Als Elisabeth von einer Kreatur angegriffen wird, die ihren Albträumen entsprungen sein könnte, muss sie sich eingestehen, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als die Wissenschaft beweisen kann. Mit dieser Wahrheit konfrontiert, verschwindet plötzlich auch noch ihre Zwillingsschwester, und nur der verführerische Dämon Aamon scheint ihr helfen zu können, sie wiederzufinden. Darf sie ihm vertrauen?

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ISBN: 978-9963-53-311-4

Seiten: 218

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Sara Hill

Sara Hill
Sara Hill wurde am 05.02.1971 geboren und lebt mit ihrem Mann, zwei Söhnen und einer Vielzahl von Haustieren in einer kleinen beschaulichen Ortschaft in der Nähe von Nürnberg.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

»Das Vieh hat die Größe eines ausgewachsenen Elefanten«, schnaubte Jason.
   »Angst, mein gefiederter Freund?«, entgegnete Aamon leise lachend.
   »Halt die Klappe. Wann kommt Raven endlich mit diesem Monster?« Jason schaute um die Ecke. »Ich hab heute noch Besseres zu tun.«
   Jason sah zu Aamon, der genau wusste, auf was der Engelsbastard anspielte. Dass Debbie ihm bereits das Bett anwärmte und sehnsüchtig erwartete. Das Blut in seinen Adern begann zu brodeln. Er hasste es, sich nur vorzustellen, wie die beiden vögelten. »Hurensohn«, murmelte er.
   »Wie bitte?« Jason grinste arrogant.
   »Hat dir Debbie jemals erzählt, an wen sie ihre Unschuld verlor?«, fragte Aamon. »Wie du vielleicht weißt, kannte ich sie schon im Alter von siebzehn«, fügte er hinzu.
   Jason fixierte ihn, sein Grinsen erstarb. Jetzt verzog Aamon seinen Mund zu einem überlegenen Lächeln.
   »Du kleiner Wi…«
   Jason hielt inne, sein Atem kondensierte, um sie wurde es totenstill, als wäre eine schalldichte Kuppel über sie gestülpt geworden. Diese Anzeichen hätte Aamon nicht gebraucht, um den herannahenden Dämon zu bemerken, denn unter seiner Haut kribbelte es.
   Nur einen Wimpernschlag später trommelten schwere Hufe über den Asphalt. Die Erde bebte, fast konnte man meinen, eine Herde Büffel würde auf sie zusteuern, doch es war nur ein einzelner Dämon. An den Fenstern in den umliegenden Wohnungen gab es keine Reaktion. Keiner der Sterblichen registrierte den wild gewordenen Dämon, der eine Mischung aus Nashorn und Stier war und wie eine außer Kontrolle geratene Dampflok die Straße herunterraste. Denn nur wenige Sterbliche waren überhaupt in der Lage, Dämonen zu sehen, wenn die Kreaturen der Hölle es nicht wollten.
   Raven hielt beide Hörner, die seitlich aus der Stirn ragten, gepackt, versuchte, ihn zu stoppen, doch der Dämonenstier schüttelte seinen knochigen Kopf, schleuderte ihn wie eine Puppe hin und her, während er weitergaloppierte. Speichel quoll zwischen den messerscharfen Hauern hindurch, tropfte auf den Boden.
   Aamon machte sich bereit, zog die zwei Stilette aus den Holstern unter seiner Armeejacke. Im Gegensatz zu üblichen Waffen dieser Art besaßen sie geschärfte Klingen. Sie waren bereits im 16. Jahrhundert seine Lieblingswaffen gewesen. Jason hingegen verließ sich wie immer auf seine Glock. Der Engel hielt nichts von Hieb- und Stichwaffen.
   Feuerschnaubend rollte der Höllenstier an. Im hohen Bogen flog Raven durch die Luft und landete auf einem Autodach.
   Geschmeidig sprang Aamon auf den Rücken des Monsters. »Hier kommt jemand, der dir gewachsen ist«, knurrte er und rammte dem Dämon seine Stilette in den Knochenpanzer. Der Dämon brüllte und bäumte sich auf und schlug mit den Hinterbeinen aus, doch Aamon ließ nicht locker. Er biss die Zähne zusammen, machte einem Rodeocowboy alle Ehre. Zog eines der Stilette heraus, an dem anderen hielt er sich weiter fest, während er durchgeschüttelt wurde. Hinter ihm krachten Schüsse, ein scharfer Schmerz durchzuckte seine Schulter. Verflucht, eine Kugel hatte ihn gestreift. Konnte der Idiot nicht aufpassen? Der Dämonenstier stieg mit den Vorderhufen in die Höhe, stürmte dann los. Der Geruch nach verfaultem Ziegenfleisch stieg in Aamons Nase.
   »Lass dir einen Rat geben, such dir das nächste Mal einen besseren Körper aus. Du stinkst grauenvoll«, rief er, worauf der Dämon schneller wurde. Aamon verlor seinen Halt, rutschte nach hinten. Mit Wucht bohrte er sein zweites Stilett in den Rücken des Dämons, konnte so seinen Absturz verhindern. Die Jagdlust strömte durch Aamons Körper. Er hatte schon lange nichts mehr getötet und jede Faser seines dämonischen Wesens wollte Blut sehen. Er machte einen Salto, zog dabei seine Waffe heraus und landete wieder im Nacken des Dämonenstiers, dem er sein Stilett durch das rechte Auge bohrte. Das Monster kreischte, worauf die umliegenden Laternen explodierten. Schnell griff Aamon nach seiner zweiten Waffe, die noch immer im Knochenpanzer steckte, und rammte sie ins andere Auge. Der schrille Schrei des Dämons ließ die Scheiben der geparkten Fahrzeuge zerbersten. Mit einem Ruck riss er beide Waffen wieder heraus, um zu seinem finalen Schlag auszuholen. Ein Kribbeln ging durch Aamons Adern, doch nicht das Jagdfieber meldete sich, sondern etwas anderes. Er hob den Kopf, aber es war zu spät. Der blinde Höllenstier krachte durch ein Kirchenportal, dann rutschte er den Hauptgang entlang in Richtung Altar. Flammen schlugen aus dem Boden, schnappten nach dem Dämonenstier, die Schutzgeister des geweihten Bodens griffen an. Kirchenbänke wurden aus den Verankerungen gerissen. Das Gebäude stöhnte bedrohlich. Es roch nach verschmortem Fleisch. Abrupt haute der Dämon die Bremse rein. Aamon wurde nach vorn geschleudert, segelte durch die Kirche und krachte gegen das Kreuz über dem Altar. Sämtliche Luft wich ihm aus den Lungen, als er von der Wand abprallte und auf den Boden klatschte. Zu guter Letzt landete das Kreuz auf ihm und das kurze Stück, an das Jesus’ Hand genagelt war, in seinem Magen, um ihn anschließend ganz zu begraben. Sein letztes Essen klopfte gegen die Kehle. Benommen blieb Aamon liegen, atmete tief ein. Jede Region seines Körpers meldete Schmerzen, das war eines der nervigen Sachen dieses menschlichen Körpers. Hinter ihm ertönten wütendes Brüllen und Schüsse.
   »Ich gebe ihm den Rest«, schrie Raven.
   Knochen knackten. Im nächsten Moment spritzte schwarzer Dämonenmoder durch das Kirschenschiff, ein stinkender Batzen davon klatschte auf Aamons Wange. Es konnte nicht besser werden.
   Ravens Gesicht erschien über ihm. »Wieso fängst du nicht zu grillen an?«, fragte er mit einem scharfen Unterton in der Stimme.
   Er hatte sich geirrt, es konnte doch besser werden. »Vielleicht sehen mich die Schutzgeister nicht als Bedrohung, schließlich habe ich geholfen, das Vieh zu erlegen.« Er hievte das Kreuz von sich hinunter, kam auf die Beine und sah zu Raven, der ihn finster anstarrte.
   »Was ist das für ein Trick?«, wollte er wissen. Blitzschnell packte er Aamon an der Kehle und presste ihn gegen die Wand. »Das ist heiliger Boden, du müsstest inzwischen in Flammen stehen wie die Scheiterhaufen bei den Hexenverbrennungen.«
   Raven verstärkte den Druck und Aamon keuchte auf. Seit er diesen menschlichen Körper hatte, war er nicht mehr so unzerstörbar wie einst in seiner reinen Dämonengestalt.
   »Frag deine Tochter«, röchelte er.
   »Lass Lilly aus dem Spiel«, knurrte Raven leise.
   Sirenen heulten im Hintergrund, und er ließ Aamon los.
   »Wir sind noch nicht fertig.« Raven schritt zum Ausgang, Jason warf Aamon einen abschätzigen Blick zu und folgte ihm.
   Aamon holte japsend Luft und verfluchte seinen zerbrechlichen Körper. Er schnappte sich die Stilette und verließ die Kirche keine Sekunde zu früh, denn Blaulichter bogen um die Ecke. Aamon verschmolz mit den Schatten, konnte so ungesehen den Ort der Verwüstung verlassen.

*

Liz balancierte die Tüte mit den Einkäufen auf ihrer Hüfte, hielt sie mit dem linken Arm fest, klemmte die Briefe, die ihr der Portier mitgegeben hatte, zwischen die Lippen und schloss mit der frei gewordenen Hand die Haustür auf. Sie schaltete das Licht ein, legte den klimpernden Schlüsselbund in die Schale auf der Kommode im Eingangsbereich, die Briefe landeten daneben. Nun hatte sie beide Hände frei, um die Tüte zu tragen. Mit dem Rücken schloss Liz die Tür und lehnte sich dagegen. Sie atmete tief durch. Das Orangenaroma des Potpourris, das sich in der Schale auf dem Couchtisch befand, sagte ihr, sie war zu Hause, in ihrer gemütlichen Zweizimmerwohnung, ihrer Oase des Friedens. Sirenengeheul unterbrach den Moment der Ruhe, erinnerte sie, dass sie in New York lebte, der Stadt, die niemals schlief. Die Tüte rutschte, Liz faste nach und schlüpfte aus ihren Ballerinas, die sie neben die Kommode schob. Sie durchquerte das Wohnzimmer, das von ihrer hellen Kuschelcouch dominiert war. Diese erwartete sie mit Sicherheit schon voller Sehnsucht.
   »Gleich bin ich da«, sagte Liz und lachte über sich selbst, als sie um die Ecke bog. »Jetzt führst du schon Gespräche mit deinem Mobiliar, Liz, du solltest dir eine Katze anschaffen.« In der Küche angekommen stellte sie die Tüte sowie ihre Handtasche neben die Eckspüle. Schnell hatte sie die Einkäufe verstaut und das Fertiggericht in die Mikrowelle gepackt, die sie einschaltete. Sie griff nach der Handtasche und ihren Neuerwerbungen, einer Kerze und einem Stabfeuerzeug. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, nur das Nötigste zu kaufen, aber nachdem ihr im Supermarkt die herrlich duftenden Kerzen über den Weg gelaufen waren, konnte sie einfach nicht widerstehen.
   Als sie summend ins Bad ging, inhalierte sie das Kirschmandelblütenaroma. Es erinnerte sie an Frühling, Wärme und den Pie ihrer Mutter. Worauf ihr Magen knurrte, um zu signalisieren, dass er nichts zu tun hatte, dies aber gern ändern wollte. Liz schob die Kerze auf dem Hocker neben der Wanne hin und her, bis sie richtig stand. Dann legte sie das Feuerzeug bereit.
   »Bis später«, sagte sie, denn sie würde sich ein ausgedehntes Bad gönnen. Dazu ein Glas Wein im Kerzenschein, was brauchte es mehr? Liz verließ das Bad durch die zweite Tür, die ins Schlafzimmer führte. An der Wand zu ihrer Rechten hingen fein aufgereiht ihre Handtaschen an Haken, darunter standen ihre Schuhe ordentlich nebeneinander. Sie hängte ihre aktuelle Tasche an den einzigen freien Haken. Alles brauchte seinen Platz. Ordnung gab Liz Sicherheit. Ihre Zwillingsschwester Charly hingegen liebte das Chaos. Wie sie es damals geschafft hatten, zusammenzuwohnen, blieb eines dieser Rätsel, auf die die Menschheit niemals eine Antwort finden würde. Wie das Leben eben so spielte, gingen sie jetzt aus beruflichen Gründen getrennte Wege. Charly war Archäologin, und ein reicher Mäzen lud sie ein, an Ausgrabungen in Mittelamerika teilzunehmen. Seit ein paar Wochen buddelte sie Maya-Gräber aus, und dieser Forschungsauftrag sollte ein Jahr dauern. Der unbekannte Gönner hatte Liz eingeladen, mitzukommen, doch sie blieb lieber in New York. Daher war sie in eine kleinere Wohnung gezogen, die näher an der Uni lag, an der sie arbeitete, und die zudem billiger war.
   »Ach, Charly«, flüsterte Liz, ein Kloß wuchs in ihrer Kehle, denn sie vermisste ihre Schwester unglaublich. So lange waren sie noch nie getrennt gewesen. Liz holte ihr Handy aus der Tasche und trat durch die Tür, die vom Schlafraum in den Flur führte. Es gab keinen Grund zur Trauer, sie chattete, twitterte, kurzum kommunizierte mit Charly, was die Social-Media-Netzwerke hergaben.
   Es machte Ping, das Essen war fertig.

