Dies ist der Saga-Showdown um eine Vampirheilerin, ... die das Ziel hat, jeden Vampir aus der Verdammung zu befreien, ... deren Ehemann sein Leben aufs Spiel setzt, um das ihre zu retten, ... und deren Gegner zu allem bereit sind, um beide ins Unglück zu stürzen. Vier Jahre nach Cassys Verschwinden trägt Elise den Titel der Vampirheilerin endlich zu Recht. Aus Choisric Castle wurde Choisric Church, eine Heilanstalt für Vampire, in der vermeintlichen Nonnen heilungswillige Vampire zugeführt werden. Obwohl der Himmel Elise gnädig zu sein scheint, gehen ihre Ziele darüber hinaus. Sie will einen Weg finden, alle Vampire aus der Verdammung zu befreien, auch, wenn sie damit gegen den Willen der Erzengel verstößt. Doch als Elises größter Widersacher davon erfährt, spielt er seinen mächtigsten Trumpf aus. Welchen Grund gibt man einem Urvampir, sich heilen zu lassen, wenn er sich mit Gott gleichwertig fühlt? Und wie schützt man sich vor einer göttlichen Macht, während sogar die Hierarchie der Erzengel zerfällt?

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ISBN: 978-9963-53-321-3

Seiten: 240

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Nina Melchior

Nina Melchior
Nina Melchior wurde 1981 in Waiblingen geboren und lebt in Baden-Württemberg. Mit dem Schreiben begann sie in ihrer Teenagerzeit, woraus 1999 ihr erster Jugendroman hervorging, der von der Waiblinger Kreiszeitung und dem Radiosender SWR1 vorgestellt wurde. Nina Melchior ist gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte. Der erste Teil ihrer Vampirheilerin-Saga wurde im Januar 2015 vom bookshouse-Verlag veröffentlicht.

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Kapitel 1
Asche zu Asche …

Kael zog den Mantel über seine Schultern und verbarg die Hülle des Weibs unter dem filzgrauen Stoff.
   Im Nachhinein kam ihm seine Mission lächerlich vor. Erzengel Gabriels letzte Handlung, in größter Not, um Hilfe bei einer Menschenfrau zu bitten, hatte den verbliebenen Funken Ehrfurcht in ihm ausgelöscht, den er je für die Engel übrig gehabt hatte.
   Kael hatte genug gesehen. Er kauerte sich an die Mauern Choisrics und richtete den ohnmächtigen Körper in seinen Armen auf. Für einen Moment verspürte er Verachtung gegenüber dem jungen Gesicht und den Wunsch, seinem Blutdurst nachzugeben.
   Natürlich war er hässlicher als sie und zu allem Überfluss nicht einmal so klug. Trotzdem hatte der Körper in seinen Armen etwas Gewöhnliches. Geschwollene Quaddeln von Mückenstichen zierten ihre Haut und das künstlich gebleichte Haar hing ihr strähnig ins Gesicht.
   Cassy O’Keefy war nichts wert. Jedenfalls nicht in dem Sinn, in dem sein Herr über Werte sprach. Schon deshalb kam es ihm ketzerisch vor, das Versteck Kains mit der Anwesenheit eines niederen Wesens zu beschmutzen. Doch es war Kains Wunsch.
   Das Brennen in seiner Brust wuchs, als er den Kopf zum Nachthimmel hob. Eine alte Energie hob sich aus dem Magnetfeld der Erde und legte sich von seinem Scheitel über seine Haut und gemeinsam mit seinem Opfer verwandelte Kael sich in schwarzen Staub.

Kapitel 2
Wiedersehen macht »Freunde«

4 Jahre später

Elise beendete das Hadern über Tatsachen, die sie bereits geschaffen hatte.
   Ihr veränderter Anblick im Spiegel war vertraut. Leider kam es ihr ausgerechnet heute Morgen so vor, als zeichneten sich die vergangenen Jahre deutlicher auf ihrem Gesicht ab, als noch am vorigen Tag. Außerdem verlangte es ihr einiges ab, nicht schnell noch in unverfängliche Jeans zu schlüpfen. War es verwerflich, sich so zu fühlen?
   Nein, es war etwas Besonderes, ihn nach all der Zeit wiederzusehen. Sie durfte also aufgeregt sein. Vermutlich waren die Erinnerungen an den nächtlichen Streit mit Magnus schuld daran, dass sie so unsicher war.
   Elise straffte die Schultern und drehte sich vor dem Spiegel. Seit über drei Jahren trug sie diesen neuen Look. Néné hatte das Kleid nach ihren Vorgaben auf Papier skizziert und anschließend von einer geschickten Schneiderin in Galway anfertigen lassen. Nach wie vor war es wunderschön.
   Nein, sie würde ihm nichts vorspielen. Er sollte sehen, dass sie eine andere war. Eine andere, als in der Nacht, in der sie im Streit auseinandergegangen waren. Elise war bereit, für ihre Sache ein Risiko einzugehen und den ersten Schritt dafür hatte sie bereits getan.
   Elise bewegte die Schultern vor und zurück, um den Sitz des halterlosen Oberteils zu überprüfen. Es rutschte nicht. Sie atmete aus. Die Bewohner Choisrics bezeichneten sie als Vampirheilerin. Sie sah sich als Vorsteherin eines Hauses, das Menschen und Vampiren Zuflucht und einen Ausweg gleichermaßen bot.
   Ein letztes Mal zog sie an dem bodenlangen Rockstoff ihres cremefarbenen Kleides und betrachtete, wie die Plisseefalten auf ihre Oberschenkel hinunterrauschten. Das Oberteil leuchtete königsblau, ganz in Anlehnung an Noreas Gewand. Auch die goldene, mittig auf dem Ausschnitt angebrachte Fleur d’Elise erinnerte an die wahrhaftige Schwester Kains, die so viel zum Gelingen der ersten Vampirheilung beigetragen hatte.
   Aufgerüscht wie eine Märchenfee …
   Magnus’ Worte hallten in ihrem Kopf nach. Unfassbar, dass Magnus so tat, als ob sie ihm in diesem Kleid nicht gefiel.
   Sie schloss die Überprüfung ihrer Erscheinung ab, indem sie den beachtlichen Umfang der Dutt-Konstruktion auf ihrem Oberkopf betastete. Meist trug sie ihr Haar in dieser Art aufgesteckt. Angeblich betonte das nicht nur ihren zierlichen Hals, wie Néné ihr versicherte, sondern nahm dem Outfit eine Portion Sex-Appeal, der unter Nonnen unangebracht war.
   Néné schaffte es, immer die schönsten Frisuren aus ihrer roten Mähne zu zaubern und das war definitiv nur eine der Begabungen, die sie der ehemaligen Vampira neidete.
   »Mylady? Er ist da!«
   Elise erschrak. »Néné, du sollst doch anklopfen.« Eilig griff sie nach einem hellen Organza-Schal, schlang sich den Stoff um den Hals und warf ein buntes Quilt über ihr Jugendbett. Der erschrockene Ausdruck auf ihrem Gesicht im Spiegel alarmierte sie.
   Es half nichts, man konnte die Angst in ihren Augen sehen. Das Schuldgefühl. Die Vorahnung.
   Außerdem spürte sie Magnus’ Groll. Den ganzen Morgen lag seine Wut schon wie ein Kettenhemd auf ihrer Brust. Die Fähigkeit des eigenen Ehemannes, Gefühle live im eigenen Körper mitzuempfinden, verdankte sie der Blutspaarbindung. Mit Anhäufung einiger Ehejahre konnte das mehr als lästig werden.
   »Mylady?«
   »Ich komme.« Elise ging zur Tür.
   Nénés südländische Augen strahlten unter ihren langen Wimpern wie Sonnensterne und ihre Brüste ragten in obszöner Fülle unter dem Kragen der religiösen Kopfbedeckung nach vorn. Sie hatten die Kleidungsstücke der Nonnentracht nicht immer in allen Konfektionsgrößen vorrätig. Ein Problem, das es nach wie vor zu beheben galt. Nach Nénés Ankunft vor knapp vier Jahren war es der Ex-Vampira allerdings deutlich anzumerken, dass ihr die etwas eng ausfallende Nonnenkutte nicht ganz ungelegen kam. Eine größere Version davon hatte sie nie bestellt.
   »Sag nicht immer Mylady zu mir.« Zögerlich trat Elise auf den Flur hinaus.
   Grinsend schloss Néné die Zimmertür und blickte erwartungsvoll drein. »Ich bin deine beste Freundin, du musst nicht verstecken, dass du aufgeregt bist.« Sie zwinkerte. »Dein Gast sieht ja auch wirklich umwerfend aus.«
   Elise zog die Brauen hoch. »Du bist meine Stellvertreterin auf Choisric Church. Kannst du nicht ein Mal ernst sein?«
   Néné tat so, als hörte sie den Einwand nicht. Sie war immer gut gelaunt.
   »Du solltest es ihm heute sagen«, flüsterte Néné. »Oder am besten beiden zusammen. Mit ein bisschen Glück rettet dich Michael, sollte Magnus dich deshalb umbringen wollen.«
   Die ursprünglich aus Katalonien stammende Schönheit schmunzelte und wieder einmal erinnerte ihre heitere Art sie an Cassy. Sie konnte ihr niemals böse sein, aber trotzdem erwiderte Elise das Lächeln nicht. Der Steinbrocken mit der Beschriftung »schlechtes Gewissen« sank in ihrem Magen ein Stückchen tiefer.
   »Jetzt schau nicht wieder so bedrückt!« Néné stellte sich auf die Zehenspitzen. »Der Schönling wartet im Foyer.«
   Elise riss die Augen auf. »Warum hast du ihn nicht in den Garten gebracht, wie ich angeordnet hatte?«
   Néné zuckte wenig schuldbewusst die Schultern. »Nach euren endlosen und im ganzen Haupttrakt hörbaren Streitereien soll Magnus ruhig mitbekommen, dass sich ein Hermes für dich interessiert.«
   Elise rollte mit den Augen. Es war zwecklos, Néné zu erklären, dass Michael kein Götterbote, sondern ein Erzengel und damit kein potenzieller Liebhaber war. Und ihre Eheprobleme nicht durch die Anwesenheit von Magnus’ größtem Ex-Feind und Widersacher gelöst werden würden. Geheilte Vampire schienen gemeinhin schwer lenkbar – männliche wie weibliche.
   Elise seufzte tief. Sollte sie auf der Hälfte der Treppe innehalten und ihn von dort aus begrüßen oder erst den kompletten Weg nach unten gehen? Unsicher ging sie auf die Galerietreppe zu. Ihre Knie waren weich. Konnte sie ihn nach so langer Zeit umarmen, oder war ein sachlicher Händedruck angebracht? Ihr Herz klopfte an ihre Brust.
   Elise hielt dem Anblick der Stufen stand, aber die Treppe ins Foyer erschien ihr endlos lang und nur mit Überwindung gelang ihr der erste Schritt. Sie nahm die Stufen, ohne aufzusehen und hielt sich am Geländer fest, als würden die Stufen aus purem Eis bestehen.
   Als sie die Hälfte hinabgestiegen war, hob sie aus Versehen den Blick. Es war, als besäßen ihre Augen einen eigenen Willen, und gleichzeitig blieb Elise stehen.
   Im Foyer stand eine Gestalt, die den Hut abnahm. Etwas mit der Luft um sie herum geschah, als er den Blick zu ihr hob. Ein Magnetismus setzte das Raum-Zeit-Gefüge außer Kraft.
   Michael lächelte sie an und seine Aura erleuchtete den Raum. Seine strahlenden Zähne passten zur Farbe seiner Korkenzieherlocken, die sein Gesicht in alter Manier umrahmten. Natürlich war er keinen Tag gealtert und trug passend zu der Unfähigkeit zur Veränderung seine Lieblingskluft. Weißes Kurzarmhemd, beigefarbener Gürtel und ausgeleierte, ausgefranste, stonewashed Jeans.
   Seine Aura erfasste Elise wie ein Schmetterball. Sie vergaß Néné, die vermutlich nach wie vor oben am Geländer stand und lauschte. Sie vergaß Magnus und seine Anschuldigungen, dass sie die Hilflosigkeit der Mädchen auf Choisric ausnutzte. Sie vergaß seinen Vorwurf, sie rekrutiere Ehefrauen für Vampire wie Uncle Sam Männer für die US-Armee. Sie vergaß die Vampire, die im Nordflügel, auf ihre Heilung warteten und eine gefährliche Mischung aus Jugendherberge, Gefängnisaufenthalt und Unterhaltungsprogramm genossen.
   Tränen stiegen in ihren Augen auf. Förmlichkeiten waren plötzlich egal. Elise griff nach dem Geländer, raffte ihr Kleid mit der freien Hand und hastete die verbliebenen Stufen hinab. Magnus’ Eifersucht stach sie wie ein Messer in die Brust, als sie sich Michael an die Brust warf. Die Hitze seiner Wange, die Vertrautheit seiner Anwesenheit schmiegte sich wie eine Decke an sie und trotz der Blutspaarbindung war für einen Moment alles gut.
   »Ich bin wieder da«, sagte der Engel und drückte sie einen Moment fester an sich.
   Elise sagte nichts. Da war endlich wieder seine kräftige, übernatürliche Anwesenheit, und sie war so dankbar dafür. Michael versuchte nicht, sie mit seinem Schutz zu ersticken. Er war da, wenn sie ihn rief.
   Hatten sich die Rollen der beiden Männer mit den Jahren vertauscht?
   Elise drückte ihr Gesicht an seine Brust. Er fühlte sich an wie ein Daunenbett. Seine Locken kitzelten an ihrem Hals und seine Engelaura floss durch ihren Körper wie ein Strahl flüssiger Hoffnung. Niemals wollte sie ihn wieder loslassen. Michael aber schob ihren Körper schon bald von sich, gerade, als sie der Cocktail aus Schmerz und Zuneigung zu überwältigen drohte.
   Sie konnte den Tadel durch sein Lächeln sehen. Elise senkte ihr Kinn. »Es kommt mir vor, als sei mein Bruder nach Choisric zurückgekehrt.« Mit zitternden Fingern wischte sie sich eine Träne von der Wange.
   Michael griff unter ihr Kinn und hob es an. »Und damit das so bleibt, gehen wir mit der Nähe zueinander nur so weit, wie deine menschliche Seele meine Engelaura verkraften kann.«
   Brav faltete Elise die Hände vor dem Schoß. Vier Jahre war es her. Ob er die ersten Fältchen um ihre Mundwinkel bemerkte? »Du alterst ja tatsächlich nicht«, sagte sie, um von sich abzulenken.
   Michael machte einen Schritt von ihr weg. Schließlich nickte er. »Wie ich sehe, bist du in der Zwischenzeit zu einer der schönsten Frauen der Welt geworden. Ich habe im Laufe der Jahrtausende viele Frauen gesehen. Ich darf derartige Behauptungen aufstellen.«
   Elise lachte noch einmal, und Michael bot ihr seinen Arm. »Es ist herrlich draußen. Wollen wir nicht ein Stück spazieren gehen?«
   Jeder Zweifel, den sie gehabt hatte, zerbarst. »Viel mehr als das«, rief sie aus und rannte zu den Flügeltüren des Klosters voraus, um sie für ihn aufzuziehen.

