In einem Brief an den Papst warnt die heilige Apollonia vor ihrem Sohn, einem Halbvampir, der die Weltherrschaft an sich reißen will. Pater Comitti, der Archivar des Vatikans, traut seinen Augen nicht, als er bei der Ablage feststellt, dass diese Warnung bereits seit über 300 Jahren ausgesprochen wird. Doch erst als er und der Sicherheitschef des Vatikans die Biografie lesen, die dem Schreiben beiliegt, wird Comitti klar, dass er sich mitten in einem Kampf befindet, der schon seit Jahrhunderten ausgefochten wird. Die Zukunft der Welt liegt nun in seinen Händen …

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ISBN: 978-9963-52-283-5

Seiten: 326

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Antonia Günder-Freytag

Antonia Günder-Freytag
Antonia Günder-Freytag, 1970 geboren, lebt mit ihrer Familie in München. Nach ihrem Debüt als Fantasy-Autorin zog es sie zu den klassischen Kriminalromanen. Inspiriert von Agatha Christie schreibt sie an einer Krimireihe um Kommissar Konrad von Kamm, der bereits seinen fünften Fall in München auflöst. Da ihr Motto „Nichts ist tödlicher als die Routine“ lautet, arbeitet sie im Moment neben ihren Krimis an einem Thriller und einem Mittelalterepos.

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Leseprobe

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Prolog
Das Feuer war längst erloschen. Vereinzelt glommen durch den böigen Nachtwind übrig gebliebene Holzstücke auf. Der Himmel im Osten schien die Feuersbrunst, die in der Nacht getobt hatte, in seinen Farben aufnehmen zu wollen. Dunkle, zerfetzte Sturmwolken zogen über den orangefarbenen Sonnenaufgang. Die blasse Sichel des Mondes würde bald untergehen.
   Der Mann ließ sich auf die Knie fallen und begann, mit bloßen Händen zu graben. Er musste sich beeilen. Die glühenden Hölzer, die seine Hände verbrannten, störten ihn nicht. Seine Nägel waren lang und hart. Ein Grab sollte es werden. Ein Grab, groß genug, um einen ausgewachsenen Mann zu bestatten. Mit halb geschlossenen Augen drehte er sich zu dem Baum, an dem er in friedlichen Kindertagen geschaukelt hatte. Sie hatten seinen Vater erhängt wie eine Katze.
   »Ich habe alles verkehrt gemacht«, murmelte er und schaufelte das Grab zu. Er stand auf und klopfte sich die Erde von der Kleidung. »Ich verspreche dir, ich werde sie finden. Ich werde nicht eher ruhen. Das schwöre ich dir.«
   Nach einem stillen Gebet rief er sein Pferd und saß auf. Heute würde er nicht mehr nach ihr suchen können. Heute nicht.
   Drei Frauen traten aus dem Unterholz. Er folgte ihnen schweigend.

Papst Benedikt XVI
Vatikan
Rom

Rom, 31.10.2012

Heiliger Vater,

ich bete, dass Ihr mein Schreiben erhaltet und ernst nehmt. Unser aller Leben, die gesamte Weltordnung hängt davon ab.
Wir bewachen den Vatikan seit Jahrhunderten und konnten bisher das Schlimmste verhindern. Aufgrund neuer DNA- und Gentechnologie erwarten wir einen Angriff auf die Reliquienkammer des Vatikans und befürchten, dass unser Schutz nicht mehr ausreicht.
Ich möchte Euch eindringlich aufrufen, diesen Zeilen Beachtung zu schenken und die Sicherheitsmaßnahmen zu erhöhen!
Anbei überlasse ich Euch Aufzeichnungen, die überzeugen werden.

In großer Sorge
Apollonia


Rom, Vatikanstadt
1. November 2012

Am späten Nachmittag kamen die Untersekretäre und holten die Ablagekörbe ab.
   Pater Andrea Comitti war derjenige, der sich des Korbs für Prophezeiungen und Warnungen annahm. Seine Aufgabe war es, die Schreiben im Archiv einzuordnen. Er liebte diese Tätigkeit. Obwohl in den Kellergewölben tief unter der Vatikanstadt Elektrizität verlegt worden war, strahlten die Räume noch die – für ihn – behagliche Düsternis aus.
   Er hatte sein Büro in der dunkelsten Ecke eingerichtet und genoss es, von dort aus in die Gänge zu blicken, die übervoll von Schriften waren. Wie viele verrückte Gedanken waren dort versammelt! Welche Schicksale, die hinter den Schriften versteckt waren, gab es zu ergründen! Stunden verbrachte er damit, Briefe zu lesen. Stunden, um für die armen Seelen, die diese verfasst hatten, zu beten. Heute war der Eingangskorb relativ leer. Zum Jahrtausendwechsel war das anders gewesen. Er hatte Hilfe gebraucht, um die eintreffenden Briefe in die tief gelegenen Räume zu tragen und einzuordnen. Aber nun, zwölf Jahre nach dem Wechsel, hatten sich die Prognosen überlebt, nichts von alledem war eingetreten. Er dankte Gott dafür.
   Andrea Comitti machte die Lampe über seinem Schreibtisch an und setzte sich mit dem Eingangskorb hin. Seine Knie schmerzten. Er seufzte und rieb sich die müden Augen. Unmengen hatte er in seinem Leben gelesen. Nicht nur die Knie waren alt geworden, auch seine Augen. Der Arzt hatte ihm Tropfen verschrieben und ihm geraten ins Grüne zu sehen und weniger zu lesen. Er lächelte. Seit er ein junger Bursche gewesen war, las er. In seinem Theologiestudium hatte er ganze Abhandlungen über Theorien der Zwischenwelt verschlungen. Er war ein Gelehrter, wenn es sich um Aberglaube, Exorzismus oder Hexen handelte. Er liebte Geschichten von Vampiren und hatte, wie er glaubte, fast alles über sie gelesen. In verschiedenen Sprachen. Er beherrschte sieben davon.
   Heiliger Vater, …
   Comitti las die Zeilen, und da sie weiter keine Informationen über den Absender beinhalteten, legte er den Brief zusammen mit dem Stapel Papieren unter dem Buchstaben ‚A‘ wie Apollonia ab. Auf den langen Tisch mit seiner Erfindung war er stolz: Er hatte den Tisch mithilfe von buntem Klebeband in DIN A4 große Flächen eingeteilt und diese mit den Buchstaben des Alphabets gekennzeichnet. So ließ sich Zeit sparen. Zeit, die er zum Lesen nutzte. Als er alle Posteingänge sortiert hatte, machte er sich daran, sie einzusortieren.
   »Apollonia«, murmelte er vor sich hin. Er zögerte. Vorhin war es ihm so vorgekommen, als ob ihm der Name im Archiv schon mal begegnet wäre.
   Heilige Apollonia. Patronin der Zahnärzte, fiel ihm ein, als er mit dem Finger das Regal A entlangstrich. Zögernd griff er nach einem dicken Ordner, eher eine altmodische, durch das Alter mürbe gewordene Kladde. Er war mit der Umstellung und der Modernisierung noch lange nicht fertig. Wahrscheinlich würden noch ganze Generationen gebraucht, bis das Archiv des Vatikans je gesichtet war.
   Apollonia hatte, wenn es sich um diese Apollonia handelte, dem Vatikan unlängst geschrieben. Er nahm die Kladde und blätterte sie kurz durch. Wie es ihm auf den ersten Blick schien, waren alle Briefe von derselben Handschrift. Als er nach hinten blätterte, stutzte er: das Datum! Datiert anno 1751. Daneben das Siegel des Vatikans! Er nahm die Kladde, legte sie vorsichtig auf seinen Schreibtisch und verteilte die weiteren Posteingänge. War es möglich? Konnte es dieselbe sein?
   Er konnte sich kaum konzentrieren und musste ein paar Mal überprüfen, ob er die Post richtig einsortiert hatte. Doch er war ein Pedant. Bevor er sich mit einem Schreiben aufhielt, wurde erst die tägliche Arbeit vollendet. Als er mit seiner Tätigkeit fertig war, schlug er die Kladde von hinten auf. Der älteste Brief, vergilbt und rissig, war datiert anno 1695, er begann wie der letzte, der heutige: Heiliger Vater …
   Er war kein Schriftgelehrter, und doch war die Schrift für sein erfahrenes Auge identisch mit der Schrift des zuletzt Datierten. Der Inhalt war ähnlich, nur nicht so dringend. Er blätterte weiter: In unregelmäßigen Abständen hatte Apollonia an den Vatikan geschrieben. Zuletzt dringender. Der letzte Brief stammte aus dem Jahre 1941. Da hatte er hier noch nicht gearbeitet. Wie auch? Es war sein Geburtsjahr. Er lächelte. Lange saß er still über der alten Kladde und hielt den aktuellen Brief in der Hand. Bei den Aufzeichnungen handelte es sich um einen circa zwei Zentimeter hohen Stapel DIN A4 Blätter.
   Unschlüssig sah er von der alten Kladde zu dem Stapel mit den Aufzeichnungen. Dann straffte er seine Schultern und hatte sich entschieden: Er würde die beigefügten Seiten lesen. Heute Nacht. Dann würde er einen Schriftgelehrten hinzuziehen, falls es nötig war. Wahrscheinlich war alles nur ein Schwindel, oder seine Mitbrüder wollten sich einen Scherz mit ihm erlauben. Andrea Comitti nahm die Kladde, legte den Blätterstapel dazu und schloss beides in seine braune Ledertasche. Den Ausgangskorb in der Rechten löschte er das Licht und begab sich zur Abendandacht.
   Er stieg die langen Treppen des Vatikans hinauf und versuchte, den Schmerz in seinen Knien zu ignorieren.

