Die junge Louisa wird seit einem Überfall von Angstzuständen geplagt und hat das Gefühl, ihr Leben nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Als sie den geheimnisvollen Dorian kennenlernt, ahnt sie zunächst nicht, was sich hinter seiner schönen und wohlhabenden Fassade verbirgt. Hartnäckig erobert er ihr Herz, doch schon bald gerät sie in die Fänge seiner Feinde: Vampire, die es auf sein einzigartiges, mächtiges Blut abgesehen haben. Wird sie diese neuerlichen Schrecken überstehen oder wieder dem Alkohol verfallen? Vielleicht sollte sie sich lieber an den sterblichen Eric halten, der weit mehr für sie empfindet, als sie ahnt. Oder sollte sie Dorian vertrauen und in seine düstere Vampirwelt eintauchen, um für ihre Liebe zu kämpfen und hinter das Geheimnis seiner Macht zu kommen?

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ISBN: 978-9963-52-259-0

Seiten: 356

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Sandra Florean

Sandra Florean
Sandra Florean wurde 1974 als echte Kieler Sprotte geboren und wohnt noch jetzt in der Nähe der Kieler Förde. Obwohl sie bereits als Jugend­liche Geschichten und Gedichte zu Papier brachte, absolvierte sie erst die Ausbildung zur Schifffahrtskauffrau, um eine solide Grundlage zu haben. Seitdem arbeitet sie als Sekretärin in der Verwaltung. Dem Fantastischen blieb sie jedoch treu und schneiderte historische und fantastische Gewan­dungen, jahrelang sogar selbstständig mit einer eigenen Schneiderei. Erst die »Nachtahn«-Reihe brachte sie zurück zum geschriebenen Wort. Seit ca. 2011 widmet sie sich ihren erdachten fantastischen Welten intensiver, veröffentlicht regelmäßig in unterschiedlichen Verlagen und ist zudem als Herausgeberin und Lektorin tätig. Ihr Debüt »Mächtiges Blut« wurde auf dem Literaturportal Lovelybooks zum besten deutschsprachigen Debüt 2014 gewählt. 2018 bekam sie für ihre Tätigkeit als Herausgeberin von »The U-Files. Die Einhorn Akten« den Deutschen Phantastik Preis für die beste Kurzgeschichtensammlung 2018 verliehen.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1

Wie schon an so vielen Abenden zuvor tauchte ich an jenem Freitag voller Vorfreude auf einen amüsanten Abend in das mitreißende Nachtleben der Großstadt, in deren Nähe ich lebte, ein. Angefangen in einem Klub mit dem nichtssagenden Namen R7. Ich genoss das pulsierende Leben um mich herum und sog die von Rauch und menschlichen Ausdünstungen geschwängerte Luft ein. Als ich mich wie üblich an die Tanzfläche stellte, um den Tanzenden zuzusehen, blieb ich an einer unscheinbaren Brünetten hängen. Ich hätte nicht sagen können, warum mein Blick gerade an ihr haften blieb. Im Gegensatz zu den vielen anderen aufgedonnerten Schönheiten wirkte sie eher schlicht. Lange rotbraune Haare, figurbetonte schwarze Bluse mit kurzen Ärmeln, enge Jeans – alles nicht bemerkenswert. Wahrscheinlich hätte sie in einem eng anliegenden Kleid für mehr Aufsehen gesorgt. Die Figur dafür hatte sie allemal.
   War es ihr suchender Blick, der unauffällig hierhin und dorthin schweifte, oder ihre hingebungsvolle Art zu tanzen, die einen Mann hoffen lassen konnte, sie auch bei anderen Gelegenheiten so hingebungsvoll erleben zu können? Oder die kraftvollen Bewegungen schlanker Arme, die auf einen starken, eigenwilligen Charakter schließen ließen? Vielleicht war es ihr für mein Empfinden wohlproportioniertes Gesicht: hohe Wangenknochen, volle Lippen, schön geschwungene Augenbrauen. Es war etwas an ihr, das ich nicht erklären konnte, mich aber trotzdem anzog. Das sprichwörtliche gewisse Etwas?
   Ich beobachtete sie eine Weile, bis sie die Tanzfläche verließ und zur Bar ging. Mein Blick folgte ihr beinahe ungewollt. Sie hielt das Glas ihres Cocktails fest umklammert und spielte mit dem Strohhalm. Drehte ihn linksherum, rechtsherum, stieß ihn ins Eis, als könnte sie es mit dem Plastikröhrchen zerstoßen. Führte ihn an ihre ungeschminkten Lippen und tat einen kräftigen Zug, ohne den Strohhalm loszulassen. Als müsste sie ihn bändigen, um aus ihm trinken zu können.
   Es war wohl die sinnlichste Szene, die sich mir je in so einem Klub geboten hatte. Von einem Geschöpf, auf das die Beschreibung sinnlich nicht passen wollte. Ich war fasziniert.
   Ich fing ihren Blick ein und ging zu ihr. In dem Moment, in dem ich sie ansprach, schien ein anderes Wesen die Kontrolle über meine Zunge übernommen zu haben. Ich konnte bei den ersten an sie gerichteten Worten innerlich nur entsetzt mit dem Kopf schütteln. Das war nicht der verführerische, wortgewandte Dorian. Es war ein Wunder, dass sie sich nicht sofort weggedreht hatte.
   Keine Ahnung, welcher Teil meiner Persönlichkeit das Sprechen für mich übernommen hatte. Ich hoffte, er versaute es nicht noch ganz. Es gab drei Grundregeln, das hatte ich bereits gelernt, wenn man bei einer Frau landen wollte. Erstens: Gib ihr niemals die Zügel in die Hand. Zweitens: Gib ihr niemals die Zügel in die Hand, und drittens: Gib ihr niemals die Zügel in die Hand. Und mach ihr Komplimente. Das war keine Grundregel, das sollte Mann sowieso tun. Mein anderes Ich schien nicht eine dieser Regeln zu kennen. Das Kompliment, das ihm einfiel, war eine Beleidigung, selbst für mein eher männlich geprägtes Empfinden.
   Ich schüttelte innerlich resigniert den Kopf, war ich doch kurzzeitig besessen von einer absolut unerfreulichen Seite meines Selbst – und hatte es tatsächlich versaut.

*

»Dreh dich jetzt bloß nicht um«, rief Annie mir durch die laut dröhnende Musik hinweg zu. »Auf sechs Uhr. Der mit den längeren Haaren starrt dich schon die ganze Zeit an. Sieht sexy aus. Und schicke Klamotten!« Sie riss vielsagend die Augen auf.
   Ich drehte mich unauffällig beim Tanzen in die besagte Richtung. Das R7, einer der beliebtesten Klubs der Stadt, war sehr gut besucht, und das ewig flackernde Stroboskoplicht machte es zusätzlich schwer, etwas zu erkennen. »Wer denn?«
   »Helle Haare, dunkelblaue Jeans, Designerhemd, hält ein Glas in der Hand. Er hat einen durchdringenden Blick, sieht ziemlich gut aus und lächelt hier herüber.«
   Ich starrte sie an. Wahrscheinlich sahen achtzig Prozent der Typen hier so aus. Ich drehte mich noch einmal tanzend und glaubte, ihn entdeckt zu haben. Er war auf den ersten Blick nicht wirklich interessant und entsprach nicht meinem »Beuteschema«. Ich gab Annie ein Zeichen.
   Wir verließen die Tanzfläche und gingen an ihm vorbei. Ich war hier, um jemanden kennenzulernen, und machte mir nicht die Mühe, um den heißen Brei herumzureden, beziehungsweise zu laufen. Außerdem musste ich nah genug heran, um etwas erkennen zu können. Das Auge isst schließlich mit, wie man so schön sagt.
   Wir schlenderten wie zufällig an ihm vorbei.
   Sein Blick folgte uns weiter, nachdem wir die Tanzfläche verlassen hatten. Als ich nah genug herangekommen war, ging ich schnell in Gedanken meine üblichen »Checkpoints« durch, wie wir sie spaßeshalber nannten.
   Ein bisschen zu groß – geht gerade noch; schicke, saubere Schuhe und extrem gut sitzende Hose – sexy; nettes Lächeln – aber zu selbstsicher; lange Haare – geht überhaupt nicht. Ich rauschte vorbei und schüttelte den Kopf, als Annie sich kurz zu mir umdrehte. »Nicht mein Typ.«
   »Was du immer hast«, sagte sie, nachdem wir an der Bar angekommen waren. »Er könnte sie doch abschneiden.«
   Natürlich kannte meine Freundin meine Kriterien, die es zu erfüllen galt, wollte Mann mich beeindrucken. »Wenn er sich erst ändern muss, um mir zu gefallen, kann ich mir auch gleich einen anderen suchen«, erwiderte ich und bestellte uns zwei Cocktails.
   »Probier’s doch einfach mal aus. Ich meine, du bist doch eh nicht auf der Suche nach was Festem. Und es sind nur Haare!«
   Da hatte sie unrecht. Ich war immer auf der Suche nach etwas Festem, nur die Männer, die ich kennenlernte, für gewöhnlich nicht.
   »Er schaut immer wieder rüber.« Annie verpasste mir einen Stoß in die Rippen.
   »Au! Wenn ich nichts anderes finde, schau ich mal, ob er mich anspricht. Zufrieden?«, sagte ich, damit sie endlich Ruhe gab. »Oder du baggerst ihn an.«
   Annie lachte, wobei ihre blonden Locken wippten. »Mich guckt er aber nicht an. Und ’ne Abfuhr muss ich mir heute nicht unbedingt abholen.«
   Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Annie ihm nicht gefallen würde. Sie hatte wunderschöne blonde Locken und ein freundliches rundes Gesicht mit stets leicht geröteten Wangen. Mit einem Meter zweiundsiebzig war sie fast zehn Zentimeter größer als ich und hatte eine weibliche Figur, die sie gern mit engen Tops betonte.
   Ich trank meinen Cocktail und spielte mit dem Strohhalm. Der Typ sah verdammt gut aus, da musste ich Annie leider zustimmen. Es waren auch nicht die schulterlangen Haare, die mir nicht gefielen. Ich mochte langhaarige Kerle einfach nicht. In romantischen Ritterfilmen, okay, aber im Bett wollte ich die Mähne eines Mannes nicht im Gesicht haben. Irgendwie wirkte er mir zu selbstsicher. Das gefiel mir nicht. Er wusste genau, dass er gut aussah. Außerdem sah er nach Geld aus. Männer, die wussten, was sie hatten, und wie sie wirkten, spielten nur mit Frauen wie mir. Hier gab es reichlich hübschere Kandidatinnen. Warum sollte er es dann ausgerechnet auf mich abgesehen haben? Bestimmt nur, um mich zu demütigen oder aus Experimentierfreude, oder … wer wusste schon, was sich Männer dachten.
   Ich ließ meinen Blick erneut umherschweifen. Weg von dem Langhaarigen mit seinen Designerjeans und seinem Gewinnerlächeln. Und entdeckte auch prompt etwas, das mir wesentlich besser gefiel. Der Abend versprach, doch noch aufregend zu werden. Eben auf der Bühne des Lebens erschienen: kurze braune Haare – so muss ein Mann aussehen; muskulöse Arme – absolut sexy; etwas schlampige Klamotten – Grunge-Look war zwar seit Kurt Cobains Tod out, aber okay; Bierflasche – sehr sympathisch. Ich beobachtete ihn eine Weile, bis er auf die Tanzfläche ging, und schlenderte hinterher, um ihn eingehender unter die Lupe zu nehmen. Annie blieb an der Bar stehen und sondierte weiter aus.
   Ich tanzte mich unauffällig in seine Nähe, und was ich sah, gefiel mir. Sehr sogar. Jetzt hieß es herauszufinden, ob er allein hier war. Und wenn ja, seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Also stellte ich mich an den Rand der Tanzfläche und hielt nach möglichen Begleitern oder, ärgerlich, Begleiterinnen Ausschau. Ich drehte den Kopf nach rechts, und mein Blick landete in durchdringend blickenden grünen Augen, die mich interessiert musterten und mich einen Moment zu lange festhielten.
   Mist, dachte ich und drehte den Kopf weg, doch es war zu spät. Der Langhaarige hatte es als Aufforderung verstanden und sich bereits in Bewegung gesetzt. »Der Typ ist allein hier«, sprach er mich mit einer angenehm tiefen Stimme an.
   Ich drehte mich überrascht zu ihm um. »Was?«
   »Der Kerl, dem du auf die Tanzfläche gefolgt bist«, erklärte er und wies beiläufig mit seinem Longdrinkglas auf mein Opfer. »Er ist allein hier. Ich hab ihn kommen sehen. Hat aber eine Frau zu Hause. Siehst du den Ring an seinem Finger?«
   Ich merkte, dass mir der Unterkiefer herunterklappte, und schloss den Mund schnell wieder. Das war mir natürlich nicht aufgefallen. Nicht bei dem Licht. Empört guckte ich den Langhaarigen an und überlegte, ob ich mich nicht einfach umdrehen und wegmarschieren sollte, doch irgendetwas an seinem Blick ließ mich innehalten.
   »Tut mir leid, ich bin einfach ein guter Beobachter«, sagte er mit zerknirschtem Gesichtsausdruck, »und ein Idiot im Umgang mit Frauen.«
   Das kann man wohl sagen. Ich stimmte in sein wider Erwarten sympathisches Lachen ein.
   »Ich will dir nicht die Tour vermasseln, aber da der Typ vergeben ist … Ich hab dich vorhin schon tanzen sehen und dachte … vielleicht könnte ich dich auf einen Drink einladen?«
   Ich deutete mit dem Kopf auf sein volles Longdrinkglas.
   Er folgte meinem Blick und leerte es in einem Zug, um es dann auf die Balustrade hinter uns zu stellen. »Wollen wir?«
   Ich schüttelte lachend den Kopf und gab mich geschlagen. Für den Moment. Humor hatte er, das ergänzte ich positiv auf meiner imaginären Checkliste. Und ein tolles Lächeln mit einem süßen Grübchen im Kinn.
   »Was möchtest du trinken?«
   Ich suchte mir den teuersten Cocktail aus, den ich auf der Karte finden konnte. Wollen wir doch mal sehen, ob die maßgeschneiderten Klamotten nur schöner Schein waren. Es gab genügend Männer, die einen den Drink selbst bezahlen ließen, wenn sie einen »einluden«. Er bestellte zwei.
   »Hübsche Bluse.«
   Ich hätte am liebsten laut aufgestöhnt bei so viel Einfallsreichtum. Wenn er jetzt noch den Blick an mir herunterschweifen lässt, drehe ich mich auf der Stelle um und verschwinde. Aber nein, gerade noch mal Glück gehabt. Er hatte den Blick wieder nach vorn gerichtet und schwieg, als wäre ihm seine Anmache peinlich. Ich sah mich nach dem Barkeeper um, der um diese Uhrzeit einiges zu tun hatte. Außerdem wollte ich ihn möglichst nicht ansehen, um ihn nicht zu sehr zu ermutigen.
   »Du bist mir sofort aufgefallen.«
   Nun musste ich ihn doch ansehen. Er schien das ernst zu meinen. »Ja. Danke«, erwiderte ich und versuchte ein Lächeln. Du mir nicht.
   Wieder schwieg er, und dieses Schweigen wurde langsam unangenehm. Ich blickte mich noch einmal nach dem Barkeeper um, doch der war spurlos verschwunden. Langsam wurde ich ungeduldig, weil die Getränke nicht kamen. Ich versuchte, nicht zu lange in die Richtung des Langhaarigen zu schauen. Dass er mich immer noch ansah, spürte ich an einem leichten Kribbeln im Nacken.
   »Bist du öfter hier?«
   Das war wohl die plumpste Frage, die man in so einer Situation stellen konnte. Meine Güte! Ich drehte den Kopf ganz weg und die Augen nach oben. Meinte er, dass sein gutes Aussehen alles war? Dass ich ihm sofort um den Hals fallen würde, weil er so schön lächelte und mir einen Drink spendieren wollte, der ja noch nicht einmal geliefert wurde? Oder war er ein bisschen dumm? Also dumm in Sinne von nicht-so-schlau?
   »Joa«, antworte ich unbestimmt. »Und du?«
   Dämliche Konversation kann ich auch betreiben, wenn es das ist, worauf du stehst, hätte ich am liebsten laut hinzugefügt. Ich schaute zu ihm auf. Seine Haut war ziemlich blass. Er wirkte, als wäre er krank gewesen. Sein Gesicht schmückte noch immer dieses selbstsichere Lächeln, wofür ich ihm am liebsten eine reingehauen hätte. Doch es wirkte wie eine Maske. In seinen grünen Augen spiegelten sich ganz andere Emotionen wider. Interesse sah ich, klar, aber auch Hilflosigkeit. Und Ärger? Sein Blick ließ mir einen Schauder über den Rücken laufen und wollte überhaupt nicht zu dem passen, was er bisher von sich gegeben hatte.
   »Bitte schön, ihr beiden.« Die Stimme des Barkeepers ließ uns herumfahren.
   Der Langhaarige zückte sofort sein Portemonnaie und bezahlte, gab der Tresenkraft sogar ein Trinkgeld, obwohl ich nicht fand, dass er das verdient hatte. Wahrscheinlich wollte er damit Eindruck schinden. Half aber auch nichts mehr.
   War es sehr dreist, jetzt zu gehen? Irgendwie hatte ich bei so etwas immer ein schlechtes Gewissen. Nicht, dass ich das häufiger machte, aber es kam schon mal vor. Er hatte mich auf einen Drink einladen wollen. Das hatte er nun getan, die Unterhaltung mit ihm war mehr als öde, und er war einfach nicht mein Typ. Sollte ich wirklich noch länger hier herumstehen und meine Zeit vergeuden? Oder sollte ich ihm einfach sagen, dass er sich bescheuert angestellt hatte und selbst schuld war, dass ich ging? Ich nahm ihm das Glas aus der Hand und stieß mit ihm an. Wir nahmen einen verlegenen Schluck.
   »Ähm, vielen Dank für die Einladung.«
   »Gern geschehen«, kam prompt die sahneweiche Antwort.
   Ehrlich gemeint. Ich seufzte. Das machte es nicht leichter. Komischer Kauz. »Sei mir nicht böse, aber ich muss zurück zu meiner Freundin. Sie macht sich bestimmt schon Gedanken, wo ich geblieben bin. Vielen Dank noch mal. Und, äh … man sieht sich.« Ich deutete noch einmal kurz auf den Cocktail und machte mich dann schnellstens aus dem Staub, ehe er oder mein aufkeimendes schlechtes Gewissen mich davon abhalten konnte.

