kein Kyle hier ist, um sich darüber aufzuregen, macht es unserem Heißsporn einfach keinen Spaß, sich der Sünde hinzugeben.«
   Er lachte, Beth indes schauderte. So ganz kalt ließ sie das Treiben hier also doch nicht, stellte Kyle mit Genugtuung fest. Machte sie bloß gute Miene zum bösen Spiel? Warum? Um Proud zu gefallen? Der Gedanke trieb den Stachel der Eifersucht noch tiefer in sein Fleisch.
   Lloyd bemerkte nichts davon, sondern strahlte über das ganze Gesicht. »Es tut jedenfalls gut, dich zu sehen, Kumpel. Du warst diesmal so lange weg wie noch nie, und bei all diesen Gerüchten über einen plötzlich aufgetauchten Schnitter, hatte ich bei deiner Vergangenheit ernsthaft Sorge.«
   »Das kann ich mir vorstellen. Aber das war völlig unbegründet«, beruhigte Kyle ihn. »Proud und ich hatten nur eine … heftigere Meinungsverschiedenheit als üblich.« Er konnte nicht verhindern, dass er Beth dabei mit einem eindringlichen Blick bedachte, der sie schuldbewusst den Kopf senken ließ.
   »Ja, ihr zwei seid schon immer wie Hund und Katz gewesen, aber wenn es drauf ankommt, haltet ihr zusammen wie Pech und Schwefel. Ich hoffe, jetzt ist alles wieder eingerenkt. Ich bin froh, dass sich dieses Schnittergerede inzwischen verloren hat und offenbar genauso eine bewusst gestreute Finte war wie das Gerücht über die Ankunft der Nephilim. Diese Grigori schrecken echt vor nichts zurück. Wenn du mich fragst, sollte man demjenigen einen Orden verleihen, der diesen dubiosen Klub plattgemacht hat.«
   Beth zuckte unvermittelt zusammen und auch Kyle fühlte, wie das Misstrauen in ihm wuchs. Tat Lloyd das absichtlich? Wollte er sie alle auf die Probe stellen oder war er wirklich ahnungslos. Verdammt, es war zum Verrücktwerden, wenn man nicht wusste, wem man noch trauen konnte.
   Er rang sich ein schiefes Grinsen ab und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ja, ja, die Nephilim. Die Gerüchte kommen immer wieder auf. Irgendwann werden sie kommen, so viel steht fest.«
   »Sagen die Grigori. Oder die Seraphim. Oder wer auch immer. Mich interessiert das alles einen Scheiß. Ich hab mich an mein Leben hier gewöhnt und damit abgefunden, dass es irgendwann zu Ende gehen muss und ich im Nirgendwo verschwinden werde. Auf jeden Fall ist es diesmal genauso leeres Gewäsch wie jedes Mal. Die Wächter machen sich mit dieser idiotischen Hoffnung doch bloß selbst froh. Mal ehrlich, nach allem, was man sich erzählt, würden wir merken, wenn diese Halbvampire unter uns wären, oder? Das würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten, so was kann man nicht geheim halten. Also solange es nur immer wieder mal Gerüchte gibt, kratzt mich das alles nicht. Ich hab weiß Gott Wichtigeres zu tun, als mich mit diesen mystischen Prophezeiungen herumzuschlagen, die uns sowieso bloß eine lange Nase machen sollen. Die Seraphim lachen sich vermutlich tot darüber, dass sich ihre Brüder hier auf der Erde gegenseitig an die Gurgel gehen. Wenn du mich fragst, war das von Anfang an ihr Plan, damit sie das Paradies für sich haben. Als ob noch irgendwer dorthin wollte, nachdem sie sich dort breitgemacht haben.«

Kapitel 3

Bilder zuckten vor Logans geistigem Auge vorbei. Des – in zwei Teile geschnitten. Ein Schatten, das Seraphenschwert – brennender Schmerz. Er konnte ihn noch immer fühlen. Er fraß sich quälend langsam durch seine Eingeweide, als hätte er alle Zeit der Welt, um ihn zu töten.
   Kadira! Ich muss sie warnen. Kadira muss … in Sicherheit … Emily …
   Eine neue Welle spülte über ihn hinweg und ließ ihn die Zähne so fest aufeinanderbeißen, dass er glaubte, sein Kiefer werde brechen. Es wurde nicht besser, sondern immer schlimmer, je länger er hier lag. War er überhaupt noch bei dieser improvisierten Zuchtanlage? Oder war sein Körper längst vergangenen und es war allein seine Seele, der dieses Martyrium widerfuhr? Die Vorstellung war erschreckend, denn wenn es so war, konnten die Qualen Jahrtausende andauern.
   Manchmal glaubte er, sein Fleisch von den Knochen fallen zu spüren. Zum Nachsehen fehlte ihm der Mut. Außerdem würde er vermutlich ohnehin nichts sehen, denn seine Welt bestand nur noch aus Schwärze, seit die Klinge in sein Fleisch gedrungen war.
   Des – Des – Des. Warum hatte er das getan? Warum hatte er ihn verraten? Hatte er das überhaupt? War da nicht etwas gewesen, das er ihm sagen wollte, ehe die Klinge niederfuhr? Logan klammerte sich an diese Fragen, weil sie ihn von den Qualen ablenkten. Die Fegefeuer konnten nicht grausamer sein. Er hatte ihm immer vertraut, Des war wie ein Sohn für ihn gewesen.
   Genau. Und wie dein Sohn hat auch er dich verraten.
   Er presste die Lippen aufeinander, falls er überhaupt noch welche hatte, denn sein Körper fühlte sich verbrannt an, und schüttelte den Kopf. Des war nicht wie Kreon. Kreon hatte sich schon immer mit den falschen Leuten eingelassen. Ohne Kyle und Proud wäre er bereits vor Jahren draufgegangen. Es wäre besser so gewesen, aber ein Vater konnte den eigenen Sohn nicht sterben lassen.
   Nur für manche zählt das eigen Fleisch und Blut eben nicht.
   Für ihn zählte es. Wenn es in seiner Macht gelegen hätte, wäre Kreon nicht gestorben, obwohl er den Tod verdient hatte. Er hätte auch Des nicht sterben lassen. Wenn er die Chance bekommen hätte, sich zu erklären. Es gab doch sicher einen Grund. Es musste einen Grund geben. Er wollte es verstehen. Selbst jetzt noch wollte er es verstehen, obwohl es in seiner Welt keine Rolle mehr spielte …
   Ein weiterer Schwall sengender Glut trieb in einer Welle durch ihn hindurch, ließ ihn aufkeuchen und Galle schmecken, die so ätzend war, dass es ihm Rachen und Zunge verbrannte. Wann würde das ein Ende nehmen? Wann wäre er endlich tot?
   Etwas Kaltes berührte ihn, Logan zuckte zusammen, als der Schmerz zu neuen Höhen anschwoll, ehe er in Kaskaden an ihm hinunterperle und schließlich … verebbte. Was war das? War es jetzt so weit? Kam das Licht oder die Finsternis auf ihn zu?
   Erneut strich diese merkwürdige Kälte über ihn hinweg, er glaubte, Wasser zu spüren. Wasser, das durch die geschundenen Zellen in seinen Körper sickerte und ihn heilte. Konnte das sein? Heilung von der Wunde einer Seraphenklinge? Er nahm all seinen Mut zusammen, wollte wissen, wie schlimm er verletzt war, abschätzen, wie viel Zeit ihm noch blieb. Mit letzter Kraft, versuchte er, seine Hand zu heben, doch es misslang. Etwas hielt ihn fest.
   »Nicht!« Es war die Stimme einer Frau. Eine äußerst sanfte Stimme, aus der große Sorge klang.
   Gott, ich muss wirklich Scheiße aussehen. Fast hätte er darüber lachen können, dass ihm solch ein Gedanke kam, wenn es nur nicht so wehgetan hätte. Er versuchte etwas anderes und öffnete die Augen. Nur einen Spalt, mehr war nicht drin. Zu vernarbt waren seine Lider. Brandblasen zerplatzten, als sich die Haut spannte. Die Flüssigkeit, die ihm sogleich in die Augen rann, brannte wie Essig. Dennoch konnte er schemenhaft jemanden erkennen. Eine schlanke Gestalt mit langen, dunklen Haaren. Braun oder rot, das war schwer auszumachen. Engel oder Teufel?
   »Wer … bist du …?«
   Der Versuch zu sprechen, wurde mit einem heftigen Hustenanfall geahndet, der die frisch verheilten Wunden in seiner Kehle wieder aufreißen ließ. Am liebsten hätte er geschrien, doch er wusste, das würde es noch schlimmer machen. Die Pein raubte ihm beinahe schon wieder den Verstand. Sein Körper spannte sich, weil die Muskeln sich verkrampften im verzweifelten Versuch, der Agonie zu entkommen. Jetzt spürte er auch deutlich, was ihn hielt. Riemen. Geflochtene Riemen mit Ornamenten darin. Er konnte die Zeichen vor seinem geistigen Auge sehen und erschauderte. Nicht schon wieder diese Scheiße! Warum immer er?
   »Scht!«, sagte sie leise. »Nicht sprechen. Noch nicht. Du warst schwer verletzt. Ich kümmere mich um dich. Doch deine Wunden heilen langsam. Es braucht Zeit.«
   Sie lächelte besänftigend. Er ahnte dieses Lächeln mehr, als dass er es sah. Logan spürte, dass sie recht hatte. Sein Körper war zerschlagen, zerfetzt. Er erinnerte sich genau an die Wucht, mit der die Waffe ihn getroffen und an die Wand des Gebäudes geschleudert hatte. An den reißenden Schmerz, das flüssige Feuer, die Vorstellung, dass ihm die Haut bei lebendigem Leib vom Körper gezogen wurde und jemand Spiritus über das blanke Fleisch goss. Es hatte Ewigkeiten gedauert, bis die gnädige Dunkelheit des Vergessens ihn übermannt hatte. Viel zu schnell war sie wieder gewichen, und seitdem litt er an der Schwelle zwischen Leben und Tod, fühlte sich wie ein Sünder über dem Fegefeuer und sehnte den Moment herbei, in dem sich seine Seele endgültig auflöste. Und jetzt das. Runen – Magie – ein weiterer Zauber, der wie ein Ring um seine Kehle lag und ihn zu jemandes Sklaven machte. Verdammte Scheiße! Dieser Bastard von einem Djin hätte den Schnitt besser wählen sollen, dann hätte er es wenigstens hinter sich.
   »Wer … bist du?«, wiederholte er die Frage, obwohl er die Antwort bereits zu kennen glaubte. Er presste die Augen wieder ein wenig zusammen, versuchte, den Blick zu fokussieren und wurde mit einem klareren Bild belohnt. Noch immer verschwommen, diffus, wie durch Nebelschwaden gefiltert, aber einzelne Details stachen gleich Lichtblitzen hervor, verschwanden, kehrten zurück, verharrten zitternd und lösten sich doch wieder auf. Er konnte sie nicht greifen, wusste nicht, ob es nur Trugbilder waren. Zumindest konnte er sich daran festhalten, um nicht in die Schwärze zurückzufallen. Davor fürchtete er sich gerade fast noch mehr als vor den Schmerzen.
   Sie schüttelte tadelnd den Kopf, dass er entgegen ihrer Warnung doch wieder sprach. »Du solltest schlafen. Das Sprechen strengt dich zu sehr an.«
   Er wollte protestieren. Traute ihr nicht. Es brauchte nicht viel für einen wie ihn, um zu erkennen, mit wem er es zu tun hatte. Sie war eine Strigoi. Eine mächtige noch dazu. Eine Stimme flüsterte ihm zu, dass er Grund hatte, sich vor ihr zu fürchten, auch wenn sie ihm freundlich gesonnen schien. Strigoi waren trügerisch. Sie dienten allein den Höllenengeln.
   Als hätte sie seine Gedanken gelesen, wurde der Ausdruck in ihren wunderschönen smaragdgrünen Augen gleichsam bedauernd wie kalt, während sie sich zu ihm beugte und ihm ins Gesicht sah. Sie tat, was sie tun musste. Genau wie er hatte sie keine Wahl.
   Langsam öffnete sie ihre geschlossene Hand vor seinem Gesicht. Als sie sanft darüber blies, hüllte ihn ein weißer glitzernder Nebel ein, der ihn Sekundenbruchteile später in den Schlaf hineinzog. Diesmal jedoch dort, wo es keine Schmerzen mehr gab.

