In einem Österreich, in dem durch Genmanipulation Vampire entstanden sind und das von einem Krieg zwischen Menschen und Vampiren in kleine, eigenständige Gebiete zerrissen wurde, erfüllt der Vampir Alexander den letzten Wunsch seines Bruders: Er nimmt dessen menschliche Geliebte Alina bei sich auf. Zunächst scheint alles gut zu gehen, denn Alina fügt sich in die Gemeinschaft ein und das Leben in Schattseite ist nicht so schlecht wie sein Ruf. Doch dann wird einer der Menschen zur Jagd freigegeben und Alinas Gerechtigkeitssinn erwacht. Sie muss diese Jagd verhindern, denn niemand hat einen solchen Tod verdient. Und Alexander soll nicht zum Mörder werden! So rau er sich auch gibt, Alina fühlt sich immer mehr zu ihm hingezogen und das nicht nur, weil er seinem Bruder so ähnlich ist.

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Bettina Ferbus

Bettina Ferbus
© Ottmar Krenn
Bettina Ferbus ist eine bekennende Süchtige. Sie ist süchtig nach Pferden - das hat sich schon in ihrem Hauptberuf niedergeschlagen: Sie ist Reitlehrerin - und sie ist süchtig nach Gedrucktem. Zwanghaftes Lesen mit einer besonderen Vorliebe für Phantastisches führte dazu, dass sie Geschichten zu schreiben begann. Zuerst Kurzgeschichten, die in verschiedenen zum Teil preisgekrönten Anthologien erschienen sind, später auch längere Texte.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1. Kapitel
Alexander

Er ging mit langen Schritten die Straße entlang. Es galt, keine Zeit zu verschwenden. Die Nacht war noch jung, aber er hatte einiges vor. Ein paar Teenager drängten sich an ihm vorbei, ihre Körper noch aufgeheizt von der Frühsommersonne. Alexander knurrte leise. Er hasste es, daran erinnert zu werden, was er verloren hatte. Nur zu gern hätte er sich einen oder auch mehrere dieser unbedarften Jugendlichen geschnappt und sich mit ihrem Blut entschädigt.
   Leider ging das nicht. Sie befanden sich in Wien. Menschen hatten hier eine ganze Reihe von Rechten. Alexander ballte die Faust in seiner Jackentasche. Papier knisterte. Noch beim Überschreiten der Grenze hatte er eine Liste mit Geboten erhalten.
   Das Töten von Menschen ist verboten.
   Damit konnte er leben.
   Von Gewaltanwendung gegenüber Menschen ist abzusehen. Zuwiderhandeln wird mit Geldstrafen oder in schweren Fällen auch mit Haftstrafen geahndet.
   Es schien, als müsste man selbst das größte Arschloch noch mit Glacéhandschuhen anfassen. Aber es kam noch schlimmer: Jegliche Blutentnahme hat mit dem Einverständnis des jeweiligen Menschen und – wenn dieser es verlangt – gegen Bezahlung zu erfolgen.
   Alexander hasste, was er war und ganz besonders hasste er die Einschränkungen, die ihm dadurch auferlegt wurden. Er hatte nie darum gebeten, genetisch verändert zu werden. Welches kranke Gehirn kam überhaupt auf die Idee, den menschlichen Körper so lange zu modifizieren, bis er den Vampiren aus Sagen und Legenden glich? Die verlängerten Eckzähne, die Gier nach menschlichem Blut, die Empfindlichkeit auf Sonnenlicht – all das hatte Professor Hildebrand gut hinbekommen. Nur die Sache mit der Unsterblichkeit funktionierte nicht. Denn die von ihm geschaffenen Vampire erhielten sich ihr gutes Aussehen zwar länger als der Durchschnittsmensch, im Endeffekt alterten und starben sie aber doch, wie jeder andere auch.
   Sich an einem Ort aufzuhalten, an dem seine Handlungsfreiheit noch weiter beschnitten wurde, behagte ihm absolut nicht. Er tat das nur für Gregor. Nein, wenn das Geld nicht wäre, hätte er es nicht einmal für Gregor getan. Er liebte seinen Bruder, liebte ihn immer noch, obwohl er bereits seit mehr als einem Jahr tot war. Trotzdem hätte er seinen letzten Wunsch wohl nicht erfüllt, wenn er das Geld aus der Erbschaft nicht so dringend benötigt hätte.

Das Gebäude, in dem sich die Öffentliche Blutzentrale befand, war eines der besser erhaltenen. Vielen anderen Häusern sah man die Schäden aus dem Vampirkrieg deutlich an. Die meisten Straßenreihen erinnerten an ein kariöses Gebiss.
   In der Lobby der Blutzentrale war es angenehm kühl. Am Empfangstresen stand ein Mann Anfang vierzig mit Halbglatze und weichen Gesichtszügen. Sein Lächeln offenbarte die verlängerten Schneidezähne. Ein Kaninchen! Alexander konnte diese unausgegorenen, halb fertigen Möchtegernvampire nicht ausstehen. Sie waren aus Professor Hildebrands ersten Experimenten hervorgegangen. Blut brauchten sie ausschließlich in kleinen Mengen und das auch nur, um das Tageslicht ertragen zu können. Sie konnten noch feste Nahrung verdauen und waren nicht auf Flüssigkeiten angewiesen. Garantiert kannten sie auch diesen alles vereinnahmenden Hunger nicht, der sich nicht auf den Magen beschränkte, sondern jede einzelne Zelle erfasste und sich nur mit Blut befriedigen ließ.
   Alexander biss die Zähne zusammen, holte das Kuvert aus der Innentasche seiner Jacke, nahm das Genehmigungsschreiben heraus und legte es so hastig auf den Tresen, als würde es brennen. Der Kaninchentyp warf einen Blick darauf, nahm den Hörer des Telefons, das auf dem Tresen stand, und tippte eine Nummer.
   »Herbert hier. Schick mir Alina.«
   Herbert wandte sich nach einem abschätzigen Blick auf Alexander wieder seiner Schreibtischarbeit zu. Offensichtlich gefiel ihm der große, grobschlächtige Typ mit dem vernarbten Gesicht nicht, der vor ihm stand. Trotzdem war diese derart augenscheinliche Ignoranz und Ablehnung mehr als unhöflich. Alexander war versucht, dem schmächtigen Kerlchen zu zeigen, was er von einer derartigen Behandlung hielt. Aber einerseits wollte er keinen Ärger und andererseits steckte in diesen Kaninchen oft mehr Kraft, als man ihnen von außen ansah. Besonders, wenn sie mit frischem Blut abgefüllt waren.
