Dein Leben ist ohne Sinn, weil du einst zerstörtest, was du liebtest. Nach vierhundert Jahren findest du erneut etwas, das es sich zu lieben lohnt. Bist du stark genug, es festzuhalten? Zacharias hat genug von seiner ewigen Existenz und aufgehört, an das Leben zu glauben. Dies ändert sich schlagartig, als er der wunderschönen Luisa begegnet. Sie weckt längst fremd gewordene Gefühle in ihm. Schnell wird jedoch klar, dass sie hinter ihrer makellosen Hülle gegen finstere Dämonen kämpft. Warum sonst steht sie eines Nachts plötzlich am Rande der Hotelterrasse, nur einen Schritt davon entfernt, ihrem Dasein ein Ende zu bereiten? Die Ewigkeit liegt Zacharias zu Füßen, und dennoch rinnt ihm die Zeit wie Sand durch die Finger, denn er spürt Luisas tiefe Sehnsucht, sich dem Abgrund zu überlassen. Kann er sie überhaupt vom Leben überzeugen, wo er doch so lange seinen Glauben daran verloren hatte? Oder wird er erneut alles verlieren, was ihm wichtig ist?

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Nadine Ring

Nadine Ring
Nadine Ring hegt eine große Schwäche für schöne, tiefgreifende, taschentuchdezimierende Liebesgeschichten - sei es in Verbindung mit fantastischen Elementen oder im Kontext der Realität. Daher fühlt sie sich in den Genres Romantasy, Contemporary- und New-Adult-Romance sowie Romantic-Thrill ganz besonders gut aufgehoben. Im Dezember 1987 in Berlin geboren und aufgewachsen, hegt sie eigentlich den Wunsch vom Häuschen im Grünen. Nach einer vernünftigen Ausbildung folgte Nadine Ring ihrem Herzen und studierte ganz unvernünftig Germanistik und Publizistik.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1
Schein und Sein

Sie war schön. Sanft und elfenhaft. Jene Sorte Frau, die nicht um Aufmerksamkeit betteln musste, weil sie immer im Mittelpunkt stand. Zacharias fühlte seine Vermutung bestätigt, als er sich umblickte und die gaffende Menge bemerkte. Sämtliche Männer in diesem Saal beobachteten ihren Gang zur Bar, sabbernd und lechzend wie ausgehungerte Wölfe nach Frischfleisch. Er lächelte. Wenn sie wüssten, wie verdorben das Fleisch in Wirklichkeit war. Er roch es. Alles. Jede Berührung, die sie zugelassen hatte, und das waren entsetzlich viele. Nicht sein Geschmack. Himmel, nein. Vielleicht, weil sie ihm zu ähnlich war? Definitiv, weil sie ihm zu ähnlich war. Es gab nur einen Unterschied. Er hatte keine andere Wahl, wenn er nicht jede Nacht zum Mörder werden wollte.
   In ihrem kirschroten Kleid aus Seide schwebte die Elfe übers Parkett, blendete die Masse, worüber er nur den Kopf schütteln konnte. Hörten sie nicht richtig hin? Ihre hohlen Worte und das alberne Kichern flirrten durch die Luft. Substanzlosigkeit in seiner reinsten Form, verdeckt von einer wunderschönen Hülle. Noch eine Gemeinsamkeit und ein weiterer Unterschied. Er hatte einmal aus mehr bestanden.
   Zacharias wandte sich ab, trank den Rest seines Cardhus, bevor er das Glas zurück auf den Tresen stellte. Höchste Zeit, von hier zu verschwinden. Er war derlei Feierlichkeiten ohnehin überdrüssig. Würde ihm der Kontext von Ausschweifung nicht so vortrefflich in die Karten spielen, wäre ihm nicht im Entferntesten in den Sinn gekommen, solchen stupiden Veranstaltungen noch länger beizuwohnen. Dafür war er schlicht und ergreifend zu alt. Er kannte die Gespräche, die geführt wurden, die Geschichten, die sich hinter den lachenden Gesichtern verbargen. Ein Haufen Körper, die einander nicht kannten, und dennoch würden sich die meisten von ihnen in dieser Nacht vereinen, obwohl die Ringe an ihren Fingern bezeugten, dass sie nicht zueinander gehörten, weil sie sich vor Gottes Augen anders entschieden hatten. Aber was war schon eine Entscheidung? Ein Versprechen? Gewiss, Zacharias kannte sie. Die Gesichter und ihre Geschichten, die ihm allesamt erzählt worden waren. Vielleicht nicht gestern und auch nicht in den vergangenen Wochen, aber irgendwann im Laufe der letzten vierhundert Jahre.
   Diesen Abend brauchte er nicht lange, bis er fündig wurde. Eine niedliche Brünette erweckte seine Aufmerksamkeit. Sie stand etliche Meter entfernt, dennoch schwebte ihr himmlischer Duft zu ihm herüber, erzählte Märchen, die ihm gefielen. Er zögerte nicht und schritt auf die junge Frau zu, die mit der Schulter an einem der kunstvollen Pfeiler lehnte und an ihrem Weinglas nippte.
   Er stellte sich unmittelbar hinter sie und blies ihr seinen Atem über den bloßen Nacken.
   Sie fröstelte und wandte erschrocken den Kopf. Als sich ihre Blicke begegneten, weiteten sich ihre Augen, verrieten Überraschung, Faszination, Neugierde. Und Angst. Eine instinktive Empfindung, die aber niemals stark genug war, um ihm Widerstand zu leisten. Niemals.
   Er lächelte. Nur mit dem Mund, aber das reichte aus, weil sie nicht richtig hinsah. Seine unmenschliche Schönheit blendete sie. Das tat sie immer. »Wie ist dein Name?«
   Sie errötete, senkte schüchtern den Blick, öffnete die Lippen, ohne etwas zu sagen. Vorzüglich.