Kapitel 3
Rückkehr

Michael ließ seinen Blick über das Gelände schweifen, das im Sonnenlicht des Augusttages lag. »Choisric hat sich verändert.«
   In einiger Entfernung erkannte man zwei junge Nonnen am See. Eine der beiden lachte zu laut und beide trugen sie eine Lippenstiftfarbe, die zur Lautstärke ihrer Unterhaltung passte.
   Kruzifix, wie sollten sie die Fassade wahren, wenn die Mädchen sich ständig ihren Regeln widersetzten?
   »Sie tun nicht immer, was du ihnen sagst?« Michael schien der Widerspruch in der Optik von Néné und den anderen Mädchen ebenfalls aufgefallen zu sein.
   »Es ist unnötig, den Schein allzu perfekt zu wahren«, murmelte Elise. »Niemand in der äußeren Welt ahnt etwas. Die Mädchen, die zu mir kommen, verlassen selten das Gelände, und falls sie es tun, tarnen sie sich mit Alltagskleidung. In Galway geht nicht einmal das Gerücht um, dass auf Choisric etwas nicht stimmt.«
   »Dann hast du also alles im Griff?« Er sah sie von der Seite an. »Als ich dich auf der Trinity University kennengelernt habe, warst du ein verschüchtertes Mädchen, das kaum ein Wort herausbekam. Jetzt bist du eine selbstbewusste Frau, die versucht, die Welt vor den Untoten zu retten.«
   »… zu heilen«, korrigierte Elise. »Und eine, die den lieben Gott korrigiert.«
   »Ah, blasphemisch bist du mittlerweile auch?«
   Elise lächelte ihn an. »Glaubst du, der Herrgott hat so wenig Humor?«
   Michael drehte seinen weißen Hut in den Fingern. Vermutlich war das wieder eine Frage, die zu weit in Michaels Realität vordrang.
   Elise blinzelte zu den verdunkelten Fenstern des Nordflügels. »Wir nennen es jetzt Choisric Church.« »Wie viele deiner Nonnen sind echt?«
   »Keine«, antwortete sie. »Dafür sind die Vampire real und das Ritual, dem wir sie unterziehen, funktioniert.« Es klang schnippischer, als es beabsichtigt gewesen war.
   Michael blieb stehen. »Ihr habt es tatsächlich getan?«
   Sie war verblüfft über seinen Gesichtsausdruck und die Feststellung. Warum wusste er nicht längst davon? Die Informationskanäle der Engel würden ihr auf ewig ein Rätsel bleiben. »Vier Mal, um genau zu sein. In jedem Jahr ein geheilter Vampir.«
   Seine Augen begannen, nicht blau zu leuchten. Das war ein gutes Zeichen. Es war um einiges einfacher, einem alten Freund zu beichten, als einem übermächtigen Wesen aus dem Himmel.
   Michael setzte seinen Hut auf. Es war Vormittag und die Sonne brannte auf sie herab, als versuche sie, Choisric mitsamt seinem lichtempfindlichen Inhalt zu rösten.
   »Wie überleben die Mädchen den zweifachen Blutaustausch? Ist das nicht sehr risikoreich?«
   »Wir verbinden die erste Ebene der Heilung inzwischen mit der zweiten. Das macht es einfacher für uns und weniger gefährlich für die Frauen. Wir beginnen mit den sieben Sakramenten, vor dem Blutaustausch erfolgt die Gabe des Spinnengifts. Wann sie die dritte Ebene der Heilung absolvieren, entscheiden die Pärchen selbst.« Ungewollt senkte Elise den Blick. »Um ehrlich zu sein, gab es mit diesem Teil bisher die wenigsten Probleme.«
   Wie ein stolzer, aber kritischer Vater sah Michael sie von der Seite aus an. »Unser Vater, der Heilige Geist, ist stark und was er zusammenführt, kann der Mensch nicht trennen.«
   Sie näherten sich der kleinen Kapelle, die abseits des Hauptgebäudes hinter dem Waldstück lag.
   »Ich möchte dir etwas zeigen«, sagte Elise, ohne es geplant zu haben. Michael widersprach ihr nicht.

