Nach schweren Schicksalsschlägen lebt Sora in einer Wohnung, die einem Rattenloch gleicht. Sie kommt mit dem Hungerlohn für ihren Job in einer Pizzeria kaum über die Runden. Ihr Leben ändert sich, als sie eines Abends auf Rafael trifft, einen Wächter des Lichts, der sie fälschlicherweise für einen Succubus hält. Nur mit viel Glück entkommt sie seinem Angriff. Trotz ihres unangenehmen Zusammentreffens fühlen sich Rafael und Sora auf magische Weise zueinander hingezogen. Der Halbengel Rafael findet heraus, dass in Sora mehr Geheimnisse schlummern als gut für sie beide ist. Und plötzlich finden sie sich auf der Flucht vor unbarmherzigen Mächten, die nur eines im Sinn haben: Soras Tod.

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ISBN: 978-9963-52-271-2

Seiten: 272

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Ylvi Walker

Ylvi Walker wurde in den späten Siebzigern in Deutschland geboren. Sie wuchs mit allerlei Getier in einem idyllischen Dörfchen auf. Ihr Berufswunsch stand schon relativ früh fest und sie ist konsequent dabei geblieben. Entgegen ihrer persönlichen Vorliebe für die Farbe schwarz, trägt sie beruflich weiß. Das Schreiben entdeckte sie bereits in jungen Jahren für sich. Ihre Kurzgeschichten füllen etliche Notizbücher, doch nur wenige eignen sich für die Publikation. Erst in der Elternzeit mit ihrer Tochter widmete sie sich ihrem ersten großen Schreibprojekt: einem Vampirroman, den sie bis heute keinem Verlag vorgestellt hat.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

»Sora, der Müll!« Puja, meine Chefin, warf mir den Müllsack fast entgegen. Das dünne Plastik riss auf und Tomatensoße ergoss sich über meine
   Jacke. »Für was bezahlen wir dich überhaupt?« Sie schnaubte und ging zurück in die Pizzeria, in der ich seit gut einem Jahr arbeitete.
   »Es tut mir leid.« Habib, Chef der Pizzeria und Ehemann dieser Furie, legte mir beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. Der Mann mit der Halbglatze und dem witzigen Panjabi-Dialekt lächelte mich an. »Du weißt, wie sie ist.«
   O ja, das wusste ich. Sie behandelte mich wie ihre Leibeigene, weil sie mir ein Gehalt bezahlte, von dem ich mit Ach und Krach meine Miete berappen konnte. Gegen Ende des Monats wurde das Geld immer knapp. Dann half mir Habib mit Lebensmitteln aus, was sein persönlicher Hausdrache nicht spitzkriegen durfte. Er war das Gegenteil seiner boshaften Frau. Ein herzensguter Mann, der die Pizzeria vor einem Jahr übernommen hatte und damit auch die Pizzabäckerin – meine Wenigkeit. Wobei ich klarstellen muss, dass ich keine Italienerin bin.
   »Schon gut, Habib.« Ich erwiderte sein Lächeln. »Es ist nur ein kleiner Umweg zum Container und ein bisschen Bewegung kann nicht schaden. Außerdem hat es fast aufgehört zu regnen.« Die Tropfen, die in mein Gesicht fielen, straften meine Worte Lügen. »Bis morgen.« Ich rannte die letzten hundert Meter durch die Dunkelheit zu den Müllcontainern, ich wollte es so schnell wie möglich hinter mich bringen. Weit und breit war um diese Zeit niemand außer mir unterwegs und es gab keine Laternen, um Vandalen das nächtliche Müllabladen zu erschweren. Hastig beförderte ich die Tüte in den Container und wischte mir die Hände an der eh schon dreckigen Jacke ab. Nur weg hier, alles in mir schrie nach Flucht. »Zweiunddreißig Jahre alt und immer noch Angst im Dunkeln«, murmelte ich. Ich wandte mich gerade erleichtert ab, als mich jemand brutal zu Boden riss, sich halb auf mich kniete und mir etwas Kühles ins Gesicht presste.
   »In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti«, knurrte eine dunkle Männerstimme und drückte den Gegenstand noch fester gegen meine Stirn. »In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti«, wiederholte er lauter und mit mehr Nachdruck. Mit dem Daumen seiner freien Hand strich der Unbekannte ein Kreuz über meine Stirn, meinen Mund und meine Brust.
   Ich wusste, dass es einmal böse mit mir enden würde, doch dass ich von einem fanatischen Katholiken um die Ecke gebracht werden würde, damit hätte ich beim besten Willen nicht gerechnet.
   »Wie kann es sein, dass du noch lebst, du Monster?«, brüllte der Mann mich an. Er presste seine Hand gegen meine Stirn. »Also doch. In nomine Patris …«
   »Runter von mir!« Ich schaffte es, ihn von mir hinunterzuhebeln und rammte ihm meinen Ellbogen ins Gesicht. Mein nächster Griff ging in meine Jackentasche zu dem Pfefferspray, das ich ihm nun entgegenstreckte. Ich zitterte am ganzen Leib, konnte den ausgestreckten Arm kaum ruhig halten.
   »Wie kann es sein? Das Gold … das Kreuz … es hätte dich …« Er holte aus, und ehe ich mich versah, lief mir etwas Flüssiges über das Gesicht. Entsetzt erwartete ich das Schlimmste: Säure, Lauge oder eine brennbare Flüssigkeit. Doch es war nichts davon. Ich schnupperte, es roch nach nichts, war ganz normales Wasser, das vielleicht ein bisschen salzig schmeckte, im Regen, der jetzt wieder stärker fiel, aber unterging.
   »Was bitte schön war das?«, fuhr ich den Verrückten an, der mich anstarrte.
   Er blinzelte. »Weihwasser.«
   »Weihwasser? Versuchst du, mich zu bekehren? Ich bin getauft, evangelisch, falls es dich interessiert. Falls das die modernen Methoden der katholischen Kirche sind, um neue Schäfchen anzuwerben, muss ich dich enttäuschen: Sie versagen.« Schnaubend taumelte ich einige Schritte rückwärts. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Vielleicht war es keine gute Idee, diesen Irren zu reizen. Doch jetzt war es zu spät für diese Erkenntnis.
   »Du bist getauft? In einer Kirche?«, fragte er ungläubig und ließ einen Flachmann fallen.
   »Ja, in einer Kirche. In Deutschland macht man das so.« Er hatte einen bizarren Dialekt, der mir überhaupt nicht vertraut war.
   »Du hast das Sakrament der Taufe erhalten, deine Haut reagiert nicht auf das Gold und auch nicht auf das Kreuz und das Weihwasser. Es hat dich nicht verbrannt. Wie kann das sein?«, stammelte er, mehr zu sich selbst. Offenbar sollte ich das nicht hören.
   »Mein Gott, du Arschloch. Hast du zu viele Filme gesehen? Denkst du, ich bin ein Vampir? Mach, dass du Land gewinnst.« Postwendend verfluchte ich mich für mein loses Mundwerk. Wollte ich unbedingt, dass mir der Durchgeknallte den Garaus machte?
   »Du benutzt den Namen des Herrn«, stotterte der Typ.
   Noch immer sah ich recht wenig von ihm, es war zu dunkel. Da er sich aber die Wange hielt, schien mein Ellbogen gesessen zu haben.
   »Eine Tochter Liliths, ein Sukkubus.«
   »Ein Sukkubus? Ich?« Der Typ musste aus einer Irrenanstalt entflohen sein. Um ehrlich zu sein, wirke ich nicht unbedingt verführerisch auf das andere Geschlecht. Ich verschränkte die Arme vor der Brust, das half gegen das Zittern. Zu allem Überfluss wurde mir auch noch kotzübel. Entweder lag das an dem verfluchten Schock oder daran, dass der Irre mit seinem gesamten Gewicht auf meinem Magen gekniet hatte. Ich bin zwar nicht gerade gertenschlank, aber der Typ wog gute neunzig Kilogramm bei einer hünenhaften Größe. Bitterer Speichel sammelte sich in einer Pfütze unter meiner Zunge. Mein Magen krampfte sich zusammen und versuchte, das Essen herauszubefördern. Es ließ sich nicht mehr unterdrücken. Sollte er mich doch von hinten erwürgen, erdolchen oder was auch immer.

*

Sie drehte sich weg und tat etwas Seltsames. Sie übergab sich laut schluchzend. Sukkubi übergaben sich nicht. Dazu waren sie anatomisch überhaupt nicht in der Lage. Sie tat es, zumindest den Geräuschen nach zu schließen. Aber wie konnte das sein?
   Er hatte einen Sukkubus gerochen. Nicht nur das Aussehen eines Sukkubus war verführerisch. Auch ihr Duft brachte Männer dazu, ihnen zu verfallen und alles zu tun, was der Alb von ihnen wollte. Aber sie … Diese Frau war ganz anders. Sukkubi und ihre männlichen Gegenparts – die Inkubi – waren groß, hellhaarig und hatten blaue Augen, was wohl an der Wiege ihrer Herkunft im hohen Norden lag. Sukkubi konnten sich nicht mit Menschen fortpflanzen, nur mit Inkubi. Die Inkubi konnten sich dagegen auch mit Menschenfrauen vereinen und taten dies nicht selten, doch egal, ob Inkubi oder Sukkubi, eines hatten beide gemeinsam: Sie ernährten sich von der Lebensenergie ihrer Opfer, die sie im Schlaf verführten. Sie töteten ihre Opfer in der Regel nicht, aber auch wenn sie nicht mordeten, war es seine Aufgabe, die Welt von Wesen wie ihnen zu befreien. Diese Frau war untypisch. Ihr Gesicht war nicht perfekt. Sie hatte einen kleinen Buckel auf ihrer etwas zu großen Nase und sie trug eine Brille. Sukkubi trugen keine Brillen. Allerdings hätte das auch ein Täuschungsmanöver sein können. Sie könnte das Ding tragen, um menschlich zu wirken. Alben waren die Perfektion in Menschengestalt. Sie hatten makellose Gesichtszüge und ansprechende Körper, damit sie die Lust ihrer Opfer befriedigen konnten. Diese Frau, auch wenn er noch immer den Geruch eines Sukkubus wahrnahm, entsprach keinem gängigen Schönheitsideal. Sie war groß, nicht zu dünn, und hatte ein kleines Bäuchlein. Ihr ebenholzschwarzes Haar fiel in Korkenzieherlocken bis zur Mitte ihres Rückens. Sie hatte muskulöse Arme, starke sogar. Ihre Kraft hatte gereicht, dass er Sterne gesehen hatte, als ihn ihr Ellbogen traf. Selbst jetzt pochte seine Wange noch. Doch entscheidender war es, dass sie alle Tests bestanden hatte. Weder Kreuz noch Gold hatten ihr Schaden zugefügt. Das Weihwasser ließ sie kalt, ebenso das lateinische Gebet. Sie hatte den Namen des Herrn ohne zu zögern in den Mund genommen. Laut ihrer Aussage war sie getauft. Kein Alb hätte das überlebt. Sie aber stand da, roch wie ein Sukkubus und doch …
   Endlich richtete sie sich auf. Sie wischte sich über den Mund und torkelte einige Schritte in seine Richtung, stoppte dann aber abrupt mit hochgehobenem Zeigefinger.

