Nachdem Beth entführt und bei dem Versuch, sie zu retten, von einer Schattenklinge tödlich verletzt wurde, schwindet die Hoffnung, alles noch zum Guten wenden zu können. Sie ist nun in der Schwärze, von wo noch nie jemand zurückgekehrt ist. Dennoch gibt Proud nicht auf und setzt alles daran, die anderen Nephilim, die ihren Weg zurück nach L.A. finden, zu beschützen. Dafür ist er sogar bereit, sich der Prüfung der Hüter zu unterziehen, bei der sein Leben auf Messers Schneide steht. Kyle kämpft indes weiterhin mit seinen Dämonen und droht daran zu scheitern. Als sich dann auch noch die Seraphim in die Geschicke einmischen, spitzt sich die Lage gefährlich zu. Das Schicksal der Halbengel und die Rückkehr von Lazarus scheinen nicht mehr aufhaltbar.

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Tanya Carpenter

Tanya Carpenter
Tanya Carpenter wurde am 17. März 1975 in Mittelhessen geboren, wo sie auch heute noch in ländlichem Idyll lebt und arbeitet. Die Liebe zu Büchern und vor allem zum Schreiben entdeckte sie bereits als Kind und hat diese nie verloren.   Die vielseitige Autorin ist inzwischen in nahezu allen Genre der Belletristik zu Hause. Neben den Vampiren sticht vor allem die Erotik in ihren Romanen hervor. Neben dem Bookshouse-Verlag schreibt sie außerdem Romane für Droemer Knaur, Cora, Fabylon, Arunya-Verlag, Ashera-Verlag und Edel. Ferner ist sie regelmäßig in Anthologien vertreten, schreibt Rezensionen für das Wolf Magazin von Elli H. Radinger und arbeitet als freie Lektorin im TeutonicTextTeam.   Hauptberuflich verdient Tanya Carpenter ihr Geld als Chef-Assistenz im Vertriebsinnendienst eines globalen Industrie-Unternehmen. Ihre Freizeit verbringt sie neben dem Schreiben gern mit ihren Australian Shepherds Spike und Damon oder ihrer Appaloosa-Stute Sha’Re-Luna. Sie ist gern in freier Natur unterwegs, interessiert sich für Mystik, Magie und alte Kulturen, liebt Musik, italienische Küche, schottischen Whisky und französischen Rotwein. In den Wintermonaten genießt sie gemütliche Leseabende vor dem Kamin. Vertreten wird die Autorin von der Agentur Ashera.

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Prolog

Wenn die Schatten fallen auf das Antlitz der Erde, werden erscheinen die Nephilim wie ein Heer. Sie öffnen die Tore. Sie kehren das Innen nach außen und das Außen nach innen. Wie im Himmel so auf Erden und gleichsam in der Unterwelt. Das Blut der Zwei wird seinen Weg finden. Es werden wiederkehren jene, die vor der Welt verborgen, auf dass sie wandeln unter den Menschen und niederreißen die Masken.
   Geblendet werden sie sein von den Spiegeln und nicht ertragen ihr eigenes Antlitz, auf dass sie erblinden. Ihre Verzweiflung wird widerhallen von jedem Gipfel, aus jedem Tal, in der Ödnis der Wüsten, vom Grund des Meeres und aus den Tiefen der Wälder. Ihre eigenen Stimmen machen sie taub. Die Träume ihrer eigenen Taten werden sie in den Wahnsinn treiben, wenn sie nicht länger den Schmutz im Mantel des Vergessens ersticken können. Mensch und Engel werden ohne Richtung sein auf Erden und sich verlaufen im Irrgarten ihrer eigenen Schuld und Eitelkeit.
   Doch aus dem Chaos heraus erscheint das Lamm, der Erlöser, ihnen zu weisen den neuen Weg, der da führt zur Vergebung. Der Erlöser wird wandeln zwischen den Schlachten und einsammeln die Verlorenen, auf dass er sie führe. Er nimmt die Sünde auf seine Schultern, sie hinfortzuwaschen. Siehe das Blut an seinen Händen und Füßen, es ist das Blut der Verlorenen. Wenn die Siegel brechen, wird es die Flüsse und Meere tränken, zu salben die Bußfertigen, die ihre Schuld erkennen und beichten, auf dass der Erlöser sie segne. Er ist gekommen zu richten, zu schenken Gnade oder Verdammnis. Nichts bleibt länger verborgen. Alles wird verbrennen im Feuer seiner Erleuchtung, und werde gereinigt für einen neuen Anfang unter den gütigen Augen des Lammes.
   Zu seiner Rechten schreitet die Erinnerung. Sie hütet das Vergessen.
   Zu seiner Linken schreitet die Weissagung. Sie hütet die Erkenntnis.
   Hinter ihm schreitet die Hoffnung. Sie hütet den Glauben an das, was war, was ist und was sein kann.
   Höre die Schreie der Gefallenen, wie sie die Welt erzittern lassen. Sieh die Tränen der Menschen, wie sie die Welt fluten und das Übel ertränken. Spüre die Flammen, in denen alles geläutert werde.
   Nichts ist vergessen, nichts verloren. Jede Dunkelheit birgt den Samen des Lichtes. Jedes Ende einen Neubeginn. Kommet – sehet – glaubet – und findet, wonach ihr nie gesucht.

Kapitel 1

Donner grollte über ihnen. Jedes Aufeinandertreffen ihrer Schwerter wurde von grellen Blitzen begleitet, die den wolkenlosen Himmel in Flammen setzten. Hätte ihr Kampf in der wahren Welt stattgefunden, die Menschen wären vor Furcht in ihren Häusern erstarrt. Die Ankunft des Armageddon konnte nicht gewaltiger sein. Sie würden kommen. Bald!
   Aber dieser Kampf hier fand zwischen den Ebenen statt, jenseits von Himmel und Hölle und abseits der Erde, auf die sie alle gefallen waren. Vage Schemen nur dürften sich bis hin zum irdischen Firmament fortsetzen und die Astronomen, die sie sahen, in Verzückung versetzen. Himmelslichter. Sterneneruptionen. Oder womöglich sogar Ufos?
   Ein bitteres Lachen formte sich in Drace’ Kehle. Wenn die wüssten …
   Es war ein aussichtsloser Kampf, den sie hier fochten, er und Greco. Das wusste Drace, und sein Bruder zweifellos ebenso. Irgendwann würde einer von ihnen aufgeben und sein Heil in der Flucht suchen, weil sie einander nicht bezwingen konnten. Es galt nur, Zeit zu gewinnen. Je länger er Greco hier festhielt, umso größer standen die Chancen, dass die Nephilim in Sicherheit gebracht wurde. Hoffentlich machten die Azrae und ihre Cherubim-Freunde keinen Fehler. Es hing so viel davon ab.
   »Gib auf, Drace. Du stehst auf der falschen Seite, wenn du versuchst, mich aufzuhalten.«
   Aus Grecos Stimme klang kein Zorn, eher eindringliches Flehen. Er war überzeugt von dem, was er tat, daran hatte Drace nie gezweifelt. Im Herzen seines Bruders sah er keine Bosheit, er tat nur, was seiner Meinung nach getan werden musste, Kollateralschäden inbegriffen.
   Nur hieß das noch lange nicht, dass er im Recht war. Im Gegenteil, es machte sie Sache umso schlimmer. Ihm war ebenso wenig etwas vorzuwerfen, wie jedem anderen von ihnen. Er tat, was er für das Richtige hielt. Am Ende wollten sie alle nur nach Hause – und manch einer wollte auch ein bisschen Rache.
   »Du irrst dich, Bruder. Nicht ich bin es, der die falsche Seite gewählt hat. Halt ein, so lange du noch kannst. Was du planst, ist Wahnsinn. Manch eine Macht kann man einfach nicht beherrschen.«
   In Grecos Augen funkelte es vor Entschlossenheit. Er riss seine Klinge zurück und führte einen weiteren Streich gegen Drace, den er nur knapp parierte. Das Licht des Funkenregens war so gleißend hell, dass es sie blendete. Die Vibrationen des Metalls brachten die Muskeln in Drace’ Armen zum Beben. Ein schmerzvolles Ziehen, das sich bis in seinen Rücken fortsetzte. Greco war stark, nicht zu unterschätzen. Das Feuer, das ihn antrieb, gab ihm Kraft. Drace biss die Zähne zusammen, stemmte sich nach vorn und warf seinen Bruder zurück. Für einen Moment standen sie wie erstarrt voreinander, beide atmeten schwer und waren dankbar für die Atempause.
   »Ich kann nicht umkehren«, erklärte Greco voller Inbrunst. »Ich bin schon viel zu weit gegangen. Aus gutem Grund. Er wird für alles bezahlen. Er – und auch die Seraphim.«
   Es war für Drace wie ein Stich in sein Herz; er hätte nicht schlimmer sein können, wenn Greco ihn mit der Klinge geführt hätte. Drace liebte seinen Bruder – all seine Brüder, doch sie waren selten einer Meinung. Nur waren die Konsequenzen diesmal mehr als er duldend mit ansehen konnte. Er parierte zwei weitere Hiebe von Greco, als dieser mit neu gewonnener Energie auf ihn einstürmte. Einen Kampfschrei auf den Lippen, der wie das unheilverkündende Donnern der Kanonen auf einem Schlachtfeld klang. Wieder einmal kam Drace der Gedanke, dass Schusswaffen über gewisse Vorteile verfügten und die angenehmere Art des Kampfes darstellten, doch in einem Fight unter ihresgleichen wäre so etwas natürlich undenkbar – und ineffektiv, denn noch gab es keine Kugeln, die einen der ihren tatsächlich töten könnten. Zumindest wäre ein Austausch von Schüssen aber nicht annähernd so anstrengend gewesen wie der Schwertkampf.
   Der dritte Schlag seines Gegners schien Drace den Schädel spalten zu wollen und zwang ihn in die Knie, als er ihn im letzten Augenblick abwehrte. Er verkantete sein Schwert mit dem von Greco, indem er die Parierstange an der Klinge verhakte. So hoffte er, zumindest diesen Kampf beenden zu können. Vielleicht sogar den, der auf anderen Ebenen gefochten werden würde. Er musste es noch einmal versuchen. Mit Vernunft und Logik.
   »Ich weiß genau, was du vorhast. Aber du wirst sie nie beherrschen können, egal, was du versuchst.«
   »Du verkennst die Macht, die uns damit in die Hände gelegt wird, Bruder. Alles wird sich ändern. Niemand kann uns dann mehr aufhalten.«
   Drace schüttelte den Kopf. »Diese Macht ist zu groß. Und finster. Niemand kann sie bezwingen, geschweige denn für eigene Zwecke lenken. Es ist das Risiko nicht wert. Du wirst die Menschheit und uns alle ins Unglück stürzen, wenn du es versuchst. Sie zu befreien, kann der Anfang vom Ende werden. Bedenke, dass Magnus es niemals dulden wird, wenn jemand seine Pläne durchkreuzt. Und bedenke ebenfalls, welche Brut du ihm in die Hände gelegt hast.«
   Greco lachte voller Bitterkeit. »Die Brut hat er mir gestohlen, dieser Bastard. Aber sie wird ihm nicht dienen, wenn ich siegreich bin. Tu nicht so, als würdest du nicht ebenfalls versuchen, ihn aufzuhalten. Wenn du jemandem von uns vorwerfen willst, auf dem falschen Weg zu sein, dann bist du bei ihm wohl an der richtigen Adresse.«
   Das konnte Drace nicht leugnen. Auch Magnus musste gestoppt werden, ehe er etwas tat, dessen Konsequenzen sich nicht mehr umkehren ließen. Doch das war ein anderer Kampf, den er zu anderer Zeit zu fechten gedachte. Mit anderen Waffen.
   »Wenn du das so siehst, dann verbünde dich mit mir. Mit uns! Kehr ab von dem Weg, den du eingeschlagen hast. Sie werden dich sonst vernichten. Gemeinsam hingegen können wir ihm, können wir ihnen, Einhalt gebieten.«
   Greco schüttelte den Kopf und zeigte ein maliziöses Lächeln. »Bedaure. Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du dich um mich sorgst, doch es ist unbegründet. Ich fühle, dass meine Strigoi mein wichtigstes Pfand gerade wieder in ihre Obhut genommen hat. Es gibt einen Weg, die Quelle zu kontrollieren. Das werde ich dir beweisen. Ihre Macht unter meiner Kontrolle … Niemand kann uns das Paradies dann noch länger verwehren.«
   Aus seinen Worten sprach ebenso viel Wahrheit wie Wahnsinn. Oder sollte er lieber sagen, Besessenheit? Viel schlimmer jedoch war, dass Greco von dem Pfand sprach. Drace betete zu einem Gott, an den er selbst nicht mehr glaubte, dass damit nicht Beth gemeint war. Fragen konnte er seinen Bruder nicht mehr, denn in der nächsten Sekunde fiel Grecos Schwert zu Boden und Drace war allein.

*

Beth wirkte schrecklich zerbrechlich, wie sie da am Fenster stand und in die Nacht hinausstarrte. Ein Schatten ihrer selbst, obwohl aus ihrem Inneren eine Kraft herausströmte, die Proud den Atem raubte. Das Mondlicht ließ ihre Haut wie Perlmutt glitzern und verlieh ihr eine feenhafte Aura, die jedoch überschattet wurde von der Leere, die er in ihren Augen sah. Er wagte nicht zu fragen, was sie auf der anderen Seite erlebt hatte und wie es sie noch immer veränderte. Zu sehr fürchtete er die Antwort. Sie würden darüber reden. Später. Er wusste, es musste sein, weil es von Bedeutung war für alles, was noch vor ihnen lag. Aber das konnte warten. Im Augenblick wollte er ihr nur nahe sein. Das Glück preisen, dass sie zu ihm zurückgekehrt und nicht in der ewigen Finsternis versunken war. Er wollte sie beschützen und nie wieder loslassen müssen.
   Zögernd trat er näher und legte seine Hände auf ihre Schultern. Mit einem Seufzen ließ sie sich gegen ihn sinken, ohne ihren Blick vom nachtschwarzen Firmament zu nehmen, an dem der Mond gleich einem Mahnmal thronte. Umgeben von schwarzen Wolkenfetzen, die ihn an Krähen und Fledermäuse erinnerten – oder anderes Getier, das über den Schlachtfeldern lauerte.
   Ein Schauder durchlief Proud. Der Tag würde kommen. Es war nicht aufzuhalten. Niemand wusste, wie lange ihnen noch blieb.
   »Ich fühle mich so schwach«, flüsterte sie. Ihre Stimme nur der Hauch eines Windes. »Leer und unvollständig. Bitte halt mich, Proud. Mach, dass ich mich wieder stark fühle, sonst habe ich Angst, das alles nicht zu schaffen. Füll die Leere in mir und mach mich wieder ganz.«
   Er schlang seine Arme fest um sie und zog sie an seine Brust. Küsste sanft ihren Scheitel und atmete den Duft ihrer weichen, blonden Locken. Die einzelne Strähne an ihrer Stirn war inzwischen komplett schwarz und glich einem weiteren Indiz für die Dunkelheit in ihrem Inneren und jene, in der sie gewesen war.
   Die Kälte ihrer Haut erschreckte ihn, aber er würde sie nicht loslassen. Um keinen Preis. Ihre Wahl war auf ihn gefallen, und er würde alles tun, um ihr zu beweisen, dass sie damit richtig lag. Dass er ihr geben konnte, was sie brauchte und wonach sie sich sehnte.
   Kyle war gerade ganz weit weg. Proud liebte seinen Cousin, das hieß allerdings nicht, dass er bereute, ihn bei Beth ausgestochen zu haben. Er konnte sich ein Leben ohne sie einfach nicht mehr vorstellen, egal ob dieses im Himmel, in der Hölle oder auf Erden wäre.
   Langsam drehte sie sich um, legte ihre Arme um seinen Hals, presste ihren Körper an seinen und ihre Lippen auf seinen Mund. Von einem Moment zum anderen war es, als wäre das alles nicht passiert. Der Unfall, ihre Entführung, ihr Sterben, ihre Wandlung. Nur ein böser Traum. Sie war bei ihm, war es immer gewesen, und ihre Liebe war nie ins Wanken geraten. Nicht einmal für Kyle.
   »Ich brauche dich«, flüsterte er, ehe er den Kuss intensivierte, die vertraute Süße schmeckte.
   Beth wog fast nichts, als er sie auf seine Arme hob und zum Bett hinübertrug. Ehrfürchtig legte er sie darauf ab, schob das Hemd aus unschuldigem Weiß über ihre schlanken Schenkel nach oben. Weiter, bis er ihren flachen Bauch entblößte und die festen wohlgeformten Brüste. Beth hob ihre Arme, damit er ihr das dünne Kleidungsstück gänzlich vom Körper ziehen konnte. In Windeseile entledigte er sich seiner eigenen Sachen und glitt neben sie. Sie wieder zu spüren, Haut an Haut, war mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. Viel zu lange hatte er es entbehrt. Hatte um sie gebangt und gehofft.
   Ihre Glieder erwärmten sich rasch unter seinen Berührungen. Mit leisem Stöhnen bog sie sich ihm entgegen, schenkte sich ihm neu in dieser Nacht. Endgültiger als je zuvor.
   Es erschien ihm wie ein Sakrileg, als er zwischen ihre Schenkel glitt und tief in sie drang. Dennoch hätte er um nichts in der Welt darauf verzichten können. Sie nahm seinen Rhythmus auf. Ihre Seele öffnete sich weit für ihn, ließ ihn einen Blick auf alles werfen, was darinnen war, und egal, wie sehr ihn manches erschrecken mochte, er zögerte nicht. Er sah, was sie gesehen hatte. Fühlte, was sie gefühlt hatte. Durchlebte die gleichen Gräuel und Verzweiflungen und verstand sie besser als je zuvor. So wie Beth gab sich auch Proud ganz, verlor sich in ihr und war verloren, bis sie völlig eins waren. Ein Herzschlag, ein Atem, ein Gedanke, eine einzige gemeinsame Erinnerung an alles, was sie waren und auf ewig sein würden.
   Er verflocht seine Finger mit den ihren und zog Beth die Hände über den Kopf, wo er sie fest auf das Laken presste, während er wieder und wieder in sie stieß. Die Geste hätte dominant wirken können, tat es aber nicht. Es war nichts weiter als die stille Übereinkunft, einander völlig zu gehören.

Heiser flüsterte er ihren Namen. Drückte seine Lippen gegen ihre Schläfe, während der Schlaf allmählich von ihm wich. Noch war er nicht bereit, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Nichts als ein Traum. Sie war noch immer fern von ihm und allem Leben. Eine leere Hülle, in die sich ihre Seele tief zurückgezogen hatte. So tief, dass niemand sie erreichen konnte. Der Schmerz, der mit dem Erwachen einherging, war grauenvoller als der finsterste Orkus, in den man ihn werfen könnte. Verzweifelt krallte er die Finger in ihr Nachthemd und ihr blondes Haar, das beides von seinen lautlosen Tränen benetzt wurde. Erlaubte sich den Moment der Schwäche, wo er sich unbeobachtet wusste. Stark sein musste er lange genug, obwohl die Leere ihn jede Sekunde in die Knie zu zwingen suchte, denn ohne sie hatte sein Leben jeden Sinn verloren. Beth kehrte nicht zu ihm zurück; die Tage verstrichen und sie blieb … verloren.
   Sie hatte seit ihrer Rückkehr aus Europa das Bewusstsein nicht wiedererlangt. Das war jetzt drei Wochen her. Drei Wochen, in denen so viel passiert war, dass es Proud wie Monate erschien. Was wäre mit den Nephilim geschehen, wenn sie niemanden hier in L.A. gefunden hätten, an den sie sich wenden konnten? Hätte sich Samuel um sie gekümmert? Und was dann? Er wusste noch immer nicht, ob er Beth’ Vater rückhaltlos trauen durfte oder nicht. Was seine Pläne waren. Wer seine Verbündeten. Fakt war, dass alle Frauen aus dem Sadeshia verschwunden waren und Proud das Gefühl nicht loswurde, dass Sam mehr oder weniger darin verstrickt war, denn schließlich hatte er mit diesen Zuchtprogrammen überhaupt erst angefangen.
   Seit sie zurück waren, hatte der Grigori nur ein einziges Mal nach Beth gesehen. Der Schmerz in seinen Augen war echt gewesen. Wenigstens dachte Proud das. Samuel hatte ihm auf die Schulter geklopft und gesagt, dass er keine Wahl gehabt hätte. Kein einziges Wort des Vorwurfs. Aber auch kein Angebot, ihnen zu helfen. Nicht einmal, als sie mit einer scheintoten Nephilim von Europa zurück in die Staaten gelangen mussten. Nur dank Lloyd und seinen Beziehungen hatten sie es überhaupt geschafft, Beth in diesem Zustand wieder nach Hause zu bringen. Im Augenblick kümmerte sich der Arzt so gut es ging darum, sie stabil zu halten, aber sie wollte einfach nicht aufwachen. Das bereitete ihnen allen Sorgen. Proud am meisten, obwohl vermutlich Kyles Furcht um ihr Überleben nicht nennenswert geringer war und er deshalb ständig angepisst durch die Gegend lief. Der Unterschied zwischen ihnen beiden bestand darin, dass einer die Verantwortung übernommen hatte, wo der andere den Schwanz eingekniffen hatte. Ob zum Guten oder Schlechten, das blieb nach wie vor abzuwarten.
   Proud legte seine Hand an Beth’ Wange und küsste sanft ihre Stirn. Er ließ die schwarze Strähne durch seine Finger gleiten, deren Seidigkeit ihm einen Schauder durch den Leib sandte.
   »Meine Sleeping Beauty«, flüsterte er an ihrer Schläfe. Um sie zu schützen, hätte er sogar tatsächlich eine Wand aus Rosen und Dornenranken um dieses Haus errichtet. Ihr durfte nichts geschehen.
   Er zog Beth in seine Arme, wobei die Gewichtlosigkeit ihrer Glieder ihn ein weiteres Mal erschreckte. Die Angst, sie womöglich doch noch zu verlieren, schnürte ihm das Herz zusammen. Proud konnte nicht verhindern, dass ihm Tränen in die Augen stiegen und brennend heiß über sein Gesicht liefen.
   »Ich lass dich nicht los, hörst du. Ich lass dich nicht auf die andere Seite gehen. Du wirst das schaffen. Wenn du den Weg allein nicht findest, dann komme ich und hole dich.«

Kalkutta

»Lauf, Zeyda! Und dreh dich nicht um, egal, was du hörst.«
   Rahul stieß seine Gefährtin so heftig von sich, dass er für eine Sekunde fürchtete, er könnte ihr alle Knochen im Leib gebrochen haben. Aber wenn es ihm nicht gelang, sie vor den Verfolgern zu beschützen, war ihr Leben ohnehin verwirkt. Da heiligte der Zweck wohl die Mittel.
   Er hielt sich nicht damit auf, nachzusehen, in welche Richtung sie flüchtete. Es genügte ihm, ihre eiligen Schritte zu hören. Er würde sie finden – und da war er leider nicht der einzige. Alles, was er im Augenblick tun konnte, war, ihr einen ausreichenden Vorsprung zu verschaffen. Ihnen beiden. Und beten, dass es genügte.
   Fast hätte er lachen müssen. Beten? Zu welchem Gott sollte einer der ihren schon beten? Sie wussten doch genau, dass da niemand mehr war, der sie hätte hören können.
   Entschlossen wandte er sich dem Ende der Gasse zu, wo die Grigori jeden Augenblick auftauchen mussten. Sie waren nah, er konnte sie wittern und hasserfüllte Gedankenfetzen hören. Bilder strömten auf ihn ein, wie die Opferung stattfinden sollte. Völlig sinnloses Morden, das nichts bewirken würde. Wie konnte man nur so verblendet sein? So hoffnungslos ahnungslos? Alles die Schuld der Seraphim, die nichts als Lügen und Intrigen unter den Gefallenen streuten, um die Prophezeiung nach ihrem Willen zu lenken.
   Die Vorstellung, wie viele von Zeydas Art schon deshalb auf grausamste Weise gestorben waren oder als Versuchskaninchen hatten herhalten müssen, um die Rätsel der Nephilim zu entschlüsseln, heizte Rahuls Zorn an. Gut für den Kampf, der vor ihm lag.
   Dieser ließ nicht länger auf sich warten. Es waren vier. Direkte Abkommen des Grigori-Oberhauptes ihrer Stadt, Raj Khapoor. Natürlich kämpfte er nicht selbst, doch sein ältester Sohn Dev und drei seiner jüngeren Brüder versperrten Rahul den Weg. Ihr Blut war mächtig, sie ließen es ihn bewusst spüren, um ihn einzuschüchtern, was auch beinah gelang. Nur seine Entschlossenheit, Zeyda um jeden Preis zu beschützen, verlieh ihm die Kraft, dem Quartett trotzig entgegenzublicken. Wenn er fiel, war sie tot. Wenn es ihm nicht gelang, die vier auszuschalten, war sie tot. Wenn er Raj Khapoors Erben tötete … waren sie beide ebenfalls so gut wie tot, aber zumindest blieb eine letzte vage Hoffnung auf Flucht.
   »Geh!« Devs Stimme rollte wie heißer Rauch durch die Gasse. »Wenn du sie uns freiwillig überlässt, darfst du leben. Ich geb dir mein Wort.«
   Rahul schluckte. Konnte er es mit diesen vier kampferprobtem Grigori aufnehmen? Er wusste es nicht. Sie waren allesamt muskulös und gut trainiert. Darauf legte Raj großen Wert. Disziplin wurde in seiner Familie groß geschrieben. Bisher waren sie immer siegreich aus einem Kampf hervorgegangen. Ihre unangetastete Macht in Kalkutta kam nicht von ungefähr. Aber wenn Rahul davonlief, könnte er sich nie wieder selbst ins Gesicht sehen.
   »Ihr werdet sie nicht bekommen, so lange ich es verhindern kann.« Seine Stimme zitterte. Er hoffte, dass es im Widerhall der Häuserwände nicht auffiel.
   Dev lachte spöttisch und schüttelte mitleidig den Kopf. »Du hättest es dir einfach machen sollen. Das hier wird sehr unschön. Und am Ende wird sie doch bluten.«
   Rahul hatte schon eine bissige Antwort auf der Zunge, doch sie blieb ihm im Hals stecken. Der Angriff kam unvermittelt und überrumpelte ihn, sodass er außerstande war, zu reagieren. Hart prallte er mit dem Rücken gegen die Fassade eines Gebäudes. Dev hatte ihn beinah die gesamte Gasse entlanggeschleudert. Seine Knochen knirschten bedenklich und der Schmerz schnitt wie eine glühende Scherbe durch ihn hindurch. Für Sekunden überkam ihn das Gefühl, nicht mehr atmen zu können, und die Aussicht auf ein rasches Ende wurde ausgesprochen verlockend.
   Mit aller Kraft zwang sich Rahul wieder auf die Beine. Es überraschte ihn nicht, die Seitenstraße leer vorzufinden. Er hielt sich nicht damit auf, diesen Umstand zu verfluchen. Zeyda blieb nicht viel Zeit. Ihr Vorsprung war nur gering.
   Der Weg über die Häuserdächer war kürzer. Er konnte die Spur der Grigori nicht verfolgen, aber er wusste genau, wo Zeyda war, und die Wächterengel waren ihr dicht auf den Fersen.
   Er sah ihre Schatten durch die Straßen huschen. Zu schnell für menschliche Augen. Sie teilten sich auf, das musste er zu seinem Vorteil nutzen.
   Dem Jüngsten schnitt er zuerst den Weg ab. Nicht nur, weil er der einfachste Gegner war, sondern auch, weil er Zeyda fast erreicht hatte. Rahul ließ sich vom Dach hinabfallen und stieß noch in der Landung seine Hand in den Brustkorb des Grigori.
   Das Leben des Jungen zerrann buchstäblich in seiner Hand. Sein Herz zerplatzte wie ein Ballon und tränkte Rahuls Hemd. Erst im Sterben fiel ihm auf, dass Rajs Sohn praktisch noch ein Kind war. Wieso hatten seine Brüder ihn bloß mitgenommen?
   Der Geruch des Blutes legte sich auf seinen Verstand und dämpfte ihn wie ein schweres Tuch. Sein Körper gierte danach, um die Verletzungen schneller zu heilen, die ihm der Zusammenprall mit der Häuserwand eingebracht hatte, doch er wusste, dieses Blut war verboten. Wenn er es auch nur kostete, verlor er seine Seele und wurde zu einem Monster. Dennoch … es versprach Linderung … und Kraft. Eine Stärkung, die er im Kampf gegen die drei übrigen Grigori womöglich brauchte.
   Rahul schüttelte den Kopf, um die Gedanken loszuwerden. Normalerweise wäre er nicht so anfällig für Grigoriblut. Es war nicht das erste Mal, dass er sie tötete. Der Unterschied lag darin, dass er verletzt war und in den Veränderungen, die mit ihm vonstattengingen, seit er Zeyda erweckt hatte.
   Ihr Aufschrei war es, der ihn wieder zur Besinnung brachte. Seine blutbefleckte Hand schwebte nur Millimeter von seinen Lippen entfernt. Hastig senkte er sie wieder. Die Panik in der Stimme seiner Gefährtin verdrängte seinen Durst ebenso wie sein Mitleid für den jungen Grigori. Er rannte wie von Sinnen los, erreichte den Hinterhof, in den Dev und seine Begleiter die Nephilim getrieben hatten, in letzter Sekunde. Der Grigori-Sohn hatte Zeyda schon an den Handgelenken gefasst und zerrte sie unerbittlich hinter sich her. Als er Rahul entdeckte, stockte er nur kurz, warf einen flüchtigen Blick auf das Blut an seinen Händen und verzog dann die Lippen zu einem zynischen Lächeln.
   »Du kannst es wohl nicht erwarten, wie? Dabei hätte ich mich wirklich noch um dich gekümmert, ich halte meine Versprechen. Ich wollte nur verhindern, dass uns dieses scheue Wild hier entkommt.« Offenbar berührte Dev das Dahinscheiden seines kleinen Bruders kaum.
   Er stieß Zeyda in die Arme seines einen Begleiters und gab dem anderen einen Wink. Gleichzeitig griffen dieser und Dev Rahul an. Er reagierte instinktiv und wehrte die Attacken ab. Die Wucht der Schläge und die Schnelligkeit, mit der sie geführt wurden, machten ihm klar, dass er im Kampf nicht lange bestehen konnte. Pure Verzweiflung verlieh ihm in diesem Moment Kraft. Das und die Verantwortung, die er für Zeyda empfand. Sein Angriff war kopflos, doch vielleicht war es genau das, was ihn so unvorhersehbar für Dev machte. Tatsächlich gelang es Rahul, ihn von den Füßen zu holen und den Schwung zu nutzen, um auch den Bruder mit einem Schlag in den Unterleib auf die Knie zu zwingen. Nichts, was sie nennenswert lange aufhielt, aber Sekundenbruchteile, die ein winziges Fenster der Hoffnung schufen.
   Mit finsterem Blick sprang er auf den dritten Bruder zu, der Zeyda loslassen musste, um den Angriff abzuwehren. Sie ging zu Boden, wodurch Rahul freie Bahn hatte, um blindlings auf seinen Gegner einzuschlagen, so fest er nur konnte. Egal, wohin, Hauptsache, er setzte ihn außer Gefecht. Dass er selbst dabei ebenfalls Treffer einstecken musste, realisierte er kaum.
   In dem einen Moment, wo er alle drei Grigori im Dreck liegen sah, packte er seine Gefährtin und sprang mit ihr zusammen auf das nächstgelegene Häuserdach. Er hob sie auf seine Arme und sprang über die Gassen hinweg, bis er merkte, wie seine Beine allmählich zitterten. Egal, wie weit sie gekommen waren, es war nicht weit genug, aber er musste kurz innehalten, wenn er nicht abstürzen und Zeyda damit gefährden wollte.
   Sofort fielen ihr seine Hände auf, an denen noch immer der Lebenssaft des jüngsten Grigori klebte.
   »Oh, mein Gott! Du blutest!« Sie riss ein Stück von ihrem Sari ab und versuchte, die vermeintliche Blutung zu stillen. Es fiel ihm schwer, sie davon abzuhalten, weil seine Sinne verrückt spielten. Das Grigoriblut machte ihn wahnsinnig. Er konnte die Gier kaum bezwingen. Je mehr seine Erschöpfung zunahm, umso schwerer fiel es ihm, zu widerstehen.
   »Lass! Es ist nicht mein Blut«, wehrte er ab.
   Sie blickte ihm ins Gesicht. Er wusste nicht, ob ihr klar war, was gerade mit ihm geschah. Wie sehr er mit sich selbst kämpfte. Hastig schlang sie die Stoffstreifen um seine Hände, um den Geruch einzudämmen. Es half nicht viel, aber genug, damit er sie ein weiteres Stück von den Grigori fortbringen konnte, die sicher schon wieder ihre Verfolgung aufgenommen hatten.
   Diesmal musste er sie nicht tragen. Sie lief an seiner Seite, und sie lief erstaunlich schnell.
   Rahul versuchte, möglichst viele Haken zu schlagen, um Dev die Verfolgung schwerzumachen. Wann immer er es für vertretbar hielt, kreuzte er die Hauptstraßen, wo sich viele Menschen tummelten. Mit etwas Glück überdeckte das ihre Spur. Schließlich visierte er die schmutzigen Vororte an, denn die Abwässer und Abfälle dort, mochten eine ähnliche Wirkung haben wie Menschenmassen. Eins von beiden würde hoffentlich helfen.
   Keuchend drückten sich Rahul und Zeyda an eine Hauswand und verschnauften kurz. In der dunklen Gasse stank es in der Tat bestialisch, aber das milderte die penetrante Präsenz des Blutes, das den Saristoff bereits durchdrang.
   »Warte!«
   Zeyda riss noch mehr Stoff aus ihrer Kleidung, tränkte ihn in irgendeiner undefinierbaren braunen Pfütze und machte sich dann daran, seine Hände zu säubern.
   Rahul konnte ihr Herz rasen hören, seines schlug nicht minder schnell, obwohl ihn diese Flucht bei Weitem nicht so sehr anstrengte wie sie. Verdammt, das würde niemals gut gehen. Die würden sie auf jeden Fall aufspüren. Ihr Atem – ihr Puls – der Duft ihrer Angst. All das war für die Grigori wie die Fährte für einen Jagdhund. Leicht zu verfolgen. Sie konnten hier nicht bleiben, aber Zeyda war fast am Ende ihrer Kräfte. Sie brauchte eine Pause. Auch wenn sie sich alle Mühe gab, es sich nicht anmerken zu lassen.
   Bewundernd blickte Rahul die Frau an seiner Seite an. Er war selbst noch völlig überfordert mit dem, was vor drei Tagen zwischen ihnen geschehen war, weil er nie damit gerechnet hätte, dass ausgerechnet er zu denen gehören würde, denen es passierte. Für Zeyda hingegen war das alles der Beginn eines Albtraumes, den sie nicht begreifen konnte. Noch nicht. Umso mehr beeindruckte es ihn, dass sie ihm vertraute und keine Fragen stellte. Sie hätte allen Grund, ihn ebenso zu fürchten wie die, die hinter ihnen her waren.
   Rahul hatte ihr bisher nur wenig über das erzählen können, was vor ihnen lag. Darüber, was er war – und was sie war. Was ihre Verfolger von ihr wollten.
   Jeder andere hätte diese unglaubwürdige Geschichte womöglich belächelt. Oder wäre in Panik ausgebrochen. Zeyda nicht – weder das eine noch das andere. Er hatte bisher nicht herausgefunden, warum. Vielleicht kannte sie einiges davon aus Träumen und Visionen. Es hieß, dass die Nephilim solche Gaben besaßen. Unleugbar strahlte aus ihren Augen eine Weisheit, die ihn sprachlos und atemlos zurückließ. Allein deshalb würde er alles tun, was nötig war, um sie zu beschützen. Und koste es sein Leben. Ihr Band zueinander war stark – vom ersten Moment an. War das normal? Warum nur gab es kein Anleitungsbuch für diese Dinge?
   »Sie kommen näher, nicht wahr?« Ihre Stimme bebte leicht. Ihr Blick blieb hingegen fest und klar.
   »Ja«, gestand er ehrlich. »Sie haben unsere Spur noch nicht verloren. Ich weiß im Augenblick auch nicht, wie wir sie abhängen sollen.«
   Sie nickte, warf die beschmutzten Tücher in das stinkende Gewässer und betrachtete seine nun wieder halbwegs sauberen Hände. Entschlossen riss sie noch die blutdurchtränkten Ärmel seines Hemdes von seinen Armen und entsorgte sie auf dieselbe Weise.
   »Ich denke, so wird es gehen.« Sie fasste sein Gesicht mit ihren Händen und sah ihm fest in die Augen. »Wir müssen weiter. Wenn wir hier stehen bleiben, wird es nicht mehr lange dauern, bis sie uns ein weiteres Mal stellen.«
   Er musterte sie eindringlich, dann hob er die Hand und strich ihr liebevoll über das Haar. »Du bist völlig am Ende. Wir können nicht die ganze Nacht hindurch laufen.«
   Sie rang sich ein Lächeln ab. »Es sind doch nur noch drei Stunden bis die Sonne aufgeht. Das schaff ich schon.«
   Er konnte nicht anders, er musste sie in seine Arme ziehen und küssen. Diese wundervolle junge Frau unter der sich gerade der Abgrund zur Hölle öffnete, strahlte mehr Zuversicht aus, als er in seinem ganzen Leben je besessen hatte.
   Ihre Finger umfassten seine Handgelenke. Sanft, aber bestimmt löste sie sich von ihm und trat zwei Schritte zurück. Sie schüttelte stumm den Kopf und Rahul stocke für einen Moment der Atem. Konnte sie sie hören? Waren ihre Sinne derart stark?
   Im nächsten Moment drehte Zeyda sich um und rannte los. Ihre Finger noch immer mit seinen verflochten, sodass er ihr folgen musste. Gemeinsam flohen sie weiter, er wusste nicht mehr, wer von ihnen die Richtung bestimmte. Er wusste nur, dass sie recht hatte und er ihren Instinkten vertrauen musste, wenn sie heil aus dieser Sache rauskommen wollten.