   »Willst du ihn mir nicht verraten?«
   Aus großen, scheuen Augen blickte sie zu ihm auf. »Nicole.«
   Sie war keine zwanzig Jahre alt. Jung, frisch und unverbraucht. Zacharias’ Spezialität. »Nicole«, raunte er, hob die Hand und berührte ihren nackten Unterarm. Sie zuckte merklich zusammen. Es lag an ihm, er war zu kalt, aber das machte nichts. Mit den Fingern zeichnete er besänftigende Linien auf ihre zarte Haut. Ihr Körper reagierte mit einem Schauder. »Möchtest du mich begleiten, Nicole?«
   Mit verhangenem Blick starrte sie ihn an. Sie würde ihm gehören. Für diese Nacht würde sie ihm gehören.
   »Wohin?«, hauchte sie – ein kurzes Auflodern von Vorsicht.
   Ein weiteres Lächeln jedoch, und ihr Argwohn erlosch. Sie würde ihm überall hin folgen. »Mein Hotelzimmer ist auf dieser Etage.«
   Sie überließ ihm ihre Hand, begab sich in seine Obhut. Bei ihm hatte sie nichts zu befürchten, er wollte ihr nicht das Leben nehmen, denn es gab andere Methoden, ihr Blut in Wallung zu bringen als Todesangst. Sie hätte aber ebenso gut an jemand anderen seiner Art geraten können.
   Den Arm um ihren schlanken Leib geschlungen lief er mit ihr zum Ausgang des Festsaals. Zacharias betrachtete sie eingehender. Sie war die Sorte Mensch, die zu schüchtern und befangen war, um sich das zu nehmen, was sie wollte. Sie würde immer darauf warten, angesprochen zu werden, weil sie sich nicht traute, aktiv zu werden. Eine Frau wie sie wollte nicht erobern, sie wollte erobert werden. Zacharias würde ihr diesen Gefallen tun, wenn auch aus egoistischen Motiven.
   Sie hatten den Ausgang fast erreicht, als ihnen ein schwankendes Pärchen in die Quere kam. Sich gegenseitig stützend strebten auch sie auf den Ausgang zu. Sie hatten eindeutig zu viel getrunken. Der Mann konnte seine Finger nicht bei sich behalten, ließ diese gierig über den Rücken der Frau bis hinunter zu der dezenten Wölbung ihres Gesäßes gleiten. Zacharias erkannte sie sofort an ihrem Geruch. Er verzog das Gesicht. Es war die substanzlose Elfe.
   Sie schlenderten vor ihnen her, versperrten ihnen den Weg. Das hohle Kichern der Frau brannte Zacharias in den Ohren.
   »Entschuldigung«, knurrte er und drängte sich mit seiner Begleitung zwischen ihnen hindurch, sodass sie auseinanderstrebten. Der Mann fiel fast hin, weil ihm der Alkohol jegliche Kontrolle über seinen Körper entzog. Nicht, dass es Zacharias interessierte. In seinen Augen war dieser Lackaffe wertloser Dreck. Ebenso wie seine kleine Dirne.
   »Hey, Mister, so nicht«, fauchte die Fremde hinter ihm und griff nach seinem Arm.
   Zacharias blieb stehen und starrte auf die filigranen Finger, die in Samthandschuhen steckten und unschöne Knitter in seinem Jackett hinterließen. »Sie sollten Ihre Finger da wegnehmen«, drohte er und suchte ihren Blick. Er stutzte, denn was er fand, war nicht das, womit er gerechnet hatte. Er blinzelte. Was …?
   In den Augen der Fremden spiegelte sich weder Überraschung noch Faszination – Reaktionen, die er von seinem Gegenüber gewohnt war. Er sah kein Begehren, keine Sehnsucht, nur … Gleichgültigkeit. Eiskaltes Desinteresse. Ein Ausdruck, der ihn verwirrte, dabei stand Verwirrung schon lange nicht mehr auf der Tagesordnung.
   Moment. Er hatte sich geirrt. Da war doch etwas. Ein beunruhigendes Flackern. Skepsis? Zweifel? Nur für den Bruchteil eines Augenblickes, ehe ihr Ausdruck in die Gleichgültigkeit zurückdriftete, als wäre nichts gewesen.
   Sie verzog die rot geschminkten Lippen, ohne zu lächeln, und strich mit der Hand über den Stoff seines Ärmels, um die Falten zu glätten. »Bitte verzeihen Sie, das war wohl ein Missverständnis.« Wieder kicherte sie dümmlich. Es passte nicht zu der Apathie in ihren Augen.
   Ein wenig holprig wandte sie sich ab und ihrer männlichen Begleitung zu, die den Finger mahnend in die Luft streckte und unverständliche Worte gegen Zacharias murmelte. Die Elfe drängte den Mann durch den Ausgang aus dem Saal und verschwand mit ihm den Flur hinunter.
   Zacharias starrte ihnen nach, obwohl sie längst aus seinem Blickfeld verschwunden waren. Er schüttelte den Kopf, um die Verwirrung zu vertreiben. Lästige Emotion. Eigentlich behielt er immer den Überblick.
   »Alles in Ordnung?«, hauchte die Brünette in seinem Arm.
   Er schaute hinab in ihr fragendes Gesicht. In ihren Augen schimmerten jene Gefühle, die er bei der Elfe vergeblich gesucht hatte. Wieder schüttelte er den Kopf. Genug jetzt. Lächelnd zog er sie näher an sich. »Sicher. Komm, es ist nicht weit.«
   Er dirigierte sie hinaus und durch den Flur, auf seine Zimmertür zu, die er mit einer Karte öffnete. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, presste Zacharias die zierliche Frau gegen die Wand. Sie saß in der Falle, aber er würde behutsam sein. »Endlich allein«, schnurrte er gegen ihre brennende Wange.