*

»Färbst du deine Haare, Sukkubus?«
   Die Frage war wohl ein schlechter Scherz. Und wieder dieser verflixte Sukkubus. »Ich bin kein Sukkubus, geht das endlich in dein Hirn? Ich habe einen Namen. Und nein, ich färbe meine Haare nicht.« Ich wollte mir die Tränen aus den Augen wischen, da stand er plötzlich vor mir, hielt meine Hand fest und leckte sie ab.
   »Du weinst«, sagte er verwirrt. »Echte Tränen.«
   »Wenn irgendein Irrer versucht, einen zu vergewaltigen, darf man wohl heulen. Zudem habe ich gerade mein Essen ausgekotzt. Hast du eine Ahnung, wie schwer ich dafür schuften muss?«, fuhr ich ihn an und zog angeekelt meine Hand aus seinem Griff.
   »Ich wollte dich nicht vergewaltigen. Nichts liegt mir ferner. Mein Name ist Rafael, und wenn du erlaubst, würde ich dich gern nach Hause begleiten.«
   Klar doch. Ich zeigte ihm einen Vogel. »Nein, Rafael, ich verzichte.«
   »Ich bestehe nach meinem Irrtum darauf.«
   »Und ich bestehe darauf, dass du mich nicht begleitest«, schnauzte ich ihn an. Er hatte die Dreistigkeit, seinen brutalen Überfall als Irrtum zu bezeichnen. Was kam als Nächstes? Ein Blumenstrauß, weil ich gekotzt hatte?
   »Lass uns irgendwo an einen belebten Ort gehen, das wird dich ruhiger stimmen. Mir scheint, dass wir miteinander sprechen müssen.«
   »Ich gehe nicht mit Vergewaltigern essen.« Ich wusste, dass ich recht hatte, warum also kam ich mir trotzig vor?
   »Ich wiederhole, dass ich dich nicht vergewaltigen wollte. Ich musste dich prüfen und du hast die Tests bestanden. Ich möchte dich zum Essen einladen, Frau.«
   »Wo kommst du denn her?« Frau … so, wie er es aussprach, erinnerte es mehr an eine Beleidigung.
   »Von weit weg. Ich weiß immer noch nicht deinen Namen.«
   »Sora.«
   »Freut mich, Sora. Darf ich dich nun zum Essen einladen?«

*

Die Frau ihm gegenüber verdrückte mit Lust einen Burger. Sukkubi konnten nicht essen. Sora tat es. Er hatte das Salz ihrer Tränen geschmeckt. Die Tränen eines Menschen, wenn an ihr auch mehr sein musste, als sie wusste. Sie war völlig durchnässt. Ihr Haar hatte sie in der Toilette des Schnellrestaurants notdürftig getrocknet und zu einem strengen Zopf zusammengebunden. Die Überreste ihres schwarzen Augen-Make-ups hatte sie entfernt. Sie sah ihn skeptisch über den Rand ihres Kaffeebechers an und zog die Augenbrauen hoch. Gleich würde sie ihn etwas fragen.
   »Verrate mir mal, Rafael, lädst du die Frauen immer zum Essen ein, wenn es dir nicht gelungen ist, sie zu vergewaltigen?«

*

Meine Frage sollte ihn reizen, aber das tat sie nicht.
   Er verzog lediglich sein Gesicht und setzte ein smartes Lächeln auf. »Ich wollte dich nicht vergewaltigen.«
   Anscheinend hatten meine Überlebensinstinkte Adios gesagt oder wie war es sonst zu interpretieren, dass ich hier mit ihm saß? Bescheuert, wie ich war, glaubte ich ihm, dass er mich nicht vergewaltigen wollte. Wenn ich so darüber nachdachte, hatte er sich tatsächlich nicht so verhalten. Ich nahm ihn genauer in Augenschein.
   Er war gut gebaut, das hatte ich auch in der Dunkelheit schon erahnen können. Bei Licht betrachtet besaß er darüber hinaus ein perfekt symmetrisches Gesicht mit einem schnurgeraden, akkurat passenden Näschen. Die leicht mandelförmigen Augen waren blau wie das Meer und seine Lippen … üppig, aber keine Schlauchboote. Jetzt, da er lächelte, zeigten sich zwei makellose Zahnreihen in strahlendem Weiß. Seine Haut war sehr hell, mit zarten Sommersprossen auf dem Nasenrücken und den Wangen. Das Einzige, was störte, war der rotblaue Schimmer unter seinem linken Auge. Es erfüllte mich mit nicht geringer Genugtuung, dass mein Ellbogen so gut gelandet war, doch ich fand es auch ein bisschen bedauerlich, dass ich sein schönes Gesicht verschandelt hatte. Sein blauschwarzes Haar reichte etwas über seine Schultern. Es war glatt und glänzte im Licht wie Seide. Er griff mit seinen schlanken, langen Fingern nach seinem Kaffeebecher. Zwei Ringe trug er an der rechten Hand. Am Ringfinger einen verspielten aus Silber. Am Daumen befand sich ein breiter Ring aus einem durchscheinenden weißen Material, das das Licht regenbogenfarben reflektierte. Von der Machart her war er schlicht, die Oberfläche eben, ohne jegliche Schnörkel. Das Material war das Besondere an diesem Ring. Trotz seiner Schlichtheit faszinierte mich der Ring an seinem Daumen am meisten und ich konnte nicht widerstehen, ihn zu berühren. Rafael zog hastig seine Hand zurück und sah mich entgeistert an.
   »Entschuldige. Ein Familienerbstück, wie auch der Gladdagh.« Er tippte auf den Silberring. »Aus Irland. Er gehörte meiner Mutter. In der Regel wird er von Mutter zur Tochter weitergegeben, aber da meine Mutter keine Tochter gebar, ging er an mich. Der Ring an meinem Daumen, wie hat er sich angefühlt?« Sein Blick hielt mich gefangen, ließ mich nicht entrinnen.
   »Du siehst nicht aus wie ein Ire. Der Ring fühlte sich sehr kalt an, wie Metall eben. Wobei ich gedacht hätte, er müsste warm sein, so viel Hitze, wie deine Haut abstrahlt. Bist du ein Hochofen?« Ich hatte die Wärme seiner Haut gespürt, auch wenn ich sie nicht berührt hatte. Vorhin war mir das nicht aufgefallen, aber da war ich auch damit beschäftigt gewesen, ihn von mir hinunterzubekommen.
   »Meine Mutter ist Irin«, erwiderte er. »Du bist nur vollkommen durchnässt und unterkühlt, daher komme ich dir so warm vor. Du solltest aus den nassen Klamotten raus.« Rafael erhob sich vom Stuhl, sein langer Ledermantel schwang um ihn herum. Er hatte einen Hauch von Matrix mit seinem Stehkragen und der Länge bis fast zum Boden.
   »Was hast du vor?«
   Er hob zur Antwort nur seinen Zeigefinger und ging auf eine der Mitarbeiterinnen zu. Ich konnte nicht hören, was sie miteinander sprachen, aber ich sah, wie er ihr einen Geldschein in die Hand drückte. Sie verschwand und kam gleich darauf mit einer Tüte zurück, die sie ihm lächelnd überreichte. Rafael bedankte sich und kehrte zurück an den Tisch. Für einen Mann hatte er ein sehr feines Körpergefühl. Er bewegte sich sexy, Gestik und Mimik wirkten vornehm. Auch die Art, wie er sein vorgefallenes Haar hinter das Ohr schob.
   »Es ist besser, wenn du trockene Kleider anziehst, sonst erkältest du dich noch.«
   Vorhin hätte er mich beinahe erwürgt, jetzt zeigte er sich fürsorglich. Ich traute ihm nicht, aber in meinem nassen Zeug wurde mir wirklich immer kälter.
   »Möchtest du noch einen Kaffee, Sora? Ich kann dir einen holen, während du dich umziehst.«
   Das Angebot nahm ich dankbar an, schnappte mir die Tüte und verzog mich.

*

Er vergewisserte sich, dass sie wirklich in Richtung Toilette verschwunden war, ehe er sich ihre Jacke schnappte und die Taschen durchsuchte. Er entdeckte ihren Geldbeutel fast sofort und notierte die Daten aus ihrem Personalausweis auf einer Serviette. Sora Sonata Krieger, geboren am 24.12.1977 in Düsseldorf. An Heiligabend. Interessant. Sie hatte nur wenige Cents in ihrem Münzfach und kein Scheingeld. Die Karten von Krankenversicherung und Bank samt einigen Einkaufsbons schob er gleich wieder zurück. Er wollte den Geldbeutel schon wegstecken, als er in einem Seitenfach zwei Fotos entdeckte. Das eine zeigte das Bild einer Frau in einem Krankenhaushemd, die ein in ein Handtuch eingeschlagenes Kind hielt. Das typische, direkt nach der Geburt aufgenommene Foto. Die Frau sah Sora ähnlich. Dunkles Haar, die gleichen Augen, doch sie war schon vom Tod gezeichnet, das sah er sofort.
   Seine unnötige, ihm von seinem Vater in die Wiege gelegte Gabe: Er erkannte sterbende Wesen zuverlässig.
   Von dem zweiten Foto sah ihm eine junge blonde Frau in der Tracht einer Diakonisse entgegen. Sie hielt ein kleines Mädchen an der Hand mit dunkelblonden Locken, etwa drei oder vier Jahre alt. Eugenia und Sora, 04.06.1981, stand auf der Rückseite.
   Nicht nur, dass sie getauft war, sie war in einem kirchlichen Krankenhaus geboren, getauft im christlichen Glauben und bei Diakonissen aufgewachsen. Kein Sukkubus hätte das überlebt, niemals. Er musste mehr über sie herausfinden. Die gefundenen Informationen waren ein guter Anfang. Eilig steckte er ihren Geldbeutel zurück, durchsuchte noch die zweite Jackentasche. In ihr befand sich lediglich eine Packung Taschentücher – leider auch ein benutztes –, ihr Schlüssel und eine Packung zuckerfreie Kaugummis. In der Innentasche steckte das Pfefferspray, mit dem sie ihn bedroht hatte. Gott sei Dank hatte sie es nicht eingesetzt. Nur Sekunden, bevor sie zurückkam, legte er die Jacke weg und ging zur Theke, um den Kaffee zu holen. Ohne Zucker und mit Sojamilch. Eine ungewöhnliche Zusammenstellung, wie er fand, doch Hauptsache ihr schmeckte es. Als er an den Tisch zurückkehrte, wartete sie bereits auf ihn.
   »Ich habe ihn zum Mitnehmen bestellt. Du willst gewiss nach Hause, du scheinst müde zu sein.«