Rom, Vatikanstadt
1. November 2012, nachts

Das Erste, was ihm im Zimmer auffiel, war, dass es keinen Fernseher gab. Die kleine Zelle, die wohldurchdacht aufgeteilt war, enthielt allem Anschein nach vorwiegend Bücher. Er beugte sich über ein Werk, das auf dem Nachttisch lag, und las den Titel: Das Leben nach dem Tod. Neben dem Tisch stand ein sorgsam gemachtes Bett. Auch auf dem Tisch, der zwischen zwei gemütlich aussehenden Sesseln stand, stapelten sich Bücher. Teils waren sie aufgeschlagen, teils geschlossen. Er machte Licht, obwohl es nicht nötig gewesen wäre, und sah sich um. Die Wand zur Rechten beherrschte ein Bücherregal, das bis zur Decke reichte. Lächelnd neigte er den Kopf zur Seite und las die Titel. Viele religiöse Werke fand er, nach Titeln nicht nach Autoren geordnet, und, was er am interessantesten von allem fand, zwischen den philosophischen Texten befanden sich aktuelle Werke. Sie handelten von Vampiren, Scheintoten und unglaublichen Phänomenen. Schillers Wilhelm Tell stand nach einer Abhandlung über Werwölfe und vor Goethes Werther, Tolstois Krieg und Frieden gleich neben Interview mit einem Vampir. Wilhelm Buschs Hausbuch lehnte an einem Werk über den Holocaust. Die Bücherwand gefiel ihm. Auf dem Schreibtisch, der vor dem kleinen, offenen Fenster stand, entdeckte er den Grund seines Eindringens. Er betrachtete den Stapel loser Blätter und die Kladde, in der noch andere Schriftstücke lagen, und blätterte müßig darin herum. Es wäre ein Einfaches gewesen, sie an sich zu nehmen und der Sache keine weitere Beachtung zu schenken. Der Aufruhr und die Untersuchungen, die darauf erfolgt wären, brauchte er nicht zu fürchten. Doch er wollte es anders. Er setzte sich in den Sessel unter der Leselampe und wartete. Lächelnd fuhr er sich mit der linken Hand, die einen auffallenden Siegelring trug, über sein dünnes Oberlippenbärtchen.
   Sein gesamtes Erscheinungsbild war antiquiert, doch es wurde allgemein angenommen, dass es sich um eine Marotte handelte. Sein Auftreten war korrekt, seine Art entsprach einer Höflichkeit, die man heute nur noch selten antrifft, und sein Leumund war untadelig. Nicht umsonst war Michail Arconoskij zum Sicherheitschef des Vatikans gewählt worden. Er führte einen Stab von mehr als hundert Angestellten und machte seinen Job gut. Nichts geschah im Vatikan, was er nicht wusste. Kein Mensch betrat den Vatikan, ohne dass er es registrierte. Es gab kein Schriftstück und kein Päckchen, das abgegeben wurde, ohne dass er darüber Bescheid gewusst hätte. Selbst die geheimsten Gedanken der Würdenträger waren ihm bekannt.
   Endlich – es erschien ihm, als wären Stunden vergangen – hörte er, wie sich der Schlüssel in der Tür drehte. Er musterte den Eintretenden träge. Wie simpel die Menschen gestrickt sind, dachte Arconoskij und lächelte Pater Andrea Comitti besänftigend in sein rundes, gutmütiges Gesicht. Der Pater schrak zusammen, als er die dunkle Gestalt in seinem Raum bemerkte. Wie war dieser Mensch in sein Zimmer gekommen? Was wollte er von ihm? Diese und weitere, noch nicht fertig formulierte, Gedanken schossen dem kleinen, stämmigen Mann durch den Kopf, als er den Sicherheitschef in seinem Lieblingssessel sitzen sah.
   Bevor er etwas sagte, rief er sich zur Ordnung. Er war ein äußerst bedächtiger Mensch, der sich nicht leicht aus der Ruhe bringen ließ und einen klaren, analytischen Geist besaß.
   »Guten Abend Pater, ich hoffe, ich habe Sie durch mein eigenmächtiges Eindringen nicht allzu sehr aus der Fassung gebracht.« Michail Arconoskij blieb ungerührt sitzen und deutete lediglich eine knappe Verbeugung an, während ihn der Pater weiterhin verwirrt anstarrte.
   Natürlich konnte dieser Mensch mein Zimmer betreten, rief der Pater sich zur Ordnung, schließlich ist er der Sicherheitschef. Er wird einen Universalschlüssel besitzen. Unangenehm, der Gedanke. Unangenehmer Bursche. Wie hieß er noch mal? Pater Comitti kramte in seinen Erinnerungen, aber der Name wollte ihm nicht einfallen.
   »Michail Arconoskij«, antwortete der unerwünschte Besuch seinem Gedanken.
   Comitti, dessen Blick auf seiner Bücherwand geruht hatte, sah den Sicherheitschef an, als würde er ihn erst jetzt zur Kenntnis nehmen. Er hatte die unpraktische Angewohnheit sich so in einen Gedanken zu vertiefen, dass er schließlich nicht mehr wusste, warum er überhaupt mit diesem begonnen hatte und welches Ziel dieser verfolgte. Seine Erinnerung war zu dem Tag, an dem der neue Sicherheitschef vorgestellt wurde, gewandert. Zu dem Buch, das er damals gelesen hatte. Es war eine Art Gedächtnistraining für ihn, herauszufinden, welches Buch er zu welcher Zeit gelesen hatte. Nicht immer entsann er sich, aber in den meisten Fällen glückte es ihm. Wie jetzt. Ein glückliches Strahlen huschte über das runde Gesicht mit den klugen grauen Augen.
   Jeder andere hätte gedacht, das Lächeln würde ihm gelten. Arconoskij wusste es besser und schickte ihm ein ebenbürtiges Lächeln, das auch nicht sein Gegenüber meinte, sondern die Tatsache, dass dieser alte Mann ein Sonderling war.
   Arconoskij waren die Menschen gleich. Sie langweilten ihn. Diesen Pater, der ihn immer noch unverwandt ansah und bisher keinen Ton gesagt hatte, fand Arconoskij unterhaltsam. Ein Sonderling mit einem schlauen Kopf, auch wenn er jedem etwas anderes vormachen wollte.
   Arconoskij freute sich. Er freute sich auf geistreiche Gespräche, auf die Nacht und auf sein Gegenüber. Er machte eine einladende Geste, was in Anbetracht der Tatsache, dass es das Zimmer des Paters war, sowohl unangemessen als auch dreist war. Diese Situation hatte sich innerhalb von wenigen Sekunden entwickelt, und doch hatten sich die beiden Männer in dieser kurzen Weile gemessen und ihr Urteil gefällt.
   Andrea Comitti ließ sich ächzend auf seinen Besuchersessel nieder und rieb sich die schmerzenden Knie. Der November versprach feucht zu werden, das konnte er bereits vorhersagen. Das Beten hatte sein Übriges getan. Das Niederknien war ihm schon lange erlassen worden, doch er ließ es sich nicht nehmen. Wenn er schon nicht für seinen Glauben sterben durfte und es auch keine Veranlassung dazu gab, dann wollte er wenigstens ein wenig beim Gebet leiden. Besonders gern las er über Heilige und unter welchen Qualen sie für ihren Glauben gestorben waren. Manchmal betrübte es ihn, dass er ein so ruhiges Leben im Vatikan führte, sein Glaube gar nicht infrage gestellt wurde und er nie in eine Situation kommen würde, in der er sich wie die Heiligen zu seinem Glauben bekennen und dafür sterben durfte. Nervös sah er auf die Aufzeichnungen, die Arconoskij auf seinen Knien liegen hatte, und wieder in die blauen Augen, die ihn aufmerksam betrachteten.
   »Wie kann ich Ihnen helfen, Arconoskij?«, sagte er schließlich, um das Schweigen zu brechen.
   »Ich bin wegen dieser Aufzeichnungen, die Sie heute aus dem Archiv mitgenommen haben …«
   Weiter kam er nicht, da sich Comitti aufrechter als zuvor hinsetzte und abwehrend die Hände hob. »Ich habe es im Register verzeichnet. Das hat seine Ordnung.«
   »Aber darum geht es gar nicht, mein Freund.«
   Bei der Anrede mein Freund war Comitti wie unter einem Schlag zusammengezuckt. Er hasste es, auf diese Art angesprochen zu werden, als ob man schon seit Jahren vertraut wäre. Schließlich kannte er diesen unangenehmen Menschen erst seit wenigen Minuten. Er betrachtete den Sicherheitschef erneut, diesmal um herauszufinden, was diesen Mann unsympathisch für ihn machte. Still lächelnd ließ dieser die Begutachtung geschehen. Er trug einen tadellos geschnittenen, dreiteiligen Tweedanzug in Grau, eine blaue, seine Augenfarbe unterstreichende Krawatte und schwarze, auf Hochglanz polierte Stiefeletten. Selbstverständlich waren seine Schuhe auf Maß gearbeitet, genau wie seine Anzüge. Sein Antlitz war das fein geschnittene Gesicht eines Aristokraten. Der ruhige Stolz, Neider hätten sagen können, die Arroganz, die er ausstrahlte, war seines Gesichtsschnitts ebenbürtig. Seine blauen Augen waren von dichten, dunklen Wimpern umrahmt, seine feine Haut war ungesund blass, was seinen Bartwuchs und das schmale Bärtchen auf der Oberlippe umso mehr hervorhob. Die für einen Mann zierlichen Hände hatte Arconoskij vor seinem energischen Mund, der immer zu lächeln schien, verschränkt. Er hatte lange, schmale Hände mit langen Fingern. Es war nichts an Arconoskij, das ihn auf den ersten Blick unsympathisch gemacht hätte. Ein gepflegter Mann, Anfang vierzig. Vielleicht ein wenig eitel, aber daran konnte Comitti seinen Widerwillen in Bezug auf sein Gegenüber nicht festmachen.
   »Ich habe von dem Eintreffen des Schreibens erfahren. Und da es die Sicherheit des Vatikans betrifft, bin ich verpflichtet …«, sagte Arconoskij.
   Abermals unterbrach ihn Comitti. Er war zu dem Schluss gekommen, dass es ihm egal war, warum er Arconoskij nicht leiden konnte, er wollte ihn loswerden. »Sie können es sofort haben. Selbstverständlich hätte ich es gemeldet, wenn mir die Warnung in dem Brief relevant vorgekommen wäre.«
   »Für wen halten Sie sich, dass Sie das beurteilen können?»
   Pater Comitti senkte den Kopf. »Es stand nicht in meiner Absicht, irgendetwas zu entscheiden. Sie können nicht erahnen, wie viele fehlgeleitete Geister an den Vatikan schreiben. Hunderte dieser Briefe gehen jährlich durch meine Hände. Tausende.«
   »Und doch war etwas an diesem, das Sie veranlasst hat, ihn mit nach oben zu nehmen.« Prüfend betrachtete Arconoskij das alte Gesicht.
   Der Pater errötete. Er wollte nicht zugeben, dass er sich auf eine interessante Nacht gefreut hatte. Die Tatsache, dass sich in der Kladde, die der Sicherheitschef auf den Knien hielt, Warnbriefe befanden, die vor mehr als dreihundert Jahren geschrieben worden waren, hatte ihn neugierig gemacht. »Ja, es gab etwas, das mich stutzig werden ließ. Allerdings fürchte ich, dass meine Mitbrüder dafür verantwortlich sein könnten. Sie halten mich mit meiner vielleicht sündigen Neigung zu allem Übernatürlichen für ein wenig sonderbar.« Verschämt senkte er den Blick.
   »Nun, wie ich bereits erwähnte, bin ich ebenfalls an dem Schriftstück interessiert.«
   »Dann nehmen Sie es.« Comitti richtete sich auf. »Sie haben es ja schon. Warum Sie allerdings in mein Zimmer eindringen und durch meine persönlichen Sachen schnüffeln mussten, ist mir schleierhaft.« Comitti hatte seine Sicherheit zurück und forderte Arconoskij mit hartem Blick auf.
   »Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, das ist normalerweise nicht meine Art. Allerdings konnte ich nicht wissen, wann Sie vom Gebet zurückkehren würden. Es scheint manche Abende besonders lange zu dauern. Zuweilen, wie man mir zutrug, die ganze Nacht.«
   Pater Comitti errötete erneut und zu seinem Ärger bis weit unter die nach hinten gerutschten Haarwurzeln. Er schlief häufig bei der Abendandacht ein. Bisweilen hatte er ganze Nächte in der Kapelle verbracht. Dieser Sicherheitschef schien über alles Bescheid zu wissen.
   »Sie hätten mir Bescheid geben können. Ich hätte Ihnen die Kladde sofort zukommen lassen.«
   »Seien Sie nicht erzürnt, Pater. Ich dachte mir, wir könnten uns eine gemütliche Nacht machen und den beigelegten Text gemeinsam lesen. Ich dachte, Sie lesen und ich schenke ein.« Mit einer schnellen Bewegung hatte Arconoskij eine Flasche Wein und zwei Gläser auf den Tisch gestellt. Die Kladde lag ebenso plötzlich vor Comitti, der angesichts der Wendung überrascht seine buschigen Augenbrauen runzelte. Arconoskij entkorkte den Wein, hielt sich den Korken prüfend unter die Nase und strahlte.
   Comitti war erstaunt, wie sich das Gesicht des Sicherheitsbeamten innerhalb der letzten Sekunden verwandelt hatte: War er ihm gerade noch unsympathisch und streng vorgekommen, erschien er ihm im Augenblick wie ein Schuljunge, der sich einen Streich ausgedacht hatte und sich unbändig auf etwas freute.
   Er schenkte ein und der Pater bemerkte wohlwollend, dass es sich um seinen Lieblingswein handelte. Sogar sein bevorzugter Jahrgang. Er nahm ein Schlückchen, nachdem er das Glas geschwenkt hatte, um das Bukett freizusetzen. Ein hervorragender Tropfen. Er sah Arconoskij fragend an und schlug die Kladde auf.
   »Soll ich erst die Briefe vorlesen oder gleich den Text?«
   »Den Text, Comitti, den Text. Aber zuerst lassen Sie uns auf eine Nacht trinken, die wir nie vergessen werden.« Er hob sein Glas.

1562

Mit siebzehn war ich gezwungen, dem Kloster beizutreten. Es war nicht aus freiem Willen, bei Gott nicht. Heute wäre ich dankbar, Gott auf diesem Wege dienen zu dürfen. Doch damals, als mir noch nicht klar war, dass es Kreaturen gibt, die schlimmer und erbarmungsloser sind, als ich es mir vorstellen konnte, hielt ich es für eine grausame Idee. Es war der Endpunkt, nein, das Ausrufezeichen nach einer Reihe von Torturen, die sich das Leben für mich ausgedacht hatte.
   Ich wuchs als Älteste von vier Kindern auf einem reichen Gut an der Küste von Westfrankreich auf. Mein Vater, Graf Henri de Viellvient, besaß viel Land und wie die meisten Gutsbesitzer ließ er Wein anbauen. Der Handel florierte und er hatte es zu großem Reichtum gebracht. Das äußerte sich allerdings nicht darin, dass wir Kinder besonders großzügig behandelt wurden.
   Solange unsere Mutter noch lebte, war das anders gewesen, doch ein überraschend kalter Winter und die Geburt ihres letzten Kindes hatten sie so weit geschwächt, dass sie verstarb, als ich zehn Jahre alt war. Ich denke noch heute mit großer Zärtlichkeit an sie, da sie es war, die mir lesen und schreiben beibrachte. Meinem Vater war die Erziehung von uns Mädchen vollkommen gleichgültig. Er wünschte sich einen Sohn und es schien, als ob wir Töchter ihn allein durch unsere Anwesenheit beleidigen würden.
   Nach dem Tod unserer Mutter blieben ihre Aufgaben wie selbstverständlich an mir hängen. Ich kümmerte mich um meine jüngeren Geschwister, überwachte, soweit ich das konnte, die Hausangestellten und kümmerte mich um die Einkäufe. Die wenige freie Zeit, die mir blieb, las ich. Wenn mich mein Vater erwischte, schimpfte er, dass ich die Zeit verschwendete. Dass ich zu nichts taugte und ein unnützer Fresser wäre. Es war eine anstrengende Zeit, in der ich viel lernte, aber doch hoffte, dass mich irgendwann einmal ein Mann retten würde.
   Meine jüngste Schwester Anna starb im Winter darauf. Sie hatte sich beim Gesinde angesteckt, das zur Hälfte daniederlag. Ich konnte ihr nicht helfen. An ihrem Bett sitzend, flößte ich ihr fiebersenkende Mittel ein. Ich betete, weil ich gesehen hatte, dass die älteren Mägde es taten, doch nichts half. Sie starb nach drei Nächten in meinen Armen. Meinem Vater war ihr Tod gleichgültig. Er zuckte nur mit den Schultern und knurrte mich an, ich sollte aufpassen, dass meinem Bruder Louis nichts geschah. Anderenfalls sollte ich diesen Winter auch nicht überleben.
   Mein Vater hatte sich einen besonderen Schutz vor Krankheitserregern zugelegt: Er trank den ganzen Tag. Er versammelte Freunde um sich, die einen guten Tropfen schätzten, und sie begannen bereits am Morgen mit dem Gelage, das bis in die tiefe Nacht hinein dauerte. Ich würde diesen Umstand nicht erwähnen, wenn es nicht notwendig wäre, das Übel, das diese Wandlung mit sich brachte, zu erklären. Es blieb bei den Trinkgelagen. Auch als die Epidemie vorüber war, trank der Graf weiter. Ich werde ihn ab jetzt den Grafen nennen, da es für mich, Gott soll mich strafen, nicht mehr möglich ist, ihn als Vater zu bezeichnen.
   Die Gelage wurden zum festen Bestandteil unseres Tagesablaufs. Der Wein ging nie aus, wie konnte es bei einem Weingut anders sein. Die Kumpane, die sich einstellten, wurden nie weniger, sondern immer mehr. Die Küche war den ganzen Tag damit beschäftigt, die Herren satt zu bekommen. Die Mägde waren vor den Betrunkenen kaum sicher. Es waren unchristliche Zeiten, in denen ich mit meiner Schwester Lisette und meinem Bruder Louis groß wurde.
   Bald schon ließ mein Vater Louis zu sich holen. Er war der Meinung, dass der Junge männliche Vorbilder brauchte, und schon lange genug am Rockzipfel der Weiber gehangen hätte. Damals war Louis gerade einmal vier Jahre alt und ein weiches, leicht zu beeindruckendes Kind. Er hatte bald ein Scheusal aus ihm geformt. Oft saßen Lisette und ich in der Kapelle und weinten. Die Kapelle war der einzige Raum, in dem man seine Ruhe vor den Männern hatte. Nie wäre der Graf auf die Idee gekommen, auch nur einen Fuß in das Gebäude zu setzen.
   Ich war von früh bis spät beschäftigt. Lisette half, so gut es ging, doch sie war noch ein kleines Kind und von zarter Statur. Wenn ich nicht den ganzen Tag auf den Beinen gewesen wäre, wäre mir vielleicht schon damals aufgefallen, wie unterschiedlich wir waren. So hielt ich es für eine Laune der Natur, die Lisette hübsch und fein heranwachsen ließ und mich gänzlich anders. Lisette war, wie Louis auch, von hoher, schlanker Gestalt, hellhäutig und blond. Sie versprach, eine Schönheit zu werden.