*

Elise liebte es, wenn sich die Sonnenstrahlen im Buntglas brachen und man die Staubpartikel in der Luft tanzen sah. Obwohl sie die Kirche jeden Morgen betrat, war es auch heute eine Offenbarung für sie. »Für mich ist das der heiligste Ort der Welt.«
   Michael schnüffelte in die duftgeschwängerte Luft.
   »Was du riechst, sind Räucherstäbchen. Eine Weihung kann man nicht riechen, aber manchmal, wenn ich herkomme, habe ich den Eindruck, dass man sie sehen kann. Schau, das Licht der Kerzen, das sich in den Mandalas bricht. Man kann den Regenbogen darin sehen. Und sieh mal, da! Der Schein der Buddhas auf dem Altar. Ist der Glanz nicht unnatürlich schön, als wären sie frisch lackiert und noch feucht. Siehst du die Staubkörner da drüben? Ich habe sie lange beobachtet. Sie bewegen sich anders, als drüben im Schloss. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass sie niemals zu Boden fallen. Ist das nicht wunderbar?« Elise drehte sich einmal im Kreis. »Ich möchte so gern alles über diese Dinge erfahren.«
   Michael überholte Elise, verneigte sich vor dem Kreuz und blieb eine Weile davor stehen.
   Der Mittelpunkt der uralten Kapelle hatte nichts mehr mit einem katholischen Gotteshaus gemein. Abgesehen von der Jesusfigur am Kreuz, um dessen Hals und Handgelenke allerdings je ein hawaiianischer Blütenkranz hing. Der Altar wirkte überladener, als der Verkaufsstand eines orientalischen Basars und sein äußerer Rand bildete ein Band aus Blüten und Rosenblättern in den leuchtendsten Farben. In seiner Mitte reihten sich Buddhas aus Gold und Silber an heidnische Fruchtbarkeitsskulpturen. Mittig waren einige Stumpenkerzen zu der Form eines Pentagramms angeordnet.
   Ihre Schwestern vertrieben sich die Zeit damit, selbst gebaute Holzkruzifixe mit Lackfarben zu bemalen. Die schönsten Kunstwerke wurden hier ausgestellt. Einige davon hingen an den Wänden, ein paar standen auf dem Boden und in jeder der vier Himmelsrichtungen glomm ein Räucherstäbchen vor sich hin. Es roch nach Moschus und Opium und vor den Kirchenfenstern baumelten Mandalas aus Seidenpapier, was das einfallende Licht noch mysteriöser wirken ließ.
   »Du findest es ketzerisch, nicht wahr?«, fragte Elise, als Michael eine geschlagene Minute auf das bunte Allerlei gestarrt hatte.
   »Nein, es ist … wirklich schön.«
   »Und das Pentagramm?«
   Michael drehte sich zu ihr um. »Ein Pentagramm ist nichts weiter als eine geometrische Form. Genauso wie das heilige Kreuz oder die kleine Lilie auf deinem Kleid. Ich frage mich seit Längerem, ob die Menschen Guillotinen in den Kirchen aufstellen würden, wäre Jesus damals geköpft, statt gekreuzigt worden. Eine seltsame Vorstellung, findest du nicht?« Michael drehte sich zum Altartisch um. »Welche Religionen beten hier?«
   »Irische Christinnen, Muslimas, Wiccas und praktizierende Buddhistinnen.«
   Michael zog eine Schnute mit seinem sowieso schon zu üppig geformten Mund. Dann verschränkte er die Arme vor der Brust. »Was treibt all diese Frauen nach Choisric Church? Warum kommen sie zu dir, wenn sie auch zur Caritas oder in ein Frauenhaus gehen könnten?«
   »Ich bin mir nicht sicher.« Jetzt kam der pikante Teil des Gesprächs. »Vermutlich finden sie bei mir etwas, das ihnen den Mut gibt, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Manche wollen herausfinden, ob es Gott wirklich gibt und was es mit all den Mysterien und Legenden auf sich hat.« Sie legte die Hände in den Schoß. »Magnus ist der Meinung, ich locke schwache Seelen wie eine Sektenpriesterin und nutze ihre Hilflosigkeit aus.« Wie von selbst hob sich ihr Kinn. »Aber das ist natürlich nicht wahr. Wir klären jedes der Mädchen vor Annahme ihrer Blutsbestimmung über den Vorgang der Heilung auf. Im Gegensatz zu mir wissen sie, worauf sie sich einlassen und haben im Anschluss die freie Wahl.«
   Michaels Blick verengte sich. »Mit welcher Begründung ist Magnus dann gegen dein Vorgehen?«
   Es fiel ihr immer schwerer, dem prüfenden Blick standzuhalten. »Es gibt einen wunden Punkt. Nach Absolvierung der zweiten Heilungsebene gibt es kein Zurück. Aufgrund des hohen Risikos einer Revampirisierung können wir nicht zulassen, dass sich die jungen Frauen nach Erteilung der sieben Sakramente der Heirat mit dem von ihr gewählten Vampir verschließen. Sie muss zum Abschluss gebracht werden, unter allen Umständen. Auch diese Bedingungen kennen die Mädchen von Anfang an.«
   »Sie verpflichten sich mit der Zustimmung zur Heilung also auch zur körperlichen Vereinigung mit dem Vampir?«
   Elise nickte. »Die Anziehungskraft der Vampire ist hoch. Die Frauen suchen sich ihren Ehemann aus, sie lernen ihn in aller Ruhe kennen und bislang wollte keine einzige von ihrer Verpflichtung zurücktreten. Die Verbindungen sind gesegnet und wirken auf die Paare wie pures Glück.«
   Michaels Blick wirkte auf eine eindringliche Art maßregelnd, und Elise hatte Mühe, nicht darunter aufzuweichen.
   »Bist du es auch? Glücklich, meine ich?«
   Elise konnte ihn nicht länger ansehen. »Ich habe meine Bestimmung gefunden und stehe zu ihr. Néné hast du bereits kennengelernt.« Sie lachte, um sich von ihrer Unsicherheit abzulenken, aber diesmal klang der Laut falsch. »Néné war die erste und einzige Vampira, die wir bislang heilen und verheiraten konnten. All die Frauen auf Choisric sind zu meiner Familie, zu meinen Freundinnen geworden. Die Vampire, die zu mir kommen, vertrauen mir.«
   Michael nahm ihre Hand und nickte. In der opiumgeschwängerten Luft, vor einem heidnisch geschmückten Altar, auf dem Kerzen flackerten und das goldene Licht der Morgensonne sich brach, fand Elise die Situation plötzlich unangenehm. Sie hatte des Öfteren bemerkt, dass die Weihung einen benebeln konnte. Michaels Nähe und eine Weihung zusammen waren schlicht ungesund. Sie holte Luft und wandte sich ab.
   »Ich kann deine Liebe zu Magnus spüren«, sagte Michael auf ihren Rücken zu.
   Sie blieb wie angewurzelt stehen. Er war sich nach wie vor nicht wirklich bewusst, welche Wirkung seine Nähe auf sie hatte. »Unsere Verliebtheit scheint länger anzudauern, als bei normalen Paaren«, gab Elise zu.
   Sie hörte Michaels Schritte hinter sich. »Gott hat nichts dagegen, wenn Ehemann und Ehefrau sich aneinander gütlich tun. Die Bibel empfiehlt es, damit sie nicht vor Verlangen nach anderen zergehen.«
   Oh, der Engel übte sich in Eheberatung. Wunderbar. »Ich habe dich ehrlich gesagt nicht kommen lassen, um meine Ehe zu analysieren, sondern weil ich deine Hilfe brauche«, sagte Elise und ging, jetzt zielstrebig, auf die Kirchentür zu. Als sie die Türen aufzog, fegten alle Belastungen wie Sonnenstrahlen von ihr ab. Mit dem dumpfen Schlag, den die Türen in ihren Angeln hervorriefen, kehrte, wie jedes Mal, die Erinnerung an Ians einstigen Überfall zurück. Jede Entscheidung konnte die letzte sein, die man tat. Selbst, wenn man nur eine Tür hinter sich schloss …
   Elise strich ihr Kleid glatt und setzte sich auf die oberste Treppenstufe. Jeden Tag nach der Morgenandacht saß sie ein paar Minuten hier und dachte an die Nacht, in der sie fast gestorben war. Im Endeffekt waren alle Vampire einst Opfer gewesen. »Ich möchte sie heilen«, sagte sie, als Michael eine ganze Zeit lang neben ihr saß. »Ich möchte mehr von ihnen heilen, als einen pro Jahr. Ich will, dass alle Vampire, die geheilt werden wollen, davon erfahren, dass auf Choisric die Möglichkeit besteht.«
   Michaels Augen leuchteten eine Sekunde lang wie der Himmel über ihr, dann stabilisierte sich sein Bild.
   »Elise, du weißt nicht, wie gefährlich diese Aussage ist. Auf Choisrics Gelände ist nichts mehr geweiht, außer der Kapelle hinter uns. Was sagt Magnus zu deinem Plan?«
   Elise sah nach vorn in den Wald. »Magnus ist unerträglich, solange auch nur ein einziger ungeheilter Vampir im Nordflügel sitzt. Er versucht, mir zu verbieten, mich an die Vampirrasse zu wenden. Wir streiten dauernd deshalb. Abgesehen davon habe ich kein Material, mit dem ich arbeiten kann.«
   »Weihwasser?«
   Sie nickte nur.
   Michael stemmte die Ellbogen auf die Knie. »Was du vorhast, kann Erfolg haben und du weißt, dass ich deinen Ideen gegenüber aufgeschlossen bin. Dass Gott deine Heilung an Magnus gelten lässt, ist ein gutes Zeichen. Aber sag mir: Über wie viel Weihwasser sprechen wir?«
   Elise zog die Brauen hoch und richtete ihren Zeigefinger auf den See. Michaels Mimik brach ein. Elise griff nach seiner Hand. »Ich bin bestimmt, dieses Volk zu befreien. Rede mit deinen Brüdern und weihe das Wasser meines Sees. Wenn ich an die Öffentlichkeit trete und die Vampire zu mir kommen, brauche ich so viel wie möglich davon. Zieh einen geweihten Kreis um den See, damit niemand dorthin gelangen kann. Tu, was immer nötig ist, Michael, aber bitte unterstütze mich.«
   Michaels Aura wirkte Universen entfernt.
   »Streng dich an, Silas. Hierher! Komm schon!«
   Das Mädchen trug ein rosafarbenes Sommerkleid und ihre weißen Häkelstrümpfe reichten bis ans Knie. Ihr taillenlanges Haar leuchtete wie helles Gold, vor allem wenn sie auf die sonnige Lichtung sprang. Augenscheinlich war sie dabei, sich vor ihrem Bruder zu verstecken, der mit einem abgerissenen Ast nach ihr hieb.
   »Darf ich vorstellen?« Elise lächelte. »Silas und Noemi. Die Zwillinge.«
   Noemi entriss ihrem Bruder den Zweig, als sie Elises Stimme wahrnahm. Wie Zinnsoldaten stellten die Kinder sich vor ihnen auf. Zu allem Überfluss legte Noemi ihrem Bruder eine Hand auf den Rücken und drückte ihn sanft nach vorn. Beide verbeugten sich. Glücklicherweise lachte Michael auf.
   »Noemi, lass den Unfug«, schimpfte Elise.
   »Komm, wir verschwinden«, zischte Silas seiner Schwester zu und drängte sie unter die Bäume zurück. Noemi schien das Schauspiel, zwischen Elise und einem fremden Mann im Wald, bedeutend spannender zu finden, als das Versteckspiel mit ihrem Bruder.
   Das Kinderpaar war bildhübsch und gescheit. Die pechschwarzen Locken von Silas standen in allen Richtungen ab, genau wie bei seinem Vater Olivier Lacoste. Néné hatte ihren potenziellen Ehemann damals gleich mit nach Choisric gebracht. Olivier war ein deprimierter Künstler gewesen, dem Alkohol äußerst zugetan. Monatelang hatte er Néné um eine Verwandlung angefleht. Stattdessen war Néné zu einer menschlichen Frau geworden und Olivier zu einem kerngesunden Ehemann.
   »Ist das der Engel, von dem Mama erzählt hat?«, flüsterte Noemi ihrem Bruder zu.
   »Sei still. Sonst gibts wieder Ärger mit Papa.« Die Kinder lachten und rannten in Richtung Schlosshof davon.
   Elise hob ein Blatt vom Boden auf und drehte es zwischen den Fingern. »Ich hatte Zweifel«, sagte sie, als die Kinder außer Hörweite waren. »Als Néné kurz nach ihrer Heilung schwanger wurde und neun Monate später gesunde Zwillinge gebar, wusste ich, dass das Schicksal es gut mit mir meint.«
   »Sind die Kinder … gesund?«
   Elise sah ihn wissend an. »Es sind ganz normale menschliche Kinder. Ohne jede Ausnahme.«
   Michael kniff die Augen zusammen. Die Sonne wurde mit jeder Minute stechender.
   »Wie viele Kinder aus Vampirverbindungen leben hier?«
   Seine Frage war Anklage und Urteil zugleich. »Sarai ist vor sechs Monaten zur Welt gekommen, Tabea und Ruben sind drei Jahre alt. Néné war die Erste, die nach Magnus zu mir kam. Ihre Zwillinge sind vier. Michael, den Kindern geht es gut!«
   »Sie leben abgeschottet vom Rest der Welt.«
   »Sie könnten uns verraten, sich und ihre Eltern in Gefahr bringen!«
   »Genau wie du deinen Vater als Kind?«
   »Choisric ist eine gut organisierte Großfamilie«, fuhr Elise ihm ins Wort. Sie würde es nicht dulden, dass Michael das Leben dieser Kinder mit ihrer verschobenen Kindheit verglich. »Im Wald hinter dem Schloss gibt es eine Lichtung, auf der wir die Kräuter zur Dämpfung der Vampirbeschwerden anbauen. Das Bier zur Abschwächung des Testosteronpegels der Ex-Vampire bekommen wir einmal im Monat von Shelter Abbey, zusammen mit den Heilkräutern. Die Kinder und die Erwachsenen sind bei Weitem nicht so abhängig von der Außenwelt und einsam, wie ich es war.« Sie spürte Magnus’ Missmut über die Blutspaarbindung in jedem ihrer Knochen und stand auf. Es fühlte sich an, als hätte sie über Nacht Rheuma bekommen. Vielleicht war sie deshalb jegliches Diskutieren mit einem männlichen Wesen leid. »Es sind außergewöhnliche Kinder mit reinen Seelen. Sie teilen. Sie empfinden Mitgefühl. Sie schlagen, schreien oder streiten nie. Beinah kommt es mir vor, als seien sie zu gut für die normale Welt. Die Abgeschiedenheit auf Choisric ist ein Vorteil, der der Sicherheit aller dient. Dieser Vorteil wiegt alles andere auf.« Elise sah zum Schloss. Michael reagierte nicht. »Siehst du die abgedunkelten Fenster da am Nordflügel?« Sie zeigte auf die im Schatten liegende Seite von Choisric Church. »Ich würde dir gern auch zeigen, was sich dahinter verbirgt.«

