Wieder zurück in ihrer Welt, stehen die Krieger einer neuen Bedrohung gegenüber: Alasars Jagd auf die Vampire hat begonnen. Dabei bekommen sie unerwartet Hilfe von Caris. Auf jegliche Unterstützung in ihrer finalen Schlacht angewiesen, begeben sie sich auf die Suche nach weiteren Geheimnissen und versteckten Clans im Untergrund. Inmitten des neuen Chaos muss Talin erkennen, dass ihn mit Caris mehr verbindet als nur der Wunsch nach Alasars Vernichtung. Der Schmerz um ihrer beider Verlust bildet ein besonderes Band, das er nicht länger verleugnen kann.

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ISBN: 978-9963-53-810-2

Seiten: 309

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Carmen Gerstenberger

Carmen Gerstenberger
Carmen Gerstenberger, 1977 in Esslingen am Neckar geboren, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem kleinen Ort in der Nähe. Die Liebe zu Büchern und Fantasy hat Carmen schon immer begleitet, doch erst 2014 wagte sie sich an ihr erstes Manuskript. Seitdem schreibt sie romantische, lustige oder fantastische Geschichten und hofft, dass sie noch viele weitere erzählen darf.

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Kapitel 1
Eine veränderte Welt

Talin traute der Sache nicht. Seit zwei Tagen befanden sie sich bereits in dem Versteck dieser Caris. Eine Höhle inmitten der zugigen Berglandschaft, die ihrem Clan einst als Unterschlupf diente, wenn die Temperaturen in den eisigen Höhen zu tief sanken. Bevor sie alle auf Alasars Befehl hin abgeschlachtet worden waren. Dennoch stank es ihm, dass sie einer Fremden vorbehaltlos gefolgt waren. Seit seine Brüder derart widerlich verliebt waren, schienen ihre Gehirne ohnehin nicht mehr zu funktionieren. Darius hatte nach ihrer Ankunft kurzerhand beschlossen, dass sie bei ihr sicher wären, doch wie konnte er das wissen? Keiner von ihnen kannte sie, und niemand konnte sagen, ob sie nicht doch in eine Falle gelockt würden. Sol, die Nervensäge, hatte daraufhin argumentiert, dass sie sich in New York schließlich auch Emma angeschlossen hatten, ohne sie zu kennen. Also hatte Tal brummend nachgegeben. Was jedoch nicht hieß, dass er es gutheißen musste. Aber ihn fragte ja keiner.
   Bei dem Gedanken an New York schüttelte es ihn. Er war noch nie in seinem langen Leben derart froh über etwas gewesen, wie aus diesem irren Moloch endlich wieder herauszukommen. All die verteufelte Technik, unglaublichen Menschenmassen und der schreckliche Lärm. Sobald sie wieder in ihrer Welt angelangt waren, hatte er seine Sinne durch die karge Ödnis streifen lassen, die so lange schon seine Heimat war. Die vollkommene Stille war Balsam für seine durch die Großstadt geschundene Seele gewesen. In vollen Zügen hatte er es genossen, wieder zu Hause zu sein. Für einen Augenblick jedenfalls. Bis diese Caris aufgetaucht war und ihnen jegliche Illusion darüber raubte, dass sie am Ende ihrer beschwerlichen Reise angekommen waren. Alasar war frei und hatte einen Feldzug der Vernichtung begonnen. Die Situation war schlimmer denn je, niemand war sich seines Lebens mehr sicher. Diesem Umstand hatte Talin es schließlich zu verdanken, dass er seit ihrer Heimkehr in diesem Loch festsaß. Mit zwei liebeskranken Trotteln, ihren geschwätzigen Gefährtinnen und einer Fremden. Die immerhin ebenfalls die Vorteile der Ruhe zu schätzen wusste, da sie nur sprach, wenn Darius ihr wieder eine seiner unzähligen Fragen stellte. Was zu Talins Leidwesen öfter geschah, als ihm lieb war.
   Kopfschüttelnd lehnte er sich an das kalte Gestein der Höhlenwand zurück, an der er in ausreichender Entfernung zu dem Geschnatter saß. Seine Brüder und die Frauen verweilten an dem Lagerfeuer und stellten Theorien auf. Caris dagegen hatte sich ihr Nachtlager ebenfalls in genügendem Abstand zum Rest errichtet. Sie saß an der gegenüberliegenden Felswand ein Stück weiter vorn von ihm auf einer Felldecke und schliff mit einem Stein eines ihrer Messer scharf. Seit zwei Tagen tat sie das. Diese Frau besaß mehr Waffen an ihrem Gürtel als sie alle zusammen.
   »Was starrst du mich so an?«
   Talin zuckte innerlich zusammen. Es war ihm nicht aufgefallen, dass er sie beobachtet hatte, während er über ihre Situation nachgrübelte. Ihre hellen grünen Augen funkelten ihn vorwurfsvoll an.
   »Was ist? Gefällt dir, was du siehst?« Sie legte das Messer in ihren Schoß und zog die Brauen nach oben.
   Talin schnaubte und wandte seinen Blick von ihr ab.
   »Haben sie dir die Zunge herausgeschnitten, oder weshalb sprichst du nie?«
   Um dieser Diskussion zu entgehen, schloss er einfach die Augen. Sie würde schon aufhören, ihm Fragen zu stellen, wenn er sie nur lange genug ignorierte. Das taten sie alle. Außerdem war es nicht wahr, dass er nie sprach. Hin und wieder gab er etwas von sich. Wenn es wichtig war. Meistens war es das jedoch nicht. Er hatte nie verstanden, weshalb sich die anderen kein Beispiel an ihm nahmen. Solvin etwa. Dessen Mundwerk stand quasi nie still.
   Wieder drangen diese widerwärtigen Schmatzgeräusche zu ihm vor. Seine Brüder knutschten ständig herum wie verliebte Teenager. Ein verbittertes Lächeln umspielte Talins Lippen. Auch er war einst so gewesen. Vor langer Zeit, in einem anderen Leben. Sein Geist drängte ihn dazu, freigelassen zu werden, und Tal erlaubte es ihm. Er zog sich in den Rest seiner selbst zurück, in dem seine Welt so war, wie sie hätte sein sollen. Wie er es immer tat, wenn die Einsamkeit und der Schmerz überhandnahmen. Dort erhellte Lahras Lachen die Finsternis, die ihn seit über zweitausend Jahren einhüllte.
   Die Erinnerung an seine einzige Liebe war im Laufe der Zeit verblasst, doch Talin zehrte von dem Wenigen, das ihm noch geblieben war. Wie ihr volles, langes schwarzes Haar sein Gesicht kitzelte, wenn sie sich lachend über ihn beugte, während ihr zarter Duft ihn umschmiegte und ihm das Gefühl schenkte, der glücklichste Mann auf Erden zu sein. Nicht eine Falte war auf ihrem wunderschönen Gesicht auszumachen. Nein. Ihr war nicht gestattet worden, dieses Alter zu erreichen. Sie war ihm vor der Zeit geraubt worden. Verbittert rief er sein liebstes Bild auf. Wie Lahra und er gemeinsam zum ersten Mal Meron in den Armen hielten und glückselig auf das kleine Wunder hinabblickten, das sie erschaffen hatten. Erfüllt von so viel Liebe und Glück, dass es ihn überwältigte. Aber es war keine Erinnerung, denn das war in Wahrheit nie geschehen. Seine geliebte Lahra starb, ohne ihren Sohn auch nur einmal gesehen zu haben. Das winzige Wesen hatte nie die sanfte Umarmung seiner Mutter erfahren, nie die unendliche Liebe spüren dürfen, die sie während der Monate des Erwartens voller Vorfreude empfand. Nach all der Zeit brach es Talins Herz stets aufs Neue, wenn er an seine Familie dachte, die ihm genommen worden war. An sein Versagen, als er es nicht verhindern konnte, dass Lahras Eltern ihm Meron raubten. Sein Kind, in dem ein Teil von Lahra weiterlebte. Es hatte sich angefühlt, als wäre sie zweimal gestorben.
   »Glaube nicht, dass ich Interesse daran hätte, mich mit dir zu unterhalten!«
   Caris’ Worte drangen von weit fern zu ihm hindurch, doch er schob sie von sich. Sie würde ihm nicht seine Gedanken ruinieren. Diese gehörten nur ihm. Seit über zweitausend Jahren bereits.
   »Ich bin es nur leid, mich hier zu verstecken. Deinen Freunden scheint es zu genügen, ihre Pläuschchen am Lagerfeuer zu halten. Deswegen bin ich jedoch nicht hierher zurückgekehrt. Wenn das euer Plan ist, verschwinde ich.«
   Talin brummte genervt. Konnte sie nicht einfach still sein? Warum dachte sie, er wollte an ihren Gedanken teilhaben? Wie sollte er sich da auf Lahra konzentrieren. Immer, wenn diese Caris sprach, verlor er die Verbindung zu seiner geliebten Gefährtin, dabei hatte er es sonst immer geschafft, Solvins oder Darius’ Geplapper auszublenden.
   »Du scheinst mir von allen der Vernünftigste und nicht von irgendwelchen dämlichen Gefühlen geblendet zu sein. Wenn du dich mir anschließen und Alasar den Arsch aufreißen möchtest, gestatte ich es dir.«
   Nun öffnete Talin doch die Lider und sah sie skeptisch an. Die meisten Leute hatten nicht das Bedürfnis, ihn direkt anzusprechen, doch sie lud ihn sogar ein, zu zweit in die Schlacht zu ziehen. Sie war entweder ziemlich arrogant oder komplett verrückt. Letzteres gefiel ihm. »Du und welche Armee?«, fragte er daher, bereute es jedoch im selben Augenblick, sich überhaupt auf ein Gespräch eingelassen zu haben. Das war nicht seine Art. Der Wahnsinn hatte wohl bereits zu lange an ihm genagt.
   »Es spricht. Sieh an.« Erneut funkelte sie ihn herausfordernd an. »Die Armee, die wir zusammenstellen werden. Die Männer und Frauen, die wir finden werden. Die Vampire, die bereit sind, ihr Leben zu geben, um diesen Tyrannen endgültig zu stürzen.«
   Talin sah sie weiterhin ungerührt an. Der Plan hörte sich nicht so idiotisch an wie die seiner Brüder bisher.
   »Alles ist besser, als wertvolle Zeit in dieser scheiß Höhle zu vergeuden.«
   An ihrer Ausdrucksweise könnte sie etwas feilen, dennoch hatte sie recht. Was sie hier taten, war tatsächlich Zeit absitzen, die sie anderweitig besser nutzen konnten. »Und was schwebt dir vor?« Er hätte einfach nur wieder die Augen schließen müssen und sich seinen Gedanken erneut hingeben können. Stattdessen hörte er sich ihren Plan an. Und dieser klang tatsächlich brauchbar.
   »Also, was denkst du?«, fragte sie einige Minuten später. »Nicht, dass mich deine Meinung in irgendeiner Form von meinem Vorhaben abhalten würde.«
   Talin musterte sie, während er versuchte, nachzudenken. Es wollte ihm nicht gelingen, da Lahra nach wie vor seinen Kopf beherrschte. Wortlos stand er auf, schnappte sich Darius’ Armbrust, die an der Höhlenwand anlehnte, und stapfte an Caris vorbei.
   »Wohin gehst du?«
   Sie klang erstaunt. Fein. Er war niemandem Rechenschaft schuldig. »Jagen«, antwortete er dennoch. Tatsächlich war Solvin an der Reihe, ihnen Essen zu beschaffen, doch er musste nicht erst zum Feuer blicken, um zu sehen, womit die Nervensäge beschäftigt war. Oder mit wem. Talin musste wieder klar denken, und wo konnte er besser Ablenkung finden als in der rauen Natur, die ihm so ähnlich war. Sie hatte überlebt, doch zu welchem Preis?
   »Gut, ich komme mit.« Ungefragt griff sich die Frau ihren Dolch, schob ihn rasch zu den anderen an ihren Gürtel, sprang auf und folgte ihm einfach.
   Er verzog den Mund, ging jedoch ungerührt weiter. Vor zwei Tagen hatte er seine Brüder noch dafür belächelt, dass sie geschwätzige Begleiterinnen hatten. Nun hatte er selbst eine an den Fersen heften. Er sparte sich jegliche Antwort, da er sie als hartnäckig einschätzte. Und nervige Auseinandersetzungen waren momentan das Letzte, worauf er Lust hatte. Sollte sie ihm doch folgen, sie würde schon noch herausfinden, dass er keine gute Gesellschaft abgab.
   »Der blonde Redselige nennt dich immer Sonnenschein. Mir scheint, er erlaubt sich einen Spaß?«
   »Mhm.«
   »Dachte ich mir.«
   Auf der Ausgangsplattform der Höhle angekommen, fuhr ihnen der Wind so unbarmherzig ins Gesicht, dass Talins Haut umgehend zu prickeln begann. Der Schmerz war ein Geschenk, denn er erinnerte ihn daran, dass er noch am Leben war. Sein Blick glitt zu dem kargen Gestein hinunter, das den schmalen Pfad bildete, der von der Plattform abging. So weit oben war die Gefahr, von Alasars Wächtern gefunden zu werden zwar gering, doch gab es kaum Tiere, die in dieser unwirtschaftlichen Gegend heimisch waren. Talin hatte andere Probleme, als sich mit der Fremden zu unterhalten. Sie konnten sich nicht ewig hier verkriechen. Irgendwann würden sie nichts mehr zu essen haben, geschweige denn Blutnachschub. Zumindest Letzteres hatte noch etwas Zeit. Talin hasste diesen Teil seines Wesens, denn dafür musste er den Menschen näherkommen, als ihm lieb war.
   Bedächtig sah er in den diesigen Himmel, der nahezu gänzlich von den grauen Wolken verschluckt wurde. Über ihnen erwartete sie das Ungewisse, aber vielleicht auch etwas Essbares. Die unteren Bereiche hatten sie in den letzten beiden Tagen zur Genüge abgesucht und so gut wie nichts gefunden. Allerdings gab es keinen Weg hinauf. Nur die schroffe Felswand, an deren winzigen Vorsprüngen er sich würde hinaufziehen müssen. Es war ein halsbrecherisches Vorhaben, man musste irre sein, um das zu wagen. Geradezu perfekt für ihn also.
   »Wir werden nicht über den Plan sprechen, richtig?«
   Talin sah sie nicht an, während sich seine Finger sicher in das Gestein gruben. »Ich bin für das Jagen zuständig, nicht fürs Reden.« Damit war die Sache für ihn erledigt. Geschmeidig stieß er sich von der Plattform ab und hangelte sich den Felsen hinauf.
   »Schön. Dann jagen wir eben.«
   Irritiert hielt er inne und sah über seine Schulter hinab. Diese Frau kletterte tatsächlich hinter ihm hoch. Der Wind fuhr ihm durch sämtliche Glieder, während er an Caris vorbei in den Abgrund sah. Sollten sie abstürzen, würden sie ins Bodenlose fallen. Sie waren so weit oben, dass selbst ein Vampir den Sturz nicht überstehen würde. Dennoch schien sie das nicht abzuhalten. Sie war definitiv verrückt.