   »Ich tue so etwas normalerweise nicht«, fiepte sie, den Kopf bereits wendend, um ihm ihren Mund zum Kuss zu reichen. So war das immer. Sie opferten ihm ihren Anstand.
   »Natürlich nicht«, murmelte er, glitt mit den Lippen ihren Kiefer entlang, ohne ihren sehnenden Mund zu streifen, hinab zu ihrer Kehle. Vorsichtig sog er an der empfindlichen Haut, rang mit seiner Selbstbeherrschung, denn der Hunger zerrte an seinen Fasern, summte in seinen stillgelegten Zellen. Es war höchste Zeit. Und doch musste er sich noch ein wenig gedulden, bis ihr Blut erhitzt war. Nur dann würde es sich für einen klitzekleinen Moment anfühlen, als wäre auch sein Körper warm.
   Sie presste sich an ihn, schlang ihm entrückt die Arme um den Hals. Seufzend ließ sie den Kopf in den Nacken fallen.
   Wenn du wüsstest, mit wem du es zu tun hast, süßes Mädchen. Sie würde ihm nicht so bereitwillig ihren Hals darbieten, das stand außer Zweifel. Sie würde versuchen, ihm zu entkommen, würde schreien, weinen und flehen – danach stand ihm nicht der Sinn. Unwissenheit war wesentlich angenehmer. Für alle Beteiligten.
   »Bitte«, keuchte sie. Von Schüchternheit keine Spur mehr. Sie rieb sich an ihm wie ein rolliges Kätzchen.
   Zacharias ließ seine Hände wandern, öffnete den Verschluss ihres Kleides, streifte es ihr über den bebenden Körper. Nicht mehr lange, und er hatte sie dort, wo er sie haben wollte. Musste. Mit seinem Willen hatte das hier wenig zu tun.
   Er berührte ihre Schenkel, und sie öffneten sich ihm augenblicklich. Zielstrebig schob er ihr Höschen beiseite. Sie fing an zu kichern, und er unterdrückte ein genervtes Stöhnen. Das war der Haken an diesen jungen Dingern, sie benahmen sich wie halbe Kinder. Zacharias umfasste ihr Kinn, hob ihren Kopf und presste seine Lippen auf ihre. Er hatte keine Lust auf Spielchen, wollte diese Farce so schnell wie möglich hinter sich bringen und …
   Plötzlich tauchte ein Bild vor seinem geistigen Auge auf. Nur für eine Millisekunde, doch sein Wahrnehmungsvermögen war geübt. Er erkannte sie sofort, noch bevor sein Filter sie aus seinen Gedanken getilgt hatte, weil sie dort nicht hingehörte. Die Elfe mit den Samthandschuhen.
   Nein! Nicht jetzt, nicht, wenn er so kurz vor dem Ziel war. In dieser Situation sollten all seine Synapsen nur auf jenen Moment fokussiert sein, der ihm vorgaukelte, nicht tot und kalt zu sein.
   Eine Frage aber schwebte ihm durchs Bewusstsein, ließ sich nicht verdrängen. Waren ihre allabendlichen Darbietungen im Festsaal auch nur eine Farce?
   Ein Klimpern holte ihn in das dunkle Zimmer zurück. Er blinzelte, spürte warme Lippen auf seinen und zittrige Finger an dem Reißverschluss seiner Hose. Er brauchte einen Tick zu lang, um sich wieder zu sammeln. Das … war neu. Und außerordentlich ärgerlich. Normalerweise schweiften seine Gedanken nicht ab. Nie. Sie verliefen in kontrollierten Bahnen.
   »Was ist los?«, flüsterte sie.
   Er realisierte, dass sie bereits eifrig an seinem Schritt herumnestelte, und schüttelte den Kopf. »Nichts.« Tatsächlich? Warum fühlte es sich dann nicht so an? Nach Nichts. Da war ein merkwürdiges Etwas, das sich um seinen Magen legte und zudrückte. Nein, verdammt! Konzentrier dich! Denk an die Wärme!
   Er lehnte sich vor, presste seine Lippen erneut auf ihre, während er begann, sie zu streicheln. Sie stöhnte unter seinem Kuss, griff nach dem Saum seiner Hose und versuchte, sie hinabzuzerren. Nein, keine Zeit. Ruckartig hob er sie hoch, sodass sie ihm erschrocken die Arme um den Nacken und die Beine um die Hüften schlang. Er glitt mit zwei Fingern in sie. Stöhnend unterbrach sie den Kuss und drückte ihm die Lippen ans Ohr, hauchte Bekundungen, die ihm geschmeichelt hätten, wären sie ihm nicht gleichgültig.
   Gleichgültig …
   So gleichgültig wie …
   Er zuckte zurück.
   »Habe ich etwas falsch gemacht?«
   Verwirrt wandte er das Gesicht, starrte in die verunsicherten Augen der Brünetten.
   »Findest du mich nicht schön?«
   Erst konnte er ihre Frage nicht einordnen, dann aber spürte er, dass sein Körper nicht so tadellos funktionierte, wie er es für gewöhnlich tat.
   Was um alles in der Welt …? War er verrückt geworden? Was war nur in ihn gefahren?
   »Vielleicht sollte ich besser gehen«, murmelte sie.
   Er sah sein bisschen Glück dahinschwinden. Ihm war klar, dass das hier nichts mehr werden würde, zumindest nicht, wie er es gern hätte. Daher entschied er sich für die lauwarme, unpersönliche Variante.
   Er lächelte und führte seine Lippen an ihr Ohr. Sie erschauderte. »Bitte, bleib«, flüsterte er und glitt küssend ihren Hals hinab, presste seinen Mund gegen die verführerisch pochende Stelle. Er zögerte, überlegte, ob es nicht doch noch eine Möglichkeit gab, an die Wärme zu gelangen. Letzten Endes musste er sich eingestehen, dass er seine Chance vertan hatte. Er öffnete den Mund, und seine Fänge durchdrangen mühelos die butterweiche Haut.
