Kikis Großmutter sprach viel von Engeln, als sie noch klein war. Sie schenkte ihr sogar einen Anhänger des Engels Cassiel, mit dem Versprechen, dass er immer für sie da sein würde, wenn sie traurig wäre. Von ihren Eltern ignoriert, wird Kiki nach dem Tod ihrer geliebten Großmutter ins Internat abgeschoben. Als sie eines Nachts zum Nachdenken auf dem Dach des Gebäudes sitzt, begegnet sie Raphael. Kiki ahnt nicht, dass Raphael in Wahrheit ausgerechnet der Engel Cassiel ist. Sie allein kann ihm und den letzten Engeln helfen, den Himmel zu retten. Was hat Großmutter ihr verschwiegen?

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ISBN: 978-9963-52-597-3

Seiten: 460

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Jennifer Wolf

Jennifer Wolf
Jennifer Wolf, verheiratet und Mutter einer Tochter, wurde 1984 in Bonn geboren. Nach dem sehr frühen Tod ihrer Mutter wuchs sie bei ihren Großeltern auf. Ihre Großmutter erweckte schon früh ihre Leidenschaft zum Lesen und die Liebe zu Büchern. Mit vierzehn Jahren wurde ihr bewusst, dass ihr das Schreiben mindestens genau so viel Spaß macht wie das Lesen. Für lange Zeit schrieb sie nur Kurzgeschichten, bis sie 2007 das Vampirfieber packte und sie den ersten Roman der „Sanguis“-Trilogie verfasste.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Gefühle sind eine eigenartige Sache. Sie können einen um den Verstand bringen. Sie sind mächtig und gelegentlich gefährlich. Positive Gefühle wie Liebe, Geborgenheit oder Freude sind willkommen, während wir die negativen Gefühle scheuen. Ich hätte nie gedacht, dass aus ihnen Gutes entspringen könnte. Jedenfalls bis zu jenem Tag, an dem ich aus Einsamkeit auf dem Dach des Internatsgebäudes stand, in das meine Eltern mich aus purer Verzweiflung gesteckt hatten. Ich möchte euch das Leid, das ich die Tage zuvor durchlebt hatte, ersparen und werde an der Stelle beginnen, an der ich mich in einer kühlen Herbstnacht in die Einsamkeit verliebt habe.


Kapitel 1
Raphael

Nur einen Schritt. Nur einen. Dann wäre alles vorbei. Ich würde meinen Eltern nicht mehr zur Last fallen. Schon öfter hatte ich überlegt, wie es wohl wäre, wenn ich aus großer Höhe fallen würde. Immer wenn es Ärger mit meinen Eltern gegeben hatte, war ich auf das Dach unseres Hauses geklettert und hatte nach unten gestarrt. Meine Eltern waren so mit ihren Berufen beschäftigt, dass ich mich wie ein Klotz am Bein fühlte. Mein Vater war Tierarzt und meine Mutter Rechtsanwältin in einer großen Kanzlei. Papa konnte besser mit Tieren umgehen als mit Menschen. Mama weder das eine noch das andere. Wie sie zueinandergefunden hatten, ist mir bis heute ein Rätsel. Sie liebten ihre Berufe. Für mich blieb keine Zeit, also hatte mich meine Großmutter mehr oder weniger großgezogen. Das war nicht schlimm, denn ich hatte meine Oma vergöttert. Sie hatte mir die Liebe, die ein Kind benötigt, gegeben. Als sie sich vor zwei Wochen ihre Fernsehzeitung kaufen wollte, ist sie Zeugin und Opfer eines Überfalls geworden. Sie hatte versucht, den Täter zur Aufgabe zu überreden und dafür mit ihrem Leben bezahlt. Mit ihr wurde auch mein Leben beerdigt. Der Schmerz war so überwältigend, dass ich dachte, ich würde auf der Stelle aufhören zu existieren. Die Welt drehte sich weiter, doch ich wollte es nicht wahrhaben. Als ich nicht aufhörte zu weinen, schickten mich meine Eltern in ein Internat.
   Hier war ich nun. Sechzehn Jahre alt und allein auf der Welt. Freunde hatte ich keine. Familie ebenfalls nicht. Nicht mehr. Eine Träne rann mir die Wange hinunter, als ich einen Blick nach unten warf. Es war verdammt tief. Ich strich mir eine pechschwarze Haarsträhne aus dem Gesicht und atmete tief durch. Mein Körper fühlte sich gleichzeitig leer und schwer an. Als würde mich etwas nach unten ziehen, mich lähmen. Niemand interessierte sich für mich und niemand würde mich vermissen. Mein Leben war ohne jeden Sinn, jetzt wo Großmutter nicht mehr da war. Plötzlich verlor ich das Gleichgewicht und schaffte es gerade so, mich auf dem schrägen Dach wieder auszubalancieren. Das Herz schlug mir bis zum Hals und ich musste ein paar Mal tief durchatmen, um wenigstens halbwegs ruhig zu werden. Nein, ich wollte nicht sterben, jedoch ließ mich der Gedanke, wie es wäre, nicht los. Ich musste den Schmerzen, die mich quälten, entkommen. Der Wind wehte mir eine Böe in den Rücken, die mich schwanken und erschaudern ließ.
   »Was tust du hier oben?« Eine männliche Stimme erklang hinter mir. Erschrocken drehte ich mich um. In der Dunkelheit konnte ich nur eine schlanke Gestalt erkennen, die leichtfüßig auf mich zukam. Er war offensichtlich sportlich und hatte ein gutes Gleichgewicht, denn ich war mehr oder weniger zum Rand des Daches gestolpert und gerutscht.
   »Das könnte ich dich auch fragen.« Er sollte gehen, sofort. »Bleib zurück.«
   Die Gestalt hielt inne und hob abwehrend die Hände. Vorsichtig deutete er an, dass er sich setzen würde. Nickend sah ich erneut nach unten.
   »Magst du mir verraten, was passiert ist, dass du diesen Weg wählst?«
   Ich wollte nicht reden. Nicht mit ihm oder irgendjemand anderem. Ich wollte allein sein. »Das verstehst du nicht«, sagte ich genervt.
   »Versuche es«, forderte er mich mit ruhiger Stimme auf. »Vielleicht überrasche ich dich.«
   Ich seufzte. Der war von sich überzeugt. Ich ging in die Hocke und tastete vorsichtig nach den Dachziegeln unter mir. Langsam setzte ich mich an den Rand und wärmte meine zitternden Hände zwischen den Beinen. »Meine Großmutter ist vor zwei Wochen gestorben. Sie war alles, was ich hatte. Seit sie weg ist, ist alles sinnlos.«
   Der Fremde brummte verstehend. »Und deine Eltern?«
   »Die konnten sich nicht ansehen, wie ich weine. Mitten im Halbjahr haben sie mich hierhin abgeschoben.«
   »Oh, du bist neu hier?« Er klang freundlich und erstaunt.
   »Ja.«
   »Mein Name ist Raphael Engel. Wie heißt du?«
   »Kiki.« Ich musste lachen. Das erste Mal seit vierzehn Tagen. »Engel, wie passend. Ich habe einen Engel mit mir auf dem Dach sitzen.«
   »Äh ja.« Er sprach mit einem seltsamen Unterton. »Kiki ist ein merkwürdiger Name. So würde ich höchstens einen Vogel nennen.«
   »Es ist mein Spitzname. Ich heiße Kira Kindel. Als Kleinkind habe ich immer Ki Ki gesagt, weil ich es nicht besser konnte. Daraus wurde Kiki.«
   Ein freundliches, warmes Lachen erklang. »Wie süß.«
   Ich drehte mich vorsichtig zu Raphael um. Er trug Jeans und einen Cardigan. Seine dunklen Haare fielen ihm ins Gesicht. Er saß mit angewinkelten Beinen da und hatte seine Arme darum geschlungen.
   »Vielleicht ist es nicht verkehrt, dass deine Eltern dich hierher geschickt haben«, sagte er grübelnd. »Ein Neuanfang … neue Leute, ein neues Leben.«
   »Ich bin nicht gut im Freunde finden, wenn du das meinst.« Das war ich wirklich nicht. Ich zog mich immer zurück, nahm nie an irgendetwas freiwillig teil. Mein Leben fand zum größten Teil in Büchern statt. Oder lag es an meinem eigenwilligen Kleidungsstil? Jungs schüchterte das viele Schwarz ein und Mädchen … Sie feindeten mich sofort an. Großmutter hatte gesagt, dass es daran läge, weil ich hübsch sei. Das konnte ich nicht glauben. Ich war nicht hässlich, aber verfielen Frauen beim bloßen Anblick in Stutenbissigkeit? Nein. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine Geschlechtsgenossinnen nur nach dem Äußeren gingen. Vermutlich hatte ich eine Ausstrahlung, die die Leute auf Abstand hielt. Eine Lehrerin hatte mir gesagt, dass ich zu ernst und abweisend aussähe. Daran musste es liegen. Dazu kam, dass ich zu schüchtern war, um Leute anzusprechen. Eine blöde Kombination. Als ich heute in den Kursen vorgestellt wurde, hatte ich mein Bestes getan, um freundlich auszusehen. Es musste unecht und verkrampft gewirkt haben, denn ich wurde ungläubig angestarrt. Ich seufzte.
   »Das glaube ich nicht«, sagte Raphael.
   Tränen stiegen mir in die Augen. »Seit meine Großmutter tot ist, kommt mir alles irreal vor. Es ist, als würde ich Feuer anfassen und dabei erfrieren. Alles ist irgendwie falsch. Nichts berührt mich richtig, ich bin leer, taub und … und ich fühle mich verlassen. Deswegen bin ich hier hoch, in der Hoffnung, dass ich wenigstens die Angst vor der Höhe spüre.«
   »Du bist nicht allein.«
   »Ach ja?« Ich schluchzte. »Dafür fühle ich mich aber ziemlich einsam.« Mir war furchtbar kalt und dennoch war es mir egal.
   »Gott ist bei dir.«
   Ach du Kacke, ein Jesusfreak. Meine Tränen versiegten augenblicklich und ich runzelte die Stirn. »Der kann mich mal.«
   Mein Gesprächspartner gab ein eigenartiges Geräusch von sich. »Hab ein bisschen Vertrauen in ihn.«
   »Und wie will er mir bitte schön helfen? Er wird mir kaum meine Oma wiedergeben.« Der Kerl war durchgeknallt.
   »Na, er hat zum Beispiel mich geschickt.«
   »Stimmt, Herr Engel.« Ein bitteres Lachen entwich meiner Kehle.
   »Vertrau mir, er ist jetzt gerade bei dir.«
   Ich atmete die Nachtluft tief ein. Gott war der Letzte, von dem ich jetzt hören wollte.
   Raphael schien das zu merken und lenkte ein. »Magst du mir von deinen Eltern erzählen?«
   Ich schüttelte den Kopf. Trotz der Dunkelheit musste er es gesehen haben.
   »Meinst du, wir könnten uns drinnen weiter unterhalten?«
   »Du kannst gern reingehen.«
   »Nicht ohne dich.«
   Ich rieb mir die Augen. »Ich springe nicht«, versprach ich. »Ich mag nur den Gedanken daran.« Wieso ging er nicht einfach?
   »Bitte schön. Du bist schuld, wenn ich morgen Mathe verhaue, weil ich mir die Lunge aus dem Leib huste.«
   Ich drehte mich zu ihm um. Er hatte die Beine ausgestreckt und schien es sich gemütlich zu machen.
   »Ich hoffe, du kannst damit leben.«
   Ich grinste. »Männer sind solche Weicheier.«
   »Ha! Du hast nicht so etwas gesagt wie: Ich werde dann nicht mehr leben. Also lass uns reingehen, ja?«
   »Nein. Ich habe gesagt, dass ich nicht springe.«
   »Also gut, Ki Ki.« Er betonte meinen Namen wie ich als Kleinkind mit zwei Wörtern. »Sehen wir mal, welche Sternbilder wir erkennen können.«
   »Du bist verrückt.« Ich folgte seinem Blick zum Nachthimmel.
   »Wenn mein Hintern nicht schockgefroren wäre, könnte man das hier als total romantisch beschreiben.«
   Ich musste lachen. »Du bist eine Memme.«
   »Autsch, das tat weh«, jammerte Raphael mit gespielt verletzter Stimme. »Mein Ego ist jetzt hin.« Er hustete … eine schlechte schauspielerische Leistung.
   »Du kannst ganz schön nerven.«
   »Sagt man mir immerzu.« Er hustete erneut. »Du kaufst mir das hier nicht ab, oder?«
   »Nein.«
   »Dann lasse ich das besser, sonst übergebe ich mich gleich und offensichtlich ist es gerade unmöglich, an dein Mitgefühl zu appellieren.«
   »Ich bitte drum.«
   Raphael wurde ernst. »Du willst das wirklich nicht, Kiki?«
   »Nein.« Ich seufzte. »Ich mag nur den Gedanken.«
   »Es gibt einen anderen Weg. Gib der Schule eine Chance, hm?«
   Ich war müde und mir war kalt. Mein Körper sehnte sich nach einem warmen Bett. Panik stieg in mir auf, als ich an den Moment des Aufwachens dachte. Vor diesem Gefühl der Leere. Hier in Raphaels Nähe ging es. Ich hatte nicht das Gefühl, als wäre mein Brustkorb zu eng und ich würde ersticken. »Okay.«
   Ehe ich mich versah, war Raphael aufgestanden. Ab dem Moment sind meine Erinnerungen verschwommen. Ein heftiger Schmerz an meinem Kopf nahm mir das Bewusstsein. Ich meine, mich dunkel daran zu erinnern, ausgerutscht und gefallen zu sein.