*

Beth war kalt, obwohl sie das Gefühl hatte, zu fiebern. Sie befand sich in einem unwirklichen Zustand – irgendwo zwischen Bewusstsein und Traum. Eine Art Gefangenschaft im eigenen Körper, bei der sie immer wieder abdriftete, obwohl sie sich vieler Dinge, die im Umfeld ihrer sterblichen Hülle geschahen, bewusst war.
   Vor allem Prouds Nähe drang stets tröstlich in ihr Bewusstsein und gab ihr Kraft, weiter durchzuhalten, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie lange es noch dauern würde und wie sie diesen Kampf gewinnen sollte. Ein Kampf war es zweifellos. Stumm gefochten gegen unsichtbare Feinde. Aber sie gab nicht auf.
   Am Anfang war es die Hölle gewesen, sich so hilflos zu fühlen. Inmitten ihrer Freunde zu sein und gleichzeitig unfähig, auf irgendeine Art und Weise Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Inzwischen hatte sich bei ihr eine Mischung aus Resignation und Akzeptanz eingestellt. Sie konnte es nicht ändern, also musste sie versuchen, das Beste daraus zu machen. Immerhin: Sie war nicht tot. Das verdankte sie Proud. Er hatte alles riskiert, war ein großes Wagnis eingegangen, indem er ihr sein Blut gab, das wusste Beth. Darum schwor sie sich, dass sein Handeln nicht vergebens gewesen sein sollte. Irgendwie würde sie erwachen. Sie wusste nur noch nicht wie oder wann.
   Ihr Körper in dieser anderen, neuen Welt erschien ihr schwerelos. Vielleicht, weil sie in einem dunklen Ozean dahintrieb, der endlos in die Ferne reichte. Oder war es gar der Styx? Gab es den Fluss in die Totenwelt tatsächlich? Dann würde sein Strom sie womöglich auf die andere Seite bringen – wenn sie wirklich starb. Noch war sie nicht tot, das wusste sie. Es stand auf der Kippe, aber sie fühlte sich nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Es gab so viel, was sie ins Leben zurückrief – gleichzeitig hielten andere Dinge sie hier fest, manches lockte sie sogar, sich tiefer sinken – weiter treiben – zu lassen. Es war … einfach noch nicht an der Zeit.
   Um sie herum huschten Wesen durchs Wasser – diffuse Gestalten, die sie mit ihren Sinnen nur unzureichend erfassen konnte. Deren Flüstern hallte in ihrer Seele nach. Sie erzählten von Dingen, die Beth schaudern ließen, oder die ein tiefes Verstehen in ihr hervorriefen. Vergangenheit und Zukunft, die sich miteinander vermischten. Unzählige Variationen davon, eine grausiger als die andere, nur wenige darunter, die Hoffnung gaben. Beth sah die Erde zerbrechen. Abgrundtiefe Spalten, wo sie auseinanderbarst. Feuerstürme, heißer als der Atem der Hölle. Lava, die sich ausbreitete wie ein lebender Teppich aus Glut und Asche. An anderen Orten Kälte und Eis. Völlige Stille, weil alles Leben erstarrte. Mensch und Tier in Form abscheulicher Statuen. Mitten aus dem Leben gerissen und konserviert für die Ewigkeit. In der Ferne vernahm Beth Donnergrollen. Es schwoll allmählich an, ließ ihren Körper vibrieren und erzeugte ein Summen in ihren Ohren. Orientierungslos glitt ihr Blick umher, bis sie sie sah: Die Reiter! Vier an der Zahl, deren Umhänge wie die finsteren Schwingen von Krähen hinter ihnen her wehten.
   Einer saß auf einem Rappen, einer auf einem Schimmel, einer auf einem blutroten Fuchs und der letzte auf einem Falben. Mächtige Rösser, deren Hufe die Welt zum Dröhnen brachten. Jeder Tritt ließ das dunkle Meer um Beth herum erzittern. Setzte die Wellen in Bewegung, die sie weiter und weiter hinaustrieben. Fort von dem Leben, fort von ihren Lieben, fort von der Schwelle, die sie zurück hätte führen können.
   Die Wesen, die sie umgaben, drängten sich immer dichter um Beth herum. Sie wusste nicht, ob sie sie beschützen wollten, oder verhindern, dass sie je wieder erwachte. Die meisten Schatten, die sich in ihre Nähe wagten, schienen weiblich, aber ganz sicher war sich Beth nicht. Es war eher eine Ahnung. Was sie spürte, war Aufregung, Erwartung, hoffnungsvolles Drängen. Es war schwer zu beschreiben. Die Energie, die sie ausstrahlten, war jedenfalls besänftigend, was Beth wieder hoffen ließ, dass ihr hier nichts Böses drohte. Immerhin schwanden die Reiter aus ihrer Wahrnehmung und auch die Katastrophen verblassten und platzten wie Seifenblasen. Alles nur Illusionen, die ihre Furcht nähren sollten. Nichts davon war bisher geschehen.
   Die Geister um sie herum sprachen von der Prophezeiung. Von uralten Rätseln, Höllenkreisen und Metaphern. Beth’ Verstand war zu langsam, um zu begreifen. Später vielleicht, wenn sie nicht mehr so müde war. Für den Moment erlaubte sie diesem Wissen lediglich, ihren Körper zu fluten, ebenso wie es das Wasser tat. Immer wieder fiel der Begriff »die Schwärze«, womit offenbar der Ort gemeint war, an dem sie sich gerade befanden.
   Einige der Seelen, die sie umschwirrten, kannte Beth. Bei anderen war es mehr die Ahnung, dass sie einander gestreift haben mochten. Irgendwann, irgendwo. Manchmal waren es Namen, die in ihr aufstiegen und wieder untergingen, noch ehe Beth sie greifen konnte. Hier und dort erhaschte sie ein Aufblitzen von Gesichtern, wenn sie für einen Moment innehielten. Aber immer stoben sie danach sofort davon wie ein Schwarm aufgescheuchter Fische. Ganz so, als wären sie von schrecklicher Furcht getrieben.
   Allmählich begriff Beth, dass all diese Wesen verlorene Seelen waren. Genau wie sie in diesem trüben Gewässer gefangen und gestrandet. Wobei gestrandet inmitten eines Meeres wohl die falsche Bezeichnung war. Es gab kein Entkommen, es sei denn, die Nephilim erfüllten ihre Bestimmung. Genau das erwarteten die Wesen von ihr. Deshalb umschwärmten sie Beth und überzeugten sich wieder und wieder, dass es ihr gut ging und noch immer die Chance bestand, dass sie wieder erwachte. Beth wollte erwachen …, sie wusste nur nicht wie. Im Augenblick war sie so hilflos wie ein Kind im Mutterleib, darauf wartend, dass ein größeres Ganzes mit der Einleitung des Geburtsprozesses beginnt. Aber wer sollte das sein? Und wie würde es vonstattengehen? So wie damals, als man sie dem Schoß ihrer Mutter gestohlen hatte? War auch das hier Teil des Zuchtprogrammes? Es erschien ihr ebenso möglich wie absurd.
   Das Einzige, was ihr Trost spendete, war die Gewissheit, nicht allein zu sein. Proud war immer bei ihr. Er füllte jede Zelle ihres Körpers. Sein Blut – seine Seele. Sie waren da. Tief in ihr verwurzelt. Sie würden für immer ein Teil von ihr sein. Beth spürte es, dass er sich sorgte. Seine Gefühle fluteten all ihre Sinne. Das Band zwischen ihnen war enger denn je, was nicht zuletzt daran lag, dass sich ihr Lebenselixier vereint hatte und ihrer beider Blut eins geworden war. Es gab absolut nichts, was Beth daran bedauerte. Nicht einmal mehr die Tatsache, dass Kyle darunter litt. Dass er sich davor fürchtete, wenn sie wieder erwachte.
   Beth spürte auch seine Gegenwart. Seltener, aber doch hin und wieder. Da war diese innere Zerrissenheit. Als schlügen zwei Herzen in seiner Brust. Lebten zwei voneinander unabhängige Individuen in seinem Kopf. Der Todesengel mit der sanften Seele – und die Bestie voller Gier nach Blut und Verdammnis.
   Es gab Augenblicke, da hoffte er, dass sie auf der anderen Seite bleiben würde. Sie konnte seine Gedanken hören und es betrübte sie, denn ihre Gefühle für ihn waren noch dieselben. Zu wissen, dass er bereit war, sie aufzugeben, bloß um sie nicht an Proud zu verlieren, hinterließ einen bitteren Widerhall in ihr. In anderen Momenten sehnte sich Kyle danach, sie zu berühren und ihr Trost zu spenden, träumte davon, derjenige zu sein, der sie wachküsste wie der Prinz das Dornröschen. Aber er wagte sich nicht in ihre Nähe, weil das Verlangen nach ihrem Blut noch immer in ihm brannte.
   Vielleicht war es sein innerer Zwiespalt, der sie hinderte und es ihr derzeit unmöglich machte, sich an dem Band zu Proud entlang nach oben zu ziehen. Immer wenn sie es versuchte, war da dieses Gefühl von Furcht, das aus Kyles Herzen kam und wie ein Schutzschild, wie eine große Glocke, über ihr lag. Sie ein ums andere Mal zurückwarf, wenn sie versuchte, in dem schwarzen Wasser nach oben zu treiben. Sie wollte Kyle nicht enttäuschen, nicht verletzen. Aber konnte sie das letztlich verhindern? Waren die Würfel nicht längst gefallen?
   Seufzend entwand sich Beth diesen sinnlosen Gedanken und zog sich tiefer in ihr neues Ich zurück. Solange sie dazu verdammt war, hierzubleiben, sollte sie die Zeit nicht mit Grübeleien vergeuden, sondern ihren Geist öffnen und lauschen. Es gab so viel zu lernen, wenn sie ihrer Bestimmung gewachsen sein wollte.

Kapitel 2

Die Stille in den Gängen der Sterbestation war friedlich. Wobei ein Mensch es wohl nicht als Stille bezeichnet hätte, denn all die lebenserhaltenden und Lebensfunktionen überwachenden Maschinen gaben unaufhörlich Töne und Geräusche von sich. Es war keine Stille für die Ohren, mehr eine für das Herz. Der Friede der anderen Seite, die alle Ängste und Zweifel vertrieb.
   So viele Jahre hatte Proud vergessen, wie sich das anfühlte und auf eine ihm noch immer unerklärliche Weise tat es ihm gut, wieder seiner Bestimmung zu folgen. Vielleicht war es der Sinn, den er wieder im Leben sah, statt einfach nur in den Tag hineinzuleben. Er machte das hier gern, nicht nur als Vertretung von Kyle. Inzwischen tat er es, weil er es tun wollte und weil er wusste, dass es das Richtige war. Gerade heute brauchte er den Frieden und den Trost, den er hier fand, umso mehr. Es erdete ihn, verschaffte ihm den nötigen Halt, um nicht vor der Verantwortung davonzulaufen, die mit den Nephilim kam. Wenn er seine Aufgabe hier erfüllen konnte, dann konnte er es auch dort.
   Ein Lächeln glitt über seine Züge, bei diesem Gedanken, das gleich darauf in Schwermut überging. Beth war der Grund für seinen Wandel, sie hatte ihn verändert, hatte eine Kraft in ihm entzündet, die er nie für möglich gehalten hätte. Aber gerade hing ihr Leben am seidenen Faden, und er konnte nichts weiter tun als das, was er ohnehin schon getan hatte.
   Es besaß eine gewisse Ironie, dass Kyle und er derart die Rollen getauscht hatten und beide Male dieselbe Frau der Grund dafür war. Kyle war immer der glorreiche Held gewesen. Ritter in strahlender Rüstung. Der Gute, der Erlöser. Trotz der ersten Wandlung zum Schnitter, die er durchgemacht hatte. Um Beth zu retten, hatte er sich dieser Hölle ein zweites Mal hingegeben. Nur, dass er diesmal nicht so schadlos daraus hervorgegangen war. Er wurde dieses Erbe nicht mehr los. Es war zu tief in ihm. Kaum einer konnte sich dessen stärker bewusst sein als Proud. Er fühlte die Dunkelheit in seinem Cousin, denn es war dieselbe, die auch in seinem Inneren pulsierte. Nur, dass er damit besser zurechtkam, weil er sie seit Jahrhunderten kontrollierte und dennoch auslebte. Er hatte es geliebt, dieses sorglose Leben. Das skrupellose Nutzen seiner Fähigkeiten. Und jetzt? Er hatte all das eingetauscht gegen die Verantwortung, die Kyle ihm auferlegt hatte, als er zum Schnitter wurde, und auch nach seiner Rückkehr war sein Cousin offensichtlich nicht in der Lage, diese wieder zu übernehmen. Im Grunde war es Proud recht, denn mit dieser Verantwortung war automatisch auch Beth gekoppelt. Er war nicht bereit, sie wieder aufzugeben. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen war sie immer noch da, die Dunkelheit, und Beth war die Einzige, die es ihm ermöglichte, sie zurückzudrängen und das zu tun, was er sich entschlossen hatte, zu tun. Gleichzeitig machte nur sie dieses neue Leben erträglich für ihn. Proud fürchtete das Dunkel nicht, oder die Rückkehr dahin, o nein. Er sehnte sich sogar ein bisschen danach, wollte das sorglose Leben liebend gern zurückhaben, das er geführt hatte. Ohne Prophezeiung, ohne ständige Bedrohung und ohne dieses verdammte Pflichtgefühl, das ihm schon sein ganzes Leben lang zuwider gewesen war. Aber eines hatte sich tatsächlich geändert. Er wollte dieses Leben nicht ohne Beth. Das war der zweite Grund, warum er sie nie wieder aufgeben würde. Er liebte sie. Er liebte sie so sehr, wie er noch nie jemanden zuvor geliebt hatte. Egal, was geschah, er konnte alles ertragen, wenn sie nur an seiner Seite war.
   Das Geräusch von Schritten lenkte Proud von seinen Gedanken ab. Blitzschnell verschmolz er mit den Schatten, um nicht versehentlich von der Nachtschwester gesehen zu werden, die in das Zimmer der gerade Verstorbenen eile. Aus dem Verborgenen beobachtete er die einstige Kollegin seiner großen Liebe und verspürte nicht übel Lust, ihr jetzt und hier den Hals umzudrehen. Mochte Margret auch manipuliert worden sein, trotzdem konnte er der alten Schachtel nicht verzeihen, dass sie Beth in die Hände des Feindes gegeben hatte. Ein Glück, dass Beth den Job in der Klinik inzwischen hingeschmissen hatte. Andererseits hätten sie momentan auch ernste Erklärungsnöte für die unabsehbare Dauer ihrer Abwesenheit gehabt.
   Lautlos glitt Proud in das Zimmer, das Margret soeben verlassen hatte. Er blickte auf die schmale Gestalt im Krankenbett, und im selben Moment glitt die Welt von ihm ab. Es gab nur noch ihn und diesen todkranken Menschen. Wie sehr er diese Momente genoss, wo für kurze Zeit nichts anderes mehr existierte als der Übergang.
   Langsam trat er näher. Es war es eine junge Frau. Erst Mitte dreißig. Mutter zweier wundervoller Kinder. Sie hätte es verdient, zu leben, aber ihr Körper war zu schwach, um sich gegen die Infektion zu wehren, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Es gab keine Rettung mehr für sie, die Medikamente schwächten sie nur noch mehr. Ihr Körper stand kurz davor, zu kapitulieren. Alles, was er tun konnte, war ihr den Übergang erleichtern und ihr die Hoffnung zu geben, ihre Familie eines Tages wiederzusehen. In diesem Moment wurde ihm bewusst, wie sehr das auf der Kippe stand. Wenn sie scheiterten, gab es kein Jenseits mehr in dieser Form. Dann würden alle Seelen verloren sein.
   Proud schloss die Augen. Daran wollte er nicht denken. Er durfte dieser Mutter nicht die Hoffnung nehmen. Das würde ihr den Übergang erschweren, und sie hatte genug gekämpft.
   Behutsam nahm er auf ihrem Bett Platz und ergriff ihre Hand. Er strich ihr über die schweißnasse Stirn, konzentrierte sich auf ihre Gedanken, bis er ihren Namen hörte. Leila.
   »Hallo Leila.« Seine Stimme klang fremd, hohl. Die Schleier näherten sich bereits und schufen einen Korridor um ihn und Leila. Ihre Lider flatterten, der Schweiß auf ihrer Haut ließ sie unwirklich schimmern, als wäre sie bereits ein übernatürliches Wesen, und zum Teil stimmte das wohl auch. Sie war … ätherisch. Wie ein Geist. Weil sich ihre Seele bereits aus der sterblichen Hülle löste.
   Das Öffnen ihrer Augen erfolgte wie in Zeitlupe. Es kostete sie unmenschlich viel Kraft, ihr Bewusstsein an die Oberfläche zu bringen. Aber es war nötig, und instinktiv wusste sie es.
   Als sich ihre Blicke trafen, fühlte Proud so viel Mitgefühl, dass es ihm den Atem raubte. Es war das erste Mal, dass er einen Menschen hinübergeleitete, der in dieser Welt noch einen derart starken Anker besaß. Ihre Kinder. Es war die größte Angst in ihrem Inneren und zugleich die größte Schuld. Das Wissen darum, sie allein zu lassen.
   »Scht! Es ist okay.« Er küsste ihre Stirn und ließ seine Kraft in sie hineinfließen, um ihr den Frieden zu geben, den sie brauchte, um loszulassen. All die Zuversicht, dass sie ihre Familie nicht zurückließ, sondern bloß einen Schritt voraus ging, um auf sie zu warten. Sie würde sonst nicht loslassen, aber genau das musste sie.
   »Es ist alles gut«, flüsterte er in ihr Ohr und half ihr, sich aufzurichten.
   »Sie sind … kein Arzt«, flüsterte sie schwach.
   Er schenkte ihr ein Grinsen. »Wie haben Sie das erraten? Ich hoffe, es war nicht die schwarze Lederjacke, die mich enttarnt hat.«
   Sein Scherz zauberte ein schwaches Lächeln auf ihre Züge, das sofort wieder von Angst und Schmerz hinfortgewischt wurde.
   »Scht! Du musst loslassen. Auf der anderen Seite ist Frieden, den hast du dir verdient. Hab’ keine Angst. Wir machen das zusammen. Du brauchst keine Angst zu haben.«
   Ihre Augen waren riesengroß. Die Furcht und die Schuldgefühle wollten noch nicht weichen.
   Proud drehte sich um, und vor ihm öffnete sich der Vorhang. Das Jenseits war zum Greifen nah. Das Licht flutete herüber und hüllte sie beide ein. Im selben Moment fühlte er, wie sich Leila entspannte. Die Gewissheit war da, dass alles in Ordnung sein würde. Wie sehr er diese Menschenfrau beneidete. Das Versprechen des Paradieses wog alles Irdische auf. Ihm würde diese Gnade niemals zuteilwerden.
   »Geh!«, sagte er sanft. Ihre Seele und seine standen Seite an Seite an der Schwelle. Leila drehte sich ein letztes Mal um. Blickte auf ihre Hülle, die in wenigen Sekunden alle Lebenszeichen verlieren würde. Fühlte sie Bedauern? Nein, nicht mehr.
   »Werden meine Kinder traurig sein?«
   »Sie werden dich immer in ihrem Herzen tragen.«
   »Ich hab’ mich nicht verabschiedet.«
   »Sie wissen, dass du sie liebst. Mehr ist nicht nötig. Ihr werdet euch wiedersehen.«
   Sekunden später holte der Ton der Nulllinie Proud ins Hier und Jetzt zurück. Er war aus dem Zimmer, noch ehe Schwester Margret zurückkam. Für Leila konnte sie nichts mehr tun. Das war in Ordnung. Dort, wo sie war, ging es ihr gut. Sie hatte keine Schmerzen mehr und war in Frieden gegangen.

Proud atmete tief durch und verließ die Sterbestation. Er wählte den Weg durch die Pathologie, da war um diese Zeit wenig los und das Risiko, jemandem zu begegnen, eher gering. Jedenfalls war das normalerweise so. Heute Nacht vernahm er Stimmen, die ganz offensichtlich miteinander stritten.
   Fuck! Waren ihm nicht mal fünf Minuten Ruhe vergönnt? Er wollte sich gerade umdrehen und doch den Weg Richtung Hauptausgang nehmen, als er einen Namen aufschnappte.
   »… wird Samuel es auch nicht aufhalten können.«
   Samuel! Der Samuel? Es wäre ein zu großer Zufall, wenn jemand, der sich in dieser Klinik hier über Samuel unterhielt, jemand anderen meinte als van Vaughn.
   Proud drückte sich an die Wand zum Flur und lauschte dem Gespräch, das draußen stattfand.
   »Er wird trotzdem alles versuchen.«
   »Das spielt keine Rolle mehr. Es ist zu viel geschehen. Man kann es nicht aufhalten. Das wird er ihm schon noch begreiflich machen. Das ist nicht unser Problem.«
   Proud kannte eine der beiden Stimmen. Er versuchte, sich zu konzentrieren und dann fiel es ihm ein. Dieser Stellvertreter von Swan. Landon. Was wusste der Kerl über van Vaughn?
   »Die Unterlagen sind bereits zerstört. Das Risiko ist zu groß, wir haben es nicht mehr unter Kontrolle. Bitte, Sie müssen es beenden. Wenn wir es so aussehen lassen, als wäre es erneut ein medizinisches Problem …«
   Landons Gesprächspartner lachte kalt. »Haben Sie mich nicht verstanden, Landon? Niemand kann es beenden. Es ist zu spät. Wenn wir nicht tun, was er will, dann sind wir nichts als Futter oder Schlimmeres. Ich habe meine Seele nicht verkauft, um mir praktisch selbst die Kehle aufzuschlitzen.«
   Es trat ein kurzes Schweigen ein. Proud überlegte, ob er es wagen konnte, aus seinem Versteck zu kommen, um einen besseren Blick zu gewinnen, aber dann hörte er, wie die beiden Männer in seine Richtung kamen.
   »Ich habe Angst, Whigfield. Verstehen Sie? Das ist alles ’ne Nummer zu groß.«
   Die beiden passierten Proud, ohne ihn zu bemerken. In den Augen des Chefarztes von St. John erkannte er nackte Panik. Was hatte er sich davon versprochen, mit den Uriel zu paktieren? Oder mit wem auch immer? Ewiges Leben? Unbesiegbarkeit? Die Achtung all seiner Kollegen, weil er die Geheimnisse der Medizin entschlüsselte? Echt zu viel Hollywood-Klischee.
   »Eine Nummer zu groß?«, höhnte der andere Arzt, den Landon Whigfield genannt hatte. »Landon, Sie wissen überhaupt nicht, wie groß diese Sache ist. Aber das hätten Sie sich eher überlegen müssen. Wenn Sie jetzt einen Rückzieher machen, dann sind Sie nicht mehr tragbar.«
   Die Schritte verstummten. Die beiden mussten in etwa auf Höhe des klinikeigenen Krematoriums angekommen sein.
   »Wie meinen Sie das?« In der Stimme von Landon schwang Angst mit und eine Ahnung, die es Proud kalt über den Rücken laufen ließ.
   »Dass Sie ein Risiko sind, Landon. Und er duldet keine Risiken.«
   Das Nächste, was Proud hörte, war ein Keuchen, gefolgt von einem Geräusch, als wäre etwas Plumpes auf dem Boden aufschlagen. Wie ein alter Teppich, oder … ein Mensch.
   Vorsichtig sah Proud um die Ecke. Landon lag auf dem Klinikflur. Aus seiner Brust ragte ein Chirurgenskalpell. Präziser Stich in die linke Herzkammer. Die Augen waren weit aufgerissen, aber leer.
   Whigfield blickte sich verstohlen um, ehe er den Körper auf seine Schulter wuchtete und durch die Tür zum Krematoriumsofen verschwand. Es war nicht nötig, ihm zu folgen, Proud war auch so klar, dass man von Landon nur noch Staub und Asche finden würde.