Seit sie die Ahnengalerie passiert und den roten Salon hinter sich gelassen hatten, von dem die Falttür zur Bibliothek führte, sprach keiner von ihnen mehr ein Wort. Elise hatte Michael im Foyer auf einer vergrößerten Fotografie an der Wand die Bewohner Choisrics gezeigt. Seit dem schien er in Gedanken zu sein.
   Néné hatte Michael vorhin selbst kennengelernt. Sie war die Mutter von den Wirbelwinden und verheiratet mit Olivier Lacoste. Das jüngste Paar bildeten Aidan Miller, der nur wenige Jahre ein Vampir gewesen war, und seine Freundin, die zweiundzwanzigjährige rothaarige Irin Evie. Ihre Tochter Mae war anstrengend. Sie und Magnus waren eng befreundet mit dem deutschstämmigen Paar. Amadeus von Lichtenwalde dagegen war ein uralter, ehrbarer Vampir. Heroisch hatte er im Zweiten Weltkrieg gegen die Wehrmacht gekämpft und davor und danach gegen sich selbst. Alle hatten Respekt vor ihm. Seine Frau, Anni Meier, war ein deutschstämmiges Model, das so lange in New York gelebt hatte, bis sie bei einer Größe von über einsfünfundsiebzig fünfundvierzig Kilo wog. Kurz bevor sie an dem Business zugrunde ging, fand sie über Umwege nach Choisric Church. Amadeus hatte sich auf den ersten Blick in sie verliebt, auch wenn Magnus bis heute beteuerte, dass dieser Vorgang bei einem Vampir unmöglich war.
   »Die dunkelhäutige Mayla ist unser Neuzugang«, sagte Elise, um die Stille zu brechen. »Mayla kam mit guter Hoffnung auf ein besseres Leben aus Afrika nach Irland und hat dort ihren Gönner geheiratet. Aber die Realität holte sie ein. Sie floh aus einer Ehe voller Gewalt. Auf Choisric blühte sie regelrecht auf. Sie arbeitete von Anfang an gern draußen und ein ganzes Jahr verging, bis Jack Johnson, ein Vampir, der in South Carolina geboren wurde, mich um seine Heilung bat. Seit sechs Monaten sind er und Mayla die Eltern von Baby Sarai.«
   »Normale Menschen mit normalen Kindern«, murmelte Michael, ohne dass sie sagen konnte, ob eine Spur Sarkasmus in seiner Stimme mitschwang.
   Auf dem Bild im Foyer standen sie alle wie eine große Familie vereint unter einem alten Baum. Magnus mit einer Grillschürze um den Körper und einer Gabel in der Hand. Das Sommerfest vom vergangenen Jahr.
   Elise und Michael durchquerten gerade den schmucklosen Flur, von dem links Türen in ehemalige Personalwohnungen abzweigten. Rechts von ihnen befanden sich in regelmäßigen Abständen Fenster mit Blick zum Wald. »Dieser Gang wurde zu Erbauer-Zeiten vom Personal benutzt. Es ist der letzte Teil des Flügels, der mit Tageslicht versorgt wird.« Elise stellte den fünfarmigen Kerzenständer auf dem Fenstersims ab und trat auf die weiß lackierte Holztür zu. Aus ihrem Dekolleté zog sie einen kupferfarbenen Schlüssel und deutete aufs Fenstersims. Zwei Streichholzschachteln, ein Feuerzeug und ein Dutzend Stabkerzen lagen dort. »Kannst du die Kerzen anzünden? Ich komme in letzter Zeit öfter her.« Sie übergab Michael das Feuerzeug. »Bereit?«
   Michael zuckte die Achseln. Wundervoll, wenn jemand so leicht zu beeindrucken war. Elise steckte den Schlüssel ins Schloss und die Tür öffnete sich.
   Dahinter existierte nichts. Elise wusste, dass ein ganzer Schlossflügel in dieser Schwärze lag. Doch schien es in diesem Augenblick absolut real, dass sie nur einen Fuß nach vorn setzen musste, um in eine bodenlose Dunkelheit abzustürzen. Vampire tarnten ihre Aufenthaltsorte perfekt.
   Michael schwenkte den Kerzenleuchter in die Finsternis und der übernatürliche Eindruck war fortgespült. Das Licht der Kerzen ließ einen samtigen roten Teppich auf dem Boden erscheinen und barock gerahmte Gemälde vor holzvertäfelten Wänden.
   »In diesem Trakt gibt es drei Stockwerke«, hörte Elise sich im Nachhall des Treppenhauses sagen, während sie auf den blutroten Teppich trat. »Wir befinden uns auf einem Zwischentableau im Aufgang.« Sie griff nach Michaels Handgelenk und führte seine Hand inklusive des Leuchters nach links. Eine breite, geschwungene Treppe erstreckte sich ins Untergeschoss. Ihr Geländer schien aus goldenen Ranken zu bestehen, der Teppich folgte der Treppe in die Tiefe und alles verschwand hinter einer Biegung in der Dunkelheit. »Im Gegensatz zum Hauptgebäude erstreckt sich der Nordflügel als kastenförmiger Bau in den Wald.« Elise führte Michaels Hand, die den Kronleuchter hielt, ein Stück nach rechts, wo sich die Treppe nach oben schwang. »Alle Fenster wurden mit UV-dichter Folie abgeklebt. Die Vorhänge ersetzt durch blickdichten, feuerfesten Stoff.«
   Michael sah sich aufmerksam um. »Wo sind deine Gäste?«
   Sie nickte die Treppe hinab. Zu ihrem Leidwesen nickte Michael ebenfalls.
   Wie in jedem Schloss gab es auch im Untergeschoss des Nordflügels eine unzählige Anzahl Salons in den verschiedensten Farben und Größen. Die meisten erfüllten kaum einen Zweck. »Im Nordflügel befinden sich die Spielzimmer.« Elise öffnete eine Tür nach links. Sie nahm Michael den Leuchter ab und hielt ihn, soweit es sein Gewicht zuließ, in den vergleichsweise mickrigen Raum.
   Wie durch ein Wunder wurde es taghell. Die Kerzen vervielfältigten sich.
   »Die Spiegelwände lassen sich in unterschiedlichen Winkeln einstellen. Angeblich dazu gedacht, Verstecken zu spielen. Ziemlich albern, wenn du mich fragst, vor allem für meine aktuellen Gäste.«
   Michael wandte sich ab. Elise zog die Tür ins Schloss. »Der nächste Raum wird von den Vampiren und ihren Frauen genutzt.« Sie stieß eine Tür zu ihrer Rechten auf.
   Gesellschaftstischchen standen im Raum. Eingebaute Würfelbecher hingen in vorgebauten Halterungen, in der Mitte jeder Tischplatte war eine drehbare Adaption für Snacks angebracht.
   »Siehst du am Ende des Raumes den antiken Schrank? Es ist eine Bar, gefüllt mit Bier und getrockneten Kräutern. Die besten Mittel gegen einen Überschuss an Testosteron. Damit können die Vampire ihre Aggressivität zügeln, bis sie mit der Heilung an der Reihe sind. Außerdem bieten wir ein paar alkoholische Getränke an. Wir kontrollieren die Bestände jeden Tag.«
   Michael befand sich scheinbar zwischen Ablehnung und Faszination. »Frei nach dem Leitsatz: Wenn den Vampiren kein frisches Blut zur Verfügung steht, sollen sie sich wenigstens betrinken können?«
   Elise versuchte, den grimmigen Unterton in seiner Stimme zu überhören. »Im nächsten Salon stehen ein Fernseher und ein Grammofon. Néné hat sich die Mühe gemacht, ein paar uralte Platten auf Flohmärkten zu erstehen. Anscheinend mögen die Vampire das.«
   »Brot und Spiele«, sagte Michael zerknirscht. »Was macht ihr, wenn ihr Durst übermächtig wird?«
   »Wir heilen sie, bevor sie durchdrehen.«
   Michael blieb stehen. »Ich glaube, ich habe genug gesehen, Elise. Du willst einen See voller Weihwasser? Zeig sie mir.«
   Elise folgte dem Gang bis zu seinem Ende, wo er in eine steile Treppe mündete. Diese allerdings ohne Teppich, barockes Geländer oder sonstigem Flair. Sie war eng und führte in den Weinkeller.
   Elise übergab Michael den Kerzenleuchter, weil sie ihr Kleid raffen musste, um die steilen Stufen hinabzusteigen. Unten war es feucht und kalt. Gigantische Weinfässer aus modrigem Holz reihten sich an den Wänden auf. Dazwischen gab es nur einen schmalen Gang. Breit genug für einen Sarg.
   Momentan waren es zwei.
   Sie standen hintereinander und waren schwarz lackiert. Beide besaßen die sechseckige Form, die der menschlichen Körpersilhouette nachempfunden war und deren obere Deckelhälfte zur Aufbahrung separat geöffnet werden konnte.
   Michael ging auf die Särge zu und legte seine Hände auf ihnen ab.
   »Michael, was hast du vor?«
   Michael antwortete nicht. Seine Augen leuchteten in der Dunkelheit auf, seine weißen Locken schienen wirr vom Kopf abzustehen. Die Oberflächen der Särge glühten plötzlich blau.
   Verbrannte er sie bei lebendigem Leib? »Michael! Hör auf!« Elise schrie.
   Wie aufs Stichwort war das Schauspiel vorbei. Elise atmete heftig und starrte Michael an. Wie konnte er nur? Ihr wurde schwindlig. Sie sah die Särge an. Sie qualmten nicht, Holz und Lackierung wirkten unversehrt.
   Michael drehte sich zu ihr um. Sein Blick war kühl. »Sie führen nicht im Schilde, dich zu töten«, sagte er, als wäre er nur dieser Feststellung wegen hier. Anschließend stieg er wortlos die Treppe empor.