*

Mit jedem Wort von Lloyd nahm der Schwindel in Beth’ Kopf zu. Ihre Nerven waren sowieso schon zum Zerreißen gespannt. Sie hatte von Anfang an gewusst, dass Kyle wütend sein würde, wenn Proud eine Party gab, doch die finstere Energie, die von ihm ausging, erschreckte sie. Das war nicht nur Wut, das war viel mehr. Sie spürte, dass er innerlich kochte und sich liebend gern mit Proud angelegt hätte, statt wie früher einfach mit einem Spruch darüber hinwegzusehen. Es war nicht länger zu ignorieren: Kyle war nicht mehr derselbe, seit er zurückgekehrt war. Es war nicht nur sein Äußeres, obwohl sich auch das verändert hatte. Kyle war hagerer geworden, im Gegenzug dazu schienen seine Muskeln kräftiger und definierter geworden zu sein. Er stand in diesem Punkt Proud in nichts mehr nach. Sein Gesicht war kantiger, und in seinen Augen lag beständig dieses unruhige, wilde Flackern, das Beth zuweilen ängstigte. Der früher so besonnene Kyle, der ihr ein Fels in der Brandung gewesen war, hatte sich in einen Mann gewandelt, der unaufhörlich gehetzt wirkte. Als tobte der Dämon noch immer tief in seinem Inneren, und vielleicht war es auch so. Was wusste sie schon von diesem Heilmittel? Sie hatten nicht einmal eine Ahnung, woher es gekommen war. Manchmal hatte sie das Gefühl, ein Teil des Schnitters wäre noch immer lebendig, trieb ihn an wie eine unsichtbare Macht, ließ ihn ruhelos und reizbar sein. Er fuhr nächtelang mit Logans Motorrad durch die Gegend, auf das er wortlos Anspruch erhoben hatte, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Proud hatte es ihm widerspruchslos überlassen. Wenn Kyle zurückkam, erklärte er mit keinem Wort, wo er gewesen war oder was er getan hatte. Sie fragte nicht und Proud ebenso wenig. Vermutlich wollten sie es lieber nicht wissen, aber diese Geheimniskrämerei setzte ihr zu. Verletzte sie. Früher hatte er nicht diese Geheimnisse vor ihr gehabt. Sie ertappte sich immer wieder dabei, dass sie Angst vor Kyle empfand, wenn er seinen Gedanken nachhing und eine Finsternis in seinen Augen lag, die sie nie zuvor an ihm gesehen hatte. Auch jetzt, wo der Zorn in seinem Herzen loderte und er ihn mühsam unterdrückte, weil sein Verstand sagte, dass es falsch war. Nur … wie lange würde sein Verstand die Oberhand über seine Gefühle behalten?
   Auch sie sah es mit gemischten Emotionen, dass Proud wieder zu seinem alten Leben zurückkehrte. Im Gegensatz zu Kyle machte sie sich weniger Sorgen darum, enttarnt zu werden. Dafür wussten sie inzwischen zu viel. Doch es tat weh, ihn mit anderen Frauen zu sehen. Wie er mit ihnen tanzte, flirtete, sie berührte und küsste. Der Gedanken, was er später in der Nacht mit ihnen tun würde, nachdem das Blut in den Drinks sie willenlos gemacht hatte. Sie wusste, sie sollte nicht so empfinden, weil sie keinen Anspruch mehr auf ihn erheben durfte. Sie hatte sich für Kyle entschieden. Hatte sie das wirklich? Es war nie bewusst zur Sprache gekommen. Kyle war zurückgekehrt, und Proud hatte das Feld geräumt. Sie hatte es hingenommen und fragte sich ein ums andere Mal, ob das richtig von ihr gewesen war. Kyle war ein anderer, auch wenn sie ihn noch immer liebte. Nur vielleicht hatte sich ihre Liebe zu ihm mit der Zeit verändert. Ihre Liebe zu Proud hatte es ganz bestimmt.
   Die Party heute Abend war vor allem eine Probe. Für ihre Nerven, aber darum hatte Proud sie nicht angezettelt. Er wollte wissen, wo sie standen. Wie sicher sie und Kesha wirklich waren. Ob sie weiter auf der Hut bleiben mussten, oder es besser war, das Leben so selbstverständlich wie nur möglich weiterzuleben, um keine unerwünschte Aufmerksamkeit zu erzeugen. Keine Fragen aufkommen zu lassen. Also hatte Proud seine Türen ein weiteres Mal für eine seiner legendären Partys geöffnet, die er auch in vollen Zügen genoss.
   Es sollte Beth erleichtern, dass ihr Plan aufging. Dass gerade Lloyd, der ihnen nahestand, tatsächlich so wenig an das Gerede glaubte und keinerlei Ahnung davon zu haben schien, dass er sich mit zwei Nephilim in einem Raum befand. Aber das tat es nicht. Eine leise Stimme flüsterte ihr zu, dass etwas hier nicht stimmte. Es war nicht Lloyd, nicht das Gefühl, dass er ihnen nur etwas vormachte, oder einer der anderen Azrae, die heute Abend schon mit ihr oder Kesha geplaudert hatten und sie als nichts anderes denn als Menschen wahrgenommen hatten, die dem Charme der beiden McLean-Vettern verfallen waren. Aber was war es dann, das sie so nervös machte?
   »Wir können uns Gedanken darum machen, wenn es so weit ist«, sagte Kyle gerade und legte demonstrativ seinen Arm um ihre Schulter, was Lloyd kurz die Stirn runzeln ließ. Sicher, er war bisher davon ausgegangen, dass sie Prouds Mädchen war. Dann spielte plötzlich ein wissendes Lächeln um seine Lippen, als ihm klar wurde, dass sie wohl der Grund für den Zwist der beiden Cousins gewesen war. Erschreckend, wie viel Wahrheit darin lag, obwohl es eigentlich um etwas ganz anderes ging. Als sie den Kopf hob, bemerkte sie, dass Proud in ihre Richtung blickte. Seine Lippen nur ein schmaler Strich, in seinen Augen tanzte eine Mischung aus Zorn und Schmerz.
   Oh, Proud, es tut mir so leid.
   War das die Andeutung eines Lächelns in seinen Mundwinkeln? Hatte er ihre Worte gehört? Er hatte schon immer ihre Gedanken gelesen. Kyle nicht. Er respektierte sie. Oder vermochte er es womöglich nicht? Wieder kamen Beth Logans Worte in den Sinn. Proud ist die bessere Wahl. War ihr Band enger? Ihre widersprüchlichen Gefühle für beide Männer setzten ihr mehr und mehr zu. Wenn nur Logan noch da wäre. Doch der Cherub war spurlos verschwunden.
   Lloyd verabschiedete sich und wandte sich Proud zu. Kyle blickte ihm misstrauisch nach.
   »Er hat mich auch bei unserem ersten Aufeinandertreffen nicht erkannt«, versuchte sie, ihn zu beruhigen.
   »Das will nichts heißen. Vielleicht spielt er auch nur gut.«
   Sie holte tief Luft. »Ich habe auch Angst, aber denkst du, es bringt uns weiter, wenn wir allem und jedem misstrauen? Denk daran, was wir bisher erfahren haben. Wir brauchen weitere Azrae, so wie wir auch weitere Nephilim brauchen.«
   »Und Cherubim und Grigori und Sonnensteindolche und diesen gottverdammten Uriel mit seiner Strigoi. Wenn du mich fragst, brauchen wir nichts davon. Vielleicht sollten wir das alles einfach hinter uns lassen, weggehen und diese Scheiß Prophezeiung jemand anderem überlassen.«
   Ihn so zu sehen, tat unsagbar weh. Er war verzweifelt, und ein weiteres Mal fragte sich Beth, was er wohl durchgemacht hatte. Wenn er nur mit ihr darüber reden würde … Doch die Einzige, die diesen Teil von ihm berühren durfte, war Kesha, weil sie ihn mit ihm geteilt hatte. Er war eifersüchtig? Wo er sie selbst in Prouds Hände gegeben hatte. Was sollte sie dann sagen? Doch im Gegensatz zu ihm, konnte sie verstehen, warum. Sie hatte begriffen, was Angst, Verzweiflung und Einsamkeit bewirken konnten. Nur, dass es allein dies gewesen war, was sie in Prouds Arme getrieben hatte, das machte sie sich längst nicht mehr vor. Es hätte all dem nicht bedurft, er allein genügte und die Anziehungskraft, die zwischen ihnen herrschte.
   Unwillkürlich glitt ihr Blick zu ihm und Kesha. Lloyd war bereits weitergegangen, und die beiden hatten sich auf die Tanzfläche gewagt. Ihr Anblick war wie ein Dolch in Beth’ Herz. Sie wusste, sie sollte diese Gefühle nicht haben. Nicht jetzt, wo Kyle zurück war. Doch sie konnte es nicht verhindern. Sie sah, wie Proud mit Kesha tanzte – sie berührte, streichelte – und glaubte, seine Hände auf ihrer eigenen Haut zu spüren. Es löste ein sehnsuchtsvolles Prickeln in ihr aus, eine tiefe Verzweiflung, weil es so verboten war wie der Apfel im Garten Eden. Und weil sie damit dem Mann, der alles für sie geopfert hatte, unrecht tat. Beiden Männern. Vielleicht wäre es besser, sie beide loszulassen. Ihnen die Chance zu geben, jemanden zu finden, der sie auch verdient hatte. Aber das konnte sie nicht.
   Gott, es war einfach eine Tatsache, dass sie beide liebte, sich beiden verbunden fühlte. Egal, welche Wahl sie traf, es blieb immer das Gefühl, es wäre die falsche, weil sie wusste, dass sie einen damit verletzte. Doch beide zu wählen, war ebenso unvorstellbar und noch weniger fair, weder Proud noch Kyle gegenüber. Sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte, was das Richtige war. Auch im Hinblick auf diese Prophezeiung, von der sie noch immer viel zu wenig wusste.
   Und wenn sich herausstellt, dass wirklich Proud die bessere Wahl ist? Was werde ich dann tun? Durfte sie dann überhaupt noch ihre Entscheidung revidieren?
   Egal, wie du dich entscheidest, ich werde immer für dich da sein.
   Prouds Versprechen machte es nicht leichter, sondern nur ungleich schwerer. Ihr Leben wurde immer komplizierter. Für einen Moment war Kyles Vorschlag, einfach wegzulaufen, verlockend wie nie. Es hätte nur nichts geändert. Sie würde immer eine Nephilim sein – würde immer die Nephilim sein. Auch wenn sie nach wie vor nicht begriff, was sie so besonders machte. Egal, wohin sie ging. Die Grigori würden sie finden, die Prophezeiung ließ sich nicht aufhalten.
   »Lass uns nach oben gehen, ja?«, bat sie Kyle. Es würde ihn versöhnlich stimmen, wenn sie nicht länger auf der Party blieb. Es verhinderte, dass er und Proud doch noch in Streit miteinander gerieten und den Gästen mehr preisgaben, als gut für sie alle war. Vor allem aber erlöste es sie davon, zusehen zu müssen, wie sich Proud und Kesha näher kamen. Auch die beiden suchten einen Ausweg. Es war nicht so, dass Beth nicht längst begriffen hätte, wie viel Kesha für Kyle empfand. Vielleicht hätte sie ihn aufgeben sollen. Würde er gehen, wenn sie ihm sagte, dass sie ihn nicht mehr liebte? Oder würde er ihre Lüge durchschauen? Kesha verdiente ihn – mehr als sie selbst. Aber aufgeben konnte sie Kyle nicht, denn sie liebte ihn noch immer wie am ersten Tag.
   Als sich die Tür zu ihrem Schlafzimmer hinter ihnen schloss, atmete Beth auf. Der Lärm der Party drang nur noch gedämpft zu ihnen. Erst jetzt merkte sie, wie angespannt sie gewesen war.
   »Hey. Es ist alles gut.« Kyle stand hinter ihr und legte seine Hände auf ihre Schultern, ließ sie sanft an ihrem Rücken hinabgleiten und an den Armen wieder hinauf. Eine tröstliche Berührung, die Erinnerungen in ihr weckte an eine Zeit, wo sie diese Worte noch geglaubt hätte. »Wenn du willst, beende ich das. Dann wird hier gar nichts mehr stattfinden.«
   »Nein. Lass ihn. Ich verstehe, warum er es tut. Es ist nur …, ich bin noch nie der Mensch für solchen Trubel gewesen.« Ganz im Gegensatz zu Kesha, sie genoss die Aufmerksamkeit offenbar.
   Sie wollte nicht an Kesha denken. Auch nicht an die vielen Leute dort unten oder an Proud. Wenn sie an Proud dachte, brachte das unmittelbar die Frage mit sich, wie er den restlichen Abend und die Nacht verbringen würde. Sicher nicht allein. Sie konnte nicht von ihm erwarten, dass er seine Bedürfnisse zurückschraubte. Trotzdem quälte sie der Gedanke, dass er einer anderen so nah war, wie er ihr gewesen war.
   Und Kyle war Kesha so nah gewesen. Vielleicht war das der Grund, warum sie einfach nicht warm mit ihr wurde.
   Sanft drehte er sie zu sich um und nahm ihr Gesicht in seine Hände, küsste sie auf den Mund, auf die Wangen, ihre Lider. »Ich bin so froh, wieder bei dir zu sein«, flüsterte er.
   Und warum fährst du dann ständig mit dem Motorrad durch die Gegend und lässt mich hier allein?
   »Ich auch«, erwiderte sie, statt ihre Gedanken laut auszusprechen. Sie barg ihr Gesicht an seiner Brust, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen, doch seine Umarmung tat unsagbar gut.
   »Wer auch immer mir das Gegenmittel gegeben hat, wir müssen ihm dankbar sein. Ich hoffe nur, dass die Quittung dafür kein übles Erwachen mit sich bringt.«
   Er hatte davor genauso große Angst wie sie. Vermutlich noch mehr, denn ihn betraf es direkt. Wenn er sie gefragt hätte, ob er das Mittel nehmen sollte, Beth wusste nicht, ob sie ihm dazu geraten hätte, wo so viele Dinge unklar waren. Was es enthielt, von wem es kam, welche Bedingungen daran geknüpft waren. Aber wenn er es nicht genommen hätte, wäre er jetzt nicht bei ihr. Das hatte sie doch all die Wochen gewollt und sich herbeigesehnt, oder nicht?
   Seine Hände auf ihrer Haut fühlten sich gleichermaßen fremd und vertraut an. Vertraut, weil die Empfindungen noch immer dieselben waren und er nach wie vor tief in ihrem Herzen war. Fremd, weil er sich unleugbar verändert hatte und sie spüren konnte, dass er sich um ihretwillen zurückhielt. Sie wollte das nicht. Er sollte nicht zart und behutsam sein. Er sollte sie mit der ganzen Gewalt seiner Leidenschaft überrollen und sie spüren lassen, wohin sie gehörte. So wie Proud es getan hatte. Doch das würde Kyle niemals tun. Egal, wie es in ihm aussah, er hielt sich zurück, weil er glaubte, dass sie diese Rücksicht brauchte. Dabei ahnte er nicht, was er in Wahrheit damit anrichtete.
   Sie verweigerte sich ihm nicht, als er sie zum Bett hinübertrug und sie dort langsam entkleidete. Das Sehnen war da, der Wunsch, von ihm berührt und geliebt zu werden. Geduldig sah sie ihm zu, wie er aus seinen Sachen schlüpfte, ließ ihre Blicke über seinen Körper gleiten, der sehniger geworden war – und narbiger.
   Jedes einzelne Mal seiner unzähligen Kämpfe fuhr sie mit den Fingerspitzen nach und genoss, wie er erschauerte. Kyle schloss die Augen und gab sich ihren Liebkosungen hin. Ihren Fingerspitzen ließ Beth ihre Lippen folgen und schließlich ihre Zunge. Er keuchte, als sie seinen Penis in ihren Mund nahm und sacht an seiner Eichel saugte. Sie nahm ihn tief in sich auf, wollte ihn schmecken, fühlen, wie seine Lust anschwoll und sich in ihr entlud. Seine Finger krallten sich in ihr Haar, was ein wenig wehtat, aber das hielt sie nicht auf. Wenn sie ihn nur dazu brachte, die Kontrolle zu verlieren. Nicht mehr festzuhalten, sondern loszulassen und sie zu einem Teil dessen zu machen, was er geworden war. Seit seiner Rückkehr hatten sie sich oft geliebt, aber diese innere Verbindung von früher wollte sich nicht einstellen, weil sie spürte, dass er einen Teil von sich vor ihr verbarg. Dabei würde sie seine Dunkelheit genauso lieben wie den Rest von ihm. Es spielte keine Rolle, dass er nicht mehr der strahlende, makellose Held war.
   »Beth!«
   Ihr Name rollte heiser aus seiner Kehle hervor und ließ sie das aufreizende Spiel ihres Mundes und ihrer Zunge noch vertiefen. Sie konnte jede Ader des Schaftes zwischen ihren Lippen fühlen, schmeckte das Salz seiner Haut und die Süße seiner Lust, spürte, wie sich die Spannung in den harten Schwellkörpern aufbaute, ehe sie sich entlud. Stöhnend erreichte Kyle den Gipfel, sein Samen füllte ihren Mund.
   Er drehte sich auf die Seite und zog sie in derselben Bewegung zu sich hoch. Presste sie fest an sich, noch zitternd vor Lust.
   »Du verrückte, kleine Hexe«, raunte er an ihrer Kehle und saugte leicht an der empfindsamen Haut.
   Ja, dachte sie. Bitte tu es. Lass mich deine Fänge spüren.
   Sie sehnte nichts mehr herbei, als dass er von ihr trank, weil sie fest davon überzeugt war, dass es die Distanz zwischen ihnen überwinden, diese unsichtbare Mauer, die er errichtet hatte, einreißen würde. Aber wie in allen Nächten zuvor, tat er es auch diesmal nicht. Kyle hatte damals nicht von ihr getrunken, außer in dieser einen ersten Nacht. Und er tat es heute nicht. Sie konnte das nicht verstehen. Warum? Für Proud war dies fast immer ein Teil des Aktes gewesen, sie wusste, was das Trinken von Blut für einen Azrae bedeutete – außerhalb seiner Aufgabe als Todesengel. Doch Kyle versagte es sich. Nur bei ihr? Oder auch bei allen anderen? Die Vorstellung, dass er von Kesha getrunken hatte, machte sie schier wahnsinnig.
   Zärtlich ertastete er die feuchte Hitze ihrer Scham, streichelte sie, bis sie sich unter ihm wand. Sie wollte ihn anschreien, dass er über seinen Schatten springen solle, doch sie schwieg und überließ ihm allein die Entscheidung, wann er dazu bereit war, diesen letzten Schritt zu gehen, der sie wieder vollkommen einen würde. Bis dahin gab sie sich mit dem zufrieden, was er ihr bot. Sie nahm ihn willig in sich auf, ließ sich treiben von den Gefühlen, die seine gleichmäßigen, rhythmischen Stöße ihr bescherten. Sie öffnete ihm ihre Seele und ihre Gedanken, irgendwann würde er hineinblicken. Irgendwann, wenn sie nur geduldig blieb. Erzwingen konnte man so etwas nicht, und was er gab, war noch immer genug, um die Hoffnung in ihr zu nähren, dass er diesen letzten Abgrund zwischen ihnen irgendwann auch wieder überwand.