   Wimmernd krallte sie ihre Finger in sein Haar, ihr Kopf kippte zur Seite. Das süße Blut floss ihm in den Rachen, begann, seinen Hunger zu stillen, nicht jedoch die Sehnsucht nach der Glut, weil er es nicht geschafft hatte, ihren Körper in Ekstase zu versetzen. Lauwarm und unpersönlich konnte es nichts gegen den ewigen Frost in seinen Venen ausrichten. Wie er es hasste zu frieren …

Erschlafft lag sie in seinen Armen. Zacharias stieß die Schlafzimmertür auf und trug sie zum Bett. Vorsichtig legte er sie nieder. Ihr müder Herzschlag holperte durch die Stille. Wenn sie morgen erwachte, wäre sie ein wenig schwach, doch sie würde sich an die letzten Minuten, bevor sie das Bewusstsein verloren hatte, nicht erinnern. Wie beneidenswert, wenn man vergessen konnte.
   Er verließ das Zimmer und lief, die Hände in den Hosentaschen, durch den Flur zum Aufzug. Er sollte sich angewöhnen, die Frauen nicht mit auf sein Zimmer zu nehmen. Oftmals war es lästig, sie am nächsten Morgen wieder loszuwerden.
   Er ließ sich vom Lift in die letzte Etage bringen und betrat die Dachterrasse. Das Jahr war bereits weit fortgeschritten, das Wetter kalt und feucht, weshalb hier oben kaum etwas los war. Ein paar vereinzelte Hotelgäste standen verteilt, rauchten und unterhielten sich, ehe die Kälte sie zurück in die Wärme trieb.
   Zacharias setzte sich auf eine Bank in der Nähe der Terrassentür. Sie lag im Schatten, weshalb er sich den Blicken der Gäste nur aussetzen musste, wenn sie zurück ins Innere wollten. Bei diesem tristen Wetter stundenlang einsam auf einer Bank zu hocken, könnte die Leute skeptisch machen. Die meisten waren aber ohnehin zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie sich weitreichende Gedanken über ihre Umwelt machten.
   Auf den menschlichen Geruchssinn musste die Luft hier oben ungewöhnlich klar wirken. Zacharias hingegen kannte die Wahrheit. Der Smog der Großstadt waberte in grauen Schlieren durch die Atmosphäre. Es stank. Das tat es heutzutage fast überall. Aus diesem Grund hatte er sich in der jüngsten Vergangenheit für einige Jahre aufs Land zurückgezogen. Dort war es jedoch wesentlich schwieriger, den Schein zu wahren, weil die Anonymität der Stadt fehlte, da man kein Gesicht von Abermillionen war. Aber er hatte die Luft genossen, obwohl die Abgase der Stadt mittlerweile auch in die ländlicheren Gegenden drängten. Langsam und schleichend, aber bereits deutlich wahrnehmbar. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Menschen an ihrem Abfall erstickten. Und dann würde er noch immer hier sitzen, in einem Dunst aus stinkender Chemie und allmählich verwesendem Fleisch.
   Eine Bewegung riss Zacharias aus seinen Gedanken, ließ ihn aufblicken, und er roch sie, noch bevor sie sich in sein Sichtfeld schob. Er schluckte. Die Elfe mit den leeren Augen.
   Nebenbei bemerkte er, dass die kühle Nachtluft die anderen Hotelgäste restlos vertrieben hatte. Umso seltsamer war es, dass diese Frau ohne Jacke, nur in ihrem dünnen Seidenkleid und den Samthandschuhen, über die Terrasse schwebte. Sie fror – ihr schmaler Körper zitterte, eine Gänsehaut überzog ihre bloße Haut an Hals, Rücken und Armen. Sie schien sich jedoch nicht daran zu stören, strebte auf das Ende der Terrasse zu, das durch eine Erhöhung vom Abgrund getrennt wurde. Es glich einem Wunder, dass sie nicht torkelte, konnte er die hohe Konzentration des Ethanols in ihrem Blut doch riechen. Sie war geübt, ganz offensichtlich, aber das verwunderte ihn nicht.
   Was ihn hingegen unfreiwillig stutzen ließ, war ihr leichtsinniges Verhalten, als sie sich die Schuhe von den Füßen streifte und mit den Armen rücklings auf die Anhöhe hievte – das Puppengesicht starr und abwesend. Sie raffte das Kleid bis über ihre Knie, erhob sich und drehte sich dem Abgrund zu.
   Was zum …?
   Zielstrebig überwand sie den restlichen Abstand bis zum Rand. Ihr Blick schien sich in den Tiefen zu verlieren, während der Wind einzelne Strähnen aus dem streng hochgebundenen Knoten zerrte und ihre Frisur ruinierte.
   Sie stand dort, auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, nur einen Schritt davon entfernt, ihr Dasein auf dieser Welt zu beenden, und Zacharias hörte … nichts. Kein schreiendes Herz, keinen flimmernden Puls, keine Furcht, während sie mit dem Tod kokettierte, ohne sich ihm zu überlassen. Sie zögerte, dabei konnte er ihre Sehnsucht spüren. Ein Anblick, der ihn abermals verwirrte und … seine Neugierde weckte. Dabei wollte er derartige Dinge nicht fühlen, denn sie brachten seinen ruhenden Geist ins Wanken.
   Er rief sich zur Besinnung. Schluss jetzt! Es hatte ihn nicht zu interessieren, was diese Frau da tat. Es konnte ihm egal sein. Wie alles andere auf dieser Welt auch. Sie war keine Ausnahme.
   Und das war sie doch. Er wollte es nicht wahrhaben, musste es sich aber eingestehen, als sie zurückwich und er augenblicklich spürte, wie die Anspannung in seinen Gliedern mit jedem Schritt, den sie zwischen sich und den Abgrund brachte, nachließ.