   Um sich abzulenken, sah sich Alexander um. Man sah dem Gebäude sein Alter an – die hohen Gewölbedecken, die eierschalenfarben gestrichenen Fensterrahmen, deren Farbe längst Risse bekommen hatte und abblätterte, das abgewetzte Parkett. Mit Stuckarbeiten verzierte Torbögen führten in ein Treppenhaus und in zwei unbeleuchtete Gänge. An den Wänden standen unterschiedliche Holzstühle, die alle schon bessere Tage gesehen hatten. Während er den Blick umherschweifen ließ, lehnte sich Alexander bewusst gegen den Tresen. Es bereitete ihm ein gewisses Vergnügen, zu sehen, wie Herbert ihm auf dem begrenzten Raum auszuweichen versuchte, jedoch auch nicht klein beigeben und ihm einen Sitzplatz zuweisen wollte. Ein Machtspielchen, das ihm gefiel. Seine Lippen kräuselten sich. Er wusste, dass seine Zähne nun gut zu sehen waren. Keine Kaninchenzähne, sondern die Reißzähne eines Raubtiers. Herberts Blick blieb einen Augenblick auf ihnen liegen. Ein Ausdruck von Furcht und Neid huschte über sein Gesicht, bevor er seine Züge unter Kontrolle hatte und wieder ein unverbindliches Lächeln aufsetzen konnte. Viel zu schnell machten näherkommende Schritte dem Geplänkel ein Ende.
   Alexander sah hoch. Die Schritte klangen nicht nach einer kranken Frau, auch nicht nach jemandem, der Schmerzen hatte. Sie klangen nach einem energischen, kräftigen Menschen.
   Er wusste nicht, was er erwartet hatte, aber ganz sicher nicht, dass sie mit der Haltung einer Königin vor ihn hintreten würde. Das blonde Haar war zu einem strengen Knoten zusammengefasst. Sie hatte abgenommen. War sie ihm vorher stets wie der Inbegriff des Lebens vorgekommen, so erinnerte sie nun an ein magersüchtiges Model. Sie wirkte größer und die Wangenknochen traten stärker hervor. Hatte sie mit fünfundzwanzig noch oft genug ihr Alter mit Pass oder Führerschein beweisen müssen, so war nun, kaum vier Jahre später, alles Kindliche aus ihrem Gesicht verschwunden.
   »Hallo, Alexander.«
   Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen hatte sie ohne weitere Erklärung begriffen und auch akzeptiert, dass er es nicht mochte, wenn sein Name abgekürzt wurde. Er wollte nicht Alex, Xander oder gar Sascha genannt werden. »Hallo, Alina.«
   Sie standen sich seltsam befangen gegenüber, musterten sich gegenseitig, jeder abschätzend, wie der Krieg und die Verletzungen den anderen verändert hatten. Ihr Gesicht war unversehrt, der Körper ab dem Hals von einem eng anliegenden Rollkragenpullover und einer Jeans bedeckt. Nur aus den Ärmeln wanden sich wie feine silbrige Tentakel die Narben des Vampirfeuers und krochen bis über ihre Handflächen.
   »Alina, dieser Mann will dich aus deinem Vertrag loskaufen.«
   Sie antwortete nicht auf Herberts Worte, starrte Alexander nur an. Fragte sie sich, warum er sich so viel Zeit gelassen hatte? Warum er sie nicht direkt aus dem Krankenhaus geholt hatte, statt sie beinahe ein Jahr lang für ihre Behandlung arbeiten zu lassen?
   »Du weißt, dass du nicht einwilligen musst. Durch deine Spezialaufträge brauchst du bestenfalls noch ein halbes Jahr, bis du schuldenfrei bist.«
   Es ärgerte Alexander, dass dieses Kaninchen sich einzumischen wagte. Was glaubte dieser Kerl eigentlich? Er hatte einen Schritt in den Raum hinein gemacht, als Alina auf ihn zugetreten war, doch nun wandte er sich wieder dem Tresen zu.
   »Ist schon gut.« Alina schob sich zwischen ihn und Herbert.
   Als ob es dieser Sesselfurzer verdient hätte, beschützt zu werden!
   Sie streckte den Arm aus, zog die Genehmigung zu sich, las sie durch, sah sich die angefügten Formulare an, unterschrieb an den entsprechenden Stellen.
   »Du hast das nicht nötig«, versuchte Herbert es noch einmal, während sie mit ihrer schwungvollen Handschrift eine Signatur nach der anderen auf die verschiedenfarbigen Blätter setzte. »Wie kannst du dich diesem Kerl nur ausliefern? Hast du dir seine Adresse angesehen? Schattseite! Allein der Name sagt schon alles.«
   »Allerdings. Das Dorf liegt auf der Schattenseite eines Gebirgstals, die man in Österreich Schattseite nennt. Und wie viele andere Orte auch, ist er nach seiner Lage benannt worden.« Es kostete Alexander alle Mühe, ruhig zu antworten.
   »Es wird schon seine Gründe haben, warum sich diese Leute in den Schatten verkriechen. Man hört einiges.« Herbert sah Alexander nicht an und sein Tonfall hätte wunderbar zu einem englischen Butler gepasst.
   »Natürlich versuchen Vampire, die Sonne möglichst zu vermeiden.«
   »Natürlich. Ich verstehe.« Herbert beugte sich vor und brachte seinen Kopf näher an Alina heran. »Es gibt Gerüchte. Darüber, wie sie in diesem Tal mit Menschen umgehen. Wer weiß, was dieser Kerl mit dir macht? Womöglich sperrt er dich in irgendeinen finsteren Keller!«
   Doch Alina war bereits beim letzten Blatt angelangt und schob Herbert das für die Blutzentrale gedachte Formular hin. Sie wirkte vollkommen gelassen. Ganz im Gegensatz zu Alexander. In ihm kochte es. Er hasste diesen kleinen Möchtegernvampir, der sich vor seiner Nase von Minute zu Minute mehr aufspielte. Es wurmte ihn, dass er ihm nichts tun durfte. »Meinen Keller brauche ich selbst!«, konnte er sich jedoch nicht verkneifen, während er ihm die Kreditkarte hinschob.