Als Liz ihr Fertiggericht auf den Couchtisch stellte, es sollte Tagliatelle all’arrabbiata sein, sah aber nach Nudelbrei aus, fiel ihr die Post ein, die sie im Flur gelassen hatte. Sie legte das Besteck auf die Serviette neben ihr Fünf-Sterne-Mahl und holte die Briefe. Anschließend nahm sie mit einem Seufzen auf ihrer Couch Platz, die sie watteweich empfing. Nur auf einer Wolke zu sitzen, wäre schöner. Liz legte die Briefe auf das Sofa. Bevor sie ihre Post durchging, wollte sie essen, es würden ja eh nur Rechnungen sein. Heute hatte sie einen Höllentag hinter sich, alle Proben waren kontaminiert, die Testergebnisse somit nicht zu gebrauchen. Sie rammte die Gabel in den Nudelbrei, wollte nicht mehr an die Arbeit denken und schaltete daher den Fernseher ein. Die Nachrichten liefen. Sie pikste Nudeln auf die Gabel, schob das Ganze in ihren Mund, fühlte ein leichtes Brennen. Sollte arrabbiata nicht schärfer sein? In diesem Moment stand ihr Gaumen in Flammen. Die Warnung auf der Packung war nicht übertrieben. Liz sog Luft ein, wedelte mit der Hand, das Feuer ließ nach. Wenn sie weiteressen wollte, brauchte sie dringend was zu trinken. Mit einem großen Glas Orangensaft bewaffnet kehrte sie aus der Küche zurück. Das stellte sie auf einen der Untersetzer, die neben dem Potpourri bereitlagen.
   Nach dem Essen räumte sie alles auf, bevor sie sich der Post widmete. Wie erwartet waren es nur Rechnungen oder Werbung. Sie nahm ihr Handy, ließ die Schultern enttäuscht sinken. Keine Nachricht von Charly. Ihre Schwester hatte heute den ganzen Tag noch nichts von sich hören lassen. Normalerweise nutzte sie jede winzige Pause, um begeistert über die Fortschritte ihrer Arbeit zu berichten, aber heute kam nur Schweigen. Vielleicht war Charly mit einem sensationellen Fund beschäftigt, durch den die ganze Geschichtsschreibung geändert werden musste? Wer weiß. Liz grinste. Dann würde sie eine Nachricht schreiben, beschloss sie. »Heute Abend um neun Uhr New Yorker Zeit chatten wir.« Sie drückte auf Senden, legte das Mobiltelefon weg.
   Als sie an sich hinuntersah, entdeckte sie eine Nudel auf ihrer weißen Bluse, die einen ölig roten Fleck hinterließ. So ein Mist. Schnell überprüfte sie ihren dunklen Rock, ob der auch etwas abbekommen hatte, fand jedoch zum Glück kein Anzeichen dafür. Schon auf dem Weg zum Bad zog sie die Bluse aus.

*

Aamon bog mit seinem Porsche in die Straße, in der das Apartmenthaus stand, in dem er lebte. Laternen und Scheinwerfer spiegelten sich in der kühlen Glasfassade. Er hatte fast die Einfahrt zur Tiefgarage erreicht, doch dann trat er auf das Gaspedal und fuhr vorbei. Nach dem Scheißtag brauchte er etwas Ablenkung. Vor allem ging ihm das Bild, wie es der Engel mit Debbie wahrscheinlich gerade in diesem Moment trieb, nicht aus dem Kopf. Als sie ihn damals gerufen hatte, damit er nach ihrer Freundin suchte, dachte er, er könnte mit ihr an alte Zeiten anknüpfen. Aber nachdem er Raven die Treue geschworen und dadurch den Pakt mit ihr gelöst hatte, herrschte zwischen ihnen eine eisige Stimmung. Noch immer trug sie ihm den Tod ihrer Eltern nach. Wie lange sollte das noch so gehen? Er umklammerte das Lenkrad, trat aufs Gas, der Motor heulte auf. Zu gern hätte er in die Zukunft gesehen, aber seit seiner Vermenschlichung waren manche Fähigkeiten sehr eingeschränkt, die Visionen kamen nur noch selten und nicht mehr auf Verlangen, eher zufällig. Dazu meist in den unpassendsten Augenblicken. Und noch eine widerliche Sache war mit diesem Menschenkörper gekommen: Gefühle, verfluchte Scheißgefühle. Zwar spüren auch Dämonen Hass, Wut oder Rachsucht, manchmal auch so was wie Verliebtheit, aber sie ließen sich davon nicht leiten. Er hingegen war ein Sklave dieser Emotionen. Wie die Eifersucht, die er stetig in sich brodeln spürte, die ihn nicht losließ. Wenn der Engelsbastard Debbie allein nur anschaute, hätte er ihm allzu gern die Faust ins Gesicht gerammt. Der Umstand, dass sie mit Jason zusammen war, machte alles nicht leichter. Dann war da Debbies Hass auf ihn. Als Dämon hätte ihn das angetörnt, aber in seinem jetzigen Zustand schmerzte ihre Ablehnung. Aamon knurrte leise. Er konnte nicht in die Hölle zurück, musste sich dazu noch an Ravens Regeln halten, da dieser sein Meister war. Doch wenn er gewusst hätte, was Ravens Balg mit ihm anstellen würde, hätte er sich lieber Debbies Seele geschnappt und wäre mit ihr zur Hölle gefahren. Lilly, die Tochter des Halbdämons, hatte ihn in diese Menschenhülle mit Seele gesteckt. Seither versuchte er, das Mädchen allein in die Finger zu bekommen, doch Raven passte wie ein Schießhund auf. Aamon schaffte es nicht einmal, in ihre Nähe zu gelangen. Wenn er die Kleine manchmal aus der Entfernung beobachtete, wie sie spielte, war er sich nicht sicher, ob sie wirklich für seinen Zustand verantwortlich war, oder ob ihm das einer seiner vielen Feinde in Gestalt des Mädchens angetan hatte. Der im Verborgenen wartete, ihn in dieser Hülle die nächsten Jahrhunderte schmoren ließ, um sich an Aamons Angst zu berauschen. In diesem Körper war die Furcht davor, jemand könnte seinen Zustand entlarven und seinen Arsch in die Hölle zurückschleifen, allgegenwärtig. Wenn er irgendwann selbst nicht mehr daran glaubte, würde dieser Unbekannte zuschlagen. Schnell, unbarmherzig, brutal, so wie es Aamon auch machen würde. Oder … Sein Blick ging zum Himmel, er schüttelte den Kopf. Auf keinen Fall.
   Seine Kiefer mahlten, er presste den Rücken in den Sitz, das Leder knirschte. Genervt schaute er auf die Straße, erst jetzt bemerkte er, dass er in Kürze einen Nachtklub erreichte, den er ab und zu besuchte. Ja, warum nicht? Ein bisschen Ablenkung wäre sicher nicht schlecht. Vor allem wenn er daran dachte, was ihn morgen noch erwarten würde, wenn er Raven über den Weg lief. Sein Handy klingelte, er zog es aus der Tasche. Raven rief an, Aamon drückte das Gespräch weg.
   »Morgen ist auch noch Zeit, Arschloch«, zischte er das Smartphone an und schob es in seine Jackentasche zurück.

Kapitel 2

Liz schlüpfte in ihren Bademantel, der sie flauschig umhüllte, und rubbelte ihr Haar trocken. Genau das hatte sie gebraucht, der Ärger des heutigen Tages löste sich in Wohlgefallen auf. Sie pustete die Duftkerze aus, die das Bad in einen Kirschblütentraum verwandelt hatte, und machte dafür das Licht an. Anschließend trat sie zum Waschbecken, knetete die Pflege für blondes Haar in ihre Strähnen. Auch wenn dieses Pflegeöl es versprach, sie fand nicht, dass ihr Haar wirklich dicker wurde, vielleicht seidiger. Aber wahrscheinlich beruhte dieser Eindruck auch nur auf dem allzu bekannten Placeboeffekt, der Glaube versetzte ja Berge. Sie grinste ihr Spiegelbild an, an dessen Stelle auch ihre Schwester treten könnte. Nur Menschen, die sie wirklich gut kannten, konnten sie voneinander unterscheiden. Charly war, obwohl eine Minute jünger, zwei Zentimeter größer. Dafür gingen Liz’ Augen eine Spur mehr ins Türkis als Charlys.
   Liz hob die Bluse aus der Lauge im Waschbecken. Der Fleck war nur noch ein Umriss. Sie drückte das Kleidungsstück wieder unter Wasser. Später würde sie sich darum kümmern. Ihr Blick ging zur Uhr, die auf der Ablage unter dem Badspiegel stand, es war Facetime.

