Die Suche nach dem Heiligen Buch hat die drei Krieger und Sasha nach New York geführt, wo sie von den unbekannten Eindrücken überfordert und hilflos gestrandet sind. Die junge Emma nimmt sich ihrer an und fühlt sich schon bald zu Solvin hingezogen. Mit ihrer Hilfe gelingt es den Vampiren, weitere Artefakte zu finden, die verborgen im Herzen New Yorks auf sie warten. Fern ihrer Welt und Alasar fühlen sie sich sicher, bis sie angegriffen werden. Ein neuer Feind stellt sich ihnen in den Weg, während Solvin mit seinen unbekannten Gefühlen für Emma kämpft. Konfrontiert mit der bitteren Wahrheit, menschlichen Abgründen und dem Ursprung ihres Seins, versuchen sie alles, um das Buch und einen Weg zurück in ihre Welt zu finden.

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ISBN: 978-9963-53-584-2

Seiten: 352

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Carmen Gerstenberger

Carmen Gerstenberger
Carmen Gerstenberger, 1977 in Esslingen am Neckar geboren, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem kleinen Ort in der Nähe. Die Liebe zu Büchern und Fantasy hat Carmen schon immer begleitet, doch erst 2014 wagte sie sich an ihr erstes Manuskript. Seitdem schreibt sie romantische, lustige oder fantastische Geschichten und hofft, dass sie noch viele weitere erzählen darf.

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Kapitel 1
Neue Welt

Klick klack … Klick klack … Klick klack …
   »Solvin, bitte, so hör doch auf, sonst bricht der Schalter wieder ab und die Dame von der Rezeption war letztes Mal schon absolut nicht erfreut!«
   Sol, der die vergangenen zehn Minuten nichts anderes getan hatte, als andächtig das Licht ein- und auszuschalten, hielt inne. Weshalb wies die kleine Elfe ihn so oft zurecht? Dann lächelte er versonnen und fuhr mit dem Betätigen des Lichtschalters fort, was ihm ein weiteres genervtes Schnauben von Emma einbrachte. Wieso sollte er damit aufhören, wo die Menschen in dieser Welt es doch geschafft hatten, ihre Wohnräume nur durch diese kleinen Schalter mit strahlend hellem Licht zu erleuchten?
   Er war geradezu fasziniert von den technischen Möglichkeiten an diesem Ort – im Gegensatz zu Talin, der sich seit ihrer Ankunft vor zwei Wochen nur aus seinem Zimmer locken ließ, wenn er nahezu bewusstlos war. Darius indes hatte genügend Ablenkung durch seine Frau, sodass er und Sasha ihren Raum ebenfalls kaum verlassen hatten. Solvin hingegen hatte das Angebot der derzeit schimpfenden Augenweide gern angenommen, und sich in der Zwischenzeit mit ihr dieses New York angesehen, in dem sie sich nun befanden. Die bloße Anzahl an Menschen und der erschreckende Lärm waren ihm jedoch noch immer nicht geheuer, sodass er sich in der schützenden Ruhe dieses Zimmers am wohlsten fühlte.
   »Solvin, bitte, sie wird euch rauswerfen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wo ich euch sonst noch unterbringen könnte. Nachdem Talin in all den anderen Motels und Hotels mit seiner Axt entweder das Mobiliar zertrümmert, oder Angestellten nach dem Leben getrachtet hat!«
   Solvin lächelte. »Meine elfengleiche Schönheit, mein stets gut gelauntes Sonnenscheinchen hatte nichts Boshaftes im Sinn, wie ich schon mehrfach versucht habe, zu erklären. Es ist nur so, dass ihm diese Dinger, die ihr Fernseher oder Radio nennt, einfach nicht geheuer sind.« Ihm hingegen gefiel diese Erfindung sehr gut, nach dem anfänglichen Schock und der darauf folgenden Skepsis, sah er sich nun gern die Wiederholung älterer Folgen von Greys Anatomy an. Emma zog ihn damit auf, doch Sol gefiel es. Eines Mittags hatte er Tinkerbell gesehen, und seit diesem Moment nannte er Emma seine Elfe.
   Die vergangenen Tage hatten sie damit verbracht, zu verstehen, dass sie offenbar in einer neuen Welt gelandet waren. In einer fremden, lauten und grellen Welt, die ihnen Angst machte. Nachdem Emma ihnen die erste Unterkunft besorgt hatte, wofür Sol ihr auf ewig dankbar war, hatte sie sich freundlicherweise dazu bereit erklärt, ihnen auch weiterhin zur Seite zu stehen. Sie hatte offenbar kurz zuvor ihre Arbeitsstelle verloren und meinte, während sie eine neue suchte, könne sie auch Babysitter spielen. Er war mehr als nur glücklich darüber, denn sie alle wussten, dass sie ohne ihre Hilfe und Einweisung in diese Welt rettungslos verloren gewesen wären. Nachdem das Verhalten der Krieger für Emma zu Anfang befremdlich gewesen war, hatte sie sich nun darauf festgefahren, dass sie alle aus einem fernen Land kamen. Einem rückständigen, völlig technologiefreien Land, in dem es keinen Strom gab und keine blechernen Ungetüme, welche die Straßen verstopften und die Luft verpesteten. Sol hatte ihr mehrmals versucht, zu erklären, dass sie aus einer anderen Welt stammten, doch sie hatte ihn stets mit zusammengekniffenen Augen angesehen und sich mit dem Zeigefinger an die Stirn getippt. Er wusste nicht, was das bedeutete, sie schien ihm jedoch in dieser Hinsicht nicht zu glauben. Also ließ er Emma in dem Glauben, dass es hier solch ein rückständiges Land gab, und konzentrierte sich darauf, Darius und Talin zur Vernunft zu bringen. Sie führten sich auf wie die bei ihnen zu Hause vom Virus veränderten Lebensformen, die rasend vor Wut waren.
   Solvin hatte am wenigsten von ihnen mit den Veränderungen zu kämpfen. Er sah es als neue Chance an, auch wenn er nicht wusste, für was. Sein Blick verharrte auf Emma und lächelnd fragte er sich, ob er sich in diesem New York auch so wohl fühlen würde, wenn sie nicht wäre?
   Ein Knacksen riss ihn aus seinen Gedanken und erschrocken sah er auf das, was er angerichtet hatte. O weh. Das war nicht gut. Gar nicht gut. Solvin hatte den Lichtschalter abgebrochen. Schon wieder. Er begegnete Emmas wutentbranntem Blick, die ihre Hände in die Hüfte stemmte und ihn anfunkelte. Solvin schenkte ihr das bezauberndste Lächeln, das er unter diesen Umständen zustande brachte, doch leider vergeblich.
   »Sie werden euch rausschmeißen und dann seid ihr obdachlos. Und sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!«, sagte sie kopfschüttelnd und äußerst mürrisch. Dann kam sie zu ihm und schob ihn beiseite, um sich den angerichteten Schaden zu besehen. »Der ist völlig hinüber.« Er sah ihr dabei zu, wie sie das in viele Einzelteile zerbrochene Material, das sich Plastik nannte, vom Boden aufsammelte, und atmete tief durch. Sie hatten übermenschliche Kräfte und in einer Welt, die von und für Menschen gebaut worden war, benahmen sie sich wie Tollpatsche. Keiner von ihnen hatte Emma gegenüber erwähnt, dass sie Vampire waren, sie befanden es nicht für nötig, sie darüber aufzuklären. Sie nahmen an, dass sie mit diesem Begriff ohnehin nichts würde anfangen können.
   In Anbetracht des neuen Schadens und des kleinen Unfalles von gestern, als der Tisch während Talins Übungen mit dem Schwert hatte dran glauben müssen, würden sie wohl noch mehr dieser Dollars benötigen, die hier als Zahlungsmethode galten. Solvin hatte schnell erkannt, dass die Leute alle zufrieden waren und sie in Ruhe ließen, wenn sie ihnen einen dieser Scheine unter die Nase hielten. Ihr Vorrat an Geld war jedoch nahezu aufgebraucht, Sol musste wohl oder übel ein weiteres Schmuckstück in dem Gebäude veräußern, das Emma Pfandhaus genannt hatte. Sie besaßen nur das, was sie an ihren Körpern getragen hatten, als sie durch das Portal geschritten waren. Außer ihren zerfledderten Gewändern waren das lediglich ein paar Ringe und Talins Armreif gewesen, die in ihrer Welt nicht wertvoll waren. Hier schienen die Menschen jedoch völlig verrückt nach Gold zu sein. Es sollte ihm recht sein, denn zumindest waren sie dadurch nicht mittellos und hatten eine Bleibe. Noch. Solvin seufzte.
   Ein lautes Klopfen, das die Zimmertür erbeben ließ, schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. Das mussten seine Brüder sein. Zur Sicherheit machte er den Fernseher aus, nicht ohne jedoch einen letzten sehnsüchtigen Blick darauf zu werfen. Gleich würde eine weitere Folge Greys Anatomy kommen. Er hätte wirklich gern gewusst, ob Denny es schaffte, denn sein Tod würde Izzie mit Sicherheit das Herz brechen. Solvin atmete genervt durch, als sich das Klopfen an der Tür in ein drohendes Donnern wandelte. Seine Brüder waren so schrecklich unromantisch. Es half jedoch alles nichts, die Kiste durfte nicht laufen, während Talin im selben Raum war, denn dessen Axt vergnügte sich mit Vorliebe mit diesem verwunschenen Menschenkram, wie er es nannte.
   Als Solvin endlich öffnete, stapfte ein ungehaltener Darius zielstrebig so dicht an ihm vorbei, dass dessen langes schwarzes Haar ihn streifte, und machte es sich auf dem Bett bequem. Das Sofa gab es seit ein paar Tagen nicht mehr, zumindest nicht mehr in einem Stück. Das Ding, das sie Telefon nannten, hatte bedauernswerterweise geklingelt, als sich Talin im Raum befunden hatte. Nun, jetzt würde es nie wieder klingeln.
   Darius’ Menschenfrau Sasha kuschelte sich sogleich auf dessen Schoß, und bevor Solvin bis drei zählen konnte, fingen sie schon wieder an, sich zu befummeln. Er verdrehte die Augen. »Ich würde ja sagen, nehmt euch ein Zimmer, aber in diesem Fall bin ich froh, dass ihr euch vom selbigen endlich mal trennen konntet.« In der Tat war er erleichtert, dass er sie endlich alle gemeinsam zu sprechen bekam. Tatsächlich war ihm das in den bisherigen zwei Wochen noch nie gelungen. Zu anfangs schafften sie es nicht, den hysterischen Talin unter Kontrolle zu bekommen, dann hatten Darius und Sasha die Vorteile eines eigenen Raumes herausgefunden und waren seitdem nicht mehr ansprechbar gewesen. Deswegen war Solvin froh, sie endlich alle hier zu haben, denn es wurde Zeit, dass sie über ihre weitere Mission sprachen.
   Warum waren sie in dieser Welt gelandet? Welche Aufgabe hatten sie und vor allem, wie ging es nun weiter? Das Geld aus dem Pfandhaus würde nicht ewig ausreichen und viel Schmuck besaßen sie nicht mehr. Er hoffte, dass Darius an die Steinrune gedacht hatte, die sie bei ihrer Ankunft in dem versteckten Raum gefunden hatten.
   Nervös glitt sein Blick von dem frisch verliebten Paar auf seinem Bett zu Emma. Solvin hatte keine Ahnung, weshalb ihn ihre Anwesenheit verunsicherte, aber er war gewillt, dies herauszufinden. Er versank im Anblick ihres goldenen Haares, und die Erinnerung an den Spaziergang vor einigen Tagen ließ ihn beinahe erschaudern. Sie waren durch diesen großen zentralen Park gegangen und die tief stehende Herbstsonne hatte ihre Strahlen sanft über Emma streicheln lassen, wobei ihr Haar wie flüssiges Gold geleuchtet hatte.
   »Wenn du die Menschenfrau genug angeschmachtet hast, könnten wir endlich zum Wesentlichen kommen«, sagte Darius brummend in Sols Schwärmerei hinein.
   Er räusperte sich unangenehm. Das war wieder typisch. Der ungehobelte Krieger durfte seine Sasha ständig betatschen, aber wehe, wenn Sol Emma auch nur ansah. Was er gern tat. Sehr gern. Er holte tief Luft, schüttelte sich und sah seine Freunde an. »Nun gut, da du deine Zunge offenbar wieder für Spitzfindigkeiten einsetzen kannst, sollten wir uns die Rune besehen. Wir haben lange genug Zeit vergeudet.«
   »Ich würde es nicht unbedingt vergeudet nennen.« Darius grinste ihn an und Solvin verzog das Gesicht. Dann sah er zu Talin, der fast mit der Wand zu verschmelzen schien, so sehr drängte er sich mit panischem Blick in die Ecke. Er hielt seine Axt mit beiden Händen fest umklammert und funkelte wütend den Fernseher an, der zu ihrem Glück stumm blieb. Solvin nickte ergeben. Das würde ein Spaß werden.
   Dann holte Darius den Runenstein aus seiner Ledertasche hervor und stellte ihn vor sich auf den Boden.
   Solvin fuhr sich angespannt durch sein Haar, ging zu dem Stein, von dem er hoffte, dass er der nächste Hinweis sein würde, und nahm ihn vorsichtig in die Hand. Er hielt diesen momentanen Stillstand nicht aus. Zu Hause gab er sich jeglichen Vergnügungen hin, die er finden konnte, doch hier hatte er bisher nicht ein Mal das Verlangen verspürt, ein Freudenhaus aufzusuchen, falls es diese hier gab. Was er nicht bezweifelte, denn gewisse Freuden hielt er für universell. Die Luft dieser Welt schien sich jedoch merkwürdig auf sein Befinden auszuwirken, denn Solvin war bekannt für seine Vergnügungssucht. Hier aber genügten ihm die vielen neuen Eindrücke, die er gemeinsam mit Emma kennenlernte. Emma. Wieder seufzte er und verfluchte zum wiederholten Mal seinen Magen, der die Atmosphäre dieser Welt offensichtlich ebenso wenig vertrug, denn seit sie hier waren zog er sich immer wieder schmerzhaft zusammen. Dann fing sein Herz schneller an zu schlagen und Solvin sorgte sich. Er wusste nicht, was los war, doch augenscheinlich ging es keinem seiner Brüder so.
   »Was ist das?«, hörte er auf einmal Emmas sanfte Stimme neben sich und musste sich zwingen, seine Konzentration wiederzufinden. Jetzt war keine Zeit für seine inneren Befindlichkeiten, seine Brüder waren hier – und die Rune. Die Zeit für den nächsten Schritt war gekommen.
   »Eine Rune«, antwortete er leise, während seine Finger liebevoll über die in den Stein eingemeißelte Inschrift strichen. Auf ihren fragenden Blick hin fuhr er fort: »Durch die Hinweise auf anderen Runensteinen haben wir hierher gefunden. Nun müssen wir herausfinden, was wir als Nächstes zu tun haben.«
   »Und das steht da drauf?« Der Blick aus ihren klaren blauen Augen lenkte ihn für einen Moment ab. Sie hatte sich neben ihn auf den Boden gekauert und sah ihn interessiert an.
   »Richtig.«
   »Und wenn es da steht, warum weißt du dann nicht, was du tun sollst?«
   »Meine wunderschöne Elfe, weil dieser Stein in Rätseln zu uns spricht.« Er schenkte ihr ein Lächeln, und als sie es erwiderte, ging die Sonne für ihn auf.
   »Also müsst ihr jetzt das Rätsel lösen und dann wisst ihr, wohin ihr gehen müsst?«
   »Ja.«
   »Das ist aufregend, und ich glaube, es tut euch gut, endlich mal aus diesem Hotel rauszukommen.« Sol nickte. Die Schmatzgeräusche im Hintergrund, die von Darius’ und Sahsas Zuneigung zueinander zeugten, kosteten ihn bald den letzten Nerv.
   »Richtig. Jetzt benötigen wir nur noch eine Eingebung, an welchem Ort in dieser großen, lärmenden Stadt wir suchen müssen.« Sein Blick folgte dem Schwung ihrer Lippen und er stand abrupt auf.
   »Der Hinweis bezieht sich auf New York? Ich bin hier geboren und aufgewachsen, vielleicht kann ich euch ja behilflich sein?«, bot sich Emma an, und Solvin verfluchte sich, dass er nicht schon eher daran gedacht hatte. Natürlich. Eine Einheimische würde wissen, worüber die Ältesten sprachen. Wo war er nur in letzter Zeit mit seinen Gedanken? Aufgeregt fischte er die Notiz aus Darius´ Beutel, auf welcher sie den Hinweis notiert hatten. Dann las er ihn laut vor:

»Wo die Geister von gestern noch heute verharren,
die von spanischer Hand einst wurden erschaffen,
wo rollende Ungetüme ließen den Atem erstarren,
dort wird der Abgrund nicht für Wissende klaffen.»