*

»Hey, ich glaub, die Kleine steht einfach nicht auf dich«, hörte ich eine höhnisch quäkende Stimme neben mir.
   Ich war so vertieft in die Betrachtung des schlichten Geschöpfes und so entsetzt von dem vorübergehenden Kontrollverlust, dass ich nicht auf die Alarmglocke in meinem Kopf gehört hatte. Noch bevor ich mich ganz zu der Stimme umgedreht hatte, wusste ich, dass er ein Vampir war. Ich spürte seine kaum ausgeprägten Kräfte und erkannte, dass es ein sehr junger sein musste.
   Er hatte blonde ungepflegte Haare und ein böses Grinsen in einem Gesicht, das hübsch hätte sein können, wäre es nicht durch grausame Züge entstellt. Seine Augen waren milchig blau mit rotgeränderter Iris. Er hatte also getrunken und wahrscheinlich ein sinnloses Blutbad angerichtet, so wie er roch. Und er war berauscht. Es war mehr als ein Opfer gewesen.
   Ich fixierte ihn mit durchdringendem Blick. Er glotzte mich an, und ich gab ihm eine kleine Demonstration meiner sehr viel älteren Vampirmacht. Was ich vielen voraushatte, war mein mächtiges Blut, mit dem ich ihr schwaches in Wallungen versetzen konnte. In tödliche Wallungen.
   Er biss die Zähne zusammen, um sich nichts anmerken zu lassen.
   »Verpiss dich aus meiner Stadt, das hier ist mein Jagdrevier. Und räum das Gemetzel auf, das du angerichtet hast.« Ich gab ihn frei.
   Er taumelte ängstlich davon. Diese jungen Vampire! Alles Vollidioten. Keinen Respekt mehr. Abstoßend. Aber er würde tun, was ich ihm geraten hatte, denn er wusste, dass ich ihn tatsächlich töten konnte und es auch ohne mit der Wimper zu zucken tun würde.
   Es war nicht leicht, einen Vampir zu töten. Das ließ die meisten Frischlinge auch so ausflippen. Sie fühlten sich unsterblich, unbesiegbar, gottähnlich. Waren sie aber nicht. Alles konnte sterben. Man musste nur wissen, wie. Knoblauch, Kreuze, Holzpflöcke – das konnte man getrost vergessen. Wobei man mit den Holzpflöcken wenigstens Schmerzen verursachen konnte. Da die meisten Vampire jedoch sehr masochistisch veranlagt waren, brachte einen das mit den Holzpflöcken auch nicht weiter. Was einen Frischling todsicher töten konnte, war Feuer. Nur so ließ sich der durch Blut künstlich am Leben erhaltene Körper vollends zerstören. Aus der Asche eines Toten entsteht kein neues Leben mehr. Asche zu Asche, genau. Doch einen Vampir zu verbrennen, war nicht so leicht, da er kaum lange genug stillhalten würde. Außer man verfügte über meine besonderen Kräfte, die es mir ermöglichten, andere Vampire quasi von innen heraus zu verbrennen, indem ich ihr Blut Kraft meines Willens erhitzte. Doch die waren einzigartig auf dieser Erde und ich musste es wissen. Immerhin teilte ich mein Blut so gut wie nie und hatte einen Großteil der anderen mächtigen Vampire ausgelöscht und mit ihrem Blut deren Kräfte in mich aufgenommen. Vampire, die ihr Blut bereitwilliger an solche Schwächlinge weitergaben als ich. Deshalb war es vielleicht verständlich, dass sich diese selbstverliebten Frischlinge unsterblich fühlten und sich benahmen, als könnte sie nichts und niemand aufhalten.
   Aber nicht mit mir! Das hier war meine Stadt. Mein Zuhause. Ich wollte diese Schwachmaten nicht in meiner Nähe haben. Genau das hatte ich dem quäkenden Vollidioten eben demonstriert. Deshalb wusste ich, dass er noch heute Nacht verschwinden würde und jedem seiner unterbelichteten Freunde raten würde, das Gleiche zu tun. Er hatte eine Heidenangst vor mir gehabt, und das sollte er auch.
   Das Objekt meiner neu erwachten Begierde war mit ihrer Freundin gegangen. Geflohen. Ich Anfänger hatte nicht einmal ihren Duft eingesogen. Einmal bewusst wahrgenommen hätte ich ihn überall wiederfinden können. Vampire wären die perfekten Drogenhunde, sollten wir uns jemals entschließen, einem ehrlichen Handwerk nachzugehen.
   Ein sonderbares Geschöpf. Meine ganze Erscheinung war geschaffen, um zu betören, zu gefallen, um angehimmelt zu werden. Ich war ein bisschen wie Batman beziehungsweise Bruce Wayne, nur eben nicht in Strumpfhosen, sondern Designerjeans: reich, schön, gebildet und geheimnisvoll. Jede Frau drehte sich nach mir um und unterlag meinem Charme und meinem Blick. Für menschliche, aber auch vampirische Augen war mein Äußeres umwerfend schön und anziehend. Manchmal ein Fluch, aber ich will mich nicht beschweren. Wer sieht nicht gern auffallend gut aus? Ich fragte mich, warum sie völlig unbeeindruckt von mir war. Wie konnte es sein, dass ich »nicht ihr Typ« war?

*

»Warum hast du’s denn auf einmal so eilig?«, fragte Trudy, als Steve sie am Arm packte, um sie aus dem Klub zu zerren.
   »Hier ist ein älterer Vampir.« Steve zog sie weiter hinter sich her. »Lass uns einfach verschwinden.«
   Sie verdrehte sich den Kopf, bevor sie die Tür erreicht hatten. »Wo denn?«
   »Scheißegal. Nur weg hier. Der macht uns sonst fertig.«
   Als sie auf der Straße waren, konnte sie sich endlich aus seinem Griff befreien. Sie zog ihr extrem enges Kleid wieder etwas runter, das ihr beim Laufen so hoch gerutscht war, dass die Leute in der Schlange vor dem R7 beinahe gesehen hätten, was sie darunter trug. Beziehungsweise, was nicht. Sie hatte schon als Sterbliche einen Wahnsinnskörper mit großen Brüsten und einer schmalen Taille gehabt. Aber als Vampir fühlte sich alles so viel besser an, dass sie nie Unterwäsche trug. Sie wirkte so viel anziehender auf alle Männer, was sie genoss, wenn sie mit Steve tanzen ging. Genau das war auch für diesen Abend geplant. Sie ärgerte sich, denn sie waren erst gekommen, und sie hatte sich extra chic gemacht. Das kleine Schwarze mit dem tiefen Ausschnitt angezogen, hochhackige Pumps, die Haare gewaschen und sauber über eine Rundbürste geföhnt und dunklen Kajal aufgelegt. Sie sah absolut sexy aus und wäre wie immer der Hingucker des Abends gewesen. Auch wenn sie ein Vampir war, wollte sie wie normale Leute ausgehen und angebaggert werden.
   Sie lief hinter Steve her in eine dunkle Gasse nur wenige Hundert Meter entfernt. Dort hatten sie die drei Leichen achtlos in einen Haufen Kartons und Müllsäcke geworfen.
   »Was soll das denn jetzt?«, fragte sie ihn, als er sich an den Dreien zu schaffen machte.
   Er stierte sie an. Eigentlich hätte er ganz gut ausgesehen mit seinen blonden kurzen Haaren und dem kantigen Gesicht, wenn er sich nur nicht so gehen lassen würde. Er sah immer ein bisschen schmuddlig aus. Wechselte seine Klamotten nicht häufig genug und wirkte ungewaschen, selbst wenn er geduscht hatte.
   »Hol die Scheißkarre, Trudy, wir müssen die hier wegschaffen!«
   »Okay, okay, nun reg dich mal nicht auf. Ich geh ja schon.« Arschloch! Regte er sich auf, war er echt ein Dreckssack. Wenn er satt und berauscht und guter Laune war, war er nett und lustig und man konnte viel Spaß mit ihm haben. Aber da gab es noch diese andere Seite an ihm, die immer zum Vorschein kam, wenn etwas nicht so lief, wie er sich das vorgestellt hatte, oder wenn jemand nicht nach seiner Pfeife tanzte. Steve konnte nicht nur ein brutales Arschloch sein, er war auch schlichtweg dumm. Eine gefährliche Mischung.
   Das hatte sie bereits als Sterbliche gelernt, bevor er sie zu dem gemacht hatte, was sie jetzt war. Obwohl ihm das sicher nur aus Versehen passiert war. Mittlerweile kümmerte es sie nicht mehr so sehr, wie er sich benahm. Alles, was er ihr antat oder angetan hatte, war der Preis für das größte Geschenk, das er ihr hatte machen können. Ein Vampir zu sein und keine hilflose sterbliche Frau mehr, war das Beste, was Trudy sich vorstellen konnte. Sie war stärker als jeder Kerl, und sie konnte ihnen alles heimzahlen, was sie jemals ihr oder anderen Frauen angetan hatten. Die Macht zu haben, Vergewaltiger und andere Dreckskerle einfach umzubringen, berauschte sie. Sie um ihr Leben wimmern und winseln zu hören, war fast besser als Sex. Endlich war sie stärker!
   Stärker als Steve war sie leider nicht, was er ihr auch gern demonstrierte. Sie hätte sich längst von ihm befreit, aber sie wusste nicht, ob sie allein zurechtkommen würde und wie sie ihn loswerden sollte. Einen Vampir tötete man ja nicht einfach so. Aber was hatte Steve da eben gefaselt von einem der alten Vampire? Wenn es hier einen Alten gab, vielleicht würde der ihr helfen, Steve loszuwerden? Vielleicht konnte der ihre Fragen beantworten und sie unterrichten? Neue Hoffnung keimte in ihr auf.
   Sie hatte schnell bemerkt, dass sie plötzlich Dinge konnte, die sie als Sterbliche nicht gekonnt hatte. Doch sie hatte keinerlei Kontrolle darüber und wusste nicht, wie sie das alles bewusst und gezielt einsetzen konnte. Als sie Steve von ihren Fähigkeiten erzählte, hatte er sie nur blöde angesehen und ihr eine gescheuert, dass sie quer durch den Raum geflogen war. Die meisten Vampire standen auf Schmerzen, Trudy nicht. Würde sie ihm das zeigen, würde er sie nur noch mehr quälen. Also spielte sie sein Spiel mit, so gut sie konnte.
   Rückwärts fuhr sie in die schmale Gasse hinein.
   Steve warf die drei Leichen mühelos in den Kofferraum. Er kam zur Fahrertür gestapft. »Rutsch rüber«, schnauzte er sie mit seiner quäkenden Stimme an, die sie stets an dreckige nicht geölte Scharniere erinnerte, und setzte sich hinters Steuer.
   Mit quietschenden Reifen fuhr er aus der Stadt heraus zu einer stillgelegten Müllkippe, wo sie die Reste ihrer Mahlzeit schweigend entsorgten. Dann fuhr er im höllischen Tempo zum entgegengesetzten Ende. Normalerweise hätte er sie spätestens jetzt grob betatscht oder gewollt, dass sie ihm einen blies, aber dieses Mal starrte er geradeaus auf die Straße. Trudy hielt lieber ihren Mund.

*

Ich fuhr über den geharkten Kies auf mein prächtiges Anwesen zu. Die kleinen an Bewegungsmelder gekoppelten Lampen rechts und links des Weges beleuchteten meine Niederlage wie zum Hohn. Achtlos ließ ich den Audi A8 vor dem Eingang stehen. Darum konnte sich später der Mechaniker kümmern. Klauen würde ihn hier keiner. Der Zugang zum Haus war mit einer Sicherheitstür und einem Code gesichert. Ich hatte mir die perfekte Fassade eines exzentrischen Selfmade-Millionärs zugelegt. Da gehörte die neueste Sicherheitstechnik quasi zum guten Ton.
   Zu meiner sterblichen Identität gehörte auch eine Erklärung, warum ich so viel Geld hatte. Die Leute wurden misstrauisch, wenn man mehr Geld hatte als sie. Vermuteten, dass es nicht rechtmäßig erworben sein konnte. Was in meinem Fall stimmte, wenn man es genau betrachtete. Eben diese genauen Betrachtungen wollte ich nach Möglichkeit vermeiden. Deshalb hatte ich eine Geschichte kreiert, die ich beliebig ausbauen konnte. Ich war Dorian Fitzgerald, hatte mich selbst reich beerbt (was ja keiner wusste, da es keine Fotos von mir gab) und mit dem Verkauf einer Softwarelizenz zusätzlich viel Geld gemacht, das ich in marode Unternehmen investierte, diese erfolgreich sanierte und daran weiterverdiente. Das klang plausibel und langweilig genug, dass die meisten Leute nicht weiter darüber nachdachten. Mein Unternehmen baute auf etlichen Schein- und Tochterfirmen auf, die schwer miteinander in Verbindung zu bringen waren. Dadurch brauchte ich nie in Erscheinung treten, sondern hatte eine Vielzahl Mittelsmänner an der Hand.
   Ich hätte mir Einfacheres ausdenken können, aber ich mochte es, mir neue Identitäten zurechtzubasteln. Außerdem gab es heutzutage kaum noch eine legale Möglichkeit, zu Reichtum zu kommen. Was dann schnell wieder Neider und die Finanzbehörden auf den Plan rief. Die moderne Welt war kleiner geworden, auch für uns Vampire und ich wollte möglichst lange von meiner erfundenen Identität profitieren. Mein Unternehmen führte ich bereits in der dritten Generation, und niemandem war es aufgefallen.
   Ich ließ die Tür hinter mir zufallen und horchte auf das Klicken des automatischen Schließsystems. Diesen Tag würde ich nicht zur Ruhe kommen, das merkte ich bereits, als ich mich an meinen Mahagonischreibtisch in meinem Arbeitszimmer setzte und den PC anschaltete. Sie würde mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Verdammt! Wie hatte ich das so verbocken können? Und wieso schwirrte sie mir noch im Kopf herum? Was war sie denn schon? Ein Menschlein und nicht einmal ein besonders aufregendes. Obwohl … das stimmte nicht ganz. Sie war aufregend. Das musste sie sein, wenn sie mich, einen gut sechshundert Jahre alten Vampir, der so ziemlich alles gesehen und erlebt hatte, derart aufregte.
   Der flimmernde Monitor machte mich wütend. Ich stand auf und holte mir aus einem Geheimfach im Kühlschrank meiner teuren Designerküche eine Blutkonserve, an der ich lustlos herumnuckelte. Wenn ich wenigstens ihren Namen wüsste, dann hätte ich sie im Internet suchen können. Aber ich wusste nichts. Nicht ihren Namen, nicht ihre Adresse, nicht wo ich sie wieder treffen könnte. So musste man sich als Sterblicher fühlen, wenn man seine Angebetete gefunden und es vermasselt hatte. Moment mal. Angebetete? Was redete ich da? Ich war nur wütend, weil mein Charme bei ihr nicht funktioniert hatte. Oder etwa nicht?
   Ich ließ mich wieder in meinen Ledersessel fallen und drehte den Monitor ein bisschen, um die Füße hochlegen zu können. So starrte ich einen Moment auf die Bilder und Buchstaben. Das Internet war eine absolut grandiose Erfindung! Hätte von mir sein können. Ich liebte es. Es war so … praktisch. Wenn man etwas suchte, tippte man es einfach in eine dieser Suchmaschinen ein und – voilà – erhielt manchmal sogar brauchbare Informationen zu dem Thema. Mit Sicherheit aber jedes Mal ganz erstaunliche andere Dinge. Und all diese Social-Network-Seiten! Großartig. Man konnte jederzeit Gesellschaft haben. Virtuell. Die minutiösen Ergüsse einiger extrem Mitteilungsbedürftiger, die zwar über einen schnellen WLAN-Zugang verfügten, aber dringend eine Generalüberholung ihrer eigenen Festplatte benötigten, waren göttlich. Ich hätte mich so manches Mal totlachen können über diese Flut von bedeutungslosem Schwachsinn, den manche Menschen so von sich gaben.
   Wenn ich nicht schon tot wäre.
   Es war amüsant und süchtig machend, sich auf das Niveau dieser unterbelichteten, arbeitsfaulen, sozial inkompetenten Stubenhocker herabzubegeben und ihre kleine Welt voller Talkshows, Reality-TV und Teleshopping durcheinanderzubringen. Man brauchte nur eine winzig kleine Kritik zur aktuellen Staffel einer dieser total bescheuerten Ich-bin-ein-Super-Hirni-Talentshows anzubringen und löste damit ganze Lawinen von empörten Diskussionen aus und machte sich zum Staatsfeind Nummer eins. Herrlich!
   Also tauchte ich, mit dem Schlauch meines Blutspendebeutels im Mundwinkel und meiner Tastatur auf den Beinen, ein in die Welt des World Wide Web.