*

Aamon betrat den Klub. Hitze, Schweiß und Alkoholgeruch schlugen ihm entgegen. Seine Armeejacke samt Waffen hatte er im Auto zurückgelassen, trug nur noch ein schwarzes Hemd zu seiner dunklen Jeans. Jegliche Spuren des Dämonenkampfes waren verschwunden, eine seiner vielen dämonischen Fähigkeiten, die noch funktionierten. Wie ein Tiger auf der Pirsch schlich er am Rand der in wechselnden Farben lumineszierenden Tanzfläche entlang. Die Umstehenden, die sich unterhielten oder selbst die Tanzenden beobachteten, traten meist zur Seite, wenn er kam, denn instinktiv spürten sie, dass Gefahr von ihm ausging. Er steckte zwar in einer menschlichen Hülle, doch er war ein Dämon. Sein Gang, seine Haltung, alles an ihm strahlte jahrtausendealte Macht aus. Aamon musterte die eng an eng gedrängten Körper, die im Takt des dröhnenden Basses rhythmisch zuckten. Auf Podesten rekelten sich Go-go-Tänzerinnen an Stangen, aber die waren nicht das Ziel seines Interesses. Es gab jede Menge nacktes Fleisch zu sehen. Besonders viel Haut zeigte eine Platinblondine, die für seinen Geschmack zu stark geschminkt war. Aber was interessierte ihn ihr Gesicht? Er blieb stehen, sein Blick wanderte ihren Körper hinunter. Das neongrüne Stretchkleid ließ keinen Zweifel an der Üppigkeit ihrer Oberweite und ging mit Mühe über den knackigen Hintern, was die langen, gebräunten Beine besonders zur Geltung brachte. Das und die mörderisch hohen Stilettos an ihren Füßen. Sie tanzte mit einer Dunkelhaarigen, der Aamon keine nähere Beachtung schenkte. Er hatte seine Beute ins Visier genommen, nun begann die Jagd. Als er auf die Tanzfläche ging, teilte sich die Menge, wie das Rote Meer vor Moses. Er konnte diesen Vergleich ziehen, denn er war damals dabei gewesen. Er blieb dicht hinter der Blondine stehen, ahmte ihre Bewegungen nach, tanzte mit ihr, spürte den festen Hintern an seinem empfindlichsten Körperteil. Sofort schoss Blut hinein. Die Dunkelhaarige nickte der Blondine grinsend zu, und Aamons Objekt der Begierde drehte sich zu ihm um. Ihr Gesicht nahm einen verzückten Ausdruck an. Sie drängte ihren wohlgeformten Körper an Aamon, sodass er ihre aufgerichteten Brustwarzen durch den Stoff spürte. Sie schlang beide Arme um seinen Hals, presste ihren Unterleib gegen seine Männlichkeit, rieb sich an ihm wie ein Kätzchen. Ein leises Knurren drang aus seiner Kehle. Die Blondine wandte ihm wieder den Rücken zu. Der Ausschnitt gab tiefe Einblicke. Ihr Hinterteil bearbeitete seinen pochenden Schwanz weiter. Er strich ihr Rückgrat entlang, umgriff ihre Taille, um sie noch näher an seinen Körper zu ziehen. Aamon neigte seinen Kopf, bis sein Mund ihren Hals erreichte. Sanft fuhr er mit der Zunge vom Ansatz bis zum Ohr, schmeckte die salzige Haut. Die Frau erschauderte.
   »Ich will dich hier und jetzt«, flüsterte er in ihr Ohr. Er wusste, dass sie es trotz der lauten Musik verstand, denn er pflanzte diesen Satz zusätzlich direkt in ihr Gehirn. Die Blondine nickte nur und ließ sich von ihm zu den Damentoiletten führen. Darin roch es nach Seife und Parfüm. Ihn interessierten die belustigten oder brüskierten Blicke der anwesenden Weiblichkeiten nicht. Er drängte seine Beute in die letzte Kabine vor der mit Spiegeln gefliesten Wand und schloss die Tür. Schnell hatte er das Stückchen Spitzenstoff beseitigt, das die Scham der Blondine bedeckte. Der dunkle Haarstreifen entlarvte sie als unecht. Anschließend entließ er seine erigierte Männlichkeit aus dem Hosengefängnis, die regelrecht herausschnalzte. Die Blondine strich über sein Gemächt, und er erbebte lustvoll. Aamon schob ihre Hand weg, wollte sich nicht mit dem Vorspiel aufhalten. Er presste sie gegen die Wand, packte ihre Schenkel und legte die Beine um seine Hüften, sodass er ihre Scham direkt vor seinem nach Erlösung lechzenden Schwanz hatte. Dann stieß er zu, sie stöhnte auf. Ihre feuchte Hitze umschloss ihn. Er nahm sie schnell und hart, spürte, wie sich Druck aufbaute. Die Blondine keuchte immer lauter, auch sie würde auf ihre Kosten kommen. Im Takt des Technobasses, der gedämpft zu ihnen drang, vögelte er sie. Er wurde schneller, der Druck übermächtig.
   »Chloe, bist du da?«, rief eine männliche Stimme.
   Aamons Gespielin versteifte sich. »Verdammt«, murmelte sie und versuchte, ihre Beine abzusetzen.
   Aamon hielt sie mit eisernem Griff fest, während er weiter in sie stieß. Er legte seinen Mund auf ihre Lippen, küsste sie leidenschaftlich, worauf sie sich wieder entspannte. Dem Kuss eines Dämons konnten nur wenige Sterbliche widerstehen. Aamon schob seine Zunge in sie, erkundetet sie, während er sie weiter fickte.
   »Chloe, ich weiß, dass du mit einem Typen hier drin bist«, brüllte die Männerstimme.
   In diesem Moment kam für Aamon die Erlösung, er stöhnte auf und ergoss sich in die pulsierende Feuchte. Auch die Blondine kam, sie schrie ihre Lust heraus, ihr Körper erzitterte, einmal, zweimal, dreimal, viermal. Jedes Zittern war ein Orgasmus. Die Tür wurde aufgerissen. Aamon zog sich zurück, stellte seine Gespielin auf die Beine, die sich benommen an der Wand festhielt. Anschließend packte er seinen Schwanz wieder in die Hose, erst dann betrachtete er den Gehörnten, dessen Gesicht so rot wie ein Pavianarsch angelaufen war. Der bullige Typ trainierte offensichtlich für die nächste Mister Universum Wahl.
   »Keine Sekunde zu früh«, meinte Aamon grinsend.
   »Verdammter Hurensohn!« Der Mann zerrte Aamon aus der Kabine und knallte dessen Gesicht gegen die Spiegelwand. Das Glas zersprang, eine Scherbe bohrte sich in seine Wange. Schmerz durchzuckte Aamon. Blut quoll aus der Wunde, die Blondine schrie. Er wurde sauer. Außerdem ging ihm das Gekreische seiner Gespielin mächtig auf die Nerven. Er stieß seinen Gegner in die Rippen, der keuchte und ließ von ihm ab. Blitzschnell drehte sich Aamon um, eine Faust flog auf ihn zu, die er in der Luft stoppte. Er bog den Arm seines Gegners auf den Rücken, packte den Mann und donnerte ihn mit Wucht gegen die Spiegelfliesen. Es knirschte laut, Scherben flogen zu Boden. Sein Widersacher stöhnte. Dessen Flittchen hörte nicht zu kreischen auf.
   »Halt’s Maul«, fuhr Aamon sie an, worauf sie zu schluchzen begann, Tränen verschmierten ihr Make-up. Noch immer hielt er ihren Freund unnachgiebig fest. Der versuchte, sich zu entwinden, doch Aamon presste ihn gegen die Wand. Das Blut des Mannes tropfte auf den Boden, während Aamons Wunde bereits wieder verheilt war. Er wirbelte seinen Kontrahenten herum, packte ihn an der Kehle und drückte ihn gegen die Wand. Zahlreiche Schnitte verunstalteten dessen blutverschmiertes Gesicht. Er hätte auch in einem Horrorfilm mitspielen können. Röchelnd schnappte Mister Universum nach Luft. Versuchte, mit beiden Händen Aamons Arm wegzuziehen. Der verstärkte seinen Griff. Worauf noch mehr Blut aus den Wunden quoll.
   »O Gott«, rief die Blondine.
   »Der hilft dir auch nicht mehr«, erwiderte Aamon, ohne sie anzusehen.
   »Und dir, mein Freund, möchte ich nur sagen, dass deine kleine Schlampe freiwillig mit mir mitgegangen ist. Vielleicht hat sie jemanden gebraucht, der es ihr richtig besorgt, weil dein Schwanz zu klein ist«, sagte Aamon leise. »Wie dem auch sei, zieht mich nicht in euer Problem mit rein, das würde dir nicht gut bekommen.« Er ließ seine Augen aufglühen, genau genommen, leuchteten kleine Verästelungen rot auf, die seine Iris netzartig durchzogen. Im Normalzustand schimmerten sie nur bordeauxrot in den dunklen Augen, waren sonst fast nicht zu erkennen. Sein Gegenüber wurde panisch, zappelte, keuchte, zerrte an Aamons Arm. Der ihn mit einer solchen Wucht durch den Raum schleuderte, dass sein Flug von der gegenüberliegenden Wand gestoppt wurde. Knochen knackten. Die schwarzen Fliesen platzen ab. Bewusstlos rutschte der Mann auf den Boden, direkt vor die Ausgangstür, man konnte sie gerade noch öffnen. Eine Frau wollte den Raum betreten, mit schreckgeweiteten Augen blieb sie stehen, schlug die Hände vor den Mund.
   »War mir ein Vergnügen«, sagte Aamon zu seiner Eroberung, die ihn kreidebleich betrachtete, dann trat er zu den Waschbecken, wusch das Blut von den Händen, nahm ein Handtuch, um sie damit zu trocken, und warf es in den Korb unter den Waschtischen. Anschließend ging er zur Tür.
   »Darf ich?« Er schob die schockierte Frau am Eingang zur Seite. Securityleute rannten auf ihn zu. Zwei wollten ihn packen, der Dritte ging ins Klo. Die Männer schauten an Aamon vorbei zu dem Toilettenraum, stutzten, an ihren Gesichtern erkannte er, dass sie mit einem solchen Anblick nicht gerechnet hatten. Nun fixierten sie ihn, wollten nach ihm greifen.
   »Fasst mich an, und es ergeht euch genauso wie dem Typen da drin.« Er deutete mit dem Daumen hinter sich.
   Die Männer in Schwarz zuckten zurück.
   »Keine Sorge, ich geh schon«, meinte Aamon lässig und schritt erhaben wie ein Herrscher, gefolgt von den beiden Männern, zum Ausgang.

*

Liz saß am kleinen Sekretär, der vor dem Eckfenster im Wohnzimmer stand, und reinigte mit einem Wattestäbchen die Ritzen zwischen den Laptoptasten. Sie schaute auf die Uhr, es war fast Mitternacht. Immer wieder hatte Liz virtuell bei Charly angeklopft, doch von ihrer Schwester kam keine Reaktion. Stunden war sie im Internet herumgesurft, hatte sich nicht vom Computer weggewagt, um Charly keinesfalls zu verpassen. Seufzend fuhr sie mit dem Wattestäbchen an der mittleren Buchstabenreihe entlang, konnte das Gähnen nicht verhindern, das ihr müder Körper einforderte. Morgen stand ihr wieder ein stressiger Arbeitstag bevor. Also beschloss sie, eine E-Mail zu schreiben, in der sie für morgen Abend einen Zeitpunkt zum Skypen vorschlug. Schweren Herzens schaltete Liz den Rechner ab, durchquerte das Wohnzimmer in Richtung Bad, unterwegs überprüfte sie noch ihr Handy auf Nachrichten. Nichts. Sie legte es wieder auf den Couchtisch. Vor dem Spiegel im Bad drückte sie Zahnpasta aus der Tube auf die Bürste.
   »Vielleicht hat sie einen netten Latino kennengelernt und tanzt Salsa«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild, Zahnpasta quoll aus ihrem Mund. Sie spuckte sie in das Waschbecken, dann schrubbte sie ihre Zähne weiter. »Autsch.« Etwas zu heftig hatte sie die Innenseite der Wange gestreift. Charlys Schweigen ärgerte sie tief in ihrem Inneren. Aber ihre Schwester hatte bisher fast keinen Chat-Termin verpasst, und falls sie es mal nicht schaffte, gab sie ihr immer rechtzeitig einen neuen Termin. Der Frust schlug in Sorge um. Weder irgendein Typ noch der Weltuntergang vermochten Charly davon abzuhalten, mit ihr zu chatten, das wusste Liz. Sie spülte ihren Mund aus, reinigte die Zahnbürste, die sie in das Glas stellte. Betrübt blickte sie in den Spiegel, stützte sich auf das Waschbecken.
   »Was ist bloß los?«, flüsterte sie. Ihr Magen grummelte, sie hatte das Gefühl, er schrumpfte wie eine Dörrpflaume zusammen. Vielleicht war ihrer Schwester etwas passiert? Es musste etwas Schlimmes geschehen sein, eine andere Erklärung konnte es nicht geben. Liz wurde übel. Sie presste die Hände auf ihren Bauch, atmete tief durch. Wenn etwas passiert wäre, wüsste sie es. Sie würde es fühlen. Wie sie es vor zwanzig Jahren gefühlt hatte, als Charly ins Eis einbrach. In diesem Winter war es so kalt gewesen, dass der Fluss hinter dem Haus zufror. Sie probierten leichtsinnigerweise aus, ob sie das Eis tragen konnte. Liz hatte dringend auf die Toilette gemusst. Sie wusch gerade ihre Hände. Plötzlich bekam sie keine Luft mehr. Überall um sie war Wasser, das mit eisigen Fingern nach ihr griff und sie hinunterzog. Liz spürte Charlys Todeskampf, sie schrie. Ihr Vater kam, er konnte ihre Schwester retten. Ja, wie damals würde sie auch heute spüren, wenn Charly in Gefahr wäre.
   Außerdem hätte man sie benachrichtigt. Sie war die erste Kontaktperson für Notfälle, beruhigte sie sich. Morgen würde sich Charly melden, und wahrscheinlich war ihr eine ganz dumme Sache passiert, weswegen sie heute nicht chatten konnte. Vielleicht gab es keinen Strom, und der Akku war leer oder ihr Laptop hatte seinen Geist aufgegeben. Das wäre ihrer Schwester nicht zum ersten Mal passiert. Liz betrachtete ihr Gegenüber, das ihr mit einem schiefen Lächeln entgegenblickte, was jedoch die Augen nicht erreichte. Stattdessen hatte sich eine kleine Sorgenfurche zwischen ihre Brauen gegraben. Am besten ging sie zu Bett, morgen würde die Welt wieder besser aussehen.