   »Ich nehme an, du möchtest gleich los?« Alina. Sachlich. Vernünftig.
   »Ja.« Auch dieses Wort glich mehr einem Knurren.
   Alina ignorierte den Tonfall. Kein Muskel in ihrem Gesicht zuckte. »Ich packe nur schnell meine Sachen zusammen. Dauert nicht lange, ich habe nicht viel.«
   Sie verschwand unter dem Torbogen, durch den sie den Empfangsraum betreten hatte. Herbert murmelte vor sich hin. Alexander glaubte etwas von verrohten Sitten, barbarischen Gebräuchen und vom freien menschlichen Willen zu verstehen. Sollte Herbert nur denken, was er wollte. Alexander berührte es nicht. Er wollte nur so schnell wie möglich weg.
   Zum Glück brauchte Alina nicht lange. Bereits wenige Minuten später tauchte sie mit einer Tasche auf, als ob sie auf ihre Abreise bereits vorbereitet gewesen wäre. Sie verabschiedete sich von Herbert, der ihr noch einmal versicherte, es gäbe sicherlich Wege, den Vertrag rückgängig zu machen. Ob sie nicht doch mit der Direktorin sprechen wolle? Alina schüttelte den Kopf. Ob sie nicht wenigstens warten wolle, bis der Zahlungseingang bestätigt sei? Die Welt sei voller Betrüger. Doch auch auf diese Frage schüttelte Alina nur den Kopf.
   »Keine Sorge, Herbert. Ich kenne ihn.«

»Ist das alles«, fragte Alexander, als Alina ihre Tasche auf den Rücksitz des Wagens schob.
   Sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Die linke schob sich ein wenig weiter in die Stirn, als die rechte, sodass sich über ihr eine kleine, nach oben gewölbte Falte bildete. Gregor war immer mit dem Daumen über diese Stelle gestrichen, hatte sie geglättet, war dann dem Bogen der Augen bis zu den Wangen gefolgt und hatte sie geküsst. Ob Alina sich auch gerade an diese Momente erinnerte? Denn ein Schatten huschte über ihr Gesicht und ihre Züge wurden ausdruckslos.
   »Hier braucht man nicht viel«, sagte sie sachlich und ging zur Beifahrertür.
   Auf den Straßen war nicht viel los. Das lag nicht an der Uhrzeit, sondern an der Tatsache, dass durch den Krieg das Benzin knapp geworden war. Noch ein Grund mehr, warum Alexander Gregors Geld brauchte. Er liebte es, mit dem Auto durch die Gegend zu kutschieren. Einfach so. Nur zum Spaß. Ein Spaß, der ihn von Jahr zu Jahr mehr Geld kostete.
   Und Nerven! Man konnte nicht mehr so einfach Hunderte Kilometer fahren. Das Land war in unzählige Gebiete aufgeteilt. Jedes hatte seine eigenen Bestimmungen, was das Verhältnis zwischen Menschen und Vampiren betraf. Ständig gab es Grenzkontrollen, in manchen Orten waren Vampire überhaupt nicht zugelassen, in anderen die Menschen nicht mehr als unmündige Blutspender, die meisten lagen irgendwo dazwischen. Auch beim Verlassen von Wien musste er sich einer Kontrolle stellen. Uniformierte Beamte sahen die Papiere genauestens durch und stellten Alina eine Reihe von Fragen, um sicherzustellen, dass sie die Stadt nicht gegen ihren Willen verließ.
   Klar, ich habe sie entführt! Deshalb sitzt sie auch ungefesselt auf dem Beifahrersitz, hätte Alexander gern geschrien. Doch er sagte nichts, ließ zu, dass in Alinas Augen geleuchtet und ihr Atem auf Drogen kontrolliert wurde.
   Sie war ruhig, gefasst und freundlich zu den nervtötenden Beamten, die Alexander am liebsten auf den Mond geschossen hätte. Sie ist etwas Besonderes, hatte Gregor immer gesagt. Verdammt! Wenn es nicht so wäre, hätte Alexander auf die ganze Kohle verzichtet, die er nur bekam, wenn er Alina bei sich wohnen ließ. Sie war der einzige Mensch, bei dem er sich vorstellen konnte, seine Nähe länger als fünf Minuten zu ertragen. Und sie hatte Gregor ebenso geliebt wie er.
   Jetzt saß sie still neben ihm und starrte in die Nacht hinaus. Ob sie wohl an Gregor dachte? Sie hatte zu ihm gehalten, auch als er sich verwandelte und sie nicht. Nur Menschen mit der Blutgruppe AB positiv sprachen auf die genetische Modifikation von Professor Hildebrand an. Ein verschwindend geringer Prozentsatz, könnte man meinen. Dennoch waren es genug, um die ganze Weltordnung umzukrempeln. Nachbarn hatten sich ebenso gegeneinander gewandt wie Verwandte oder Ehepartner. Liebespaare wurden zu Todfeinden und Geschäftsbeziehungen zerbrachen ebenso wie private.
   Und das alles nur wegen eines modifizierten Impfstoffs! Kein Wunder, dass Professor Hildebrand von den Wesen, die er geschaffen hatte, im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft zerrissen worden war. Ein Fehler, wie manche inzwischen behaupteten. Denn so konnte man ihn nicht mehr dazu zwingen, ein Gegenmittel zu erfinden.
   Alexander sah auf die Uhr. Noch sechs Stunden bis Sonnenaufgang. Wenn nichts dazwischenkam, sollte er es problemlos bis Schattseite schaffen.
   Alexander gab Gas, reduzierte das Tempo jedoch sofort wieder, als Schlaglöcher den Wagen hüpfen ließen. Es gab nicht nur weniger Autos, es gab auch weniger Geld für die Straßen.
   Alina atmete gleichmäßig. Ihr Kopf lehnte am Fenster. Schlief sie? Eine Strähne hatte sich aus ihrem Knoten gelöst und lag auf ihrer Wange. Einen Augenblick lang verspürte er den Impuls, hinüberzugreifen und sie ihr aus dem Gesicht zu streichen. Aber nein, er war nicht Gregor und er fasste Menschen nur an, wenn es sich nicht vermeiden ließ.