*

War er ein verflixter Hellseher? Oder lag es einfach daran, dass ich ununterbrochen gähnte? Die Klamotten waren nicht sonderlich schön. Eine dunkelblaue Uniformhose, wie sie die Mitarbeiter hier trugen, und ein weißes T-Shirt mit einem Hello Kitty-Druck. Wäre ich fünfzehn gewesen, hätte es mir gefallen. Jetzt kam ich mir albern darin vor und wollte geschwind meine Jacke wieder überziehen.
   »Nimm meinen Mantel, er ist trocken«, bot Rafael an.
   »Ähm … ich weiß nicht.« Ich stockte. Wenn ich seinen Mantel nahm, bedeutete das, dass wir uns wiedersehen mussten. Ich war nicht sicher, ob ich das wollte.
   »Keine Sorge, unverbindlich. Wenn wir uns irgendwann über den Weg laufen, kannst du ihn mir zurückgeben. Und wenn das Schicksal es nicht gut mit uns meint, was ich schade fände, dann gehört er dir.« Er nickte aufmunternd.
   Ich merkte, dass ich einfach zu müde zum Denken war. »Okay. Ich würde dann gehen.«
   »Geh nur. Ich bleibe noch ein wenig. Der Kaffee ist hier nicht übel und ich würde gern etwas essen. Gute Nacht, Sora.«

Ich hatte dem Drang widerstanden, seinen Mantel gleich zu durchsuchen. Natürlich war er mir viel zu groß und schleifte auf dem Boden. Auf dem Nachhauseweg hatte ich einige Umwege gemacht, um sicherzugehen, dass er mir nicht folgte. Nach einer guten Stunde hatte ich den Weg geschafft, der eigentlich in einem Viertel der Zeit zu bewältigen war, wenn man keine Haken schlug und nicht völlig übermüdet war.
   Ich schloss meine Wohnungstür auf. Drinnen war alles noch genauso ungemütlich, wie ich es am Morgen zurückgelassen hatte. Ich schälte mich aus dem Mantel und ließ mich auf die Couch plumpsen. Am liebsten hätte ich auf der Stelle die Augen zugemacht, aber es gab etwas zu tun. Ich steckte die Hand in die Taschen von Rafaels Mantel. In der rechten fand ich ein Feuerzeug, ein Zippo mit aufgemalten Engelsflügeln. In der linken ein kleines, in Leder gebundenes Buch, das ich erst in der Hand wog, unschlüssig, ob ich es öffnen sollte. Die Neugier gewann.
   Auf der ersten Seite standen seine persönlichen Daten. Hatte ich das gehofft? Rafael Vigil und eine Adresse in Paris las ich. Ganz sicher würde ich ihm seinen Mantel nicht nach Paris bringen. Ein schwarzer Rosenkranz mit einem silbernen Kreuz lag als Lesezeichen weiter hinten. Ich schlug die Seite auf. Es war eine Bibel. Jeder gute religiöse Fanatiker schleppt ein Manifest seines Glaubens als Regelwerk mit sich herum. Ich nahm mir wieder den Mantel vor. In einer der Innentaschen fand ich den Flachmann mit der Gravur: Et benedictio Dei omnipotentis: Patris et Filii et Spiritus Sancti descendat super vos et maneat semper. Auch wenn ich weder Latein konnte noch katholisch war, wusste ich, dass dies ein Segensspruch war. Interessant. Ich öffnete die Flasche, die er auf der Toilette des Schnellrestaurants wieder befüllt haben musste. Was hatte es mit dem mysteriösen Flachmann auf sich? War er womöglich gesegnet und verwandelte dadurch normales Wasser in Weihwasser? Probeweise schüttete ich mir etwas über die Hände, tupfte es wie ein erlesenes Parfüm hinter die Ohren. Nein, es brannte nicht. Es roch aber leicht metallisch nach dem Behältnis. Ich fischte weiter in der Tasche und fand noch eine Abholquittung für eine Reinigung. Die handschriftlichen Zahlen darauf waren eindeutig eine Handynummer. Seine, was sonst. Unvermittelt klopfte mein Herz laut. Wenn ich ihm seinen Mantel zurückgeben wollte, dann könnte ich ihn also anrufen.
   Mehr fand ich nicht in seinen Taschen, aber ich roch etwas abgesehen vom Leder. Das war er. Sein herb maskuliner und doch frischer Duft. Ich musste einen Vollschaden haben oder wie war es sonst zu erklären, dass der Geruch des Mannes, der mich überfallen hatte, mir ein gutes Gefühl vermittelte?

Kapitel 2

»Himmel, Arsch und Zwirn! Rafael, was ist mit deinem Auge passiert?« Der blonde Mann trat neben Rafael an den kleinen Küchentresen.
   »Halt’s Maul, Sur. Und Pfoten weg.« Rafael schlug heftig gegen den muskelbepackten Arm seines Freundes und Mitbewohners.
   »Ich könnte es heilen. Du kannst deine Kraft nicht bei dir selbst anwenden.«
   Rafael winkte ab. »Das heilt von allein. Trotzdem danke, Sur.« Er nahm einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. Es war noch früh am Morgen, doch er hatte kein Auge geschlossen, da seine Gedanken nur um sie kreisten.
   »Eine Trophäe?« Suriel kicherte seltsam hoch, wie man es bei einem Mann von seiner Statur nicht erwartete. »Das Auge, meine ich. Muss ein heißer Kampf gewesen sein. Hat sich der Sukkubus so verbissen gewehrt? Dass du Blessuren davon trägst, ist mehr als ungewöhnlich für dich.«
   Sein Freund und Kampfgefährte war aber auch ein neugieriges Stück. Irgendetwas musste Rafael ihm auftischen. Vor allem musste er dabei nahe an der Wahrheit bleiben, denn eine von Suriels Fähigkeiten war es, Lügen zu erkennen, wenn er sie hörte. Im Moment verfluchte er seinen Freund dafür. »Ich war auf der Suche nach einem Sukkubus, dachte ich hätte ihn, aber da kam mir sie … jemand dazwischen.«
   »Sie? Eine Frau? Eine Frau hat dir das Veilchen verpasst? Himmel, die muss einen Schlag wie ein Boxer haben.« Suriel lachte aus vollem Herzen. »Der Sukkubus?«
   »Da war kein Sukkubus. Ich dachte, ich hätte einen gewittert.« Rafael griff sich an sein Auge. »Auch wenn ich es mir nicht erklären kann, ich habe mich geirrt.«
   »Und wer ist die schlagkräftige Dame? Vor allem, warum hat sie dich geschlagen?«
   »Weil ich sie angegriffen habe.«
   »Du hast sie angegriffen? Und sie hat es geschafft, dich abzuwehren und dir ein Veilchen zu verpassen? Und zu überleben? Die Frau muss eine Furie sein.«
   »Sie ist keine Furie. Ich habe sie nur attackiert, weil sie zwischen den vermeintlichen Sukkubus und mich gekommen ist.« Hoffentlich würde Sur das schlucken.
   »Ist sie hübsch?« Suriel schüttete Tonnen von Zucker in seinen Kaffee und rührte kräftig um. Er trank ihn so süß, dass es trotz der Rührerei noch zwischen seinen Zähnen knirschte.
   »Was geht dich das an?«, blaffte Rafael.
   »Also ist sie hübsch.« Sein Freund lächelte jovial, hob aber gleich abwehrend die Hände. »Nur keine Sorge, sie ist ganz dein. Auch wenn ich es beeindruckend finde, dass sie dich geschlagen hat. Was hast du jetzt vor? Du willst nach ihr suchen, habe ich recht? Hast du irgendwelche Anhaltspunkte?«
   »Ich weiß, wo sie wohnt und ich weiß, wo sie geboren ist. Ich muss mehr über sie herausfinden, irgendetwas ist anders an ihr.« Rafael schob nachdenklich die Unterlippe vor.
   Suriel runzelte die Stirn. »Das klingt seltsam. Gut anders oder schlecht anders?«
   »Gut«, erwiderte Rafael sicher. Zumindest hoffte er das.