Kapitel 3

Panisch fuhr Liz aus dem Schlaf. Sie legte die Hand auf ihre Brust, die sich hastig hob und senkte. Ihr Herz trommelte gegen die Handfläche, Schweiß klebte das Pyjamaoberteil an den Rücken.
   »Nur geträumt«, sagte sie. »Du hast nur geträumt.« Tief sog sie Sauerstoff in ihre Lungen, atmete ihn wieder kontrolliert aus. Das Herz schlug mit jedem Atemzug ruhiger. Sie blickte zum Wecker auf den Nachttisch. Es war vier Uhr am Morgen. Sie musste erst in drei Stunden aufstehen. Noch immer vom Albtraum aufgewühlt, sank sie auf die Matratze zurück, zog die Decke bis zum Hals, spürte ihre sichere Wärme. Was für ein verrückter Traum. Eine riesige Fledermaus hatte sie durch einen Urwald gejagt. Obwohl sie um ihr Leben gerannt war, holte das Ungeheuer sie ein. Als es sie packte, wachte sie auf. Liz lachte, teils aus Erleichterung, teils aus irrationaler Panik, die ihr immer noch in den Knochen steckte. Matt rollte sie zur Seite, zog die Beine an den Körper, schloss die Augen und wollte weiterschlafen, doch ihre Kehle fühlte sich an, als hätte sie Sand geschluckt. Etwas Wasser wäre wirklich gut. Seufzend hob sie ihre Beine aus dem Bett und setzte sich auf. Sie schlüpfte in die Pantoffeln, schlurfte zur Küche. Vier Stunden waren eindeutig zu wenig Schlaf, stellte sie gähnend fest, als sie die Kühlschranktür aufmachte, um eine Wasserflasche herauszuholen.
   Nachdem sie den halben Liter beinahe ausgetrunken hatte, war es an der Zeit, wieder ins Bett zu gehen. Liz stellte die Flasche neben die Spüle, trat zum schmalen Fenster der Küchenzeile gegenüber und beobachtete den langsam erwachenden Verkehr. Autos schlichen die Straße entlang. Bestimmt waren die Fahrer noch müde, genau wie sie. Erneut gähnte Liz. Das mit Sicherheit noch von ihrem Körper warme Bett lockte. Sie machte das Licht aus, tappte im Dunklen durch das Wohnzimmer. Aus den Augenwinkeln meinte sie, einen Schatten vor ihrem Fenster gesehen zu haben. Hinter der Couch blieb sie stehen, fror in der Bewegung ein, wandte den Kopf in Richtung Fenster, lauschte. Sämtliche feine Härchen standen stramm. Wieder dachte sie, etwas gesehen zu haben, langsam drehte sie ihren gesamten Körper zum Eckfenster. Liz wollte ihre Füße dazu bringen, hinzugehen, doch die bewegten sich nicht von der Stelle.
   »Verdammt, du wohnst im fünften Stock, was soll da vor dem Fenster sein? Superman vielleicht?«, zischte sie laut. Jetzt sah sie schon irgendwelche Dinge. Wurde sie schizophren? »Das ist bestimmt der Stress bei der Arbeit«, murmelte sie, worauf sich ein Muskel nach dem anderen entspannte. Mit beiden Händen fuhr sie über ihr Gesicht. Vier Stunden waren eindeutig zu wenig Schlaf. Liz wollte gerade ihren Weg ins Schlafzimmer fortzusetzen, als Glas klirrte, Scherben flogen durch den Raum. Ein paar trafen ihren Rücken, ihre Nerven meldeten Schmerzen. Sie wirbelte herum, und ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, dann begann es zu rasen. Liz stand einer gigantischen Fledermaus gegenüber, die direkt ihrem Albtraum entsprungen war. Genaugenommen schien das Vieh eine Mischung aus Mensch und Fledermaus zu sein, wie ein zum Leben erwachter Gargoyle.
   Panisch schnappte Liz nach Luft. Träumte sie gerade? Ihr schmerzender Rücken verneinte die Frage. Das Monstrum kreischte, dann lief es auf Liz zu. Langsam wich sie zurück, hoffte, aus dem Traum zu erwachen. Das Ding hob die Arme, Liz starrte auf die scharfen Klauen, die ihren Leib mit Leichtigkeit zerfetzen könnten. Ihr Herz schlug bis zur Kehle. Sie ging weiter zurück, war schon fast beim Bad. Dann wurde das Vieh schnell. Liz schrie auf und hechtete ins Badezimmer, landete unsanft auf dem Boden. Der Kopf knallte an die Badewanne. Liz ignorierte die pochenden Schmerzen. Mit den Füßen stieß sie die Tür zu, stemmte sie dagegen, während sie Kopf und Hände gegen die Badewanne drückte. Das Monster wütete vor der Tür, jeder seiner Stöße gegen das Türblatt ging ihr durch Mark und Bein, schlug ihren Schädel gegen die Wannenschürze. Sie biss die Zähne zusammen. Die Wände wackelten. Die Tür des Spiegelschranks über dem Waschbecken sprang auf, sämtlicher Inhalt flog heraus, das meiste landete im Becken, doch ein paar Sachen erreichten den Boden. Ihr Haarspray rollte neben sie. Das Monster bearbeitete das Türblatt, das Holz splitterte, die Klauen waren schon zu sehen. Die Tür würde nicht mehr lange standhalten. Mit einer Hand stützte sie sich weiter an der Wanne ab, mit der anderen griff sie nach der Spraydose, die sie auf ihren Bauch legte, dann fischte sie nach dem Feuerzeug auf dem Hocker. Die Duftkerze landete scheppernd auf dem Boden, kullerte vor die Tür zum Schlafzimmer.
   In diesem Moment flogen ihr Holzsplitter um die Ohren. Das Tier brüllte durch das Loch im Türblatt. Obwohl ihre Beine zitterten, stand sie auf. Die Tür krachte gegen die Toilette, wurde aus den Angeln gerissen. Liz fuhr zusammen. Ihr Puls raste. Sie verbarg das Feuerzeug und Spray hinter dem Rücken.
   Die Riesenfledermaus pirschte auf sie zu, als wollte sie ihren Sieg auskosten. Liz schaute in leuchtende Augen, die Pupillen waren nur schmale Schlitze, die nur noch eine Armlänge von ihr entfernt waren. Sie riss ihre Arme hoch, sprühte dem Monstrum das Spray ins Gesicht und hielt die Flamme des Feuerzeugs in den Nebel, der sich sofort entzündete. Das Feuer griff nach dem Ungeheuer, es roch nach verbranntem Fell, Liz hielt die Luft an. Kreischend taumelte das Vieh nach hinten. Sie flüchtete ins Schlafzimmer, dann in ihren Flur. Dort drückte sie sich an die Wand, spähte um die Ecke, sah, wie das Monster noch immer mit seinem brennenden Fell kämpfte, dadurch abgelenkt war. So konnte sie unbemerkt zur Haustür hinausschlüpfen, rannte zum Aufzug und hämmerte auf den Knopf. Aus ihrer Wohnung kam ein Rumpeln, immer wieder drückte sie den Fahrstuhlknopf, als wollte sie Morsezeichen senden. Der Aufzug fuhr laut Anzeige gerade am zehnten Stock vorbei. Ein zorniges Brüllen ertönte, dann wurde ihre Haustür in den Gang geschleudert. Liz eilte zur Treppe, stolperte beim Hinunterlaufen über ihre Pantoffeln, landete auf dem Steißbein, ein Schmerz raste durch ihren Körper. Die Spraydose kullerte scheppernd die Stufen hinab, das Feuerzeug schlitterte durch das Geländer und verschwand in der Tiefe. Sie biss die Zähne zusammen, stemmte sich hoch und kickte die Pantoffeln weg. Unter ihren Fußsohlen spürte sie den kalten Granit, aus dem die Stufen gefertigt waren. Obwohl ihr vor Schmerzen fast schlecht wurde, hastete sie weiter die Treppe hinunter. Über ihr krachte es, dann erscholl wieder dieses Kreischen. Wie ferngesteuert rannte Liz immer weiter. Als sie hinaufschaute, starrten ihr glühende Raubtieraugen entgegen, dann setzte das Monster zum Sprung an. Geistesgegenwärtig floh sie durch die Tür in die erste Etage. Erneut versuchte sie es beim Aufzug, der jetzt im fünften Stock war, doch ihr Jäger ließ ihr keine Zeit. Panisch schaute sie sich um. Wenn sie den Flur weiterfolgte, würde sie in eine Sackgasse laufen. Was sollte sie tun? In ihrem Kopf kreisten die Gedanken, sie bekam keine Luft mehr, nackte Panik quetschte ihr den Brustkorb zusammen. Alles drehte sich um sie, die Beine konnten kaum noch ihr Gewicht tragen.
   Stampfende Schritte kamen näher, begleitet von einem bedrohlichen Fauchen.
   Da entdeckte sie die Klappe zum Müllschacht. Liz schürfte sich den Unterarm auf, als sie hineinkletterte. Es stank, sie hielt den Atem an, ihr Herz pochte, Adrenalin schoss durch ihre Adern. Dann ließ sie los, rauschte den Schacht hinunter, wurde dabei immer schneller. Mit den Händen versuchte sie, die Geschwindigkeit zu bremsen, die Reibungshitze war kaum mehr auszuhalten. Sie erreichte das Ende, der Schacht spukte sie aus, direkt in einen Berg von Müllsäcken. Als sie darin landete, wurde ihr sämtlicher Sauerstoff aus den Lungen gepresst. Keuchend kämpfte sie sich aus dem stinkenden Plastiktütenmeer, krabbelte ungelenk aus dem Container. Als sie auf den Boden sprang, knickte ihr Knöchel ein. Der Schmerz raste ihr Bein hinauf. Über ihr im Schacht rumpelte es. Das Vieh schien ihr folgen zu wollen. Darauf würde sie nicht warten. Liz presste die Kiefer zusammen, stürzte aus dem Kellerraum, erreichte das Treppenhaus, dann die Lobby im Erdgeschoss. Der Portier starrte sie an.
   »Doktor Stockwell, was …?«
   »Freddy, rufen sie die Polizei, ein grauenhaftes Monster verfolgt mich«, fiel Liz ihm keuchend ins Wort. Der Mann starrte sie für einen Moment mit offenem Mund an, als sie auf ihn zu humpelte. Sie musste so panisch wirken, dass der Portier das Telefon in die Hand nahm. Liz kauerte sich zitternd hinter seinen Tresen. Er meldete der Polizei die Adresse, sah auf sie herab.
   »Was ist passiert?«, wollte er wissen.
   »Ich wurde …« Liz stockte. »… in meiner Wohnung überfallen«, brachte sie den Satz atemlos zu Ende, schnappte nach Luft, spähte um die Ecke, erwartete, dass die Riesenfledermaus gleich die Tür zum Treppenhaus aus den Angeln sprengte.
   Freddy wiederholte ihre Worte, legte dann das Telefon zur Seite. »Die Polizei wird gleich hier sein«, informierte er sie und ging in die Hocke. »Miss Stockwell, Sie sind ganz bleich, brauchen Sie etwas? Was genau ist passiert?« Er nahm ihre Hand.
   »Ich weiß nicht so genau … alles ging so schnell«, gab sie stockend zurück, erwähnte nichts mehr von einem Monster, denn sie wollte ja nicht eingewiesen werden.
   Freddy stand auf und straffte sich. »Ich werde nachsehen, ob ich den Täter erwischen kann. Wie zum Teufel ist der reingekommen?«
   »Nein, nein, bleiben Sie bei mir.« Liz packte ihn mit zitternden Fingern am Bein, und Freddy ging wieder in die Hocke, zog ihre Hand weg, umfasste sie mit seinen. Allmählich atmete Liz ruhiger, von dem Untier war noch immer nichts in Sicht. Jetzt, da der Adrenalinspiegel sank, spürte sie ihren Körper wieder. Es gab keine Stelle, die nicht pochte oder brannte. Vor allem in ihrem Knöchel tobten Schmerzen. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen. Es schien vorbei zu sein. Von ihrem unheimlichen Verfolger fehlte jede Spur. Durchs Haus gejagt von einer Riesenfledermaus, Liz schüttelte den Kopf. Freddys Blick hatte ihr schon gereicht, als sie erwähnte, von einem Monster verfolgt zu werden. Die Polizei würde sie mit Sicherheit sofort in die nächstgelegene Psychiatrie einweisen, wenn sie ihnen diese Geschichte erzählte.