Kapitel 4

»Wie konntest du das tun?« Thomas Devereaux rannte aufgebracht in Grecos Salon auf und ab. »Du hast den Klub gesprengt. Ich kapier das nicht. Das Ding war eine Goldgrube! Diese notgeilen Idioten haben einen Haufen Geld für die Huren bezahlt. Und von den selbstgefälligen Bastarden haben wir gleich doppelt abkassiert.«
   Die Vorwürfe prallten wirkungslos an Greco ab. »Es war nur eine Frage der Zeit. Man konnte sie nicht ewig hinhalten. Außerdem ging es nie um das Geld, das wusstest du. Der Plan sah von Anfang an vor, sie in eine Falle zu locken und auszulöschen. Was denkst du wohl, weshalb ich sonst diese beiden Trottel engagiert habe.«
   Diego und Kelvin waren im Augenblick auf sein Anraten hin untergetaucht. Nur für den Fall, dass man sie als Täter überführte. Er grinste in sich hinein, denn man würde sie als Täter überführen und zu Tode hetzen. Dafür würde er in Kürze sorgen. Die Wut in den Familien war groß, sie wollten einen Schuldigen, den sie richten konnten. Die beiden waren das perfekte Bauernopfer.
   »Es hätte nicht gleich der gesamte Klub in die Luft fliegen müssen. So was kann man anders lösen. Und mit mehr Spaß dabei. Das hier war ein viel zu leichter Tod. Kurz und schmerzlos zur Hölle geschickt, ohne mit mir vorher zu reden. Das war nicht vereinbart. Wo bleibt meine Rache für diese überheblichen Heuchler? Warum hast du mir nicht gesagt, was du vorhast? Ich dachte, wir wären Partner. Wenn du sie mir überlassen hättest …, einen nach dem anderen. Ich hätte ihnen schon beigebracht, was es heißt, sich mit uns anzulegen. Mit einem Devereaux.«
   Greco winkte ab. »Beruhige dich. So leicht war ihr Tod nicht, wie du denkst. Die Explosion hat lediglich die Spuren verwischt, nachdem der Schnitter mit ihnen fertig war.«
   Thomas blieb stehen und wirbelte herum. »Wenn er nicht gekommen wäre, hättest du sie mit den Bomben getötet.«
   »Ja!« Warum sollte er um den heißen Brei reden? »Aber das Wie spielt doch nur eine untergeordnete Rolle. Das Ergebnis zählt. Sie sind tot, also freu dich, dass du Genugtuung bekommen hast.«
   Devereaux schnaubte. »Genugtuung nennst du das? Jeder Sieg schmeckt schal, wenn man ihn nicht auskosten kann. Und diese verdammten McLeans sind noch am Leben. Dabei haben sie den Tod noch mehr verdient als diese Verräter. Gott, ich hasse sie. Warum darf ich ihnen nicht endlich heimzahlen, was sie mir und meiner Familie angetan haben? Ich bin es nicht gewohnt, dass man mich so an die Kette legt.«
   Greco konnte über so viel Ungestüm nur den Kopf schütteln. Eine Menge Worte, aber nur wenig Hirn. Offenbar hatte er den jungen Devereaux überschätzt. Trotzdem war er von den dreien nun mal der Geeignetste. Ein paar Kompromisse musste man zuweilen eingehen, das würde er schon noch handhaben. Er konnte schließlich schlecht Samuel bitten, aber ohne Grigori würde es nicht funktionieren. Und letztlich war auch eine gewisse Blutlinie zu beachten. Da waren die Alternativen sehr begrenzt.
   »Haben wir wenigstens die Frauen noch? Wo sind sie? In der Fabrikhalle ist keine Spur mehr.«
   Überrascht hob Greco eine Braue. »Du kontrollierst mich?«
   Thomas lachte höhnisch. »Ich bin vorsichtig. Das hat mir schon mal den Hals gerettet. Also, wo sind sie?«
   »An einem sicheren Ort«, erklärte Greco. Dass dieser nicht seiner Kontrolle unterstand, musste er ihm ja nicht sagen. »Beruhige dich und lass den Dingen die nötige Zeit. Rache ist ein Fehler der Ungeduld, mein Freund«, belehrte er den Heißsporn. »Vergeltung erfordert Planung. Das sollte dir mein Schachzug eigentlich gezeigt haben, den ich von langer Hand – und ohne dein Wissen; wohlweißlich – vorbereitet habe. Worüber bist du so erbost? Sie sind alle tot, auf einen Schlag. Ohne dass irgendwer die Spuren zu uns zurückverfolgen könnte. Wenn überhaupt jemand Spuren findet, dann wird man Diego und Kelvin dafür verantwortlich machen. Und die beiden sind entbehrlich. Sollen sich die anderen Familien ruhig um die beiden kümmern, das erspart uns Mühe und verschafft uns ein weiteres Quäntchen Zeit, das wir gut nutzen können. Mit etwas Glück wird es sogar dank des unverhofften Erscheinens eines Schnitters überhaupt keine Spurensuche geben, weil es praktisch auf der Hand liegt, wer dafür verantwortlich zeichnet. Letztlich kommt es doch nur darauf an, Hindernisse aus dem Weg zu räumen, und zwar so gründlich, dass man sich nicht sorgen muss, über die Trümmer zu stolpern. Weißt du, ich habe dich für klüger gehalten. Dachte, du verfügst über mehr Weitsicht als die Brut der beiden anderen Verräter. Sollte ich mich etwa getäuscht haben? Das wäre bedauerlich.«
   Für Devereaux noch mehr wie für ihn. Der Bursche sollte vorsichtig sein, denn bei allem Humor nervte es ihn allmählich, dass es offenbar mehr Stümper gab als brauchbare Verbündete.
   »Es passt mir einfach nicht, wenn mir die Pläne vorenthalten werden. Außerdem war das verschwendete Mühe, um diese Idioten hätte sich der Schnitter sowieso gekümmert. Hat er ja auch, und das war zu erwarten, nachdem er in Phoenix schon gut angefangen hatte. Es wäre besser gewesen, wenn er es nicht hier getan hätte, sondern in ihren Häusern, mit ihren gesamten Familien. Jetzt ist der Großteil der Familien noch am Leben, der Klub für uns verloren, und wir fangen wieder von vorn an.«
   Oh, dieser Dummkopf. Es missfiel Greco, diesem Einfaltspinsel alles zu erklären wie einem nörgelnden Kleinkind. Er sah ohnehin nicht ein, ihn gänzlich in seine Pläne einzuweihen. Das wäre nun doch zu viel verlangt gewesen, aber die ganze Familie neigte ja zur Selbstüberschätzung. Ein Glück, dass dies bald ein Ende nehmen würde und sich Greco, wenn alles nach Plan lief, auf Verbündete verlassen konnte, die diesen Namen auch verdienten. Zunächst konnte er auf Thomas noch nicht verzichten, die Alternativen waren eher rar gesät.
   »Auf den Schnitter würde ich an deiner Stelle in Zukunft nicht mehr zählen. Kyle McLean ist kein Schnitter mehr, dafür habe ich gesorgt.«
   Thomas verlor gänzlich die Fassung. Er starrte Greco an, als hätte dieser den Verstand verloren. »Du hast was? Warum hast du das getan, verdammt?«
   Vielleicht, um zu verhindern, dass er dir die Gurgel herausreißt, wenn du in deinem Größenwahn auf ihn losgehst, um deine deplatzierten Rachegelüste zu stillen. Greco schluckte die Worte hinunter. »Wie ich schon sagte, ich habe etwas mehr Weitsicht erwartet. Wir brauchen Kyle, also musst du deine Rachegelüste zurückstellen. Ich hatte meine Gründe, ihn zu erlösen, doch er steht unter Beobachtung. Einige meiner Leute haben ein Auge auf ihn. So stelle ich sicher, dass er uns nicht in die Quere kommt, bis wir ihn brauchen. Wenn es so weit ist, gehe ich ohnehin davon aus, dass er sich bereitwillig auf unsere Seite stellt, das muss man nur behutsam und sehr geduldig einfädeln. So etwas erfordert Geschick. Also sieh zu und lerne. Weißt du, Verrat macht sich nicht bezahlt, dafür werden einige ihre Quittung noch bekommen, worauf ich mich schon heute freue. Was die von dir so gehassten Grigori-Familien angeht …, die sind eine Weile beschäftigt, nachdem ihre Oberhäupter vernichtet sind. Zumal einige von ihnen keine direkten Nachkommen hatten. Die Ehefrauen, Tanten, Onkel, Nichten, Neffen interessieren mich nicht, weil sie uns nicht gefährlich werden können. Das verschafft uns Zeit. Die werden wir nutzen. Mit dir an meiner Seite, wenn du willst. Allerdings, ich bin nicht auf dich angewiesen, dessen solltest du dir bewusst sein. Also spielen wir nach meinen Regeln oder gar nicht. Ist das klar?«
   Der Ärger auf Thomas Gesicht war nicht zu übersehen. Sekundenlang hielt er Grecos fragendem Blick stand, bis er schließlich nickte. »Also gut. Aber ich würde es vorziehen, nicht im Dunkeln zu tappen, wenn du irgendwas planst. Vor allem würde mich interessieren, wofür du diesen McLean-Teufel brauchst.«
   Greco konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. »Oh, Thomas. Der Teufel heißt bei den McLeans eher Proud. Und genau aus diesem Grund brauchen wir Kyle. Er ist unsere Versicherung – gegen … den Teufel.«