*

Als ich die Augen öffnete, lag ich in einem Krankenhaus. In der linken Hand steckte ein Zugang, der mich mit einer Flüssigkeit aus einem Beutel versorgte. Der Kopf tat höllisch weh, die Stirn war bandagiert. Mir war schlecht und schwindlig. Im Bett rechts neben mir lag eine alte Dame und las Zeitung. Auf der anderen Seite tippte eine blonde Frau, etwa Mitte dreißig, etwas auf einem Laptop. Zwischen uns saß ein schwarzhaariger Junge, etwa mein Alter, auf einem Stuhl und schlief in einer unmöglichen Position. Mein Nacken tat mir vom bloßen Hinsehen weh. Er trug Jeans und einen sandfarbenen Cardigan. Das musste Raphael sein. Aber wie …? Ich war gefallen. Hatte er mich halten können? Nein, ich erinnerte mich dunkel daran, mit meinem Leben abgeschlossen zu haben. Ich versuchte, mir ins Gedächtnis zu rufen, was passiert war, doch mein Kopf tat unheimlich weh. Leise jammerte ich vor mich hin. Das ließ den Jungen neben mir aufschrecken. Müde blinzelte er mich an, bevor er sich erhob und zu mir ans Bett kam. Mein Körper war alarmiert, als er sich den Cardigan auszog und ein T-Shirt zum Vorschein kam. Der Kerl war eine Augenweide. Er setzte sich zu mir ans Bett, legte die Jacke an meine Seite und beugte sich näher zu mir. Seine Augen waren faszinierend. Ein helles Blau oder ein zartes Grün? Man könnte sie als türkis bezeichnen, aber da war ein merkwürdiges Flimmern in ihnen. Als würden kleine Wolken durch sie hindurchziehen. Es war, als wäre der Himmel in ihnen eingefangen.
   Raphael lächelte und um seine Augen bildeten sich kleine Lachfältchen. Sein Gesicht kam näher und die schwarzen Haare fielen vor diese kleinen Himmelsfenster. Er pustete eine Strähne weg und unvermittelt roch es … belebend. Wart ihr mal am Meer? Ich war auf Klassenfahrt an der Nordsee. Als ich am frühen Morgen den Strand entlanggegangen war, hatte es genauso gerochen. Salzig und frisch. Raphael roch, als würde ein frischer Wind durch das Krankenzimmer wehen.
   Die Himmelsaugen blickten kritisch. »Alles okay?«
   Wow, ich hatte gestern nicht erkannt, wie sanft seine Stimme klang.
   Er legte die warme Hand an meine Wange. »Die Kopfverletzung sieht böse aus, aber die Ärztin meinte, du wirst bald wieder auf den Beinen sein.«
   Seine Stimme tat weh. Auf eine positive Art und Weise. Ich wollte ihn weitersprechen hören, doch wenn er damit aufhörte, war da dieses Sehnen in mir. Er lehnte sich zurück. Raphael trug ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift I love the earth! Oje, wieso musste ausgerechnet dieser Traumtyp ein Baumschmuser sein? Ein Baumschmuser und ein Jesusfreak. Das war zu viel. Aber diese Augen!
   »Du hast ein Schädel-Hirn-Trauma. Zum Glück konnte ich dich noch schnappen.«
   »Aber … ich bin gefallen.«
   Raphael schüttelte den Kopf und sah mich besorgt an. Jetzt wirkten seine Augen eher grün als blau. »Du hast dir deinen Kopf angeschlagen. Die Ärztin meinte, dass du einige Dinge durcheinanderbringen könntest.«
   Nein, ich war gefallen. Ich war mir sicher. Andererseits – wäre ich dann mit einer Gehirnerschütterung davongekommen? Raphael konnte mich schlecht aus der Luft gefischt haben. Dennoch, ich erinnerte mich, während des Falls ein Fenster gesehen zu haben.
   Raphael hielt mir seinen Cardigan hin. »Deine Jacke und dein Oberteil waren nicht mehr zu retten. Sie waren voller Blut, sodass die Schwestern sie entsorgt haben.«
   Ich nahm seine Jacke, jedoch nicht, weil mir kalt war. Ich wollte etwas von ihm haben, in der Hoffnung, dass es nach ihm roch. »Und du?« Ich krächzte ein wenig, da meine Stimme belegt war. »Nicht, dass du Husten bekommst.«
   Er lachte und seine Augen strahlten hellblau wie der Himmel. »Dann schuldest du mir eine Flasche Hustensaft.«
   »Abgemacht.« Ich klammerte mich an den beigefarbenen Cardigan.
   Raphael bemerkte es. »Ich hatte sie gestern den ganzen Tag an und habe die Nacht darin geschlafen, aber ich denke, sie ist besser als nichts. Heute Nachmittag bringe ich dir ein paar deiner Klamotten, wenn du möchtest.«
   O mein Gott, ich konnte ihn nicht in meinen Sachen wühlen lassen. Da waren ein paar furchtbare Oma-Unterhosen dabei, die ich für die gewissen Tage bereithielt.
   »In diesem kurzärmligen Krankenhaushemdchen möchtest du bestimmt nicht zwei Tage herumrennen, oder?«
   »Ich muss zwei Tage hierbleiben?«
   Er nickte. O Mann.
   Raphael kramte in seiner Hosentasche und zog einen Schlüssel hervor.
   »Mein Zimmerschlüssel?«
   »Ja, ich habe ihn aus deiner Jacke genommen. Darf ich rein und dir Sachen holen?«
   Ergeben nickte ich.
   »Irgendetwas Bestimmtes?«
   Ich schüttelte den Kopf. Raphael nahm mein Handy, das ich ebenfalls in der Jacke gehabt hatte, vom Nachttisch. »Ich speichere meine Nummer ein. Wenn dir was einfällt, schick mir eine SMS. Ich komme nach dem Unterricht.« Nachdem er fertig war, legte er das Handy zurück. Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass er losmusste. Ich wollte ihn nicht gehen lassen, doch da ich nicht wusste, was ich sagen sollte, hielt ich mich weiterhin an seiner Jacke fest.
   »Soll ich dir beim Anziehen helfen?« Es war ihm nicht entgangen.
   Ich nickte. Das kurzärmlige Krankenhausleibchen war wirklich nicht geeignet für kalte Herbsttage. Raphael kam näher. Zuerst dachte ich, er würde mich umarmen, doch ich merkte, dass er mich nur stützen wollte. Als ich mich aufsetzte, wusste ich warum. Alles drehte sich und ich klammerte mich mit schweißnasser Stirn an ihm fest.
   »Das wird heute Abend schon besser sein.« Er versuchte, mich zu trösten und half mir, den rechten Arm in seine Jacke zu verfrachten. Die andere Seite legte er über meine Schulter, da meine linke Hand mit dem Tropf verbunden war. »Geht es so?«
   Ich lächelte und ließ mich von ihm vorsichtig in die Kissen legen. Sein Gesicht war unglaublich nah an meinem. Er hatte makellose Haut, eine perfekte Nase und einen Mund, dessen Anblick kribbelnde Wellen durch meinen Körper jagte. Der Duft eines Waldes nach einem Regenschauer umgab mich wie ein Mantel. Raphael lächelte zurück und nahm meine rechte Hand. Sie zitterte. Nicht vor Kälte.
   »Das sind die Schmerzmittel.« Raphael sah zu dem Tropf. »Sobald die abgesetzt sind, wird es dir besser gehen.« Er sah erneut auf seine Uhr. »Wow, ich muss wirklich los, Kiki. Tut mir leid.«
   »Danke.«
   Raphael zwinkerte mir zu. »Lauf mir ja nicht weg.«
   »Ich warte hier.« Mein Herz raste.
   Grinsend strich er über mein Schienbein und verschwand dann aus dem Zimmer. Ich seufzte, legte meinen Kopf zur Seite und genoss den Geruch nach taufrischem Grün. Dieser Kerl hatte ein Toppflegeprogramm. Seife und Deo waren dufttechnisch exquisit aufeinander abgestimmt. Bei der Haut benutzte Raphael bestimmt auch Creme. O nein, er war garantiert schwul. So eine Schande.
   »Ein hübscher junger Mann«, sagte die alte Frau und sah von ihrer Zeitung auf.
   Ich nickte ihr zustimmend zu.
   »Ihr Freund?«
   »Nein, ich kenne ihn erst seit gestern Abend.«
   »Und da wacht er schon an Ihrem Bett? Ich bin erstaunt.« Sie griff nach einem Apfel, der zusammen mit anderem Obst auf ihrem Nachttisch lag. Aus einer Schublade nahm sie ein Messer und begann ihn zu schälen. »Dass die Schwestern es ihm erlaubt haben, ist kein Wunder. Bei den Augen.«
   Sie waren also nicht nur mir aufgefallen.
   Die Tür ging auf und zwei Frauen in weißen Kitteln kamen herein. Sie begannen mit der morgendlichen Visite bei der alten Frau. Ich schloss einen Moment die Augen und roch an Raphaels Jacke. Himmlisch. Ich musste kurz eingenickt sein, denn als ich die Augen aufschlug, sah mich eine Ärztin entschuldigend an.
   »Frau Kindel, Sie können sofort weiterschlafen, aber wir müssen kurz die Visite machen.« Sie sah in einen großen Ordner und schrieb etwas hinein. »Sie haben eine Gehirnerschütterung und müssen zwei Tage zur Beobachtung bleiben, damit wir sicher sein können, dass sich keine Hirnblutungen entwickeln. Bitte versuchen Sie, sich zu entspannen. Wenn Sie Schmerzen haben, melden Sie sich bei den Schwestern. Haben Sie Fragen?«
   Ich schüttelte den Kopf. Hatte Raphael ihnen nicht gesagt, dass ich auf dem Dach gestanden hatte? Offensichtlich nicht, denn die Ärztin verabschiedete sich von mir und ging in ihre Akte schreibend aus dem Zimmer.
   Die andere Ärztin stand an meinem Fußende. »Sie haben wirklich einen liebevollen Bruder.« Sie lächelte. »Ein Glück, dass er Sie gefunden hat. Nasses Laub ist schon im Hellen gefährlich, aber im Dunkeln, wo man es übersehen kann, noch mehr.«
   Ich nickte. Aha, ich war also spazieren gewesen. Raphael hatte sich als mein Bruder ausgegeben, damit er Informationen über meinen Zustand bekam und hierbleiben durfte. Die alte Frau zwinkerte mir lachend zu, nachdem beide Ärztinnen verschwunden waren. Ich schloss erneut meine Augen. Da ich dieses Mal jedoch nicht einschlafen konnte, beschloss ich, fernzusehen. Zu meinem Glück hatte die blonde Frau im Bett links neben mir die Flimmerkiste eingeschaltet. Talkshows. Gut bei Kopfverletzungen, denn es reichte der IQ einer Amöbe, um dem Geschehen zu folgen.
   Ehe ich mich versah, gab es Mittagessen. Gnocchi in Tomatensoße.
   Der Nachmittag brach herein. Die Minuten begannen, sich wie Kaugummi zu ziehen. Als sich um 15:30 Uhr die Tür öffnete, machte mein Herz einen Hopser vor Freude. Meine Mitpatienten hatten bereits Besucher und ich war mir sicher, dass endlich Raphael kam. Allerdings war es ein Mädchen meines Alters mit schwarzen langen Haaren, die einen eigenartigen bläulichen Schimmer besaßen. Als sie auf mein Bett zusteuerte und ich ihre Augen sehen konnte, war mir klar, wer das sein musste. »Du bist Raphaels Schwester, oder?«
   Sie lächelte und streckte mir eine perfekt manikürte Hand entgegen. Ich ergriff sie. Das Mädel musste gerannt sein, denn ihre Haut war warm.
   »Mein Name ist Maria Engel.« Sie stellte vorsichtig eine Tasche auf das Fußende des Bettes. »Raphael dachte, es wäre dir lieber, wenn ein Mädchen in deinen Sachen wühlt.«
   Ich lächelte. Einerseits war ich dankbar, andererseits unheimlich enttäuscht, weil Raphael anscheinend nicht mehr vorbeikam. »Kommt Raphael noch?«
   Maria räumte meine Sachen in den Spind und Nachttisch. Sie sah mit einem merkwürdigen Blick auf die Jacke ihres Bruders, die ich – nachdem ich vom Tropf abkam – richtig angezogen hatte.
   »Er sucht noch nach einem Parkplatz.«
   Moment … Raphael hatte einen Führerschein? Dann war er definitiv älter als ich.
   »Dabei könnte er seinen blöden Roller einfach neben die Fahrräder stellen, aber er behandelt das Ding, als hätte es eine Seele.«
   Okay, was das Alter anging, war wieder alles offen.
   Maria rollte mit den Augen. »Er hat dem Ding sogar einen Namen gegeben.«
   »Wie ich höre, machst du dich über Furby lustig.« Raphael schob sich lächelnd ins Zimmer. Er stellte sich neben seine Schwester, unter dem Arm einen Helm. Mir fiel auf, dass in Marias Tasche, die sie mittlerweile um meine Klamotten erleichtert hatte, ebenfalls etwas drin war, was stark nach einem Helm aussah.
   »Du scheinst vergessen zu haben, dass er dich und deinen Prinzessinnenhintern unter großen Anstrengungen hierhin chauffiert hat.«
   »Ich hatte Todesangst.« Maria schimpfte und funkelte ihren Bruder wütend an. »Ich habe gedacht, gleich rollen wir den Hügel rückwärts herunter.«
   Raphael zuckte mit den Schultern und sah mich lächelnd an. »Du wolltest ja mit«, sagte er schließlich. Unvermittelt verzog er das Gesicht und sprang einen Moment auf einem Bein. »Aua. Was sollte das?«
   Maria musste ihm auf den Fuß getreten sein. Ich musste lachen, als sie genervt mit den Augen rollte. Selbst in diesem Gemütszustand sah sie toll aus. Sie trug Pumps, enge weiße Jeans und eine dunkelblaue Tunika, die mit einem Gürtel eng an ihrer Taille anlag. An ihren Ohren baumelten silberne längliche Ohrringe, die mit funkelnden blauen Steinen verziert waren. Offensichtlich mochte Maria Blau gern. Raphael trug weiße Sneakers, Jeans und einen ebenfalls weißen Pullover.
   »Wie geht es dir?«, wandte sich Maria an mich und auch Raphael vergaß den kleinen Geschwisterstreit.
   »Mein Kopf tut noch weh, aber es geht mir ganz gut.«
   Maria nickte und sah mich wissend an. Raphael hatte ihr sicherlich erzählt, was passiert war.
   »Raphael kann gut trösten.« Ich wollte ihr klarmachen, dass ich seelisch ebenfalls stabil war.
   »Ich habe ein wenig Übung.« Er tauschte mit Maria einen eigenartigen Blick. »Ich habe eine Menge Geschwister«, fügte er hinzu. »Irgendwer heult da immer rum.«
   »Dann hoffe ich, dass du bei dem ganzen Geheule bei geistiger Gesundheit bleibst.« Ich lachte, doch irgendwie schien ich einen Nerv getroffen zu haben. Für einen kurzen Moment erhaschte ich einen Blick von Raphael, der mir verriet, dass irgendetwas im Argen lag. Es dauerte den Bruchteil einer Sekunde, dann lachte er wieder.
   »Dafür ist es schon zu spät.« Maria seufzte.
   »Was soll das heißen?«, fragte Raphael mit aufgerissenen Augen.
   »Dass du einen an der Waffel hast.«
   Langsam glaubte ich, dass an den kleinen Sticheleien mehr dran war. Es wirkte auf mich, als ob sie sich stritten und vor mir zusammenrissen.
   Raphael verzog das Gesicht. »Ich glaube, meine Schwester ist heute nicht gut auf mich zu sprechen.«
   Maria nahm ihm den Helm ab, setzte ihn auf seinen Kopf und klappte das Visier herunter. »Schieb zwei Minuten ab.« Sie drückte ihren Bruder Richtung Ausgang. »Gib uns etwas Mädchenzeit.«
   Raphael ließ sich nicht so einfach abschieben und machte sich absichtlich schwer. Ich musste lachen, es ging nicht anders. Unter großen Anstrengungen schaffte Maria es, ihren Bruder aus dem Zimmer zu verfrachten.
   »Kerle.« Sie stöhnte und kam zu mir ans Bett. »Sie sind alle gleich, egal, ob Mensch oder …« Sie sah mich an. »Egal.«
   »Tier?«, half ich ihr lachend weiter.
   »Ja.« Maria grinste. »Männer sind wie Tiere.«
   »Was möchtest du mit mir besprechen?«, fragte ich jetzt ernst.
   Maria verzog das Gesicht und schien nicht recht zu wissen, wo sie anfangen sollte. »Raphael und ich stehen uns sehr nah.«
   Ich schluckte.
   »Er hat mir alles erzählt.« Sie überlegte kurz. »Sei ihm nicht böse, ja?«
   »Nein, schon okay.« Ich musterte verlegen die Bettdecke.
   »Ich wollte fragen, ob es etwas gibt, was du lieber mit einer Frau besprechen würdest? Raphael hat erzählt, dass du nicht gut auf deine Eltern zu sprechen bist. Sie haben dir doch nicht wehgetan?«
   »Nein«, rief ich geschockt. »Sie sind mir gegenüber nur völlig gleichgültig. Körperlich haben sie mir nie Gewalt angetan.«
   »Körperlich«, sagte Maria nachdenklich.
   Die Tür ging hinter ihr leise auf und Raphael schlich herein. Lange hatte er es draußen nicht ausgehalten. Er legte den Helm auf einen Tisch und deutete mir an, dass ich nichts sagen sollte. Maria hatte mit Small Talk angefangen, dem ich nicht gefolgt war. Sie bemerkte nicht, dass ihr Bruder sich von hinten anschlich. Er machte ihr mit zwei Fingern Hasenohren. Ich hatte Mühe nicht zu lachen. Als sie merkte, dass hinter ihrem Rücken etwas vor sich ging, packte Raphael seine Schwester und wirbelte sie um sich herum. Maria schrie. Ich brach in Gelächter aus, bis ich eine weiße, lange Feder auf mein Bett niedersegeln sah. Noch nie hatte ich eine so riesige Feder gesehen. Raphael und Maria hielten inne, als sie sahen, was ich gefunden hatte.
   »Wo kommt die denn her?«, fragte ich.
   »Äh, die muss in meinem Haar gesteckt haben.« Maria sah aus, als hätten die Worte ihr wehgetan. Ich drehte die Feder in meiner Hand. Sie war majestätisch und perfekt. An ihren Rändern glitzerte es. Ich betrachtete sie genauer. Die Feder war am äußeren Rand fein golden bestäubt.
   »Irgendein Tier wird sie verloren haben.«
   Hatte Maria Bauchweh?
   »Sie muss durch den Fahrtwind in meinem Haar gelandet sein. Ich wüsste nicht wie sonst.«
   »Schaut euch das an! Die kann von keinem Tier stammen.« Ich zeigte ihnen den feinen Goldrand der Feder. »Jedenfalls nicht direkt. Irgendwer hat sie verziert.«
   »Ist ja auch egal«, sagte Raphael. »Soll ich sie wegschmeißen?«
   »Nein.« Ich riss die Feder an mich, sodass seine Hand ins Leere ging. »Sie ist wunderschön«, sagte ich leise. »Ich werde sie behalten.«
   »Ich denke, wir sollten jetzt gehen und dir Ruhe gönnen.« Maria sah ihren Bruder eindringlich an. Raphael nickte.
   Die beiden ließen sich im Krankenhaus nicht mehr blicken.

*

Ich wurde am Samstagmorgen entlassen, packte meine Sachen und Raphaels Jacke, die er vergessen hatte, und ließ mich von einem Taxi auf Kosten meiner Eltern ins Internat bringen. Sie waren im Krankenhaus nicht erschienen. Ein Bote hatte mir eine Karte mit freundlichen Genesungswünschen vorbeigebracht. Sie enthielt Geld für Fernsehen und Telefon im Krankenhaus und eine Taxifahrt. Sehr nachsichtig von ihnen.
   Im Taxi fühlte ich wieder die Einsamkeit, die mich erst in diese Situation gebracht hatte. Ich hatte Raphael am Tag zuvor eine SMS geschrieben, in der ich mich nochmals bei ihm bedankte. Eine Antwort hatte ich nicht erhalten. Das Taxi fuhr auf das Internatsgelände. Seufzend griff ich nach meinen Sachen. Als ich ausstieg, hoffte ich, Raphael oder Maria zu entdecken, leider waren überall fremde Gesichter, die erstaunt meinen bandagierten Kopf betrachteten. Den Blick gesenkt schlich ich wie ein getretener Hund ins Gebäude und suchte mir meinen Weg zu meinem Zimmer. Mir graute vor meiner Zimmergenossin, die ich kurz kennengelernt hatte. Alina hatte mich wie die meisten Menschen mit einsilbigen Worten und bösen Blicken bedacht. Zu meinem Erstaunen erwartete mich ein anderes Gesicht, als ich hereinkam. Alina war offensichtlich nicht da, dafür das Mädchen, das im Bett über mir schlief. Sie war für ein paar Tage nicht im Internat gewesen, deshalb hatte ich sie bei meiner Ankunft nicht gesehen. Ich wusste, dass sie Regina hieß. Sie sah sehr eigenwillig aus und ich mochte es. Alina zeigte mit ihren braunen Haaren und den Klamotten von Esprit, dass sie wie die meisten Schülerinnen dieses Internats der gehobenen Klasse angehörte. Regina war das krasse Gegenteil. Sie hatte blonde lange Haare, die sie zu Dreadlocks gedreht und zu einem Pferdeschwanz am Hinterkopf hochgebunden hatte. Einige der Dreadlocks waren pink gefärbt und wirkten neben dem Stachel-Haarreif genial. Ihre Augen waren, wie meine, dunkel geschminkt, allerdings mit einem knalligen lila Lidschatten darüber. Sie lächelte und offenbarte ein Piercing zwischen ihren oberen Schneidezähnen. Über einer schwarzen Strumpfhose trug sie kurze, löchrige Jeans-Hotpants und Bikerstiefel. Auf ihrem schlabberigen weißen Oberteil war ein Peace-Zeichen gemalt. Es hing ihr an einer Schulter tief hinunter, sodass man einen knallig pinkfarbenen BH-Träger sehen konnte.
   »Hi«, sagte sie. »Du musst Kira sein.«
   »Bitte nenn mich Kiki.« Ich stellte die Tasche auf meinem Bett ab. Regina lehnte sich an die Leiter, die zu ihrem Bett führte.
   »Du bist bestimmt Regina, oder?«
   Sie verzog ihr Gesicht. »Laut Geburtsurkunde, ja. Aber bitte nenn mich Gina.«
   Ich lächelte und nickte.
   Gina musterte mich einen Moment. »Ich glaube, wir zwei kommen gut aus.«
   Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
   »Beachte Alina einfach nicht, okay? Sie hasst sich und jeden, der ihren Weg kreuzt, außer …«, Gina grinste teuflisch, »… Raphael.«
   Beim Klang seines Namens sah ich von meiner Tasche auf, die ich angefangen hatte, auszupacken.
   »Mann, war die platt, als vor zwei Tagen Maria reinkam und deine Sachen durchwühlt hat. Übrigens hast du da ein paar nette CDs.«
   »Du darfst sie dir ausleihen. Ich bin bisher nie dazu gekommen, sie mir als MP3 zu archivieren.«
   »Gern.« Gina lächelte. »Ich glaube, ich muss dich nachher mal jemandem vorstellen. Du wirst ihn lieben. Wir sind hier so etwas wie die schrägen Vögel und ich denke, du passt gut zu uns.«
   Ich nickte, meine Hände zitterten.
   Gina kletterte auf ihr Bett und machte sich an einem Radio zu schaffen. »Hast du was gegen Pink?«
   »Bist du irre?« Ich sah zu ihr hoch. »Ich vergöttere sie. Ich weiß, ich sehe nicht danach aus, aber ich liebe sie.« Ich bemerkte das Poster von Pink über ihrem Bett. Wir lächelten uns an und schon erklangen die ersten Töne von »Don’t let me get me.«
   Vielleicht war es hier doch nicht so schlecht.

Kapitel 2
Sonntag

Ich packte in Ruhe meine Sachen aus, während mich Gina über diverse Lehrer und ihre Eigenarten aufklärte.
   Irgendwann wurde sie nachdenklich und sah mich mit einem Blick an, der bis runter auf die Knochen ging. »Jetzt mal unter uns heißen Sahneschnitten … Raphael? Raus damit, ich möchte alles wissen.«
   »Ich fürchte, dass du mir mehr erzählen könntest als ich dir.« Damit log ich nicht mal. »Ich weiß nur, dass er eine Schwester namens Maria hat und anscheinend für sein Leben gern Roller fährt.« Ich zog die lange weiße Feder aus der Tasche und drehte sie ein paar Mal.
   Sie hatte die Fahrt ins Internat ohne sichtbaren Schaden überlebt. Meine Großmutter hatte mir den Umgang mit der Nadel beigebracht und ich wusste, was ich mit der Feder tun würde. Das musste jedoch warten. Ich packte sie vorsichtig zu meinen anderen Sachen in den Schrank.
   »Also, die Engels sind Drillinge. Michael, Raphael und Maria.« Gina sah zur Decke. »Michael ist der Hübscheste, aber todernst. Ich finde ihn unheimlich. Maria sowieso, die hat immer so einen Ich-weiß-was-du-letzten-Sommer-getan-hast-Blick drauf.«
   Komisch, so war sie mir nicht vorgekommen. Michael sollte ein noch hübscherer Kerl als Raphael sein? Das konnte ich mir kaum vorstellen.
   »Raphael ist eine Sache für sich. Einerseits ist er total aufgedreht, auf der anderen Seite spielt er oft die Spaßbremse. Alle drei sind im Grunde ein wenig seltsam.«
   »Bist du wie Alina in Raphael verliebt?«, fragte ich. Gina schenkte mir dafür einen ungläubigen Blick.
   »Ich will so einiges mit Raphael tun, aber seine Freundin sein zählt nicht dazu.« Sie grinste vielsagend und ich errötete. »Manchmal, wenn er in Mathe den Oberklugscheißer heraushängen lässt, würde ich ihn am liebsten packen, auf den Tisch schmeißen und ihn …«
   Mehr erspare ich euch. Sie sprach von einer Sportart, die auf Pferden und nicht auf Typen ausgeübt wird.
   »… bis er schielt«, beendete sie den Satz.
   Mein Kopf war sicher hochrot, trotzdem musste ich lachen. Ich war mit Auspacken fertig und machte das, was ich den Ärzten versprochen hatte – mich hinlegen. Nachdem ich das Kissen mit dem selbst genähten Überzug von Oma ins Bett gelegt hatte, wirkte es nicht mehr fremd. Sie fehlte mir. Das Gefühl von Einsamkeit kroch meinen Rücken hoch und drohte meine Lunge zu zerdrücken.
   »Er ist schon manchmal ein Nerd«, holte Gina mich aus meinen Gedanken.
   »Raphael ein Nerd?« Er sah nicht danach aus.
   »Schade, dass der Sommer vorbei ist. Er hat eine wunderbare Kollektion an Nerd-T-Shirts. Mal abgesehen davon, dass er ständig alles besser weiß.« Sie seufzte genervt. »Und dann dieser Tick mit Gott.«
   »Ja, das ist mir auch aufgefallen.«
   »So sind sie, alle drei. Ich vermute, dass sie keine Drillinge sind, sondern von verschiedenen Müttern stammen. Bis auf die Augen, die sie garantiert vom Vater haben, ähneln sie sich überhaupt nicht. Der Typ ist bestimmt ein Oberpatriarch, der versucht, seinen Kindern Werte zu vermitteln, die er selbst nicht halten kann. Sicher hat er einen Haufen Kohle, wie eigentlich alle Eltern hier, und hat sich damit das Sorgerecht erkauft.«
   Das klang gruslig. Maria und Raphael hatten normal gewirkt. Gina irrte sich bestimmt.
   »Sie sprechen nie von ihren Müttern, sondern nur vom Vater.«
   »Hast du viel Unterricht mit ihnen?«
   »Mit Raphael habe ich Mathe, mit Maria Bio und Religion. Michael sehe ich in Musik.«
   »Sie sind hier ziemlich bekannt, was?«
   »Na hallo … Drillinge. Zumindest behaupten sie das.«