   Nach einer Weile bewegte sie sich wieder, wischte die Strähne mit einer ungeduldigen Handbewegung fort. Dann seufzte sie leise, rutschte ein wenig auf dem Sitz herum und schloss Minuten später wieder die Lider. Sie hatte immer schon unbedarft in der Nähe von Vampiren geschlafen. Auch jetzt wirkte sie entspannt, doch unter ihren Augen lagen tiefe Schatten. Bereiteten ihr die Verbrennungen immer noch Schmerzen? Oder war sie im Blutzentrum gefordert gewesen? Alexander fragte sich, von welchen Spezialaufträgen Herbert gesprochen hatte. Normalerweise ging es in Blutzentren tatsächlich nur um Blut. Entweder um Konserven oder um das Trinken direkt vom Menschen. Manche Vampire hatten dabei recht abartige Gelüste. Ob es nun um die Stelle ging, von der sie trinken wollten, oder um die Aktivitäten, mit denen sie das Trinken verbanden. Für viele war es ein echter Kick, Blut und Sex zu verbinden. Menschen, die sich dazu zur Verfügung stellten, wurden sicher extra bezahlt. Aber Alina? Nein, das war unvorstellbar.
   Im Kegel der Scheinwerfer wurde etwas Dunkles auf der Straße sichtbar. Er trat auf die Bremse. Zuerst dachte er, es wäre ein Schlagloch. Doch dann sah er, dass jemand auf der Fahrbahn lag. Alexander lenkte den Wagen auf den Seitenstreifen, blieb jedoch nicht stehen. Gerade in den ländlichen Gegenden trieben häufig Banden ihr Unwesen. Zu oft schon hatte jemand seinen Wagen oder gar sein Leben verloren, weil er helfen wollte.
   Langsam fuhr er weiter, sah dabei immer wieder in den Rückspiegel. All seine Sinne waren angespannt. Man hörte immer wieder von radikalen Vampiren, die Straßensperren errichteten, um Reisende auszuplündern. Benzin galt als ebenso begehrte Beute wie Menschen. Es gab aber auch Menschen, die sich mit dem Ziel zusammenrotteten, jeden Vampir zu vernichten, dessen sie habhaft werden konnten.
   Gerade, als Alexander doch anhalten wollte, sprang der vermeintliche Verletzte auf und reckte seine Faust in einer unmissverständlichen Geste in Richtung des entschwindenden Fahrzeugs. Alexander musste den ausgestreckten Mittelfinger nicht sehen, um den Sinn der Gebärde zu erkennen.

Waren sie eben noch durch hügeliges Land gefahren, so wurde es nun flach, während in der Ferne Berge in die Höhe ragten. Eine halbe Stunde später verengte sich die Ebene zu einem Tal. Ein von dichten Windungen aus Stacheldraht gekrönter Maschendrahtzaun wurde sichtbar. Neben der Straße stand ein Gebäude, das an einen mittelalterlichen Wehrturm erinnerte. Nicht umsonst. Es hatte denselben Zweck. Nur, dass der Kerl hinter den Schießscharten nicht mit Pfeil und Bogen, sondern mit einem Maschinengewehr bewaffnet war.
   Ein Scheinwerfer tauchte den Platz vor dem Tor in gleißend helles Licht. Alexander hielt den Wagen an und stieg aus.
   »Du warst ja vielleicht schnell. Und, hast du sie mit?« Tom kam aus seinem Kabäuschen und reckte neugierig den Hals.
   Alexander sah, wie sich Alina im Inneren des Wagens regte. Sie drehte sich verschlafen zu ihm um. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, das genauso schnell verschwand, wie es gekommen war.
   Er beugte sich zu ihr hinunter. »Der falsche Bruder – was?«
   »Das wollte ich nicht …«
   »Schon gut. Ich verstehe es ja. Aber jetzt steig aus. Wir müssen dich einchecken.«
   Sie öffnete die Beifahrertür, setzte die Beine auf den Boden und zögerte einen Moment, bevor sie aufstand. Einige Augenblicke lang wirkte sie unsicher auf den Beinen. Doch dann fing sie sich und ging auf den Lichtstrahl zu, wie Alexander ihr bedeutete. Er folgte ihr.
   »Kannst du endlich das Scheißding ausmachen«, knurrte er. Er hasste es, geblendet zu werden.
   »Du kennst doch die Vorschriften.«
   »Hast du uns erkannt oder nicht?«
   »Ja. Schon gut. Brauchst nicht gleich so angepisst zu sein.«
   Endlich ging der Scheinwerfer aus. »Du hast mich noch nie wirklich angepisst erlebt«, grummelte Alexander, während er darauf wartete, dass sich seine Augen endlich an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnten.
   »Möge Gott das verhindern.« Tom war einer der wenigen in Schattseite, die man religiös nennen konnte.
   »Du mit deinem Gott! Der hätte ganz andere Dinge verhindern sollen.«
   »Wärst du denn immer noch gern Mensch?«
   »In dieser Scheißwelt? Nein, danke!«
   »Na, siehst du.«
   Mit Tom konnte man einfach nicht diskutieren. Er schaffte es stets, einem die Worte im Mund umzudrehen. Inzwischen waren sie beim Wachturm angelangt. Tom winkte sie in die Stube hinein. Sein dunkelblondes Haar hatte er kurz geschoren, damit weniger auffiel, dass er allmählich eine Glatze bekam. Er grinste und musterte Alina unverhohlen. Alexander rempelte ihn an. »Sorry«, murmelte er, als wäre es unbeabsichtigt gewesen, warf Tom aber gleichzeitig einen Blick zu, der das entschuldigende Wort Lügen strafte.
   Alina sah verschlafen aus. Die Kante des Sitzes hatte einen Abdruck auf ihrer Wange hinterlassen. Ihre Frisur saß nicht mehr streng und ordentlich. Einige Strähnchen hatten sich aus dem Haargummi befreit und umgaben ihr Gesicht nun wie ein Strahlenkranz.
   Alexander wandte den Blick ab, konnte sie nicht länger ansehen. Gregor würde nicht gefallen, was er nun mit ihr vorhatte. Aber ihm blieb keine andere Wahl. Er musste es tun. »Ich muss dich registrieren lassen.«
   »Wie?« Die Frage klang sachlich. Also kein empörtes: Wie kannst du mir das nur antun?, sondern ein gelassenes: Auf welche Weise soll es passieren?