*

In ihrem »Zuhause« angekommen, einem renovierungsbedürftigen Reihenhaus, etwas abseits der anderen nicht besser instand gehaltenen Häuser, randalierte Steve wie ein Irrer herum. Das Haus hatte einem älteren Ehepaar gehört, das ein bisschen muffig gerochen und auch so geschmeckt hatte. Sie hatten sie einfach in ihren Fernsehsesseln sitzen lassen, nachdem sie sie ausgesaugt hatten. Trudy fand es abstoßend und machte einen Bogen um sie. Steve schien es nicht zu stören. Er hatte das ganze Haus nach Wertgegenständen durchsucht, doch nicht viel gefunden, und wie ein Tollwütiger Türen eingetreten und Wände eingeschlagen.
   Gerade nahm er die Kücheneinrichtung auseinander. »Nun pack schon deine Scheißklamotten. Der wird uns töten, wenn wir nicht noch heute die Stadt verlassen. Seine Stadt. Mann, der hat mir ’ne Scheißangst eingejagt. Dieser Hurenbock. Was glotzte denn so?«
   Trudy beeilte sich, ihre wenigen Habseligkeiten zusammenzusammeln. Viel war es nicht. Eine Jeans, ein T-Shirt, ein Pulli, ein knappes rotes Kleid und ein hübsches längeres Kleid mit Blümchenmuster für, tja, das wusste sie auch nicht genau. Ein bisschen Schminke und Geld. Leider waren die Klamotten der alten Dame nicht ihr Stil, sie hatte sich lediglich ein bisschen Schmuck genommen, um ihn zu verkaufen.
   Seit sie mit Steve zusammen war, zogen sie kreuz und quer durchs Land. Immer in gestohlenen Autos, deren Eigentümer sie getötet hatten. Sie brachen irgendwo ein, töteten die Hausbesitzer meist im Schlaf. War Steve schlecht drauf, wurde es ein regelrechtes Blutbad. Dann hausten sie einige Tage zusammen mit den mittlerweile toten Bewohnern dort und zogen weiter. Dieses Haus hatten sie erst vergangene Nacht in Beschlag genommen.
   Manchmal taten sie sich mit anderen Vampiren zusammen, wenn sie welche fanden. Die meisten waren nicht so schlimm wie Steve. Aber Vampire, die gebildet und kultiviert waren und sich ein richtiges Leben unter den Sterblichen aufgebaut hatten, wollten mit ihnen nichts zu tun haben. Sie hatten sie ausnahmslos verjagt, doch niemals hatte Trudy diese Angst in Steves Augen gesehen. Sie musste unbedingt herausfinden, wer dieser alte Vampir war, und sie musste versuchen, irgendwie an ihn heranzukommen. Steves Wutausbrüche würden sie irgendwann in Gefahr bringen. Bisher hatten sie Glück gehabt, aber das Blatt konnte sich schnell wenden, wie ihr bisheriges Leben gezeigt hatte.
   Sie ging zurück in die Küche, wo Steve vor sich hinschimpfte. Er sah zu ihr auf, zog sie am Arm zu sich und küsste sie grob auf den Mund. Dabei grapschte er ihr unter den Rock. Wenn er wollte, konnte er gut küssen und Dinge mit seiner Zunge anstellen, von denen Trudy bisher nur hatte träumen können. Aber wenn er in so einer Stimmung war, wollte er Dampf ablassen und sich wie der Größte fühlen. Es war schneller vorbei, wenn sie ihm gab, was er wollte, also stöhnte sie gekonnt und biss ihm fest in die Unterlippe, bis er blutete. Das heizte ihm für gewöhnlich ein.
   Sie öffnete mit einer Hand seine Hose und wollte sich vor ihn knien, doch er hob sie mühelos hoch und drückte sie unsanft auf den Küchentisch, der wie durch ein Wunder trotz all seiner Attacken auf die Küchenmöbel heil geblieben war. Er griff in den tiefen Ausschnitt ihres engen Kleides, riss es ihr im wahrsten Sinne des Wortes herunter, drängte sich zwischen ihre langen Beine und rammte sich in sie.
   »Das war mein bestes Kleid.«
   »Tut mir leid, Baby«, murmelte er zufrieden.
   Wenn er sich ausgetobt hatte, war er sanft und zärtlich. Er wollte kuscheln und ihr sagen, wie froh er war, dass sie bei ihm geblieben war. Trudy kämpfte dann jedes Mal gegen das Verlangen an, ihm ins Gesicht zu treten oder ihm seinen schlappen Schwanz abzubeißen. Vampirwunden heilten jedoch so schnell, dass sie nicht lange Ruhe vor ihm gehabt hätte. Und seine Laune wäre wahrscheinlich auch nicht die beste gewesen.
   »Ich kauf dir ’n neues. Versprochen.« Er lag mit runtergelassener Hose auf dem Boden des Wohnzimmers, direkt vor den beiden Leichen, und kratzte sich versonnen die Brust. Sein Zorn hatte sich gelegt.
   Jetzt würde sie bekommen, was sie wollte. Sie setzte sich nackt auf ihn. »Wer war denn der Vampir, von dem du gesprochen hast?«
   Er war Wachs in ihren Händen. Den Jähzorn hatte er an dem Haus und ihrem Körper ausgetobt, das Blut, das er getrunken hatte, war verbraucht, der Rausch vorbei.
   »Dieser langhaarige Typ an der Bar. Mit diesen Etepetete-Klamotten. Ich wusste nicht, dass er ein Vampir ist, bis er …« Er stöhnte, weil sie ihm mit spitzen Fingernägeln die Rippen herunterfuhr und blutende Wunden hinterließ.
   Steve war so dämlich. Er konnte nicht einmal andere Vampire spüren. Sie hatte sofort gespürt, dass sich noch einer in dem Klub herumtrieb. Sie hatte nur nicht ausmachen können, wer es war. Das war das Problem mit ihren Fähigkeiten. Sie tauchten eher spontan auf, und sie wusste meistens nichts damit anzufangen. Bei Steve tauchte nur der Jähzorn spontan auf. »Wie konnte er dir denn Angst machen?« Sie sagte das so, als ob das völlig unmöglich wäre. Er grinste selbstgefällig und stierte sie mit geilen Blicken an. Steve war besessen von ihren Brüsten und grapschte mit seinen großen Händen nach ihnen. Natürlich bekam er ohne genügend Blut in seinen Adern keinen mehr hoch, aber daran hatte Trudy eh kein Interesse.
   »Ach, so richtig Angst gemacht hat er mir eigentlich nicht. Er sagte, wir sollen aus seiner Stadt verschwinden. Ist eh Scheiße hier. Verdammtes Drecksloch!«
   Sie beugte sich hinunter und leckte das Blut aus den tiefen Kratzern, biss ihm in die Brust und saugte noch mehr Blut aus ihm heraus. Er hatte das meiste Blut verbraucht, das er getrunken hatte. Wenn Trudy jetzt den Rest aus ihm heraussaugte, wurde er schwach und träge, das hatte sie schnell begriffen. Sie jedoch nicht. Sie wurde jedes Mal ein bisschen stärker. Er dachte immer, er wäre vom Sex so erledigt. Idiot! »Und war dieses Mädel, mit dem er gesprochen hatte, auch ein Vampir?«
   »Wer?«, fragte er und leckte sich über die Lippen, während seine Hände ihre Brüste kneteten, als wären sie Brotteig.
   »Na, diese Brünette. Hässliches Ding.«
   »Nee, die is ’n Mensch. Der hat sich mit der unterhalten, doch die hat ihn abblitzen lassen«, erwiderte er und lachte dreckig.
   Sie stimmte in sein Lachen ein. Der alte Vampir hatte mit einer Sterblichen geflirtet? Wohl kaum. Bestimmt hatte er sie sich als nächstes Opfer ausgesucht und schlug sie nun in seinen Bann. Das war ja interessant. »So ein Schlappschwanz«, sagte Trudy leise und grinste, »der kann nicht mal ’ne Sterbliche anbaggern? Von so einem lässt du dich verjagen? Ich meine, du hast mir das eben zwei Mal so was von besorgt, ich kann gar nicht mehr aufhören, so scharf bin ich immer noch auf dich. Wir müssen doch nicht sofort abhauen, oder?«
   Er drückte noch immer ihre Brüste und starrte darauf, als würde er sie zum ersten Mal sehen, und Trudy bewegte sich auf ihm, als wüsste sie nicht, dass aus seinem Schlappschwanz nichts mehr herauszuholen war.
   »Aber ich glaub, der merkt das, wenn wir noch da sind.« »Dann gehen wir halt weg, nur nicht so weit, und kommen später wieder her«, flüsterte sie und sah ihn lüstern an. Sie würde bekommen, was sie wollte. Der Preis war, na ja, alles hatte seinen Preis. Aber sie würden in der Nähe bleiben, und Trudy könnte diesen Vampir ausfindig machen. Und das Mädchen. Denn sie hatte bereits einen Plan.

2

Ich wusste nicht, wie ich diesen verfluchten Tag überstanden hatte. Gegen Abend fand mich mein Butler James auf dem Sofa liegend, den riesigen Fernseher und die Anlage mit lauter Musik angeschaltet, und alle viere von mir gestreckt. Eine Blutkonserve lag halb leer neben mir auf dem Marmorboden. Keine Ahnung, warum zum Teufel ich so viel von dem Zeug getrunken hatte. Ich brauchte es nicht. Es hatte mir nicht einmal geschmeckt. Was für eine Verschwendung.
   Sie war mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gegangen. Der Fernseher hatte mich nicht ablenken können. Deshalb hatte ich zusätzlich die Musik auf volle Lautstärke gedreht, sodass mir der Kopf geschmerzt hatte. Die Bässe und die durch die Lautstärke verzerrten Beats hatten das Bild von ihr langsam aus meinem Kopf gedröhnt, und ich war erschöpft aufs Sofa gefallen, wo ich liegen geblieben war, bis James die Musik ausdrehte. Ich stöhnte, als ihr Lachen wieder auferstand, als wäre es nie weg gewesen.
   James wusste natürlich, was ich war. Wir hatten nie darüber gesprochen, das Wort Vampir nie ausgesprochen, aber er war ja nicht dumm. James hatte die Ausbildung an einer englischen Schule für Butler mit Auszeichnung absolviert. Die Schule, die ich bezahlt hatte. Ich hatte ihn als Jungen von der Straße aufgelesen und ausbilden lassen. Dass er nun mein Butler war, war nicht mein vorrangiger Plan gewesen. Ich traf ihn in einer, sagen wir mal, großzügigen Minute wieder. Er konnte sich an mich erinnern, als er bei mir anfing – und ich war keinen Tag gealtert. Doch James war ein Profi: korrekt, vertrauenswürdig, kompetent. Bedingungslos loyal und absolut verschwiegen. Er war meine rechte Hand, mein Kontakt zur Außenwelt. Ein bisschen wie Batmans Alfred. Nur dass er James hieß, und nicht so alt war. Er wohnte in einem Extraflügel in meiner Villa und genoss das gute Leben, das er sich dank meines großzügigen Gehaltes leisten konnte. Er hatte mir viel zu verdanken. Ich konnte mich auf seine Diskretion voll und ganz verlassen. »N’ Abend, Alfred, äh, James.«
   »Guten Abend, Sir«, sagte James gestelzt. »Hatten Sie einen angenehmen Tag?«
   Ich brummte nur. Nee, der Tag war …, ach, einfach nicht daran denken.
   »Welchen Wagen soll ich Ihnen vorfahren lassen?«, fragte er wie jeden Samstagabend und räumte meine Hinterlassenschaften weg.
   Ich stöhnte und versuchte, nachzudenken. Von dem Konservenblut war mir übel. Ich hatte es zu lange in der Hand behalten. Es war klumpig gewesen und hatte abgestanden geschmeckt. James räusperte sich, als wollte er mir damit sagen, er hätte noch wichtigere Dinge zu tun, als hier zu stehen und auf eine Antwort zu warten. Ich musste schmunzeln. Die berühmt berüchtigte englische Affektiertheit. »Ich weiß nicht. Suchen Sie einen aus.«
   »Da Sie gestern den Audi fuhren, würde ich für heute Abend den Aston Martin vorschlagen. Geht es Ihnen gut, Sir?«
   Ich lachte leise. James schlug immer den Aston Martin vor. Vielleicht sollte ich ihm einen zu Weihnachten schenken. »Ja, ist schon in Ordnung.«
   »Sakko oder sportlich?«
   »Sak…«, wollte ich antworten, als sie wieder deutlicher in meine Gedanken trat. »Sportlich.«
   »Dann vielleicht doch lieber den Shelby GT?«
   »Perfekt!« Ich sprang in einer einzigen blitzschnellen Bewegung vom Sofa auf die Füße und strahlte James an. »Und besorgen Sie mir ein Haarband, oder was Männer heutzutage so benutzen.« Ich hatte ihre Unterhaltung im R7 belauscht und meinte mich zu erinnern, dass sie keine langen Haare mochte.
   »Jawohl, Sir.« James nickte beflissen und machte sich an die Arbeit.
   Mein persönlicher Alfred. Ich fühlte mich tatsächlich ein bisschen wie Bruce Wayne, als ich singend unter der Dusche stand. Ich hatte einen Plan. Wenn ich einen Plan hatte, erweckte das stets meine Lebensgeister. Auch ich würde mich heute Nacht maskieren und sie vor dem bösen kurzhaarigen Turnschuhträger retten. Ich konnte mir ein ausgelassenes Lachen, das die Wände zum Beben brachte, nicht verkneifen.
   James hatte mir eine Auswahl Haargummis und Klammern und anderer Dinge, die ich noch nie gesehen hatte, zusammen mit Ausdrucken dazugehöriger Frisuren hingelegt. Er war wie ich ein Perfektionist. Ich probierte einiges aus, band dann aber nur den oberen Teil meiner Haare zurück. Keine Ahnung, warum sie nicht auf lange Haare stand, aber nun sah ich ein bisschen aus wie dieser Fußballer auf dem Foto. Nur blasser. Und ich konnte kein Fußball spielen. Aber dafür war ich unsterblich. Ich würde sagen, eins zu null für den Vampir.
   Perfekt gestylt mit Bluejeans und dunkelblauem langärmligen Pulli und neuer Frisur – meiner Maskerade – machte ich mich auf in die nächtliche Innenstadt.
   Es war Samstagabend, und ich schlenderte gelassen durch die Einkaufsstraße und warf hier und dort einen Blick in die Fenster der bereits geschlossenen Geschäfte und schon geöffneten Bars. Nicht, dass ich in einem dieser Warenhäuser jemals etwas gekauft hätte oder kaufen würde. Ich betrachtete einfach mein Spiegelbild. Natürlich haben Vampire ein Spiegelbild. Wir sind ja nicht unsichtbar.
   Ich war etwa einen Meter zweiundachtzig groß und schlank, hatte schulterlange mittelblonde Haare, klare grüne Augen mit gepflegten Augenbrauen und einer Denkerfalte in dem ansonsten faltenlosen Gesicht. Mein Teint war nicht zu blass, aber immer noch weit entfernt vom Menschlichen. Mein Kinn war weich aber eckig mit einem kleinen Grübchen in der Mitte, meine Unterlippe eindeutig sinnlicher als meine nicht ganz so volle Oberlippe. Und ich achtete immer auf tadellose Garderobe. Alles in allem sah ich recht ordentlich aus und diese neue Frisur, ja, konnte sich sehen lassen. Ach, was soll die falsche Bescheidenheit. Ich sah umwerfend aus. Ach, ich hätte mich in mich verlieben können. Und ich war bestens gelaunt. Hatte ich doch einen Plan … sie! Durch mein mattes Spiegelbild hindurch sah ich sie plötzlich.
   Das schlichte Geschöpf saß in einer Bar, trank einen Cocktail und unterhielt sich mit seiner Freundin. Ich trat rückwärts aus dem Lichtkegel der Straßenlaterne heraus und hastete auf die andere Straßenseite, bevor sie mich entdecken konnte. Es gab doch einen Gott. Und der hatte mich ein zweites Mal direkt zu ihr geführt. Ich musste unbedingt James beauftragen, der Gemeinde hier, keine Ahnung, wem die geweiht war, eine Spende zukommen zu lassen. Eine Große. Konnte ja nicht schaden.
   Mein Gehör übertraf alle menschlichen Vorstellungen, aber ich musste genau hinhören, um sie zu verstehen, so sehr nahm mich ihr Anblick gefangen. Dabei sah sie wieder irgendwie schlicht aus. Die langen Haare offen und ordentlich gekämmt und so voll, dass ich am liebsten sofort hineingegriffen hätte. Dezent geschminkt, kein Lippenstift. Sie nahm einen Zug aus dem Strohhalm in ihrem Cocktailglas und sah aus dem Fenster zu mir herüber. Es war dunkel. Ich stand im Schatten der gegenüberliegenden Häuserwand. Sie konnte mich nicht sehen. Aber ich hätte schwören können, dass sich ihr Blick durchdringend und forschend auf mich heftete. Wäre mein Herz nicht bereits vor so vielen Jahren stehen geblieben, jetzt hätte es das nachgeholt.
   Verzückt beobachtete ich sie weiter, achtete kaum auf das, was sie sprachen. Bis plötzlich zwei Männer an ihrem Tisch standen und sich zu ihnen setzten.
   Moment mal, wo kamen die denn her? Mist, was war bloß los mit mir? Ich hatte nicht zugehört. Nicht ein einziges Wort. Hatte sie nur angestarrt. Diese Annie machte sich gleich über einen der Kerle her. Sie sprach mit dem anderen. Ich konnte mich kaum auf ihre Worte konzentrieren, so geschockt war ich, dass sie sich mit einem anderen Kerl traf.
   Aber: Endlich hatte ich einen Namen und er klang wie Musik in meinen Ohren, als ich ihn ganz leise aussprach. Louisa. Ihr schönes Gesicht überzog eine leichte Röte und sie blickte wieder genau in meine Richtung, ohne mich zu sehen. Zumindest hoffte ich, sie würde mich nicht sehen. Sie drehte den Kopf wieder dem Tölpel zu und lachte, wobei sie das Kinn leicht anhob. Dieses Lachen, und welche Wandlung es in ihrem sonst so ernsten Gesicht vollzog, war hinreißend.
   Dieser sterbliche Volltrottel machte alles richtig, wie ich wütend feststellen musste. Und was machte sie? Sie lächelte geschmeichelt. Lachte nicht zu laut und wirkte völlig entspannt. Sie wandte ihm immer wieder das Gesicht zu, sodass ich ihr schönes Profil betrachten konnte. Mist, sie flirtete mit ihm und ihre Augen funkelten dabei wie Diamanten in einer graublauen Auslage aus reiner Seide. Das war ihr Geheimnis. Ihre geheime Anziehungskraft. Wenn sie wollte, strahlte ihr Gesicht wie das eines Engels. Aber sie wusste es nicht.
   Wie unglaublich bezaubernd!