Kapitel 2
Auf ein Neues

Ihre Ausbeute war nicht überragend, doch immerhin hatten sie einige Hasen erwischt, die Talin, an den Hinterpfoten zusammengebunden, über der Schulter trug. Dass sie ausreichend Nahrung gefunden hatten, war jedoch nicht allein sein Verdienst gewesen, wie er sich zähneknirschend eingestand. Die Fremde hatte sich als größere Hilfe herausgestellt, als er angenommen hatte. Sie war es gewesen, die die winzigen Spuren der Pfoten im staubigen Boden fand, während er wie immer seinen Instinkten folgte. Am Ende hatte jeder von ihnen zwei Tiere erlegt. Zum ersten Mal seit zwei Tagen würden ihre Mägen keinen großen Hunger leiden müssen. Die Männer hatten bisher den Menschenfrauen den Vorzug gelassen. Und Caris. Diese schien im Gegensatz zu den meisten Frauen, die Tal kannte, nicht zimperlich zu sein. Eine Eigenschaft, die er an ihr schätzte.
   Tal schüttelte den Kopf, während sie zurück in die Höhle gingen. Er kannte diese Frau nicht, weshalb hegte er derart merkwürdige Gedanken? Der Ausflug in windige Höhen hatte ihn trotz seiner Stärke etwas ausgekühlt. Sie würden sich ans Lagerfeuer setzen müssen, was jedoch auch bedeutete, in irgendwelche Gespräche involviert zu werden, an denen er ohnehin kein Interesse hatte. Der Tag konnte kaum besser werden.
   »Häschen, da bist du ja! Wieso meldest du dich nie ab, wenn du einfach so verschwindest?« Vorwurfsvoll schauend kam Solvin ihm entgegengelaufen. Anschließend fiel sein Blick auf die toten Tiere und er riss die Augen auf. »Ausgerechnet!« Er seufzte, legte einen Arm um Talin und Caris und schob sie zu den anderen. »Nun kommt und wärmt euch auf, ihr seid ja völlig durchgefroren.«
   Eine gute Stunde später saßen sie alle um das wärmende Feuer beisammen und aßen das gebratene Fleisch. Auch beim Zubereiten der Tiere hatte Talin ungefragt Hilfe von Caris bekommen, die ihm wortlos beim Ausweiden unter die Arme gegriffen hatte. Wobei sie keine Miene verzog. Talin wusste, dass es das Leben war, das sie abgehärtet hatte. Niemand, der behütet aufwuchs, kannte sich in der Kampfkunst, im Jagen und im Überleben derart aus. Nur wer gezwungen war, entschied sich für den steinigen Weg. Und in ihrer Welt war jeder Vampir, der sich vor Alasars Schergen versteckte, dazu gezwungen. Jeder weitere Atemzug war ein Triumph über das Böse. Nachdenklich sah er auf den Boden, während er aß und zwangsweise der Unterhaltung der anderen lauschte.
   »Wir müssen einen Weg finden, Kontakt zu Ylaria und Teo zu bekommen«, sagte Darius.
   »Ist es denn überhaupt sicher, dass sie festgehalten werden?«, warf Sasha ein.
   »Ich traue diesem hinterlistigen Weibsbild nicht unbedingt, doch ich denke, dass sie nach allem, was war, niemals gemeinsame Sache mit Alasar machen würden«, sagte Solvin.
   »Ist es in eurer Welt eigentlich überall so furchtbar kalt?« Emma rieb sich fröstelnd die Oberarme. Caris hatte ihnen alle Felle zur Verfügung gestellt, die sie aus ihrem alten Lager auftreiben konnte, dennoch zog es in diesem Loch furchtbar, sodass die Menschenfrauen ständig froren.
   »Wir müssen uns irgendwie Zugang zum Sanctuarium beschaffen«, sagte Darius.
   »Und dem Feind in die Arme laufen?« Solvin sah ihn bestürzt an.
   »Hast du eine bessere Idee? In dieser Höhle Zeit absitzen, macht unsere Lage nicht besser.«
   »Caris hat einen Plan«, sagte Talin, während er weiterhin ungerührt auf den kargen Boden blickte.
   »Ihr habt euch unterhalten?«, fragte Solvin hörbar überrascht.
   »Ist das verboten?«, erwiderte Talin mürrisch.
   »Selbstverständlich nicht, mein Häschen. Es ist nur so … gänzlich untypisch für dich.«
   »Mhm.« Frustriert warf Talin seinen abgenagten Knochen zu den anderen auf den Haufen, den sie später entsorgen würden. Er bezweifelte zwar, dass es hier irgendwelche Schädlinge gab, die ihnen lästig werden konnten, dank des Virus wusste jedoch keiner, auf was für sonderbare Lebensformen sie als Nächstes treffen konnten. Sein Magen knurrte unangenehm. Tal hatte noch Hunger, das bisschen Fleisch war gerade für den hohlen Zahn gewesen. Definitiv mussten sie von hier fort.
   »Nun denn, möchtest du uns nicht mitteilen, welchen Plan die wortkarge rothaarige Schönheit hat?« Dafür kassierte Solvin einen Seitenhieb von Sasha, die ihn grimmig ansah und dann zu Emma nickte. »Autsch, wofür war das denn nun schon wieder?« Er rieb sich den Oberarm und sah verlegen zu Emma. »Meine kleine Elfe, selbstverständlich bist du die Einzige für mich, bitte verzeih meine Gedankenlosigkeit.«
   »Du bist so ein Spinner«, erwiderte Emma lachend. »Wenn eine Frau toll aussieht, darf man das doch sagen, ich sehe darin kein Problem. Solange deine Lippen nur für mich gedacht sind, kann ich mit allem leben.« Sie schmiegte sich an Solvin, und Talin verdrehte die Augen. Ging das schon wieder los.
   »Sie kann selbst sprechen«, erwiderte er knapp, woraufhin sich die Köpfe sämtlicher Anwesenden neugierig zu Caris drehten.
   »Wir verlassen diesen unsäglichen Ort und stellen unsere eigene Armee gegen Alasar auf«, sagte sie schließlich ohne Umschweife.
   Es gefiel ihm, dass sie sich kurzfasste.
   »Das klingt … dramatisch«, sagte Emma nach einer kurzen Pause, in der keiner etwas erwiderte.
   »Das hört sich abenteuerlich an«, pflichtete Solvin ihr bei.
   »Das ist idiotisch. Wie sollen wir das denn bewerkstelligen?« Darius schüttelte scheinbar genervt den Kopf. »Wir sechs gegen Alasars telepathische Übermacht?«
   »Vielleicht lässt du Caris einfach ausreden, dann könnte sie ihre Idee erklären?« Sasha lächelte ihren Gefährten liebevoll an, während sie die Hände wohl unbewusst über ihren noch flachen Bauch legte.
   Caris sah einen nach dem anderen ungerührt an, bis ihr Blick bei Talin hängen blieb. Sie musterte ihn, als wartete sie auf einen Einwand seinerseits. Er hatte jedoch keinen. Alles war besser als dieser nervige Stillstand. Tal hasste es, nichts zu tun. Wenn sein Geist Zeit zur Ruhe bekam, überflutete dieser seinen Verstand mit Erinnerungen, in denen er jedes Mal aufs Neue zu ertrinken drohte. »Hört sie euch an«, sagte er daher knapp und erntete dafür erstaunte Blicke seiner Brüder.
   »Gut. So sprich, Caris vom Clan aus den Bergen. Wir werden dich anhören.« Darius verschränkte die Arme vor der Brust und hob das Kinn erwartungsvoll.
   »Während eurer Abwesenheit hat Alasar eine beispiellose Jagd auf unsere Art eröffnet, wie ihr wisst. Was ich euch jedoch bisher nicht mitgeteilt habe, ist, dass es noch Hoffnung gibt. Trotz der Jahrhunderte, in denen wir uns verbergen mussten, in denen wir Tag für Tag erbarmungslos abgeschlachtet wurden und noch werden, gibt es einzelne Gruppierungen, die bereit sind, ihr Leben zu geben, um unsere Welt von diesem Tyrannen zu befreien.« Selbstsicher blickte sie jedem in die Augen, während sie sprach.
   »Alasar zu vernichten, ist seit Hunderten von Jahren der Wunsch jedes Vampirs. Niemand hat es jedoch bisher geschafft, der Bastard ist zu mächtig.« Darius ballte die Hände zu Fäusten, und die Wut war deutlich aus seiner Stimme herauszuhören.
   Talin wusste, dass sich sein Bruder wünschte, nicht an das Versprechen an Ylaria gebunden gewesen zu sein. Darius hätte Alasar in den Katakomben unter dem Schlachtfeld töten können.
   »Nun haben wir aber eine reelle Chance.«
   »Ich höre.«
   »Soweit ich das mitbekommen habe, besitzt du eine Fähigkeit, die uns vor dem gefürchteten, unwürdigen Tod durch die Henker schützt. Ich habe aus euren Erzählungen der letzten Tage vernommen, dass ihr Wanderer seid wie einst unsere Vorfahren. Die Welt, aus der ihr zurückgekehrt seid, hat euch das Heilige Buch geschenkt, von dem unsere Art all die Zeit annahm, es wäre nur eine Legende. Ihr spracht von einer Lösung, einem Mittel, das es allen ermöglicht, die Immunität eures Anführers, also dir, zu erlangen.«
   »Richtig. Dafür müssen wir jedoch in das Sanctuarium gelangen und ein weiteres Buch finden. Ohne das bleibt uns die Erschaffung des Wirkstoffes verwehrt.«
   »Gut. Lasst uns bei Tagesanbruch aufbrechen.« Caris erhob sich, um zu ihrem Ruheplatz zu gehen.
   »Augenblick.« Darius sah ihr irritiert hinterher. »Wie denkst du dir das?«
   »Wie ich bereits sagte. Wir stellen uns eine Armee zusammen, die dir bei deinem Vorhaben helfen wird.«
   »Selbst wenn ich auf die Telepathie der Wächter nicht reagiere, bedeutet das noch lange nicht, dass ich einfach zur Vordertür ins Sanctuarium hineinspazieren kann.«
   »Natürlich nicht. Wir werden den Zugang nehmen, der von der Kanalisation aus ins Innere führt.«
   »Wie kannst du wissen, wo er sich befindet, wenn es selbst mir trotz eingehender Suche nicht gelungen ist, den Geheimgang zu finden?« Darius stand nun ebenfalls auf und ging unstet im Kreis umher.
   »Geschick und Können.« Herausfordernd funkelten ihre hellen Augen ihn an.
   »Aber …«
   »Nun, vielleicht könnten wir uns alle wieder setzen und in Ruhe an dem Ansatz weitermachen, den Caris uns gegeben hat. Wofür wir ihr überaus dankbar sind.« Solvin versuchte, Darius dazu zu bewegen, sich wieder hinzusetzen, doch die Nachricht, dass es den von ihm lang gesuchten unterirdischen Zugang zum Sanctuarium tatsächlich gab, schien den Großen ein wenig aufzuwühlen. »Bei den Heiligen, wie kann man nur so ein sturer Esel sein?« Mit vollem Körpereinsatz drückte sich Solvin gegen Darius, der sich jedoch keinen Millimeter bewegte.
   »Wenn die beiden Trottel ins Feuer fallen, müsst ihr sie auspusten. Es gibt weit und breit kein Löschwasser«, sagte Talin trocken zu Emma und Sasha. Anschließend stand er kopfschüttelnd auf, um sich ebenfalls an seinen Ruheplatz zu begeben, der sich weit weg von diesen Kindsköpfen befand. Leider nicht weit genug. Kurz lauschte er der hitzigen Diskussion, die zwischen Darius und Solvin entstanden war, in der es um Vernunft und Zurückhaltung ging. Tal atmete geräuschvoll aus und lehnte den Kopf an das raue Gestein hinter ihm. Er war erst in der zweiten Hälfte der Nacht als Wache eingeteilt, daher konnte er es sich gestatten, sich erneut seinen Gedanken hinzugeben.
   »Und du bist ernsthaft seit über zweitausend Jahren mit dieser blonden Nervensäge befreundet?«
   Matt sah er zu Caris hinüber. »Mit Unterbrechungen«, antwortete er schließlich brummend.
   »Wie hältst du das nur aus?«
   »Viele Unterbrechungen!«
   »Verstehe.« Sie schwieg einige Sekunden. »Euer Anführer. Darius …«
   »Was?« Ihr alles aus der Nase ziehen zu müssen, nervte. Vermutlich erging es seinen Brüdern mit ihm ähnlich. Zufrieden lächelte er.
   »Er ist es, nicht wahr?«
   »Kommt darauf an.«
   »Er ist der Vampir, den die Statue im Park in Nikanor darstellt, richtig? Er ist der letzte große Kämpfer, der Held, den viele von uns seit Ende des Krieges verehren.«
   »Ist das so?«
   »Es hieß doch, er sei gefallen.«
   »Ein Teil von ihm ist dort auf dem Schlachtfeld gestorben, ja. Aber Alasar hat ihn am Leben gelassen, um ihn zu quälen.«
   »Das sieht diesem Schwein ähnlich.« Hörbar angewidert schnaubte Caris. »Es gibt nicht mehr viele lebende Vampire, die vom Virus selbst gewandelt wurden. Kaum jemand hat die Entstehung des neuen Zeitalters am eigenen Leib miterlebt. Oder es geschafft, über zweitausend Jahre am Leben zu bleiben.«
   Talin verspürte bei der Erwähnung der Anfänge einen schmerzhaften Stich in der Brust. Dieses verfluchte Virus. Bei den Heiligen, wie oft hatte er sich in der Vergangenheit gewünscht, es wäre nie geschehen. Er wusste, dass er Lahra dennoch nicht hätte retten können, ihr Tod hatte nichts mit dem Virus zu tun gehabt. Sein ganzes Sein in den letzten Jahrtausenden bestand jedoch aus dem einen Gedanken, ob er Meron ein richtiger Vater hätte sein können. Wenn die Pandemie nie ausgebrochen wäre, wären Lahras Eltern mit seinem Sohn vermutlich niemals in die Sicherheit des Sanctuariums geflüchtet.
   »Ihr seid also Gewandelte? Du und die Nervensäge?«
   In den letzten beiden Tagen hatte sie kaum gesprochen, weshalb wurde sie ausgerechnet jetzt redselig? Brummend nickte er. Sie war ein geborener Vampir, wie die meisten, der heute noch lebenden. Irgendwann in den letzten Tagen hatte sie es erwähnt. Talin und seine Brüder bildeten die berühmte Ausnahme in dieser von Hass regierten Welt.
   »Ich bin dankbar, dass ich den Krieg nicht am eigenen Leib miterleben musste. Die Erzählungen meiner Eltern waren grausam genug. Und doch habe ich durch ein Leben im Untergrund nie eine freie Welt kennenlernen dürfen.«
   »Wie alt bist du?«, fragte er schließlich. Sie würde ohnehin nicht aufhören, zu reden.
   »Dreihundertdrei«, erwiderte sie leise.
   Er nickte. Für seine Verhältnisse war sie noch ein Baby. Wenngleich eines, das die volle Härte ihrer Welt zu spüren bekam. Wie sie alle. »Bist du in den Bergen aufgewachsen?«
   »Dorthin sind meine Eltern mit einigen Freunden geflüchtet, ja. Dort bin ich geboren worden.«
   Wieder nickte er. Talin wusste, dass sich die überlebenden Vampire nach Ende des Krieges in kleinen Clans überall verstreut hatten. Untergetaucht waren. Um irgendwie zu überleben. Und das hatten sie. Sie alle hatten überlebt – irgendwie.
   »Häschen, könnten du und die weibliche Ausgabe von dir uns möglicherweise erneut mit eurer Anwesenheit beehren? Sasha hat etwas im Heiligen Buch gefunden, das es zu erörtern gilt.« Solvin rief nach ihnen und unterbrach Talins trübselige Gedanken.
   »Ich bin ziemlich treffsicher mit der Steinschleuder. Nur ein Schuss und ich könnte ihn in den Tiefschlaf versetzen, dann hätten wir eine Weile Ruhe vor ihm«, sagte Caris, womit sie Tal zum Schmunzeln brachte.
   Langsam rappelte er sich auf. »Komm. Sonst hört er nie auf«, sagte er und stapfte lustlos zu den anderen ans Feuer zurück.
   »Nun schau mich nicht so griesgrämig an. Wenn wir Alasar vernichtet haben, bekommst du noch genügend Zeit, um deiner schlechten Laune zu frönen. Den Rest deines Lebens, um genau zu sein«, sagte Solvin, der Talins Gesichtsausdruck richtig deutete.
   Anstatt einer Antwort brummte Tal lediglich und ließ sich an der Wand gegenüber den anderen nieder. Caris, die ihm wortlos gefolgt war, tat es ihm gleich. Seltsamerweise nahm er ihre Anwesenheit stärker wahr als die der anderen. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Irritiert darüber fragte er sich, ob die rothaarige Fremde nicht doch ein falsches Spiel mit ihnen spielte und seine Instinkte deshalb reagierten.
   »Gut, nun, da wir vollzählig sind, lasst uns mehr über das Heilmittel herausfinden.« Solvin nickte Sasha zu, die angespannt das Buch in den Händen hielt.
   »Ich habe eine Passage gefunden, die uns bei der Suche weiterhelfen könnte«, sagte sie und sah Talin unverwandt an.
   Sie ängstigte sich nicht vor ihm, was ihn wahrhaftig freute, denn er hatte sie in der Kürze ihrer gemeinsamen Zeit lieb gewonnen.
   Emmas Blicke dagegen sprachen deutlich von Furcht. Nun ja. Er war nicht gerade er selbst gewesen in New York.
   »Wanderer. Gesetzt des Falles einer geglückten Rückkehr in unser einst so gelobtes Land, werdet ihr für den Abschluss eurer Suche etwas wissen müssen. Tief in den Eingeweiden unseres einstigen Heims hat das Böse etwas versteckt, das Teil der Vollendung ist. Sie brachten das Ungemach über unsere Welt, die Vernichtung. Allein das Schwarze Buch ist Zeuge ihrer Taten.« Sasha hielt inne und suchte offenbar nach einer anderen Stelle.
   »Das ist uns bereits bekannt.« Solvin sah sie fragend an.
   »Kisha, das ist uns nicht neu, dieses Wissen fanden wir bereits in den Ruinen des Riverside.«
   »Richtig.« Sasha nickte. »Teile der Geschichte wiederholen sich, da sie gegen Ende des Buches von vielen verschiedenen Zeugen und offenbar in großer Hast niedergeschrieben wurden. Dennoch gibt es auch neue Erkenntnisse.«
   »Gut, fahre fort«, sagte Darius lächelnd.
   »Ah, hier.« Sie holte noch einmal Luft. »Wir beten zu den Heiligen, dass es den Rückkehrern gelingen wird, das Mittel in der anderen Welt zu finden, das die Zukunft unserer eigenen zum Guten zu verändern vermag. Sollten jedoch jegliche unserer verzweifelten Bemühungen vergeblich gewesen und es euch nicht gelungen sein, so gibt es dennoch keinen Grund, zu verzagen. Noch ist nichts verloren. Es scheint unmöglich, doch dachten wir das einst auch über Weltenwechsel. Der Glaube und die Hoffnung an eine veränderte Zukunft haben die unseren so weit gebracht. Sie werden auch euch die Kraft geben, das Unmögliche zu vollbringen und zu vollenden, weshalb ihr einst aufbracht.
   Das Ende eurer Reise wird euch in die Hallen der Macht führen. Das Sanctuarium birgt ein wichtiges Geheimnis. Die Oberen verbrachten ganze Dekaden mit ihren Versuchsreihen an den unseren. Findet einen unserer Art, der immun gegen die Henker ist, so rar sie auch sein mögen. Sein Blut ist der Schlüssel. Meine Gebete begleiten euch, dass es noch nicht zu spät ist. Das Blut der Immunen, übertragen auf den Rest unserer Brüder und Schwestern, ermöglicht uns nach all den Jahrhunderten eine wahrhaftige Chance, zu bestehen. Diesen sinnlosen Krieg zu beenden und eine neue, eine bessere Zukunft zu formen. Für uns. Für unsere Nachkommen, deren Sein nach Tausenden von Jahren von Hoffnung geprägt sein wird. Findet das Schwarze Buch der Oberen in den Tiefen des Sanctuariums und ihr werdet die Formel der wichtigsten aller Verbindungen finden. Sollte es keine Immunen mehr geben, dann, bei den Heiligen, sind wir dem Untergang geweiht.«
   Der Schrieb endete offenbar, denn Sasha las nicht mehr. Allein das Prasseln des Feuers war zu vernehmen, während ein jeder seinen eigenen Gedanken nachhing.
   »Nun, dank unseres mürrischen Anführers sind wir glücklicherweise nicht dem Untergang geweiht«, sagte Solvin schließlich.
   »Wenn ich das richtig verstanden habe, sollen wir also ins Sanctuarium eindringen und dort nach einem geheimen Buch der Oberen suchen? Worin stehen soll, wie mein Blut als eine Art Wundermittel alle Vampire immun gegen Alasars Henker macht?«
   »Diese Interpretation wäre auch die meine gewesen«, pflichtete Solvin Darius bei.
   »Aber wie sollen wir ohne jeglichen Anhaltspunkt dieses zweite Buch finden?« Sasha sah ihren Gefährten besorgt an und blätterte anschließend hektisch die letzten verbliebenen Seiten durch.
   »Kommen wir denn überhaupt in dieses Santadingsbums rein? Also bei uns hat nicht jeder mal eben schnell Zutritt zum Weißen Haus, das wird schwer bewacht«, warf Emma ein. Allerdings sahen sie nun alle irritiert an. »In meiner Welt spaziert man nicht durch die Vordertür zur Residenz des Präsidenten hinein, wenn man vorhat, ihn zu beklauen. Oder umzubringen. Ihr ähm, sagtet da vorhin etwas in die Richtung, seht mich nicht so komisch an«, erklärte sie seufzend.
   »Nun, meine kleine Elfe, wir werden uns selbstverständlich im Verborgenen Zugang zum Sanctuarium beschaffen.« Sol deutete auf die Rothaarige. »Caris hat Kenntnis über den geheimen Eingang in der Kanalisation.«
   »Gut, dann brechen wir im Morgengrauen in den Palast ein.« Darius warf Sasha einen aufmunternden Blick zu, doch diese schüttelte den Kopf.
   »Und dann? Wo ist das Buch, Darius? Wenn wir dort sind, sollten wir genau wissen, wo wir suchen müssen. Sonst sind wir leichte Beute für die Wächter.« Ihr Blick flog regelrecht über die Seiten, als hoffte sie, den rettenden Hinweis zu finden.
   »Allerdings. Wir benötigen Verstärkung. Und mehr Wissen.«
   »Deswegen habe ich vor, eine Armee zusammenzustellen«, warf Caris ein.
   »Nun, mit Verlaub, dieses Unterfangen wird kostbare Zeit benötigen, die wir vermutlich nicht haben werden«, sagte Solvin.
   »Ohne erfahrene Kämpfer scheitert jedoch bereits der Versuch«, erwiderte sie.
   »Wir könnten Licas und die Dreptate an unserer Seite gebrauchen«, überlegte Darius laut.
   »Ihr wollt zurück nach New York?« Emma horchte auf.
   »Dazu ist keine Zeit. Wir müssen uns eilen und willige Kämpfer finden, ehe Alasar seinen finalen Vernichtungsfeldzug anführt«, sagte Caris verbittert.
   »Wenn Alasar erfährt, dass wir zurückgekehrt sind, zerstört er vermutlich das Buch, bevor wir es finden können, falls er denn weiß, dass es existiert.«
   »Dann müssen wir ihm zuvorkommen, Kisha«, sagte Darius bestimmt.
   »Wir können nicht erst nach diesem Buch suchen und anschließend in aller Ruhe damit beginnen, eine Armee aufzustellen. Die verbliebenen Clans sind im ganzen Land verstreut. Versteckt und im Untergrund. Es wird Tage, wenn nicht gar Wochen dauern.« Caris taxierte Darius’ Blick, ohne zurückzuzucken.
   »Ohne das Buch war jedoch alles umsonst, Caris«, sagte Solvin.
   »Mit Licas und seiner Einheit an unserer Seite hätten wir eine der am besten ausgebildeten Armeen und müssten nicht wochenlang durchs Land umherziehen«, sagte Darius, der offenbar nicht vorhatte, nachzugeben. »Das würde uns beträchtlich Zeit ersparen.«
   »Das klingt in der Tat von Vorteil. Jedoch gibt es einige Krieger, die ich ebenfalls nicht an meiner Seite missen möchte, wenn ich dem Ende entgegensehe«, erwiderte Caris.
   »Das Buch in unseren Besitz zu bringen und herauszufinden, wie wir unsere Art retten können, hat dennoch Priorität.« Solvin klang ein wenig tadelnd. »Nun, wie mir scheint, ist jedes unserer Vorhaben von äußerster Dringlichkeit. Welches wird also unser erstes Ziel?«
   Langsam drehten sich alle Köpfe zu Darius um.
   »Bei den Heiligen. Es rechtzeitig schaffen zu können, schwindet immer mehr.« Ihr Anführer atmete hörbar aus. »Ihr habt alle recht. Alles zählt. Und doch werden wir uns entscheiden müssen, was wir zuerst erledigen.«
   »Nein«, sagte Talin schließlich und erntete überraschte Blicke dafür.
   »Nein was?« Darius kniff die Augen zusammen, wie er es immer tat, wenn er genervt war. Also quasi ständig. Außer wenn er wieder an der Menschenfrau herumfummelte. Widerlich.
   »Nein, wir müssen uns nicht entscheiden.«
   »Sondern?«
   »Wir teilen uns auf.«
   »Wir … oh, in der Tat. Das ist eine brillante Möglichkeit, auf die ich leider nicht selbst gekommen bin.«
   »Eure Gehirne haben den Denkprozess ausgeschaltet«, sagte Talin brummend. Seit seine Brüder ihre Gefährtinnen gefunden hatten, waren sie zu nichts mehr zu gebrauchen.
   »Nun, was schlägst du vor, Häschen?«, fragte Solvin.
   »Du und Emma geht zurück durch das Portal, um den Krieger der Dreptate zu holen. Ich werde diesen Moloch gewiss nie wieder betreten. Sasha und Darius können derweil nach ihrem Buch suchen und ich begleite Caris bei der Zusammenstellung ihrer Armee.«
   »Jetzt sieh einer an. Mein Häschen wird erwachsen.« Solvin schluchzte und sprang auf, um ihn zu umarmen, doch Talin hob abwehrend die Arme vor sich.
   »Danach sehen wir uns wieder und formieren uns zu unserem finalen Angriff.«
   Darius musterte ihn eingehend, als müsse er abwägen. Dann nickte er jedoch. »Gut. So sei es. Vor dem Morgengrauen brechen wir auf und trennen uns, um unsere Missionen zu erfüllen.«
   »Bei den Heiligen, ich hab es«, rief Sasha plötzlich aus.
   »Pardon?« Nicht nur Solvin sah sie fragend an.
   »Der Hinweis auf das Versteck des Schwarzen Buches. Hier steht:

»Unter dem wachsamen Blick der Heiligen einst, wurde verborgen das prekäre Wissen des Feinds.«

»Noch ein Rätsel?«, stöhnte Solvin auf und fuhr sich durchs Haar.
   »Ja, aber keines wie die anderen. Ein Hinweis eher«, überlegte Sasha.
   »Und was will dieser Hinweis uns mitteilen?«
   »Das weiß ich leider nicht«, erwiderte sie niedergeschlagen.
   »Also euer Buch sagt, dass dieses andere Buch im Palast ist?«, fragte Emma.
   »Richtig. Im Sanctuarium«, erwiderte Sasha.
   »Dann muss sich dieser Zweizeiler auf einen Ort im Sanctuarium beziehen, oder nicht?«
   »Natürlich, wie konnte ich das nur außer Acht lassen.«
   »Sind eure Heiligen irgendwie etwas in der Art wie Könige? Präsidenten? Herrschen sie über den Palast? Dann könnten wir sie fragen?«
   »O nein«, Sasha lächelte. »Die Heiligen sind nicht echt. Sie sind so was wie euer Gott. Man verehrt sie und erzählt sich Geschichten über sie, huldigt ihnen.«
   »Wie können sie einen dann anschauen?«
   »Ich verstehe nicht?«
   »Na, der Vers. Unter dem wachsamen Blick der Heiligen. Wie ist das gemeint? Warte, hier kommt eine verrückte Idee. Hängen im Sanctuarium vielleicht Bilder von euren Göttern? Ist möglicherweise ein Gemälde gemeint?«
   »Nein. Keine Bilder, Alasar duldet neben sich keine anderen Götter«, sagte Darius grimmig.
   »Alasar ist ein Gott?« Entsetzt riss Emma die Augen auf.
   »Nein. Er ist alles andere. Aber er stellt sich gern so dar.«
   »Verstehe. Was haben wir außerdem für Möglichkeiten?« Nachdenklich nagte sie an ihrer Lippe, während sie sich von Solvin umarmen ließ.
   Talin verzog den Mund.
   »Bei den Heiligen«, rief Sasha erneut aus. »Ich selbst hatte noch nie die Ehre, das Sanctuarium betreten zu dürfen, doch lagen in der Bibliothek unzählige Schriften darüber aus, die ich neugierig verschlungen habe.« Wieder blätterte sie durch das Buch, während sie immerfort nickte. »Das ist es, das muss es sein.« Sie sah jedem hintereinander in die Augen. »Es gibt keinen Wandbehang, keine Bildnisse in der Residenz der Herrscher. Doch eines gibt es sehr wohl. Das Fresko unter der Kuppel des Hauptgebäudes«, sagte sie leise.
   »Aber ja!« Solvin klatschte freudig in die Hände. »Natürlich, wie konnte uns das nur entfallen?«
   »Du meinst, der Hinweis auf das Mittel ist in der Malerei versteckt?« Darius sah sie skeptisch an.
   »Ich bin mir sehr sicher. Es stellt die Heiligen dar, wie sie die neue Zeitrechnung einleiten, den Kampf gegen das Virus und die Unterjochung. Den Aufstieg der Heiligen zu unseren Schutzpatronen, die fortan über die Menschen wachten, um sie vor dem Bösen zu beschützen, dass durch die Pandemie neu geformt worden war.« Schnell senkte sie den Kopf und sah ein wenig verlegen dabei aus. »Verzeih, es sind nicht meine eigenen Worte, die ich wiedergebe. Ich sehe euch natürlich nicht als die abartigen Kreaturen an, als die man euch verleugnend darstellt.«
   »Das weiß ich doch, Kisha. Das wissen wir alle. Es gibt keinen Grund, dich zu entschuldigen. Vielmehr hast du uns erneut den richtigen Weg gewiesen. Ihr beide habt das.« Dankend nickte er Emma ebenfalls zu.
   »Dann sind unsere Aufgaben also klar«, sagte Solvin.
   »Das sind sie«, erwiderte Darius. »Später werde ich mich mit Caris besprechen, um die Koordinaten für den geheimen Zugang zu erhalten. Auch wir haben noch einiges zu bereden. Das wird eine kurze Nacht für uns alle. Gefährliche Aufgaben stehen uns bevor. Ein letztes Beisammensein ohne Hast haben wir uns redlich verdient.« Damit schien die Sache für ihn erledigt zu sein, denn er wandte sich wieder Sasha zu.
   »Ziemlich bestimmend, euer Anführer«, sagte Caris neben ihm.
   Talin erschrak beinahe. Er hatte ihre Anwesenheit gänzlich ausgeblendet.
   »Mhm«, brummte er lediglich, um nicht wieder in ein Gespräch verstrickt zu werden. Das war es nun also. Ihre letzte Nacht, bevor sich die Dinge grundlegend ändern würden. In welche Richtung lag nun in ihrer Hand.
   Auch Solvin und Emma schienen die neue Wendung gut aufzunehmen, niemand beschwerte sich, im Gegenteil. Emma zählte auf, was sie zuerst machen wollte, wenn sie wieder in ihrer alten Heimat war. Duschen stand an erster Stelle, danach kam dieses ekelhafte, klebrige Gebäck, das sie Donut nannte.
   Nur Talin hatte offenbar ein ungutes Gefühl dabei. Wenn sie sich trennten, waren sie angreifbarer. Aber auch schneller. Und Zeit war ein überlebenswichtiger Faktor in Alasars Welt des Wahnsinns. Niemand wusste, wie viel davon sie noch hatten, bis sie die nächsten leblosen Körper auf dem riesigen Leichenberg waren, den der irre Obere um sich türmte. Ihre einzige Chance war es, zuerst zuzuschlagen, den Moment der Überraschung auf ihrer Seite zu wissen.
   Und dann war da noch die Fremde. Caris. Die er nun am Hals hatte. Es passte ihm überhaupt nicht, dass er diese Suche nicht allein bestreiten konnte, aber sie kannte sich in der Welt des Untergrundes besser aus, wusste, wohin sie mussten. Sie war unerlässlich für ihr Weiterkommen. Irgendwie würde er sie schon ertragen. Wenn es ihnen gelänge, Alasar zu vernichten, hatte er noch den Rest seines langen Lebens Zeit, vor sich hinzugrübeln. Und wenn nicht, würde er bald mit Lahra vereint sein. Ein Lächeln umspielte seine Lippen beim Gedanken an seine ehemalige Gefährtin. Den Kopf an die schroffe Höhlenwand gelehnt, fing er mit geschlossenen Augen die nächstbeste Erinnerung auf, die durch seinen Verstand geisterte. Talin wusste, dass seine Brüder ihn sicherlich wieder beobachteten, das taten sie immer, wenn er sich in sein Innerstes zurückzog, er spürte ihre spüren. Es war ihm gleich. Lahra war da, und sie war alles, was er benötigte. Tal hieß den süßen Schmerz willkommen, der ihn seit Jahrhunderten am Leben hielt und von dem er sich nur allzu gern gefangen nehmen ließ.