Rafael hatte sich gleich nach dem Gespräch mit Suriel auf den Weg gemacht. Es hatte ein wenig Mühe gekostet, aber er hatte herausgefunden, dass die Diakonisse auf dem Bild immer noch in der Stadt lebte. Sie arbeitete nicht mehr im Krankenhaus, sondern lebte offenbar pflegebedürftig im örtlichen Diakonissenheim. Er klopfte und warte, bis ein leises »Herein« zu hören war.
   »Wächter.« Mit diesem Wort begrüßte ihn eine Frauenstimme. Einen Moment war er sprachlos, alle Alarmglocken in ihm schrillten. Hastig zog er die Tür hinter sich zu. Eine Frau saß den Rücken ihm zugekehrt auf einem Sessel. »Es ist gut, dass du sie zuerst gefunden hast, Wächter. Du kannst sie schützen.«
   »Woher wissen Sie …« Rafael trat vor die Frau. Ihr Blick ging an ihm vorbei. »Sie sind …«
   »… fast blind. Retinopathia pigmentosa, aber das tut nichts zur Sache. Du bist ein Wächter und hast sie gefunden.«
   »Wen habe ich gefunden?« Er stellte sich dumm, sicher war sicher. Er musste zuerst herausfinden, was diese Frau wusste und woher.
   »Das Kind, Sora Sonata Krieger. Du willst wissen, was es mit ihr auf sich hat. Es ist eine lange Geschichte, setz dich.« Sie zeigte auf einen Sessel ihr gegenüber. »Auch wenn ich dich nicht sehen kann, wünsche ich, dass du Platz nimmst. Alte Gewohnheiten wird man so schnell nicht los. Es vermittelt mir Sicherheit, an ihnen festzuhalten.«
   Er musterte sie und entschied, dass er sein Ziel am schnellsten erreichen würde, wenn er ihrer Bitte nachkam. Also setzte er sich. Angespannt legte er die gefalteten Hände in den Schoß und wartete.
   Sie sprach schon weiter, offen wie zuvor. »Ich wusste, dass du kommen würdest. Es war nur eine Frage der Zeit. Ich hatte dich bereits früher erwartet. Zweiunddreißig Jahre. Eine lange Zeit, in der wir sie verbergen konnten. Wie ist dein Name, Sohn?«
   »Rafael.«
   »Wie der Erzengel. Ein wohlgewählter Name für einen Wächter. Der Schutzpatron der Kranken.« Die blinde Frau tastete nach seiner Hand. »Es ist eine sehr lange Geschichte, und Sora ein wundervolles Kind, das einen schweren Weg hinter sich hat. Ebenso wie ihre Mutter.« Sie wies auf eine halb gefüllte Tasse. »Möchtest du auch einen Tee?«
   »Nein.« Er wollte nicht ungeduldig klingen, konnte es aber nicht verbergen. »Vielen Dank.«
   »Geduld war nie eure Tugend.« Die Frau kicherte leise. »Ich beginne am besten von ganz vorn, das muss ich. Es begann am 22. Dezember 1977. Ein außergewöhnlich starkes Unwetter tobte an diesem Abend, als Maria Sophia Krieger in unser Krankenhaus kam. Das arme Ding, sie war gerade neunzehn Jahre alt, völlig durchnässt, verzweifelt und hochschwanger. Sie hatte bereits leichte Wehen und schien verwirrt. Wir hielten es für das unsinnige Geschwafel eines Teenagers, vermuteten, dass sie irgendwelche Drogen genommen hatte. Sie erzählte, dass der Vater des Kindes ein Inkubus namens Harmon wäre. Sie wollte in dieses kirchliche Krankenhaus, damit ihr Baby sicher vor den dunklen Elementen wäre, die ihr Leben und das ihres Kindes bedrohten. Hier würden diese Wesen sie nicht finden können. Sie war aufgeregt, und auch wenn wir ihr zu Beginn nicht glaubten, war sie ein verlorenes Schaf, das wir auffangen mussten. Das Unwetter draußen wurde immer stärker. Der Wind tobte, es regnete so stark, dass wir den Eindruck hatten, wir wären abgeschottet von der Außenwelt. Es schien, als hätte der Himmel … als hätte er versucht, Maria zu schützen. Ich war bei ihr, sie erzählte und erzählte. Auch wenn ich ihr zuerst nicht glaubte, so hörte ich zu, das Reden tat ihr gut. Sie hatte sich in einen Inkubus verliebt und dieser auch in sie. Jetzt möchtest du mir sicherlich widersprechen und behaupten, dass dies nicht möglich sei. Doch es ist passiert. Sie bat mich darum, dass ich einen von ihr geschriebenen Brief für ihr ungeborenes Kind aufbewahren sollte, bis dieses volljährig sei. Ebenso bat sie mich, dass das Kind in einer unserer Kindereinrichtungen aufgenommen werden sollte. Eigentlich nahmen wir keine Säuglinge auf, doch die junge Frau war so verzweifelt. Sie war der felsenfesten Überzeugung, dass sie die Geburt des Kindes nicht überleben würde. Deshalb gab ich ihr dieses Versprechen, in der festen Absicht alles zu tun, dass dieses Kind bei uns bleiben durfte. Ich konnte es mir damals nicht erklären, doch es fühlte sich einfach richtig an. Maria lag in den Wehen an Heiligabend, da geschah etwas, das, wie mir später klar wurde, eigentlich unmöglich hätte sein sollen. Der Vater des Kindes, er wohnte der Geburt bei.«
   »Ein Inkubus würde das nicht überleben.«
   »Er hat es nicht überlebt. Harmon starb wenige Stunden nach seiner Maria. Der Alb ging für die Frau, die er liebte, und sein Kind in den Tod. Sora ist ein Kind der Liebe, und bevor Harmon starb, erzählte er mir, wie sie zueinanderfanden. Er war eines Nachts in das Zimmer Marias eingestiegen und wollte sie in ihren Träumen heimsuchen, wie es Inkubi tun und er es etliche Male zuvor getan hatte. Er wollte sich ihrer Lebensenergie bemächtigen. Sie hätte es nicht einmal bemerkt, es als Traum abgetan. Doch er konnte es nicht. Hingerissen von ihrer Anmut, war er unfähig, ihrem Körper Schaden zuzufügen. Allerdings konnte er sie auch nicht zurücklassen. Harmon verließ sie in dieser Nacht und besuchte sie erneut am folgenden Tag, aber nicht in ihren Träumen. Er warb um sie wie ein Mensch. Maria wehrte zunächst die Annäherungsversuche des wunderschönen Inkubus ab. Er war es nicht gewohnt, nicht begehrt zu werden. So ließ er nicht locker. Mit jedem Tag stieg die Gewissheit, dass er sie liebte. Und wie du siehst, seine Versuche trugen Früchte. Maria verliebte sich in ihn und wurde schwanger von ihm. Sie lebten monatelang unerkannt unter den Menschen, doch wenige Tage vor der Geburt fanden die anderen Inkubi ihn und seine Angebetete und wollten sie zur Rechenschaft ziehen. Harmon schickte seine Geliebte zu uns, weil er wusste, dass sie ihr dorthin nicht folgen konnten. Er hatte mir gesagt, dass er wüsste, dass seiner Tochter dort nichts geschehen würde. Auch wenn er der Vater war, würde sie kein Sukkubus sein, und ihr würde die Nähe des Herrn nicht schaden. Soras Vater hatte ihre Verfolger von seiner Liebsten weggelockt, um rechtzeitig zur Entbindung zurückzukehren. Er war von der Flucht bereits geschwächt, bevor er einen Fuß auf geweihten Boden setzte und dennoch wollte er seiner geliebten Frau bei der Geburt ihres gemeinsamen Kindes beistehen. Als Sora das Licht der Welt erblickte, war er bereits gezeichnet vom Tod. Auch wenn die Legenden besagen, dass ein Inkubus nicht in der Lage wäre zu weinen, er tat es. Als er sein kleines Wunder in den Armen hielt, zu schwach, um auch nur zu stehen, doch unendlich glücklich, vergoss er Tränen. Er weinte dunkelrotes, fast schwarzes Blut. Spätestens da war selbst dem größten Zweifler unter uns klar, wie besonders die kleine Sora sein musste. Es gibt ein Foto.« Sie zeigte auf eine Schublade. »Sieh es dir an und der Brief …« Die alte Frau schüttelte den Kopf. »Ich habe es immer noch nicht über mich gebracht, ihn ihr zu geben, und ihr die unschöne Wahrheit mitzuteilen. Nimm ihn an dich.«
   Sein Gefühl hatte ihn nicht getrogen. Sora wusste nicht, was sie war. Rafael nahm den verschlossenen und versiegelten Brief. Das Foto, das unter dem Umschlag gelegen hatte, war beinahe das gleiche, wie das in Soras Geldbeutel. Nur dass am Bett der Mutter noch ein Mann saß, der die Hand der sterbenden Frau hielt. Der Mann hatte so viel mit einem Inkubus gemein wie ein Hund mit einer Katze. Er hatte die typischen hellblonden Haare und die blaugrünen Augen, aber dunkle Schatten lagen unter ihnen und sein Gesicht wirkte so abgezehrt, dass es kaum noch Schönheit zeigte. Der Mann war am Ende seiner Kräfte und wie die Frau vom bevorstehenden Tod gezeichnet. »Sora weiß also nicht, wer ihr Vater ist?«, fragte er scharf.
   »Nein, sie bekam ein anderes Foto. Wir wollten sie schützen, um jeden Preis. Maria starb wenige Stunden nach der Geburt. Ihr Herz hörte einfach auf, zu schlagen. Sie war zu jung und die Entbindung zu anstrengend. Harmon blieb die ganze Zeit bei ihr, auch wenn sie ihn anflehte, zu gehen. Sie wollte, dass er sich um das Kind kümmerte, aber er hätte es nicht gekonnt. Kein Inkubus ist in der Lage ein Menschenkind großzuziehen, und ganz sicher nicht unter diesen gefährlichen Bedingungen. ‚Meine Existenz verliert jeden Sinn. Was ist ein Leben ohne dich? Kein Leben!‘, waren die Worte, die er für sie fand. Harmon schwor mich gleichermaßen ein, dass ich das Kind in meine Obhut nehmen sollte und das tat ich.« Die alte Frau schüttelte den Kopf. »Dieser Inkubus … nein, dieser Mann hat so sehr geliebt, dass ich es kaum beschreiben kann. Als Maria starb, war es, als wäre ein Teil von ihm mit ihr gegangen. Er wachte an ihrem Sterbebett, das noch Stunden zuvor Kindsbett gewesen war. Als seine Gefährtin tot war, weigerte sich Harmon, sie zu verlassen. Wir redeten mit Engelszungen auf ihn ein, doch er war entschlossen, bis zum Ende an ihrer Seite zu sein. Als er zu schwach war, um Gegenwehr zu leisten, brachten einer unserer jungen Pfarrer und ich ihn in ein angrenzendes, ungeweihtes Waldstück, doch es war zu spät. Nur wenige Stunden nach ihr folgte Harmon seiner Frau, wohin auch immer. Halte mich für blasphemisch, Wächter, aber ich bete und hoffe, dass die beiden vereint sind im Tode. Ich hielt die Hand des Mannes, als er starb, und ich schwöre dir, dass an diesem Inkubus nichts Böses war. Ob zum Zeitpunkt seines Todes nicht mehr oder ob es niemals in ihm war, das kann ich dir nicht sagen. Doch dieses Wesen erschien mir ebenso rein und unbefleckt, wie sein Kind, das nur Stunden vor seinem Tod in die Welt gekommen war. Einige meiner Mitschwestern wollten ihn einfach in dem Wald verscharren, in dem er seinen letzten Atemzug getan hatte, aber das war nicht richtig! Auch wenn auf dem Grabstein nur der Name von Soras Mutter steht, ruhen auch seine sterblichen Überreste dort, bei seiner geliebten Maria.«
   »In geweihter Erde.«
   »In geweihter Erde. Wir haben die Dreistigkeit besessen, einen Mann, der für seine Frau und sein Kind in den Tod ging, an der Seite seiner Frau zu bestatten. Verurteile mich nicht. Das steht allein dem Herrn zu, nicht dir!«
   »Ich würde mich nie erdreisten, darüber zu urteilen.« Er meinte, was er sagte, und er sah, dass sie es ihm glaubte. »Wie ging es weiter?«
   »Ich nahm mich Soras an. Sie entwickelte sich zu dieser wundervollen Frau, die sie heute ist, die aber leider schon zu viel Leid ertragen musste.«
   »Leid?«
   »Menschen können nicht minder grausam sein als Schattenwandler. Doch das ist nicht von Belang für dich.«
   Rafael knirschte mit den Zähnen. Er wollte es wissen, aber das zuzugeben, hätte der Frau sein Interesse an Sora verraten. »Schattenwandler verfügen über die weit besseren Methoden einem Menschen Schaden zuzufügen«, erwiderte er voll Inbrunst, was die Diakonisse mit einem verächtlichen Geräusch quittierte.
   »Sagt wer? Der Sohn eines Lichtwesens? Wie bist du entstanden? Hast du deinen Vater je kennengelernt? Wer ist dein Vater?«
   Rafael zuckte zusammen.
   »Du weißt nicht einmal seinen Namen, habe ich recht?«, sagte sie kopfschüttelnd. »Damit bist du noch verlorener, als es Sora war. Sora hatte hier eine Familie, die sie liebevoll aufzog. Was hattest du? Lass mich raten, dein Vater ist einer dieser Engel, die im Chor der himmlischen Heerscharen trällern. Er hat deine Mutter verführt, seinen Samen in sie gesetzt und die Menschenfrau verlassen. Sie hat ihn nie wieder gesehen. Neun Monate später kamst du auf die Welt, ein Wächter. Deine Mutter hat deine Geburt nicht überlebt. Und dennoch hat sie dich geliebt. Etwas, was dein Vater niemals getan hat. Er wollte nur seinen Spaß. Da du geboren warst, mussten sie jedoch dafür sorgen, dass du deine Aufgabe zugewiesen bekamst. Du kamst in dieses … es gibt da einen modernen Ausdruck dafür, der trifft es ganz gut: ein Bootcamp. Erzogen mit Gewalt und ohne Liebe, um euch zu den perfekten, himmlischen Kriegern zu machen.«
   Ihre Worte trafen ihn zutiefst. Sie kannte sein Leben bis ins kleinste Detail. Doch eines wusste sie nicht: Sie kannte nicht das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Freundschaft unter den Wächtern. Sie waren eine Familie. Die Älteren kümmerten sich um die Kleinsten, gaben ihnen die Liebe, die sie von ihren Betreuern nicht bekamen. So ging es Generation für Generation. Eine der älteren weiblichen Wächterinnen kümmerte sich um ihn und er gab seine Zuneigung an eine jüngere Wächterin weiter.
   »Trotz dieser Behandlung entwickelt ihr euch zu besseren Wesen, als es eure Väter je sein könnten. Hast du die Aufgabe des Wächters noch nie hinterfragt? Sicher ist es wichtig die Schattenwandler zu kontrollieren und sie davon abzuhalten, den Menschen Schaden zuzufügen. Doch auch sie entwickeln sich weiter. Die Vampire, die Werwesen, sie alle leben inzwischen in einer friedlichen Koexistenz mit den Menschen.«
   »Die lassen wir auch gewähren, auch wenn wir sie weiterhin im Blick behalten«, versicherte er.
   »Ich weiß. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich Besuch von einem äußerst charmanten Mann, einem Vampir. Alasdair.«
   Alasdair war ihm vertraut. Er hatte den Vampir kennengelernt, als dieser beim Wächterrat vorstellig wurde bezüglich der Erneuerung des Friedensabkommens, das zwischen den Vampiren und den Himmelswesen herrschte. Der Mann, der Gerüchten nach weit über tausendfünfhundert Jahre alt sein musste und aus Irland stammte, war ein ausgesprochen angenehmer Zeitgenosse und Gesprächspartner. Ruhig, kultiviert und nicht die Spur überheblich, obwohl er sich das hätte leisten können.
   »Der Mann war hier, um uns zu warnen und eine Prophezeiung einer ihrer Seherinnen mitzuteilen«, fuhr die alte Frau fort. »Sora ist nicht mehr in Sicherheit. Was immer auch geschehen ist, Wächter, sie wissen, was sie ist. Sie werden sie suchen und nicht ruhen, bis sie tot ist.«
   »Die Schattenwandler?«
   »Nicht die Schattenwandler.« Eugenia griff nach seiner Hand. »Der Rat der Fünf. Sie sehen sie als Gefahr für ihr Gefüge. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Immer öfter gibt es Grautöne und die sollen ausgemerzt werden. Sora ist einer dieser Grautöne. Du willst sicher hören, wie die Prophezeiung lautet.« Eugenia seufzte besorgt, bemühte sich aber um ein Lächeln. »Das Dämonenkind wird geschützt von einem Kind des Lichtes, das anders ist, als der Rest seines Volkes. Was ist anders an dir, Rafael?«
   »Ich …«, stammelte er. Auf einmal war er voll Zorn und Furcht. Er hatte schon zu oft gehört, dass er besonders sei. »Mein Haar ist schwarz wie Ebenholz. Die Haut heller als die der anderen«, brachte er heraus.
   »Es gibt nur zwei Engel, auf die diese Beschreibung zutrifft, sagen die heiligen Schriften. Der eine ist Uriel, das Licht Gottes. Die Seherin meinte jedoch, dass der Wächter der Sohn eines Todesengels ist.«
   »Todesengel?«
   »Das ist nichts Schlechtes. Es ist ein Engel, der die Seelen heimgeleitet. Er tötet nicht. Es gibt in allen Religionen viele Umschreibungen für sie. In der christlichen Glaubenslehre wurde es Michael und deinem Namensgeber Rafael nachgesagt, dass sie diese Aufgabe innehatten. In der islamischen Kultur heißt er Azrael. Die Japaner nennen sie Shinigami. Bei den Germanen waren es die Walküren. Bei den Griechen Hermes und Charon.« Die alte Frau tätschelte seine Hand.
   »Warum sollten sie Sora töten wollen? Das ergibt keinen Sinn.«
   »Weil sie das Grau ist, das es nicht geben darf. Sora ist das Bindeglied zwischen Licht und Schatten. Sie existiert, obwohl es unmöglich sein sollte. Deshalb wollen beide Seiten ihrer habhaft werden.«
   »Die Kirche würde doch so etwas niemals zulassen.«
   »Deshalb wählte der Inkubus unsere Glaubensgemeinschaft. Er vertraute dem Vatikan nicht und hatte die Befürchtung, dass sie das ungeliebte Balg vom Angesicht der Erde tilgen würden. Bei uns wähnte er sie sicherer, obwohl es auch bei uns einige gab, die Sora nicht wollten. Diese Zweifler wurden recht schnell still, je länger Sora bei uns war. Sie war ein Kind, ein liebenswertes Mädchen. Binnen weniger Wochen hatte sie alle in ihren Bann gezogen, wie es Kinder nun mal tun.« Die Frau lächelte auf einmal verschmitzt. »Dich hat sie doch auch schon, oder? Warum wärst du sonst hier?«
   »Ich muss das verdauen.« Rafael sprang vom Sessel auf und rannte ohne ein weiteres Wort hinaus.