*

Proud starrte reglos in die Nacht hinaus, er fühlte sich ohnehin wie eingefroren. Nur in seinen Augen hätte ein guter Beobachter womöglich sehen können, welches Chaos an Gedanken hinter seiner Stirn herrschte, von den Gefühlen in seiner Brust ganz zu schweigen. Dass er jemals wieder sein Herz verlieren könnte … Warum nur immer an dieselbe Frau wie Kyle? Es war nicht beabsichtigt gewesen – damals so wenig wie heute, aber es war passiert. Er hätte gern darauf verzichtet, dass sie sich ins Gehege kamen, vor allem, dass sich erneut dieser Zwist zwischen ihnen aufbaute, aber das lag nicht mehr in seiner Hand. Im Moment übte er sich in Schadensbegrenzung und in Rückzug, doch wie lange er das noch durchhielt, wusste er selbst nicht.
   Verdammt, was erwartete Kyle von ihm? Dass er ab sofort enthaltsam lebte, weil er die Frau, die er begehrte, nicht mehr berühren durfte? Das konnte nicht sein Ernst sein. Er hatte das Feld geräumt, versuchte sich anderweitig zu amüsieren, aber selbst das warf er ihm vor. Es durfte ihm wohl kaum lieber sein, wenn er sein Verlangen dort stillte, wo es seinen Ursprung nahm.
   Von unten drang der Lärm der Party zu ihm herauf – seiner Party, die er kaum noch ertragen konnte. Er war nicht mehr derselbe, egal, wie sehr er versuchte, in die alten Gewohnheiten zurückzukehren. Unmöglich, einfach so zu tun, als wäre nichts passiert, wieder der sorglose Lebemann zu werden, für den alles nur aus Spaß, Sex und Alkohol bestand. Er hatte es versucht, er würde es weiter versuchen, und zwar aus gutem Grund, doch es quälte ihn mehr, als dass es ihm Freude und Genuss bescherte. Aber die Gründe, die er Kyle genannt hatte, waren nicht bloß dahergesagt. Einige ihrer Freunde hatten tatsächlich angefangen, sich zu wundern, als monatelang die Partys ausblieben. Das, zusammen mit den Gerüchten über Schnitter und Nephilim, hatte Fragen aufgeworfen. Nach der Rückkehr aus Venedig war ihm einiges zu Ohren gekommen. Besser sie steuerten schnell gegen und zerstreuten alle Zweifel und Vermutungen. Dass Kyle nicht begeistert war, konnte er noch verstehen, dass er aber nicht einsehen wollte, warum Proud zu den alten Gepflogenheiten zurückkehrte und ihm sogar unterstellte, er würde sich recht schnell über Beth hinwegtrösten, verletzte ihn tief.
   Natürlich hatte Proud gehofft, dass ihn die Party und die Mädchen auch von seiner Sehnsucht nach Beth ablenken würden, doch das war nicht geschehen. Es wäre auch nicht geschehen, wenn sie der Party ferngeblieben wäre. Sie war einfach immer in seinem Kopf – nein: Sie war in seinem Herz. Sie hatte seine Seele berührt und die Spuren, die sie dort hinterlassen hatte, würden nie mehr vergehen.
   Das Auftauchen der Nephilim hatte alles verändert. Beth hatte alles verändert. Vor allem hatte sie ihn verändert, und er reute es keine Sekunde.
   Stöhnend legte er den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Gott, schon der bloße Gedanke an sie war eine Qual. Als sie heute Abend mit Kyle nach oben gegangen war, hätte sie ihm genauso gut ein Messer ins Herz rammen können. Okay, er war nicht besser gewesen, als er so hemmungslos mit Kesha geflirtet und getanzt hatte. Wie alt waren sie eigentlich, dass sie diese Eifersuchtsspiele noch nötig hatten? Kesha gab sich wirklich alle Mühe, und ohne Zweifel würde sie ihn als schalen Ersatz in ihr Bett lassen. Hatte sie nicht selbst vorgeschlagen, dass sie sich gegenseitig Trost spenden konnten? Oder war das seine gottverdammte Idee gewesen?
   Es war ein Wink des Schicksals gewesen, als er sie Lloyd vorgestellt hatte. Eigentlich nur, um zu sehen, ob der auf sie anders reagierte als auf Beth, aber dann hatten die beiden angefangen, sich über Medizin zu unterhalten und darüber, wie wertvoll der Dienst an kranken Menschen war. Sehr salbungsvoll. Das war für ihn der Moment gewesen, die Kurve zu kratzen. Er dachte zwar darüber nach, weiterhin das Seelengeleit zu erfüllen, doch jetzt, wo Kyle da war, musste er sich wohl einen anderen Ort dafür suchen. Sterbende auf die andere Seite zu bringen war immer noch etwas anderes als der Versuch, hoffnungslosen Fällen wieder auf die Beine zu helfen. Eigentlich passten Kesha und Lloyd wunderbar zusammen. Ohne jeden Zweifel war es jedenfalls eine glückliche Fügung gewesen, dass die beiden gleich auf einer Wellenlänge funkten. So war er gar nicht erst in Versuchung gekommen, mit ihr die Nacht zu verbringen.
   Ein Geräusch aus dem Zimmer hinter ihm ließ ihn aufhorchen. Er drehte sich um und betrachtete das Mädchen nachdenklich, das stattdessen arglos in seinem Bett lag und inzwischen schlief. Auch diese Entscheidung bereute er inzwischen, doch dafür konnte die Kleine nichts. Sie war schon high gewesen, als sie auf die Party kam, aber nun war sie berauscht von seinem Blut, dass er ihr zu trinken gegeben hatte, damit sie seine Sehnsucht stillte. Als ob irgendjemand dies vermocht hätte. Da gab es nur eine, und die lag gerade in den Armen seines Vetters.
   Immerhin hatten sie ein paar angenehme Stunden miteinander verbracht. Es war nicht zu ihrem Schaden gewesen, und dank des Blutes würde sie sich morgen früh sowieso an nichts erinnern. Der alte Trick, das erste Mal, dass er sich deswegen schäbig fühlte. Sie war davon so benebelt gewesen, dass sie nicht mitbekommen hatte, wie er Beth’ Namen stöhnte, während er sie nahm. Proud hatte gehofft, ihr Blut zu trinken, würde den altvertrauten Rausch in ihm wecken und ihn wenigstens für kurze Zeit seine Seelenpein vergessen lassen, aber dieser Selbstbetrug war gründlich schiefgegangen. Er fühlte die Essenz dieser jungen Seele noch immer durch seine Adern pulsieren, doch die Befriedigung, die üblicherweise damit einherging, blieb aus. Da fand er eher Frieden, wenn er einen Todgeweihten auf die andere Seite geleitete. Wer hätte das gedacht?
   Er wandte der Kleinen wieder den Rücken zu. Ihr Gedächtnis war gelöscht, sollte sie sich ruhig in seinem Bett ausschlafen. Er würde Gilles sagen, dass er morgen früh ein Frühstück hier heraufbringen sollte. Er selbst würde nicht mehr hier sein. Nach sentimental-romantischem Gesäusel stand ihm nicht der Sinn, noch weniger danach, sie ein zweites Mal zu vernaschen. Verdammt, er wollte Beth. Nur sie allein. Er hätte sie nicht so einfach aufgeben, es ihr nicht so leicht machen dürfen. Wenn er gekämpft hätte, wäre sie vielleicht ins Wanken geraten. Er war ihr noch immer nicht gleichgültig, das konnte er in ihren Augen sehen, aber ihr Gewissen und ihre Moral banden sie an Kyle, jetzt, wo er wieder da war.
   Kyle!
   Proud war froh und erleichtert, dass sein Cousin ein weiteres Mal den Fluch des Schnitters überwunden hatte, doch diesen Preis hatte er nicht dafür zahlen wollen.
   Apropos Preis. Das war der große Haken an der Sache. Kyle wusste nicht, wer ihm das Mittel gegeben hatte. Ob es derselbe war wie damals. Und warum man es ihm gewährte. Umsonst war diese Gunst gewiss nicht gewährt worden. Da kam noch was auf sie zu – irgendwann. Auch so eine Sache, die ihn beunruhigte, weil sie Beth womöglich in Gefahr brachte. Er musste dringend mehr erfahren. Über die Vergessene Schrift, die Prophezeiung, die Sonnensteindolche und das Zuchtprogramm.
   Entschlossen stieß er sich vom Geländer seines Balkons ab. Grübeln und in Selbstmitleid versinken, brachte sie alle nicht weiter. Zeit, dass er etwas Sinnvolles tat. Schließlich hatte er Beth sein Wort gegeben.
   Ich bin immer für dich da, egal, was geschieht. Und ich passe auf dich auf. Ich werde dich beschützen. Wenn es sein muss, auch mit meinem Leben.

Kapitel 5

Müde kam Lillith die Treppen herauf. Logan ging es schlecht, obwohl er kämpfte. Seine Wunden heilten nicht richtig. Vermutlich würden Narben bleiben, was nicht gut war, denn sie stellten eine immerwährende Gefahr für einen Rückfall dar.
   Sein Verstand hingegen wurde zusehends klarer. Er war stark, das würde ihn retten, und er hatte die Runen erkannt – Runen, die ihn heilten, und Runen, die ihn banden. Ein Teil von ihm hatte auch sie erkannt.
   Es würde Magnus nicht gefallen, dass sie seine Anweisungen nicht gänzlich befolgte und die Riemen gelöst hatte, die Logan halten sollten. Aber was wollte er dagegen tun? Sie war diejenige, die den Zauber sprach. Er besaß diese Macht nicht. Er brauchte sie, so wie sie ihn brauchte. Was Logan anging, bedurfte es nicht eines Bannspruchs, um ihn zu beugen. Er kannte seine Pflicht, und sein Ehrgefühl war zu groß, um sich zu verweigern, auch wenn er sich tief im Inneren selbst dafür hasste.
   Sie hatte ihn erschaudern sehen, als ihm die Magie bewusst geworden war. Folter konnte nicht schlimmer sein. Sie brachte es einfach nicht über sich, ihn weiter unter diesen Zwang zu setzen. Ihn zu einer Spielfigur zu degradieren, die von mehr als einem Spieler hin und her geschoben wurde. Nein, sie wollte das nicht mehr. Es gab Grenzen.
   »Wie geht es unseren Gästen?«
   Magnus’ Stimme ließ Lillith zusammenzucken. Sie schluckte, straffte die Schultern und blickte ihm herausfordernd entgegen, wobei sie sich gleichzeitig fragte, warum sie das tat. Es war sinnlos, sich gegen ihn zu stellen, doch sie war dieses Spiel wahrhaftig leid, bei dem jeder versuchte, einen eigenen Vorteil herauszuschinden – auf Kosten anderer.
   »Brig ist noch immer nicht bei Bewusstsein. Logan erholt sich, aber langsamer als erhofft.«
   Magnus schürzte die Lippen. »Das ist nicht zu ändern. Tu weiter, was du kannst. Wir brauchen ihn noch. Es ist ärgerlich, dass er ausgerechnet jetzt ausfällt, aber es hätte schlimmer kommen können. Wir dürfen von Glück reden, dass man ihn nicht direkt ausgeschaltet hat, sonst hätten wir ein Problem.«
   Ein fassungsloser Laut kam über ihre Lippen, der Magnus unwillig die Stirn runzeln ließ.
   »Was ist? Wirst du etwa weich? Meldet sich auf einmal dein Gewissen? Ich denke, das ist nicht die richtige Zeit für Sentimentalitäten, Lillith.«
   »Du sprichst von ihnen, als wären sie … nur Hilfsmittel. Magnus, das sind deine Brüder.«
   Ihr Einwand machte ihn sichtlich zornig. »Übertreib es nicht. Sie stehen weit unter mir. Außerdem war ich nicht derjenige, der sie für ihre Aufgaben erschaffen hat.«
   »Für ihre Aufgaben erschaffen? Sie wurden weder dafür erschaffen, der einen oder anderen Seite von Nutzen zu sein, noch um eine Prophezeiung zu erfüllen, die es niemals hätte geben dürfen. Wie viele Opfer soll es noch geben? Ich habe kein Mitleid mit denen, die den Tod verdienen, aber diese hier sind alle schuldlos Spielball einer Sache geworden, die so verwerflich ist wie die Hölle selbst. Sie handeln nach bestem Wissen und Gewissen, voller Hoffnung, Gehorsam und Demut. Und du belügst und täuschst sie und redest über sie wie über einen alten Mantel, den man wegwerfen und ersetzen kann, wenn er seinen Zweck nicht länger erfüllt.«
   Sie hatte Magnus immer gehorcht und gedient, doch wie er sich gerade benahm, war auch für sie nicht vertretbar. Schon in Venedig waren ihr Zweifel gekommen. Natürlich hatte sie zusammen mit ihm darauf hingearbeitet. Auf die Nephilim, auf die richtigen Verbindungen. Deborah war freiwillig den Pakt eingegangen und hatte bereitwillig ihr Leben in Magnus’ Hände gegeben, bis ihr klar geworden war, wohin das alles führen sollte und wer am Ende die Rechnung begleichen musste. Als Deborah aussteigen wollte und man sie zum Schweigen gebracht hatte, hätte auch Lillith handeln müssen. Diesen Moment hatte sie verpasst, vielleicht war es Zeit, dies nachzuholen.
   »Was ist eigentlich dein Problem? Du weißt, worum es für uns alle geht. Und du wusstest von Anfang an, dass dies nicht ohne Opfer möglich ist. Herrje, wenn sich die Menschheit über all die Opferlämmer aufregen wollte, die an Ostern auf ihrer Tafel landen. Das hier ist nichts anderes, nur dass die Lämmer nicht blöken und auf zwei statt auf vier Beinen laufen. Meistens jedenfalls.«
   Ehe Lillith nachdenken konnte, hatte sie die Hand erhoben. Er fing den Schlag ab, ehe ihr selbst bewusst wurde, dass sie bereit gewesen war, ihn zu ohrfeigen. Magnus packte ihr Handgelenk so grob, dass sie leise aufstöhnte.
   »Ich warne dich, Lillith! Vergiss nicht, wem du deine Macht verdankst. Und jetzt sieh zu, dass Logan gesund wird, und zwar schnell. Lange kann ich auf ihn nicht mehr verzichten.«
   Sie hielt seinem Blick stand, er jagte ihr schon längst keine Angst mehr ein. »Macht!« Sie spie das Wort förmlich aus. »Was nutzt dir diese Macht?«, fragte sie kalt. »Wenn du kein Gefäß hast, in das du sie füllen kannst. Keinen Stab, der deinen Zauber ausführt. Ich mag wenig sein ohne dich, aber ohne mich bist du nichts.« Langsam, aber entschlossen befreite sie sich aus seinem Griff, um ihre Lippen lag ein bitterer Zug. Es war vielleicht nicht klug, sich ihm zu widersetzen, aber er würde so schnell keine Alternative zu ihr finden, darum wagte sie sich weiter vor, als gut für sie war. Gleichzeitig fühlte es sich befreiend an, wie etwas, das längst überfällig war. »Logan ist gesund, wenn ich es sage. So lange wirst du dich gedulden. Du kannst ihn früh genug deinen Plänen opfern. Bis dahin gehören sein Leib und seine Seele mir.«
   Sie drehte sich um und rauschte mit wehenden Röcken davon. Dabei dachte sie die ganze Zeit, dass sie sich nicht umdrehen durfte, denn das hätte Magnus gezeigt, dass sie nicht so stark war, wie sie gerade vorgab, und diese Schwäche könnte ihr Untergang sein.