   »Strichcode. Lasertätowierung. Geht schnell und ist absolut schmerzlos«, antwortete Tom, als Alexander zögerte.
   »Wo?«
   »Handfläche.«
   Ohne zu zögern, streckte Alina ihre Hand aus. Alexander wanderte unruhig im Raum umher, während Tom die nötigen Daten abfragte, in den Computer eingab, der den Code erstellte.
   »Sieht aus, wie eines von diesen Lesegeräten, die sie früher an den Supermarktkassen hatten.«
   Alina hielt still, während Tom mit dem Gerät über ihrer Handfläche auf und ab fuhr.
   »Mhm«, brummte er. »Funktioniert hier nur umgekehrt. Später kann man das Ding auch zum Einlesen des Codes benutzen, und falls irgendwann der Strom ausfallen sollte, kann man dich anhand der vierstelligen Nummer identifizieren.«
   »Ich bin also jetzt eine Nummer mit einem Strichcode, so wie es früher bei Waren gehandhabt wurde.«
   Alexander hielt einen Augenblick inne. Sie würde doch jetzt keine Schwierigkeiten machen?
   »Wir haben das System modifiziert. Ist ganz praktisch. So erspart man sich den Ärger mit dem Bargeld. Einfach Hand ans Lesegerät und fertig. So einen Strichcode hat hier jeder. Ist sozusagen die Eintrittskarte.«
   »Du auch?«
   »Klar.« Tom hielt ihr die Hand hin.
   »Dann werden also Vampire und Menschen gleichbehandelt?«
   »Nun …« Tom sah zu Alexander, eine Hand zu den teils schmucklosen, teils aufwendig gearbeiteten Armbändern ausgestreckt, die neben ihm in einer Vitrine ausgestellt waren.
   »Chip«, sagte Alexander nur.
   »Aber …«
   »Chip!«
   »Okay.«
   Das Injektionsgerät sah beinahe wie eine Pistole aus. Alina beugte sich auf Toms Geheiß nach vorn, er setzte ihr das dünne Ende in den Nacken und drückte ab.
   Als sie sich aufrichtete, trafen sich ihre Blicke. Ihrer erinnerte Alexander an den eines geprügelten Hundes. Aber nicht etwa den eines Straßenhundes, der Kummer gewohnt war. Nein, so musste der geliebte Familienhund aussehen, der zum ersten Mal und völlig unerwartet einen Fußtritt bekommt.
   »Wir fahren«, sagte Alexander barsch. »Ist nicht mehr lang bis zur Morgendämmerung.«
   Alina sagte nichts, ging aber mit ihm mit. Tom verabschiedete sich kurz und wandte sich der Treppe zu, die in den oberen Stock hinaufführte. Sie hatten den Ausgang noch nicht erreicht, als sie Tom auch schon losplappern hörten.
   »He, Richie, sie sieht genauso aus wie auf dem Video. Ein wenig dünner vielleicht, aber sonst haargleich. Jetzt schau mich nicht so an, ich kann doch auch nichts dafür, dass du Dienst hast und oben bleiben musst. Nein, ich schleppe sie ganz sicher nicht herauf. Alexander ist schon grantig genug. Morgen oder übermorgen kannst du sie selbst sehen.«
   Alexander schob Alina vor sich her zur Tür hinaus. Dieses verdammte Video. Er hatte es schon viel zu oft sehen müssen. Überall war es gezeigt worden. In den Nachrichten. In jeder Gaststätte. Auch im Internet tauchte es ständig auf. Als würde es ihn verfolgen! Als wäre er dazu verflucht, den Tod seines Bruders wieder und wieder zu sehen!
   Die Menschenmenge, die ihn in die pralle Sonne zerrte. Alina, die sich weinend und kreischend dazwischen warf, verzweifelt versuchte, Gregor mit ihrem Körper zu schützen. Gregors Haut, die Blasen schlug. Sein schmerzverzerrtes Gesicht. Seine Schreie. Und dann die Flammen. Alina, die versuchte, sie zu ersticken. Leute, die sie an den Händen packten und wegzerrten. Ihr Widerstand. Wie sie sich mit den Beinen an Gregor klammerte, auch noch, als das Vampirfeuer bereits ihre Kleidung in Brand gesetzt hatte. Immer mehr Hände packten zu, schafften es, sie von Gregor zu lösen, wickelten sie in eine Decke, um die Flammen auf ihr zu ersticken, während das Feuer, in dem Gregor verbrannte, immer heller loderte.
   Trotz des immer noch dunklen Himmels, fühlte Alexander ein unangenehmes Brennen. Die erste Warnung, dass die Morgendämmerung nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Zum Glück war es nicht weit, bis zu seinem Haus. Kaum hatte er das Auto gestartet, trat er das Gaspedal voll durch. Hier würde ihm bestenfalls ein Feldhase in die Quere kommen und der hatte dann eben Pech.

2. Kapitel
Alina

Alina unterdrückte einen Schmerzensschrei. Alexander hielt ihr Handgelenk so fest gepackt, dass es wehtat. Dabei zeigte er ihr nur, wie sie den Scanner an der Haustür benutzen musste, und kontrollierte gleichzeitig, ob die Autorisierung ihres Codes funktionierte.
   Die dicke Holztür sprang gehorsam auf. »Dein Zimmer ist das erste auf der rechten Seite.«
   Alexander wirkte abweisend und schroff. Lag das an den ersten Sonnenstrahlen, die draußen bereits über den Horizont krochen? Er schien es ziemlich eilig zu haben, in seinen schützenden Keller zu kommen. Bei manchen Vampiren bewirkte die alltägliche Erinnerung an ihre Schwäche automatisch schlechte Laune. Vielleicht wurde sein Gemütszustand aber auch dadurch bedingt, dass er nun das Haus mit ihr teilen musste. Sie fragte ihn nicht danach, kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass sie sowieso keine Antwort erhalten würde. »Irgendwelche sonstigen Anweisungen?«
   »Nein.«
   »Ich dachte, es gibt hier vielleicht besondere Bestimmungen für Menschen.«
   »Du kannst dich frei bewegen. Falls du irgendetwas brauchst, kannst du es im Dorf kaufen. Wir haben hier einen Laden mit allem möglichen Krempel.«
   »Wie viel kann ich ausgeben?«
   »Keine Sorge. Es ist genügend Guthaben auf deinem Konto.«
   Er war mit jedem Wort unruhiger und zappliger geworden und schließlich im Keller verschwunden, bevor sie weitere Fragen stellen konnte.