Kapitel 3
Getrennte Wege beschreiten

Der Morgen graute und das erste Sonnenlicht bahnte sich verheißungsvoll einen Weg durch die Dunkelheit. Als wollte es ihnen Mut machen im Kampf gegen den Irrsinn ihrer Welt. Sie waren früh aufgebrochen, und nun war die Zeit der Trennung gekommen. Darius und Sasha würden sich nach Arkyn aufmachen, um einen Weg in das Sanctuarium zu finden, den Caris ihnen am Abend zuvor beschrieben hatte. Solvin indessen musste nach Nikanor, um gemeinsam mit Emma durch das Portal zurück nach New York zu gehen. Sie alle hatten darüber spekuliert, ob die Runensteine noch vor Ort waren, oder ob Alasar sie seit seiner Freilassung konfisziert hatte. In diesem Fall würde es ihnen nicht möglich sein, Licas zur Unterstützung zu holen. Ganz Solvin, vertraute dieser auf sein Glück und darauf, dass Alasar so sehr mit seinem Feldzug gegen die Vampire beschäftigt war, dass er die Steine kurzerhand vergessen hatte.
   Talin dagegen würde die vier nicht weiter in die Ebene hinausbegleiten. Er und Caris blieben in der felsigen Region, um sich auf die Suche nach einem überlebenden Bergvolk zu machen, den Ewansiha, so hatte die Rothaarige sie jedenfalls vorhin genannt.
   Die anderen lagen sich bereits in den Armen und gaben bedeutungsvolle Worte von sich. Talin wusste, dass ihre Sorge umeinander groß sein musste. Auch ihm bedeuteten seine Brüder viel. Nicht jedoch sein eigenes Leben, daher nahm er Aufgaben wie diese seit jeher gelassener, als der Rest es tat. Die Frauen begannen sogar, zu weinen, und Talin wandte sich respektvoll ab. Was könnte er schon machen? Ihnen sagen, dass alles gut werden würde? Das entsprach nicht der Wahrheit, denn niemand von ihnen wusste, wie ihre Mission ausgehen würde. Wieder taten sie ihm alle leid, weil sie von ihren Gefühlen geleitet wurden. Jede noch so kleine Ablenkung konnte sie das Leben kosten. Seine Freunde hingen an ihrem Leben.
   »Wie lange kann eine Verabschiedung denn dauern, bei den Heiligen.«
   Caris schnaubte, während sie unruhig von einem Fuß auf den anderen trat. Sie war so jung, so voller Tatendrang, und tatsächlich erkannte Talin einen Teil seiner selbst in ihr. Auch er war einst so gewesen.
   »Das wird ein langer Fußmarsch, und wenn wir vor dem Sonnenuntergang unser Ziel erreichen wollen, sollten wir keine wertvolle Zeit mehr vergeuden«, sagte sie.
   Wortlos und doch mit einem kleinen Lächeln wartete Talin geduldig, bis er an der Reihe war. Mit einem Handschlag und dem üblichen Versprechen, sich nicht vorsätzlich umbringen zu lassen, verabschiedete er sich schließlich von seinen Brüdern. Das war genug der Zuneigungsbekundungen. Anschließend wandte er sich vom Rest ab und stapfte ohne weitere Umschweife davon. Fast freute er sich auf die Aussicht, einige ruhige Tage ohne ständige Diskussionen vor sich zu haben. Fast.
   »Reden ist nicht so deine Stärke, oder? Ein »Lass uns gehen« wäre natürlich zu viel des Guten gewesen?« Caris schloss rasch zu ihm auf.
   Vielleicht würde sie ja wieder weniger reden, wenn er ihr keine Antworten mehr gab. Einen Versuch war es auf jeden Fall wert.

Immer wieder sah Talin in den Horizont hinauf, der zunehmend dunkler wurde. Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis es Abend wurde. Sie waren den ganzen Tag unablässig gelaufen. Die letzten beiden Stunden hatten sie sich durch das unwegsame Gelände des Zielgebietes gehangelt. Das hier war kein Ort, an dem das Leben einfach war. Unbarmherzig biss die Kälte zu, fraß sich durch seine Haut und setzte sich in den Knochen fest, um ihn von innen heraus auszukühlen.
   »Wir haben es fast geschafft«, sagte Caris hinter ihm.
   Talin nickte und setzte seinen Weg fort. Obwohl ihre Tagesreise äußerst zehrend und anstrengend gewesen war, hatte sich die Fremde dies nicht anmerken lassen. Sie hatte kein Wort darüber verloren, Rast machen zu wollen, um verschnaufen zu können. Für eine Frau war sie ziemlich zäh, das musste er zugeben. Tal war es daher gewesen, der gegen Mittag diesen Vorschlag machte, um eine Stärkung zu sich zu nehmen. Allerdings halfen die wenigen Nüsse, die sie während ihres Aufenthalts rund um die Höhle gesammelt hatten, nicht wirklich, um zu neuer Energie zu kommen. Caris hatte sie kommentarlos gegessen, und sich anschließend erneut ihren Dolchen gewidmet. Ob es eine Art Bewältigung für sie war? Schließlich hatte er sowohl eine Axt als auch ein Schwert, dennoch verbrachte er nicht den gesamten Tag mit deren Reinigung und Pflege. Ein guter Kampf war für ihn noch immer die beste Art, seine Waffen in Schuss zu halten.
   »Gleich haben wir es geschafft«, unterbrach sie seine Gedanken.
   Unwillkürlich dachte er an Darius und Solvin. Sie waren gewiss längst an ihren Bestimmungsorten angelangt. Ob sie bereits dabei waren, sich ihren Aufgaben zu widmen?
   »Am Ende dieses Pfades befindet sich der Unterschlupf der Ewansiha. Sie müssten uns längst erspäht haben und beobachten uns sicherlich. Es wäre daher äußerst ratsam, dass du deine Waffen stecken lässt, wenn sie uns stellen. In diesem Fall heißt es, erst fragen, dann kämpfen.«
   Talin nickte brummend. Er war kein Freund großer Worte, doch deshalb war er noch lange kein Idiot. Seit geraumer Zeit hatte er bereits die Anwesenheit mehrerer Individuen ausgemacht. Sie mochten sich im Verborgenen halten, aber sie stanken erbärmlich.
   Er ließ seinen Blick den schmalen Hang hinaufgleiten, den sie beschritten. Sie hatten gerade genug Platz, um nebeneinander auf dem steinernen Steig zu gehen, wobei sie auf die einzeln vorkommenden Eisplatten achten mussten. Linker Hand von ihnen befand sich der Abgrund. Tal hatte keine Ahnung, wie weit es hinunterging, doch sie hatten Stunden damit verbracht, den Berg hinaufzulaufen, vermutlich wäre es daher ein langer, tödlicher Fall. Besser also, sie rutschten nicht aus.
   Immer wieder fanden sich kleine Schneeansammlungen, die der Wind jedoch rasch fortwehte. Er wusste nicht, ob es gerade schneite, oder ob es die eisigen Verwehungen waren, die ihm wie Nadelspitzen ins Gesicht stachen. Der felsige Boden war gefroren, und er fragte sich, ob es so weit oben jemals wärmer wurde. Talin dachte an ihre Reise zu den Ewigen Eishöhlen und schüttelte den Schauder ab, der ihn dabei überlief. Waren die Männer, die sich versteckten, am Ende gar Eiswölfe? Dem Gestank nach war dies keine abwegige Überlegung, er hoffte es jedoch nicht, denn zu zweit würden sie kaum gegen die großen und starken Tiere ankommen.
   Nachdem der Pfad eine letzte Biegung machte, lag die Behausung der gesuchten Vampire direkt vor ihnen. Erstaunt blieb Talin stehen. Das hatte er nicht erwartet. Sie standen auf einem ausladenden Plateau, gegenüber der nächsten Felswand, die sich steil in die Dämmerung erhob. Wirklich imposant war jedoch das Bauwerk, das aus dem Gestein geschlagen worden war. Vielmehr, das in den Felsen überging. Die Behausung der Ewansiha war eine Festung, aus dem Berg entstanden und in Ewigkeit mit ihm verschmolzen. Vorn machte Tal vier Säulen aus, die scheinbar den Eingang markierten. Eine einzige schmale Treppe, ebenfalls in den Felsen geschlagen, führte hinein.
   Anerkennend musterte er konzentriert die Umgebung. Die Bewohner gingen kein unnötiges Risiko ein. Wenn man zu ihnen wollte, so führte nur ein Weg hinein und wieder heraus. Und dieser war unter Garantie scharf bewacht. Allein der einzige Pfad, der zu der Festung führte, bot genügend Schutz, um Eindringlinge frühzeitig zu erkennen und falls erforderlich, zu bekämpfen und zu entsorgen. Wahrscheinlich lebten die Vampire hier bereits seit Jahrhunderten, wenn nicht gar Jahrtausenden unbemerkt von den Oberen. Wenngleich dies auch das Opfer vieler Entbehrungen erforderte. Talin konnte sich nicht vorstellen, dass es in dieser Gegend ausreichend Nahrung gab. Vermutlich hatten die Vampire jedoch ein gut funktionierendes Versorgungssystem.
   Im nächsten Augenblick traten sie aus den Schatten, und Talins uralte Instinkte meldeten sich umgehend, sodass sich eine Hand automatisch über den Schwertknauf an seinem Gürtel legte.
   »Friedlich bleiben, habe ich gesagt«, zischte Caris ihm zu.
   Die Augen zu schmalen Schlitzen geformt, musterte er ansonsten regungslos die Ewansiha, die sich um sie versammelten. Friedlich zu sein, schloss nicht aus, vorbereitet zu sein.
   »Wer seid ihr, und was führt euch in unser Reich?«, fragte der Größte von ihnen, der Darius sicherlich noch um einen Kopf überragte, schließlich, nachdem sie eingekreist waren.
   Ein jeder von ihnen war in Fell gehüllt. Hosen und Oberbekleidung sowie ebenso das Schuhwerk schienen daraus zu bestehen. Sie trugen einen Kopfschutz, der sie vor den eisigen Temperaturen schützte, und der bei jedem von ihnen aus dem Schädel eines anderen erlegten Tieres bestand. Die Kopfbedeckung des Anführers war einst ein Wolf gewesen. Die spitzen Zähne waren deutlich unter den zurückgezogenen Lefzen zu sehen. Die Augen des Tieres waren trüb, jedoch nicht gelb. Es war also ein normales Tier gewesen, kein gewandeltes. Die Ewansiha fanden offenbar für alles eine Verwendung, wenn sie Beute machten. Talin fragte sich, ob die Schädelmützen präpariert waren, da sie zu furchterregenden Fratzen erstarrt waren. Vermutlich tat die Temperatur ihr Übriges zum Erhalt. Er bemerkte, dass nur der Anführer einen Wolf trug. Wahrscheinlich hatte es mit der hiesigen Hierarchie zu tun.
   »Ich bin Caris, vom Clan aus den Mittelbergen. Das ist Talin, vom Clan der …, ähm, nun.« Sie musterte ihn rasch, bevor sie fortfuhr. »Vom Clan des ewigen Kriegers.«
   Talin sah sie irritiert an. Auch der Hüne blickte verwundert drein. »Des ewigen Kriegers? Wer soll das sein? Nie von ihm gehört.«
   »Ein Erstgewandelter und der letzte Kämpfer des Ewigen Krieges. Darius.«
   »Ein solcher Anführer ist mir unbekannt.«
   »Die Statue in Nikanor? Die Geschichten über den Krieg? Die Legenden über dieses Buch und eine Heilung? Die Möglichkeit, den Lauf unserer Geschichte zu ändern? Selbst an diesem entlegenen Ort habt ihr sicher davon gehört? All das ist wahr. Und Talin ist ein Teil davon.«
   »Ist das so?« Der Riese verschränkte die Arme vor der Brust. »Das erklärt jedoch nicht, was ihr hier wollt.«
   »Wir erbitten die Hilfe eurer erfahrenen Kämpfer.«
   »Für?«
   Talin hätte schwören können, dass der Kerl die Augenbrauen hochzog. Leider war durch die Verkleidung schlecht zu erkennen, wann dessen Gesicht aufhörte und das tote Tier anfing. Caris schien sich jedoch nicht im Geringsten einschüchtern zu lassen.
   »Den Sturz Alasars.«
   Nun verspannte sich der Fremde sichtbar. »Ihr wollt die Festung der Oberen angreifen?«
   »Richtig.«
   »Und ihr wollt die Leben meiner Clanmitglieder opfern?«
   »Das ist … eine etwas andere Interpretation als die meine.«
   »Du vergeudest meine Zeit, Rotschopf.« Der Anführer wandte sich einfach ab und stapfte, gefolgt von seinen Kämpfern, davon.
   »Du willst mich ungehört fortschicken?« Caris gab nicht auf und sprang dem Fremden hinterher.
   Mut hatte sie, das musste Talin ihr lassen.
   »Ich schenke dir und dem Stummen eure Leben. Zeige gefälligst etwas mehr Dankbarkeit dafür«, sagte der Hüne hörbar verärgert.
   »Es ist mir ernst. Alasar hat uns alles genommen, und er wird nicht ruhen, bis er die Leben aller noch vorhandenen Vampire ausgelöscht hat.«
   »Geh, bevor ich wütend werde.«
   »Das werde ich nicht. Hör mich an, Rald vom Clan der Ewansiha.«
   »Woher kennst du meinen Namen?« Der Mann hielt in seinem Lauf inne.
   »Deine tapferen Taten eilen dir voraus.«
   »Deine Schmeicheleien werden mich nicht umstimmen.« Er ging weiter, doch am Fuße der Treppe, hielt Caris ihn erneut auf.
   »Ich bitte dich, Rald, höre mich an. Diese Vampire sind keine gewöhnlichen. Sie sind Wanderer. Sie haben das Geheimnis der Ältesten gelüftet und waren in der anderen Welt. Sie haben einen Weg gefunden, Alasar zu vernichten.«
   Wieder blieb der Anführer stehen, doch nun drehte er sich endlich zu Caris um. »Sagtest du Wanderer?«
   »Das ist die reine Wahrheit.«
   »Es ist eine Legende!« Er sprach nun leise, doch Talin hörte deutlich den warnenden Unterton heraus.
   »Wenn du uns anhörst, erzähle ich dir alles.« Sie flehte den Fremden nicht an, in ihrer Stimme war kein Zweifel auszumachen. Caris wusste genau, was sie wollte und wie sie es bekam. Ohne Umschweife.
   »Wo ist der Rest derer, von denen du sprachst?«
   »Wir mussten uns aufteilen. Zwei sind in die andere Welt zurückgekehrt, um von dort Verstärkung zu holen. Zwei weitere befinden sich auf dem Weg ins Sanctuarium, um von dort etwas zu entwenden, was für uns von großer Bedeutung sein wird.«
   Der Anführer schien Caris wiederholt zu mustern, dann atmete er laut aus. »Ich werde es vermutlich bereuen, aber ihr könnt mir euer Anliegen vortragen. Gehen wir hinein.«
   Rald stieg bereits die ersten Stufen empor, Caris folgte ihm direkt und Talin wägte kurz ab, ob ihnen durch das Bergvolk eine Gefahr drohte. Schließlich ging er den anderen nach, die Krieger des Clans dicht in seinem Nacken.
   »Warum redet dein mürrisch dreinblickender Partner nichts. Ist er stumm?«, fragte Rald Caris beim Hinaufgehen.
   »Nein. Er ist kein Mann vieler Worte«, antwortete diese und Talin grinste, als sie dieselbe Beschreibung über ihn abgab, wie er sie für sich selbst auch benutzte.