*

Annie ließ sich auf den leeren Stuhl vor mir fallen. »Kleine Planänderung für heute Abend.«
   »Was denn für eine Planänderung?«
   Annie zog sich die Jacke aus und nahm einen Schluck von meinem Sex on the Beach. Ironischerweise hatte ich den bestellt. Wenn ich schon keinen Sex hatte, wollte ich wenigstens davon kosten. Ich grinste bei dem Gedanken.
   »Kannst du dich noch an die Typen erinnern, die wir gestern Nacht kennengelernt haben?«
   »Ehrlich gesagt, nee«, antwortete ich und machte ein bedauerndes Gesicht. Ich war mit einem fürchterlichen Kater aufgewacht und sah meine Befürchtungen bestätigt, dass ich wieder einmal ein bisschen zu viel getrunken hatte. Das passierte mir am Wochenende immer öfter.
   Annie verdrehte die Augen. »Ist ja auch egal. Auf jeden Fall hat Joshua, das war der eine, gefragt, ob wir nicht heute alle zusammen ins Kino gehen wollen.«
   »Wer ist denn ‚wir alle‘?« Ein feines Kribbeln, wie wenn man von jemandem angeguckt wird, ließ mich nach draußen blicken. Da war niemand. Dennoch hielt das Kribbeln an. Ich versuchte, das Dunkel auf der anderen Straßenseite zu durchdringen. War da nicht ein heller Schimmer, als würde sich jemand im Dunkeln verstecken?
   »Hörst du mir überhaupt zu?« Annie berührte mich am Arm.
   »Sorry, ich hätte schwören können … Aber, egal. Kino, heute Abend, du, ich und … wer?«
   »Joshua und sein Kumpel. Mit dem du gestern rumgeknutscht hast.«
   Also hatte ich tatsächlich rumgeknutscht, und ich hatte mir diesen Nachgeschmack von Bier und Aschenbecher nicht eingebildet.
   »Bist du dabei?«
   »Ja, okay. Wird schon nicht so schlimm werden.« Kino war unkommunikativ. Wenn er mir nicht mehr so gut gefiel wie vergangene Nacht, musste ich wenigstens nicht mit ihm reden. Wenn er mir doch gefiel, konnte ich ihm ja vorweg ein paar Minzdragees kaufen.
   »Sie kommen übrigens vorher hierher.«
   »Ach so.« Dann würde ich doch mit ihm reden müssen.
   »Da sind sie auch schon«, rief meine Freundin und winkte zwei Typen, die von draußen hereinschauten. »Ich hoffe, das macht dir nichts aus?«
   »Wenn doch, wär’s jetzt eh zu spät.« Ich guckte nach draußen und beugte mich ein bisschen zur Seite, um noch einen Blick auf sie werfen zu können, ehe sie hereinkamen. »Geiler Hintern.«
   »Das hast du gestern auch gesagt«, erwiderte Annie und grinste mich an. »Er heißt übrigens Eric, falls du das auch nicht mehr weißt.«
   Wir lachten, als die beiden an unserem Tisch ankamen. Annie umarmte den schmalen Dunkelhaarigen zur Begrüßung. Das musste dann wohl Joshua sein. Sein Freund war glücklicherweise ein gut aussehender Kerl mit kecker Kurzhaarfrisur – sehr schön – und einem freudigen Lächeln. Etwas peinlich berührt gab ich ihm die Hand. Ich hatte den Kerl nie zuvor gesehen. Sie zogen sich zwei Stühle heran und setzten sich zu uns. Eric rückte etwas um den kleinen runden Tisch herum, beugte sich zu mir und fragte mich leise nach meinem Namen.
   »Hey, tut mir leid, das ist sonst wirklich nicht meine Art. Aber ich weiß nicht, ich hatte wohl zu viel getrunken und ’nen kleinen Filmriss. Aber du … ich meine … ich hab dann wohl … vergessen …«
   »Kein Problem.« Ich grinste. Dass es mir ebenso ging, musste ich ihm ja nicht auf die Nase binden. »Fangen wir einfach von vorn an. Ich bin Louisa.«
   »Eric. Hi.«
   Wir gaben uns die Hand und lächelten uns an. Große Hände, fester Händedruck – sehr sympathisch.
   »Kann ich dir was zu trinken bestellen?«, fragte er, als die Kellnerin an unseren Tisch kam.
   »Ja, ich hätte gern Sex … äh, einen Sex on the Beach.«
   Wir lachten, und ich war froh, dass Eric sich zu der Kellnerin umdrehte, um die Bestellung weiter zu geben. Sonst hätte er mein rot angelaufenes Gesicht gesehen. Denn als er mich so vornübergebeugt mit seinen blauen Augen angesehen hatte, die kräftige große Hand auf den Oberschenkel gestützt, wollte ich plötzlich genau das. Oder besser, ich fragte mich, wie es mit ihm sein würde. Überrascht von mir, wandte ich mich leicht ab und guckte aus dem Fenster. Ich war tatsächlich rot geworden, und ich spürte noch immer dieses Kribbeln, als würde ich von draußen beobachtet. Doch ich sah nichts. Aber es war auch schon ziemlich dunkel. Es war lange her, dass jemand so etwas wie Begierde in mir geweckt hatte. Bedeutungsloser Sex war eigentlich nichts für mich, auch wenn die Kerle, die ich in letzter Zeit kennengelernt hatte, an kaum mehr interessiert zu sein schienen.
   »Hier, dein Sex.« Eric grinste breit und schob mir meinen Cocktail hin. Ich griff nach meiner Tasche, um zu bezahlen, doch er winkte ab. »Ich lad dich ein.«
   »Danke schön. Das ist aber nett.«
   »Dafür, dass ich deinen Namen vergessen habe, ist das ja wohl das Mindeste.« Er grinste und prostete mir zu.
   Was müsste ich dann dir spendieren? Meine Gedanken gingen eindeutig in eine Richtung. Ich warf einen Blick auf Annie und Joshua. Die beiden waren auf dem besten Weg genau dorthin, denn völlig ungeachtet unserer Anwesenheit knutschten sie wild miteinander. Na, toll! Ich warf meine Haare mit einer gewohnten Handbewegung nach hinten, ehe sie mir in den Cocktail fielen, und trank einen großen Schluck.
   »Du hast sehr schöne Haare«, sagte Eric und lächelte. Er zwinkerte mir über den Hals der Bierflasche hinweg zu.
   Seine strahlend blauen Augen waren wunderschön und standen im starken Kontrast zu den dunklen Haaren und den langen schwarzen Wimpern. Ich lächelte und blickte unauffällig an ihm herunter. Er trug ein T-Shirt, und ich konnte seinen angespannten Bizeps sehen. Auch die enge Jeans spannte stark am Oberschenkel. Er wirkte ziemlich durchtrainiert. Wahrscheinlich hatte er sogar ein Sixpack, überlegte ich und merkte, wie mir ganz warm bei dem Gedanken wurde. Warum konnte ich mich nicht an vergangene Nacht erinnern? Okay, ich hatte, nachdem wir das R7 und diesen komischen Kerl hinter uns gelassen hatten, noch den einen oder anderen Cocktail getrunken. Aber so viele? Vielleicht konnte er auch einfach nicht küssen. Das konnte natürlich alles kaputtmachen. »Du treibst wohl viel Sport?«, fragte ich ihn und warf noch einen Blick auf seinen prallen Oberarmmuskel.
   »Ja, ich hab Rugby gespielt, aber musste wegen der Arbeit aufhören«, antwortete Eric. »Hatte einfach keine Zeit mehr. Ich arbeite jetzt bei der Feuerwehr und hab dort Schichtdienst. Was machst du denn beruflich? Ich hoffe, ich hab das nicht vergangene Nacht schon gefragt?« Er sah mich ein wenig zerknirscht an.
   Ich schüttelte den Kopf. »Ich arbeite als Sekretärin bei einer kleinen Handwerksfirma. Ja, klingt nicht so spannend, macht aber Spaß.«
   Eric zündete sich eine Zigarette an. Das war wohl der Grund, warum ich mich nicht mehr an unsere Küsse erinnern konnte – oder wollte.
   Die nächste Runde spendierte ich. Ich wollte ungern das Gefühl haben, in seiner Schuld zu stehen. Annie und Joshua wechselten ab und zu einige Worte mit uns, bis sie sich wieder einander zu wandten. Wir ignorierten sie und unterhielten uns über alles Mögliche. Eric war ein paar Jahre zur See gefahren und hatte viele lustige Geschichten zu erzählen. Ab und zu warf er mir so einen Blick zu, als würde er darauf warten, dass ich ihm irgendein Signal gab. So, als hätte er gern da weitergemacht, wo wir am Abend zuvor aufgehört hatten. Ein-, zweimal war ich auch drauf und dran, ihm einfach mal meine Hand auf seine zu legen, doch dann zündete er sich eine weitere Zigarette an, und der Moment war vorbei. Im Laufe des Abends störte es mich so sehr, dass er rauchte, dass er mir regelrecht unsympathisch wurde. Ich versuchte kein weiteres Mal, unserer Unterhaltung eine andere Dynamik zu geben. Er jedoch auch nicht.
   Plötzlich standen Annie und Joshua auf. Sie wollten woanders hin. Annies Augenzwinkern nach zu urteilen, konnte ich mir auch gut vorstellen, was sie in diesem »woanders« vorhatten. Der Plan mit dem Kino war offenbar gestorben. Mir stand eh nicht mehr der Sinn danach. Ich hatte Kopfschmerzen bekommen. Vielleicht von den vielen süßen Cocktails, vielleicht auch vom Zigarettenrauch.
   »Wir haben übrigens Karten für das Konzert nächstes Wochenende. Vielleicht wollt ihr beide mitkommen?«, schlug Joshua vor, als er sich seine Jacke anzog.
   Annie nickte begeistert und sah mich bedeutungsvoll an. Ich hatte zwar keine Ahnung, von welchem Konzert sie sprachen, und war außerdem der Meinung, sie hätte da auch allein mitgehen können, stimmte aber zu.
   »Okay, dann besorg ich euch auch noch Karten. Bis Samstag dann, mach’s gut, Louisa.«
   »Ja, viel Spaß noch«, erwiderte ich.
   »Euch auch.« Annie grinste mich noch breiter an, ehe sie mit Joshua an der Hand die Bar verließ.
   Mit einem beklommenen Gefühl sah ich Eric an. Er machte keine Anstalten, zu gehen. »Ich werde auch nach Hause gehen. Ich glaube, es ist genug für heute«, sagte ich deshalb und stand auf.
   Eric erhob sich ebenfalls und kam mit nach draußen. »Soll ich dich nach Hause bringen?«
   »Nein, danke. Ich ruf mir ein Taxi.«
   Er nahm zögerlich meine Hand und gab mir einen schnellen Kuss auf die Wange, wobei mir wieder diese Wolke aus kaltem Rauch in die Nase stieg. Warum störten mich eigentlich immer die kleinen Dinge? Warum wurden sie so groß, dass man alles andere nicht mehr sah? Eric war ein hübscher Kerl, lustig, nett und vor allem sehr sexy mit seinem offensichtlich durchtrainierten Körper. Es tat mir ein bisschen leid, als ich ihn da stehen ließ. Aber ich ahnte, warum ich mich an diesen Kleinigkeiten festhielt. Weil ich Angst hatte. Ich hatte Angst, dass mir wieder so etwas zustoßen könnte wie vor acht Monaten und zweiundzwanzig, nein, dreiundzwanzig Tagen. Vielleicht wurde es Zeit, endlich daran zu arbeiten und diese Angst ein für alle Mal loszuwerden.

*

Ich quälte mich noch eine Weile, indem ich sie, Louisa, beobachtete, wie sie mit einem anderen flirtete, der ihr offensichtlich gut gefiel. Meine Wut brandete auf, sodass ich die Hände zu Fäusten ballte und wünschte, ich könnte auch Menschen durch die Kraft meiner Gedanken zu Asche verbrennen lassen. Ich hätte diesen Eric hoch auflodern lassen! Leider funktionierte das nur bei Vampiren. So beschränkte ich mich darauf, reglos im Dunkeln zu stehen und meinem Widersacher Pest und Teufel an den Hals zu wünschen.
   Bewegung kam in die kleine Gruppe. Und Louisa wollte nach Hause. Mit grimmiger Genugtuung hörte ich, dass sie nicht vorhatte, diesen Eric mitzunehmen. Ich konnte mir ein breites Grinsen voll Häme nicht verkneifen. Sie rief sich ein Taxi, stieg ein und ließ den armen Drops stehen. Tja, das Gefühl durfte ich bereits kennenlernen. Dieses schlichte Geschöpf entpuppte sich als wahre Herzensbrecherin. Nehmt euch in Acht!
   Als alle weg waren, ging ich in die Bar und zu dem Stuhl, auf dem sie gesessen hatte. Befühlte das Glas, aus dem sie getrunken hatte, und nahm ihren Duft auf. Sie roch köstlich! Nun kannte ich die Adresse, die sie dem Taxifahrer genannt hatte, und hatte ihren Duft, den ich überall wiederfinden würde. Ich konnte sie jederzeit wiedersehen, wenn mir danach war. Doch jetzt war mir nach etwas ganz anderem. Ich musste jagen! Ich wollte mir ein Opfer aus der Menge ausgucken, es anlocken, betören und meine unauffälligen aber messerscharfen Fangzähne in seinen Hals schlagen und mir, hm, sein köstliches Blut in den Mund laufen lassen.
   Zu Beginn meines Vampirdaseins hatte mich die Jagd fasziniert. Die Angst in den Augen meiner Opfer war erregend, und das heiße Blut köstlicher als alles, was ich als Sterblicher jemals gekostet hatte. Was ohnehin nicht viel war. Stets verfiel ich in einen extremen Rausch, der erst endete, wenn das Herz meiner Mahlzeit aufhörte zu schlagen. Noch Stunden später floss das Blut warm durch meinen ansonsten kalten Körper, schärfte meine Sinne, befriedigte mich und ließ mich menschlicher wirken. Im Gegensatz zu anderen Vampiren war ich nach dem Trinken nicht mehr berauscht. Keine Ahnung, warum das bei mir anders war. Aber dieser kurze Blutrausch während des Trinkens war besser als jeder Sex.
   Eine Zeit lang hatte ich mich diesem Rausch hingegeben, doch im Laufe der Zeit wurde ich so stark, dass die Herzen meiner Opfer aufgaben, bevor ich überhaupt richtig angefangen hatte. Nach einigen Hundert Jahren exzessiven Bluttrinkens brauchte ich es plötzlich nicht mehr unbedingt. Das war frustrierend! So blieb mir zumindest die Diashow auf ihr jämmerliches Leben erspart. Die bekam ich jedes Mal zu sehen, wenn ich meinen Opfern das Blut aussaugte. Es war wie Kino zum Abendessen, doch den Film konnte man sich nicht aussuchen – und man konnte das Kino auch nicht verlassen, ohne mit dem Abendbrot aufzuhören. Da ich stets ein großes Prozedere veranstaltete und mir Zeit ließ, um das geeignete Opfer zu finden, war ein vorzeitiger Abbruch inakzeptabel.
   Im Gegensatz zu meinen Artgenossen ging ich stets unauffällig und in Anbetracht der Tatsachen sanft vor. Viele meiner Opfer spürten nicht einmal, dass sie zu meinem Dinner oder Dessert geworden waren. Andere schon, aber die würden es nicht mehr erzählen können. Selbst bei denen wies nichts darauf hin, dass ein Vampir am Werk gewesen war. Ich hatte genügend Krimiserien gesehen, um alles perfekt zu vertuschen. Meinem mächtigen Blut und seiner heilenden Wirkung sei Dank.
   Ernähren konnte ich mich aus allen möglichen Quellen. Die bequemste war tatsächlich eine Blutbank. Es war wie ein Pizza-Lieferservice. Nur ohne Pizza. Vor einigen Jahren hatte ich deshalb hier in der Stadt ein großes Blutspendezentrum eröffnet. Ausgestattet mit den teuersten und besten Gerätschaften und bestückt mit professionellem Personal. Natürlich bekam jeder Freiwillige auch eine großzügige Spende als Dankeschön für sein Lebenselixier. Geiz konnte man mir nicht nachsagen.
   Doch heute brauchte ich frisches Blut, keine Konserve. Ich verließ die Bar wieder und machte mich auf in die dunklen Gassen voll zwielichtiger Gestalten, die es in jeder Großstadt gab. Wie in jeder Großstadt dieser Erde waren diese Viertel ein Paradies für Vampire und andere Kreaturen der Nacht. Halleluja!