Im Herbst des Jahres 1562 lud der Graf zur Jagd. Es wurden so viele Männer erwartet, dass es selbstverständlich war, dass ich im Saal beim Bedienen half. Allerdings wurde ich nicht so behandelt, wie man denken könnte. Nicht wie die Tochter des Hauses, die den Hausfrauenpflichten nachkommt, sondern wie eine Leibeigene, die sich besonders ungeschickt anstellte. Oft schlug mich der Graf, wenn ich Wein verschüttete. Es verhielt sich allerdings so, dass meine Arme diese schweren Kannen kaum halten konnten. Half mir einer seiner rauen Gesellen, schimpfte der Graf.
   Als ich mich nach einer Woche im Saal beim Grafen beklagte, ich könnte kaum noch die Augen offen halten, da schlug er mir ins Gesicht. Um mich zu wecken, wie er sagte. Dann gab er mir einen echten Ansporn, weiterzuarbeiten: Er erklärte, wenn ich nicht mehr könne, müsse Lisette meine Aufgabe übernehmen. Die kleine, zarte Lisette! Allein der Gedanke ließ ungeahnte Kräfte in mir wachsen.
   Lisette fürchtete sich. Die wilden Gesänge, das Schießen, das Grölen. Sie war den ganzen Tag in der Küche und versuchte zu helfen. Eigentlich war sie allen im Weg, aber niemand besaß die Grausamkeit, sie aus dem Raum zu schicken. So saß sie am großen Feuer, versuchte die Aufgaben, die sie sich von den Köchen gewünscht hatte, zu erfüllen und lauschte dabei doch eher, wie es ein Hase tut, nach oben, nach dem Saal. Wann immer ich Zeit fand, setzte ich mich zu ihr und brachte ihr Lesen und Schreiben bei. Louis spionierte uns nach und erzählte dem Grafen von dem Unterricht, den ich Lisette zuteilwerden ließ.
   »Was hältst du dich mit solch unnützen Sachen auf? Lisette braucht nicht Lesen und Schreiben zu lernen. Sie ist schön«, schnauzte mich der Graf eines Nachts an. Er war in gefährlicher Laune. Ein kapitaler Bock war ihm entkommen und er grollte nicht nur seinen Jagdkumpanen, sondern der ganzen Welt. Dann starrte er mich aus seinen blutunterlaufenen Augen an und ich erkannte, dass er überlegte, wie er mich loswerden konnte. Es war ihm gleichgültig, ob ich alles tat, was in meiner Macht stand, ihm zu gefallen oder ihm wenigstens nicht unangenehm aufzufallen. Er hasste mich. Das wurde mir in diesem Augenblick klar.
   »Weiber! Lisette kann ich wenigstens verheiraten. Was ich mit dir hässlichem Wesen anstellen soll, das weiß der Teufel.« So schimpfte er vor sich hin. Ich trat erschrocken zurück. In seinen Augen stand Mordlust.
   Louis, der sich an seiner Seite aufgehalten hatte, grinste. »Du könntest sie in den Keller sperren, damit sie dort vermodert.«
   Der Graf lachte und schlug dem kleinen Kerl so kräftig in den Rücken, dass dieser das Gleichgewicht verlor und vorwärts gegen den Tisch prallte und mir einen Krug aus der Hand schlug. Dieser zerbrochene Krug hätte mich unter anderen Umständen eine Tracht Prügel gekostet, doch ich hatte Glück, da im selben Moment ein Sänger gemeldet wurde.
   Dieser Sänger lenkte von mir und den Scherben ab und enthob mich meiner Strafe. Ich kehrte die Überreste des Malheurs zusammen und betrachtete kauernd den Mann, der in den Saal trat. Ich hatte gedacht, Barden müssten älter sein. Die Männer waren gleicher Meinung, denn sie überzogen den Jüngling mit gutmütigem Spott.
   »Ein Sänger soll das Bürschlein sein?«, grölte der Graf. »Höchstens ein Spatz, keine Nachtigall kommt da geflogen.«
   Der Barde, der seine Laute fest unter den Arm geklemmt hatte, ließ sich durch solche Worte nicht aus der Ruhe bringen. Selbstbewusst lächelnd schritt er auf die abseitsstehende Erhöhung zu, die seinen Platz darstellte. Er trug die Haare, die dunkel wie Gefieder leuchteten, offen. Sein Blick wanderte abschätzend durch den Raum und ich mochte mir nicht vorstellen, was er dachte, als er sein Publikum in Augenschein nahm.
   Sein Name lautete Salvador und ich bin mir sicher, wäre er nicht die nächsten Wochen auf dem Gut gewesen, ich hätte den Freitod gewählt. Er allein und das Wissen, dass Lisette meinen Dienst verrichten müsste, wenn es mich nicht mehr gäbe, hielten mich am Leben. Ich reichte dem Sänger einen Krug Wein, doch er schüttelte den Kopf und verlangte Wasser. Dann sang er.
   Die Männer, die gerade noch am lautesten geschrien hatten, man solle das Bürschlein in den Brunnen werfen – selbst diese lauten Gesellen verstummten, als Salvador sein erstes Lied anstimmte. Hatte er auch die Statur eines noch jungen Mannes, seine Stimme besaß das ausgebildete, sichere Timbre eines Erwachsenen. Die Männer lauschten ihm eine Weile, dann ging das Lärmen weiter.
   »Für heute lasst ihn singen, er kann immer noch im Brunnen schwimmen«, sagte der Graf und ließ sich nachschenken.
   Salvador wurde mein Retter. Ich hatte davon geträumt, dass ein Prinz käme, um mich zu befreien. Jetzt verwoben sich mit ihm meine Fantasien, mein ganzes Denken. Ich wusste, es war ungebührlich, solche Gedanken zu hegen, aber er war mir eine Quelle der Freude und Kraft.
   Wenn der Graf das Wort an mich richtete, war es voller Gemeinheiten und voller Hass: »Wie konnte mir so ein Trampel zuteilwerden?«, sagte er oft. »Nicht den Sänger sollte man in den Brunnen werfen. Der Bursche weiß seine Aufgabe zu verrichten. Nein, sie sollte man in den Brunnen werfen!« Alles lachte. Ich stand gerade bei einer Gruppe von Treibern und schenkte Wein aus. Auf solch ehrlose Rede, die den Männern zeigte, wie wenig ich dem Grafen wert war, erfolgten des Öfteren Übergriffe. Ich schien nicht schön zu sein, das bestätigte mir der Graf mehrmals am Abend. Jedoch war das Männern, die genug getrunken hatten, egal. So musste ich mich ab dem Abend, an dem der Graf seine Gleichgültigkeit geäußert hatte, auch noch gegen freche Hände wehren. Den Mägden erging es nicht anders. Es war ein gottloses, sündiges Haus und mir standen oft die Tränen in den Augen. Es waren nicht nur die Tränen der Verzweiflung, oft genug auch die Tränen des Zorns.
   Es entwickelte sich, wie die Herren meinten, ein geistreicher Sport daraus, sich neue Scheußlichkeiten auszudenken, wie man mich verschwinden lassen könnte. Vorneweg und am lautesten schreiend mein Bruder, der dem Grafen gefallen wollte. Und er gefiel ihm. Er trank Wein, griff unter die Röcke der Mägde und ließ manche Zote verlauten.
   »Wir könnten sie in einer Weinpresse ganz platt quetschen, wie eine reife Traube und dann, flach wie sie ist, unter einem Teppich verschwinden lassen.« So lautete der neueste Einfall des kleinen Scheusals. Er war gerade mal acht Jahre alt. Die Männer grölten.
   »Ach, platt genug ist sie schon. Ich sollte sie an die Tür nageln lassen. Wenn der Steuereintreiber kommt, würde der vor Schreck umdrehen.«
   Dieser Art Reden gab es jeden Tag. Ich versuchte, wegzuhören. Wenn ich zum Sänger sah, der ungerührt seine Lieder zu diesen lästerlichen Reden sang, bemerkte ich, dass er mich, und nur mich, anlächelte und unmerklich den Kopf schüttelte.

Es gab auch gute Zeiten: Der Graf musste verreisen und sich um seine Geschäfte kümmern. Die Gesellschaft löste sich auf und es wurde herrlich. Besonders für mich, als ich feststellte, dass Salvador nicht abgereist war. Als wir uns nach der Abendandacht in der Küche versammelten und noch ein wenig plauderten, trat Salvador zu uns und fragte, ob er für uns singen solle. Die Mägde waren begeistert. Ich auch, allerdings durfte ich das nicht zeigen. Lisette zupfte mich am Ärmel. »Darf er? Ja? Darf er?«
   Alle sahen mich bittend an.
   »Wenn er außer Trink- und Kriegsliedern auch andere kennt, so soll es mir recht sein«, antwortete ich. Er dürfte noch ganz andere Sachen, fügte ich im Stillen hinzu.
   Ich errötete und wandte mich ab. Doch kurz hatten sich unsere Blicke gekreuzt. Ich meinte, in Salvadors Blick zu lesen, dass er einen anderen Grund hatte, sich zu uns zu setzen.
   Das Gesinde feierte ein kleines Fest. Wir tanzten. Zuerst tanzten nur die Mägde mit den Burschen, dann konnte Lisette ihre zierlichen Füßchen nicht mehr stillhalten und hopste durch die Küche. Wie hätte ich ihr das verbieten können? Ich freute mich, ihr Gesicht ohne Angst zu sehen und konnte erahnen, wie schön sie als Frau werden würde. Aber noch war sie ein Kind, das übermütig in der Küche tanzte und sich ausschüttete vor Lachen über den Koch, der sich für sie merkwürdig verrenkte. Jeder sah ihrer kindlichen Freude zu. Jeder außer Salvador. Als ich den Blick wandte, bemerkte ich, dass er mich ansah und sonst niemanden. Sein Blick ließ mich erröten und ich war Lisette nicht undankbar, als sie mich ungestüm vom Schemel zog, damit ich mit ihr tanzte. Inzwischen hatten alle in Salvadors Lied eingestimmt und bildeten einen Kreis um ihn. Ehe ich mich versah, legte Salvador seine Laute zur Seite und seinen Arm um mich, tanzte mit uns anderen und lächelte mir zu. Ein Feuer schien von seinem Arm auszugehen. Mir wurde bald schwindlig. Dass es nicht an den Drehungen lag, war mir klar. Ich träumte bereits davon, wie ich mit Salvador den Hof verlassen würde, dass der Graf keine Einwände erheben würde und wie wir glücklich und frei leben würden, als mich Lisette stürmisch umarmte, um mit mir durch die Küche zu hopsen.
   Mein Traum zerplatzte in dem Moment, als mir klar wurde, dass ich Lisette nie allein lassen würde. Erst, wenn ich sie in den Händen eines guten Mannes wüsste, würde ich mich um mein Glück kümmern können. Meine gute Laune war dahin und ich verließ die Küche vor allen anderen.

*

»Das arme Kind! Ich finde es schrecklich, wenn Kinder schlecht behandelt werden. Na ja, das waren andere Zeiten!« Comitti hatte seine Lesebrille abgenommen, rieb sich über die Augen und trank einen Schluck von dem Rotwein, der bereits unangenehm warm geworden war.
   »Lieber Pater, Sie sind doch nicht wirklich der Meinung, dass Derartiges mit den Zeiten zu tun hat? Auch heute werden Kinder ausgenutzt und ausgebeutet.«
   »Ja, aber heute gibt es das Jugendamt und die Polizei. Es gibt Gesetze.«
   »Die alle gebrochen werden. Sie wissen doch, dass es in Indien kein Jugendamt gibt?«
   Der Spott ärgerte Comitti. »Natürlich. Ich denke doch nur, dass es heute mehr Möglichkeiten gibt, sich zu wehren und der Willkür eines Vaters zu entkommen.«
   »Ich behaupte, dass es immer noch so ist.« Ungerührt sah der Sicherheitschef dem alten Pater ins Gesicht. »Sie verschließen sich nur dem Gedanken, weil Sie sonst handeln müssten.«
   »Ja, man muss handeln. Ich finde es ungeheuerlich, wenn ich Berichte über solche vereinzelten Fälle in der Zeitung lese, aber was soll man machen? Wenn mir etwas in der Nachbarschaft auffallen würde, wäre ich sofort bereit, mich an das Jugendamt zu wenden. Aber in unserer Nachbarschaft kommt das natürlich nicht vor.«
   »Natürlich nicht.« Arconoskij lächelte. In der Vatikanstadt würde man kaum von Kindesmisshandlung zu hören bekommen. »Ich stimme Ihnen zu, Comitti. Ich entwickle schon seit langer Zeit einen Plan, wie man diese Gräuel abschaffen könnte.«
   Machte sich sein Gegenüber lustig über ihn? Comitti sah wütend auf. Er hatte eben einen Blick auf die nächste Manuskriptseite geworfen, um herauszufinden, was weiter geschah. Er wollte weiterlesen. Die Mädchen und auch der Junge taten ihm leid. Er verwarf Arconoskijs letzten Satz. Er wollte nicht über seine Weltverbesserungsvorschläge reden, er wollte lesen. »Wollen Sie nun hören, wie es mit den Kindern weitergeht, oder soll ich diesen Teil überspringen? Für die Sicherheit des Vatikans wird es nicht von Belang sein, ich könnte es also verstehen. Ich halte das Ganze übrigens für einen Schwindel.«
   »Einen unterhaltsamen Schwindel. Nein, nein, Pater lesen Sie weiter. Nur, wenn man die Jugend eines Menschen kennt, versteht man ihn. Ich finde, der Anfang gehört zum Ende einer Geschichte.«
   Er schenkte dem Pater erneut Wein ein, der diesen ignorierte. Comitti räusperte sich, setzte seine Lesebrille auf und las.