*

Raven lehnte an der Tür zum Kinderzimmer, beobachtete sein kleines Mädchen beim Schlafen. Ihm gingen Aamons Worte durch den Kopf. Frag deine Tochter. Hatte sie wirklich was damit zu tun, dass der Dämon geweihten Boden betreten konnte? Erwachten ihre Kräfte? Er betrachtete das schlafende Kindergesicht, das so friedlich, so normal aussah. Wie konnte er sie beschützen? Engel und Dämonen hatten schon versucht, Lilly in ihre Finger zu bekommen. Er musste herausfinden, was mit seiner Tochter passierte.
   Hinter ihm schritten nackte Füße übers Parkett. Er brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass es Amanda war. Ihr wunderbarer Duft stieg ihm in die Nase. Sie legte die Arme um seinen nackten Oberkörper.
   »Was ist?«, flüsterte sie, ihre Lippen berührten seinen Rücken.
   Raven erschauderte. »Ich dachte, ich hätte Lilly weinen gehört und wollte nachsehen, ob alles in Ordnung ist«, log er. Amanda sollte sich nicht um Dinge Sorgen machen, von denen er selbst noch nicht wusste, ob etwas dran war. Schließlich waren Dämonen nicht für ihre Wahrheitsliebe bekannt. Er spürte Amandas warme Haut auf dem Rücken. Ihre Finger glitten über seine Bauchmuskeln.
   »Lass uns ins Bett zurückgehen.« Raven fühlte die Bewegung ihrer vollen Lippen, als sie das sagte, ein wohliges Prickeln rauschte durch seine Adern. Er zog die Kinderzimmertür ins Schloss, drehte sich zu seiner Frau, legte die Finger unter ihr Kinn und drückte es sanft nach oben. Als seine Lippen die ihren berührten, jagten Stromstöße durch seinen Körper. Das Herz sprang ihm fast aus der Brust. Er liebte diese Frau mehr als sein Leben. Leidenschaftlich küsste er Amanda, die leise seufzte, dann löste er sich von ihr und hob sie hoch. Amanda entfuhr ein überraschtes Quieken, sie legte die Arme um seinen Hals.
   »Dieser Einladung folge ich gern«, meinte er rau, worauf Amanda kicherte.
   »Es wird aber geschlafen«, erwiderte sie mit gespielter Strenge.
   »Irgendwann werden wir schon zum Schlafen kommen, nachdem ich dich nach allen Regeln der Kunst verwöhnt habe«, gab er mit dunkler Stimme zurück und steuerte das Schlafzimmer an.

*

Liz öffnete blinzelnd die Augen. Der Geruch nach antiseptischen Putzmitteln stach ihr in die Nase. War sie im Labor? Sie hob die Arme, ein schmerzhaftes Kribbeln meldete sich. Allmählich kam die Erinnerung. Sofort schoss ihr Puls in die Höhe, mit ihm das Piepen des Herzmonitors neben dem Krankenbett. Eine Riesenfledermaus hatte sie gestern verfolgt.
   Den Polizisten, die zehn Minuten nach dem Anruf des Portiers eingetroffen waren, erzählte sie nur etwas von einem unbekannten Angreifer. Als die Beamten sie zu ihrer Wohnung begleiteten, sackte Liz zusammen. Nur das beherzte Zupacken der zwei Uniformierten verhinderte, dass sie wie eine gefällte Eiche auf den Boden knallte. Dann wurde es schwarz, und sie war in einem Krankenwagen erwacht.
   Die Ärzte wollten sie zur Beobachtung dabehalten, was sie gern annahm, denn in ihre Wohnung mochte sie auf keinen Fall zurück. Die Mediziner diagnostizierten Prellungen und Hämatome, zum Glück keine Brüche. Sie versuchte, sich aufzusetzen, woraufhin ihr Knöchel wild rebellierte. Liz sog zischend Luft ein. Stimmt, der war verstaucht. Ihr Blick suchte nach einer Uhr, doch sie fand keine in der Nähe. Durch die Fensterscheiben konnte sie nicht in den Gang schauen, weil die Lamellenrollos heruntergelassen waren. Mit zusammengebissenen Zähnen bemühte sie sich, in eine sitzende Position zu kommen. Zum pulsierenden Knöchel kamen ihre brennenden Muskeln. Sport zählte nicht zu ihrer Lieblingsfreizeitbeschäftigung. Gestern war sie gerannt wie der Teufel, in den Abfallschacht gesprungen, hatte mehr Sport gehabt, als im ganzen vergangenen Jahr. Sie musste sich noch einen Plan zurechtlegen, was sie den Polizeibeamten sagte, wenn sie zur Befragung kamen. Dass eine Riesenfledermaus hinter ihr her war, klang zu verrückt.
   Es klopfte, ein farbiger Mann trat ein, der die fünfzig mit Sicherheit schon überschritten hatte. »Guten Tag Miss Stockwell, mein Name ist Detective Harper«, stellte er sich vor, zeigte ihr seinen Ausweis und Polizeimarke.
   Liz zog sich weiter nach oben.
   »Darf ich?« Schnell war der Beamte bei ihr und half mit den Kissen, sodass sie es bequemer hatte.
   »Danke, Detective …«
   »Harper«, fügte er hinzu und holte einen Stuhl an ihr Bett, auf dem er Platz nahm. »Wenn ich Ihnen ein paar Fragen stellen dürfte.« Der Beamte fuhr mit gespreizten Fingern durch seine grau melierte Krause.
   »Natürlich.« Liz strich die Decke glatt, ließ die Hände darauf liegen.
   »Kannten Sie Ihren Angreifer?«, wollte der Polizist wissen.
   »Nein.« Liz verschränkte ihre Finger, um das Zittern der Hände unter Kontrolle zu bringen. Denn schon, wenn sie nur an die Monsterfledermaus dachte, nahm ihr Puls an Fahrt auf und der Körper begann zu beben. Harper musterte den Herzmonitor, runzelte die Stirn.
   »Wie ist der Täter in ihre Wohnung gelangt?« Er schenkte wieder Liz seine Aufmerksamkeit.
   »Er stand auf einmal da.« Nervös fuhr sie mit der Zunge über ihre Unterlippe.
   »Das Fenster machte den Eindruck, als wäre von außen etwas hindurchgesprungen«, meinte der Beamte.
   Liz begann zu schwitzen, ihre Zunge klebte am Gaumen. Sie streckte ihren Arm aus, versuchte, den Krug auf dem Nachtisch zu erreichen. Schnell stand der Polizist auf, füllte das danebenstehende Glas mit Wasser und hielt es ihr hin.
   »Danke.« Mit hastigen Schlucken trank sie, aber ihr Mundraum fühlte sich nicht feuchter an, eher noch ausgedörrter. Der Beamte nahm ihr das Glas wieder ab und stellte es neben den Krug.
   »Wie ich schon sagte, ich weiß nicht, wie mein Angreifer in die Wohnung gekommen ist«, murmelte Liz, wandte den Blick ab, schaute auf die Hände, denn sie war sich sicher, dass ihr Gegenüber in ihren Augen die Lüge sehen würde.
   »Miss«, begann der Beamte und rutschte näher an sie heran. »Sie können mir erzählen, was passiert ist. Vertrauen Sie mir.« Er sah sie mit verständnisvollen Augen an.
   Liz nahm ihren Mut zusammen. »Es war eine menschengroße Fledermaus, die durch das Fenster geflogen ist. Sie hat mich angegriffen. Ich weiß, das hört sich verrückt an, aber …« Sie seufzte.
   Der Mann nahm ihre Hände in seine. »Glauben Sie mir, ich habe schon einiges gesehen. Ich würde Sie gern einer Freundin vorstellen, wenn Sie erlauben. Denn ich denke, dass Sie Hilfe benötigen.«
   Abrupt entzog sich Liz ihm. »Ich brauche keine Psychologin«, brauste sie auf. Der Herzmonitor kommentierte ihre aufsteigende Wut mit einem nervösen Piepen.
   »O nein, Sie verstehen mich falsch.« Der Beamte hob abwehrend die Hände. »Diese Freundin ist keine Psychologin, sie ist vielmehr eine Ermittlerin, die sich mit außergewöhnlichen Fällen beschäftigt. Ich denke, sie kann helfen. Bitte reden Sie mit ihr«, meinte er.
   Unsicher schaute Liz zum Fenster, das Vieh war noch irgendwo da draußen, lauerte vielleicht in der Dunkelheit. Sie erschauderte, blickte wieder zu dem Beamten. »Okay, ich werde mit Ihrer Freundin reden.«