Der Anführer, Rald, geleitete sie durch einen weitläufigen Eingangsbereich, in dem es beinahe mehr zog als draußen. Talin würde es hier definitiv keine Jahrhunderte aushalten. Innerlich schnaubend wusste er, dass er es nirgends lange aushielt. Das Privileg eines Zuhauses war ihm vor langer Zeit genommen worden.
   »Verzeiht die neugierigen Rabauken«, sagte Rald, sobald sie tiefer in das Innere des Bergs hineingingen und von einer Schar aufgeregter Kinder belagert wurden, die die Neuankömmlinge neugierig musterten. Talin schluckte bei dem Anblick der kleinen, zerbrechlich wirkenden Wesen. Er wusste nicht, wann er zuletzt Kinder gesehen hatte, es musste Ewigkeiten her sein. Hier waren sie jedoch, lebendig und voller Tatendrang. Ihre roten Wangen und neugierigen Fragen berührten etwas in ihm, das er längst verloren geglaubt hatte. Familie. Bilder, wie er lachend mit Darius und Solvin durch die beengten Hütten ihrer Eltern rannte, schlichen sich ohne Vorwarnung in seinen Kopf. Wie sie sich in der Scheune versteckten, um sich abenteuerliche Geschichten zu erzählen oder dem alten Schmied Streiche spielten. Erinnerungen, von denen er keine Ahnung mehr hatte, dass sie existierten, gehörten plötzlich wieder ihm. Eine kindliche Version von Lahra, die ihm immer das Brot stahl, um ihn zu ärgern. Lahra.
   »Geht es deinem Begleiter gut? Er sieht aus, als würde er sich demnächst auf unserem Boden erleichtern«, drang Ralds Stimme wie durch einen Schleier schließlich zu ihm hindurch.
   »Keine Ahnung. Ich hoffe nicht.«
   »Fremde sind immer etwas befangen, beim Anblick unserer Kinderschar. In unserer verkommenen Welt sind sie die einzige Zukunft, die wir haben, sie sind alles, wofür wir leben.«
   In der Tat verstieß jegliche normale Geburt gegen die Gesetze der Oberen. Die Vampire hatten sich jedoch noch nie daran gehalten, was die irren Machthungrigen wollten. Es ging ums blanke Überleben. Jedes neue Leben bedeutete ein Stück mehr Hoffnung auf eine Zukunft.
   Rald führte sie immer tiefer in den Berg hinein, und Talin nahm mit großem Staunen zur Kenntnis, dass die Ewansiha hier Großartiges geleistet hatten. Überall waren großzügige Räume aus dem Gestein entstanden, ein nicht enden wollendes Höhlensystem sozusagen. Die Bewohner hatten im Laufe der Zeit das daraus gemacht, was einem Heim am nächsten kam. Die Wände jeden Raumes waren mit Fellen behangen, sodass die Kälte keinen Einlass fand. Kleine Feuerstellen strahlten eine behagliche Wärme aus und in manchen Kammern lagen sogar weiche, dicke Teppiche. Es gab auch richtige Möbel wie Tische, Stühle, Betten, woran Talin auch jeweils die privaten Schlafhöhlen von den Gemeinschaftsräumen unterscheiden konnte. Nichts hier ähnelte auch nur im Geringsten der kalten Festung, die dieser Berg nach außen hin vorgab, zu sein.
   »Lasst uns in den Versammlungsraum gehen«, sagte Rald und gab ihnen ein Handzeichen, ihm weiter zu folgen.
   Sobald sie sich durch die erwartungsvolle Meute hindurchgequetscht hatten, betraten sie eine der ausladenderen Räumlichkeiten. Der Anführer wartete, bis Caris und Talin an ihm vorbeigegangen waren, dann zog er den Vorhang zu, der den Eingang verschloss und den Zurückgebliebenen die Sicht versperrte. Tal waren zuvor schon die Tücher und Behänge an den Zugängen aufgefallen, er dachte sich bereits, dass dies ein Versuch war, unter den gegebenen Umständen ein wenig Privatsphäre zu erschaffen.
   Rald stapfte an ihnen vorbei und setzte sich an den runden Tisch, der zehn Plätze zählte. Er hatte es Versammlungsraum genannt, und Talin fragte sich, ob hier die Männer tagten, die er zuvor draußen bei Rald ausgemacht hatte. Waren sie so etwas wie der Zirkel im Sanctuarium? Einige wenige, die über alle anderen bestimmten? Die das Sagen hatten?
   »Wir warten noch auf meine Männer, dann kannst du deine Geschichte erzählen, Rotschopf«, sagte Rald auch schon.
   Talin hatte recht behalten. Die Männer mit den Tierschädeln auf den Köpfen waren also allesamt wichtig. Man konnte nie genug Informationen sammeln, um ein Vorhaben durchzubekommen. Erst recht, wenn es von solcher Wichtigkeit war. Rotschopf. Ihm gefiel die Bezeichnung für die Fremde irgendwie.

Kurze Zeit später war es in dem Raum so laut, dass Talin den Versuch aufgegeben hatte, sich auf einzelne Wortfetzen der Diskussion zu konzentrieren. Caris hatte ihnen alles erzählt, von der Suche, dem Buch, was sie in der neuen Welt vorfanden und von der Aufgabe, vor der sie nun standen. Nachdem sie ihren Plan unterbreitet hatte, eine Armee gegen Alasar zusammenzustellen, die mit Hilfe von Darius’ Blut immun gegen die tödlichen Wächter wäre, war eine hitzige Debatte ausgebrochen. Sie schien kein Ende nehmen zu wollen und Talin fragte sich, was er hier eigentlich tat. Wenn seine Art nicht gewillt war, das Ende der jahrtausendlangen Unterjochung einzuleiten, war ihr Vorhaben ohnehin sinnlos. Allein mit Darius und Solvin würde er die Oberen nicht stürzen können.
   »Denkt doch einfach nach, was diese Möglichkeit bedeuten könnte«, schrie Rald gegen den Rest seiner Männer an.
   »Wir haben uns nicht so lange hier oben versteckt, um nun dem Feind direkt in die Arme zu laufen«, erwiderte einer von ihnen.
   »Wenn wir nicht endlich etwas tun, werden es noch viele weitere Jahrhunderte werden, die wir uns wie feige Tiere verkriechen müssen«, sagte ein anderer.
   »Das ist Irrsinn!«
   »Es ist eine Chance!«
   »Genug«, rief Rald seine Leute zur Räson. »Wir werden darüber abstimmen, so wie wir es immer tun.« Er sah Talin und Caris an. »Ich möchte euch bitten, draußen zu warten, solange unser Rat tagt. Lasst euch ein wenig herumführen, wir haben genug Speisen zur Verfügung oder Blut, solltet ihr welches benötigen. Das hier könnte dauern. Ich lasse es euch wissen, wenn wir zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen sind.« Er wandte sich erneut seinen Männern zu und versuchte, einige aufgebrachte unter ihnen zu beruhigen.
   Caris nickte und erhob sich, also tat Talin es ihr gleich. Ihr Aufenthalt in der Höhle nach der Rückkehr hatte wenig Essen bedeutet. Gegen eine ordentliche Portion Nahrung, die seinen hungrigen Magen beruhigte, hatte er nichts einzuwenden. Daher folgte er dem Rotschopf wortlos und grinste. Ja, diese Bezeichnung gefiel ihm in der Tat.

Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie viel Zeit inzwischen vergangen war, seit er ausgiebig gespeist und sich in eine abgeschiedene, kleine Höhle zurückgezogen hatte. Dort hatte er sich seinen Gedanken hingegeben und sich treiben lassen, bis ein eindringliches Räuspern ihn schließlich in die Wirklichkeit zurückholte. Diese Caris war nicht nur mutig und stur, sondern auch anstrengend.
   »Rald hat nach uns rufen lassen, sie sind zu einem Ergebnis gekommen.«
   Das ließ Tal als guten Grund gelten, ihn aus seiner Erinnerung zu reißen. Mit einem Satz war er auf den Beinen und stand nun vor ihr. Sie wich nicht zurück und daher fiel ihm zum ersten Mal bewusst auf, dass sie nahezu so groß war wie er. Er war kein Riese wie seine Brüder oder diese Ewansiha hier, dennoch war es ungewöhnlich, eine Frau zu treffen, die ihm ebenbürtig war. Talin schnaubte. Als ob das jemals der Fall wäre. Er schob diese seltsamen Gedanken beiseite und stapfte kopfschüttelnd voraus.
   Zurück im Versammlungsraum blickten ihnen alle Anwesenden mit ernstem Gesicht entgegen. Immerhin war endlich Ruhe eingekehrt.
   »Nun, Rald vom Clan der Ewansiha, seid ihr zu einer Einigung gekommen?«, fragte Caris den Anführer ohne Umschweife.
   »Das sind wir.«