*

Nach ein paar Tagen kehrte der Graf gut gelaunt zurück. Seine Geschäfte in Bordeaux waren gut verlaufen. Zudem hatte er seinen alten Freund Rodriguez Almadar, einen Spanier, getroffen. Dieser quartierte sich samt seinem Gefolge bei uns ein. Wir hatten wieder alle Hände voll zu tun. Die Männer krakeelten und tranken, als ob es um ihr Leben ginge. Salvadors Stimme war kaum in der lärmenden Menge zu hören. Allerdings täuschte das. Kaum pausierte er, um einen Schluck zu trinken, wurde er aufgefordert, weiterzusingen. Ich für meinen Teil rannte und brachte Essen und Getränke. Der Wein strömte in Mengen. Wenn schon der Graf stets zu viel getrunken hatte und selten nüchtern anzutreffen war, hatte er nun seinen Meister gefunden. Almadar war älter als er. Sein von Alkohol gezeichnetes Gesicht war aufgeschwemmt. Die stark gerötete Nase hing wie eine Birne in seinem Gesicht, die Augen schwammen in tiefen Höhlen und waren blutunterlaufen. Das Haar oder das, was davon übrig war, hing ihm fettig über seinen speckigen Kragen. Man hätte nicht glauben wollen, dass er ein Edelmann war. Allein der Glanz seines Schmuckes, der reichlich an seinen Fingern prangte, ließ darauf schließen. Gerade spottete ich noch in Gedanken, dass es gut wäre, solch einen Edelmann im Vergleich zu unserem Herrn zu haben, da ließ mich der Graf schon rufen.
   »Bring Lisette und sieh zu, dass sie hübsch ist«, befahl er mir. Ich erstarrte und betete zu allen Heiligen, dass er nicht meinte, was ich vermutete.
   »Was stehst du herum und starrst wie ein Schaf, spute dich«, fuhr er mich an.
   Was blieb mir anderes übrig? Ich suchte nach Lisette, die ich nichts ahnend in unserem Zimmer vorfand.
   »Wollen wir in die Kapelle?«, fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf.
   »Komm«, war alles, was ich zu ihr sagen konnte. Was sich der alte Teufel ausgedacht hatte, ließ mich noch immer keinen klaren Gedanken fassen. Sie nahm meine Hand und folgte mir wie ein Lämmchen. Unser Weg führte zwar nicht zur Opferbank, allerdings hätte ich sie lieber bei der Hand genommen und wäre mit ihr in den Wald geflüchtet, als sie, wie jetzt, in den Saal zu führen. Ich sah an ihr herab. Sie trug noch immer das Kleid, das sie den ganzen Tag getragen hatte. Das sie tagaus, tagein trug. Wir hatten nicht allzu viel zum Anziehen. Der Graf war der Meinung, dass uns die geerbten Kleider unserer Mutter reichten. Ich hätte ihr sagen müssen, dass sie sich ihr Sonntagskleid anziehen sollte. So lautete der Befehl. Doch ich widersetzte mich ihm. Meine Hoffnung war, dass Almadar Lisette nicht reizvoll fand. Ich besah mir meine kleine Schwester noch einmal und nickte zufrieden. Ihre Hände waren verschmutzt, die Frisur in Auflösung begriffen, sie kam aus irgendeinem kindlichen Spiel und hatte gerötete Wangen. Unmöglich für einen Mann, sie als Frau zu sehen.
   Immer noch an meiner Hand trat sie mit mir in den Saal. Sie blieb hinter mir, da sie die lauten Männer schon immer geängstigt hatten. Ich bemerkte das Aufglimmen in den Augen des Grafen, als er Lisettes Aufmachung erblickte. Sie hatte sogar ein wenig Ruß im Gesicht, da sie in der Küche geholfen hatte. Ich fürchtete seine Strafe nicht, ich betete, dass Almadar ihre kindliche Gestalt wenig reizvoll fand, dass er vom Gedanken einer Verbindung absah. Doch das Gegenteil erfolgte: Er war von ihrer kindlichen Unschuld begeistert!
   »Endlich mal keine Dame, kein Püppchen. Sie ist ein Edelstein, ein noch ganz ungeschliffener Edelstein«, rief er, als er ihrer ansichtig wurde.
   Ich war verzweifelt. Meine Bemühung, Lisette vor diesem Lebemann zu bewahren, hatte sie in seine Arme getrieben. Wie versteinert spürte ich den leichten Händedruck von Lisette, die mich fragend ansah. Ich konnte ihr nicht in die Augen sehen. Wie naiv war ich, zu glauben, dass ein wenig Ruß einen Mann wie Almadar abhalten konnte?
   Die Männer schrien nach Wein. Sie hatten etwas zu feiern. Almadar schüttelte die Hand des Grafen, er war mit der Verheiratung einverstanden. Der Handschlag erinnerte mich an den Viehhandel, der einmal im Monat im Dorf stattfand. Allerdings war gerade meine kleine Schwester, die noch gar nichts verstand, per Handschlag verschachert worden.
   Mir schossen die Tränen in die Augen. Wie konnte ein Vater sein kleines Mädchen an einen solch alten Mann geben? Lisette verstand es noch nicht. Sie blickte scheu zu ihrem Vater. Sie wollte keinen Fehler machen. Sie entspannte sich erst, als er ihr zunickte und mit ihr zufrieden war. Sie war erst zwölf und hatte nichts begriffen.
   Zurück in der Küche, es wurde Lisette erlaubt, sich mit mir zu entfernen, hörten wir die Köchin schimpfen. Sie hatte unser Eintreten nicht bemerkt, und da sie Lisette wie ihre Tochter liebte, war sie ebenso entsetzt wie ich.
   »Wie kann ein Vater seine Tochter an ein so altes Scheusal verschachern? Es ist eine Schande! Der Blitz soll ihn treffen. Ihn und seine Kumpane.« Die Köchin schrubbte die kupfernen Töpfe mit solch einem Zorn, dass man froh war, gerade nicht in ihren Fängen zu sein. »Könnt ihr euch vorstellen, was dieser alte Lustgreis mit dem jungen Ding anstellt?« Das restliche Küchenvolk hatte unser Eintreten bemerkt und verstummte. Nur die Köchin, die uns den Rücken zudrehte, wusste immer noch nicht, dass Lisette hinter ihr stand und sich ihre Augen weiteten.
   »Ich kann mir schon vorstellen, dass es dem alten Kerl in seinem Schwanz juckt, wenn er das kleine Püppchen sieht.« Sie verstummte, als sie bemerkte, dass ihr niemand antwortete, und drehte sich um. Als sie unser ansichtig wurde, schlug sie die Augen nieder und errötete. So, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, verlor Lisette jede Farbe. Sie wurde kalkweiß und fiel in Ohnmacht. Die Köchin fing sie geschickt auf und schüttelte den Kopf. Jetzt erst, durch ihre klaren Worte, hatte Lisette begriffen, um was es im Saal gegangen war.
   Als sie wieder zu sich kam, liefen die Tränen und ließen sich durch nichts aufhalten. Nicht durch Süßigkeiten, die ihr die Köchin zusteckte, nicht durch die Späße, die der Hausdiener machte. Sie weinte sogar im Schlaf. Ich machte mir Sorgen und erdachte unsere Flucht, schmiedete Plan um Plan, den ich sofort verwarf. Wie sollten zwei schutzlose Mädchen durchs Leben kommen? Ich betete mehr denn je, doch meine Wünsche wurden nicht erfüllt. Tot umfallen sollten sie, alle beide. Doch solche Gebete werden selten erhört.
   Ich war verzweifelt. Ich wollte meiner Schwester helfen. Alles hätte ich für sie getan. Aber es schien, als ob es niemanden gab, der etwas für uns tat. Zu allen Sorgen stellte ich noch etwas Entsetzliches fest: Salvador war abgereist, ohne sich von mir zu verabschieden. Hatte ich ihm in meinen kühnsten Träumen immer die Rolle als Retter zugeteilt, war mir jetzt klar, dass ich nicht auf seine Hilfe zählen konnte.
   Die Tage vergingen im gleichen, eintönigen Lauf. Die Männer feierten bis in die Nacht. Vormittags wurde alles aufgeräumt und frische Speisen für den Nachmittag vorbereitet. Lisette wurde jeden Abend in den Saal befohlen, wo man sie vorführte. Ich gab mir jede erdenkliche Mühe, sie herauszuputzen. Vielleicht konnte ich auf diese Weise Almadars Interesse im Keim ersticken. Ich dachte mir, wenn sie jetzt doch aussähe wie ein herausgeputztes Püppchen, würde sie ihn langweilen. Auch dieser Plan schlug fehl. Er war begeistert.
   »Konnte man erst nur erahnen, welche Zartheit sie besitzt, sind es jetzt ihr Anmut und Liebreiz, die meine Sinne benebeln.« Mir sank das Herz zu Boden.
   Die Mägde in der Küche machten sich über ihn lustig und äfften ihn nach. »Bei dem ist ganz was anderes benebelt«, meldete sich die Köchin zu Wort und alles lachte.
   Der Graf wurde unwillig und beschloss, mit seinem Besuch auf die Jagd zu gehen. Ich war erleichtert. Wenn sie erst weg waren, fand ich vielleicht doch eine Möglichkeit zur Flucht. Die Köchin, die ahnte, was in meinem Kopf vor sich ging, redete mir jeden Plan aus. Allerdings war kaum Zeit zum Überlegen. Der Graf hatte uns genug zu erledigen gegeben. Die Aussteuerkisten waren zu packen und Lisette brauchte neue Kleidung. Es wäre ein Festtag gewesen, als die Schneiderinnen aus dem Dorf kamen. Doch so stand Lisette wie eine Schneiderpuppe da. Sie antwortete nicht auf die Fragen, welchen Stoff sie bevorzugte, welche Art Knöpfe, welche Bänder. Normalerweise hätte sie die Frauen in den Wahnsinn getrieben. Ich war sicher, sie hätte sich nicht entscheiden können und alle Augenblicke ihre Meinung geändert. Selbst die Schneiderinnen, die noch am ersten Tag schnatternd und scherzend Maß genommen hatten, verstummten und nähten verdrießlich vor sich hin.
   Selbst mit mir sprach sie nicht. So entschied ich alles für sie und hoffte, ihren Geschmack zu treffen. Wenn es nachts ruhig wurde, erzählte ich ihr Geschichten von Prinzessinnen, die gerettet wurden. Ich hatte meine Hoffnung, dass uns jemand zu Hilfe kam, noch nicht aufgegeben. Ein anderer Gedanke machte mir außerdem zu schaffen. Würden Lisette und ich getrennt werden? Ich hoffte, dass der Graf so viel Anstand besaß, mich mit auf die Reise zu nehmen. Was, wenn er selbst Lisette zum Hofe seines Freundes geleitete? Oder ließ er Lisette allein mit ihrem Mann?
   Als man Lisette das Hochzeitskleid anzog, um die letzten Änderungen vorzunehmen, fiel sie in Ohnmacht. Aus dieser erwacht bekam sie in der Nacht hohes Fieber. Es war, als wollte ihr Körper den Gedanken an das Schreckliche ausbrennen. Kein Hausmittel half. Ihre Wangen waren rot, die Lider flatterten. Ich streichelte ihre Hand und musste mich beherrschen, nicht in Tränen auszubrechen. Ich hatte schon eine Schwester ans Fieber verloren.
   »Ich möchte den Himmel sehen.« Lisette hatte die Augen geöffnet und sah durch mich hindurch. Sie sprach im Fieberwahn, versuchte ich, mich zu beruhigen. Ich war nicht sicher, wie sie es meinte, aber mir wurde angst und bange. Ich hob Lisette hoch, hüllte sie in Decken und trug sie auf den Hof. Die Dezembernacht war sternenklar. Erneut schlug sie die Augen auf und sah hinauf.
   »Ich wäre gern ein Stern«, murmelte sie.
   »Du bist mein Stern. Ich lasse nicht zu, dass meinem kleinem Stern Leid geschieht.«
   Ein Ruck ging durch Lisettes Körper und sie sah mich vorwurfsvoll an. Es war ihr erster klarer Blick seit Tagen. »Lassen wir das dumme Reden. Ich bin diesem Mann versprochen und daran können wir nichts ändern.«
   Ich fühlte ihre Stirn, da ich befürchtete, das Fieber wäre weiter gestiegen. Zu meiner Überraschung war sie kühl. »Ich werde mich fügen, aber ich werde darum bitten, dass du mitkommen darfst.« Sie sprach mit ruhiger, klarer Stimme. »Du kommst doch mit?«, flüsterte sie einen Moment später, als ob sie Angst gehabt hätte, dass ich ihr diesen Wunsch, der auch mein sehnlichster war, abschlagen könnte.
   Das Geräusch eines herannahenden Pferdes ließ uns aufblicken. Im Schein der hundert Sterne erkannte ich den Reiter sofort. Salvador! Im gleichen Moment war es mir, als ob es nicht hundert, sondern tausend Sterne wären. Ich irrte mich nicht. Es sind tausend Sterne, die einem leuchten, nur kann man sie hinter den Wolken, die das Leben bringt, nicht immer sehen.
   Salvador. Ich strahlte ihn an, doch sogleich erstarb mein Lächeln. Was erwartete ich von diesem Mann? Warum sollte er, ein Sänger, uns zu Hilfe kommen? Wenn er dieselben Gefühle für mich hegte, wäre er dann grußlos abgeritten? Ich war eine Närrin.
   Ich zog Lisette auf die Füße und schämte mich. Sie war die einzig Wichtige für mich. Sie würde Almadar bitten, mich mitzunehmen. Sicherlich wäre er damit einverstanden, vor allem, wenn Lisette ihm dafür in Aussicht stellte, nicht jeden Tag mit verweintem Gesicht zu erscheinen. Salvador verbeugte sich wortlos und verschwand in der Dunkelheit.
   Am nächsten Tag kehrte der Graf mit seiner Schar heim. Die Männer waren ausgelassener Laune, die Jagd war erfolgreich gewesen. Das tägliche Gelage begann von Neuem. Wieder bediente ich im Saal. Lisette saß bei Almadar und trug eines ihrer neuen Kleider. Ich beobachtete, wie sie anfing, sich zaghaft mit ihm zu unterhalten. Als sie eines Abends auf mich zeigte, trat ich neugierig näher.
   »Wenn Ihr unseren Vater davon überzeugen könntet, dass es überaus wichtig wäre, dass meine Schwester mit mir käme …« Lisette schenkte Almadar ein schüchternes Lächeln, das diesen alten, widerwärtigen Mann bis ins Herz berühren musste. Wirklich: Er wandte sich sogleich an den Grafen und richtete die Bitte aus. Der schüttelte den Kopf und bedachte mich mit einem wütenden Blick. »Die bleibt hier.« Er leerte seinen Becher und hielt ihn mir hin. »Jemand muss sich um den Haushalt kümmern.«
   In einem hatte ich Almadar unterschätzt: in seiner Hartnäckigkeit. Als er sah, wie Lisette bei der Antwort in Tränen ausbrach, runzelte er die Stirn und versuchte, seinen Freund umzustimmen. Der Graf könne sein makabres Spiel mit mir weiterspielen, war eines seiner zahlreichen Argumente. Wenn ich ihn nicht schon gehasst hätte, wäre es an der Zeit gewesen. Lisette litt unter Angstzuständen und entwickelte zudem Ekel gegen Almadar. Ich beobachtete sie, wie sie die Stellen ihres Körpers rot schrubbte, die Almadar berührt hatte. Doch schließlich willigte der Graf ein. Ich durfte meine Schwester immerhin auf der Reise nach Spanien begleiten.
   Und noch einen Trost verspürte ich. Ich schimpfte mich zwar eine dumme Gans und doch genoss ich Salvadors Blicke und Lächeln. Wir hatten seit seiner Ankunft kein Wort gewechselt und doch hatte ich das Gefühl, wir würden ständig in Verbindung stehen.