*

Die ersten Sonnenstrahlen waren wie eine Erlösung. Endlich in Sicherheit. Aber Rahul konnte sich nur bedingt darüber freuen, denn die vergangene Nacht hatte seine junge Gefährtin viel gekostet. Zeyda taumelte mehr als dass sie lief. Noch so eine Tortur würde sie nicht überstehen. Sie mussten den Tag nutzen und fliehen. Weit weg. Nur wie?
   Rahul hätte niemals gedacht, dass er einmal zu den Azrae gehören würde, die einen Halbengel erweckten, aber es war geschehen und seit diesem Moment waren sie auf der Flucht vor Raj, dem Grigorioberhaupt von Kalkutta, und seinem Sohn Dev, der Jagd auf alle Nephilim machte, die sich auf dem asiatischen Kontinent herumtrieben. Dass sie letzte Nacht entkommen konnten, war ein glücklicher Zufall, nicht mehr. Noch immer klebten Reste des Blutes von Rajs jüngstem Sohn an Rahuls Händen und machten ihn schier wahnsinnig. Wenn er sie nicht bald abwaschen konnte, würde die Versuchung übermächtig werden, und ihm graute vor den Folgen, die das mit sich bringen würde.
   Es gab nur einen, an den er sich wenden konnte. Hoffentlich wusste der einen Weg.
   Endlich standen sie vor dem kleinen Kräuterladen, hinter dessen Fassade sich so viel mehr verbarg, als die gewöhnliche Kundschaft ahnte.
   Eingeweihte sprachen davon, dass der Inhaber des Ladens bereits Hunderte von Jahren alt war, und wenn man in sein runzliges Gesicht blickte, das von wirrem grauem Haar umrahmt wurde, fiel es einem nicht schwer, das zu glauben, auch wenn Rahul wusste, dass es nicht so war.
   Sie gingen am Vordereingang vorbei, bogen in die Seitenstraße ein und hielten schließlich vor einer niedrigen Tür an. Rahul hob die Hand und klopfte mehrfach in einem bestimmten Rhythmus, den er vor nunmehr achtundvierzig Jahren gelernt hatte.
   Es dauerte einen Moment, dann hörte man, wie im Inneren mehrere Riegel zurückgeschoben und Ketten gelöst wurden. Endlich schwang die Tür auf und der Hausherr blickte überrascht zu ihnen auf.
   »Rahul!«
   Veer war sein ältester Freund und das gleich im doppelten Sinn. Der grauhaarige Mann zählte inzwischen beinah neunzig Jahre, und Rahul kannte ihn, seit er ein kleiner Junge gewesen war. Alles, was er über die Nephilim wusste, hatte er von ihm erfahren. Veer war außerhalb seiner Familie, von der inzwischen dank der Grigori keiner mehr übrig war, der Einzige, der über Rahuls wahre Natur Bescheid wusste.
   »Können wir reinkommen, Veer? Zeyda braucht ein wenig Ruhe.« Er deutete auf die junge Frau in seinem Arm, deren Lider flatterten. Sie war kaum noch bei Bewusstsein.
   »Mir scheint, deine Freundin ist da nicht die Einzige«, antwortete Veer besorgt, ehe er beiseitetrat und Rahul mit seiner Begleiterin einließ.
   Hinter dem eigentlichen Laden verbarg sich Veers bescheidene Wohnung. Dort legte Rahul Zeyda auf einem alten Diwan nieder. Es dauerte nur wenige Augenblicke, und sie war fest eingeschlafen.
   »Es ist besser so. Ich kümmere mich später um sie«, murmelte Veer. Er rieb sich das von grauen Bartstoppeln übersäte Kinn, während Rahul seine Hände mit Wasser und Seife wusch, um endlich den Geruch des Grigoriblutes loszuwerden.
   Anders als sonst, wirkte sein Freund angespannt. Instinktiv blickte Rahul sich um, meinte selbst ein seltsames Vibrieren in der Luft zu spüren. Etwas war anders als sonst. Stiller, obwohl der Laden um diese Uhrzeit längst geöffnet und in der Regel gut besucht war. Veer schien sich an der fehlenden Kundschaft nicht zu stören. Ja, nicht einmal verwundert zu sein. Der Alte konzentrierte sich ganz auf Rahul und lenkte seine Gedanken damit wieder ab.
   »Nun erzähl, mein Freund, was ist geschehen?«
   Rahul fuhr sich durch die kurzen schwarzen Haare und anschließend übers Gesicht. Voller Sorge lag sein Blick auf Zeyda, über die er kaum mehr wusste, als das, was er in sich aufgesogen hatte, während er von ihr trank. Im Schnelldurchlauf erlebte er noch einmal alles, was bei ihrer ersten Begegnung geschehen war. Diese Verbindung – das Erkennen – die unbezwingbare Sehnsucht in seinem Herzen … und in ihrem auch. Er hatte in seinem ganzen Leben noch nie von einem anderen Menschen getrunken als den Todgeweihten. Seine Seele war somit rein. Jedenfalls sagte Veer das. Aber machte ihn das zu einem der Azrae, die eine Nephilim erweckten? Oder wovon hing so was ab? Und Zeyda? Sie war allein, ohne Familie. In einem Heim aufgewachsen, wo sie heute selbst als Erzieherin arbeitete. Zufall? Oder alles vorherbestimmt? Die Antworten auf diese Fragen würden wohl noch eine Weile unbeantwortet bleiben. Vielleicht sogar für immer.
   Seufzend schüttelte Rahul den Kopf, wandte sich dann Veer zu, der geduldig wartete und in der Zwischenzeit einen Tee für Rahul aufbrühte. Dankbar nahm er ihn von seinem Freund entgegen. Schon der Duft der Kräuter wirkte beruhigend, sodass er sich albern vorkam, beim Betreten dieses Misstrauen verspürt zu haben. Ausgerechnet hier.
   »Sie ist eine Nephilim«, begann er leise und strich mit dem Zeigefinger liebevoll eine Strähne aus Zeydas Gesicht.
   Veer nickte. Sicher war ihm die Natur von Rahuls Begleiterin längst aufgefallen.
   »Ich habe es dir gesagt. Eines Tages wirst du ein Gefährte sein.«
   Rahul schluckte. Ja, davon hatte sein Freund stets gesprochen. Er wusste nicht, ob er nun glücklich damit sein sollte oder nicht.
   »Wir waren die ganze Nacht auf der Flucht. Die Grigori haben unsere Spur aufgenommen. Sie wollen sie töten.«
   »Euch beide«, vervollständigte Veer.
   Rahul zuckte mit den Achseln. »Ja, vermutlich. Irgend so ein Opferritual. Ich habe keine Ahnung von diesem Unsinn. Raj hat seinen Sohn Dev und drei seiner Brüder auf uns gehetzt. Einen von ihnen konnte ich töten. Die anderen werden erneut Jagd auf uns machen, sobald die Sonne wieder untergeht. Das steht sie keine weitere Nacht durch.« Er versank einen Moment im Anblick der rötlichen Flüssigkeit in seinem Becher. Dann hob er den Kopf und sah Veer flehend an. »Wir müssen hier weg. Weit weg, damit sie unsere Witterung verlieren. Ich muss sie irgendwie in Sicherheit bringen.«
   Bedächtig nickte der Alte und betrachtete Zeyda lange und eingehend. Erneut rieb er sich über das stoppelige Gesicht. »Mhm! Vielleicht gibt es einen Weg für euch. Da sind Gerüchte. Man hört aus allen Ländern davon. Die Nephilim kehren nach Hause zurück. Nach L.A.«
   Er betonte die Stadt beinah abfällig, was Rahul einen leisen Schauder über den Rücken jagte. War das nun gut oder schlecht?
   »Ich denke, ihr solltet dorthin gehen. Einige haben es bereits geschafft, und sie stehen unter dem Schutz des obersten Grigori.«
   »Einem Grigori?«, entfuhr es Rahul geschockt. »Das kannst du nicht ernst meinen. Das wäre ihr Tod.«
   Veer schüttelte den Kopf. »Nicht alle sind gleich, Rahul. Überall gibt es jene und solche. Er wird ihr nichts tun. Es ist den Nephilim bestimmt, an den Ort ihrer Geburt zurückzukehren, um ihr Schicksal zu erfüllen. Dennoch ist auch Los Angeles nicht frei von Gefahren. Eure Chancen sind jedoch dort besser als hier. Logan, der Herr der Cherubim, hat sein Domizil in der Stadt der Engel bezogen. Es heißt, die Eine sei dort, gemeinsam mit ihrem Gefährten.«
   Rahul schwirrte der Kopf. Was bedeutete das alles? Waren sie dort wirklich in Sicherheit? Oder liefen sie in Wahrheit einer noch größeren Gefahr in die Arme? Sein Instinkt flüsterte ihm zu, dass es so war.
   »Mit ihrem Erwachen ist es überall gefährlich. Die Prophezeiung hat begonnen. Niemand kann sie aufhalten. Hier wird dein Mädchen einen sinnlosen Tod sterben. Am anderen Ende der Welt …« Er ließ den Satz unbeendet, sein Gesicht war sorgenschwer. »Es ist eine Chance. Die einzige, die ihr habt. Ich sehe, was ich tun kann. Aber …«, der Alte hob warnend einen Zeigefinger, »… hüte dich vor den Uriel, die sich dort versammeln. Sie sind zuweilen gefährlicher als die Grigori. Vor allem am Ursprung der Nephilim. Auch unter ihnen gibt es die, die reinen Herzens sind, nur trügt der Schein auf den ersten Blick zuweilen. In der Stunde der Wiederkehr sind sie jedoch die einzigen mit genügend Macht, die Seraphim zurückzudrängen. Die Zeit ist nah. Ich habe es gesehen bei meiner letzten Reise.«
   Veer sprach von den Traumreisen, die er regelmäßig unternahm. Rahul wusste nie so recht, was er davon halten sollte, weil ihre vorgebliche Bedeutung allein von Veers Interpretationen abhing. Aber gab es eine Alternative? Im Moment wohl eher nicht.
   »Warte hier«, sagte Veer. »Leg dich eine Weile schlafen, Rahul. Jetzt, am Tag, seid ihr sicher. Wenn die Nacht kommt, sehen wir weiter.«
   Der Alte drückte ermutigend seine Schulter und trotz der Zweifel, die nicht schwinden wollten, spürte Rahul, wie seine Gedanken träge und seine Lider schwer wurden. Es musste etwas in dem Tee gewesen sein. Wenn er Veer nicht so bedingungslos vertrauen würde, könnte er fast denken … Der Rest der Gedanken verlor sich in schwarzem Nebel, während Rahul neben Zeyda auf den Diwan sank und in einen tiefen Schlaf fiel.

*

Gut eine Stunde, nachdem Landon in Rauch aufgegangen war, stieg Whigfield in seinen Wagen und startete den Motor. Proud hatte es sich im Kofferraum bequem gemacht. Ein Wink des Schicksals, dass der Arzt seinen Dienstausweis auf dem Armaturenbrett hatte liegen lassen. So was durfte man einfach nicht ignorieren. Erst recht nicht, wenn eben dieser Ausweis besagte, dass der Kerl im St. Joshua Gardens arbeitete. Eine innere Stimme sagte Proud, dass das die Gelegenheit war, mehr über Beth’ Mutter herauszubekommen. Es war ein idiotischer Gedanke, dass er sie damit aus ihrem Tiefschlaf erwecken könnte, wenn er ihr die Wahrheit über Deborah Lornham erzählte. Aber auf einen Versuch kam es an. Beth hatte immer Zweifel gehabt, was die Sache mit ihrer Mutter anging. Vielleicht wurde es Zeit, ein paar Details herauszufinden.
   Nachdem der Wagen wieder gehalten hatte, wartete Proud, bis die Autotür geöffnet und wieder geschlossen wurde, zählte bis fünfzig und schob dann die Klappe des Hecks auf. Zu seiner großen Überraschung parkte der Wagen vor dem Sanatorium und nicht vor Whigfields Wohnung. Das war ja sogar noch besser als erhofft. Ihm verschlug es nur kurz die Sprache, als ihm das Schild vor dem Stellplatz ins Auge fiel. Walther Whigfield – Klinikleitung.
    »Na sieh einer an. Ein Schelm, wer Böses denkt.«
   Wenn einer Ungereimtheiten vertuschen konnte, dann wohl der Boss von so einer Institution.
   Proud gelang es, sich lautlos ins Gebäude zu schleichen. Whigfield hatte sich irgendwo in seinen heiligen Hallen verschanzt, die Patienten waren alle auf ihren Zimmern eingesperrt und die wenigen anwesenden Schwestern und Pfleger dösten in Ermangelung sinnvoller Aufgaben vor sich hin. So leicht hatte er es selten gehabt.
   Schon bei den letzten Besuchen hier hatte er sich heimlich umgesehen, daher fand er die Verwaltungsbüros relativ schnell.
   »Na, dann schauen wir mal, wie sicher eure Passwörter sind.«
   Er brauchte einige Anläufe. Nephilim. Höllenengel. Grigori. Garten_Eden. Okay, es waren nicht die einfallsreichsten Ideen, aber ein bisschen Spaß musste sein. Er war nun mal kein Hacker, sein Kontakt, der Swans Daten auf dem USB-Stick durchforstet hatte, war auf die Schnelle allerdings nicht zu erreichen. Proud war allerdings nicht bereit, das hier als Sackgasse zu akzeptieren.
   »Na gut. Dann klassisch.«
   Moderne Sicherheitssysteme forderten regelmäßig neue Kennworte. Kein Mensch konnte sich das behalten, wenn auch noch die entsprechenden Vorgaben erfolgten. Buchstaben, Zahlen, Sonderzeichen, groß, klein. Wer verlor da nicht den Überblick? Früher oder später machte sich jeder irgendwelche Notizen. Das war seine große Hoffnung, also suchte er alles ab, wozu er Zugang bekam. Unter dem Telefon wurde er schließlich fündig. Ein kleiner Aufkleber mit auf den ersten Blick sinnlosen Buchstabenreihen und fortlaufenden Ziffern. Nur zwei Minuten später hatte er Zugriff auf sämtliche Patientendaten der letzten zwanzig Jahre. 
   … darunter eine sehr interessante Information über Deborah Lornham.
   »Was tun Sie hier? Sie sind keiner meiner Ärzte.«
   Die Stimme des Sanatoriumsleiters riss Proud aus seinen Gedanken. Den Ahnungslosen zu spielen, machte vermutlich wenig Sinn. Und noch weniger Spaß.
   Lässig drehte er sich auf dem Bürostuhl um und zuckte die Achseln. »Na so was, da haben Sie offenbar recht. Wissen Sie, ich habe durchaus drüber nachgedacht, aber ich finde Weiß so schrecklich deprimierend. Ist einfach nicht meine Farbe. Ich find meine Klamotten viel cooler, und sie unterstreichen meinen düsteren Charme.« Zufrieden strich er über sein schwarzes Outfit.
   Whigfield warf einen Blick nach draußen in den Flur, ehe er die Tür hinter sich schloss. »Noch einmal, was machen Sie hier? Antworten Sie, oder ich rufe sofort die Polizei.«
   »Ahnenforschung. Im weitesten Sinne.« Proud hob vielsagend die Brauen und konterte Whigfields düsteres Funkeln in den Augen mit einem schiefen Grinsen. »Ist ein kleines Hobby von mir«, fuhr er ungerührt fort, ehe er eine möglichst ernste Miene aufsetzte. »Wussten Sie eigentlich, dass Sie ein ernstes Problem mit unerklärlichen Frauenverlusten in Ihrem Sanatorium haben. Die sind auf einmal nicht mehr da. Von heut auf morgen. Keine Entlassung, keine Todesursache, nicht mal eine Leiche, einfach weg.« Zur Bekräftigung seiner Umschreibung schnippte er mit den Fingern.
   Whigfield schien ebenfalls nicht in der Stimmung für Spielchen, daher gab er sich weder betroffen noch ahnungslos, sondern baute sich nur noch drohender vor Proud auf. Hatte der Kerl eigentlich eine Ahnung, wer ihm hier gegenübersaß? Oder verspürte er Todessehnsucht, dass er ausgerechnet einen Todesengel einzuschüchtern versuchte. Vermutlich hatte er einfach schon zu lange mit Gefallenen zu tun, um sich so was wie Angst noch leisten zu können.
   »Ich weiß nicht, wer Sie sind, aber ich habe so eine Ahnung. Wie dem auch sei, es spielt keine Rolle. Verschwinden Sie und vergessen Sie ganz schnell wieder, was Sie meinen in diesem Computer gefunden zu haben. Verstanden?«
   Das versprach ja richtig amüsant zu werden. Proud hatte so was schon viel zu lange vermisst, und ihm war nach ein wenig alter Bosheit.
   Langsam erhob er sich und trat einen Schritt auf Whigfield zu. Er überragte den Doktor um mehr als Haupteslänge, was diesen jedoch nicht zurückweichen ließ. Proud beugte sich vor und senkte seine Stimme zu einem vertraulichen Flüstern.
   »Wissen Sie, ich hab’s nicht so mit Autoritäten. Ist wohl genetisch bedingt bei mir. Also lassen wir doch diese ganze »ich-weiß-was-das-du-nicht-weiß« und »steck-deine-Nase-nicht-in-meine-Angelegenheiten« Scheiße und reden Klartext.« Für Sekunden ließ er sein Azrae-Ich hervortreten, was bedauerlicherweise ohne Effekt blieb. Vielleicht war der Kerl einfach kurzsichtig. Oder reaktionsverzögert.
   Whigfield schwieg, bedeutete Proud jedoch mit einer Geste, fortzufahren.
   »Ich habe Sie gesehen, Whigfield. Im St. Johns. Und ich weiß, dass Landon inzwischen vermutlich nur noch zum Blumendüngen taugt. Worüber zur Hölle haben Sie geredet? Was hat ihn zu so einem Sicherheitsrisiko gemacht, dass Sie ihn gleich in den Ofen werfen mussten?«
   Auch der Klinikleiter bediente sich eines schiefen Grinsens.
   »Ich denke nicht, dass Sie das etwas angeht. Auch für Sie wäre es gesünder, sich hier rauszuhalten.«
   Falsche Antwort. Aber Proud hatte heute seinen guten Tag. Er war bereit, dem Doktor eine zweite Chance zu geben. »Na gut, dann sagen Sie mir, vor wem Landon solch eine Angst hatte. Ging es um Greco? Um Magnus? Oder um Lazarus?«
   Er hoffte, dass einer dieser Namen dem Mediziner eine Reaktion abverlangte. Der besaß jedoch ein perfektes Pokerface. Noch immer wich das Lächeln nicht von Whigfields Gesicht. So kalt, dass es Jack the Ripper Ehre gemacht hätte. Absolut nicht zu durchschauen. Was zur Hölle fand dieser Kerl nur so komisch?
   »Sie haben rein gar nichts verstanden. McLean, nehme ich an? Mir ist es egal, welcher von den beiden. Der einzige Grund, warum ich nicht schon längst den Sicherheitsdienst gerufen habe – und der hat Erfahrung mit Leuten wie Ihnen – ist, dass Sie sich bedauerlicherweise unantastbar gemacht haben. Das schützt Sie hier, wird Ihnen an anderer Stelle aber wenig nutzen. Sie wollen wissen, wer dahintersteckt? Niemand und jeder, Mr. McLean. Alles ist miteinander verbunden. Das werden Sie auch noch lernen.«
   Selten jemanden gehört, der mit so vielen Worten so wenig sagte. Und diesem Arsch machte das offenbar auch noch Spaß.
   »Hören Sie, ich bin nicht so der Rätselknacker, also noch mal: Lassen Sie uns Klartext reden. Was heißt, es ist alles miteinander verbunden?«
   »Sie stellen zu viele Fragen. Lassen Sie es und verschwinden Sie. Sie werden früh genug erfahren, was Sie wissen müssen, der Rest geht Sie einen feuchten Dreck an.«
   Auf die nette Tour kam man bei dem Kerl offenbar nicht weiter. Immerhin hatte er es versucht. Selbst Beth konnte Proud also keinen Vorwurf machen, wenn er die Sache anders regelte. Denn ja, er hatte Fragen. Und er wollte Antworten. Punkt!
   Whigfield hatte keine Chance zu reagieren, als Proud ihn packte und so hart auf den Schreibtisch knallte, dass es vernehmlich knirschte, was nicht allein mit der zerbrochenen Tastatur zusammenhing, wie das schmerzhafte Keuchen des Mediziners bewies. Erneut ließ er den Azrae nach außen treten, diesmal nicht nur für einen Wimpernschlag und siehe da, so ganz furchtlos war Whigfield offenbar doch nicht.
   »Sie hatten Ihre Chance, diesen Abend gemütlich ausklingen zu lassen«, knurrte Proud. »Zu schade, dass Sie die nicht genutzt haben. Ich weiß nicht, wie gut sie über uns Bescheid wissen, aber ich hätte gerade nichts gegen einen kleinen Mitternachtssnack einzuwenden, und wenn Sie diese Rolle nicht einnehmen wollen, sollten Sie mir dringend ein paar Antworten auf meine ach so lästigen Fragen geben.«
   Proud spürte das Aufbegehren unter seinen Händen, das völlig sinnlos war. Er hatte sich noch nicht entschieden, ob er Whigfield hinterher töten sollte, aber vorher wollte er auf jeden Fall ein paar Informationen.
   Es war fast zu einfach, in den Verstand des Mannes einzudringen, nachdem die Fronten einmal geklärt waren. Egal, mit wem er im Bunde stand, es wäre zu erwarten gewesen, dass derjenige seine Untergebenen besser schützte. Vielleicht waren Uriel aber auch einfach zu arrogant und konnten sich nicht vorstellen, dass ihnen jemand ans Bein pinkelte.
   »Was ist mit den Frauen passiert?«
   Die Antwort kam zögernd. Zumindest kämpfte Whigfield gegen die Manipulation an. »Sie wurden … gebraucht …«
   »Wofür?«
   »… Forschung … Zucht…programm.«
   »Ja, das wissen wir schon. Danach hat man sie hierhergebracht. Aber warum sind sie verschwunden?«
   »Zucht…programm«, wiederholte Whigfield nur.
   Ein weiteres Zuchtprogramm? Mit Beth’ Mutter? Hieß das etwa …?
   »Wo ist Deborah Lornham?«
   Whigfield kämpfte stärker. Er schwieg. Okay, nur ein kleiner Vorgeschmack. Ein Schlückchen in Ehren sozusagen, um dem Kerl klarzumachen, wie ernst seine Lage war.
   Proud unterdrückte Whigfields Aufschrei, als er ihm seine Fänge in die Kehle schlug, indem er ihm die Hand auf den Mund presste. Das Herz des Mannes raste. Mochte er sich nach außen hin cool geben, innerlich war er nicht minder in Panik wie Landon und Proud war nicht so arrogant zu glauben, dass allein er das bewirkte. Er beließ es bei wenigen Schlucken und hoffte, dass das Blut auf seinen Lippen seine düstere Wirkung noch verstärken und sein Opfer gesprächiger machen würde. Er erhöhte die Gedankenkontrolle und presste den Doktor fester auf die Tischplatte. »Wo ist sie? Wo ist Deborah Lornham?«
   Der Mediziner würgte, als wollten die Worte nicht durch seine Kehle.
   »Wo?«, schrie Proud.
   »Tot.«
   In der Stille, die auf dieses Wort folgte, konnte man die Plastiksplitter der zerborstenen Tastatur hören, die sich Millimeter für Millimeter in Whigfields Rücken bohrten. Sagte er die Wahrheit? Auf jeden Fall war sie garantiert nicht hier gestorben.
   Er konnte keine Lüge in der geweiteten Iris des Arztes erkennen. Auch nicht, als er nach dem Ort ihres Todes fragte. Whigfield wusste nichts darüber. Er hatte zugelassen, dass sie geholt wurde, wie viele andere auch, und nie wieder danach gefragt, was mit ihnen geschehen war.
   »Was ist mit den Frauen aus dem Klub? Diesem neuen Zuchtprogramm. Welchem Zweck diente es?«
   »Eine neue Rasse. Wenn die Nephilim versagen. Oder wenn sie siegreich sind.«
   Drehte der Kerl durch? Das ergab keinen Sinn. Oder vielleicht doch. Es traf Proud wie ein Blitz.
   Talos.
   Die Riesen der Apokalypse.
   Aber das konnte nicht sein. Diese Wesen waren reine Fiktion. Allerdings hatten sie das über den Rest der Prophezeiung auch einmal gedacht.
   »Wie halten wir es auf?«
   Whigfield lachte höhnisch, selbst unter der Manipulation gewann er gerade seine Überheblichkeit zurück. »Sie glauben nicht wirklich, dass das noch möglich ist. Ich habe es Landon schon gesagt. Es ist längst alles vollbracht. Niemand wird sich für die Frauen interessieren, ein paar Nutten mehr oder weniger, was macht das schon? Deshalb hat er diesen Weg gewählt. Die Brut ist kurz davor.«
   Zornig presste Proud die Lippen aufeinander. Er musste an den Cherub denken, der versucht hatte, es zu verhindern. Aus gutem Grund.
   »Wer will diese Brut?«
   Whigfield hob die Augenbrauen, als könnte er kaum glauben, dass Proud diese Frage stellte. Der Arzt lächelte freudlos. Nur beiläufig registrierte Proud, dass die Wirkung seiner Manipulation nachließ. Whigfield war stärker als gedacht.
   »Haben Sie es immer noch nicht verstanden, McLean? Sie glauben, dass da zwei Fronten sind, doch in Wahrheit stehen sie nur einer gegenüber. Sie hat lediglich zwei Seiten. Sie können mich töten, aber das wird rein gar nichts ändern. Sagen Sie Samuel van Vaughn einen schönen Gruß. Er hat keine Ahnung, mit wem er sich angelegt hat.«
   Das reichte. Proud hatte genug gehört. Fauchend schlug er Whigfield abermals seine Fänge in den Hals und genoss das ängstliche Flattern seines Herzens, das seinen Hochmut Lügen strafte.

Kapitel 3

»Bist du dir sicher, dass er dieses Opfer wert war?«
   Katharina starrte nachdenklich ins Leere und ließ Pater Philipp mit ihrer Antwort warten. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Er sollte sie besser kennen. Sie hatte so lange gewartet. Es gab keine Zweifel.
   »Er ist der Richtige, Philipp«, sagte sie und blickte ihn sanft und zugleich traurig an. Sie wusste um die Konsequenz. Es blieb ihr noch ein wenig Zeit, doch was kam, war unaufhaltsam.
   »Aber ein Azrae … Wenn es ein Cherub gewesen wäre. Oder die Nephilim …«
   Sie schüttelte langsam den Kopf. »Es war immer klar, dass ich ihn einem Azrae geben würde. Auch wenn ich es dir nie gesagt habe.«
   Es war nicht zu übersehen, wie unglücklich er damit war. »Warum muss es gerade dieser sein? Ich habe in seine Augen gesehen. All diese Finsternis. Du bist verloren. Ganz egal, wie die Prophezeiung ausgeht.«
   Katharina fand es rührend, wie sich Philipp um sie sorgte. Völlig unbegründet, denn ihr Schicksal hing nicht davon ab, ob es ein Azrae, Grigori, Djin oder gar ein Uriel war, dem sie den Dolch freiwillig überließ. Als Hüterin durfte sie ihn einfach nicht aus freien Stücken geben. Das wusste sie und das wussten all die anderen, die sich derselben Sache verschrieben hatten wie sie.
   »Es ist seine Finsternis, die ihn befähigt. Nur sie kann stark genug sein.«
   Langsam drehte sie sich zu Pater Philipp um und legte ihre Hand an seine faltige Wange. Sein Blick war trüb geworden mit den Jahren. Er begleitete sie nun schon so lange. Sogar die Wunde an seinem Bein war ihre Schuld; sie würde niemals wieder heilen. Auch Menschen reagierten empfindlich auf eine Schattenklinge. Sie wäre tot und der Dolch verloren gewesen, wenn er ihr nicht zur Hilfe geeilt wäre. Somit verdankte der Azrae auch ihm den Besitz des Sonnensteindolches. Sie schloss die Augen, Schmerz huschte über ihr Gesicht, weshalb ihr geistlicher Freund hastig ihre Hand ergriff und sie sanft drückte.
   »Beginnt es etwa schon?« In seiner Stimme schwang Furcht.
   »Nein, keine Sorge«, antwortete sie beruhigend. Es ist nur die Schuld, die auf meinen Schultern lastet. Doch das konnte sie ihm nicht sagen. So viele verwirkte Leben. So viele Wunden an Leib und Seele von Unschuldigen. So viele Tote … An ihren Händen klebte Blut, und für einen Moment kamen auch ihr Zweifel, ob sie richtig gehandelt hatte. Dann aber lauschte sie tief in ihr Herz, und es füllte sich mit Wärme. Kein anderer wäre geeigneter gewesen. Niemand zuvor hatte ein solch reines Herz besessen, das strahlend aus dem Dunkel seiner gefallenen Seele leuchtete. Er würde kämpfen für diese Nephilim. Wenn nötig bis zum Tod. Sie wünschte ihm – ihnen beiden – dass es so weit nicht kommen musste. Dass sie nach all dem, was sie auf sich nehmen mussten, wenigstens die Chance auf ein bisschen gemeinsames Glück erhielten.
   »Es ist gut!«, versuchte sie, Phillips Bedenken zu mildern. »Ich habe den Richtigen erwählt. Er ist einer der Pfeiler. Er ist das Schwert.«
   Als Philipp sie verständnislos ansah, lachte Katharina leise. »Hast du es denn nicht bemerkt? Sie ist die Eine.« Ihr Blick wurde verträumt. »Was gäbe ich dafür, wenn ich sie einmal hätte berühren können. Auch so habe ich ihre Kraft gespürt. Sie ist der Kelch und er ihr Gefährte.«
   »Katharina, wovon redest du?« Philipp runzelte ratlos die Stirn. »Meinst du wie Jesus und Maria Magdalena? Findest du nicht, dass dies sehr weit hergeholt ist?«
   »Ist es das? Nun, zumindest eines ist gewiss. Sie ist bereits zum Kelch geworden.«
   Begreifen malte sich auf seinen Zügen ab. Er hielt den Atem an. Erst, als sie ihm die Hand auf die Schulter legte und mit einem zuversichtlichen Lächeln nickte, entspannte er sich. Nichtsdestotrotz zogen dunkle Wolken über sein Gesicht.
   »Was denkst du, wann sie kommen werden?«
   Er sprach von den Seraphim, was unter diesen Umständen naheliegend war. Hüter verstießen gegen die Regeln, wenn sie die Dolche hingaben. Das würden sich die Seraphim nicht lange mit ansehen. Und nun jenes Paar … und Beth’ Wandlung … Es gehörte gewiss nicht zu ihren Plänen. Philipp sorgte sich mehr um Katharina als um die beiden. Jetzt sicher mehr denn je, da sie ausgerechnet ihm ihren Dolch gegeben hatte, auch wenn er nach dieser Eröffnung zweifellos verstand, warum sie sich so sicher war.
   »In diesen Zeiten werden allerhand Regeln gebrochen«, versuchte sie ihren Freund zu beruhigen. Welche genau verschwieg sie ihm, doch dank des Wissen um sie rechnete Katharina schon bald mit der Ankunft der Seraphim. Vor allem die jüngsten Ereignisse würden es unabdingbar machen, dass sie ihren selbstgeschaffenen Thron verließen. Die Erschütterung musste bis ins Paradies hinein zu spüren gewesen sein. Die Träume der letzten Nächte waren alles andere als angenehm gewesen. Und das war erst der Anfang von dem, was ihnen bevorstand.
   »Wie lange noch?«
   »Ich weiß es nicht, Philipp«, antwortete Katharina wahrheitsgemäß. »Doch wenn es so weit ist, sollten wir vorbereitet sein. Der Erwählte wird sich ein letztes Mal beweisen müssen und sein Band zu der Einen bestätigen. Wir werden bald schon eine weite Reise unternehmen. Eine, von der so mancher nicht zurückkehren wird.«
   Sie schenkte ihm einen langen Blick, und er nickte stumm. Es stand außer Frage, dass er sie begleitete. Zu lange schon kämpften sie Seite an Seite. Es hatte ihn viel gekostet, sie hoffte, dass auch er irgendwann seinen Lohn dafür erhielt. Wenn die falsche Seite gewann, würde Katharina ihn mit sich in die Hölle reißen. Sie wusste nicht, ob sie mit dieser Schuld weiterleben könnte. Falls sie dann noch weiterleben würden. In jedem Fall wäre das fortdauernde Bewusstsein dieser Schuld weit schlimmer als jeder noch so qualvolle Tod. Das hatte sie nun nicht mehr zu entscheiden. Die Würfel waren gefallen.