   Ihr Zimmer hatte ein eigenes Bad, jedoch keine Küche. Alina erinnerte sich daran, dass Alexander den Geruch von menschlichem Essen nicht mochte. Er hasste es, ständig damit konfrontiert zu werden, dass er all diese Dinge nicht mehr essen konnte. Nun, sie würde eine Möglichkeit finden, ihre Mahlzeiten auswärts einzunehmen.
   Das Bett schien halbwegs bequem. Die Bettwäsche war weiß mit dezentem hellgelbem Blümchenmuster. Der große Einbauschrank war leer. Sie stellte ihre Tasche hinein und setzte sich auf den Stuhl neben dem Fenster. Das Morgenrot tauchte die Schneegipfel der Berge in zartrosafarbenes Licht, während der Himmel in allen Farben glühte. Alina fühlte sich unangenehm an Flammen erinnert.
   Allmählich konnte sie die Umgebung immer deutlicher erkennen. Was zuerst eine Ansammlung von beleuchteten Vierecken gewesen war, zeigte sich nun als Dorf im alpenländischen Stil. Spitzgieblige Häuser mit Holzverschalung und geschnitzten Balkonen. So ziemlich der letzte Ort, wo man eine Vampirhochburg erwarten würde.
   Ihr erster Impuls war, sich ins Bett zu legen. Doch dann dachte sie daran, wie lange sie schon keinen Spaziergang bei Tageslicht mehr gemacht hatte. Sie trat wieder in den Flur und legte ihre Hand auf das Sensorfeld. Obwohl sie halb erwartete, dass die Tür geschlossen bleiben würde, öffnete sie sich. Die Luft war frisch und roch würzig nach Wald, Wiesenblumen und Dung. In der Ferne hörte sie Kuhglocken. Ihr wurde schwindlig. Sie setzte sich einen Moment auf die Eingangsstufen. Alles hier wirkte surreal. Fast erwartete sie, die Szenerie würde vor ihren Augen verschwimmen und einem Horrorszenario mit halb verfallenen Lagerhallen und gesprungenem Asphalt Platz machen. Doch nichts dergleichen geschah. Nur eine rot getigerte Katze kam zielstrebig auf sie zu marschiert, rieb sich an ihren Beinen und ließ sich schließlich an ihrer Seite nieder.
   »Du musst Alina sein.«
   Alina schrak zusammen. Sie hatte die junge Frau, die nun neben ihr stand, nicht näherkommen hören. Das runde, frische, von wilden braunen Korkenzieherlocken umrahmte Gesicht befand sich unangenehm nahe an ihrem eigenen.
   »Ich bin Daniela.«
   Alina murmelte einen Gruß und versuchte, abzurücken, soweit es möglich war, ohne unhöflich zu erscheinen.
   Daniela musterte sie derart eindringlich, dass sie sich fragte, ob sie sich mit irgendetwas vollgekleckert hatte.
   »Stimmt etwas nicht?«
   »Es ist nur … wow … du bist jetzt schon gechippt.«
   Nun war Alinas Interesse geweckt. Obwohl das Gefühl zu träumen nicht gänzlich von ihr wich, fühlte sie sich etwas wacher. »Ich wusste nicht, dass es eine andere Option gibt.«
   Daniela streckte den Arm aus. Ein breites silbernes Armband mit einem einzelnen roten Stein saß fest um ihr Handgelenk.
   »Sieht hübsch aus.«
   »Das schon, aber es erlaubt dir nur Zugang zu bestimmten Bereichen. Mit dem Chip kommst du überall hin.« Daniela seufzte und setzte sich auf. Dabei streichelte sie der Katze beiläufig über den Rücken. »Aber ich bin sicher, Oliver wird bald die Bürgschaft für mich übernehmen und ich kann mich chippen lassen.«
   »Bürgschaft?« Alina drehte sich halb zu Daniela um und begann nun ihrerseits, die Katze zu streicheln. Es war angenehm, das warme Tierfell unter den Fingern zu spüren.
   »Einer der Vampire muss sozusagen die Verantwortung für dich übernehmen. Solltest du dich nicht als loyal erweisen, muss er geradestehen.«
   Ein Bauer trieb seine Kühe die Straße entlang und lüftete grüßend den Hut, als er an ihnen vorbeikam.
   »Hast du schon gefrühstückt?«
   Alina schüttelte den Kopf. Daniela stand auf und hielt ihr die Hand hin. »Unser Bäcker hat die besten Semmeln in ganz Österreich. Wetten?«
   Wetten wollte Alina zwar nicht, aber die Semmeln kostete sie trotzdem. Und Daniela hatte recht. Selten bekam man diese typisch österreichischen Brötchen perfekt serviert. Nicht zu trocken, nicht zu weich, die Kruste hatte genau die richtige Konsistenz. Das weiße Innere war so flaumig, dass es auf der Zunge zu zergehen schien.
   Daniela zeigte ihr noch den Laden, in dem es vom Universalladekabel bis zur Unterhose wirklich alles zu kaufen gab. Die Bauern aus der Region lieferten hier ihre Produkte ab. Was sich in dem engen Gebirgstal nicht anbauen ließ, wurde zugekauft.
   »Wenn ein Bauer genügend Milch, Gemüse oder Obst liefert, kann er sich vom Blutdienst freikaufen. Das sind Produkte, die in die Städte weiterverkauft werden. Auch das Zeug, das wir daraus machen – Käse, Joghurt, Marmelade.«
   Alina nickte nur und sagte kaum etwas, während Daniela unentwegt weiterplapperte. Sie erwarb eine bunte Decke, um das eintönige Weiß und Hellgelb in ihrem Zimmer etwas aufzulockern. Sportkleidung, denn die ländliche Umgebung verlockte dazu, ihr Lauftraining wieder aufzunehmen, und auch in der Ecke mit den Büchern wurde sie fündig.
   »Komm«, drängte Daniela. »Ich muss dir unbedingt noch Katja vorstellen. Die macht das beste Gulasch, das du jemals gegessen hast.«
   War es wirklich schon Mittag? Tatsächlich, draußen stand die Sonne schon hoch am Himmel. Trotzdem ließ sich Alina nur widerwillig von Daniela mitziehen. Sie hatte nach dem ausgiebigen Frühstück noch keinen Hunger.