*

Bei diesem Partylärm konnte niemand schlafen. Kyle fragte sich, wie er das früher nur ausgehalten hatte. Heute peinigten ihn die Beats, das Wummern der Bässe und das Gewirr aus Stimmen. Es überlief ihn eiskalt, wenn er an all das dachte, was geschah, noch mehr, wenn er sich ausmalte, was für Gedanken in den Köpfen der Azrae dort unten umgingen. Bemerkte wirklich niemand etwas? Oder spielten sie nur gut? Was, wenn unter ihnen ein Spion war? Ein Djin? Nebenan schloss sich die Tür. Proud hatte wohl seine Gespielin für die Nacht gefunden. Es widerte ihn an, dass sein Cousin Beth so schnell vergaß, andererseits war er darüber erleichtert, denn er wollte sie auf keinen Fall mit ihm teilen. Die quälende Frage, was sich in seiner Abwesenheit zwischen den beiden entwickelt hatte, war schlimm genug. Die Blicke, die Proud ihr noch immer zuwarf – oder sie ihm. Interpretierte er zu viel hinein? Oder war da wirklich noch etwas? Wäre Proud so abgebrüht, sich vor Beth’ Augen eine andere ins Bett zu holen, während er ihr noch immer seine Liebe vorgaukelte? Sie konnte nicht so dumm sein, ihm das zu glauben. Aber was, wenn doch? Sie ließ sich ja auch einreden, dass diese Party in Ordnung war. Sogar wichtig. Diese Party …
   Kyle presste die Hände auf die Ohren, ballte sie zu Fäusten, die er gegen seine Schläfen drückte, aber die Musik hämmerte in seinem Kopf und ließ ihn nicht in Ruhe. Begleitet von unzähligen Bildern, die er alle nicht sehen wollte. Er wünschte sich, es würde genügen, sich wie früher einfach in einen anderen Raum zurückzuziehen, doch scheinbar hatte seine Zeit als Schnitter seine Sinne übersensibel werden lassen.
   »Kannst du bei diesem Krach schlafen?«, fragte er Beth.
   Sie antwortete nicht. Schlief sie schon? Oder tat sie nur so, um sich einem Gespräch zu entziehen? Sie hatten gestritten, obwohl sie mit ihm hier raufgegangen war. Das hätte nicht passieren dürfen. Er wollte das nicht, aber er konnte nicht aus seiner Haut.
   »Du würdest ihm wirklich alles durchgehen lassen, oder? Obwohl er jeden Rock auf der Party antatscht.«
   Als sie noch immer nicht mit ihm sprach, drehte er sich wütend zu ihr, nur um festzustellen, dass sie gar nicht mehr bei ihm war.
   »Das ist nicht ihr Ernst!«
   Er brauchte nicht lange nachzudenken, wo sie war. Die sich schließende Tür – Gott, wie dämlich er doch war. Die beiden betrogen ihn vor seinen Augen, und er merkte es nicht einmal.
   Mit einem Satz war er aus dem Bett, stürmte in das Zimmer seines Cousins. Die Tür flog krachend gegen die Wand, doch die beiden Liebenden im Bett schienen davon nichts zu merken. Waren in ihre eigene kleine Welt entrückt.
   Kyle sah nur die ineinander verschlungenen Körper, wie sich Proud in langsamen, gleichmäßigen Stößen auf Beth bewegte. Er sah Beth’ halb geöffneten Mund, Prouds verklärten Blick und ihr Lebenssaft, der noch auf seinen Lippen klebte. Der Raum war erfüllt vom Aroma von Lust und Hingabe – und Blut!
   Es war, als würde man einen Schalter umlegen. Von einer Sekunde zur anderen war der Schnitter wieder da. Er übernahm die Kontrolle, stürzte sich auf das Liebespaar mit dem einzigen Gedanken, sie beide in Stücke zu reißen, damit sie ihn nie wieder verletzen konnten. Beth gehört mir – aber wenn sie mir nicht gehören will, soll sie keinem gehören!
   Das Letzte, was Kyle sah, war, wie sich Proud erschrocken zu ihm umwandte. Die Augen wild und dunkel vor Blutgier, die nicht minder heiß in seinen eigenen Adern brannte. Aber das Blut, was er wollte, war nicht das, was noch an Prouds Lippen hing, sondern Azrae-Blut – bis zum letzten Tropfen.

*

Es war zu einer lieb gewonnenen Angewohnheit geworden, dass Samuel und Valerie gemeinsam zu Abend aßen. Zwar beschränkte Samuel den Verzehr menschlicher Nahrung auf ein Minimum, doch er genoss die Stunden mit Valerie, ehe sie sich zu Bett begab. Dass sie inzwischen tagsüber seinen Haushalt führte, amüsierte ihn und er ließ sie gewähren. In der Rolle schien sie sich zu gefallen und sie meisterte sie tadellos. Im Nachhinein bedauerte er, sie so lange unter Psychopharmaka gesetzt zu haben. Es war ihnen notwendig erschienen, nachdem so viele Frauen die Geburt der Nephilim-Kinder nicht schadlos überstanden. Tatsächlich war Deborah die einzige Ausnahme gewesen, doch auch sie hatte er später unter Medikamente setzen lassen, um das Gesamtprojekt nicht zu gefährden. Aber sie hätten in Erwägung ziehen müssen, die Medikation mit der Zeit zu verringern, den Frauen eine Chance zu geben. Manche könnten dann womöglich noch leben.
   Samuel seufzte leise. Noch immer wusste er nicht, ob es die Nebenwirkungen der Tabletten oder eine Manipulation durch Dr. Whigfield gewesen war, die letztlich zum Tod der zunächst überlebenden Frauen geführt hatte. Er hatte sich verkauft. Genau wie Swan. Dafür könnte er ihn zur Rechenschaft ziehen, doch wofür? Es war zu spät – Valerie die Einzige, die noch da war. Und sie war in Sicherheit.
   »Wann kommt Scyla eigentlich zurück?«, fragte sie unvermittelt.
   Sam zuckte zusammen. Für einen Augenblick hatte er Sorge, Valerie könnte einen Rückfall erleiden. Diese Frage war grotesk. Sie hatte Scyla kaum gekannt, und er selbst vermisste seine Tochter nun schon seit über zwanzig Jahren. Es war bitter, sich zu erinnern. Seine große Hoffnung – seine Erbin. Und dann war sie verschwunden, von einer Nacht zur anderen, ohne Spur, ohne ein Wort. Das Schlimmste aber war, dass sie sich im Streit getrennt hatten. Wegen Deborah, wegen Valerie, wegen Scylas Mutter.
   Er hob den Blick zum Familienporträt. Savannah fehlte ihm, ihr Rat, ihre Sanftmut. Sie war der Antrieb für ihn gewesen, der Grund, warum er sich auf den Pakt mit Magnus eingelassen hatte. Heute waren seine Rachegelüste längst erloschen, doch der Wille, den einstigen Plan in die Tat umzusetzen, war geblieben. Um ihretwillen. Seine Augen wurden feucht, dabei wusste er nicht mehr, wann er zuletzt geweint hatte. Doch … er erinnerte sich. Es war der Moment gewesen, als Magnus ihm Deborah vorgestellt hatte. Für die Dauer eines Herzschlages hatte er an Wiedergeburt geglaubt. Daran, dass Savannahs Seele zu ihm zurückgekehrt war …
   »Sam?«
   Valerie berührte sanft seine Hand, was ihn aus den Erinnerungen auftauchen ließ. Er rang sich ein Lächeln ab und legte seine andere Hand auf ihre kühlen Finger. »Entschuldige, ich war gerade mit meinen Gedanken woanders. Aber ich wundere mich, dass du von Scyla sprichst. Sie ist … lange fort.«
   Zu seiner Überraschung lachte Valerie, als hätte er einen Scherz gemacht. »Aber Sam, was redest du für einen Unfug? Warum willst du mich auf den Arm nehmen? Ich weiß doch Bescheid. Sie hat mich schließlich immer besucht in St. Joshua. Das heißt … Wie lange ist sie eigentlich schon verreist? Ihr letzter Besuch ist eine Weile her, ich weiß gar nicht mehr, wann das war. Aber ich habe sie doch kürzlich noch hier gesehen, oder nicht?«
   Ihr Blick wurde wieder abwesend, und Sam überlief es kalt. Doch ein Rückfall? Aber als sie den Kopf schüttelte und ihn fragend ansah, waren ihre Augen vollkommen klar. Wenn das hier kein Rückfall war … Eine leise Hoffnung schlich sich in sein Herz.
   »Valerie, Scyla ist vor vielen Jahren verschwunden. Aber wenn du sagst, sie hat dich in St. Joshua Gardens besucht, dann gibt es vielleicht noch die Hoffnung, sie zu finden. Kannst du versuchen, dich zu erinnern, wann sie zuletzt da gewesen ist? Hat sie mit jemandem gesprochen? Mit einem der Ärzte vielleicht? Hat sie dir gesagt, wo sie hingehen wollte? Worüber habt ihr geredet?«
   Valerie starrte auf ihren Teller und legte behutsam die Gabel nieder. Ihr Blick glitt zum Fenster, er konnte sehen, dass sie versuchte, sich zu erinnern. Auf ihrer Stirn bildete sich eine kleine Konzentrationsfalte. Da war etwas tief in ihr vergraben, vielleicht verfälscht durch all die Medikamente, möglicherweise waren die Besuche seiner Tochter aber auch nur Träume gewesen. Nur warum sollte sie von Scyla träumen? Sie waren sich nur drei- oder viermal begegnet, hatten nur wenige Worte gewechselt. Das passte nicht zusammen.
   »Ich weiß es wirklich nicht genau«, gestand sie leise. »Sie war da, dessen bin ich sicher. Anfangs häufig, später immer seltener. Ich dachte, ich hätte sie auch hier gesehen, aber das kann vermutlich nicht sein, nicht wahr?«
   Er schüttelte bedauernd den Kopf. Das war mehr als unwahrscheinlich, es sei denn, Valerie konnte Geister sehen und seine Tochter war tatsächlich … Nein! Daran wollte er nicht denken. Er würde die Hoffnung, dass Scyla lebte, erst aufgeben, wenn er eindeutige Beweise für ihren Tod gesehen hatte. So lange klammerte er sich an jeden Strohhalm, und dass sie in St. Joshua Gardens gewesen war, glich fast schon einem rettenden Ast.
   »Sie hat nie mit jemandem dort gesprochen, nicht einmal mit Deborah. Sie kam nur zu mir, aber sie blieb nie lange. Ich meine, mich erinnern zu können, dass sie sehr traurig war. Irgendwie konnte ich das verstehen.«
   »Traurig?«, fragte Sam. »Worüber?«
   Valerie seufzte tief. »Über all die toten Kinder.«

*

Der Schmerz war reißend! Das Blut in seinen Adern wie kristallines Eis, das jeden Herzschlag zur Qual machte. Er wollte schreien, aber kein Laut kam über seine Lippen. Das Gefühl, nicht atmen zu können, brachte ihn wieder zur Besinnung, ließ ihn hochfahren und – riss ihn heraus aus diesem Albtraum.
   Keuchend kam Kyle wieder zu sich, rang nach Luft und kämpfte gegen die verkrampften Muskeln in seinen Armen und Händen, die letztere zu Klauen werden ließen. Im ersten Moment wusste er nicht einmal, wo er war, doch die Konturen seines Zimmers schälten sich rasch aus dem Dunkel heraus. Er war noch immer hier, in seinem Bett, nicht bei Proud, nicht bei …
   »Beth!«
   Er drehte sich panisch zur Seite, fürchtete schon, ein Meer aus Blut vor sich zu sehen – oder nichts, was nicht weniger schlimm gewesen wäre. Doch dort breitete sich nur eine Flut blonder Haare über das Kopfkissen aus, und ein engelsgleiches Gesicht träumte vor sich hin und ahnte nichts von den grauenvollen Dingen, die er gerade getan hatte, wenngleich nur imaginär.
   Beth lag neben ihm und schlief. Ihre Augenlider zuckten, und sie runzelte hin und wieder die Stirn. Auch sie schien schlecht zu träumen, doch er weckte sie nicht auf. Sie brauchte den Schlaf, brauchte Ruhe, um Kraft zu sammeln. Er wollte nicht drüber nachdenken, was noch alles auf sie zukam. Und was tat er? Raubte ihr den Seelenfrieden, indem er ihr Vorwürfe machte, ihr Dinge unterstellte, sie unter Druck setzte und mit ihr stritt. Er kam sich schäbig vor und schuldig.
   Fahrig rieb er sich über das Gesicht, kämpfte gegen die Benommenheit. Obwohl klar war, dass es nur ein Albtraum gewesen war, wollte sich keine Ruhe oder gar Erleichterung bei Kyle einstellen. Der Schweiß lief in dünnen Rinnsalen über seinen Rücken, ließ ihn frösteln. Sein Herz schlug viel zu schnell, während sein Brustkorb so eng schien, dass er noch immer um jeden Atemzug kämpfte. Das Blut in seinen Adern schien nicht länger gefroren, sondern zu brennen wie ein Widerhall seiner nächtlichen Gedankenbilder. All das erinnerte ihn auf beängstigende Weise an seine Zeit als Schnitter. Die Vorstellung, es könnte wirklich wiederkehren, besaß einen lähmenden Schrecken.
   Am schlimmsten jedoch war, dass er auch jetzt im wachen Zustand noch immer Prouds Präsenz im Raum verspürte, so als wäre sein Cousin Minuten zuvor noch hier gewesen. Dass er sie womöglich im Schlaf beobachtet hatte, war beunruhigend. Würde Proud das wirklich tun? Oder bildete er sich das nur ein? Und wenn ja, was würde er wohl denken über die Bilder in Kyles Kopf? Es schüttelte ihn. Aus den Schatten jeder Ecke schien sein Vetter ihn anzugrinsen – hämisch, wissend, geduldig wartend. Kyle presste die Knöchel gegen seine Schläfen, weil er das Gefühl kaum noch aushielt.
   Nein, Proud war nicht hier, war nie hier gewesen. Er sah Gespenster, machte seinen besten Freund zu einem Feind. Was war nur in ihn gefahren? Doch es spielte keine Rolle, wie sehr er sich bemühte, mit Vernunft zu klarem Verstand zu kommen, denn die Wahrnehmung von Prouds Aura, seinem Duft, ja sogar eines Nachklangs seiner dunklen Stimme, flutete Kyles Sinne, brachten die Traumbilder zurück und erweckte für mehrere Augenblicke das Gefühl, der Schnitter in ihm könnte tatsächlich erneut zum Leben erwachen und ihn diesmal vollkommen auslöschen. Sich gierig auf alles stürzen, was er liebte und ihn vollkommen abschneiden von allem, was er mal gewesen war.
   Er hielt das nicht mehr aus. Hastig schlug er die Decke zurück, sprang aus dem Bett und riss das Fenster auf, damit die kühle Nachtluft seinen Verstand klären und die Angst aus ihm herauswaschen konnte.
   »Kyle?«
   Beth’ Stimme ließ ihn zusammenzucken. Sie klang schläfrig, blinzelte verwirrt, als er zu ihr hinübersah.
   »Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.« Er bemühte sich darum, sich nicht anmerken zu lassen, was gerade in ihm vorging.
   Sie runzelte die Stirn, die Frage hing unausgesprochen in der Luft. Für einen Moment hatte er das Gefühl, dass zwischen ihnen eine unüberwindbare Schlucht läge. Schließlich rang er sich ein Lächeln ab und zuckte hilflos die Schultern.
   »Tja, sieht so aus, als ob du nicht die Einzige mit bösen Träumen bist.«
   Ihr Blick drückte Mitleid aus. Wortlos streckte sie ihre Hand nach ihm aus, was eine tröstende Erleichterung in ihm auslöste. Er ging zurück zum Bett und schlüpfte zu ihr unter die Decke. Sofort kuschelte sich Beth an ihn und legte ihre Hand auf seine Brust. Genau dort, wo sein Herz schlug.
   »Du machst dir zu viele Sorgen.«
   Er lachte schmerzvoll. »Du dir etwa nicht?«
   »Nicht mehr. Seit wir bei Magnus waren und bei meinem Vater … Die Dinge erscheinen mir nicht mehr ganz so bedrohlich. Sam sagt, wir haben eine Atempause, und ich glaube ihm. Ich möchte die Angst und die Sorgen für eine Weile vergessen, beides kommt früh genug zurück. Bis dahin sollten wir in Ruhe die nächsten Schritte in Angriff nehmen. Es gibt vieles, was getan werden muss.«
   Sie sprach so reif und bedacht. Kaum vorstellbar, dass sie vor wenigen Wochen noch keine Ahnung von all dem gehabt hatte, was ihr bevorstand. Er hatte ihre Furcht verstehen können, auch ihren Kampfgeist, ihre derzeitige Besonnenheit hingegen machte ihm Angst.
   »Ich will nicht mehr einschlafen«, gestand er leise. »Wegen dieser Träume.«
   »Ich werde aufpassen, dass sie nicht wiederkommen«, murmelte sie. »Und wenn doch, dann halt dich an mir fest. Gemeinsam kann uns nichts passieren.«