Kapitel 3

Die Nacht war lang gewesen und ich war kurz nach vier eingeschlafen. Jetzt war es fast vierzehn Uhr, die Reinigung würde gleich schließen. Ich hatte beschlossen, die Hosen von Rafael abzuholen. Vielleicht kam ich dabei an etwas mehr als seine Handynummer und eine Adresse in Paris. Mit seinem schweren Mantel über dem einen Arm und dem Abholschein in der ausgestreckten anderen Hand rannte ich die Treppen hinauf und riss die Tür auf. Zwei Minuten vor vierzehn Uhr. Ich knallte atemlos den Zettel auf die Theke. Die Angestellte sah mich unfreundlich an, sah auf die Nummer und blätterte mürrisch in einem Buch. »Warten Sie einen Moment.« Sie verschwand nach hinten.
   Die Zeit nutzte ich, um einen Blick in das Buch zu werfen und mir die Adresse neben der Nummer einzuprägen. Ein »Danke« murmelnd, riss ich der zurückgekehrten Angestellten die Hosen aus den Händen und machte mich auf den Weg zu der Anschrift.
   Es war eine gute Viertelstunde Fußweg, aber ohne Auto musste ich wohl in den sauren Apfel beißen, denn die öffentlichen Verkehrsmittel waren in diesem Stadtteil rar. Als ich vor dem Haus stand, war mein Mut vollständig verschwunden. Was hatte mich nur auf diese verrückte Idee gebracht? Das Haus lag in einem Villenviertel und mutete hochpreisig an. Also besaß er Geld. Kaum verwunderlich, bei dem netten Kleidungsstil. Der Mantel allein hatte bestimmt ein kleines Vermögen gekostet. Die Hosen sahen genauso teuer aus, aber ich konnte sie schlecht zur Reinigung zurückbringen.
   »Reiß dich zusammen, Sora. Du gibst die Klamotten zurück und gut ist«, ermahnte ich mich.
   Ich streckte meinen Finger nach dem Klingelknopf aus, zog ihn dann aber wieder zurück. Was war los mit mir? Unter Umständen schüchterte mich die Tatsache ein, dass er gestern versucht hatte, mich umzubringen? Warum fiel mir das jetzt erst ein? Zu mehr Nachdenken kam ich nicht. Die Haustür wurde aufgerissen. Jemand packte mich am Kragen meiner Jacke und zog mich unsanft hinein. Ich stolperte über die Türschwelle und verteilte Rafaels Kleider auf dem Boden des Flures. So vehement ich mich sträubte, derjenige zog mich erbarmungslos hinter sich her. All meine Gegenwehr verebbte, als ich mit meiner Stirn einen Türrahmen küsste.
   Auf dem weichen Teppichboden im Wohnzimmer wurde ich wieder wach.
   »In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti«, grollte der Mann über mir und presste mir das Kreuz aus Gold in die Stirn.
   Nicht schon wieder der Film. »Verdammt, ich bin kein Sukkubus! Runter von mir, du Geistesgestörter.«
   Der Druck auf meiner Stirn ließ nach, aber nur, damit er mir einen Schwall muffiges Wasser ins Gesicht schütten konnte. Es brannte, was aber nicht daran lag, dass es Weihwasser war. Ich hatte eine blutende Wunde an der Stirn. »Herrgott noch einmal. Ist das hier die WG der Irren? Ich bin kein Sukkubus. Ich bin Sora und ich wollte Rafael seinen Mantel zurückbringen.«
   »Himmel, Sur, runter von ihr!« Das Gewicht des Mannes verschwand schlagartig von mir und ich konnte endlich richtig Luft holen. »Sur, hör auf. Wehr dich nicht. Sie ist kein Sukkubus. Das ist Sora.«
   Abrupt erlosch jegliche Gegenwehr.
   »Das ist die Sora?« Der Mann über mir, gebaut wie ein Bodybuilder, wie ich nur zu gut beurteilen konnte, sah meinen Retter verwirrt an.
   »Sieh sie dir an. Sieht sie aus wie ein Sukkubus?«
   Ich hatte mich aufgerappelt, saß ziemlich zerrupft auf dem Teppichboden und versuchte, mich zu sammeln. Es gelang mir spärlich bis überhaupt nicht. Mit dem Pulloverärmel wischte ich Blut und Weihwasser von meinem Gesicht. Mit der anderen Hand suchte ich patschend nach meiner Brille, die ich zu meiner Überraschung recht flott fand. Meine Beherrschung hingegen fand ich nicht so schnell.
   »Sieh sie dir an, Sur. Sie ist dunkelhaarig, die Augen grünbraun. Nicht blond und helläugig. Ihre Nase ist nicht gerade, ein kleines bisschen zu groß. Die Augen sind ein wenig asymmetrisch und die Oberlippe ist zu schmal. Ihre Figur ist nicht perfekt. Der Busen ist zu klein, die Hüften zu breit und sie hat ein Bäuchlein. Nicht zu vergessen: Sie trägt eine Brille. Sukkubi sehen immer makellos aus. Sie hingegen ist alles andere als fehlerlos. Sora ist so gewöhnlich.«
   »Tarnung? Eine geschickte Täuschung? Sie riecht wie eine von ihnen.« Sur schlug die Hand Rafaels weg.
   Gewöhnlich? »Ihr … kranken Arschlöcher. Was geht in euren Köpfen vor?« Ich war ernsthaft enttäuscht von Rafaels Plädoyer. Es sollte für mich sprechen, aber es war nur eines, schrecklich verletzend. Ich wischte mir über die Nase. Nicht heulen. Nur jetzt nicht heu… – zu spät. Wie immer, wenn ich es vermeiden wollte, kamen mir die Tränen erst recht.
   Der Blonde, Sur, wenn ich richtig gehört hatte, ließ die Arme hängen und sah irritiert in meine Richtung. »Sie weint.« Er quiekte.
   »Und sie blutet. Welche Farbe hat ihr Blut? Es ist rot, nicht schwarz. Das Weihwasser, das Kreuz, die lateinischen Worte, es hat ihr nicht geschadet.« Rafael ging neben mir in die Knie, wollte nach meinem Gesicht greifen. Ich schlug seine Hand weg und sprang auf.
   »Lasst mich in Ruhe!« Ich rannte ihn fast um. Ich kam aber nicht bis zur Tür, denn dieser Sur verstellte mir den Weg.
   »Sie sollte bleiben.« Er musterte mich von oben bis unten. »Sie kann kein Sukkubus sein. Sie sieht beschissen aus.«
   »Sur.« Rafael legte seine Hand von hinten auf meine Schulter. Seine Berührung erdete mich, schien den ganzen Mist erträglicher zu machen. »Nicht weglaufen. Bitte nicht.« Er drehte mich zu sich um. »Lass uns ins Wohnzimmer gehen und reden. Wir haben viel zu besprechen, und ich würde mir das gern ansehen.«