*

Müde stieg Proud die Stufen zur Villa hinauf. Das Haus lag still da. Offenbar war niemand mehr auf. Umso besser.
   Zielstrebig ging er in die Bibliothek. Was er jetzt brauchte, war ein Drink. Und ein wenig Bettlektüre. Die konnte zumindest nicht schaden. Er ließ die Hand einen Moment über dem Servierwagen mit dem Whisky kreisen, griff dann jedoch wahllos zu. Scheißegal was, Hauptsache es war stark und spülte den widerlichen Geschmack von Whigfield aus seinem Mund.
   »Wo bist du gewesen?« Kyles Stimme zerriss die Stille wie ein Messer.
   Proud verdrehte die Augen, während er sich den Drink einschenkte. Er fühlte sich erschöpft und ausgelaugt. Von Leilas Übergang. Vor allem aber von den neuen Geheimnissen, die er erfahren hatte und von der Manipulation dieses Arztes, die er noch immer bereute. Er hätte ihm das Herz rausreißen sollen. Warum zur Hölle hatte er es nicht getan? Er war viel zu weich geworden.
   Jedenfalls verspürte er gerade wenig Lust auf einen Plausch mit Kyle, der vermutlich ohnehin wieder in einem Streitgespräch enden würde. Die Frage, wie viel er ihm erzählen sollte, verwarf er sofort wieder. Kyle war nicht länger vertrauenswürdig. Er war ein Risiko. Nach dem, was er heute erfahren hatte, umso mehr. Gerade das, was Whigfield gesagt hatte, würde Proud garantiert niemandem weitergeben, der womöglich noch immer ein Spitzel von Greco war.
   »Ich war im St. Johns«, sagte er kurz angebunden. Nicht, dass es Kyle überhaupt irgendetwas angehen würde, was er so trieb. Aber schließlich war das mal seine Aufgabe gewesen, die er ihm mehr oder weniger aufgebürdet hatte. Ein bisschen Stichelei sei da erlaubt.
   Er musterte seinen Cousin mit hochgezogenen Augenbrauen und nippte am Whisky. »Ich gehe mal nicht davon aus, dass du den Job zurückhaben willst, oder? Ich meine … steht dir natürlich frei. Musst es nur sagen.«
   Sofort wich Kyle seinem Blick aus, was Proud ein bitteres Lächeln auf die Lippen trieb. »Dachte ich mir«, murmelte er. Sie kannten die Antwort. Kyle hatte sein Schnitterdasein weit mehr gekostet als seine Beziehung zu Beth.
   »Also, da du deine Neugier nun befriedigt hast, kannst du dich wieder in deinem Selbstmitleid verkriechen. Ich habe noch was Wichtiges zu tun.«
   Als Kyle sich nicht rührte, breitete Proud die Arme zu einer fragenden Geste aus. »Sonst noch was?«
   Mit missmutigem Gesicht wandte Kyle sich um und ging. Proud atmete erleichtert auf. Er blickte auf die Bücher, die auf dem kleinen Sekretär bereitlagen und praktisch nur auf ihn warteten. Der Ruf der Pflicht, aber irgendwie war sein Kopf heute so voll von Informationen, Fragen und Variablen einer vor ihnen liegenden Zukunft, dass er sich einfach nicht überwinden konnte. Lieber schenkte er sich einen zweiten Drink ein, ging zum Sofa hinüber und ließ sich darauffallen.
   Am liebsten hätte er sich gleich die ganze Flasche durch die Kehle rinnen lassen, weil er befürchtete, den Geschmack von Whigfields Blut nie wieder loszuwerden. So also schmeckten Verrat und Gier.
   Jemand klopfte zaghaft an der Tür.
   »Ich bin nicht in der Stimmung«, antwortete Proud, seine Zunge war bereits schwer. Verdammt, er war nicht mehr im Training, was den Alkohol anging.
   »Sir?« Gilles streckte seinen Kopf zur Tür herein.
   »Was gibt’s, Gilles? Hat sich einer unserer Gäste über sein Lunchpaket beschwert?«
   Der Butler antwortete nicht, sondern räusperte sich nur und blieb an der Tür stehen. Immerhin hatte er sich nun zur Gänze ins Zimmer geschoben und lehnte am geschlossenen Türblatt.
   Proud beäugte ihn skeptisch mit gerunzelten Brauen. Die Miene seines Butlers war besorgt. Was zur Hölle … War es denn noch nicht genug für einen Abend?
   »Na los, spuck es schon aus. Dir brennt doch was auf der Seele.«
   Erneut räusperte sich Gilles, trat dann mutig einen Schritt nach vorn, was komischerweise den Eindruck erweckte, er würde damit sein sicheres Schutzschild im Rücken aufgeben.
   »In der Tat, Sir. Da gibt es etwas. Vielleicht … hat es gar keine Bedeutung. Es ist nur so …«
   Genervt rollte Proud mit den Augen. »Hör auf zu stottern wie ein Erstklässler. Was ist los? Du würdest nicht hier hereinkommen in der offenkundigen Absicht, mich unter vier Augen zu sprechen, wenn es nicht irgendein brisantes Thema wäre.«
   »Nun, es geht um Mister Kyle, Sir.«
   Proud runzelte die Stirn und blicke Gilles nachdenklich an. »Was ist mit meinem Cousin?«
   Er sah Gilles an, wie unangenehm ihm die Situation war. Nervös trat er von einem Fuß auf den anderen und verzog gequält die Lippen, knetete seine Hände, als könnte er so Worte hervorquetschen.
   »Es steht mir vielleicht nicht zu, aber ich mache mir Sorgen um ihn. Und um Miss Beth.«
   Proud runzelte die Stirn. So richtig wurde er daraus nicht schlau. Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als sein Handy in der Hosentasche vibrierte. Im Display stand Logans Nummer.
   »Wenn du auch noch was zum skurrilen Tagesausklang beitragen willst, beeil dich. Dürfte inzwischen schwer werden, zu toppen, was mir so alles passiert ist.«
   Zu Prouds Überraschung konnte Logan tatsächlich noch etwas dazu beitragen, diesen Tag zu einem der Verrücktesten in Prouds Leben zu machen.
   »Einer meiner Leute hat herausgefunden, was aus deinem Surfermädchen geworden ist.«
   Proud blieb für einen Moment die Luft weg. Kim? »Wo ist sie?«
   »Das weiß ich nicht. Aber Jackson, er ist als Krähe in der Stadt auf Patroullie, hat mir vorhin erzählt, dass er ein Rudel Wölfe gesehen hat, das ein junges Mädchen verfolgt hat. Sie haben es aus der Stadt hinausgejagt. Ein großer Schwarzer hat sie sich geschnappt. Ich denke, du weißt so gut wie ich, womit wir es hier zu tun haben.«
   Proud schluckte. »Kayden.«
   Er konnte es fast vor sich sehen, wie Logan nickte und sich erschöpft übers Gesicht rieb. Was er hörte, war lediglich ein resigniertes Seufzen.
   »Er hat es irgendwie geschafft, ein paar Halbwandler um sich zu scharen. Scheint, als ginge er auf Nephilim-Jagd. Ich werde die Sicherheitsmaßnahmen bei den Verstecken verschärfen, aber ich dachte mir, ich sag dir auch Bescheid, für den Fall, dass er zu euch kommt und sich Beth schnappen will. Bis zu ihm wird sich die Story um ihren Tod wohl noch nicht rumgesprochen haben.«
   Es versetzte Proud einen Stich, dass Kim offenbar tot war. Von einem Wolf gerissen zu werden, war sicher keine schöne Art zu sterben. Außerdem hatte er die Kleine gemocht. Sie und Beth hätten Freundinnen werden können.
   »Danke, Mann. Wir halten die Augen offen.«
   Proud presste Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand auf seine Nasenwurzel und schloss für einen Moment die Augen. Noch mehr Sorgen. Dieser verdammte Wolf. Er hätte ihn in der Asservatenkammer häuten sollen. Wenn dieser Köter hier auftauchte und Beth auch nur anatmete, würde er das umgehend nachholen.
   Ein Räuspern von der Tür erinnerte Proud, dass Gilles noch immer im Raum stand.
   »Ach so, ja, Gilles. Was hast du noch gleich gesagt?«
   Artig wiederholte der Butler Wort für Wort seine Sorge um Kyle und Beth. Angesichts dessen, was Logan ihm gerade erzählt hatte, wirkte es auf Proud alarmierend.
   »Was ist los? Warum machst du dir Sorgen um Beth? Was hat Kyle getan?«
   Er merkte kaum, wie seine Stimme lauter wurde, wie die Panik sie anschwellen ließ. Erst, als er einen Schritt auf Gilles zumachte und der zurückwich, zwang er sich wieder unter Kontrolle. Es brachte nichts, den Boten zu verschrecken, wenn man hören wollte, was er wusste.
   Nachdem er stehen blieb und lediglich fragend die Brauen hob, fuhr Gilles fort, auch wenn er unübersehbar die Hand auf den Türknauf in seinem Rücken legte, um im Zweifelsfall schnellstmöglich die Flucht vor Prouds Zorn zu ergreifen.
   »Nun, also, getan … hat er bisher eigentlich nichts. Aber immer wenn Sie nicht da sind, Sir, dann … dann sehe ich Mr. Kyle an Miss Beth’ Bett stehen, obwohl er sich sonst kaum in ihr Zimmer wagt. Das finde ich … seltsam.«
   Allerdings. Das war seltsam. Kyle tat alles, um jeden von ihnen glauben zu machen, dass er sich nicht in Beth’ Nähe wagte, dabei suchte er sie in Wahrheit. Warum? Weil er nur bei ihr sein wollte, wenn sie allein waren? Um was zu tun?
   »Da ist dieser Ausdruck in seinen Augen«, fuhr Gilles fort. »Ich will Mr. Kyle nichts unterstellen, doch … dieser Blick … er macht mir Angst. So … leer und … verloren.«
   Ein Schauder rann über Prouds Rücken. Leer und verloren. Weil alles verging, was einen Sinn machte. Ein Schnitter ohne Antrieb, ohne Ziel im Leben. Kyle glaubte wirklich, Beth verloren zu haben. Da war nichts mehr, für das es sich zu leben lohnte. O Kyle.
   Da war eine Spur Schuldbewusstsein in Proud. Andererseits … er konnte nichts dafür, wie es gekommen war. Alles, was er tun konnte, war auf Kyle genauso aufzupassen wie auf Beth.
   »Scheint so, als wäre ich wohl doch eine Art Heilsbringer und Beschützer«, sagte er mehr zu sich selbst als zu Gilles.
   »Ich fürchte, wenn mir erlaubt ist, dies anzumerken, dass Mr. Kyle Miss Beth nicht einfach aufgeben wird. Pardon, was ich sagen möchte ist, er wird sie nicht Ihnen überlassen. Ich bin mir nicht sicher, zu was er fähig wäre, um das zu verhindern. Er hat sich sehr verändert … seit dieser … Sache.«
   Proud seufzte. Oh ja, das hatte Kyle wirklich. Sie alle wussten das, versuchten, Verständnis aufzubringen und die Hoffnung nicht zu verlieren. Vor allem Logan tat, was er konnte, um Kyle irgendwie wieder zurückzuholen. Nicht nur physisch, sondern vor allem seelisch den alten Kyle wiederherzustellen. Proud war sich nicht sicher, ob das überhaupt noch möglich war. Sie alle hatten einen hohen Preis bezahlt, Beth womöglich den höchsten, aber Kyle folgte ihr dicht auf.
   »Da ist … noch etwas«, brachte sich Gilles wieder in Erinnerung.
   Bitte nicht, dachte Proud. Nicht noch mehr schlechte Nachrichten. Aber was konnte an diesem Tag noch schlimmer werden?
   Wortlos reichte Gilles ihm einen kleinen Fetzen Papier, der an den Rändern deutlich verkohlt war. »Den hier habe ich im Kamin in Mr. Kyles Zimmer gefunden.«
   Was auch immer für eine Nachricht auf dem ursprünglichen Papier gestanden hatte, sie würden es wohl nie erfahren, es sei denn, er prügelte es auch Kyle heraus. Aber von wem die Notiz stammte, stand außerfrage, denn die Handschrift war Proud durchaus bekannt. Er hätte das schwungvolle M überall wiedererkannt. M wie MAGNUS.

*

Rahul kämpfte darum, wieder an die Oberfläche zu kommen. Den Schlaf zu verlassen. Doch jedes Mal, wenn er die Realität nahen spürte, warf ihn etwas wieder zurück. Verdammt, was hatte Veer in den Tee getan? Konnte er niemandem mehr trauen? Hatte er sich und Zeyda in eine Falle gebracht?
   Er spürte ihre Unruhe, ihre Angst. Hörte sie wimmern, was unzählige Horrorvisionen in ihm auslöste. Waren Grigori in der Nähe? Oder spielten ihm seine Sinne einen Streich?
   Er musste aufwachen. Er musste Zeyda retten.
   Ihr Wimmern wurde lauter. Angst schwang darin mit. Dann Panik. Sie litt Schmerzen. Was passierte da nur?
   Von einer Sekunde zur anderen fielen die Fesseln von ihm ab, die ihn in Morpheus’ Armen hielten. Rahul fuhr hoch, die Muskeln angespannt, bereit zum Kampf. Das Blut rauschte ihm in den Ohren und er war willens, jeden zu töten, der Zeyda etwas antun wollte. Aber was er sah, war … nichts.
   Sie lagen immer noch in Veers Wohnzimmer auf dem Diwan. Zeyda schlief friedlich neben ihm. Rahul musste einige Male blinzeln, weil die Sonne ihm direkt ins Gesicht schien. Wenigstens war es noch nicht wieder Nacht. »Du hattest einen Albtraum. Darum hab’ ich die Wirkung meines Schlaftrunks aufgehoben.«
   Rahul wirbelte herum, hinter ihm stand Veer. Seine Miene war weder schuldbewusst noch besorgt.
   »Du brauchtest Ruhe und Erholung. Wie es scheint, konnte ich dir beides nur bedingt verschaffen. Das macht es nicht leichter.«
   Der Alte wandte sich um und winkte Rahul, ihm zu folgen. Mit einem letzten Blick auf Zeyda, die noch immer friedlich schlief, kam Rahul der Aufforderung nach.
   »Weshalb hatte ich das Gefühl, Zeyda sei in Gefahr? Ich habe sie wimmern hören.«
   Veer nickte verstehend. »Ihr habt einiges mitgemacht und die Zukunft, die vor euch liegt, ist ungewiss. Es fehlt dir an Vertrauen. Das kann ich gut verstehen.«
   Der Händler begann, in seinen Regalen Dinge zu verschieben, Kästchen zu öffnen und Etiketten zu studieren, als suchte er nach etwas bestimmtem.
   »Deine Gefährtin hat eine besondere Gabe. Sie ist eine Seherin unter den Nephilim. Manche von ihnen blicken in die Vergangenheit, andere in die Zukunft, aber was Zeyda sieht …« Veer wog den Kopf von rechts nach links. »Da ist eine Verbindung in ihr. Es muss sich noch zeigen, ob zum Guten oder zum Schlechten.«
   Verunsichert rieb sich Rahul über die Arme und warf immer wieder einen Blick nach hinten in den Wohnbereich.
   »Sie ist in Sicherheit«, betonte Veer beinah beiläufig, und es war ihm nicht anzumerken, ob Rahuls plötzliches Misstrauen ihn verletzte. »Solange ihr hier bleibt, werden sie euch nicht finden. Morgen Nacht seid ihr schon auf dem Weg nach L.A. Ich habe eine gute Freundin um Hilfe gebeten, ihr Name ist Kizmet, sie wird alles Nötige arrangieren.«
   Irritiert schüttelte Rahul den Kopf. »Veer, was redest du da? Sobald es dunkel wird, werden die Grigori zurückkommen. Wir sind ihnen um Haaresbreite entkommen. Sie werden nicht lange brauchen, um unsere Spur wiederzufinden.«
   Der Alte drehte sich zu ihm um und zeigte ein verschwörerisches Grinsen. »Warte nur ab. Du wirst erstaunt sein, wenn sie kommen.«
   Noch ehe Rahul fragen konnte, was Veer damit meinte, stieß sein Freund einen kleinen Freudenruf aus. »Na, wer sagt es denn? Da ist es ja.«
   Er zog eine kleine, verstaubte Kiste aus einem der untersten Regale hervor und stellte sie andächtig auf seinen Verkaufstresen. Erst jetzt bemerkte Rahul, dass Veer seinen Laden heute nicht geöffnet hatte. Was ging hier vor?
   »Komm, sieh es dir an«, forderte Veer, während er sich an den Scharnieren der Kiste zu schaffen machte. Sie gab ein ächzendes Geräusch von sich, während er den Deckel zurückklappte. Darunter kam eine unscheinbare Kugel zum Vorschein, deren Oberfläche matt und korrodiert wirkte wie altes Kupfer. Man konnte einige Zeichen erkennen, die Rahul so noch nie gesehen hatte. Außerdem schien das Gebilde nicht aus einem Stück zu bestehen, sondern aus vielen winzigen, trapezförmigen Plättchen zusammengesetzt. Er hatte keine Ahnung, was das war oder wozu es dienen sollte. Umso seltsamer kam es ihm vor, dass sein Freund das Ding so ehrfürchtig wie den heiligen Gral behandelte.
   »Dieses Artefakt … Es ist … viele tausend Jahre alt. Ich möchte, dass du es mitnimmst.«
   »Was … ist es?«, fragte Rahul. »Was soll ich damit?«
   Veer schüttelte bedeutungsschwer den Kopf. »Du kannst gar nichts damit tun, mein Freund. Leider. Es wird nur einen geben, der es in diesem Krieg einsetzen kann. Dir obliegt lediglich die Aufgabe, es seinem wahren Besitzer zu übergeben. Die Wahl triffst du allein, daher wähle weise. Es gibt keine zweite Chance, aber wenn alle Hoffnung zu schwinden scheint, kann dieses Artefakt zum Zünglein an der Waage werden und das Ruder zum Guten wenden. Oder zum Bösen. Das wird die Zeit zeigen – und dein Instinkt.«
   Rahul schluckte. Es gefiel ihm nicht, was Veer da sagte. Alles in ihm sträubte sich dagegen, diese Kugel anzunehmen. Gleichzeitig ergriff die Gewissheit von ihm Besitz, dass er diese Verantwortung nicht ablehnen konnte.
   Veer drehte sich zu ihm um und sah ihm ernst in die Augen. »Verwahre sie gut. Verbirg sie, so lange du kannst. Erst, wenn du sicher bist, den gefunden zu haben, für den sie bestimmt ist, darfst du sie preisgeben. Dann hält er die Macht in den Händen, das Urböse zu vernichten.«
   »Und wenn … ich sie dem Falschen gebe?«
   Veers Ausdruck wurde undurchdringlich. Sein Blick ging in weite Ferne. »Dann … werden wir alle untergehen.«