*

In einem kleinen Nest, ungefähr drei Autostunden von der Stadt, in dem der alte Vampir herrschte, entfernt, trafen Steve und Trudy auf eine kleine Gruppe Vampire, die ein altes Haus in Beschlag genommen hatten. Das zweistöckige Holzhaus lag abgeschieden in einem Waldstück und hatte keine Nachbarn in Sichtweite. Eine perfekte Lage für einen Vampirunterschlupf. Wie lange und ob die eigentlichen Besitzer schon weg waren, konnte man nicht erkennen. Alles wirkte recht ordentlich. Sie wurden misstrauisch beäugt, aber dennoch eingelassen. Es waren mehrere Vampire und Sterbliche im Haus. Auch sie hatten von dem alten Vampir gehört und trauten sich nicht in seine Nähe.
   »Erbärmliche Schisser!« Steve warf die Tür zu dem Zimmer, das sie beziehen durften, hinter ihnen zu.
   Als hätte er vor zwei Nächten nicht die gleiche Angst gehabt. Trudy verdrehte die Augen. Er warf seine Tasche auf das Doppelbett, das einzige Bett im Raum. Sie hätte gern allein geschlafen, aber das Zimmer hatte ein eigenes Badezimmer und das brauchte sie auch.
   Bei ihrer letzten Jagd hatte es wieder Komplikationen gegeben, als eines der Opfer plötzlich ein Messer gezogen und es Steve in den Bauch gerammt hatte. Steve suchte sich als Nachtisch oft Nutten, die ihn erst auf die eine und dann auf die andere Weise befriedigten. Diese war die Erste, die sich gewehrt hatte. Bis Trudy begriffen hatte, was geschehen war, war Steve schon total ausgeflippt. Er hatte wie ein Tier gebrüllt und auf sein Opfer eingeschlagen wie auf einen Sandsack. Trudy hatte ihn zurückreißen wollen, hatte aber aufpassen müssen, dass er nicht auf sie losging. Er hatte geschrien und geheult und immer wieder nach dem blutigen Fleischklumpen getreten, der einmal eine Frau gewesen war. Wenn er so weitergemacht hätte, wäre mit Sicherheit die Polizei aufgetaucht. Als sie ihm das in seinem zugedröhnten Schädel einhämmern konnte, hatte er sich soweit beruhigt, dass Trudy ihn hatte überreden können, sich ins Auto zu setzen. Schnell hatte sie sich um die menschlichen Überreste gekümmert und sie in den Kofferraum geworfen. Ihr neues fliederfarbenes Minikleid war durchtränkt von dem Blut der Prostituierten, als sie sich hinters Steuer gesetzt hatte und fluchend weggefahren war.
   Nach ungefähr zwei Stunden Irrfahrt auf der Suche nach einer geeigneten Bleibe hatte Steve endlich aufgehört, zu keifen und zu fluchen. Er blutete schon lange nicht mehr, und die Heilung hatte bereits eingesetzt. Sie hatten das Auto mit der Leiche stehen gelassen und ein anderes geklaut. Nach einiger Zeit waren sie an diesem Haus vorbeigekommen. Trudy hatte sofort gespürt, dass dort Vampire hausten und erzählte Steve, der immer noch auf das Loch in seinem Bauch gestarrt hatte, sie hätte einen hineingehen sehen.
   »Ich fühl mich scheiße«, sagte er und ließ sich neben seine Tasche aufs Bett fallen.
   »Dann geh ich zuerst ins Bad.« Sie schnappte sich ihre Tasche, schloss die Tür hinter sich und genoss die heiße Dusche. Es war herrlich. Selbst das Duschen fühlte sich als Vampir viel prickelnder und erfrischender an. Nach einer Weile stieg sie aus der dampfenden Wanne und trocknete sich ab. Sie warf das Handtuch über den Wannenrand und machte sich daran, ihr neues Kleid zu waschen. Sie hoffte, die Blutflecken wieder herauszubekommen. Verdammtes Arschloch. Dass der immer so ausflippen musste.
   Trudy erinnerte sich, einen Kleiderschrank im Zimmer gesehen zu haben, und öffnete die Badezimmertür einen Spaltbreit, um einen Blick auf Steve zu werfen. Er schlief bereits. Nackt schlich sie aus dem Bad und warf noch einen Blick auf ihn. Sein Gesicht war völlig entspannt, und er sah wirklich hübsch aus. Daran konnte sie ohne Zweifel erkennen, dass er schlief. Nur dann entspannte sich sein Gesicht derart, und die grausamen Züge verschwanden.
   Sie öffnete den Kleiderschrank und fand Teenagerklamotten darin. Ja, klar, rosa Wände, Poster von pubertierenden Jungstars an den Wänden. Trudy seufzte. Glücklicherweise war sie zwar groß, jedoch superschlank. Bis auf ihre Oberweite. So eine hätte ein Teenager mit Sicherheit noch nicht gehabt. Sie wühlte ein bisschen in den farbenfrohen Klamotten herum, bis sie eine hellblaue Longbluse und einen schwarzen Stretch-Mini fand. Unterwäsche brauchte sie nicht. Die Bluse ging ihr fast bis über den Po und war vorn komplett geknöpft. Sie bekam sie bis zur Mitte der Brust zu. Na ja, besser als die alten Klamotten, die sie alle dringend waschen musste. Trudi sah sich im Spiegel an und war zufrieden. Sie packte ihre restlichen Kleidungsstücke aus, ließ erneut Wasser und Seife ins Waschbecken laufen und wusch sie schnell einmal durch, um sie zum Trocknen neben das fliederfarbene Kleid zu hängen.
   Steve schlief noch immer. Es war besser, ihm jetzt nicht zu nahe zu kommen. Barfuß verließ sie das Zimmer. Unten war ein Fernsehgerät eingeschaltet. Vielleicht konnte sie sich dazu setzen und einfach mal abschalten und ihren Gedanken nachhängen? Auf dem Weg nach unten kam sie an einer halb geöffneten Tür vorbei. Sie spähte vorsichtig hinein. Das war vermutlich das Elternschlafzimmer, worin sich jetzt ein Vampirpärchen mit einem Sterblichen vergnügte. Sie waren nackt, der Sterbliche nahm die blonde Vampirin von hinten, während der ebenfalls blonde Vampir ihm schmatzend das Blut aus dem Hals saugte und dabei seine Brust streichelte. Der Sterbliche hatte bereits mehrere Bisswunden, aber sie hatten wohl nicht vor, ihn zu töten. Die Vampirin sah zu Trudy auf, starrte auf ihren tiefen Ausschnitt und leckte sich über die Lippen. Sie machte ihr mit ihren rotgeränderten Augen ein eindeutiges Angebot. Trudy zuckte nur bedauernd mit den Schultern und ging weiter. Vielleicht ein anderes Mal.
   Bevor sie die Treppe nach unten erreichte, kam sie an einer weiteren Tür vorbei und spähte auch hier hinein, neugierig, welche Orgien sich dort abspielen mochten. Ein Kinderzimmer. Im Bett lag eine Sterbliche und schlief friedlich als wäre sie in ihrem behüteten Heim und nicht in einer Vampirhöhle. Trudy schüttelte den Kopf und ging leise die Treppe hinunter und ins Wohnzimmer, von wo sie den Fernseher hörte. Auf dem breiten Sofa hockte eine dunkelhaarige kleine Vampirin in einem kurzen Morgenmantel und saugte an dem Hals eines Halbwüchsigen. Sie ließ ihn eben achtlos zu Boden gleiten, wo er leblos liegen blieb, seufzte und lehnte sich zufrieden zurück.
   Daneben lag auf einem dieser Relaxsessel, an denen sich automatisch eine Fußbank ausklappte, wenn man sich zurücklehnte, ein Hüne von einem Vampir mit einer breiten hohen Stirn und eckigem Gesicht und starrte auf den Fernseher. Eine Sterbliche in einem schmuddligen Blümchenkleid hockte neben ihm und streichelte ihm den Bauch. Sie hatte mehrere Bisswunden an den Armen und am Hals. Trudy blieb unsicher im Türrahmen der breiten Schiebetür stehen.
   »Komm rein«, sagte der Hüne gelangweilt mit starkem russischem Akzent. »Setz dich. Wie heißt du?«
   »Trudy«, antwortete sie und wollte sich auf den anderen Sessel direkt vor ihn setzen.
   Er warf ihr einen schnellen Blick zu. »Willst du Sex?«, fragte er, den Blick wieder auf den Fernseher gerichtet. »Oder Blut?«
   Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte er die Hand der Sterblichen gepackt und ihre Haut mit dem langen Fingernagel seines Daumens aufgeritzt. Trudy schüttelte den Kopf und überlegte, ob sie nicht doch wieder nach oben gehen sollte. Der Russe war ihr unheimlich. »Nein. Danke.«
   Die kleine Vampirin auf dem Sofa lachte dreckig. »Die is wählerisch.«
   Der Russe schob die Frau unwirsch beiseite und sah Trudy an. Zuerst sah er ihr in die Augen, sodass sie seinem Blick kaum standhalten konnte, dann auf ihre Haare. Sein Blick verharrte einen Moment auf ihrem Dekolleté und noch länger auf dem Minirock. Er hob einen Arm und hielt ihn ihr hin. »Willst du das?«
   Sie ging zögernd zu ihm. Wollte er etwa, dass sie von ihm trank? Sie warf ihm einen fragenden Blick zu.
   »Eigentlich ist es mir scheißegal und es geht mich auch nichts an. Aber vielleicht willst du deinem Freund da oben ja mal zeigen, was du drauf hast«, sagte er mit leiser monotoner Stimme und hatte sich bereits wieder dem Fernseher zugewandt, wo eine Quizshow lief. »Dann trink!«
   Trudy ließ sich nicht noch einmal bitten und biss vorsichtig in das dargebotene Handgelenk. Sein Blut schmeckte sehr herb, und es schoss mit einer Kraft durch ihren Körper, dass sie aufkeuchte und augenblicklich mehr wollte. Viel mehr. Es war stark und mächtig, das spürte sie sofort. Ganz anders als Steves Blut. Sie hörte die kleine Blutsaugerin hinter sich kichern. Plötzlich packte sie eine Eisenfaust an der Kehle. Sie riss die Augen auf. Trudy war völlig versunken in den Blutrausch gewesen.
   »Genug!« Der Russe hatte sich nicht einmal vom Flimmerkasten abgewandt.
   Sie ließ von ihm ab, und er ließ sie wieder los.
   »Danke«, flüsterte sie und wischte sich den Mund ab. Sein Blut pulsierte dickflüssig in ihren Adern, und sie spürte, dass es viel mehr Kraft in sich hatte, als alles, was sie bisher getrunken hatte. Sie fühlte sich leicht und ihr war ein wenig schwindlig. So einen Rausch hatte sie noch nie erlebt. Sie hatte das Gefühl, ihre Adern würden bersten, als sich das Blut immer weiter in ihr ausbreitete. Mit einem Mal kraftlos sank sie auf das Sofa.
   Die kleine Vampirin kicherte wieder und drehte sich geräuschvoll auf die Seite, um Trudy anzusehen. Sie schubste den Leichnam des jungen Mannes mit ihrem nackten Fuß beiseite. »Is’ geil, näh?«
   Trudy spürte ihren gierigen Blick auf ihren unzureichend verhüllten Brüsten und sah die kleine Vampirin an. Sie grinste. Ihre Augen waren fast ganz rot, und Trudy starrte fasziniert hinein. Sie spürte ihre Hand auf ihrer Brust, die ihr langsam die Bluse aufknöpfte. Sie keuchte, als die andere ihre Brüste aus dem engen Gefängnis befreite und ihren Mund um eine Brustwarze legte.
   Mit ihrer weichen und starken Hand fuhr die kleine Vampirin ihren Oberschenkel entlang und unter ihren Minirock.
   »Das hier wird noch geiler«, flüsterte sie Trudy zu, ohne die Lippen von ihrer Brustwarze zu nehmen, schob ihre Beine sanft auseinander und streichelte sie.
   Es war das Aufregendste, was sie jemals erlebt hatte, und Trudy ließ sich einfach fallen.

Sie musste Stunden auf dem Sofa gelegen und eine orgastische Welle nach der anderen erlebt haben. Ihr Gesicht glühte – und sie wollte mehr. Mehr von dem Blut und mehr von zarten Fingern, die sie sanft zum Höhepunkt brachten. Sie löste sich von der kleinen Vampirin, küsste noch einmal ihre kleinen weichen Brüste und ging nach oben. Trudys Sinne waren um ein Vielfaches schärfer, als sie vor dem Zimmer mit den beiden blonden Vampiren anhielt.
   Der Mensch schlief, doch die Vampirin blickte auf, kaum dass Trudy im Türrahmen erschienen war.
   »Da bist du ja wieder«, flüsterte sie mit samtweicher Stimme und ging zu ihr.
   Sie führte sie zum Bett. Dort schubste sie das Menschlein mit einer achtlosen Geste beiseite und legte sich rücklings neben ihn. Trudy kniete sich zwischen ihre Beine, küsste die weichen Innenschenkel und spürte plötzlich den blonden Vampir hinter sich. Sie lächelte. Ja, so etwas hätte Steve nie mit ihr gemacht.