Er presste die Lippen aufeinander und zuckte mit den Schultern. »In unserer Welt wussten wir, wovon unsere Vorfahren sprachen, doch hier?« Solvin las sich die Zeilen mehrmals durch. Sie hatten absolut keinen Anhaltspunkt. Sie wussten auch nicht, wann die Ältesten hier gewesen waren. Vor langer Zeit, bevor es diese Stadt gegeben hatte? Oder vor Kurzem erst? Mussten sie moderne Bauten mit einbeziehen in ihre Suche oder sich auf Orte konzentrieren, die es schon gegeben hatte, bevor New York darüber errichtet wurde? Wie funktionierte das Portal? In ihrer Welt waren die Ältesten vor Hunderten von Jahren aufgebrochen, doch in welche Zeit hatte es sie hier geschickt? Und was bei den Heiligen war eine spanische Hand?
   »Darf ich?« Zögerlich strich Emmas Hand über seine, als sie die Notiz von ihm abnahm. Oh, wie er seinen verflixten Magen hasste. Er sah ihr dabei zu, wie sie die Worte darauf überflog und dabei nachdenklich auf ihrer Unterlippe nagte. Solvin sprang auf und begann, unruhig in dem beengten Raum umherzugehen. Der Sauerstoffmangel in dieser Welt war enorm und nicht akzeptabel.
   Plötzlich sah sie auf. »Ich glaube ich weiß, was gemeint ist.« Sogleich war ihr die Aufmerksamkeit aller im Raum befindlichen Anwesenden sicher. Selbst Darius hatte von seiner Sasha abgelassen. Talin funkelte nun abwechselnd Emma und den Fernseher an.
   »Du weißt, wohin wir gehen müssen?«, fragte Solvin hoffnungsvoll.
   »Nun ja, ich glaube.« Sie machte eine kleine Pause, dann nickte sie. »Doch, ich denke, ich weiß es. Es ist die Rede von rollenden Ungetümen, von Geistern, die von spanischer Hand erschaffen wurden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass damit die City Hall Metrostation gemeint ist.« Als sie nur in fragende Gesichter sah, fuhr sie fort. »Die Metro? Die Züge, die im Untergrund fahren?« Sie sah zu Talin. »Auf den du neulich die Steine geworfen und ihn angeschrien hast, dass er eine verfluchte Schöpfung Salazars sei, oder so?«
   »Alasar«, brummte Talin und nickte knapp. Die anderen erinnerten sich und Solvin konnte ihr wieder folgen.
   »Das Netz, in dem die Züge fahren, nennt sich Metrostation. Himmel, gibt es in eurem Land denn nicht einmal Züge? Jedenfalls habe ich mich daran erinnert, dass das Ganze von einem berühmten spanischen Architekten erbaut worden ist. Rafael irgendwas. Zumindest ergibt dieser Zusammenhang Sinn.«
   »Und die Geister von gestern?«, wollte Darius wissen.
   »Nun, ich denke, damit könnte gemeint sein, dass diese Station seit vielen Jahrzehnten bereits geschlossen ist. Sie wird schon sehr lange Zeit nicht mehr benutzt und ist somit eine Geisterstation.«
   »Ihr Heiligen, das ist es«, rief Solvin freudig aus und plötzlich verspürte er dasselbe Kribbeln, das ihn stets ereilte, wenn sie vor einer wichtigen Aufgabe standen. »Die Geister von gestern ist die verlassene Station, in der einst die rollenden Ungetüme regierten. Emma, das war wunderbar. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, was es mit dem klaffenden Abgrund auf sich hat, den nur ein Wissender nicht sieht.«
   »Das klingt nach einem Plan«, antwortete sie freudig, und als sich ihre Blicke begegneten, verspürte er eine plötzliche Enge in seiner Brust. Diese verfluchte New Yorker Luft machte ihm wirklich zu schaffen.
   »Lasst uns sofort aufbrechen. Je eher wir das Heilige Buch gefunden haben, desto eher können wir von hier verschwinden.« Darius richtete sich auf und seine einschüchternde Gestalt nahm einen großen Teil des winzigen, kargen Zimmers ein.
   »Du meinst, wir finden es hier?« Solvin war sich nicht sicher, ob die Ältesten es tatsächlich in dieser Welt vor den Oberen versteckt hatten.
   »Aus welchem Grund sollten sie uns sonst hierher geschickt haben?«

*

»Welches Buch?« Emma sah interessiert von ihrer blonden Nervensäge zu dem großen dunkelhaarigen Mann, der ihr Angst einflößte. Nicht so sehr wie der Irre mit der Axt, der ihres Erachtens dringend einen Psychiater aufsuchen sollte, aber dennoch ein wenig. Ständig redeten sie über diese andere Welt und dass sie wieder nach Hause mussten. Sie ignorierte den plötzlichen Stich in ihrer Brust, bei dem Gedanken daran, dass Solvin schon bald nicht mehr hier sein würde. Die Erwähnung des Buches war jedoch neu.
   »Jenes, das uns nach Hause bringen wird«, erwiderte Darius.
   Emma schnaubte. Da war es schon wieder. Nach Hause. In den zwei Wochen, in denen sie sich nun schon um die Jungs kümmerte, hatte sie Darius nicht oft gesehen, da er sich meistens mit seiner Frau im Zimmer verkrochen hatte. Mittlerweile ahnte sie jedoch, dass seine raue Schale einen butterweichen Kern umschloss, so liebevoll, wie er mit Sasha umsprang.
   »Kannst du uns führen?«, unterbrach er ihre Gedanken.
   »Bitte?«
   »Zu dieser Geisterstation?«
   Emma willigte ein, bevor sie überhaupt nachgedacht hatte. Sie hatte absolut keine Ahnung, auf was sie sich einließ, aber Solvin würde sie begleiten und aus irgendeinem Grund ließ sie diese Tatsache strahlen wie ein Honigkuchenpferd. Das konnte heiter werden.

Kapitel 2
Neue Wege

Solvin stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Anstatt sich endlich auf den Weg zu machen, vergeudeten sie kostbare Zeit vor dem Hotel, weil sie alle Hände voll zu tun hatten, Talin gut zuzureden. Bereits während des Treffens erklärten sie ihm ruhig, dass sie alle zusammen die Sicherheit des Raumes verlassen mussten. Irgendwann hatte er eingewilligt, doch sobald sie auf den Fußweg vor ihrer Bleibe getreten waren, blendete er scheinbar sämtliche Instruktionen aus. Die ungewohnten Einflüsse drohten, ihn erneut außer Kontrolle geraten zu lassen.
   »Tal, mein Häschen, du weißt, ich würde dir das nicht antun, wenn es nicht notwendig wäre. Wir können dich jedoch nicht zurücklassen, wir wissen nicht, was uns dort erwartet. Wir sind auf dein Geschick und deine Stärke angewiesen«, appellierte Solvin an seinen Freund, in der Hoffnung, ihn endlich zur Vernunft zu bringen. Dann zuckte er zusammen, als eines dieser grellen Vehikel, die sich Taxis nannten, ein anderes Fahrzeug anlärmte. Emma hatte es neulich als Hupen bezeichnet. Dieser durchdringende Ton brachte Talin an seine Grenzen, und Solvin sah, wie sich jeder einzelne Muskel seines Freundes anspannte. Er schien gegen seine Panik anzukämpfen und beim Anblick der deutlich hervortretenden Adern an Talins Hals und Unterarmen atmete Sol tief durch. Sie hatten Tal verboten, seine Axt mitzunehmen und noch nie war er über eine Entscheidung glücklicher gewesen.
   Emma hatte ihnen erklärt, dass sie diesen Stadtteil würden verlassen müssen, um in die City Hall Station zu gelangen. Sie befanden sich in Brooklyn und mussten nach Manhattan, auch wenn ihm das überhaupt nichts sagte. Diese Stadt schien aus vielen kleinen Dörfern zu bestehen, dessen System er nicht verstand. In ihrer Welt gab es Siedlungen in solchen Dimensionen nicht. Da sie jedoch Emma an ihrer Seite hatten, musste er das alles auch nicht verstehen, er verließ sich auf ihr Urteil und vertraute ihr voll und ganz.
   Sol hielt inne und zog die Stirn kraus. Er vertraute ihr? Einer Fremden? Der Krieger in ihm schalt ihn einen Narren, doch Talins neuerliche Verwünschungen rissen ihn aus seinen Gedanken.
   Sie standen vor einem wirklich großen Problem. Seine Elfe hatte ihnen gesagt, dass sie mit einem der hiesigen Verkehrsmittel nach Manhattan gelangen würden. Aber es war ausgeschlossen, dass sie Talin in ein Taxi oder gar in eines dieser Ungetüme bringen konnten, das sich unter der Erde fortbewegte. Die Krieger hatten daraufhin beschlossen, die Wegstrecke zu Fuß zu gehen, woraufhin Emma wieder diese seltsame Bewegung gemacht und ihren Finger an die Stirn getippt hatte. Sie hatte ihnen versichert, dass dies nicht möglich sei und in Anbetracht der schieren Größe des Dorfes, in dem sie sich momentan befanden, glaubte Sol ihr. Schließlich hatte Darius nach Pferden für sie alle verlangt und Emma hatte sich wortlos umgedreht und war einfach gegangen.