»Ich kann sie auch nicht heilen.« Sur zog die Augenbraue skeptisch hoch. »Das ist schlecht. Dann müssen wir die Wunde wohl auf die herkömmliche Art versorgen. Das kann ich nicht. Du, Rafael?«
   Rafael nickte und nahm neben mir auf der weißen Ledercouch Platz. Ein nobles Sitzmöbel, teuer und luxuriös, wie alles in der Wohnung.
   »Könntest du uns etwas zu Essen machen? Sora hat gewiss Hunger, oder?« Er sprach sanft und sah mich überraschend besorgt an.
   »Essen«, stammelte Sur. Sein Gesicht sah nicht eben intelligent aus.
   »Ja, Essen«, grollte Rafael. »Möchtest du etwas Besonderes? Sur kann sehr gut kochen«, sagte er deutlich milder zu mir.
   »Keine Tomaten, gegen die bin ich allergisch, und auch keine Milchprodukte.«
   »Sie ist kein Sukkubus, ganz sicher nicht. Sie isst und ist allergisch.« Sur schürzte die Lippen. »Können wir das mit den Tomaten mal ausprobieren?«
   »Bin ich jetzt Versuchskaninchen?« Wenn er eine Tomate in meine Nähe brachte, würde ich schreien, dass ihm die Ohren abfielen. Das fehlte noch, dass ich hier mit einem Ausschlag rumlief.
   »Sur, du hast die Dame gehört. Aber es schränkt die Auswahl sehr ein. Spaghetti aglio e olio?«
   Der blonde Mann verschwand in die Küche, gleich darauf hörte man es geschäftig klappern.
   »Man könnte denken, Sur ist Italiener. Keiner macht so gut Pizza und Pasta wie er«, erklärte Rafael mit einem Lächeln und sah zu der kleinen, aber feinen Küchenzeile.
   »Ich dachte eher, dass du der Italiener bist.« Ich versuchte, so desinteressiert wie nur möglich zu klingen.
   »Meine Mutter war aus Galway in Irland. Mein Vater …« Er zuckte mit den Schultern. »Die Haarfarbe dürfte ich von ihm haben, denn meine Mutter war die typische Irin, rotblond und sommersprossig.«
   »Unsere Väter waren wohl beide ziemliche Hallodris, wie mir scheint. Ich kenne meinen nicht und meine Mutter …« Ich seufzte. »Sie starb nur Stunden nach meiner Geburt.«
   »Du bist in einem Waisenhaus aufgewachsen.«
   Mehr eine Feststellung als eine Frage.
   »Ja, in einem von Diakonissen geleiteten Heim.«
   Sur klapperte heftig mit Töpfen, irgendetwas klirrte und zerbrach. Ein Fluch folgte. Offenbar war etwas Wichtiges kaputtgegangen.
   Nunmehr drehte er sich zu uns um. »In einer Einrichtung der Kirche? Wenn du mir jetzt noch sagst, dass du getauft bist, dann fresse ich einen Besen!«
   »Ich bin getauft und konfirmiert. Bon appétit. Lass dir den Besen schmecken.« Den abfälligen Schnauber konnte ich mir nicht verkneifen.
   Rafael lachte. »Er ist ein wenig voreilig.« Er zeigte Sur den Vogel und tupfte die kleine Wunde an meiner Stirn ab. »Nicht schlimm. Ich kleb ein Klammerpflaster darauf, dann ist es wieder gut.«
   Er sprang auf und lief eine Treppe im Hintergrund hinauf. Ich sah mich derweil um. Der Wohnung fehlte definitiv ein weiblicher Touch. Sie war nett, aber recht kühl und vor allem praktisch eingerichtet. »Seid ihr ein Paar?«, platzte ich heraus.
   Sur prustete los, lachte, bis er nach Atem ringen musste. »Rafael und ich sind Freunde. Nichts sonst. Wir haben eine WG. Ich kann kochen und er hat einen Ordnungsfimmel. Einfach perfekt.«
   »Deswegen wohnt man aber nicht zusammen.«
   »Wir kennen uns von Kindesbeinen an.« Sur nickte. »Man könnte sagen, wir sind beste Freunde.«
   »Könnte man?« Das war eine seltsame Aussage.
   »Wir sind es, kleine Lady. Jetzt mal raus mit der Sprache. Ich kenn nur deinen Vornamen, erzähl von dir. Wir sind uns vorhin schon recht nahegekommen. Ich entschuldige mich.« Er sah nicht übel aus, wenn er zwinkerte.
   »Näher, als mir lieb ist. Datet ihr immer so heftig?«
   »Nein, das tun wir nicht«, versicherte er mir.
   »Sora Sonata Krieger. Und du?«
   »Suriel Gavri.«
   »Suriel? Was ist das für ein Name?«
   »Ein Engel stand Pate. Was ist Sora Sonata für ein Name?«, fragte er sofort aufsässig. Er erinnerte ein wenig an eine Zicke, wenn er das tat.
   »Sora ist japanisch, es bedeutet Himmel. Sonata ist italienisch. Ich brauch dir wohl nicht zu erklären, was eine Sonate ist, oder? Meinen Namen habe ich mir nicht ausgesucht. Schwester Eugenia betonte stets, dass Sora mein Vater gewählt habe und Sonata der Name ist, den mir meine Mutter gab. Mein Name ist alles, was ich von meinen Eltern habe. Er ist der einzige Nachweis, dass mein Vater doch nicht der Schuft war, den ich mir als Kind immer vorgestellt hatte.« Eine bleierne Schwere breitete sich dort aus, wo mein Herz saß, wie immer, wenn ich an meine Eltern dachte.
   »Kennst du seinen Namen?«, wollte Sur wissen.
   »Nein. Ich glaube, dass Eugenia ihn weiß, ihn mir aber vorenthält. Sie hört einfach nicht auf, mich zu beschützen. Ich bin zweiunddreißig. Als ob ich das nötig hätte«, knurrte ich.
   »Schutz hast du nötig.« Rafael kam mit einem Koffer und einem dicken Buch die Treppen hinunter. »Der Name deines Vaters …« Er nahm die letzten drei Stufen in Windeseile. »Er hieß Harmon und er war bei deiner Geburt die ganze Zeit an der Seite deiner Mutter.«
   »Woher willst du das wissen? Hast du mir nachspioniert?« Entrüstet sprang ich auf.
   »Ich hatte dein …«
   »Mein Geldbeutel, du hast reingeguckt.« Kaum zu glauben, aber ich war tief enttäuscht von diesem Vertrauensbruch.
   »Ich habe mir deinen Personalausweis angesehen, als du dich umgezogen hast. Es tut mir leid.«
   »Du hast in meinen Taschen herumgewühlt!«
   »Und du in meinen Manteltaschen nicht? Du hast meine Hosen aus der Reinigung geholt. Das ist Diebstahl, wenn ich es recht bedenke.« Rafael konnte verdammt selbstgefällig grinsen.
   »Ich hatte den Abholschein.«
   »Und ich hatte die Reinigung bezahlt, ebenso wie die Hosen. Die sind von Dolce & Gabbana.«
   »Und meine sind von H&M, haha. Deine Hosen passen mir eh nicht. Du bist viel zu groß und dein Hintern zu mickrig. Wenn ich sie hätte klauen wollen, wäre ich nicht hier aufgetaucht und wäre auch nicht von diesem muskelbepackten Paul Bocuse angefallen, geschlagen und mit Weihwasser begossen worden. Ich nehme noch ernsthaften Schaden davon, physisch wie psychisch.«
   »Sie ist witzig. Kein Sukkubus, definitiv. Die sind völlig humorlos und lachen nie über meine Witze.« Sur lachte.
   »Und du bist nie auf die Idee gekommen, dass es vielleicht an dir liegen könnte? Möglicherweise liegt es auch an der Tatsache, dass ihr jedem ein Kreuz auf die Stirn drückt, einen lateinischen Segen zum Besten gebt und sie mit Weihwasser besprenkelt.« Wild gestikulierend stand ich vor Suriel, der mich angrinste.
   »Wir sollten sie behalten. Sie bringt mich zum Lachen.«
   »Ich bin kein Haustier.« Mit der Faust schlug ich auf den Tresen vor mir.
   »Sur.« Rafael legte seine Hände von hinten auf meine Schultern. Ich bebte vor Wut auf diesen muskelbepackten Idioten. Er bestätigte alle meine Vorurteile, die ich über solche Typen hatte – dumm, hirn- und rücksichtslos. Der Mann hinter mir erschien mir wie das komplette Gegenteil. Ich nahm seinen herb-männlichen Geruch wahr. Rafael roch nach einem vermutlich sündhaft teuren Rasierwasser. Doch das unterstrich seine natürliche Note ungemein. Ich drehte meinen Kopf, sah auf sein blasses linkes Handgelenk. Bei jedem anderen hätte die Blässe kränklich ausgesehen, aber an ihm nicht. Das Handgelenk war nicht vollkommen nackt. Er trug daran eines dieser Eintrittsbändchen von einem Festival, was mich schmunzeln ließ. Auf seinen Puls hatte er ein pechschwarzes Symbol tätowiert, das entfernt an zwei Flügel erinnerte. Auf seinem rechten Handgelenk befand sich das gleiche, nur in Rot. Ich strich darüber und zog neckisch an dem Bändchen. »War es gut?«
   »Sehr viele Menschen und äußerst laut«, antwortete er mit einem belustigten Unterton. Das Timbre seiner vollen Stimme schwang tief in meiner Brust, so dicht stand er hinter mir. Seine Stimme war ein wenig rau, aber doch angenehm wie ein Streicheln über die Haut. Die Sanftheit ließ mir die Härchen im Nacken aufrecht stehen.
   »Also war es gut.« Ich drehte mich mit einer schnellen Bewegung aus seiner Umarmung.
   »Kann man wohl sagen«, raunte er. Zwar hatte ich es geschafft mich herumzudrehen, aber er hielt noch immer meine rechte Hand in seiner. »Du bist so hübsch.« Er sog hörbar Luft ein und zog mich zurück an sich. Diesmal so, dass wir uns ansehen konnten. »Und du riechst so gut.« Er schnupperte tatsächlich an meinem Haar.
   »Wie war das vorhin? Wenn ich dich erinnern darf: Meine Nase ist nicht gerade und zu groß, die Augen sind asymmetrisch, die Oberlippe zu schmal, der Busen zu klein, die Hüften zu breit und ich habe ein Bäuchlein. Nicht zu vergessen …« Ich tippte an meine Nase. »Die Brille.«
   »Ist sexy.« Er legte seine Lippen auf mein Ohr. »Du siehst für mich perfekt aus und du riechst …« Erneut zog er tief Luft ein. »… cremig und üppig.«
   »Üppig? So wie der Rest von mir?«, brummte ich.
   »Du bist schön, auch wenn du nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprichst. Schönheit liegt im Auge des Betrachters und für mich …« Den Rest hauchte er in mein Ohr. »… bist du atemberaubend schön.«
   »Oha. Geschmacksverwirrung?«
   »Mir gefällt sie nicht. Zu plump. Du stehst ja mehr auf den bäuerlichen Typ«, nuschelte Sur, während er Spaghetti umständlich in den Mund saugte.
   »Bäuerlich? Wenigstens renn ich nicht rum wie ein hirnloser Muskelprotz am Strand. Das Shirt ist lächerlich.« Das war es wirklich. Suriel trug hautenge Jeans und ein Shirt mit abgetrennten Ärmeln, unsauber auf Taillenhöhe abgeschnitten. Weiß, mit irgendeinem Druck eines Gyms in den Staaten.
   Rafael lachte laut auf. »Und sie hat Humor.«
   »Eigentlich hatte ich beschlossen, dich zu mögen, aber das … Ts!« Suriel zeigte mit der Spitze des Messers auf mich. »Das war nicht nett.« Er verdrehte beleidigt die Augen.
   »Jemanden zu überfallen und halb k. o. zu schlagen, ist auch nicht die feine englische Art.« Ich wollte nicht zicken, aber es fiel mir schwer, ihn zu ertragen.
   »Punkt für dich.« Sur grinste verschlagen. »Das ist mein Outfit, wenn ich allein zu Hause bin. Ich wusste nicht, dass wir Besuch bekommen. Um was wetten wir, dass in deinem Schrank auch Hello Kitty-Shirts in Rosa liegen und ultrabequeme Leggings?« Er kaute auf einem Stück Petersilie herum.