   Sie stieg die Anhöhe hinab, schlüpfte in ihre Schuhe und schwebte über die Terrasse zurück Richtung Durchgang, als wäre nichts geschehen. Zacharias beobachtete sie genau, betrachtete ihr Gesicht, das keine Spuren des eben Erlebten zeigte. Es war reglos und gleichgültig. Gern hätte er ihr in die Augen gesehen, als sie dort vor dem Abgrund balancierte, doch sie hatte mit dem Rücken zu ihm gestanden.
   Sie hatte ihn noch nicht bemerkt, obwohl er nicht weit vom Eingang entfernt auf der Bank saß. Er war sich sicher, dass es nicht die Nacht war, die ihn vor ihren Blicken schützte, sondern die Mauer, die sie um sich herum errichtet hatte. Sie war zu hoch, machte sie für ihre Umgebung unempfänglich.
   Zacharias jedoch wollte von ihr gesehen werden, wollte sie wissen lassen, dass er Zeuge ihrer Entgleisung gewesen war.
   Er provozierte eine Bewegung – streckte den Arm aus und stützte ihn auf die Lehne der Bank.
   Es erzielte die gewünschte Wirkung. Sie wandte kaum merklich den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Abrupt blieb sie stehen, und für wenige Sekunden bröckelte die gleichgültige Maske, offenbarte, was Zacharias zuvor vermisst hatte. Furcht.
   Sie hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. Zu schnell für seinen Geschmack. Ihre rot geschminkten Lippen lächelten. Eine Geste, die ihre gepuderten Wangen streifte und entzückende Grübchen in die glatte Haut zeichnete. Ihre Augen jedoch blieben unberührt.
   Zu den lästigen Emotionen, die Zacharias nicht gebrauchen konnte, gesellte sich eine weitere. Wut. Er war wütend, weil sie ihm so ein schlechtes Laienspiel bot, obwohl ihr klar sein musste, dass er sie beim Flirt mit dem Tod beobachtet hatte. Wollte sie ihn für dumm verkaufen?
   Sie nickte ihm zu. Ihre scheinheilige Ruhe war Zacharias zuwider, konnte er ihren Puls doch flimmern hören. Dann verschwand sie im Inneren des Gebäudes. Sie floh, auch wenn sie sich die allergrößte Mühe gab, es nicht so wirken zu lassen.
   Aber sie konnte sich noch so sehr anstrengen. Er hatte sie bereits entlarvt – die zersplitterte Seele hinter dem Tüll und der dümmlich-kichernden Fassade.

Kapitel 2
Laienspiel

Er konnte sich nicht daran hindern, seinen Blick immer wieder durch den Saal schweifen zu lassen, obwohl es ihn zutiefst verärgerte. Immerhin war er kein pubertärer Teenager, schwärmerisch und voller Hoffnung. Er schwärmte nicht. Nie. Vom Hoffen ganz zu schweigen. Dennoch musste er stets mit der Erbitterung kämpfen, die ihn überfiel, wenn seine Suche leer ausging. Es verriet ihm, dass er es doch tat. Hoffen.
   Wie die vergangenen drei Tage blieb die Elfe auch an diesem Abend fort. Er wusste jedoch, dass sie sich noch immer als Gast im Hotel aufhielt. Manchmal konnte er einen Hauch ihres Geruchs ausmachen, schwach, nur eine Andeutung, der durch die Flure schwebte und überlagert wurde von all den stinkenden Berührungen, aber es war eindeutig ihrer. Er hatte sich in sein Bewusstsein gebrannt, und anscheinend auch in seinen Verstand, ansonsten würde er nicht jede verdammte Nacht auf der Terrasse ausharren und darauf warten, dass sie erschien. Damit nicht genug, erwischte er sich stets dabei, wie er stehen blieb und ihren Duft inhalierte, als wäre er ein verfluchter Junkie. Wie er versuchte, ihre Fährte aufzunehmen, und sie jedes Mal verlor. Die anderen Gerüche, die ihr anhafteten, waren zu stark. Noch so eine Sache, die ihn verärgerte.
   Zacharias war bedient und suchte sich eine Begleitung, überredete sie, ihm ihr Zimmer zu zeigen. Er war gewillt, sein Standardprogramm durchzuziehen, um an den Funken Wärme zu kommen, nach dem seine erkalteten Fasern gierten.
   Es gelang ihm nicht.
   Frustriert zog er sich auf die Terrasse zurück. Er war allein.
   Und blieb es auch.

Ein weiterer Tag verging. Um Punkt acht Uhr fand sich Zacharias im Saal ein. Wieder verbrachte er zwei Stunden an der Bar und schüttete einen Cardhu nach dem anderen in sich hinein. Nicht, dass es etwas brachte, doch er mochte die Mischung aus fruchtiger Orange, cremiger Vanille und sanfter Schokolade, die sich um seine Zunge legte. Wie schade, dass der Alkohol keinerlei Wirkung auf seinen Kreislauf besaß, dabei wäre es ihm in diesem Moment überaus recht gewesen.
   Herrlich, so weit war es schon gekommen. Er musste das unterbinden. Dringend. Wann hatte er das letzte Mal solch ein Interesse an irgendetwas … irgendjemanden gezeigt? Er konnte sich kaum mehr erinnern. Nun, das war nicht korrekt. Er wollte sich nicht erinnern.
   Er sprach eine hübsche Schwarzhaarige an, erneut fest entschlossen, sie zu verführen. Nach all der Frustration sehnte er sich nach seinem Quäntchen Glück. Ein bisschen Wärme, war das zu viel verlangt?