*

Der Tag ist schnell vergangen, doch sobald Alina in der Nacht das Licht gelöscht hatte, schnürte sich mir die Kehle zu und die Augen füllten sich mit Tränen. Die Dunkelheit legte sich auf meinen Brustkorb und drohte ihn zu zerquetschen. Ich hatte Heidenangst, dass mir eine Panikattacke bevorstand. Fest umklammerte ich Omas Kissen und versuchte, ruhig zu atmen.
   Es klopfte an der Tür. Alina schaltete mit einem genervten Grummeln das Licht an. Gina warf sich über mir im Bett auf die andere Seite.
   »Ja.« Alina keifte regelrecht.
   Die Tür ging auf. Da stand Raphael und hielt sich die Augen zu. »Seid ihr angezogen?«
   Alina lachte hysterisch. »Sonst hätten wir dich nicht hereingebeten.« Sie sprang auf, positionierte sich vor Raphael, der seine Hand hinunternahm, und himmelte ihn an.
   »Wir hatten gerade vor, einen kleinen Rudelbums unter Frauen zu veranstalten.« Gina grummelte über mir. »Magst du mit einspringen, Raffi? Ein bisschen Testosteron kann ja nicht schaden.«
   »Genau deswegen«, begann Raphael zu protestieren, »habe ich gefragt. Ihr habt Gina im Zimmer, da ist alles möglich.«
   »Was treibt dich zu so einer unchristlichen Zeit her, Engel?« Ginas Stimme wirkte freundlicher.
   »Ich wollte hören, wie es der Patientin geht.« Er sah mich fest an. »Sorry, ich dachte nicht, dass ihr schon schlaft.«
   Alina funkelte mich wütend an. Womit hatte ich das verdient?
   »Ganz okay«, sagte ich leise. »Ich hab nur Kopfweh.«
   »Schade, dass du schon umgezogen bist, sonst …«
   »Sie zieht sich wieder an«, plapperte Gina dazwischen. Ich hätte ihr gern einen bösen Blick zugeworfen.
   »Gib deiner Julia zwei Minuten, Romeo.«
   »So meinte ich das nicht.« Raphael stammelte beinahe.
   »Ja, so meinte er das nicht«, wiederholte Alina wie eine kaputte Aufziehpuppe. »Er hat Kira gerettet, von daher will er wissen, wie es ihr geht.«
   »Äh ja.« Raphael sah mich entschuldigend an. »Schon gut, Kiki. Wir können morgen reden. Darf ich mir die Wunde ansehen?«
   »Bist du jetzt Arzt?«, fragte Gina.
   Er ignorierte sie und setzte sich auf mein Bett. Raphael sah mich eindringlich an. War da ein Glühen in seinen Augen? Als hätte jemand hinter seiner Iris ein kleines Licht angezündet. Natürlich hatte er bemerkt, dass ich geweint hatte. Mit dem Daumen strich er mir die Tränen von den Wangen. Seine Berührung war magisch. Elektrisierend, kribbelnd und warm. Wie sanft sich seine Haut anfühlte. Ich schluckte. Es roch nach Meer, als er sich zu mir herunterbeugte. Tief blickte ich in seine himmlischen Augen. Kleine Wolken zogen durch das türkisfarbene, golden schimmernde Meer der Iris. Sein Atem streichelte mein Gesicht. Der Geruch von Wald- und Bergluft mischte sich dazwischen und ließ mich tief durchatmen. Der Druck auf meiner Lunge war verschwunden.
   »Alles okay mit ihr?« Alina klang leicht säuerlich.
   Blonde Dreadlocks schoben sich an Raphael vorbei, bis Ginas Gesicht verkehrt herum zu sehen war. »Hi«, sagte sie grinsend. »So, Herr Engel. Genug Wichsvorlage eingeprägt? Es gibt Leute, die schlafen wollen.«
   Raphael sah Gina an und rollte mit den Augen. »Da will man mal ritterlich sein.«
   »Ja, ja«, unterbrach ihn Gina, »ab in die Heiakiste, Ritter vom heiligen Ständer.«
   Raphael funkelte Gina wütend an.
   »Oh yeah, Baby.« Sie zwinkerte ihm gespielt verführerisch zu. »Wenn du mich so anguckst, ist alles möglich.«
   Als Raphael sie verwirrt anstarrte, machte Gina Anstalten ihn zu beißen. Damit weckte sie ihn aus seiner Trance. »Ich gehe besser.«
   »Halleluja.« Gina jubelte und verschwand aus meinem Blickwinkel. Sie schmiss sich ins Bett, sodass die ganze Konstruktion wackelte.
   Raphael lächelte mich an und ging, nicht ohne vorher Alina abzuschütteln, die ihm am liebsten nachgelatscht wäre. Als es wieder dunkel war, begann Gina, ein Lied der Kelly Family über Engel zu singen. Ich schlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein. Nicht nur, weil Raphael draußen laut seufzte.

*

Am nächsten Morgen weckte mich Gina um sechs Uhr in der Früh. An einem Sonntag wohlgemerkt. Sie war angezogen und roch frisch geduscht.
   »Hey Kiki«, flüsterte sie, da sie offensichtlich Alina nicht wecken wollte. »Marc, Colin und ich sind Frühaufsteher. Magst du mit uns frühstücken? Die Engel frühstücken pünktlich um halb sieben. Auch am Wochenende. Nur so als Randinfo.«
   Ich rieb mir müde die Augen. Wer waren Marc und Colin? Irgendwie war ich für diese Art des Wachwerdens dankbar, da ich so keine Gelegenheit hatte, den Schmerz in mir zu suchen. Gähnend kletterte ich aus dem Bett und nahm mir leise ein paar Sachen: einen langen schwarzen, weit schwingenden Rock mit aufgenähten Volants und ein enges, ebenfalls schwarzes Neckholdertop. Diese Kombination schmeichelte meinen weiblichen Rundungen. Dazu nahm ich mir schwarze Armstulpen, silberne Ohrstecker und eine dazu passende Ypsilon-Kette. Mein Kulturbeutel stand zum Glück fertig bereit. Da Gina ein paar SMS schreiben wollte, ging ich zum Waschraum. Es war elendig früh, sodass ich damit gerechnet hatte, allein zu sein, doch ein Junge stand dort und musterte sich im Spiegel.
   »Ups«, sagte ich und ging rückwärts. Ein Blick auf die Tür verriet mir, dass ich mich nicht geirrt hatte. Es war der Mädchenwaschraum. In diesem Trakt gab es keinen für Jungen. Schliefen die nicht woanders? »Äh …«
   Der Junge drehte sich mit einem gekonnten Hüftschwung um und musterte mich von Kopf bis Fuß. Ein wissendes Lachen zierte sein Gesicht, während er einen Mascara zwischen zwei Fingern hin und her drehte. »Gut geschlafen?«
   Diese zwei Worte aus seinem Mund reichten aus und ich war mir sicher: Wir angelten im gleichen Gewässer.
   »Nein, die Nacht war viel zu kurz.« Ich stöhnte und schleppte meine Sachen zu einem Waschbecken, stellte den Kulturbeutel ab und hängte meine Kleidung auf einen Ständer für Handtücher.
   »Das glaube ich.« Er grinste mich an. »Ich habe Raphael gestern bei dir reingehen sehen. Du bist doch seine neue Flamme, oder?«
   »Was?« Erschrocken sah ich den Jungen mit den wunderschön nachgezogenen Augenbrauen an.
   »Ach, wo bleiben denn meine Manieren?« Er wedelte wild mit der Mascara herum. »Mein Name ist Marc.« Er streckte mir seine manikürte Hand entgegen und ich ergriff sie. »Deine Nägel«, sagte Marc beim Anblick der abgeblätterten Farbe, »solltest du wirklich mal wieder pflegen.«
   »Ich bin Kiki«, antwortete ich vollkommen platt.
   »Das weiß ich. Gina hat von dir erzählt. Raphael hat dich blutend im Park gefunden.«
   Ich verteilte Zahnpasta auf meiner Bürste und stopfte sie mir in den Mund, damit ich nichts mehr sagen musste. Heute würde ich mir meine Beißerchen richtig gründlich putzen.
   »Und jetzt raus damit, läuft da was bei euch? Das ganze Internat quatscht darüber, was ihr in der Nacht draußen zu suchen hattet.«
   Ich spuckte aus und seufzte. »Wir waren unabhängig voneinander rausgegangen. Ich bin auf Laub ausgerutscht und habe mir den Kopf angestoßen. Erst im Krankenhaus habe ich erfahren, dass ein Raphael mich gerettet hat.«
   Marc wirkte enttäuscht. Moment mal. Das war der Marc, von dem Gina mir erzählt hatte und dem sie mich unbedingt vorstellen wollte. Gina hatte am gestrigen Nachmittag so viel erzählt. Dieser Marc war aus der Webmeier-Dynastie. Webmeier war eine große Modemarke für Businessleute. Konservative, qualitativ sehr hochwertige Kleidung. Meine Mutter trug oft Webmeier zu besonderen Anlässen. Als Gina von ihm gesprochen hatte, war es mir nicht gleich eingefallen. Jetzt dämmerte mir auch langsam, wer Colin war. Sein Ex-Freund und immer noch bester Freund.
   »Na ja, was nicht ist, kann ja noch werden«, trällerte Marc vor sich hin und packte seine Sachen zusammen. »Wir sehen uns gleich beim Frühstück?«
   Ich nickte und setzte meine morgendliche Pflege fort. Eine Zeit lang starrte ich auf den Verband und entschied mich, ihn abzunehmen. Die Schwester hatte gesagt, ich solle bis Montag warten, aber es passte nicht zu meinem Outfit. Ich wollte toll aussehen. Nachdem ich mich angezogen hatte, betrachtete ich meine Taille, die weich fließend von dem Rock umspielt wurde und den Busen, der, geschmückt mit der Kette, in dem Neckholder wunderschön aussah. Die Kopfwunde sah natürlich nicht toll aus, aber ich tat mein Bestes, um meine Haare kunstvoll hochzustecken, sodass es davon ablenkte.

*

Als ich mit Gina zum Speisesaal ging, wurde ich extrem nervös. Der Gedanke, Raphael gleich zu sehen, ließ mich zittrig werden. Der Saal war jedoch gähnend leer, als wir ihn betraten. Zwei Tische waren besetzt. An einem saß Maria mit einem blonden Gott, der Michael sein musste, und an dem anderen Marc. Er winkte uns zu sich, nachdem wir uns am Buffet bedient hatten. Im Vorbeigehen wünschte ich Maria und dem Blonden – Michael? – »Guten Morgen«. Ich war bitter enttäuscht. Maria lächelte mich freundlich an und ich merkte, dass sie gern mit mir gesprochen hätte, doch Gina zog mich nach einem müden Gruß zu Marc. Ich hatte ihr erzählt, dass ich ihn im Waschraum getroffen hatte und nun war sie ein wenig stinkig. Sie wäre gern dabei gewesen, als ich diesen Paradiesvogel, wie sie ihn nannte, zum ersten Mal gesehen habe. Ich teilte ihr mit, dass Marc nicht der erste Schwule war, den ich getroffen hatte. Der Nachbar meiner Oma, Hugo, rannte immer in Frauenklamotten durch die Gegend und nannte sich Helga.
   Wir hatten uns kaum gesetzt, als eine nette, männliche Stimme hinter mir erklang. »Hi Marc, Gina.« Der Junge mit dem rotbraunen Haarschopf und grünen Augen sah irisch aus. »Und du bist Kira, richtig?« Er hielt mir seine Hand hin. Seine Nägel waren sauber und ordentlich geschnitten, so etwas erlebte man selten bei Männern.
   »Kiki.« Ich lächelte ihm zu.
   »Das ist Colin«, sagte Marc. »Mein Ex und guter Freund.«
   Aha, daher die tollen Nägel. Sicher machte Marc sie ihm. Colin war, bis auf seine rötlichen Haare, eher unauffällig mit Jeans und dunkelgrünem Pullover, der seinen Augen schmeichelte, bekleidet. Er passte rein optisch nicht wirklich an den Tisch. Gina trug ein knallig buntes Shirt, das sie wohl selbst gestaltet hatte und zerrissene Jeans. An ihren Ohren baumelten riesige Peace-Zeichen.
   »Entschuldige, wenn ich dich frage, Colin, aber du bist nicht von hier, oder? Du hast etwas Keltisches.« Ich sah ihn neugierig an, als er neben mir Platz nahm. Marc saß uns gegenüber, neben Gina, und grinste mit vollem Mund.
   »Ich bin hier geboren, meine Eltern kommen aus Schottland.«
   Ein Schotte. »Bitte verrat mir deinen Nachnamen. Schotten haben immer so tolle Nachnamen wie MacGregor oder McDonalds.« Ich hatte eindeutig zu viele Schottenbücher gelesen.
   »Ich muss dich enttäuschen«, sagte Colin lachend und rührte in seinen Cornflakes. »Ich heiße einfach Brown.«
   Ich zeigte mit dem Messer, mit dem ich mir gerade Marmelade aufs Brot schmierte, auf ihn und Marc. »Ihr wart also mal ein Paar?«
   »Hm.« Colin brummte mit vollem Mund und sah mit einem liebevollen Blick zu Marc.
   Der grinste. »Ich wurde von einem scharfen Schotten entjun…«
   »Marc, sei nicht immer so ordinär.«
   »Das ist die Wahrheit«, sagte Gina schmunzelnd.
   »Ihr seid beide ordinär.«
   »Ich wollte doch erobert sagen.« Marc zwinkerte mir zu.
   Die zwei schienen sich gut zu verstehen. Colin wirkte männlicher. Ihm sah man seine Neigung, im Gegensatz zu Marc, überhaupt nicht an.
   »Ihr seid süß«, sagte ich. »Darf man fragen, woran es gescheitert ist?« Seit wann war ich so gesprächig? Und wieso war ich nervös? Ständig suchte ich den Raum ab. Diese Nervosität machte mich zu einer richtigen Plappertante.
   »Wir haben gemerkt«, sagte Marc in seiner typischen, femininen Art, »dass wir uns nicht wirklich liebten. Es war mehr … körperlich.«
   Ich nickte und sah zu Colin, der zustimmte.
   »Also sind wir gute Freunde geworden und gelegentlich …«
   »Marc!« Colin lächelte mich entschuldigend an, während Gina sich köstlich amüsierte.
   »Was?« Marc hob die Hände. »Wir sind doch keine Babys mehr. Menschen haben nun mal Bedürfnisse.«
   Ja, und meins war es, Raphael zu erblicken. Aber Maria und Michael waren noch allein.
   »Es gibt vielleicht Sachen, die sich Kiki nicht während des Essens vorstellen mag«, sagte Colin und lächelte seine Cornflakes an.
   »Oh, es gibt wirklich Schlimmeres, als sich zwei heiße Typen im Bett vorzustellen.« Ich schmunzelte.
   Marc und Colin brachen in Gelächter aus.
   »Amen, Schwester«, sagte Gina johlend und legte ein Bein auf den Tisch.
   Ich drehte mich Colin zu. »Ist es verrückt, dass du da in meiner Fantasie einen Schottenrock trägst?«
   Marc fiel fast vom Stuhl und Colin prustete Milch über den Tisch, während Gina sich verschluckt zu haben schien. Ich suchte erneut den Speisesaal ab. Herrje, das war nicht gesund. Wir gingen auf die gleiche Schule, früher oder später musste er mir über den Weg laufen. Wieso war ich jedes Mal enttäuscht, wenn ich ihn nicht sah?
   »Kiki?«, rief mich Colin aus meinen Gedanken.
   Ich sah ihn abwartend an.
   »Ich muss einfach mal loswerden, wie toll du aussiehst.«
   »Wie die Göttin der Dunkelheit«, sagte Gina.
   »Sie könnte gut zu Rene passen.« Marc sah mich prüfend an.
   Gina schien ein inneres Licht aufzugehen. »Du kannst nicht zufällig singen?«
   Ich zuckte mit den Schultern und schüttelte meinen Kopf. Außer unter der Dusche hatte ich es nie probiert.
   »Das wäre geil, du würdest zu uns passen. Du könntest, zumindest vom Aussehen her, die Songs von Nightwish, Within Temptation und Evanescence covern, die Rene gern machen würde. Meine Stimme ist nicht die richtige dafür.«
   »Klassischer Gesang ist eine Nummer für sich. Wen meinst du mit ‚zu uns‘?«
   »Die Schulband«, sagte Colin, der gerade den Mund frei hatte. »Wenn Gina nicht mit uns herumhängt, singt sie. Hauptsächlich Cover von Rocksongs.«
   »Ja, und wir suchen eine weitere Leadsängerin, die ein wenig opernmäßig abgeht.«
   »Ich fürchte, da kann ich nicht helfen.« Mein Herz machte einen kurzen Aussetzer, als jemand durch die Tür kam, doch es war nicht Raphael. Der Junge hatte zwar ebenfalls dunkle Haare, war jedoch viel schlaksiger. Er lud sich vier Brötchen und eine Handvoll von den Päckchen mit Haselnusscreme auf den Teller und verzog sich in eine Ecke des Saals.
   »Jungs, was sagt ihr? Nehmen wir sie in den Klub der Freaks auf?« Sie sahen mich an und ich errötete.
   »Aber hallo«, sagte Marc. Colin nickte freundlich lachend mit vollem Mund.
   Ich war sprachlos. Sollte ich tatsächlich einer Clique angehören? Um nicht loszuheulen, räusperte ich mich. »Danke.« Ich war froh, als Gina das Thema wechselte. Es ging darum, was mit dem Sonntag angestellt werden sollte. Ich konnte es kaum glauben. Ich hatte Freunde gefunden. Die Person, die das prophezeit hatte, betrat den Raum und ließ mich fast vor Freude vom Stuhl fallen.
   »Auftritt: Sahneschnitte.« Gina grinste mich an und deutete mit dem Kopf zu Raphael. Colin und Marc folgten ihrem Blick. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Zum Glück sah Raphael nicht zu uns, sondern kümmerte sich um sein Frühstück. Er nahm zwei Brötchen, eine Scheibe Käse und Marmelade. Das Gleiche wie ich. Danach schlenderte er zum Tisch seiner Geschwister, stellte den Teller ab und holte sich eine Tasse Kakao. Als er sich zu Maria und Michael setzte, rutschte er auf dem Stuhl auf die äußerste Kante und wirkte einen Moment unglücklich über seine Position. Armer Kerl, er hatte sich bestimmt irgendwie im Bett verlegen. Ich schüttelte den Kopf und mein Blick traf auf Marcs grinsendes Gesicht.
   »Der ist so unnahbar wie der Papst«, sagte er. »Aber gucken darf man ja.«
   Ich seufzte. Herrje, war es so offensichtlich?
   »Hol dir einen Kaffee«, sagte Gina und wackelte mit ihrer Oberweite. »Du solltest elegant am Engel-Tisch vorbeischlendern. Wozu hast du dich sonst schick gemacht?«
   »So laufe ich immer herum.«
   »Aber ich schätze, dass Raphael dich so noch nie gesehen hat.«
   Nein, hatte er nicht. In der Nacht auf dem Dach hatte ich Jeans und Jacke getragen, im Krankenhaus das Hemdchen und gestern Abend hatte ich unter der Decke gelegen. O Mann, er würde denken, ich hätte mich extra aufgedonnert. Sollte mir das nicht egal sein? In diesem Outfit war ich schon öfters zur Schule gegangen. Ach, was sollte es, ich wollte meine neuen Freunde nicht enttäuschen, also erhob ich mich und nahm meine Tasse.
   Gina hielt ihre Hand darüber. »Die Hände lässig an der Seite. Hol dir eine neue.«
   Jetzt durfte ich mich noch nicht mal an eine Tasse klammern. Ich atmete tief durch und ging Richtung Buffet, wo ich zwangsläufig am Tisch der Drillinge vorbeikam. Raphaels Blick streifte mich kurz. Sein Gesicht bekam einen verwirrten Ausdruck und er nahm mich erneut ins Visier.
   »Guten Morgen.« Ich lächelte freundlich im Vorbeigehen und genoss den erstaunten Ausdruck in seinem Gesicht. Ein Stuhl scharrte über den altehrwürdigen Holzboden des Speisesaals, dann waren Schritte hinter mir.
   »Kiki?«
   Seine warme Stimme ließ mir einen Schauder über den Rücken laufen. Er war mir nachgelaufen! Mein Herz pochte, als ich mich zu ihm umdrehte. Zittrig versteckte ich meine Hände in meinem Rock. »Ja?« Ich war unheimlich stolz auf mich, das ohne ein Krächzen herausgebracht zu haben, denn in mir kribbelte es wie verrückt. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Nie im Leben würde ich eine Tasse mit Inhalt heil zu meinem Tisch zurücktragen können. Ich sollte mir lieber einen Apfel nehmen.
   »Wow, ich hätte dich fast nicht erkannt. Wie geht es dir?«
   Er roch unheimlich gut. Frisch und belebend, sodass sich mir die Härchen auf den Armen aufstellten. Zum Glück trug ich Armstulpen.
   »Gut, danke.« Ich sah zu Gina, die obszöne Gesten machte, die ich nicht näher beschreiben möchte. Maria sah abwartend zu uns herüber, während Michael mich musterte.
   »Ich habe mir gestern Abend Sorgen gemacht.« In seiner Stimme lag viel Mitgefühl.
   »Tut mir leid, in der Dunkelheit wirkt alles oft viel schlimmer und ich vermisse Oma sehr.« Ich deutete auf den Tisch mit meinen neuen Freunden. »Wie du siehst, hast du recht behalten.«
   Er sah kurz zu unserem Tisch, dann seufzte er. »Das ist gut. Wirklich.« Sein Blick hing für den Bruchteil einer Sekunde in meinem Ausschnitt fest. Er schüttelte sich leicht. »Darf ich dir meinen Bruder vorstellen?«
   »Klar.«
   Raphael nahm mich vorsichtig am Arm und führte mich zu Michael und Maria. Der blonde Junge erhob sich und lähmte mich einen Augenblick mit seinen Augen, die diese Familie so auszeichneten.
   »Kiki, das ist Michael.«
   »Hi.«
   Maria beäugte äußerst kritisch ihren Bruder Raphael und langsam wurde mir klar, was Gina gemeint hatte.
   »Interessantes Outfit«, stellte Michael vollkommen wertungsfrei fest.
   Ich sah an mir herunter, während er sich setzte. »Ja.« Ich versuchte mich an einem Lächeln. »So sehe ich aus, wenn ich nicht gerade im Krankenhaus liege oder nachts Dummheiten anstelle.«
   Die Geschwister lachten. Selbst Michael lächelte, obwohl er laut Gina todernst sein sollte.
   »Die Wunde sieht gut aus.« Maria stand auf, um sie sich genauer anzusehen. Wir waren etwa gleich groß, auch wenn ich Absätze anhatte und sie nicht. Maria trug ein weißes Shirt und wie ihre Brüder weiße Sneaker und Jeans. Michael hatte ein hellblaues T-Shirt an, offensichtlich war der Herbst bei ihm noch nicht angekommen. Raphael hatte ebenfalls ein T-Shirt an, das den Spruch God is great trug, darüber einen schwarzen Cardigan. Gina hatte recht. Er war ein Nerd. Ein hübscher Nerd mit unglaublichen Augen. Maria war mit ihrer kleinen Untersuchung fertig und setzte sich wieder. Niemand von uns hatte den brünetten Jungen in Jeans und Karohemd kommen sehen. Erst, als er Raphael einen kameradschaftlichen Klaps auf den Rücken gab, bemerkte ich ihn. Raphael stieß Luft aus und wirkte einen Moment, als würde er umfallen. Maria wollte nach ihm greifen, doch Raphael hielt sie mit einer abwehrenden Geste davon ab.
   »Hey Raffi.« Der Typ marschierte zum Frühstücksbuffet.
   »Hi«, presste Raphael hervor. »Autsch.« Er war wirklich eine kleine Memme.
   Ich lächelte. »Blöd im Bett gelegen?«
   Er nickte, was ihm Schmerzen zu bereiten schien. »Ich habe was im Zimmer vergessen.« Eilig verließ er den Speisesaal.
   Maria und Michael erhoben sich ebenfalls, als ich eine weiße Feder auf dem Boden entdeckte. Kleiner als die andere, golden funkelnd am Rand. Ich hob sie auf und starrte sie erstaunt an.
   »Woher kommen diese Federn?« Marias Blick wirkte nervös und gehetzt. Sie sah sich unsicher um. »Na ja, egal. Michael und ich fahren jetzt in die Stadt. Bis später, Kiki.« Schnell verließen sie den Speisesaal.
   Ich stand dort und starrte abwechselnd auf die Feder und auf Raphaels Teller. Er hatte kaum etwas angerührt. Hatte er nicht gesagt, dass er etwas holen ging? Ich setzte mich auf Michaels Platz und wartete. Nach einer Weile kamen Gina, Colin und Marc zu mir, um sich zu verabschieden. Nachmittags wollten wir gemeinsam etwas unternehmen. Gina und ihre Band probten vormittags und ich wollte mich ein wenig ausruhen. Als Raphael eine halbe Stunde später noch nicht zurückkehrte, entschied ich, dass es an der Zeit war, ihm zu helfen. Ich schmierte ihm das Marmeladenbrötchen und packte es zusammen mit dem angebissenen Käsebrot in Servietten. Irgendwie würde ich herausbekommen, wo sein Zimmer war. Der Junge, der Raphael auf den Rücken geschlagen hatte, schlenderte an mir vorbei.
   »Hey.«
   Er drehte sich um und sah mich mit schläfrigen Augen an.
   »Weißt du, wo Raphaels Zimmer ist? Ich möchte ihm was bringen.«
   Der Typ grinste. »Gib her, ich nehme es mit.«
   Ich konnte nichts sagen, da hatte er mir schon alles abgenommen und schlenderte davon. Tja, dann hatte ich jetzt wohl frei.
   Im Zimmer saß Alina im Schlafanzug an ihrem Laptop und beäugte kritisch mein Outfit. Zu meinem eigenen Erstaunen war es mir egal. In diesem Zimmer war eindeutig sie der Paradiesvogel. Ich warf mich auf mein Bett und nahm mein Handy. Meine Mutter hatte mir eine SMS geschickt und fragte, ob ich aus dem Krankenhaus entlassen worden wäre. Ich schrieb ihr ein kurzes »Ja« zurück. Mehr interessierte sie sowieso nicht. Es wunderte mich nicht, dass nie eine Rückfrage über meinen aktuellen Gesundheitszustand kam. Ich öffnete seufzend meine Haare, sonst wäre es im Bett unbequem geworden.
   »Stört es dich, wenn ich Musik anmache?«
   Erstaunt über Alinas freundlichen Tonfall schüttelte ich den Kopf.
   »Okay, danke.« Sie tippte mehrmals auf der Tastatur ihres Laptops und eine leise Melodie erklang. Ein Mann und eine Frau sangen, es klang für mich fast wie ein Gedicht. Ich schloss die Augen und genoss die sanften Worte.
   »Das ist eigentlich aus einer Bierwerbung, aber ich finde es schön.«
   »Das ist es. So beruhigend. Von wem ist das?«
   »Boris P. von B-Ebene und KAT nennen sich die Interpreten.«
   »Noch nie gehört.«
   Alina lachte. Offensichtlich wollte sie Frieden schließen. Ich schloss meine Augen und versuchte, nicht an Oma zu denken. Es gelang mir nicht, also suchte ich mir etwas, was nichts mit ihr zu tun hatte. Es musste stark genug sein, um meine Gedanken von ihr wegzuzerren.
   Raphael.