*

Ich stand vor einem hübschen Altbau, ordentlich restauriert und hellgelb gestrichen. Das war die Adresse, die Louisa dem Taxifahrer gesagt hatte. Ihre Adresse. Meinen Wagen hatte ich in einer Tiefgarage in der Altstadt abgestellt, wie ich es immer tat. Ich wollte vermeiden, dass jugendliche Randalierer aus Neid oder purer Zerstörungslust den Lack zerkratzten. Ja, bei meinen Autos war ich empfindlich. Heute hatte ich meinen – natürlich – mattschwarzen BMW M6 gefahren. Ich war ja nicht auf der Jagd, ich wollte beobachten.
   Drei Tage lang hatte ich mich mit der köstlichen Vorfreude auf diese Mittwochnacht gequält. Die Haustür war nicht ins Schloss gefallen, ich schob sie auf und suchte ihren Duft die Treppe hinauf. Ganz oben fand ich ihn. Es war die letzte und einzige Tür auf der Etage. Ich verließ das Haus wieder und begab mich auf das Dach. Flog förmlich hoch, denn ich war ja nicht Spiderman, der die Wände hochklettern konnte.
   Hatte ich erwähnt, dass ich gegen die Schwerkraft anspringen und beinahe fliegen konnte? Verrückt, aber es funktionierte. Ich hatte es irgendwann aus einer Laune heraus ausprobiert. Wenn ich mit so viel Kraft aus dem Liegen hochspringen konnte, dass ich genügend Zeit hatte, mich in der Luft aufzurichten und katzengleich auf den Füßen zu landen, müsste es doch mit entsprechend mehr Kraftaufwand möglich sein, höher zu springen und sogar zu fliegen. So meine Theorie. In der Praxis erforderte es einen enorm viel größeren Kraftaufwand. Ich holte mir etliche Prellungen und brach mir jeden einzelnen Knochen mehrmals bei ungezählten Versuchen. Alles nicht so schlimm, bei uns Vampiren verheilte so etwas schnell wieder. Ich hatte ja Zeit. O ja, wenn ich irgendetwas im Überfluss hatte, waren es Zeit und Durchhaltevermögen. Irgendwann hatte ich den Dreh raus. Es war atemberaubend! Fliegen konnte ich zwar nicht, aber sehr hoch springen. Ich fühlte mich wie Superman. Vampirsein hat durchaus seine guten Seiten.
   Ich wollte nur einen Blick auf ihre schlafende Gestalt werfen. Es war weit nach Mitternacht, deshalb konnte ich getrost davon ausgehen, dass sie schlafen würde. Ich landete auf einer kleinen Dachterrasse mit Metallgeländer, zwei Gartenstühlen und einer herrlichen Aussicht über die Stadt. Vorsichtig lugte ich ins Innere der Wohnung. Die Jalousie der Terrassentür war nicht heruntergelassen, alle anderen schon. Drinnen war es stockdunkel. Unnötig zu erwähnen, dass ich im Dunkeln genauso gut sehen konnte wie bei Tageslicht. Es war eine schöne in weiß gehaltene Maisonettewohnung. Auf dem oberen Absatz, in dessen hinterer Ecke, schlief sie in einem riesigen Bett. Ich warf einen Blick die Treppe entlang nach unten. Wohnzimmer, offene Küche, Tür, die wahrscheinlich ins Bad führte. Haustür mit mehreren Schlössern. Ich sah genauer hin. Meine Güte, hier sah es ja aus wie in Fort Knox. Sicherheitsschlösser, Alarmknopf, Scheinwerfer, wahrscheinlich mit Bewegungsmelder. Alle Jalousien heruntergelassen. Wovor hatte dieses hübsche Geschöpf Angst? Und wieso ließ sie ausgerechnet die Jalousie der Terrassentür oben?
   Die Antwort bekam ich, als ich versuchte, sie leise aufzustemmen. Es tat sich nichts. Ich versuchte, einen Blick auf den Griff zu werfen. Tatsächlich, ein Schloss, und der Schlüssel steckte. Mist. Auch wenn es im Film immer dargestellt wird, als wäre das für Vampire kein Problem, sich nachts in fremde Häuser zu schleichen, ich kam nicht rein. Ich war ein Blutsauger, kein Einbrecher. Früher konnte ich die Riegelchen an den Fenstern mit einem langen Fingernagel hochschieben und geräuschlos in jedes Schlafgemach schlüpfen. Aber heutzutage? Alles Sicherheitsglas und in diesem Fall sogar abgeschlossen. Da kam ich nicht rein, ohne einen Höllenlärm zu veranstalten und dann wäre die ganze Heimlich-im-Dunkeln-Beobachten-Aktion, tja, nicht mehr ganz so heimlich. Ich stand da wie ein armer Schlucker vor der Auslage eines Juweliers und drückte mir die Nase an der Scheibe platt, um einen Blick auf das Objekt meiner Begierde zu werfen. Das hatte sich gerade von mir weggedreht und sich die Decke über die Schultern gezogen, sodass ich nur noch ein rotbraunes Haarbüschel sah. Na, bravo!
   Ach, wie vermisste ich die guten alten Holzfenster mit Einfachverglasung. Ich brauchte einen Plan B. Behände sprang ich auf das Geländer, hockte mich in die Ecke und besah mir die Fenster und die Tür genauer. Keine Chance. Da kam ich nicht rein, ohne etwas zu zerstören. Ich konnte mich lautlos bewegen, doch Glas splitterte für gewöhnlich nicht ohne Lärm. Wahrscheinlich müsste ich darauf warten, dass sie mal ein Fenster über Nacht offen ließ, aber da sie ihre Wohnung wie das Pentagon gesichert hatte, würde sie selbst bei vierzig Grad im Schatten kein Fenster offen lassen. Wovor hatte sie nur Angst?
   Sie drehte sich wieder herum und schlug die Augen auf. Ach du Schreck! Schnell sprang ich auf den Dachfirst. Das war knapp. Ich hatte mich so darüber gefreut, ihr ein bisschen beim Schlafen zuzusehen, dass ich jetzt wirklich enttäuscht war. Die Welt konnte so ungerecht sein! Ich wanderte den Dachfirst entlang, schwang mich hoch in die Lüfte und genoss die eiskalte Zugluft. Morgen Abend würde ich zeitiger herkommen. Vielleicht hatte ich da mehr Glück und ich konnte ungesehen hineinschlüpfen, wenn sie die Tür zum Lüften geöffnet hatte. Vorher musste ich ein paar Dinge herausfinden.

Ich fuhr wieder nach Hause, schrieb James eine Nachricht, dass ich die nächsten Tage nicht im Lande sein würde, und machte mich laut stöhnend auf in meine Betthöhle. Ich würde einfach ein bisschen schlafen, sonst würden mich diese Gedanken an Louisa und ihr bezauberndes Lachen noch verrückt machen. Ich hatte Kriege erlebt, Frauen und selbst Kinder sterben sehen, Folter und Grausamkeiten gesehen und begangen, Menschen getötet, viele Menschen – auch Unschuldige. Nichts davon hatte mir schlaflose Tage bereitet. Eine Sterbliche namens Louisa schaffte es mit einem Blick.
   Unter meinem sichtbaren Domizil hatte ich mir eine zweite Zuflucht eingerichtet. Zu erreichen über einen Fahrstuhl, der getarnt hinter einer Bücherwand und mit weiteren Zugangscodes gesichert war. Hatte man diese Hürde überwunden, fand man sich vor einer massiven Betonwand wieder, die weder Mensch noch Vampir, der nicht mindestens so stark war wie ich, bewegen konnte. Ich schaffte es nur unter Aufbietung all meiner vampirischen Superkräfte. Dahinter standen verhältnismäßig schlicht mein antikes Himmelbett aus Kirschbaumholz mit weißen Volants, ein kleines Nachtschränkchen mit einer Lampe darauf und einige Bücherregale, in denen sich meine Taglektüre stapelte. Meine kleine Betthöhle. Ein bisschen spießig. Aber hier kam eh niemand herunter. Das war auch besser so.
   Im Schlaf fiel ein Vampir in eine todesähnliche Starre. Das war der einzige Moment, in dem unsere Sinne tatsächlich aufhörten, Signale zu senden, und anfingen, zur Ruhe zu kommen. Wenn ich schlief, schaltete ich mich quasi aus. Ich zog nicht den Stecker, ich war im Stand-by-Modus. Ich ruhte, aber meine Reflexe waren jederzeit einsatzbereit. Sofern man die Taste betätigte. Und die Taste waren Berührungen oder Störungen jeglicher Art. Ohne, dass ich bewusst darauf Einfluss nehmen konnte, wehrte mein Körper jede Annäherung präzise und absolut todbringend ab. Störe niemals den Schlaf eines Vampirs, denn das wird das Letzte sein, was du tust.
   Ich hätte nicht schlafen müssen, aber es war erholsam, abzuschalten und was verpasste ich schon?
   Nur mit dem Schlafen war das so eine Sache. Es war leider nicht so, dass ich herzhaft gähnend feststellte, ich wäre müde genug, um zu Bett zu gehen, mich hinlegte und einfach einschlief. Es hatte mich Jahre gekostet, bis ich mich so weit konzentrieren konnte, dass ich tatsächlich schlief. Selbst als ich ein junger Vampir war. Junge Vampire schliefen für gewöhnlich noch sehr viel, und ihre Sinne schärften sich erst mit der Zeit. Bei mir war das etwas anders, da ich von einem starken, alten Vampir erschaffen wurde. Ich musste alle meine Sinne manuell ausschalten, um schlafen zu können. Jedes kleinste Geräusch, jeden Geruch und jede noch so feine Reaktion meiner sensiblen Haut aus meinem Bewusstsein verdrängen. Gegen die Geräusche hatte ich mein Schlafzimmer schalldicht isoliert. Das half zumindest ein bisschen. Mein Grundstück war riesengroß und lag außerhalb der Stadt, die nächsten Nachbarn waren weit weg. Spaziergänger verirrten sich eher selten hier her. Gerüche sollten mich da unten nicht belästigen, außer die vertrauten, und die war ich ja gewohnt auszublenden. Alle sonstigen Eindrücke von außen bekam ich in den Griff. Das größte Problem war, die Gedanken aus meinem Bewusstsein zu verbannen. Damit hatte ich schon immer Schwierigkeiten. Es gab immer irgendwelche Dinge, die ich ausprobieren wollte, oder Filme, die mich nachhaltig beschäftigt hatten, oder Gedichte, die ich versuchte, auswendig zu lernen. Manchmal dachte ich auch über banale Dinge nach. Welches Auto ich mir noch zulegen könnte, oder ob ich nicht mal wieder verreisen sollte. Oder wie lange ich dieses Dasein noch führen wollte. Es war immer eine Mordsarbeit, diese Gedanken gebündelt aus meinem Kopf zu bekommen. Manchmal brauchte ich Stunden dafür.
   Louisa hatte sich so fest in meinem Kopf eingenistet, dass ich mir nicht sicher war, ob ich sie daraus würde verbannen können. Und sei es auch nur für ein paar Stunden oder Tage. Eines war sicher, klappte es nicht, würde ich nicht schlafen können und dann würde ich entweder verrückt werden oder jede Nacht vor ihrem Fenster kleben, um einen Blick auf sie zu erhaschen. Beides passte nicht zu meinem Böser-Vampir-Image.

3

Seit einigen Wochen ging ich am Freitag gegen sieben Uhr am Abend in das Gemeindehaus der St. Michaels Kirche, das nur einen kurzen Fußmarsch entfernt lag. Dort fand das Treffen einer Selbsthilfegruppe für Gewaltopfer statt. Ich war nach dem Überfall durch eine Sonderbeilage der Tageszeitung auf diese Gruppe aufmerksam geworden und sehr warmherzig und offen empfangen worden. Obwohl ich seitdem regelmäßig hinging, hatte ich noch nie etwas von mir erzählt. Das brauchte ich auch nicht. Keiner drängte mich. Ich hörte mir die Geschichten der anderen an und war auf der einen Seite froh, dass mir nicht mehr passiert war, auf der anderen entsetzt, dass so ein Vorfall ein ganzes Leben zerstören konnte. Da saßen Menschen vor mir, deren Leben eine einzige Qual zu sein schien. Die sich kaum mehr vor die Tür trauten, jeden näheren persönlichen Kontakt zu anderen Menschen aufgegeben hatten, keine Freunde mehr und ihren Job verloren hatten. Es waren alles tragische Schicksale, aber für mich eine Warnung, aufzupassen, nicht völlig durchzudrehen. Unbedingt aufzupassen, diese Paranoia nicht mein Leben beherrschen zu lassen.
   Dabei tat sie das bereits, wie ich mir endlich eingestehen musste. Die Sicherheitsmaßnahmen und –rituale, mein ständiger Alkoholkonsum – das war nicht normal. Deshalb stand ich an diesem Freitag auf und erzählte meine Geschichte.
   »Mein Name ist Louisa und ich bin in meiner Wohnung überfallen worden. Es ist knapp neun Monate her. Sein Name war Mick.« Endlich schaffte ich es, die Geschichte zu erzählen und meine Hilflosigkeit und Angst zu beschreiben. Ich hatte Mick auf einer Party kennengelernt. Er war nett gewesen, und wir hatten ein bisschen herumgemacht, ehe er mich nach Hause gebracht hatte. Ich hatte mich immer gefragt, welche Signale ich ihm gesendet hatte, bis ich begriff, dass es nicht meine Schuld gewesen war, dass Mick sich nicht abweisen lassen wollte. Er war gewaltsam in meine Wohnung eingedrungen, hatte mich geschlagen und war erst verschwunden, als eine Nachbarin auf mein Geschrei hin dazukam. »Das Schlimmste für mich war jedoch, danach wieder rauszugehen und allein nach Hause zu kommen. Selbst hierher zu kommen, kostete mich anfangs Überwindung, obwohl ich nur eine knappe Viertelstunde gehen muss. Dieser Weg war der Anfang. Nachdem ich den gemeistert hatte, konnte ich abends ausgehen. Aber ich spüre die Angst, die mir im Nacken hockt. Ich bin umgezogen und hab mich nie wieder von jemandem nach Hause bringen lassen. Ich nehme immer ein Taxi und bitte den Taxifahrer zu warten, bis ich im Hausflur bin. Selbst dann muss ich all meinen Mut zusammennehmen, um überhaupt aussteigen zu können. Jedes Mal.«
   Ich blickte in die Gesichter meiner Leidensgenossen, und mir wurde ein weiteres Mal bewusst, wie glimpflich ich davongekommen war, wenn ich an ihre Geschichten dachte. »Ich möchte nicht, dass die Angst mein Leben beherrscht. Deshalb bin ich hierhergekommen und habe meine Geschichte erzählt. Danke.« Ich setzte mich wieder. Befreit. Erleichtert. Und erhielt einen aufmunternden Applaus dafür.

Die Last war nicht völlig von mir abgefallen, wie ich zu Hause feststellen musste. In der Gruppe hatte ich die Gefühle ausblenden können. Da hatte ich alles sachlich geschildert, Empfindungen in Worte gekleidet. Zu Hause überfielen mich all diese Gefühle erneut. Die Hilflosigkeit, die ich verspürt hatte, als Mick mich gegen die Wand gedrückt hatte. Die Angst vor dem, was er mir noch hätte antun können.
   Die Angst war mein ständiger Begleiter geworden. Ein Begleiter, den ich gern loswerden wollte, der sich aber so tief eingenistet hatte, dass es fast unmöglich schien. Diese Angst hatte ich durch mein Geständnis heute Abend aufs Neue heraufbeschworen, und sie schnürte mir die Kehle zu und trieb mir die Tränen in die Augen. Ich hatte mir die Tränen verboten und mich voll auf meinen Umzug und die Sicherheitsmaßnahmen konzentriert. Doch es wurde Zeit, endlich alles herauslassen.
   Ich nahm mir meine dicke Bettdecke, hüllte mich darin ein und setzte mich auf meine kleine Dachterrasse. Die Aussicht war herrlich, und ich saß sehr gern hier, nicht nur, wenn es warm war.
   Der Himmel war fast dunkel. Nur am Horizont war ein heller Streifen zu sehen, wie ein Band, das die Erde schützend umschloss. Es war wieder ein sonniger Tag gewesen. Der Himmel war klar, und die Sterne funkelten wie kleine Diamanten.
   Ich legte die Füße auf den Stuhl vor mir und stürzte ein erstes Glas Tequila hinunter. Noch ein zweites und Wärme breitete sich in mir aus. Genüsslich sog ich die kühle Abendluft ein und merkte, wie ich mit jedem Ausatmen ruhiger wurde. Ich liebte die Nacht. Die Luft war klarer, die Geräusche gedämpfter, die Welt kam zur Ruhe. Das war der Moment, in dem auch ich entspannen konnte. Ein weiteres Glas, schnell heruntergestürzt, half mir dabei. Ich lehnte den Kopf nach hinten, sah in die Weite des Nachthimmels und ließ den Tränen freien Lauf. Tränen der Angst, der Hilflosigkeit, der Panik. Der Wut. Und der Einsamkeit.