   »Kein Hello Kitty, Betty Boop.«
   »Das hat schon fast wieder Klasse.« Suriel lachte. »Frieden?«
   »Ich war nie auf dem Kriegspfad«, erwiderte ich knapp.
   »Sie gefällt mir doch. Auf die kumpelhafte Art und Weise. Eine entscheidende Frage …«
   »Sur, nein.«
   »Star Wars, die neuen oder die alten?«
   »Oh, Sur.« Rafael seufzte.
   »Definitiv die alten, die hatten Klasse.«
   »Du hast Klasse, Signorina. Meinen Segen hast du, Rafael.« Ganz beiläufig richtete er die Nudeln auf drei Tellern an und rieb frischen Parmesan darüber. Seinen Segen? Ich sah zu Rafael, der seine Arme vor der Brust verschränkt hatte.
   »Du bist so peinlich, Sur«, knurrte er durch zusammengebissene Zähne. So wie er dastand, wirkte er wie ein verflixtes Topmodel. Die schwarze Jeans saß knackig eng, betonte seinen netten Po und die schmalen Hüften. Seine Schuhe waren die perfekte Symbiose von Sport- und Businessschuhen. Er trug ein schwarzes Hemd, dessen oberste vier Knöpfe offen standen. Darunter sah man ein blaues Shirt. Um den Hals hatte er einen Rosenkranz aus schwarzen und blauen Perlen. Sein Haar fiel ihm verwegen verstrubbelt bis über die Schultern. Seine Haut war makellos bis auf ein paar hauchzarte Sommersprossen auf dem Nasenrücken und auf den Wangen. Man musste schon genau hinsehen, um sie zu erkennen. An der Seite des Halses entdeckte ich eine üble Narbe, gute zehn, fünfzehn Zentimeter lang, die sich Richtung Ohr hochzog. Es sah aus, als hätte jemand ein Messer dort angesetzt, um seine Kehle aufzuschlitzen. Als hätte er meine Blicke bemerkt, fasste er sich an den Hals und verdeckte das Wundmal mit der Hand.
   »Ist er nicht dein Typ?« Sur sah mich fragend an. Manchmal hatte ich das Talent in meinen Tagträumen zu versacken, denn es schien nicht das erste Mal gewesen zu sein, dass er mir diese Frage stellte, seinem Ton nach.
   »Mein Typ Mann hat schütteres Haar, einen Bierbauch und einen ungepflegten Dreitagebart«, antwortete ich verstört.
   »Über den Dreitagebart lasse ich mit mir reden. Doch beim Bierbauch und dem schütteren Haar, da kommen wir nicht auf einen Nenner.« Rafaels Lachen war mitreißend. »So anspruchslos?«
   »Ich bin seit zwei Jahren Single und ganz ehrlich, ich sehe nicht aus wie Heidi Klum.«
   »Gott sei Dank. Ich mag keine Blondinen. Das ist Surs Baustelle. Er legt auch keinen großen Wert darauf, dass seine Damen viel in der Birne haben. Hauptsache, sie wissen, wie man die Beine auseinanderbekommt.« Rafael schnappte sich zwei der Teller und stellte sie auf den Eichenesstisch neben der Küche. »Sur isst in seinem Zimmer.«
   »Äh?« Sur sah verwirrt drein, dann schlich sich ein gemeines Grinsen auf sein Gesicht. Er ging zu der Glasvitrine hinter dem Tisch und nahm zwei Weingläser heraus, zusammen mit einer Kerze. Beides arrangierte er mit Akribie auf dem Tisch. »Moment.« Er polterte die Treppe hinauf. Nicht minder laut kam er wieder herunter, atemlos und mit einer Flasche Wein in der Hand. »Cataratto, Sizilien, 2009er-Jahrgang«, verkündete er. »Ein trockener Weißwein mit frischer Zitrus- und Pfirsichnote, ideal zu Pasta.« Er öffnete die Flasche und füllte die Gläser. »Buon appetito. Ich bin weg.« Mit dem Rest des Weins und seinem Teller polterte er erneut die Treppe hinauf und schlug oben eine Tür hinter sich zu.
   »Hat er vom Etikett abgelesen. Sur macht gern auf Gourmet. Auch wenn er gut kochen kann, von Wein hat er keine Ahnung.«
   »Kann er sich auch leise fortbewegen?«, fragte ich irritiert von dem Lärm.
   »Sicher, aber nicht hier. Du hörst Sur, wenn er zu Hause ist. Das kann schon anstrengend sein, wenn er nachts um drei so ein Theater macht. Aber jetzt: Lass es dir schmecken. Ich hab auch noch einen Nachtisch für dich.«
   War das der plumpe Versuch, mich ins Bett zu kriegen oder meinte er wortwörtlich ein Dessert?
   »Schokoladenkuchen. Von gestern, aber heute nicht minder lecker.« Rafael faltete die Hände, schloss die Augen und vollendete mit einem lauten Amen sein stilles Gebet. »Nur zu, es wird kalt.«
   Ich leerte den Teller im Rekordtempo. Gerade legte ich die Serviette aus der Hand, da griff Rafael nach meinem Handgelenk. Er drehte meinen Unterarm so, dass er auf die entblößte Unterseite sehen konnte. »Sechs Sterne. Haben die eine Bedeutung?«
   Ich entzog ihm geschwind meinen Arm. »Sechs Sterne für sechs Wochen. Doch das geht zu weit.«
   »Ich verstehe.« Rafael zeigte auf seinen Hals. »Wenn ich dir erzähle, was es damit auf sich hat, erzählst du mir dann, was die sechs Sterne bedeuten?«
   Warum auch immer, es hörte sich für mich nach einem guten Deal an. Trotzdem fiel es mir nicht leicht, darüber zu sprechen. »Sechs Sterne, für jede Woche einen.«
   Er legte seine Hand sanft auf meine. »Was dauerte sechs Wochen?«
   »Das kurze Leben meines Sohnes.« Ich versuchte, meine Stimme so fest wie möglich zu halten, presste meine Lippen zusammen und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen. Wie immer, wenn ich unsicher war, fingerte ich am nächstbesten herum. In dem Fall der Tischläufer.
   »Du hattest ein Kind?« Er klang besorgt und mitfühlend. »Einen Sohn. Sein Name war Liam. Mein Mann wollte ihn nach seinem Vater benennen, der hieß Wilhelm, aber das war mir zu altmodisch. Wir kamen über William zu Liam. Diesen Namen fand ich wunderschön.«
   »Es ist ein wundervoller Name.«
   »Liam wurde mit einem Gendefekt geboren. Er kam sechs Wochen zu früh auf die Welt und hatte einen Herzfehler. Er hätte am Herz operiert werden müssen, war dafür aber zu klein und zu schwach. Wir päppelten ihn im Krankenhaus auf, bis er das Gewicht hatte, das er gebraucht hätte, um die Herz-OP zu überstehen. Er war auf den Tag genau sechs Wochen alt, da starb er an den Folgen eines Infekts.«
   »Das tut mir leid.« Rafael nahm meine Hand, führte sie zu seinem Mund und legte seine sanften Lippen auf meine Haut.
   »Die Beziehung zu meinem Mann zerbrach daran. Er hat den Tod unseres Sohnes nie überwunden und begann zu trinken. Zwei Jahre nach Liams Tod trennten wir uns. Das gab ihm einen Anreiz, sich zu ändern.« Ich schloss die Augen. »Kein leeres Geschwätz. Er war trocken, der Mann in den ich mich mit siebzehn verliebt hatte, mit dem ich seit mehr als zehn Jahren zusammen und fünf Jahre verheiratet war. Ich ging zu ihm zurück, aber dann kam alles anders. Tobi plagte sich schon immer mit Kopfschmerzen herum. Er war überanstrengt von seinem Job. Ganz normal, dachten wir. Doch dann wurde er immer kränker. Eines Morgens fühlte er seine komplette Gesichtshälfte nicht mehr und hatte Probleme, sich zu bewegen. Die Diagnose war niederschmetternd. Er hatte ein Glioblastom. Diese Tumorart ist nicht heilbar.« Es trieb mir die Tränen in die Augen. Ich knibbelte mehr und mehr an dem Läufer. Eine falsche Bewegung und die Teller, samt Gläser und Besteck, lägen auf dem Boden. Ich räusperte mich, zwang eine meiner Hände loszulassen und nach dem Weinglas zu greifen. Als ob es helfen würde, leerte ich es mit einem Zug. Der Wein war schwer, seine Säure brannte in meinem Hals. Das brachte etwas Ablenkung, aber nicht genug. Meine Stimme klang belegt und der Kloß in meinem Hals schnürte mir fast die Luft ab. »Tobis Prognose war mies, lag bei optimistischen drei Monaten. Einen Monat nach der Diagnose war er schwer pflegebedürftig, er konnte sich nicht mehr allein versorgen. Zwei weitere Wochen später fiel er in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Er starb fast auf den Tag drei Jahre nach unserem Sohn. Die zweite Chance wurde uns damit genommen. Das war die Zeit, als ich Eugenia sagte, dass ihr Gott mich mal gern haben kann.« Ich sah Rafael herausfordernd an. »Ich mag getauft sein, im christlichen Glauben erzogen, aber im Moment bevorzuge ich es, Atheistin zu sein. Nichts, was ein gläubiger Mann wie du hinnehmen kann, oder?«
   »Gott bürdet uns immer nur so viel auf, wie wir …«
   »Jaja, scheiß drauf. Weißt du, wie oft ich den Mist schon gehört habe? Ich kann es aber nicht ertragen!« Ich war zu laut, aber das war mir egal. »Sechs Wochen sind lange genug, um sich haltlos in einen kleinen Wurm zu verlieben, doch nicht lange genug, um ihm all die Liebe zu geben, die man für ihn empfindet. Tobi, mein Mann, wurde nur dreißig Jahre alt. Er starb eine Woche nach seinem Geburtstag, wobei er den schon nicht mehr bewusst wahrnahm. Ich habe ihn mit seiner Geburtstagstorte gefüttert wie ein kleines Kind. Ein dreißigjähriger Mann, der nicht einmal drei Monate vorher noch Klavier und Keyboard in einer Band gespielt hat. Sabbernd, einen Latz tragend wie ein Baby. Tobi war hilflos, hatte Schmerzen, die er nur mit stärksten Schmerzmitteln halbwegs ertragen konnte. Er hat gelitten wie ein Hund. Mein Mann meinte, das sei seine Strafe für das, was er mir angetan hatte. Kein Mensch hat das verdient, niemand. Ist das fair? Sag mir, muss ich das ertragen können? Ich kann es nämlich nicht.« Fast hätte ich das Glas nach ihm geworfen, beließ es aber dabei, mit der flachen Hand auf das Glas zu schlagen, das unter meinen Schlag nachgab. Scherben bohrten sich in meine Hand, schnitten tief in die Handfläche. Schmerz war seit Langem mein Begleiter, der einzige Beweis, dass ich noch am Leben war.
   »O mein Gott, Frau! Was tust du?« Rafael war aufgesprungen, riss sein Glas aus meiner Reichweite und hielt kopfschüttelnd meine Handgelenke fest umklammert. Er schien völlig überrumpelt von meiner Kurzschlussreaktion. Dann nahm er mich auf seine Arme, als wöge ich nichts, und trug mich zur Couch. Ich sah, dass mein Blut auf den weißen Teppich tropfte. Rafael kümmerte sich nicht darum. »Sur«, rief er und noch einmal.
   Sur stürmte herunter, noch im Laufen schloss er den Knopf seiner Jeans. Sein Shirt hatte er oben gelassen und präsentierte seinen gestählten Körper unverhüllt. »Was habt ihr getrieben? Scheiße, die Dame blutet wie ein Wasserfall. Mein schöner Tisch.« Er sah zu dem Eichenholztisch, auf dem sich eine kleine Blutlache ausbreitete.
   »Wenn du jetzt das Blut auf dem Tisch wegwischst, reiß ich dir den Kopf ab. Hol den Autoschlüssel, du fährst!«