Elise war selten so dankbar gewesen, das Sonnenlicht auf ihrer Haut zu spüren wie in diesem Moment. Sie schloss die Flügeltüren des Schlosses und bemerkte, dass Michael erschöpft auf eine der Stufen sank.
   »Du hast Bedenken. Ich verstehe das. Die Zusammenführung von Frauen und Vampiren ist ein Risiko. Wir tun es im Nordflügel, weil das der gesellschaftliche Bereich ist. Das Auswahlverfahren ist am gefährlichsten. Deshalb holen wir Ian dazu, bevor wir mit dem Ritual beginnen. Entscheidet sich ein Mädchen dafür, einen der Vampire kennenzulernen, verbringt sie einige Zeit mit ihm. Ian ist als Anstandsdame und Bodyguard ständig dabei.«
   »Ich kann kaum glauben, dass du deinesgleichen einem derartigen Risiko aussetzt«, merkte Michael an.
   »Das ist der Grund, warum ich dich kommen ließ. Du musst einige Bereiche Choisrics für mich weihen. Wir Menschen können uns frei zwischen geweihten und ungeweihten Bereichen bewegen. Die Vampire aber wären gezwungen, in ihren Bereichen zu bleiben. Das bedeutet mehr nächtliche Sicherheit.«
   Michaels Blick veränderte sich, und zum ersten Mal erwog Elise, dass ihrem Plan, dem sie vorgegriffen hatte, etwas entgegenstand: Michaels Zustimmung. Wenn er ihr seine Hilfe vorenthielt, hatte sie ein lebensgefährliches Problem.
   »Was ist mit Magnus und dir? Willst du nicht irgendwann ein Kind von ihm?«
   Elises Rücken versteifte sich. »Durch eigene Kinder machen wir uns angreifbar. Norea will offensichtlich nicht gefunden werden, und Ian ist so lange Zeitabschnitte im Irak auf der Suche nach ihr, dass ich zwischendrin vergesse, wie er ausgesehen hat. Und Gabriel – na ja, Gabriel … Seit Cassy ihn verlassen hat, haben wir kaum von ihm gehört. Ich finde, mein Leben ist zu instabil, um an Babys zu denken.«
   »Warum kam bislang nur eine Vampira zu dir?«
   Elise atmete tief ein und aus. Er wollte informiert sein. Sie verstand das. »Ian versuchte, einige Vampiras zu rekrutieren. Sie scheinen skeptischer zu sein, was die Heilung angeht, als die männlichen Untoten. Außerdem haben wir nur Menschenfrauen gefunden, die bereit sind, das Blutopfer zu vollbringen und eine Ehe mit einem Vampir einzugehen. Ian sagt, er habe interessierte Vampiras gefunden, aber sie wollen nicht kommen, solange wir ihnen kein passendes Gegenstück anbieten können. Menschenmänner sind Mystischem gegenüber wenig aufgeschlossen.« Elise sah ihn an. »Natürlich haben wir abgewogen, männliche Geistliche als Ehemänner zu rekrutieren. Amadeus meint, das bedeute, sich mit dem Vatikan anzulegen. In diesem frühen Stadium müssen wir sehr vorsichtig sein.«
   »Meine Rede.« Michael griff in die Gesäßtasche seiner Jeans. »Ich hab dir etwas mitgebracht.« Er reichte ihr ein zerknittertes Blatt. »Leider durfte ich es dir nicht früher geben. Es ist ein Brief deines Vaters, datiert vom 20.02.2012.«
   Elises Herz setzte mit Sicherheit aus. Jedenfalls spürte sie es einen Moment nicht mehr. »Der Tag seiner Abreise nach Dublin?« Sie nahm das Blatt, faltete es aber nicht auseinander, weil ihre Hand zu sehr zitterte.
   »Er sandte mir diesen Brief zusammen mit einem Kästchen für dich«, führte Michael aus. »Wir waren noch auf der Trinity University. Du kannst den Brief später lesen, wenn du allein bist.«
   Elise wusste nicht, was oder ob sie etwas sagen sollte. Er überrumpelte sie einfach damit?
   Michael senkte den Kopf und kniff die Augen zusammen. »Dein Vater bat mich, dir den Inhalt des Kästchens zu übergeben, falls er von seiner Reise nicht zurückkehren sollte. Und nur dann, wenn du eines Tages an seiner Stelle einen Vampir in einen Menschen zurückverwandeln solltest.«
   Ohne dass sie es wollte, hatten sich ihre Augen mit Tränen gefüllt. Ihr Vater hatte es geahnt. Geahnt, dass er sterben würde und geahnt, dass Elise in seine Fußstapfen treten würde. Mein Gott, sie vermisste ihn. All das passte so gut zu seinem Charakter, dass es ihr für einen Moment unwirklich schien, dass er tot war. »Warum gibst du mir das ausgerechnet jetzt?«
   »In dem Brief steht, dass der Inhalt des Kästchens ein Hinweis auf den ist, den er in Dublin treffen wollte.«
   »Michael … ich …«
   »Eine getrocknete Ähre lag darin.«
   Elise schloss die Augen und die angestauten Tränen kullerten hinaus. »Natürlich«, flüsterte sie. »Kain auf dem Feld. Der Dreschschlegel. Eine Ähre.« Ein Puzzle füge sich zusammen, das längst keins mehr war.
   Michael sagte eine Weile nichts. »Du bist eine Heilerin«, sagte er nachdrücklich. »Du erstrahlst in Kraft und Selbstbewusstsein und ich weiß, dass du nicht mehr die naive Studentin auf der Trinity bist.« Er seufzte. »Gleichwohl denke ich, dass du dich überschätzt. Kain hat deinen Vater töten lassen. Die Ähre und der Brief sind der Beweis. Kain ist dem Vorhaben deiner Familie länger auf der Spur, als wir annahmen. Ich dachte, ich kann dir die Erinnerung an deines Vaters gewaltsamen Tod ersparen. Deshalb hab ich das Kästchen und den Brief zurückgehalten. Nach Magnus’ Heilung und nachdem du dich von mir losgesagt hattest, wollte ich, dass du glücklich bist. Aber dein Plan, dich an die Vampiröffentlichkeit zu wenden mit dem Angebot einer Massenheilung schafft dir in Kain einen höllischen Feind. Deshalb sage ich dir das jetzt.«
   Die Tränen verwischten das Kästchen vor ihren Augen zu einem schwarzen Fleck. Es gab keinen Grund, hineinzusehen. Sie glaubte dem Engel auch so.
   »Michael! Du alter Himmelhund!« Magnus kam mit langen Schritten auf sie zu. Elise wischte sich eilig die Tränen vom Gesicht und stand auf. Zwei Nonnen am See starrten ihm nach, als wäre er der Prototyp eines potenziellen Vampirehemanns. Sein tiefschwarzes Haar sah aus, als hätte er heute Früh nicht einmal versucht, es zu bändigen. Er trug eine schwarze, gerade geschnittene Jeans und ein eng anliegendes graues Feinripp-Shirt mit der Abbildung eines Irokesenindianers auf der Brust. Er schlug so hart in Michaels Hand ein, dass sie unter dem Geräusch zusammenzuckte. Die Blutspaarbindung übertrug seinen Wunsch der Versöhnung auf sie, aber auf seine Vorstellungen einer Versöhnung würde sie sich heute ganz sicher noch nicht einlassen.
   »Elise, hast du unserem hohen Gast etwa nichts zu trinken angeboten?«
   »Wenn Ian nach Choisric zurückkehrt, fragst du mich das nie.«
   »Wir trinken und essen in der Regel nur, um uns die Zeit zu vertreiben oder uns an die Menschen anzupassen«, löste Michael Magnus’ Vorwurf auf.
   Magnus lachte. »Wie dem auch sei. Willkommen zurück in unserem Steinsarg! Hast du es nicht früher so genannt? Heute ist es das mehr als je.« Magnus beugte sich zu Michael vor. »Die Leichen stapeln sich bereits. Hat Elise dich eingeweiht in ihre schrecklichen Pläne?«
   »Du hast eine intelligente Frau gewählt. Das bereitete schon Männern der Antike bisweilen Probleme.« Glücklicherweise ließ Michael sich nicht auf Magnus’ Sarkasmus ein. »Elises Pläne sind durchdacht.« Seine Miene wurde weich, als er ihren Blick auffing. »Bedauerlicherweise habe ich nicht die Befugnis, ihren Wünschen Folge zu leisten.«
   In Elise zog sich etwas zusammen, gefolgt von einem blanken Schmerz, der sich durch das Gelächter ihres Mannes zu verstärken schien. Magnus versuchte nicht mal, seine Freude darüber zu verbergen, dass sie scheiterte. Der Kloß in ihrer Brust wuchs zu einem Steinklumpen an.
   »Du bist mir wahrlich tausend Mal lieber, als dieser strohlockige Griesgram Gabriel«, rief Magnus und klopfte dem Engel mehrfach auf die Schulter. »Wegen mir kann der bleiben, wo der heilige Pfeffer wächst.«
   Da war es wieder. Eins der Hauptprobleme ihrer Ehe. Magnus’ Haltung gegenüber Cassys heimlichem Verschwinden.
   »Ich befürchte, es wird bald ein Engel nach Choisric kommen, der euch beiden mehr missfällt als Gabriel«, sagte Michael mit Bedacht, und sie beide starrten ihn an. Michael zuckte mit den Schultern. »Um deinen Wünschen nachzukommen, muss ich mich mit jemandem beraten, der mit mehr Macht ausgestattet ist als Gabriel und ich.«
   Elise nahm das Vogelgezwitscher überdeutlich in der Stille wahr. Michael zog eine bedauernde Schnute. »Ich spreche von Uriel.«