*

Ich wurde nicht verrückt, denn ich schlief tatsächlich ungestört in meiner Betthöhle und erwachte spät am Freitagabend. Zu spät. Die Sonne war längst untergegangen.
   Mein Leben hatte für gewöhnlich einen festen Rhythmus. Wenn man in den Tag oder die Nacht hineinlebte, wurde man träge und antriebslos. Deshalb waren feste, wiederkehrende Arbeiten und Termine für mich wichtig, um nicht in Lethargie zu verfallen. Wenn man mehrere Hundert Jahre lang gelebt hatte, konnte es durchaus vorkommen, dass man seines Daseins überdrüssig wurde. Dagegen halfen feste Strukturen. Zumindest mir.
   Wenn ich ausging, tat ich das immer erst gegen Abend. Es war nicht so, dass ich bei Tageslicht zu Staub zerfallen würde. War ich als Mensch auch nicht. Aber, wie man vielleicht unschwer erraten kann, falle ich ein bisschen auf. Nicht nur durch mein ausnehmend hübsches Äußeres. Nein, vor allem durch meine weiße Haut. Ich muss gestehen, dass ich, wenn ich nicht gerade getrunken habe, ein wenig … ungesund aussah. Um nicht zu sagen, tot. Und meine Haut war auch empfindlicher als früher. Was nicht weiter schlimm war, da meine Wunden schnell heilten. Dennoch beschränkte ich meine Spaziergänge und Stadtbummel stets auf den späten Nachmittag oder besser noch den frühen Abend und den Rest der Nacht und mied die sonnigen Tage. Was nicht schwer war. Hier im Norden war es meist diesig, die Sonne strahlte selten in ihrer vollen Schönheit vom Himmel. Welch schrecklicher Gedanke, als Vampir nie wieder die Sonne sehen zu können!
   Ich sprang unter die Dusche, nachdem ich mir von James wieder die sportliche Variante meiner Garderobe hatte herauslegen lassen. Wenig später gönnte ich mir eine schnelle Jagd und befreite die Welt von einem weiteren Kinderschänder. Widerlich, die Bilder, die sich mir aufdrängten, aber ich hatte Verlangen nach frischem, pulsierendem Blut. Außerdem wollte ich rosiger aussehen. Meine Haut sollte zumindest den Anschein erwecken, menschlich zu sein, denn – natürlich – hoffte ich, sie wiederzusehen.
   Kaum war ich aus meinem todesähnlichen Schlaf erwacht, hatte ich Louisas Bild vor Augen gehabt. Wie sie mit diesem blöden Sterblichen flirtete, und wie sie in ihrem großen Bett lag. Allein. Ich fragte mich, wie ich es schaffen sollte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Ich wollte, dass sie mit mir flirtete. Deshalb ging ich aus. Sie sollte, verdammt noch mal, mich so anlächeln!
   Ihr Duft wehte mir bereits in die Nase, als ich noch einige Häuser entfernt war. Ich schwang mich auf das nächste Dach und sah sie. Louisa saß auf ihrer Dachterrasse, obwohl die Nacht kühl war. Völlig geräuschlos landete ich neben ihr. Sie schlief und sah so entzückend aus, dass ich sie eine Weile betrachtete. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in tiefen gleichmäßigen Atemzügen, ihr Gesicht war völlig entspannt. Sie hatte sich in eine Bettdecke gewickelt, doch ihr rechter Arm war zur Seite gefallen und die Decke auf dieser Seite auch. Behutsam nahm ich ihren Arm am Ärmel und musste mich zurückhalten, nicht ihre Hand zu ergreifen. Sanft legte ich ihn ihr auf den Bauch, um sie wieder zudecken zu können. Es war zu kalt, um hier draußen zu schlafen. Ich schüttelte den Kopf. Mein Blick fiel auf den Boden neben sie. Ein Glas und eine fast leere Flasche Tequila standen da. Das erklärte den süßlich-herben Duft nach Agave.
   Ich seufzte und blickte mir erneut ihr schönes, vollkommen entspanntes Gesicht an. Waren das getrocknete Tränen auf ihren Wangen, die im Mondlicht leicht glitzerten? Ich beugte mich über sie und roch noch einmal an ihr. Sog ihren Duft ein. Er war so köstlich! Mühsam widerstand ich dem Drang, sie zu berühren. Ihr die Wange zu streicheln oder meine kalte Hand an ihren Hals zu legen, um das pulsierende Blut zu spüren. Ich konnte sie unmöglich hier draußen liegen lassen. Sie würde sich erkälten. Vor allem, wenn die Flasche Tequila voll gewesen war, was ich nicht hoffte. Was war passiert, dass sie nachts auf ihrer Terrasse schlief, nachdem sie sich offenbar betrunken und geweint hatte? Hatte dieser Sterbliche etwas damit zu tun? Womöglich hatte er ihr wehgetan? Sie nicht mehr sehen wollen? Eine grimmige Genugtuung stieg in mir auf, denn dann hätte ich freie Bahn. Ich warf noch einen Blick auf ihr zartes Gesicht mit den hübschen hohen Wangenknochen. Sollte er ihr wehgetan haben, würde ich ihn finden und ihn bezahlen lassen. Mit der einzigen Währung, die ich akzeptieren würde. Mit seinem Blut.
   Ich richtete mich wieder auf, überlegte einen Moment und hob sie dann ganz behutsam samt ihrer Decke hoch. Ein kleiner Seufzer entrang sich ihrer schlafenden Brust und ließ mein kaltes Herz vor Freude hüpfen. Nachdem ich sie in ihr Bett gelegt hatte, ohne dass sie davon aufgewacht war, verließ ich ihre Wohnung wieder. Ich sollte nicht hier sein, auch wenn ich mich gern ein wenig umgesehen hätte. Aber ich hatte schon zu viel getan. Viel zu viel. Jetzt hoffte ich, dass die Flasche Tequila voll gewesen war, als sie angefangen hatte zu trinken, dann würde sie sich hoffentlich nicht daran erinnern, dass sie nicht selbst ins Bett gegangen war. Leise zog ich die Terrassentür hinter mir zu, warf noch einen sehnsüchtigen Blick auf ihr schlafendes Gesicht und sprang auf den Dachfirst. Ich hockte mich hin und genoss eine Weile die ebenfalls schöne Aussicht von dort oben.
   Dieses schlichte Geschöpf wurde immer sonderbarer. Ihre Tränen mussten irgendetwas mit den enormen Sicherheitsvorkehrungen in ihrem kleinen Fort Knox zu tun haben. Und sie hatte ein Alkoholproblem, aber hatten wir nicht alle unsere Leichen im Keller? Ob dieser Eric bald zu meinen Leichen, und damit meinte ich nicht die sprichwörtlichen, zählen würde, würde ich morgen Nacht herausfinden. Auf diesem Konzert. Vorher musste ich mehr über dieses Konzert erfahren und ein paar Hirnis beschimpfen. Beides ging am besten von meinem Computer aus.

*

Ich erwachte mit fürchterlichen Kopfschmerzen und drehte mich stöhnend auf die andere Seite. Weg von dem strahlenden Sonnenschein, der durch die Terrassentür fiel. Hatte ich wieder vergessen, die Jalousie herunterzulassen? War ja auch egal. Über die Terrasse würde keiner einsteigen. Hör auf mit dieser Verfolgungsangst! Ich drehte mich zurück auf den Rücken. Wann war ich überhaupt ins Bett gegangen? Ich konnte mich nicht daran erinnern. Meine Güte, musste ich viel getrunken haben. Nicht mehr lange, und ich würde zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker gehen müssen.
   Es hatte gutgetan, die Tränen endlich ungehemmt herauszulassen. Dabei hatte der Tequila geholfen. Er hatte mich entspannt und nachher beruhigt, als keine Tränen mehr kamen. Nun fühlte ich mich besser. Als hätte sich der dicke steinharte Knoten, zu dem sich meine Innereien verschlungen hatten, gelöst. Ich konnte wieder freier atmen, fühlte mich gelöster und leicht. Aber mein Kopf dröhnte so stark, dass ich mich wieder umdrehte. Es war Samstag, und normalerweise nutzte ich diesen Tag für gemütliche Einkaufsbummel. Heute würde ich mal vom Üblichen abweichen und einfach weiterschlafen. Vielleicht traf das auch auf heute Abend zu. Wenn ich Eric wiedertraf.

Annie holte mich um sieben Uhr am Abend ab, und wir gingen zu Fuß zur Konzerthalle. Das Wetter war angenehm mild, und die frische Luft tat meinem Kater gut.
   »Und, Josh und du, seid ihr jetzt fest zusammen?« Wir hatten uns die ganze Woche nicht gesprochen. Ich war irgendwie mit anderen Dingen beschäftigt gewesen und hatte nicht mehr dran gedacht.
   »Ja, kann man so sagen«, erwiderte Annie, grinste mich von der Seite an und wiegte den Kopf hin und her, sodass ihre kurzen Locken wippten. »Er kann unglaublich gut küssen und ist verdammt gut im Bett. Aber erzähl mal, ist zwischen dir und Eric noch was gelaufen?«
   Ich schüttelte den Kopf.
   »Na, hätt ich mir ja denken können.«
   »Dieser Zigarettenmief, ich kann das einfach nicht ertragen«, erklärte ich, obwohl das ja nur zum Teil stimmte.
   »Du findest immer ein Haar in der Suppe. Wie bei dem Langhaarigen im R7. Im Gegensatz zu Eric, der ja schon supersüß ist, war der auf einer Skala von eins bis zehn ’ne glatte Zwölf und hat dich angemacht. Und du hast ihn stehen lassen, wegen seiner langen Haare. Manchmal hast du echt ’ne Macke.«
   Ich merkte, dass sie es nicht böse meinte. Annie wusste, was mit Mick passiert war, und dass ich seitdem keinen Mann mehr in meine Wohnung mitgenommen hatte. Von den Panikattacken und meinen Ängsten hatte ich ihr allerdings nichts erzählt. Kein Wunder, dass ich merkwürdig auf sie wirkte. Nüchtern betrachtet hatte ich tatsächlich eine Macke. »Mag sein, aber ich glaube, dieser Langhaarige war eine Nummer zu groß für mich. Mal schauen, wie’s heute mit Eric läuft. Ich hab sicherheitshalber Kaugummi dabei. Vielleicht versteht er den Wink ja.«
   Annie schüttelte lachend den Kopf. »Ich sag ja, du spinnst.« Sie legte den Arm um mich und drückte mich kurz. »Aber ich mag dich trotzdem. Wird bestimmt ein lustiger Abend.«
   Wir gingen schweigend weiter und hingen unseren Gedanken nach. An den Langhaarigen hatte ich nicht mehr gedacht, aber ich musste Annie recht geben, was ihn betraf. Eric war hübsch mit seinen wirren dunklen Haaren und den azurblauen Augen und vor allem seinen kräftigen Muskeln. Dieser Langhaarige mit seinem bleichen Gesicht und dem durchdringenden Blick war allerdings eine andere Klasse. Während Eric in der Jugendauswahl spielte, hatte der Langhaarige bereits die Champions League gewonnen. Zum zweiten Mal in Folge. Aber trotzdem war seine Anmache blöd und einfallslos gewesen. Wahrscheinlich war er ein verwöhnter, reicher Schnösel, der wusste, dass er gut aussah, und sonst nicht viel im Kopf hatte.
   Während Annie und Josh am Eingang der Konzerthalle gleich in einer Umarmung und einem langen Kuss versanken, begrüßten Eric und ich uns eher verhalten, indem wir uns die Hände gaben und uns anlächelten. Das Konzert war komplett ausverkauft, und es war rappelvoll in der großen Halle. Obwohl ich die Band nicht kannte und solche Musik sonst nicht hörte, gefiel sie mir recht gut, und ich hielt es lange in der ersten Reihe aus. Aber hätte ich geahnt, dass wir in so ein Gedränge kommen würden, hätte ich mir ein T-Shirt mit Ärmeln angezogen und nicht dieses Spaghettiträger-Top. Zwischen all den schwitzenden und tatschenden Menschen fühlte ich mich unwohl und machte den anderen ein Zeichen, dass ich mich in den hinteren Bereich zurückziehen wollte. Eric folgte mir unaufgefordert, und ich hielt ihn nicht davon ab.

*

O ja, da saß sie. Louisa. Ihre langen dunklen Haare flossen wie Seide ihren Rücken hinab. Sie hatte sich auf die Kante des Barhockers gesetzt, schlaues Mädchen. Elegant und nicht zu aufreizend auf einem Barhocker zu sitzen, war eine schwierige Angelegenheit, an der die meisten Frauen scheiterten. Sie strich sich die fülligen Haare mit einer leichten Bewegung nach hinten und gab einen schlanken Hals mit einer verführerisch pulsierenden Schlagader preis. Was war das auf ihrem kaum verhüllten Rücken? Eine Tätowierung, und wie es schien eine große. Entblößt durch das ärmellose, eng anliegende Top, aber versteckt durch ihre Haarpracht. Sexy. Absolut sexy.
   Ich stand auf der anderen Seite der Konzerthalle an den Tresen gelehnt, ein Glas Whiskey in der Hand und beobachtete sie. Ich hatte mich in Schale geworfen, die Haare wieder zu diesem Fußballerzopf gebunden, und das warme Blut zweier Opfer durchströmte mich. Sie konnte mich nicht sehen. Ich sie schon.
   Und was ich sah, gefiel mir nicht. Sie flirtete schon wieder mit diesem Eric, den sie vergangene Woche hatte stehen lassen. Aus der Frau sollte mal einer schlau werden. Jetzt nahm dieser Mistkerl auch noch ihre Hand und sie zog sie nicht wieder weg. Er hielt ihre kleinen zarten Finger mit seinen breiten Wurstgriffeln fest und freute sich wie ein Honigkuchenpferd.
   Mist, verdammter! Vor Wut hatte ich das Glas in meiner Hand zerquetscht, und die einzelnen Scherben fielen klirrend zu Boden, was natürlich nur ich hören konnte bei den lauten Beats in der überfüllten Konzerthalle. Ich ließ mir eine Serviette geben, auch wenn ich nicht blutete. Zum Glück war das Glas leer gewesen, sonst hätte ich jetzt überall Flecken auf meinem Shirt, was meine Chancen bei ihr nicht verbessert hätte. Ich musste unbedingt diesen Blindgänger loswerden. Das sollte nicht allzu schwer sein. Immerhin war ich ein Vampir.
   Auf dem Weg durch die sich windenden und tanzenden Leiber kam mir eine Erleuchtung. Halleluja! Vielleicht war das die Gelegenheit, auf die der Romantiker in mir so lange gewartet hatte? Ich jagte schon lange der Idee nach, eine Sterbliche zu finden, die sich in mich verliebte, ohne zu wissen, dass ich ein Vampir war. Es war beinahe unmöglich, eine Sterbliche auszuführen, die nicht irgendwann begriff, was ich war und dann entweder Angst bekam, den Verstand verlor oder mich anbettelte, sie zu »verwandeln«. Ich hatte als Vampir die Fähigkeit, die Menschen so sehr in meinen Bann zu schlagen, dass sie alles für mich tun würden und auch alles glaubten, was ich ihnen erzählte. Dafür genügten ein intensiver Blick und ein wenig Vampirmagie, wie ich es nannte.
   Aber es erschien mir ein wenig mühselig, jeden Tag vor dem Zubettgehen meiner sterblichen Freundin die mentale Festplatte zu löschen und das drauf zu spielen, was sie glauben sollte, was ich war. War es nicht bei Computern häufig so, dass man Daten nie vollständig löschen konnte? Irgendein Rest blieb immer, der zur unpassenden Zeit mit einer total bescheuerten Fehlermeldung das System lahmlegte. Irgendwann würde meine sterbliche Angebetete mit den Worten »Es ist ein unbekannter Fehler aufgetreten. Schatzi wird heruntergefahren.« einschlafen und nicht wieder aufstehen? Nein. Das war keine Option. Ich beschloss etwas anderes.
   Ich, der auffallend gut aussehende, betörende Vampir würde versuchen, das Herz von ihr, Madame Tristesse, zu gewinnen, und zwar ohne den Einsatz von Vampirmagie. Wobei die Betonung hier auf dem Wort versuchen lag, denn ich war mir absolut nicht sicher, ob es mir gelingen würde. Diese Frau hatte etwas, gegen das ich mich verdammt noch mal nicht wehren konnte. Es würde ein bisschen wie jagen sein. Nur erregender und nervenaufreibender, wie ich befürchtete. Halleluja.
   Vorher musste ich noch etwas ausprobieren. Ich hatte eine erfolgreiche Jagd in den dunklen Seitengassen des Hafenviertels hinter mir. Ich war satt, das frische Blut durchströmte meinen Körper, wärmte ihn von innen heraus und ließ meine weiße Haut weniger bleich erscheinen. Meine Lippen waren gerötet und meine Augen klar mit einem schmalen roten Rand um die Iris herum. Aber das würde bei diesem Licht niemandem auffallen. Äußerlich erweckte ich den Eindruck eines blassen Menschen und nicht eines rosigen Vampirs. Ich sah mich nach einer geeigneten Dame um, der ich den Hof machen konnte. Ja, ich war ein bisschen verunsichert. Ich musste wissen, dass ich es noch konnte. Dass es nicht an mir lag, dass Louisa kein Interesse an mir gezeigt hatte.
   Ich brauchte nicht lange zu suchen. An einem Bistrotisch blickten zwei hübsche weibliche Geschöpfe kichernd in meine Richtung. Ich warf die unbefleckte Serviette auf den Boden und ging langsam mit einem Lächeln zu ihnen.