Alina zuckte zusammen, als das Licht der Sonne auf sie fiel. Ob sie wohl jemals wieder ins grelle Licht des Tagesgestirns treten konnte, ohne an jenen Tag zu denken?
   »Du bist zu nett«, hatte Alexander stets zu seinem Bruder gesagt. »Das ist echt scheiße, denn die Guten zahlen immer drauf.«
   Gregor hatte nur gelacht, sich aber stets gutmütig von seinem großen kleinen Bruder – wie er ihn scherzeshalber nannte, weil er zwar ein Jahr jünger aber acht Zentimeter größer war – beschützen lassen. Wenn es doch nur genützt hätte! Aber selbst Alexander hatte gegen die Übermacht nichts ausrichten können. Es war ihm mit Mühe gelungen, sein Leben zu retten. Der Preis dafür stand ihm immer noch ins Gesicht geschrieben. Obwohl sich Alina eingestehen musste, dass ihn die Narben nicht unattraktiv machten. Vampirfeuer hinterließ ganz eigentümliche Spuren. Die verheilten Wunden sahen aus, als wäre die Haut mit einer silbrigen Flüssigkeit benetzt.
   »Normalerweise sind um diese Zeit mehr Leute unterwegs«, sagte Daniela, während sie sich auf dem leeren Dorfplatz umsah. »Aber ich glaube, heute sind die meisten einfach nur in ihre Betten gefallen. In der Dorfschenke ist letzte Nacht die Megaparty gestiegen. Waren wohl am Ende alle abgefüllt.« Daniela lachte. »Die einen mit Blut, die anderen mit Alkohol und manche mit beidem.«
   Alina wusste, dass manche Vampire gern alkoholgesättigtes Blut tranken, als Ersatz für Bier, Wein oder Schnaps, die sie nicht mehr vertrugen. Auch in Wien gab es solche Partys. Einige der in der Blutzentrale stationierten Menschen, hatten sich etwas dazuverdient, indem sie sich für solche Veranstaltungen zur Verfügung stellten. Am nächsten Tag waren sie meist verkatert, um einiges Blut ärmer und dafür um eine ganze Menge Kohle reicher wieder zurückgekommen. Das Risiko, getötet zu werden, hatten sie dabei billigend in Kauf genommen. Für manche ein Extrakick, für andere eine Möglichkeit, einem geliebten Menschen eine ordentliche Geldsumme zukommen zu lassen. Denn für etwaige Todesfälle wurde eine hohe Entschädigung bezahlt und bereits im Vorfeld vertraglich festgelegt, wer sie erhalten sollte.
   »Die Dorfschenke ist unsere Anlaufstelle für alle Vampire, die nicht mit Menschen zusammenleben wollen und umgekehrt. Sie gehört Oliver.« Beim Wort Oliver ging ein Strahlen über ihr Gesicht. »Er passt auf, dass alles in geregelten Bahnen abläuft und kein Mensch zu Schaden kommt.«
   »Also eine Art Blutzentrale?«
   Daniela hob unschlüssig die Schultern. »Ich weiß nicht, wie es woanders abläuft.«
   »Ich denke mal, ganz ähnlich.«
   »Wahrscheinlich.« Daniela lächelte und gähnte. »Normalerweise liege ich nach so einer Fete um diese Uhrzeit auch noch im Bett, aber ich wollte dich unbedingt als Erste kennenlernen.«
   Sie kamen zu einem Gebäude, das aussah wie eine überdimensionale Almhütte. Dorfschenke stand in blutroten Lettern über dem Eingang. Die mit Edelweißblüten verzierten Fensterläden waren geschlossen.
   »Komm«, sagte Daniela. »Wir gehen außen herum. Bei dem Wetter sitzen sicher alle draußen.«
   Alina hatte einen staubigen, vertrockneten, zugemüllten Hinterhof erwartet, doch als sie um die Ecke bog, sah sie einen idyllischen Bauerngarten mit Gemüse- und Kräuterbeeten, riesigen Salatköpfen und bunten Blumen. Nicht einmal die obligatorischen, farbig glänzenden Rosenkugeln aus Glas fehlten.
   Im Schatten des hinter der Dorfschenke liegenden Hauses waren Bierbänke aufgestellt. Im Gegensatz zur Dorfschenke standen sowohl die Fensterläden als auch die Haustür offen. Ein paar Menschen mit bleichen Gesichtern hockten verschlafen über Schüsseln gebeugt, denen ein köstlicher Duft entströmte.
   »Kartoffelgulasch! Das musst du unbedingt kosten!«
   Ehe sie sich versah, wurde Alina auf eine Bank gedrückt und hatte eine Schüssel vor sich. Sie wurde mit nun deutlich wacheren Augen aus immer noch verschlafenen Gesichtern gemustert. Unbehaglich rührte sie in ihrem Gulasch und begann, die Kartoffelstücke zu zerdrücken, um sie mit der Soße zu vermengen.
   Eine mittelgroße Frau um die Fünfzig mit halblangen blonden Haaren trat aus der Haustür und kam zu ihnen. Sie hatte eine leicht rundliche Figur und eine mütterliche Ausstrahlung.
   »Hallo Katja«, grüßte Daniela. »Das ist Alina.«
   »Das habe ich mir schon gedacht.«
   »Das Kartoffelgulasch ist sehr gut«, sagte Alina nach der Begrüßung, um irgendetwas zu sagen. »Ist das das Wirtshaus für Menschen?«
   »Ich koche jeden Tag ein Gericht. Wer davon etwas abhaben will, kann gern kommen. Eine Speisekarte gibt es hier nicht.«
   »Verstehe.« Alina fühlte sich unbehaglich. Alle Blicke ruhten auf ihr. Niemand aß mehr.
   »Falls jemand sich verletzt oder erkrankt, kann er auch zu mir kommen. Ich verstehe mich recht gut auf Kräuter.« Katja lächelte.