*

Ich war gerade damit fertig geworden die beiden Federn mithilfe von Garn und selbst geknüpften Bändern an einem Gürtel zu befestigen, als Gina hereinkam. Sie sang vor sich hin und es klang wirklich gut. Ganz anders als die Interpretation der Kelly Family am Abend zuvor.
   »Was machst du da?«
   Ich zeigte ihr mein Ergebnis, indem ich mir den Gürtel umschnallte. Die Federn hingen an meiner linken Seite den Rock hinunter.
   »Hat was.«
   »Wie war die Probe?«
   Gina antwortete nicht, sondern musterte mich. »Die offenen Haare stehen dir viel besser.« Dann erinnerte sie sich anscheinend an meine Frage. »Rene ist mir auf den Zeiger gegangen, da habe ich ihm gesagt, er solle selbst singen und da meinte er …« Sie ließ sich eine geschlagene halbe Stunde über diesen Rene, einen Jack und einen Miro aus. Ich versuchte krampfhaft, ihr zu folgen, verlor jedoch irgendwann den Faden. Unterm Strich blieb, dass der Bandleader eine weitere Musikrichtung mit ins Repertoire aufnehmen wollte, die Gina nicht so singen konnte, wie er das wollte. Es klopfte an der Tür und kurze Zeit später steckte Colin seinen rotbraunen Schopf herein. »Fertig, Mädels?«
   »Ich muss nur noch meine Haare … Nein, ich lasse sie so.« Offen reichten sie mir bis zum Po. Sie waren so dick und dicht, dass ich locker auf eine Jacke verzichten konnte, dennoch schnappte ich mir einen schwarzen Strickbolero. »Was machen wir jetzt?« Ich war so dankbar für jede Art von Ablenkung, dass es mir fast egal war.
   »Da es recht mild werden soll, wollen wir uns an den See setzen«, sagte Colin. »Wir dachten uns, wir lassen es ruhig angehen, wegen deines Kopfes.«
   Ich lächelte ihn dankbar an.
   Der Haupteingang des Internats lag hinter einem Vorplatz aus Kies und war über eine breite Treppe zu erreichen. Wir gingen hinaus und blieben einen Moment auf der obersten Stufe stehen. Es war sonnig und mild, sodass man keine Jacke brauchte. Ein Windstoß wehte mir durch die Haare und nahm mir damit die Sicht. Warum hatte ich sie mir nicht wenigstens zusammengebunden? Ich kämpfte damit, mir die dicken Strähnen hinter die Ohren zu stecken, als ich Raphael auf der untersten Stufe erblickte. Er saß dort umringt von zwei Mädchen und las in einem Buch. Wenn ich mich nicht irrte, war es ein Schulbuch.
   Gina bemerkte, dass ich Raphael musterte. »Ich sag ja, ein kleiner Streber.«
   Ich belächelte ihren Kommentar, da ich gerade Ähnliches gedacht hatte.
   »Da ist Marc«, rief Colin laut und zog damit die Aufmerksamkeit auf unsere kleine Gruppe. Raphaels Blick lag auf mir, doch ich sah tapfer an ihm vorbei zu Marc, als ich die Treppen hinunterging, den Rock mit beiden Händen gerafft. Etwa auf halbem Weg reichte mir Colin den Arm und ich hakte mich dankbar ein. Gina warf einen Arm um Marc und ging mit ihm voraus. Ich konnte nicht anders und musste mich umdrehen. Raphael starrte erschrocken auf die Federn.

Kapitel 3
Winter

Ich saß im Gras am Ufer des Sees und ließ mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Raphael lag neben mir, seinen Kopf in meinem Schoß. Ich strich ihm die schwarzen Strähnen aus der Stirn und zeichnete mit meinem Daumen seine perfekt geschwungenen Augenbrauen nach. Er hatte die Augen geschlossen und genoss genau wie ich die warmen Sonnenstrahlen.
   »Du hast schon wieder eine Feder verloren.«
   Er brummte verträumt und öffnete diese wunderschönen türkisfarbenen Augen. Ein goldener Schleier zog wie eine Wolke hindurch. »Es ist gefährlich, sie zu tragen.«
   Ich lächelte, da ich seine Warnung nicht ernst nehmen konnte, strich ihm erneut über den Kopf und beugte mich zu ihm hinunter. Sein Atem streichelte meine Lippen und …
   »Guten Morgen«, sang Gina aus voller Kehle und riss das Rollo hoch.
   »Maaann.« Alina knurrte beinahe.
   Ich musste ihr recht geben. Mann! Die Augen reibend setzte ich mich auf. Was für ein Traum! Da hatte ich den gestrigen Nachmittag mit Raphael vermischt. Natürlich hatte ich niemanden am See geküsst, aber Colin hatte ein paar Minuten mit seinem Kopf in meinem Schoß gelegen. Ich fuhr mir durch die Haare und gähnte.
   »Du hast in den ersten zwei Stunden mit mir Sport, oder?«, fragte Gina und beugte sich zu mir herunter. »Bist du sicher, dass du mitmachen kannst?«
   Ich nickte und stellte die Beine auf den Boden. »Ich hasse es, auf der Bank zu sitzen.«
   Im Flur ging es zu wie auf einem Bahnhof und spätestens im Waschraum wurde mir klar, warum Gina früher aufstand. Es gab ein regelrechtes Gedränge um die Waschbecken und Spiegel. An den Toiletten bildeten sich bereits kleine Schlangen und im ganzen Raum roch es nach hundert verschiedenen Deos und Parfüms. Leider gab es ein paar Kandidaten, die Vanille für einen tragbaren Duft hielten. Widerlich. Wenn ich wie ein Plätzchen duften will, backe ich welche.
   Irgendwie schaffte ich es dennoch, auf Toilette zu gehen, mich zu waschen und zurechtzumachen. Froh, dass ich am Abend duschen gewesen war, stand für mich fest, dass ich morgen mit Gina früher aufstehen würde. Da ich in den ersten Stunden Sport hatte, zog ich eine schwarze Radlerhose, darüber ein weißes Sporthöschen, Tennissocken, Turnschuhe und ein schwarzes Spaghettiträgertop mit eingebautem Sport-BH an. Meine Haare band ich zu einem Pferdeschwanz zusammen. Auf Make-up verzichtete ich zum größten Teil (wasserfester Mascara und Eyeliner gehen immer) und steckte mir kleine Perlenohrringe ins Ohr. Vor der großen Pause würde ich mich umziehen und duschen gehen. Vorausgesetzt, man ließ mich Sport machen.
   Zurück im Zimmer sah Alina aus, als wäre sie fertig mit den Nerven. Sie kämpfte mit ihren Haaren und seufzte verzweifelt.
   »Soll ich dir helfen?«, bot ich meine Hilfe an.
   Sie wirkte skeptisch, zuckte schließlich jedoch mit den Schultern. »Schlimmer kann es kaum werden«, jammerte sie und gab mir die Bürste.
   Alina hatte braune und leicht wellige Haare bis über die Schultern. Ich sah zu Gina, die ihre Dreadlocks zusammengebunden hatte und an ihren Socken roch, bevor sie sie zusammen mit ihren Füßen in ein paar ausgelatschte Turnschuhe steckte. Iiieh. Ich fragte nicht, warum sie sich keine neuen Schuhe holte. Am Geld konnte es kaum liegen, da Ginas Eltern die Inhaber einer großen Firma für Sportfahrräder waren. Sie verkauften weltweit, waren werbetechnisch bei der Tour de France vertreten.
   »Wie hättest du es gern?«, fragte ich an Alina gerichtet.
   »Ich möchte sie aus dem Gesicht haben, aber jedes Mal Pferdeschwanz ist langweilig.«
   »Soll ich dir einen fransigen Dutt machen? Der wirkt nicht so streng wie ein glatter.«
   Alina sah mich mit leuchtenden Augen an. »Au ja.«
   Ich kam ihrem Wunsch nach. Für mich war das kein Problem. Oma hatte lange Haare gehabt und ich hatte ihr immer mit großer Freude die verschiedensten Frisuren gemacht. Es dauerte keine fünf Minuten und am oberen Teil von Alinas Hinterkopf thronte ein schöner, fransiger Dutt.
   Sie bestaunte ihn mithilfe von zwei Spiegeln und sah mich glücklich an. »Danke, Kiki. Der ist toll.«
   Ich lächelte und stopfte mein Handy und den Zimmerschlüssel in die kleinen Taschen meiner Sporthose.
   »Desayunar, chicas.« Gina stand wartend an der Tür.
   Ich sah sie fragend an.
   »Ich glaube, das ist spanisch für: Frühstücken, Mädels.«
   »Du glaubst?« Ich zog meine Augenbrauen hoch.
   Sie kam auf mich zu und legte einen Arm um mich. »Isch ’abe Fransösisch gewählt, Madame.«
   Ich grinste sie an.
   »Ich hatte mal was mit einem Spanier.« Sie stampfte einmal mit jedem Fuß auf, hob schnipsend einen Arm in die Luft und winkelte den anderen wie beim Tanz vor der Brust an. »Miguel Carlos de Irgendwas.«
   »Wie gut, dass du noch seinen Namen weißt.« Ich lachte.
   »So wie der aussah, hätte er auch Olé heißen können.«
   Ich schüttelte grinsend den Kopf, nahm eine schwarze Strickjacke und ließ mich von Gina aus dem Zimmer ziehen.
   »Deinetwegen sind wir jetzt verdammt spät dran.«
   Ich versprach, morgen mit ihr früher aufzustehen.
   Die Drillinge räumten gerade ihre Tabletts ab. Zu meinem Erstaunen war Raphael ebenfalls in Sportklamotten. Er schob sein Tablett in den Servierwagen, als ich ihn durch ein kurzes Berühren seiner Schulter auf mich aufmerksam machte. Seine schönen Augen wurden weicher, als er erkannte, wer ihn angestupst hatte.
   »Guten Morgen.« Ich lächelte über einen Fleck Marmelade auf seinem T-Shirt (»Elfen haben doofe Ohren« war heute Motto des Tages). Da er mich von oben bis unten musterte, tat ich das Gleiche bei ihm. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber es ist so: Männer können verdammt sexy Beine haben. Kein Gramm Fett und durchtrainiert, nicht wie ein Holzfäller, sondern wie ein Läufer.
   Raphael schmunzelte. »Guten Morgen.«
   »Ich habe diese Nacht von dir geträumt.«
   Verwirrt sah Raphael mich an. Ich hatte nicht bedacht, dass er das auf verschiedene Arten verstehen könnte.
   Gina platzte dazwischen. »Ihr Jungs dürft beim Heimann bestimmt wieder Fußball spielen, während wir bei der Schneider Gymnastik oder so einen Quatsch machen müssen. Ich sehe sie schon vor mir: ‚Spreizt eure Beine, Mädchen‘. Dabei gibt es andere, interessantere Wege, um das zu tun.« Sie sah von Raphael zu mir und wieder zu ihm zurück. »Nicht wahr, Raffi?«
   »Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, nuschelte dieser und stahl sich einfach davon.
   »Feiges Huhn. Ach ne, feiger Hahn.« Gina sah mich fragend an. »Kann man das sagen?«
   Lachend zog ich sie zum Buffet. Sie war noch damit beschäftigt ein total männliches Tier zu finden, das sie anstatt des Huhns benutzen könnte, als wir uns zu Colin und Marc setzten. Die beiden waren mit ihrem Frühstück fertig, blieben aber bei uns sitzen. Ich hatte mir nur ein Brötchen mit einer Scheibe Kochschinken genommen, da ich hoffentlich Sport machen durfte. Nach einer Tasse Kaffee war ich halbwegs brauchbar und biss mir innerlich auf die Zunge. Warum hatte ich Raphael verraten, dass ich von ihm geträumt hatte? Ich blöde Kuh. Was musste er jetzt von mir denken? Es war doch nur ein harmloser Traum gewesen und ich glaubte nicht an Träume.

*

Ein männlicher Lehrer stieß mit den Jungs in der Turnhalle zu uns. Raphael unterhielt sich mit einem Kerl, der ein Trikot der Manchester United trug.
   »Frau Schneider ist krank, von daher gehören Sie heute mir, meine Damen.«
   Super, ein Vertretungslehrer, der sicher keine Ahnung von meinem Gesundheitszustand hatte.
   »Davon träumt der wohl«, flüsterte mir Gina zu. »Da hätte man uns auch freigeben können.«
   »Meckern Sie weniger, sondern machen Sie sich warm!«
   »Ich bin nicht nur warm, ich bin heiß wie ein Vulkan«, antwortete Gina.
   Ich lachte, während die Jungs grölten. In diesem Moment entdeckte mich Raphael. Ich winkte ihm zu und er lächelte.
   Der Lehrer seufzte genervt. »Ruhe, meine Herren! Das sind nur Frauen, also behalten Sie Ihren Speichel bitte bei sich.« Er fluchte leise.
   Anscheinend hielt er getrennten Sportunterricht für sinnvoll. Heimann wies uns an, Stretchübungen zu machen. Ich hatte riesigen Spaß, Gina dabei zu beobachten, wie sie absichtlich den Po in Richtung der Jungs streckte. Denen, die fast mit ausgestreckter Zunge hechelten, warf sie einen Kussmund zu. Langsam fragte ich mich, ob sie echt so leicht zu haben war. Doch das sollte nicht mein Problem sein.
   »Damit Sie richtig warm werden, eine Runde Völkerball. Die Damen gegen die Herren.«
   Ich war eine gute Sportlerin, hasste allerdings Völkerball. Dieses hirnlose Abschießen fand bei mir keinerlei Anklang. Der Lehrer wusste offensichtlich nichts von meinem Krankenhausaufenthalt und ließ mich mitmachen. Lieber Völkerball als am Rand sitzen.
   »Raphael, Sie machen den Hintermann und Katharina bitte die Hinterfrau.« Hinterfrau. Da wollte jemand politisch korrekt sein.
   Gina war eine der Ersten, die rausflog. Ich war mir sicher, dass sie sich mit voller Absicht hatte treffen lassen. Mit dem Gedanken spielte ich ebenfalls, jedoch war mein Ehrgeiz zu groß. So kam es, dass ich schließlich als Letzte im Feld der Mädchen stand. Um mich herum lauter Jungs. Raphael betrat als Hintermann, den Ball in der Hand, das gegnerische Feld. Er hatte drei Leben, ich ein einziges. Ich machte mich bereit, als seine strahlenden Augen mich ins Visier nahmen. Der Ball kam in einem langsamen Tempo auf mich zu. Vermutlich wollte er mich schonen, trotzdem verfehlte er meinen Bauch nur um wenige Zentimeter. Der Junge, der den Ball fing, feuerte ihn recht tief zurück, sodass ich mit einem Spagatsprung entkam. Ich schaffte es nicht, mir den Ball zu schnappen, und er rollte zurück auf Raphaels Seite. Mein Herz pochte vor Anstrengung bis zum Hals und meine Haut war mit einem Schweißfilm überzogen. Ich legte mir eine Hand auf die Brust, als ich mich bereit machte dem nächsten Angriff auszuweichen. Er verfehlte mich wieder. Der Junge, der es anschließend vom Rand aus versuchte, warf den Ball so sanft, dass ich ihn aus der Luft fangen konnte. Offensichtlich waren die Herren Gentlemen. Ich ging bis zur Linie. Raphael wich zurück, um mehr Zeit zum Reagieren zu bekommen. Genau das war meine Intention gewesen. Ich zwinkerte Gina zu, die hinter ihm stand, und warf ihr den Ball mit all meiner Kraft zu. Irritiert von meinem Wurf sah Raphael dem Ball nach und wurde von Gina getroffen. Jubelnd lief diese zu mir ins Feld. Raphael lachte mich anerkennend an. Leider holte er Gina so schnell wieder aus dem Spiel, wie sie hereingekommen war. Eine ganze Weile duellierten wir uns. Mir lief bereits der Schweiß in Strömen, denn die Jungs hatten keine Gnade mehr mit mir. Zu meinem Erstaunen bekam ich keine Kopfschmerzen. Schließlich schaffte es Raphael, mich zu treffen und Katharina betrat das Schlachtfeld. Sie hielt ihm nicht lange stand. Die Jungs gewannen, obwohl sie die Ersten gewesen waren, die den Hintermann ins Spiel hatten schicken müssen.
   »Wahnsinnig gute Reflexe«, sagte einer der Jungs zu mir.
   Ich lächelte ihn an, unfähig zu sprechen, weil ich völlig außer Atem war. Raphael wurde von ein paar Jungs gefeiert. Da ich eine gute Verliererin sein wollte, ging ich zu ihm. Eigentlich wollte ich ihm lobend auf die Schulter klopfen, doch da jemand an seinem Arm zog, verfehlte ich sie. Meine Hand traf mitten auf seine Brust. Sein Herz pochte, das T-Shirt klebte verschwitzt an seiner Haut. In meinem Bauch fing es an, wild zu kribbeln … und tiefer. Raphael sah mich freundlich abwartend an. Ich bemerkte, dass es an der Zeit war, die Hand herunterzunehmen.
   »Gutes Spiel«, sagte ich schließlich.
   »Danke. Du bist wirklich verflixt schnell.«
   Bevor ich antworten konnte, nahm ihn jemand anderes in Anspruch. Ein wenig enttäuscht drehte ich ihm den Rücken zu und tat so, als würde ich mir durch das Gesicht wischen. In Wirklichkeit wollte ich … peinlich, aber wahr … ich wollte Raphaels Schweiß auf der Hand riechen. Wald. Er roch wie der Wald nach einem erfrischenden Regenschauer. Mann, der Kerl hatte ein gutes Deo. Gina sprang wie die meisten Mädchen in der Umkleide unter die Dusche. Da ich keine Sachen dabeihatte, machte ich mich auf den Weg zum Zimmer. Es war noch eine viertel Stunde bis zur großen Pause.