Einen halben Tag später schafften sie es schließlich mit vereinten Kräften, Talin dazu zu bringen, wenigstens in einen Bus zu steigen, da dieser nicht so beengt wie ein Taxi wirkte und über der Erde fuhr. Emma erbarmte sich nach einer Weile und stieß wieder zu ihnen, nachdem sie sich einen großen Becher des Gebräus geholt hatte, den sie Kaffee nannte. Seltsamerweise war sie danach deutlich weniger gereizt.
   Nun saßen sie alle in diesem rollenden Blechkasten und nahmen allein durch ihre Größe und Gestalt den halben Raum ein. Solvin entging nicht, wie die anderen Mitreisenden sie unverfroren anstarrten, manche von ihnen zückten gar diese lästigen Dinger, die Emma Handy nannte, und machten Bilder von ihnen. Sie würden sich wohl daran gewöhnen müssen, dass sie in der Masse dieser durchschnittlichen Städter auffielen. Darius hatte sich mit Sasha vor Talin positioniert und Solvin ließ seinen Freund ebenfalls keinen Augenblick unbeobachtet. Da sie nicht ohne Waffen gehen wollten, diese jedoch hier nicht offen zeigen durften, hatte sich Darius einen langen Mantel besorgt, unter dem er ihre Schwerter verwahrte und daher notgedrungen stehen musste. Er schien jedoch in Sasha perfekte Zerstreuung zu finden und Solvin verzog sein Gesicht. Liebe, der Feind allen Lasters.
   Talins Blick war starr auf den Boden gerichtet und Solvin bemerkte, dass er das leichte Ruckeln des Fahrzeugs nicht gut aufnahm. Tals Hände krampften sich um eine der Haltestangen fest, sodass die Knöchel bereits weiß hervortraten, und jede Unebenheit der Fahrbahn, die den Bus durchschüttelte, ließ ihn noch bleicher werden.
   »Dein Freund sieht nicht gut aus«, bemerkte Emma.
   »Er hatte in der Tat schon bessere Momente.«
   »Und ihr seid wirklich noch nie mit einem Bus gefahren?«
   »Richtig.«
   »Wie kann das sein? Gibt es in eurem Land denn tatsächlich überhaupt keine Fahrzeuge? Keine Fortbewegungsmittel? Wie legt ihr denn weite Strecken zurück?«
   »Zu Fuß oder mit den Pferden«, antwortete er schulterzuckend, als wäre es das Normalste auf der Welt.
   »Unglaublich!«
   »Viele Dinge erscheinen unter dem Mantel dessen, was man weiß, unglaublich. Bis man es trotzdem versucht und feststellt, dass die Achtung davor größer war. Nicht alles muss unmöglich sein, nur weil wir es nicht kennen, meine kleine Elfe«, sagte er augenzwinkernd und musste sich zwingen, nicht auf ihren Mund zu sehen.
   »Vielleicht kann ich den Transporter von meinem Bruder organisieren, falls wir noch mehr Hinweisen nachgehen müssen«, erwiderte sie nachdenklich.
   »Das würdest du tun?«
   »Sicher, vielleicht geht es deinem Freund besser, wenn nicht zu viele Menschen in einem Fahrzeug sind?«
   »Das bezweifle ich, aber dieser Vorschlag ehrt dich, wir sind dir zu großem Dank verpflichtet.«
   Emma wiegelte mit einem Handzeichen ab und wollte gerade etwas erwidern, als Talin plötzlich aufsprang und lautstark verlangte, dass man ihn und seine Freunde sofort herauslassen sollte. Darius hatte große Mühe, ihn zu bändigen.
   »Was ist geschehen?«, fragte Solvin, der sich zu seiner Schande eingestand, gedanklich zu sehr mit Emma beschäftigt gewesen zu sein, anstatt auf Talin achtzugeben.
   »Ich habe keine Ahnung?«
   Nun standen sie alle auf und versuchten, ihren fluchenden Freund vor den Blicken der anderen Fahrgäste abzuschirmen.
   »Setz dich Bruder!«, donnerte Darius‘ tiefe und offenbar erzürnte Stimme durch den Bus.
   »Wir werden alle sterben«, schrie Talin panisch und beunruhigt bemerkte Solvin, wie die ersten Mitreisenden sich von ihren Sitzen erhoben und nach vorn drängten. Das war nicht gut.
   »Setz dich«, befahl Darius nun. »Du gefährdest die gesamte Mission durch deine Furcht. Es geht hier nicht um dich oder um uns. Es geht darum, die Menschen bei uns vor dem falschen Glauben zu bewahren und zu erretten. Verstehst du das? Wir müssen sie retten, Bruder!«
   »Leute, könntet ihr etwas leiser diskutieren, wir fallen ein wenig auf!« Solvin sah unbehaglich zwischen seinen Kampfgefährten hin und her.
   »Wie sollen wir auch nur eine verdammte Seele retten, wenn wir sterben?«, brüllte Talin.
   »Wie kommst du darauf, dass wir sterben werden?«, konterte Darius genervt.
   »Leute …«
   »Er hat eine Bombe«, kreischte eine schrille Frauenstimme plötzlich aus dem vorderen Teil des Busses, woraufhin Panik ausbrach und jeder einzelne Fahrgast versuchte, sich weiter in die Fahrerkabine zu pressen.
   »Eine was?« Solvin sah irritiert zu Emma.
   »O scheiße, das erlebe ich doch jetzt nicht wirklich?«, flüsterte sie mit weit aufgerissenen Augen.
   »Ich hab genau gehört, wie er gesagt hat, dass er alle ungläubigen Seelen retten muss«, kreischte die Frauenstimme erneut, die in dem anschließenden Gebrüll der Mitreisenden unterging. Der Bus begann zu schlingern, als Dutzende Menschen auf einmal auf den Fahrer einredeten und ihn zum Anhalten zwingen wollten.
   »Emma, von was redet sie?«
   »Hat dein Freund eine Bombe?«
   Ihre großen blauen Augen sahen Solvin angsterfüllt an und sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Sie fürchtete sich vor ihm. Bei den Heiligen, das durfte nicht geschehen. Sanft nahm er ihre Hände in seine und hoffte, dass sie ihm glaubte. »Bitte, wir wissen nicht, wovon sie sprechen.«
   »Ihr wisst nicht, was eine Bombe ist?«
   So, wie sie ihn anblickte, schien der Begriff auf dieser Welt geläufig zu sein. »Nein, bitte verzeih.«
   »Sprengstoff? Etwas, das diesen Bus in alle Einzelteile explodieren lassen und sämtliche Menschen darin töten kann.«
   Solvin war entsetzt. Das dachte Emma von ihm? Wie kam dieses Frauenzimmer vorn im Bus überhaupt auf diese absurde Idee? Er wusste, was sie meinte, denn so gewannen sie daheim ihre Leuchtsteine aus den Ambertminen, indem sie aus dem Grundgestein gesprengt wurden. Allerdings war es nur den Oberen erlaubt, von diesem Werkzeug Gebrauch zu machen, daher hatte Solvin damit noch nie zu tun gehabt. »Ich versichere dir, nichts liegt uns ferner, als jemandem zu schaden. Wir wollen nur das Heilige Buch finden und unsere Welt retten.« Dann sah er zu Talin, der augenblicklich mit Darius rangelte. »Etwas hat ihm Angst gemacht, befürchte ich.«
   »Aber was?«
   Solvin wusste es nicht. Aber sie mussten dringend die anderen Menschen beruhigen und sie davon überzeugen, dass sie nicht gefährlich waren, danach konnte er sich noch immer Gedanken darum machen, was Talin widerfahren war. Er stand auf und setzte sich langsam und mit einem freundlichen Lächeln in Bewegung, um niemanden zusätzlich zu beunruhigen, doch sobald er auf die Fahrgäste zu ging, schrien sie umso lauter.
   »Wir werden Ihnen nichts tun!«, versuchte er, zu schlichten.
   »So halten Sie doch endlich diesen scheiß Bus an«, schrien mehrere Leute durcheinander den Fahrer an.
   »Ich kann hier nicht, verdammte Scheiße!«, fluchte der zurück.
   Solvin fragte sich, ob dieses Wort zur Umgangssprache der Städter gehörte, da sie es ziemlich oft gebrauchten. Es gefiel ihm nicht.
   »Wir werden alle sterben«, kreischte der Chor aus verzweifelten Fahrgästen.
   Solvin atmete tief durch. Ratlos ließ er sich gegen das Fenster sinken, vor dem er sich befand, und während er fieberhaft überlegte, wie sie Talin beruhigen konnten, schweifte sein Blick nach draußen. Endlich sah er, was sein Bruder vor ihm erblickt hatte. Nun wusste er, weshalb Tal ausrastete.
   »Bei den Heiligen«, flüsterte er. »Emma, wir fahren über Wasser?«
   »Ja?«
   Diese Tatsache schien sie nicht zu beeindrucken. »Talin muss das gesehen haben, daher sein ungebührliches Verhalten.«
   »Weil wir über die Brooklyn Bridge fahren?«
   »Richtig.«
   »Du willst mir jetzt aber nicht erzählen, dass es in eurem Einsiedlerland nicht einmal Brücken gibt?«
   »Nun, wir haben kleine Hängebrücken, winzige, im Vergleich zu dieser hier, aber nicht solche beeindruckenden Bauten. Ich fürchte, das war zu viel für Häschen.«
   »Weil er denkt, dass wir in den East River stürzen werden?«
   »In das Wasser unter uns?«
   »Ja.«
   »Ich fürchte.«
   »Diese Brücke gibt es schon seit über hundertdreißig Jahren, Solvin. Sie wird nicht einstürzen?« Sie sah ihn an, als wäre er ein kleines Kind, dem man alles langsam und vorsichtig erklären musste.
   »Talin hat keine Angst vor dem Sterben. Genau genommen kann ihm seiner Meinung nach nichts Besseres geschehen. Ich denke, sein Problem ist, dass wir uns in dieser Blechkiste befinden. Er hat keine Waffe und ist hier drin machtlos. Es ist, als wären wir wieder in Gefangenschaft. Ausgeliefert.«
   »Langsam bekomme ich unschöne Vorstellungen von deinem Land. Und Talin … er …, kann es sein, dass er mehr Probleme hat, als nur diese Brücke?«
   »Kaum der Rede wert.« Solvin wiegelte ab, dies war sicherlich nicht der beste Augenblick, um über Talins Schicksal zu sprechen.
   »Nehmen Sie die Arme hoch und gehen Sie ganz langsam nach hinten!«
   Als Solvin aufsah, blickte er in das entschlossene Gesicht eines kleinen, untersetzten Mannes, der eine dieser neumodischen Waffen, wie es sie in dieser Welt gab, auf sie richtete.
   »Das glaub ich jetzt nicht«, flüsterte Emma neben ihm.
   Sol bemerkte besorgt, dass Darius und Talin nicht daran dachten, ihren Disput zu beenden, bis Sasha sie ängstlich auf die neue Situation aufmerksam machte. Als sein Verstand erfasste, in welche Lage Talin sie gebracht hatte, funkelten Darius Augen unter seinen braunen Kontaktlinsen grell auf, die er nach langem Zureden glücklicherweise angenommen hatte. Der komische kleine Mann fuchtelte aufgeregt mit der Pistole und sah dennoch vor Darius mächtiger Präsenz unterlegen aus.
   »Bitte, so beruhigen Sie sich doch«, versuchte Emma zu schlichten.
   Solvins Herz stolperte in seinem Takt. Wieso mischte sie sich ein und brachte sich derart in Gefahr? Das war nicht akzeptabel. Wenn ihr etwas geschah, könnte er für nichts mehr garantieren.
   »Diese Irren haben eine Bombe und wir werden alle sterben!«, wiederholte der Mann denselben Unsinn von vorhin.
   »Verzeihung, aber dem möchte ich widersprechen. Es befindet sich kein derartiger Gegenstand in unserem Besitz. Es bestand zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für Ihr Leib und Leben«, erwiderte Solvin und schob sich unmerklich vor Emma.
   Ganz langsam hatten sich Darius und Talin zu beiden Seiten von ihm aufgestellt, wobei Sasha ebenfalls hinter die Körper der Krieger geschlüpft war. Plötzlich herrschte absolute Stille in dem Bus und Sol konnte die Anspannung nahezu greifen. Er roch ihren Angstschweiß und Furcht herrschte allgegenwärtig in diesem Vehikel. Der Fahrer versuchte, sie konzentriert über die Brücke zu bringen, auf der er nicht anhalten durfte, und schien erleichtert zu sein, nicht mehr von den panischen Fahrgästen belagert zu werden. Niemand sagte auch nur einen Ton, sie starrten allesamt auf die drei groß gewachsenen Männer und diese bizarre Situation. Im Hintergrund ertönte das leise Schluchzen einer Frau und die Hände des kleinen Mannes zitterten unkontrolliert, während sie die Waffe hielten.
   »Wunderbar!« Emma sprang plötzlich vor die Krieger und klatschte erfreut in die Hände. Die Vampire sahen sich irritiert an. Was hatte sie vor?
   »Ich bin absolut begeistert von Ihren Reaktionen, da wir genau diese erhofft hatten. Ich möchte mich bei Ihnen allen für dieses kleine Schauspiel entschuldigen und mich gleichzeitig dafür bedanken, dass wir unsere Generalprobe augenscheinlich mit Bravour gemeistert haben. Der Entschluss, sie öffentlich vorzuführen, fand nicht bei allen Gefallen, umso mehr erfreut mich die Tatsache, dass Sie uns diese kleine Inszenierung für die baldige Broadway-Premiere abgenommen haben.«
   Solvin verstand, was sie vorhatte. Es gab auch bei ihnen Theaterbühnen und seine kleine Elfe war gerade tatsächlich dabei, die Situation zu entlasten. Welch grandiose Eingebung. Plötzlich wollte er sie zum Dank in seine Arme reißen und es kostete ihn große Mühe, diesen Drang niederzukämpfen.
   »Mister, es tut mir leid, dass Sie von falschen Tatsachen ausgingen, doch Sie können die Waffe nun runternehmen!«
   Emma sprach belustigt, es sollte locker und leicht klingen, das tat es wohl auch für die Ohren der Mitreisenden, nicht jedoch in seinen. Er spürte, dass ihr kleiner Körper bis in die letzte Faser angespannt war. Immerhin löste sich die Anspannung der Umstehenden, die zaghaft und neugierig näher kamen. Als der untersetzte Mann schließlich den Arm senkte, atmete Emma hörbar erleichtert aus. Sie drehte sich flüchtig zu Sol um und gab ihm mit einem Blick auf Talin zu verstehen, dass dieser nicht wieder ausrasten durfte, da ihnen sonst niemand mehr das Schauspiel abnahm. Darius zwang ihn auf den Sitz zurück und eingeklemmt zwischen ihm und Sasha saß Tal mit stoischem Gesichtsausdruck da und vermied einen Blick aus dem Fenster.
   »Hexenwerk«, hörte er ihn zischen, und schüttelte belustigt den Kopf. Sie konnten den Menschen nicht sagen, weshalb ihre Erfindungen und Errungenschaften ihnen Angst machten. Niemand würde ihnen glauben, dass sie aus einer anderen Welt kämen, in der es nichts davon gab.
   Nachdem sie auch dem Busfahrer glaubhaft versichern konnten, dass sie keinen Anschlag im Schilde führten, lenkte dieser ein und warf sie nicht unmittelbar nach dem Überqueren der Brooklyn Bridge aus dem Fahrzeug, wie er es ursprünglich angedroht hatte. Nun standen sie vor einem großen Gebäude, das Emma als Rathaus von New York betitelte. Es musste sich um etwas wie das Sanctuarium handeln, schlussfolgerte Solvin. Das Machtzentrum dieser Stadt, jedoch ohne hinterhältige Herrscher und todbringende Verliese und bei Weitem nicht so beeindruckend.
   »Jetzt müssen wir irgendwie den Eingang zur alten Metrostation finden«, murmelte Emma und sah sich fragend um.
   »Was können wir tun?« Solvin hatte keine Ahnung, wie sie ihr behilflich sein konnten, ihre Raubtiersinne brachten sie nicht weiter. In einer Welt, die aus Lärm und Gestank bestand, waren ihre Reize längst von all dem überflutet worden und er fühlte sich hilflos und nutzlos.
   »Ich schaue, ob ich im Netz was dazu finden kann«, erwiderte sie und zückte dieses Handy-Ding, mit dem sie sich die folgenden Minuten eingehend beschäftigte.
   Solvin blickte seufzend zu seinen Brüdern. Was immer Emma auch damit meinte, sie würde schon wissen, was sie tat. Auch wenn er nicht verstand, was dieses technische Teil mit einem Netz zu tun hatte. Sicher hatte sie nicht vor, etwas einzufangen. Er hütete sich jedoch davor, seine Bedenken laut auszusprechen, zu oft war er in den vergangenen zwei Wochen der Grund für ihre Heiterkeit gewesen. Er lächelte, als er bemerkte, dass Talins Farbe wieder in dessen Gesicht zurückgekehrt war. Darius und Sasha hielten ihn noch immer zwischen sich im Klammergriff, doch die Luft und das Fehlen des beklemmenden Blechkastens schienen seinem Bruder gut zu tun.
   »Die gute Nachricht ist, dass die alte Metrostation bis heute noch genutzt wird. Die Linie 6 fährt von Downtown bis zur Endstation Brooklyn Bridge, wo sie eine Schleife dreht, um wieder uptown zu gelangen. Dabei passiert sie die alte City Hall Station, und wenn man an der Endstation nicht aussteigt, kann man sie sich laut Google tatsächlich anschauen, während man gemächlich vor sich hintuckert. Die andere Alternative wäre, Mitglied im Museum zu werden, denn nur dann kann man in den Genuss einer Führung durch die Hallen der vergessenen Station gelangen.«
   Solvin rieb sich nachdenklich das Kinn. Wer war Google? Sie hatte doch mit niemandem gesprochen? Ein ungutes Gefühl nagte an ihm und er wünschte sich, den Kerl mit diesem seltsamen Namen zu erwischen, der seiner Emma immer so viele hilfreiche Tipps gab. Sol kam sich im Gegensatz dazu wie ein Trottel vor, da er in dieser fremden Welt nichts beizutragen hatte.
   Emma sah von ihrem Handy auf. »Ich glaube jedoch nicht, dass wir Talin in die Linie 6 bekommen, ohne weiteres Aufsehen zu erregen. Und eine Mitgliedschaft im Museum halte ich für ausgeschlossen, ich schätze, ihr wollt jetzt zur City Hall Station, nicht erst in ein paar Wochen?«
   »Du hast recht.« Solvin sah nachdenklich zu seinen Brüdern. Sie mussten einen anderen Zugang zu diesen alten Gemäuern finden.
   »Es muss sicherlich noch irgendwo einen Eingang oder Notausgang geben. Moment … Hm, also Google sagt, dass es zwei Zugänge gab, die jedoch seit der Schließung 1945 nicht mehr existieren.«
   »Mir wäre wohler, wenn du diesen Google nicht mehr um Rat bitten würdest, Emma«, rutschte es Solvin heraus, bevor er sich zusammenreißen konnte.
   »Bitte?« So entgeistert, wie sie ihn ansah, war er offenbar wieder in einen Talgkrug getreten. Nein, das war falsch, wie sagte Emma immer? In einen Fettnapf, richtig.
   Nach einer Pause, in der sie ihn kopfschüttelnd mit ihren Blicken abstrafte, räusperte sie sich. »Die City Hall Station befindet sich direkt unter dem Rathausplatz, also sind wir hier auf jeden Fall richtig. Dieser Zugang wurde damals aus repräsentativen Zwecken gewählt, damit der Bürgermeister direkt von seinem Amtssitz zur Metrostation gelangen konnte. Aber die Eingänge gibt es wie gesagt nicht mehr.« Sie wirkte frustriert, zumindest tippte sie härter auf den Tastaturen ihres Handys herum. Plötzlich hielt sie inne und jauchzte erfreut. »Das ist es!«
   »Hast du einen Weg ins Innere gefunden?«, fragte Solvin. Sie hatten bereits zu viel Zeit vergeudet, sie mussten endlich handeln.
   »Möglicherweise.« Sie sah ihn lächelnd an. »Die alte Metro hatte Lichtschächte, die das Tageslicht bis in die Station hinunter durch die Gewölbefenster leiteten, sodass es den Eindruck vermittelte, als schiene direktes Licht hinein.«
   Aufgeregt sah sie ihm in die Augen. Solvin ignorierte das neuerliche Rumoren seines Magens. Er konnte ihr nicht folgen. »Es war also mit echtem Tageslicht beleuchtet, wunderbar«, sagte er vorsichtig, um sie nicht erneut zu verärgern.
   »Du weißt nicht, worauf ich hinaus will, nicht wahr?«
   »Möglicherweise«, erwiderte er. Er hasste es, derart nutzlos zu sein.
   »Die Eingänge zur City Hall Station sind verschwunden. Die Lichtschächte jedoch gibt es auch heute noch.« Sie grinste ihn an.
   »Und wenn wir sie finden, dann finden wir auch einen Weg hinein«, ergänzte Solvin, als er endlich verstand.
   »Nicht nur gut aussehend, sondern auch schlau«, sagte Emma lachend, während sie Darius und die anderen zu sich winkte.
   Sie hatten endlich den Zugang zu ihrer nächsten Aufgabe gefunden, doch alles, woran Solvin denken konnte, war, dass seine Elfe ihn für gut aussehend befand. Dümmlich lächelnd stand er hinter seinen Brüdern und folgte den Anweisungen, die Darius gab, nur mit halbem Ohr.

Kapitel 3
City Hall

»Zum Glück für uns gibt es fleißige Blogger, die akribisch jedes Detail ihrer Interessen festhalten. Hier hat sich jemand tatsächlich die Mühe gemacht, anhand von Luftaufnahmen nach den Lichtschächten in der heutigen Zeit zu suchen. Voilà, hier müssen wir durch. Die Frage ist nur, wie?«
   Emma hielt Solvin ihr Handy direkt vors Gesicht, darauf sah er eine Aufnahme, die diese Gegend von oben zeigte und auf der etwas gelb markiert war. Ganz langsam blickte er in den Himmel. Wie war das möglich? Jemand flog über der Erde und hielt Momente für die Ewigkeit fest? Sol atmete tief durch. Besser, er stellte diese Frage nicht. Und auch jene nicht, was ein Blogger war. Er hätte nie gedacht, dass er sich einmal so sehr nach der gewohnten Umgebung seines zu Hauses zurücksehnen würde. Das Leben in dieser Welt schien sich nur hinter Bildschirmen abzuspielen. Fernseher, Computer, Handys und wie diese Dinger noch alle hießen. Solvin merkte die Vorteile der Technik durchaus an, doch niemand schien hier zu leben, vielmehr ließen die Menschen für sich leben.
   »Kommt, wir wollen den nördlichen Schacht suchen und dann sehen wir weiter«, sagte Emma ungeduldig und setzte sich bereits in Bewegung, bevor er etwas erwidern konnte.