Eines Abends war ich erschöpft auf mein Lager gesunken und Lisette schlief, als ich merkte, dass die Tür unserer Kemenate geöffnet wurde. Ich erkannte Salvadors Silhouette sofort. Er bewegte sich flink und legte mir eine Hand auf den Mund. Ich war still, mir war bewusst, in welche Gefahr er sich brachte. Mein Herz hämmerte. Er beugte sich zu mir herab und ich schürzte, in Erwartung eines Kusses, die Lippen. Leider raunte er mir nur zu, dass wir leise sein müssten. Ich nickte und versuchte, im Licht der aufgehenden Sonne sein geliebtes Gesicht zu erkennen.
   »Ich habe in Erfahrung gebracht, dass die Männer nach Lichtmess aufbrechen wollen. Wir müssen planen.« Er sprach sehr schnell und sah dabei ständig zur Tür.
   »Planen?« Ich setzte mich hin, glaubte zu träumen.
   »Ich werde nicht zulassen, dass Lisette mit diesem Saufbold verheiratet wird«, zischte Salvador.
   »Ja, aber …«
   »Pst, hör zu.« Er unterbrach mich mit einer ungeduldigen Handbewegung. »Ich habe schon alles in die Wege geleitet. Und …«, er sah mich fragend an, »und ich hoffe, ich habe mich nicht in deinen Blicken geirrt.«
   Ich errötete und hoffte, die Dunkelheit würde das gnädig verdecken.
   »Es hat nichts damit zu tun, ob ich euch helfe, aber es wäre die Erfüllung all meiner Wünsche.«
   Ich hielt den Kopf gesenkt und zwickte mich unter der Decke. Ich war wach und träumte nicht. Salvador saß an meinem Bett und versprach mir, uns zu helfen. »Aber es ist unmöglich. Wohin soll ein mittelloser Sänger mit zwei Mädchen fliehen?« Ich ließ den Kopf hängen. Ich konnte mich so viel zwicken, wie ich wollte, der Gedanke blieb ein Traum. »Wie kann ich wissen, dass ich mich auf dich verlassen kann?« Die Verzweiflung der vergangenen Monate übermannte mich. Das Schluchzen, das in meiner Brust aufstieg, konnte ich unterdrücken, aber meine Tränen nicht. Salvador wischte sie mit den Fingerspitzen weg.
   »Ich war auf dem Gut meines Vaters und habe mit ihm gesprochen.«
   »Auf dem Gut deines Vaters?« Ich staunte. »Der Vater eines Sängers?« Ich konnte ihm nicht folgen.
   Salvador winkte ungeduldig ab. »Mein Vater, José Arco de Segura, ist ein Edelmann, genau wie deiner. Nur, dass er sich auch wie ein solcher verhält. Er bietet euch seinen Schutz.«
   »Aber du bist ein Sänger!« Ich konnte nicht so schnell begreifen, was er mir erzählte. Ich war verwirrt, hob die Hände, wollte tausend Dinge sagen und fragen, bekam aber kein einziges Wort heraus. Salvador sah meine Verwirrung und legte seine Hand beruhigend auf meine.
   »Vertrau mir, ich werde dir alles erklären. Bis Lichtmess ist noch Zeit. Wichtig sind nur drei Dinge.«
   Ich sah ihn fragend an.
   »Erstens, es ist besser, wenn Lisette nichts davon erfährt. Sie ist zu jung. Eine unbedachte Äußerung und unser Plan wird vereitelt.« Salvador strich der schlafenden Lisette über den blonden Schopf. »Zweitens, wenn du im Saal arbeitest, hör genau zu. Jedes noch so kleine Detail kann wichtig sein. Und drittens …« Hier verstummte Salvador und sah mich eindringlich an.
   »Drittens?«
   »Drittens, liebst du mich? Ist es wahr, was mir deine Blicke sagten?«
   Ich nickte, ich konnte es nicht länger für mich behalten. Salvador schloss mich in die Arme und küsste mich. Es war wie in meinen Träumen.
   »Und ich liebe dich! Wir werden fliehen und heiraten. Vaters Segen haben wir.«
   Ich verstand zwar nicht, warum mein Sänger einen Edelmann zum Vater hatte, ich wusste noch nicht, wie es uns gelingen sollte, zu fliehen, doch ich fasste Hoffnung. Zum Abschied küsste mich Salvador noch einmal zärtlich auf die Stirn, dann schlich er hinaus. In der Tür drehte er sich um.
   »Halte durch, Lucienne.«

*

Pater Comitti schloss die Augen. Er war ein Mann der Wissenschaft und ein Pater, und doch freute er sich. Er hatte sich eine sanfte Seite bewahrt. Nicht, dass in seiner Bücherwand Liebesromane zu finden waren, aber er hatte auch nichts dagegen einzuwenden, wenn in einem Buch entsprechende Textstellen vorkamen. Hatte Jesus nicht gepredigt, man solle seinen Nächsten lieben? Allerdings machten es einem die Nächsten meistens nicht leicht. Solche Gedanken und den Gedanken, warum das Mädchen Lucienne hieß, obwohl er angenommen hatte, es würde sich um die Briefschreiberin handeln, machte sich der alte Pater, während er einen Schluck trank.
   Arconoskij betrachtete ihn lächelnd. In seinem Lächeln lag Zärtlichkeit, ja, ein geradezu erstaunliches Maß an Verständnis, sodass der Pater erstaunt aufsah.
   »Ich finde es rührend, wenn sich zwei Menschen finden. Wenn sie dem anderen, der bis dahin ein Fremder sein musste, ihre Gefühle gestehen. Wenn sie auf ein Echo stoßen, wenn der andere, der bis dahin der Quell stiller Freude war, dieses Gefühl erwidert. Das ist der Moment, den wir, so denke ich, suchen, wenn wir vom Paradies sprechen.«
   »Sind Sie verheiratet?« Comitti war überrascht, solch poetische Klänge von seinem Gegenüber zu vernehmen. Überhaupt war Arconoskij anders, als er sich einen Mann in dieser Position vorgestellt hatte.
   »Nein, ich war nie verheiratet. Ich hatte nicht das Glück jemanden zu finden, dem ich so zugewandt gewesen wäre, um diesen Schritt zu tun.«
   Er lächelte den Pater spitzbübisch zu. »Und Sie?«
   »Meine Position beantwortet die Frage.«
   »Ich meine natürlich nicht jetzt, lieber Pater. Ich denke an früher, bevor Sie in den Dienst der Kirche getreten sind.«
   Zu seinem eigenen Erstaunen antwortete Comitti.
   »Früher, ja da hat es jemanden gegeben. Leider keine glückliche Geschichte.« Kurz verklärte sich Comittis Blick, doch dann sah er auf. »Nun, das hat mit der Sache hier nichts zu tun. Wollen wir weiterlesen?«
   »Selbstverständlich. Verzeihen Sie mir.«

*

Aufregende Tage folgten. Allerdings noch aufregendere Nächte. Salvador und ich durften uns auf keinen Fall anmerken lassen, dass sich etwas in unserer Beziehung geändert hatte. Ein kurzes Nicken, nicht mehr. Abends im Saal sang und spielte er wie immer, doch jetzt wusste ich, dass er jeden meiner Schritte beobachtete. Immer wenn ich aufsah, blickte ich ihm in die Augen.
   Lisette hatte sich erkältet, ein Umstand, der sie im Saal entschuldigte. Ich schenkte jede Nacht Wein aus. Es waren an die fünfzig Männer anwesend, die sich lärmend oder gelangweilt im Saal aufhielten. Meiner Meinung nach gibt es nichts Schlimmeres als kleine Kinder, Hunde und Männer, die nicht an die frische Luft kommen. Sie werden unausstehlich, reizbar, albern und alles in allem unerträglich. Genauso verhielt es sich bei uns. Almadars Männer waren unruhig. Sie wollten nach Hause. Aber es war noch zu früh im Jahr, was die Reise nach Spanien gefährlich machte. Man entschloss sich, nach den letzten Frösten zu reiten, aber es wollte nicht wärmer werden. Ich lauschte auf alle Gespräche, allerdings erfuhr ich nichts Neues.
   Salvador kam, wenn alle zu Bett gegangen waren. Sein offizieller Grund war, zu erfahren, ob ich irgendetwas Neues herausgefunden hätte – sein inoffizieller, sich einen Kuss zu stehlen. Ich sehnte mich schon bald nach seinen kurzen Visiten. Lisette schlief bereits seit dem frühen Abend, darum durften Salvadors Besuche nicht allzu lange dauern. Lisette hätte jeden Moment aufwachen können. Gerade, dass die Besuche in aller Heimlichkeit und in Eile waren, machten sie aufregend. Wenn er schon lange wieder weg war, lag ich auf meinem Bett und konnte nicht schlafen. Mein Herz klopfte mir bis in den Hals hinauf.