*

»Kiki?«
   Ich erstarrte, als ich seine Stimme hinter mir hörte. Ich war auf dem Weg zu den Duschen mit den frischen Sachen in der Hand. Langsam drehte ich mich um. Raphael trug ebenfalls noch Sportkleidung.
   »Hast du einen Moment?«
   »Klar.« Im Flur war weit und breit niemand zu sehen.
   »Du hast da heute Morgen was gesagt.« Es schien ihm ein wenig peinlich zu sein. »Du hast von mir geträumt?«
   Ich schlug mir gedanklich die Hand vor die Stirn. Tapfer lächelte ich ihn an. »Ja, aber nichts Interessantes, falls du das meinst.« Ich konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten. Erleichterung, Enttäuschung oder von beidem etwas?
   »Nein … nein.« Er schien verwirrt zu sein. Seufzend sah er mich mit seinen unglaublich schönen, großen Augen an. Meine Knie wurden weich. »Wie geht es dir?«
   »Gut.« Ich zuckte mit den Schultern. »Unverändert. Immer mal Panikattacken, aber solange ich abgelenkt bin, ist alles gut. Und wie geht es dir?«
   Er wirkte perplex. Völlig erstaunt. »Mir?«
   »Ja, dir.«
   Er sah mich fragend an, seine Augenbrauen zogen sich zusammen.
   »Du hattest Rückenschmerzen.«
   Er lächelte verlegen, anscheinend ging ihm ein Licht auf. »Tut noch weh. Entschuldige, ich bin es nicht gewöhnt, gefragt zu werden, wie es mir geht.«
   Ich runzelte die Stirn und sah ihn ungläubig an. Raphael wirkte plötzlich, als bereute er, das gesagt zu haben.
   »Wenn man sich viel um andere kümmert, Geschwister und so, vergisst man manchmal sich selbst.« Er lächelte leicht. »Ich lasse dich mal duschen.« Er sah an sich herunter. »Ich sollte ebenfalls gehen.«
   »Wir sehen uns?«
   Er nickte. »Wir sind nur Freunde, richtig?«
   Ich war geschockt von dem Ernst und der Härte in seiner Stimme, dass ich nur stumm nicken konnte.
   »Gut«, sagte er schließlich und lächelte.
   Ich wusste nicht warum, aber ich heulte mir unter der Dusche die Augen aus, und mein Kopf begann höllisch zu schmerzen.

*

Die folgenden acht Wochen sprach ich nicht mehr als einen freundlichen Gruß hier und da mit Raphael. Ich ging ihm möglichst aus dem Weg, obwohl in mir alles zu kribbeln begann, wenn ich seinen schwarzen Haarschopf nur von Weitem sah. Es war ein knackig kalter Winter mit viel Schnee geworden. Das halbe Internat rannte mit verschnupften Nasen herum und die Winterferien standen bevor. Als Gina gehört hatte, dass ich nicht nach Hause fahren würde, hatte sie sich entschieden, bei mir zu bleiben und mit mir Weihnachten im Internat zu feiern. Meine Eltern hatten kein Problem damit, dass ich die Ferien hier verbringen wollte, und würden dafür blechen. Alles andere hätte mich gewundert.
   Warm eingepackt in einen langen schwarzen Mantel und in dicken Stiefeln ging ich durch den Park, um irgendwo ein ruhiges Plätzchen zu finden. Trotz der schwarzen Lederhandschuhe fühlten sich meine Hände eiskalt an. Genau wie die Ohren unter der Wollmütze. Im Zimmer war Gina damit beschäftigt, mit Miro einige Songs durchzugehen, und Alina gackerte mit einer Freundin herum. Mir war das alles zu viel geworden. Ich musste dringend für mich sein. Gedanken ordnen und nachspüren, wie heftig die Panik tief in mir drin war, die ich immer herunterschluckte. Draußen war keine Menschenseele, jedenfalls nicht in diesem Teil des Parks. Der Saum meines Mantels war bereits feucht vom Schnee, als ich einen großen Stein fand. Ich befreite ihn von seiner weißen Pracht und setzte mich. Meine Umgebung war still und friedlich. Kleine Schneeflocken fielen vom Himmel und die Bäume harrten reglos, erstarrt vor Kälte, den Dingen, die kamen. Ich versuchte den Knoten, der tief in mir drin steckte, zu orten und vorsichtig zu berühren. Es tat so weh. Wie konnte diese Trauer so stark bleiben? Sollte ich sie zulassen oder mich zusammenreißen und wieder hineingehen? Ein schmerzerfüllter Schrei riss mich aus meinen Gedanken. Hastig sah ich mich um, doch außer meinem Atem in dieser Kälte sah ich kein anderes Anzeichen für Leben. Ein Keuchen. Hinter einer Ecke des Gebäudes. Ich sprang auf und stapfte durch den tiefen Schnee zu der Geräuschquelle. Als ich um die Ecke sah, konnte ich meinen Augen kaum trauen. »Raphael.« Ich lief zu ihm.
   Er saß, ohne Jacke, mit dem Rücken gegen das Gemäuer gelehnt und sah aus, als hätte er furchtbare Schmerzen. »Kiki.« Als er mich entdeckte, erhob er sich, als wäre nichts gewesen.
   »Was ist passiert?« Ich wollte ihn am Arm berühren, doch er wich zurück. »Bist du irre, hier ohne Jacke herumzurennen?«
   Raphael wirkte wütend. Seine türkisfarbenen Augen blitzten mich böse an. Es tat weh, als hätte er mir ein Messer in den Bauch gerammt. »Was willst du eigentlich hier draußen? Verfolgst du mich?«
   Jetzt hatte er die Klinge am Schaft gepackt und gedreht. Ich war sprachlos. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, ging er an mir vorbei, die Augen wütend auf mich gerichtet. Ich schluckte. Nachdem er weg war, erlaubte ich einer Träne ihren Weg nach draußen zu finden. Dann lenkte etwas am Boden meine Aufmerksamkeit auf sich. Blut. Und zwei weiße Federn mit goldenem Rand.

*

Ich saß am frühen Morgen auf meinem Bett und drehte eine der Federn in der Hand. Alina war, wie Colin und Marc, nach Hause gefahren. Gina hatte sich am Abend über Halsschmerzen beklagt, deshalb ließ ich sie schlafen. Diese Federn tauchten immer im Zusammenhang mit Raphael auf. Ob er sie heimlich sammelte und bemalte? Ein bescheuertes Hobby, jedoch die einzige Erklärung. Fragen konnte ich ihn kaum, denn ich hatte mich entschieden, ihn zu ignorieren. Das konnte nicht schwer werden, die Engels waren mit Sicherheit nach Hause gefahren. Außer Gina und mir gab es fünf weitere Schüler, die hiergeblieben waren. Die Namen kannte ich nicht, aber es hing ein Essensplan für uns in der Eingangshalle aus, daher kannte ich die Anzahl. Während der Feiertage waren wir weniger. Zwei Schüler fuhren offensichtlich für Weihnachten nach Hause und kamen dann zurück. Gina und ich wollten Marc einen kurzen Besuch abstatten, denn er wohnte nur eine halbe Stunde Busfahrt entfernt. Mein Magen grummelte und ich kletterte aus dem Bett, um nach Gina zu sehen. Sie schlief tief und fest. Ich beschloss, ihr Frühstück mitzubringen. Ein Buffet würde es für sieben Personen wahrscheinlich nicht geben, eher eine Essensausgabe. Vielleicht mit einem großen Tisch, damit wir das Geschirr nicht im Gebäude verteilten. Ich entschied mich, es herauszufinden und zog mir einen warmen Pulli über. Schlafanzughose und Hausschuhe mussten reichen. Immerhin standen die Chancen, dass einer der anderen so früh dort auflief, schlecht. Gina hatte aus mir eine Frühaufsteherin gemacht. Furchtbar. Punkt sechs öffnete ich die Augen. Ich schlich mich aus dem Zimmer und tapste über den gähnend leeren Flur. Irgendwie war es hier unheimlich, seitdem nur Gina und ich in diesem Stockwerk des Mädchentrakts waren. Wenn man laut sprach, gab es ein Echo. Eine unheimlich gute Akustik. Besonders im großen Flur, wo die breite Treppe nach unten in die Eingangshalle führte.
   »Echo.« Meine Stimme hallte zu mir zurück. Ich lachte und fühlte mich wie ein Kind, das man allein im Süßigkeitenladen gelassen hatte. Ich sang einige Zeilen aus einem Song über einen gefallenen Engel von Within Temptation, während ich die Treppe nach unten nahm. Als ich um die letzte Ecke ging, saß Michael auf der untersten Stufe. Er sah mich mit einem fast panischen Ausdruck im Gesicht an.
   »Hey«, grüßte ich und beachtete ihn nicht weiter. Er konnte zwar nichts für seinen bescheuerten Bruder, aber ich hatte nicht vor, mich mit ihm zu unterhalten. Seine Augen musterten jede meiner Bewegungen, doch ich ignorierte ihn. Stattdessen sang ich weiter und ging an ihm vorbei. Es war mir egal, ob meine Stimme seine Ohren bluten ließ. Singend betrat ich die Küche und entdeckte Maria und Raphael. Na toll. Die Engels waren hiergeblieben. Super. So ein …
   Die beiden saßen an einem Tisch und frühstückten. Ich begrüßte sie nicht, obwohl Maria mich freundlich anlächelte. Solange Raphael in ihrer Nähe war, würde ich einen Teufel tun und mich mit ihr unterhalten. Ein Schild wies mich darauf hin, dass ich kein Essen mit auf das Zimmer nehmen sollte. Ich lächelte müde und begann, Frühstück für mich und Gina in Servietten zu packen. Ihr Geschirr konnte die Küche gern behalten.
   »Nicht zu Hause?«, erklang Marias nette Stimme hinter mir.
   »Nein«, sagte ich kurz angebunden. Ich konnte schlecht schweigen, das wäre kindisch gewesen.
   »Ist Gina auch hier?« Raphaels sanfte Stimme mit reuigem Unterton traf mich wie ein Brett vor den Kopf. Scheiße, was tun? Antworten oder ihn eiskalt anschweigen? Ich entschied mich für eine verbale Ohrfeige.
   »Nein, ich bin schwanger«, sagte ich mit ernster Stimme, ohne mich umzudrehen. »Deswegen esse ich so viel.«
   Maria räusperte sich. Als ich mit Brötchen schmieren fertig war, drehte ich mich um und sah für den Bruchteil einer Sekunde in Raphaels Gesicht. Er war weiß wie die Wand und die Augen wirkten seltsam glasig. Pfeifend verließ ich die Küche und traf erneut auf Michael, der ziemlich fertig wirkte.
   »Was ist los?« Es platzte aus mir heraus, bevor ich mich daran erinnern konnte, dass er zum Feind gehörte. Er hatte verquollenen Augen und eine verschnupfte Nase.
   »Ich halte es nicht in der Nähe von Essen aus.« Seine Stimme klang müde.
   »Mach dir einen Tee.« Ich marschierte an ihm vorbei. Ein paar Stufen weiter begann ich zu singen.
   »Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten«, schrie Raphael hinter mir.
   Ich verharrte einen Augenblick. War das an mich gerichtet? Wut kochte in mir auf und ich drehte mich um. Na, der konnte was erleben. »Darf ich jetzt nicht mal deine Geschwister ansprechen?«
   Als er vor mir zum Stehen kam, sah er furchtbar blass aus und wirkte total neben sich. »Was?«
   »Ich soll mich doch um meine eigenen Angelegenheiten kümmern, oder?«
   Sein Gesicht bekam einen kraftlosen, müden Ausdruck und er seufzte. »Das hat Maria gegolten.« Das Türkis in seinen Augen wirkte matt und ausgeblichen. »Kiki, bitte … ich muss es wissen … von wem ist das Baby?«
   Oh. Mein. Gott. Hatte er das ernst genommen? »Mein Leben geht dich nichts an. Halte dich raus und hör auf, mich zu verfolgen.« Ich muss gestehen, ich genoss den Schmerz in seinen Augen.
   »Kiki, bitte sag es mir.«
   »Das hat dich nicht zu interessieren.« Damit ließ ich ihn stehen. Ich fühlte mich eigenartig. Das Gespräch hatte mich mehr mitgenommen, als ich zugeben wollte.
   »Raphael denkt, ich sei schwanger«, sagte ich zu Gina, als ich ins Zimmer kam, und erklärte ihr, wie es dazu gekommen war.
   Sie lachte und jammerte dann wegen der Halsschmerzen. »Hat er nicht anders verdient, so wie er mit dir umgesprungen ist.« Ein böses Lächeln zierte ihre Lippen. »Was soll ich machen, wenn er mich fragt, wer der Vater ist?«
   »Sag ihm, ich heiße Lilith und paare mich mit Dämonen.« Ich versuchte, das ungute Gefühl in meinem Bauch zu verdrängen.
   »Cool, das mache ich echt.«
   Ich hatte keinen Zweifel daran.
   »Anschließend sage ich ihm, es wäre ein Lehrer.«
   »Iiieh. Pfui, hier gibt es nicht einen Hübschen.«
   »Egal, ich stecke ihm, du würdest auf graue Haare und runzlige Haut stehen.« Ihre Augen funkelten vor Schabernack.
   »Vielen Dank.«
   Es klopfte an der Tür. Da Gina in ihrem Bett lag, ging ich und öffnete sie. »Verschwinde, Raphael.« Ich warf die Tür zu.
   »Kiki, rede bitte mit mir.«
   »Kira für dich.«
   Es herrschte Stille. Ich wusste, dass er noch da stand, ich hatte keine Schritte gehört. Der hatte Nerven. Zuerst klärte er die Fronten, sprach wochenlang nicht mehr als nötig mit mir und dann hatte er mich im Park so angefahren. Was erwartete er?
   »Raphael.« Maria schien ihm hinterhergegangen zu sein. »Du Volltrottel, das geht dich nichts an. Wir haben Wichtigeres zu tun.«
   »Michael sagt, sie sang von einem Gefallenen.«
   »Du denkst …?«
   »Vielleicht.«
   Offensichtlich schaffte es Maria, Raphael wegzuzerren. Ihre Schritte entfernten sich. Ich sank, mit dem Rücken zur Tür, auf den Boden. Dieses Mal konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Schluchzend und jammernd rieb ich mir verzweifelt über die Augen. Gina krabbelte aus ihrem Bett und setzte sich neben mich. Ich lehnte meinen Kopf an ihre Schulter, während sie mich umarmte. Das tat gut. Das erste Mal in meinem Leben wusste ich, was es bedeutete, eine Freundin zu haben.

Kapitel 4
Weihnachten

»Jingle Bells, Jingle Bells«, sang Gina mit verschnupfter Nase, als sie mit dem Frühstück kam. Seit dem Streit mit Raphael hatten wir uns abwechselnd
   das Frühstück ins Zimmer geholt. »Also ich weiß, wem die Glocken klingeln.«
   »Wem?« Erst dann verstand ich, was sie meinte.
   »Ich meine, wir warten ja jetzt schon bis kurz vor neun mit Frühstück, da die Engels normalerweise um halb sieben essen gehen. Doch eben hockte tatsächlich Raphael in der Küche. Er sprang wie von der Tarantel gestochen auf, als er mich sah.«
   »Was wollte er?« Ich seufzte genervt, aber in meiner Brust stach es.
   »Von mir wissen, wer der Vater unseres Jesuskindes ist.«
   Ich lachte.
   »Ich habe ihm gesagt, dass Dämonen über dich hergefallen sind. Da hat er blöd geguckt.« Sie grübelte. »Kiki?«
   Ich brummte nachdenklich.
   »Er sah echt übel aus. Vielleicht solltest du ihn aufklären.«
   Ich seufzte. Ja, es war an der Zeit. Sonst verpasste ich den Absprung vom Lügenzug und später dachte das ganze Internat, ich wäre schwanger. Ich nahm mein Handy. Raphael hatte im Krankenhaus seine Nummer eingespeichert.