Kurze Zeit später hatten sie sich alle auf einem Platz vor dem kleineren der beiden Gebäude versammelt und blickten auf ein in den Boden eingelassenes Gitter. Seine zauberhafte Elfe sprach von einem Parkplatz, Solvin nahm an, sie bezog sich auf die Blechkisten, die hier abgestellt waren.
   »Den Lichtschacht haben wir gefunden, doch wie kommen wir jetzt da rein? Das sieht ziemlich stabil aus und wurde sicherlich seit über hundert Jahren nicht mehr bewegt. Wir bräuchten einen kleinen Kran oder etwas vergleichbar Starkes, das so eine Kraft aufwenden kann.« Nachdenklich lief Emma vor dem Schacht auf und ab. »Ich habe keine Ahnung, wo wir das herbekommen. Ich informiere mich am besten gleich.« Dann holte sie ihr Handy aus der Tasche hervor und tippte erneut darauf herum.
   Solvin kniff die Augen zusammen. Wenn sie sagte, dass sie sich informierte, dann hieß das nichts anderes, als dass sie diesen Google wieder um Rat fragen würde und das missfiel ihm gewaltig. Dieser Kerl drängte sich viel zu sehr in den Vordergrund mit seinem Wissen. Er sah gegen solch eine allwissende Person auf einmal blass aus und das grämte ihn, denn in seiner Heimat war er unter anderem für sein scharfes Denkvermögen bekannt. Und für einige andere Dinge. Dann lächelte er plötzlich. Er mochte nicht so schlau sein wie der Mann mit dem seltsamen Namen, doch er hatte viel mehr zu bieten als Wissen. Sie suchte etwas Machtvolles, das dieses Gitter aus dem Boden zog? Emma befand sich in der Gesellschaft der vermutlich stärksten Wesen auf dieser Welt und sie hatte keine Ahnung. Es wurde höchste Zeit, dass Solvin ihr demonstrierte, wozu er fähig war.
   Er schob sie sanft beiseite und ging erhobenen Hauptes auf den Lichtschacht zu. Lächelnd malte er sich bereits aus, wie sie ihn, geblendet von seiner Kraft, für seine Tat bewunderte. Da beugte sich Darius, der bis zu dieser Sekunde noch angeregt in eine Unterhaltung mit Talin vertieft war, beiläufig hinunter und riss einhändig mit einem einzigen Ruck kurzerhand das Gitter aus der Verankerung. Anschließend warf er es achtlos beiseite und widmete sich wieder Tal, als wäre nie etwas gewesen. Solvin erstarrte. Sein Bruder hatte ihm den großen Auftritt versaut. Wütend funkelte er ihn an, da fiel sein Blick auf Talin, der ihn schadenfroh angrinste und offensichtlich durchschaut hatte.
   »Großer Gott, wie ist das möglich?«, hörte er Emma entsetzt sagen. Ungläubig sah sie immer wieder von Darius zu dem nun offenen Lichtschacht und schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein. Das ist eine Halluzination!«, stammelte sie wirr.
   »Die Männer in unserem Land sind nicht nur gebildet, sondern auch überaus kräftig«, versuchte Solvin, die Situation zu retten.
   »Das sehe ich.« Noch immer starrte sie Darius an, der nicht verstand, dass er unbedacht gehandelt hatte.
   Dieser zuckte mit den Schultern. »Gern geschehen«, sagte Darius und gab Talin Instruktionen für ihren Abstieg.
   »Du meine Güte, ihr esst wohl ziemlich viel Spinat, hm?«
   Emma sah noch immer etwas mitgenommen aus. Solvin verspürte plötzlich den Drang, sie tröstend in den Arm zu nehmen. »Anzunehmen«, räusperte er sich, verlegen über seine unpassenden Gedanken und unwissend darüber, was sie meinte. Er hatte für seine Verhältnisse eine Ewigkeit nicht mehr bei einer Frau gelegen und schob die gelegentliche Verwirrtheit, die ihn in ihrer Gegenwart manchmal ereilte, auf diese Tatsache.
   »Puh, okay, also wie gehen wir weiter vor?«, wollte sie wissen, sobald sie sich etwas gefasst hatte.
   »Wir gehen rein«, sagte Talin und im nächsten Augenblick war er verschwunden.
   »O Gott, er ist gesprungen«, schrie Emma auf, rannte zum Rand des Schachts, kniete sich nieder und versuchte, im fahlen Tageslicht, das sich tief in die abgestandene Dunkelheit ergoss, etwas zu erkennen.
   Solvin ging umgehend zu ihr, beugte sich hinter sie und fluchte. Was für die Krieger völlig normal war, entzog sich Emmas Kenntnis. Sie wusste nicht, dass sie Wesen waren, die enorme Kräfte besaßen und zu Unvorstellbarem fähig waren. In dieser Welt war kein Mensch zu solchen Taten imstande und daher verstand er ihr Entsetzen. Sie musste annehmen, dass Talin sich sämtliche Knochen gebrochen hatte oder gar Schlimmeres. Sanft strich er über ihren Rücken. »Hab keine Angst, kleine Elfe. Dem Häschen ist nichts geschehen. Wir vermögen Dinge zu verrichten, die jenseits deines Verstandes liegen. Wir sind nicht wie ihr. Vertrau mir.« Liebevoll legte er einen Arm um sie und da bemerkte er, wie ihr Körper zitterte. Er sprach leise auf sie ein in der Hoffnung, sie beruhigen zu können.
   »Der Durst scheint deine Sinne zu vernebeln, Bruder«, zog ihn Darius auf, der sich im nächsten Augenblick grinsend, mit Sasha im Arm, ebenfalls in den Schacht hinunterfallen ließ. Wieder schrie Emma auf, und Solvin fluchte erneut. Er musste sie aufklären, dringend! Doch zunächst musste er sie beide irgendwie runterbringen, ohne, dass sie ausrastete.
   Darius Worte hallten in seinem Kopf nach und Solvin biss die Zähne zusammen. Sein Bruder hatte recht, Sol hatte kein Blut mehr zu sich genommen, seit sie in diese Welt gelangt waren. Die Überbevölkerung in dieser Stadt war nahezu ein Paradies, eine Einladung zum Schlemmen. Doch so, wie er seither auch auf jegliche Vergnügungen verzichtet hatte, weigerte sich etwas in ihm, sich dem hinzugeben. Selbst Talin hatte sich vor ein paar Tagen in die Sicherheit der Nacht herausgewagt, um Nahrung aufzunehmen. Darius indes hatte seine Gefährtin gefunden und war somit nicht mehr darauf angewiesen, nach Menschen zu suchen, die ihn am Leben hielten. Das hatte die Frau übernommen, der er Selbiges verschrieben hatte.
   Noch bestand keine Gefahr für Solvin, dem Wahnsinn zu verfallen, doch er wusste, dass etwas nicht stimmte. Die Verlockungen hier lauerten an jeder Ecke, leicht bekleidete Frauen, wie sie es in seiner Welt niemals geben würde, warteten nur darauf, ihn mit ihrem Blut zu beglücken. Und doch hinderte ihn etwas daran, es sich zu nehmen. Nachdenklich sah er auf Emmas helles Haar vor sich, das sich weich an ihren Rücken schmiegte. Etwas – oder jemand?
   »Auf was wartest du, Nervensäge? Beweg deinen Arsch endlich hier runter!«, unterbrach Darius’ genervt wirkende Stimme seine Gedanken.
   Langsam richtete sich Solvin auf und zog Emma mit sich. Er drehte sie zu sich um, sodass er ihr direkt in die Augen sehen konnte. Er musste sie mit sich nehmen, denn sie würde den Sprung nicht ohne Weiteres überstehen. Jetzt kam es auf sein Geschick an. »Vertraust du mir?«, fragte er sanft und schenkte ihr ein liebevolles Lächeln.
   »W-was hast du vor?« Sie schien eindeutig durcheinander zu sein.
   »Wir müssen uns eilen, die anderen warten auf uns. Ich werde es ihnen gleichtun und in den Schacht springen – mit dir.« Während er auf ihre Reaktion wartete, hielt er angespannt die Luft an. Darius war ungeduldig und Sol hatte Verständnis dafür. Eine lange Reise lag hinter ihnen, die sie in eine neue Welt gebracht hatte, in der sie verloren schienen. Dank Emma hatten sie nun wieder eine Spur und dieser mussten sie schnellstens nachgehen. Jede Sekunde, die er vergeudete, könnte sie weiter von ihrem Ziel entfernen.
   »Und uns geschieht wirklich nichts?«
   »Ich verspreche dir, dass uns nichts widerfährt«, sagte er und lächelte sie weiterhin an. Seine Sinne registrierten, dass sie sehr nervös war und er konnte ihr Herz schneller pochen hören, als es dessen eigentlicher Takt vorgab.
   »Also dann …«, murmelte sie, trat einen Schritt auf ihn zu und versuchte vergeblich, ihre Unsicherheit zu überspielen.
   Erleichtert atmete Solvin aus, zog sie mit einer einzigen, schnellen Bewegung auf seine Arme und sprang, bevor sie doch noch Einwände erheben konnte.
   »Welch Freude, dass du uns endlich mit deiner Anwesenheit beehrst«, sagte Darius schnaubend, als Solvin sicher auf den Metallstreben der Fenster an der Decke der Station über ihnen landete. Mit einem weiteren Sprung beförderte er sich durch die vor langer Zeit zerborstenen Glasscheiben zu den anderen. Unter Emmas Aufschrei landete er sicher und geschmeidig wie ein Raubtier. Während er seinen Bruder anfunkelte, setzte er sie vorsichtig ab und versicherte sich, dass es ihr gut ging.
   »Darius, sei nicht so garstig«, bat Sasha ihren Gefährten. »Für Emma ist das alles neu. Im Gegensatz zu euch musste sie sicherlich noch nie so etwas machen. Und da ihr Verstand noch intakt zu sein scheint, stürzt sie sich auch nicht wie eine Verrückte in jede Gefahr, so wie ihr!«
   »Du hast recht, Kisha«, lenkte Darius ein. »Tut mir leid, Sol. Ich wünschte nur, wir könnten das Heilige Buch endlich in unseren Händen halten!«
   »Das wünschen wir uns alle«, erwiderte Solvin, der sich auf Emma konzentrierte, die jedoch von dem, was sie über sich sah, völlig gefangen zu sein schien.
   »Weißt du, an was mich das gerade erinnert hat?«, fragte Sasha belustigt an Darius gewandt.
   »Nein?«
   »An den Abwasserschacht damals.« Sie grinste. »Ich war dir gerade erst begegnet und hatte noch nie zuvor einen …« Sie hielt inne und sah verstohlen zu Emma. »Ein Wesen wie dich kennengelernt. Und dann mussten wir direkt vor Alasars Wächter fliehen und du hast mich vor diesem Abwasserschacht abgestellt.«
   »Ich erinnere mich.« Darius grinste nun auch.
   »Das denke ich mir. Du hast mich einfach in die Jauche hinuntergeworfen, obwohl es eine Leiter gab. Die du natürlich genommen hast und somit nicht in der Kloake hast schwimmen müssen.«
   »Diesen Gestank an dir werde ich nie vergessen.« Darius zog sie lachend auf.
   »Das hat dir Freude bereitet, du Schuft.«
   »Natürlich. Denn wenn du nicht so fürchterlich gestunken hättest, dann wäre die anschließende Dusche nicht notwendig gewesen – und ich wäre nicht in den Genuss des Anblicks deines heiligen Körpers gekommen.«
   Solvin verzog angewidert sein Gesicht. »Also Leute, bitte. Ihr macht mir Vorhaltungen und benehmt euch selbst nicht besser!«
   »Das ist die Liebe, Bruder, die Liebe. Etwas, von dem du nichts verstehst«, murmelte Darius, während er Sasha bewundernd ansah.
   Die Worte seines Freundes trafen Solvin mehr, als er gedacht hatte. Nein, von Liebe verstand er wahrlich nichts. Von ausschweifenden Vergnügungen und Trieben, die auf jegliche Art und Weise erfüllt wurden, ja. Doch die großen Gefühle, die er deutlich zwischen Darius und Sasha sah, waren ihm in seinem Leben bisher verwehrt geblieben.

Kapitel 4
Der Abgrund

»Da bin ich hier geboren und aufgewachsen und hatte absolut keine Ahnung von so einer Pracht, die sich im Untergrund verbirgt«, unterbrach Emma staunend seine trüben Gedanken.
   Irritiert folgte er ihrem Blick an die Decke und da sah er, was sie gemeint hatte. Bei der Fertigstellung musste die Metrostation die reinste Attraktion gewesen sein. Selbst Jahrzehnte nach der Schließung konnte man noch etwas des einstigen Glanzes erahnen.
   »Seht euch das an!«, sagte Emma staunend. »Die Deckenverkleidung erinnert an gotische Kirchen, sie haben Spitzbögen und Rippengewölbe miteinander vereint wie die großen Architekten des Mittelalters. Fantastisch! Es muss ein beeindruckendes Gefühl gewesen sein, hier durchzufahren.«
   Solvin nickte schweigend und folgte ihr, während sie langsam die Plattform entlangging.
   »Und das Tageslicht findet tatsächlich einen Weg hier hinunter, was für ein genialer Einfall mit den Lichtschächten! Oh, sieh doch nur, beim Sprung sind mir all die Details nicht aufgefallen. Die Ornamente sind einem floralen Muster nachempfunden«, fuhr sie aufgeregt fort und zeigte an die Decke auf die Fenster. »Es war sicherlich ein beeindruckender Anblick damals, wenn das Licht durch das Amethystglas schien und so tief unter der Erde den Eindruck vermittelte, dass man sich auf einem normalen Bahnhof befand.«
   Solvin konnte die Schönheit, die Emma in den zerborstenen und völlig verschmutzen Überresten der Fenster sah, nicht erkennen, was ihm leidtat, denn er wollte gern dieselbe Pracht vor seinem geistigen Auge sehen wie sie.
   »Leider ist all das vergangen.« Niedergeschlagen atmete sie durch. »Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Oberlichter mit Teer geschwärzt. Zur Sicherheit vor Bombenangriffen. Daher sieht nun alles verdreckt aus und die Zeit hat ebenfalls ihren Tribut gefordert.«
   Sol runzelte die Stirn. Es gab einen Krieg, in dem die gesamte hiesige Welt involviert war? Zwei sogar? Es schien, als würde der Kampf und das Streben nach Macht auch eine universelle Angelegenheit sein. Die Menschen waren alle gleich, egal, in welcher Welt.
   Emma lief aufgeregt den Bahnsteig, wie sie es genannt hatte, entlang und deutete auf die Wände und Decke. »Schaut euch die hohen Fliesenbögen an, die Farben, die so wunderbar zusammen harmonieren. Damals verwendete man wertvolle Ziegel, es gab schmiedeeiserne Kronleuchter und Messingarmaturen. Für eine Metrostation haben die Architekten herausragende Arbeit geleistet! Das gab es nur hier in der City Hall, nicht beim Rest der U-Bahn-Linie.«
   Solvin lächelte, denn ihre Freude erwärmte auch ihn. In der Tat sah dieser Ort selbst Jahrzehnte nach seiner Schließung und trotz seines Verfalls noch einladend aus. Grüne, hell- und dunkelbraune Kacheln zierten die alten Hallen und vermittelten einen Hauch dessen, wie üppig ausgestattet es zur damaligen Zeit gewesen sein musste.
   »Es ist eine Schande, dass dieser Abschnitt kein offizieller Teil des U-Bahn-Museums geworden ist!«, schimpfte Emma. »Das haben wir 9/11 zu verdanken«, murmelte sie und ließ ihre Finger andächtig über die Wandvertäfelung gleiten.
   Solvin versuchte, zu verstehen, was ein paar Zahlen damit zu tun hatten, doch dann fing er Darius’ ungeduldigen Blick auf. Der Rest der Truppe wartete seit geraumer Zeit darauf, sich weiter auf die Suche zu machen. Wahrscheinlich war es Sasha zu verdanken, dass Emma die Zeit für ihre Bewunderung dieser alten Station gewährt wurde. Er hasste es, dass er sie in die Realität zurückbringen musste. »Verzeih, Emma, aber wir müssen mit unserer Suche fortfahren.«
   »Natürlich, tut mir leid, manchmal geht es einfach mit mir durch.« Mit einem letzten Blick auf die Deckenornamente gesellte sie sich zum Rest der Truppe. Nicht jedoch, ohne mit ihrem Handy alle Eindrücke festzuhalten. »Also, wonach suchen wir jetzt?«, wollte sie wissen, doch sie konnten ihr keine Antwort geben, denn niemand wusste es.
   »Die Notiz«, verlangte Solvin von Darius und besah sich anschließend nachdenklich den Hinweis.

»Wo die Geister von gestern noch heute verharren,
die von spanischer Hand einst wurden erschaffen,
wo rollende Ungetüme ließen den Atem erstarren,
dort wird der Abgrund nicht für Wissende klaffen«,

las er mehrmals laut vor, doch die Erkenntnis wollte sich nicht einstellen.
   »Also müssen wir nach einem Abgrund suchen?«, fragte Emma nachdenklich.
   »Anzunehmen. Gibt es hier etwas Derartiges?«
   »Nicht, dass ich wüsste. Zumindest habe ich nichts davon bei meinen Recherchen gehört.«
   »Dann müssen wir gründlicher Suchen als dieser Google«, sagte Solvin.
   »Und wenn ich mich geirrt habe? Wenn es nicht die Metro City Hall Station ist?«
   »Ausgeschlossen. Die Hinweise haben nur diesen Schluss zugelassen.«
   »Gut, wie lautet dein weiterer Plan?«
   »In Bewegung bleiben!«, sagte Talin brummend und stapfte davon.
   »Als Gott Charme verteilt hat, war dein Freund nicht anwesend, oder?«, murmelte seine kleine Elfe, während sie mit zusammengekniffenen Augen seinem Bruder nachsah.
   Da hatte sie wohl recht, auch wenn es bei ihnen keinen Gott gab. Immerhin schien Tal zu seiner alten Form zurückgefunden zu haben, seitdem sie sich im Untergrund befanden – weit weg vom Fortschritt, der Technik und den ganzen Menschen mitsamt ihrem Lärm. Und so ungern Sol es zugab, es stimmte, sie mussten in Bewegung bleiben und nach diesem Abgrund suchen. Stillstand brachte sie nicht weiter. Als hätten sie sich abgesprochen, gab Darius ihm sein Schwert, das er bis dahin immer noch sicher unter seinem Mantel verwahrt hatte. Talin hatte sich seines offenbar längst wiedergeholt. Missbilligend sah Emma auf ihre Waffen, verkniff sich jedoch offenbar weitere Worte.