Kapitel 4
Auf der Suche
Darius & Sasha

Darius hatte seiner Sasha den langen, anstrengenden Fußmarsch nach Arkyn nicht zumuten wollen, daher hatte er unterwegs ein Pferd gestohlen. Sie waren an etwas vorbeigekommen, das man nicht einmal Siedlung nennen konnte, so wenige Behausungen existierten dort. Aber es gab einen Stall. Der nun um ein Tier ärmer war. Ein wenig plagte ihn das schlechte Gewissen, wusste er doch, was ein Reittier für die verarmten Menschen bedeutete, und wie wichtig es für sie war. Er schwor sich, das Pferd zurückzubringen, sobald es ihm möglich sein würde.
   Einige Zeit später standen sie auf einem kleinen Hügel vor den Toren der Hauptstadt und blickten auf Arkyn hinab, das prachtvoll vor ihnen lag. Das Tier schnaubte unruhig, und Darius tätschelte es fortwährend, um es zu beruhigen. Die Stute war nicht Gwen, die er schmerzlich vermisste und die er noch immer sicher in dem Stall in Nikanor erhoffte. Möglich, dass das neue Pferd nervös war, weil es sie nicht kannte. Darius glaubte jedoch, bereits seit geraumer Zeit die Anwesenheit von jemandem oder etwas zu spüren und war sich sicher, dass es der Stute ähnlich erging. Trotz jeglicher Vorsichtsmaßnahmen hatten sie wohl die Aufmerksamkeit von Alasars Spitzeln erregt. Das war schlecht. Wie sollten sie sich ins Sanctuarium schleichen, wenn sie aufgeflogen waren?
   »Ist alles in Ordnung, Darius? Du wirkst auf einmal angespannt?«
   Rasch schloss er Sasha, die vor ihm auf dem Pferd saß, fester in seine Arme. Sie kannte ihn einfach zu gut und musste gespürt haben, wie sich sein Körper verspannte. »Sorge dich nicht, Kisha. Wir werden vermutlich observiert, doch ich werde mich umgehend des Problems annehmen.« Seine Sinne verrieten ihm, dass sich etwas hinter dem großen Steinbrocken ein paar Meter weiter vorn befinden musste. Es gefiel im überhaupt nicht, seine Gefährtin für einen Augenblick ohne Schutz zurückzulassen, während er die Bedrohung ausschalten musste. Leider war dies das kleinere der Übel, sollten sie gemeldet werden. Ohne einen erfolgreichen Zugang ins Sanctuarium und ohne das Mittel würden sie aufgeschmissen sein. Er sprang vom Pferd, atmete tief durch und lächelte sie zuversichtlich an. »Sollte mir wider Erwarten etwas zustoßen, dann will ich, dass du nach Süden reitest. Blicke nicht zurück, raste nicht, ehe du Goma erreicht hast. Begib dich in die Therme und erzähle ihnen alles. Dort wirst du Schutz bekommen, denn in Goma werden unseresgleichen respektiert und geduldet.«
   »Darius, wovon sprichst du nur?« Mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen starrte sie ihn an.
   »Ich muss die Spitzel ausschalten, bevor sie uns an Alasar verraten können. Alles wird gut gehen, Kisha. Goma ist für den unwahrscheinlichen Fall, dass mir etwas zustößt und ich dein Leben und das unseres Kindes nicht mehr beschützen kann. Ich muss dich in Sicherheit wissen.«
   »Wie kannst du so etwas sagen und dann von mir verlangen, dass ich mich beruhige?« Sie machte Anstalten, ebenfalls vom Pferd zu rutschen.
   »Nein. Bleib. Da oben bist du sicherer als auf dem Boden. Du darfst keine Zeit verlieren, wenn du fliehen musst.«
   »Aber …«
   »Ich liebe dich, Kisha. Sei dir versichert, ich bin umgehend wieder bei dir.« Erneut schenkte er ihr ein Lächeln, von dem er hoffte, dass es ungezwungen und charmant wirkte, um sie von ihren Sorgen abzulenken. Anschließend beugte sie sich zu ihm hinunter, und sobald sich ihre Lippen trafen, schmeckte er die Verzweiflung, die in ihrem Kuss lag.
   Und dann ging alles blitzschnell. Mit seiner unmenschlichen Geschwindigkeit rannte er zu dem Stein, hinter dem er tatsächlich zwei Vasallen ausmachte. Erleichtert darüber, dass sie offenbar nur zufällig einem Spähertrupp begegnet waren, machte er kurzen Prozess mit ihnen. Bevor sie auch nur realisierten, dass er bei ihnen war, packte er nacheinander ihre Schädel und brach ihnen das Genick. Anschließend verharrte er regungslos und sandte seine Sinne aus, doch da war nichts mehr. Die Gefahr schien gebannt.
   Erleichtert rannte er umgehend zu Sasha zurück und lächelte sie selbstsicher an. »Ich sagte doch, es wird keine Probleme geben.« Auf ihre anschließenden Verwünschungen ging er jedoch nicht ein. Sie konnte ihm nie lange böse sein, er gestattete ihr dieses Ventil, das sie offenbar hin und wieder benötigte.
   »Und nun?«, fragte sie nach einer Weile, in der sie sich hörbar beruhigt hatte.
   »Dort drüben ist ein Zugang zur Kanalisation. Ab hier werden wir unterirdisch agieren.«
   »Und du bist dir ganz sicher, dass wir diese Geheimtür finden, von der Caris sprach?«
   »Wenn sie uns die Wahrheit gesagt hat, dann natürlich.« Er reichte ihr die Hand, sodass sie sich vom Pferd gleiten lassen konnte, und schloss sie erneut in seine Arme. »Ich verspreche dir bei meinem Leben, dass wir das schaffen werden, Kisha. Unser Weg mag nicht einfach gewesen sein, er war beschwerlich, gefährlich und voll Ungewissheit. Doch er hat uns bis hierhergebracht. Wir sind am Ende unserer Reise angelangt. In naher Zukunft wirst du an diesen Tag zurückdenken und wissen, dass es richtig war, zu tun, was noch vor uns liegt.«
   »Du magst recht haben, doch um mich an heute erinnern zu können, muss es erst ein Morgen geben. Was, wenn wir Alasar nicht schlagen können?«
   Sanft strich er mit dem Handrücken über ihre Wange und legte seine Stirn an die ihre. »Für uns kommt nichts anderes infrage.« Schließlich löste er sich widerwillig von ihr. »Und nun lass uns alte Erinnerungen auffrischen«, sagte er grinsend, während er sie hinter sich her zum Einstieg in die Kanalisation zog.
   »Wage es nicht!«, sagte Sasha protestierend, lachte jedoch mit ihm. Sie würde ihm wohl niemals vergeben, dass er sie in die Kloake geschmissen hatte, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren.
   »Dass das auch immer so müffeln muss«, sagte Sasha nach einer Weile, in der sie an Darius’ Hand sicher durch die für sie finsteren Gänge lief. Da sein Sehvermögen ausgezeichnet war, vertraute sie ihm voll und ganz, was ihn wie stets mit Stolz erfüllte. Schließlich gelangten sie an die Abzweigung, die eindeutig Caris’ Beschreibung entsprach. Er sah an die Decke und entdeckte das winzige Zeichen, das menschlichen Augen selbst mit einer Fackel verborgen bliebe und das einige Vampire einst anbrachten, um den Weg zum Geheimgang zu weisen. Selbst wenn die Wächter und Vasallen der Oberen menschlich waren, blieb dennoch ein Risiko zurück, dass die Zirkelmitglieder die Zeichen entdecken konnten, sollten sie sich je in die Kanalisation begeben. Darius atmete erleichtert durch, da dies bisher nicht der Fall gewesen war.
   »Was hast du? Warum bleiben wir stehen?«
   Da Sasha nichts sehen konnte, weihte Darius sie ein, bevor er eilig weiterging. Gemäß Caris’ Beschreibung musste er bei dem Symbol den linken Gang wählen. Während der nächsten Minuten kamen sie an vielen weiteren Zeichen vorbei, und Darius wählte stets die Abzweigung, die ihm eingetrichtert worden war. Allerdings fragte er sich permanent, ob sie noch richtig waren. Sorge darum, dass er möglicherweise etwas durcheinandergebracht hatte, machte sich breit. Nein, unmöglich. Er hatte Caris mehrmals die Richtungen hintereinander aufsagen müssen. Er schob die Zweifel beiseite und stapfte schneller durch die Gänge. Eine innere Unruhe hatte ihn gepackt, die nur von der Hoffnung überlagert wurde, endlich zuschlagen zu können.
   »Da ist es«, rief er schließlich freudig aus, als die nächste Gabelung sie in eine Sackgasse führte.
   »Was siehst du?« Sasha kauerte an seinem Rücken.
   »Hier geht es nicht mehr weiter. Caris sagte, dass sich der geheime Zugang dort befindet, wo kein Weiterkommen mehr möglich sei.«
   »Dann hoffe ich, du findest ihn rasch. Nichts sehen zu können, macht mich wahnsinnig.«
   Darius nickte, und nur am Rande wurde ihm klar, dass sie auch das nicht sehen konnte, doch seine Konzentration lag momentan auf der Wand vor ihnen. Sein Blick glitt über jeden einzelnen Stein, während sein Puls rasant anstieg. Und dann fand er es. Das letzte Zeichen, die letzte Hürde. Bedächtig hob er den Arm und presste die flache Hand gegen diesen Stein. Langsam übte er Druck aus, bis sich der Stein tatsächlich bewegte. Darius schob ihn immer tiefer in das Mauerwerk, bis er einen Widerstand spürte, gefolgt von einem klickenden Geräusch. Etwas im Mauerwerk bewegte sich. Umgehend ließ er von der Wand ab und ging einen Schritt rückwärts, Sasha sicher hinter sich wissend. Angespannt wartete er auf das, was als Nächstes geschehen würde. Entweder es würde sich gleich der geheime Zugang zum Sanctuarium öffnen, oder sie waren in eine Falle gelockt worden und sahen sich bald Alasars Visage gegenüber. Darius zog sein Schwert, bereit, für was auch immer sie erwartete.

Solvin & Emma

»Meine kleine Elfe, ein alter Mann ist doch kein Rennpferd«, sagte Solvin mit vorwurfsvollem Ton, während er sich aus dem Gang schälte, der ihnen schon einmal Zugang zu den Katakomben unter dem ehemaligen Schlachtfeld gewährt hatte. Eilig stolperte er Emma hinterher, deren Entdeckungsdrang sie unvorsichtig werden ließ. »So warte doch auf mich.«
   »Und du willst ein Vampir sein? Eher eine Schnecke«, zog sie ihn auf. »Nun mach schon, ich kann es kaum erwarten, die Knochenkammer zu sehen, von der ihr gesprochen habt. Ich durfte schon von Nikanor nicht viel anschauen, dann will ich mir zumindest hier unten nichts entgehen lassen!«
   »Das tut mir auch sehr leid, doch ist es in gefährlichen Zeiten wie diesen nicht ratsam, gesehen zu werden und eine lebende Zielscheibe abzugeben.«
   »Das sagtest du schon ein paar Mal.« Sie sprang aufgeregt vor ihm umher. »Mach schon, ich brenne darauf, mehr von euren Geheimnissen zu sehen. Das ist so spannend. Ich komme mir vor wie Indiana Jones.« Übermütig drehte sie sich einmal um sich selbst und lächelte ihn erwartungsvoll an.
   »In Ordnung.« Wer war dieser Indiana Jones nur schon wieder?
   »Und hier seid ihr von Alasar angegriffen worden?«
   »Weiter vorn, ja.«
   »Das muss ich unbedingt sehen.« Sie rannte voraus, bevor Solvin etwas erwidern konnte, und bog in den nächsten Gang ab. Bei den Heiligen, sie hatte ja keine Ahnung, er musste sie aufhalten, bevor – Emmas greller Schrei unterbrach seine Gedanken. Prima. Sie hatte die Stelle offenbar gefunden.
   So schnell er konnte, hastete er zu ihr. Der Anblick, wie sie entsetzt die Hände vor das Gesicht hielt, während sie fassungslos auf die Leichen der getöteten Wächter hinabblickte, zerriss ihm das Herz. »Emma, nicht.« Umgehend zog er sie in seine Arme, barg ihr Gesicht an seiner Schulter, um ihr das alles zu ersparen.
   »Großer Gott, so viele«, stammelte sie.
   Geduldig streichelte er über das weiche Haar an ihrem Hinterkopf und flüsterte beruhigende Worte. »Lass uns rasch weitergehen und das hier hinter uns lassen.«
   »Sie liegen hier einfach herum, niemand hat sich um die Körper gekümmert, niemand hat sie beerdigt«, wisperte sie.
   Behutsam nahm er sie auf die Arme, um sie über die Reste der Wächter zu tragen. »Nun ja, Alasar ist es egal, ob seine Schergen sterben und was anschließend mit ihnen geschieht. Niemand aus seinem Heer wird bestattet. Nach dem Kampf an dieser Stelle wurde er ohnehin gefangen genommen, und auch Ylaria und Teodorico durfte es herzlich egal gewesen sein, was mit den Überresten passiert.« Mit großen Schritten ließ er die verwesenden Körper hinter sich. Er setzte Emma erst wieder am Eingang zur Knochenkammer ab. »Hier sind wir, meine kleine Elfe«, sagte er leise und lächelte sie an, in der Hoffnung, dass der Raum sie von eben ablenken würde. Sobald sie einen Blick hineinwarf, hellte sich ihre Miene umgehend auf.
   »Wow, das ist ja der Hammer«, sagte sie und sprang sogleich die wenigen Stufen hinab. »Wie genial ist das denn?« Sie ging langsam an den Stapeln der sorgsam übereinandergelegten Gebeine entlang und murmelte fortwährend Worte des Erstaunens. Immer wieder blickte sie zu den Ambertsteinen an die Decke, schüttelte den Kopf und strich erneut ehrfürchtig über die Knochen. »Diese selbstleuchtenden Steine würden euch in meiner Welt zu den reichsten Menschen auf dem Planeten machen. Sie würden töten, um diese Art der Energiegewinnung in ihre Hände zu bekommen.«
   »Weswegen die lieben Steinchen in dieser Welt glücklich und zufrieden sind und nicht daran denken, in deine überzusiedeln«, erwiderte Solvin lächelnd.
   »Im Gegensatz zu uns. Ich hätte nicht gedacht, dass ich New York so schnell wiedersehen würde.«
   »Ich auch nicht, meine Elfe, ich auch nicht.«
   »Wo ist das Portal?«, fragte sie daraufhin, ging zur Mitte des Raumes, wo unter den von Sasha fortgewischten Staubresten das Bodenmosaik hindurchschimmerte, und sah sich um.
   »Nicht hier. Wir müssen weiter. Komm.« Solvin nahm sie an der Hand und führte sie zu dem ehemals kopflosen Skelett, das ihnen einst den letzten geheimen Zugang geöffnet hatte. Der massive Steinblock war noch immer zurückgeschoben, sodass sie problemlos in den nächsten Raum hindurchschlüpfen konnten. Es roch nicht mehr ganz so muffig, doch Emma hustete dennoch.
   »Die Erfindung von Raumerfrischern solltet ihr unbedingt überdenken«, sagte sie, während sie auf das blaue Flimmern starrte, das vom angrenzenden Raum kam. »Wow. An diesen Anblick werde ich mich nie gewöhnen.«
   »Es ist noch da.« Erleichtert, dass Alasar nach seinem Freikommen bisher nicht an die Runensteine gedacht hatte, ging er, gefolgt von Emma, geradewegs auf das Portal zu. Nach ihrer Rückkehr mussten sie darüber nachdenken, wo sie die Steine sicher verwahren konnten, augenblicklich zählte jedoch nur, Verstärkung aus der anderen Welt zu holen. Solvin malte sich Licas’ überraschtes Gesicht aus, sie so bald wiederzusehen, und musste grinsen.
   »Ich kann es kaum erwarten, Emmet wieder in die Arme zu schließen«, sagte Emma neben ihm.
   Bei den Heiligen. Diese Nervensäge hatte er bereits komplett aus seinen Gedanken verdrängt. »Ich fürchte, dafür werden wir keine Zeit haben, meine kleine Elfe«, sagte er zaghaft.
   »Papperlapapp. Für Familie gibt es immer Zeit.«
   »Aber unsere Mission …«
   »Stell dich nicht so an!«
   »Lass uns … erst einmal sehen, ob wir Licas in den gewaltigen Dimensionen eurer Stadt überhaupt finden werden«, wich Solvin aus.
   »Darüber mach dir mal keinen Kopf. Du vergisst, dass mein Handy wieder funktionieren wird, sobald wir in New York sind«, sagte sie freudig. Zu freudig, befand er. Diese verteufelte Technik war ihm suspekt.
   »In Ordnung.« Tief durchatmend positionierte er sich mit ihr vor dem blauen Oval, das sie in einer anderen Welt ausspucken würde, sobald sie hindurchgingen. Die Unglaublichkeit einer solchen Existenz war ihm noch immer nicht geheuer, darüber konnte er sich jedoch genug Gedanken machen, wenn sie all das hinter sich gebracht hatten. Falls sie dann noch am Leben wären. Verstohlen blickte er zu Emma, auf deren Gesicht sich das friedfertige Wabern farblich widerspiegelte. Etwas legte sich um seine Brust und schnürte ihm die Luft ab. Nein. Derartige Überlegungen konnte und wollte er nicht zulassen. Nicht hier und nicht jetzt. »Bereit?«, fragte er leise und räusperte sich, um den störenden Kloß in seiner Kehle loszuwerden.
   »Bereit«, sagte sie und klang aufgeregt.
   Wenigstens wurde sie nicht von denselben Sorgen zerfressen, das beruhigte ihn. Im nächsten Augenblick gingen sie Hand in Hand gemeinsam in die andere Welt.