Kapitel 6

Malory starrte zur Decke ihres Zimmers hinauf und zählte zum hundertsten Mal die Maserungen im Holz. Allmählich kam sie sich hier gefangener vor als bei Brig. Es ging ihr zwar gut, sie bekam das beste Essen, wurde umsorgt und gepflegt und die Schmerzen der Schwangerschaft hatten auch aufgehört, aber sie durfte nicht aufstehen, durfte nicht nach draußen und musste ständig Medikamente schlucken, damit das Kind in ihrem Bauch langsamer wuchs. Es war offensichtlich, dass es sich zu schnell entwickelte, aber sie hatte das sichere Gefühl, dass es ihr nichts tun würde. Sie würde nicht sterben, nicht durch dieses Kind. Es war von Brig, das war ihr längst klar, aber das war nicht schlimm. Das Kind konnte nichts für seinen Vater, und sie liebte ihr kleines Mädchen schon jetzt.
   Malory kicherte. Sie würde niemandem verraten, dass es ein Mädchen war. Die Ärzte wollten es unbedingt wissen. Bei jedem Ultraschall versuchten sie, es herauszufinden. Sie maßen die Hormone in ihrem Blut, in der Hoffnung auf einen Hinweis, doch sie tappten immer noch im Dunkeln. Manchmal hörte sie die Ärzte und die Schwestern reden, wie schlimm es ausgehen könnte, wenn es ein Junge sei. Das kümmerte Malory aber nicht, weil sie es wusste. Ein Mädchen. Eine kleine, süße Prinzessin. Sie würde nicht wie ihr Vater werden, nein, auf keinen Fall. Sie würde das liebreizendste Kind sein, das die Welt je gesehen hatte. Dafür würde sie sorgen. Und niemand durfte sie ihr wegnehmen. Sonst würde sie kämpfen wie eine Löwin.
   Hoffentlich konnte sie es auch, wenn es so weit war. Was für Medikamente würde sie bekommen, wenn die Geburt kurz bevorstand? Sicher stärkere, das bezweifelte sie nicht. Es würde schlimm werden, sehr schlimm, aber da musste sie durch. Danach war alles gut. Vielleicht sollte sie den Ärzten sagen, dass sie keine anderen Medikamente wollte. Diese hier vernebelten ihr wenigstens nicht den Verstand wie im Sadeshia, doch sie merkte trotzdem, dass ihre Gedanken langsamer wurden. Mehr Kontrolle wollte sie sich nie wieder nehmen lassen.
   Sie wäre gern bei Kyle gewesen. Er hatte auf sie aufgepasst. Das hatte er in gewisser Weise schon im Klub. Erst durch ihn war sie dort herausgekommen, hatte ihr Leben diese Wendung genommen. Nicht immer einfach, aber in Summe war es besser als das Leben, das sie vorher geführt hatte. Sie verdankte ihm viel. Es war kein Zufall, dass sie sich begegnet waren. Nichts im Leben war ein Zufall.
   Schwerfällig hob sie die Finger an ihre Kehle. Das Halsband war verschwunden, nur eine schmale Narbe erinnerte noch daran. Daran war nichts mehr zu ändern. Der Moment, wo sie es abgenommen hatten, war schmerzhaft und wundervoll zugleich gewesen. Sie konnte freier atmen, seit es weg war, doch die Entfernung hatte trotz aller Vorsicht wehgetan und stark geblutet. Das Blut war an ihr hinuntergelaufen, heiß und dunkel. Malory hatte nicht gewusst, dass Blut so dunkel sein konnte. Es hatte lange gedauert, bis die Ärzte die Blutung gestoppt hatten. Sie nannten das einen kritischen Moment, aber er war vorübergegangen. Malory fürchtete sich nicht vor kritischen Momenten. Es hatte schon zu viele davon in ihrem Leben gegeben und sie hatte alle überstanden.
   Der Arzt, der sich hier hauptsächlich um sie kümmerte, stellte ihr jeden Tag viele Fragen. Fragen zu ihrem Wohlergehen, Fragen zu dem, was geschehen war, Fragen, die sie nicht verstand. Nach der Eule fragte niemand. Vielleicht, weil sie niemandem gesagt hatte, wie sie bei Brig herausgekommen war. Niemandem außer Kyle, und der würde auch nichts verraten.
   Kyle! Sie konnte sich sein Gesicht jeden Tag ein bisschen schlechter ins Gedächtnis rufen. Warum besuchte er sie nicht? Vermutlich durfte er nicht. Er hatte sich nicht einmal von ihr verabschiedet, das machte sie etwas traurig, aber Kesha hatte ihr versprochen, dass man sich gut um sie kümmern würde und dass Kyle an sie dachte. Er wäre auch nicht gesund, genau wie sie. Und er müsste erst wieder heilen, dann würde er sicher kommen. Darauf wartete Malory jeden Tag, aber Kyle kam nicht. Er war anders, er war stark. Sie wusste es. Er war so was wie ein Übermensch. Wie einer dieser Comic-Helden mit Superkräften. So jemand musste doch schneller gesund werden. Irgendetwas stimmte da nicht.
   Auch Kesha war nicht wiedergekommen. Und die Eule auch nicht. Niemand kam mehr zu ihr. Sie war … vergessen worden.
   Die Erkenntnis tat weh. Instinktiv schlang sie die Arme um ihren prallen Leib und streichelte ihr Baby. Wir haben ja uns. Niemand kann uns trennen.
   »Ich bin auch da für dich.«
   Malory fuhr hoch und starrte in die Dunkelheit des Zimmers. Sie konnte niemanden entdecken, aber sie spürte, dass sie nicht mehr allein war. Etwas verdichtete sich. Es waberte durch den Raum auf sie zu. Sie meinte, eine Verzerrung zu erkennen und eine merkwürdige Hitze. Die Luft wurde stickig und erfüllt von schmerzhaften Wellen, die nicht ihr galten, die sie aber dennoch fühlte.
   »Es ist mein Schmerz, und ich habe ihn verdient, aber das wird mich nicht aufhalten.«
   Die Stimme war ihr nicht unbekannt, sie löste einen leisen Schauder aus. Mit ihr kamen Erinnerungen an eindringlich blickende Augen, ein verschwörerisches Lächeln. Das Gesicht, das zu dieser Stimme gehörte, kehrte augenblicklich zurück. Sie würde es nie vergessen. Aber wenn der Typ kam, um ihr Baby zu holen, dann würde sie …
   »Scht! Du musst keine Angst haben. Ich werde dir nichts tun. Ich habe dir geholfen, erinnere dich. Was denkst du wohl, von wem du den Schlüssel hattest.«
   Sie stockte und starrte den Schatten, der sich in einer Ecke des Zimmers materialisierte, misstrauisch an. Die Verzerrung und auch die Hitze kamen von ihm. Es war ein Mann, dann wieder ein großer Nachtvogel und schließlich wieder nur der Schattenriss eines Mannes, den sie bei Brig gesehen hatte. Etwas stimmte nicht mit ihm – abgesehen davon, dass er seine Gestalt wechselte. Er war auch irgendwie diffus, flüchtig. So wie Rauch.
   Die Hitze wich, stattdessen fiel die Temperatur im Zimmer um einige Grade und das Licht wurde urplötzlich von etwas geschluckt, was sich zusehends ausbreitete.
   »Mein Name ist Des. Ich kann leider nicht lange bleiben. Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal, wie oft ich noch herkommen kann, bis meine Kraft völlig aufgezehrt ist, aber es gibt noch so vieles, was du wissen musst. Das ist wichtig. Ich muss es schaffen – denn du bist wichtig. Du und … sie.«
   Die Scherenschnittgestalt kam näher, das Bild des Mannes wurde klarer, fast wirkte es, als stünde er wirklich neben ihr. Aber er war nur ein Geist – weniger noch als ein Geist. Er streckte die Hand aus und berührte Malorys drallen Leib. Sie konnte seine Finger spüren, anders, als wenn die Ärzte und Schwestern sie anfassten. Es war mehr ein Prickeln und eine glitschige Kälte, die ihr unter die Haut kroch. Ihr kleines Mädchen rollte sich protestierend in ihrem Bauch zusammen und drehte dem fremden Eindringling den Rücken zu, was Des leise lachen ließ.
   »Kluges Kind. Ich würde mich auch nicht von einem Gefallenen Engel berühren lassen, der mit der Hälfte seiner Seele schon in der Hölle schmort.«
   Malory schluckte. »Wie meinst du das?«
   Er grinste schief und zog die Hand zurück, wofür sie durchaus dankbar war.
   »Sagen wir, ich hab versucht, die falschen Leute aufs Kreuz zu legen. Doch das spielt jetzt keine Rolle. Ich versuch gerade, das wiedergutzumachen. Das bin ich ein paar alten Freunden schuldig, denen ich leider nicht mehr erklären kann, warum ich sie hintergangen habe. Denke, die werden eine ziemliche Wut auf mich haben, aber das ist okay.«
   »Willst du …, dass ich ihnen was ausrichte?«, fragte sie vorsichtig. Das war aus ihrer Sicht naheliegend, denn warum sonst sollte der Geist sie besuchen. Doch Des schüttelte den Kopf.
   »Hätte keinen Sinn. Wäre auch zu kompliziert. Du kennst sie nicht einmal, aber ich kenne dich und ich kenne das, was in dir wächst. Ich passe auf euch auf und sage dir, was du tun musst, damit deinem kleinen Mädchen nichts passiert.«
   Sie riss vor Überraschung die Augen auf. Woher wusste er, dass es ein Mädchen war?
   Als hätte er ihre Frage gehört, zwinkerte er ihr zu. »Bleibt unser Geheimnis. Wir werden dafür sorgen, dass sie keiner von denen in die Finger bekommt.«