Komm bitte zu mir und Gina. Ich muss dir etwas sagen.
Kiki

»Ich habe ihn herbestellt.«
   Gina lächelte mich aufmunternd an, während sie auf ihr Bett kletterte, und begann ihr Frühstück zu verzehren. Da schlief jemand gern in Krümeln.
   »Ich störe dabei hoffentlich nicht.«
   »Bist du verrückt? Ich sterbe, wenn ich ihm das allein sagen muss. Du bleibst schön hier.« Ich lief nervös auf und ab. Wie sagte ich es ihm am besten? Da hatte ich mir was eingebrockt. Moment. Raphael hatte über zwei Stunden in der Küche gesessen, in der Hoffnung, mich anzutreffen? Was hatte das zu bedeuten? Gina hatte gesagt, dass er schlecht ausgesehen hätte. Meinetwegen? Es klopfte an der Tür und ich öffnete mit zittrigen Händen.
   Er sah tatsächlich mies und durch das weiße Shirt unnatürlich blass aus. Statt der üblichen Jeans trug er eine schwarze Jogginghose. Er war auf Socken hergekommen.
   »Kira.« Seine Augen wirkten gespannt, aber auch ängstlich.
   Wie sollte ich es ihm sagen?
   »Verrätst du es mir jetzt?«
   »Ich bin nicht schwanger, Raphael.« Mit der Tür ins Haus zu fallen, erschien mir am einfachsten.
   Irritiert sah er zwischen mir und Gina hin und her. »Wie?«
   »Du hast gesehen, dass ich so viel Essen eingepackt habe und mich trotzdem gefragt, ob Gina da ist. Wer hätte das sonst alles essen sollen? Ich war sauer auf dich, weil du mich im Park so angefahren hast. Da habe ich dich mit einem blöden Witz angepampt. Ich konnte nicht ahnen, dass du das ernst nehmen würdest.«
   »Du bist nicht …?« Er begann panisch den Raum abzusuchen.
   »Nein«, sagte ich und seufzte.
   Raphael packte sich den Mülleimer und fiel auf die Knie. Sein Gesicht wurde weiß wie die Wand, bevor er es in den Eimer steckte.
   »Kiki.« Ginas Stimme schrillte in meinen Ohren. »Der kotzt in unseren Mülleimer.«
   »Ich sehe es.« Ich verzog das Gesicht.
   »Sag ihm, er soll aufhören!«
   Ich lachte verzweifelt. »Raphael, hör auf! Sag mal, Gina, hast du noch nie gekotzt? Das kann man nicht so einfach unterbrechen.«
   »Ich mache das nicht weg. Ich bin krank.« Sie hielt sich die Ohren zu und begann laut zu singen, damit sie Raphael nicht hörte. Er tat mir unendlich leid, wie er sich da an dem Mülleimer festkrallte. Mit jedem Krampf, der seinen Körper erschütterte, litt ich mit ihm. Sich übergeben zu müssen, ist schon schlimm genug. Es vor zwei Mädchen in deren Mülleimer zu tun … oberpeinlich. Raphaels Ohren wurden feuerrot. Es wurde verdächtig still im Eimer.
   »Alles okay?« Ich ging zu ihm hinüber und legte ihm eine Hand auf den Rücken.
   »Ich hasse Michael. Er hat mich angesteckt.« Seine Stimme klang anklagend aus dem Eimer.
   »Magst du deinen Kopf herausholen, bevor dir wieder schlecht wird?«
   Gina hörte mit ihrem Gesang auf und brabbelte angewidert vor sich hin.
   Raphael hob den Kopf, deckte den Eimer aber mit seinen Armen ab. »Tut mir leid.« Sein Gesicht war kreidebleich, nur seine Wangen und Ohren flammten rot auf.
   »Schon gut, du hast dir das bestimmt nicht ausgesucht.« Ich überlegte panisch, was ich jetzt mit dem Eimer samt Inhalt tun sollte. Mal ehrlich … Pfui …
   »Der gute Eimer.« Gina putzte sich die Nase.
   »Ich …«, begann Raphael, bevor er sich wieder dem Kotzkübel widmete.
   »Kiki, der macht das schon wieder.«
   »Ich weiß.« Ich musste lachen. Galgenhumor. Langsam strich ich über Raphaels Rücken. Wieso fühlte sich das so gut an? »So viel kannst du gar nicht gefrühstückt haben.« Ich streichelte Raphaels Hinterkopf. Seine Haare waren weich, ich hätte mich darin verlieren können.
   »Das ist so eklig.«
   »Gina, glaubst du nicht, dass es ihm schon peinlich genug ist?«
   Ihr Gesichtsausdruck sagte eindeutig: Na hoffentlich! Aber sie hielt sich bedeckt. Raphael tauchte nach Luft japsend auf.
   »Es tut mir so leid.« Er stand samt Eimer auf und ich stützte ihn ein wenig. »Ich besorge euch einen neuen.« Damit verschwand er wacklig durch die Tür. Ich ließ ihn ziehen, denn ich wollte mich wirklich nicht um den Eimerinhalt kümmern. Es dauerte eine geschlagene halbe Stunde, da kam Michael mit einem neuen Mülleimer. Er platzte einfach herein.
   »Hey«, beschwerte sich Gina. »Was, wenn wir nackt gewesen wären?«
   Michael rieb sich die zuckersüße, wenn auch verschnupfte Nase und riss die großen, unglaublich faszinierenden Augen auf. »Na, das wäre doch mal was gewesen.« Er stellte uns den Mülleimer hin. »Ich soll mich nochmals für ihn entschuldigen.«
   »Hat er sich nicht hergetraut oder geht es ihm so schlecht?« Ich sehnte Raphael mit jeder Faser meines Körpers herbei, wollte ihn berühren.
   »Ich soll sagen, dass es ihm nicht gut geht, aber die Wahrheit ist, er schämt sich zu Tode.«
   »Zu Recht.« Gina grummelte vor sich hin. »Kotzt einfach in meinen Mülleimer.«
   Michael sah sie leicht amüsiert an.
   »Gina mochte den Mülleimer sehr gern«, erklärte ich und grinste. »Sie hatte ein Verhältnis mit ihm, musst du wissen.«
   »Ja, ist schon klar«, sagte Michael mit hochgezogenen Augenbrauen.
   »Mülli und ich waren ein Traumpaar«, rief Gina von ihrem Bett aus. »O Mülli. Armer, armer Mülli. Du wurdest entehrt.«
   »Wie du siehst«, sagte ich zu Michael, »sie ist noch traumatisiert.«
   »Ja, das scheint ein schwerwiegenderes Problem zu sein.«
   Ich nickte zustimmend. »Darf man das Krankenlager besuchen oder habt ihr viele Poster von nackten Frauen an der Wand, die Raphael noch mehr blamieren würden?« Ich ging davon aus, dass sie in einem Zimmer wohnten.
   »Ich wollte dich sowieso darum bitten.« Michael seufzte. »Sonst zerfließt er noch tagelang in Selbsthass.«
   »Och Gottchen«, ich imitierte meine Großmutter, »das war doch nur halb verdautes Essen.«
   »Verdautes am Morgen bringt Kummer und Sorgen.« Gina quatschte in ihr Kissen.
   Lachend verließ ich mit Michael das Zimmer. Jetzt durfte ich das Allerheiligste betreten. Von Gina hatte ich erfahren, dass das bisher keinem Mädchen vergönnt gewesen war.
   »Danke, dass du das machst«, sagte Michael auf der Treppe. »Ich weiß, du bist nicht gut auf Raphael zu sprechen.«
   »Wieso?«, fragte ich. »Was hat er denn gesagt?«
   Michael seufzte, Hilfe suchend sah er sich um. »Dass du ihn auf dem falschen Fuß erwischt hast.«
   Genau, und dafür hatte er sich nie entschuldigt. Wir bogen in den Trakt der Jungen ein. Im Grunde sah es nicht anders als bei uns aus: die gleichen langweiligen Flure und Türen. Raphaels und Michaels Zimmer war am hinteren Ende auf der rechten Seite.
   »Lass mich erst sehen, ob er salonfähig ist.« Salonfähig setzte er mit seinen Fingern in Gänsefüßchen.
   Als ich nickte, öffnete Michael die Tür und sah hinein. »Alles okay.« Er machte den Weg für mich frei.
   Das Zimmer war ein typisches Jungenzimmer. Schulbücher und Kleidung lagen gestapelt auf allen Möbelstücken, die nicht zwangsweise benötigt wurden. Poster hingen allerdings keine an der Wand. Nicht mal Bilder von der Familie oder Ähnliches. Das war seltsam.
   Raphael saß in seinem Bett und sah mich verzweifelt an, ehe er wütend zu seinem Bruder blickte. »Michael, musste das sein?«
   »Ich habe darauf bestanden«, sagte ich Michael in Schutz nehmend und ließ meine Blicke weiter durch das Zimmer streifen.
   »Kira, es tut mir so leid.«
   Es tat mir weh, dass er meinen richtigen Namen noch immer benutzte. »Nenne mich bitte Kiki.«
   »Aber du …«
   »Ich weiß. Ich war wütend. Bitte einfach Kiki.«
   »Okay, Kiki. Es tut mir ehrlich leid.«
   Ich lächelte ihn an. »Du hast das nicht mit Absicht gemacht.«
   »Danke fürs Anstecken, Michael.« Raphael verschränkte die Arme vor der Brust.
   Michael hob seine abwehrend. »Hey, denkst du, ich habe freiwillig drei Tage auf dem Klo verbracht?«
   Schritte eilten durch den Flur. Wir sahen zu der noch offenen Tür. Maria erschien in einem knielangen weißen Wollkleid mit riesigem Kragen.
   »Oh«, sagte sie erstaunt. »Kiki … hi.«
   »Hi.« Ich beobachtete, wie sie mit einem verzweifelten Blick auf meinen Bauch sah.
   »Wie geht es dir?«
   »Gut, danke. Ich bin nicht schwanger.«
   Sie sah mich erstaunt an.
   »Es war ein Witz gewesen.«
   »Ein Witz?« Sie seufzte erleichtert.
   Ich nickte. »Zugegeben, er war blöd.«
   Ihre Miene wurde ernst. »Ich müsste meine Brüder sprechen.« Sie sah Michael und Raphael abwechselnd an. »Vater braucht uns. Wir müssen aufbrechen.«
   »Ich verdünnisiere mich«, sagte ich Raphael anlächelnd.
   »Warte!« Michael hielt mich am Arm fest. »Maria, Raphael hat sich angesteckt.«
   Sie rollte mit den Augen und brummte genervt. »Nein, oder?«
   »Ich fürchte doch. Er hat sich mehrmals übergeben.«
   »Mann.« Maria stampfte mit dem Fuß auf.
   Raphael wirkte beschämt. Warum? Er konnte nichts dafür. Ob es nun Maria passte oder nicht, er war krank.
   »Dann gehen wir und Raphael bleibt hier.« Michael sah mich an. »Könntest du ab und an nach ihm sehen?«
   Ich nickte, total überrumpelt von der Idee. »Ja. Müsst ihr so dringend weg? Es ist Heiligabend und euer Bruder ist krank.«
   »Wir feiern Weihnachten nicht«, sagte Maria.
   Ich war baff. Die Drillinge galten als so gläubig.
   »Michael, lass uns losgehen.« Sie sah zu Raphael. »Du kommst klar?«
   Er nickte. Das reichte Maria und sie stürmte aus dem Zimmer. Michael folgte ihr und schenkte mir im Gehen einen flehenden Blick, den ich nicht zuordnen konnte.
   »Brauchen sie keine Klamotten?«
   »Sie sind morgen bestimmt zurück und wir haben zu Hause auch Kleidung, Kiki.«
   Raphael war angepisst, das konnte man seiner Stimme eindeutig anhören. Ich setzte mich ans Fußende seines Bettes. Er war blass und wirkte schlapp.
   »Hör mal, Alina ist nicht da. Du darfst gern bei Gina und mir kampieren.«
   Er sah mich mit einer genervten Miene an, schien jedoch ernsthaft zu überlegen.
   »Okay, du feierst kein Heiligabend, möchtest du trotzdem allein herumliegen? Gina ist ebenfalls krank und deswegen lassen wir es ruhig angehen.« Ich überlegte. »Ich kann nicht garantieren, dass Gina nicht das eine oder andere Weihnachtslied schmettert, aber es gibt Schlimmeres, oder?«
   »Mir ist furchtbar schlecht und ich kann nicht garantieren, dass …«
   »Dann übergibst du dich eben. So tragisch ist das nicht.« Ich lachte. »Vielleicht sollte ich dir aber den Weg zu den Toiletten zeigen.«
   Raphael schüttelte sich.
   Ich berührte seine Stirn. »Okay, ich nehme dir die Entscheidung ab. Du hast Fieber. Du bleibst definitiv nicht allein. Im Notfall ziehe ich hier mit Gina ein.«
   Er lächelte schlapp. »Ich gebe mich geschlagen. Ich bin zu kaputt, um zu widersprechen.«
   Ich grinste triumphierend. »Packen wir dir ein paar Sachen zusammen.«
   Raphael stand auf und ich bemerkte, wie zittrig er war. Er nahm eine kleine Reisetasche aus dem Schrank (in dem das absolute Chaos herrschte) und stopfte ein paar Dinge hinein. Anschließend machten wir uns langsam auf den Weg.
   »Kiki?« Kurz vor meinem Zimmer blieb Raphael stehen. »Was war das für ein Lied von einem gefallenen Engel, das du gesungen haben sollst?«
   »Ich?« Während wir weitergingen, dämmerte es mir. Michael hatte mich neulich morgens auf der Treppe singen gehört. »Ach so. Du meinst Angels von Within Temptation?«
   »Michael hat es nur gehört.«
   Wollte er wissen, was das für ein Lied gewesen war? Ich fühlte mich geehrt, dass ich es so gut vorgetragen hatte.
   »Es hatte keine tiefere Bedeutung?«
   Was für eine seltsame Frage. Machte er sich Sorgen um mich? In dem Lied ging es um ein Mädchen, dass von einem Mann getäuscht wurde. »Nein, ich mag es gern und im Treppenhaus hallt es schön, wenn sich niemand darin befindet.«
   Raphael stieß erleichtert die Luft aus. Wir waren bei mir angekommen, deswegen ließ ich die Sache auf sich beruhen.
   »Wir haben einen Gast«, sagte ich zu Gina.
   Sie musterte Raphael, der seine Bettwäsche unter dem Arm trug. »Kotz ja nicht in meinen neuen Mülleimer!« Dann lächelte sie ihn aufmunternd an. »Wie kommt es dazu?«
   »Maria und Michael mussten urplötzlich nach Hause.« Ich sah zu Raphael, der zitternd im Türrahmen stand. Er erinnerte mich an einen heimatlosen Welpen. »Ich konnte ihn unmöglich heute allein lassen.«
   »Hey Kiki, du weißt doch: Ich bin die Letzte, die einem Schnuckel wie ihm die Tür vor der Nase verschließen würde.«
   »Du darfst hereinkommen.« Lachend stellte ich Raphaels Tasche mit Sachen ab und nahm das Bettzeug entgegen, um es auf Alinas Bett zu legen. »Leg dich hin. Ich hole aus der Teeküche eine Cola für dich.«
   »Ich mag nichts trinken.« Raphael verzog angewidert den Mund.
   »Die muss erst warm werden und Kohlensäure verlieren, bevor du sie haben darfst. Ich sorge nur vor.«
   »Wir haben auch Salzstangen«, sagte Gina.
   Raphael wurde weißer um die Nase.
   »Lasst uns eine Regel für heute aufstellen. Niemand redet von Essen.«
   Raphael atmete nach meinem Vorschlag tief durch. Er kletterte in Alinas Bett und zog die Decke fast bis über die Ohren.
   Ich stellte den Mülleimer neben ihn. »Auch wenn es Gina nicht gefällt, besser da rein als in Alinas Bett.«
   »Bist du irre?« Gina lachte. »Sie würde sich einen Altar draus basteln.«
   Raphael sah auf und runzelte die Stirn.
   »Sie ist total heiß auf dich.«
   »O Mann.« Raphael kuschelte sich ins Bett.
   Es war unheimlich schön, ihn dazuhaben. Selbst mit der Gefahr von Erbrochenem im Nacken. Ich wollte nicht darüber nachdenken, warum, aber in mir jubelte alles. Ich würde ihn schlafend sehen. Jetzt war ich hoffnungslos verrückt. »So.« Ich stemmte die Hände in die Hüften. »Ich habe ein Opfer der Grippe und einen Magen-Darm-Patienten. Was mache ich nun mit euch?«
   »Uns lieb haben?« Gina grinste.
   »Damit ich nachher mit beidem gesegnet bin?«
   »Ja, dann pflegen wir dich.«
   »Ich verzichte.« Mir fiel auf, wie nachdenklich Raphael wirkte. »Meinst du, es ist Schlimmes passiert, weil ihr schnell heimkommen solltet?«
   »Ich weiß es nicht.« Er seufzte. »Vater ruft uns des Öfteren nach Hause. Es ist nicht immer etwas Schlimmes.«
   Ich musste an Ginas Theorie denken, dass der Vater ein Patriarch war und schauderte bei der Vorstellung. Gott sei Dank hatte ich meine Oma gehabt. »Vielleicht solltest du versuchen, ein wenig zu schlafen?«
   Er nickte. Gina griff nach ihren Kopfhörern. Ich verschwand aus dem Zimmer, um die Cola für Raphael und Wasser für Gina und mich zu holen. Als ich zurückkam, war Gina weit in Gedanken abgeschweift. Raphaels türkisfarbene Augen sahen mich elendig an. Ich lächelte ihn an, doch er verzog keine Miene. Ginas Musik drang leise bis zu uns. Sie würde garantiert mal taub werden. Ich stellte die Getränke auf den Schreibtisch und öffnete Raphaels Cola, damit die Kohlensäure entweichen konnte. Warum tat ich das alles? Ja, Raphael hatte mir das Leben gerettet, aber er war auch gemein zu mir gewesen. Er hatte mich auf Abstand gehalten und sich nicht für den Vorfall im Park entschuldigt. Es war seltsam. Ich sollte mich nicht so darüber freuen, dass er hier war. Zu allem Übel war ich nun richtig in Weihnachtslaune. Gina und ich hatten unser Zimmer geschmückt. Leider verbot uns die Hausordnung, Kerzen anzuzünden, deshalb hatten wir Lichterketten aufgehängt und Fensterbilder angebracht. Ich ließ das Rollo etwas runter. Gina knipste von oben eine Lichterkette an und zwinkerte mir zu. Mir wurde warm ums Herz und ich sang leise vor mich hin, während ich im Nachttisch nach dem MP3-Player kramte. Nachdem ich ihn gefunden hatte, wollte ich mich auf dem Bett ausstrecken. Raphael hatte sich hingesetzt. Er sah mich fragend an.
   »Stimmt was nicht?«
   »Ich …« Raphael räusperte sich. »Du hast eine schöne Stimme.«
   Ich lachte. »Danke.« Gut, dass es dunkel war. Ich war garantiert rot. Er saß da und beobachtete mich.
   »Soll ich dich in den Schlaf singen?«
   »Ja, würdest du ein Lied für mich singen?«
   Ach du Kacke. Ich sollte Raphael echt aufklären, wie ich klinge, wenn ich scherze.
   »Das gerade war ein Weihnachtslied. Ich denke, du feierst das nicht?«
   »Weihnachten ist bei uns in der Familie viel zu tun.« Er zuckte mit den Schultern und musterte seine Finger. »Da bleibt keine Zeit zum Feiern.«
   »Magst du heute Abend mit Gina und mir feiern? Wir könnten dir jede Menge Weihnachtslieder vorsingen. Essen gehen wir dann in der Küche, damit du davon verschont bleibst. Später könnten wir uns auf Ginas Laptop die Disney-Weihnachtsfilme angucken.«
   Er nickte. Lächelte er?
   »Was macht ihr Weihnachten immer?«
   »Wir kümmern uns um andere.« Er seufzte. »Du glaubst nicht, wie viel Einsamkeit herrscht und wie viele Tränen an diesen Feiertagen fließen.« Raphael schüttelte sich, als wollte er die Gedanken an vergangene Weihnachtsfeste loswerden. Herrje, was hatte er für eine Kindheit gehabt? Dagegen war meine, dank Oma, himmlisch gewesen. Weihnachten hatte ich immer bei ihr gefeiert. Wir hatten Plätzchen gebacken, gebastelt, gesungen, haben die Messe besucht und danach gemeinsam ferngesehen, bis ich eingeschlafen war.
   »Dass ich heute ausfalle, ist sehr, sehr übel.« Sein Kopf fiel kraftlos nach vorn.
   »War Maria deswegen so wütend?«
   Er brummte zustimmend.
   »Na ja, dann haben die anderen Menschen jetzt Pech. Man muss auch mal an sich denken.«
   Türkisfarbene Augen sahen mich durchdringend an.
   »Du bist krank und feierst dieses Jahr ein halbwegs angenehmes Weihnachtsfest. Basta!«
   Er nuschelte leise vor sich hin. Ich könnte schwören, dass er behauptete, ich hätte keine Ahnung, was das bedeutete. Ich setzte mich an sein Bett. Sicher fühlte er sich ohne seine Geschwister einsam. Wenn er gesund gewesen wäre, wäre er über Ruhe bestimmt froh gewesen, aber wenn man krank ist, sieht die Welt anders aus.
   »Weißt du, was meine Oma immer gesagt hat, wenn ich zu meinen Eltern musste und Angst vor der Einsamkeit dort hatte?«
   »Was?« Raphaels Augen wurden sanft.
   Ich stand auf und ging zu meinem Nachttisch. »Das ist das erste Mal seit ihrem Tod, dass ich es hervorhole.« Ich zog ein Armband mit einem kleinen Engelanhänger heraus und brachte es zu Raphael.
   Er lächelte, als er es in seiner Hand betrachtete. »Ein kleiner, speckiger Engel.«
   »Oma sagte mir, dass er immer bei mir ist, wenn ich mich einsam fühle oder weinen muss. Er heißt Cassiel.«
   Raphael wirkte bei dem Namen plötzlich alarmiert. Sein Blick schoss vom Anhänger hoch und ein merkwürdiges Zucken ging über sein Gesicht. Funkelte es golden an seiner Schläfe? Ich schüttelte mich. Das war unmöglich. Es musste an dem gedämpften Licht gelegen haben.
   »Was? So erstaunt, dass ich einen Engelnamen kenne?«
   Er nickte und wirkte, als hätte er Schmerzen.
   »Alles okay?«
   »Deine Großmutter hat dir erzählt, dass Cassiel immer bei dir ist, wenn du einsam bist?«
   »Ja.« Ich seufzte verträumt. »Als Kind konnte ich mir das auch vorstellen. Es hat mich manches Mal getröstet. Je älter ich wurde, desto schwerer tat ich mich mit dem Bild des kleinen, nackten Engelchens hier.«
   Raphaels Augen funkelten freudig auf. »Wie sollte Cassiel deiner Meinung nach aussehen?«
   Wie du. Das wäre ein netter Anblick. »Ich weiß nicht. Zumindest in meinem Alter sollte er sein. Auf jeden Fall sollte er nicht mehr in den Windeln liegen.«
   Raphael blickte nach unten.
   »Schade, dass ich heute nicht mehr an ihn glaube.« Ich seufzte erneut. »Es wäre schön, wenn es anders wäre. Ich meine, wenn wirklich Engel … Ach, vergiss es. Das muss der Weihnachtsgeist sein, der in mich gefahren ist.«
   Raphael zog amüsiert die Augenbrauen hoch. »Engel haben es in dieser Welt, die gläubige Menschen wie Aussätzige behandelt und erfundene, dämonische Kreaturen wie Vampire für anbetungswürdig hält, verdammt schwer, Kiki. Gib ihnen eine Chance.«
   »Ich glaube nicht an Vampire.«
   »Das will ich doch hoffen.«
   Ich sah auf das Armband. »Möchtest du es eine Weile haben?« Ich glaubte nicht daran. Nicht mehr. Aber Raphael, und wenn es ihm Trost spendete, dann hatte es sich gelohnt.
   »Ich denke«, sagte Raphael mit einem kleinen Lächeln im Gesicht, »Cassiel findet mich auch ohne dieses Armband.« Er legte es in meine geöffnete Hand und schloss sie mit seiner.
   In mir begann es zu kribbeln.
   »Es ist schön, zu wissen, dass du es hast.«
   Ich legte das Armband zurück in den Nachttisch, schnappte mir meine Kopfhörer und setzte sie auf. »Versuch, ein wenig zu schlafen«, bat ich Raphael. Ich streckte mich auf meinem Bett aus, schloss die Augen und träumte das erste Mal seit Wochen mit einem Lächeln auf meinen Lippen von Großmutter.