Kapitel 5
Im grünen Tal
Talin & Caris

Der Abstieg aus den eisigen Höhen der Heimat der Ewansiha lag bereits einige Stunden hinter ihnen. Caris hatte nicht viel gesprochen seitdem, was Talin nur recht war. Allerdings wusste er dadurch nicht das Geringste über ihr nächstes Ziel und wohin sie gingen. Er lief neben dem Rotschopf her, der jedoch nichts von sich gab. Sie schien in Gedanken versunken. »Ralds Männer sind stark. Sie geben eine hervorragende Unterstützung ab«, sagte er schließlich.
   »Ich bin dankbar, dass sie sich uns anschließen werden«, erwiderte sie. »Ich hoffe, dass sein Wort noch gilt, wenn wir am Ende unserer Suche die Boten aussenden, um alle für den Angriff zu versammeln.«
   »Ich schätze ihn nicht als Mann ein, der sein Wort bricht.«
   »Hoffen wir es.«
   »Wohin gehen wir nun?«
   »Zu den Sintra.«
   Talin blieb stehen und sah ihr irritiert nach. »Das Volk der Sintra wurde vor vielen Jahrhunderten bereits ausgelöscht.«
   Nun hielt auch Caris inne und drehte sich zu ihm um. »Ziemlich schlau, den Rest der Welt genau das glauben zu lassen, nicht wahr?«
   »Ich verstehe.« Darius würde über diese Erkenntnis staunen. Er selbst konnte es nicht ganz glauben. Die Sintra waren ein uraltes Volk von erbarmungslosen Kriegern gewesen, die tief in den Sümpfen der einst üppigen Wälder gelebt hatten. Versteckt vor den anderen Menschen – als sie alle noch menschlich waren. Sie waren stets in Bewegung gewesen, verzichteten darauf, sesshaft zu werden. Im Gegensatz zu Talin und seinen Brüdern lebten die Sintra nie in festen Behausungen und dicht besiedelten Gebieten. Sie waren Schatten im längst vergangenen Grün der einstigen Flora gewesen. Nicht mehr als ein Flüstern im Wind, vor dem sich alle fürchteten. Verbittert schnaubte Talin. Nun waren er und seine Brüder diejenigen, vor denen sich die Bevölkerung ängstigte. Vampire, die sie als Abart bezeichneten, und gleichzeitig blindlings dem Schlimmsten davon Gehorsam geschworen hatten.
   »Wir werden uns Reittiere besorgen müssen. Zu Fuß würde es zu lange dauern. Und mir steht nicht der Sinn, die Strecke in unserer speziellen Geschwindigkeit zu rennen.«
   »Sicher.« Talins Gedanken hingen noch immer bei dem geheimnisumwobenen Volk, das offenbar nicht so ausgelöscht war, wie die Gerüchte es besagten. »Du kennst ihr Versteck?« Er schloss zu ihr auf, und gemeinsam gingen sie weiter.
   »Nicht persönlich.«
   »Wie kommt es, dass du so viel über die Clans im Untergrund weißt?«
   »Denkst du, ihr seid die Einzigen, die einen Weg gesucht haben, Alasars Schreckensherrschaft ein Ende zu setzen? Ich führe das Vermächtnis meiner Eltern und ihrer Ahnen fort. Die Suche nach den letzten Kriegern begleitet mich bereits mein gesamtes Leben.« Caris blieb stehen und sah verbissen in die Ferne. »Man sollte meinen, Zeit wäre das Einzige, das wir im Überfluss haben, nicht wahr?«
   »Nun …«
   »Es ist eine Geschichte, die wir Kinder im Untergrund als Gutenachtgeschichte erzählt bekommen haben. Damit sie nicht verloren geht. Die Erinnerung an ein Leben in Freiheit.« Sie biss die Zähne so fest zusammen, dass Talin deutlich die Bewegung ihrer Wangenmuskeln sehen konnte. Die leichte Brise, die sie in dieser Halbhöhenlage noch immer begleitete, wehte keck ihr feuerrotes Haar durcheinander. »Wir hatten kein Wissen über ein Buch oder über andere Welten und Labore, doch wir hatten Hoffnung. Wir behielten uns das Wissen, weil auch wir alles ändern wollten.« Nun wandte sie sich ihm direkt zu, und ihre grünen Augen funkelten ihn regelrecht an. »Das Virus hat uns erschaffen, wir haben uns dieses Leben nicht ausgesucht. Und wir haben es uns verdammt noch mal verdient, dass wir leben dürfen! Keine Isolation mehr, kein im Dreck kriechen mehr!«
   »Welches Wissen?«
   »Wir sorgten dafür, dass von Generation zu Generation weitergetragen wurde, wo sich unsere Art im Verborgenen hält. Leider sind einige der Informationen nicht mehr vollständig oder auch falsch gewesen. Ich habe viele Jahrzehnte sorgsam jedes Wissen, das ich bekommen konnte, zusammengetragen. Doch ich war zu spät.« Talin sah, wie sie die Hände zu Fäusten ballte und offensichtlich um Beherrschung kämpfte. Einige Male atmete sie tief durch, dann schien sie sich wieder gefasst zu haben. »Vor ein paar Wochen glaubte ich, es geschafft zu haben. Natürlich traf ich rasch sämtliche Vorbereitungen für meine Reise. Ich wollte keine Zeit verlieren, umgehend losreiten und eine Armee zusammenstellen, vor allem jetzt, da dieses Monster einen neuen Feldzug gegen uns führt. Doch dazu kam es nie. Alasars Schergen fanden uns, bevor ich fortkam. Sie schlachteten jeden nieder, töteten alle, ohne, dass mein Clan überhaupt die Chance bekam, zu kämpfen. Sie wurden überrascht, im eigenen Heim vernichtet. Die Wächter. Sie … Meine Eltern, mein …« Caris rang sichtlich um Fassung, während sich Trauer und Hass abwechselnd in ihrem Gesicht widerspiegelten.
   »Dein Verlust tut mir leid.« Talin blickte sie mitfühlend an, doch obwohl sie ihn anstarrte, schien sie durch ihn hindurchzusehen. Als wäre sie gedanklich in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Wer wusste besser als er, dass diese Zuflucht oftmals die letzte Rettung war.
   »Ich war auf Besorgungstour«, fuhr sie leise fort, während sie abwesend auf etwas blickte, das nur sie sehen konnte. »Letzte Erledigungen machen. Tags darauf war mein Aufbruch vorgesehen. Am Abend wollten wir den Abschied mit einem kleinen Fest zelebrieren. Meine Eltern waren so stolz auf mich, und mein Clan legte sämtliche Hoffnungen in mich. Aber als ich zurückkehrte, empfingen mich anstatt der liebevollen Umarmungen meiner Familie ihre kalten Leichname.« Caris schloss die Augen, und als sie die Lider nach einer Weile wieder öffnete, sah sie Talin an. »Ich war nicht da, als mir das Liebste auf der Welt genommen wurde. Ich war nicht an ihrer Seite, als ihre Leben ausgelöscht wurden. Anstatt meine Reise anzutreten, verbrachte ich die Tage darauf mit dem Bestattungsritual. Außer ihnen habe ich niemanden mehr. Also ließ ich die Berge hinter mir und machte mich auf, die verbliebenen Vampire dieser Welt zu suchen und zu einen, um Alasar zu vernichten. Dann traf ich auf euch.« Sie straffte sich und blickte in die Ferne. »Ich weiß also so viel über die Clans im Untergrund, weil es meine letzte, meine einzige Aufgabe ist, sie zu finden und zusammenzuführen. Ich werde Alasar eigenhändig umbringen!« Anschließend ging sie einfach weiter.
   Einen Augenblick lang verharrte Talin, ohne ihr zu folgen. Er blickte ihr einfach nach und kämpfte den inneren Aufruhr seiner Gefühle nieder. Ihre Worte hatten etwas in ihm aufgewühlt, das er seit Jahrtausenden sorgsam hegte und nur allzu gut kannte: Schmerz. Sie wurde davon zerfressen, wie es ihn zerfraß. Sie litt unter einem unsäglichen Verlust, wie er es tat. Wie es jedem der Vampire auf dieser Welt erging, dem die Oberen alles genommen hatten. Talin hatte sich all die Jahrhunderte nur auf sein Leid konzentriert, und doch verspürte er plötzlich für Caris Mitgefühl. Ihr Martyrium hatte gerade erst begonnen, während er sich längst mit seiner Pein arrangiert hatte. Er wusste, was ihr bevorstand, und es tat ihm wahrhaftig leid. In ihm wuchs der Wunsch, ihr all das erspart haben zu können. Schmerz saugte die Seele aus. Und das wünschte er niemandem.
   »Was ist? Willst du dort Wurzeln schlagen? Dabei bist du so alt, da solltest du doch am besten wissen, dass in diesem kargen Drecksloch nichts wachsen und überleben kann.«
   Talin zeigte die Andeutung eines Lächelns, während er sich einen Ruck gab und zu ihr aufschloss. Sie irrte sich in diesem Punkt. Es war möglich, hier zu überleben. Für die Stärksten unter ihnen, die die größten Opfer erbracht hatten. Der Rotschopf gehörte dazu, sie wusste es nur noch nicht.

Die Morgendämmerung brach herein. Talin lag mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Rücken und starrte nachdenklich in den dunklen Horizont, der bereits an einigen Stellen das Tageslicht willkommen hieß.
   Sie hatten am Vortag bei der nächstbesten Siedlung, die sie passierten, zwei Pferde aus einem Stall gestohlen und waren bis zum Abend weitergeritten. Caris war, seit er sie kannte, ohnehin nie sehr redselig gewesen. Seit sie jedoch von der Nacht erzählt hatte, in der ihre Familie und ihr gesamter Clan ausgelöscht wurden, sagte sie überhaupt nichts mehr. Auch als sie das Nachtlager aufschlugen und zwei frisch erlegte Kleintiere über dem Feuer brieten und anschließend aßen, sprach sie kein Wort. Talin bot sich an, die gesamte Nacht über Wache zu halten, weil er hoffte, dass vielleicht etwas Schlaf ihre frisch aufgebrochene Wunde und den unsäglichen Schmerz etwas lindern konnte. Sie hatte ihm zugenickt und sich dann ihm abgewandt auf ihre Decke gelegt. Irgendwann hörte Tal sie gleichmäßig atmen und wusste, dass sie endlich schlief.
   Bereit, in seiner Gedankenwelt zu versinken, wartete er auf die letzten Erinnerungen an Lahra, die er noch hatte. Stattdessen manifestierte sich immer wieder das Bild von ärmlichen Zelten, die hoch oben in den Bergen Schutz und Zuflucht für einen ganzen Clan sein sollten. Er musste keine Einzelheiten kennen, Talin wusste genau, wie ein abgeschlachtetes Dorf aussah. Zu oft schon waren sie zu spät gekommen, zu oft hatten sie nicht verhindern können, dass Alasars kranker Geist Tod und Verderben über sie alle brachte.
   Als er in den Himmel sah, wunderte er sich, dass die Nacht an ihm vorübergezogen war, ohne, dass er es tatsächlich registriert hatte. Er war zu sehr in Gedanken versunken gewesen. Das Merkwürdige war jedoch, dass es nicht seine üblichen Grübeleien waren, die ihn beschäftigten. Tal hatte viel über Caris nachgedacht, über ihr Schicksal, das dem seinen nicht unähnlich war. Und er hatte sich permanent gefragt, weshalb ihn das überhaupt tangierte, denn sie war nicht die Erste und nicht die Einzige, die Alasar in tiefe Trauer gestürzt hatte. Auch sein Bruder Darius hatte seine erste Gefährtin verloren. Sie lebten nur bereits so lange mit diesem Schmerz, dass er ihnen womöglich inzwischen normal vorkam. Für Caris aber waren die Wunden frisch. Sie durchschritt eben erst das Tal des Kummers, dessen Schluchten Talin längst auswendig kannte.
   Ihr Verlust hatte ihn in die Zeit seiner tiefsten Verzweiflung zurückversetzt. Als er nicht wusste, wie er atmen sollte, weil ihm die Qual die Brust zermalmte und jeglichen Sauerstoff raubte. Heute Nacht hatte er viele verwirrende Gedanken gehegt, die ihn gleichzeitig irritierten und auch aufwühlten. Der Tod war ein ständiger Begleiter in dieser Welt und in ihrem Leben. Angesichts der Tatsache, dass sie durch das Virus ewig leben konnten, war ihr Dasein die reinste Ironie.
   »Tot bist du nicht, ich höre dich atmen. Dennoch hast du dich seit Stunden keinen Millimeter bewegt. Falls du gelähmt bist, schleife ich dich bestimmt nicht mit. Das kannst du vergessen.«
   Caris klang noch ungehaltener als am Vortag. In New York hatte dieses Kaffee–Zeug stets dazu beigetragen, dass sich Emma rasch beruhigte. Augenblicklich wünschte er sich etwas von diesem Gebräu für den Rotschopf her. Ihm war entgangen, dass sie ebenfalls längst wach war. Er musste umgehend mit dieser Grübelei aufhören, bevor er so nachlässig wurde, dass der Feind sie überraschen und erledigen konnte.
   »Die Sonne geht bald auf, wir sollten eine kleine Stärkung zu uns nehmen und schnellstmöglich weiterreiten.«
   Ihrer Laune nach zu urteilen, würde auch der heutige Ritt gesprächsarm werden. Diese Tatsache war eigentlich perfekt, dennoch wurde Talin das Gefühl nicht los, dass mehr dahintersteckte. Caris hatte ihm nicht alles erzählt. Was auch immer sie ihm verschwieg, es stand ihm fern, sie danach zu fragen. Normalerweise interessierte ihn das Befinden anderer auch nicht. Schon gar nicht von Unbekannten. Und doch war sie ihm so ähnlich, dass sie ihm nicht mehr fremd erschien. Trauer war mitunter ein starkes Band.

Der Nachteil am unsteten Leben unterwegs war, dass die Nahrung äußerst beschränkt war. Das Dörrfleisch vom frühen Mahl hing Talin noch immer schwer im Magen. Er hatte das Zeug noch nie ausstehen können.
   »Ich könnte töten für ein anständiges Bad«, sagte Caris ungehalten, deren Pferd neben seinem herlief.
   Da sagte sie allerdings etwas Wahres. Der überwiegend steinige Boden hatte in den letzten Tagen staubige Spuren auf ihrer Kleidung hinterlassen. Von den Stellen am Körper ganz zu schweigen, die juckend um Wasser bettelten. »Möglicherweise finden wir auf unserem Weg einen Bach oder eine Quelle, in der wir uns frisch machen können.«
   »Klar.« Sie schnaubte, weil sie vermutlich so gut wie er wusste, dass es eher unwahrscheinlich war, auf größere Wasseransammlungen zu treffen. Sie waren schon froh, wenn sie ihr Trinkwasser regelmäßig auffrischen konnten.
   »Warst du schon einmal bei den Sintra?«
   »Nein. Ich war bei keinem der Clans, die wir aufsuchen werden.«
   »Dir sind ihre Anführer demnach nicht persönlich bekannt?«
   »Richtig. Weshalb fragst du? Ist das ein Problem?«
   »Das kommt auf den Clan an. Früher kam es öfter vor, dass ungebetener, fremder Besuch einen Kopf kürzer gemacht und danach erst nach dem Grund seines Erscheinens gefragt wurde.«
   »Aha. Na dann, Sonnenscheinchen, hoffe ich, dass du nicht zu sehr an deinem hübschen Köpfchen hängst. Möglicherweise solltest du bereits anfangen, dich von ihm zu verabschieden. Wir sind nämlich bald da.«
   Talin brummte genervt. Sie war ihm viel sympathischer gewesen, als sie ihren Mund noch gehalten hatte.
   »Und bevor du fragst – da du ja so redselig bist –, ja, ich kenne den Weg, auch wenn ich noch nicht dort war. Ich hatte Jahre, um mir alles einzuprägen.« Ohne Vorwarnung presste sie ihre Beine gegen die Flanke des Pferdes, woraufhin es wild wiehernd nach vorn preschte. »Auf was wartest du? Ich will mein Bad noch in diesem Leben haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass selbiges nicht mehr allzu lange dauert, ist ziemlich hoch, ich muss jede Sekunde nutzen«, rief sie ihm über die Schulter zu.
   Talin atmete harsch aus und drängte sein Reittier ebenfalls zu einem Galopp. Dieses Weib würde noch sein Untergang sein.