Kapitel 4

Debbie saß im Schneidersitz, nur bekleidet mit ihrem Schlafshirt auf der Couch, balancierte den Laptop auf ihren Beinen. Sie wollte ein paar Nachforschungen bezüglich Aamons neu gewonnener Fähigkeit, geweihten Boden betreten zu können, anstellen. Im durch Trockenbauwände abgetrennten Schlafzimmer knarrte das Bett, dann folgte das Rascheln von Stoff. Jason erschien im Durchgang zum Schlafzimmer, nackt, wie Gott ihn geschaffen hatte. Sein langes Haar floss wie hellblonde Seide über die Schultern. Er war so schön, dass es fast wehtat. Selbst die Narben, die er von den Folterungen in der Hölle davongetragen hatte, vermochten nichts daran zu ändern. Debbies Blick glitt über seine Brust nach unten und blieb an der Körpermitte hängen. Sofort schoss wohlige Hitze zwischen ihre Beine. Nur sein Anblick heizte ihre Lust dermaßen an, sie stand kurz davor, ihn anzuspringen, und er war offensichtlich mehr als bereit dafür. Sie stellte den Computer auf die zum Couchtisch umfunktionierte Truhe und erhob sich.
   »He Süßer, es ist schon Nachmittag. Möchtest du Kaffee?« Debbie schlenderte an ihm vorbei, strich mit der Hand über seine gut definierten Bauchmuskeln, spürte sie fest unter den Fingern. Blitzschnell packte er ihr Handgelenk. Ihr Herz machte einen Hüpfer. Er drehte sich mit ihr, drückte sie gegen die Wand neben dem Schlafzimmerdurchgang. Dann berührten seine Lippen die empfindliche Haut an ihrem Hals. Debbie hielt den Atem an. Als seine Hand ihren Schenkel hochfuhr, schnappte sie nach Luft. Hitze raste durch ihren Körper. Jasons sanfte Küsse erreichten Debbies Kinn, dann die Lippen. Ein Schmetterlingsflügel streifte ihr Herz. Sein Kuss war so voller Verlangen, ihre Beine bebten, drohten nachzugeben. Sie stöhnte laut auf, denn seine Finger strichen über ihre empfindlichste Stelle. Deutlich spürte sie, dass lieber ein anderes Körperteil von ihm deren Platz einnehmen würde. Jasons Lippen lösten sich von ihren.
   »Kaffee wäre gut«, meinte er mit einem diabolischen Grinsen, seine hellen Augen leuchteten.
   »So kommst du mir nicht davon, mein Freund«, sagte Debbie gespielt drohend. Schon hatte sie die Finger um seine Männlichkeit geschlossen. Ein lustvolles Keuchen entfuhr Jason.
   In diesem Moment erklang aus Richtung des Couchtisches Reggae. Wenn Bob Marley den Sheriff erschossen haben wollte, war Russel am Ende der Leitung.
   »Ich muss an mein Handy«, meinte Debbie atemlos, zog ihre Hand zurück. Doch Jason machte keine Anstalten, sie gehen zu lassen. Im Gegenteil, seine Finger stießen in ihre feuchte Enge. Ihre Beine gaben nach, sie sank gegen die Wand, stöhnte in seinen Mund, der ihre Lippen wieder erobert hatte. Noch immer sang Bob vom toten Sheriff.
   »Jetzt aber etwas Selbstbeherrschung«, energisch drückte Debbie Jason weg, der leise lachte, ging mit wackligen Beinen zum Tisch und griff nach ihrem Mobiltelefon. »Ja?«, krächzte sie.
   »Ich bin’s, störe ich gerade?«, meldete sich Russel.
   »Nein, was ist los?«, fragte sie. Jason trat hinter sie und bearbeitete ihren Nacken mit seinen wundervollen Lippen. Als noch dazu seine Hände unter ihr Shirt und langsam hinauf zu ihren Brüsten glitten, hätte sie fast wie ein Kätzchen geschnurrt. Nur mit Mühe gelang es ihr, sich auf Russels Worte zu konzentrieren.
   Er berichtete von einer jungen Frau, die nach einem Angriff im Krankenhaus lag. Nachdem er den Tatort besichtigt sowie die Frau befragt hatte, war er zu dem Schluss gekommen, dass dies ein Fall für sie und Raven sein könnte. Obwohl Jason gerade ihre Brustwarzen bearbeitete, schaffte sie es, sich mit Russel im Krankenhaus zu verabreden. Dann beendete sie das Telefonat, warf das Handy auf die Couch. Sie drehte sich in Jasons Armen. Kühle Luft streifte die feuchte Spur, die seine Lippen auf ihrem Nacken hinterlassen hatten.
   »Das wirst du mir büßen«, schimpfte sie ihn.
   »Und wie ich das büßen werde, drei- oder vielleicht auch viermal.«
   Damit presste er seine Lippen auf ihre, seine Zunge forderte Einlass, den Debbies Mund bereitwillig gewährte. Sie dirigierte ihn ins Schlafzimmer. Als sie das Bett erreichten, schubste sie ihn auf die Matratze. Jason zog sie mit sich, sodass sie auf ihm landete. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände.
   »Ich liebe dich, Debbie Warner«, flüsterte er und ihr Herz schmolz wie ein Eiswürfel in der Hölle.

Etwa eine Stunde später suchte Debbie vor dem Krankenhaus nach einem Parkplatz, was sich alles andere als leicht gestaltete. Es war bereits dunkel geworden.
   Russel wartete schon vor dem Eingang.
   »Entschuldigung, dass ich so spät dran bin, hab keinen Parkplatz gefunden und stehe im Halteverbot, ich hoffe, deine Kollegen sind gnädig«, begrüßte sie ihn.
   Er rieb seine Hände. »Verflucht kalt, lass uns reingehen.«
   »Und sie erzählt, dass sie von einer Riesenfledermaus angegriffen wurde?«, fragte Debbie.
   »Zuerst wollte sie nichts sagen, sie hatte wohl Angst, ich würde ihr einen Psychiater auf den Hals hetzen. Doch dann beschrieb sie eine menschengroße Fledermaus als ihren Angreifer, die durch ihr Fenster in die Wohnung kam. Die Splitter und Fensterreste lagen im Raum, das bestätigt, dass jemand von außen eingedrungen ist. Die Wohnung liegt im fünften Stock, das ist für einen Fassadenkletterer wahrscheinlich nicht unmöglich, da hinaufzukommen, aber das Fester wurde mit großer Kraft zerstört, sogar der Rahmen ist zerschmettert. Wenn der Fassadenkletterer keinen Vorschlaghammer mit sich führte …« Russel fuhr über sein Kinn. Sie stiegen in den Aufzug, er drückte den Kopf zur siebten Etage. Dort angekommen führte er sie zum Zimmer der vielleicht zukünftigen Klientin. Vor der Tür blieben sie stehen. Debbie spähte durch das halb geöffnete Lamellenrollo ins Zimmer. Die Frau lag mit geschlossenen Augen im Bett. Das goldblonde Haar umrahmte das blasse Gesicht. Immer wieder zuckten ihre Hände, die auf der Decke lagen, offensichtlich träumte sie. Debbie hielt Russel an der Schulter fest.
   »Sie schläft gerade, vielleicht sollten wir morgen wiederkommen«, meinte sie. In diesem Moment flackerte das Neonlicht. Dann zersprang Glas, die Frau kreischte. Wie Russel zog Debbie ihre Waffe und riss die Tür auf. Sie zielte auf die Riesenfledermaus, die fauchend im Raum stand.
   »Sehen Sie das auch?«, fragte die Frau mit zittriger Stimme.
   »Klar und deutlich.« Debbie schob sich zwischen das Vieh und die Frau.
   Die Kreatur stieß einen schrillen Ton aus, sämtliche Scheiben zersprangen. Splitter schossen durch den Raum. Debbie nahm die Arme hoch, um ihr Gesicht zu schützen. Das Fledervieh hechtete auf sie zu, riss sie zu Boden. Scharfe Klauen drohten, ihr das Gesicht zu zerfetzen. Schüsse krachten. Die Kreatur kreischte, ließ von ihr ab, ging stattdessen auf Russel los, der geschossen hatte. Nun war es an Debbie, seinen Arsch zu retten. Das Adrenalin quoll regelrecht aus jeder Pore. Ihre Pulsfrequenz lag nicht mehr im messbaren Bereich. Hinter ihr piepte es hektisch. Bevor das Ding Russel erreichte, jagte sie ihm drei Kugeln in den Rücken, Blut quoll aus den Wunden. Trotzdem stand das verfluchte Scheißvieh noch aufrecht.
   »Russel, bring sie hier raus«, befahl Debbie.
   Sie zielte auf das Monstrum. Das breitete die Arme mit den Flughäuten aus. Debbie schoss, traf ihren Gegner diesmal genau zwischen die Augen. Sie feuerte ihr ganzes Magazin leer. Rote Sprenkel zierten den Boden. Dieses Mal taumelte die Fledermaus zurück, dann sprang sie aus dem Fenster. Schnell folgte Debbie Russel, der mit der Schutzperson bereits den Aufzug erreicht hatte. Das Pflegepersonal war in Deckung gegangen. Die Menschen schauten sie panisch an, als Debbie sie passierte. Über ihr zuckten die Neonröhren wie Blitze. Im Fahrstuhl lud sie ihre Waffe nach. Die Schutzperson rang hastig nach Atem. Sie hyperventilierte.
   »Alles ist gut, atmen Sie ruhig ein und aus.« Debbie umfasste ihre Schulter, machte es ihr vor, die Frau ahmte sie nach, holte Luft, um sie langsam entweichen zu lassen.
   »Es geht besser«, keuchte sie.
   Die Fahrstuhltüren glitten auf. Debbie ging voran, hielt die Waffe unter der Lederjacke verborgen. Die Menschen im Erdgeschoss hatten offensichtlich nichts von dem Drama im siebten Stock mitbekommen. Als sie das Krankenhaus verließen, holte sie die Waffe wieder hervor, richtete sie schussbereit noch oben. Denn dass die Kreatur von dort kam, war am wahrscheinlichsten.
   »Gleich da drüben ist mein Auto«, informierte Debbie Russel, ohne ihn anzusehen.
   Schnell überquerten sie die Straße. Sie öffnete die Beifahrertür, die Schutzperson stieg ein.
   »Ich werde mich hier um alles kümmern, bring sie in Sicherheit«, meinte Russel.
   Debbie nickte kurz, steckte die Waffe ins Holster zurück und nahm hinter dem Lenkrad Platz. Mit quietschenden Reifen fuhr sie los, fast hätte sie ein anderes Fahrzeug gerammt, das wild hupte. »Idiot«, murmelte Debbie, schaltete den Gang hoch und gab Gas. Ihre Kamikazefahrweise brachte ihr noch mehr aufgebrachtes Gehupe ein. Sie blickte kurz zu ihrer Beifahrerin, die sich am Sitz festklammerte. Bleich starrte sie auf die Straße. Sie zitterte am ganzen Leib, was kein Wunder war, denn sie war gerade von einer Monsterfledermaus angegriffen worden und trug zudem nur den Krankenhauskittel.
   »Alles in Ordnung?«, fragte Debbie, strich über die Schulter der Frau, die jetzt zu ihr blickte.
   »Ich heiße Liz«, hauchte sie.
   »Mein Name ist Debbie, schön dich kennenzulernen.« Debbie wechselte schnell die Spur, das übliche Hupkonzert folgte.
   Unruhig rutschte Liz auf dem Sitz hin und her. Debbie sah kurz zu ihr rüber, musterte die junge Frau, die sich, für das, was sie durchgemacht hatte, wacker hielt. Ihr Blick fiel auf Liz’ nackte Füße.
   »Welche Schuhgröße hast du?«, erkundigte sie sich.
   »Sieben, wieso?«
   »Das passt.« Debbie hielt mit einer Hand das Lenkrad, während sie mit der anderen nach den Kampfstiefeln auf dem Rücksitz fischte. Glücklicherweise war ihr Gefährt so übersichtlich. »Hier, zieh die an, die müssten passen«, meinte sie und stellte Liz die Boots auf den Schoss.
   »Danke«, murmelt die, mühte sich dann ab, in dem engen Wagen in die Stiefel zu schlüpfen. »Du warst gar nicht verunsichert, als du das Vieh gesehen hast.«
   »Das kommt daher, weil es mein Job ist, mich mit solchen Biestern herumzuschlagen. Ich werde dich zu Leuten bringen, die dich beschützen können.« Debbie lächelte aufmunternd, umfasste mit beiden Händen das Lenkrad und trat aufs Gas.