Kapitel 4

Angespannt ließ Proud den Blick durch den Raum schweifen. Samuel van Vaughn hatte ihnen zwar gesagt, dass die Nephilim ihren Weg zurück nach L.A. finden würden, sobald sie erweckt wurden, aber Hölle noch mal, es war nie die Rede davon gewesen, dass sie sich alle in seinem Wohnzimmer tummeln mussten. Wann hatte sich dieses Gerücht verbreitet, dass er ihr Retter sein würde? Ihre Anlaufstelle? Wie kamen sie nur darauf, dass er Antworten auf alle Fragen hatte, die mit dieser Scheißprophezeiung in Verbindung standen?
   Gerade nach letzter Nacht konnte er das überhaupt nicht brauchen. Eine Mütze voll Schlaf wäre ihm lieber gewesen. Oder zumindest ein paar Stunden Ruhe zum Nachdenken. Die Situation überforderte ihn maßlos und er hätte demjenigen, der dafür verantwortlich war, liebend gern in den Arsch getreten. Vermutlich dieser Eloy. Der hatte schließlich schon Haley und Ethan zu ihm geschickt. Oder war Kyle der Grund dafür? Immerhin hatte er vorgehabt, die gefundenen Nephilim zu Proud zu schicken, aber außer Lydia war es bei keiner dazu gekommen. Kesha zählte nicht.
   Natürlich trug auch die Tatsache, dass nach dem Vorfall im Sadeshia die Vereinigten Staaten und speziell Los Angeles ein relativ sicherer Ort zu sein schien, dazu bei, die Nephilim hierherzuführen. Überall sonst auf der Welt machten die Grigori gerade gezielt Jagd, und das, wie man hörte, sogar relativ erfolgreich. Proud war nicht zart besaitet, aber was sie über die Ereignisse hörten, ließ auch ihn schaudern. Das war einfach … unmenschlich. Aber wer hatte je behauptet, dass die Gefallenen menschlich seien?
   Diese Treibjagden waren jedoch weniger der Grund, dass die Nephilim an seine Haustür klopften, als leite er ein verdammtes Asyl für Halbengel. Das hatte andere Hintergründe, die ihnen ebenfalls gerüchteweise mehr und mehr zu Ohren kamen. Es nervte Proud gewaltig, dass er sich sozusagen den Ruf eines Heilsbringers und Beschützers für alle Nephilim dieses Planeten erworben hatte. Wobei er noch nicht einmal verstehen konnte, was ihn überhaupt dazu machte. Die Rolle gefiel ihm nicht, sie fühlte sich nicht gut an, passte nicht zu ihm. Sie engte ihn ein. Der strahlende Held ohne jeden Makel, das war immer Kyles Part gewesen, doch dank seines Schnittererbes war der nun raus. Er hatte sich damit disqualifiziert, auch nach seiner Heilung ein potenzielles Risiko für die Halbengel zu sein. Trotzdem rechtfertigte das nicht, Proud die Scheiße ungefragt auf’s Auge zu drücken. Am meisten ärgerte es ihn, dass Kyle dies auch noch mit einer gewissen Genugtuung betrachtete, sich darüber hinaus aber dezent zurückhielt.
   Hilfe suchend sah Proud zu Logan, der mit ernster Miene am Fensterrahmen lehnte, die muskulösen Arme vor der Brust verschränkt. Die Sorge in den Augen des Gestaltwandlers jagte Proud einen weiteren Schauder über den Rücken. Die entstellende Narbe ließ sein Gesicht noch düsterer erscheinen als üblich. Die Lage war ernst. Sehr ernst. Natürlich stand es außer Frage, dass sie die Halbengel und ihre Azrae-Gefährten beschützen würden. Sie brauchten sie, sie saßen alle im selben Boot und diese Flüchtlinge waren so erschreckend ahnungslos. Jemand musste ihnen erklären, wie die Dinge standen, was auf sie zukam und welche Rolle ihnen zugedacht war. Aber gerade hatte Proud einfach keinen Kopf für diese Dinge. Nicht, solange Beth ein Stockwerk über ihnen im Koma lag und es noch immer in den Sternen stand, ob sie jemals wieder erwachte. Ein Umstand, für den er die Schuld trug, wie Kyle nicht müde wurde, ihm vor Augen zu führen.
   Eine Möglichkeit war natürlich, die Nephilim bei Samuel unterzubringen, wie es wohl auch dessen ursprünglicher Plan gewesen war, doch Proud behagte die Vorstellung nicht, dem Grigori die gesamte Kontrolle über die Mädchen zu überlassen. So weit ging sein Vertrauen längst nicht.
   Logan erwiderte seinen Blick und nickte kaum merklich. Sie verstanden einander inzwischen ohne Worte. Im Moment erfüllte der Cherub die Bedeutung des Wortes Freund besser als jeder andere. Kommentarlos holte er sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und wandte sich ab, während er eine Nummer eintippte. Gleich darauf hörte man ihn leise mit einem seiner Leute reden, damit zwei weitere Verstecke vorbereitet und die beiden neuen Pärchen abgeholt wurden. Dankbar schloss Proud die Augen. Als er sie wieder öffnete, stand Logan vor ihm und klopfte ihm ermutigend auf die Schulter.
   »In einer Stunde holen meine Leute die vier ab. Mach dir keinen Kopf, ich kümmere mich um alles.«
   »Danke, Mann«, sagte Proud und umfasste Logans beachtlichen Bizeps.
   Als er die Flüchtlinge noch einmal betrachtete, verspürte er Mitleid, denn gerade die Mädchen waren ziemlich fertig mit den Nerven. Sie hatten eine Menge durchgemacht und das Ausmaß dessen, in was sie hineingeraten waren, jagte ihnen eine Höllenangst ein. Er erinnerte sich, dass es bei Beth ähnlich gewesen war. Gott, war das wirklich erst ein Jahr her?
   Mit den Neuankömmlingen waren es inzwischen elf Paare, die sie vor den Grigori und vor allem vor den Uriel versteckten. Nur fünf davon trugen wie Beth und Kesha das Wassersymbol. Bei allen anderen zeigte sich bisher gar keins, was auch immer das heißen mochte. Natürlich wäre ein anderes Symbol kein Grund gewesen, die Frauen ihrem Schicksal zu überlassen, aber irgendwann würden Logan die Verstecke ausgehen. Was dann?
   Proud schenkte den beiden verängstigen Nephilim ein, wie er hoffte, aufmunterndes Lächeln und reichte ihren Azrae-Gefährten die Hand zum Abschied. Er musste erst mal hier raus. Klar war es eine Flucht, auch wenn er das vor keinem außer sich selbst zugeben würde. Hier drin würde er jedenfalls ersticken unter der Last der Verantwortung. Er kam sich einerseits schäbig vor, sie Logan aufzubürden, andererseits funktionierten sie schließlich schon eine ganze Weile recht gut als Team, und der Werwolf ließ nicht im Geringsten erkennen, dass es ihn störte.
   Beim Hinausgehen wies Proud Gilles an, ihren Gästen eine kleine Stärkung zu servieren. Dienstbeflissen verschwand der Butler daraufhin in der Küche. Auf den alten Haudegen war eben Verlass.
   Beth war unruhig, als Proud ihr Zimmer betrat. Mit schweißbedeckter Stirn, gequält von Fieberträumen und wirres Zeug redend, in einer Sprache, die er nicht verstand.
   Er setzte sich zu ihr aufs Bett und nahm ihre Hand. Erschreckend, wie kalt ihre Haut sich anfühlte. Als ob sie jeden Tag ein bisschen mehr starb.
   Nein! Daran will ich nicht einmal denken!
   So lange ihr Herz schlug, gab es auch Hoffnung. Sie würde wieder gesund werden, sie musste einfach.
   Aber was, wenn es einfach zu spät gewesen war? Der Gedanke war die Hölle, darum drängte er ihn entschlossen zurück.
   »Hörst du mich, meine schlafende Schöne? Ich warte auf dich. Wir alle tun das. Ich weiß, du kommst zurück, und dann werden wir gemeinsam diesem Lazarus und allen anderen Idioten, die sich diese Scheiße ausgedacht haben, so was von den Arsch aufreißen.«
   Zumindest umschrieb das grob seinen Plan. An den Details arbeitete er noch. Wenn ihm all die anderen Sorgen und Probleme denn die Zeit dazu ließen.
   Er musste zugeben, es gab vieles, was sie nicht wussten. Er war ein Wagnis eingegangen mit dieser Wandlung, weil Beth ihm ein solches wert war. Das war sie immer gewesen. Schon als er es ihr das erste Mal angeboten hatte, war es ihm ernst gewesen. Als Ausweg – aber auch, um sie niemals zu verlieren. Er hatte sie immer geliebt. Mehr als er sich anfangs selbst eingestehen wollte. Wenn er dafür also den Preis bezahlte, dann sollte es eben so sein. Nur sie durfte nicht dafür bluten. Bei Gott, aber sie hatte bereits geblutet. Vielleicht zu sehr …
   Um Beth zu beruhigen, erzählte Proud ihr von Deborah und was er in St. Joshua herausgefunden hatte. Sie reagierte nicht im Geringsten darauf. Aber warum auch, ihre Mutter war tot, es hatte sich nichts geändert. Das Wo, Wie und Wann spielte wohl keine allzu große Rolle. Womöglich war sie sogar gerade bei ihr. Der Gedanke machte ihm Angst, weil sie dann vielleicht auf der anderen Seite bleiben wollte. Er schüttelte ihn ab, denn es war unerträglich für ihn, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.
   Wieder gärten Schuldgefühle in Proud, weil er sich allzu bewusst war, dass er ihr das angetan hatte. Da bedurfte es der vorwurfsvollen Blicke von Kyle nicht einmal, mit denen dieser seit ihrer Rückkehr nicht geizte.
   »Wir hätten das niemals tun dürfen«, ließ sich Kyle von der Tür her vernehmen, als hätten Prouds Gedanken ihn buchstäblich hierherbefohlen.
   Proud presste die Lippen aufeinander, verfluchte seinen Vetter im Stillen, dass er ihre Zweisamkeit störte. Der Gedanke, dass er sich zu Beth ans Bett schlich, wenn er sich unbeobachtet glaubte, machte Proud wütend. Besonderes da er wieder an der Tür innehielt, als hielte ihn eine unsichtbare Wand davon ab, näherzukommen.
   »Wer sollte es denn ahnden wollen?«, antwortete Proud bissig. »Bisher ist noch kein Seraphim hier aufgetaucht, um sein Flammenschwert zu schwingen.« Er drehte sich um und starrte Kyle finster an. »Du hast doch sowieso nichts zu befürchten. Schließlich hast du ja nichts getan.« Seine Stimme glich einem Knurren. »Welch ein Glück für dich. Wenn die Racheengel mich doch noch richten, hast du wieder freie Bahn.« Kyle öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber Proud hob abwehrend die Hand und kam ihm zuvor. »Tu nicht so, als wärst du nicht glücklich darüber, dass sie noch am Leben ist. Ich wollte dich sehen, wenn sie wirklich dort am Genfer See gestorben wäre.«
   Kyle antwortete nicht, aber sein Schlucken und die Sehnsucht in seinem Blick sprachen Bände. Standen im Widerspruch dazu, dass er zwei Schritte zurückwich, als fürchte er sich vor der Anziehungskraft, die Beth auch in diesem Zustand noch auf ihn ausübte. Auf sie beide.
   Am liebsten hätte Proud ihm all das vor die Füße geknallt, was er letzte Nacht von Gilles erfahren hatte, aber das würde im Moment nichts ändern und Kyle womöglich auch noch warnen.
   »Die Nephilim sind weg, das wollte ich dir eigentlich nur sagen. Logans Leute haben sie eben abgeholt. Du kannst also wieder runterkommen.«
   Mit einem Seufzer erhob er sich vom Bett und ging an Kyle vorbei aus dem Zimmer. Man hätte fast den Eindruck gewinnen können, er versuchte, vor ihm zu fliehen und ganz abwegig war diese Überlegung nicht. Bedauerlicherweise waren solche Versuche völlig sinnlos, denn Kyle benahm sich seit ihrer Rückkehr mit Vorliebe wie ein Guhl – wie ein wandelndes Gewissen, das sich in Prouds Nacken festbeißen und ihn quälen wollte. War das Kalkül?
   Die Treppenstufen hinabzuschreiten fühlte sich für Proud an, als läge Blei in seinen Gliedern. Kyle folgte ihm langsam. Sie teilten dieselbe Schwermut, auch wenn dies die Sache keineswegs besser machte.
   Gilles hantierte schon wieder in der Küche und bereitete die nächste Mahlzeit vor. Sehr gut. Er brauchte ein verspätetes Frühstück oder vorgezogenes Mittagessen. Ganz egal. Und Kaffee! Viel Kaffee! Sonst würde er diesen Tag nicht überstehen.
   Im Kaminzimmer saßen Lloyd und Logan beisammen und redeten über die neuen Nephilim, die nun sicher in ihren Verstecken untergebracht waren, und über alles andere, was seit ihrer Rückkehr geschehen war.
   Die Gegenwart der Uriel hier in der Stadt, die wie das Auge eines Hurrican über ihnen lauerte. Die verschwundenen Frauen, deren wahre Bedeutung er lieber nicht herausgefunden hätte. Zumal er sich damit auseinandersetzen musste, wie viel er den anderen erzählen wollte. Die toten Grigori-Oberhäupter und der Aufruhr innerhalb der Familien. Und zuletzt die Kleine, die bei Beth in Genf gewesen und deren Spur sie nicht mehr hatten finden können. Es schnürte Proud das Herz zusammen, wenn er an dieses Kind dachte und was es womöglich gerade durchmachte. Hoffentlich war sie entkommen und hatte irgendwo Zuflucht gefunden.
   Kyle hatte sie erkannt, ihr Name war Heather. Er war dem Mädchen in seiner Zeit als Schnitter begegnet. Im selben Waisenhaus, in dem Beth großgeworden war. Das konnte kein Zufall sein. Proud versuchte, sich ihr Gesicht in Erinnerung zu rufen, aber er hatte in jener Nacht keine Zeit dafür gehabt, sich mit diesem Kind zu befassen. Zu groß war seine Sorge um Beth gewesen. Dennoch genügte das wenige, was er gesehen hatte, um diese bohrende Frage in ihm zu schüren, die er nicht an die Oberfläche kommen lassen wollte, weil damit alles nur noch schlimmer werden würde.
   Kesha leistete Lloyd und Logan Gesellschaft. Alle drei machten ein ernstes Gesicht. Auch sie sorgten sich um Beth – mit jedem Tag, an dem sie nicht erwachte, ein bisschen mehr. Über ihnen allen schwebte eine düstere Stimmung, ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung. Ihm ging es dabei nur um Beth allein, den anderen auch um die Prophezeiung. Sie waren sich einig gewesen, dass Beth unendlich wichtig dafür war, doch wie die Dinge standen, war sie für die Erfüllung ihrer ursprünglichen Aufgabe verloren – egal ob sie lebte oder starb. Sie war … keine Nephilim mehr. Aber da war eine Gewissheit in Prouds Innerem, die ihm sagte, dass genau das ebenfalls Teil des Plans gewesen war. Vielleicht sogar notwendig. Er wusste nicht, ob ihn das beruhigen oder sorgen sollte, weil er eine Ahnung hatte, um wessen Plan es sich dabei wohl handeln mochte. Wieder dachte er an den Eintrag über Deborah Lornham, den er gestern gesehen hatte. Seine Kehle wurde eng.
   Er räusperte sich, ging zur Kaffeemaschine und goss sich eine große Tasse voll ein. Danach ließ er sich erschöpft auf einen der freien Stühle fallen. Kyle, der ihm auf den Fuß folgte, tigerte stattdessen unruhig durch den Raum. Er fand keine Ruhe mehr, seit sie zurückgekehrt waren, und wie Lloyd vermutete, lag dies nicht allein an Beth’ Zustand, sondern auch an den Entzugserscheinungen. Das Elixier, das Lillith ihnen gegeben hatte, wirkte nur bedingt. Es klärte seinen Verstand, es gab ihm die Kontrolle zurück, doch die körperlichen Leiden und die nervliche Anspannung konnte es nicht heilen. Im Gegenteil, Proud hatte das Gefühl, dass es wieder schlimmer wurde. Er hatte Angst, dass sie Kyle verloren, und vor den Folgen, die das mit sich brachte. Schließlich kannte sein Vetter all ihre Schwachstellen. Wenn dieser Greco es drauf anlegte …
   »Und was tun wir jetzt? Es sind inzwischen fast vier Wochen«, brachte Kyle anklagend hervor. »Wir können sie doch nicht ewig einfach so liegen lassen und hoffen, dass ihr Dornröschenschlaf von selbst vergeht. Ein Kuss hat ja wohl nichts gebracht.«
   Bei seinen letzten Worten funkelte er Proud zornig an. Am liebsten hätte er ihn nicht mehr in Beth’ Nähe gesehen, aber er wusste, dass es nichts gab, was er dagegen unternehmen konnte. Gott, wie war es nur so weit gekommen zwischen ihnen? Ihm lag auf der Zunge, dass er ja einen seiner beiden neuen Uriel-Freunde fragen könnte, schluckte es stattdessen hinunter, nur um im nächsten Moment beinah daran zu ersticken.
   »Wenn es überhaupt noch irgendeine Hoffnung gibt«, fuhr Kyle fort, »dann durch die Uriel und ihre Strigoi. Ich bin sicher, ich könnte …«
   »Nur über meine Leiche«, fuhr Proud ihm grollend in die Parade. Keiner dieser Höllenengel würde die Hand an sein Mädchen legen.
   »Führe mich bloß nicht in Versuchung«, konterte Kyle sofort.
   »Hey, Jungs! Jungs!«, ging Logan dazwischen und hob abwehrend die Hände. Er warf einen Blick zu Kesha, die kaum merklich nickte. »Ich stimme Proud zu, und ich denke, im Grunde deines Herzens tust du es auch, Kyle. Greco und Prue haben sich disqualifiziert. Inzwischen dürftest du erkannt haben, dass ihre Hilfe einen zu hohen Preis hat und dass sie niemals ehrlich und uneigennützig etwas geben. Glaub’ mir, ich weiß genau, wovon ich rede.«
   Kyle presste die Lippen aufeinander, bis nicht mehr als zwei weiße Striche übrig blieben. Er sah es nach der Aktion am Genfer See zweifellos ebenso, und sie waren sich einig gewesen, dass es besser wäre, wenn Greco Beth für tot hielt. Nur an wen sonst sollten sie sich wenden? Magnus kam genauso wenig infrage, ungeachtet dessen, ob er Kyle tatsächlich eine geheime Botschaft geschickt hatte oder nicht. Er hatte sie bisher nicht offen verraten oder übervorteilt, trotzdem traute Proud ihm so wenig wie jedem anderen Uriel auf dieser Welt. Den ominösen Unbekannten, der Beth und das kleine Mädchen aus dem Schweizer Anwesen hatte fortbringen wollen, eingeschlossen. Außerdem hielt sogar Logan nicht viel von Magnus, was für Proud ein Grund mehr war, diesen Uriel nicht noch einmal an Beth heranzulassen. Er hatte in Venedig gleich so ein komisches Gefühl gehabt bei dem Kerl, und sein Instinkt trog ihn selten. Außerdem hatte Whigfield von zwei Seiten derselben Medaille gesprochen. Greco und Magnus? Die zwei schienen sich bis aufs Blut zu hassen, aber vielleicht waren sie auch einfach nur gute Schauspieler und führten sie ganz gezielt in die Irre. Das würde dann sogar zu der ominösen Nachricht an Kyle passen. Fuck, was war das nur für ein Sumpf von Intrigen?
   »Vielleicht«, erhob Logan erneut das Wort, »wäre die Grundidee hinter Kyles Vorschlag aber tatsächlich eine passable Lösung. Wir brauchen keinen Uriel, nur die Strigoi.«
   »Das kommt ja wohl aufs Selbe raus«, maulte Proud und seine Stimme troff vor Zynismus.
   »Nicht unbedingt«, warf Logan ein. »Ich kenne da jemanden, der uns womöglich hilft, ohne dass die Uriel davon erfahren.«
   »Du redest doch nicht schon wieder von Lillith?« Ungläubig hob Proud die Augenbrauen. »Ihr Gegenmittel für Kyle war nicht gerade das, was ich erfolgreich nenne.«
   Logan zuckte die Achseln. »Immerhin ist er hier, nicht wahr, Kyle?«
   Wortlos wandte sich Prouds Cousin um. Er kannte seine Unzulänglichkeit – es musste die Hölle für ihn sein. Genau wie Proud fürchtete er Beth’ Aufwachen ebenso wie er es herbeisehnte, denn es würde die Entscheidung bringen, wer von ihnen an ihre Seite gehörte. Und zu welchem Preis.
   Verdammt, was regst du dich darüber auf. Sie hat dich gewählt, Kumpel. Es war dein Name auf ihren Lippen. Dir galt ihr letzter Blick. Ich bin nur das Arschloch, das die Drecksarbeit macht, damit niemand sonst seine Seele beschmutzen muss.
   Mit funkelndem Blick drehte sich Kyle zu Proud um. »Meine Seele ist weiß Gott nicht mehr rein, du Bastard. Oder glaubst du, der Schnitter ist ohne Folgen geblieben? Also pass auf, was du denkst und was du mir vorwirfst. Du hast ihr schließlich ordentlich den Kopf verdreht, als ich es nicht verhindern konnte.«
   Verdammt, er musste vorsichtiger werden, wenn Kyle anfing, in seinen Gedanken herumzuschnüffeln. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er wollte zu einer passenden Retourkutsche ansetzen, kam aber nicht mehr dazu.
   »Stopp!« Es war Keshas Stimme, die den Raum erschütterte wie ein Donnerschlag. »Ihr seid beide verrückt. Als ob es darauf ankäme.«
   Ihre Hitzigkeit überraschte alle. Sogar Lloyd zeigte für Sekunden einen Anflug von Verwunderung, ehe er schmunzelnd das Gesicht abwandte. Wer wenn nicht sie hatte das Recht, Kyle in diesem Punkt zurechtzustutzen?
   »Denkt ihr beiden auch mal eine Sekunde daran, was Beth vielleicht gerade durchmacht? Ganz abgesehen davon, dass sie allein das Recht hat, zu entscheiden, wer von euch an ihrer Seite sein soll, wenn der Tag kommt. Im Moment sollten wir jedenfalls nichts unversucht lassen, um sie zurückzuholen. So lange könntet ihr euren Egotrip mal zurückstellen.«
   Betreten senkte Kyle den Blick, und Proud tat es ihm nach. Kesha hatte recht, verdammt noch mal. Sie benahmen sich wie zwei eifersüchtige Highschool-Jungs.
   Ein bisschen wunderte es Proud schon, dass sich Kesha plötzlich so für Beth einsetzte. Er hatte die Beziehung zwischen den beiden Halbschwestern bisher eher angespannt empfunden, aber vielleicht mussten sie sich auch erst aneinander gewöhnen. Keshas Mutter Valerie war sicher nicht unschuldig daran, dass sich der Blickwinkel der jungen, kämpferischen Nephilim veränderte.
   »Also gut, Logan«, sagte er. »Dann hol sie her, deine Strigoi. Auch wenn Lillith sicher zu den Letzten auf diesem Planeten gehört, denen ich mein Vertrauen schenke. Ich werde ihr also auf die Finger schauen, wenn sie sich um Beth kümmert.«
   Logan nickte. In seinen Augen blitzte es flüchtig auf. Wäre Proud paranoid veranlagt gewesen, hätte er es als Drohung auffassen können. Allerdings war es lächerlich, dass ein Cherub eine Strigoi unter seinen Schutz stellte. Die brauchten alles, aber nicht die Verteidigung durch einen Schutzengel. Mit ihren Zaubersprüchen dürften sie ihnen allen weit überlegen sein, und genau dieser Umstand sorgte Proud. Weniger in Bezug auf Lillith, das musste er zugeben, als vielmehr wegen der Strigoi von Greco. Sie war in der Schweiz entkommen. Ihr war es gelungen, Kyle mehrfach unter ihren Einfluss zu bekommen. Wenn ihr das erneut gelang … Er wusste nicht, ob sie seinen Vetter ein weiteres Mal zurückgewinnen konnten. Noch weniger wollte er sich ausmalen, was geschah, wenn Kyle ihr verriet, was Beth wirklich widerfahren war. Oder wusste sie es längst? Genau wie Greco? Und Magnus?

Kapitel 5

Blinzelnd nahm Kim ihre unmittelbare Umgebung wahr. Sie wusste nicht, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Überhaupt befand sich dort, wo ihr Erinnerungsvermögen sein sollte, nichts als ein großes schwarzes Loch. Ihr Kopf fühlte sich dumpf und wund an, als wäre er mit Glaswolle gefüllt. Einige Fasern derselben mussten weiter nach unten gerutscht sein, denn ihr Hals kratzte und das Schlucken fiel ihr schwer.
   Sie lag in einem abgedunkelten Raum. Immerhin auf einem recht bequemem Bett. Vorsichtig sah sie sich um, was dazu führte, dass sich alles zu drehen begann. Gar nicht gut. Ihr wurde übel. Zwar erkannte sie grobe Umrisse von Schränken und irgendwo links in der Wand schien sich eine Tür zu befinden, doch ganz sicher war sie nicht.
   Kim versuchte es anders und wollte sich auf die Seite drehen. Ein scharfer Schmerz hielt sie augenblicklich davon ab und riss sie fast entzwei. Es presste ihr alle Luft aus den Lungen. Verdammt, was war mit ihr passiert?
   Mit den Fingern tastete sie die Stelle an ihrer Taille ab, wo der Schmerz seinen Ursprung zu nehmen schien. Dort lag ein Verband, der sich klebrig-feucht anfühlte. Gleichzeitig breitete sich ein metallischer Geruch aus. O Gott, war das Blut? Ihr Blut?
   Im selben Moment brach eine Flut von Bildern über sie herein, die Kim augenblicklich wünschen ließ, das schwarze Loch wäre noch da. Reißende Zähne, lang und gelb, von Geifer triefend. Stinkender Atem. Und diese glühenden Augen …
   Ihr Herz raste noch einmal so schnell wie bei ihrer Flucht. Es war ein Wunder, dass sie noch lebte. Im Augenblick des Bisses war sie überzeugt gewesen zu sterben, weil dieser Wolf, oder was immer das gewesen war, sie in Stücke reißen und auffressen würde.
   Warum war sie dann hier? Hatte die Bestie von ihr abgelassen? Hatte jemand das Tier vertrieben und sie gerettet? Aber weshalb war sie dann nicht in einem Krankenhaus?
   All die Fragen bereiteten ihr Kopfschmerzen. Außerdem verschwamm der Raum ständig vor ihren Augen. Vermutlich hatte sie eine Gehirnerschütterung. Schwäche ließ ihre Glieder zittern, also sank Kim wieder auf das Bett zurück und versuchte, sich zur Ruhe zu zwingen. Panik brachte nichts. Sie musste ihren Kopf klar bekommen und herausfinden, was in dieser Nacht passiert war, und wie lange die zurücklag.
   Leise wurde die Tür geöffnet und für einen Moment drang mehr Licht in das Zimmer. Im Türrahmen erschienen zwei Personen, von denen eine männlich und eine weiblich zu sein schien.
   »Ah, sieh mal Prue. Unser Gast ist erwacht. Das ist doch ein gutes Zeichen, oder nicht?«
   Der Mann, der das sagte, betätigte den Lichtschalter, wodurch Kim kurzzeitig geblendet wurde. Aber als sie erneut die Augen aufschlug, justierte sich das Bild und das unsägliche Drehen schmolz zu einem Schaukeln. Sie konnte ihre beiden Besucher deutlicher erkennen, war aber weder der Frau noch ihrem Begleiter je zuvor begegnet. Nicht wissentlich zumindest.
   Erstere beugte sich über sie, wobei ihre purpurfarbenen Haare Kims Hals und Schultern streiften und sie erschaudern ließen. Fasziniert betrachtete sie die einzelne, etwa handbreit dicke, weiße Strähne der Fremden.
   »Mhm!«, machte die Frau. Eine Ärztin schien sie nicht zu sein, obwohl sie augenscheinlich Kims Gesundheitszustand prüfte.
   »Ich denke, sie ist über den Berg. Er hat sie nicht so schwer verletzt, wie es auf den ersten Blick aussah.«
   »Sie blutet noch immer«, schaltete sich der Mann ein, was dessen Begleiterin spöttisch lachen ließ.
   »Beunruhigt dich das, Liebling? Keine Sorge, es ist nicht lebensbedrohlich. Die Blutung steht, es ist nur der Verband, der etwas durchgeweicht ist. Aber das war zu erwarten. Ich mache ihn gleich frisch.«
   Mit geübten Händen löste die Frau den Verband an Kims Seite, betastete die Wunde, was einen reißenden Schmerz auslöste, doch allem Anschein nach blieb der Wundschorf intakt. Anschließend strich sie eine seltsam riechende Textur auf die Verletzung und legte neue Gaze auf, die sie mit einigen Pflasterstreifen befestigte.
   »Schon fertig«, säuselte sie und erhob sich mit einem süßlich-aufgesetzten Lächeln.
   »Der Wolf«, begann Kim. Ihre Stimme klang rostig wie eine alte Gießkanne. »Ist er … tot? Es war doch ein Wolf …, oder?«
   Die Augenbrauen ihrer Therapeutin hoben sich skeptisch. Kim fiel auf, wie perfekt sie waren. Alles an dieser Frau war perfekt. So perfekt, dass es einem fast schon wehtat.
   »Besser wäre es«, murmelte die Schönheit und warf ihrem Begleiter einen undeutbaren Blick zu.
   »Aber Prue! Sei nicht so unfair. Es war ein Versehen, und letztlich ist ihr ja nichts passiert.«
   Prue schnaubte und drehte sich mit rauschenden Röcken um. »Ihr Verband muss in ein paar Stunden wieder gewechselt werden. Am besten stellst du eine Krankenschwester für sie ein, so was ist auf Dauer unter meiner Würde. Ich werde etwas zusammenmischen, das ihren Blutverlust ausgleicht. Der Kopf wird ihr noch ein paar Tage Schwierigkeiten bereiten, aber da sie sich schon wieder erinnern kann, ist der Schaden wohl vertretbar.« Der Blick, den sie dem Mann dabei zuwarf, wirkte, als ginge sie davon aus, dass in Kims Kopf sowieso nicht viel vorhanden war, das Schaden nehmen könnte. Tränen brannten in Kims Augen, schnürten ihr die Kehle zu. Tapfer schluckte sie sie hinunter.
   Kopfschüttelnd blickte der Mann der entschwindenden Prue hinterher, ehe er sich Kim zuwandte. Er sah beinah aus wie ein Indianer, wenn da nur nicht diese türkisfarbenen Augen gewesen wären.
   »Ich bin Greco«, stellte er sich vor. »Und du bist hier in Sicherheit.«
   Sie beäugte ihn misstrauisch. »Das hier ist keine Klinik«, stellte sie fest. »Und Sie sind kein Arzt. Sie sind beide keine Ärzte.«
   Er lachte aufgrund ihrer Schlussfolgerungen. »Da hast du wohl recht. Obwohl Prue dir eine ausgesprochen hilfreiche Medizin zusammenmixen wird. Ich an deiner Stelle würde sie nehmen. Auch wenn Prue kein Medizinstudium vorzuweisen hat; sie weiß trotzdem mehr über Heilkräfte als der gesamte Ärztestamm im St. Johns Medical Center.«
   »Prue …? Ist das Ihre Freundin?«
   »Freundin ist wohl übertrieben«, erklärte Greco. »Wir leben zusammen. Zweckmäßig sozusagen.« Er grinste süffisant und zwinkerte ihr zu. »Ich verrate dir ein Geheimnis, eigentlich heißt sie Prudence. Aber sie hasst diesen Namen und daher vermeide ich tunlichst, ihn in ihrer Gegenwart zu benutzen. Außer, ich will sie ärgern. Das wird dann jedes Mal sehr unangenehm.«
   Er lachte, ließ aber offen, für wen es unangenehm wurde.
   »Haben Sie … den Wolf getötet, der mich angegriffen hat?«
   Greco wiegte den Kopf von einer Seite zur anderen. »Sagen wir, ich habe dafür gesorgt, dass er dir kein Leid mehr zufügt. Das mit deiner Verletzung tut mir leid.« Er wirkte ehrlich betroffen darüber. Warum nur? Er konnte ja nichts dafür. »Tut es sehr weh?«
   »Es geht«, log sie, obwohl der Schmerz Übelkeit verursachte, die in Wellen kam und ging.
   »Mhm!« Er sah sie nachdenklich an, offenbar glaubte er ihr nicht. »Du solltest dich noch eine Weile ausruhen. Es wird sicher bald besser.« Er zögerte, schien zu überlegen und nickte schließlich wie zu sich selbst. »Schlaf ist immer heilsam. Also schläfst du am besten. Ich werde Prue darum bitten, dir etwas zu geben.«
   Nachdem er gegangen war, blieb eine erdrückende Leere zurück. Weiterschlafen? Es klang verlockend, weil sie damit der Wahrheit hätte entkommen können, die sie immer noch nicht verstand. Doch sie war nicht müde, nur erschöpft. Außerdem tat ihre Seite viel zu weh, um einzuschlafen. Diese komische Salbe brannte. Wenn sie still dalag, pochte es mit jedem Herzschlag. Hoffentlich hatte sich die Wunde nicht entzündet. Oder vielleicht war auch die Salbe verunreinigt? Ungeeignet? Greco hatte selbst gesagt, dass Prue keine Ärztin war. Ob sie dann an einer Blutvergiftung starb? Der Wolf könnte auch krank gewesen sein. Wenn sie nun Tollwut bekam? Oder sonst was?
   Ehe sich die Panik in ihr manifestieren konnte, kehrte Prue wieder zurück. Sie stellte einen Becher auf den Nachttisch.
   »Ich rate dir, das zu trinken.«
   »Was … ist das?« Eine leise Stimme warnte Kim davor, den Becher auch nur anzurühren.
   »Frag nicht. Wenn du es weißt, wirst du es nicht mehr trinken wollen.« Erneut dieses süßliche Lächeln, das so falsch wirkte wie die Wahlversprechungen der Politiker.
   »Ich glaube …, ich … verzichte.«
   Prue zuckte unbeeindruckt die Schultern. »Gut. Deine Wahl. Greco wird nicht begeistert sein und …« Sie machte eine bedeutungsvolle Pause, ehe sie mit einem weitaus boshafteren, dafür aber umso ehrlicheren Lächeln weitersprach. »Wenn die Schmerzen unerträglich werden, wirst du es sowieso trinken, glaub’ mir. Also kannst du es auch gleich tun. Wenn wir dir schaden wollten, hätten wir dich wohl kaum aufwachen lassen, meinst du nicht?«
   Ohne Kims Antwort abzuwarten, drehte sich Prue um und verließ dem Raum. Als ob es ihren Worten Nachdruck verleihen wollte, setzte umgehend der Schmerz in Kims Seite mit so viel Heftigkeit ein, dass sie sich auf den Fußboden übergab. Kalter Schweiß überzog ihren Körper und ihr Blick wurde von dem unheimlichen Gebräu auf ihrem Nachttisch nahezu magisch angezogen.

*

Trotz seiner inneren Unruhe und Sorge hatte sich Proud ein paar Stunden Schlaf gegönnt, um nicht völlig durchzudrehen. Erstaunlich, wie groß die Erschöpfung unter solchen Umständen auch für einen der ihren werden konnte, obwohl sie für gemeinhin relativ wenig Schlaf benötigten.
   Sein Erwachen hielt die nächste unliebsame Überraschung für ihn bereit. Entgegen Prouds Überzeugung hatte Logan bereits mit Lillith gesprochen und sie auch gleich mitgebracht, damit sie versuchte, Beth in ihrer Bewusstlosigkeit zu erreichen und zurückzuholen. Er war fest entschlossen, sie dabei nicht aus den Augen zu lassen, denn er vertraute ihr nicht im Geringsten. Ganz im Gegensatz zu Logan. Was verband den Cherub nur mit dieser Hexe?
   Ohne sich an seiner offensichtlichen Skepsis zu stören, zündete Lillith unzählige weiße und schwarze Kerzen an, die sie mitgebracht hatte. Anschließend streute sie Salz in einem Halbkreis um das Bett herum, ehe sie ein Stück Kreide hervorholte und mystische Zeichen auf den Boden malte.
   Nachdem sie damit fertig war, trat sie zurück und atmete tief durch.
   »Wenn Magnus davon erfährt, wird er mich umbringen.«
   Warum tat sie es dann? Ihm lag auf der Zunge, dass er sie nicht darum gebeten hatte und sie jederzeit verschwinden könnte, aber er schluckte die Worte hinunter, weil der Funken Hoffnung, dass sie Erfolg hatte, einfach mächtiger war als sein Argwohn.
   »Wenn Beth auch nur das geringste Leid bei diesem Zauber hier widerfährt, wird es nicht der Uriel sein, vor dem du dich fürchten musst, Hexe«, grollte er drohend. Logans warnende Miene mit hochgezogenen Brauen ignorierte er geflissentlich.
   Lillith begegnete seinem Blick ohne Furcht. »Ich dachte, inzwischen wüsstest du, dass ich auf eurer Seite stehe.«
   Darüber konnte er nur lachen, aber gerade fehlte ihm der Humor. Er nahm sich vor, sie später zu fragen, ob Magnus den Kontakt zu Kyle gesucht hatte. Wenn es einer wissen konnte, dann vermutlich sie.
   »Geht jetzt. Alle!«, verlangte die Strigoi.
   Kyle kam ihrer Bitte augenblicklich nach. Ebenso wie Kesha und Lloyd. Zurück blieben nur Proud und Logan. Der Herr der Gestaltwandler fasste ihn fest am Oberarm, Proud rührte sich keinen Millimeter.
   »Ich kann das Ritual nicht in eurem Beisein durchführen«, erklärte Lillith.
   Proud verengte die Augen drohend zu schmalen Schlitzen.
   »Lass sie machen«, raunte Logan. »Lillith weiß, was sie tut.«
   »Das rate ich ihr.«
   Noch immer sträubte sich alles in ihm, Beth mit ihr allein zu lassen, aber ihm blieb wohl keine Wahl, weshalb er Logan schließlich folgte. Das Geräusch der Zimmertür, die sich hinter ihnen Schloss, war wie ein Dolch in seinem Herzen.
   Über eine Stunde blieb die Hexe mit Beth allein. Jede Sekunde davon marterte Prouds Seele. Die Unruhe in ihm wuchs beständig. Nicht einmal Logan wusste, was genau Lillith dort tat. Was, wenn sie Beth etwas antat? Oder noch schlimmer: Sie entführte?
   Logan war zumindest oben vor der Zimmertür geblieben und hatte versprochen, aufzupassen. Der Rest von ihnen harrte im Erdgeschoss aus und fieberte der Rückkehr von Magnus’ Strigoi entgegen.
   Proud war bereits drauf und dran, den Ritualraum zu stürmen, als sich endlich die Tür des Salons öffnete und die Hexe an Logans Seite eintrat. Sowohl Proud wie auch Kyle sprangen augenblicklich auf die Füße und blickten Lillith angespannt entgegen.
   »Es ist kein Zauber, der auf ihr liegt«, erklärte sie ohne Umschweife. »Das ist einerseits gut, weil ich einen fremden Zauber nur bedingt aufheben kann, wie ihr wisst. Aber andererseits ist es schlecht, da ich keine Ahnung habe, was sonst der Grund für ihren komaähnlichen Schlaf ist. Daher kann ich ihr im Augenblick nicht helfen. Sofern ich das beurteilen kann, fehlt ihr weder körperlich noch seelisch etwas. Ich kann nicht sagen, was sie in diesen Träumen festhält. Die Wandlung ist es jedenfalls nicht. Sie ist fast vollendet, der Körper wehrt sich nicht dagegen. Trotzdem will sie nicht aufwachen. Keins meiner Elixiere und keiner meiner Zaubersprüche zeigt irgendeine Wirkung. Ich erreiche sie nicht. Eine seelische Verbindung, um sie aus dem Schlaf herauszurufen, kann ich nicht knüpfen, was aber nicht ungewöhnlich ist. Das ist mit einem Azrae schlicht nicht möglich und sie ist praktisch bereits einer.«
   Resigniert ließ Kyle die Schultern hängen. Diese Neuigkeit sog ihm alle Kraft aus dem Körper, das war nicht zu übersehen. Es reichte nicht einmal mehr für einen anklagenden Blick Richtung Proud, und er musste zugeben, dass er sich gerade nicht darüber freuen konnte. Er litt genauso wie Kyle; vielleicht sogar ein bisschen mehr. Er hatte es nur gut gemeint, hatte sie retten wollen und jetzt sah es so aus, als ob er sie ins Niemandsland geschickt hatte.
   Lloyd rieb sich ratlos über das Gesicht, während Kesha das ihre in den Händen verbarg, wohl damit niemand ihre Tränen sah. Selbst Gilles schluckte und hatte sichtlich Mühe, Haltung zu bewahren. Er entschuldigte sich mit einer gemurmelten Ausrede und verschwand in der Küche. Proud wusste, er mochte den kleinen Halbengel sehr und sorgte sich nicht weniger als der Rest von ihnen.
   Enttäuscht wandte er sich selbst zum Fenster und starrte hinaus. Er gab es nicht gern zu, aber im Grunde hatte er alle Hoffnung auf Lillith gesetzt, seitdem sie die Schwelle zu ihrem Zuhause übertreten hatte. Misstrauen hin oder her, wenn sie Beth hätte helfen können, wäre ihm eine große Last von den Schultern genommen worden. Jetzt musste er weiterhin um sie fürchten. Angst und Schuld nagten tiefe Löcher in sein Herz und in sein Gewissen.
   »Es tut mir sehr leid«, sagte Lillith und wollte Proud tröstend die Hand auf den Arm legen. Keine Frage, es sagte viel aus, dass sie zu ihm kam und nicht zu Kyle ging, um Trost zu spenden. Proud wich ihr dennoch aus und funkelte sie zornig an. Dass diese Wut nicht ihr, sondern ihm selbst galt, spielte dabei keine Rolle.
   »Fein! Hätten wir das also auch geklärt. Wenn man eine Strigoi mal braucht, bekommt sie es nicht hin. Super!«
   Schuldbewusst und resigniert blickte Lillith zu Logan, der kaum merklich den Kopf schüttelte.
   »Was?«, knurrte Proud sofort. »Es ist doch wahr. Sie kann Beth nicht helfen, also nutzt sie uns nichts. Und trotz ihrer Quacksalberei ist Kyle noch genauso labil wie zuvor. Du hättest sie überhaupt nicht herbringen sollen.«
   Ungehalten schlug er mit der Faust gegen die Scheibe, sodass sie in tausend Scherben zerbrach. Die Splitter zerschnitten ihm die Fingerknöchel, was er ignorierte. Stattdessen verließ er voller Zorn den Raum und überließ die Übrigen ihren trostlosen und verzweifelten Gedanken. Heute gehörte Logans Bike ihm. Sein Cousin hatte es lange genug unrechtmäßig beansprucht um damit seinen Dämonen zu entfliehen. Wobei er gescheitert war. Sollte Kyle also doch zur Hölle fahren, von Prouds Warte aus, auch gern mit dem Fahrrad.