Nicht nur ein Mal hatte er sich gefragt, weshalb er dem Rotschopf ohne Vorbehalte folgte, obwohl er nicht wusste, wohin sie ritten. Es musste etwas an ihrer Verzweiflung sein. Von ihr ging dieselbe Aura aus, wie er seine selbst auch empfand. Ihre Wut, der Selbsthass, das Schlimmste nicht verhindert haben zu können, und der unbändige Wille, Alasar zu vernichten. Nun stand er jedoch auf dem Grund einer Schlucht im Nirgendwo und blickte sich um. Hier gab es nichts. Hatte sie doch einen Hinterhalt geplant?
   »Bevor unsere Welt zerstört wurde, floss ein riesiger Fluss durch dieses Tal. Der Sintra, von dem der Clan seinen Namen übernahm. Die Wassermassen müssen gewaltig gewesen sein. Sieh dir nur das ausgehöhlte Gestein an. Wie viele Jahrhunderte es wohl benötigt hat, solch ein Kunstwerk zu erschaffen?« Caris drehte sich um sich selbst, während sie staunend die erodierten Felswände betrachtete, die hoch über ihre Köpfe in den Himmel ragten.
   »Und wo sind die Behausungen? Ich sehe nichts.« Noch immer misstrauisch behielt Talin sie gut im Auge. Gewaltige Wassermassen hatte er bereits in New York kennenlernen müssen, davon hatte er für alle Lebzeiten genug.
   »Ihr Männer habt einfach keinen Blick für wahre Schönheit.« Seufzend deutete sie ihm an, ihr zu folgen. »Wir müssen noch ein Stück laufen. Am Südrand der Schlucht befindet sich laut meinen Aufzeichnungen der Zugang.«
   Sie hatte die Wahrheit gesagt. Kurz darauf blickte Talin auf eine Art Höhleneingang, dessen zu perfekte Form nicht der Natur entsprungen sein konnte. Er verzog das Gesicht. Wieso immer nur Löcher. Er hasste diese Dinger. Man wusste nie, was einen erwartete und konnte die Gefahren nicht abschätzen.
   »Hier ist es. Gehen wir.« Caris zog den größten ihrer Dolche vom Gürtel ab, hob ihn abwehrbereit vor sich und schritt durch die Öffnung.
   »Langsam!« Talin eilte ihr nach, verärgert darüber, dass sie mutiger, denn vorsichtig war.
   »Zeit haben wir noch genug, wenn ich diesem Bastard bei lebendigem Leib die Haut von den Muskeln gezogen habe!«
   Er hasste Alasar ebenso sehr, doch deshalb musste er nicht blindlings in eine Falle laufen. »Wir haben keine Fackeln, um unliebsame Besucher fernzuhalten.«
   »Wir haben Waffen, wozu benötigst du Feuer?« Unverständnis zeigte sich auf ihrem Gesicht, bevor sie sich abwandte und weiter hineinging.
   Talin schnaubte. Offenbar hatte sie noch nie Bekanntschaft mit einigen veränderten Tierarten gemacht.
   Durch ihr ausgezeichnetes Sehvermögen fanden sie sich problemlos in den Tiefen der Höhle zurecht, in der es für Normalsterbliche stockdunkel sein musste. Der unebene Weg erinnerte ihn an das Höhlensystem unter dem Feuersee. Er hegte kein Interesse, sich erneut irgendwelche Körperteile an den spitzen Überhängen aufzuschürfen. Zudem war nicht ausreichend Platz vorhanden, um aufrecht zu gehen. Selbst der Rotschopf schritt in geduckter Haltung voran.
   Je tiefer sie in das Innere vordrangen, umso mehr gewann Talin den Eindruck, dass die Röhre sie nicht in den Felsen hinein, sondern unter das Erdreich führte. Seine Sinne stets in Alarmbereitschaft, bemerkte er, dass sich der steinige Pfad senkte, je weiter sie gingen. Der Sauerstoff nahm ab und die Atemluft wurde dünner, dafür roch es zunehmend nach Fäulnis und frischer Erde. Verwirrt über die vielen Gerüche, deren Quelle er nicht ausmachen konnte, glitt sein Blick konzentriert durch den Gang. Gestein strömte nicht einen derartigen Duft aus. Sie mussten sich daher in der Nähe von einem Ausgang befinden.
   »Riechst du das auch?«, fragte Caris leise neben ihm. »Ich glaube, wir haben unser Ziel bald erreicht.«
   In dem Moment sah er auch schon eine weitere Öffnung, die sie in einigen Metern erreichen würden. »Da vorn«, flüsterte er.
   So lange er nicht wusste, was sich dahinter verbarg, konnten sie nicht vorsichtig genug sein. Konzentriert schlichen sie sich an das Loch heran, doch kein Feind wartete dahinter, um über sie herzufallen. Stattdessen erwartete sie ein unerwarteter Anblick. Eine alte, verwitterte Steintreppe führte in die Tiefe hinab. Das Ungewöhnliche war jedoch das viele Grün, das sie empfing, und der vielfach angestiegene Sauerstoffgehalt in der Luft.
   »Ich glaube es nicht. Sieh dir das an, wie ist das möglich?«
   Staunend senkte Caris den Arm, in dem sie den Dolch hielt und betastete mit der freien Hand die Wand neben der Treppe. Sie war, ebenso wie die Stufen, komplett mit Pflanzen überwuchert. Wuchtige Ranken saugten sich am Felsgestein fest, während saftig grün aussehendes Moos die Treppe zierte. Von der Decke hingen ebenfalls Ranken herab, deren völlig gesunde Blätter eine Art Dach bildeten, unter dem sie würden hindurchgehen müssen.
   »Erstaunlich.« Auch Talin konnte sich das Vorhandensein der Pflanzen nicht erklären. Vor allem nicht hier, unter der Erde. Im Dunklen.
   »Es ist so wunderschön«, wisperte Caris. »Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so etwas Wundervolles gesehen habe.« Ehrfürchtig strich sie über einzelne Blätter und wirkte für einen Augenblick glücklich und unbeschwert.
   Talin indessen hatte während seines Aufenthalts in der anderen Welt genug Pflanzen gesehen, sodass sich seine Verzückung in Grenzen hielt. Vielmehr grübelte er darüber nach, wie das hier möglich sein konnte. Sicher, es gab einige wenige Grünanlagen in ausgesuchten Städten, die die Oberen hatten anlegen lassen. Es waren jedoch keine wirklichen Pflanzen, sondern aus dem Labor gezüchtete. Er hatte angenommen, dass es überhaupt keine echte Flora mehr gab. Nun wurde er eines Besseren belehrt.
   »Dieser Ort muss schon immer existiert haben. Das Virus hat es nicht bis ins Innere geschafft und all die Pracht durfte die ganze Zeit leben.« Noch immer schien Caris von dem Grünzeug völlig gebannt zu sein.
   »Das mag sein. Wie erklärst du dir jedoch – abgesehen vom Virus – das schiere Vorhandensein? Ich bin kein Biologe, aber meines Erachtens benötigen Pflanzen zum Überleben Wasser und Licht. Beides kann ich hier nicht ausmachen.«
   »Nun ja. Möglicherweise sind es keine normalen Pflanzen?«
   »Es gibt meines Wissens keine veränderte Flora.«
   »Das meinte ich auch nicht. Viel mehr, vielleicht haben sie sich angepasst? Da sie ja offensichtlich im Dunkeln wachsen, fällt mir nichts anderes ein.«
   »Dennoch ist Wasser von Nöten. Der Fluss ist seit Jahrhunderten ausgetrocknet. Ob es noch eine unterirdische Quelle gibt?« Manchmal wurde selbst ein so alter Vampir wie Talin von einer Welt überrascht, die er stets zu kennen glaubte.
   »Ich kann es kaum erwarten, das herauszufinden.« Sie sprang die ersten Stufen hinab. »Nun komm schon, du alter Griesgram!«
   »Zügele deine Ungeduld, sonst brichst du dir noch das Genick.« Im Gegensatz zu Caris ging Talin die Treppe mit Bedacht hinunter. Wer wusste schon, wie alt das hier alles war und vor allem, wie stabil.
   Der Abstieg dauerte länger als gedacht. Dass sie dabei immer tiefer unter die Erde vordrangen, bereitete ihm Unbehagen. Die Tatsache, dass sie von massivem Gestein eingeschlossen waren und tonnenweise Erdreich über ihnen lag, machte es nicht besser. So elendig hatte er sich zuletzt in New York im Inneren dieser Brücke gefühlt. Mit diesen unvorstellbaren Wassermassen um sich herum, die ihm eine scheiß Angst eingejagt hatten.
   »Sind alle Vampire so lahm, die so alt sind wie du?« Caris empfing ihn grinsend am Ende des Abstiegs.
   Talin musterte sie mit zusammengekniffenen Augen und beschloss, diese Beleidigung zu ignorieren. Stattdessen ging er wortlos durch die neue Öffnung hindurch, die ihn staunend in einer anderen Welt ausspuckte. Eine, die er fast vergessen hatte.
   »Bei den Heiligen. Ich muss träumen.« Der Rotschopf trat neben ihn und bohrte ihre Finger in seinen Unterarm.
   Der Anblick war in der Tat beeindruckend. Die Sintra hatten es geschafft, ein Zuhause unter der Erde zu erschaffen, das, unberührt von den Nachwehen des Virus, aussah, wie vor der Vernichtung. Talin wusste, dass es Vampire natürlich erst seit der neuen Zeitrechnung gab, dieser Ort hier musste jedoch lange vorher existiert haben. Er war verschont geblieben und die Sintra hatten dieses Paradies entdeckt und zu ihrem Heim gemacht.
   Vor ihnen erstreckte sich am Fuße einer weiteren Treppe ein etwa zwei Meter breiter Kanal, dessen Wasser hellgrün aussah. Talin vermutete, dass sich darin seit Jahrhunderten Pflanzen zersetzten. Er hatte noch nie solch eine Farbe in einem Gewässer gesehen. Das erklärte wohl auch den dominanten Geruch von Verfall. Mit Bedacht ging er die wenigen Stufen voraus hinab, die in das Wasser hineinführten, auf dessen gegenüberliegender Seite die Höhlenwand ihnen die Sicht versperrte. Am Rand blieb er stehen und blickte zur Seite. Zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass ein schmaler Steinsteg neben dem Kanal verlief. Sie würden also nicht in die Brühe steigen müssen.
   »Ich habe noch nie derart Beeindruckendes gesehen«, sagte Caris leise. Sie sprang ohne Umschweife auf den Steg, der nicht viel Platz bot, bevor die Felswand anfing. Gekonnt balancierte sie die wenigen Meter darauf entlang.
   Talin gab ein genervtes Brummen von sich, da sich der Rotschopf erneut ohne jegliche Angst übereilt fortbewegte. Die Höhle, samt Kanal, machte eine Biegung nach links, sodass sie nicht einsehen konnten, was sie dahinter erwartete. Im nächsten Augenblick schrie sie auf. Jäh stellen sich die feinen Härchen in seinem Nacken auf. Tal schob jegliche Achtsamkeit beiseite und war innerhalb eines Wimpernschlages bei ihr. »Was ist geschehen?« Er musterte sie, doch ihr schien nichts zu fehlen.
   »Sieh dir das an«, wisperte sie.
   Erst jetzt bemerkte Talin, dass er inzwischen auf einem Vorplatz stand, der zu dem Eingang eines verwitterten, jedoch noch immer imposanten Gebildes gehörte. »Was bei den Heiligen ist das?« Misstrauisch schritt er durch die Säulen hindurch, spähte durch den Zugang, ohne etwas zu erkennen und ging schließlich zu Caris zurück.
   »Ich hätte nicht gedacht, dass unsere verdorbene Welt noch so besondere Orte für uns bereithält«, erwiderte Caris abwesend.
   Talin folgte ihrem Blick nach oben. In der Tat war dieser Anblick beeindruckend. Über dem Gebäude, das wie die Überreste eines alten Tempels aussah, befand sich eine Öffnung im Berg. Kräftige Wurzeln von Pflanzen, die sich nicht in seinem Blickfeld befanden, wanden sich seitlich hinab und schlängelten sich über das teils eingefallene Dach. Für Vampire war es immer hell, aber er wusste, dass die Sintra hier einen Weg gefunden haben mussten, Tageslicht ins Erdinnere zu leiten. Plötzlich kam ihm das bekannt vor und fieberhaft suchte er nach dem Woher. Und dann fiel es ihm ein. In dieser unterirdischen Zugstation in New York hatte es genau so funktioniert. Talin schluckte. War es Zufall oder war hier tatsächlich die Errungenschaft einer Welt in die andere übernommen worden? Wenn ja, wer hatte dann von wem profitiert? Wie oft war zwischen den Welten gewechselt worden? Was hätte alles verhindert werden können, wenn sie nur gewusst hätten …
   »Du siehst verstört aus. Was ist los?«
   Caris hielt ihn wie üblich davon ab, in seinen Grübeleien zu versinken. »Dieses System kenne ich. Wir haben es in der Stadt gesehen, die hinter dem Portal liegt.«
   »Seit ich euch begegnet bin, habe ich mehr Fragen als Antworten.«
   »Willkommen in meinem Leben.«
   »Ich habe nicht darum gebeten. Wenn wir nun schon hier sind, gehen wir dann endlich weiter?« Sie deutete mit der Hand, in der sie den Dolch hielt, auf den Eingang hinter den Säulen.
   Talin sah auf den Kanal, der einen Kreis zu beschreiben schien. Um weiterzukommen, würden sie daher in das Gebäude gehen müssen. Also stapfte er voraus, bevor sich der Rotschopf wieder an ihm vorbeidrängen konnte. Sie schien Gefahr fast noch mehr zu suchen als er.
   »Du vertraust mir wohl nicht?« Dicht hinter ihm betrat sie den Durchgang.
   »Das hat damit nichts zu tun. Achte auf den Boden. Mit einem gebrochenen Bein nützt du mir nichts.« Auf die Umgebung und mögliche Angreifer konzentriert, stieg er über herabgefallenes Geröll, das sich vor langer Zeit aus den alten Gemäuern gelöst haben musste.
   »Du weißt schon, dass meine Knochen ebenso heilen wie deine?«
   Wortlos ging er weiter. Für seinen Geschmack war sie wieder viel zu mitteilungsbedürftig geworden. Dieser Ort war ihm nicht geheuer. Sie befanden sich weit unter der Erde an einem Platz, den das Virus nicht erreicht haben konnte. Alte, zerfallene Bauten, Wasser, Grün, so weit das Auge reichte, und künstlich herbeigeführtes Tageslicht. Wie bei den Heiligen war das alles möglich? Und wo waren die Bewohner? Je tiefer er sich behutsam in das Innere des verwitterten Gebäudes hineinwagte, desto deutlicher sprangen seine Instinkte an.
   »Spürst du das auch?«, flüsterte Caris hinter ihm.
   In der Tat erahnte er den alten, mächtigen Geist, der den Überresten innewohnte. Einst musste es eine beachtliche Zivilisation gewesen sein. Doch wohin war sie verschwunden?
   »Was ist das?«
   Auch Talin sah es. Inmitten der Trümmer prangte ein gigantisches Loch. Je näher er sich herantastete, umso ungläubiger nahm er wahr, was sich ihm offenbarte. »Das ist erstaunlich«, sagte er ehrfürchtig.
   Es war nicht einfach nur eine Aushöhlung, sondern ein riesiger Schacht, der als Rondell in die Tiefe führte. Rundbögen säumten den Weg, der nach unten ging, und kleine Aussparungen dienten als eine Art Fenster. Das porös wirkende Gestein war von Moos überwachsen, und an den freien Stellen wuchs etwas Schwarzes auf ihnen. Talin vermutete Pilze, da er den Geruch von Fäulnis, der von einer andauernden Feuchtigkeit herrühren musste, nur allzu deutlich roch. Er nahm an, dass es etwas mit dem Kanal zu tun haben könnte. Es wäre nicht verwunderlich, wenn nach all den Jahrhunderten Wasser aus dem alten Bau ins Erdreich austräte. Was das viele Grün erklären würde.
   »Die Sintra waren ganz schön fleißig.« Caris presste sich an seine linke Seite, um ebenfalls hinabzuspähen.
   Es war in der Tat beachtlich, was dieses Volk vollbracht hatte. Dennoch waren sie nicht hier, um altes Bauwerk zu bestaunen. Zudem prickelten seine Instinkte nach wie vor und warnten ihn vor einer Gefahr, die nicht sichtbar war. Ebenso wie die Sintra.
   »Wo sind sie hin?«, fragte Caris, die offenbar dieselben Gedanken hegte.
   »Das werden wir wohl nur herausfinden, wenn wir dort runtergehen.«

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