*

»Jetzt erzähl mir das Ganze noch mal«, meinte Raven.
   Aamon sog scharf Luft in seine Lungen, unter ihm knarrte der Stuhl. »Wie oft denn noch?«, fuhr er Raven an, der mit verschränkten Armen hinter dem Schreibtisch saß. Verflucht, Aamon kam sich wie ein Schuljunge vor, der dem Direktor Rede und Antwort stehen musste.
   »Bis ich es dir glaube«, meinte Raven und lehnte sich zurück. Der Lederbezug seines Bürostuhls knirschte.
   Von hinten kam ein verächtliches Schnauben. Jason stand dort an der Wand. Aamon hasste es, den Engel in seinem Rücken zu haben.
   »Ich lag in meinem Bett, deine Tochter erschien, oder etwas, das ihre Gestalt angenommen hatte, und sagte zu mir, das sie ein Geschenk für mich hätte, betatschte mich mit ihren kleinen Fingern, es folgte beschissene Übelkeit, dann steckte ich in diesem vermenschlichten Körper. Ende der Geschichte.« Jetzt verschränkte Aamon die Arme ebenfalls.
   »Warum sollte ich dir glauben? Vielleicht ist das alles nur ein verfluchter Trick, und du bist hinter irgendwas her«, erwiderte Raven gefährlich leise.
   Aamon lachte. »Was für ein beschissener Trick soll das sein? Ich bin in diesem stinkenden Körper gefangen.«
   »Er stinkt wirklich, da sagt er mal die Wahrheit«, mischte sich Jason ein.
   »Debbie fand das zumindest nicht, sonst wäre sie mir nicht so nahe gekommen. Hat sie dir auch gesagt, dass wir, nachdem sie mich vor ein paar Monaten wieder aus der Hölle geholt hat, unseren Pakt mit einem Kuss besiegelt haben.« Noch bevor Aamon sich zu Jason umdrehen konnte, riss der ihn vom Stuhl und rammte ihn gegen die Wand. Die Stahl-Glas-Konstruktion in seinem Rücken knirschte.
   »Ich werde dir deine Eingeweide herausreißen, wenn du sie auch nur ansiehst.«
   »Hast du Angst, dass sie mal wieder etwas Großes zwischen den Beinen spüren möchte«, gab Aamon belustigt zurück. Es machte ihm so viel Spaß, den verfluchten Engel zu provozieren. Im nächsten Moment flog er durch die Scheibe, schlitterte über den Boden und stoppte direkt vor Debbie.

*

Erschrocken wich Liz zurück, als der große Kerl durch die Scheibe krachte und über den Boden vor die Füße ihrer Begleiterin rutschte. Wo war sie hier nur hingeraten?
   Der Rothaarige kam auf die Beine, auf seiner rechten Wange klaffte ein Schnitt. Es grenzte an ein Wunder, dass er nicht noch schwerwiegender verletzt war. Doch statt sich um seine Wunde zu kümmern, klopfte er die Scherben von der Kleidung. Genaugenommen interessierte sich keiner der Anwesenden für die Wunde.
   Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Ihre Wange, das muss genäht werden«, bemerkte Liz und deutete auf den Rothaarigen, der seinen Kopf hob und sie interessiert ansah.
   »Das sieht schlimmer aus, als es ist.«
   Damit nahm er einen Zipfel seines Shirts und zog es hoch, um sich das Gesicht abzuwischen. Liz hielt die Luft an, starrte auf den Waschbrettbauch, der zum Vorschein kam. Sie hatte immer gewusst, dass es so was gab, aber noch nie einen aus der Nähe gesehen. Am liebsten würde sie mit den Fingern darüberstreichen, wie über Harfenseiten. Hitze schoss in ihre Wangen. Was passierte mit ihr? Sie war Wissenschaftlerin. Ein nackter Männerbauch, na und?
   »Sehen Sie?«, meinte er.
   Worauf Liz ihren Blick von seinem trainierten Körper losriss und ihm wieder ins Gesicht sah. Tatsächlich, nachdem er das Blut weggewischt hatte, war da nur noch ein dünner roter Strich auf der Wange. Wie konnte das sein, gerade hatte die Wunde noch stark geblutete?
   »Was ist hier los?«, fragte Debbie scharf, worauf der Blonde, der den anderen Mann durch die Scheibe geworfen hatte, aus dem büroartigen Raum trat.
   »Er hat genervt, wie immer.« Glasscherben knirschten unter seinen schweren Schuhen.
   Obwohl Liz diese Männer nicht geheuer waren und ein Teil ihres Verstandes die Beine in die Hand nehmen wollte, kam der wissenschaftliche Teil ihres Gehirns nicht umhin festzustellen, dass der Blonde wirklich der schönste Mann war, den sie jemals gesehen hatte. Das war keine mädchenhafte Schwärmerei, sondern Fakt. Ihr Blick kehrte zu seinem Kontrahenten zurück, denn der Rothaarige war in ihren Augen um ein Vielfaches anziehender als der Blonde. Zwar besaß er nicht dessen feine Gesichtszüge, aber er strahlte etwas Ursprüngliches und Raubtierhaftes aus wie ein Krieger aus längst vergangenen Zeiten. Er könnte ebenso im mittelalterlichen Schottland mit wehenden Haaren auf dem Schlachtfeld stehen. Schon, wenn er sie ansah, bekam sie eine Gänsehaut. Sie zog die Lederjacke, die ihr Debbie gegeben hatte, zusammen. Er sprach ihren Beschützt-werden-wollen-Instinkt an, der im Moment fieberhaft nach jemandem für diese Aufgabe suchte und in diesem breitschultrigen Mann mit den dunklen Augen den perfekten Kandidaten gefunden zu haben glaubte.
   »Willst du deine Freundin nicht vorstellen?« Ein Schwarzhaariger, den Liz erst jetzt bemerkte und der auch nicht zu verachten war, trat aus dem Büro. Bei jedem seiner Schritte krachte das zersplitterte Glas.
   »Das hier ist Liz, und sie hat ein Problem mit mannsgroßen Fledermäusen«, berichtete Debbie, worauf Liz’ Wangen noch stärker glühten, laut ausgesprochen, hörte sich das ziemlich absurd an. Aus den Augenwinkeln sah sie zu dem Rothaarigen. Er machte nicht den Eindruck, als würde er sie für verrückt halten, im Gegenteil, er schien nicht überrascht zu sein, wie alle der Anwesenden hier.
   »Liz, darf ich vorstellen, das hier ist Raven.« Debbie deutete auf den Schwarzhaarigen. »Jason.«
   Das war der Blonde und zuletzt erfuhr Liz den Namen des Rothaarigen, Aamon. Er hörte sich arabisch an.
   »Ich werde mit Liz zu Amanda hochfahren, und ihr könnt diese Schweinerei beseitigen«, meinte Debbie, sie sah zu Liz. »Komm hier entlang.«
   Offensichtlich sank Liz’ Adrenalinspiegel, denn sie begann, ihren Körper wieder zu spüren. Überall pochte es. Kälte kroch langsam ihre Beine hinauf, sie fing zu bibbern an. Die Zähne klackerten aufeinander.
   »Meine Güte, du frierst ja«, sagte Debbie mitfühlend, als sie das Aufzuggitter schloss. In der ersten Etage angekommen, tauchte Liz in eine völlig andere Welt ein. Warme Gemütlichkeit empfing sie. Helle Farben sowie Holztöne dominierten das weitläufige Loft. Am Ende des langen Esstischs, der über und über mit rosafarbenen Stoffen bedeckt war, saß eine Frau an einer Nähmaschine. Die Nadel ratterte über einen hübschen Blümchenstoff. Sie hielt inne, strich ihr kastanienfarbenes Haar zurück. Auf einem Stuhl daneben kniete ein Mädchen, dessen Locken die gleiche Farbe besaßen und das konzentriert mit Wachsstiften malte. Es handelte sich mit Sicherheit um Mutter und Tochter, mutmaßte Liz.
   »Hi Amanda, darf ich dir Liz vorstellen«, sagte Debbie.
   Die Frau, die Liz auf Ende zwanzig schätzte, hob den Kopf und lächelte sie an.
   »Schaut, was ich gemalt habe«, rief das Mädchen.
   »Das ist Lilly«, fügte Debbie hinzu.
   »Du meine Güte, was ist mit Ihnen passiert?« Amanda stand auf und eilte den Tisch entlang. Das Gefühl, angekommen zu sein, durchflutete Liz. Sie spürte, wie sämtliche Muskeln den Fluchtmodus verließen und sich entspannten. Ihre Beine gaben nach, sie taumelte zurück. Debbie hielt sie fest, führte sie zum Esstisch, dort nahm Liz Platz.
   »Sie hatte ihren ersten Kontakt«, erklärte Debbie.
   »Ich kann nachfühlen, wie es Ihnen im Moment geht, glauben Sie mir. Als ich damals erfuhr, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als die Schulweisheit uns sagt, bin ich auch zusammengeklappt.« Amanda strich über Liz’ Arm, ihr Blick war voller Mitgefühl.
   »Sie braucht Klamotten, wir mussten sie aus dem Krankenhaus mitnehmen.« Debbie sah zu Amanda. »Vielleicht möchtest du auch duschen?«, meinte sie an Liz gewandt.

Kapitel 5

Liz stand in ihrer Baumwollunterwäsche, die ihr das Krankenhaus zum Glück unter dem Kittel gelassen hatte, vor dem Waschbecken, legte das Handtuch an den Rand. Im Spiegel betrachtete sie die blauen Flecke, die ihren Körper übersäten. Man könnte meinen, sie wäre in einen Straßenkampf verwickelt gewesen. Jetzt, da das Adrenalin nichts mehr unterdrückte, war ihr Körper ein einziger Schmerz. Sie hob stöhnend den Arm, kam sich vor wie durch den Fleischwolf gedreht. Mit gefächerten Fingern fuhr sie durch das feuchte Haar. Anschließend zog sie ächzend wie eine Neunzigjährige mit Arthritis Jeans und Shirt an. Die Sachen hatte sie von Amanda bekommen. Sie erwiesen sich als ein wenig kurz, denn ihre Gastgeberin war einen halben Kopf kleiner, doch sie schlugen einen Krankenhauskittel um Längen. Liz schlüpfte in Debbies schwere Armeestiefel, die ihre Retterin auf dem Rücksitz herumfuhr. Offensichtlich, um allzeit bereit zu sein. Noch nie vor dieser Nacht hatte Liz solche Stiefel angezogen, sie waren bequemer als gedacht. Sie richtete sich auf. Plötzlich hatte sie das Gefühl, der Raum würde sich um sie drehen, die Hände zitterten. Liz taumelte nach hinten, griff nach dem Waschbecken. Ihr Kreislauf spielte verrückt. Die ganze Sache hatte sie mitgenommen.