*

»Okay, zwei sollten eh nicht da sein. Zwei sind aufgebrochen und einer mag nicht essen«, sagte Gina mit großen Augen bei dem Anblick des Essens in der Küche. »Bleiben nur noch wir beide.«
   Ich nickte und seufzte. »Ich hoffe, du hast Hunger.«
   »Aber hallo.« Gina stürzte sich auf den Nudelsalat und die Würstchen.
   Hm, lecker. Wir ließen es uns richtig gut gehen und aßen, bis wir fast platzten. Raphael hatte tief und fest geschlafen, als wir gingen. Lieber Gott, er hatte so süß ausgesehen. Ich hatte ihm einen Zettel hingelegt, damit er sich nicht wunderte, wenn wir nicht da waren.
   »Noch einen Bissen und ich brauche auch einen Mülleimer.« Ich rieb mir den Bauch. »Jetzt brauche ich zwei Kleidernummern größer.«
   Gina leckte sich die Finger ab und nahm sich ein Zimteis aus dem Tiefkühler. »Du auch?«
   »Nein«, rief ich mit letzter Kraft.
   »Mehr für mich.« Sie zerstörte den kleinen Eistannenbaum.
   »Ich esse nie wieder etwas.« Ich versuchte, meine Schlabberhose an der Kordel weiter zu machen.
   »Jaja. Heute Abend heißt es wieder: Lass uns essen gehen, ich verhungere.« Gina nahm einen Löffel voll Eis, lutschte ein wenig darauf herum und schluckte es hinunter. »Unter uns zwei Gebetsschwestern, wenn du mit Raffi allein sein willst, sag mir das.«
   »Wieso? Nein. Du bleibst schön bei mir.« Ich befürchtete, ohne Gina zu einem verschüchterten, dummen Ding zu werden.
   »Na ja, ich dachte, du möchtest eventuell ein wenig sexual healing versuchen?«
   »Hör auf! Wir sind nur Freunde. Schon vergessen?«
   Sie rollte mit den Augen, da sie den Mund voll hatte.
   »Wieso habe ich das Gefühl, dass du uns verkuppeln willst?«
   »Weil es so ist«, sagte sie, nachdem sie hinuntergeschluckt hatte. »Du bist das erste Mädchen, an dem er Interesse gezeigt hat.«
   »Interesse?« Hatte ich was verpasst?
   »Na ja, findest du nicht, dass er über diese Scheinschwangerschaft ziemlich verärgert gewesen war?«
   Irgendwie schon.
   »Den hatte die Eifersuchtsschlange ganz kräftig in den Knackarsch gebissen.«
   »Wieso hatte er dann ‚Wir sind nur Freunde‘ zu mir gesagt?«
   »Vielleicht hat er Schiss bekommen? Wer versteht schon die Männer?«
   »Ich glaube schon, dass Raphael etwas Besonderes in mir sieht. Allerdings mehr wie … ich weiß nicht, … als wäre ich sein Schützling. Eine kleine Schwester, der man ab und an mal zu Hilfe eilen muss.«
   Gina schüttelte den Kopf. »Lass uns hoffen, dass es das nicht ist.«
   Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.
   »Wie sieht es bei dir aus?«
   Wie jetzt? »Was meinst du?«
   »Empfindest du etwas für ihn?«
   »Ich weiß nicht«, sagte ich und zuckte mit den Schultern.
   »Aber ich.«
   Ich sah sie ungläubig an. Ihr Blick war ungewohnt ernst und sanft zugleich. »Du hättest deinen Blick sehen sollen, als du ihm über den Rücken gestreichelt hast, während er …« Sie lachte und der Schalk kehrte in ihre Augen zurück. »… Mülli entehrt hat.«
   »Wie habe ich denn geguckt?«
   »Als hättest du ihn am liebsten an dich gerissen und an dein Herz gedrückt.« Sie verzog ihre Mundwinkel angeekelt. »Und wenn man bedenkt, dass er am Kotzen gewesen ist, dann heißt das echt was. Du musst hoffnungslos in ihn verknallt sein.«
   »Nein, nein.« Ich schüttelte meinen Kopf. »Ich bin nicht in ihn verliebt.«
   »Kiki.« Gina sah so aus, als hätte sie mich am liebsten kräftig gerüttelt. »Du hast fast kein anderes Thema als ihn.«
   Wirklich? Nein … echt? »Nur, weil er so komisch ist. Er malt Federn an!«
   Gina lachte. Ich hatte ihr von meiner Vermutung erzählt. »Gib es auf, Kiki. Wenn er den Raum betritt, kann ich förmlich hören, wie dein Herz schneller schlägt.«
   Oh, nein. Nein. Nein. Nein. Nein. Ich durfte nicht in ihn verliebt sein. Das machte alles unglaublich kompliziert. Ich weigerte mich einfach, in ihn verliebt zu sein. »Das kann nicht sein.«
   Gina schüttelte schmunzelnd ihren Kopf und erhob sich. »Wollen wir zurück ins Zimmer und nach dem sterbenden Schwan sehen?«
   Nichts lieber als das. Ich machte mir schon Sorgen. Mist. Wieso wollte ich unbedingt zurück? Das war dämlich. Er schlief doch. »Gina?« Ich seufzte. »Ich will Raphael. Mit jeder Faser meines Körpers. Ich will ihn berühren, ihn küssen. Seine Wärme spüren und ihm meine ganze Liebe schenken.« Ich wollte in der Aufmerksamkeit seiner Augen baden, meine Hände in seinen Haaren vergraben und jeden Zentimeter seiner Haut kosten. War ich in ihn verliebt? Keine Ahnung, aber ich fühlte mich auf eine unglaublich starke Art und Weise von ihm angezogen. »Ich bin so was von am Arsch.« Es war so unlogisch und … Er durfte unter keinen Umständen davon erfahren.

Kapitel 5
Stille Nacht

»Ich habe eine Idee«, flüsterte Gina.
   Sie hatte mir minutenlang dabei zugesehen, wie ich über Raphaels Schlaf wachte. Er sah so
   friedlich aus. Sein Brustkorb hob und senkte sich regelmäßig, die geschlossenen Augen wirkten entspannt. Ich sah zu Gina, die ihr Handy ausgepackt hatte und es auf Raphael richtete. Ein Foto. Natürlich. Ich kramte nach meinem Handy und schoss ein Bild von ihm. Seltsamerweise war auf dem Foto eine merkwürdige Lichtstörung auf seiner rechten Schläfe. Ich fotografierte nochmals. Erneut die gleiche Störung. Mit gerunzelter Stirn betrachtete ich das Licht, das sich wie ein Schleier über sein halbes Gesicht legte. »Ich glaube, die Kamera in meinem Handy ist kaputt.«
   Gina starrte genervt auf ihr Handy. »Meine auch.«
   Sie zeigte mir das letzte Bild, das sie gemacht hatte. Gemeinsam sahen wir uns im Raum nach einer störenden Lichtquelle um.
   Gina stand auf und machte von einer anderen Position ein Foto mit dem gleichen Ergebnis. »Vielleicht ist er verstrahlt«, sagte sie mit einem fiesen Grinsen im Gesicht. »Egal, für meine Zwecke reicht das. So … Foto per MMS senden … Alina … Und jetzt: Hallo Alina, haben Besuch. Ich hoffe, das macht dir nichts aus. LG und feiere schön, Gina. Senden.«
   »Boah, bist du gemein«, raunte ich mit einem Lächeln im Gesicht.
   Es dauerte wenige Sekunden, da brummte Ginas Handy. »Ist das Raphael in meinem Bett?«, las sie vor. »Antworten. Ja, er ist krank und wollte nicht allein sein. Keine Sorge, er hat seine eigene Bettwäsche. Senden.«
   Ich sah auf das Foto in meinem Handy und wünschte mir nichts sehnlicher, als ein Bild von seinen Augen zu haben. Diese unglaublichen Himmelsfenster öffneten sich gerade verschlafen.
   Erschrocken darüber, dass wir ihn anstarrten, schoss er hoch. »Ist was passiert?« Seine Stimme klang rau und belegt. Er räusperte sich und sah abwechselnd Gina und mich an. Seinen Pullover hatte er ausgezogen und trug jetzt ein T-Shirt mit der Aufschrift Klopf, klopf, klopf, Penny?
   Ich musste lachen. »Woher hast du nur diese T-Shirts?«
   Verwirrt von meiner Frage sah er an sich herunter und lächelte. »Kennst du die Serie?«
   Wer kannte The Big Bang Theory nicht? »Natürlich. Sheldon ist mein Liebling.« Ich betrachtete ihn kritisch. Er sah besser aus. »Wie geht es dir?«
   »Ich fühle mich schlapp, aber mir ist nicht mehr schlecht.«
   Kein Wunder, es war bis auf lauwarme Cola nichts in ihm drin.
   »Das höre ich gern.« Gina seufzte. »Mir ist langweilig. Lasst uns was Weihnachtliches machen. Immerhin ist Heiligabend.«
   Ich sah zu Raphael, der in Gedanken versunken schien. »Etwas Weihnachtliches, das nichts mit Essen zu tun hat?« Puh, das war schwer. »Wir könnten in die Messe gehen.«
   Gina sah mich an, als hätte ich vorgeschlagen, im Wald Rehe abschlachten zu gehen. Raphael schüttelte zu meinem Erstaunen ebenfalls den Kopf. Möglicherweise wollte er den heiligen Boden nicht mit Erbrochenem entweihen.
   »Ich hab eine Idee«, sagte er schließlich. »Meine Geschwister und ich hatten für heute Nachmittag etwas geplant, wo … nun ja, Vater und meine Krankheit kamen dazwischen.« Er sah Gina und mich an. »Ich fühle mich besser. Wollt ihr einspringen?«
   Gina und ich tauschten einen Blick aus. »Worum geht es?«, wollte sie wissen.
   »Das zeige ich euch.«

*

Die Kinderstation des örtlichen Krankenhauses war nicht besonders groß, dennoch hatten eine Bank und eine Supermarktkette Geschenke für die kleinen Patienten gestiftet. So fand ich mich als Engel verkleidet im Schwesternzimmer des Krankenhauses wieder und starrte in einen Sack mit liebevoll verpackten Geschenken. Wenigstens wusste ich jetzt, warum Raphael Federn bemalte, denn sie waren unter anderem an meinen Rücken geschnallt. Als er mir einen kleinen Haarreif mit Heiligenschein aufsetzte, lachte er. Gott, wieso roch er so gut?
   »Wieso trägst du keinen?« Gina starrte nach oben zu ihrem, als wäre er eine lästige Fliege, die ihren Kopf umkreiste.
   »Das tragen nur weibliche Engel.« Raphael grinste, verzog dabei aber den Mund, als hätte er Schmerzen. »Um ehrlich zu sein, hätte ich mich das nur mit Michael als Verstärkung getraut.«
   Zumindest hatte er ebenfalls weiße Kleidung und Engelsflügel angezogen, nachdem er beinahe jede freie Stelle seiner Haut desinfiziert hatte. Sicher wollte er die Kleinen nicht anstecken.
   Eine Schwester drückte jedem von uns einen Mundschutz in die Hand. »Bitte nur die Zimmer mit einem goldenen Stern. In den anderen ist so ein Besuch nicht erwünscht. Die Zimmer, die einen roten Stern tragen, betretet ihr bitte mit dem Mundschutz.«
   Ich nickte. Raphael drückte jeweils Gina und mir einen Sack mit Geschenken in die Hand und nahm sich eine Gitarre und einen Zettel mit den Namen der Kinder. »Wollen wir?« Er zog sich den Mundschutz hoch.
   Ich nickte.
   Gina, der flippigste Engel überhaupt, quiekte freudig. »Geht voran, großer Erzengel.«
   Das Rollen in Raphaels Augen war köstlich. Wir setzten uns in Richtung des ersten Krankenzimmers in Bewegung. Die Tür stand offen, sodass man uns bereits mit freudigen Schreien und aufgeregtem Plappern empfing. Es war wunderschön. Raphael begrüßte die Kinder in jedem Zimmer beim Namen und Gina und ich überreichten die Geschenke. Danach durften sie sich ein Lied wünschen, das Raphael auf der Gitarre begleitete. Er setzte sich dazu auf ein Bett und schaffte es immer, die Kinder zum Mitsingen zu animieren. Ich glaube, wir sangen hauptsächlich In der Weihnachtsbäckerei, aber es waren auch Klassiker dabei. O Tannenbaum oder Jingle Bells. Ich hätte gedacht, dass ein Krankenhaus an Weihnachten ein deprimierender Ort wäre, aber die Kinder und ihre Eltern (ja, selbst die Krankenschwestern, Ärzte und Pfleger) waren so gut drauf, dass ich mich mitreißen ließ und so manches Mal ein Freudentränchen verdrückte. Besonders in einem Zimmer. Als wir hineinkamen, stürzte ein Mädchen mit dunklen Locken auf Raphael zu. Ihr halbes Gesicht wirkte entstellt, so als wäre es verbrannt worden.
   »Raffi.« Vor Freude fiel sie ihm um den Hals. Er schaffte es gerade so, seine Gitarre zur Seite zu schieben. Die Kleine bekam einen Kuss durch den Mundschutz auf die gesunde Wange und wurde von Raphael auf den Arm genommen. Sie schmiegte sich an ihn und grinste selig. Offensichtlich war er öfter hier.
   »Gina, Kiki, darf ich euch meine Freundin«, er zwinkerte grinsend, »Janine vorstellen?«
   Wir begrüßten das kleine Mädchen lachend und begannen die Geschenke zu verteilen.
   Raphael setzte Janine ab. »Welches Weihnachtslied würdet ihr gern singen?»
   »Ich möchte das Lied, das mein Baum singt.« Der Junge hatte einen kleinen Plüschtannenbaum neben sich am Bett stehen. Er schaltete ihn ein und Rockin’ around the Christmas Tree erklang.
   »Ich spiele das unter einer Bedingung. Ihr müsst mir helfen, meine Engel zu überreden, dass sie dazu tanzen.«
   Die Kinder brüllten freudig auf Gina und mich ein, sodass wir uns ergaben. Schadenfroh grinste Raphael uns an und setzte sich auf Janines Bett, die sich an seinen Arm klammerte. So kam es, dass Gina und ich, gemeinsam mit zwei Kindern, die laufen konnten, um einen imaginären Weihnachtsbaum rockten. Ich war erstaunt über mich. Hätte man mir vor ein paar Monaten gesagt, dass ich das tun würde, ich hätte es nicht geglaubt. Nachdem Janine sich von Raphael trennen konnte, verließen wir das Zimmer.
   Als ich nochmals zu den Kindern sah, drückte der Kleine seinen Plüschtannenbaum an sich. »Mama, der Junge war ein echter Engel.«
   Ja, das war er wohl.
   Im Flur wurde Raphael ernst. »In die letzten zwei Zimmer gehe ich ohne euch.«
   »Wieso?«, fragte Gina, deren Wangen vor Freude rot glühten. Ich runzelte die Stirn.
   »Es sind zwei Intensivpatienten. Es ist nicht gut für die Kleinen, wenn viele Leute in ihr Zimmer kommen. Ihr könnt mich begleiten, sie liegen in verglasten Räumen, damit die Schwestern sie im Auge haben.«
   Gina nahm mich an die Hand und summte das Lied, zu dem wir eben getanzt hatten, während wir durch mehrere Flure gingen. Vor einem großen Fenster blieb Raphael stehen. In dem Raum dahinter standen ein riesiges Bett und jede Menge Geräte, die blinkten. In diesem Bett lag ein kleiner Junge. Blass, ausgemergelt und halb schlafend. Seine Eltern saßen mit müden und traurigen Gesichtern daneben. Ich hätte losweinen können, und verstärkte den Griff an Ginas Hand. Raphaels Augen wirkten ernst, als er sich aus einem Spender vor der Tür Handschuhe nahm. Er betrat den Raum und begrüßte die Eltern. Ich konnte zwar nicht verstehen, was er sagte, dafür sprachen seine Augen eine eigene Sprache. Die Mutter lächelte leicht. Raphael ging zu dem kleinen Jungen, ergriff seine Hand und streichelte dem Kleinen durch das Gesicht. Müde öffnete er die Augen und sah Raphael an. Er bekam einen kleinen Stoffhund, den sein Vater für ihn auspackte und ihm ans Bett legte. Es war unendlich traurig. Als ich zu Gina sah, rollte ihr eine Träne über die Wange. Sie sagte nichts, stand einfach da und starrte auf diese schmerzvolle Szene. Ich wusste nicht, wie Raphael es schaffte, aber der Kleine lächelte. Seine Eltern wirkten erleichtert. Raphael strich ihm über die Haare und stupste ihn auf die Nase. Der Junge nickte, zog den Stoffhund zu sich in die Arme und sie unterhielten sich. Nach einer Weile verabschiedete sich Raphael bei dem Jungen und wechselte noch einige Worte mit den Eltern, die mit einem Lächeln im Gesicht ans Bett ihres Kindes zurückeilten, als er das Zimmer verließ. Das Lachen dieses Kleinen und seiner Eltern war die schönste Belohnung am heutigen Tag. Dennoch verzichteten Gina und ich darauf, dem Besuch des zweiten, schwer kranken Kindes beizuwohnen.

*

»Ich habe die Hosentaschen voll Plätzchen«, sagte Raphael, als wir wieder im Internat waren. »Die Kinder wollten, dass ich sie esse. Zum Glück konnte ich sie jedes Mal hereinlegen und habe sie in meine Hose geschummelt.«
   »Dann sind sie jetzt nur noch Brösel.« Gina kletterte auf ihr Bett, nachdem sie ihre dicke Winterjacke in eine Ecke gepfeffert hatte.
   Meine hängte ich auf einen Bügel und nahm den schwarz-weißen Schal ab, den Oma mir gestrickt hatte, um ihn fein säuberlich daneben zu hängen.
   »Ein paar sind echt noch gut«, sagte Raphael mit angewidertem Blick auf das Gebäck in seinen Händen.
   »Dann liefere sie bei mir ab.« Gina krabbelte zum Rand ihres Bettes, um Raphael die Hände entgegenzustrecken. »Cool, die sehen lecker aus.« Sie überlegte kurz. »Du hast keine Sackflöhe oder Ähnliches?«
   Zu meinem Erstaunen lachte Raphael.
   »Schlimmeres, Gina. Viel Schlimmeres.«
   »Haha.« Gina stopfte sich ein Plätzchen in den Mund.
   »Kann es sein, dass du unheimlich penisfixiert bist?«
   Ich verschluckte mich an meiner Spucke und Gina an Plätzchenkrümeln. Einen Moment dachte ich, sie erstickt.
   »Seit ich dich kenne, machst du Kommentare über die Qualität von Sperma, den aktuellen Zustand meiner Genitalien, den Stand von Hodensäcken …«
   »O du Fröhliche!« Ich sang verzweifelt dazwischen. Mein Gesicht war bestimmt hochrot. »O du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!«
   Gina bekam wieder Luft und lachte mich an – oder aus?
   »Raphael, ich danke dir«, sagte sie schließlich. »Damit hast du mein Weihnachtsfest perfekt gemacht.«
   Mit amüsiert gerunzelter Stirn sah Raphael sie seufzend an.
   »Kiki?«, rief Gina nach mir.
   »… Christ ist geboren …«
   »Wusstest du, dass ich penisfixiert bin?«
   »Ich bin nicht da.« Ich krabbelte in mein Bett und sah auf die Uhr. »Wir haben noch eine halbe Stunde, um zum Abendessen zu gehen.«
   »Ich habe hier warme Plätzchen«, sagte Gina.
   Raphael hob die Hand. »Wenn du jetzt sagst, dass ich sie mit …«
   »Ihr seid Schweine!«, unterbrach ich beide.
   Verspielt funkelnde Himmelsaugen sahen mich an. Gina und Raphael lachten und ich stimmte mit ein.
   »Soll das jetzt heißen, ich muss allein gehen?«, fragte ich schließlich.
   »Nein, lass uns gehen.« Gina sprang nach unten. »Von Sackplätzchen wird man nicht satt.«
   »O Mann.« Raphael hatte sich auf sein Bett geschmissen.
   Gina und ich aßen beide nur eine Scheibe Brot, denn im Grunde waren wir noch vom Mittagessen satt. Ich nahm mir drei Mandarinen für später mit. Hoffentlich konnte ich sie essen, ohne dass Raphael davon schlecht wurde. Ich liebe den Geruch, den sie beim Schälen verströmen. Zurück im Zimmer hatte sich Raphael umgezogen und las in einem Buch. Er trug dicke weiße Sportsocken, eine schwarze Jogginghose und einen warm aussehenden grauen Pullover. Er sah kurz von seinem Buch auf und unsere Blicke verfingen sich ineinander.
   »Was liest du?« Ich platzierte die Mandarinen auf der Fensterbank. Draußen war es stockfinster, aber Raphael hatte die Schalter für unsere Lichterketten gefunden. Das Licht im Zimmer war zwar gemütlich, aber zum Lesen zu dunkel.
   »No Exit von Daniel Grey Marshall«, antwortete Raphael. »Ich muss über die Ferien eine Buchbesprechung dazu schreiben.«
   »Also leichte Kost«, sagte Gina lachend und positionierte ihren Laptop. »Wie wäre es jetzt mit Disneys Weihnachtsgeschichten?«
   »Au ja.« Ich freute mich und kramte mir eine bequeme Hose aus dem Schrank. Ich weiß nicht, was in mich gefahren war, plötzlich stand ich mit schwarzem Spitzenslip bekleidet im Zimmer. Macht der Gewohnheit. Raphael vergessend, hatte ich mir die Jeans ausgezogen. Schnell schlüpfte ich in eine Stoffhose. Verlegen sah ich über die Schulter zu Raphael. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich unsere Blicke, bevor er erneut in das Buch sah und es höher hob.
   »Guckst du mit, Raphael?« Gina versuchte, den Laptop so zu stellen, dass sie von oben und ich von unten aus dem Bett sehen konnte.
   »Guckt ihr nur«, sagte er, ohne aufzusehen.
   Ob ihm der Blick auf meinen Po unangenehm gewesen war? Er musste niesen und in mir drang alles danach, seine Stirn zu fühlen, aber ich widerstand dem Verlangen. Ich war nicht seine Mutter. Dennoch … seine Augen heute Nachmittag gingen mir nicht aus dem Kopf. Ihr Leuchten, als er mit den Kindern gesungen hatte und die Melancholie, als er aus dem Zimmer des schwerkranken Jungen gekommen war. Dazu sein Duft. Als er mir in das Engelsgewand geholfen hatte, hatte ich mich ein wenig angelehnt und wäre fast in Ekstase verfallen. Mein Körper kribbelte bei dem Gedanken daran. Dieser frische, belebende Duft nach … nach dem Leben. Als hätte man alle wunderschönen Momente genommen und ihre Essenz in einen Duft verwandelt. Ich kuschelte mich ins Bett, während Gina am Laptop beschäftigt war. Aus den Augenwinkeln sah ich Raphael, der verstohlen in meine Richtung blickte. Beobachtete er mich? Das konnte ich nicht sagen, dafür hätte ich ihn ansehen müssen und das kam nicht infrage. Endlich startete der Film. Ich wollte mich auf Mickey Mouse und Konsorten konzentrieren, aber es gelang mir nicht. Ständig kreuzten sich Raphaels und meine Blicke. Anfangs sah er peinlich berührt weg, später lächelte er und widmete sich einen Moment seinem Buch, nur um mich erneut anzusehen.
   Seit einer halben Stunde hatte er keine Seite umgeblättert. Ich bezweifelte, dass das an seinem Lesetempo lag. Leise lachte er auf und deutete über mich. Ich kletterte aus dem Bett und sah zu Gina. Sie schlief und sabberte dabei ein wenig. Ich roch ihn, bevor ich seine Anwesenheit hinter mir bemerkte. Die Härchen auf meinen Armen stellten sich auf, als wollten sie sich ihm entgegenrecken. Dieser Duft war so …
   »Schau an, unsere Kleine. Wie friedlich sie schläft.«
   Ich knuffte ihn auf den Oberarm, jedenfalls hatte ich das vorgehabt. Langsam öffnete ich meine Faust und ließ die Hand auf seinem Arm liegen. Gebannt starrten wir auf die Stelle, an der ich ihn berührte. Der Pullover war dazwischen, trotzdem spürte ich seine Wärme, als würde ich die Haut berühren. Tief in mir drin kribbelte es. Es war, als würde sich mein Unterleib mit Hitze füllen. Ich wollte mehr. Ich schluckte und schloss einen Moment die Augen. Als ich sie öffnete, war Raphaels Gesicht so nah, dass sich unsere Nasenspitzen fast berührten. Er hob die Hände und zog mich näher zu sich heran. Seine türkisfarbenen Augen funkelten unnatürlich hell. Wie Suchscheinwerfer erfassten sie mich und ließen mich nicht los. Meine Lippen wurden trocken, der Mund wässrig. Jede Faser im Körper schrie auf. Raphael strich über meine Arme und legte die Hand schließlich in meinen Nacken. Mit der anderen wanderte er die Wirbelsäule hinunter und hinterließ einen kribbelnden Schauder von Hitze. Am Po angekommen, zog er mich an seinen Körper. Mein Becken wurde an seines gepresst. Ich schluckte, konnte kaum noch Luft holen. Raphael atmete umso heftiger. Ich schrie innerlich vor Verlangen, ihn zu küssen. Da er zögerte, presste ich mich fester an ihn. Ich wollte ihm zeigen, dass ich mehr als gewillt war, mich auf ihn einzulassen. Ein kleiner Schauder durchfuhr ihn, seine Lippen kamen näher. Sie berührten meine zart wie ein Schmetterling.
   Unvermittelt wich er zurück, hielt sich die Hände vor die rechte Schläfe und verrenkte den Rücken seltsam. »T… t… tut mir leid.«
   Ehe ich etwas sagen konnte, stürmte er aus dem Zimmer. Ein mieses Gefühl überkam mich. War ihm schlecht geworden? Meinetwegen? Ich zitterte am ganzen Körper, deshalb setzte ich mich auf das Bett und rieb mir abwechselnd die Oberarme. Nein, das konnte es nicht gewesen sein. Ich hatte ihn gespürt … in mehrfacher Hinsicht. Es hatte ihm gefallen. Was hatte ihn gestört? Bekam er Kopfschmerzen, wenn er erregt war? Er hatte sich die Schläfe gehalten. Ich konnte nicht klar denken. Mein ganzer Körper schien in einer Welle von Verlangen zu vibrieren. Ich würde kalt duschen gehen müssen oder irgendetwas anderes, um mich abzulenken. Rastlos stand ich auf und ging im Zimmer auf und ab. Nach einigen Runden entschied ich, Raphael zu suchen und die Sache aufzuklären. Doch er schien wie vom Erdboden verschluckt. Als ich ihn um dreiundzwanzig Uhr noch nicht gefunden hatte, ging ich ins Zimmer.
   »Es tut mir so leid, Kiki.«
   Das Flüstern kam aus der Ecke, wo Alinas Bett stand.
   Ich zuckte zusammen und entdeckte Raphael an die Wand gekauert. Leise ging ich zu ihm und setzte mich auf das Bett. »Was ist passiert?«
   Er sah verlegen zu Boden und schien nach Worten zu suchen. Ich ließ ihm die Zeit.
   »Ich hätte erst gar nicht …« Er seufzte. »Ich bringe es nicht übers Herz, dich anzulügen. Können wir die Sache nicht einfach vergessen?«
   Vergessen? Wie sollte ich das vergessen? Mein Herz hörte nicht auf, gegen die Brust zu hämmern, die Kohlen, die er angezündet hatte, glühten heftig. »Schlaf eine Nacht darüber«, sagte ich schließlich kraftlos und ließ ihn sitzen. Er rief nach mir, aber ich ignorierte es und kuschelte mich ins Bett.