*

»Schläft sie noch?« Suriel betrat auf Zehenspitzen Rafaels Schlafzimmer.
   »Es ist besser, wenn sie schläft. Sie war völlig durcheinander.« Rafael setzte sich auf den Bettrand und strich über ihren Rücken. Sora schlief auf der Seite, die bandagierte Hand lag dicht neben ihrer Wange. Sie hatte die Beine hochgezogen, beinahe bis zur Brust. Wenn es nicht eine so schlimme Situation gewesen wäre, dann hätte er das richtig niedlich gefunden. Ihr Mund war zu einem süßen Schnütchen vorgeschoben. Ganz behutsam streichelte er ihr Gesicht.
   »Was hat dich dazu getrieben, sie bei eurem ersten Date so zu löchern? Auf der Fahrt hat sie nur noch geheult.« Sur seufzte. »Wie auch immer, ich habe ihre Story gecheckt.«
   »Warum?«, fuhr Rafael ihn an. Er biss sich auf die Lippe, um seinen Freund nicht anzuschreien. »Sie hat mich nicht angelogen. Das hätte ich bemerkt.«
   »Ich musste sichergehen. Aber du hast recht, die Daten sind völlig korrekt. Sora hat mit zweiundzwanzig einen Tobias Tutasz geheiratet. Der Mann hat ihren Namen angenommen, Krieger.« Sur nickte anerkennend. »Bei einem so klangvollen Nachnamen ist das kein Wunder. Vor sieben Jahren wurde ihr Sohn Liam Krieger mit freier Trisomie 18 geboren. Der Säugling war frühgeboren, viel zu leicht, hatte einen schweren Herzfehler und weitere Behinderungen. Mit sechs Wochen starb er und wurde auf dem städtischen Friedhof beigesetzt. Das Kind wurde notgetauft.« Sur sah jetzt ungewohnt ernst aus. »Das würde kein Sukkubus tun. In der Beziehung kriselte es. Es gab böse Auseinandersetzungen. Sie ließ ihren Mann einige Mal aus der Wohnung verweisen und hat auch bei den Diakonissen Unterschlupf gesucht.«
   »Sag mir nicht, dass er sie geschlagen hat.« Rafael krallte seine Finger in die Matratze, so sehr kämpfte er um Beherrschung.
   »Ihre Krankenhausakte aus diesen zwei Jahren ist so dick wie das Telefonbuch einer Großstadt. Was hält Frauen immer nur bei solchen Monstern?« Sur schüttelte den Kopf. »Aber wie es scheint, hat der Typ wieder die Kurve gekriegt, wohl, weil Sora die Scheidung wollte. Nach einem halben Jahr Trennung fanden sie erneut zueinander. Es ging wieder bergauf, bis man einen Hirntumor bei ihm feststellte. Die Art, die eine beschissene Prognose hat. Er starb nicht einmal zwei Monate nach der Diagnose. Hässliche Sache. Kein Wunder, dass sie durchdreht, wenn sie darüber sprechen soll. Du solltest das Thema ruhen lassen. Hast du die Narben an ihren Handgelenken gesehen? Die Sterne trägt sie nicht, weil sie so schön sind. Sie verdecken die Narben von Selbstmordversuchen.« Surs Miene verfinsterte sich. »Ein Sakrileg. Ihre Seele hätte in der Hölle geschmort, wenn sie es geschafft hätte.«
   »Das Leben hier auf Erden war für sie die Hölle.« Rafael sah seinen Freund wütend an. »Sie ist die Tochter eines Inkubus. Ihre Mutter und ihr Vater starben kurz nach ihrer Geburt. Sora wuchs ohne Wurzeln auf. Dann hat sie einen Hafen gefunden mit ihrer Familie und was passiert? Sie wird erneut heimatlos. Ist das fair? Ist das ihr Schicksal? Womit hat sie das verdient?«
   »Ich weiß es nicht, Bruder.« Sur strich sein kurzes Haar zurück. »Ich lasse euch jetzt allein. Du wirst schon auf sie aufpassen. Wenn du mich brauchst …«
   »Dann schrei ich. Danke, Bruder.«

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