Zwei Stunden später versammelten sie sich erneut alle auf der Plattform. Sie hatten unermüdlich in jeder Ecke und Spalte der Geisterhallen gesucht, jedoch vergeblich. Sie waren nicht annähernd auf etwas gestoßen, das einen Abgrund hätte darstellen können.
   »Ich habe mich doch geirrt«, sagte Emma niedergeschlagen.
   »Ausgeschlossen!« Der Klang von Solvins schweren Stiefeln hallte in den stillen und leeren Hallen der vergessenen Station wider, als er grübelnd den Bahnsteig auf und ab stampfte. Er versuchte, sich auf seine außerordentlichen Sinne zu konzentrieren, doch außer der abgestandenen, muffigen Luft drang nichts Ungewöhnliches in seine Nase vor. Auch vernahm er kein absonderliches Geräusch, lediglich der Straßenlärm bahnte sich gedämpft einen Weg hinab zu ihnen. Solvins scharfem Blick entging nicht das Geringste, aber es gab hier unten nichts weiter zu sehen, als Staub, Schmutz und ein paar Ratten. Auch diese Viecher schienen universell zu sein. Er schüttelte sich, denn diese Dinger waren ihm nicht geheuer, seit er vor vielen Jahren gegen eine vom Virus mutierte Version gekämpft hatte. Sie steckten in ihren Nachforschungen fest. Mal wieder. Nachdenklich sah er auf das Gleisbett hinab. »Wohin führen diese …, wie hast du sie vorhin genannt? Schienen?«
   »Raus aus der City Hall Station.« Emma seufzte. »Ins normale U-Bahn-Netz.«
   »Dann haben die Ältesten diesen Absatz nicht als den gesuchten Abgrund bestimmt.« Er fuhr sich genervt mit einer Hand durchs Haar und beschleunigte seinen Gang. »Was bei den Heiligen haben sie gemeint mit: Dort wird der Abgrund nicht für Wissende klaffen?«
   »Vielleicht ist das nicht wörtlich gemeint? Möglicherweise muss man es aus einem anderen Blickwinkel sehen? Gibt es etwas, das ihr wisst, andere jedoch nicht? Ein Geheimnis? Eine Lüge? Oder irgendwelche Dinge über die Politiker aus eurem Land, diese Ältesten, von denen ihr immer redet? Etwas, wobei sich eben Abgründe auftun? So wie die Clinton-Lewinsky-Sache damals zum Beispiel?«
   Solvin hielt in seinem Lauf inne und sah Emma voller Bewunderung an. Wenn sie recht behielt, trieb sie die Suche möglicherweise voran, indem sie die Richtung änderte. Und was bei den Heiligen war ein Clinton-Irgendwas? Welches Geheimnis meinte sie? Sie wussten vieles und hatten unter Alasars Folter in Abgründe gesehen, die sich niemand vorstellen konnte. Wo sollten sie nur beginnen? Dort wird der Abgrund nicht für Wissende klaffen. Es ging also um etwas, dass nur ihnen bekannt war?
   »Vielleicht liegt die Lösung in einem anderen Wort als in dem, auf das wir uns gerade versteifen?«, gab Sasha zu bedenken und erntete durchweg ratlose Blicke. »Ich habe mich gefragt, ob die Ältesten mit den Wissenden etwas anderes meinen könnten. In der Bibliothek gab es Schriften, die nur ein auserwählter Kreis einsehen durfte. Sie wurden die Chroniken des Wissens genannt«, fuhr sie fort.
   »Exzellent! Sasha, lass dich küssen«, rief Solvin freudig aus, der die Menschenfrau duzte, seit sie sich hier befanden. Er sah sich bereits vor des Rätsels Lösung.
   »Stirb beim Versuch!«, grollte Darius‘ tiefe Stimme warnend dazwischen.
   »Schon gut. Gegen deine Frohnatur könnte ich niemals bestehen.« Lächelnd sah Solvin zu Emma, die jedoch sofort ihren Blick gen Boden senkte. Er atmete tief durch und suchte weiter nach Antworten. »Wir haben also Schriften, in denen die Ältesten sich auf das oder ein Wissen beziehen. Wenn wir herausbekommen, um was es darin geht, haben wir möglicherweise die Hürde geschafft, die zwischen uns und dem Ziel steht.«
   »Kisha, ich weiß, du wirst nicht in den Genuss gekommen sein, die Chroniken zu lesen, aber hast du jemals herausbekommen, was in ihnen steht?« Darius lächelte sie aufmunternd an.
   »Oh, natürlich habe ich sie gelesen«, erwiderte Sasha grinsend und die Aufmerksamkeit aller war ihr gewiss.
   »Und wieso sagst du das nicht gleich?«, fragte Solvin.
   »Nun, ihr habt nicht gefragt.« Das Funkeln in ihren Augen verriet ihm, dass es ihr Freude bereitete, sie alle aufzuziehen. Er konnte es ihr nicht verdenken.
   »Kisha …«, wies Darius sie liebevoll zurecht, und Sasha hob, noch immer lächelnd, beschwichtigend die Hände.
   »Die Chroniken des Wissens sind eine Ansammlung der Glaubensrichtungen, die es gab, bevor das Virus kam und wir nur noch an die Heiligen glaubten.«
   »Du meinst, darin steht alles über die Götter der Menschen der alten Zeitrechnung?«
   »Richtig.«
   »Daher wusstest du also so gut darüber Bescheid im Tempel der Nivens?«
   »Scharfsinnig und gut aussehend – und meins.« Sasha grinste ihren Vampir an, der sich daraufhin verlegen räusperte.
   Solvin warf einen raschen Blick zu Emma, die über all die Informationen zu recht sehr verwirrt aussah. Sobald sie wieder im Hotel zurück sein würden, musste er sie aufklären. Dringend. »Wenn du richtig liegst, Sasha, dann meinen die Ältesten mit den Wissenden also Gläubige?«
   »Das war meine Vermutung.«
   »In welchem Zusammenhang steht der Abgrund mit Glauben?«
   »Daran scheitere ich leider immer wieder.« Sasha klang geknickt, und auch Solvin wusste, dass sie feststeckten. Mittlerweile schien kaum noch Tageslicht durch die Schächte, die Dämmerung hatte eingesetzt. Für die Vampire war es immer taghell, doch Emma und Sasha würden bald nichts mehr sehen, und niemand von ihnen hatte an Fackeln gedacht.
   »Okay, ich habe keine Ahnung, worüber ihr die ganze Zeit sprecht. Tempel, Götter, ein Virus und alte Zeitrechnungen. Euer Land steht immer weiter unten auf meiner Must-see-Liste. Aber was Sasha gesagt hat, über den Glauben und den Abgrund …, ich denke, ich weiß, was gemeint sein könnte?«
   Solvin sah sie überrascht an. Konnte es möglich sein, dass seine kleine Elfe die Rettung war? Aber ja, sie sprach immer wieder von ihrem Gott, also kannte sie sich mit dem Glauben aus. Sein Puls beschleunigte sich vor Aufregung. »Sprich, kleine Elfe, foltere mich nicht.«
   »Nun, am College hatte ich als Nebenfach biblische Mythologie. Meine Eltern sind ziemlich gläubig gewesen und ich bin entsprechend aufgewachsen. Wie auch immer, in der Bibel …« Sie machte eine Pause, als sie in fragende Gesichter sah. »Okay, das gibt es bei euch also auch nicht. Wahnsinn. Also, die Bibel ist unsere …, nun ja, Chronik des Glaubens? Soweit verständlich?« Alle nickten. »Es gibt darin viele Erzählungen von verschiedenen … Heiligen, einer davon war Johannes. Wir nennen diese Geschichten Evangelien. In dem Evangelium die Offenbarung des Johannes ist des Öfteren von Abyssos die Rede. Und in der biblischen Mythologie bezeichnet Abyssos die Unterwelt – oder anders formuliert: den Abgrund.«
   Während Solvin das Gesagte noch zu verstehen versuchte, ging bereits ein Ruck durch seine Brüder. Endlich konnten sie etwas tun und waren nicht mehr zur Tatenlosigkeit verdammt. Er sah, wie Sasha Emma anerkennend zunickte und plötzlich wurde er unerklärlicherweise von Stolz erfüllt, dass seine kleine Elfe ihnen helfen konnte.
   »Nach was müssen wir suchen, Emma?«, wollte Darius wissen.
   »Nun, ich erinnere mich, dass Abyssos bei Johannes beschrieben wird als ein Ort, dessen Schlüssel ein Engel in seinen Händen hält.«
   »Findet den Schlüssel«, wies Darius seine Gefährten an, bevor sie ausschwärmten.
   »Sucht einen Engel, dann findet ihr den Schlüssel«, warf Emma zaghaft ein.
   Sie blieben abrupt stehen, dann drehte Solvin sich zu ihr um und warf ihr einen dankbaren Blick zu. Anschließend folgte er seinen Gefährten in die verwaisten Hallen der City Hall Station, um jedes Staubkorn noch einmal umzudrehen.
   »Sie kannst du meinetwegen küssen«, schlug Darius ihm belustigt vor.
   Solvin hoffte inständig, dass sie schon genug Abstand zu den Frauen hatten, dass Emma diesen Spruch nicht mitbekommen hatte.

*

Emma sah Solvin nachdenklich hinterher. Das Tageslicht nahm beständig ab und sie bezweifelte, dass die Männer in diesem Zwielicht noch genug sehen konnten, um fündig zu werden. Was für ein verrückter Tag. Sie befanden sich inmitten einer Schnitzeljagd nach etwas, von dem sie keine Ahnung hatte. Ständig sprachen ihre neuen Freunde in Rätseln, von Dingen, die ihr fremd waren. Dabei dachte sie, dass sie in Geografie aufgepasst hatte, doch ein Land, wie sie es beschrieben, war ihr nicht bekannt. Allein der Gedanke daran, dass sie ohne Strom oder Internet leben müsste, trieb ihr ein Schaudern über den Nacken.
   »Sol hält sehr viel von dir«, unterbrach Sasha plötzlich ihre Gedanken, die bei ihr geblieben war, während sich die Männer auf die Suche machten. Emma lächelte sie zaghaft an, und wie jedes Mal, wenn sie Sasha ansah, war sie auch jetzt wieder überwältigt von ihrer Schönheit. Rabenschwarzes Haar rahmte ein ebenmäßiges Gesicht ein, aus dem sie zwei grüne Augen freundlich ansahen. Emma schluckte. Sie wünschte plötzlich, dass sie auch mit so einem Aussehen gesegnet sein würde, und mit einem Mal sah sie Solvin vor sich. Als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, dachte sie, er sei eines dieser berühmten Models, die sich in New York zuhauf tummelten. Sie alle hatten sofort aus der Masse herausgestochen, was nicht nur an dem zerlumpten Äußeren gelegen hatte, in dem Emma sie gefunden hatte. Die Vier hatten sofort ihr Interesse geweckt. Nicht nur, weil sie alle überirdisch schön aussahen und etwas Geheimnisvolles an sich hatten, sondern weil sie in dieser großen Stadt verloren schienen. Und weil sie mit Schwertern in der Rushhour rumfuchtelten, was Emma auch heute noch amüsant fand. Sie hatte gleich gewusst, dass diese Leute anders waren und ihr viel zu weiches Herz hatte nicht anders gekonnt, als ihnen zu helfen. Außerdem lenkten sie Emma von den Sorgen ihres verlorenen Jobs ab – und weil sie fasziniert von dem großen blonden Mann gewesen war, der sie in der Zwischenzeit gelegentlich in den Wahnsinn trieb. Ihre Neugierde war schuld daran, dass sie nun in einer verlassenen U-Bahn-Station stand und auf der Suche nach Abgründen und Engeln war. »Tut er das?«, ging sie auf Sashas Frage ein.
   »Sicher. Dank dir hat er sich in dieser Welt viel besser eingelebt als wir.«
   Nachdenklich sah Emma ihr Gegenüber an. Da war es wieder – in dieser Welt. Sie sagten nie Land. Außer Solvin, nachdem sie ihm einmal einen Vortrag über den Unterschied der Bedeutung dieser beiden Wörter gehalten hatte.
   »Wenn ihr dieses Buch gefunden habt, werdet ihr dann New York verlassen und wieder nach Hause gehen?« Sie hielt die Luft an, weil sie sich vor der Antwort fürchtete, obgleich sie diese bereits kannte.
   »Das haben wir vor, richtig. Es hängt vom Inhalt des Buches ab und davon, ob wir überhaupt wieder heimkehren können.«
   »Wieso solltet ihr das nicht? Werdet ihr etwa politisch verfolgt?« Mitleidig sah Emma Sasha an.
   »Das könnte man in der Tat so bezeichnen«, antwortete diese zögerlich. »Doch unsere Rückkehr hängt einzig von den Runen ab. Ohne sie bleibt uns der Weg nach Hause verwehrt. Im Moment wissen wir nicht einmal, ob wir weitere Steine finden werden oder ob das Heilige Buch uns dazu verurteilt, in deiner Welt weiterzuleben.«
   Emma verdrängte den freudigen Hüpfer, den ihr Herz bei der Vorstellung tätigte, dass Solvin bleiben würde. »Und dieser Salazar, der übrigens ziemlich fies ist, nachdem was Sol mir erzählt hat, den habt ihr hinter Gitter gebracht? Der kann euch nicht mehr gefährlich werden?«
   »Alasar«, berichtigte Sasha sie schmunzelnd. »Genau, wir haben dafür gesorgt, dass er seine gerechte Strafe bekommen hat und hoffentlich nie wieder freikommt.«
   »Ich wünsche euch von Herzen, dass alles gut für euch ausgeht.« Emma sagte die Wahrheit, auch wenn sie den Gedanken nicht ertrug, dass ihre blonde Nervensäge bald aus ihrem Leben verschwand.
   Bevor Sasha etwas entgegnen konnte, kam Solvin auf sie beide zugerannt. »Wir haben etwas gefunden. Kommt«, rief er und wandte sich bereits wieder von ihnen ab.
   Emma wechselte einen unsicheren Blick mit Sasha, doch dann folgten sie Sol sogleich durch das spärliche Licht, das sie noch hatten. Ein Prickeln erfasste sie, diese Schnitzeljagd war aufregender als alles, was sie in den letzten Jahren erlebt hatte.

*
Nervös standen sie vor einer Gedenktafel, die einst in den alten Hallen der City Hall Station angebracht worden war. So nah an ihrem Ziel, konzentrierten sie sich auf ihre Aufgabe und achteten weniger auf ihre Umgebung. Derart fern ihrer Heimat hatten sie nichts vor Alasar und seinen Schergen zu befürchten.
   »Aber ja«, rief Emma freudig aus. »Natürlich, daran habe ich nicht mehr gedacht, bitte verzeiht«, ergänzte sie zerknirscht.
   »Du wusstest, dass das hier ist?« Solvin war erstaunt über das Wissen seiner kleinen Elfe. Oder das dieses Google-Kerls. Pah.
   »Nun ja, nicht direkt. Letztes Jahr habe ich das Museum besucht, das auch Touren zur alten City Hall Station anbietet. Leider war ich knapp bei Kasse, also habe ich mich mit den Bildern und der Geschichte begnügt. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass diese Station nicht die erste Subway New York Citys war, wie man lange angenommen hat. Etwa dreißig Jahre vor der Eröffnung 1904 hat ein findiger Mann versucht, den Prototyp einer Subway unter dem Broadway zu konstruieren. Ohne das Okay der Regierung und ohne viel Tamtam. Wie auch immer, er hatte es zwar geschafft, einen kleinen Teilabschnitt fertigzustellen, den er inklusive Piano, Springbrunnen und Goldfisch-Aquarium ziemlich pompös einrichtete. Doch obwohl die damalige Presse schwer beeindruckt gewesen war, musste er sich am Ende der Regierung und ihren Gesetzen beugen und schloss finanziell ruiniert seine geheime Station wieder. Die war dann auch schnell in Vergessenheit geraten, bis Bauarbeiter der City Hall Station 1912 zufällig durch eine Wand zu der ersten Station durchbrachen. Die verlief nämlich nirgends Geringeres als direkt unter dieser hier. Na ja und zum Andenken an seine Leistung haben sie die Gedenktafel hier aufgestellt.«
   »Auf der ein Engel abgebildet ist«, flüsterte Sasha.
   »Und der Schlüssel in seinen Händen wird uns demnach in die vergessene Subway führen«, schlussfolgerte Emma.
   »Was würden wir nur ohne die geballte Intelligenz unserer wunderschönen Grazien machen.« Solvin grinste. Er griff aufgeregt nach dem Schlüssel, der mit dem Material der Tafel verschmolzen zu sein schien.
   »Der Engel kann unmöglich von Anfang an dazugehört haben?« Misstrauisch fuhr Emma über das Material.
   »Unwahrscheinlich, doch die Ältesten haben wohl eine Möglichkeit gefunden, uns den richtigen Weg zu weisen.« Solvin versuchte, unter die ausgehärtete Substanz des abgebildeten Schlüssels zu greifen, hatte jedoch Mühe, durch den Guss, der die Gedenktafel überdeckte, durchzukommen. Das Geräusch, als er endlich herausbrach, hallte warnend durch die leere Station. »Da haben wir das gute Stück.« Er begutachtete ihn von allen Seiten und legte ihn vollends frei.
   »Und wo befindet sich die passende Tür dazu?«
   »Das ist in der Tat eine sehr gute Frage, Darius. Eine Antwort hast du nicht zufällig parat?« Solvin lächelte seinen Bruder an und sah nachdenklich in die Umgebung.
   »Die Gedenktafel wurde dort angebracht, wo der Zugang zur Prototypstation zugemauert wurde«, warf Emma ein.
   »Also stehen wir womöglich direkt davor?« Solvin rieb sich nachdenklich das Kinn.
   »Warum öffnet sich hier nicht einfach eine Geheimtür, so wie es bei uns stets war?« Sasha lieh sich den Schlüssel aus, um ihn näher zu betrachten.
   »Nun ja, ich nehme an, in dieser fremden Welt hatten die Ältesten nicht die Mittel, um das zu bewerkstelligen«, erwiderte Solvin. »Alles deutet darauf hin, dass sie vor nicht allzu langer Zeit hier gewesen sind.«
   »Meinst du?«
   »Sie haben das erste Versteck augenscheinlich gewählt, weil die Metrostation nicht mehr benutzt wird. Sie besteht jedoch erst seit Anfang des letzten Jahrhunderts hier und ist die Hälfte der Zeit stillgelegt«, erwiderte er Sasha.
   »Okay, ich habe wieder mal keine Ahnung, wovon ihr sprecht, aber wir sollten alle Wände und Vertiefungen absuchen, bevor es völlig Nacht wird. Ich kann jetzt schon kaum noch die Hand vor Augen sehen«, sagte Emma.
   »Die Gentlemen vergessen die meiste Zeit, dass wir nicht mit ihrem Sehvermögen mithalten können. Möglicherweise hilft uns das weiter.« Sasha hielt einen Ambert-stein in die Höhe, der sogleich die finstere Halle der alten Metrostation erhellte.
   »Du hast einen Ambertstein mitgenommen?«, fragte Darius.
   »Was ist das? Sind da Batterien drin?« Emma eilte zu Sasha, um sich das leuchtende Gestein näher anzusehen.
   »Na ja, alte Gewohnheit«, erwiderte Sasha verlegen.
   »Batt … was?« Solvin sah Emma fragend an.
   »Batterien? Ach komm, jetzt sag nicht, dass ihr in eurem Land …, gut, sei es drum. Wie kann es sein, dass dieser Stein ohne Hilfsmittel leuchtet?«
   »Na ja, sie tun es einfach.«
   »Du willst mir erzählen, dass ihr in eurem Land selbstleuchtende Steine habt?«
   »Richtig«, antwortete Sol zerknirscht und fuhr sich nervös über das Kinn.
   »Und dann seid ihr so rückständig, anstatt im Reichtum zu versinken? Solvin, hier würden sie töten, um an diese Art von Energie zu kommen.«
   »Dann werden wir schön auf das Steinchen aufpassen«, sagte er, nahm ihn Emma schnell aus der Hand und gab ihn Sasha wieder.
   »Aber …«
   »Lasst uns den Zugang finden.« Er lächelte sie so charmant an, dass sie scheinbar ihren Protest vergaß, zumindest erwiderte sie nichts mehr und schien sich geschlagen zu geben.
   »Wenn die Damen mit ihrem Pläuschchen fertig sind, könnten sie uns ein wenig behilflich sein. Vor allem die Große, Hässliche«, rief Darius ihnen ungeduldig zu, der sich mit Talin bereits daran gemacht hatte, die Wände abzusuchen.
   »Das muss wahre Liebe sein.« Solvin hakte sich bei Emma und Sasha ein und folgte seinen Gefährten grinsend.