*

»Kiki?«
   Jemand rüttelte an mir.
   »Kiki?«
   Ich öffnete die Augen und sah zu meinem Wecker. 5:33 Uhr in der Früh. Raphael stand vor meinem Bett.
   »Kiki? Würdest du mit mir an die frische Luft gehen?«
   Was? Wer? Wie? Wo? Ich rieb mir die Augen und setzte mich auf. Langsam schob ich die Füße in meine Hausschuhe und kratzte mich gar nicht damenhaft am Kopf. »Wovon sprichst du?« Ich gähnte. »Bist du irre?« Bei dem Schnee und der Kälte rausgehen, zu der Uhrzeit?
   »Was ist da unten los?«, maulte Gina.
   Ich schob Raphael vom Bett weg und öffnete meinen Kleiderschrank. »Gib mir fünf Minuten.« Die Neugier trieb mich an, denn ich war fest davon überzeugt, dass er mit mir über den gestrigen Abend sprechen wollte.
   Draußen war es stockfinster. Der Park war von kleinen Gehweglampen erhellt, die den Schnee gespenstisch glitzern ließen. In dicken Stiefeln und einem langen, warmen Mantel ging ich neben Raphael durch die klirrend kalte Morgenluft. Es begann leicht zu schneien. Kleine weiße Flocken fielen in Raphaels schwarzes Haar und glitzerten dort wie Diamanten. »Also, warum machen wir das hier?«
   »Weil ich dir etwas zeigen möchte, bevor meine Geschwister wiederkommen oder … mich der Mut verlässt.«
   »Okay.« Ich war gespannt wie ein Flitzebogen. »Wo gehen wir hin?«
   »Ein Stück weg vom Internat.«
   Ich sah ihn von der Seite an. »Du hast nicht vor, mir meine Extremitäten abzuschneiden und dann im Schnee um sie herumzutanzen?«
   Raphael lachte nicht. Er sah mich an, als wäre ich irre. »Kiki, das ist mir ernst.«
   »Was kann so schlimm sein, dass du mich zu dieser Uhrzeit im Stockdunkeln durch den Schnee jagst?«
   »Es tut mir leid, es geht nicht anders. So ist es am sichersten.«
   Raphael war nervös. Seine Hände, die nicht wie meine in Handschuhen steckten, waren knallrot. Zitterten sie vor Kälte oder Aufregung? Wir kamen an dem Ende des Parks an, wo viele Tannen standen, die einen dichten Sichtschutz boten. Nur das Licht einer Straßenlampe drang hindurch.
   Raphael drehte sich mir zu und seufzte. Nervös sah er nach oben. »Ich weiß, ich habe das nicht mit dir abgesprochen, Vater. Aber ich muss das tun.«
   »Mit wem sprichst du?« Ich sah nach oben und ein flaues Gefühl breitete sich in der Magengrube aus. Irgendetwas sagte mir, dass ich besser rennen sollte. »Hör mal, wir sollten lieber wieder reingehen.« Ich wollte gehen.
   Raphael hielt mich fest. »Fürchte dich nicht.«
   Zweifelnd sah ich ihm in die türkisfarbenen Augen. Ein goldener Schleier hatte sich über sie gelegt und ließ sie seltsam aufglühen.
   »In der Nacht, in der wir uns das erste Mal trafen …«
   Ich schluckte. Mein Überlebensinstinkt schrie mir in die Ohren, dass ich die Beine in die Hand nehmen sollte. Ich kannte ihn kaum und hier würde mich niemand hören.
   »… Kiki, du hattest recht. Du bist vom Dach gefallen.«
   Ich lachte ungläubig. »Genau, und jetzt bin ich tot und im Himmel.«
   »Der Himmel ist gar kein schlechtes Stichwort.« Raphael sah zu Boden.
   War er übergeschnappt? »Hör zu, sag mir endlich, was du willst, denn langsam werde ich nervös. Komm zum Punkt!«
   »Okay.« Er seufzte und schloss die Augen. »Mein Name ist weder Raphael noch sind Michael und Maria meine Geschwister. Ganz nebenbei sind auch ihre Namen Tarnung.«
   »Mir reicht es jetzt.« Ich drehte mich um. Nach ungefähr fünf Schritten packte mich Raphael und hielt mich fest. Panik überkam mich. »Lass mich los!« Mein Herz trommelte. Wie konnte man sich so in einem Menschen irren? Wie konnte jemand mit so einer Doppelmoral leben? Einerseits kranke Kinder zum Lachen bringen und dann Mädchen im Park erschrecken.
   »Kiki, bitte.« Seine Stimme klang sanft.
   »Lass mich los!«
   »Das mache ich sofort. Nur … bitte, dreh dich zu mir um. Hör dir an, wie ich wirklich heiße. Dann lasse ich dich sofort gehen.«
   Ich würgte einen Kloß hinunter und nickte. Es blieb mir keine andere Wahl. Ein Windstoß ging durch die Bäume, als hätte jemand eine übergroße Decke aufgeschlagen.
   Raphael ließ mich los. »Ich dachte mir, du würdest gern wissen, wen oder was du küsst.«
   Ich schloss meine Augen und drehte mich um. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich sie zu Fäusten ballte. Schneeflocken fielen mir ins Gesicht und schmolzen auf meinen Wangen, wo sie wie kleine Nadelstiche brannten. In Erwartung eines Messers oder einer Waffe öffnete ich die Augen und erstarrte augenblicklich zu Eis. Wie in Zeitlupe bewegte ich den Kopf von links nach rechts, damit ich die komplette Gestalt wahrnehmen konnte.
   »Mein Name ist Cassiel«, sagte das Wesen. »Ich bin ein Engel Gottes.«
   Mein Mund stand offen, die Augen brannten, weil es mir unmöglich war, sie zu schließen. Die Beine waren wie in Ton gegossen. Raphaels … Cassiels Gesicht erschien mir fremd. Seine Augen wirkten intensiver. An der linken Schläfe war um das Auge ein goldenes Ornament gezeichnet. Ein Tattoo? Es pulsierte, als wäre es lebendig. Da war noch etwas. Etwas, das ich nicht wahrhaben wollte. Gewaltige weiße Flügel. Sie … sie sahen echt aus. Nicht wie die, die ich gestern im Krankenhaus getragen hatte. Der linke Flügel war verletzt und leicht abgeknickt. Es fehlten Federn und man konnte eine Wunde erkennen.
   Das Wesen folgte meinem Blick. »Ich … ich habe den Abstand zur Wand falsch eingeschätzt, als du gefallen bist.«
   Der Flügel kam langsam näher, sodass ich es besser sehen konnte.
   »Es heilt bereits wieder.«
   Ich schaffte es, zu schlucken, bevor ich an meiner eigenen Spucke zu ersticken drohte.
   »Leider habe ich einige Federn gelassen, die du akribisch aufgesammelt zu haben scheinst.« Er lächelte unsicher. »Es tut mir leid, Kiki, dass ich dich im Park angeschrien habe. Ich hatte deine Einsamkeit gespürt und wollte schnell bei dir sein. Also bin ich geflogen und es hätte mich fast den Flügel gekostet. Ich hatte starke Schmerzen und war wütend auf mich. Entschuldige bitte, dass ich dich daraufhin angefahren habe.«
   Die Informationen prallten auf mich ein, doch ich war unfähig, zu sprechen. Mein Verstand wehrte sich gegen alles, was ich sah und hörte. Wie von Geisterhand geführt, hob ich die Hand, um den Flügel zu berühren. Es waren Federn und Knochen, die sich verdammt echt anfühlten. Ich erblickte den leichten Goldstaub, der mir bei den anderen Federn aufgefallen war. »Das ist nicht real.« Ich schaffte es, diesem … Engel … ins Gesicht zu sehen. Er ließ den Kopf sinken und mit einem Mal war alles verschwunden. Die Flügel, das goldene Mal in seinem Gesicht. Er schlang die Arme um sich und sah mich frierend an.
   »Lass uns reingehen, bevor du dich erkältest.« Seine Stimme klang kraftlos.
   »Moment!«
   Raphael oder wer auch immer hielt inne.
   »Du kannst mir nicht so etwas zeigen und mir dann nicht sagen, wie du das gemacht hast!«
   »Wie ich was gemacht habe?«, fragte er verwirrt.
   »Na ja, das mit den Flügeln und dem Ding im Gesicht.« Letzteres erschien um sein rechtes Auge.
   »Mein Mealar? Es ist ein Mal Gottes. Es zeigt, dass ich zu ihm gehöre.« Es verschwand wieder.
   »Wie machst du das?« Er musste mir endlich die Wahrheit sagen. Er konnte doch nicht …
   »Kiki, ich bin kein Mensch. Ich weiß nicht, wie ich dir erklären soll, wie ich es zeigen und verschwinden lassen kann. Ich weiß nur eins: In deiner Gegenwart ist es mir immer verdammt schwergefallen, mein wahres Gesicht zu verstecken.«
   »Raphael, Mann, hör auf, mich anzulügen! Was soll das Ganze?«
   Er starrte mich mit einer Mischung aus Unverständnis und Wut an. Dann raufte er sich die Haare und begann hin und her zu laufen. »Ihr Menschen macht mich wahnsinnig. Ihr singt Lieder über Engel, tragt Schmuckstücke mit angeblichen Abbildern von uns, aber wehe es begegnet euch einer. Dann seid ihr so ungläubig, wie … wie … ach, mir fällt kein Gleichnis ein.«
   Ich wollte etwas erwidern, da klatschte jemand zwischen den Tannen in die Hände. Raphael zog mich alarmiert an sich.
   »Eine herrliche Stelle«, sagte die Stimme eines Mannes.
   Raphael schob mich hinter sich.
   »So schön eng und für Flügel gar nicht geeignet. Zu viele Bäume. Und dann ist ein Flügel verletzt.« Er lachte. »Sollte es diesmal ein fairer Kampf werden?«
   Kampf? Wer war das? Wer wollte hier kämpfen?
   »Zeig dich!«, forderte Raphael.
   Ein Mann in einem langen Mantel trat zwischen den Bäumen hervor. Ich sah an Raphaels Schulter vorbei und erkannte ein junges Gesicht. Der Fremde konnte nicht viel älter sein als wir. Er hatte das gleiche Mal im Gesicht wie Raphael, nur war seines … schwarz. Als er meinen Blick erwiderte, versteckte ich mich. Mein Atem ging heftig.
   »Lauf!«, flüsterte Raphael mir zu. »Lauf!«
   Ich konnte nicht. Meine Füße wollten mir nicht gehorchen. Es war, als würden sie ihren Dienst versagen.
   »Ts, ts, ts … Cassiel, darfst du das überhaupt? Hat Vater dir erlaubt, ein Mädchen zu suchen?«
   »Er ist nicht mehr dein Vater. Du hast ihm vor langer Zeit den Rücken zugewandt.«
   »Na los, Cassiel, küsse sie! Wenn du Glück hast, darfst du in ihrem Schoß die Erlösung finden, nach der du dich so lange sehnst.« Er lachte. Gemein und teuflisch. »Dann fällt Cassiel und die Menschheit stürzt in tiefe Trauer.«
   »Das wird nicht passieren, Kamael.«
   »Och, es ist zu süß zu sehen, wie du das kleine Püppchen versteckst.«
   Ich sah vorsichtig über Raphaels Schulter. Als Kamael »Guck-guck« rief, setzte mein Herz einen Moment aus.
   »Verschwinde!«, flüsterte mir Raphael erneut zu.
   »Lass sie doch zusehen.« Kamael lachte.
   Als Raphael mich zur Seite stieß, krabbelte ich zur nächsten Tanne und krallte mich an die Rinde. Er zeigte seine Flügel, die sich bedrohlich aufbauten.
   »Die nützen dir hier nichts. Oder möchtest du in einer Tanne hängen bleiben?«
   Durch die hoch aufgestellten Flügel konnte ich keine Köpfe, jedoch die Körper sehen. Raphael streckte die rechte Hand aus und wie von Zauberhand erschien ein Schwert. Blaue Flammen züngelten um die Klinge.
   »Oh, ein Update«, sagte der Fremde ironisch. »Du bist doch gar kein Krieger.«
   »Es sind harte Zeiten.«
   »Ja, nur lebt ihr Goldenen in der Vergangenheit.«
   Kamael zog einen Gegenstand aus der Manteltasche. Ehe ich registrieren konnte, um was es sich handelte, knallte ein Schuss. Das Geräusch war laut und dröhnend. Erschrocken schloss ich die Augen, hielt mir die Ohren zu und schrie laut auf. Ich kannte Pistolen aus Filmen, nie im Leben hätte ich gedacht, dass sie so laut und markerschütternd waren. Oh mein Gott, Raphael. Ich öffnete die Augen. Eine gleißende Wand aus reinem weißem Licht trennte ihn von Kamael.
   »Du glaubst doch nicht wirklich, dass du mich damit treffen kannst?« Raphael seufzte.
   Kamael lachte spöttisch. Die Wand aus Licht verschwand. Ich ballte meine zitternden Hände zu Fäusten und versuchte, mich hinter der Tanne zu verstecken. Meine Knie waren weich wie Pudding. Ich hatte Angst. Wenn ich noch mal die Aufmerksamkeit auf mich ziehen würde, wäre ich tot. Also versuchte ich, still zu atmen und meinen Herzschlag zu beruhigen. Vergebens. Als Kamael ebenfalls ein Schwert aus dem Nichts zu holen schien, standen mir Tränen der Angst in den Augen. Die Flammen, die sich um seine Klinge wanden, waren feuerrot.
   »Wie?« Raphael war offensichtlich überrascht und ließ seine Flügel verschwinden.
   »Schöne Grüße vom Lichtbringer.« In Kamaels Stimme lag ein tiefes Grollen.
   »Kamael, du wandelst auf dem falschen Weg.«
   »Nein, Cassiel. Ich war es leid, zu katzbuckeln und diesen undankbaren Amöben den Hintern nachzutragen.«
   »Dafür küsst du jetzt Luzifers Hintern? Hast du eine Ahnung, was dein Fall vor Jahrzehnten bewirkt hat? Immer mehr Menschen sind unzufrieden. Schönheit wird ad absurdum geführt.«
   »Na und? Das ist nicht mehr mein Problem, Cassiel.«
   »Dafür wurdest du erschaffen.«
   Ich konnte an Kamaels Körperhaltung erkennen, dass ihn das Thema aufregte. Er zappelte nervös auf der Stelle herum. Sein Atem zitterte vor Wut und Anstrengung, als er weitersprach.
   »Ich bin niemandes Sklave.«
   »Es ist Gottes Plan, Kamael. Wir sind, was wir sind.«
   »Gottes Plan?« Spott und Abscheu troff aus Kamaels Stimme. Er spuckte laut und effektvoll auf den Boden. »Diener sind wir. Bessere Sklaven. Selbst die Menschen haben Sklaven abgeschafft.«
   »Du …«
   »Die Zeit der Engel ist vorbei, Cassiel.« Kamaels Stimme klang nun kraftlos und eine Melancholie schwang in ihr mit. »Schnapp dir das Mädchen und lebe dein Leben. Das Projekt Menschheit ist gescheitert. Gott muss sterben. Warum wollt ihr das nicht sehen? Wieso müssen wir euch töten, bis nur noch zwei übrig sind?«
   »Würdest du das wollen?«, sagte Raphael mit sanfter Stimme. »Möchtest du wirklich unseren Vater töten? Wenn ja, hier ist mein Herz.« Er ließ sein Schwert in den Schnee fallen. »Töte mich und Gott stirbt.« Seine Flügel erschienen, als er sich in den Schnee kniete. »Ich bin es leid, mich zu verstecken.«
   Ich konnte wegen der Flügel nichts erkennen, doch Kamael schien zu zögern.
   »Ich bin einer der letzten Drei. Töte mich und die Dreifaltigkeit ist aufgelöst und Vater …«
   »… stirbt«, beendete Kamael den Satz.
   Raphaels Kopf sank vornüber. Der Schnee knirschte unter Schritten. Mit dem Ärmel rieb ich mir Tränen aus den Augen. Verzweifelt befahl ich meinen Beinen, mich wegzutragen, doch ich konnte nicht. Wenn dieser Kerl Raphael tötete, war ich als Nächste dran. Die Schritte stoppten.
   »Leb wohl, Bruder«, sagte Kamael.
   Ein Zucken ging durch Raphaels Körper. Ich schrie auf, als eine Säule aus Licht zum Himmel schoss. Sie verformte sich zu einer menschlichen Figur mit Flügeln, dann war alles vorbei. Der Schrei in meiner Kehle ebbte ab. Ich starrte auf Raphael, der im Schnee kniete.
   »Ruhe in Frieden, Kamael«, flüsterte er leise.

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