*

Die Sonne stach Proud trotz der Sonnenbrille in die Augen, während er den Wagen durch den morgendlichen Verkehr manövrierte. In seinem Kopf hämmerte es, was die Sache nicht gerade einfacher machte.
   Normalerweise musste er sich nicht mit einem Kater herumschlagen, wenn er am Abend zuvor wild gefeiert hatte, aber nachdem Proud das kleine Vampir-Groupie in seinem Zimmer allein gelassen hatte, waren er und vier Flaschen bester schottischer Whisky eine innige Liaison eingegangen, die dann auch für seine Verhältnisse ein wenig zu heftig ausgefallen war. Man sollte sich eben nicht mehr als zwei Geliebte gleichzeitig ins Bett holen, für Orgien wurde er allmählich zu alt, auch wenn die Gespielinnen einzig in flüssiger Form vorlagen. Wenn er vernünftig gewesen wäre, hätte er sich lieber in der Bibliothek eingeschlossen und dort die alten Bücher seines Vorfahren studiert, statt sich sinnlos zu betrinken. Liebeskummer war echt zum Kotzen, vor allem, wenn man daran schuld war. Er hatte Beth zu leicht gehen lassen, und jetzt konnte er nicht mehr zurück. Das Verrückte daran war, dass Kyle ihn trotzdem hasste und vor Eifersucht kochte, egal, was er tat. Da hätte er ihm besser auch den Grund dafür geliefert, dann würde es sich wenigstens lohnen, diesen Clinch mit ihm auszutragen.
   Es schmerzte Proud, dass zwischen ihm und Kyle solch eine Kluft lag. Das hatte er nicht erwartet. Damals, als Kyle das erste Mal zum Schnitter geworden war und sie ihn wieder hatten zurückverwandeln können, war es anders gewesen. Er war genau derselbe gewesen wie zuvor. Diesmal jedoch schien ein Teil der Dunkelheit in ihm zurückgeblieben zu sein. Vielleicht, weil er einfach zu lange ein Schnitter gewesen war, oder wegen all der Taten, die er begangen hatte. Wegen des Grigoriblutes, das er getrunken hatte – voller Dunkelheit und Abgründe. So was zeichnete. Er hatte Angst, dass es nie wieder so werden würde wie vorher und dass sie am Ende zu Feinden wurden statt Seite an Seite zu kämpfen. Für Beth – und all die anderen. Kyle fehlte ihm, aber daran konnte er im Moment nur wenig ändern.
   Jedenfalls brauchte er heute früh erst mal einen klaren Kopf, damit er das nachholen konnte, was er in der Nacht versäumt hatte.
   Zum Beispiel Beth vernaschen … Nein! Er schüttelte ärgerlich über seine sehnsüchtigen Gedanken und unzüchtigen Fantasien den Kopf. Natürlich Bücher wälzen. Lösungen finden. Sich ablenken.
   Genervt atmete er aus und parkte den Wagen am Fahrbahnrand in der Nähe von Malibu Beach. Bis zum Strand waren es nur ein paar Meter, die konnte er zu Fuß gehen, und dann wartete der erfrischende Pazifik auf ihn.
   Als sie gerade hierhergezogen waren – verdammt, wie viele Jahrzehnte das schon her war –, hatte es ihn häufiger hierher geführt. Der Strand wimmelte immer von jungen Leuten und die Mädels warfen sich liebend gern gut aussehenden Surferboys an den Hals. Überhaupt war die Surf-Kultur, die hier einige Jahre lang Hochkonjunktur gehabt hatte, ein gutes Jagdgebiet gewesen.
   Auch heute tummelten sich jede Menge hübsche, halb nackte Ladys hier, aber keine von ihnen konnte sein Interesse wecken. Beth war leider nicht hier, sondern schlief noch in Kyles Zimmer. Sein Cousin hingegen war erneut sehr früh aufgebrochen. Nicht einmal zu einem gemeinsamen Frühstück hatte er sich durchringen können. Stattdessen hatte er ihm einen Blick zugeworfen, dass Proud gedacht hatte, die Hölle täte sich unter ihm auf, war wieder auf das Motorrad gestiegen und davongebraust. Er hätte wenigstens Danke sagen können, dass er es ihm überließ. Schließlich hatte Logan es ihm gegeben, nicht Kyle, aber Besitzverhältnisse waren gerade ein sehr heikles Thema zwischen ihnen.
   Unruhig fuhr sich Proud durchs Haar, ehe er hinunter zum Strand schlenderte. Er spürte die Blicke einiger Badegäste auf sich, doch er ignorierte sie. Er wollte einfach mal ein paar Minuten abschalten, sich sammeln, seine Mitte finden, oder wie auch immer diese hypermodernen Seelenklempner und Yoga-Gurus das immer nannten. Danach würde er sich in die Bibliothek zurückziehen und damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Kyle aus dem Weg gehen. Und Beth aus dem Weg gehen. Er hoffte, dass beide eine geschlossene Tür zu respektieren wussten, war sich aber nicht sicher, bei wem von ihnen er den größeren Zweifel haben sollte.
   Gott, Beth’ Bild vor seinem inneren Auge war schlimmer als eine Folter im Fegefeuer. Er bekam sie nicht aus dem Kopf. Vielleicht sollte er ausziehen, allerdings war es nicht seine Art, das Feld zu räumen, obwohl er natürlich in Logans Waldhütte durchaus eine Zuflucht gehabt hätte. Nur, dass ihn auch dort alles an Beth erinnerte – und an ihre gemeinsame Zeit. Ohne Kyle!
   Er suchte sich einen Strandplatz, wo noch nicht so viele Badetücher ausgebreitet waren, zog sich das blaue Shirt über den Kopf und schlüpfte aus den engen Jeans. Ob Badehose oder Slip sollte wohl keine allzu große Rolle spielen. Auch die Sonnenbrille ließ er bei den Klamotten zurück, woraufhin er beiläufig bemerkte, dass die Farben durch das getönte Glas irgendwie schöner aussahen. Kräftiger – dunkler – lebendiger.
   Früher hatte er es gemocht, dass die Ladys seinen durchtrainierten Körper anschmachteten. Heute war es ihm gleichgültig bis lästig. Er schritt gemächlich in die Wellen hinein, bis seine Füße den Halt verloren. Dann erst begann er zu schwimmen. Kräftige, gleichmäßige Züge, den Blick immer auf den Horizont gerichtet. Das Wasser war warm, angenehm. Es belebte seine Haut, er konnte die salzige Frische auf der Zunge schmecken und empfand ein sanftes Prickeln am ganzen Körper, während er immer weiter schwamm. Weit über die Sicherheitszone hinaus, doch was kümmerten ihn schon Haie und dergleichen. Die Tiere mieden ihn instinktiv. Darum musste sich seinesgleichen nicht sorgen.
   Als er weit genug vom Strand entfernt war, drehte er sich auf den Rücken, schloss die Augen und breitete die Arme aus. Es war Ewigkeiten her, dass er sich in den Wellen hatte treiben lassen, aber das Gefühl war vertraut und einfach nur befreiend. Als könnte der Ozean alle Sorgen und Probleme fortwaschen. Es war verlockend, sich darauf einzulassen, auch wenn ihm klar war, dass es reiner Selbstbetrug war. Wenn er nicht wenigstens für ein paar Minuten mal abschalten konnte, würde er noch durchdrehen.
   Proud lag auf dem Wasser wie auf einem weichen Bett und gab sich dem Auf und Ab völlig hin. Die Sonne war hier stärker als in der City. Sie brannte, was ihm im Moment egal war, obwohl sie seine Kraft verzehrte. Das hier war nicht Venedig. Hier hatte er auch noch nie einen Schemen gesehen. Er hatte es unter Kontrolle. Wenn es kritisch wurde, würde er an den Strand zurückschwimmen und sich irgendwo ein schattiges Plätzchen suchen, an dem er sich einen kühlen Drink genehmigen konnte. Bis auf einen leichten Sonnenbrand musste er nichts befürchten, und der würde rasch wieder vergehen.
   Seine Gedanken trieben ebenso schwerelos dahin wie sein Körper im Wasser. Er versuchte, nicht an Beth zu denken und auch nicht an Kyle. Stattdessen konzentrierte er sich auf all die Bücher und Aufzeichnungen, die er in den letzten Wochen durchgearbeitet hatte. Suchte nach einer Spur, etwas Konkretem, das ihm Orientierung gab. Dem er folgen konnte. Folgen bedeutete womöglich, für eine Weile wegzugehen. Die Dolche zu suchen – und was sonst noch wichtig war und gefunden werden musste. So könnte er sich auf sinnvolle Art und Weise aus dem Staub machen, Abstand zwischen sich und Beth bringen. Das würde es ihnen leichter machen und vielleicht auch Kyle besänftigen. Dieser schwelende Zwist mit seinem Cousin ging Proud an die Nieren, schließlich war er seine Familie. Die einzige Familie, die es noch gab. Er wollte nicht weg, aber er sah ein, dass er früher oder später gehen musste. Wenn es nur leichter gewesen wäre, die Symbole zu deuten. Anfangs hatte er geglaubt, es genügte, die Städte zu entziffern und sich auf die Suche zu machen, aber inzwischen hatte er erkannt, dass sich die Karte ständig veränderte. Er wusste nicht, woran das lag, was es bedeutete und wie er darauf reagieren sollte. Solange er das nicht wusste, machte es keinen Sinn, die Suche zu starten. Er würde sich außerdem besser vorbereiten müssen, damit ihm nicht noch einmal so was passierte wie in Venedig mit diesem Eloy.
   Plötzlich rammte ihn etwas Hartes so heftig in die Seite, dass er Sternchen sah – Azrae hin oder her, die Wucht presste ihm die Luft aus den Lungen und drückte ihn für einen Augenblick unter Wasser. Das wäre keine große Sache gewesen und er gleich wieder aufgetaucht. Offenbar sah derjenige, der ihn in diese missliche Lage gebracht hatte, das aber völlig anders. Ehe Proud reagieren konnte, tauchte jemand neben ihm in die Fluten, packte ihn mit überraschend weichen aber umso festeren Händen unter den Armen und drückte ihn an die Oberfläche.
   »Ganz ruhig. Ich hab alles im Griff. Gleich bist du in Sicherheit.«
   In Sicherheit? What the fuck …?
   Er war zu perplex, um zu reagieren, und von dem Zusammenprall mit einem – wie er jetzt erkannte – Surfboard noch benommen. Vor ihm im Wasser schwamm langes blondes Haar. Neben ihm schaukelte das Surfboard immer noch gefährlich nahe, sodass er fürchtete, jeden Moment einen zweiten Schlag abzubekommen, doch irgendwie schaffte es seine Retterin, dass nichts dergleichen geschah.
   Am Strand angekommen, zog sie das Board an der Sicherungsleine gerade weit genug mit sich, damit es nicht wieder ins Meer gezogen wurde. Dann ließ sie es zurück und konzentrierte sich voll und ganz auf ihn. Obwohl er hätte laufen können und es ein Leichtes gewesen wäre, die Sache richtigzustellen, dass er weder verletzt noch in akuter Lebensgefahr war, wartete er erst einmal ab und genoss ihre Bemühungen um seine Person. Bis sich ein blaues Augenpaar auf sein Gesicht richtete und das Surfermädel erkannte, dass er hellwach und ziemlich amüsiert war.
   Letzteres endete abrupt, als sie ihn mit einem überraschten Laut fallen ließ.
   »Du bist ja gar nicht … Ich dachte … Hab ich dich doch nicht …«
   »Was? Erwischt?« Es war schwierig, aus ihren Worten schlau zu werden, wenn sie keinen Satz beendete, aber den Zusammenprall mit ihm hatte sie zweifellos ebenso gespürt und musste von daher davon ausgehen, dass er irgendwo verletzt war. Schwierig, das zu erklären.
   Proud sprang auf die Füße und klopfte sich den Sand von den Händen. Die blonde Surferin stand leicht perplex und verlegen vor ihm. Offenbar wusste sie nicht, was sie jetzt tun sollte.
   »Ich bin hart im Nehmen. Und du hast mich nur seitlich gestreift. Hat vermutlich auf dem Board heftiger gewirkt, als es wirklich war. Schätze, ich bekomme ein paar blaue Flecken im Rücken.«
   »Dann bist du echt nicht verletzt?«, hakte sie zur Sicherheit noch mal nach.
   »Mein Stolz vielleicht, aber sonst geht’s.«
   Sie verzog noch skeptisch das Gesicht, aber dann grinste sie. »Hi!« Sie hielt ihm ihre Hand hin. »Ich bin Kim.«
   Sie war in ihrer Sorglosigkeit süß, nachdem sie nun sicher war, ihn nicht krankenhausreif gesurft zu haben. Früher wäre sie mal für ihn ein gefundenes Fressen gewesen. Heute jedoch …
   »Ich bin Proud«, erwiderte er, ohne ihr Angebot anzunehmen, woraufhin sie noch immer grinsend, aber achselzuckend ihre Hand wieder zurückzog.
   »War echt nicht böse gemeint. Sollte kein Attentat werden. Ich beherrsch das Brett wohl noch nicht so gut. Bin ja auch erst seit zwei Tagen hier.«
   »Aha. Dann übst du wohl besser noch ein bisschen in der Anfängerbucht. Es hat nicht jeder so einen harten Schädel wie ich.«
   Sie schob die Unterlippe vor. »Eigentlich hattest du da draußen, wo ich gesurft habe, nichts zu suchen. Das war außerhalb der Sperrzone.«
   »Stimmt«, pflichtete er ihr bei. »Und damit auch für dich tabu. Noch dazu, wo du dein Brett nicht beherrschst.«
   Sie senkte ob der Rüge betreten den Kopf.
   »Wo bist du vorher gesurft?«
   Sie zuckte abermals die Schultern und legte den Kopf schief. Ihm fielen die Sommersprossen auf ihrer Nase auf. »Nirgendwo. Ich komme aus Illinois.«
   »Na dann, Kim aus Illinois. Ich wünsche dir viel Erfolg bei deinen Surfversuchen und den anderen Strandbesuchern einen guten Schutzengel.« Er wandte sich zum Gehen, ehe er doch noch auf dumme Gedanken kam.
   »Warte!«
   Ihre schlanken Finger umspannten sein Handgelenk, und Proud versteifte sich, blieb jedoch stehen.
   »Ich … hab noch nicht viele Freunde hier. Vielleicht … Ich meine … Schließlich hab ich dich ja gerettet.«
   Er blickte halb über seine Schulter zurück, sah, wie sie mit einem Augenaufschlag kokettierte und musste innerlich schmunzeln. »Du hast mich angegriffen, wolltest du wohl sagen. Ist das eine neue Flirtmasche in Illinois? Wenn ja, muss ich dich enttäuschen, ich bin schon vergeben.« Das war zwar nur die halbe Wahrheit, aber im Herzen war er es definitiv.
   Sie schob erneut die Unterlippe vor. »Und ein Kaffee? Oder ein paar Sandwiches? Einfach quatschen, verstehst du? Vielleicht stellst du mich deiner Freundin mal vor. Ich könnte ein paar Mädels brauchen, die mich in ihre Mitte nehmen.«
   Sie lachte halbherzig. Tatsächlich wirkte sie verloren. Aber warum war sie dann überhaupt hierhergezogen?
   Noch während sich Proud die Frage stellte, was wohl ein Mädchen aus Illinois mutterseelenallein in L.A. machte, wenn es dabei so unglücklich war, spürte er es. Zunächst nur ein schwaches Vibrieren, etwas, das er auf seiner Haut fühlte und das ihn in der Nase kitzelte. Ein Duft, der mehr war als das. Er verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen, Kim wich instinktiv einen Schritt zurück und ließ ihn sofort los.
   »Sorry! So war das nicht gemeint, ich dachte nur …«
   »Was treibt dich her? Wohl kaum die tollen Strände, so beschissen wie du auf dem Brett stehst.« Seine Stimme klang rau, er versuchte, sie zu manipulieren, damit sie ihm antwortete, rechnete aber bereits damit, dass es nicht gelingen würde.
   Sie schluckte, eine Gänsehaut bildete sich auf ihren Armen, doch sie lief nicht weg, versuchte auch nicht, ihn mit einer fahrigen Ausrede loszuwerden. »Ich suche hier nach meinen Eltern.«
   Fast hätte er zischend den Atem ausgestoßen. Konnte es so viele Zufälle geben? »Weißt du, wer deine Eltern sind, Kim? Woher du stammst?«
   Die Frage irritierte sie sichtlich, brachte sie ins Stottern. »Nein … Ja … Ich meine … Ich weiß nicht, wer meine Eltern sind, aber ich wurde in Los Angeles geboren. Ich … bin adoptiert worden. Mit vier Jahren. Aus einem Waisenhaus in Illinois, wohin man mich gebracht hatte. Meine leiblichen Eltern sind wohl tot, aber Megan und Roy sind toll. Ich könnte mir keine besseren Eltern wünschen. Sie unterstützen mich, bis ich hier einen Job gefunden habe. Aber ich musste nach L.A. kommen. Das war wie ein Zwang. Kann man schwer verstehen, oder?«
   Sie lachte unsicher, während all das aus ihr heraussprudelte und sie zusehends gelöster wurde. Sein Blick machte sie nervös, das wusste er. Proud schloss die Augen. Es wäre wohl ein zu großer Zufall gewesen, wenn all diese Fakten nicht auf exakt eine Wahrheit hinführen würden. Er sollte sie zu Samuel bringen. Aber was dann? Kesha und Beth liefen frei herum, doch die beiden besaßen auch einen Sonderstatus. Die Kleine aus dem Klub hatte van Vaughn praktisch weggesperrt. Ob es nur wegen der Schwangerschaft war, konnten sie nur vermuten. Es wäre wohl klüger gewesen, erst mehr herauszufinden, bevor er eine potenzielle Nephilim, noch dazu nicht erweckt, zum Grigorioberhaupt brachte. Er würde sie erkennen, wenn sie war, was Proud vermutete.
   »Ich glaube, ich stell dich wirklich meiner Freundin vor«, meinte er, auch wenn ihm im selben Moment klar wurde, dass er Kim gestehen musste, doch nicht in festen Händen zu sein. Sie dürfte nach so einer Begegnung hoffentlich wohl andere Probleme haben als seinen Beziehungsstatus.
   »Das wäre schön.«
   »Vielleicht kann sie dir sogar helfen. Sie hat im St. Johns Health Center gearbeitet.«
   Es war ein Schuss ins Blaue, aber wenn sie in einer anderen Klinik geboren worden war, erübrigte sich der Rest. Fast hoffte er das, doch diese Hoffnung wurde rasch zerschlagen. Kims Augen wurden groß, er wusste, noch ehe sie sprach, dass sein Gefühl ihn nicht betrogen hatte.
   »Echt? Das ist die Klinik, die in meiner Geburtsurkunde vermerkt ist. Cool! O Mann, das ist wohl echt Schicksal, dass ich dich mit dem Board erwischt hab.«
   Innerlich lachte er bitter. Schicksal – ja, so konnte man das auch nennen.
   »Ich versuche jedenfalls rauszufinden, wer meine leiblichen Eltern waren. Für Megan und Roy ist es okay.«
   »Deine Eltern, die tot sind?«
   Sie nickte. »Klar, ich kann ihnen nicht mehr begegnen, aber ich wüsste gern, wo meine Wurzeln sind. Ob ich noch irgendwelche Verwandten habe. Irgendwo muss ich ja anfangen. Wegen des St. Johns Medical Centers dachte ich, ich könnte dort anfangen. Die müssten doch was über mich haben, wenn ich ihnen mein Geburtsdatum nenne. So viele Babys, die später zu Waisen geworden sind, können ja nicht in einer Nacht geboren worden sein. Aber die sagen, sie haben nichts mehr. Keine Dokumente. Wäre wohl alles bei einem Brand verloren gegangen. Damals gab es ja noch keine Computer.«
   Proud atmete tief durch. Nein, mit Zufall ließ sich hier nichts mehr beschönigen. Kim war eine Nephilim, da gab es keine Frage. Okay, sie brauchten sowieso mindestens neun. Da sollte er sich wohl freuen, dass diese süße Blondine ihn fast umgebracht hätte. Er würde sie auf jeden Fall mit zu Beth nehmen. Und zu Kesha. Danach konnten sie immer noch gemeinsam beratschlagen, ob sie Samuel einweihen wollten oder nicht. Na ja, und vielleicht hatte auch Kyle eine Meinung dazu.