Akribisch suchten sie die Wand rund um die Gedenktafel ab, den Schlüssel hielt Sol sicher in seiner Manteltasche verwahrt. Er tastete sich Millimeter für Millimeter rechter Hand der Tafel zu einer Nische entlang, bis seine sensiblen Fingerkuppen eine winzige Unebenheit fanden, die ihn sogleich innehalten ließ. Mit der Faust hämmerte er dagegen, dann an eine Stelle direkt daneben. Abwechselnd wiederholte er den Vorgang, bis er sich sicher war, dass er den Zugang gefunden haben musste. Hier klang es hohl, das war keine Wand.
   »Hast du es gefunden?«
   Die anderen hatten sich zwischenzeitlich hinter ihm versammelt, und Emma sah ihn aufgeregt an.
   »Ich schätze, ja«, erwiderte er knapp, während er darüber nachdachte, wie er den Durchbruch hinbekam.
   »Weg da«, sagte Talin, der sich an Sol vorbeizwängte.
   »Was hast du vor, Häschen? Willst du die Wand so lange grimmig anstarren, bis sie vor Angst zerfließt und sich in Luft auflöst?«
   Talin schnaubte, ballte eine Faust und holte zum Schlag aus.
   »Warte!«, fuhr Darius dazwischen.
   Tal hielt inne und alle sahen den großen, schwarzhaarigen Vampir, der sie anführte, irritiert an.
   »Wir wissen nicht, was sich hinter dieser Wand verbirgt. Es könnte ein Fehler sein, ohne nachzudenken, einen Durchbruch hineinzuschlagen. Was, wenn Alasars Schergen auf uns warten?«
   »Aber wie sollten sie hierhergelangen?«, dachte Sasha laut nach.
   »Genau wie wir?«
   »Alasar kennt diese Welt nicht. Er war nie hier. Ich glaube nicht, dass seine Wächter uns an diesem Ort erwarten«, sagte Solvin schließlich und gab Talin ein Zeichen, fortzufahren.
   »Du weißt, wozu er imstande ist.«
   »Leider ja. Aber in dieser Welt sind wir sicher vor Alasar und seinen Henkern, glaube mir«, beschwichtigte Solvin Darius, der sich jedoch nicht beirren ließ und sicherheitshalber sein Schwert bereithielt.
   Im nächsten Augenblick zuckten alle erschrocken zusammen, als Talins Faust in die Wand donnerte und seine Kraft die Illusion des Scheins nahm.
   »Das ist gar keine echte Wand, das ist Rigips«, rief Emma erstaunt.
   »Ri-was?« Solvin verzweifelte langsam aber sicher, da ihm die Begriffe dieser Welt gänzlich unbekannt waren und er das Gefühl hatte, sich vor Emma lächerlich zu machen.
   »Ihr wisst nicht, was …, schon gut. Gips ist ein Baustoff«, sagte seine kleine Elfe und wies auf die Öffnung, die Talin in die falsche Wand geschlagen hatte. »Die Überreste hier sind aus diesem Material und nicht aus Gestein, so wie sie jedoch den Anschein haben sollten. Das bedeutet, dass jemand diese Wand nachträglich angebracht und sie so bearbeitet hat, dass sie nicht von der anderen zu unterscheiden ist.«
   »Was nach der Schließung der Station geschehen sein muss«, schlussfolgerte Solvin.
   »Langsam können wir uns möglicherweise ein Bild davon machen, wann die Ältesten hier gewesen sind«, sagte Darius hinter ihm.
   »Und da müssen wir jetzt durch?« Emma schauderte es sichtlich.
   »Hab keine Angst, meine Elfe, der ungehobelte Krieger hinter mir übernimmt den Vortritt für gewöhnlich.« Solvin lächelte ihr aufmunternd zu. »Sollte uns dort drin eine Gefahr drohen, dann stürzt sie sich zuerst auf ihn.«
   »Mir ist gerade entfallen, warum ich dich als Freund schätze«, erwiderte Darius, gab Sasha einen flüchtigen Kuss und zwängte sich als Erster durch den von Talin geschlagenen Durchgang.
   Solvin ließ den Frauen und Talin den Vortritt, bevor er ihnen folgte und sich fluchend Staub und Steinchen von diesem Gipszeug aus den Haaren schüttelte. Warum nur kam ihm das so bekannt vor. Die Ältesten schienen es regelrecht auf ihn abgesehen zu haben, zumindest auf sein Haar. Abrupt blieb er hinter den anderen stehen und sah sich verwundert um. Sie befanden sich in einem winzigen Raum, der keinen weiteren Ausgang zu haben schien und in dem die abgestandene Luft schon seit langer Zeit von keinem Lebewesen mehr eingeatmet wurde.
   »Hier geht es nicht weiter?« Sasha klang genauso irritiert, wie er, während sie die flache Hand, auf welcher der Ambertstein lag, in den Raum hob, damit die Menschenfrauen in der mittlerweile stockdunklen Umgebung auch etwas sehen konnten.
   »Aber wozu sollten wir dann den Schlüssel finden, wenn es kein Schloss dafür gibt?« Darius schritt zügig die kahlen Wände ab und Talin folgte ihm fluchend.
   »Zumal wir auch ohne Schlüssel hier reingekommen sind.« Solvin rieb sich nachdenklich das Kinn. Warum nur steckten sie ständig in ihren Nachforschungen fest.
   »Es ist nur so eine Idee …«, setzte Emma an, verstummte jedoch gleich darauf, als sich alle hektisch zu ihr umdrehten.
   »Jeder noch so kleine Hinweis ist ein Geschenk«, ermunterte Solvin sie, fortzufahren.
   »Also gut.«
   Sie schien unsicher zu sein und Solvin nahm ihre Hände in seine, was seinen Herzschlag plötzlich beschleunigte. Er versuchte, diese merkwürdige Reaktion zu ignorieren und sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Emma hatte möglicherweise einen Ausweg gefunden.
   »Vielleicht …, also vielleicht kommen wir in den vergessenen Abschnitt, wie wir hier hineingelangt sind?«
   »Wie meinst du das?«
   »Durch einen Schacht?«
   Ungläubig folgte jedes einzelne Augenpaar der Umstehenden ihrem Finger, der auf ein im Boden eingelassenes Gitter zeigte.
   »Ich fasse es nicht, dass wir das übersehen haben.« Sasha stöhnte auf.
   »Tal«, donnerte Darius’ Stimme durch den beengten Raum, doch Talin war längst schon dabei und hob das schwere Eisen mit einem kurzen Ruck aus seiner Verankerung.
   Er war nicht so großzügig bemessen wie der Lichtschacht, durch den sie in die Metro Hall Station kamen, doch er bot den Männern gerade noch Platz, sich hindurchzupressen. Talin ließ sich erst kopfüber hineingleiten, um die Lage zu sondieren, dann schob er sich wieder hinaus, nickte den anderen zu und sprang in die Tiefe.
   »Okay?« Emma wirkte noch verunsicherter als zuvor.
   »Erinnerst du dich an meine Worte von heute Mittag? Vertraue uns, dir wird nichts geschehen«, versuchte Sol, sie zu trösten. Sie würden nicht gemeinsam hindurchpassen, daher mussten Sasha und Emma nach ihnen springen, sodass sie die beiden auffangen konnten. Allein der Gedanken daran, ihr das zu erklären, bescherte ihm Schweißausbrüche. Darius kam ihm jedoch zuvor.
   »Tal, wie ist die Lage?«, rief er nach unten.
   »Keine Gefahr«, antwortete dieser knapp.
   »Bist du bereit?«
   »Immer.«
   Solvin fragte sich, was er nun schon wieder verpasst hatte, doch dann sprang Sasha im nächsten Augenblick, ohne mit der Wimper zu zucken durch das für sie stockfinstere Loch. Sol hörte sie kichern, als Talin sie auffing.
   »Emma.« Darius nickte ihr zu.
   »Das ist nicht so einfach, wenn man nicht so lebensmüde ist wie ihr«, versuchte sie, halbherzig zu scherzen.
   »Ich werde dich auffangen«, räusperte sich Solvin, sprang und wartete angespannt, ob Emma im folgte. Sie tat es und landete mit einem erschrockenen Aufschrei sicher in seinen Armen, wo er sie eine Spur zu fest an sich drückte. »Alles in Ordnung?«, fragte er, während Darius neben ihm aufkam. Widerstrebend stellte er sie auf die Beine, nachdem sie nickte, und ließ sie los, lächelte sie jedoch weiterhin an. Ihm schien, als könnte er selbst dann nicht damit aufhören, wenn er wollte.
   »Und nun?«
   Solvin sah flüchtig zu Sasha, die, wie alle anderen, etwas verloren auf dem seit Jahrzehnten vergessenen Bahngleis stand und den Ambertstein in alle Richtungen hielt, um sich die Überbleibsel dessen anzusehen, was einst hätte bahnbrechend sein sollen. Auch Sol blickte sich um, während er weiterhin Emmas Hand hielt. Dicke Schichten Staub hatten jeden Winkel unter sich begraben. Unter Schutt, Dreck und Spinnweben war die ehemalige Pracht nicht mehr auszumachen, die der Erbauer bei der Eröffnung angedeihen ließ. »Wenn ich heute noch ein paar Wände befummeln muss, werde ich wohl darüber nachdenken, den Ältesten einen Beschwerdebrief zu schreiben«, sagte Solvin verstimmt.
   »Möglicherweise befindet sich das Heilige Buch oder ein weiterer Hinweis unter den abgedeckten Gegenständen oder dem Schmutz. Irgendwie glaube ich nicht, dass wir weiter die Wände absuchen müssen«, überlegte Sasha.
   »Dann müssen wir uns wohl die Finger schmutzig machen, Kisha«, bemerkte Darius.
   Solvin verdrehte die Augen. Aus einem Impuls heraus sah er verstohlen zu Emma, die weiter nach hinten in den Raum gegangen war, während Talin über die Gleise auf die andere Seite sprang. Sol atmete tief durch, diese Suche nach dem Buch der Ältesten war zermürbend.
   »Vielleicht müssen wir uns gar nicht die Finger schmutzig machen«, rief Emma ihnen zu. Sol horchte auf. Sofort schlossen alle zu ihr auf und sahen auf den großen, sperrigen Gegenstand, vor dem sie stirnrunzelnd stand.
   »Was ist das?«, fragte Sol.
   »Das ist ein Tresor.« Als sie Emma jedoch alle nur zerknirscht ansahen, seufzte sie kopfschüttelnd. »In einem Tresor werden in der Regel Wertgegenstände verwahrt. Geld, Schmuck, Papiere, Goldbarren, Waffen, Datenträger und so weiter.«
   »In Ordnung.« Solvin verstand nicht, worauf sie hinaus wollte.
   »Sie sind so stabil gebaut, dass sie quasi unzerstörbar sind. Man kann sie nur mit einer bestimmten Zahlenkombination aufbekommen, die den Schließmechanismus öffnet, und die nur dem Eigentümer bekannt ist. Dieben ist es daher kaum möglich, an die Wertsachen zu kommen.«
   »Demnach ist ein Tresor eine geschützte Schatzkammer?«
   »Kann man so sagen, ja.«
   »Und was macht dich so sicher, dass wir das suchen?«
   »Na ja, zum einen ist er nicht halb so verschmutzt und verstaubt, wie alle anderen Gegenstände hier unten, was mich vermuten lässt, dass er nachträglich runtergeschafft wurde. Wobei ich mich frage, wie sie das Ding durch den Schacht bekommen haben? Aber gut. Das andere ist, er hat kein herkömmliches Zahlenschloss. Stattdessen befinden sich mir unbekannte Symbole darauf.«
   »Bei den Heiligen, du hast es gefunden«, rief Sasha freudig aus.
   Solvin wurde von einem Anflug plötzlichen Stolzes auf seine Elfe übermannt.
   »Wie bekommen wir das Ding nun auf?« Darius und Talin drängten sich neugierig vor den Tresor.
   »Was steht auf den Symbolen?«, fragte Emma neugierig.
   »Das sind unzusammenhängende Wörter in der alten Sprache.«
   »Um das Schloss aufzubekommen, werdet ihr eine bestimmte Kombination benötigen«, gab sie zu Bedenken.
   »Woher wissen wir, welche wir benötigen, um den Mechanismus zu öffnen?«, wollte Solvin wissen.
   »Tut mir leid, das kann ich dir leider nicht sagen«, erwiderte sie resigniert.
   »Aber wir kennen die Wörter doch längst«, sagte Sasha lächelnd und sah Darius an, bis auch er zu verstehen schien.
   »Aber natürlich. Meine schlaue Kisha.« Stolz lächelte Darius Sasha an.
   »Das ist ja herzallerliebst, dass die Intelligenz deiner Frau deine bei Weitem übertrifft, ist uns bereits bekannt. Dass ihr euch ständig ansabbern müsst, ebenso. Vielleicht könntet ihr uns an eurem geistigen Austausch teilhaben lassen?« Mit zusammengekniffenen Augen sah Solvin seinen Bruder an und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Talin den Kopf schüttelte.
   Lachend bewegte Darius schließlich das Schlossrad mit den Symbolen. Sobald er innehielt, hörten sie ein dumpfes Geräusch und ein darauf folgendes Klicken.
   »Leben«, sagte Sasha.
   Darius drehte weiter, bis das nächste Geräusch erklang.
   »Liebe.«
   Beim letzten Symbol schien ein weiterer Mechanismus in Gang gesetzt zu werden, der nun laut ratterte und Darius ließ sicherheitshalber das Rad los.
   »Tod«, ergänzte Sasha.
   »Die Symbole der drei Runensteine«, bemerkte Solvin. »Was würden wir nur ohne unsere wunderschönen und schlauen Damen machen?« Bevor er eine Antwort bekommen konnte, erstarb das Knattern und die schwere Panzertür sprang ächzend einen Spalt auf, wobei alle rasch einen Schritt zurückgingen, um dem Staub zu entgehen, der nun aufgewirbelt wurde.
   Darius zog die Schutztür auf, trat anschließend jedoch zur Seite und blickte ihn an. »Sol.«
   Hinter der Tresortür war eine weitere Stahlwand angebracht, die geöffnet werden musste, um an den Inhalt zu kommen – und in der ein Schloss angebracht war, für das er den passenden Schlüssel besaß. »Ach, dass ich das noch erleben darf«, sagte er grinsend, trat einen Schritt vor und steckte nun doch ein wenig nervös den Schlüssel von der Gedenktafel hinein. Der Gedanke, dass sie möglicherweise nach all den Strapazen endlich das Heilige Buch in den Händen halten könnten, stimmte ihn nahezu euphorisch. Nachdem sich auch die letzte Hürde mit einem knatternden Geräusch öffnete, stieß Solvin beim Anblick des einzigen Gegenstandes, der sich auf rotem Samt gebettet darin befand, genervt die angehaltene Luft aus. »Ich bekomme langsam eine Aversion gegen diese blöden Dinger«, schimpfte er angesäuert, wandte sich ab, ging zu einer der Wände und ließ sich dagegen und auf den Boden sinken.
   »Was ist denn los?«, fragte Emma irritiert.
   »Wieder nur eine weitere Steinrune«, erklärte Sasha ihr. »Das bedeutet, dass unsere Suche noch nicht vorüber ist.«
   »Und wo müsst ihr nun hin?«
   »Das versucht Darius herauszufinden, in der Zwischenzeit können wir nichts anderes tun, als abzuwarten.«
   Sol sah zu seinem Bruder, der mit ebenso mürrischem Gesichtsausdruck die Symbole auf der Rückseite der Rune zu entziffern versuchte, während Talin starr in den leeren Raum vor sich sah.
   »Ich weiß, ihr seid enttäuscht, dass ihr nicht das gefunden habt, wonach ihr gesucht habt, aber ich bin froh, dass ihr noch länger bleibt«, sagte Emma schüchtern.
   Solvins Herz schlug plötzlich einen Takt schneller. Er setzte gerade zu einer Erwiderung an, als Darius zu ihnen kam.
   »Ich bin völlig überfragt«, murmelte er und ließ sich neben Solvin nieder.
   »Was steht denn auf der Vorderseite?«, fragte Sasha neugierig.
   »Wissen.«
   »Und auf der Rückseite?«
   »Wo das Symbol der Herrscher Macht
   verbirgt der ungläubigen Seelen,
   hinter versteckten Toren der ewigen Nacht,
   dort musst du den Ersten erwählen.»

»Bei den Heiligen, ich habe absolut keine Ahnung, wovon die Ältesten sprechen«, sagte Solvin und stöhnte auf.
   »Da geht es dir wie mir, Bruder«, stimmte Darius ihm resigniert zu.
   »Was nun?«, fragte Sasha.
   »Nun werden wir unsere hübschen Köpfe darüber zerbrechen müssen, was unsere Vorfahren uns damit sagen wollten. Aber nicht hier. Lasst uns zurückgehen. Ich benötige jetzt dringend ein Bad.« Solvin verzog angewidert das Gesicht, als er sich durch sein blondes Haar fuhr und noch einige Reste der Rigipswand darin vorfand.
   »Das klingt himmlisch«, sagte Emma, sah ihn jedoch im nächsten Moment mit großen Augen an. »Also das Bad.« Sie wich seinem Blick aus und blickte rasch auf den Boden.
   Etwas tief in ihm erwärmte sich und Sol fragte sich, ob diese seltsame New Yorker Luft hier unten womöglich noch schädlicher für ihn war? Seinem Magen jedenfalls tat sie ganz und gar nicht gut.
   »Ich stimme euch zu, lasst uns in unsere Behausung zurückkehren, hier können wir nichts mehr ausrichten«, sagte Darius und verstaute die Steinrune sicher in seiner Tasche.
   »Müssen wir den gleichen Weg zurücknehmen, den wir gekommen sind?«, fragte Sasha.
   »Ich fürchte ja, Kisha.« Gemeinsam gingen sie zu der Stelle vor, wo sich der Schacht an der Decke befand.
   Talin folgte ihnen wortlos, und Solvin sah verstohlen zu Emma, die seinem Blick noch immer auswich.