Kapitel 4
Auftakt

Elise rückte die Serviette auf ihrem Schoß zum hundertsten Mal zurecht, als sich hinter ihr die Tür öffnete. Evie, die sich damals bei Ankunft auf Choisric bereit erklärt hatte, als Köchin für die Choisric-Gemeinde zu fungieren, war bei diesem Abendessen die Rettung. »Das Hauptgericht war köstlich, Evie«, sagte Elise. »Am besten du bringst das Dessert sofort.«
   Evie lächelte, was betonte, wie jung sie war.
   »Sie ist neunzehn Jahre und hat ein Kind von einem Verdammten.« Magnus grinste, vergaß dabei aber offenbar, dass er mit dieser Aussage nicht nur Elise, sondern auch Evie brüskierte.
   Erwartungsgemäß erstarrte sie mit dem Rücken zu ihnen.
   »Du siehst müde aus«, bemerkte Magnus. »Schafft Mae dich mit ihren Trotzanfällen?«
   Die abgeräumten Teller hingen schief in Evies Hand und für einen Augenblick sah es so aus, als würde sie sich einfach umdrehen und damit nach ihrem Hausherren werfen. Ihr Blick traf Magnus mit einem Zug von Arroganz. »Mae ist etwas anstrengend, Mr. Ryan«, antwortete sie mit formvollendeter Höflichkeit. »Der Kinderarzt sagt, das sei normal in ihrem Alter und überdies sogar gesund für ihre Entwicklung.«
   Elise und Evie tauschten einen Blick und die Andeutung eines Nickens, das soviel bedeutete wie ein: Gut gemacht. Michael hatte seine Ich-stehe-über-allem-Miene aufgesetzt. Magnus’ Verhalten schien ihn eher zu interessieren, als zu stören. Elise hätte sich dagegen lieber lebendig in einer Vampirgruft begraben lassen, als eine Minute länger mit ihrem Ehemann an einem Tisch zu sitzen.
   »Da hörst du’s.«
   Er hatte immer noch nicht genug?
   »Alle in diesem alten Kasten sind davon überzeugt, dass Elise etwas Heroisches mit ihren Taten vollbringt. Ich habe die mieseste Rolle in dem Theater. Erst bin ich der Versuchskaninchen-Vampir, dann bin ich ein verrückter, halber Vampir und jetzt bin ich der Chauvi, der seiner Frau verbietet, sich in Lebensgefahr zu bringen und hilflose Mädchen als Blutbeutel zu missbrauchen.«
   Michael sah Magnus an. Die Unterarme entspannt auf der Tischkante abgelegt blinzelte er Elise an. »Etwas habe ich noch für dich.« Er griff in die Tasche seiner Jeans, hob eine Faust und ließ bis zur Hälfte eine goldene Kette hinausfallen.
   Elises Blick huschte zu Magnus.
   »Sie besitzt keine heiligen Kräfte«, sagte Michael.
   Wenigstens bemerkte Michael das Prekäre an der Situation und spielte sie herunter.
   »Und sie kommt auch nicht aus den Goldschmieden der Engelheerscharen über uns.« Michael lächelte sie an. »Aber sie sieht mit Sicherheit hübsch an dir aus.«
   Elise versuchte, den zweiten Sicherheitsseitenblick in Magnus’ Richtung zu unterdrücken, aber es gelang ihr nicht. In Michaels völlig menschlich gefärbten Augen fand sie keine Spur von Doppeldeutigkeit, weswegen sie nach kurzem Zögern doch die Hand ausstreckte und die Kette entgegennahm. Am Ende des altmodischen, durch unregelmäßig geformte Perlen verzierten Colliers schaukelte ein Symbol. Elise bekam den Mund nicht mehr zu. »Das Vampirheiler-Wappen meiner Familie?«
   »Ich habe es extra anfertigen lassen.«
   Michael traf mit diesem Geschenk ihren wundesten Punkt. Es gab keine Familie Brennan mehr. Sie war die letzte Überlebende. Diese Kette zu tragen, würde sie jeden Tag daran erinnern, dass es die Brennans gegeben hatte, dass das Vermächtnis das Einzige war, was ihr von ihrem Vater geblieben war, und dass ein Engel an sie glaubte. »Du bist ein echter Freund.« Elise stand halb vom Stuhl auf und schlang Michael die Arme um den Hals. Anschließend sah sie sich den Anhänger noch einmal an. Er war filigran und detailliert gearbeitet und mit Sicherheit ein Vermögen wert.
   »Wirst du sie tragen? Ich meine, auch wenn dein Ehemann mich dafür teeren und federn wird und dir ein handfester Ehestreit ins Haus steht?«
   Hätten die Blicke der beiden Männer aus Energie bestanden, hätten sie gesamt Connemara in Brand gesetzt, aber das Schrillen der Türglocke im Hintergrund verhinderte jede Eskalation. Elise hörte, wie Evie zur Tür ging, und nahm ihre Serviette von ihrem Schoß.
   »Magnus, es war unnötig, unserem Gast den Abend zu verderben, weil du mir den Erfolg missgönnst.« Als hinter ihr die Tür aufging, hob Elise die Hand. »Evie, wir warten mit dem Dessert!«
   »Mylady?«
   Néné? Die Ex-Vampira war blass wie die Nacht. Sie hielt etwas in der Hand. Es sah wie ein Briefumschlag aus.
   Warum öffnete Néné die Tür? Hatte Evie sie geholt? Elise wusste, dass die Zwillinge noch dreimal aufwachten, nachdem Néné sie um sieben ins Bett gebracht hatte. Néné hatte am späten Abend Besseres zu tun, als Evies Aufgaben zu übernehmen.
   »Ein Diener brachte dies.« Néné hielt ihr den Umschlag hin. Ihre Stimme klang hohl.
   Es widerstrebte Elise, den Umschlag anzunehmen. »Ein Diener, von wem? Um diese Zeit?«
   Magnus legte die Arme hinter den Kopf. Er wirkte untypisch ernst für seinen Normalzustand.
   »Ich weiß nicht, von wem er kam. Sein Gesicht war entstellt. Er war groß und hatte ungewöhnlich langes Haar.« Nénés Sätze waren abgehackt.
   Elise nahm Néné den Umschlag aus der Hand. Wusste der Himmel, warum sie diese Bewegung Überwindung kostete. »Danke. Mach bitte Feierabend, Néné.«
   Hinter ihr schloss sich die Tür. Sie musste morgen mit Evie reden. Magnus hatte sie mit seiner Aussage bis aufs Blut gereizt und natürlich war sie wütend deshalb. Trotzdem konnte es nicht angehen, dass Néné Evies Abendschichten übernahm.
   Elise zog den Brief hervor. Nein, kein Brief, nicht mehr als ein Wisch. Keine Anrede, kein Datum, kein Text mit Sinn. Was für ein Blödsinn …?
   Sie setzte sich.
   Ein Wust aus zusammengewürfelten Zahlenschlüsseln und Computerdaten sprang ihr entgegen. Das Papier war dünn, ähnlich dem eines Faxausdrucks. Die Druckerschwärze war so schwach, dass einige der Zeilen kaum zu entziffern waren. Wer brachte mitten in der Nacht einen solchen Wisch in die Einöde Connemaras hinaus?
   Blutgruppe, Eisengehalt, Cholesterin …
   »Sieht aus wie ein medizinisches Dokument.« Nachdenklich übergab Elise Michael das Papier, als ihr genau in dem Moment, etwas in ihr Blickfeld einbrannte.
   Patient: Cassy O’Keefy
   Elises Finger verkrampften sich um den Rand des Papiers. Sie hielt es fest, als könnte Michael sich damit in Luft auflösen, wenn sie es ihm überließ.
   »Eine Nachricht von Gabriel?« Magnus’ Stimme.
   Elise hob den Kopf. Für eine Sekunde erkannte sie in seinem Gesicht den Mann wieder, den sie in der Kapelle Shelter Abbeys geheiratet hatte. Jesus Christus! Er hatte einen ganzen, ironiefreien Satz gesagt.
   Neben sich stehend überließ sie Michael das Papier. Er legte es auf den Tisch. Seine Sinne erfassten die Daten offensichtlich schneller als ihre.
   »Das ist eine Zusammenfassung des medizinischen Gesamtzustands von Cassy O’Keefy.« Er wischte sich mit der Handfläche über den Mund. »Wenn diese Werte stimmen, steht es schlecht um sie.« Seiner Stimme nach zu urteilen, war das wohlwollend ausgedrückt.
   »Das Mädel meldet sich vier Jahre lang nicht und schickt dann einen ärztlichen Check-up Bericht?«, fragte Magnus.
   »Diese Nachricht kommt nicht von ihr.« Elises Beine drohten, unter ihren Knien wegzurutschen.
   Noch einmal griff Michael nach dem Papier, was aus unerfindlichen Gründen ein Gefühl der Hoffnung in ihr auslöste. »Sie hat kaum noch Blut in sich und ist dehydriert. Im Grunde hat sie einen Mangel an nahezu allen lebenswichtigen Nährstoffen. Sie leidet unter Muskelschwund, einer Depression, Appetitmangel und so weiter.«
   Elise tastete nach der Lehne ihres Stuhls und versuchte, sich niederzulassen, ohne hinzusehen. Als sie es geschafft hatte, presste sie sich beide Handflächen auf den Unterbauch, um dem Gefühl innerlich auseinanderzubrechen irgendwie entgegenzuwirken. Wie hatte ein so furchtbarer Irrtum geschehen können? Das Ausmaß ihrer Schuld erstickte Elises Fähigkeit, sich zu konzentrieren.
   »Was denkst du?« Erneut war es Magnus, der sprach.
   »Nach diesen Daten hängt Cassys Leben an einem Seidenfaden und das schon seit geraumer Zeit. Interessanterweise hat sie keine lebensbedrohliche Lungenentzündung oder andere, bei diesem Zustand, übliche Folgeleiden«, entgegnete Michael.
   Elise wollte etwas sagen, etwas beitragen. Sie mussten Cassy retten. Sofort! Aber ihr Gehirn war wie in Watte gepackt. »Ein Vampir?«, brachte sie endlich hervor.
   »Könnte sein. Jemand stellt sie jedenfalls immer so weit her, dass sie am Leben bleibt. Ob das in diesem Zustand angenehmer ist, als der Tod, sei dahingestellt.«