   Zacharias bot ihr den Arm, und sie hakte sich lächelnd bei ihm unter. Gemeinsam verließen sie den lauten Festsaal und liefen durch den Flur zum Fahrstuhl. Während der Wartezeit begann er mit dem Vorspiel, hauchte anstandslose Küsse auf ihr Dekolleté.
   Der Lift erreichte die Etage, und noch ehe die Türen zur Seite glitten, konnte er sie wittern. Ruckartig hob er den Kopf. Der Fahrstuhl öffnete sich und … dort stand sie. Kerzengerade an der hinteren Wand, die behandschuhten Hände vor ihrem Schoß ein Täschchen umklammernd. Das Haar akkurat nach oben gesteckt. In ihren Augen glimmte Verschlossenheit. Zumindest zu Beginn, denn als sie ihn erkannte, erhielt er einen weiteren Blick hinein und entdeckte maßlose Unsicherheit. Nur für wenige Sekunden, dann saß alles wieder perfekt. Natürlich. Das Lächeln virtuos einstudiert.
   »Guten Abend.«
   Zacharias hätte seine Begleitung am liebsten stehen gelassen und wäre allein in den Aufzug gestiegen, doch auch er hatte eine Rolle zu spielen. Er nickte, sagte jedoch nichts. Ihm lag die Verärgerung auf der Zunge, und er wollte nichts riskieren.
   »Guten Abend«, erwiderte die Schwarzhaarige höflich.
   Sie stiegen ein, und er dirigierte seine Eroberung an die Seite, sodass sie ebenfalls mit dem Rücken an einer der Wände standen. All das nur, weil er den Blick nicht lösen konnte. Er starrte auf die Elfe hinab, die ihm aber keine weitere Beachtung schenkte. Zum Schein, versteht sich, denn ihr Puls sprach eine vollkommen andere Sprache. Er machte sie ganz offensichtlich nervös. Weil er die Wahrheit kannte. Weil er wusste, dass sie eine Heuchlerin war, die vorgab, das Leben zu genießen, und sich doch nichts sehnlicher als den Tod wünschte.
   Ein schrilles Klingeln durchbrach die Stille. Das Handy seiner Begleitung. Sie murmelte eine Entschuldigung, wandte sich ab und nahm das Gespräch an.
   Es interessierte ihn nicht weiter, denn seine gesamte Konzentration galt der Frau mit den Samthandschuhen. Ungeniert betrachtete er sie, labte sich an ihrer wachsenden Anspannung. Nicht nur ihr Herz, auch ihre Blicke verrieten sie. Immer wieder spähte sie zur Anzeigentafel. Zacharias lächelte. Es ging ihr wohl nicht schnell genug. Der Rest ihres Körpers blieb erstaunlich unberührt – keine Bewegung, nicht einmal ein dezentes Muskelzucken. Sie war gut, das musste er ihr lassen. Das Ergebnis jahrelanger Übung. Nur schade, dass sich Puls und Herzschlag nicht so einfach kontrollieren ließen. Mochte sie ihre Mitmenschen zum Narren halten, bei ihm hatte sie schlechte Karten.
   Der Fahrstuhl hielt, und die Lifttüren glitten beiseite.
   Obwohl er regelrecht spüren konnte, dass sie am liebsten ohne einen weiteren Blick auf ihn hinausgestürmt wäre, sah sie noch einmal auf. Sie schürzte die Lippen, säuselte Phrasen des Abschieds in einem Ton, der nach Verführung klang. Erst dann verließ sie die Kabine, lief auf einen Mann zu, der die Arme für sie ausbreitete, um sie in Empfang zu nehmen. Oder in Besitz. Nichts anderes verriet sein Ausdruck. Blanke Besitzgier.
   Zacharias wusste nicht, über was er verärgerter war. Über diesen widerlichen Hund, der beinahe sabberte, als er sie an sich zog, oder über ihr erbärmliches Schauspiel, das vieles war, nur nicht verführerisch. Dafür waren ihre Augen zu kalt, ihr Körper zu uninteressiert. Sie wollte nicht verführen. Alles an ihr schrie nach Distanz, ihr Mund jedoch verkündete honigsüße Einladungen für jedermann.
   Sein Entschluss hatte sich soeben manifestiert. Er würde ihr die puppenhafte Maske vom Gesicht streifen, würde sie dazu bringen, ihm zu zeigen, wie vernarbt und entstellt der Kern hinter der makellosen Hülle war.

Zacharias wischte sich das Blut von den Lippen und grollte in sich hinein, während er das Zimmer verließ. Es hatte immer funktioniert. Jahrhunderte lang. Die Rolle des Verführers war ihm in Fleisch und Fasern übergegangen, nun jedoch verweigerte ihm sein Körper seit Tagen die Kooperation. Was in Gottes Namen stimmte nicht mit ihm? Ein Vampir mit Potenzproblemen? Das konnte nur ein schlechter Scherz sein.
   Er streifte durch den Flur, nahm den Aufzug nach oben und betrat die Terrasse. Tief inhalierte er die kühle Abendluft und realisierte sofort, dass sie nicht hier gewesen war. Nicht, dass er tatsächlich damit gerechnet hatte, aber da war dieses lästige Etwas, dass sich Hoffnung schimpfte.
   Frustriert setzte er sich auf die Bank in einer entlegenen Ecke und beobachtete die wenigen Menschen, die in den ersten Stunden kamen und gingen. Das war sie, nicht wahr? Die Formel des Lebens. Jeder von ihnen kam und ging, er aber würde bleiben. Ewig.
   Es war schon weit nach Mitternacht, und er längst allein, als sich die Terrassentür erneut öffnete. Wieder war ihr Geruch zuerst da, und er konnte es zunächst kaum fassen. Fantasierte er? Er nahm einen weiteren Atemzug.
   Nein. Sie war tatsächlich gekommen. Nach all den nervenzehrenden Stunden, die er hier mutterseelenallein verbracht hatte, hoffend wie ein dummer Junge, der es nicht besser wusste. Nun war sie da.