*

Zeyda erwachte, als die Sonne am Horizont versank. Ihr war kalt – und sie fühlte eine wahnsinnige Angst. Die Nacht kam – und mit ihr die Grigori.
   »Scht! Veer sagt, wir sind hier sicher.«
   Rahul hielt ihre Hand und strich ihr beruhigend über den Kopf. Trotzdem spürte Zeyda seine Unruhe.
   Sie waren nicht allein. Als sie hier angekommen waren, war sie zu müde und zu schwach gewesen, um den Freund ihres Azrae-Gefährten genauer zu betrachten. Jetzt holte sie es nach. Was sie sah, war ein alter Mann mit überraschend wachen, klugen Augen. Solche Augen, die alle Wunder der Welt erblickt haben könnten. In diesem Moment sah Zeyda darin hingegen Furcht. Eine grenzenlose, abgrundtiefe Furcht, deren Ursprung selbst diesem Mann nicht bewusst war.
   Sie griff nach Rahuls Hand, ohne den Alten aus den Augen zu lassen. Ihr Misstrauen blieb nicht unbemerkt, löste bei Veer aber keinerlei Reaktion aus.
   »Wir sollten gehen«, bat sie leise.
   »Nein!«, sagte Rahul. Die Entschlossenheit, in seiner Stimme verwandelte ihren Magen in einen eisigen Klumpen. Panisch wandte sie sich ihm zu. »Vertrau mir.« Er klang ruhig und besonnen. Leider übertrug sich diese Ruhe nicht auf sie. Da war Gefahr. In der nächsten Sekunde wurde auch bereits deutlich, woher sie kam.
   Ein lauter Schlag ließ das Gebäude regelrecht erzittern und Zeyda aufschreien. Allmählich wurde das alles zu viel. Sie hatte diese Träume. Viele Jahre schon. Sie sah dieses andere Mädchen mit engelsblondem Haar und wusste, sie musste zu ihr. Irgendwann. Irgendwie. Weil sie etwas verband. Diese Fremde hatte ihr schon viel gezeigt, aber auf all die Dinge, die seit ihrer Begegnung mit Rahul geschehen waren, hatte es sie nicht vorbereitet.
   Sie reute nichts. Sie wollte Rahul nicht verlassen, weil sie spürte, dass sie zueinander gehörten. Nur alles, was damit einherging, zwang sie zusehends in die Knie, auch wenn sie wusste, sie durfte es sich nicht anmerken lassen. Sie musste stark sein. Weil sie eine Bestimmung hatten. Um die zu erfüllen, galt es zunächst zu überleben.
   »Sie versuchen, den Bannkreis zu durchbrechen«, erklärte Veer.
   »Bannkreis?«
   »Ein Schutzzauber. Gewebt von einer Strigoi. Es ist schon erstaunlich, was diese Hexen bewirken können.«
   Zeyda sah, wie Rahul ungläubig die Augen aufriss. »Eine Strigoi? Sagtest du nicht, die Uriel …«
   Der Alte hob die Hand. »Ich sagte dir schon, dass auch unter ihnen solche sind, die das Herz am rechten Fleck haben. Heute Nacht müsst ihr nicht flüchten. Dennoch bleibt uns wenig Zeit, um eure Abreise vorzubereiten.«
   Erneut bebten die Wände der Behausung, begleitet von einem Donnergrollen. Draußen erklangen Schreie.
   »Sie werden es die ganze Nacht versuchen. Für Fragen haben wir keine Zeit. Glaubt daran, dass der Zauber hält.«
   Zeyda wurde das ungute Gefühl nicht los, dass Veer damit unliebsame Fragen schlicht vermeiden wollte. Rahul schien es ähnlich zu gehen, obwohl er nicht widersprach.
   »Ich habe Flugtickets für euch beide. Für morgen Nachmittag.«
   »Wohin?«
   Noch während sie die Frage stellte, erkannte sie an den Gesichtern der beiden Männer, dass sie bereits darüber gesprochen hatten. Zeydas Angst verwandelte sich schlagartig in Zorn.
   »Ist es zu viel verlangt, wenn ich eingeweiht werde? Immerhin wollen diese Typen da draußen mein Blut.«
   Rahul trat an sie heran und fasste sie an den Schultern. »Wir müssen hier weg, das weißt du. Es ist egal, wie und wohin. Veer sagt, die Nephilim versammeln sich in Los Angeles.«
   Sie schluckte. »Wenn er das weiß, dann die Grigori sicher auch. Hältst du es für so eine gute Idee, dann dorthin zu gehen?«
   Er nickte, und er schien dabei überzeugt. »Der Älteste wacht über die Stadt. Den Gerüchten zufolge fließt sein Blut in den Adern der Nephilim. Vielleicht ist es eine Metapher, aber er beschützt diejenigen, die in die Stadt der Engel zurückkehren. Es ist die einzige Chance, die wir im Augenblick haben – und sie ist so gut wie jede andere.«
   Sie hätte dem gern widersprochen, wenn ihr etwas Passendes eingefallen war. Die Vorstellung, dorthin zu gehen, wo andere wie sie waren, machte ihr Angst. Dann hätten die Grigori – oder wer auch immer hinter ihr und ihresgleichen her war – sie alle auf einem Haufen. Perfekte Voraussetzungen, oder nicht? Wäre da nur die Gewissheit nicht gewesen, dass sie sich damit irrte. Kein anderer Grigori würde dort Zugriff auf sie haben. Sie blickte sich um, öffnete ihre Sinne. Sie konnte den Bannkreis hören. Ein schwaches, beständiges Summen. Er würde halten. Wer immer ihn gewebt hatte, wollte, dass sie nach L.A. ging. Was also blieb ihr und Rahul für eine Wahl?
   Erneute Schreie ließen sie zusammenzucken. Hektisch huschte ihr Blick zu Rahul. Worte waren nicht nötig, um zu erklären, war dort geschah.
   »Sie töten Menschen«, flüsterte sie heiser, Tränen stiegen ihr in die Augen. Schuld schnürte ihr die Kehle zu.
   »Ja«, bestätigte Veer. Er klang dabei niedergeschlagen, gleichzeitig aber auch entschlossen, diese Tatsache zu ignorieren. Es war eine Falle, keine Frage. Denen waren die Opfer egal. »Manchmal gibt es leider Opfer.«
   »Kann dieser … dieser Schutzzauber nicht auch sie …«
   »Bedauerlicherweise nicht.«
   Zeyda wirbelte herum, und auch Rahul wandte sich der unbekannten Stimme zu. Aus dem Verkaufsraum trat eine hochgewachsene Frau in den Wohnbereich. Ihre Züge wirkten eine Spur arrogant, sie trug Kleidung wie eine europäische Zigeunerin und in ihrem dunkelroten Haar, das bis zur Taille herabfiel, prangte eine goldbraune Strähne.
   »Mein Name ist Kizmet.« Glöckchen klingelten an ihren Hand- und Fußgelenken, als sie nähertrat. »Ihr kennt mich nicht, aber das ist im Augenblick nicht wichtig. Ich werde dafür sorgen, dass ihr morgen sicher zum Flughafen gelangt. Man erwartet euch in den Staaten bereits. Dort habt ihr Freunde, auch wenn ihr die bisher ebenfalls nicht kennt.«
   »Wer garantiert uns, dass dort nicht andere Grigori auf uns warten? Um Zeyda zu töten, ehe wir den Schutz des Oberhauptes von L.A. erreichen?«, verlangte Rahul zu wissen, woraufhin die Zigeunerin – oder Strigoi, wie er sie genannt hatte – amüsiert lachte.
   »Ein bisschen viel Aufwand, den ich dafür betreiben würde, meinst du nicht, Azrae? Die Flugtickets sind nicht gerade billig, und so ein Schutzzauber kostet eine wie mich viel Kraft. Wenn mir euer Leben gleichgültig wäre, könnte ich euch auch denen da draußen überlassen.«
   »Es sei denn, jemand bezahlt dich gut dafür, dass du uns auslieferst.«
   Wenn seine Worte sie beleidigten, zeigte Kizmet es nicht. »Niemand bezahlt mich. Das solltest du doch wissen. Eine Strigoi dient nur einem Herrn, und einen Uriel interessiert kein Geld.«
   »Und wo ist dein Uriel jetzt?«
   Kizmet antwortete nicht, sondern kam noch näher, bis sie direkt vor Zeyda stand. Dass Rahul sich schützend vor sie stellen wollte, ignorierte die Strigoi einfach und schob ihn beiseite, als wäre der Todesengel nichts anderes als eine Strohpuppe. Instinktiv wollte Zeyda zurückweichen, aber Kizmet packte ihr Handgelenk und legte die Finger ihrer anderen Hand an Zeydas Schläfe. Unvermittelt setzte eine Flut von Bildern ein, die sie mit sich fortrissen. Rahul, Veer, das Zimmer, sogar die Grigori draußen in den Straßen und die Todesschreie der Menschen, die ihr vor Minuten noch Seelenqualen und Schuldgefühle bereitet hatten, wurden jäh bedeutungslos. Es gab nur noch sie und Kizmet und das, was sie von der Hexe erfuhr. Über ihre blonde Schwester und eine Bestimmung, die sich wie ein gähnender Abgrund unter ihr öffnete.

Kapitel 6

»Ich hasse Kinder!«, erklärte Prue mit Nachdruck und ließ sich stöhnend in einen der Sessel fallen.
   Greco schmunzelte amüsiert. »Dieses Kind solltest du lernen zu lieben. Es ist unser Schlüssel zur Macht. Vor allem jetzt, wo wir Beth verloren haben.«
   Die Antwort der Strigoi war ein abfälliges Schnauben. »Bedauerlicherweise. Aber wenn du mir mehr freie Hand gelassen hättest, wäre uns dieses Balg erspart geblieben. Und Beth sicher in unseren Händen.«
   Er verkniff es sich, die Notwendigkeit dessen erneut zu erläutern. Sie hatten das alles schon so oft durchgesprochen. Die Mühen nahm man schließlich nicht ohne Grund in Kauf. Den Zorn einer Hexe auf sich zu ziehen, die an niemanden gebunden war. Auch wenn sie inzwischen tot war, sie konnte ihnen immer noch Ärger machen und ließ nichts unversucht, das auch zu tun. Er blieb auf der Hut.
   »Ich hätte dieses Gör in der Mitte des Genfer Sees ertränken sollen, statt es zu retten«, schimpfte Prue weiter. Was seine Begleiterin störte, war eindeutig, dass dieses Kind keine Angst vor ihr hatte. Warum sollte es auch? Mit dem Blut, das durch seine Adern floss … Es musste solch ein Gefäß sein. Jedes andere würde bersten unter der Macht, die er dort hineinleiten wollte. Aber es war in der Tat nicht ganz unproblematisch, die Kleine gefügig zu halten. Nach den wenigen Stunden, die sie gemeinsam mit Beth verbracht hatte, entwickelte sie eine derartige Willensstärke …
   Ihm wäre es lieber gewesen, wenn sie auch Beth behalten hätten, doch was dort am See geschehen war, warf ein völlig neues Licht auf alles. Eröffnete neue Möglichkeiten, über die er erst noch genauer nachdenken musste. Eines nach dem anderen. Jetzt galt erst einmal Heather seine Aufmerksamkeit.
   »Tzetzetze!«, tadelte Greco seine Strigoi und hob drohend den Zeigefinger. »Vergiss nicht, wie wichtig sie für uns ist. Wo uns die hübsche Lieblingstochter von Onkel Samuel nun leider abhandengekommen ist.« Für Beth’ Tod würde noch jemand bluten, das stand fest. Sehr oft – und sehr lang. »Die Surferin bist du ja bald wieder los. Aber auch sie wird uns unserem Ziel näherbringen. Bald ist es so weit, und wir können uns auf den Weg machen. Es wäre schön, wenn wir dem dunklen Prinzen dann um eine Nasenlänge voraus wären.« Der Gedanke an Proud löste gemischte Gefühle in ihm aus. Er konnte nicht umhin, ihn zu bewundern, obwohl er ihn gleichzeitig hasste, weil er seinen Plänen im Weg stand. Er hatte sein Mädchen verloren, und dennoch gab er nicht auf, für das zu kämpfen, woran sie geglaubt hatte. Das, wofür sie stand. Er bewahrte ihr Erbe. Schon etwas, wofür er ihm Respekt zollte. Vor ein paar Monaten hätte er eher gedacht, dass Proud sofort wieder zum süßen Leben zurückkehren würde, dankbar seine Pflichten los zu sein. Entweder er hatte sich getäuscht, oder aber der kleine Halbengel hatte den dunklen McLean-Bruder mehr verändert, als sie alle vermutet hatten.
   Ärgerlich schüttelte Greco den Kopf, um seinen Widersacher zu vertreiben. »Das bringt mich übrigens zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung. Wir brauchen jemanden, der sich um die kleine Surferin kümmert. Sie ist noch nicht an einen Azrae gebunden«
   Prue war anzusehen, was sie davon hielt. Sie mochte sich fügen, das bedeutete nicht, dass sie entzückt war.
   »Sie hat noch kein Mal. Woher willst du wissen, dass sich die Mühe überhaupt lohnt?«
   Er konnte darüber nur den Kopf schütteln. »So versessen wie sie auf das Wasser war? Es sollte schon mit dem Teufel zugehen, wenn sie dann urplötzlich ihre Verbundenheit zur Erde, dem Feuer oder dem Wind entdeckt.«
   Sein eigenes Wortspiel amüsierte ihn. Mit dem Teufel zugehen … Apropos, wo sie gerade davon sprachen.
   »Wir sollten nach unseren Gästen sehen. Du nach den Mädchen. Und ich … werde im Keller ein wenig für Zerstreuung sorgen.« Das würde ein Spaß werden. Danach kümmerte er sich um den passenden Gefährten für Kim. Er hatte da schon jemanden im Auge, der zumindest vielversprechend war. Sofern er sich ködern ließ.
   »Ach, und bevor ich es vergesse. Kyle wird bald ein neues Elixier brauchen. Ich denke doch, du möchtest mir beweisen, dass du Lillith nicht unterlegen bist, nicht wahr?«
   Prue verengte ob dieser Herausforderung ihre Augen wütend zu Schlitzen. Es war immer gut, wenn man einen gewissen Anreiz schaffen konnte.
   »Perfekt! Ich sehe, ich kann wie immer auf dich zählen.«

*

»Lillith!« Samuel war sichtlich überrascht, sie zu sehen. Sofort blickte er hinter sie in die Dunkelheit, doch Lillith beruhigte ihn, dass sie allein war.
   »Magnus ist nicht hier, er darf auch nicht erfahren, dass ich zu dir komme, denn worum ich dich bitten möchte, wird ihm nicht gefallen.«
   Samuel runzelte die Stirn, bat sie jedoch herein. Lillith betrat das Haus mit gemischten Gefühlen. Ihre Gedanken weilten bei Malory … bis zu dem Moment, als sie den Salon betrat und Valerie mit dem Mädchen dort sitzen sah. Ihre Augen weiteten sich vor Verblüffung. Sie blieb im Türrahmen stehen und wandte sich fragend Sam zu, der ihr lächelnd folgte.
   »Du hast es nicht erwartet, wie ich sehe.«
   Sie schüttelte den Kopf.
   »Es war Valeries Idee, und ich denke, es ist gut so.«
   Sie sah die Wärme in seinem Blick und musste schlucken. Sein Herz wusste längst, was sein Verstand noch nicht begriffen hatte. Doch es war nicht an ihr, ihn darauf hinzuweisen. Er würde es früh genug erkennen. Jetzt galt es, Beth zu helfen. Prouds Bitterkeit berührte sie sehr, denn es war nicht die Wut auf sie oder der Spott, weil sie versagt hatte. Es war seine Sorge und Angst um die Frau, die er liebte. Die Furcht, ihr mehr geschadet als genutzt zu haben. So war es nicht. Das würde er bald schon erfahren.
   »Können wir ungestört reden?«, fragte Lillith und wandte Valerie und Malory wieder den Rücken zu, ohne die beiden auch nur begrüßt zu haben. Das mochte unhöflich sein, was nicht in ihrer Absicht lag, doch die Zeit drängte.
   Sam runzelte erneut die Stirn, diesmal ernsthaft besorgt, da der Ton in ihrer Stimme die Dringlichkeit verdeutlichte.
   »Sicher. Komm mit.«
   Sie verließen die beiden Frauen, wobei Lillith noch einmal prüfend auf den Bauch der jungen Nephilim blickte. Sie lauschte. Der Herzschlag des Kindes war ruhig und gleichmäßig. Es ruhte. Es nahm sich Zeit. Das war gut. Mehr Zeit blieb ihr nicht, sich um Malory zu kümmern. Später! Beth kam zuerst.
   Nachdem Sam die Tür zu seinem privaten Büro hinter ihnen geschlossen hatte, kam sie gleich zur Sache.
   »Du musst deinen Verbündeten kontaktieren, Sam.«
   Er zuckte kaum merklich zusammen. »Was meinst du damit?«
   Seine Vorsicht in Ehren, aber sie hatten keine Zeit für Rätselraten. Ihm war der Ernst der Lage nicht bewusst.
   »Ich weiß es schon lange, Samuel. Und ich habe geschwiegen. Das muss dir fürs Erste genügen, um zu zeigen, wo meine Loyalität liegt.«
   Er blieb misstrauisch, begann jedoch bereits, darüber nachzudenken, ob er die Maske fallenlassen durfte. Natürlich bestand die Möglichkeit, dass sie ihn in eine Falle lockte, weil Magnus ihn auf die Probe stellte. Einen Verdacht zu erhärten suchte. Erst recht, wo er gerade erst mit Proud über Dinge gesprochen hatte, die nicht hätten gesagt werden dürfen. Sie wusste davon, Magnus nicht und das sollte auch so bleiben, daher sagte sie nichts darüber. Aber Sam würde sich nie völlig sicher sein können, ob der Uriel nicht doch etwas mitbekommen hatte und dies hier ein Test war, egal, was sie sagte. Er musste ihr vertrauen, das lag allein bei Sam.
   »Logan hat mich gebeten, Beth bei der Wandlung zu helfen. Ich habe es mit einem Ritual versucht, doch ich bin bedauerlicherweise nicht stark genug. Ich erreiche Beth nicht. Nur ein Seraphim kann deine Tochter dort finden. Wenn sie zu lange im Urmeer bleibt, weißt du, was mit ihrer Seele geschieht. Das hätte Deborah nicht gewollt. Das hätte auch Savannah nicht gewollt.«
   Sie sah seinen Adamsapfel zucken, als er schluckte. Furcht legte sich auf seinen Blick. Sie galt nicht ihr oder dem Wissen um sein Geheimnis, sondern den Racheengeln selbst.
   »Ich paktiere nicht mehr mit den Seraphim«, erklärte er fest, doch das Beben in seiner Stimme war verräterisch.
   Lillith trat näher an ihn heran, beugte sich zu ihm, was einer Bedrohung nahekommen musste, obwohl sie nichts dergleichen im Sinn hatte.
   »Nein, du paktierst nicht mit ihnen.« Erleichterung wollte sich schon auf seine Züge schleichen, dass sie doch bloß gepokert und er nicht darauf hereingefallen war. Dies konnte sie ihm bedauerlicherweise nicht gönnen. »Du paktierst nur mit der einen. Ravenna.«
   Der Name kam als heiserer Hauch über ihre Lippen. Wie Wind in der Nacht, der durch die Wipfel der Bäume streift und sie von fast vergessenen Geheimnissen wispern lässt. Sam wurde bleich und starr. Seine Lippen waren nur noch ein schmaler Strich und die Fingerknöchel traten weiß hervor. Er schwitzte, was selten für einen der seinen war. In die Enge getrieben, sah er all seine Pläne und Hoffnungen dahinschwinden.
   »Er weiß nichts davon«, raunte sie mit Bedacht. »Wenn das so bleiben soll, hole deine Vertraute her.«
   »Magnus wird merken, wenn …«
   »Magnus wird blind sein«, fiel sie ihm ins Wort. »Weil ich ihn blende. Sag mir nur, wann Ravenna erscheint. Ich verschaffe euch zwei Stunden, in denen Magnus’ Sinne ihm nicht dienen. Das muss genügen.« Ihr lief schon ein Schauder über den Rücken, wenn sie daran dachte, was es sie kosten würde, ihren Uriel mit einem Schleier zu belegen. Aber es gab keinen anderen Weg. »Beth muss erwachen. Schnell! Die Zeit rennt uns allen davon, ich habe es gesehen. Wir können nicht warten – und wir können nicht riskieren, sie zu verlieren.«
   Sie wusste, das wollte Sam ebenfalls nicht. Beth war sein Ein und Alles, immer schon gewesen. Kaum weniger als Scyla. Lillith hatte seine eine Tochter nicht beschützen können, bei Beth wollte sie diesen Fehler nicht wiederholen, auch wenn Magnus sie dafür würde brennen lassen.
   Mit keinem Wort hatte Sam gesagt oder durch irgendeine Handlung gezeigt, was er von Beth’ Wandlung in einen Azrae hielt. Das allein sagte Lillith, dass er froh darüber war. Sie wusste warum. Die Gründe waren ähnliche wie bei Magnus, nur der Antrieb dafür war ehrenvoller. Sam hätte abgewartet. Er vertraute Beth, er vertraute Proud. Mehr als dieser ahnte. Sie wünschte, der hitzige McLean-Sprößling würde es dem Grigori nicht so schwermachen. Gemeinsam standen ihre Chancen gut, allen Seiten erfolgreich die Stirn zu bieten, doch Proud war noch nicht so weit. Vielleicht würde Beth das Bindeglied sein. Das galt es abzuwarten. Es konnte aber auch helfen, wenn Sam den ersten Schritt tat.
   »Vielleicht solltest du auch das Bündnis mit Proud festigen. Er verdient dein Vertrauen, und es wäre gut, wenn er es erwidert. Ihr braucht einander.«
   »Du verlangst eine Menge.«
   »Ich verlange nichts, Sam. Nicht für mich. Glaub’ es oder lass es. Dein Herz wird dir sagen, was du tun sollst. Ich kann dir nur einen Rat geben.«
   Sie erhob sich und blickte voller Mitleid auf Sam herab. Das alles war nicht leicht für ihn, auch wenn er diesen Weg vor langer Zeit selbst gewählt hatte.
   »Rede mit Proud. Und bitte Ravenna um ihre Hilfe. Zwei Stunden auf dein Geheiß. Nutze sie. Das bist du ihr schuldig.«
   Ob sie damit Beth oder Deborah meinte, ließ sie offen. Sie war sicher, Sam verstand es auch so.
   »Lillith!«, rief er aus, als sie bereits an der Tür war. Sie blieb stehen, drehte sich langsam um.
   Samuels Hände zitterten, seine Augen waren voller Schatten, die ihn trieben. Alte Dämonen, neue Ängste.
   »Schwör mir, dass Magnus niemals Macht über meine Tochter haben wird.«
   Lillith schluckte. Für einen Moment war sie nicht sicher, was genau er damit meinte, wie viel er bereits wusste.
   »Über keine deiner Töchter«, antwortete sie. »Nicht mehr. Nicht, so lange ich es verhindern kann.«