Kapitel 5
Neue Erkenntnis

Seit sie aus diesem Schacht zurück in den beengten Raum gekrochen und anschließend wieder in die alte City Hall Metrostation geklettert waren, vermisste Solvin die Wärme von Emmas Händen, die er zuvor tröstend gehalten hatte. Gänzlich verwirrt von seinen Gedanken ging er achtlos durch die mittlerweile völlige Dunkelheit voran, die lediglich durch Sashas Ambertstein aufgehellt wurde. Sein Sehvermögen funktionierte auch in der Schwärze der Nacht, wenn er denn die Umgebung im Auge behalten hätte und nicht in seinen Grübeleien versunken wäre.
   Er hörte das kaum merkliche Zischen im selben Moment, in dem ihn etwas Kleines mit solch einer Wucht traf, dass er nach hinten taumelte. Anschließend breitete sich ein brennender Schmerz in seiner Brust aus, der rasch so intensiv wurde, dass er ihm den Atem raubte. Verwirrt presste er sich eine Hand auf die Stelle und sah anschließend fassungslos auf seine blutverschmierten Finger. »Was …?«, stammelte er, dann gaben seine Beine nach und er sank auf die Knie. Er hörte die Schreie von Emma und Sasha wie durch einen Nebel hindurch und nahm nur am Rande wahr, dass die beiden Frauen von Darius gepackt und weg von dem Bahnsteig in den schützenden Gang hinter ihnen gezerrt wurden, während Talin sich über ihn beugte, um ihn auf seine Schulter zu hieven. Was immer Solvin auch getroffen hatte, es schien jegliche Lebensenergie aus ihm herauszusaugen. Er wollte protestieren, doch dann bemerkte er, dass um sie herum plötzlich Teile der Wandkacheln absplitterten. Dann erst registrierte er benommen das bösartige Surren der kleinen Geschosse, die überall in der Halle einschlugen. Er hörte Talin fluchen, der verzweifelt versuchte, ihn aus der Gefahrenzone zu bringen, nachdem er nicht mehr selbst in der Lage dazu war. Offenbar war er von einem dieser Dinger getroffen worden. Was bei den Heiligen geschah hier?
   »Talin!«, donnerte Darius’ tiefe Stimme durch das Stakkato hindurch, das sie völlig unvorbereitet überrascht hatte. »Schwing deinen Hintern und den des Schönlings auf der Stelle her!«
   Sol brachte ein ermattetes Lächeln zustande, während Talins Sprint ihn ordentlich durchschüttelte. Darius sorgte sich um ihn und das rührte ihn. Bei den Heiligen, dieses Geschoss schien sich bereits in sein Gehirn vorzufressen. Er stöhnte ächzend auf, als Tal ihn eine Spur zu unsanft auf dem Boden ablegte, wo er nun zwischen Emma und Sasha kauerte, die sich ängstlich gegen die Tunnelwand pressten.
   »O Gott, Solvin«, wisperte Emma und beugte sich über ihn. Ihre zarten Finger knüpften sein Hemd auf, sodass sie sich die Wunde ansehen konnte. »So eine verdammte Scheiße!«, hörte er sie fluchen, und grinste ob der Wortwahl seiner kleinen Elfe.
   »Was ist mit ihm?«, wollte Darius wissen, der fieberhaft zu überlegen schien, wie sie aus dieser aussichtslos scheinenden Situation herauskamen und dessen Augen nun selbst unter den Kontaktlinsen grell leuchteten.
   »Er wurde angeschossen«, klagte Emma und tastete seinen Brustkorb ab. »Warum zum Teufel schießt jemand auf euch?« Ihre Stimme nahm einen immer schrilleren Klang an.
   »Angeschossen?«
   »Herrgott noch mal, das ist nicht der richtige Augenblick, um mich zu verarschen. Selbst die rückständigsten Länder dieser Welt haben Waffen, also erzähl mir nicht, dass ihr nicht wisst, was Schusswaffen sind!«
   Emma klang mächtig aufgebracht. Solvin stöhnte auf. Schusswaffen? Etwa so etwas wie Armbrüste, die jedoch keine Pfeile, sondern kleine, tödliche und ihm unbekannte Geschosse abfeuerten? Die selbst einen Vampir schwächten? Er erschauderte. Diese Welt hatte definitiv mehr als nur ein Problem. Ebenso wie er. Der Pfeil einer Armbrust würde ihn nicht derart schwächen, was waren das für verwunschene Dinger?
   »Die Kugel steckt in deinem Brustkorb«, fuhr Emma verzweifelt fort, während sie sich enger an die schützende Wand schmiegten.
   Der Beschuss ließ nicht nach und im Moment hatten sie keine Ahnung, was sie tun sollten. Darius ballte wütend die Hände zu Fäusten und diskutierte angeregt mit Tal. In den Raum unter ihnen zurückzukehren kam nicht infrage, da es keinen weiteren Ausgang dort gab und sie somit in der Falle säßen.
   »Ich danke Gott, dass sie offenbar dein Herz verfehlt hat.« Emmas Finger, die seine Wunde weiterhin betasteten, zitterten merklich.
   Sol schob seine Hand über ihre und diese Aktion kostete ihn nahezu all seine Energie. »Sie wird mich nicht umbringen, hab keine Angst«, versuchte er, sie zu trösten und erschrak über die Kraftlosigkeit seiner Stimme. Wie konnte etwas so Winziges solch eine enorme Zerstörungsmacht besitzen?
   »Ich muss das Projektil sofort aus dir herausbekommen, es schwächt dich jede Sekunde mehr.«
   Da sagte sie etwas Wahres. Solvin hustete und schloss die Augen. Was immer sie vorhatte, er vertraute ihr voll und ganz. Merkwürdigerweise.
   »Wie willst du das bewältigen? Wie kriegt man diese Kugeln aus einem Körper heraus?«, hörte er Darius entzürnt fragen.
   »Wir müssen in ein Krankenhaus. Sofort!«, erwiderte Emma bestimmt.
   »Eine Sanitärstation? Ausgeschlossen. Wir geben den Menschen nicht die Möglichkeit, herauszufinden, was wir sind.« Darius wirkte entschlossen, und Sol wusste, dass jede Widerrede zwecklos war. Und er hatte recht. Die Menschen würden nicht verstehen, dass ihre Wunden schneller heilten und ihre Körper anders funktionierten. Sie durften kein Aufsehen erregen.
   »Was redest du nur?« Emma klang verstört. Solvin wusste, dass er um ein aufklärendes Gespräch nicht herumkommen würde, sobald sie endlich hier raus waren.
   »Emma, Liebes, im Moment sind wir von jeglicher Hilfe abgeschnitten, solange wir unter Beschuss stehen. Kannst du Solvin nicht helfen?« Sasha redete mit sanfter Stimme beruhigend auf Emma ein und der Tonfall war ein direkter Widerspruch zu dem Kugelhagel, der beständig hinter ihnen in die gegenüberliegende Wand einschlug.
   Sol wusste nicht, wann der Feind sich so weit heranschleichen würde, dass er sich auf sie stürzen konnte, doch ihm war klar, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten. Diese Kugel in seinem Inneren schwächte ihn derart, dass er momentan nicht fähig war, zu kämpfen.
   »Nun ja, mit einem Skalpell – einem sehr scharfen Messer – könnte ich vielleicht an das Projektil kommen, doch es wäre nichts steril und ohne Betäubung …«
   Solvin öffnete die Augen, um zu sehen, warum Emma aufgehört hatte, zu sprechen und lächelte, als er sah, dass Talin ihr wortlos seinen Dolch hinhielt.
   »Aber …«
   »Hol das Ding aus ihm raus«, befahl Darius und im nächsten Augenblick verschwanden er und Talin im Schutze der Dunkelheit und verschmolzen mit den Schatten. Sol schluckte schwer, denn er wusste, dass sie sich nun ihrerseits an den Feind heranschlichen, und seine Kehle wurde eng. Er sorgte sich um seine Brüder. Sie hatten keine Ahnung, mit wem sie es zu tun hatten.
   »Solvin …«, unterbrach Emma wispernd seine Gedanken, die Tals Dolch wie einen Fremdkörper von sich weghielt.
   »Du kannst das. Ich bin nicht zimperlich, nur hol dieses Geschoss aus mir heraus, damit ich meinen Brüdern rasch zur Hilfe eilen kann«, bat er sie lächelnd.
   »Ich schaffe es ja nicht einmal, ein tiefgekühltes Huhn zu zerlegen«, erwiderte sie völlig verstört.
   »Nun, dann stell dir einfach vor, dass du diesem ganz besonders gut aussehenden Huhn das Leben rettest und es dir auf ewig dankbar dafür ist«, versuchte Sol, sie aufzuheitern.
   Erschöpft wirkend lächelte sie ihn an und duckte sich ängstlich, als das nächste Geschoss einen Teil der Wandverkleidung gegenüber durchschlug.
   »Bitte Emma, wir brauchen Solvins Hilfe, es wird höchste Zeit. Du musst uns vertrauen, dass er das überstehen wird.«
   Sol sah genau, wie Emma Sashas Worte abwägte und immer wieder zwischen ihm und ihr hin und her blickte. Schließlich legte sich ein entschlossener Ausdruck über ihr Gesicht. »Scheiß drauf«, murmelte sie und setzte den Dolch an seiner Wunde an. »Es wird höllisch wehtun und du wirst mich zum Teufel wünschen, aber ihr wolltet es ja nicht anders«, schimpfte sie. Bevor er Zeit fand, zu antworten, bohrte sich Talins Waffe auch schon tief in sein Fleisch. Schmerzerfüllt biss er die Zähne zusammen, ein Vampir zu sein bedeutete nicht, dass sie nichts spürten.
   »Verdammt, so viel Blut, ich kann nichts erkennen. O Gott Solvin, ich zerstöre gerade mit Sicherheit irgendwelche lebenswichtigen Arterien, Muskelgewebe und was weiß ich noch alles.«
   Ihm entging nicht, dass ihre Finger deutlich zitterten, und unter normalen Umständen hätte er ihr sicherlich recht gegeben. Wäre er ein Mensch, würde sie vermutlich einen irreparablen Schaden anrichten, da sie nicht geschult für solch einen Eingriff war. Aber das musste sie auch nicht. Er würde heilen – sobald nur endlich dieses Ding aus ihm draußen war, das zu verhindern schien, dass sich sein Körper regenerierte. »Nicht doch. Würde Dr. Izzie Stevens so schnell aufgeben?«, versuchte er, ihr Mut zu machen.
   »Nein.« Sie lachte schniefend auf, während sie sich mit dem Handrücken eine Träne von der Wange wischte. »Du und deine Seriensucht.« Sie lächelte nun deutlich gefasster und fuhr mit dem Eingriff fort, während Sasha den Ambertstein über seinen Brustkorb hielt, damit Emma genug Licht hatte. »Ich fasse es nicht, dass ich das mache.«
   Geblendet von dem Leuchten schloss Solvin erneut die Augen und sein gutes Gehör erlaubte ihm, zu lauschen, ob Darius und Talin erfolgreich waren. In der Tat war der Beschuss in den letzten Minuten weniger geworden, stattdessen konnte er immer wieder ein gequältes Röcheln vernehmen, das jedoch sogleich erstarb. Seine Brüder schienen Erfolg zu haben und schalteten den Feind einen nach dem anderen aus. Sehr gut.
   »O Gott, ich glaube, ich habe sie gefunden«, schrie Emma auf.
   Erleichtert seufzte Solvin, der Schmerz ließ mittlerweile kleine grelle Punkte hinter seinen geschlossenen Lidern auftanzen. »Hol sie raus, kleine Elfe«, sagte er krächzend und biss sich im nächsten Moment auf die Lippe, da Emmas Versuch, mit der Dolchspitze unter die Kugel zu kommen, einen weiteren Teil seiner Muskeln durchtrennte. Er konnte es kaum erwarten, dass das alles endlich vorbei war und er sich an denen rächen konnte, die dafür verantwortlich waren.
   »Ganz ruhig, Emma, du machst das hervorragend«, unterstützte Sasha ihn, da ihn das Sprechen inzwischen zu sehr anstrengte.
   »Da bin ich mir nicht so sicher«, wisperte sie, hörte jedoch nicht auf, das Ding aus seinem Körper zu befördern.
   Bei den Heiligen, sie tat gut daran, keine Hühner zu zerlegen.
   »Geschafft«, schrie sie freudig auf und im selben Moment vernahm er das hohle Geräusch des Projektils, das auf die Kacheln des Bodens fiel.
   »Ich hatte keine Zweifel daran, dass du es vollbringst«, erwiderte Sol und atmete erleichtert durch. Umgehend setzten seine Selbstheilungskräfte ein und er spürte, wie die Energie zurück in seinen Körper floss. Die Wunde begann zu kribbeln und dort, wo viel Gewebe zerstört war, zog es unangenehm, doch die Hauptsache war, dass es heilte. In wenigen Minuten würde nicht mehr davon zu sehen sein, als eine rötliche Verfärbung. Erleichtert öffnete er seine Augen wieder und sah direkt in das fassungslos aussehende Gesicht von Emma.
   »Was zur Hölle …«, keuchte sie entsetzt, dann warf sie Talins Dolch unachtsam beiseite und sprang, ohne Rücksicht auf ihre Deckung auf.
   »Nicht!« Sasha war sofort an ihrer Seite und zog sie in den Schutz der Tunnelwand zurück.
   »Aber hast du das denn nicht gesehen?«
   Ungläubig sah sie auf ihn hinab, und Solvin zog verlegen sein blutdurchtränktes Hemd über der Schusswunde zusammen, die nun kaum mehr eine war. Langsam stand er auf, jetzt, da das Geschoss ihn nicht mehr schwächte, waren all seine Kräfte wieder zurückgekehrt. »Emma …«, setzte er an, fuhr jedoch abrupt herum, als er Darius fluchen hörte. In seinem Inneren kämpfte der Drang, ihr alles zu erklären, mit dem uralten Instinkt, seinen Brüdern zur Hilfe zu eilen. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und ignorierte, dass sie vor ihm zurückzuckte. »Ich verspreche dir, dass ich dir später alles erklären werde.« Dann warf er Sasha einen bedeutungsvollen Blick zu, und erst, als sie ihm zunickte, stieß er sich von dem Bahnsteig in die Finsternis der alten Metrostation hinein ab. Sasha würde sich in seiner Abwesenheit um Emma kümmern und er betete zu den Heiligen, dass seine kleine Elfe ihn anhören würde, wenn das hier überstanden war. Im Moment wusste Solvin nicht, vor was er sich mehr fürchtete. Dem ungewissen Feind oder dem klärenden Gespräch mit Emma.