   »Recht gut?«, mischte sich Daniela ein. »Du untertreibst maßlos. Mit jedem Kraut weißt du, etwas anzufangen. Ich hatte diese Wunde, die einfach nicht verheilen wollte. Dann hast du mir von deinem Gänseblümchenzeug gegeben und nach zwei Wochen war sie vollkommen weg.«
   »Einen Ölauszug aus Gänseblümchen, das ist richtig. Gänseblümchen helfen auch bei Husten und Magenleiden.«
   Daniela stieß Alina an. »Da siehst du! Wenn dir irgendetwas fehlt, Katja hat garantiert das richtige Kraut für dich.«
   Inzwischen waren auch die anderen näher gerückt und beobachteten Alina neugierig. Daniela stellte sie alle vor. Alina versuchte gar nicht erst, alle Namen zu behalten.

Als sie Stunden später in ihrem noch ungewohnten Bett lag, schwirrten die Namen immer noch durcheinander – Marissa, Dieter, Elena, Jakob …
   Sie drehte sich von einer Seite auf die andere. Immer wieder blitzten Bilder des vergangenen Tages in ihrem Kopf auf. Alexander, der in der Eingangshalle stand. Das Auto am Bürgersteig. Neugierige Menschen und Vampire, die es begafften und widerwillig zurücktraten, als Alexander sie kalt ansah. Die Wehranlage, am Eingang des Tales, das Gefühl, in ein Gefängnis zu kommen und dann der blaue Himmel, die schneebedeckten Bergspitzen, die hellgrünen Wiesen und der dunkelgrüne Wald. Fremde Stimmen, die sie nach ihren Fähigkeiten fragten. Sie hörte sich antworten. »Massage.« Dann Katja, die ihr einen Raum in ihrem Haus anbot.
   Hoffentlich machte Alexander keine Schwierigkeiten. Er hatte zwar nichts davon gesagt, dass sie ihren Beruf nicht ausüben dürfte, aber oft genug konnte sie seine Reaktionen nicht vorhersehen.
   Sie drückte ihr Kissen an sich. Es roch noch unvertraut, fühlte sich auch unvertraut an. Wie sehr wünschte sie sich, Gregor jetzt an ihrer Seite zu haben. Sie könnte sich an ihn kuscheln, die Nase in seine Halsbeuge stecken, seinen Geruch einsaugen. Sie vermisste ihn so sehr, dass es wehtat. Dabei hatte sie gedacht, das Schlimmste hinter sich zu haben, aber Alexander hatte Erinnerungen geweckt.
   Die Brüder waren sich einfach zu ähnlich. Natürlich war Alexander größer, breiter gebaut, sein Haar dunkler und sein Kinn energischer. Aber er hatte dieselben hellbraunen Augen, dieselbe gerade Nase, und er roch sogar ähnlich wie Gregor. Nur ein wenig herber. Seine Gegenwart hatte sie so entspannt, dass sie im Auto eingeschlafen war. Und das, obwohl er im Gegensatz zum ruhigen Gregor stets aufbrausend war und sehr schnell bereit, aus einer verbalen Auseinandersetzung eine handgreifliche zu machen. Durch seine Verwandlung zum Vampir war sein Temperament eher noch hitziger geworden.
   Er hasste Menschen, weil er glaubte, dass sie ihn hassen mussten. Ein Wunder, dass er Alinas Nähe ertrug. Sie hatte nicht damit gerechnet ihn wiederzusehen und deshalb auch nicht damit, dass sie das Versprechen würde erfüllen müssen, das sie Gregor gegeben hatte. Sie hörte seine Stimme jetzt genauso deutlich wie vor anderthalb Jahren: »Du bist sein Therapiemensch. Du musst dich um ihn kümmern. Ganz besonders, wenn ich einmal nicht mehr bin.«
   Plötzlich saß sie wieder neben Gregor auf der Couch, schlug ihm leicht auf die Schulter. »Du Dummkopf, du bist der Vorsichtigere von euch beiden. Du wirst ewig leben.«
   Gregor strich ihr über die Wange. Er lächelte. Seine Vampirzähne waren nicht besonders ausgeprägt. So sah er auch nach seiner Verwandlung beinahe aus wie zuvor. Nur sein Geruch hatte sich verändert. Vielleicht durch das Blut. Aber das störte Alina nicht. Im Gegenteil. Er schien jetzt mehr nach ihr zu riechen, Teil von ihr zu sein. Deshalb konnte sie sich auch nicht vorstellen, dass er irgendwann nicht mehr da sein würde.
   »Niemand lebt ewig.«
   »Du schon. Jemand wie du muss einfach ewig leben.«
   Er hatte gelächelt. Ein wissendes Lächeln. Und zwei Monate später war er tot.
   Der Schmerz durchfuhr Alina, als würde ihr jemand ein Messer in die Brust rammen. Sie schlang die Arme um den Oberkörper, fühlte, wie sich unter ihren geschlossenen Lidern die Tränen sammelten. Ein Schluchzen stieg in ihrer Kehle auf.
   Gregor hatte sie immer festgehalten, wenn es ihr nicht gut ging, sie mit seinen Armen umschlungen und sie an sich gedrückt, so lange, bis die Tränen versiegten. Alexander würde das niemals tun.
   Die Einsamkeit legte sich wie eine Schlinge um ihren Hals. In Wien hatte sie wenigstens ein paar Freunde gehabt. Hier hatte sie niemanden. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, mitzugehen? Sie fühlte sich so einsam in diesem Dorf voller Menschen und Vampire, dass sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Wenn doch nur Gregor da wäre! Mit ihm hätte sie alles ertragen. Sie wollte ihn wieder spüren. Auf ihrem Körper, in sich. Sie wollte hören, wie er ihr mit heiserer Stimme Liebkosungen ins Ohr flüsterte.
   Schmerz und Trauer schnürten ihr die Kehle zu. Sie versuchte, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Meist hatte sie Erfolg damit, wenn sie sich einen schönen Ort vorstellte. Ihren Lieblingsplatz, eine kleine Lichtung in einem Laubwald, in deren Mitte ein Pavillon aus weißem Gitterwerk stand, an dem sich rote Rosen emporrankten. Heute wollte es nicht gelingen, diesen Ort zu erreichen und wie von selbst wanderte ihre Hand den Bauch entlang zwischen die Beine, um die steigende Spannung zu lösen. Sie weinte, während sie sich befriedigte und im Moment des Höhepunktes war es für einen Augenblick, als würde Gregor neben ihr liegen, würde sich an sie schmiegen und ihre Finger führen.

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