Der Tag der Abreise nahte. Das merkte ich an einer gewissen Unruhe, die alle überkam. Die Männer kümmerten sich um ihr Gepäck und ihre Pferde. Der Graf brüllte auf dem Hof und mit seinem Verwalter. Die Kisten, in denen sich die Aussteuer meiner Schwester befand, wurden geschlossen. Zu jeder Kiste gehörte eine Aufstellung, in der der Inhalt und dessen Wert vermerkt waren. Da niemand außer mir, dem Pfarrer und dem Verwalter schreiben konnte, war es an mir, diese Verzeichnisse zu verfassen. Ich hatte sie ein wenig verändert. Der Herr möge verzeihen, dass ich sein siebtes Gebot gebrochen habe, doch wir brauchten das Geld für die Flucht.
   Salvador hatte mir zwar erklärt, dass er genug Geld für uns alle besäße, doch mir war es lieber, ein wenig Selbstständigkeit zu bewahren. Nach wie vor ging es mir nicht in den Kopf, warum sich der Sohn eines Edelmanns als Sänger verdingte.
   »Warum hast du uns alle angelogen?«, fragte ich ihn, als er mich zur gewohnten Zeit besuchte.
   »Aber ich habe nicht gelogen.« Er grinste frech. »Kann ich vielleicht nicht singen? Singe ich nicht jede Nacht bis zum Umfallen, bis mir meine Stimme versagt?«
   »Du bist der Sohn eines Edelmanns, Salvador Sanchez de Segura.« Ich ließ mir den Namen auf der Zunge zergehen.
   »Und du wirst meine wunderschöne Doña. Lucienne de Viellvient de Segura.« Er küsste mir übermütig die Hand.
   »Wie kommst du dazu, durch Frankreich zu vagabundieren? Du bist ein Spanier, du bist kein Sänger und doch …«
   »Ich hatte mich mit meinem Vater überworfen. Ich wollte ihm zeigen, dass ich auch ohne sein Geld und seine Protektion auskomme.«
   »Aber warum in Frankreich?«
   »Vater schickte mich hierher. Der Sprache wegen. Zunächst reiste ich ziellos durch die Gegend und wusste nichts Rechtes mit mir anzufangen. Gerade, als ich begann, meine eigenen Interessen zu entdecken, ließ er mich rufen.«
   »Bist du zurückgekehrt?«
   »Ja, ich kehrte nach Hause zurück, mit dem festen Willen, ihn von meinen Plänen zu überzeugen. Ich wollte studieren. Er lachte mich aus. Wir stritten uns. Ich sollte lernen, wie man ein Gut führte, und mir ein Weib suchen.«
   »Wenigstens das hast du jetzt.« Ich gab ihm einen raschen Kuss. »Aber was hat dich daran gestört?«
   »Nun, ich sollte sein Leben führen, aber ich hatte in Frankreich die Freiheit kennengelernt. So schnell wollte ich die nicht aufgeben. Ich sagte ihm auf den Kopf zu, dass ich seine Art des Lebens nicht wollte. Er schmiss mich raus.«
   »Was hast du dann gemacht?«
   »Nun, es gibt zwei Arten, wie sich jemand wie ich verdingen kann.« Salvador machte eine bedeutungsvolle Pause. »Man kann gegen die Mauren kämpfen. Nun, zum Kämpfen bin ich nicht geschaffen. Ich bin mehr der Mann des Geistes.« Er seufzte theatralisch und grinste. »Oder man kann singen, und das kann ich schließlich wirklich.«
   »Ein bisschen.« Ich zog ihn gern damit auf, ob er singen könne, seitdem ich wusste, wer er wirklich war.
   »Jedenfalls hatte ich vor, mich als Sänger nach Paris durchzuschlagen. In Paris hätte ich eine Stelle als Schreiber oder Übersetzer finden können, um mir mein Studium zu finanzieren. Aber dann kamst du.«
   Ich seufzte. Es ist erhebend, wenn man erfährt, dass ein Mensch seine Pläne über den Haufen wirft, wenn man in sein Leben eintritt.
   »Das erste Mal, als ich dich sah, dachte ich, dass du eine Schankmagd wärst. Du knietest neben dem Tisch des Hausherrn und kehrtest die Scherben eines Krugs zusammen.«
   »Da hast du mich schon wahrgenommen?«
   »Nicht wirklich dich, aber deinen Blick, deine Augen. Als mir später klar wurde, dass du die Tochter des Hauses warst …«
   »Warst du hinter meiner Mitgift her.« Ich fiel ihm ins Wort und lachte.
   »War ich entsetzt, wie schlecht du behandelt wurdest. Ich überlegte, wie ich dir helfen könnte. Euer Gut war nur eine Etappe auf meiner Reise nach Paris. Aber ich konnte dich nicht im Stich lassen. Der Gedanke, dass du hilflos zurückbleibst, wurde mir unerträglich. Als dein Vater Lisette zur Braut machte und ich eure Verzweiflung darüber sah, hatte ich mich entschieden. Ich reiste zu meinem Vater und erklärte ihm die Sachlage. Wenn er mir half, würde ich ihm der Sohn werden, den er sich wünschte.«
   »Warum hast du damals nichts gesagt? Als du auf einmal weg warst, fühlte ich mich verlassen, verzweifelt. Ich hatte niemanden, dem ich mich anvertrauen konnte.«
   »Ich musste erst mit meinem Vater sprechen. Wie konnte ich euch meinen Schutz anbieten, ein Sänger, der selbst nichts besitzt, als das Hemd, das er trägt?«
   »Ich wäre auch mit dir gekommen, wenn du nur der Sänger wärst, den du vorgibst.« Salvador nahm mich in die Arme und küsste mich.

Einen anderen Abend besprachen wir die Flucht.
   »Hast du keine Angst, dass wir erwischt werden?«, fragte ich besorgt. Jede Nacht träumte ich, wie die Flucht vereitelt wurde. Erst im Morgengrauen, wenn es dem Träumenden gelingt, seine Fantasien zu lenken, spann ich den Faden von der gelungenen Flucht und der Zeit an Salvadors Seite weiter.
   »Nein. Ich habe keine Angst vor eurem Vater und seinen Männern. Sie trinken zu viel. Das Gebiet, durch das sie reiten, ist mir besser bekannt als ihnen. Mach dir keine Sorgen.«
   Aber ich machte mir Sorgen, größere, als ich zugeben wollte.
   »Auf Dos Campanilles sind wir in Sicherheit, ein Leben lang.«
   »Ein Leben lang«, echote ich.
   Die letzten Tage brachen an. Salvador wurde entlassen. Wir hatten damit gerechnet, und doch fiel mir der Abschied schwer. Als er abritt, stand ich zusammen mit zwei Mägden am Hof und sah ihm nach. Er winkte uns zu. Uns allen, er machte keinen Unterschied. Natürlich nicht.
   »Das war ein feiner Kerl. Den hätte ich schon rangelassen«, sagte die eine. Die andere warf Salvador ein Handkuss hinterher und seufzte. »Tja, so ist es mit den Männern, die Guten bleiben nie, nur die Taugenichtse.«
   Ich täuschte einen Niesanfall vor, um die Tränen, die mir in den Augen standen, nicht erklären zu müssen.

Dann reisten wir ab. Der Graf hatte entschieden, dass wir an der Küste entlang nach Spanien ritten. Die Berge zu passieren, war immer noch zu gefährlich. Dieser Weg war zwar der längere, aber der sicherere. So saßen wir Mädchen im Frühjahr des Jahres 1563 auf unsere Pferde auf. Mir wurde weh ums Herz. Nicht, dass ich mein Zuhause bisher besonders geliebt hatte, aber mir wurde klar, dass der Abschied für immer war. Lisette, die immer noch hoffte, dass sie zurückkehren könnte, drehte sich ebenfalls wehmütig um. Uns beiden standen aus verschiedenen Gründen die Tränen in den Augen. Wir hatten Glück, dass ein leichter Frühlingsregen fiel, der die Tränen verbarg. Der Graf war bereits verstimmt, weil wir betrübt dreinschauten.
   Männer wie Pferde freuten sich nach dem langen Winter, wieder hinaus ins Feld zu kommen. Die Truppe, die aus mehr als fünfzig Mann bestand, zog lärmend zur Küste und Richtung Spanien hinab. Mir tat nach kurzer Zeit der Hintern weh. Ich war lange Ritte nicht gewöhnt und der zarten Lisette erging es nicht besser.
   Nach einem halben Tagesritt hielten wir an einer Herberge. Der Graf und Almadar, ihre engsten Vertrauten und wir zwei Mädchen bezogen die Zimmer der Herberge. Die restlichen Männer blieben draußen bei den Pferden. Die Herberge war einfach, aber sauber und wir waren dankbar, ein weiches Bett vorzufinden. Steifbeinig ließen wir uns auf den Bauch fallen. Kein Gedanke daran, uns zu den Männern im Schankraum zu setzen. Allein das Wort setzen tat uns schon weh. Die Wirtin brachte uns heißen Gewürzwein, eine duftende Suppe und warmes Brot. Als sie uns jammernd auf dem Bett liegend vorfand, brachte uns die gute Seele eine Salbe, die uns für den weiteren Weg von unschätzbarem Wert wurde. Wir verarzteten uns, was bei Lisette einen neuerlichen Weinkrampf hervorrief. Sie schniefte in ihre Suppe, doch nach dem dritten Schluck warmen Weins war sie tief eingeschlafen. Ich betrachtete sie nachdenklich. Wenn sie jedes Mal so tief einschliefe, dann wäre es schwierig, sie wach zu bekommen. Allerdings war es auch wichtig, dass sie ihren Schlaf bekam. Der Ritt war anstrengend gewesen und ich konnte mir nicht vorstellen, dass die nächsten Tage weniger anstrengend würden. Ich beschloss, sie noch die nächsten Abende Wein trinken zu lassen, aber nachdem wir in das Gebiet der Berge kamen, würde ich ihr Wasser zu trinken geben. Völlig erschöpft legte ich mich hin und war ebenfalls in der nächsten Sekunde eingeschlafen.
   Am nächsten Morgen wankten wir die Treppe hinunter. Als uns die Männer in der Gaststube erblickten, lachten sie. Vor allem als Lisette erklärte, dass es nichts zu lachen gäbe und ihr der Hintern wehtäte.
   »Der wird dir noch aus ganz anderen Gründen wehtun«, sagte der Graf und alle stimmten in sein Lachen ein. Ich verstand den Witz nicht, aber an der Art des Gelächters erkannte ich, dass es sich um eine Zote handelte. Ich starrte ihn zornig an, weil Lisette wieder in Tränen ausgebrochen war. Für den Blick erhielt ich eine Ohrfeige.
   »Weiber«, rief der Graf. »Nichts als Ärger. Mir tut der Hintern weh!« Er äffte Lisette nach. »Mir sitzt ein Furz quer.« Wieder lachten alle. »Wir reiten.« Mit diesen Worten leerte er seinen Becher, der bestimmt nicht der erste des Tages war.
   So ritten wir fünf Tage. Wir waren nicht schnell. Das war mir einerseits recht, weil mir alles wehtat. Andererseits war ich unruhig, weil ich erst nach Überquerung der Grenze Salvador wiedersehen würde. Lisette weinte wieder. Je näher wir Spanien kamen, desto verzweifelter wurde sie.
   Sie sprach kein Wort spanisch und fragte mich, wie sie so die Herrin eines Hofes werden solle. Ich versuchte, sie zu beruhigen, und erklärte ihr, dass Almadar ihr bestimmt einen Hauslehrer zur Seite stellen würde. Wie gern hätte ich sie mit der Wahrheit beruhigt.
   »Meinst du, der könnte mir auch Schreiben und Lesen beibringen?« Lisettes Tränen hörten auf zu fließen.
   »Bestimmt auch Lesen und Schreiben, wenn du es wünschst.«
   »Dann könnten wir uns wenigstens Briefe schreiben.«
   Es freute mich, dass sie wissbegierig war. Ich nahm mir vor, Salvador um Unterricht zu bitten, wenn wir erst an seinem Hofe wären. Ich war mir sicher, dass ein Mann, der nicht vor einem Bruch mit seinem Vater zurückgeschreckt war, weil er studieren wollte, nichts gegen einen Hauslehrer einzuwenden hätte. So kamen wir nach einer Woche langsamer Reise – ich hatte mich mittlerweile an das Reiten gewöhnt – in das spanische Grenzgebiet.
   Spanien! Dies sollte meine neue Heimat werden. Ich sah mich neugierig um, doch ich stellte fest, dass es keine Besonderheiten gab. Frankreich hinter mir sah genauso aus wie Spanien vor mir. Die Landschaft hatte sich in der letzten Woche unserer Reise auch nicht sonderlich geändert. Pinienwälder so weit das Auge reichte. Das Meer zur Rechten in seiner aufpeitschenden Wildheit war wunderschön. Das Reisen gefiel mir mittlerweile. Ich war nie weiter als bis zum Markt gekommen und jetzt genoss ich die Landschaft, die langsam an mir vorbeizog.
   Ab diesem Abend, unserem ersten Abend in Spanien, verbot ich Lisette, Wein zu trinken. Ich selbst war so aufgeregt, ich hätte einen ganzen Krug des stärksten Weines trinken können und hätte nicht geschlafen. Ich war sicher, dass Salvador noch diese Nacht zu uns kommen würde. Wir lagen in einem Gastzimmer im oberen Stockwerk und ich hatte das Fenster offen gelassen, um jedes Geräusch zu hören.
   Zu meinem großen Ärger war ich gegen Morgen eingeschlafen und wurde erst durch lautstarkes Klopfen wach. Übermüdet und enttäuscht setzte ich mich in den Sattel. Lisette versuchte, mich zu unterhalten und aufzuheitern, so wie ich sonst sie. Sie plapperte manch kindliches Geschwätz, machte mich auf besondere Pflanzen am Wegesrand aufmerksam und war überhaupt guter Laune. Wir ritten weiter, immer weiter. Ich rief mir die Karte vor Augen, die Salvador für mich gemalt hatte. Ich stellte mir seine klugen Augen vor, als er sie mir erklärte. Meine Sehnsucht nach ihm wuchs. Wo blieb er? Wie ritten immer weiter westwärts und ich wusste, dass unsere einzige Chance das Gebirge war, das im Osten lag. Nur dort konnten wir uns vor den Männern verbergen. Salvador hatte mir erzählt, wie er als Junge viele Tage in diesem Gebirge zugebracht hatte. Er kannte jeden Stein. Dass er das allerdings scherzend gemeint hatte, wurde mir klar, als ich das Gebirgsmassiv vor uns sah. Morgen würden wir Tolosa erreichen.
   Wir erreichten Tolosa und blieben auf der alten Handelsroute nach Vitoria. Die Männer hatten es nicht eilig. Wir ritten jeden Tag etwa acht Lieue de poste, was weniger als einen Tagesritt bedeutete. Nach weiteren vier Tagen und Nächten erreichten wir Burgos. Es wurde wärmer und die Umgebung war in das sanfte Grün des Frühlings getaucht. Lisette blühte auf. Sie war so sehr von der Landschaft abgelenkt, dass es schien, als hätte sie die nahende Hochzeit völlig aus ihren Gedanken gestrichen.
   Die Menschen, die wir in den Herbergen kennenlernten, waren sehr freundlich. Meine Laune sank jeden Tag. Ich wartete seit zwölf Nächten und hatte jede Hoffnung aufgegeben. Zuerst befürchtete ich, Salvadors Vater hätte seine Erlaubnis zurückgezogen. Dann glaubte ich, ihn zerschlagen zwischen Felsbrocken liegen zu sehen, abgestürzt. Nie zweifelte ich an seinen Worten, an seiner Liebe. Dann fing ich wieder an zu hoffen. Ich wurde ungeduldig mit Lisette, die wiederum auf meine harschen Worte in Tränen ausbrach. Es war das erste Mal, dass ich Louis anschnauzte. Er hätte es schon tausend Mal vorher verdient, aber ich hatte ihn immer in Schutz genommen. Hatte ihm verziehen. Er war das Geschöpf, das Opfer der Erziehung des Grafen.
   Als Louis des Morgens angeritten kam, um Lisette mit seinen Spottworten erneut zu quälen, wie er ihr ausmalte, wie es sein würde, mit Almadar verheiratet zu sein, da platzte mir der Kragen und ich gab ihm eine Ohrfeige und schimpfte ihn aus.
   »Was fällt dir ein, so mit Lisette zu reden? Wie oft hat sie dich getröstet, wenn du Angst hattest? Sie hat dir deine Rotznase geputzt und dir Süßes zugesteckt. Jetzt, mit deinen gerade mal neun Jahren, behandelst du sie so? Denk an meine Worte, das Böse, das man in seinem Leben austeilt, bekommt man zurück. Verschwinde und lass uns in Ruhe.«
   Louis ritt mit glühenden Wangen ab. Seine linke Wange leuchtete besonders schön. Ich bereute meinen Ausbruch keine Sekunde. Höchstens, dass er so spät erfolgt war. Mir war klar, dass mein Benehmen ein Nachspiel haben würde. Aber der Graf konnte mich nicht mehr bestrafen, als es das Leben schon tat.
   Die Strafe kam. Ungerecht, wie der Graf war, bestrafte er Lisette gleich mit. Als ich für sie sprach, schlug er mich mit der Reitgerte. Lisette weinte und schrie. Aber nicht, weil sie die Nacht im Stall verbringen sollte, sondern, weil mich die Gerte im Gesicht getroffen hatte. Das Blut floss mir von der aufgeplatzten Augenbraue über meine linke Gesichtshälfte. Zur Strafe bekamen wir nichts zu essen und saßen auf vergammeltem Stroh unter einem reparaturbedürftigen Dach. Vor dem torlosen Verschlag war eine Decke angebracht, die im Winter als Windfang diente. Jetzt sperrt sie die Blicke der Männer aus.
   Lisette wusch mein Gesicht, so gut sie konnte. Als sie an die Augenbraue kam, zuckte ich zusammen. Mir traten die Tränen in die Augen.
   »Warum behandelt dich Vater so, Lucienne? Bitte hör auf zu weinen!« Sie tupfte noch ein wenig an mir herum und strich mir übers Haar. Ihr Trost brachte mich allerdings noch mehr zum Weinen. Ich weinte um sie, um mich, um Salvador und auch um Louis. Ja, sogar um ihn. Er war ein dummer Bengel. Er konnte nichts dafür. Irgendwann war ich wohl eingeschlafen.
   Ich wurde wach, weil jemand leise meinen Namen rief. Als ich mich aufsetzte, fühlte ich eine Hand auf meinem Mund. Ich hegte keinen Zweifel, dass es Salvadors war.
   »Weck Lisette und dann macht schnell.«
   Lisette hatte sich aufgesetzt und reagierte, als wäre Salvadors Anwesenheit selbstverständlich. Sie zog ihren Mantel fest um sich, packte ihr Bündel und folgte mir.