*

Debbie stieg aus dem Aufzug und ging zum Büro. Metallteile und Scherben der zerstörten Glaswand waren tatsächlich zu einem Haufen zusammengeschoben. Raven sowie Aamon hielten sich im Büro auf, Jason tigerte davor hin und her. Als er sie bemerkte, kam er ihr entgegen, zog sie besitzergreifend in seine Arme, um sie zu küssen. Er wollte ganz offenbar sein Revier markieren.
   So sehr Debbie seine Zärtlichkeiten auch mochte, energisch befreite sie sich aus der Umarmung, denn sie gehörte niemandem, auch wenn der Mann so sexy wie Jason war. »Was war hier wieder los gewesen?« Sie zog die Brauen zusammen.
   »Dieser Bastard«, war Jasons Antwort, seine Wangenmuskeln zuckten.
   Er senkte den Kopf, und Debbie wusste, dass Aamon mal wieder auf den richtigen Knopf gedrückt hatte. Der Dämon rieb Jason zu gern seine gemeinsame Vergangenheit mit ihr unter die Nase. Sie strich Jasons lange Strähnen nach hinten, hob sein Gesicht an. »Ich liebe dich«, flüsterte sie.
   Der Ausdruck in seinen Augen wurde weich, und er küsste sie. Dieses Mal ließ sie es zu.
   »Seit ihr jetzt fertig?«, sagte Aamon und störte ihre Zweisamkeit, worauf Jason leise knurrte. Er löste seine Lippen von ihren. Als Debbie das Büro betrat, spürte sie seinen Kuss noch immer.
   »Wir sprechen uns noch«, zischte sie Aamon zu. Am liebsten hätte sie ihm ihre Faust ins Gesicht gerammt.
   »Lieber nicht, sonst wirft mich dein rasend eifersüchtiger Freund wieder durch eine Scheibe«, entgegnete der vergnügt.
   Worauf Debbie ihre Hand so fest ballte, dass sich die Fingernägel schmerzhaft ins Fleisch gruben. Nicht ärgern, das will er nur, wiederholte sie in ihren Gedanken wie ein Mantra.
   »Was ist mit deiner Freundin?«, wollte Raven wissen.
   Debbie war dankbar dafür, denn so bekam sie den dämonischen Bastard aus ihrem Kopf. Sie nahm auf dem Bürosessel Platz, klappte den Laptop auf. Während sie ihn hochfuhr, gab sie Raven eine Zusammenfassung der Ereignisse. Jason und Aamon hatten sich ebenfalls dazugesellt, standen jedoch in verschiedenen Ecken des Raumes, erinnerten an zwei Boxer im Ring.
   Debbie versuchte, im World Wide Web etwas über menschengroße Fledermäuse zu finden, doch es gab nichts Greifbares. Ein Bild eines Fantasykünstlers zeigte Ähnlichkeit mit den Biestern. »So ungefähr sah es aus.« Sie drehte den Laptop.
   Raven trat näher. »So was hab ich auch noch nicht gesehen. Aamon?« Er machte einen Schritt zur Seite.
   Der Dämon betrachtete das Bild, rieb mit dem Daumen über sein Kinn. »Diese Art von Dämon ist mir noch nicht untergekommen. Wenn man bedenkt, dass ich schon seit Jahrtausenden existiere, ist das fast unmöglich.«
   »Ist mir in der Hölle nicht über den Weg gelaufen.« Jason stieß sich vom Aktenschrank ab, an dem er gelehnt hatte. »Was mich noch mehr beunruhigt, ist, dass das Blut dieses Monsters rot war. Was das heißt, keine Ahnung, vielleicht ist sie eine lebende Kreatur. Ich bin mir nicht sicher, ob geweihter Boden sie abhalten kann, denn ein Dämon der üblichen Sorte scheint sie nicht zu sein.« Debbie sah zu Raven, der die Stirn runzelte. »Es wäre vielleicht besser, wenn Liz woanders unterkommt«, fügte sie hinzu.
   »Okay, wir sollten sie wegschaffen, aber wohin?« Raven blickte auf Debbie herab.
   »Wir könnten sie zu uns mitnehmen«, schlug sie vor. »Wir haben zwar nicht viel Platz, aber es würde schon gehen.«
   »Ich werde mich um sie kümmern«, sagte Aamon.
   Debbie, Raven und Jason starrten ihn an.
   »Was denn, ich dachte, wir sind ein Team? Ich hab genug Platz und bin in der Lage, sie vor allem, was kommt zu schützen. Ich denke, es gibt keine Kreatur, mit der ich es nicht aufnehmen kann, ob ihr Blut nun rot ist oder nicht. Habe ich euch in den letzten Monaten nicht den Arsch gedeckt, obwohl ihr mich wie einen Aussätzigen behandelt?« Aamon trat gegen den Stuhl vor dem Schreibtisch, der krachend dagegenprallte.
   »Ich weiß nicht.« Nachdenklich biss sich Debbie auf die Unterlippe.
   »Soll sie dir und deinem Freund beim Vögeln zuhören in deinem Einzimmerwohnklo?«, zischte Aamon.
   »Warum du so genau über die Größe unserer Wohnung im Bilde bist, möchte ich überhaupt nicht wissen. Okay, viel Platz habe ich nicht, aber es würde schon gehen.« Debbie sah zu Raven.
   »Ich möchte das schon wissen«, knurrte Jason.
   »Wir haben für euren Weitpisswettbewerb keine Zeit. Aamon, du wirst dich um die Frau kümmern, das heißt, sie beschützen, sie nicht bumsen oder ihr irgendwie Schaden zufügen«, entschied Raven.
   »Klar, der Dämon kann seine Finger nicht bei sich behalten. Ich werde das schon hinkriegen«, schnaubte Aamon.
   »Dann ist alles klar. Ich hol Liz.« Debbie stand auf, ging zur Tür, drehte sich noch mal zu Aamon. »Wenn auch nur eines von Liz’ Haaren schief sitzt, nachdem sie bei dir war, werde ich deine Eier grillen«, drohte sie.

*

Liz umfasste mit beiden Händen die dampfende Tasse Kaffee. Allmählich hörte das schummrige Gefühl auf. Sandwiches standen vor ihr, aber sie bekam nichts hinunter. Amanda hatte die Stoffe zur Seite geräumt. Lilly kniete auf dem Stuhl neben ihr und zeichnete ein Einhorn. Das waren ihre Lieblingsfabelwesen, wie die Kleine ihr ausführlich erzählt hatte.
   »Deine Tochter ist wirklich begabt«, meinte Liz.
   »Die künstlerische Ader hat sie von mir, Raven hat mit so was nichts am Hut.« Amanda sah zärtlich zu ihrer Tochter, dann blickte sie zu Liz. »Wenn man ihm etwas von Raffael erzählt, denkt er, das ist eine Pizzeria.« Sie lachte.
   Die Heiterkeit steckte Liz an. Charly kam ihr in den Sinn, und sie musste schlucken.
   »Was ist? Du siehst besorgt aus.« Amanda nahm ihre Hand.
   »Ich mache mir um meine Schwester Sorgen. Charly nimmt in Mittelamerika an Ausgrabungen teil, sie ist Archäologin.« Liz seufzte.
   Der Aufzug fuhr hoch, und Debbie stieg aus. Erst jetzt fiel Liz auf, dass die beiden Arme ihrer Retterin voller Tätowierungen waren und sie kein bunt gemustertes langärmliges Oberteil unter ihrem schwarzen Shirt trug. Auch am Halsausschnitt lugte eine hervor. Liz kannte keine tätowierten Menschen. Nicht, weil sie ein Problem damit hatte, doch in den Kreisen, in denen sie sich bisher bewegt hatte, gab es niemanden mit solchem Körperschmuck. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hätte sie Debbie unter normalen Umständen niemals kennengelernt. Was schade gewesen wäre, denn sie war wirklich nett, und dazu hatte sie ihr das Leben gerettet.
   »Liz komm, wir werden dich woanders unterbringen.« Debbie holte ihre Lederjacke, die Liz über einen der Esszimmerstühle gehängt hatte.
   »Warum kann sie nicht hierbleiben?«, fragte Amanda nach.
   »Wir haben unsere Gründe.« Mehr wollte Debbie offensichtlich nicht dazu sagen.
   »Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder und dann unter besseren Umständen«, meinte Amanda.
   »Das hoffe ich auch.« Liz stand auf. »Tschüss Lilly.« Sie strich dem Mädchen über die Locken.
   »Das habe ich für dich gemalt.« Die Kleine hielt ihr ein Bild hin, darauf waren zwei Mädchen mit blonden Haaren abgebildet, die sich wie Zwillinge glichen.
   Mit offenem Mund starrte Liz auf das Bild, dann zu dem Kind, das die Zeichnung auf den Tisch legte, vom Stuhl sprang und ins Kinderzimmer hüpfte. Dass Charly und sie Zwillinge waren, hatte sie mit keinem Wort erwähnt.
   »Warte noch.« Amanda erhob sich ebenfalls, eilte zum Schlafzimmer und kam mit einer Jacke heraus, eine Art Parker. »Hier, es ist kalt draußen.«
   »Ich danke dir. Ihr seid alle so toll.«
   »Das ist doch selbstverständlich«, winkte Amanda ab und Liz ging zu Debbie in den Fahrstuhl.
   »Wo soll ich bleiben?«, wollte sie wissen, als der Aufzug nach unten fuhr.
   »Aamon wird deinen Schutz übernehmen«, antwortete Debbie. Liz’ Herz stolperte, der Magen verkrampfte sich.
   Als sie aus dem Aufzug stieg, entdeckte sie ihn im Büro. Er drehte seinen Kopf, ihre Blicke trafen sich, sie krallte die Finger in die Jacke, die sie über ihrem Arm trug. Wieder stockte ihr Herz. Sie hatte das Gefühl, in seinen dunklen Augen zu versinken.

*

Aamon spürte Liz’ Anwesenheit, bevor er sie sah. Sie kam hinter Debbie aus dem Aufzug. Irgendetwas war an dieser Frau. Er musterte sie, das blonde Haar floss weich über ihre Schultern, umrahmte das schmale Gesicht. Ihre helle Haut hatte etwas von Porzellan. Zu gern hätte er sie unter seinen Fingern gespürt. Als er sie ansah, musste er an die Statuen griechischer Göttinnen denken. Sie war eine Schönheit, es gab keinen anderen Ausdruck, Aphrodite würde daneben blass aussehen. Offensichtlich war sie sich dessen nicht bewusst oder es war ihr zumindest nicht wichtig, denn in ihrem Auftreten lag kein bisschen Arroganz. Nur Natürlichkeit. Diese Frau berührte etwas in seinem Inneren, das lieber begraben bleiben sollte. In diesem Moment wurde ihm klar, dass sie zur Gefahr für ihn werden könnte, aber der Drang, sie um jeden Preis zu beschützen, ihr nahe zu sein, auch wenn er sie nicht haben konnte, war stärker.
   »Liz ist so weit«, meinte Debbie und riss Aamon aus seinen Gedanken.
   Er war gerade auf dem Weg zu Liz, als plötzlich Bilder in seinem Geist aufblitzten. Ihr nackter Körper schmiegte sich lustvoll an seinen. Aamon schmeckte Lippen, süßer als Met, die seine voller Hingabe küssten. Seine Hände zitterten, zwischen den Beinen pulsierte es. Er ballte die Hände zu Fäusten, verbannte die Bilder aus seinem Geist. Das war wirklich der beschissenste Zeitpunkt für eine solche Vision.
   Er straffte die Schultern, trat aus dem Büro. »Dann kommen Sie.« Aamon stapfte an Liz vorbei, vermied es, sie anzusehen. An seinem Sportwagen angekommen, hielt er ihr die Tür auf, schaute dabei starr geradeaus. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz, er ging um den Wagen, nahm hinter dem Steuer Platz. In seinem Rücken spürte er die Stilette, die er unter der Jacke in Holstern trug.
   »Fertig?«
   Sie nickte, er startete den Wagen und fuhr los.
   »Können wir an meiner Wohnung vorbei?«, fragte sie in die Stille.
   »Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Raven wird sich dort morgen umsehen. Wenn Sie etwas brauchen, kann ich ihm Bescheid sagen«, entgegnete Aamon.
   »Ich würde gern mein Handy und ein paar Sachen holen.« Sie verkrampfte ihre Hände.
   Aamon konnte ihren aufgebrachten Puls hören, ihre Furcht schmecken, sie lag schwer und süß auf seiner Zunge. »Sie haben Angst davor, in Ihre Wohnung zurückzukehren. Warum wollen Sie trotzdem dorthin?«
   »Weil ich hoffe, dass meine Schwester auf dem Handy eine Nachricht hinterlassen hat. Sie ist in Mittelamerika, und ich habe schon seit vorgestern nichts mehr von ihr gehört. Zudem ist darin die Nummer ihres Hotels gespeichert. Bitte. Ich kann nicht bis morgen warten.«
   Sie sah Aamon mit ihren türkisfarbenen Augen an und er, der Dämon, schmolz dahin. Unfassbar. »Also gut«, sagte er rau.
   »Danke.« Sie blickte wieder aus dem Fenster.
   Ihr Duft, der an eine leichte Sommerbrise erinnerte, die einen Wildrosenstrauch streife, ging ihm unter die Haut. Aamon umklammerte das Lenkrad. Verflucht, sie würde mit Sicherheit sein Ende sein. Nach nur ein paar Minuten mit ihr war er so gefühlsduselig wie ein verliebter Teenager.

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