Kapitel 7

Weitere drei Nephilim-Paare waren in den vergangenen Tagen bei ihnen eingetroffen und von Logan in sichere Verstecke gebracht worden. Am liebsten hätte Proud das Eingangstor zu ihrem Grundstück verriegelt, auch wenn er wusste, dass diese Gedanken keineswegs fair waren. Schon gar nicht in Anbetracht von Kayden und seinen Speichelleckern.
   Vor gut einer Stunde war nun wieder ein Paar bei ihnen aufgetaucht. Sie kamen aus Portugal. Die Nephilim, Ava, war erschreckend jung und so voller Angst, dass ihre aufgerissenen Augen ihr Gesicht dominierten wie in diesen Manga-Comics. Mit stockender Stimme hatte sie davon erzählt, wie sie und Laos, ihr Azrae-Gefährte, verfolgt worden waren. Ein Dutzend Grigori hatte sie gezielt vor sich hergetrieben bis zu den leer stehenden Lagerräumen eines einstigen Logistikunternehmens. Es war ihnen gelungen, sich auf dem Gelände zu verstecken und später zu fliehen, doch da waren noch andere Nephilim und Azrae gewesen. Die Schreie derer, die gefangen worden waren, würde Ava wohl nie vergessen.
   Das Mädchen betete Proud geradezu an und war vor ihm auf die Knie gesunken, kaum dass er seinen Namen genannt hatte. Er wusste nicht, wie er auf so etwas reagieren sollte, und als Logan endlich eintraf, um sie abzuholen, ergriff er die Flucht und verkündete entschlossen, dass er keine weiteren Audienzen gewähren würde.
   »Ich bin nicht ihr verdammter König oder Guru, Mann«, zischte er Logan zu, der nur ratlos die Achseln zuckte.
   »Sie glauben, dass du weißt, was zu tun ist. Vermutlich weißt du sogar mehr als die meisten.«
   Er spielte damit auf das literarische Erbe an, das bedauerlicherweise tatsächlich belegte, dass sich Prouds Familie eingehend mit der Prophezeiung beschäftigt hatte. Na gut, sie wollten einen Weisen? Es sollte ihm ja keiner nachsagen, dass er nicht sein Bestes getan hatte. Damit gab es zumindest eine Ausrede, warum er künftig nicht mehr Teil des Empfangskomitees sein konnte.
   Schnaubend und ohne Ava und ihren Gefährten Laos auch nur noch eines Blickes zu würdigen, zog sich Proud in die Bibliothek zurück, wo nach wie vor jede Menge Folianten darauf warteten, durchforstet und analysiert zu werden. Den Job machte ja sonst keiner.
   Ihm rauchte der Kopf und es gab vieles, was er nicht verstand oder was ihn verwirrte. Aber es lenkte ihn ab, und es fühlte sich einfach gut an, etwas Sinnvolles zu tun und dabei nicht in eine Rolle gepresst zu werden, in die er nicht hineinpasste. Von Leuten, die er überhaupt nicht kannte und auch nicht näher kennenlernen wollte.
   »Du hasst deine neue Rolle als Heilsbringer, was?«
   Proud war so vertieft gewesen, dass er Kyle nicht hatte kommen hören. Die Stimme seines Cousins troff vor Gift. Lässig lehnte er mit verschränkten Armen im Türrahmen, seine Miene eine Mischung aus Spott, Vorwurf und Düsternis.
   »Ich bin – kein Heilsbringer«, antwortete Proud so ruhig wie möglich, entlockte Kyle damit aber bloß ein hämisches Lachen.
   »Tja, das scheinen viele definitiv anders zu sehen. Die Nephilim. Magnus’ Strigoi. Logan.«
   Proud presste die Lippen zusammen und schloss für einen Moment die Augen, um tief durchzuatmen. Es brachte nichts, sich von Kyle provozieren zu lassen, zumal der gerade einfach nicht er selbst war.
   »Die Nephilim suchen Zuflucht, weil man sie verfolgt. L.A. ist weitestgehend sicher. Es mag ihnen zwar nicht klar sein, aber das hat nichts mit mir zu tun, sondern mit van Vaughn. Und mit Logan. Er ist es schließlich, der ihnen den nötigen Schutz verschafft. Ich denke kaum, dass er mich als Heiland sieht. Er weiß, wir machen unseren Job in dieser Sache, wobei meiner eben nicht mehr darin bestehen wird, imaginäre Willkommensfähnchen zu schwenken.« Er verzog die Lippen zu einem gequält-zynischen Lächeln. »Was Lillith angeht …« Er seufzte. »Reden wir nicht von ihr.« Sie sah garantiert keinen strahlenden Helden in ihm. Zumindest darin waren er und sie sich einig.
   Kyle stieß sich ab und kam auf ihn zu, bis er direkt vor dem kleinen Sekretär stand. Dort stützte er erst die eine, dann die andere Hand auf dem glatt polierten Holz ab und beugte sich so weit vor, dass sein Gesicht nur noch Millimeter von Prouds entfernt war.
   »Mir machst du nichts vor. Du weißt so gut wie ich, dass das erst der Anfang deiner Strafe ist. Und weißt du was? Meiner Meinung nach ist sie mehr als verdient.«
   Verblüfft und zornig zugleich runzelte Proud die Stirn. Drehte Kyle völlig durch? »Strafe? Wofür?« Er war zwar ganz sicher kein Unschuldsengel und hatte in seinem Leben eine Menge Sünden begangen, doch von denen sprach Kyle wohl eher nicht.
   »Du hast – eine Nephilim verwandelt!«, flüsterte Kyle mit vor Zorn bebender Stimme. Ein Wunder, dass er nicht meine Nephilim sagte. »Du glaubst ja wohl nicht ernsthaft, dass das nicht bemerkt wurde. Oder noch lange ungesühnt bleibt. Es ist ein Sakrileg. Die Seraphim werden nicht darüber hinwegsehen. Wenn wir deswegen scheitern, trägst du die Schuld daran. Du wirst uns alle mit dir in die Hölle reißen.«
   Proud wusste nicht, ob er lachen oder vor Fassungslosigkeit den Kopf schütteln sollte. Er blickte Kyle lange in die Augen, versuchte, zu ergründen, was in ihm vorging. Nicht zuletzt, weil auch immer noch die leise Furcht da war, dass all dieses seltsame Verhalten in Greco und seiner Strigoi gründete – oder auch in Magnus – und Kyle ihnen längst weit mehr entglitten war, als sie ahnten. Was, wenn er dem Feind womöglich ständig Bericht erstattete? Aber in Kyles Augen war nichts, was darauf hinwies. Da war nur Angst und Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Ein in die Ecke gedrängtes Tier, das um sich biss. Fast hätte Proud Mitleid haben können, doch am Ende siegte die Wut, weil Kyle ihn missbrauchte, um ein Ventil für all das zu haben. Es war nicht seine Schuld, dass es so weit gekommen war. Nicht seine allein.
   »Du bist verrückt, Kyle«, zischte er. »Das eine hat mit dem anderen rein gar nichts zu tun. Davon mal abgesehen, ich habe nicht eine Nephilim verwandelt, ich habe Beth verwandelt, um zu verhindern, dass sie stirbt. Du warst ja zu feige dazu. Toller Liebesbeweis, sie lieber sterben zu lassen, als mögliche Konsequenzen dafür in Kauf zu nehmen, dass sie zumindest überlebt.«
   »Überlebt?«, echote Kyle. »Nennst du das etwa Leben? Sie ist ein verdammter Zombie! Das ist kein Leben, das ist eine Tortur. Der du sie ausgesetzt hast. Ein langsames, siechendes Sterben. Findest du wirklich, dass sie das verdient hat? Wir wissen doch gar nicht, ob sie je wieder aufwacht.«
   Tausend Antworten gingen Proud durch den Kopf, die alle bereits gesagt worden waren. Sie änderten nichts. Was geschehen war, war geschehen. Jetzt konnten sie nur noch warten.
   »Sie atmet, ihr Herz schlägt und sie träumt. Also lebt sie«, antwortete er gepresst. »Wenn du erwartest, dass ich mich hierfür entschuldige oder es bereue, vergiss es. Ich weiß, dass es richtig war. Sie wird es schaffen. Weil sie stark ist.«
   »Sie hätte das nie gewollt.«
   »Ach ja?«, schoss Proud nun zurück, weil er Kyles Gejammer so lächerlich fand. »Redest du dir das ein, damit du dich nicht schuldig fühlen musst, weil du den Schwanz eingezogen hast?«
   Blitzschnell erhob Kyle drohend seine Faust. Schmerz und Wut verzerrten seine Miene, doch der Schlag in Prouds Gesicht blieb aus. Er ließ sich davon so oder so nicht einschüchtern und zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er wusste genau, worum es hier in Wahrheit ging.
   »Ich habe Beth das Leben gerettet«, betonte Proud gefährlich leise. »Mehrfach! Während du sie einfach hättest sterben lassen.«
   Es bereitete ihm keine Freude, Salz in Kyles Wunde zu streuen, aber er würde sich von ihm nicht zum Sündenbock machen lassen. Wenn ihn Selbstvorwürfe zerfraßen, weil er gezögert hatte, war das sein Problem. Wenn er nun fürchtete, Beth könnte sich von ihm abwenden, sobald sie wieder erwachte, musste er das mit sich ausmachen. Er hatte einfach eine Minute zu lange gezögert, dafür konnte Proud nichts. Niemals hätte er zugelassen, dass Beth dafür die Konsequenz tragen musste.
   »Rede nicht so mit mir«, fuhr Kyle ihn an, wobei Proud nicht sicher war, ob sein Cousin seine Worte oder seine Gedanken meinte. »Wag es nicht.« Tränen schimmerten in seinen Augen. »Du weißt, ich liebe sie und würde alles für sie tun. Das habe ich bewiesen, oder denkst du, es macht mir Spaß, den Schnitterfluch noch immer nicht loszusein? Ihn vermutlich nie wieder loszuwerden?«
   »Hast du deshalb Kontakt zu Magnus aufgenommen?« Die Frage war heraus, ehe Proud sie zurückhalten konnte. Ein Schatten glitt über Kyles Gesicht. Er zögerte mit der Antwort eine Sekunde zu lang.
   »Ich habe mit Magnus nichts zu schaffen.«
   Lügner, dachte Proud, sprach es jedoch nicht aus. Betroffen presste Kyle die Lippen aufeinander und funkelte ihn zornig an. Erstaunlicherweise fand Proud nichts in seinem Blick, was tatsächlich auf eine Lüge hindeutete. Kein Flackern, keine Unsicherheit. Der Vorwurf verletzte ihn, nicht mehr und nicht weniger. Sollte es doch bloß ein Missverständnis sein? Aber das Risiko war einfach zu groß, also blieb er auf der Hut.
   Es kratzte Proud nicht die Bohne, ob Kyle ihn hasste oder nicht, er war zu müde, um sich darüber Gedanken zu machen.
   »Selbst wenn sie wieder erwacht, und losgelöst von der Bedrohung durch die Seraphim«, wechselte Kyle das Thema, was verdächtig nach Ablenkung klang, »ich bleibe dabei, Proud, was du getan hast, war falsch. Du hast Beth damit zu einer Hölle verdammt, die sie freiwillig nie gewählt hätte. Denn eines hast du in deiner heroischen Rettungsaktion nicht bedacht. Die Folgen, die es für sie hat. Sie ist jetzt ein Azrae. Das bedeutet, sie wird Blut trinken müssen. Menschliches Blut. Du weißt, was das bedeutet. Für uns, die wir so geboren werden. Der lange, stetige Prozess. Diese Gnade hat sie nicht. Sie wird dort hineingeworfen, ohne Halt, ohne Kontrolle, egal, welche Opfer sie wählt. Sie hat dem Rausch nichts entgegenzusetzen und auch nicht dem Sog der Gegenwelt. Ich kenne sie. Ich kenne sie vielleicht besser als du. Das wird sie nicht überstehen.«
   Proud schluckte. Diese Tatsache hatte er tatsächlich wohlweislich in den Hintergrund gedrängt, als er Beth sein Blut gegeben hatte, weil es seine Entschlossenheit womöglich geschwächt, wertvolle Sekunden und Beth somit ihr Leben gekostet hätte.
   »Sie ist stark!«, sagte er so entschieden, als müsste er sich selbst davon überzeugen. »Sie schafft das.«
   Kyle lachte höhnisch. »Sicher? Oder versuchst du nur gerade, deine Schuld kleinzureden? Sie ist nicht als Azrae geboren. Sie wird damit nicht umgehen können. Mit dem Hunger, der Gier. Es wird sie verzehren. Und mit dem ersten Tod, den sie einem Menschen bringt, wird sie an ihrer neuen Natur zerbrechen. Dafür trägst du die Verantwortung. Dieser Tod wird grausamer sein, als wenn sie in Genf gestorben wäre.«
   »Ich werde ihr Halt sein«, knurrte Proud entschlossen. »Wenn sie mich braucht, bei jedem Schritt, den sie macht, werde ich an ihrer Seite sein. Sie wird nicht scheitern. Sie kann ihre neue Natur annehmen. Vielleicht kennst du sie doch nicht so gut, wie du glaubst. Ihr Mitgefühl für die Hoffnungslosen auf der Sterbestation war immer grenzenlos. Vielleicht ist es sogar ein Geschenk, dass sie ihnen den Übergang schenken kann, wo sie zuvor kaum fähig war, ihre Leiden zu lindern, bis der Augenblick endlich gekommen ist.«
   Kyle schüttelte angewidert den Kopf. »Dir ist wohl keine Ausrede zu schäbig, um zu rechtfertigen, dass du sie aus purem Egoismus nicht loslassen konntest, obwohl es die bessere Entscheidung gewesen wäre.«
   Proud holte tief Luft, er stand kurz vorm Explodieren, weil er diesen Müll einfach nicht mehr hören wollte und sie Wichtigeres zu tun hatten, als über Dinge zu lamentieren, die sowieso nicht mehr zu ändern waren.
   »Ich weiß nicht, was dein Problem ist, Kyle. Ob du den Scheiß glaubst, den du von dir gibst, oder ob du bloß eine Rechtfertigung suchst. Aber noch einmal vor die Wahl gestellt, würde ich wieder so handeln und Beth mein Blut geben. Weißt du, warum? Weil ich ganz genau weiß, dass Beth leben und kämpfen will. Dass sie längst begriffen hatte, wie viel von ihr abhängt und nicht der Typ ist, der vor so einer Verantwortung einfach davonläuft.«
   »Ich wollte nicht, dass sie stirbt«, erklärte Kyle mit einer Stimme wie Sandpapier, in der auch eine Art Rechtfertigung mitschwang, warum er nicht gehandelt, Proud aber letztlich auch nicht aufgehalten hatte. »Trotzdem hätte sie niemals ein Azrae werden dürfen. Das können die Seraphim nicht ungesühnt lassen.«
   Proud schnaubte verächtlich. »Und jetzt? Pisst du dir ins Hemd, weil ich gegen himmlische Gebote verstoßen habe? Na ein Glück für dich, dass ich mal wieder die Rolle des bösen Buben übernommen habe, der die Regeln missachtet. Soviel zu deiner Theorie des Heilsbringers. Die erfülle ich demnach wohl eher nicht. Wie schön, dass deine Weste dabei rein bleibt. Vielleicht macht man dich ja zum General, wenn die letzte Schlacht losgeht. Oder sie verleihen dir im Himmel einen Orden, wenn du ihnen meine Verfehlung bis ins Detail schilderst. Achte nur darauf, dabei ausreichend zu betonen, wie groß dein Opfer war, trotz deiner unendlichen Liebe ihren Tod in Kauf zu nehmen.«
   Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als Kyle ihm nun doch die Faust gegen den Kiefer rammte. So hart, dass Proud mitsamt dem Stuhl nach hinten fiel. Mit einem Satz überwand sein Cousin den Tisch und schien ihn buchstäblich in den Boden stampfen zu wollen, aber er war schnell genug wieder auf den Beinen und konterte den Angriff, indem er Kyle am Arm packte und ihn einmal quer durch den Raum schleuderte. Krachend landete er im deckenhohen Bücherregal und blieb keuchend am Boden liegen.
   »Hör auf!«, brüllte Proud. »Wir stehen auf derselben Seite, verdammt noch mal. Glaubst du, ich wüsste nicht, wie sehr du leidest? Denkst du, es kümmert mich nicht? Ich lebe jeden Tag in der Angst davor, dich für immer an diesen Dreckskerl Greco zu verlieren. Oder jetzt an Magnus. Oder wer weiß, wer sonst noch versucht, jemanden von uns zu manipulieren und uns dann gegeneinander auszuspielen. Verdammt, Kyle, du und Beth, ihr bedeutet mir beide mehr als mein eigenes Leben, und ich tue, was immer ich für nötig erachte, damit wir alle heil aus der Sache rauskommen. Wenn ich dafür in der Hölle brenne, von mir aus. Ich hab’ diese verdammte Prophezeiung nicht gewollt und auch nicht die Rolle, die ich nun offenbar darin einnehmen soll. Aber weißt du was? Allmählich begreife ich, wie wichtig dieser Kampf ist. Wie wichtig er für Beth ist. Ich scheiß drauf, was sie ist, und erst recht auf das, was in den Schriften steht und gegen welche Gesetze ich damit womöglich verstoßen habe. Hauptsache, sie lebt. Der Rest ist mir egal. Sie ist mir jedes Opfer wert und wenn ich tausend Jahre dafür leiden muss. Was auch immer da auf uns zurollt, wir können es nicht aufhalten, aber wir werden das verdammt noch mal gemeinsam durchstehen, also reiß dich zusammen und hör auf, den Moralapostel zu spielen oder in Selbstmitleid zu versinken.«
   Entgegen seinem Willen hatte er sich regelrecht in Rage geredet, während Kyle sich langsam wieder auf die Füße rappelte und ihn anstarrte wie ein geprügelter Hund. Wut und Scham wechselten auf seinen Zügen, aber tief in Kyles Augen stand vor allem eines: Hilflosigkeit. Und die war es letztlich, die Proud wieder milder stimmte. Er rieb sich mit der Hand übers Gesicht, wobei die Stelle, an der Kyles Faust ihn getroffen hatte, unangenehm pochte. Es fiel ihm nicht leicht, sich innerlich zur Ruhe zu zwingen, aber wenn sie weiter aufeinander losgingen, half das niemandem. Am wenigsten Beth.
   »Hör zu, diese verdammte Prophezeiung ist auch nur von irgendwem geschrieben worden, der irgendwas erreichen wollte, Kyle. Die sind alle genauso verlogen wie weltliche Politiker. Uriel, Seraphim, Grigori, vermutlich sogar die Cherubim und unseresgleichen. Jeder hofft auf seine eigenen Ziele. Wir hängen da drin, und ich bin entschlossen, dass wir auch wieder da rauskommen. Aber dazu müssen wir zusammenhalten.«
   Er drehte sich um und ging zur Bar, um sich und Kyle einen Drink einzuschenken. Immer noch sichtlich verbittert, nahm sein Cousin das Glas zumindest entgegen.
   »Ich weiß, wir lieben sie nun mal beide«, sagte Proud. Es gab keinen Grund, das Offensichtliche zu leugnen. »Das mag uns zu Rivalen machen, aber ich bin ganz sicher nicht dein Feind. Begreif das endlich. Die Wahl trifft sie allein, wenn sie wieder aufwacht. Egal, wie die ausfällt, ich werde zu ihr stehen bis zum bitteren Ende. Ich denke, das siehst du genauso. Wir haben uns das nicht ausgesucht, aber Fakt ist, dass wir nicht zurück können. Du und ich, wir sind an Beth gebunden. Vielleicht macht gerade das ihre Einzigartigkeit in dieser Sache aus, und so sehr wir es uns auch wünschen, wir können nicht vor der Verantwortung davonlaufen, die uns auferlegt wurde. Aber wir haben wie Wahl, ob wir uns dabei von irgendwem benutzen lassen, oder ob wir selbst entscheiden, was wir tun. Also was ist? Kann ich auf dich zählen, Kumpel?«
   Er hob Kyle sein Glas entgegen und wartete. Nach kurzem Zögern gab sein Cousin endlich nach und stieß mit ihm an. »Für Beth.«
   Proud nickte. »Für Beth.«
   Synchron kippten sie den Drink hinunter.
   Einen Moment breitete sich Stille zwischen ihnen aus. Ein Nachfühlen, ob der Friede echt oder nur gespielt war – von beiden Seiten.
   »Es stimmt«, sagte Kyle schließlich, den Blick fest auf den Boden gerichtet. »Magnus hat mir eine Nachricht zukommen lassen.«
   Proud nickte, auch wenn Kyle es nicht sehen konnte, und wartete, ob sein Vetter noch ins Detail gehen würde.
   »Ich hab’ sie verbrannt. Ich denke, das spricht für sich, oder nicht?«
   Tat es das? Bei dem alten Kyle ja, bei dem Mann, der vor ihm stand … Proud wusste es nicht. Was er wusste war nur, dass sich gerade ein sehr fragiler Friede zwischen ihnen bildete, den sie dringend brauchten, wenn sie das hier überstehen wollten. Also schob er seine Zweifel beiseite und nahm Kyle wortlos in den Arm, der die Geste ebenso stumm erwiderte.

Kapitel 8

Gedankenverloren starrte Greco vor sich hin und drehte das Glas mit der tiefroten Flüssigkeit darin in seiner Hand, als Prue das Wohnzimmer betrat. Sie gab einen Laut des Ekels von sich und deutete auf sein abendliches Getränk.
   »Ist das etwa Blut?«
   Ein diabolisches Grinsen huschte über seine Züge, ohne dass er sie direkt ansah.
   »Ein guter Tropfen würde sagen. Süß wie die Rache.«
   Seine Strigoi ließ sich auf dem Sofa ihm gegenüber nieder und legte die Beine seitlich auf das Polster.
   »Wie weit bist du mit dem neuen Elixier für unseren Freund Kyle?«, fragte er herausfordernd.
   »Es ist fertig. Und halb so widerlich wie deines.«
   Ihre Spitze entlockte ihm nur ein Schmunzeln. Sie wusste nicht, wie gut es schmeckte, die Niederlage seiner Feinde buchstäblich zu kosten.
   »Wenn du ihn ausbluten lässt, kann ich ihn auch mit all meiner Magie nicht wieder zusammenflicken, das ist dir doch hoffentlich klar«, wandte sie ein.
   Greco schnaubte verächtlich und sah sie endlich direkt an.
   »Du glaubst nicht ernsthaft, dass ich Thomas nach allem, was er sich geleistet hat, noch in Erwägung ziehe?« Und Lorne war ohnehin wertlos. Außer als Ventil für seinen Zorn und seine Frustration.
   Bedächtig nahm er einen Schluck von seinem Schlummertrunk und ergötzte sich an Prues Würgegeräusch.
   »Es ist wohl unser derzeit geringstes Problem, dass sich auch dieser Grigori als unbrauchbar für unsere Pläne erwiesen hat. Im Augenblick taugt er nur dazu, mich noch bei Laune zu halten, während ich mich mit ihm befasse. Danach können ihn meinetwegen die Krähen fressen.«
   Seine Gefährtin schien seine Ansicht nicht zu teilen.
   »Dir ist schon bewusst, dass es dann nur noch zwei Grigori auf diesem ganzen verdammten Planeten gibt, die wir einsetzen können? Und einer davon scheidet per se aus, denn Samuel van Vaughn wird sich in einer Million Jahre nicht mit dir einlassen.«
   Über diesen Einwand konnte Greco nur lachen. Als ob er gewillt wäre, sich mit Samuel zu verbünden. Das war aber auch gar nicht nötig, denn neben dem gab es immerhin noch einen männlichen Abkömmling der erforderlichen Blutlinie und das genügte. Er wusste genau, mit welchem Köder er diesen auf seine Seite ziehen konnte. Das bereitete ihm keine schlaflosen Nächte. Etwas anderes hingegen schon.
   »Logan entgleitet uns«, warf er mit mehr Bitterkeit in den Raum, als er bereit war, sich einzugestehen.
   »Tut er das nicht schon längst? Unser Druckmittel verliert seine Wirkung. Vermutlich glaubt er nicht einmal mehr daran, dass sie überhaupt noch lebt.«
   »Es spielt keine Rolle, was er glaubt, aber es spielt eine Rolle, dass dein Zauber nicht mehr auf ihn wirkt.«
   Jetzt war Prue alarmiert und richtete sich auf. »Wie meinst du das?«
   Greco verzog zynisch den Mund. »Ist dir das nicht klar? Weshalb Kayden ständig seine Spur verliert? Der Dreckskerl verwandelt sich wieder. Irgendwie hat er es geschafft, den Bindezauber zu umgehen. Wenn er die eine Schwäche überwunden hat, dann alle anderen früher oder später ebenfalls. Ich habe da so eine vage Ahnung, wer ihm dabei geholfen haben könnte.«
   »Lillith!« Prue zischte den Namen, als wäre er pures Gift. »Dieses Biest!«
   Es musste bitter schmecken, zu erkennen, dass die Hexe, die sie am meisten verachtete und als Konkurrenz ansah, doch stärker war als sie selbst. Ein wenig amüsierte es Greco, seine Strigoi so zornig zu sehen. Andererseits bereitete es ihm Magenzwicken, denn wenn Prues Magie bei Logan versagte, dann womöglich auch bei Kyle. Das wäre ein größeres Problem. Vielleicht hätte er sich seinerzeit doch mehr um Magnus Mündel bemühen sollen. Jedenfalls wurden die Folgen seines Versäumnisses nun womöglich zum Bedrängnis.
   Er fasst Prue scharf ins Auge. »Tu etwas dagegen. Wir brauchen den verdammten Bastard.«
   Ungläubig hob Prue die Augenbrauen. »Was, bitte schön, soll ich machen? Ich sagte dir bereits, mein Zauber ist intakt.«
   »Dann überprüfe ihn noch mal!«, fuhr er sie an, wobei er durchaus wusste, dass es nicht der Zauber an sich war. »Lass sie herbringen. Wirke einen neuen Zauber. Einen stärkeren. Mir egal, ob sie dabei draufgeht. Wir müssen ihn wieder unter Kontrolle bekommen. Wenn er seine volle Kraft zurückerlangt, wird Logan uns eine Menge Ärger machen.«
   Jetzt schien seine Strigoi gänzlich davon überzeugt, dass er den Verstand verloren hatte. »Du willst, dass ich dort rausfahre? In diese Einöde? Für ein halbwildes Wolfsmädchen?«
   »Sie ist weit mehr als das, wie du weißt. Schick meinetwegen einen unserer Lakaien. Aber ich will sie hier haben und sicherstellen, dass uns keiner ins Handwerk pfuscht. Logan hat seine Entscheidung getroffen, und es wird Zeit, ihm klarzumachen, dass das ein Fehler war. Es wird ihm egal sein, was wir ihm antun, er hat nichts mehr zu verlieren. Möglich, dass er zur Vernunft kommt, wenn er sieht, dass seine Tochter noch immer in unserer Gewalt ist. Wenn nicht, gibt sie uns vielleicht erneut die Möglichkeit, ihn dazu zu zwingen.«
   Prue war offenbar nicht überzeugt. »Wie wäre es stattdessen mit einem neuen Pfand?«, überlegte sie laut, und das boshafte Lächeln auf ihren Lippen ließ erahnen, dass ihre Pläne den Werwolf tief treffen würden. »Eines, das ihm mehr ausmacht als ein Kind, das er nach drei Jahrhunderten kaum noch kennt.«
   Grecos Augen wurden schmal. »Und was könnte deiner Meinung nach wichtiger für ihn sein als sein eigen Fleisch und Blut?« Die Letzte aus seiner Blutlinie, nachdem es Kreon dahingerafft hatte. Noch dazu eine weibliche Nachfahrin, was dieser Tage selten war.
   Prue schürzte die Lippen. »Nun, ich dachte da an eine kleine rote Wölfin draußen in den Wäldern. Es sollte mich wundern, wenn er dann immer noch so entschlossen seinen eigenen Weg verfolgt, sobald ihr Leben in meinen Händen liegt. Er liebt die Halbwandlerin, das weiß ich von Kayden. Vielleicht sind es auch Schuldgefühle, aber sie ist seine Vertraute. Mehr als sonst irgendwer von seinen Leuten. Ein Versuch ist es wert.«
   Er dachte darüber nach, drehte das Glas mit dem Blut in seiner Hand und ließ Prue absichtlich auf seine Antwort warten. Schließlich nickte er. »Also gut. Dann soll sich Kayden darum kümmern und sie herbringen. Ihre Spur verliert er vielleicht nicht so leicht.« Ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf Prue Gesicht aus. Offenbar glaubte sie, um eine unliebsame Aufgabe herumgekommen zu sein, indem sie ihm eine Alternative bot. Aber zwei Trümpfe waren immer besser als einer. Gerade bei Logan. »Das heißt nicht, dass seine Tochter außen vor ist«, erklärte er streng. »Es bleibt dabei. Sie kommt hierher. Mit zwei Wölfinnen in unserer Gewalt, wird der Leitwolf hoffentlich wieder begreifen, wer sein Herr und Meister ist.«