*

Pater Comitti seufzte. »Gott sei Dank. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass dieser Salvador nicht mehr erscheint.«
   Arconoskij zeigte kein Mitgefühl. Das begriff Comitti mit einem Blick. Er wurde aufgebracht. Er wollte nicht wie ein sentimentales Weib wirken, das bangt, ob die Liebenden zueinanderfinden oder nicht. Comitti rief sich zur Ordnung. Er war sentimental. Wahrscheinlich trieben seine Mitbrüder Jux mit ihm und er las ihre Fantastereien und bangte um das Schicksal dieser Mädchen. Die es wahrscheinlich überhaupt nicht gegeben hatte. Aber aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, dass es sich genau so zugetragen haben mochte.
   »Möchten Sie noch einen Schluck Wein, Pater?« Arconoskij beugte vor und schenkte nach, ohne die Antwort abzuwarten.
   Comitti starrte auf Arconoskijs Hand. Aus irgendeinem Grund war ihm diese schmale, blasse Hand auf einmal unangenehm. Als wäre es die Hand eines Mörders. Sicher hat er in seinem Beruf schon jemanden getötet, schoss es ihm durch den Kopf.
   Als hätte sein Gegenüber seine Gedanken erraten, zog Arconoskij seine Hand zurück und lehnte sich im Sessel an. »Haben Sie eine Vorstellung wie Salvador aussah? Abgesehen von seinen dunklen Haaren und Augen?« Arconoskij seufzte.
   Comitti schüttelte den Kopf. »Von sich selbst schreibt sie allerdings auch nichts.«
   »Ja, schade. Aber lesen Sie weiter, Pater, die Nacht ist relativ weit fortgeschritten. Sie sagen mir doch, wenn es Sie ermüdet? Wir können jederzeit abbrechen, wenn Sie es wünschen.«
   »Nein, nein«, wehrte der Pater ab. »Der Wein scheint meine Lebensgeister zu wecken. Einen ganz köstlichen Tropfen haben Sie mitgebracht.« Gleichzeitig überlegte der Alte, ob er gesehen hatte, dass sich Arconoskij nachschenkte. Er wollte ihm schließlich nicht den ganzen Wein wegtrinken.
   Arconoskij prostete ihm zu. »Auf die belebende Wirkung.«
   »Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben …«, murmelte der Alte, frei nach Wilhelm Busch, den er wegen seiner Menschenkenntnis sehr verehrte. Dann wandte er sich dem Manuskript zu.