   Sie hatte ihre Freundin vergessen. Aufgegeben. Sie hatte ihr Leben gelebt, sich auf ihre Aufgaben konzentriert. Niemals hatten sie angenommen, dass Cassy das Opfer einer Entführung geworden war. Cassys Geliebter war ein Erzengel! Er hätte wissen müssen, wenn Cassy in eine Gefahr geraten war. Gabriel hätte sie finden müssen. Hatte Ian sich nicht angestrengt? War sie nicht deutlich genug gewesen mit ihren Anweisungen? Nein, alle Schuld trug sie. Sie war Cassys Freundin. Sie hätte mehr tun müssen, um sie zu finden. Aber man hatte sie in Ruhe lassen wollen. Ihr die Chance auf Normalität geben, auf ein Leben ohne Choisric, ohne Engel und Vampire. Man hatte es gut gemeint mit ihr.
   Michael seufzte, was Elise zusammenfahren ließ. Seinen Blick hatte er auf die Tischplatte gerichtet. »Diese Werte gleichen den medizinischen Daten eines Gefangenen aus dem Mittelalter, nachdem man ihn zehn Jahre in einem Burgturm verrotten ließ.«
   Magnus hob den Zeigefinger. »Kain spaziert also mitten in der Nacht durch unseren Wald und spielt Postbote?«
   Ihr Mann stellte die Fragen, die gestellt werden mussten. Er analysierte, suchte nach Lösungen. Sie konnte es im Moment nicht und war ihm dankbar dafür.
   »Néné sprach von einem Diener«, bemerkte Michael.
   »Ja, aber dieser Diener kann Gott weiß wer gewesen sein. Vielleicht ist das alles der dumme Scherz eines Vampirbabys.« Magnus’ pragmatische Art.
   »Ich hab Néné nie zuvor so in Angst gesehen«, brachte Elise flüsternd hervor. »Bis vor ein paar Jahren war sie eine Vampira. Ein einzelner Erzeuger hätte sie nicht derart aus der Fassung gebracht.«
   Das Argument leuchtete Magnus ein. »Wenn wir Choisric einstampfen, lässt Kain mit sich verhandeln. Wir können ihm zeigen, dass wir die Botschaft ernst nehmen. Wirf endlich die Vampire raus.«
   »Magnus’ Vorschlag klingt vernünftig und ist der einzige, den ich dir unter gegebenen Umständen machen kann«, pflichtete Michael ihm unglaubwürdigerweise bei.
   Elise fiel fast vom Stuhl. Hatte Gott sich so lange Zeit gelassen, um sie mit aller Härte zu bestrafen? Selbst, wenn ihr für eine Sekunde Magnus’ Vorschlag als Möglichkeit erschien, war es unmöglich, auf diese Weise vorzugehen. Denn da war diese andere Sache. Das Geheimnis zwischen Néné und ihr.
   Übelkeit wallte in ihr auf. Ein einziges Mal hatte sie getan, was nötig war. Sie hatte sich einen kleinen Vorteil verschafft. Sie hatte entschieden, bevor Michael seine Zustimmung gegeben hatte. Néné hatte sie davor gewarnt. Und jetzt? Elise verstand die Welt nicht mehr. »Ich befürchte, ich muss euch etwas sagen.«
   Magnus stand unter Aufruhr, aber da war keine Wut in ihm. Sie spürte etwas wie Hoffnung über die Blutspaarbindung zu ihr. Hoffentlich hast du nichts Dummes getan.
   Michael faltete in einer verkrampften Bewegung die Hände vor sich auf dem Tisch. Er vermutete etwas.
   »Es war nicht geplant, dass ihr es auf diese Art erfahrt. Vor wenigen Tagen habe ich eine Rundmail ausgearbeitet. Wir haben die Nachricht in Onlineforen gestreut, auf Facebook und allen möglichen Internetseiten, die sich mit mystischer Literatur, Nachtgeschöpfen, Magie und Ähnlichem beschäftigen. Es ist eine Art Kettenbrief.«
   Michael schlug die Lider nieder. »Und was stand in dieser Nachricht?«
   Elise griff mit beiden Händen um die Armlehnen ihres Stuhls. »Dass ich alle Vampire, die den Wunsch haben, ein menschliches Leben zu führen, auffordere, nach Choisric zu kommen. Und dass ich sie heilen kann.«
   Niemand hatte sich seit Magnus’ Heilung gegen diese Bestimmung gestellt. Gott, das Schicksal, das Universum oder Mutter Natur. Woran auch immer man glauben mochte. Diese Macht hatte ihre Taten, die Rückverwandlungen und die Verbindungen zwischen Menschen und Vampiren anerkannt. Den Geheilten wurde neues, gesundes Leben geschenkt. Wundervolle Babys waren aus den Vampirverbindungen entstanden und wuchsen innerhalb der Mauern Choisrics zu Erwachsenen heran. Angesichts Cassys offensichtlichen Leids der letzten Jahre, fiel Elise aber keine Rechtfertigung ein, die ihr Tun entschuldigte.
   Michael sprang auf. »Du wolltest meine Zustimmung erzwingen?«
   »Ich konnte nach vier Jahren ohne Lebenszeichen von Cassy nicht ahnen, dass sie von Kain als Geisel gehalten wird. Nicht einmal Ian oder Gabriel konnten einen Hinweis darauf finden, wo sie ist. Wir gingen davon aus, dass sich ein Entführer bei uns gemeldet und Forderungen gestellt hätte.«
   Michael ging zum Kamin. »Wenigstens kennen wir die Fakten.« Er hielt sich am Kaminsims fest. »Kain hatte Cassy O’Keefy die ganze Zeit über in seiner Gewalt. Während du auf Choisric Vampire geheilt hast, wartete er ab und sah dir zu.« Michaels Stimme verlor jeden gefühlvollen Ton. »Bislang war Cassy für ihn ein Sicherheitspfand. Aufgrund deines Herantretens an die Vampirrasse spielt er seinen Trumpf aus. Er hat eine Geisel, die nicht nur die beste Freundin der Vampirheilerin, sondern auch die Geliebte von Gabriel, dem Erzengel ist.«
   Elise schluckte. Langsam kam Michael zurück und trank einen Schluck Wein. Magnus’ Miene war nicht deutbar und rotierte irgendwo zwischen ‚Ich habs dir doch gleich gesagt‘ und ‚Verdammt, jetzt ist sie wirklich in Gefahr‘.
   »Du hast eine Antwort auf deine Rundmail erhalten«, sagte ihr Ehemann. »Egal, was wir tun, deine Freundin ist bereits tot.«
   »Was? Nein!« Elise sprang auf. »Wir können sie retten. Ich spreche mit Kain. Ich gehe zu ihm. Niemand sonst muss sich in Gefahr begeben …«
   »Spinnst du jetzt völlig?« Magnus schrie. »Vorher lass ich dich im Nordflügel in Ketten legen und beauftrage deine eigenen Vampire damit, dich zu bewachen.«
   Michael ging auf und ab. »Das ist ein echtes Problem. In wenigen Tagen wird es hier von Vampiren wimmeln. Aber ich kann dir die Hilfe, um die du mich gebeten hast, nicht zusagen, Elise. Was tun wir, wenn Uriel zu spät kommt? Engel haben eigene Prioritäten, und ich bin mir nicht sicher, ob du Uriels Oberste bist. Was, wenn er dir seine Hilfe versagt? Wie willst du dich vor einer Meute wütender Vampire schützen, die geheilt werden wollen? Sollen wir uns in der Kapelle verschanzen – mit ein bisschen Weihwasser und trockenem Brot?«
   »Wir könnten die ankommenden Vampire um Aufschub bitten.« Ihre Stimme hörte sich kläglich an.
   Michael schüttelte den Kopf. »Vampiren kann man nichts vorspielen. Sie sehen die glücklichen, geheilten Familien und die potenziellen Vampirbräute.« Der Engel stützte sich an Elise Stuhllehne ab. »Länger als du ahnst, streut sich das Gerücht einer geglückten Vampirheilung über die Welt. Mit deiner Nachricht verleihst du diesem Gerücht Gültigkeit. Niemand kann die Welle aufhalten, die du losgetreten hast. Bis Uriel eintrifft, sind wir auf uns gestellt.«
   Michaels Venen pulsierten unter seiner Haut. Elise hasste das. Er war in höchster Kampfbereitschaft und unverzeihlich wütend auf sie.
   »Wann habt ihr die Nachricht verschickt?« Magnus’ ruhiges Interesse tat ihr gut.
   »Vorgestern, bei Tageslicht. Das heißt, sie ist für Vampire erst eine Nacht unterwegs.«
   Michael nickte, als hinter ihnen die Tür aufflog. Néné und Evie standen gemeinsam dort. Evies Gesicht wirkte verzerrt, als hätte sie eine Katze überfahren. »Wir haben draußen etwas gehört. Da war ein Laut vor der Flügeltür. Als schmeiße jemand ein Tier vors Haus. Also haben wir nachgesehen. Es ist besser, du siehst es dir selber an.«
   Michaels Schulter streifte Elise, als er die Barriere der Frauen durchstieß.
   Die Flügeltüren des Schlosses standen weit offen. Dahinter klaffte ein schwarzes Loch. Der kühle Sommernachtwind stürmte ihr entgegen, der Schein des Kronleuchters fiel auf die drei Außenstufen. Am Boden auf der obersten Stufe lag etwas. Hell, klumpig, teilweise braun. Ein Häufchen Fell? Eine Ratte vielleicht?
   Michael war links von der Tür stehen geblieben und sah von dem Klumpen am Boden zu Elise auf. Langsam trat sie in die Mitte der Flügeltür und ging in die Knie.
   Cassys Gesicht tauchte sofort in ihrer Erinnerung auf. Wie sie lachte und den Kopf zurückwarf. Ihr weißblondes Haar wippte dabei. So hatte sie ausgesehen, damals als Elise eine Dose verwestes Büchsenfleisch aus einem Supermarkt geklaut hatte, um daraus ein Gift gegen Vampire herzustellen. An diesem Tag war Cassy ihre Freundin geworden …
   Scheußlich, wenn etwas derart unverwechselbar ist.
   Schmerzhaft, wenn es keinen Zweifel lässt.
   Auf Elises Schlosstreppe, eingerahmt von zwei blassblauen Hortensien am Treppenrand, lag Cassy O‘Keefys blutiger Skalp.