   Ihre schlanke Silhouette erschien im fahlen Mondlicht. Sie wandte den Kopf, ließ ihren Blick umherstreifen. Wachsam. Misstrauisch. Sie war offensichtlich auf der Suche nach ihm. Er lächelte. Sie würde ihn nicht finden. Er saß weit hinten im Schutz des nächtlichen Schattens. Und er würde sich ihr auch nicht zu erkennen geben. Noch nicht. Er wollte sie in ihrem schwächsten Moment überraschen.
   Wie in jener Nacht lief sie hinüber zur Anhöhe, doch sie stieg nicht hinauf. Sie hob lediglich die samtenen Hände, ließ ihre Finger über den Beton gleiten, so liebevoll und zärtlich wie eine Pianistin über ihren Flügel kurz vor einem großen Auftritt.
   Zacharias stutzte und hörte richtig hin. Ihr Herz war nicht ruhig, es war skeptisch. Sie schien zu ahnen, dass sie beobachtet wurde. Zu schade.
   Als sie nach einigen Minuten noch immer reglos verweilte und in den pechschwarzen Horizont starrte, änderte Zacharias seinen Plan. Er erhob sich, schob sich die Hände in die Hosentaschen und verließ sein Versteck, schlenderte in aller Seelenruhe auf sie zu. Seine Schritte verursachten keine Geräusche, und dennoch schien sie seine Anwesenheit zu spüren. Er konnte es an ihrer allmählich ansteigenden Herzfrequenz erkennen. Wie merkwürdig, dass sie Angst vor ihm, nicht aber vor dem Abgrund hatte, obwohl er doch ein viel hübscheres Gesicht als der steinharte Asphalt in den Tiefen besaß.
   Nur wenige Meter hinter ihr blieb er stehen. Er roch den Widerling von vorhin an ihr. Er hatte sie tatsächlich in Besitz genommen. Es widerte Zacharias an. »Warum springen Sie nicht einfach?« Aus ihm sprach der Unmut. Er ließ ihn persönlich werden.
   Sie blieb vollkommen ruhig. Zum Schein, versteht sich. »Verfolgen Sie mich?« Ihre Stimme klang süß und lockend.
   Selbst jetzt, in der Dunkelheit, ohne Scheinwerferlicht, spielte sie die Verführerin. Ob sie wusste, wie schlecht ihre Darbietung war? Zacharias hätte ihr längst die Gage gestrichen, aber es gab genug einfältige Schwachköpfe, die nicht richtig hinsahen.
   Er würdigte ihrer Frage keine Antwort. Was dachte sie denn? Dass er die vergangenen Nächte aus reinem Vergnügen hier oben auf der Terrasse gehockt und stupide vor sich hingehofft hatte? Ihn ärgerte dieser Umstand am allermeisten. »Nun?«, forderte er eine Antwort.
   Unvermittelt drehte sie sich um. Wieder brachte der Wind die Ordnung ihrer Frisur durcheinander. Die Eisschicht, die sich um ihre Augen gelegt hatte, wirkte glatt und makellos, nicht die Spur eines einzigen Risses war zu erkennen. Ihr schmaler Körper zitterte. Sie fror – die Anzeichen drückten sich verführerisch durch die feine Seide ihres Kleides. Mit den behandschuhten Händen hielt sie die Kanten des Betonblocks umklammert, als müsste sie sich stützen.
   Zweifellos war sie eine sehr schöne Frau. Zacharias konnte durchaus nachvollziehen, warum sich die Männer die Finger nach ihr leckten. Er kannte aber auch die andere Seite, und auf dieser kauerte eine kaputte, verkümmerte Seele ohne Lebenswillen. Vermutlich war es den meisten Männern, die sie mit sich ins Bett nahm, ohnehin egal, was sich hinter der Fassade verbarg. Zacharias hingegen interessierte sich nicht für ihre mit künstlichen Substanzen beschmierte Hülle. Er wollte sehen, was sich dahinter verbarg, was für finstere Dämonen sie verfolgten.
   Warum? Gute Frage. Vielleicht, weil er sich auf merkwürdige Weise an sich selbst erinnert fühlte?
   »Sind Sie immer so indiskret?«, fragte sie.
   »Und Sie?«
   Sie verzog kaum merklich das Gesicht. »Ich wüsste nicht, in welcher Situation ich mich Ihnen gegenüber indiskret verhalten haben sollte.«
   »Als Sie mich zum Zeugen Ihres Sprungs machten.«
   Einige Sekunden schien sie innerlich zu taumeln. Nicht, dass sie ihn großartig daran teilhaben ließ, doch er meinte, eine sachte Trübung hinter dem Eis wahrzunehmen. »Ich bin nicht gesprungen. Ich stehe hier.«
   »Aber Sie werden springen. Ihr Entschluss ist längst gefallen und Sie haben mich daran teilhaben lassen.«
   »Nein, hätte ich Sie vorher bemerkt, dann …« Sie verstummte, als sie sein Lächeln bemerkte.
   »Ich weiß.«
   »Sie hatten sich versteckt.«
   Er schüttelte den Kopf. »Dies ist ein öffentlicher Ort, richtig? Sie hätten jederzeit damit rechnen müssen, dass Sie jemand entdeckt.«
   Ihr Kiefer spannte sich an, die starre Maske verrutschte. »Was wollen Sie?« Sie kämpfte tapfer.
   Ja, was genau wollte er eigentlich? Warum benahm er sich seit Tagen wie ein kranker Stalker? Ihm war die Antwort selbst ein Rätsel. Er zuckte die Schultern. »Das muss ich noch herausfinden.«
   Mit einem Mal verzogen sich ihre roten Lippen zu einem trägen Lächeln. »Ahh … ich verstehe.«
   Er stutzte. »Tatsächlich?«
   »Sie wollen mein Blut vom Bordstein lecken.«
   Nun war es an Zacharias, mit seinen gleichmütigen Gesichtszügen zu kämpfen. Woher wusste sie …? Unfassbar, wie sie es schaffte, die gesamte Kontrolle an sich zu reißen, wo sie doch eben noch getaumelt war.