*

Zitternd klammerte sich Emma regelrecht an Sasha fest, die sie sanft in den hintersten Winkel des Ganges drängte. »Was geht hier vor sich?«, fragte sie.
   »Bitte sorge dich nicht, alles ist in Ordnung«, wiegelte diese jedoch erneut ab.
   Emma schnaubte. Nichts war in Ordnung, sie hatte mit eigenen Augen gesehen, wie Solvins tiefe Schusswunde und die völlig zerfetzte Haut einfach so wieder zusammengewachsen war – in Sekunden. Der Heilungsprozess von Wochen und Monaten hatte innerhalb eines Wimpernschlages stattgefunden. Wen wollten sie hier für dumm verkaufen? »Sasha, Wunden wachsen nicht einfach so wieder zusammen«, ließ sie nicht locker, während sie eine Faust um den Gegenstand ballte, den sie aufgehoben hatte und noch immer verborgen vor den anderen in der Hand hielt. Die Kugel. Das Projektil fühlte sich glatt und prall in ihrer Hand an, doch sie konnte es nicht sehen. Sasha hatte diesen seltsamen Leuchtstein wieder in ihre Tasche gesteckt, sodass sie völlig im Dunkeln saßen. Auch wenn Emma noch nie eine Waffe oder eine Kugel in der Hand gehalten hatte, so fühlte sie instinktiv, dass mit diesem Geschoss etwas nicht stimmte. Es schien kein normales zu sein.
   »Du hast recht. Nicht bei … ihnen«, erwiderte Sasha.
   »Wie meinst du das, nicht bei ihnen?« Auf einmal fröstelte es Emma. Sie saß tief unter der Erde in einer Geisterstation gefangen, mit Menschen, die sie nicht wirklich kannte. Etwas unmöglich Scheinendes war einfach so geschehen, und weil es gerade so gemütlich war, wurden sie auch noch angegriffen. Nein – beschossen. Wer um Himmels willen schoss auf sie und warum? Erschöpft sackte sie an die Wand zurück und versuchte, nicht daran zu denken, was für Rückstände sich darauf befinden mochten.
   »Ich kann dir nicht mehr sagen, selbst wenn ich wollte. Es ist Sols Aufgabe, dich aufzuklären«, fuhr Sasha tröstend fort.
   »Aufzuklären«, murmelte sie wiederholt. Es war jedoch egal, wie oft sie das tat, es hörte sich trotzdem jedes Mal an, als ob sie in Kürze etwas erfahren würde, das ihr überhaupt nicht gefallen würde.
   »Ich weiß, dass es sehr viel verlangt ist, aber ich versichere dir bei meinem Leben, dass wir nichts Schlechtes im Sinn führen. Vertraue uns einfach.«
   Wenn sie sonst keine Probleme hatten. Emma schloss die Augen und versuchte, gegen das Zittern anzukämpfen. Sie zog die Knie fest an sich, legte die Arme darum und vergrub den Kopf darin. Vertraue uns einfach. Sicher, nichts leichter als das. Wahrscheinlich blieben die meisten Menschen cool, wenn sie unter Beschuss standen und Wunden sahen, die in Windeseile heilten. Tief durchatmend fragte sie sich, wie um alles in der Welt sie in solch eine Situation geraten konnte. Sie kannte diese Leute doch überhaupt nicht, dennoch war sie ohne Bedenken mit ihnen mitgegangen, anstatt sich um die Bewerbungen für einen neuen Job zu kümmern. Als Sasha anfing, ihr tröstend über die Haare zu streichen, zuckte sie zusammen. Nein, sie hatte absolut keine Ahnung, wer diese Leute waren, die aus dem Nichts auftauchten und aussahen, als kämen sie von einem anderen Planeten. In unserer Welt gibt es so etwas nicht. Emma kamen die Worte, die ihre neuen Freunde immer wieder sagten, plötzlich gewichtiger vor, als sie immer angenommen hatte. Genau genommen war sie diejenige gewesen, die jedes Mal von einem rückständigen Land ausgegangen war, obwohl Sol das so nie erwähnt hatte. Grundgütiger, sie wurde verrückt, anders konnte sie sich ihre wirren Gedanken nicht erklären. Möglicherweise hatten ihre Augen ihr nur eine Täuschung vorgespielt? Vielleicht sah Solvins Wunde noch genauso aus, wie während ihres Versuchs, die Kugel aus ihm hinauszubekommen? Aber Emma hörte die Schüsse, die inzwischen seltener geworden waren, und die Kampfgeräusche deutlich aus der Dunkelheit. Sie bildete sich nichts ein, ihr blonder Spinner würde nicht in der Lage sein, zu kämpfen, wenn er noch schwer verletzt wäre.
   Vor kurzer Zeit führte sie noch ein ganz normales, langweiliges Leben und nun befand sie sich inmitten einer surrealen Situation, die sie zu Tode ängstigte. Der beißende Gestank von Schießpulver breitete sich allmählich in der alten Station aus und überlagerte den vormals muffigen, abgestandenen Geruch. Nichts zu sehen trug nicht gerade zu einer Besserung ihres Wohlbefindens bei. Emma war noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, Schießereien kannte sie lediglich aus dem Fernsehen. Was gerade geschah, brachte sie an die Grenzen ihres Verstandes. Sie würde hier unten sterben, fern ihres gewohnten Lebens, ihrer Liebsten und allem, was sie kannte. Sie alle würden draufgehen. Sol würde sterben. Ungewollt entfuhr ihr ein schmerzerfülltes Schluchzen, während ihr Körper unter dem plötzlich über sie hereinbrechenden Heulkrampf erbebte.
   »Ihnen und uns wird nichts geschehen, das verspreche ich dir«, sagte Sasha leise, während sie liebevoll über ihren Rücken strich.
   Emma wollte etwas erwidern, die Furcht schnürte jedoch ihre Kehle zu. Wie konnte Sasha sich derart sicher sein, dass alles gut ausging? Nicht der geringste Zweifel, keine Spur von Furcht war aus ihrer Stimme zu hören. Als wäre das völlig normal für sie, als würden sie ständig solche Dinge erleben.
   »Es hat aufgehört.«
   Emma hob den Kopf und wischte sich mit einer fahrigen Bewegung die Tränen von ihren Wangen, während sie in die Finsternis horchte. Tatsächlich, der Beschuss hatte aufgehört. Mit einem Mal begann ihr Herz, wie wild zu rasen, was würde nun geschehen? Sie hörte deutlich die Schritte, die sich ihnen rasch näherten, das Geräusch der schweren Stiefel klang unheimlich in der jetzt bedrückenden Stille. Ängstlich klammerte sie sich an Sasha fest, die nicht aufhörte, ihr tröstende Worte zuzuflüstern. Würde sie sich gleich dem Lauf einer Waffe gegenübersehen?
   »Emma!«
   Bevor sie realisieren konnte, dass Solvin zurück war, flog sie bereits durch die Luft, direkt in seine Arme. Hatte er sie gerade wirklich hochgerissen, als wöge sie nichts?
   »Alles ist gut«, flüsterte er, während sie in seiner Umarmung versank.
   Die Anspannung der letzten Minuten forderte ihren Tribut und kraftlos ließ sie sich gegen seine Brust sinken. Seltsamerweise beruhigte sie seine Nähe und seine Berührung.
   »Ich dachte, wir hätten hier nichts vor Alasars Schergen zu fürchten«, nuschelte Sasha an Darius’ Brust, der sie wohl ebenfalls innig an sich presste.
   »Das waren keine Wächter. Es waren Kämpfer aus dieser Welt, mit Waffen, die uns fremd sind«, erwiderte dieser.
   Da war es wieder. Aus dieser Welt. Emma wollte all das nicht mehr hören, sie hatte für heute genug Abenteuer erlebt. Ein wenig gestand sie sich ein, dass sich Solvin großartig anfühlte und dass er fantastisch roch, trotz der Verletzung und der verschwitzen Haut, brachte er ihre Sinne noch mehr durcheinander. Sie wollte nichts mehr denken müssen, über andere Welten und Bräuche, sie wollte nur dieses Gefühl der tiefsten Zufriedenheit und Geborgenheit genießen.
   »Bitte weine nicht«, sagte er sanft und seine rauen Finger wischten liebevoll ihre Tränen fort.
   »Ich dachte …, ich …« Das Sprechen fiel ihr schwer, vergeblich kämpfte sie gegen den gigantisch scheinenden Kloß in ihrem Hals an.
   »Niemand wird dir je Leid antun, solange ich bei dir bin«, flüsterte er an ihrem Ohr.
   Urplötzlich erfasste sie ein unbestimmtes Prickeln, gefolgt von einer Gänsehaut. Ihre Finger suchten die seinen und sie schob sie einfach zwischen seine, bevor sie sich fragen konnte, was zur Hölle sie da tat. Sie sehnte sich auf einmal so sehr nach seiner Nähe, seiner Berührung, dass sie sich unwillkürlich enger an ihn schmiegte. Noch merkwürdiger war, dass sie ihm ohne Vorbehalte glaubte. An seiner Seite fühlte sie sich tatsächlich sicher.
   »Emma …«
   Solvin vergrub sein Gesicht an ihrem Hals und ihr war es, als wurde auch er von einem Schaudern erfasst. Ganz kurz nur, doch sie konnte sich auch irren, ihre Sinne spielten ohnehin verrückt in dieser verrückten Situation. Vielleicht war es das viele Adrenalin, das noch durch ihren Körper rauschte, vielleicht auch nur ihre gefährliche Lage. Emma konnte es nicht sagen, doch sie hob langsam den Kopf von seiner Brust. Auch wenn sie ihn nicht sehen und somit nicht in seinem Gesicht lesen konnte, suchten ihre Lippen den Trost von seinen. Sie brauchte diesen Trost jetzt mehr, als alles andere. Zuerst versteifte er sich, doch dann spürte sie seinen heißen Atem, der sich mit ihrem vermischte, als er sich quälend langsam zu ihr beugte und näher kam und ihren Puls zu Höchstleistungen antrieb.
   »Wenn ich in Zukunft noch einmal von dir hören muss, ich solle mir besser ein Zimmer nehmen, dann schneide ich dir höchstpersönlich dein Haar ab, Schönling«, unterbrach Darius’ belustigt klingende Stimme diesen kostbaren Augenblick.
   Sofort zuckte Solvin, ließ Emma los und mit dem schrecklichen Gefühl einer unfassbar großen Leere zurück, die sich nach und nach in ihr ausbreitete. Verstört legte sie die Arme um sich und kam sich auf einmal verloren vor. Unnötigerweise wurde es ausgerechnet dann hell, denn Sasha holte diesen Stein wieder hervor. Emma wollte nicht, dass Solvin sie in diesem Zustand sah, sie war viel zu verwirrt und durcheinander.
   »Es tut mir so leid«, sagte Sasha zerknirscht und warf ihrem schmunzelnden Kerl einen bösen Blick zu. »Einige Manieren muss man ihnen erst noch beibringen.«
   Dies zauberte ein kleines Lächeln in Emmas Gesicht und sie atmete tief durch. Das Wichtigste war, dass sie endlich hier rauskamen, sobald sie das hinter sich gelassen hatten, würde sie sicherlich auch wieder klar denken können.
   »Ist es sicher?«, fragte Sasha Darius leise, doch Emma verstand es trotzdem. Wieder wurde sie von einer Gänsehaut erfasst, dieses Mal jedoch nicht im positiven Sinn. Also war sich Sasha auch nicht sicher gewesen, ob sie hier heil rauskämen, wenn sie ihren Mann so etwas fragte?
   »Wir haben alle vernichtet«, antwortete der etwas Angst einflößende Anführer.
   »Vernichtet?« Emma schluckte schwer.
   »Natürlich!« Darius sah sie an, als wüsste er nicht, was falsch an seinen Worten war.
   »Sie sind …« Emma rang nach Atem, sie brachte das Wort nicht über die Lippen.
   »Wenn wir sie nicht getötet hätten, dann hätten sie uns umgebracht«, sagte Solvin behutsam, der hinter sie getreten war. »Es tut mir leid, meine kleine Elfe, aber im Krieg heißt es sie oder wir.«
   »Krieg?« Erschrocken drehte sie sich zu ihm um und sah ihm direkt in seine babyblauen Augen, was ein großer Fehler war. Sofort meldete sich ihr Magen zu Wort, wie jedes Mal, wenn er sie so intensiv ansah. »Wir … wir befinden uns doch nicht im Krieg?«
   »Ihr nicht, aber wir«, erwiderte er lächelnd, während er über ihren Arm strich. Seine Berührung erreichte ihren Zweck, sie beruhigte sich allmählich. Dennoch hatte sie die erneute Unterscheidung nicht überhört. Aber wir. Er hatte ihr Antworten versprochen, sobald sie wieder im Hotel zurück waren. Sie konnte es plötzlich kaum noch erwarten, zu hören, was er zu sagen hatte.
   »Lasst uns zurückkehren, bevor noch mehr schwarze Männer kommen«, wies Darius sie schließlich an und ging mit Sasha im Arm voraus.
   Emma schloss sich den beiden mit Solvin an, Talin bildete den Abschluss. Von was für schwarzen Männern redete er da? Dann sah sie es. Sobald sie tiefer in den Tunnel hineingingen und die Gleise passierten, schnürte der gespenstische Anblick ihr erneut die Kehle zu. Teilweise bizarr verkrümmt lagen gut ein Dutzend schwarz gekleidete und vermummte Männer in ihrem eigenen Blut quer über den Schienen und auf dem Bahnhof. Die vormals auf Emma so einladend wirkenden Kacheln der Wände sahen aus, als hätte sich die Metrostation in einen Schlachthof verwandelt. Überall waren sie von Blutspritzern überzogen, langsam sickerten einzelne Rinnsale gemächlich zu Boden, wo sie sich in Lachen sammelten. Ihr Blick glitt zu den Männern nach vorn, die im Gegensatz zu ihr nicht stehen geblieben waren. Erst jetzt sah sie die dunkelrot schimmernden Schwerter, die sie noch in den Händen hielten.
   »Emma, komm«, versuchte Solvin, sie zur Eile einzutreiben.
   Sie war jedoch nicht in der Lage, sich zu bewegen. Zu surreal war dieses Bild, das im diffusen Licht von Sashas Leuchtstein wirkte wie ein Gemälde, auf dem jemand den Tatort einer CSI-Folge festzuhalten versucht hatte.
   »Bitte sieh nicht hin«, versuchte Sol es erneut.
   »Wie kann ich denn nicht hinsehen? Sie liegen überall!«, erwiderte sie. Großer Gott, sie befand sich in der Hand von durchgeknallten Massenmördern.
   »Nicht wir haben angegriffen«, sagte er hörbar zerknirscht.
   Emma holte tief Luft. Da hatte er allerdings nicht unrecht. Es waren diese Männer gewesen, die ohne Vorwarnung auf sie zu schießen begonnen hatten, die nun in ihrem Blut lagen und mit gebrochenem Blick an die alte, vergilbte Decke starrten. Weil sie mit Schwertern hingerichtet wurden. Grundgütiger, egal, wie oft sie es zu begreifen versuchte, das war zu verrückt, um wahr zu sein. In was war sie da nur hineingeraten?
   »Komm«, blieb Solvin hartnäckig und fasste sie erneut an der Hand.
   »Moment, ihr habt zu dritt all diese Männer … erledigt?« Ungläubig sah sie zu ihm auf.
   »Natürlich.«
   Emma schnaubte, da war sie wieder, diese seltsame Überheblichkeit, wenn es um Dinge ging, die ihrer Ansicht nach nicht möglich waren. Für Solvin und seine Freunde anscheinend jedoch kein Problem darstellten. Auf einmal bemerkte sie den leicht metallischen Geruch, der sich in ihre Nase drängte, und musste würgen. Wenn sie nicht schleunigst von hier verschwand, würde sie sich womöglich über die Überreste der Angreifer übergeben müssen. Ihr Blick blieb an dem von ihr am nächsten gelegenen Körper hängen und sie stutzte. »Warum sind sie angezogen wie Ninjas?«
   »Wie was?«
   »Ninjas?«
   »Das sagtest du schon«, erwiderte Sol verlegen, da bemerkte sie, dass er wieder einmal keine Ahnung hatte, wovon sie sprach.
   »Ich nahm an, dass wir von Soldaten angegriffen wurden, das ist aber nicht die typische Kampfbekleidung der Army, SEALS oder wie auch immer. Ich habe früher alle Michael Dudikoff Filme verschlungen, und genauso sehen diese Typen aus.«
   »Das ist befremdlich.«
   »Dass sie nicht zuzuordnen sind?«
   »Nein, dass es bei euch Filme gibt, in denen es ums Töten geht.«
   »Du hast ja keine Ahnung.«
   »Gibt es ein Problem?« Darius, Talin und Sasha kamen zurück und stellten sich neben sie.
   »Emma ist aufgefallen, dass diese Männer nicht die gängige Kampfbekleidung der hiesigen Soldaten tragen.«
   »Das ist interessant.« Darius rieb sich das Kinn und starrte auf den Leichnam neben sich hinab. »Einer von ihnen hat mir vorhin ein Wort entgegengespien, das ich nicht verstanden habe, bevor meine Klinge seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Ich habe mich schon gefragt, was es bedeuten mag, denn Emmas Sprache verstehen wir offenbar problemlos.«
   »Hast du dir das Wort gemerkt?«
   »Porcule.«
   »Moment, das haben wir gleich.« Emma zückte ihr Smartphone, um den Begriff zu googeln und ignorierte dabei Solvins entrüstetes Schnauben. Sie hatte keine Ahnung, warum, doch das tat er jedes Mal, wenn sie etwas im Internet nachsah. »Verdammt, ich habe hier unten kein Netz.« Enttäuscht blickte sie von ihrem Handy auf, direkt in vier fragende Gesichter. »Äh, kein Empfang? Nein? Also gut, der Service funktioniert so tief unter der Erde nicht, ich kann es erst abrufen, wenn wir zurück an der Oberfläche sind.«
   Die vier erschienen ihr immer mehr wie Wesen aus einer anderen Welt. Selbst in den entlegensten Gebieten hatte die Technik Einzug gehalten. Solvin und seine Freunde kamen ihr jedoch vor, als hätten sie ihr Leben in einer Höhle verbracht und wurden jetzt in eine grelle, laute und hektische Welt geworfen. Völlig hilflos und überfordert.
   »Dann lasst uns endlich gehen«, merkte Sasha an und die Gruppe setzte sich in Bewegung.
   Sowie Solvin sie aus dem Schacht auf den Parkplatz hob, sog Emma tief die frische Luft in ihre Lungen. Sie hatte nicht gewusst, wie sehr sie ihr fehlte, bis sie erleichtert den Sauerstoff inhalierte, ohne den modrigen und abgestandenen Beigeschmack. »O Gott, ist das herrlich.« Die Nachtluft belebte sie und schenkte ihr neue Energie.
   »Spricht der Service nun mit dir?«
   Emma zuckte bei Darius’ tiefer Stimme zusammen. Dass er sich auch immer so anschleichen musste. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Talin das Absperrgitter zu den Lichtschächten wieder sicher anbrachte, während sie erleichtert feststellte, dass der Empfang nun bestens war. »Mist.«
   »Stimmt etwas nicht?«, fragte Solvin besorgt.
   »Ich habe wohl drei Anrufe von Buchhandlungen verpasst, bei denen ich mich beworben hatte. Das ist so peinlich.«
   »In Ordnung.«
   Sie sah ihn kopfschüttelnd an, ersparte sich jedoch jegliche Erwiderung und konzentrierte sich auf ihr Handy. »Also das ist interessant«, murmelte sie, nachdem sie den gesuchten Begriff nachschlug.
   »Was?«
   »Porcule, das ist rumänisch und es heißt – oh.« Verlegen sah sie zu den Männern auf.
   »Oh?« Solvin zog die Stirn kraus.
   »Wieso sollte er mir im Eifer des Gefechtes ein Oh an den Kopf werfen?« Darius sah sie ebenfalls irritiert an.
   »Nein, es heißt nicht Oh. Es steht für ein Schimpfwort. Kein sehr freundliches«, erwiderte sie.
   »Gibt es denn freundliche Schimpfwörter?«
   Emma schnitt Solvin eine Grimasse. »Porcule ist das rumänische Wort für Arschloch.«
   »Das passt schon eher zu dir.« Sol grinste Darius an und fing sich dadurch einen Schlag gegen die Schulter ein.
   »Das alles wird immer seltsamer«, warf Emma ein. »Niemand konnte wissen, dass wir uns in der alten Metro City Hall befinden würden, es sei denn, ihr habt es jemandem erzählt? Nein, das dachte ich mir. Man schießt auf euch, ohne die geringste Warnung und die Angreifer waren quasi inkognito. Normale Soldaten waren es jedenfalls gewiss nicht. Wir wissen, dass zumindest einer von ihnen rumänisch sprach. Was um alles in der Welt wollen rumänische Undercoversoldaten von euch?« Außer nachdenklichen Gesichtern bekam Emma keine Antworten. »Und das hier ist mit Sicherheit auch nicht normal«, ergänzte sie, während sie die Kugel aus ihrer Hosentasche beförderte, die ihr sofort von Solvin abgenommen wurde.
   »Dieses Ding hat in mir gesteckt?«
   »Ja, das war das Projektil, das ich aus dir herausgeholt habe.«
   Solvin inspizierte es von allen Seiten, dann roch er daran und schnaubte angewidert. Er hielt es Darius unter die Nase, der einen derben Fluch von sich gab.
   »Was? Was ist los?« Emma und Sasha sahen die Männer verwirrt an.
   »Die Kugel ist mit einer Substanz gefüllt gewesen, die speziell auf V… uns wirken soll, so rasch und stark, wie sie mich geschwächt hat, erklärt das allerdings einiges.«
   »Jemand in deiner Welt weiß über uns Bescheid, Emma«, sagte Darius und der eisige Tonfall ließ sie erschaudern.
   »Von was redet ihr denn nur? Wer weiß über was Bescheid?« Die Verzweiflung von vorhin überkam sie erneut. Was ging hier vor?
   »Lass uns in das Hotel zurückgehen und du wirst deine Antworten bekommen, das verspreche ich dir. Stelle dich auf eine lange Nacht ein«, sagte Solvin.
   Emma schloss ermattet die Augen. Unter anderen Umständen würde so eine Aussage von einem Kerl wie Sol das Verlockendste sein, das eine Frau zu hören bekäme. Nicht jedoch heute. Nach heute Nacht würde alles anders werden, das wusste sie, als sie die betretenen Blicke der anderen sah. Auf einmal war sie sich nicht mehr sicher, ob sie all das wirklich wissen wollte, was Solvin ihr zu sagen hatte.

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