Kapitel 5
Alcatraz

Da war es wieder. Die Wiederholung von etwas, das sie hasste. Seit Jahren ging das so. Einmal war es das ewige Grün einer Insel, hier die ewige Kälte und Dunkelheit. Irgendetwas machte ihr immer das Leben zur Hölle, seit sie Gabriel kennengelernt hatte. Shit happens. Und doch bereute sie keinen Tag, den sie mit Gabi verbracht hatte. Nein. Sie vermisste ihn, jeden Tag.
   Nun gut. Da war es wieder. Die Kälte. Der Schmerz. Die Dunkelheit.
   Cassy zog Luft durch die Zähne ein. Nichts hatte sich verändert. Wie auch? Ihre Lider zuckten, als wären darunter kleine Springfedern eingebaut. Sie konnte nichts dagegen tun und es nervte einfach nur.
   Jedes Mal, wenn sie erwachte, setzten sich die Puzzleteile zusammen. Jedes Puzzleteil war ein weiteres Horrorelement. Sie wusste dann wieder, wo sie war und dass er sie nicht sterben ließ …
   Cassy wartete auf das Geräusch. Sie lächelte, zählte die Sekunden, bis es kam. Ein metallisches Knarzen von links. Sie wachte immer kurz vorher auf. Cassy lächelte bitter. Ein Erwachen, das aus Sequenzen bestand.
   Qual, Schlaf, erwachen, Qual.
   Sah so ihre Verdammung aus? War das Gottes Strafe für sie? Kaels Gestalt beschattete sie. Was war eigentlich so nass an ihr? Ach ja, das Wasser. Sie erinnerte sich jetzt. Die ganze Tagesration verschüttet. Kurz, bevor sie eingeschlafen war. Ihre Zunge und die Innenseite ihres Mundes fühlten sich taub an. Die Schleimhaut in ihrem Mund schien sich allmählich aufzulösen.
   Cassy spuckte etwas Speichel aus, als Kael nach ihrem Oberarm griff und ihren Körper neben sich zog. Er schleppte sie durch den Käfig hindurch und ihre Rippen rammten das Verbindungsteil der Tür aus Stahl. Sie schrie. Kael zog.
   Eigentlich war sie zu krank für ihn. Mehr als einmal hatte er ihr das gesagt. Sie sagte schon lange nichts mehr. Tote sprechen schließlich nicht.
   »Hilf mit, du dreckiges Bündel Fleisch!«
   Das sagte der Richtige.
   Kael riss an ihrem Arm, und ein neuer Schmerz schoss durch ihre Schulter ins Schlüsselbein. Sie lachte, jammerte. Ob er ihr den Arm ausreißen würde, wenn sie sich gegen ihn wehrte. Würde der Arm nachwachsen durch sein Gift? Wie ihre Kopfhaut und ihr Haar? Diese Erinnerung war schmerzhafter als die anderen. Nie vorher hatte er sie gefoltert, ihr bei lebendigem Leib das Haar abgezogen. Kael wuchtete sie zum Verschlussstein und lehnte sie gegen eine Wand. Auf La Palma, damals mit Gabriel, hatte sie gesehen, wie ein Fischer riesige gefrorene Thunfische abgeladen und an die Hauswand eines Restaurants gelehnt hatte. Genauso fühlte sie sich jetzt. Tiefgefroren, tot und abgestellt.
   Der Stein neben ihr wurde weggerollt, und sie sah aus dem Augenwinkel, wie Kael zu ihr zurückkam. Er stank wie ein hässlicher Troll und er sah auch so aus. Er hatte Elefantenschultern und braune Haut. Sein Spitzbart war das Einzige, um das er sich offenbar kümmerte, und der war genauso tiefschwarz wie seine nicht vorhandene Seele.
   Er hakte sie sich wie einen Sack Getreide unter und hievte sie durch die Öffnung zwischen Hölle und Vorhölle.
   »Ich bringe euch die Leihgabe des Erzengels Gabriel.« Der Diener des Teufels trat von einem seiner Füße auf den anderen, wie ein zu groß geratenes Kind, das nicht weiß, was es mit den Muskelbergen anstellen soll.
   »Herr?«
   Die hallende Stimme wirkte unsicher. Cassy freute sich. Er bekam keine Liebe von seinem Herrn. Genau das hatte er verdient.
   Wieder atmete er ihr seinen Gestank ins Gesicht. Was war das bloß, was Kael zu sich nahm? Er hatte Mundgeruch, als fresse er jeden Tag ein Pfund toter Tiere.
   Der Vampirhüne griff unter ihre Beine und trug sie mit den wiegenden Schritten eines Kamels umher, um sich nach einer geeigneten Futterstelle für seinen Herrn umzusehen.
   Lass es das letzte Mal sein. Es muss endlich aufhören. Sie war eine Ewigkeit hier. Wenn er in ihrem derzeitigen Zustand von ihr trank, dehydriert, völlig geschwächt, würde sie nicht mehr aufwachen. Es musste einfach so sein.
   Erneut warf Kael sie ab. Ihr Körper fiel auf das Eisbärfell, und sie wickelte sich sofort darin ein. Die Kälte war das Schlimmste daran. Es war so bitterkalt bei ihm. Warum war es hier so kalt? Cassy kippte auf die Seite und stemmte sich ein paar Millimeter vom Boden hoch. Kael rollte den Verschlussstein zu. Sie konnte schon lange nicht mehr aufrecht sitzen oder gar selbstständig gehen. Ihr Gehör ließ langsam nach. Verschwommenes Sehen war alles, was ihr blieb.
   Und dann sah sie ihn. Kain hatte einen schlendernden Gang. Maskulin, martialisch, ein Akt der Kunst. Hier unten gab es nichts, das schön war. Außer ihm. Cassy bewunderte den Teufel in Menschengestalt. Es tat gut, ihn anzusehen. Ein toller Mann, wäre da nicht die Sache mit ihrem Skalp.
   »Du siehst vertrocknet aus.«
   Der Boden unter Cassy vibrierte. Sie nickte, was in Seitenlage kaum ging. Es gab nicht viel, was in ihrem Leben angenehm war. Die Vibration seiner Stimme war eins davon.
   »Soll ich dennoch von dir trinken? Oder wählst du endlich Gabriel?«
   Sie kannte die Frage. Jedes Mal stellt er sie! Es war ihr gemeinsames, kleines Spiel. Cassy musste entscheiden, ob er sich von ihr nährte oder ob er Gabriel suchen ließ und ihn im Austausch für sie hier behielt. Hatte er diese Macht? Wie oft hatte sie sich das gefragt? Wie oft hatte sie sich dafür gehasst, dass sie Gabriel nicht ausgequetscht hatte über all das Engelzeug. Eine Eisfläche glitt über ihren Schädel. Es war Kains tote Hand.
   »Dein Haar wächst nach. Die Narben der Skalpierung sieht man kaum. Ich freue mich, dass mein Gift so gut bei dir wirkt. Du wirst mir noch lange erhalten bleiben.«
   Nein, lieber Gott. Nein.
   Tränen rollten aus ihren Augen und selbst die waren zu kalt.
   Der Gott der Dunkelheit kniete sich hin.
   Cassy schnüffelte. Er roch nach allem, was sie anstrebte. Stille, Nichts, Friedlichkeit. Es war, als wäre er gar nicht da.
   »Ich opfere mich für Gabriel«, hauchte sie. Die andere Option hieß: Ich opfere ihn. Doch die hatte sie nie gewählt. Hoffentlich trank er schnell ihr Blut und ließ sie dann wieder wegbringen. In ihrem Käfig lag danach meist etwas Brot, das sie mit ihren verbliebenen Zähnen nicht kauen und ein Krug Wasser, den sie mit ihren schwachen Gliedmaßen nicht mehr anheben konnte.
   Zärtlich zog Kain sie hoch, und ihr Kopf kippte nach hinten. Sein Mund drängte sich an ihren Hals. Millimeterweise versenkte er seine Fangzähne in ihr und verharrte einen Moment in ihrer Halsschlagader. Er schien den Giftfluss kontrollieren zu können und gab ihr immer nur wenig davon. Die Wunden schlossen sich nicht mehr ganz. Cassy wurde oft bewusstlos vom Schmerz, wachte aber gleich wieder auf.
   Ich bin zu leer, dachte sie verzweifelt. Zu was war sie gut, wenn sie nicht einmal mehr als Nahrung dienen konnte? War sie dabei, verrückt zu werden?
   Kains Miene verwandelte sich. Er riss die Fangzähne aus ihrem Hals, warf den Kopf zurück und strich sich das von blonden Strähnen durchzogene Haar aus dem Gesicht. »Ich werde Gabriel in deinen Käfig sperren und leiden lassen, wenn seine Menschenkuh kein Blut mehr gibt.«
   Das Donnern seiner Stimme brachte Cassys Herz für zwei Schläge zum Aussetzen. Sie würgte ein bisschen Speichel hervor, und bevor sich der Rhythmus in ihrer Brust ganz stabilisiert hatte, lachte der Urvampir auf.
   »Es ist längst nicht mehr deine Entscheidung, weißt du. Gabriel und die Engelsfrau bestimmen jetzt über dein Schicksal. Sie hat meine Nachricht erhalten und ich bin mir nicht sicher, ob sie sich für dein Leben oder ihre Bestimmung entscheidet.«
   Engelsfrau? Cassy verstand das nicht. Aber etwas in ihr tat höllisch weh, als ihr Blut durch seine Worte in Wallung geriet. Da war ein bisschen Energie in ihr. Energie, die sie nicht verschwenden durfte für Hoffnung oder Mutmaßungen. Jeder Funken Elektrizität in ihrem Körper war eingeteilt, um ihre Körperfunktionen am Laufen zu halten. Sie traute sich nicht, an ihren Namen zu denken. Er erschien ihr wie ein Lösungswort. Wie der Schlüssel zum Paradies. Tränen schossen in ihre Augen.
   Elise.
   »Du wirst es miterleben«, sagte Kain und nickte. »Du freust dich, sie wiederzusehen, nicht wahr? Ich halte dich wach auf deinem Sterbebett. Im Gegenzug musst du mir geben, was ich von dir will. Ich will dein Blut und ich will dein Leid und beides will ich für Gabriel.« Er zischte den Namen des Engels, als wär es ein Hexenfluch und wie durch ein Wunder war Cassy zum ersten Mal seit Tagen imstande, sich ein paar Zentimeter aufzurichten.
   Kain sprach von Elise. Er hatte Elise eine Nachricht geschickt?
   Was sie empfand, fühlte sich an wie das wohltuende Gefühl eines Lachanfalls, ohne dass sich äußerlich etwas an ihrem Zustand veränderte. Vom Wechsel der Emotionen wurde ihr schwindlig. Etwas würde geschehen.
   »Ich brauche Ruhe.« Sie sprach zum Boden hinab und ihre Stimme klang fremd und kratzig. »Ich habe mein Wasser verschüttet.«
   »Kael bringt dir einen neuen Krug und hilft dir beim Trinken«, sagte Kain, als gäbe es darüber keine Diskussion. »Ich genieße es ausgiebig, von dir zu trinken. Gabriel ist bei uns, wenn ich es tue. Er ist der einzige Engel, der weiß, wie die Hölle schmeckt. Jetzt noch mehr, seit du bei mir bist.« Kain sah auf sie herab. Seine Augen waren vollkommen weiß. Abgesehen davon war er schön. So schön, wie ein König der Unterwelt es eben sein kann.
   Der Verschlussstein wurde hinter ihnen weggerollt. Der Urvampir ließ von ihrem Körper ab. Hände griffen unter ihre Achseln und schleppten sie aus der Hölle hinaus. Jedes Mal der gleiche Film.
   Aber diesmal hatte Kain einen Fehler gemacht. Eine Freundschaft war in diesen Zeiten vielleicht nicht viel wert. Aber bei einer Brennan und einer O’Keefy bedeutete sie etwas.

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