   Der Schalk tanzte in ihren Eisaugen. »Habe ich recht?«
   Er schwieg.
   »Ich kenne Ihresgleichen. Sie sind nicht der erste Bluträuber, der mir über den Weg läuft.«
   Bluträuber? Nett. Zacharias fand seine Contenance wieder. Es bedurfte nur weniger Schritte, und er hatte den Abstand zwischen ihnen geschlossen und seine Hände auf ihre gelegt, um sie hier zu halten. Bei ihm. Ganz dicht.
   Er schluckte, spürte ihren vor Kälte zitternden Körper an seinem und den samtenen Stoff, der ihre Hände bedeckte, unter seinen Fingerspitzen. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper über seine plötzliche Nähe. Natürlich, damit kannte sie sich aus, immerhin gestattete sie jedem Vollidioten einen solchen Zutritt.
   Kokett ließ sie ihren Kopf in den Nacken sinken und sah zu ihm auf. Die Lippen einen Spalt weit geöffnet, hauchte sie ihm ihren süßen Atem ins Gesicht.
   Wieder schluckte er, war jedoch nicht gewillt, sich ihren schlechten Verführungskünsten hinzugeben. Seine kleine Showeinlage diente lediglich dazu, sie aus der Reserve zu locken. Aber sie war ein Profi, beherrschte dieses Spiel bis zur Perfektion, wie Zacharias einmal mehr feststellen musste. »Wenn das so ist, müssten Sie auch wissen, dass ich es nicht nötig habe, Blut vom Boden zu lecken. Ich nehme es mir direkt aus der Quelle.«
   »Nur zu«, flüsterte sie, einen Tick zu nüchtern für seinen Geschmack.
   Sie spielte mit ihrem Leben, als wäre es ihr vollkommen bedeutungslos. Und vermutlich war es das sogar. Blieb nur die Frage, die sie ihm nicht beantwortet hatte. Warum sprang sie nicht einfach?
   »Warum zögern Sie? Oder sind Sie auf der Suche nach etwas anderem?«, säuselte sie und reckte den Kopf, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Dann traf ihr lügender Mund auf seinen. Sie wusste, was sie wollte, und ihn küssen gehörte nicht dazu. Dafür war ihr Mund zu starr und abgeklärt, dennoch versuchte sie, ihren Wunsch nach Abstand zu überspielen.
   Zacharias zog den Kopf zurück, brachte Distanz zwischen sie. Nur ein wenig, sodass sich ihre Münder noch immer fast berührten, weil ein Teil in ihm das Gefühl ihres warmen Atems auf seinen Lippen genoss. »Ich bin nicht interessiert.«
   Ihr Lächeln wirkte wie eingemeißelt. Seine Zurückweisung vermochte es offensichtlich nicht, sie aus dem Konzept zu bringen, obwohl sie es mit Sicherheit nicht häufig mit sträubenden Subjekten zu tun hatte. Nun, ein Vollprofi wie sie behielt auch in Ausnahmesituationen die Oberhand, richtig?
   »Ach so? Wieso fühlt es sich dann nicht wie Desinteresse an?«, hauchte sie.
   Er blinzelte, wusste im ersten Moment nicht, was sie ihm sagen wollte, ehe er mit Erschütterung feststellen musste, dass sein Körper mitspielte, wo er ihn die vergangenen Tage rücksichtslos im Stich gelassen hatte. Himmel, er war so hingerissen von ihrer Nähe und der Wärme ihres zitternden Körpers, dass es ihm glattweg entgangen war. Was war hier los? Sie lächelte noch immer, und er überlegte fieberhaft, wie er die Kontrolle wieder an sich reißen konnte.
   »Schon gut«, flüsterte sie behutsam, zog eine Hand unter seiner hervor und legte sie ihm auf die Brust. Zwei zuckersüße Silben, die ihn verhöhnten.
   Die Verärgerung über ihre Hochmütigkeit brachte ihn auf eine Idee. »Sie müssten das ja kennen.« Er erwiderte ihr Lächeln, aalte sich in der sachte aufkeimenden Skepsis, die er in ihren Augen flackern sah. »Wenn Körper und Geist unterschiedliche Sprachen sprechen. Warum sonst kommen Sie mir nahe, obwohl Sie rennen wollen?«
   Die Eisschicht splitterte, nur minimal, aber das war ein Anfang. Zacharias sog diesen Anblick in sich auf.
   »Na schön, wenn Sie nicht wollen, können Sie ja aufhören, meine Zeit zu verschwenden. Ich möchte zu Bett gehen.« Es war nicht die gekränkte Eitelkeit, die aus ihr sprach, auch wenn sie es ihm weißmachen wollte. In Wirklichkeit sollte es nur ihre Unsicherheit überdecken.
   Hervorragend. Er ließ sie an seinem Triumph teilhaben, schmunzelte ihr provokant ins Gesicht. Ihre Glieder hatten sich versteift. Sie konnte ihr Unwohlsein nicht länger verbergen. Das war ein Sieg auf ganzer Linie. Und genug für heute, denn er wollte sie nicht überfordern. Er trat einen Schritt zurück, um ihr die Flucht zu ermöglichen. Sie ergriff diese Chance, ohne zu zögern.
   Zacharias blieb noch bis zum Morgengrauen, suhlte sich in dem Gefühl der Genugtuung. Es war wie ein Rausch, weil er so lange kein Ziel mehr gehabt hatte. Nun aber schimmerte es klar und deutlich vor seinem geistigen Auge. Er musste noch mehr sehen. Viel mehr.

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