Keine zehn Minuten später verließ ich die beiden wieder, begleitet von ihren schmachtenden Seufzern. Ja! Ich war der Größte! Siegessicher schlenderte ich näher an mein eigentliches Ziel heran. Louisa. Allein ihr Name war schon Musik in meinen Ohren.
   Reiß dich zusammen, Alter, sonst kommt der Schwachkopf wieder aus dir raus und vermasselt es ein weiteres Mal. Eine dritte Chance hast du nicht. Jetzt oder nie.
   Ich blieb in einiger Entfernung zu den beiden im Schatten stehen und beobachtete sie. Sie war entzückend, wie sie mit ihm flirtete. Das lief nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Sie verstanden sich prächtig, und daran, wie dieser Volltrottel sie immer wieder ansah, wenn sie wegsah, konnte ich unschwer erkennen, dass er mehr von ihr wollte als nur Händchenhalten. Soweit wollte ich es nicht kommen lassen. Ich wartete den richtigen Moment ab, und der kam, als sie aufstand und in Richtung Toilette lief. Mir wäre es natürlich lieber gewesen, ich hätte mit ihm im dunklen Gang unten bei den Toiletten reden können, aber so würde es auch gehen. Ich beeilte mich, zu ihm zu kommen, ehe Louisa zurückkam, und bot ihm vierhundert Mäuse an, damit er die Kurve kratzte. Ich wollte mich ja nicht lumpen lassen. Außerdem hatte ich mir ja vorgenommen, bei dieser Jagd keine Vampirtricks einzusetzen.
   Dieser miese Kerl überlegte keine fünf Sekunden, ehe er zugriff und sich das Geld in die abgegriffene Hosentasche stopfte.
   »Du wirst dich unter einem Vorwand verabschieden und abhauen. Und frag auf keinen Fall nach ihrer Nummer, verstanden?«, sagte ich und empfahl mich. Ich drehte mich noch einmal um und machte ihm mit einer eindeutigen Geste klar, dass ich ihn im Auge behielt und dass er gut daran tat, genau das zu tun, was ich ihm aufgetragen hatte. Der kleine Scheißer hatte so die Hosen voll, dass er keine zwei plumpen Sätze später verschwunden war, nachdem sie lächelnd zurückgekommen war. Die Enttäuschung, die kurz in ihrem Blick aufflackerte und sich in Empörung verwandelte, tat mir ein bisschen leid. Aber, hey, ich hab die Regeln nicht gemacht. Wenn sie wüsste, für welch lächerlichen Preis er sie ohne mit der Wimper zu zucken hatte sitzen lassen und wenn sie außerdem wüsste, dass ich derjenige war, der den Preis bezahlt hatte. Aber das stand auf einem anderen Blatt und würde mir keine Kopfschmerzen bereiten. Ich hätte noch weit mehr bezahlt.
   Ich näherte mich ihrem Rücken, stellte mich wie zufällig neben sie und bestellte einen Sambuca, versuchte aber nicht, in ihre Richtung zu schauen. Stattdessen sog ich ihren Duft tief in mich ein. Sie roch nach Blumen, Sonne, dezentem Parfüm und nach Louisa eben. Lieblich und einzigartig. Sie drehte sich zu mir um und sah mich nachdenklich an. Ich tat überrascht und hielt ihr mein Glas hin.
   »Auch einen?«, fragte ich sie. »Siehst aus, als könntest du einen gebrauchen.«
   »Äh, danke«, erwiderte sie etwas überrascht.
   Ich bestellte mir einen Neuen. Louisa wartete artig, ehe sie mit mir anstieß und ihren herunterstürzte. Sie verzog den Mund und schüttelte sich.
   Ich musste lachen und Regel Nummer eins kam mir in den Sinn: gib ihr nie die Zügel in die Hand. »Wir sind uns vergangene Woche schon begegnet, aber ich befürchte, da habe ich mich ziemlich dämlich angestellt.« Ich hatte meine Arme bequem auf dem Tresen abgestützt und ihr nur das Gesicht zugedreht, während ich das über meine Schulter hinweg sagte. Nun drehte ich mich ganz zu ihr um und hielt ihr meine Hand hin. »Das würde ich gern wiedergutmachen. Mein Name ist Dorian.«
   Sie erkannte mich wieder und schien nicht gerade begeistert, gab mir aber trotzdem die Hand. Ich hätte schwören können, dass es einen kleinen Funken gegeben hatte, als sie mich berührte. Zumindest war es elektrisierend, ihre kleine, warme Hand in meiner zu spüren.
   »Louisa«, sagte sie knapp und lehnte sich mit verschränkten Armen auf den Tresen. »Und wie würde so eine Wiedergutmachung aussehen? Nur mal angenommen, ich hätte Interesse an einer?«, fragte sie mich über die Schulter hinweg. Ihre Stimme klang skeptisch und neugierig zugleich.
   Ich stütze mich neben ihr auf und bedeutete dem Barkeeper, uns nachzuschenken. Regel Nummer zwei: gib ihr niemals die Zügel in die Hand. »Was würde dir denn gefallen? Nur mal angenommen, du hättest Interesse daran?«
   Sie drehte den Kopf weg und grinste. Bingo! War ich gut oder war ich gut? Eins zu null für Dorian. Nicht für den Vampir. Nein, das hier hatte nichts mit meinen vampirischen Kräften zu tun. Das war nur Dorian. Ich schob ihr das zweite Glas hin.
   »Sag mal, verfolgst du mich?«
   Dieses Mal stürzte ich meinen Sambuca nicht herunter, sondern trank ihn ganz langsam, um Zeit zu gewinnen. Sie war eine harte Nuss und machte es mir nicht leicht. Aber Regel Nummer drei: gib ihr niemals die Zügel in die Hand. »Ja, ist schon ein komischer Zufall, dass wir uns hier wiedersehen, nicht wahr? Bist du ein Fan von Smoking Aces?«
   Natürlich hatte ich mich über die Band informiert, die hinter uns gespielt hatte. Ich hatte meine Hausaufgaben gemacht. Dem Internet sei Dank!
   »Nö. Ich kannte sie nicht einmal. Du siehst aber auch nicht gerade wie der typische Rocker aus.« Ihre Haltung hatte eine leichte Wendung zu meinen Gunsten angenommen, als ihr Blick nun auf meine Garderobe deutete.
   »Du aber auch nicht«, erwiderte ich und drehte mich ihr ebenfalls wieder zu, ohne ihr wirklich näher zu kommen.
   Sie musste nun zu mir aufblicken. Vielleicht war es dafür noch zu früh, deshalb nahm ich lieber locker auf dem Barhocker Platz. Wenn sie sich zu mir umdrehte, hatte ich die halbe Schlacht schon gewonnen.
   Sie metzelte meine Fußtruppen nieder, als sie sich wieder nach vorn drehte und unauffällig einen Blick über ihre andere Schulter warf.
   »Hat es dir denn gefallen?«
   »Ja, war ganz okay. Ist nicht so ganz meine Musik. Ich mag es lieber melodischer.«
   »Dann tanzt du gern?«
   »Ja, aber ich glaube, das weißt du schon«, antwortete sie und versetzte meinen Truppen damit einen weiteren harten Schlag.
   Ja, hatte ich sie nicht letztes Mal beim Tanzen beobachtet? Bei der lauten Rockmusik hier würde ich wohl nicht wieder in den Genuss kommen, sie dabei betrachten zu können, während ich natürlich vor ihr tanzte. Ach, eine herrliche Vorstellung. Wir beide, tanzend in einer Umarmung versunken, uns wiegend im Rhythmus der Musik.
   Ich spürte ihren Blick auf mir. Prickelnd. Sie räusperte sich, und ich wagte kaum, aufzusehen. Jetzt wollte sie sich bestimmt aus dem Staub machen. Das war’s. Kein hasta la vista, baby, aber ich war kein Feigling. Ich würde dem Tod ins Auge sehen. In graublaue Augen, die mich so unergründlich anblickten, dass ich für einen Moment das Atmen vergaß. Sie beugte sich ein wenig in meine Richtung vor. Ein letzter, mutiger Trupp Soldaten fiel über ihre Fußtruppen her, ein Gemetzel ohne Gleichen, dann die Kavallerie … Jäh zuckte ich zusammen. Wie konnte sie in diesem Schummerlicht das Rot in meinen Augen erkennen, das sie gerade fasziniert angesprochen hatte?
   Jetzt wäre es Zeit für ein bisschen Vampirmagie, aber ich blieb standhaft. Ich wollte sie erobern – ohne zu schummeln. Deshalb schob ich es schnell auf die schlechte Luft. Vielleicht würde sie ja mit mir vor die Tür gehen? Nein, nachher stand ich allein draußen und – General gefallen, Schlacht verloren. Es war höchste Zeit für ein Kompliment, sonst würde sie womöglich wirklich davonrauschen. Oberteil? Nein, das hatte ich schon. Haare hatte dieser Eric schon abgegrast. Denk nach, Junge, denk nach! Ihr Lachen. O ja, das war definitiv ein Kompliment wert. Nur lachte sie nicht. Hände, Finger, Hintern? O Gott, auf keinen Fall ihren Hintern erwähnen! Augen? Auch zu zweideutig.
   Da kam mir, dem Himmel sei Dank, ein Lächeln zu Hilfe. Ein zauberhaftes verträumtes kleines Lächeln. Ich beugte mich ein wenig vor, um das Kompliment nicht brüllen zu müssen. Ihr Duft war betörend. Natürlich roch ich ihr Blut, aber das Verlangen danach war kaum vorhanden. Ihr Duft als Mensch war um ein Vielfaches aufregender. Zu gern hätte ich mein Gesicht an ihren Hals gelegt, um ihn tiefer einzusaugen. Hätte in ihre vollen rotbraunen Haare gegriffen, um auch deren Duft einzuatmen. Und ihre Haut berührt. Sie hatte hellbraune weich wirkende Haut. Aber ich wusste nicht, ob ich so weit gehen konnte, nachdem ich mich vergangene Woche so dämlich angestellt hatte. Außerdem hatte sich dieser Eric ja schon an sie herangemacht. Noch so eine Anmache würde sie wahrscheinlich abblocken.
   Ein Seufzer entrang sich meiner geplagten Brust und ich rückte lieber von ihr weg, ehe sie sich davon bedroht fühlen konnte. Herrgott, warum hatte ich mich auch so breitbeinig hingesetzt? Sie musste sich ja von mir förmlich eingefangen fühlen. Schnell stand ich auf. Verdammt eng zwischen diesen bescheuerten Barhockern, aber ihr noch einmal so nahe zu sein, war ein Genuss ohne Gleichen.

*

»Sambuca, bitte«, hörte ich eine tiefe Stimme neben mir, die mir seltsam bekannt vorkam.
   Nicht in dem Sinne bekannt, dass ich sie schon oft gehört hätte, sondern dass ich sie erst vor Kurzem zum ersten Mal gehört hatte. Und dass sie einen schlechten Nachgeschmack hinterlassen hatte. Ich drehte mich um, um der Sache auf den Grund zu gehen. Der Inhaber der Stimme stand direkt hinter mir. Relativ groß – geht aber grad noch; extrem gut sitzende Bluejeans, Langarmshirt, vorn nicht ganz zugeknöpft, unbehaarte Brust – lecker; ziemlich blasser Teint; Frisur wie David Beckham – sehr sexy, obwohl langhaarig; schöne Augen. Diese Checkliste lief bei mir immer automatisiert ab, da konnte ich nichts machen. Es war wie Hintergrundmusik im Kaufhaus.
   Deshalb bekam ich seine Frage nicht mit, sondern sah nur das erhobene Glas, das er mir hinhielt. Ich nahm es dankend an und stürzte den Sambuca hinunter. Fürchterliches Zeug, dachte ich, als es mich schüttelte. Just in dem Moment, als er mir erzählte, wo wir uns begegnet waren, fiel es mir wieder ein. Das war die »Champions League« aus dem R7. Und ja, er hatte sich verdammt dämlich angestellt, da hatte er recht. Aber wie er mir so freundlich und doch gleichgültig die Hand hinhielt, konnte ich ihn nicht noch einmal stehen lassen. Außerdem wollte ich nicht allein in dem Saal bleiben. Nachdem dieser Mistkerl Eric sich aus dem Staub gemacht hatte, weil er angeblich müde war, wollte ich mich nicht bei Annie und Joshua zum sprichwörtlichen fünften Rad machen. Das gehörte nicht unbedingt zu meinen Lieblings-Samstag-Abend-Beschäftigungen.
   Also gab ich Dorian die Hand, dachte an einen möglichst festen Händedruck und wäre fast zurückgezuckt. Es war, als hätte ich eine gewischt bekommen. Seine Hand war kalt und hart, und meine Handfläche fing bei seiner Berührung an, zu kribbeln. Ich drehte mich schnell weg und verschränkte die Arme, um mir unauffällig die Handfläche zu reiben. Sein Händedruck hatte ein sonderbares Gefühl darauf hinterlassen.
   Dieses Mal stellte er sich nicht so blöd an. Die Beckham-Frisur hatte etwas Verwegenes, und sein Lächeln war dieses Mal echter. Nicht siegessicher und überheblich wie vergangene Woche, sondern ehrlicher. Als wollte er es ernsthaft wiedergutmachen.
   Er war zwar immer noch nicht wirklich mein Typ, aber jetzt gefiel er mir. Er sah auf jeden Fall um einiges besser aus als Eric, der mich hier sitzen gelassen hatte, und er war schlagfertig und irgendwie geheimnisvoll. Vielleicht sollte ich einfach mal abwarten, was sich so entwickelte? Ich warf einen Blick in den Konzertsaal, der sich hinter mir auftat, und in dem, da das Konzert beendet war, ein DJ für Musik sorgte. Von Annie und Joshua keine Spur. Wahrscheinlich knutschten die in einer dunklen Ecke rum – und ich stand hier mit dem Langhaarigen. Er hielt den Blick gesenkt und schwieg, während ich ihn unauffällig musterte. Lange Haare hin oder her, er sah verdammt gut aus und hatte sehr sinnliche Lippen, die ich gern mal … Ich räusperte mich, erschrocken über meine eigenen Gedanken. Er sah auf und unsere Blicke trafen sich. Ich fühlte mich sofort von seinem gefangen. Er hatte wunderschöne grüne Augen mit, Moment mal, was war das denn?
   »Was ist denn mit deinen Augen?«, fragte ich ihn und beugte mich vor, um es besser sehen zu können. War das ein roter Rand da um seine Iris?
   »Ähm, wahrscheinlich ist das der Zigarettenrauch hier«, antwortete er, »davon bekomm ich immer rote Augen.«
   »Ach, dann bist du Nichtraucher?«
   Er nickte. »Ist vielleicht etwas aus der Mode, aber ich kann den Glimmstängeln nichts abgewinnen.«
   Das überraschte mich und machte die langen Haare wieder wett. Dorian hatte eine reelle Chance bekommen. Na ja, eigentlich hatten seine sinnlichen Lippen schon für einen Bonuspunkt auf meiner Checkliste gesorgt. Ich hatte mich nicht wieder weggedreht und stand ungewollt zwischen seinen Beinen, die mich zwar nicht berührten, an denen ich jedoch nicht vorbei kommen würde, ohne sie zu streifen. Ich müsste mich nur ein wenig vorbeugen, dann hätte ich seine Lippen berühren können. Perfekte Szene für eine Liebesgeschichte. Ich musste grinsen.
   »Du hast ein bezauberndes Lächeln«, raunte er mir zu.
   Er hatte sich ein wenig vorgelehnt. Nur ein kleines Stück weiter, dann würden sich unsere Lippen treffen. Ich konnte seinen Atem bereits auf meinem Gesicht spüren und erschauderte. Zu gern würde ich ihn noch einmal berühren, nur um zu schauen, ob es wieder so ein Kribbeln hinterlassen würde. Und seine Lippen sahen so weich aus. So verheißungsvoll sinnlich. Vielleicht zögerte ich einen Moment zu lange, aber mit einem kleinen Seufzer zog er sich wieder zurück. Ich richtete mich auf, hätte mich gern auch hingesetzt, aber auf dem Barhocker saß man einfach zu unbequem. Plötzlich fühlte ich mich unbehaglich und ein wenig gefangen zwischen seinen langen Beinen, obwohl das mit Sicherheit nicht seine Absicht gewesen war. »Ähm, ich sollte jetzt vielleicht …«, beinahe hätte ich gesagt, ich wolle nach meiner Freundin sehen. Was ja auch stimmte, aber mit der Ausrede hatte ich ihn schon einmal stehen gelassen.
   Er war blitzschnell auf den Beinen, verharrte einen winzigen Moment ganz nah vor mir, sodass mir die Luft wegblieb, und trat dann aus dem winzigen Zwischenraum unserer zwei in den Boden verankerten Barhocker heraus. »Tut mir leid, ich wollte dir nicht zu nahe kommen.«
   »War ja nicht so schlimm«, erwiderte ich atemlos und kam ebenfalls zwischen den Barhockern heraus.
   Eigentlich wollte ich nicht gehen, stellte ich erstaunt fest. Ich wollte ihn küssen, in seine Haare greifen und ihn überall berühren. Am liebsten hätte ich ihn mit nach Hause genommen, aber das kam überhaupt nicht infrage. Er wusste, wie gut er aussah, das hatte ich schon bei unserer ersten Begegnung festgestellt. Er spielte mit mir. Ich würde es bestimmt bereuen, wenn ich so einen als Ersten nach der Sache mit Mick in meine Wohnung mitnahm.
   Also verabschiedete ich mich stotternd. »Ich glaube, ich werd dann mal … nach Hause … und noch … meine Freundin … Ich werd dann mal gehen.« Ich merkte bereits, dass ich puterrot anlief, und wollte mich schnell wegdrehen. »Vielen Dank für den Sambuca. Und die Unterhaltung«, sagte ich noch rasch, weil es mir ein wenig leidtat, ihn wieder stehen zu lassen.
   Mir schlug das Herz bis zum Hals, ich war knallrot angelaufen und musste hier weg. Schnell. Ich merkte, dass er mir nachsah. Spürte es an dem Kribbeln im Nacken und widerstand dem Drang, mich umzusehen. An der Tür angekommen, drehte ich mich dennoch um. Ich hatte recht, er sah mir nach. Vielleicht hätte ich ihm die Gelegenheit geben sollen, nach meiner Nummer zu fragen, anstatt davonzulaufen. Nun war es zu spät.
   Als ich ins Taxi eingestiegen war, blickte ich mich noch einmal zur Tür um. Da stand er. Dorian. Blass und gut aussehend. Lächelnd. Seltsamer Bursche.

*

Wirklich ein sonderbares Geschöpf. Ich sah ihr hinterher – ah, dieser Hüftschwung! – und hoffte, sie würde sich noch einmal umdrehen. Gleich würde sie aus der Tür sein und … und … jawoll! Sie blickte zurück, und ich wusste, dass sie wusste, dass ich ihr die ganze Zeit hinterhergesehen hatte. General schwer verwundet, aber nicht lebensgefährlich, Schlacht unentschieden, Truppen bilden sich neu.
   Ich bezahlte die Drinks und folgte ihr nach draußen. Um noch einen letzten Blick auf sie zu werfen, ehe sie ins Dunkel der Nacht entschwand. Ich kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sie in ein Taxi stieg. Sie sah aus dem Fenster und entdeckte mich. Sie lächelte kurz, ehe das Taxi wendete. Zufrieden beschloss ich, wieder hineinzugehen. Ich hatte unter herben Verlusten einen Sieg davongetragen. Es war Zeit für ein wenig Amüsement. Also mischte ich mich unters Volk, um mich noch von weit weniger interessanten Sterblichen anschmachten zu lassen. Macht Platz für den General!

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