*

Salvador hatte hinter der nächsten Wegbiegung drei Pferde angebunden. So schnell wir konnten, liefen wir hinter ihm her. Unsere langen Kleider raschelten in der Nacht, die so dunkel war, dass man kaum etwas erkennen konnte. Ein paar Mal stolperte ich. Lisette ebenfalls, die knapp vor mir lief. Ich hörte es an ihrem leisen erschrockenen Keuchen. Salvador hatte den Pferden die Hufe mit Stoff umwickelt, damit ihr Hufschlag uns nicht verriet. Er half uns mit schnellem und sicherem Griff in die Sättel und schon folgten wir der Straße, die nach Valladolid führte. Ich verstand überhaupt nichts. Hatte er nicht gesagt, er wolle uns in die Berge entführen? Die Berge lagen, wie ich wusste, seit zwei Wochen in unserem Rücken. Nun ritten wir auf einer gut einsehbaren Straße wie eine normale Reisegruppe. Meine Gedanken überschlugen sich. Meine Gefühle ebenso. Einerseits jubilierte alles in mir: Dass Salvador gekommen war, dass wir dem Grafen entwischt waren, dass Lisette nun nicht heiraten musste. Auf der anderen Seite ärgerte ich mich über Salvador: Dass er jetzt erst gekommen war, dass er mich so lange hatte bangen lassen. Viel Zeit blieb für meine wechselnden Gefühle nicht, da Salvador sein Pferd parierte und links auf einen kleinen Pfad einbog. Mein Pferd schnaubte, als es von dem breiten, relativ hellen Weg in diese Dunkelheit sollte. Salvador blieb kurz zurück und verwischte unsere Spuren.
   Schweigend ritten wir auf einem sehr schmalen Pfad durchs Dickicht. Nach einer halben Ewigkeit wurde der Pfad wieder breiter und wir waren im Wald. Ich ordnete mein Kleid, das durch die eng stehenden Bäume und den rasanten Ritt in Unordnung geraten war. Vor uns wurde es langsam hell, daran erkannte ich, dass wir Richtung Osten ritten. Die Pferde, die nun mehr erkannten, stolperten weniger über die Wurzeln und so war es möglich, das Tempo zu verschärfen. Es war bisher kein Wort zwischen uns gefallen. Ich blickte zu Lisette, die ich nur als Silhouette auf ihrem Pferd wahrnahm. Sie klammerte sich an den Sattel und hielt sich tapfer. Ich selbst musste sehr aufpassen. Wegen tief hängender Äste musste ich den Kopf einziehen. Die Bäume standen sehr eng, ich musste meine Knie aus dem Weg bringen. Ein Augenblick der Unaufmerksamkeit und es hätte mich aus dem Sattel werfen können. Es war früher Morgen und wir waren müde, aber niemand klagte. Allen war klar, wie wichtig ein möglichst großer Abstand zwischen uns und dem Grafen war. Denn dass er uns folgen würde, war sicher. Wenn er uns fände … ich wagte nicht, es auszumalen. Wir wandten uns erneut nach links, Richtung Norden. Jetzt kamen wir in unwegsameres Gelände, in Bergausläufer. Vom Osten wurde das Massiv von der aufgehenden Sonne angestrahlt. Es lag in ein märchenhaftes Rosa getaucht vor uns. Zuvor, auf der Straße nach Burgos, waren mir diese Berge nicht aufgefallen. Wir waren zwei Tage lang durch Wald geritten und ich hatte durch meine zunehmende Verzweiflung kaum mehr auf die Umgebung geachtet. Hatte Salvador diese Berge gemeint? So musste es sein. Ich war nicht in Geografie bewandert, kannte Spanien nicht und hatte angenommen, Salvador meinte die Pyrenäen, als er von Bergen sprach.
   Er meinte, wie er mir später erklärte, das iberische Randgebirge. Darin kannte er jeden Stein, wie er uns jetzt bewies. Er führte uns auf Wege, die wir noch einen Augenblick zuvor nicht gesehen hatten. Er schloss kleine Pfade, in die wir einbogen, mit alten Ästen, die sonderbarerweise immer bereitzuliegen schienen. Den Pferden ließ er die Hufe umwickelt, obwohl es mühsam für sie war, damit sie nicht zu starke Abdrücke hinterließen. Er durchquerte mit uns drei kleine Bäche und Flüsse. An alles schien er zu denken. Wir ritten konzentriert und schweigsam.
   Es war schon später Vormittag, als er sich im Sattel nach mir umdrehte und mich mit Entsetzen ansah. »Um Gottes willen, Lucienne, was ist mit deinem Gesicht geschehen?« Ich versuchte, ihn mit einem Lächeln zu beruhigen. Mein Auge war zugeschwollen und mir schmerzte die linke Gesichtshälfte. Mein Lächeln erstarb auf halbem Wege, da das Verziehen des Mundes dem Rest meines Gesichts noch größere Schmerzen zufügte. »Der Graf.« Mehr musste ich nicht erklären.
   Salvador schüttelte die Faust in die Richtung, in der er die Verfolger erhoffte und ritt schweigend weiter.
   Wir ritten noch über die Mittagszeit hinaus, die Sonne stand hoch und brannte uns erbarmungslos in den Rücken. Dann erst ließ Salvador absteigen. Die Pferde brauchten eine Pause, so wie wir. Wir befanden uns auf einem Hochplateau und waren, soweit ich das sah, für jedermann weithin sichtbar. Ich runzelte die Stirn und wollte gerade etwas darüber sagen, als ich sah, dass er in einer Art Eingang verschwand. Lisette folgte ihm schwankend. Das arme Ding war vollkommen erschöpft. Ich auch. Es ist ein großer Unterschied, ob man mehrere Stunden hintereinander auf einer Straße reitet, oder ob man für Stunden im wechselnden Tempo quer durch den Wald und die Bergwelt flieht. Bis auf kurze Pausen, an denen wir die Pferde an den Bächen hatten saufen lassen, hatten wir nicht gerastet. Es waren gute Pferde, die Salvador uns gebracht hatte. Ich streichelte dankbar über den Hals meines Tieres, das müde neben mir in die Höhle trottete. Salvador kam mir entgegen. Im Vorübergehen strich er mir über die unversehrte Wange, dann machte er sich daran, den Eingang der Höhle wieder so zu verschließen, wie wir sie vorgefunden hatten. Lisette mühte sich mit ihrem Sattelzeug ab. Salvador trat zu ihr und half erst ihr, dann mir.
   Als die Pferde versorgt waren – er hatte Hafer für sie in einem Beutel, der an der Decke hing, und Wasser, das in Kübeln bereitstand – setzten wir uns in eine Ecke, die mit frischem Stroh ausgelegt war. Salvador nahm einen Sack vom Haken an der Felswand und verteilte Brot und Früchte an uns. Ich ließ es mir nicht nehmen, ein lautes Dankgebet auszusprechen. Wenn nicht am heutigen Tag, wann sollte man Gott dann für seine Gnade danken?
   Ich wollte Salvador so viel fragen, ihm so viel sagen und ihm danken, doch ich kam nicht dazu. Bis auf ein paar belanglose Worte kamen wir nicht zum Reden. Die Müdigkeit übermannte mich und ich schlief ein.
   Salvador weckte mich. Es war dunkel, nur ein kleines Feuerchen brannte. Lisette schlief noch. Er nahm mich in die Arme und küsste mich. Ich zuckte zurück, aber nicht, weil es mir nicht recht gewesen wäre. Mein ganzes Herz flog ihm zu, nur mein Gesicht peinigte mich schlimmer als am Tage zuvor.
   »Habe ich dir wehgetan?« Salvador sah mich besorgt an. Dann hielt er mich eine Armeslänge von sich und betrachtete mein Antlitz zärtlich. »Du siehst entsetzlich aus.«
   »Danke.« Ich wand mich aus seinem Griff.
   »So meine ich das doch nicht. Ich meine, dein Gesicht …«
   »… sieht entsetzlich aus und du bereust, mich gerettet zu haben.«
   »Das werde ich nie bereuen. Du bist und bleibst für mich die schönste Frau der Welt. Ich würde dich jederzeit wieder retten. Das Gesicht verheilt. Ich bereue nur, dass ich nichts mit mir führe, womit wir deine Schmerzen lindern können.«
   Ich erinnerte mich an die Salbe, die uns die Herbergswirtin geschenkt hatte, und zog sie aus meinem Beutel. Auch wenn sie für den entgegengesetzten Körperteil gedacht war, konnte sie nicht schaden. Salvador ließ es sich nicht nehmen, die Salbe auftragen. Ich kann nicht sagen, was wohltuender war: die schmerzstillende Salbe oder die liebevollen, sanften Berührungen, die ich von Salvador erfuhr. Es war wie in meinen Träumen. Gerade war ich noch im Gefolge des Grafen unterwegs, und jetzt hielt ich die Hand des Mannes, den ich von ganzem Herzen liebte.
   Lisette erwachte oder gab wenigstens zu erkennen, dass sie es tat. Vielleicht war sie schon länger munter gewesen und hatte uns beobachtet.
   »So ist das also«, zischte sie. Wir fuhren überrascht herum. »So steht es zwischen euch.« Wir lächelten sie beglückt an, denn wir waren sicher, dass sie unsere Liebe gutheißen würde. Umso überraschter waren wir, als sie aufsprang und uns anschrie.
   »Ihr habt es die ganze Zeit über gewusst. Ihr habt das geplant. Mich habt ihr im Unklaren gelassen.« Ich wollte etwas erwidern, doch sie wischte meine gestammelten Worte mit einer Handbewegung weg. »Mich lasst ihr im Unklaren. Ist ja auch klar: Die Kleine würde sich verplappern, sie würde uns verraten. Glaubt ihr wirklich, dass ich noch so dumm bin, einen Plan, der zu meiner Errettung ist, zu verraten? Nein, mir sagt man nichts, lässt mich weiter in dem Glauben, dass ich mit dem alten Scheusal verheiratet werde. Dass ich mit ihm die Kemenate teilen muss und ihm Kinder schenken werde, die seine Enkel sein könnten. Was sage ich, Enkel, seine Urenkel.« Lisette hatte zuletzt vor Zorn geschrien.
   So hatte ich sie noch nie erlebt. Ich war fassungslos. Meine kleine, sanfte Lisette hatte sich in eine Furie verwandelt. Wir sprachen abwechselnd auf sie ein, wir entschuldigten uns, wir erklärten ihr unseren Standpunkt. Es hatte keinen Sinn. Lisette sprach nach ihrem Ausbruch kein Wort mehr mit uns. In ihren Augen standen Verachtung und Zorn. So hatte ich mir die Errettung meiner kleinen Schwester nicht vorgestellt. Salvador und ich berührten uns nicht mehr, als ob wir uns nicht mehr trauten, unser Glück zu zeigen. Durch die Entrüstung, die uns Lisette entgegenbrachte, war es ohnehin merklich gedämpft.
   Wie sehr sehnte ich mich nach seinen Armen, nach seinen Händen, aber der brennende Blick, den Lisette uns schickte, ließ es nicht zu, das Glück auszukosten.
   Schweigend ritten wir weiter, als sich der Abend senkte. Salvador hatte ein bestimmtes Ziel vor Augen.
   »Wir müssen das restliche Licht ausnutzen. Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, haben wir vor Einbruch der Dunkelheit ein kleines Bergdorf erreicht. Es heißt Pueblo Suerte. Von dort aus gibt es einen unbefestigten Weg. Wir werden unsere Pferde führen müssen.« Das war sein Plan. »Lasst uns beten, dass der Graf keine Bluthunde aufgetrieben hat.«
   Vier Tage waren wir im Gebirge unterwegs. Vier Tage, in denen Salvador bewies, dass er nicht gelogen hatte, als er sagte, er kenne jeden Stein. Er hatte alles vorbereitet. Er hatte die Etappen gut berechnet. Nachts, wenn es zu dunkel wurde, um weiter durch das Gebirge zu gelangen, fanden wir Lager vor, in die bereits alles Nötige gebracht worden war. Der Anstieg über den Pass, über den er uns führte, war anstrengend. Wir trafen auf keine Menschenseele. Die Bergwelt war wunderschön, aber grausam. Wer sich hier nicht auskannte, war verloren. Schweigend zog unsere kleine Gruppe dahin. Keine fröhliche Kinderstimme war zu vernehmen, so wie ich es mir ausgemalt hatte, und das schmerzte mich besonders. Lisette Blick lag, auch nach drei Tagen, vorwurfsvoll auf uns.
   Salvador und ich waren durch ihr Verhalten befangen. Wir konnten nicht einmal frei reden. Dabei hätte ich mich so gern mit ihm unterhalten. So blieben wir still und kämpften uns weiter. Was ich nicht für möglich gehalten hätte, als ich mich den Berg hinaufkämpfte: Der Abstieg war, wenn möglich, noch anstrengender. Ich, die noch nie im Gebirge gewesen war, hatte mir den Abstieg als etwas Einfaches, weniger Anstrengendes vorgestellt. Ich wurde eines Besseren belehrt. Vollkommen abgekämpft kamen wir am fünften Tag in den Ausläufern des Randgebirges an. Die Berge hatten wir nun im Rücken. Wir befanden uns nordöstlich von Tudela und konnten uns wieder auf unsere Pferde setzen. Ich dankte Gott! Meine Füße schmerzten, die Sohlen meiner Schuhe waren von den spitzen Steinen teilweise durchlöchert und zerrissen. Überhaupt boten Lisette und ich nicht das Bild, das man von jungen Mädchen unseres Standes erwartet hätte.
   Wir ritten zurück in die Gegend von Navarra, aus der Salvador stammte. Wir waren dem Grafen, wenn mich mein Orientierungssinn nicht im Stich ließ, sozusagen in den Rücken geritten. So hofften wir jedenfalls. Wir hielten uns abseits der Wege und hatten Glück, denn der Himmel blieb durchgehend klar und der Mond schien inzwischen voll und beleuchtete die Landschaft. Aber der Mond schien auch für unsere Verfolger, das war uns klar. Wir hatten noch immer keine Zeit zu vergeuden. Den Pferden ließen wir kaum Zeit, zu rasten. Mein Gewissen regte sich, wenn ich mein Reittier betrachtete. War es, als ich das erste Mal aufgesessen hatte, ein kleines, drahtiges, rundes Gebirgspony gewesen, das sich munter unter mir bewegte, waren seine Bewegungen nun müde und es war deutlich abgemagert. Wir drei Reiter allerdings auch. Eines Morgens – ich versuchte gerade meine langen, widerspenstigen Haare zu ordnen – betrachtete mich Salvador aufmerksam. Ich sah, dass ihm der Schalk in den Augen aufblitze. Lisette, die versuchte, sich den Schmutz vom Kleid zu klopfen, ignorierte uns wie immer.
   »Heute werden wir in einer Herberge nächtigen«, beschloss er. Ich sah ihn fragend an. »Ist das nicht viel zu gefährlich?« Ich machte mir noch immer Sorgen, dass der Graf uns aufgriff.
   »Ich denke, es ist viel gefährlicher, wenn ich mit zwei Damen, deren Schönheit ich besungen habe, bei meinem Vater auftauche und sie sehen aus wie wilde Eichhörnchen.«
   Ich ließ den Kamm, der sich kaum durch meine Haare bewegen ließ, sinken.
   »Mein Vater müsste meinen, dass ich zwar die Stimme einer Nachtigall besäße, aber die Blindheit eines Maulwurfs.«
   »Wir sehen wie aus?« Ich drohte Salvador spielerisch mit meinem Kamm.
   »Wie zwei wild gewordene Eichhörnchen, die bei Sturm aus ihrem Nest gefallen sind. Direkt in den Kuhdung«, sagte er frech. Ich warf ihm lachend meinen Kamm an den Kopf, worauf er gespielt umfiel.
   In diesem Moment stimmte Lisette in mein Lachen ein. Sie steigerte sich in einen Lachanfall, sodass ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen. Hatten wir sie noch den ersten Augenblick erstaunt angesehen, fielen wir bald in diese Freudentränen ein. Lisette und ich nahmen uns in die Arme. Sie hatte uns verziehen. Sie lachte noch hin und wieder, während wir schon lange unterwegs waren. Ich dankte Gott. Wir hatten unsere kleine Lisette wieder. Erst jetzt machte mir unsere Rettung wirkliche Freude und ich genoss das Zusammensein mit Salvador. Ohne schlechtes Gewissen.
   Wir waren aufgeräumter Stimmung, als wir die Herberge erreichten, von der Salvador gesprochen hatte. Die Wirtsleute betrachteten uns neugierig, als wir in unserem abgerissenen Zustand in die Gaststube traten. Salvador unterhielt sich mit ihnen. Ich verstand kein Wort, ich erkannte lediglich an ihren Mienen, dass sie zu begreifen schienen. Damit hatten sie mir viel voraus. Ich sprach kein Spanisch und der Gedanke, dass ich die Sprache meines Liebsten nicht beherrschte, machte mich unsicher. Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, drehte sich Salvador zu mir. »Du wirst es schnell lernen. Spanisch ist vielleicht nicht so elegant wie Französisch, aber einfach in der Grammatik. Ich habe uns Essen bestellt und heißes Wasser. Und für euch beide frische Kleidung. Die Wirtsleute haben zwei Töchter, die ungefähr in eurem Alter sind. Sie wollen euch ihre Sonntagskleider überlassen, wenn es euch recht ist.«
   Mir war alles recht. Bald schon standen heißer Gewürzwein und warmes, weiches Brot auf dem Tisch. Wie gut das schmeckte! Ich brauchte das Fleisch, das kurz danach serviert wurde, kaum noch. Für mich war in diesem Augenblick das Brot mit dem Wein die göttlichste Speise, die es auf Erden gab. Nach den Tagen und Nächten unterwegs, dem harten Brot und trockenen Früchten, gab es nichts Besseres. Wie oft sollte ich noch an dieses Brot und diesen Wein denken!
   Wir waren ausgelassener Stimmung. Lisette sprach wieder mit uns, ihr Stimmchen rauschte an mir vorbei wie ein munterer Wasserfall und der Gewürzwein stieg mir bald zu Kopf.
   Oben auf unserem Zimmer, das Lisette und ich gemeinsam beziehen sollten, war alles vorbereitet. Heißes Wasser und große Waschschüsseln erwarteten uns und ebenfalls die zwei versprochenen Kleider. Ein Genuss, sich nach tagelanger Reise den Staub abzuwaschen! Danach machte ich mich daran, Lisette das Haar zu kämmen. Ihres hatte eine vollkommen andere Beschaffenheit als meines. Es besaß den satten Ton eines Weizenfelds im Sommer und fiel ihr in leichten Locken bis zur Taille. Ich kämmte ihr Haar, flocht es zu einem Zopf und freute mich daran, wie hübsch sie war. Lisette plapperte wie schon in der Gaststube munter forthin. Wie froh sie sei, dass sie dem alten Mann entgangen war. Dass sie nur den heiraten wolle, den sie auch liebte. Dass sie das Leben lang mit mir zusammenbleiben wolle. Ob Salvador wohl jüngere Brüder hätte, die als Heiratskandidaten infrage kämen und noch manches kindliche Geschwätz. Als sie mir das Haar hätte kämmen sollen, gähnte sie ausgiebig, ließ sich aufs Bett sinken und war im nächsten Augenblick eingeschlafen. Zunächst blickte ich entgeistert auf sie hinab, dann musste ich lachen, nahm ihr den Kamm aus der Hand und fing den Kampf mit meiner widerspenstigen Haarpracht an.
   Es klopfte leise. Auf meinen Zuruf trat Salvador ins Zimmer, um zu fragen, ob er uns noch etwas bringen könne. Als er mich im Kampf mit meinen Haaren sah, kam er auf mich zu und nahm mir den Kamm ab. Wie selbstverständlich fuhr er mit ruhigen Bewegungen durch meinen Schopf. Wohlige Schauder rannen mir den Rücken hinab. Mein Haar, dunkel und dick wie das eines Pferdes, war eine Herausforderung. Er gewann den Kampf mit meinen Haaren und ich flocht mir einen Zopf. Doch er blieb hinter mir sitzen und küsste mich auf die Schulter, die durch das Hantieren entblößt war. Ich drehte mich zu ihm um und wir küssten uns das erste Mal wirklich. Der Himmel möge uns verzeihen, dass wir unsere Ehe bereits in dieser Nacht vollzogen, aber wir waren uns sicher, dass wir in ein paar Tagen mit Gottes Segen verheiratet wären.

*

Pater Comitti lächelte. Er hätte den beiden verziehen. Als er aufsah, erkannte er, dass es seinem Gegenüber nicht anders ging.
   »Schade, dass ihr Glück nicht von Dauer sein wird«, sagte Arconoskij und erwiderte das Lächeln.
   »Meinen Sie? Ich habe ein gutes Gefühl. Salvador hat viel auf sich genommen, um die Mädchen zu retten. Diese Lucienne scheint eine außergewöhnliche Person zu sein. Allein, wie sie sich um ihre Schwester sorgt, ist geradezu rührend.«
   »Das meine ich doch gar nicht. Selbstverständlich sind diese Personen alle außerordentlich rührend.« Leiser Sarkasmus schwang in Arconoskijs Stimme. »Kennen Sie das Spiel Mensch ärgere dich nicht?«
   Comitti runzelte die Stirn. »Natürlich kenne ich das, nur verstehe ich Ihre Frage nicht. Was hat dieses Spiel mit der Geschichte zu tun?« Er schüttelte ungehalten den Kopf und streckte den Arm nach seinem Weinglas aus. Nach einem ordentlichen Schluck beachtete er den Sicherheitschef nicht weiter, der ihn mit seinen, wie er meinte, unqualifizierten Reden aus dem Konzept zu bringen versuchte. Er rückte seine Lesebrille zurecht und las weiter.

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