*

»Eme!«
   Der Ruf schallte über die halbe Koppel zu ihr herüber, aber Emily ignorierte ihn hartnäckig, obwohl sich bereits Ärger in die vertraute Stimme mischte. Sie würde nicht nachgeben. Diesmal nicht.
   »Gleich hab’ ich dich«, flüsterte sie zu dem wütenden Falben, dessen Flanken bebten. Energisch stampfte das Tier mit dem rechten Vorderbein auf und fasste sie mit angelegten Ohren ins Auge.
   »Eme!« Ihr Ziehvater ließ keinen Zweifel daran, dass es unangenehm werden würde, wenn sie nicht augenblicklich nachgab und zum Haus zurückkam. »Verdammt, Mädchen, wir haben Besuch! Und der wartet nicht gern.«
   Überrascht hob Emily die Brauen. Besuch? Hier auf Hedley Valley? Wer sollte das sein? Und konnte er tatsächlich wichtiger sein als diese gepeinigte Kreatur vor ihr?
   Seit über einem Monat versuchte sie nun schon, mit dem dreijährigen Hengst in Kontakt zu treten, der ein halbes Jahr lang im Rodeo gequält worden war, nachdem man ihn und den Rest seiner Herde eingefangen hatte. Er traute niemandem – genau wie Emily. Das Leben hatte sie gelehrt, dass man sich nur auf sich selbst verlassen durfte. Als Tochter eines gefallenen Engels war das Leben eine buchstäbliche Hölle. Nicht nur, dass niemand ihre wahre Identität erfahren durfte – wer hätte ihr so eine Story schon geglaubt? Nein, sie wurde auch von einer Pflegefamilie zur nächsten verfrachtet. Menschen starben nun mal bedauerlicherweise – sie nicht. Vielleicht hätte sie sich schuldig gefühlt für all die verfluchten oder manipulierten Sterblichen, die sie auf ihrem Weg zurückgelassen hatte, aber erstens war das nicht ihre Entscheidung gewesen, also auch nicht ihre Verantwortung. Und zweitens waren die wenigsten so nett gewesen, dass sie ihr Mitgefühl verdienten. Der Kerl, der sie in regelmäßigen Abständen von etwa zwanzig bis dreißig Jahren abholte und zur nächsten Zwischenstation brachte, mochte immer wieder betonen, dass sie für seinen Boss wertvoll war, gespürt hatte Emily davon wenig. Hawk war da eine der wenigen Ausnahmen. Ihm lag es am Herzen, wie sie sich fühlte und er verstand, was sie durchmachte. Das bedeutete nicht, dass er ihr zur Flucht verhalf. Dafür war seine Furcht vor den Konsequenzen zu groß. Aber er bot ihr etwas, womit sie ihrem Leben einen Sinn geben konnte und das sie von ihren trüben Gedanken ablenkte. Er ließ sie mit Pferden arbeiten. Darin – das hatte Eme schnell gemerkt – war sie verdammt gut.
   »Emily Hamilton! Ich sag es nicht noch mal.«
   Sie seufzte tief. »Das wird wohl leider nichts mehr mit uns beiden heute, mein Schöner«, sagte sie an den Falben gewandt. Frustrierend, denn so nah wie diesmal war sie noch nie an ihn herangekommen. »Versuchen wir es morgen noch einmal.«
   Missmutig drehte sie sich um und stapfte den Weg zum Gatter hinunter, wo Hawk bereits auf sie wartete. Im Näherkommen sah sie die Anspannung in seinem Gesicht. Was war hier los? Es konnte nicht sein, dass sie schon wieder ihr Zuhause wechseln musste. Es waren erst drei Jahre. Viel zu früh. Etwas anderes musste dahinterstecken und ihrem Ziehvater solche Sorgenfalten ins Gesicht graben. Als sie direkt vor ihm stand, musste sie den Kopf in den Nacken legen, denn Hawk überragte sie um mehr als Haupteslänge. Der Wind trieb ihr eine ihrer weizenblonden Haare ins Gesicht. Er strich sie ihr sorgsam zurück, während sein Gesicht milder wurde. Aber in seinen Augen sah sie etwas, das ihr einen Knoten in die Eingeweide machte. Angst!
   »Ist es …«
   Hawk schüttelte den Kopf. Schlimmer. Sie hörte das Wort nur in ihrem Kopf, war sich nicht sicher, ob es seine Gedanken waren oder ihre eigenen. Jedenfalls sprach er es nicht aus. »Kommt mit. Er will dich sehn.«
   Auf dem Marsch von der Koppel zum Haus sprach Hawk kein Wort. Vor der Veranda parkte ein alter, abgerissener Pick-up. Emily kannte die Autos von allen Leuten, die mehr oder weniger regelmäßig herkamen. Dieses hier hatte sie noch nie gesehen. Aus dem Inneren des Farmgebäudes schlug ihr Kälte entgegen, nachdem Hawk die Tür geöffnet hatte. Es kostet Emily Überwindung, trotzdem einzutreten. Sie ging an der Garderobe vorbei und stand direkt im Wohnraum. Im Kamin brannte ein Feuer, denn es war bereits kalt geworden hier in den Bergen. Vor den Flammen stand ein hochgewachsener, breitschultriger Mann mit dunkler Hautfarbe und kurzem, krausem Haar. Er trug verwaschene Bluejeans und aus den Ärmeln seines schwarzen Lederparkas lugte ein rotblaues Holzfällerhemd hervor.
   »Das ist sie«, sagte Hawk und trat einen Schritt beiseite, als wollte er um jeden Preis verhindern, zwischen Emily und diesen Fremden zu geraten. Langsam drehte der sich um. Sie beobachtete ihn mit Misstrauen, dass auch nicht nachließ, als er lächelte und dabei blendendweiße Zähne zeigte.
   »Hallo Emily. Ich freue mich, dich kennenzulernen. Mein Name ist Cadiz, und ich bin hier, um dich zu deinem Vater zu bringen. Deinem richtigen Vater.«
   Seine Worte setzten sie derart unter Schock, dass sie für einen Moment nicht wusste, ob sie lachen, schreien oder in Ohnmacht fallen sollte. Sie tat nichts davon, sondern schnaubte lediglich abfällig. »Den Weg hätten Sie sich sparen können. Mein Vater ist ein egoistischer Bastard, dem mein Leben und meine Gefühle immer egal gewesen sind. Er hat sich dreihundert Jahre nicht um mich gekümmert. Von mir aus kann er in der Hölle schmoren.« Sie gab sich cool, obwohl sie das im Inneren keineswegs war. Im Gegenteil, das Ansinnen ihres Besuchers wühlte sie auf, setzte eine Flut von Gefühlen in ihr in Gang, die sie längst überwunden geglaubt hatte. Sehnsucht, Wut, Verzweiflung, Liebe, Hoffnung, Hass. Die Macht der spärlichen Erinnerungen und wenigen verbliebenen Wunschträume brachte ihre entschlossene Abwehr gegenüber ihrem Erzeuger ins Wanken. Sie ballte die Hände zu Fäusten, als könnte sie sich so an ihrer mühsam aufgebauten Ablehnung festhalten, damit sie ihr nicht entglitt. Sie war der einzige Schutzwall gegen die abgrundtiefe Enttäuschung darüber, dass ihr Vater sie nie gewollt hatte.
   »Greco wird mich umbringen, wenn ich sie dir mitgebe.«
   Hawks Worte lenkten Emilys Aufmerksamkeit auf den Mann, der ihr die letzten drei Jahre ein Vater gewesen war. Mehr als es ihr eigener je sein könnte. Mehr als der es je hatte sein wollen.
   Cadiz zeigte ein kühles Lächeln. »Wenn sie nicht mit mir kommt, werde ich dich töten.« Diese Offenheit raubte Emily den Atem. Das konnte nicht sein Ernst sein. Dieser fremde Uriel, und dass es einer war, spürte Emily genau, kam hierher und erpresste sie damit, Hawk zu töten, wenn sie sich nicht fügte?
   Er schenkte ihr einen kurzen, sardonischen Blick. Ja, ganz offenbar war das so.
   »Bei Greco hast du zumindest eine Chance«, fuhr er wieder an Hawk gewandt fort. »Wenn du deine Sachen packst und von hier verschwindest. Ich bezweifle, dass er dich für so wichtig erachtet, dir hinterherzujagen. Jedenfalls nicht, nachdem ich ihn habe wissen lassen, dass ich Logans Tochter in meine Obhut genommen habe.«
   Erstaunen malte sich auf dem Gesicht von Emilys Ziehvater ab. »Warum solltest du das tun?«
   Diesmal jagte das Glitzern in den Augen das Höllenengels Emily einen eisigen Schauder über den Rücken. »Weil ich will, dass er es weiß und sich darüber im Klaren ist, sein wertvollstes Druckmittel gegen Logan verloren zu haben.«
   Druckmittel? Sie ein Druckmittel gegen Logan? Warum sollte er sich mit ihr unter Druck setzen lassen. Das wurde immer abstruser. Sie war ihm scheißegal, sonst hätte er wohl zumindest versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. All die Jahre, in denen sie von einer menschlichen Pflegefamilie zur nächsten geschafft worden war. Immer dann, wenn Nachbarn anfingen, Fragen zu stellen, weil sie nicht älter wurde, sondern noch immer wie ein siebzehnjähriger Teenie aussah. Hier bei Hawk war sie immerhin glücklich gewesen. Nachbarn gab es hier nicht, den Besuchern zeigte sie sich selten bis nie. Daher hatte sie gehofft, bei ihm bleiben zu dürfen, bis er starb. Die Arbeit mit den Pferden war Magie für sie.
   »Du bist Magie!«, erklärte Cadiz mit Nachdruck. »Du weißt es nur noch nicht. Du bist eines der wichtigsten Rädchen in diesem Spiel, und es ist ein Glück, dass Greco sich darüber offenbar bis heute nicht im Klaren ist.«
   »Was meinen Sie damit?«
   Er hielt ihrem Blick stand. Da war etwas in seinen Augen, das sie beunruhigte. Etwas Dunkles, Gefährliches, das sie anzog wie ein Magnet.
   »Das wirst du noch erfahren.« Seine Worte rissen sie aus ihren Gedanken. »Jetzt kommst du mit.«
   »Nein!« Sie wich zurück, als er nach ihrer Hand griff. Auch Hawk machte Anstalten, sich vor sie zu stellen, zögerte dann aber und gab schließlich nach. Das hätte sie nicht erwartet, aber sie warf es ihm nicht vor. Sie spürte die Macht des Uriel und wusste, Hawk hatte dem nichts entgegenzusetzen.
   »Ich gehe nicht mit Ihnen!«, sagte sie trotzdem und reckte trotzig ihr Kinn.
   Alles, was sie damit erreichte, war Cadiz zum Lachen zu bringen. Er schüttelte den Kopf, und sie wartete schon auf eine abfällige, höhnische Bemerkung. Stattdessen stand er in Sekundenbruchteilen hinter Hawk und umfasste dessen Brustkorb und Kopf auf eine Weise, die deutlich machte, dass er ihm das Genick brechen würde. In die Augen ihres Ziehvaters trat Todesangst. Seinen Lippen entwich ein kraftloses »Bitte.«
   »Stopp!«, schrie sie.
   »Ach!« Cadiz spielte den Verwunderten. »Änderst du so schnell deine Meinung? Kluges Kind.«
   Alles in ihr wehrte sich dagegen, aber sie würde nicht zulassen, dass Hawk für etwas büßte, mit dem er im Grunde nichts zu tun hatte. »Lassen Sie ihn am Leben, dann gehe ich mit Ihnen.«
   Cadiz hob fragend seine Brauen. »Dein Wort?«
   Ihr schlug das Herz bis zum Hals vor Zorn. Am liebsten hätte sie diesem Uriel die Augen ausgekratzt. Aber nicht um diesen Preis. Also nickte sie.
   »Gut!«, lobte Cadiz. Seine Stimme klang zuckersüß. »Dann sei ein braves Mädchen und geh raus. Setz dich in den Wagen und warte dort auf mich.«
   Emily zitterte. Alles in ihr wehrte sich dagegen, Hawk mit diesem Teufel allein zu lassen. Sie war nicht dumm. Ihr war durchaus bewusst, was es mit den Uriel auf sich hatte, und wie gefährlich sie waren, darum hatte sie Angst um ihren Ziehvater. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie um jemanden Angst gehabt.
   »Es ist okay«, presste Hawk hervor. »Geh. Er wird mir nichts tun.« Als sie noch immer zögerte, nickte er ermutigend. »Bewahre dir deine Magie. Cadiz hat recht. Du bist Magie. Ich wusste das in dem Moment, in dem du den ersten Mustang gezähmt hast. Aber ich habe es Greco nie verraten.«
   Cadiz’ Blick blieb unerbittlich. Er verstärkte den Druck auf Hawks Nacken sogar noch, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen. Zögernd setzte sich Emily in Bewegung. Mit festen Schritten ging sie nach draußen, zwang sich dazu, sich nicht noch mal umzudrehen. In ihren Augen brannten Tränen, die sie unwillig wegblinzelte. Die Tür des Pick-ups quietschte, als sie in den Wagen stieg. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz und schallte sich an. Ihre Hände zitterten, sie nestelte nervös an ihren Fingernägeln, atmete viel zu schnell, um ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten und auf keinen Fall zu heulen wie ein kleines Mädchen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis Cadiz aus dem Farmhaus trat. Wortlos stieg er neben ihr in den Wagen und ließ den Motor an.
   »Was ist mit Hawk?«, verlangte sie mit bebender Stimme zu wissen.
   »Nichts. Es geht im gut.«
   Etwas in der Stimme des Uriel alarmierte sie. Emily fasste nach dem Türgriff und wollte schon aussteigen, um sich selbst zu überzeugen, als der Uriel ein tiefes, bedrohliches Knurren ausstieß, das dem eines Wolfes in nichts nachstand.
   »Bleib sitzen. Sonst könnte sich der Zustand deines Ziehvaters verdammt schnell ändern.«
   Hasserfüllt blickte sie Cadiz an. »Ich will wissen, dass er lebt, sonst gehe ich hier nicht weg.«
   In den schwarzen Augen funkelte es gefährlich. Sie wusste, sie kämpfte auf verlorenem Posten mit ihrem Trotz. Zu gehen, ohne sich von Hawks Unversehrtheit zu überzeugen, hätte sie sich jedoch nie verziehen.
   »Du kannst ihn anrufen, wenn wir weit genug weg sind. Und er ebenfalls. Glaub’ mir, seine Zeit ist knapper als unsere. Greco hat weit weniger Skrupel, einen Menschen zu töten als ich.«
   Mit diesen Worten trat Cadiz auf das Gaspedal und ließ die Ranch hinter sich. Emily blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen, aus Angst, der Uriel könnte seine Drohung wahr machen. Sie glaubte nicht daran, dass aus dem Telefonat wirklich etwas werden könnte, und fühlte sich elend. Sie hatte Hawk im Stich gelassen. Alles nur wegen diesem verdammten Mistkerl neben ihr, der sie gerade entführte.

*

Ihr Bewusstsein setzte mit einem Paukenschlag ein. Schwarzes Wasser füllte ihre Lungen. Beth rang nach Luft, strampelte, Panik machte sich in ihr breit. Was passierte hier gerade? Bisher hatte das Urmeer ihr nichts anhaben können. Wenn sie zu ertrinken drohte, bedeutete das vielleicht, dass sie endlich einen Weg hier raus finden konnte. Aber so hatte sie sich ihre Rückkehr ins Leben nicht vorgestellt. Wo war sie verdammt? In den Genfer See gestürzt? Dann war das womöglich alles keine Illusion gewesen, sondern ein sehr reales Gewässer? Sie keuchte, würgte, hustete, aber statt das eingedrungene Wasser aus ihren Lungen herauszubekommen, floss nur stetig neues nach. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit ein, bis sie endlich die Wasseroberfläche durchbrach und nach Luft schnappte. Sie brannte in ihren Lungen, die noch immer versuchten, das Wasser wieder loszuwerden. Beth spuckte eine Menge davon aus, es floss bitter über ihre Lippen, aber schließlich konnte sie leichter atmen. Sie versuchte sich zu orientieren, entschied sich instinktiv für eine Richtung und erblickte nach einigen Minuten eine Art Ufer. Hoffnung durchflutete sie und gab ihr neue Kraft. Mit energischen Stößen schwamm sie auf das rettende Land zu. Das Wasser war eiskalt, es lähmte ihre Muskeln, aber sie schaffte es. Als ihre Hände in die feuchte Erde griffen und sie sich mühsam aus dem Wasser zog, hätte sie vor Erleichterung beinah geweint. Sie hatte es geschafft.
   Außerhalb des Flusses, der nun mit lautem Rauschen und durchzogen von Stromschnellen hinter ihr entlangfloss, war es noch eisiger als zuvor. Ihr Atem bildete kleine Dampfwölkchen. Wie und wann war aus dem Meer ein Fluss geworden? Sie musste schnell herausfinden, wo sie war, und einen Weg finden, Kyle und Proud zu benachrichtigen. Sie stolperte über den steinigen Boden. Einige Meter weiter ging der in dürres Grasland über. Noch weiter vor ihr erkannte sie einen Wald. Zwischen den Bäumen sah sie etwas, das wie ein Feuer wirkte. So schnell es ihr mit ihren steifen Gliedern möglich war, rannte sie darauf zu. Es war tatsächlich ein Lagerfeuer. Ein junger Mann saß auf einem umgefallenen Baumstamm daneben und hielt einen Stock mit ein paar Fischen in die Flammen. Sofort meldete sich lautstark Beth’ Magen. Das Knurren war so deutlich zu hören, dass sich der Typ zu ihr umdrehte. Im selben Moment als Beth sein Gesicht sah, stockte ihr der Atem und ihr war schlagartig klar, dass sie der Schwärze noch immer nicht entkommen war. Dort am Feuer saß Steve River. Der tote Polizist.
   »Du bist spät dran«, begrüßte er sie lächelnd und wies einladend auf den Platz neben sich. »Setz dich nur. Der Fisch ist gleich fertig.«
   Zögernd trat Beth näher. »Was … mache ich hier bei Ihnen?«
   »Na ja, es gibt eine Menge, was du über die Sonnensteindolche wissen solltest, ehe du dich auf den Weg machst.« Er hob den Blick und zwinkerte ihr zu. »Ich war ein Hüter. Ich denke, ich kann dir so ziemlich alles sagen. Mehr als jeder lebende Hüter. Ist schon cool, was man hier so alles erfährt. Nur blöd, dass es einem im Normalfall nichts mehr nutzt.« Er stockte kurz und sah sie mit einer Mischung aus Betroffenheit und Scham an. »Sorry, bei dir ist das natürlich was anderes. Du bist ja eigentlich noch nicht hier. Jedenfalls nicht so richtig.«
   Er fuhr sich in einer hilflosen Geste durch sein zerzaustes blondes Haar, was ihn wie einen kleinen Jungen wirken ließ. Mit einem Achselzucken hielt er ihr den Fisch hin. »Wollen wir erst essen? Mit vollem Bauch kann ich besser denken.«
   Der Fisch war köstlich, auch wenn Beth sich ständig in Erinnerung rief, dass er genauso surreal war, wie alles andere hier.
   »Die Sonnensteindolche sind nicht alle gleich«, begann Steve und lehnte sich bequem zurück, wobei er sich mit den Händen abstützte.
   »Ja, das wissen wir. Es hat etwas mit den Elementen zu tun. Meines ist Wasser.«
   Der einstige Hüter nickte. »Stimmt. Aber das ist bei Weitem nicht alles. Es gibt von jedem Element neun Dolche, aber es gibt noch ein paar Bonus-Versionen. Die sind entscheidend. An die müsst ihr auf lange Sicht irgendwie rankommen.«
   Beth runzelte die Stirn. Von diesen ‚Bonus‘-Dolchen hatten sie noch nie etwas gehört. »Was hat es damit auf sich?«
   Steve hob triumphierend die Brauen und kam sich augenscheinlich sehr wichtig vor, weil er Beth etwas sagen konnte, was sie und ihre Freunde nicht wussten. Und was sie seiner Meinung nach wohl auch von niemandem sonst erfahren würden.
   »Wir Hüter wussten auch nichts davon. Jedenfalls die meisten von uns. Ich denke, diejenigen, die diese Special Edition besitzen, werden schon darin eingeweiht sein. Und entsprechend schlecht auf jeden zu sprechen, der an die Dinger ran will.«
   »Was macht diese Dolche so besonders?«, wollte Beth wissen.
   Steves Gesichtsausdruck erinnerte sie an die Grinsekatze aus Alice im Wunderland. »Na ja, du kannst damit nicht nur Grigori töten, sondern auch Seraphim, Uriel und … Lazarus.«
   Beth keuchte vor Überraschung, doch Steve war noch nicht fertig. Jetzt war sein Ausdruck eher wehmütig und auch ein wenig mitleidig.
   »Es hat alles seinen Preis, Beth, weißt du. Nicht der Dolch allein hat diese Macht. Es kommt immer auch auf denjenigen an, der ihn führt. Und wie viel zu opfern er bereit ist. Ohne Opfer wird das hier nicht abgehen. Das darfst du nie vergessen.«

*

Seit ihrer Aussprache herrschte Waffenstillstand zwischen Proud und Kyle. Zumindest für den Moment zogen sie wieder an einem Strang und machten sich innerhalb des Hauses nicht gegenseitig das Leben schwer. Es erleichterte Proud, dass seine Worte Kyle offenbar wieder zur Vernunft gebracht hatten, auch wenn er nach wie vor mehr ein Schatten seiner selbst war. Er schien sich vor sich selbst zu fürchten, und Proud wollte gar nicht wissen, welche Dämonen tatsächlich in Kyles Seele lauerten nach allem, was er durchgemacht hatte. Würde er je wieder davon genesen? Und was wenn nicht?
   Um sich abzulenken, zog sich Proud in die Bibliothek und zu den Büchern zurück. Das Wissen ihres Urahn hatte ihm inzwischen etliche Fragen beantwortet. Die Chancen standen gut, dass er noch mehr herausfand. Vielleicht auch, was genau Whigfield mit seinen vagen Andeutungen gemeint hatte. Aus diesem Mistkerl war mit all seiner Manipulationsfähigkeit nur schwer etwas herauszubekommen gewesen. Offenbar waren andere geschickter als er und hatten eine Art Datenschutz im Kopf des Mediziners eingebaut. Aber sie brauchten jedes bisschen Wissen, das sie finden konnten. Sie mussten vorbereitet sein auf das, was auf sie zukam. Egal, ob Beth noch mit da drin steckte oder nicht. Auf eine gewisse Weise tat sie es so oder so, denn auch die Azrae würden nicht schadlos aus dem hervorgehen, was mit der Prophezeiung in Gang gesetzt wurde. Er musste herausfinden, wie sie die Dinge lenken konnten. Von Beth abgesehen empfand Proud inzwischen aber auch eine Verantwortung für all die anderen, die gekommen waren. Für Kesha, die ohne Zögern bereit gewesen war, auf ihrer Seite zu stehen. Für das Kind, das in Malory wuchs. Für das Mädchen, das Kyle in Südamerika gefunden und hergeschickt hatte und das bei Samuel untergebracht war. Für die Kleine, die zusammen mit Beth in Genf gefangengehalten worden war. Für die Surferin, die wie vom Erdboden verschwunden war. Für Haley und all die anderen, die hier aufgetaucht waren, deren Namen er sich im Augenblick aber einfach nicht merken konnte, weil in seinem Kopf nur Platz für die Sorge um Beth war.
   Angst lähmte Proud für einige Sekunden, presste die Luft aus seinen Lungen und ließ ihn schwindlig werden. Fahrig strich er sich übers Gesicht und anschließend durch die Haare. Er rieb sich die brennenden Augen, blinzelte, dann konzentrierte er sich wieder auf das Buch, das vor ihm lag. Damit konnte er wenigstens für ein paar Stunden alles andere ausblenden – und tat etwas Nützliches.
   Als er es aufschlug, merkte er allerdings sofort, dass er schon wieder das Buch mit den Anagrammen gegriffen hatte.
   »Fuck!« Für diese Spielereien hatte er keine Nerven. Er schob es beiseite; aufgeschlagen auf irgendeiner beliebigen Seite, in die er gerade gefasst hatte.
   Das nächste Buch auf dem Stapel handelte von einer Zeit lange vor dem Höllenfall. Gut, es war nie verkehrt, bei den Wurzeln zu beginnen. Irgendwo hier drin stand vielleicht etwas von Lazarus. Wer er war und wie man ihn aus dem Garten Eden vertrieben hatte.
   Lazarus – Luzifer …, gab es da eine Verbindung? Außer dass beide Namen mit L begannen. Auf den ersten Blick nicht. Warum glaubten die Menschen, dass Luzifer der Teufel war? Irgendjemand hatte das einmal niedergeschrieben, doch aus welcher Quelle bezog derjenige sein Halbwissen? Für ihn – für alle Gefallenen – gab es nur einen Satan: Lazarus!
   Proud überflog die Seiten, versuchte mit offenem Geist zu lesen und die Worte mehr in seinem Inneren zu erkennen, statt nur mit seinen Augen. Die Antwort war vielleicht ganz nah. Lazarus – Luzifer – Lazarus – Luzifer – Laz – Luz … Luz?
   Er stockte. Magnus de la Luz. Konnte das sein? War Magnus Luzifer? Aber wer war dann Lazarus und warum saß er in der Zelle und nicht Magnus? Er war auf der Spur, das fühlte er, aber so ganz passte es noch nicht zusammen. Hastig las er weiter. Die Aufregung sensibilisierte seine Sinne, machte sie überempfindlich. So sehr, dass sein Kopf plötzlich eigene Wege ging.
   Als er den Namen Samuel las, konnte Proud einen Aufschrei nicht unterdrücken. Doch sobald er das Wort fokussierte, erkannte er, dass er sich verlesen hatte. Dort Stand Samael, nicht Samuel. Freud’sche Fehlleistung, schoss ihm als Erstes durch den Kopf. Dann die Frage, ob das ein Zufall war? Samael – Samuel …, eine ähnliche Spielerei wie Lazarus und Luzifer? Er schüttelte den Kopf, versuchte das Gedankenkarussell, das darin zu rasen begann, unter Kontrolle zu bringen. Verdammt, es gab keine Zufälle in diesem gottverdammten Scheiß! Das zumindest hatten ihn die letzten Monate gelehrt. Aber was sollte Samuel damit zu tun haben? Außer, dass er natürlich ganz ohne Frage die Nephilim gezeugt hatte. Wie passte es mit seinem Verhalten ihm gegenüber zusammen, wenn er tatsächlich so tief in die Anfänge ihrer aller Fall involviert war?
   Er war offen gewesen, oder etwas nicht? Lockte er ihn nur auf eine falsche Spur? Fütterte er ihn mit falschen Informationen, schmierte ihm mit seinen Schmeicheleien, dass er ihn für den besseren Gefährten für seine Tochter hielt, Honig um den Mund, nur um zu verhindern, dass er ihm in die Quere kam?
   Ein grimmiger Zug legte sich um Prouds Lippen. Flüchtig huschte sein Blick auf die offene Seite des Anagramm-Buches … und ihm stockte der Atem. Wie in Zeitlupe zog er den Folianten vor sich, legte ihn über das Buch mit dem Höllenfall und schalt sich selbst einen Narren, dass es ihm nicht viel früher aufgefallen war. Aber wie auch? An so etwas dachte doch niemand.
   Verdammt, er hätte daran denken müssen! Schon wegen des Zuchtprogramms. Samael – Samuel – der seinen Samen gab für eine neue Rasse. Wie konnte das geschehen, ohne den passenden weiblichen Schoß. Und dann die Bilder, die er ihm selbst gezeigt hatte. Der weibliche Engel; wie er sich auflehnte, wie er fiel. Die Zeichen waren alle da gewesen, und er blind.
   »Sara Luz – Lazarus! Dein Urahn war ein weiser Mann.« Die tiefe Stimme hinter ihm ließ Proud schaudern. Er drehte sich nicht um, doch seine Hände ballten sich zu Fäusten.
   »Sie verdammter Bastard!«
   »Wieso?«, fragte Samuel. Er trat neben ihn, zog sich einen Stuhl heran und nahm unaufgefordert darauf Platz. Wie er hier reingekommen war, noch dazu vollkommen lautlos, erschloss sich Proud nicht, verwunderte ihn jedoch ebenso wenig.
   Beth’ Vater betrachtete ihn nachdenklich, während Proud das Verlangen niederrang, ihm an die Gurgel zu gehen. Sams Brauen waren leicht gerunzelt und das dämmrige Licht der Schreibtischlampe ließ die Linien in seinem Gesicht tiefer erscheinen. Oder alterte er tatsächlich? Proud schien, als wäre auch sein Haar grauer geworden und in seinen Augen lag ein solch tiefer Schmerz, dass es ihm eng in der Brust wurde, als wäre es sein eigener. Gerade als er sich fragte, ob da noch immer das stolze Oberhaupt einer Grigori-Familie vor ihm saß oder ein gebrochener Mann, straffte Samuel die Schultern und seine Miene nahm wieder jenen entschlossenen Ausdruck an, den er von ihm kannte.
   »Ich war ehrlich zu dir, erinnere dich. Sagte ich dir bei einem deiner letzten Besuche nicht, dass niemand besser wüsste als ich, wie gefährlich die Macht von Lazarus ist.«
   Das war wohl ein schlechter Witz.
   »Lazarus?«, schnappte Proud höhnisch über diese unnötige Heuchelei, die den Anflug von Mitgefühl in ihm augenblicklich wieder erstickte. »Ich denke, wir können das Kind nun beim Namen nennen. Sie haben es ja gerade schon getan.«
   Samuel nickte, in seinen Augen stand keinerlei Schuldgefühl. Wie weit war er wirklich in beide Zuchtprogramme verstrickt? Oder hatte Whigfield versucht, ihn in die Irre zu führen? Nein, unmöglich, er war ein Mensch. Er konnte sich der Manipulation nicht dermaßen entziehen. Er hatte Proud nicht tiefer gehen lassen, aber was er gesagt hatte, war die Wahrheit gewesen.
   Natürlich hätte Proud Samuel darauf ansprechen können, aber noch war er sich unschlüssig, ob er seine Begegnung mit Whigfield überhaupt vor dem Grigori zur Sprache bringen wollte. Oder all die anderen Dinge, die ihm gerade im Kopf herumspukten.
   »Sara«, raunte Samuel versonnen. »Sara Luz. Magnus Schwester. Gemeinsam haben die beiden den Himmel gestürzt. Und ich war Teil davon, das kann ich nicht leugnen.« Der Grigori seufzte tief. »Für Jahrtausende war ich ihr ergebener Diener. Habe mich blenden lassen und ihr gehorcht. Als ich meinen Fehler erkannte, stellte ich mich gegen sie und habe den Seraphim geholfen, sie zu bannen. Dafür wird sie mich ewig hassen.«
   »Und um wieder gut Wetter zu machen, helfen Sie dem Bruder dabei, sie wieder zu befreien, indem sie die Nephilim zeugen, die ihr Gefängnis öffnen können?« Das konnte ja wohl nicht sein Ernst sein. Offenbar wäre es doch besser gewesen, er hätte sein Misstrauen gegenüber Samuel van Vaughn nicht beigelegt. Was sollte das alles? Wenn das der Plan war, konnten die ihn mal kreuzweise. Für so was würde er weder sein Leben riskieren noch das von irgendjemand anderem, den er liebte.
   Beth’ Vater zögerte mit der Antwort und sein Blick glitt an Proud vorbei hinaus in die Nacht. »So einfach ist das leider nicht, Proud. Es stimmt, ich diente ihr einst, doch sie verlor den Verstand und strebte an, was ihr nicht zustand. Sie hat den Himmel in Blut getaucht, und ich kann unmöglich zulassen, dass sie oder Magnus beenden, was sie angefangen hat. Ich weiß, was sie tat, war falsch und ich weiß auch, dass sich ihr Begehr in all den Jahrtausenden nicht geändert hat. Darum bitte ich dich, mir zu glauben, dass ihre Befreiung das Letzte ist, was ich beabsichtige, auch wenn es gerade so scheinen mag.«
   Er holte tief Luft und sah Proud unerwartet offen ins Gesicht. »Ich bin hier, um dir die Wahrheit zu sagen. Die ganze Wahrheit.«
   Proud schnaubte ungehalten. »Sie erwarten nicht von mir, dass ich Ihnen das noch glaube.« Samuel wich seinem Blick nicht aus. Oh, nein, er war nicht gebrochen. Sein Stolz war da wie eh und je, und Proud war klar, er würde sich nicht entschuldigen oder rechtfertigen, weil er gewisse Details bisher verschwiegen hatte. »Warum jetzt?«, wollte er von Beth’ Vater wissen. »Warum nicht schon beim ersten Mal?«
   »Ich war mir nicht sicher. Du wirst mir zustimmen, Vertrauen sollte man nicht leichtfertig verschenken, denn Freund und Feind sehen einander zum Verwechseln ähnlich dieser Tage. Wir waren gerade erst am Anfang. Dir die ganze Wahrheit zu sagen, hätte auch im Desaster enden können. Magnus wird nicht zögern, mich zu vernichten, wenn er merkt, dass ich ihm in die Quere komme.«
   »Trotzdem wollen Sie jetzt ehrlich sein? Was ist der Grund für diesen Sinneswandel?«
   Er beobachtete van Vaughn genau, war auf der Hut. Wenn dieser Kerl glaubte, ihn weiter hinters Licht führen zu können, hatte er sich geschnitten. Andererseits, wenn er wirklich die Antworten hatte, die ihnen fehlten … Einem starken Verbündeten sollte man nicht die Tür vor der Nase zuschlagen. Solange er seine Fahne nicht nach jedem Wind neu ausrichtete.
   »Ich verüble dir dein Misstrauen nicht. Du hast allen Grund dazu, denn bei dem, was gerade begonnen hat, wird jeder versuchen, die richtigen Bündnisse zu schließen, um nicht unterzugehen. Jemand hat mir dazu geraten, dich ins Vertrauen zu ziehen, und zwar ohne Wenn und Aber, weil es wichtig ist. Ich muss zugeben, dass dieser jemand recht hat. Es wird Zeit, sich endgültig zu entscheiden, mit allen Konsequenzen. Sonst ist es womöglich zu spät. Wirst du mir zuhören? Um ihretwillen?«
   Es war keine Frage, dass er von Beth sprach. Für sie würde Proud alles tun. War das ein Köder? Van Vaughn sprach von Vertrauen. Es war wohl von beiden Seiten nötig, wenn daraus etwas Nützliches entstehen sollte.
   Proud dachte nach. Was riskierte Samuel? Und was konnte er gewinnen? Auf der anderen Seite: Wenn er die Wahrheit sagte, was konnten sie gewinnen?
   Seine Nackenhaare sträubten sich, wodurch er sich Logan unangenehm nahe fühlte. Trotzdem sagte ihm eine innere Stimme, dass er diese Chance nutzen musste. Also nickte er schließlich.
   »Gut. Es wird eine lange Nacht, Proud. Vermutlich wirst du vieles nicht sofort verstehen, sondern erst darüber nachdenken müssen. Alles, was ich dir versprechen kann, ist dass es keine Geheimnisse mehr geben wird. Was du mit diesem Wissen anfängst, wird allerdings deine Sache sein. Ich hoffe, dass ich mich nicht in dir täusche.«
   Das konnte Proud ihm nicht versprechen, da er keine Ahnung hatte, welche Erwartungen der Grigori in ihn setzte. Dieses Risiko mussten sie wohl eingehen.
   »Lass uns gehen. Ich habe hier schon viel zu viel gesagt. Alles weitere würde ich gern in die Kammer verlegen, wo wir ungestört sind. Nimm das da mit.« Er deutet auf das Buch mit den Anagrammen. »Darin sind weit mehr Antworten enthalten, als du ahnst. Ich werde dir helfen, sie auch zu finden.«

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