*

Als Beth erwachte, war sie allein. Das Laken neben ihr war zerwühlt und zeugte von der Unruhe, die Kyle in der Nacht befallen hatte. Es beschämte sie ein wenig, dass sie nichts davon mitbekommen hatte, wo sie ihm doch versprochen hatte, da zu sein, wenn er sie brauchte. Anders als ein Azrae, forderte ihr Körper eben doch den Schlaf zur Regeneration. Wann Kyle aufgestanden und gegangen war, wusste sie nicht. Auch Gilles, den sie unten in der Küche antraf, konnte es ihr nicht sagen.
   »Er war bereits fort, als Mr Proud herunterkam. Das Motorrad des Gestaltwandlers ist auch fort.«
   »Oh.« Es wunderte sie nicht, aber es machte sie traurig. Kyle war nur noch mit dem Bike unterwegs. Er war ruhelos, als wäre er von etwas getrieben. Dem Schnitter? Sie schüttelte den Kopf, weil der Gedanke unerträglich war. Nein, er hatte einfach viel mitgemacht – wie sie alle.
   »Wo ist Proud?«
   »Er hat den Wagen genommen. Ich glaube, er wollte zum Strand. Malibu Beach.«
   Beth holte tief Luft. Kyle zog es in die Wüste, Proud an den Strand, der eine suchte Einsamkeit, der andere Trubel. Und wer fragte nach ihr?
   »Kesha?« Auch wenn sie eine innere Distanz zueinander wahrten, wäre ihr die Gesellschaft ihrer Halbschwester immer noch lieber gewesen als die Einsamkeit.
   »Soweit ich mitbekommen habe, ist sie letzte Nacht mit Dr. Lloyd aufgebrochen.«
   Na wunderbar. War sie etwa die Einzige, die brav zu Hause blieb? Sogar die Gäste waren alle längst gegangen. Allerdings …
   Fragend blickte sie auf das Tablett, das Gilles bereits zurechtgemacht hatte, und auf dem lediglich noch der Kaffee und frisch gebackene Eier fehlten. Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle. Hatte Proud die vergangene Nacht womöglich nicht allein verbracht? Sie fragte nicht nach. Gilles Angebot, ihr Frühstück zu machen, lehnte sie dankend ab.
   »Gibt es noch irgendeinen fahrbaren Untersatz in der Garage, den ich mir leihen kann?«, wollte sie stattdessen wissen.
   »Ich glaube, der Bentley steht noch dort. Aber ich weiß nicht, ob Mr. Kyle sehr erbaut davon wäre, wenn …«
   »Es interessiert mich nicht, Gilles. Wo sind die Schlüssel?«
   Der Butler deutete auf ein kleines silbernes Kästchen neben der Garderobe. Ohne lange zu überlegen, nahm Beth den Autoschlüssel an sich und steuerte die Garage an. Wenn alle anderen einen Ausflug unternahmen, konnte sie das verdammt noch mal auch.
   Es wäre sinnlos gewesen, Richtung Death Valley zu fahren. Die Mojawe-Wüste war groß, unmöglich, Kyle dort zu finden. Tief in ihrem Inneren fürchtete sie sich auch davor, ihn derart ruhelos vorzufinden, wie er schien, wenn er das Anwesen verließ. Da es helllichter Tag war, konnte sie auch nicht zu Samuel. Mit Valerie hätte sie nicht gewusst, worüber sie reden sollte, außer über Kesha. Oder Kassandra. Vielleicht über ihre Mutter, aber inzwischen wusste sie wohl alles, was es zu wissen gab. Sie fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, allein mit einer Frau zu sein, die sich einmal als Deborah Lornham ausgegeben hatte, weil sie noch immer nicht wusste, aus welchem Grund Valerie das getan und wer womöglich dabei im Hintergrund die Fäden gezogen hatte – oder noch zog.
   Logan war verschwunden, Lloyd ein Risiko und gerade vermutlich mit Kesha beschäftigt. Blieb also nur Malibu Beach und Proud. Sie redete sich ein, dass es eine analytische Entscheidung sei, doch sie wusste, dass sie sich damit selbst betrog. Sie wollte zu Proud. Erst recht, wo sie gerade gesehen hatte, dass er heute Nacht jemanden bei sich gehabt hatte. Das Wissen darum versetzte ihr einen Stich, obwohl sie kein Recht dazu besaß. Er war frei, sie hatte sich getrennt und war mit Kyle zusammen. Es sollte ihr egal sein, mit wem Proud ins Bett ging, aber das war es nicht. Es quälte sie. Auch deshalb war sie gegangen. Sie wollte nicht daheim am Frühstückstisch sitzen und darauf warten, dass sein Betthäschen herunterkam. Worüber hätte sie mit so einem Menschen reden sollen? Wie gut Proud im Bett war? Welche Stellungen sie ausprobiert hatten? Ob sein Biss einen Orgasmus ausgelöst hatte?
   Ihr schossen die Tränen in die Augen, ärgerlich wischte sie sie fort. Sie kam sich kindisch vor. Sie wollte nicht weinen. Schon gar nicht, wenn sie ihm gleich gegenüberstand. Aber er würde es ihr auch so ansehen. Er kannte sie zu gut. Proud würde einen Blick in ihr Gesicht werfen und wissen, wie sehr es sie verletzte, dass er bei einer anderen Trost gesucht hatte.
   Wollte sie, dass er es wusste? Oder hatte sie Angst, wie er reagierte? Vielleicht gleichgültig?
   Sie schüttelte die Gedanken ab. Für eine Sekunde überlegte sie, wieder zurückzufahren. Da tauchte Prouds Wagen vor ihr auf. Ihr Herz schlug schneller. Sie konnte nicht mehr zurück.
   Beth parkte hinter ihm und stieg aus. Sie ließ den Blick über den Strand schweifen. Es war ziemlich viel los, trotzdem brauchte sie nicht lange, um ihn zu entdecken. Er zog ihren Blick magisch an – und er war nicht allein.
   Ihn mit einer knapp bekleideten Blondine zu sehen, tat weh. Trotz der Sonne am strahlendblauen Himmel fror Beth. Ihr Gesicht fühlte sich taub an. Sie wollte sich umdrehen und weggehen, aber ihre Füße waren wie festgewachsen. Sekundenbruchteile später drehte Proud den Kopf in ihre Richtung, sah sie und winkte ihr zu. Er sagte etwas zu der Blonden und deutete zu ihr. Gemeinsam kamen die beiden auf Beth zu, während alles in ihr danach schrie, zu flüchten. Aber sie tat es nicht. Sie blieb starr stehen und wartete, bis Proud und seine neue Eroberung sie erreicht hatten.
   »Hallo Liebes«, sagte er und küsste sie auf die Wange. Die Geste verwirrte Beth, denn wenn er an der Blondine interessiert war, passte das nicht. »Das ist Kim. Sie ist gerade aus Illinois hierhergezogen und sucht ihre Eltern. Sie wurde im St. Johns geboren. Etwa zur gleichen Zeit wie du.«
   Augenblicklich ruckte ihr Kopf hoch, und ihre Augen wurden groß. Hatte sie das richtig verstanden? Proud hob vielsagend eine Augenbraue, was Beth veranlasste, nicht zu sagen, was sie dachte.
   »Kim, das ist meine Freundin Beth.«
   Die Blonde strahlte sie an und streckte ihr die Hand hin. Beth ergriff sie zögernd. »Freut mich, dich kennenzulernen. Proud hat mir schon von dir erzählt. Ich find es schön, ein paar Leute hier kennenzulernen.«
   Proud verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. »Kim hat eine recht spezielle Art, Kontakte zu knüpfen. Sie fährt die Leute einfach mit ihrem Surfboard über den Haufen.«
   Er schien das ernst zu meinen, und Kim errötete leicht.
   »Na ja, ich bin halt noch Anfänger und etwas weit rausgetrieben. Ist ja noch mal gut gegangen. Es ist ihm nichts passiert.«
   »Sie wollte mich sogar retten. Vielleicht hätte ich bis zur Mund-zu-Mund-Beatmung warten sollen, bis ich sie über ihren Irrtum aufkläre.«
   Beth versteifte sich bei seinen Worten, obwohl er ihr zuzwinkerte. Zwischen ihnen dreien entstand Schweigen und eine gewisse Spannung. Ihr gingen eine Menge Fragen durch den Kopf. Wenn Kim tatsächlich eine Nephilim war, mussten sie Sam davon erzählen. Auf keinen Fall durften sie sie aus den Augen verlieren, aber dem hatte Proud offenbar schon vorgebeugt.
   »Also Samstagabend ab acht?«
   Kim nickte. Beth verstand nichts.
   »Na, die Party«, erklärte Proud.
   Beth schluckte. Noch eine Party. Kyle würde ausrasten. Aber unter diesen Umständen …
   »Ja, dann bis Samstag«, sagte auch sie. »War nett, dich kennenzulernen, Kim.«
   Das Mädchen drehte sich um und winkte ihnen noch mal zu, ehe sie zum Strand hinunterlief und dort wieder auf ihr Surfboard stieg.
   »Mutig«, stellte Proud fest. »Ich hoffe, sie bricht sich bis Samstag nicht den Hals.«
   Beth konnte nicht behaupten, dass sie seinen frommen Wunsch teilte. »Sie hat dich also angefahren? Beim Surfen?«
   »So in etwa. Ich war ziemlich durch nach der Party letzte Nacht und wollte den Kopf klarbekommen. Eine Kollision mit einem Surfbrett hatte ich nicht im Sinn.«
   Sein Lachen war frei von Anspannung, während es in ihr brodelte. Keine Wut, eher … Verzweiflung.
   »Wenigstens war es ein erfreulicher Anblick«, rutschte es ihr heraus.
   Irritiert sah er sie an und blickte dann Kim hinterher, als fiele ihm erst jetzt auf, wie knapp der Bikini war, den sie trug. Sie glaubte ihm nicht und bat im Stillen darum, dass er nicht auch noch eine Bemerkung in dieser Richtung fallen ließ.
   »Findest du nicht, dass das ziemlich egal ist? Sie ist eine Nephilim.«
   »Das vermutest du?«
   Sie drehte sich um und ging zurück zum Wagen. Dennoch wusste sie, dass er die Augen verdrehte. Sie tat es ja selbst.
   Noch ehe sie Kyles Wagen erreicht hatte, war er an ihrer Seite und fasste ihren Arm.
   »Warte doch mal. Hey, was ist denn los?«
   Sie wirbelte herum und funkelte ihn zornig an. »Nichts ist los. Außer, dass ich zu Hause geflüchtet bin, ehe sich dein persönliches Groupie aus dem Bett schält, nur um dich hier in den Armen einer halb nackten Surferbraut zu finden.«
   Verdammt, jetzt war es raus. Sie kam sich vor wie ein kleines, trotziges Kind. Egal, was er sagte, sie wollte es nicht hören. Proud sagte nichts. Nach einer gefühlten Ewigkeit des Schweigens wagte Beth, den Kopf zu heben. Seine schiefergrauen Augen durchbohrten sie. Kein Grinsen, keine Anzüglichkeit, kein kesser Spruch, nichts. Er sah sie einfach nur an, schüttelte langsam den Kopf und ließ sie schließlich stehen.
   Wohin er wollte, wusste sie nicht. Ihn zu fragen, fehlte ihr der Mut. Sie blickte ihm nach, wie er mit durchdrehenden Reifen davonrauschte und fühlte sich einsamer als je zuvor.

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